Freitag, 28. Januar 2022

KW 4, 2022: Die luserlounge selektiert

Quelle: wikipedia.org/wiki/France_4
(sb/ms) Weinproben. Bierproben. Ginproben. Whiskeyproben. Kaffeeproben. Teeproben. Getränkeproben. Oder halt auch: Tastings, wenn es denn sein muss. Ja, ich habe auch schon mal dran teilgenommen. Ja, es ist ganz nett. Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Das ist auch ganz großer Quatsch. Alle gehen zwar schön besoffen aus dem Abend, vielleicht werden auch neue Lieblingsgetränke gefunden. Möglich. Aber es ist auch eine etwas scheinheilige Veranstaltung. Der erzählende Mensch erzählt. Die anderen hören zu oder tun zumindest so. So sitzt man beieinander. Geschmacksnerven, Anbaugebiete, Abgang, Nosing, Verarbeitung. Toll, toll, toll. Da hat die akademische Avantgarde ein super Hobby gefunden. Ich wiederhole: war selbst schon mal dabei. Passt also. Nun: worum es hier gehen soll. Samstagabend. Wir waren auf dem Weg zurück und mussten gezwungenermaßen beim Kiosk halten. Der Grund: Biermangel. Und dann weiter. Bei einem Weinhandel Zwecks schöner Kunst ins Fenster geschaut. Und da saßen sie brav am Tisch: Zuhörende, die über Korken, Trauben und Tannine sich berieseln ließen. Wir an der Scheibe klebend mit der Pulle in der Hand. Sie schauen. Wir schauen. Wir zeigen aufs Bier und sahen sehnsüchtige, amüsierte Augen, die auch gern ballern, aber zuhören mussten. So ist das nun mal. 

Herzlich willkommen in Ihrem Onlinemusiktastingraum des Vertrauens. Lassen Sie sich einschenken:

The Baboon Show
(ms) Das soll nun echt nicht böse klingen, aber: Ich kann mir bei einigen Bands nicht so ganz vorstellen, dass das von jemandem wirklich die absolut liebste Gruppe ist, die theoretisch 24/7 durch die Wohnung ballert. Für mich gibt es einige Bands, die insbesondere auf Festivals sehr gut funktionieren, weil sie teils bestechend eingängige Melodien haben, so leicht zugänglich sind und mit einem Bier in der Hand in der prallen Sommersonne einfach bestens aufgehen. The Baboon Show könnte eine dieser Gruppen sein. Persönlich höre ich sie jedoch viel zu selten, um darüber gewissenhaft urteilen zu können. Klar, super Band, tolle Lieder, herrlicher skandinavischer Schweinerock! Macht immer wieder extrem gute Laune. Das und meine kleine Unterstellung kann dadurch erhärtet werden, dass sie mit Have A Party With Me einen simplen aber ebenso effizienten Saufsong veröffentlicht haben. Ach komm... was soll die Rummeckerei?! Dann saufen wir halt mit!


The Weather Station
(ms) Eine der (!) Entdeckungen für mich im letzten Jahr ist Tamara Lindeman mit ihrem Projekt The Weather Station. Das ist wirklich kunstvolle Musik. In jedem Takt, jeder Melodie, jedem Instrument ist enorm viel musikalisches Know-How zu hören, ein Talent für Atmosphäre und Liebe zum Klang. Ignorance, das Album aus dem letzten Jahr, läuft nicht umsonst regelmäßig bei mir daheim. Nun erscheint am 4. März eine neue Platte. Sie heißt How Is It that I Should Look At The Stars und fährt mit 12 Liedern auf. Es ist explizit nicht das nächste Album. Vielmehr ergänzt es die Platte aus dem letzten Jahr. Die Lieder, die nun zu hören sein werden, sind zur gleichen Zeit entstanden, kommen aber wesentlich weniger opulent daher. Kein Schlagzeug, keine Percussion auf diesem Album. Alles ruhiger, sanfter, eindringlicher, persönlicher. Lieder für einen Kerzenscheinabend oder einem melancholischen Blick in die Ferne. Bei solchen Projekten komme ich nicht umhin, da manchmal eine schräge kommerzielle Strategie zu vermuten. Hier nicht. Insbesondere, da sie dieses schöne Bild malt: "Ich stellte es mir nicht als Nachfolger von Ignorance vor, sondern eher als Begleitstück; der Mond zu seiner Sonne." 

 
Kalle Wallner
(sb) Freising, Oberbayern. Heimat. Musikalisch bekannt in erster Linie für Blumentopf, aber auch für RPWL. Und da sind wir auch schon mittendrin statt nur dabei, denn das "W" im Bandnamen steht für Kalle Wallner. Als Solokünstler veröffentlicht der Multi-Instrumentalist am 25.02. sein Album Voices. Schön irreführend der Name, denn tatsächlich handelt es sich weitestgehend um ein Werk, das auf Lyrics verzichtet und die Instrumente für sich sprechen lässt. Das gelingt erwartungsgemäß vorzüglich, denn Wallner hat sich nicht umsonst über die Grenzen Deutschlands hinweg einen hervorragenden Namen als Gitarrist gemacht. Diesen unterstreicht er nun abermals, wenngleich ich persönlich das Album fast schon ein wenig zu glatt produziert finde. Das ist einfach musikalische Perfektion, jedoch ohne Ecken und Kanten. Aber das ist natürlich Jammern auf extrem hohem Niveau...
 


The Streets
(ms) Klar, Mike Skinner hat Lieder für die Ewigkeit geschrieben. Dry Your Eyes, Fit But You Know It, Turn The Page, das ganze The Escapist-Album finde ich auch noch sehr, sehr gut. Dann kam die Pause des Projektes. Klar, es ist verdammt gut, dass er The Streets wiederbelebt hat. Es freut mich ungemein für ihn, dass er die kreative Energie wiedererlangt hat und Lieder schreibt. Und natürlich ist es immer ein bisschen unfair, wenn man KünstlerInnen mit ihren glorreichen Zeiten vergleicht. Mike Skinner muss niemandem etwas beweisen. Doch Hand aufs Herz: Was er seit ein paar Jahren nun veröffentlicht, ist zum großen Teil ganz, ganz großer Schrott. Zumindest in meinen Ohren. Wo sind die großartigen Geschichten, die er erzähl? Wo sind die Beats, die immer wieder kicken? Wo ist ein Stück weit auch die Leichtigkeit geblieben, die seine Platten stets mit sich brachten? Auch Wrong Answers Only, das seit dieser Woche draußen ist, ist ein Stück, bei dem ich einfach froh war, dass es irgendwann vorbei ist. Puh. Es soll auch wieder eine neue Platte geben. Doch ganz ehrlich: Vorfreude ist was anderes...

 
Amewu
(sb) Oha, was haben wir denn hier? Amewu veröffentlicht heute sein erstes Album seit annähernd zehn Jahren und hat auf Haben oder Sein sehr viel zu erzählen. Stil, Storytelling, Beats - das ist alles aus einem Guss. Es ist einfach immer wieder großartig, einem deutschsprachigen Rapper zuzuhören, der sich fernab aller Klischees auf intelligente Art und Weise mit der Welt, ihren Eigenheiten, sich selbst und dem Leben als solches auseinandersetzt. Da steckt Herz ebenso drin wie Verstand - ganz stark!
 


Me & Reas
(sb) Wenn es das primäre Ziel von Features ist, auf sich aufmerksam zu machen, dann ist dies Me & Reas mit der Verpflichtung von luserlounge-Liebling Matze Rossi vortrefflich gelungen. Also gut, hören wir uns das Album halt auch mal an... Und siehe da: Lohnt sich! Englischsprachiger Indie-Folk aus Nürnberg, der sich mit der internationalen Konkurrenz durchaus messen darf und sich auf äußerst charmante Weise dem Thema Älterwerden widmet. Man könnte die wachsende Anzahl der Kerzen ja mit Argwohn betrachten - oder aber man wirft einen realistischen Blick auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Mal schüttelt man mit dem Kopf, man lacht man drüber. Oder man schreibt einfach einen Song, so wie Sänder Andreas Jäger dies seit seinem 16. Geburtstag jährlich an seinem Ehrentag tut. Leute, mit Thirty (VÖ: 04.03.) macht Ihr ganz viel richtig!
 


Mittwoch, 26. Januar 2022

Da fehlt was

So macht es keinen Spaß. Quelle: weser-kurier.de
(ms) Wichtig, daher vorweg: Die Ansteckungsgefahr momentan ist immens. Daher ist es richtig, dass die Türen zu sind. Ich erlebe es bei der Arbeit, wie schnell Omikron grassiert. Erschreckend. Bislang läuft alles gut, glücklicherweise. Es kann auch anders gehen. Das weiß ich nicht nur aus den Nachrichten, sondern vom eigenen Leib. Die Variante aus dem letzten Frühjahr war hartnäckiger und hat mich drei Wochen ans Sofa gefesselt. Impfen schützt, Boostern schützt.

Da das jedoch klar sein sollte, geht es hier los:
Es fehlt was. Und zwar ganz gewaltig. Hiermit will ich niemandem einen Vorwurf machen. Wem denn auch?! Das, was fehlt, ist keine Sache des Alters, sondern eine ganz Menschliche. Es ist ja nicht so, dass ausschließlich Studierende feiern gehen würden. Das ist Quatsch. In deren Haut möchte ich dennoch nicht stecken. Einen großen Teil meines Antriebes für den inneren Motor, fürs Gemüt, die Dopaminherstellung ist der Besuch von Konzerten. Und tanzen in Clubs. Ob 31, 21 oder 41 ist ja egal. Ich möchte in vollen Clubs und Veranstaltungshallen stehen, in meiner Hand ein kühles, großes Bier halten, auf die Bühne schauen, alles um mich herum vergessen, die Musik in jede meiner Fasern eindringen lassen und nur noch staunen. Ich möchte mich dem Klang und der Dynamik ausliefern lassen. Es soll etwas in mir in Bewegung gesetzt werden, was anders nicht möglich ist. Ich möchte versunken träumen, laut schreien, schief mitsingen, den Rap-Arm schwingen, die Hüfte bewegen und vollkommen in diesem Setting verschwinden. Im Club will ich dicht gedrängt Lieder abfeiern, mich in den Sog tanzen bis in die frühen Morgenstunden, leicht oder stark alkoholisiert. Egal. Denn es geht darum: drinnen oder danach draußen all die freudigen Augen zu sehen. Das, was es mit uns Menschen macht, spüren. Diese wunderbare Auszeit. Dieses unbeschreibliche Universum, wo man für zwei Stunden Konzert oder fünf Stunden tanzen hingebeamt wurde. Das Strahlen in den Gesichtern. Das Funkeln in den Augen. Die Faszination. Das nicht Beschreibbare, was ausschließlich erlebt, gefühlt werden kann.

Das fehlt. Ganz gewaltig. Im Sommer und Herbst gab es einen Einblick, wie sich das anfühlt, was das mit mir machen kann. Bin sogar extra nach Kopenhagen geflohen, um das wieder zu erlangen. Nun wurde Kettcar Anfang des Monats abgesagt. Nun wurde Turbostaat zum x-ten Mal verlegt. Nun wurde The Notwist verschoben. Ich kauf ja gar keine Tickets mehr. Argh! Zuversicht und Hoffnung ist diesbezüglich ganz schwer zu finden. So viel kann man gar nicht spazieren gehen.
Das muss wieder her. Wenn wir weiter das Beste geben, um vorsichtig zu sein und alle sinnvollen Hygienemaßnahmen umsetzen und an einem Strang ziehen.
Dann geht es wieder los.
Dann treffen wir uns abends wieder in freudiger Stimmung.
Dann glühen wir langsam vor.
Dann fahren oder gehen wir zum Club.
Dann nehmen wir die Tickets mit.
Dann lassen wir uns abatsten.
Dann geben wir die Jacken ab.
Dann gehen wir zum Tresen.
Dann stehen wir vor Bühnen.
Dann tanzen wir auf Tanzflächen.
Dann staunen wir.
Dann sind wir ganz weit draußen.

Freitag, 21. Januar 2022

KW 3, 2022, Die luserlounge selektiert

Quelle: h5p.org
(sb/ms) Herzlich willkommen bei Ihrem kulturellen 360°-Topanbieter, der luserlounge. Wir schreiben uns seit Jahren auf die Fahnen, mit extremer Expertise und garantiert gutem Geschmack über Musik zu berichten. Ab und an gelingt uns das auch ganz gut. Selbst Bücher und Serien wurden hier schon vorgestellt. Was sind wir nur für Tausendsassa.
Und statt einem sinnlosen Geschreibsel zu Beginn der wöchentlichen Selektion, folgt an dieser Stelle einfach mal eine eine Serien-Binge-Empfehlung: Sloborn (ohne billiges copy and paste, wofür ich hier im Flow gerade zu faul bin, müsste das erste 'o' mit diesem tollen skandinavischen Strich durch geschrieben werden). Die Serie wurde vom ZDF produziert und ist auch in jener Mediathek zu sehen. Wirklich beengt hat mich die erste Staffel. Denn sie erschein im Frühsommer 2020. Corona ging so langsam los und wir durften noch Stoffmasken tragen (klingt wie lange her). Da kommt diese fiktive Serie daher und es geht genau darum: Auf einer Insel im Norden breitet sich ein bedrohliches Virus aus, das hochgradig ansteckend, mitunter rasch tödlich sein kann. Zu dem Zeitpunkt hat mich das wirklich mitgenommen. Ich saß vor dem Bildschirm und wusste nicht mehr, was Realität und was Fiktion ist. Was für ein übles Timing! Was für gute und zum teil recht junge SchauspielerInnen, die eine bedrückende Situation der Not, Ausweglosigkeit, des Wahnsinns, des Kontrollverlustes spielen! Sehr, sehr gut. Eine zweite Staffel gibt es seit Kurzem auch. Letztens ließ ich mich boostern und hing ein wenig schlapp in der Gegend rum. Ideal, um solche Stunden zu füllen!

Doch nun: Musik ab! Es gibt wieder aus allen Ecken und Enden Spannendes zu hören! Ab geht's:
 
Vlimmer
(ms) Letztes Jahr gab es einen Anschlag auf meinen Gehörgang. Alex hat mit seinem Projekt Vlimmer sein erstes Album aufgenommen und veröffentlicht. Nebenkörper ist eine Platte, die Zumutungen mit sich bringt: Näher kommende Wände, klangliche Enge, teils kaum aushaltbare Lieder, die an allen Ecken und Enden ballern, dicht und tief sind. Eine echte Zumutung. Das ist halt Kunst. Er will es den Hörenden auch einfach nicht leicht machen. Das ändert sich dieser Tage. Der unermüdliche Typ haut mal eben eine Doppelsingle raus. Wann macht er das nur?! Das frage ich mich oft, da wir den gleichen Job haben und ich häufig abends in den Seilen hänge. Bewundernswert! Genauso wie die beiden Stücke, die seit Kurzem zu hören sind: Erdgeruch und das deutschsprachige Muse-Cover Space Dementia. Wesentlich zugänglicher sind beide Stücke, das gefällt mir auf Anhieb. Die Lieder sind harmonischer, ja tanzbar sogar. Genial, ich ziehe den Hut! Irgendwo zwischen Dark Wave und unvergleichlicher elektronischer Härte oszilliert er erneut. Was jedoch auch neu ist: Die sehr guten Texte sind hier auch viel deutlicher zu vernehmen. Ist da ein Änderungsprozess?! Wie ungemein bestechend ich es finde, hörend zu beobachten, wie Kreativität sich seine Kanäle sucht!
 
 
Ludovico Einaudi
(sb) Oh mein Gott, wie schön kann Musik eigentlich sein? Auf seinem ersten neuen Solo-Klavieralbum seit 20 Jahren übertrifft sich Ludovico Einaudi selber. Ja, der Jüngste ist der italienische Komponist und Pianist nicht mehr, aber dem 66-jährigen Künstler gelingt es mit seinen Melodien spielend, Generationen zu überwinden und zu verbinden. Obwohl er sich selber eher als "Minimalist" sieht, wird er heutzutage meist der Neo-Klassik zugerechnet. Sicher nicht zu Unrecht, sein Fokus liegt aber tatsächlich auf traditionellen klassischen Strukturen, die er auf sehr reduzierte und doch unfassbar eingängige Art und Weise auf den Hörer projiziert. Einfach nur wunderbar! Für mich persönlich ist Underwater (VÖ: heute!) das tollste Album des noch jungen Jahres. Da werden sich noch viele die Zähne dran ausbeißen...
 
 
Neonschwarz 
(ms) Es ist geliebte Rap-Tradition, dass regelmäßig enorm lange Feature-Tracks erscheinen. Einen Längenmeilenstein hat sicher Sido vor ein paar Jahren in Stein gemeißelt. Doch auch Waving the Guns oder Audio88 & Yassin machen da mit. Und es geht immer hervorragend auf. Finde es ja stark, wie die unterschiedlichsten RapperInnen sich dann das Mikro in die Hand drücken und zeigen, was sie können. Doch haben das alle nötig?! Nein, antworten Neonschwarz aus Hamburg! Wer drei MCs und einen DJ in den eigenen Reihen hat, braucht niemand anderen mehr. Beziehungsweise: Es ist schlicht und einfach kein Platz mehr vorhanden. Das besingt das Quartett auf der neuen Single Features. Denn die eigenen Gäste sind sie selbst. Punkt. Aus. Fertig.
Zugegebenermaßen nimmt mich dieser Track nur ganz, ganz wenig mit. Aber die augenzwinkernde Aussage gefällt mir. Den vieren gelingt es immer wieder eine ganz eigenständige Form des Rap auf Platte zu bringen. Hut ab! Am 25. Februar erscheint ihr neues Album Morgengrauen, selbstredend auf Audiolith! Es könnte ein großes Fest werden!
 
 
Ben Lukas Boysen
(ms) Knüpfen wir an das etwas seltsame aber extrem schöne Genre Neoklassik von oben an. Seltsam, weil so viel darunter fällt. Es ist ein ziemlich schräger Sammelbegriff für Musik, die irgendwie pur instrumental, durchaus kräftig elektronisch und immer sehr sanft und extrem klug arrangiert ist. Mit Klassik hat das - wenn man ganz ehrlich ist - oft ganz wenig zu tun. Egal. Schön ist es jedoch ganz, ganz oft. Immer wieder verzaubern mich Anne Müller oder Olafur Arnalds oder Martin Kohlstedt oder Hania Rani. Nun schlägt Ben Lukas Boysen wieder zu, der vor zwei Jahren seine Platte Mirage veröffentlicht hat. Durchaus dynamisch, sehr warm und energievoll komponiert, schickt er uns mit seiner Musik in entfernte Galaxien. Das Album läuft regelmäßig bei mir, weil der Zauber schlicht nicht endet! Am 18. März veröffentlicht er die EP Clarion mit sechs Stücken. Witzigerweise ist das Titelstück bereits auf dem Album zu hören. Verstehe das jemand. Möglicherweise soll es als Anknüpfungspunkt dienen. Das ist aber auch egal, weil insbesondere dieses Lied voller Magie steckt. Er kann es noch sieben weitere Male veröffentlichen, ich werde es immer wieder begeistert sein. Zwei neue Tracks sind dabei, Lux und Plexus. Zudem sind drei Remixe zu finden. Die Namen, die sich an seine Musik gewagt haben, lassen aufhorchen! Mogwai (uff, krass!), Foodman oder Kiasmos, deren Version vom Titeltrack bereits zu hören ist. Das Duo ist halt auch niemand geringeres als bereits erwähnter Arnalds und sein isländischer Landsmann Janus Rasmussen. Gedulden wir uns noch knapp zwei Monate, dann wird eine EP erscheinen, die große Strahlkraft besitzt! Versprochen!


CRIM
(sb) Gott, wie liebe ich diesen Track! Bisher war er nur als Beitrag auf dem großartigen HFMN-Sampler erschienen, nun gibts endlich auch ein Video dazu. Patrimoni Mundial ist der neue Song der katalanischen Punkrock-Band CRIM, der auf deren nächstem Album enthalten sein wird, das dieses Jahr erscheinen wird. Der Text handelt von Tarragona, der Heimat der Band, die alle Mitglieder mittlerweile verlassen haben. Eine Stadt, die mit beschämendem Stolz die Insignien des Weltkulturerbes für ihre historische Vergangenheit als Hauptstadt des Römischen Reiches trägt und die heute leider nur noch von der petrochemischen Industrie, dem Warentransport und dem saisonalen Tourismus lebt. Eine harte Realität für eine kranke Stadt, die in der Vergangenheit lebt und leider ihre Zukunft verspielt hat.

 
Die Andere Seite
(ms) Vor fünf Jahren veröffentlichte Tom Schilling mi seiner Band, den Jazz Kids, eine tolle, abwechslungsreiche Platte, die zwischen eben jenem Jazz, Pop und Chanson pendelte. Sehr ausgewogen, sehr schön, mitunter ein wenig kitschig, aber genau zum richtigen, genießerischen Maße. Nun schlägt er in fast gleicher Besetzung neue Töne an. Ein neuer Klang braucht auch ein neues Äußeres. Daher ändert sich der Bandname zu Die Andere Seite. Guter Schachzug, kann man nicht bestreiten. Am 22. April erscheint das erste Album dieses neuen Projektes, also ein zweites Debut quasi: Epithymia. Kryptisch, oder? Genauso kommt auch die erste Single daher. Das Lied Vom Ich präsentiert ein tolles Duell des Inneren. Doch ich bin mir noch unsicher, was ich davon halten soll. Klar, der Klang ist super. Ich mag das Dunkle, Dichte, leicht Bedrohliche. Auch das Video fügt sich da nahtlos ein! Nur beim Text bin ich mir unschlüssig. Ist es feine Poesie oder geht es in Richtung Rammstein? Denn zugegebenermaßen war Til Lindemann vieles, aber nie ein ausgefuchster Texter. Ein ausführliches Resümee gibt es dann nach Ostern! 

Donnerstag, 20. Januar 2022

Michael Rother & Vittoria Maccabruni - As Long As The Light

Foto: Marco Lanza
 (ms) Meiner Generation der um die Dreißigjährigen dürfte der Name Michael Rother eher weniger ein Begriff sein. Das ging mir bis vor zwei, drei Jahren auch so. Sicherlich gibt es ein paar coole Nerds meines Alters, die etwas mit Harmonia oder NEU! anfangen können, doch es ist nicht zwingend die Musik, mit der wir groß geworden sind oder danach auf einem Silbertablett serviert worden ist.
Erst seit Kurzem finde ich einen Zugang zu experimenteller Musik aus den 70er und 80er Jahren. Musik, die prägend aber wenig erfolgreich war. Manch einer mag es als Krautrock beschreiben, ich finde 'experimentelle Musik' wesentlich passender, da ersteres sowohl eine Fremdbezeichnung ist als auch oft wenig rockig ist.

Zu Michael Rother also. Er ist einer der prägendsten Figuren aus dieser Zeit und immer noch aktiv mit Anfang siebzig. Fragt man Menschen aus dem Britpop oder Techno, worauf sie sich beruhen, wird sicher regelmäßig sein Name fallen. Unermüdlich kreativ, voller Ideen, ohne Angst vor Neuem und mit viel Neugier ausgestattet.
Mit dieser Haltung veröffentlicht er mit seiner Lebensgefährtin Vittoria Maccabruni nun das Album As Long As The Light, das am 21. Januar auf Grönland Records erscheint. Es ist eine Reise im doppelten Sinne. Die eine ist klanglich. Die andere geographisch. Seit Jahrzehnten wohnt Rother abgelegen an der Weser im Niemandsland. Für diese Platte hat er sich aufgemacht nach Pisa, Neuland entdecken. Maccabruni hat ihm in den letzten Jahren Schnipsel, Soundideen, Mosaike geschickt, zusammen haben sie etwas Rundes draus gemacht. Die Italienerin tauchte bis dato als Musikerin gar nicht auf. Toll, dass sie diese Seite nun so ausleben kann!

Acht Stücke sind auf dem Album zu finden. Es knackt und knarzt. Es klingt dennoch im besten Sinne glatt und dennoch irgendwie gewollt unperfekt, genau wie der legendäre Conny Plack es wohl auch gemacht hätte. 44 Minuten nehmen die beiden die Hörenden mit. Elektronische Morsesignale eröffnen die Platte auf Edgy Smiles. Langsam setzt ein Beat ein. Im Hintergrund eine verzerrte Gitarre, im Vordergrund ein dichtes Synthiearrangement. Hier lohnt das Hören über Kopfhörer, da es besser wirkt! Nach zweieinhalb Minuten: die Gitarre voll im Fokus, um sanft wieder abgelöst zu werden. Hier geht alles Hand in Hand, sehr fein abgestimmt. Faszinierend bei diesem Klang: Er kann vielfältig wirken. Sowohl als berauschender Trip, als auch vollkommen beruhigend. Wenn das beabsichtigt ist, geht es voll auf, wenn nicht, entfacht sich erneut der Zauber der Musik.
Ich komme nicht umhin, zu beobachten, dass bei EXP 1 direkt der Kopf anfängt zu nicken. Ganz automatisch bin ich drin in dieser Klangwelt und lasse mich gerne mitreißen! Dieses Mal ist der Rhythmus noch klarer zu greifen, der die Synthies und die Gitarrenwände trägt. Automatisch mache ich die Musik lauter. Auf You Look At Me kommt eine weitere Komponente hinzu: Vittoria Maccabruni singt! Schön verzerrt, wabert ihre Stimmt mit dem tollen, einfachen Text direkt durchs Ohr in den Körper. Eine Musik, die in dem diffusen Raum zwischen wach und schlafend einschlägt. Es ist sicherlich nicht leicht, genau solche Stimmungen zu erzeugen, umso größer ist meine Begeisterung!
Ob sie diese Platte je live aufführen, ist unklar. Insbesondere Rother steht nicht mehr allzu oft auf den Bühnen. Wenn sie es täten, ginge ich selbstredend sofort hin und hätte ein wenig Furcht vor Curfewed, einem Track, wo die Gitarre erstmalig bedrohlich klingt und der Bass, der dahinter lauert, könnte live nochmal um einiges stärker knallen! Selbst die Percussion werden richtig wild und sorgen für viel Unruhe, die phantastisch wirkt! Dieses Album ist sehr abwechslungsreich!
Ein wichtiges Element aus der experimentellen Zeit der 70er und 80er war die Wiederholung, sie wirkt psychedelisch. Und tut es heute auch. See Through ist der Beweis, dass das auch 2022 aufgehen kann. Langsam zieht der Sog und ich lasse mich gern einbinden und mitziehen. Der stärker werdende Beat steuert sein übrigens dazu bei! Mit welchen Programmen und Instrumenten sie diese Platte aufgenommen haben, weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht, da ich keine Ahnung davon habe. Dass sie es jedoch schaffen, ganz warme Vibraphon-Klänge zur Entfaltung zu bringen wie auf Forget This, ist schlicht wunderschön! Ja, Effekte von Musik! Es hört nicht auf, mich zu faszinieren! Codrive Me klingt in meinen Ohren über viele, viele Takte nach einem langsam ertrinkenden Menschen. Klar, das ist furchtbar und einschnürend, aber auch irgendwie genial, dass Sounds so etwas entstehen lassen können! Zum Ende auf Happy (Slow Burner) ist sogar ein wirklicher Schlagzeug-Beat zu hören. Es ist beeindruckend: Jeder einzelne Track bietet eine neue Komponente. Es wird nie langweilig! Was für eine große Kunst!

Musik und Alter haben wirklich nichts miteinander zu tun. Ob nun zwei (aus meiner Sicht) ältere Menschen ein phantastisches Album aufnehmen oder welche Musik die Leute meines Alters hören... darauf kommt es nicht an. Es geht doch ausschließlich um die Bereitschaft, eintauchen zu können und wollen. Tut man genau dies, wird man reich belohnt. Mit diesem Album! 

Sonntag, 16. Januar 2022

KW 2, 2022: Die luserlounge selektiert

Bild: dji.com
(ms/sb) Über vergangene TV-Zeiten, Musik und bizarre Werbesprüche. Früher als junger Jugendlicher war Freitagabend immer Krimiabend im ZDF: Siska, Der Alte und Ein Fall Für Zwei. Matula ermittelt ja immer noch, oder? Das war auf jeden Fall immer super. Rückwirkend betrachtet vielleicht auch etwas schräg, aber die Familie hatte Spaß daran. Die Augsburger Gruppe Anajo (kennt die noch wer?) hat Matula ein musikalisches Denkmal gesetzt mit dem Lied Ich Hol Dich Hier Raus. Sie haben im Refrain sogar die schmissige Tonfolge aus dem Serienintro genutzt. Super! Genau diesen Spruch sah ich dieser Tage als Werbung gemeint auf einem Taxi: Wir holen dich da raus. Wie bizarr ist das denn bitte?! Lied und Serie suggerieren doch: es wird gefährlich. Und dann ist dieses Taxiunternehmen dazu da, um mich aus allen brenzligen Situationen, die das Leben zu bieten hat, zu retten?! Was für ein Service! Zweiter Gedanke: Als ob Menschen nur Taxen brauchen, wenn sie einer beklemmenden Situation entfliehen wollen. Dabei entsteht natürlich automatisch die Frage: Welches Zitat eines Musikstücks wäre angebracht, um einem Taxiunternehmen beim Transport zu vertrauen?! Mein Vorschlag ist das gute alte Helden-Lied: Bring mich nach Hause. Weitere Ideen?!

Zum Glück hat mich niemand im Marketing angestellt. Hier geht's nun doch auch im Musik. Ab geht's:

Kat Frankie
(ms) Vielseitigkeit ist zunehmend ein Gütekriterium, das mir beim Hören und subjektiven Bewerten von Musik wichtig ist. Völlig unabhängig vom Stil. Wenn ein Rap-Album nur eintönige Beats, aber solide Texte hat, läuft es weniger bei mir. Mit mehr Kreativität am Klang sähe das anders aus. Bei Metal oder hartem Rock ist es das gleiche Spiel. Eine Spielart von Musik bringt Vielseitigkeit meines Erachtens auch automatisch mit und das ist Art Pop! Das steckt ja schon im Namen. Kat Frankie macht auf jeden Fall Art Pop, so kunstvoll, rund, gut, geschickt und toll arrangiert ist ihre Musik. Im Mai kommt erst die neue Platte raus, heute aber schon direkt der nächste Vorbote! The Sea taucht mit einem wummernden, beherrschenden Gitarrenriff auf, das den Track nicht mehr verlassen wird. Es ist eine Musik gewordene Eindrücklichkeit und eine aufrechte Haltung, die den Text unterstreicht: Es geht um das inhumane Wesen politischer Demagogen. Leider sind es in den letzten Jahren immer mehr geworden. Umso lauter muss so ein tolles Lied erklingen!
 
 
Placebo
(ms) Es geschah beim Blick auf das Konzertjahr 2022, das mal wieder ins Stocken gerät. Aber es gibt auch viel Hoffnung. Sehr gut! Zum Beispiel für den Herbst, wenn Placebo in unsere Gegend kommen! Irre Vorfreude, da ich die Band seit Jahren verehre für ihren eigenständigen Klang, Brian Molko für seine Stimme, die Gruppe für ihre bestechende Dynamik. Da fiel uns plötzlich auf, dass Love A und Placebo am gleichen Tag in Hamburg spielen werden. Unser Entschluss war klar, dass wir uns für die Briten schick machen werden. Dann wird ihr neues Album Never Let Me Go durch die Hallen der Republik schallen und Herzen auf die Bühne fliegen. Auch ihre neue Single (die dritte bereits) Try Better Next Time wird dann zu hören sein. Und tatsächlich nochmal Hoffnung aufschwingen lassen. Es ist ein dreiminütiger, eingängiger, leicht poppiger Rocktrack, der die Person im Text als Underdog, Außenseiter erscheinen lässt aber auch eine nachvollziehbare Kopf-hoch-Einstellung mit sich bringt. Kein großer Wurf, aber ein schönes Lied!
 
 
The Wombats
(sb) Spannend, was The Wombats da heute veröffentlichen! Auf der einen Seite bleibt sich die Band aus Liverpool treu und geht konsequent ihren Weg weiter. Auf der anderen Seite klingt Fix Yourself, Not The World aber mitunter so sehr nach Love Fame Tragedy, dem Soloprojekt von Sänger Matthew Murphy, das man sich unweigerlich fragt, ob diese Trennung überhaupt nötig ist. Nichtsdestotrotz ist das neue Album sehr funky und wird die Erfolgsstory der drei Indie-Helden fortschreiben. Aufgrund der pandemiebedingten Umstände musste das Trio neue Wege beschreiten, wie Schlagzeuger Dan Haggis beschreibt:
 
„We’re so excited for people to hear this new album! We’ve explored new genres and pushed ourselves further than ever musically. It will always stand out for us in our memories from our other albums as we recorded it across three cities during lockdown, and we weren’t all in the same room at the same time!”
 
Experiment gelungen, würde ich sagen. Hört rein, seid begeistert!

 
Weserbergland
(ms) Vor zwei Jahren überraschte mich ein wesentliches Detail in einer Musikmail. Eine norwegische Band würde ein Album veröffentlichen. So weit, so neugierig. Doch ihr Name blieb weit darüber hinaus hängen: Weserbergland. Aus der Nähe komme ich doch. Schräg. Woher die Verbindung? Zur deutschen Band Harmonia, wichtige Protagonisten der experimentellen Musik der 70/80er. Ihr Michael Rother wohnt halt direkt an der Weser im dortigen Bergland.
Nun gibt es Nachschlag der Skandinavier. Am 18. Februar wird ihr drittes Album erscheinen und den Namen Sacrae Symphonia No. 1 tragen. Zugegebenermaßen ist die Platte nicht sonderlich sakral in meinen Ohren, aber dennoch umwerfend. Zum Einen aufgrund des Arrangements. Sie besteht nur aus einem einzigen Lied, dieses dauert jedoch gut 40 Minuten! Wie ungeheuer mutig in einer Zeit der Musikverwertung und in der Klicks nach 30 Sekunden zählen. Das hier muss zwingend in Gänze gehört werden. Denn dann ergibt es erst Sinn. All die Wechsel im Tempo, all die Instrumente, die sich nacheinander in den Vordergrund schieben und dann ihre wundersame Eigentümlichkeit ausbreiten. Es ist ein Mix aus eben jener Zeit der experimentellen Musik aus Deutschland gepaart mit einer Transformation ins Heute vergleichbar mit The Notwist. Das ist nichts für zwischendurch. Genau deshalb ist es so bestechend. Gut obendrein!
Da aus dem kommenden Album noch nichts offiziell zu hören ist; so klingt das letzte:
 

Marco Pogo
(sb) Eine coole Sau ist er ja schon, der Marco Pogo. Der Mann ist Arzt - mit Promovierung, Doktortitel und allem drum und dran. Seine Bestimmung war das jedoch nicht, also hängte er den Job an den Nagel, wurde Punk-Musiker, Bierbrauer und Politiker. Kann man mal machen. Mit seiner Band Turbobier bereist er den Planeten, bekehrt die Welt zum Simmering-Style und ist zudem Werbeträger Nummer 1 für sein Gebräu, das stilecht ebenfalls "Turbobier" heißt. Guter Stoff übrigens, selber schon getrunken und genossen. Mit seiner Bierpartei ist er darüber hinaus seit 2014 auf der politischen Bühne aktiv und errang bei der Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl 2020 Mandate in insgesamt elf Bezirksvertretungen.
 
Doch damit nicht genug! Nun darf sich Tausendsassa (oder wie man in Österreich sagen würde: Wunderwuzzi) Marco Pogo auch noch "Buchautor" nennen. In Gschichtn (VÄ: Oktober 2021) erzählt der Künstler darin auf 136 Seiten Geben solche und Anekdoten aus seinem Leben. Sehr amüsant, sehr anschaulich. Geiler Lebensentwurf, bierig-bärige Lektüre.
 

Dienstag, 11. Januar 2022

Dope Lemon - Rose Pink Cadillac

Quell: dopelemon.com
 (ms) Meine absolute Begeisterung gegenüber der wundervollen Musik von Angus & Julia Stone war intensiv, aber auch von begrenzter Dauer. Ihre Platte Down The Way ist extrem gut, lief aber auch schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr daheim. Naja - so ist das eben. Als ich vor ein paar Jahren dann in Snow rein hörte, kam große Ernüchterung und Langeweile auf. Seitdem interessierte ich mich kaum noch für das australische Geschwisterpaar. Bis Angus Stone mit dem Stück Salt & Pepper um die Ecke kam. Ich meine... ich kiffe nicht, aber mit dem Track wäre ein Einstieg in die THC-Welt wohl mehr als leicht und einfach nur vollkommen angebracht. Was für eine heftig chillige Groove-Kiffer-Entspannungs-Mucke. Okay, okay: Bei dem Künstlernamen Dope Lemon ist das auch keine große Überraschung.

Nun gibt es ein ziemlich gutes neues Album von Angus Stone, das letzte Woche, aber eigentlich schon im November hätte erscheinen sollen.
Es gibt in meinen Ohren jedoch ein kleines, komisches Problem bei dem Album Rose Pink Cadillac: Trotz der zehn Lieder, was ja eine absolut solide Anzahl ist, werde ich den Eindruck nicht los, dass die Platte durchaus seine Längen hat und ich mein Urteil von eben revidieren werde. 54 Minuten sind nicht zu lang, keineswegs. Nur muss für meine Ohren eine solche Zeit auch wirkungsvoll ausgefüllt sein, nicht immer gelingt es, was auf keinen Fall schmälern soll, dass es einige, starke Songs gibt. Zum Beispiel den ersten.

Der titelgebende Track ist erneut wieder genau der anfixende Kiffer-Style wie oben erwähnt gepaart mit einem verträumten Summen in den ersten Takten, einem super lässigen Gitarren-Groove und aller Ruhe in Angus' Stimme. Das mag ein bisschen unfair und unprofessionell klingen, aber worum es in den Stücken geht, ist mir völlig egal, hier zählt für mich einzig die Stimmung. Und die ist hier ausgezeichnet. Für Kids Fallin' In Love muss er einfach so enorm entspannt oder fein berauscht am australischen Strand gelegen haben. Das ist schon brutal lässig. Wenn dieses Stück jedoch weiter hinten auf dem Album wäre, würde ich nicht davon zurück weichen, es zu skippen, da auch echt nicht viel passiert (Memo an mich: Mal über Anordnung und Wirkung von Liedern nachdenken).
Howl With Me ist eine funky musikalische Reise in die Vergangenheit. Klingt aber halt auch nach einer recht langsamen Interlude, auf der Stone ein paar Geschichten erzählt. Die funky Gitarre im ganzen Stück, die Verzerrung am Ende, die Bläser immer wieder, das ist schon abwechslungsreich, doch für meine Ohren steckt wenig kreative Energie darin.

Ganz anders als auf Stringray Pete. Ein gewissermaßen verruchter Groove schleicht sich durch dieses Stück, wo zwischendurch immer wieder feine Veränderungen der Dynamik zu erleben sind. Die verzerrte Stimme und die Mehrstimmigkeit im Refrain stecken dort als besonders wirkungsvoll heraus. Unterstützt wird das durch ein sehr sehenswertes Video, in dem kurzgeschichtenartig einiges niedergebrannt wird. Ziemlich runder Song!

Und nun beginnt mit Sailors Delight die Platte schon langatmig zu werden. Die Frage ist: Bin ich zu anspruchsvoll oder fehlt nur der genießerische Zugang oder lässt sich der Track bekifft besser hören oder schlägt sich die ganze Lässigkeit am besten an einem lauen, leicht bekleideten Sommerabend durch statt im knochig kalten Januar?! Oder ist das jetzt Easy Listening?
Wenn sich auch der Titel Every Day Is A Holiday nur mal bewahrheiten würde... Ein wenig Soul und R'n'B schleichen sich durch das Feature von Winston Surfshirt (was für ein Künstlername...) ein. Doch das ist nun auch der turning point. Langsam ödet mich dieser chillige Sound wahnsinnig an. Mit fehlt absolut die Inspiration und das Geniale im Gesamteindruck.
Zu Lovesick Brain fällt mir absolut nichts mehr ein. Und ich muss nun endgültig mein Urteil vom Anfang revidieren. Besonders ausgefeilt ist diese Platte definitiv nicht. Da muss ich beim Nebenbeihören einen anderen Eindruck gehabt haben als beim aufmerksamen Lauschen. Es kommt einfach original nichts Neues mehr, das nüchtern auf Begeisterung stoßen könnte. Daran ändert ein Schwenk ins Französische mit Louise Verneuil auf High Rolling auch nichts. Sechs Minuten zähe Langeweile.
Oder gibt's mit God's Machete doch noch Hoffnung? Es geht so. Ein wenig mehr Drive steckt in diesem Lied, doch das Steuer kann hier auch nicht mehr rumgerissen werden. Fast sieben Minuten Warten, dass was kommt. Ohne Ergebnis. Okay, okay. Zum Abschluss gibt's mit Shadows In The Moonlight noch ein feines Ende, da es ein wenig experimentell wird und das Lied sich ganz gut entwickelt. Das kann (und das muss ich betonen, da ich auch ungern einen Verriss schreibe) für mich auch nichts mehr retten. Leider ist das eine ziemlich uninspirierte Platte, die wenige Höhepunkte hat und sich zum Großteil bieder durch den Äther mäandert.

Freitag, 7. Januar 2022

KW 1, 2022: Die luserlounge selektiert

Bild: kindpng.com
(ms/sb) Treiben lassen. Das ist eines meiner Hobbys. Das geht jedoch nicht immer. Die ganz normale Woche hat leider wenig Zeitfenster, damit ich mich treiben lassen kann. Denn dafür gibt es Voraussetzungen: Stressfreiheit, Neugier, Ruhe, eine gute Begleitung, offene Augen und die ungeheure Lust zu staunen. Urlaube sind dazu ideal, aber auch irgendwie darauf angelegt. Also gewissermaßen kalkuliert. Es darf auch ungeplanter sein. Dieser Tage war ich in einer Großstadt, eigentlich sollte meine Herzensband dort spielen (aber, aber...). Der Ausflug fand trotzdem statt und ich ließ mich an die Hand nehmen und treiben. Weil ich wusste, dass es gut wird. So gibt es Orte fernab von Straßenlärm, Shoppinghöllen, S-Bahn-Stationen und Souvenirläden, die viel stärker in Erinnerung bleiben. So saßen wir dann in einem bezaubernden Café an der Elbe und schauten aufs Wasser und es war einfach grandios. Ein perfekter Moment. Keine stressende Straßengeräuschkulisse, keine blinkenden Schilder und Angebote, die verlocken sollen. Treiben lassen findet fernab des Trubels statt. Dort sind Momente zum Staunen und Zeit ist eine irrelevante Kategorie. Das geht auch in dieser komischen Zeit sehr gut. Frohes Neues.

Hier ist die erste Selektion des Jahres. Noch etwas übersichtlich. Aber trotzdem ziemlich super. Oder?
 
Pippo Pollina
(sb) Woohoo, da kommt direkt Urlaubsstimmung auf! Ich habe zwar keine Ahnung, wovon Pippo Pollina auf seinem neuen Album Canzoni Segrete (VÖ: heute!) singt, aber alleine der Klang lässt mich schon von Italien, lauen Sommernächten, Peroni und Meer träumen. Klischee olé! Aber was solls? In der Vergangenheit setzte sich Pollina thematisch häufig mit Machtmissbrauch und Korruption in seiner sizilianischen Heimat auseinander und ließ das Streben nach Frieden als zentrales Motiv in seine Musik einfließen. Auch diesmal gelingt es dem 58-jährigen Wahl-Schweizer wieder, seine Stimme ideal in Szene zu setzen und sie in perfekter Symbiose mit eingängigen Melodien treten zu lassen.
 
Ach ja: Da es sich laut PR-Meldung scheinbar so gehört, möchten wir darauf hinweisen, dass Pippo Polina der Vater von Faber und Madlaina (Steiner & Madlaina) ist. Aber das nur so am Rande... Was für ein toller Jahresauftakt!


Bianca Stücker
(ms) Vor sechs, sieben Jahren war es mir irgendwie wichtig zu betonen, dass Indie-Rock doch das allerstärkste ist. Dabei habe ich mich damals schon belogen, fällt mir ein. Leidenschaftlich habe ich parallel zu Nada Surf Mittelalterrock à la Schandmaul, In Extremo oder Corvus Corax gehört und stand mit einem Kilt um die Hüfte, einem Met in der Hand (selbstredend im Horn) vor Bühnen, auf denen es fast ausschließlich brannte. Der Hang zu folkloristisch dunkler Musik ist immer noch da. Mit Mittelalterrock hat Bianca Stücker wirklich nichts zu tun, aber ihre Musik weckt etwas in mir, das damals schon gepocht hat. Am 4. Februar veröffentlicht sie ihr Album De Alchemia und für mich kommt es zeitlich sehr gelegen. Denn: Das werden stressige Tage bei der Arbeit und dieses Album wird mich in eine andere Welt katapultieren. In eine Welt, in der alles möglich ist. Dort gibt es Zauberinnen, Trolle, Elfen, Magie, Unvorhergesehenes, Unvorstellbares. Genau das kann Musik halt auch. Insbesondere, wenn sie die Pfade der Hörgewohnheiten verlässt und eine Tür öffnet, die mir sonst in meinem Alltag verborgen bleiben würde. Bianca Stücker hat dabei die meisten Instrumente selbst eingespielt und ist auch sprachlich flexibel, sehr beeindruckend! Richtig gut. Vielen Dank!

 
Palace
(sb) „Ja, die meisten dieser Stücke handeln von komplexen Gefühlen, die Menschen nun mal haben. Und manchmal ist es eben ganz schön schwer, sie zu artikulieren. Bis wir also bei der Angst landeten: Sie wurde zu einer Art Aufhänger, um durch sie all diese Dinge herauslassen zu können.“ (Schlagzeuger Matt Hodges)
 
London, England, Zeit des Lockdowns. Statt zusammen im Studio zu arbeiten, sitzen die drei Bandmitglieder von Palace verstreut über die britische Metropole in ihren Wohnungen und arbeiten an neuen Tracks. Beklemmung. Wie gehts weiter? Und wann? Aus der Ungewissheit erwächst jedoch etwas völlig Neues: Zuversicht. Der zwangsläufige Arbeitsprozess verleiht den Musikern auch ganz ohne Energydrinks Flügel, befreit sie von ihren Zwängen. Das Ergebnis ist Shoals (VÖ: 21.01.), ein Album, das trotz der widrigen Umstände und der Angst als Leitmotiv hoffnungsfroh klingt und ein Gefühl der Lebendigkeit vermittelt.


Florence & The Machine
(ms) Wann sollen wir all die grandiose Musik hören? Wo ist der Raum und wann ist die Zeit, um wirklich weggeblasen zu werden? Wo ist die Ruhe, um aufmerksam zu lauschen? Manchmal braucht es Jahre, bis ich Gruppen entdecke, die schon lange da sind und dann erst einschlagen. Oder es braucht die richtigen Menschen, die einen darauf hinweisen. Das ist mir dieser Tage passiert. Wir saßen gemeinsam da und philosophierten über Stimmungen, Atmosphäre und Gänsehaut. Und dann wurde Florence & The Machine genannt. Habe ich einfach nie gehört. Nicht aus Ablehnung oder dergleichen. War einfach nicht auf dem Radar. Dort jedoch ist sie jetzt. Ganz mittig und blinkt dort wie nicht gescheit. Vielen muss ich von dieser Frau und ihrer Musik sicher nicht extra berichten, außer dass es außergewöhnlich direkt sein kann. Um schnell tief einzutauchen, brauchte ich ein eindrückliches Erlebnis. Und das ist ihr Auftritt in der Royal Albert Hall von 2012. Das ist definitiv nicht normal. Das ist derart herausragend, dass es mir bei jedem Hören eine unglaubliche Gänsehaut beschwert. Völlig umwerfend. Was für ein großartiges Arrangement, was für eine Präsenz auf der Bühne, was für eine Stimme. Ich bin baff und abgefixt.
PS: 'Selektiert' heißt nicht nur Aktuelles hören, vor allem Gutes.