Freitag, 29. August 2025

KW 35, 2025: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay.cm
(Ms) Was ist schon normal - eine Frage, die immer wieder mal aufploppt. Was heute hinter dem Begriff der Normalität steckt, las ich die Tage in Witches, Bitches, It-Girls von Rebekka Endler. Transfeinde, Neo-Erzkonservative und Rechtsextreme haben diesen Begriff ganz gut gekapert und wollen uns damit etwas vorgaukeln, was es nie gab. Sie sprechen von einer idealisierten Vergangenheit, die nie existiert hat, aber in der anscheinend alles besser war. Eine Vergangenheit, in der die Mutter-Vater-Kind-Familie halt normal war. Das ist extrem kurz gedacht, aber das ist ja auch das System. Nichts ist normal, welcher Mensch ist denn schon genormt? Eben. Der Begriff der Normalität ist ein hervorragendes Instrument der Spaltung und Ausgrenzung geworden. Ekelhafte Strategie. Mit den Ideengebern zu diskutieren mag wenig Sinn ergeben, aber vielleicht ist ein aufzeigendes Gespräch mit den Menschen im Umfeld nicht verkehrt, um diesen Mechanismus aufzuzeigen. Humanität, vielleicht das einzig normale - zumindest im Wunsch?! 

Dramatist
(Ms) Die Bremer Spatzen pfiffen es schon von den Dächern. Hier rollt etwas Unaufhaltsames an. Eine Wucht, eine Wut, eine Wand. Die Band Dramatist ist nicht neu, 4/5 spielten zuvor bei Stun, doch mit neuem Sänger scheinen neue Wege bereit zu sein, um kräftig aufzudrehen. Gestern erschien ihre erste Single Fat White Families, doch zuvor spielten sie schon bei Wacken und auf der Breminale. Kein schlechter Start. Der Track ist schwer, dicht, vorantreibend und steckt voller Dringlichkeit. Kein Wunder also, dass sie das Übersee Festival am Samstag headlinen werden. Am 23. Januar kommt ihre Platte Wasting Words raus, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass auch nur eins ihrer Worte verschwendet wurde. Das wird groß!


Magnetic Ghost Orchestra
(Ms) Der erste Gedanke war: Oha, Crossover. Das hat mich abgeschreckt, weil Crossover ja schon lange vorbei ist und nie so richtig geil war. Es gibt nur wenige Spielarten dieses seltsamen Genres, die wirklich gut funktioniert haben. Oft versteckten sich dahinter Orchester, die verschiedene Bands oder Orchester-untypische Stile vertont haben. Bei Magnetic Ghost Orchestra sieht das ganz anders aus und hier lohnt es sich sehr, die Ohren zu spitzen! Das Orchester ist eine Big Band und wird von Mortitz Sembritzki geleitet. Hier heißt es nicht „wir spielen XY nach und das wird cool“, sondern in etwa so: „Hier gibt es gar keine Grenzen, wir probieren alles aus, wagen und an jede Klangkombination ran und dann wird es so richtig geil.“ Tja, stimmt halt! Am 26. September erscheint ihre neue Platte Holding On To Wonder und der Name ist ja das schönste, was ich seit langem gelesen habe. Staunen und wundern - das sind zwei Tätigkeiten die so wunderbar sind, durch die kleine, nimmermüde Flimmerkiste in unserer Hosentasche wird das aber immer weniger. Als Grundschullehrer gucke ich nur allzu oft in leere Augen, die den nächsten Dopaminkick suchen, aber erstmal mit Stift und Papier hantieren müssen. Fällt vielen schwer. Die Klänge vom Magnetic Ghost Orchestra großartig zu finden, fällt allerdings sehr leicht, hört selbst:


Low Key Orchestra
(Ms) Sind es nicht die vermeintlich kleinen Lieder, die oft am meisten Kraft verströmen? Ich mag es auch sehr gern, wenn mich die energiegeladene Wucht trifft, doch wie schön, wenn es leise wird. Gestern gab es so viel zu besprechen und klären und planen, sodass mich schon die Verkehrsgeräusche beim kleinen Einkaufsweg arg gestresst haben. Nach einer Pause lief dann 25 Stories von Low Key Orchestra und ich spürte förmlich, wie mein Körper durchatmete. Eine schöne Geschichte, die uns Sönke Torpus da erzählt über das, was es zu erzählen gibt und dass alles stets im Wandel ist und bleibt. Es ist die dritte Single, die er nun veröffentlichte und gleichzeitig kommt damit die Ankündigung zu einem Album, das im kommenden Frühjahr erscheint! Before The Reverb heißt die Platte (13.03.2026) und es ist so gut wie unmöglich Low Key Orchestra demnächst nicht zu sehen, weil wahnsinnig viel unterwegs und das wird wohl auch wahnsinnig schön!

Band Tour
02.10.2025 Langenberg, KGB
03.10.2025 Schmalförden, Kulturgut Ehrenburg
04.10.2025 Köln, Die Wohngemeinschaft
05.10.2025 Dresden, Societaetstheater
07.10.25 Halle, Objekt 5
08.10.2025 Berlin, Schokoladen
09.10.2025 Höxter, Tonenburg
10.10.2025 Klanxbüll, Charlottenhof
11.10.2025 Hamburg, Knust

Young Rebel Set Support (solo)
15.09.2025 Langenberg, KGB
16.09.2025 Essen, Zeche Carl
17.09.2025 Bremen, Tower
18.09.2025 Osnabrück, Kleine Freiheit
19.09.2025 Kaiserslautern, Kammgarn
20.09.2025 Köln, Gebäude 9
21.09.2025 Wiesbaden, Schlachthof
23.09.2025 München, Ampere
24.09.2025 Reutlingen, franz.K
26.09.2025 Hamburg, Molotow
27.09.2025 Berlin, Frannz Club (sold out)

Herrenmagazin Support (solo)
20.10.2025 Leipzig, Naumanns
21.10.2025 Kassel, Goldgrube
22.10.2025 Essen, Zeche Carl
23.10.2025 Köln, Gebäude 9
24.10.2025 Bremen, Tower


Mittwoch, 27. August 2025

Live in Bremen: Psychedelic Porn Crumpets

Foto: luserlounge
(Ms) Unerwartet warm war es gestern Abend. Warum genau ich einen Pullover mitgenommen habe, ist mit weiterhin vollkommen schleierhaft. Dass es auch so warm werden könnte, hätte ich mir denken können. Der Rausch des Dienstagabends war vorprogrammiert. Denn niemand anderes als die Psychedelic Porn Crumpets aus Australien gastierten im Bremer Tower und brachten Hypertonus mit, die den energiegeladenen Abend eröffneten. Auf Rausch hatte ich dezidiert Lust, doch nach einem Haake Beck, das aus der nicht ganz gekühlten Flasche in einen Plastikbecher umgefüllt wurde (keine Kritik, ich verstehe das schon), war mir klar, was die Rauschquelle sein wird: Rhythmus! Und das in zwei Akten.

Das Bremer Trio Hypertonus war mir bis gestern Abend unbekannt und ich frage mich: Warum um alles in der Welt?! Und warum hatten sie nur eine halbe Stunde Spielzeit! Ungerecht! Dieses Zusammenspiel von Bass, Schlagzeug und insbesondere E-Gitarre war nichts anderes als fulminant! Aus welchem Hut haben die denn die ganzen Rhythmen und Melodien in solch einem atemberaubenden Tempo gezogen? Rausch, Rausch, Rausch! Wie die Lieder sich entwickelt haben, war große Klasse - dafür brauchte es nicht mal Gesang. Viel Dynamik, viel Tempo, viel Lautstärke, viel Können und unglaublich viel Spaß auf der Bühne, das war allen dreien anzusehen. Wow - ein Auftritt der nachhallt, in den Ohren und im Gedächtnis.

Kurze Umbaupause. Dass es noch intensiver zugehen könnte, war für mich zu diesem Zeitpunkt nicht zwingend ersichtlich. Doch es brauchte nicht lang. Was die fünf Australier dann auf der Tower-Bühne angestellt haben, war irre. Vollkommen wild. Entfesselt. Irgendwie brutal und geil gleichzeitig. Das Schaffen der Band verfolge ich schon seit einiger Zeit, aber nie so intensiv. Dass sie live vollkommen frei drehen, wusste ich schon, das war der Antrieb, gestern nach Bremen zu tuckern. Es ist im Grunde vollkommen egal, welches Lied sie gespielt haben, es ging direkt von 0 auf 100, reine Ekstase, keine Regeln, kaum Pausen, nur nach vorne Preschen. Psychedelisch harte Musik mit ganz viel Freude an dem, was da passiert. Was haben die fünf Typen nicht gestrahlt?! Selbst das Pokerface des Bassisten brach zwischendurch seine Rolle. Und auch wenn die Technik nicht zu 100% mitgespielt hat, war das ein einziges Fest. Es hat gescheppert und geknallt. Rhythmen haben sich aufgebaut, wurden gebrochen, haben sich anders weiter entwickelt. Die Gitarren haben miteinander oder gegeneinander gespielt. Dass der Schlagzeuger seinen Takt so behalten konnte, zeugt von viel Können. Rausch, Rausch, Rausch. Die Ohren klingeln, aber die Seele atmet durch bei diesem geplanten Chaos. Und die Leute im Tower?! Gehen komplett mit. Reines Ausrasten, der ganze Raum schwingt - wow!

Für ein derartiges Erlebnis braucht es keine extra Mittelchen. Das regelt die Musik von ganz allein. Und was für eine schöne Erkenntnis, wie glücklich dieser Krach machen kann. Danke, gerne wieder!


Samstag, 23. August 2025

KW 34, 2025: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay
(Ms) Dynamische Musik liefert Motivation bei eher unliebsamen Aufgaben. Zum Beispiel beim Putzen. Da habe ich heute einfach laut Fjørt aufgedreht und das Bad blitzte wie von allein wieder auf Hochglanz. Zwischendurch habe ich nicht nur immer lauter aufgedreht, weil geil, sondern fühlte mich plötzlich auch sehr unangenehm erwischt, als kolt lief: „Ich tue gar nichts / weil es gemütlich ist hier bei uns / tue gar nichts / und bin gnadenlos informiert.“ Insbesondere der letzte Part packte mich. Informiert sein ist mir aus selbst nicht näher bekannten Gründen recht wichtig. Ich mag investigative Reportagen und Blicke hinter die Kulissen. Doch was mache ich mit dem ganzen Wissen und den Informationen?! Eine Meinung haben, die hoffentlich gut begründbar ist, aber sonst auch nichts. Zivilgesellschaftliches Engagement wäre ja mal was. Zumindest spenden für die Leute, die den Arsch in der Hose haben, aufzustehen. Die, die der Allgemeinheit mehr geben als ich in meiner Freizeit. Ich bin zwar nun nicht wirklich einen Schritt weiter, aber für die Reflektion tat es mal wieder sehr gut, mich anschreien zu lassen.

Hendrik Bolz
(Ms) Nach dem beeindruckenden Gig von grim104 beim Watt En Schlick vor wenigen Wochen kam kurz danach die Frage auf, ob es Zugezogen Maskulin denn überhaupt noch gäbe. Tja, keine Ahnung, zumindest ist seit Langem die Pausetaste gedrückt. Mit seinem Buch Nullerjahre hat Hendrik Bolz aka Testo jedoch ziemlich gut einen Nerv getroffen, den unsere Gesellschaft spürt. Es folgte danach nicht nur ein erfolgreicher Podcast, sondern auch eine Inszenierung am Staatstheater Schwerin. Meines Wissens soll das Buch auch noch verfilmt werden.
Am Theater Magdeburg war ein Anfang des Jahres ein anderer Tausendsassa unterwegs: Charly Hübner inszenierte dort Krieg Und Frieden. Dafür liefert Hendrik Bolz den Soundtrack, erstmals unter seinem bürgerlichen Namen. Drei Tracks hat er aufgenommen und Krieg ist bereits zu hören. Cineastische Streicher zu Beginn, danach ein komplexer, ballernder Beat. An Testo-Brechstange und Ironie hat Hendrik Bolz nicht verloren und einen starken Song abgeliefert. Eine kleine EP wird demnächst veröffentlicht - große Vorfreude!


Florence + The Machine
(Ms) Über Kunst und ihre Quellen. Am 31. Oktober erscheint die neue Platte von Florence + The Machine und ich bin einer ganz lieben Person dankbar, dass sie mir vor einiger Zeit ihre faszinierende Musik gezeigt hat. Dem Bann dieser Musikerin kann man sich nur schwer entziehen. Während ihrer letzten Tour musste Florence operiert werden und dieser Eingriff rettete ihr das Leben. Solch ein Schicksal, solch Leid ist niemandem zu wünschen, aber Personen wie Florence Leontine Mary Welch können solche schlimmen Phasen in Kunst transformieren und das ist auf der neuen Single, die - wie die Platte - Everybody Scream heißt, eindrucksvoll zu hören. Erneut sehr wuchtig arrangiert und beeindruckend im Video in Szene gesetzt, ist ein mystisch-okkulter Rausch zu sehen während Florence darüber singt, wo sie endlich sie selbst sein kann, jede Rolle, die sie ist, zugleich. Gänsehaut und Faszination gehen hier Hand in Hand und Ende Oktober wird aller Voraussicht nach eine außergewöhnliche Platte das Licht der Welt erblicken!


Tristesse
(Ms) Lieder, die vielleicht aufs erste Hören und bei der ersten Beschreibung gar nicht so stark knallen, aber die plötzlich eine Kraft entfalten, die so nicht unbedingt erwartbar war - zumindest nicht für mich. Coming Of Age ist ein Genre, das mich nie so angefixt hat, weder im Buch noch im Film. Aber ich kann den Zauber daran verstehen. Oft schwingt ja ein etwas verklärender Blick in die Vergangenheit mit, aber auch eine Rückschau in das, was man selbst einst war. Diese Perspektive eröffnet die Berliner Band Tristesse auf ihrer neuen Single West Hollywood, die seit Kurzem zu hören ist. Insbesondere die elektronische Dynamik des Tracks entwickelt richtig viel Zug nach vorn und macht plötzlich ganz viel Spaß. Ihr neues Album Schönste Trauer erscheint am 5. September und wird viel Wucht und Melancholie mit sich bringen!


Anna von Hausswolff
(Ms) Wenn KünstlerInnen in Projekten abseits ihres MusikerInnendaseins verschwinden, ploppt bei mir die Frage auf, ob sie nochmal neue Lieder mit der Band oder dem Projekt rausbringen, wofür sie bekannt sind. Konstantin Gropper ist zum Beispiel irgendwo in der Soundtrackwelt verschwunden. Bei Anna von Hausswolff ist es das Theater gewesen, wo sie zuletzt viel gearbeitet hat. Langsam schwand die Hoffnung, dass es nochmal neue, frische, dunkle Orgelmusik von ihr gibt - bis zu dieser Woche! Gleich zwei Singles und ein neues Album hat die Schwedin angekündigt. Die beiden Tracks haben es direkt in sich. The Whole Woman ist ein Feature mit Iggy Popp, den die Organistin nicht nur verehrt, sondern nun auch das Glück hat, mit ihm zusammenzuarbeiten. Es sind Streicher, Akustikgitarre, Stimme und natürlich auch Orgel zu hören, aber nicht mehr so wuchtig - dennoch wunderschön! Bei Stardust musste ich mich direkt vergewissern, dass das richtige Lied läuft, elektronisch angehauchte Rhythmen sind direkt zu vernehmen und auch ein Synthie-Bass und Bläser, ganz Hausswolff-untypisch aber so großartig, dass diese Künstlerin nicht auf der Stelle stehen bleibt. Jedes Album ist ein Schritt in eine neue Richtung und das macht ihr Schaffen wahnsinnig spannend und auf beste Weise unvorhersehbar. Iconoclasts heißt die neue Platte, die am 31. Oktober erscheinen wird. 12 neue Stücke werden darauf sein und meine Hoffnung ist groß, dass sie damit auch wieder auf Tour gehen wird. Was für eine Künstlerin!

Freitag, 15. August 2025

KW 33, 2025: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay.com
(Ms) Über echt schlimme Begrifflichkeiten und meinen etwas eingeschränkten Blick darauf.
„Speaker XY tritt bei Konferenz AB auf“ - haltet euch fest. Besser als Konferenz wäre noch Networking oder Panel. Heidewitzka! Speaker ist ja ein derart beschissener Begriff! Wieso auf Englisch!? Ist Euch Redner zu bieder oder was? Referent wäre ja auch noch völlig in Ordnung. Bei beiden Worten wüsste ich auch, was darunter zu verstehen ist. Aber was tut ein Speaker? Er spricht. Ja, toll. Gut möglich auch, dass dieser Speaker Gründer ist. Herrje - der nächste Schwachsinnsausdruck. GründerIn. Ja, was hat diese Person den gegründet?! Wäre das nicht ein bisschen interessanter?! Als Bezeichnung wäre doch VorsitzendeR von Unternehmen BC oder AutorIn bei diesem Blatt oder jenes Buches. Nein, GründerIn ist das Wort der Stunde. Als ob jemand jede Woche ein neues Unternehmen oder Netzwerk gründet. Was für ein Oberschwachsinn oder ist meine Sicht auf die Dinge so bieder?! Kann man die Dinge nicht einfach allgemeingültig beim Namen nennen, so dass alle es verstehen oder bin ich mit Mitte dreißig im 21. Jahrhundert noch nicht angekommen?!

Tristan Brusch
(Ms) Macht die Gänsehaut einsatzbereit, denn der großartige Tristan Brusch hat nicht nur eine phantastische neue Single parat, sondern auch noch ein neues Album, das am 24. Oktober erscheinen wird und dazu eine Tour! Nachdem ich ihn letztes Jahr in Hamburg gesehen habe, bin ich noch mehr hin und weg als vorher. Dieser kammerorchesterartige Auftritt blieb stark in Erinnerung wegen viel musikalischer Raffinesse! Grundsolider Schläger heißt das Stück, das wir seit heute hören können und auch wenn es etwas lustig klingen mag, ist es ein Gänsehauttrack vom allerfeinsten. Denn erneut liefert der Sänger eine Perspektive, die nah an ihn selbst geht. Nur wer genau sein Gegenüber ist, bleibt unklar. Hier ist Phantasie gefragt! Am Anfang heißt das Album, auf dem dieses Stück enthalten sein wird und wird sicher wieder neue Maßstäbe auf dem Chanson-poppigen Musikgebiet setzen. Da bin ich mir ziemlich sicher.

01.09.2025 - Berlin, Radio Eins Parkfest
14.09.2025 - Dresden, The Sound Of Bronkow
10.03.2026 - Göttingen, Musa
11.03.2026 - Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld
12.03.2026 - Essen, Zeche Carl
13.03.2026 - Bremen, Lagerhaus
14.03.2026 - Hamburg, Mojo Club
18.03.2026 - Dresden, Beatpol
19.03.2026 - Erlangen, E-Werk
20.03.2026 - München, Ampere
21.03.2026 - Stuttgart, Im Wizemann
22.03.2026 - Wiesbaden, Schlachthof
26.03.2026 - Magdeburg, Moritzhof
27.03.2026 - Leipzig, UT Connewitz

Schreng Schreng & La La
(Ms) Was? Nein! Das kann doch nicht sein! Oder was ist hier auf einmal los? Schlagzeug und E-Gitarre bei Schreng Schreng & La La? Wo kommen wir denn da hin?! Jaha, man kommt ziemlich weit damit, denn die neuste Single dieses Duos, Die Dualität Der Dinge, hat es wieder vollkommen in sich. Ich bin fast schon erschrocken, wie verlässlich großartig Lasse Paulus und Jörkk Mechenbier mit ihrem Projekt immer ein bestimmtes Gefühl auf dem Kopf treffen. Der durchaus raue Charakter dieses Tracks passt hervorragend zum Text und das ist doch ganz große Kunst, wenn sich beide Elemente so gut ergänzen und eins werden! Wow, diese Band weiß einfach, wie es geht. Schon am 29. August wird mit Catch & Release ihr neues Album erscheinen und ein paar Termine stehen auch schon fest - unbedingt hingehen ist klar, oder?

05.09.25 Ilmenau, Aufmucken,
06.09.25 Bremen, Eisen (Release Party)
20.09.25 Köln, Müllem Mon Amour


Prolapse
(Ms) Wird er je enden, der Zauber der Musik? Ich gehe stark davon aus, dass der musikalische Überraschungsmoment nie an Magie einbüßen wird auch wenn es KI Bands und all so einen Kram gibt. Es gibt eine Energie von Musik, die eine Art von Herz und Unmittelbarkeit hat, die (vorerst) meiner Meinung nach nicht künstlich zu erzeugen ist. 
Auch wenn es die Band Prolapse seit den 90ern gibt und sie sage und schreibe 26 Jahre Pause (!) gemacht haben, habe ich noch nie von ihnen gehört. Sicher liegt es an der entspannten Pause, denn in meinem Kinderzimmer lief nicht solch eine Musik. Sie ist very british und herrlich unbequem. Laut, roh, krautig beinahe schon psychedelisch in ihren wiederholenden Schleifen. Nun ist mit The Fall Of Cashline die erste Single ihres neuen Albums I Wonder When They‘re Going To Destroy Your Face (schon mal Hut ab für diesen Titel) erschienen. Dieser Track entfacht so viel Kraft und einen ganz eigenen Sog, dass es kaum möglich ist, sich davor zu wehren! Die Platte erscheint am 29. August!

Sonntag, 10. August 2025

Live in Oldenburg: Pöbel MC, Waving The Guns & Nanti

Pöbel MC, Foto: luserlounge 
(Ms) Der Sommer ist wieder da - wie geil ist das denn bitte?! Das muss das Team von Einfach Kultur aus Oldenburg genauso bestellt haben. Seit Mittwoch finden im Gleispark deren Sommerkonzertreihe statt und die Gummistiefel können wieder im Schrank warten. Beste Laune überall und Samstag war der erste Tag, der im Vorhinein ausverkauft war. Kein Wunder - denn niemand geringeres als Nanti, Waving The Guns und Pöbel MC gaben sich die Ehre und haben dieses unfassbar coole Areal im Laufe des Abends in einen Club verwandelt. Den Gleispark kann man sich als eigentlich irgendwie tote Fläche zwischen Bahngleisen und Parkhaus vorstellen, die ziemlich geschickt zum Leben erweckt wurde. Auf der einen Seite fahren die Züge in den Oldenburger Bahnhof ein, auf der anderen Bürogebäude, dazwischen ein Ort für reinen Eskapismus.

750 Leute kamen und um 18.30 Uhr eröffnete Nanti den Abend. Rap mit Techno-Elementen und Texte von migrantischer Biographie bis Drogengenuss - natürlich nicht ohne eine entsprechende verantwortungsvolle Einordnung der Rapperin im Vorhinein. Bei so viel Gras, wie über den ganzen Abend zu riechen war, war das eh egal. Einige Zeilen waren sehr charmant und unterhaltsam („Alle sagen Wallah, aber keiner spricht Arabisch“), aber insgesamt hat mich ihre Musik nicht so gepackt. Bei vielen war das anders - ein Hoch auf unterschiedliche Musikgeschmäcker!

Anschließend baten Waving The Guns zum Stelldichein. Milli Dance war vor ein paar Jahren schon mal dort zu Gast und es war ein reiner Abriss. Seit Jahren bin ich großer WTG-Verfechter, doch dies war sicher eines der eher schwächeren Gigs, die ich von ihnen sah. Meiner Einschätzung nach lag es vor allem am Sound, es hätte einfach alles locker etwas lauter sein können. Einige Beats kamen gar nicht mal so gut durch. Doch wie Milli Dance auf der Bühne performt ist immer noch irre! Ich mag seine Ausstrahlung und wie er Songs wie Das Muss Eine Demokratie Aushalten Können, In Diesen Zeiten Tanzen oder Gran Canaria live darbietet. Ab Herbst bis Frühjahr sind Waving The Guns erneut auf Tour und ein lauterer Club-Besuch sollte sich wieder lohnen!

So langsam war es dann auch richtig voll, aber es gab stets ein entspanntes Durchkommen zur Toilette oder Bar. Die Stimmung war eh sehr gelassen und respektvoll. Dass ein linkes Pubikum linke Parolen bei linken Gigs skandiert ist ja immer etwas wie Eulen nach Athen tragen - es ist kein Ansprechpartner da. Antifa ist und bleibt Handwerksarbeit im Alltag.

Was Pöbel MC dann gut 70 Minuten abgeliefert hat, kam definitiv von einem anderen Stern. Je länger der Auftritt ging, desto intensiver wurde er. Und das lag hauptsächlich daran, dass die Tracks immer öfter in die Multilingual Mike-Technoebene schwenkten und das Publikum hat diese Einladung gerne angenommen. Der Pogo-Kreis wurde größer und die Zeilen von der Bühne bekam immer öfter einen ach-das-lass-ich-mir-tätowieren-Anklang („Kunst ist Kacken, nicht Arschkriechen“). Ja, der Pöbel MC-Auftritt hat sehr viel Spaß gemacht und das Geniale an der ganzen Sache war, dass je später es wurde, die tolle Beleuchtung vom Gleispark immer mehr in Szene gesetzt wurde. Leichte Festivalfeelings mitten in der Stadt bei einem Abend mit drei sehr unterschiedlichen, aber auch unterschiedlich starken Auftritten im Gleispark. Dass alle drei KünstlerInnen anonym auftreten, ist eine spannende Randbemerkung…

So geht es vor Ort weiter:
12.08. - Wilhelmine, Katha Pauer
13.08. - Milliarden, Mola, Telquist
14.08. - Bruckner, Marie Bothmer
15.08. - Filly, 6Euroneunzig, Carla Ahad
16.08. - Il Civetto, Modular




Freitag, 8. August 2025

KW 32, 2025: Die luserlounge selektiert

Quelle: de.wikipedia.org
(Ms) Genug vom Watt En Schlick an dieser Stelle, aber über die Art und Weise so eines Festivals musste ich doch noch einige Zeit nachdenken. Es gibt Lesungen über Politik, Gesellschaft, Inklusion. Es gibt Bands, die wirklich was zu sagen haben - an vorderster Front Ebow, deren Auftritt immer noch bei mir nachhallt. Aber was genau findet da eigentlich statt für drei Tage?! So ein Festival ist Eskapismus, klare Sache. Drei Tage abschalten, keine Sorgen haben, den Alltag ausklammern, träumen und besser nicht ins Portemonnaie gucken. Denn das wird zügig leer an so einem Wochenende. Merch für 60 oder 70 Euro. Ein 0,4-Bier für 5,50 Euro, ein Burger (ohne Pommes!) für 10 Euro. Eine Kugel Eis für 2,50 Euro. Wer ist dort auf so einem Festival?! Ein unglaublich solventes, weißes Publikum auf jeden Fall, das auch 5 Euro für einen kleinen Kaffee ausgibt. Die Schlange war lang. Ich habe auch einen gekauft. Das ist null inklusiv. Exklusiver geht es ja gar nicht. 150 Euro für das Ticket und dann ein bisschen Gesellschaftskritik auf der Bühne und alle sind sich einig, dass alles ganz schlimm ist, aber erstmal tanzen. Ja, ich bin auch dabei. Ja, ich tanze auch mit. Aber geiler wäre doch, wenn alle 6.000 Menschen danach zusammen demonstrieren gehen, oder?

Farewell Dear Ghost
(Ms) Frage: Hat diese Wiener Band ihren Namen aus einem Monta-Track entnommen?
Noch eine Frage: Wer hat heute schon ein Lächeln erzwungen, obwohl ihm/ihr gar nicht danach war? Ein ungeschriebenes, gesellschaftliches Gesetz sieht vor, dass es möglichst viel gute Laune geben soll, viele Lacher, seichte, kurzweilig Unterhaltung und die Frage „Wie Geht‘s?“ sollte maximal mit „Gut“ beantwortet werden. Denn wenn wir wirklich offen legen, wie es eigentlich ist, braucht man mehr Zeit. Zum Denken, Reden, Zuhören. Farewell Dear Ghost haben dazu einen richtig starken Indierock-Song geschrieben. Modern Smile heißt er und es geht genau darum: Etwas vorgeben statt sich zu öffnen, obwohl letzteres so gut tut. Vielleicht ist es hart und schmerzvoll, aber auch befreiend. Das Trio ermutigt uns dazu, das Lächeln vielleicht auch auf später zu verschieben und davor sich mal wirklich auszutauschen. Das Lächeln kommt dann wieder, wenn dieser Track läuft, denn er ist ganz großartig arrangiert und macht sehr viel Lust auf noch viel mehr - musikalisch und inhaltlich!


Honig
(Ms) Kann Musik eine Form des Zuhausefühlens darstellen? Ein ortsunabhängiges Gefühl des Wohls? Gewissermaßen auch des Verstandenwerdens, obwohl man erstmal ganz allein ist mit der Musik? Ich bin davon fest überzeugt und zumindest für mich gibt es ein paar KünstlerInnen, die dieses Gefühl unumwunden erzeugen oder auslösen. Honig gehört ganz weit vorne mit dazu. Ich weiß gar nicht genau, was es ist, was Stefan Honigs Musik ausmacht, dass sie in mir diese wohligen Wogen auslöst, aber es ist schön. Vielleicht ist es die Energie des Golden Circle, die mächtig ist. Wie dem auch sei: Zusammen mit Meursault hat er kürzlich eine EP veröffentlicht. Jede Band mit 3 neuen Stücken. Zu Horrible Birthday gibt es ein tolles Video zu sehen, mit leichten Travis-Vibes zum Schluss. Ein sanftes Lied mit vielen guten Fragen wie „How could you know how I feel?“ oder „Did you ever need this Love?“ Herz und Hirn werden bei Honig mal wieder angeknipst und dafür mag ich seine Kunst so sehr!

19.09. Jever - LOK 
20.09. Berlin - Emmauskirche Kreuzberg 
21.09. Erfurt - Universaldrogerie 
22.09. Münster - Pension Schmidt 
23.09. Düsseldorf - ZAKK 
24.09. Wuppertal - Loch 
25.09. Mönchengladbach - Kultur im Zelt 
26.09. Karlsruhe - NuN 
27.09. Köln - Schmitzundkunzt 
28.09. Langenberg - KGB


Our Shame 
(Ms) Den Horizont erweitern, auch auf der musikalischen Landkarte. Kennt jemand eine Band aus Taiwan?! Eben, genau. Hier kommt sie und sie bringt großartige Musik mit sich. Our Shame haben diese Woche ihre zweite Platte Namens Hidden Album veröffentlicht. Estelle H und Isan machen Musik, in die es sich hineinzulegen gilt. So sanft, behütet, weich. Und dennoch durchziehen die Tracks des Albums leichte Risse. Anflüge von Selbstzweifel, verbotene Liebe oder gar Auftragsmorde. Und schon hören sich die entspannten Electrosounds gar nicht mehr so gelassen an und die inhaltlichen Risse werden größer. Das ist natürlich sehr geschickt, Klang und Text so gegensätzlich zu gestalten. Schaf im Wolfspelz quasi. Klingen tut es grandios - bitte reinhören: 


Betti Kruse
(Ms) Axel Prahl ist ein guter Schauspieler, ich mag einiges, was er macht und der Tatort gehört da noch nicht mal zwingend mit hinzu. Doch seine Musik finde ich ganz furchtbar. Dieses seemännisch-maritime Gedudel nervt. Und jetzt dampft das Hirn ein wenig. Weil: Die neue Single von Betti Kruse klingt jetzt nicht nach Axel Prahl, aber Jeden Tag Fährt Ein Zug ist so eine süße kleine Geschichte von der Küste. Der Schauspieler könnte ähnliches singen, doch Betti Kruse nehme ich das viel mehr ab, verstehe, was sie meint. Eine kleine schwelgerische Episode, die den Glanz und den Zauber des Moments behandelt und aufzeigt, wie sehr es sich lohnt, mal die Leute anzuschauen oder sogar anzusprechen, die neben einem sitzen oder stehen oder warten. Wieso nicht?! Uns verbindet doch so viel, doch die meisten schauen ja eh aufs Handy. Betti Kruses Musik klingt ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Chanson? Schlager? Retro-Pop? Keine Ahnung, aber es ist schön, ganz ungefiltert und aufrecht. Das ist zu hören. Und das finde ich gut. Bei Axel Prahl höre ich keine Aufrichtigkeit sondern eher Vermarktung und eine irgendwie verballhornte maritime Romantik. Die Hamburger Musikerin bringt im November ihr Album raus und ich bin mir sehr sicher, dass das ganz großartig sein wird!


BSK
(Ms) Vor sechzehn Jahren im Sozialwissenschaften-Leistungskurs haben wir über Rollenmodelle gesprochen. Das war super interessant, weil irgendwie augenöffnend. Der etwas biedere, junge Lehrer meinte dann: Morgens Anzug, abends Lederjacke. Klingt ein bisschen plump, fasst das ganze aber recht gut zusammen. Kleider machen Leute, man erkennt einander, fühlt und sieht Gemeinsamkeiten, egal, welchen Kreisen man sich zugehörig fühlt. Ziemlich genial hat die Band BSK das in ihrem Video zu Linksradikal Gelesen bildlich umgesetzt. Den Track haben sie mit Ein Punk Band aufgenommen. Am 12. September erscheint ihre erste Platte Keine Bewegung und BSK beweisen, dass Punk immer noch wichtig ist, funktioniert, anecken kann und halt auch eine Menge Spaß macht. Wer erkennt also wen und woran und wiesoweshalbwarum?! Alle Fragen und alle Antworten liefert uns diese Band mit ihrer Platte!


Mola & Fatoni
(Ms) Never change a winnig Team: Mola und Fatoni zum Beispiel. Was schon mehrfach sehr gut funktioniert hat, funktioniert heute ein weiteres mal exzellent! Am 26. September erscheint Molas neues Album Liebe Brutal und heute die neuste Single Menschen. Und wenn Molas unverwechselbare Gänsehautstimme auf Fatonis Art zu Rappen stößt, kommt einfach ein großartiger Track dabei heraus. Eine kurzweilige Abhandlung darüber, was für einer merkwürdigen Gattung wir angehören. Genie, Wahnsinn, Irre, Gute - all das sind wir. Und ich glaube es ist sehr geschickt, dass wir uns das immer wieder bewusst machen. Es ist leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Aber wie anders sind diese Leute denn, wenn sie uns doch sehr ähnlich sind?! Eben. Laut aufdrehen, bitte!


Die Höchste Eisenbahn
(Ms) Thema Nummer 1: Es klingt so platt, aber: Jeder kennt das. Oder den oder die. Diese eine Person im näheren Umfeld, die permanent zu spät kommt, oder - wenn man sie abholen will - erstmal noch alles fertig machen muss. In meinem Freundeskreis war das früher F. Immer wenn wir ihn abholten, war klar, dass er noch Zähne putzen, Frisur richten und/oder endlos lang die Schuhe zumachen musste. Wir haben die Abholzeit für ihn oft extra 15 Minuten vorverlegt, obwohl wir kamen wie sonst auch. Hat nicht geholfen. Dieses Zuspätkommen oder Immeraufsichwarten lassen kann wahnsinnig doll nerven und dazu bringen, über das Thema Zeit im Allgemeinen nachzudenken. Das tut die wunderbare Gruppe Die Höchste Eisenbahn auf ihrer neusten Single Ich Komm Gleich Nach. Sagt alles, oder?
Thema Nummer 2: Kunst. Denn die Band ließ zu dieser neuen Single ein Musikvideo machen. Das lag in den Händen von Elena Nyffeler und es ist wunderschön geworden! Mit Menschen und Schnecken aus Knete und einem liebevoll gestalteten Umfeld, lässt dies nur staunen. Und ich finde es wunderbar, dass in dieser schnelllebigen Kunstwelt Menschen dafür die Muße haben. Ganz viel Liebe!
Die neue Eisenbahn-Platte Wenn Wir Uns Wiedersehen Schreien Wir Uns Wieder An erscheint am 12. September!



Dienstag, 5. August 2025

Live: Watt En Schlick Fest 2025

Sophia Kennedy, Foto: luserlounge
(Ms) Gesprächsthema Nummer 1 am Wochenende: Das Wetter.
Gesprächsthema Nummer 2 am Wochenende: Das Line-Up.

Selbstredend hatte das 12. Watt En Schlick Fest in Dangast noch wesentlich mehr zu bieten, aber diese beiden Themen waren omnipräsent.
Von Freitag bis Sonntag wurde das kleine Dangast am Jadebusen wieder von gut 6.000 Festbesuchenden heimgesucht. Der kleine Edeka hat sich mit Regenaushaltekleidung gewappnet und auch die KuchenbäckerInnen aus dem Kurhaus haben sicher die ein oder andere Nachtschicht eingelegt - der Rhababerkuchen mal wieder ein Traum! Die gängigen Wetter-Apps liefen heiß und siehe da: Es war nicht ganz so schlimm wie erwartet. Klar, von Trockenheit keine Spur, aber immerhin kein Gewitter. Somit musste zu keinem Zeitpunkt das Gelände geräumt werden und alles konnte wie geplant ablaufen. Das Aufbauen der Zelte war in den meisten Fällen auch kein Problem und das Team hat beim Verlassen der matschigen Felder geholfen.

Was ist also das beste Outfit bei diesen Gegebenheiten- 20 Grad und wahrscheinlich viel Regen?! Es gab grob gesehen zwei Typen an Menschen, die das Gelände betreten haben. Die einen sahen aus wie beim Survivaltraining. Alles, was die Funktionskleidungsabteilung bei Decathlon zu bieten hat, befand ich am Körper. Hauptsache der Mensch war trocken und warm. Die anderen hatten zumindest mit der Nässe von unten kein Problem. Leichtes Schuhwerk oder Flip Flops und dann halt barfuß und obenrum flexibel reagierend auf die Wolkenentwicklung. Ich bevorzugte den letzteren Typ, hatte immer nasse, matschige Füße, war immer trocken von oben und mir war nie kalt. Das Watt wärmt genug - kurze Hose, perfekt!

Grim104, Foto: luserlounge 
Somit ab zu Gesprächsthema Nummer 2 vom Wochenende und dem eigentlichen Programm. Ja, ich war auch einer von denen, die sich etwas skeptisch zum Line-Up geäußert haben - hier und vor Ort. Auf der anderen Seite ist es auch sehr lohnenswert, den Veranstaltenden zu vertrauen - es hat sich mal wieder gelohnt. Ja, es gab zahlreiche Acts, die mir einfach nicht zugesagt haben. Bei einigen habe ich dennoch vorbei geschaut, andere gänzlich ausgelassen. Ich werde kein Fan werden von Hanna Noir, Madeline Juno oder Apsilon - muss ich ja auch nicht. Es waren genügend Leute da, die das abgefeiert haben. Wie cool kann es sein?! Es müssen sich ja nicht alle einig sein - wäre ja ultra langweilig.

Dafür habe ich sehr viel gesehen, was mir gänzlich unbekannt war und an diesem Punkt wird so eine Veranstaltung doch spannend!

Fangen wir also ganz vorne an: 14 Uhr am Freitag, Hauptbühne, Eröffnung und der Strand ist schon gut gefüllt! Auf der Bühne stehen drei Typen mit Kopftüchern und Sonnenbrillen und verzaubern die herbstlich anmutende Nordsee in mediterranes Flair! Dov‘è Liana aus Italien kreierten einen Sound, der etwas seichter als Justice war, aber mindestens genauso tanzbar - genial! Etwas später fanden sich zahlreiche Leute vor der Paletten-Bühne zusammen, um AUGN zu sehen. Ich bin ehrlich: Das habe ich nicht verstanden. Okay, es ist eine provokante Kunstperformance mit 100% Playback und Ansagen vom Band, aber nach 20 Minuten wurde es auch langweilig, weil die Muster sich wiederholten und die x-te Beschimpfung wurde halt öde. Ja, ist alles so geplant und Teil des Konzepts aber mehr als ein müdes Lächeln zwischendurch ist das auch nicht wert.
Von Uche Yara habe ich mir ein wenig mehr Pepp erhofft, dennoch überzeugte sie mit einer unfassbaren Stimme. Eine der ganz großen Überraschungen vom Wochenende war Sophia Kennedy! Wow - was ist da denn bitte passiert?! Ist das Dark Pop oder so? Erinnert leicht an die Dresden Dolls und daher supersuper! Das war musikalisch genial und die erste Reihe wurde gern mal angeschrien! Zum Glück kommt sie nächstes Frühjahr in den Bremer Schlachthof - Pflichttermin! Die Goldenen Zitronen sah ich von ganz hinten im Zelt, zuvor regnete es in Strömen - alles voller Matsch, aber egal. Die Herren haben ordentlich abgeliefert vor dem Höhepunkt des Festes: Zaho De Sagazan. Ich hatte ein wenig Sorge vor zu viel Chanson und wurde zum Glück enttäuscht. Das, was die Französin mit ihrer Band über eineinhalb Stunden dargeboten hat, habe ich noch nicht erlebt. Zum Einen präsentierte sie ihre große Sensibilität - auch musikalisch - zum Anderen war das eine Electroparty vom allerfeinsten! Ich kann mich nicht daran erinnern, je spontan so mitgerissen worden zu sein. Mit geschlossenen Augen barfuß im Sand tanzen und alles drumherum vergessen - das war sehr intensiv. Auf der Bühne bot die Sängerin dazu eine tolle choreographierte Show ab mit allerhand Lichteffekten und viel Tanz. Der Hype ist mehr als berechtigt!

Tropikel Ltd., Foto: luserlounge 
Der Samstag war nass. Sehr nass. Aber egal. Denn die Stimmung war wirklich überall toll. Bei der Crew, den Besuchenden, auf allen Bühnen. Die Atmosphäre vom Watt En Schlick trägt durchs Wochenende. Und um 13 Uhr standen Tropikel Ltd. bereit. Keine Ahnung, wie ich das beschreiben soll, aber es war geil! Power-Synthie-Pop mit viel Augenzwinkern und unglaublich tanzbar. Das war musikalisch raffiniert und sehr unterhaltsam. Tropikel Ltd. - merken Sie sich diesen Namen. Und ist Lolo Highspeed eventuell der Bruder von Jan Böhmermann?!
Egal, denn etwas später kam es zu einem der intensivsten Gigs am Wochenende - grim104 auf dem Floß. Dauerregen inklusive, egal. Egal war das auch dem Rapper, denn er stand mitten auf dem Steg der Floß-Bühne, die noch auf dem Trockenen lag - später schwamm sie. Leider war der Sound ganz vorne sehr leise - aber nebensächlich. Grim104 hat sehr stark abgeliefert zwischen Tod, Verderben, Abschied und Apokalypse. Wow! Weiter tanzen - aber etwas fröhlicher - ließ es sich zu Rah & The Ruffcats im Zelt. Die neun Musiker auf der Bühne haben eine tolle Energie entfacht! Anschließend wurde es ebendort endlich gitarrenlastig. Erst haben Friedberg gespielt, die eigentlich letztes Jahr schon da sein wollten. Das hat sehr viel Spaß gemacht und war live halt auch irre gut. Zwischen rauschenden Rhythmus-Parts, krachenden Gitarren und Synthies-Gewitter zur neusten Single! HotWax haben klassisch Gitarre, Bass und Schlagzeug wummern lassen und das auch sehr ordentlich! Das Trio von der britischen Küste weiß halt, dass Punkrock immer geht - das wussten auch die Ohren noch am Tag danach. Ein wenig von Franc Moody schaute ich mir dann noch an - genial! - dann musste ich eine Pause machen.

Denn für Sonntag mussten mittags alle Kräfte gebündelt sein. Nicht zwingend für Bummelkasten, obwohl das auch sehr lustig war und das nicht nur für Kinder. Denn um 13 Uhr spielten Juse Ju und Fatoni im Zelt! Eskalation um High Noon?! Klar, gar kein Problem! Angeblich hat Fatoni sich selbst eingeladen, denn das Watt En Schlick ist sein Lieblingsfestival - wer mag es ihm nehmen!? So viel ich von ganz vorne sehen konnte, war das Zelt super gefüllt und der Bass kräftig aufgedreht. Es gab ein Best-Of von beiden plus ein, zwei BARWS-Tracks auch ohne Edgar Wasser. Dafür war Panik Panzer als Gast am Start - wie geil kann es eigentlich laufen?! Eben! Kurz danach kam die Sonne raus, aber so langsam verließ nicht nur mich die Energie. Das Aufraffen zu Ebow hat sich aber noch mehr als gelohnt! Und ich frage mich ernsthaft, warum sie nicht abends Headlinerin war?! Kaum ein Act hatte so viel Wichtiges zu sagen wie sie und dazu noch so gute Musik gemacht. Ich kannte die Rapperin zuvor nicht, das ist aber sowasvon abgespeichert! Diese Künstlerin hat in meinen Augen dem platten Unterhaltungszynismus von AUGN Gehalt entgegen zu setzen - aufrecht, bitter, tanzbar!
Als letzten Act des Festes schaute ich mir dann noch Bon Enfant an. Und auch hier gab es eine weitere Überraschung! Wie cool, lässig, hypnotisierend und locker war das denn bitte?! Eben!

Klar, ich hätte gern noch Lovehead, Die Höchste Eisenbahn, Team Scheisse und die Donots gesehen. Aber der Kopf konnte keine Eindrücke mehr aufnehmen und die Beine wurden langsam schwer und so ging es ab nach Hause.

Im Gepäck befinden sich viele beeindruckende Bilder, viele sehr intensive Musikrauschmomente und eine unglaublich tolle Zeit am und im Watt mit lieben Menschen. Nur einen Act, nämlich Juse Ju und Fatoni, habe ich vorher schon mal gesehen. Ansonsten war es mehr als lohnenswert, den Veranstaltenden und dem Bookingteam einfach zu vertrauen, dass die keinen Quatsch machen. Haben sie umgesetzt! Genial! 
Und ja, 195 Euro für das kommende Jahr ist sehr, sehr viel Geld! Doch das Watt En Schlick ist ein kleines, unabhängiges Fest, das mit Herz und Leidenschaft gewuppt wird. Als BesucherIn bekommt man sehr viel geboten, vor allem viele neue, phantastische Töne.

Also: Bis nächstes Jahr!