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| Foto: Marie Planeille |
Die Musik des Sextetts besticht vor allem durch seine Rhythmik, den mehrstimmigen Gesang und Melodien, die zum Tanzen und Träumen anregen. Zudem ist kein Schlagzeug zu hören. Alle Percussion kommt von Trommeln, die aber auch meist nur im Hintergrund ihr Werk verrichten, und viel vom Klatschen. Das ist außerordentlich pfiffig und nimmt mich vom ersten Takt an mit. Vier Tracks möchte ich an dieser Stelle hervorheben, die insbesondere die ganze musikalische Welt, die diese Band uns schenkt, ganz breit ablichtet. Okcheur ist ein Stück darüber, dass der eigene Kompass nicht mehr funktioniert, irgendwie vom Weg abgekommen ist. Das lyrische Ich fragt die höheren Mächte, ob sie helfen können, denn auch das Wissen der vorherigen Generation scheint - für den Moment - abhanden gekommen zu sein. Musikalisch trägt ein sanfter, aber bestimmender Bass durch die Verse, dazu eine verspielte Gitarre und ein durchgehendes Klatschen. Die Verzweiflung des Erzählers kommt durch die Intonation durch, aber es schwebt auch ganz viel Hoffnung am Horizont! Ein Highlight ist auf jeden Fall Tin Arayth, das überraschend stark von der E-Gitarre dominiert wird und richtig Fahrt aufnimmt! Die Band singt hier im Call And Response - einer singt vor, die anderen antworten ihm. Und wieder die tolle Erkenntnis, wie stark aber angenehm das Klatschen vorantreiben kann - wow! Es ist eine Hymne auf die Heimat, auf den wunderbaren Blick vom höchsten Berg Adrien auf die Gegend, die insbesondere nach dem Regen ihre Schönheit preisgibt. Wer dazu nicht tanzen will, ist ein Banause! Doch Iyad Moussa Ben Abderahmane, Tahar Khaldi, Hicham Bouhasse, Abdelkader Ourzig und Haiballah Akhamouk können auch verträumter, ruhiger und gleichzeitig erhebend, ja transzendental. Adounia Tochal ist ein unglaublich sanfter, wunderschöner Track! Ein Text, der zu Tränen rührt. Ein Text über die Liebe zur Mutter, ein Text der ihr das Schönste auf der Welt gönnt und in der eine nicht geringe Spur Schmerz mitschwingt. Denn der Erzähler vermisst sie. Ach, was ist diesen Typen nur an Gutem zu wünschen, so viel Menschliches senden sie mit ihrer Musik in die Welt!
Dann ist da noch Téllalt. Die erste Single von Essam und in meinen Ohren das Herzstück dieses großartigen Albums. Es hat so viel Drive. So viel Energie. So viel Kraft. So viel Zauber, zu dem es sich leicht tanzen lässt, wenn im Hintergrund die Trommeln schwingen. Wow! Ein Lied, das die Verbundenheit zur Heimat aufleben lässt. Die Band scheint viel unterwegs zu sein und wenn sie Abends das Tellalt-Holz anzünden, entsteht ein einzigartiger Geruch, der Erinnerungen und Emotionen eines ganz bestimmten Ortes beschwören.
Ohne Kitsch singt diese Band von Gefühlen, die wir sicher alle kennen. Nur halt in einem anderen Kontext, auf einer sicher noch nie gehörten Sprache und Rhythmen, die mein Hörempfinden auf jeden Fall enorm bereichern! Was für eine Band, was für eine tolle Platte. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich das hier nicht entgehen lassen:
15.04.26, Berlin · Gretchen
19.04.26, Köln · Gebäude 9
21.04.26, München · Hansa39

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