Freitag, 6. März 2026

KW10, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay.com / CIker-Free-Vektor-Images
Kann es guten Neid geben? Ich denke schon. Vermutlich ist es eine Form der Anerkennung - bei anderen sehen, was sie Gutes machen oder wie sie sind. Dann verschwindet - in meinen Augen zumindest - das Wesen der alten Todsünde.
Hier im Norden war in den letzten Wochen die heiße Phase der Kohltouren. Kurze Erklärung: Man trifft sich mit guten Leuten, hat Bollerwagen dabei, die reichlich mit Alkohol und Snacks gefüllt sind, trinkt an jeder Kreuzung einen Schnaps und kehrt danach in einer Gaststätte zum Grünkohlessen ein. Das ist hier Kultur - Punkt.
Leider hinterlassen diese Grüppchen immer wieder ordentliche Portionen an Müll. So auch hier drei, vier Straßen weiter. So viele 0,2-Liter-Flaschen Korn - ekelig. Ich sah sie letztens beim Spazieren und dachte mir: Kann ich auch einfach mal weg machen. Mööp. Die Idee hatten auch andere Menschen, die besser, schneller und umsichtiger sind als ich. Sie sammelten vergangenes Wochenende ganz selbstlos diesen Müll auf. Müllzange, Handschuhe, Müllsäcke - alles sauber. Bin ich neidisch?! Ja, ein kleines bisschen. Aber eher so, dass sie mir ein Beispiel sind.

Low Key Orchestra
(Ms) Ja, das hier ist nicht Torpus & The Art Directors, aber die Stimme von Sönke Torpus ist so unverwechselbar, dass ganz viel der ehemaligen Band in der neuen liegt. Ja, dass Sönke Torpus mit Low Key Orchestra eine neue Band hat, wissen alle LeserInnen dieser Seite. Persönlich habe ich mich sehr darüber gefreut, weil das auch einfach so ein toller Typ ist. Er spielte unter anderem im Vorprogramm von Young Rebel Set letztes Jahr und versprühte viel Energie und enorm viel Witz. Schön auch, dass seine Frisur einigermaßen geblieben ist. Bevore The Reverb heißt die erste Platte im neuen Gewand und wird am 26. Juni erscheinen. Mit Send Love ist letzte Woche eine weitere Single erschienen, die die faszinierende Macht des Zusammenhalts feiert - wie schön, wie wahr, wie gut, wie toll klingend! Zum neuen Track gibt es eine tolle Live-Band-Version, die es zu lauschen lohnt:


Abramowicz
(Ms) In dieser Woche lang ein wenig Aufbruch in der Luft, oder? Klar, nicht politisch, da geht’s echt nur bergab. Aber es ist doch toll, dass uns jedes Mal die ersten warmen Sonnenstrahlen so verzaubern, oder? Das ist ein Zauber, der nie enden wird. Jeder Frühling macht Spaß, erzeugt Freude, das Draußensein wird zur Devise Nummer 1. Dazu sollte unbedingt der neue Track Money Takes von Abramowicz laufen. Okay, nicht zwingend inhaltlich, aber von der Stimmung her! Und genau das kann doch gerade richtig gut tun. Insbesondere, wenn die Band sechs Jahre lang schlief, aber nie tot war. Sie lebte in Sören Wartekin, der sie nun neu formiert hat und mit extrem viel Energie wiederauferstehen ließ. Wow - das macht wirklich viel Spaß und sehr viel Vorfreude auf noch viel mehr Neues! Alle im Norden dürfen sich schon mal freuen, dass sie Anfang Juni beim sehr guten Fair Weather Fest in Bremen spielen werden. Alle hin da!
Und jetzt mal ganz ehrlich: Was hat er denn für eine geile Stimme?!


Neonschwarz
(Ms) Manche Veränderungen kündigen sich ja auch durch kaum Hörbares an. Erst eine lange Pause, dann Solo-Aktivitäten, ein paar kryptische Meldungen. Dass es irgendwann vorbei ist mit Neonschwarz - ich hatte da so eine Ahnung. Das Schöne an der Tragik ist aber, dass sie im Guten diese Band beenden werden. Kein Krach, kein Stress, einfach nur vier Leben, die sich im Laufe der Zeit verändert haben. Wer irgendwas über dreißig ist, wird das verstehen können. Dennoch: Neonschwarz standen immer für viel Energie auf der Bühne, eine sehr klare antifaschistische Haltung, Jogginghosentage und viel Witz in ihren Tracks. Ich habe sie einige Male live gesehen und es war immer eine irre Party - mit der militanten Tante selbstredend. Bin geht die Band im Herbst noch ein letztes Mal auf eine kleine Tour und veröffentlicht am 19. Juni ihr Best-Of Namens Forever. Wie schön - diese Band wird also nicht beerdigt, sondern für immer freigelassen. Wenn das nicht ein - wenn auch trauriger - Grund zum feiern ist:

25.09.26 Köln - Gebäude 9
26.09.26 Leipzig - Conne Island
02.10.26 Berlin - Festsaal Kreuzberg
09.10.26 Hamburg - Gruenspan (Exil)


AB Syndrom
(Ms) Solidarität und Unterstützung sind Werte, die viele Krisen ausgleichen oder gar verhindern können. Zudem ist das Füreinanderdasein einfach eine tolle Tugend. Es gibt sie auch in der Musik. Band A nimmt KümnstlerIn B mit auf Tour, der Bekanntheitsgrad kann wachsen, wir kennen das. Ich finde das wahnsinnig sympathisch, denn so gibt es immer mehr zu entdecken. So ergab sich auch mein erster Berührungspunkt mit AB Syndrom - als sie zusammen mit Mine Spiegelbild produzierten. Dann sah ich sie in Oldenburg live - irre Energie, großartige Typen. Dazu enorm außergewöhnliche Musik, die sich nicht kategorisieren lässt. Elektronischer Pop - ja, schon irgendwie. Aber mit viel Tiefe, Persönlichkeit und Verletzlichkeit. Im Herbst wird es eine neue Platte geben und damit geht die Band wieder auf Tour. Wer kann, sollte da auf jeden Fall hingehen, denn das könnte höchst beeindruckend werden:

13.10.26 Leipzig - Naumanns
14.10.26 Hannover - LUX
15.10.26 Frankfurt - Elfer
16.10.26 Köln - Jaki
17.10.26 Münster - Gleis 22
18.10.26 Hamburg - Bahnhof Pauli
20.10.26 Berlin - Berghain Kantine


Mikromoon
(Ms) Wohin entfliehen und mit welchem Vehikel, wenn es draußen mal wieder düster und wenig hoffnungsfroh aussieht? Da die reale Flucht nicht ganz unkompliziert ist, brauchen wir eine imaginäre. Ab ins Lala-Land, ein Ort von dem die Band Mikromoon auf ihrer neuen Single Project Dada singt. In dem tollen Video zum Track hebt das Quintett in außerirdische Sphären ab und das mit ganz phantastischem Sound. Beim dichten Zusammenspiel von Bass, Gitarre, Schlagzeug und Keyboard passiert gar nicht mal so viel. Genau das ist das Spannende. Spiralförmig und leicht psychedelisch nimmt mich der Klang ein, lässt die Füße automatisch mitwippen. So reist es sich doch am allerbesten, oder?


City Light Thief
(Ms) Zwei Sachen. Sache Nummer 1: Sound und Look. Als eine Nachricht über die Band City Light Thief hereinflatterte, war da eine wahnsinnig gut aussehende Band abgebildet, die nach nach-dem-Studium-im-Berufsleben-befreundet-geblieben aussieht. Dann lief ihre neue Single Infinite Original Content und ich war ab dem ersten Takt mehr als überrascht! Hardcore, Emo oder sowas in der Art. Treibende, harte Gitarren und viel Gebrüll. Will sagen: Mit Erwartungen brechen finde ich gut. Sache Nummer 2: Der Inhalt. Denn das Gebrülle ist stark. Also auch vom Text her. Die Band fragt danach, wie wir denn nun Musik konsumieren und welche Halbwertszeit sie hat. Eine sehr gute Frage, die ich hier auch immer wieder aufwerfe. Das Geschäft ist irre schnell. Selbst als kleiner Blog flattern bei uns mehr als 100 Mails pro Woche rein. Überall mindestens ein neuer Song drin. Altobelli - wie soll das denn gehen? Deshalb heißt diese freitägliche Rubrik ja auch „selektiert“. Schnell ein paar Klicks sammeln? Oder welche kaufen? Wie lange wirkt die Kunst? Wie schnell ist sie vergessen? Wie oft muss eine Band nachlegen, um im Gespräch zu bleiben? Oder sich einfach frei machen von all diesen scheinbaren Zwängen?! Ballert alles ziemlich gut in diesem Song, muss man sagen!

21.03. - Köln, Gebäude 9
05./06.06. - Bremen, Fair Wather Fest


Culk
(Ms) Ein Hoch auf die Dissonanz. Im richtigen Moment kann sie große Wirkung entfalten. Klar, wenn es immer nur geplant schief ist, mag das Ohr irgendwann nicht mehr. Aber wenn dadurch gute Brüche entstehen, wird Musik doch interessant, oder? Dieses Handwerk beherrscht die Wiener Band Culk auf ihrer neuen Single Twenty, Eighteen sehr, sehr gut! Ein LoFi-Kracher mit ordentlich Gitarrenwumms, der mal das Tempo schleppen lässt, dann wieder zwischen Harmonie und Dissonanz pendelt und inhaltlich die Frage stellt: „Is my heart full?“ Und das in jeglicher Hinsicht. Vielleicht auch nicht nur das Herz, sondern der ganze Kopf. Voll von Informationen und Berichten und Videos und echtem Leben und ahhhh! Verbunden fühlen mit einem Etwas da draußen, aber daheim alleine am Bildschirm sitzen. Damit ist die Gegenwart doch sehr gut zusammengefasst, oder? Stimmt!
Im Laufe des Jahres bringt das Quartett aus Österreich noch eine neue Platte raus, die sicher noch mehr kluge Lieder parat hält - bleibt gespannt!

Mittwoch, 4. März 2026

Shatten - Gegenwart

Foto: Shatten
(Ms) Das Faszinierende an Kunst ist ja, dass sie nicht immer alles von sich preisgibt. Zum Beispiel, warum sie oft so ansprechend ist. Dann läuft ein Lied und man wippt so automatisch mit, ein paar Zeilen bleiben hängen. Die Melodien bleiben im Unterbewusstsein hängen und kicken auch beim nächsten Hören. Wieso das so ist?! Lässt sich bestimmt neurologisch oder so begründen. Aber ist die Nichtbegründung nicht viel besser?! Ist es nicht der Zauber, der uns das Lächeln ins Gesicht treibt? Ist da nicht ein großartiger Überraschungsmoment, der besser unerklärt bleibt?! Ich bin der festen Überzeugung, dass jegliche Begründungen der Kunst gegenüber völlig irrelevant sind. Sie wirkt durch sich selbst, ist eigener Zweck. Das ist ja das Geniale daran.
Und so begeistern manchmal Bands und Lieder, die so aufs erste Hören nicht unbedingt die große Zündschnur abfackeln. Das ist mir in den letzten Tagen mit der Band Shatten passiert, die diese Woche ihr neues Album Gegenwart veröffentlicht. Da war eine Single, die irgendwie gut war, aber auch nicht so richtig heftig. Und das Gute schlich sich ein. Da ist etwas in den Liedern, das nicht unbedingt den großen Knall auslöst, aber viele Kleine. Und dann bin ich dabei, dann habe ich Bock. Und dieses Album hat ganz viele Facetten, die große Überzeugungsarbeit leisten können. Und dann ist es wieder groß!

Da ist ja auch erstmal das fehlender c. Geschickt gemacht, das bleibt doch sofort im Gedächtnis, oder? Chinaschilf heißt besagte Single und ist auch der erste Track auf dieser Platte. Der Bass rollt prägnant durch die Takte, ein paar Keyboardelemente tanzen durch den Refrain und ich dachte erst, dass das Stück „Chinaschiff“ heißt. Ansonsten Gitarre, Schlagzeug, Gesang. Indierock mit bisschen Punk - so kann man sagen. Und auf jeden Fall mit viel Tempo. Das Chinaschilf ist ein Ort zum Verstecken. Gar nicht so schlecht, oder? Aber genauso wichtig ist es, Paroli zu bieten, wenn Quatsch erzählt wird. Durchaus ein Mutmachsong.
Doch vor allem ist es das ungeahnte Songwriting, das mich anspricht. „Die Zukunft war besser als sie noch aussichtslos schien“ - eine Zeile aus Herbst, die doch sonst niemand derzeit texten würde, oder? Auf diesem Album gibt es so viel schleichend wirkende Elemente, die hängen bleiben - fast schon frech!
Ein Lied über Verfolgungswahn ist sogar so umsichtig getextet, dass Gütersloh darin Platz findet - mach das erstmal nach! Paranoia heißt das Stück, es ist schnell und wenn da bei jemandem der Fuß nicht mitwippt ist die Diagnose klar: Banause! Dennoch muss festgehalten werden, dass das Thema natürlich knallhart ist. Dafür aber in sehr beschwingten Melodien verpackt.
Ja, in den Liedern tauchen „er“ und „sie“ auf ohne konkreter benannt zu werden. So ein bisschen turbostaatig, aber wesentlich verständlicher. Musikalisch ist Raben auch hochinteressant, weil sich die Stile so schön abwechseln. Mal dissonant, dann tanzt die Gitarre, dann wird das Tempo stark angezogen, dann Spoken Word und verschobene Takte. Das ist schon richtig gut gemacht! Hinzu inhaltlich überragend: Der Kampf Arm gegen Reich. Die ersten werden gewinnen und die letzten können bleiben, wo der Pfeffer wächst. Ein Aufruf zum Aufstand! Wer ist dabei?
Richtig krass wird es auf Ein Toter Mehr, Der In Diesem Fall Aber Du Bist: Das lyrische Ich ist Beobachter eines Autounfalls und die sterbende Person, die noch einmal zuckt, stand ihm nah, sehr nah. Was folgt ist eine Flucht vor diesem schrecklichen Szenario, Verleugnung, das Aufsuchen einer Bar. Wie schlimm, wie traurig, wie nachvollziehbar.

Gegenwart heißt diese Platte der Band Shatten. Eine Platte, auf der sich die Gruppe klar gegen Rechts positioniert, eine Platte, die voll von lyrischen Wundern und viel musikalischer Raffinesse ist. Das macht ungeheuer viel Spaß. Da ist so viel Power drin, die ganz unterschwellig wirkt. Klar, nun ist dies und das in diesem Text erklärt. Aber der große Zauber, er schwebt darüber!

12.03.2026 - Bremen, Eisen
13.03.2026 - Flensburg, Volksbad
14.03.2026 - Lübeck, Blauer Engel
20.03.2026 - Berlin, Roter Salon
21.03.2026 - Hamburg, Molotow
09.04.2026 - Bonn, Bla
10.04.2026 - Mühlheim, Das Kaff
11.04.2026 - Oldenburg, Alhambra