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Hier im Norden war in den letzten Wochen die heiße Phase der Kohltouren. Kurze Erklärung: Man trifft sich mit guten Leuten, hat Bollerwagen dabei, die reichlich mit Alkohol und Snacks gefüllt sind, trinkt an jeder Kreuzung einen Schnaps und kehrt danach in einer Gaststätte zum Grünkohlessen ein. Das ist hier Kultur - Punkt.
Leider hinterlassen diese Grüppchen immer wieder ordentliche Portionen an Müll. So auch hier drei, vier Straßen weiter. So viele 0,2-Liter-Flaschen Korn - ekelig. Ich sah sie letztens beim Spazieren und dachte mir: Kann ich auch einfach mal weg machen. Mööp. Die Idee hatten auch andere Menschen, die besser, schneller und umsichtiger sind als ich. Sie sammelten vergangenes Wochenende ganz selbstlos diesen Müll auf. Müllzange, Handschuhe, Müllsäcke - alles sauber. Bin ich neidisch?! Ja, ein kleines bisschen. Aber eher so, dass sie mir ein Beispiel sind.
Low Key Orchestra
(Ms) Ja, das hier ist nicht Torpus & The Art Directors, aber die Stimme von Sönke Torpus ist so unverwechselbar, dass ganz viel der ehemaligen Band in der neuen liegt. Ja, dass Sönke Torpus mit Low Key Orchestra eine neue Band hat, wissen alle LeserInnen dieser Seite. Persönlich habe ich mich sehr darüber gefreut, weil das auch einfach so ein toller Typ ist. Er spielte unter anderem im Vorprogramm von Young Rebel Set letztes Jahr und versprühte viel Energie und enorm viel Witz. Schön auch, dass seine Frisur einigermaßen geblieben ist. Bevore The Reverb heißt die erste Platte im neuen Gewand und wird am 26. Juni erscheinen. Mit Send Love ist letzte Woche eine weitere Single erschienen, die die faszinierende Macht des Zusammenhalts feiert - wie schön, wie wahr, wie gut, wie toll klingend! Zum neuen Track gibt es eine tolle Live-Band-Version, die es zu lauschen lohnt:
Abramowicz
(Ms) In dieser Woche lang ein wenig Aufbruch in der Luft, oder? Klar, nicht politisch, da geht’s echt nur bergab. Aber es ist doch toll, dass uns jedes Mal die ersten warmen Sonnenstrahlen so verzaubern, oder? Das ist ein Zauber, der nie enden wird. Jeder Frühling macht Spaß, erzeugt Freude, das Draußensein wird zur Devise Nummer 1. Dazu sollte unbedingt der neue Track Money Takes von Abramowicz laufen. Okay, nicht zwingend inhaltlich, aber von der Stimmung her! Und genau das kann doch gerade richtig gut tun. Insbesondere, wenn die Band sechs Jahre lang schlief, aber nie tot war. Sie lebte in Sören Wartekin, der sie nun neu formiert hat und mit extrem viel Energie wiederauferstehen ließ. Wow - das macht wirklich viel Spaß und sehr viel Vorfreude auf noch viel mehr Neues! Alle im Norden dürfen sich schon mal freuen, dass sie Anfang Juni beim sehr guten Fair Weather Fest in Bremen spielen werden. Alle hin da!
Und jetzt mal ganz ehrlich: Was hat er denn für eine geile Stimme?!
Neonschwarz
(Ms) Manche Veränderungen kündigen sich ja auch durch kaum Hörbares an. Erst eine lange Pause, dann Solo-Aktivitäten, ein paar kryptische Meldungen. Dass es irgendwann vorbei ist mit Neonschwarz - ich hatte da so eine Ahnung. Das Schöne an der Tragik ist aber, dass sie im Guten diese Band beenden werden. Kein Krach, kein Stress, einfach nur vier Leben, die sich im Laufe der Zeit verändert haben. Wer irgendwas über dreißig ist, wird das verstehen können. Dennoch: Neonschwarz standen immer für viel Energie auf der Bühne, eine sehr klare antifaschistische Haltung, Jogginghosentage und viel Witz in ihren Tracks. Ich habe sie einige Male live gesehen und es war immer eine irre Party - mit der militanten Tante selbstredend. Bin geht die Band im Herbst noch ein letztes Mal auf eine kleine Tour und veröffentlicht am 19. Juni ihr Best-Of Namens Forever. Wie schön - diese Band wird also nicht beerdigt, sondern für immer freigelassen. Wenn das nicht ein - wenn auch trauriger - Grund zum feiern ist:
26.09.26 Leipzig - Conne Island
02.10.26 Berlin - Festsaal Kreuzberg
09.10.26 Hamburg - Gruenspan (Exil)
AB Syndrom
(Ms) Solidarität und Unterstützung sind Werte, die viele Krisen ausgleichen oder gar verhindern können. Zudem ist das Füreinanderdasein einfach eine tolle Tugend. Es gibt sie auch in der Musik. Band A nimmt KümnstlerIn B mit auf Tour, der Bekanntheitsgrad kann wachsen, wir kennen das. Ich finde das wahnsinnig sympathisch, denn so gibt es immer mehr zu entdecken. So ergab sich auch mein erster Berührungspunkt mit AB Syndrom - als sie zusammen mit Mine Spiegelbild produzierten. Dann sah ich sie in Oldenburg live - irre Energie, großartige Typen. Dazu enorm außergewöhnliche Musik, die sich nicht kategorisieren lässt. Elektronischer Pop - ja, schon irgendwie. Aber mit viel Tiefe, Persönlichkeit und Verletzlichkeit. Im Herbst wird es eine neue Platte geben und damit geht die Band wieder auf Tour. Wer kann, sollte da auf jeden Fall hingehen, denn das könnte höchst beeindruckend werden:
14.10.26 Hannover - LUX
15.10.26 Frankfurt - Elfer
16.10.26 Köln - Jaki
17.10.26 Münster - Gleis 22
18.10.26 Hamburg - Bahnhof Pauli
20.10.26 Berlin - Berghain Kantine
Mikromoon
(Ms) Wohin entfliehen und mit welchem Vehikel, wenn es draußen mal wieder düster und wenig hoffnungsfroh aussieht? Da die reale Flucht nicht ganz unkompliziert ist, brauchen wir eine imaginäre. Ab ins Lala-Land, ein Ort von dem die Band Mikromoon auf ihrer neuen Single Project Dada singt. In dem tollen Video zum Track hebt das Quintett in außerirdische Sphären ab und das mit ganz phantastischem Sound. Beim dichten Zusammenspiel von Bass, Gitarre, Schlagzeug und Keyboard passiert gar nicht mal so viel. Genau das ist das Spannende. Spiralförmig und leicht psychedelisch nimmt mich der Klang ein, lässt die Füße automatisch mitwippen. So reist es sich doch am allerbesten, oder?
City Light Thief
(Ms) Zwei Sachen. Sache Nummer 1: Sound und Look. Als eine Nachricht über die Band City Light Thief hereinflatterte, war da eine wahnsinnig gut aussehende Band abgebildet, die nach nach-dem-Studium-im-Berufsleben-befreundet-geblieben aussieht. Dann lief ihre neue Single Infinite Original Content und ich war ab dem ersten Takt mehr als überrascht! Hardcore, Emo oder sowas in der Art. Treibende, harte Gitarren und viel Gebrüll. Will sagen: Mit Erwartungen brechen finde ich gut. Sache Nummer 2: Der Inhalt. Denn das Gebrülle ist stark. Also auch vom Text her. Die Band fragt danach, wie wir denn nun Musik konsumieren und welche Halbwertszeit sie hat. Eine sehr gute Frage, die ich hier auch immer wieder aufwerfe. Das Geschäft ist irre schnell. Selbst als kleiner Blog flattern bei uns mehr als 100 Mails pro Woche rein. Überall mindestens ein neuer Song drin. Altobelli - wie soll das denn gehen? Deshalb heißt diese freitägliche Rubrik ja auch „selektiert“. Schnell ein paar Klicks sammeln? Oder welche kaufen? Wie lange wirkt die Kunst? Wie schnell ist sie vergessen? Wie oft muss eine Band nachlegen, um im Gespräch zu bleiben? Oder sich einfach frei machen von all diesen scheinbaren Zwängen?! Ballert alles ziemlich gut in diesem Song, muss man sagen!
21.03. - Köln, Gebäude 9
05./06.06. - Bremen, Fair Wather Fest
Culk
(Ms) Ein Hoch auf die Dissonanz. Im richtigen Moment kann sie große Wirkung entfalten. Klar, wenn es immer nur geplant schief ist, mag das Ohr irgendwann nicht mehr. Aber wenn dadurch gute Brüche entstehen, wird Musik doch interessant, oder? Dieses Handwerk beherrscht die Wiener Band Culk auf ihrer neuen Single Twenty, Eighteen sehr, sehr gut! Ein LoFi-Kracher mit ordentlich Gitarrenwumms, der mal das Tempo schleppen lässt, dann wieder zwischen Harmonie und Dissonanz pendelt und inhaltlich die Frage stellt: „Is my heart full?“ Und das in jeglicher Hinsicht. Vielleicht auch nicht nur das Herz, sondern der ganze Kopf. Voll von Informationen und Berichten und Videos und echtem Leben und ahhhh! Verbunden fühlen mit einem Etwas da draußen, aber daheim alleine am Bildschirm sitzen. Damit ist die Gegenwart doch sehr gut zusammengefasst, oder? Stimmt!
Im Laufe des Jahres bringt das Quartett aus Österreich noch eine neue Platte raus, die sicher noch mehr kluge Lieder parat hält - bleibt gespannt!

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