(ms) Zwei Freunde von mir sind wirklich verrückte Fans der Flensburger Band Turbostaat. Unabhängig voneinander haben sie schon unzählige Konzerte besucht. Die Gruppe ist an mir immer ein bisschen vorbei gegangen. Einzelne Songs wie Haubentaucherwelpen oder Tut es doch weh finde ich ebenfalls sehr stark, doch ich habe sie tatsächlich nur ein Mal auf einem Festival gesehen. Und das nur im Vorbeigehen.
Ich kann mir nicht erklären, wie mir dieser folgenschwere Fehler unterlaufen konnte. Denn diesen Freitag (11. Januar) erscheint ihr erstes Live-Album, das auf den Namen Nachtbrot hört und ich darf schon seit ein paar Wochen reinhören und bin von der ersten Minute bis zum Schlusstakt vollends überzeugt, dass das hier ein ganz großer Wurf ist. Daher folgt nun der Versuch zu erklären, warum Nachtbrot das perfekte Live-Album ist.
Es gibt unterschiedliche Gründe, warum eine Band ein Live-Album produziert und es gibt unterschiedliche Herangehensweisen. Im Weihnachtsgeschäft tümmeln sich allerhand Geldzähler, manchmal ist es ein Abschieds-Release, ab und an die Aufzeichnung eines besonderen Abends mit speziellem Ambiente. Turbostaat haben sich für einen anderen, triftigeren Grund entschieden: Sie feiern dieses Jahr ihr 20-jähriges Bandjubiläum. Beachtlich: Stets in der gleichen Besetzung. Für diese Platte fuhren sie letztes Frühjahr nach Leipzig ins Conne Island, wo ein einzigartiges Publikum auf sie wartete.
So. Aus folgenden Gründen ist Nachtbrot das perfekte Live-Album: Erstens sind die Musiker dieser Band richtig, richtig gut an ihren Instrumenten. Das ist eine notwendige Voraussetzung für einen Live-Mitschnitt. Erhärtend kommt hinzu, dass es häufig Rhythmuswechsel innerhalb eines Liedes gibt, dass die beiden Gitarren scheinbar gegeneinander arbeiten. Dies funktioniert herausragend. Zudem wurde diese musikalische Dynamik bestechend gut eingefangen, man hat beim Hören wirklich den Eindruck vorne im Moshpit zu stehen.
Weiterhin gehört das Publikum dazu. Es ist in dem genau richtigen Maße zu hören. Es ist leise, wenn es leise sein soll (Wolter) und laut, wenn es laut sein soll (auch in Wolter und in den meisten anderen Liedern). Außerdem ist zu spüren, dass zwischen Band und Besuchern eine vertraute, ja beinahe freundschaftliche Atmosphäre herrscht. Man kennt sich. Das erklärt auch, warum die Menge so unheimlich textsicher ist. Diese Textsicherheit wird oft verlangt, wenn Sänger Jan es ihnen überlässt und dann, wenn das Publikum sich diesen Raum nimmt (Sohnemann Heinz).
Grund Nummer drei für die Stärke des Albums: Die Länge. Ein Live-Album mit zwölf Liedern ist unglaubwürdig. Es sind 21 Songs, die sich über 82 Minuten erstrecken. Es ist ein gefühlt volles Konzert, das an drei Abenden in einer Location aufgenommen wurde. Es harmoniert an allen Ecken und Enden, das passt saustark.
Grund Nummer vier: Die Dynamik, die Energie, die enorme Bereitschaft, die Kraft der Band. Wie sehr sie das provozieren ist nur ab und an und dann aber sehr deutlich zu hören. So ruft Sänger Jan Windmeier dem Publikum im Song Abalonia kurz vor dem Refrain einmal zu "Kommt!". Selbst wenn man nicht dabei war, weiß man ganz genau, was gemeint ist: alles geben, mitsingen so laut es geht, schwitzen was das Zeug hält, eins sein mit dem Augenblick.
Nummer fünf: Die generelle Qualität der Gruppe Turbostaat. Ich tue mich schwer damit, ihr Genre einfach mit Punkrock zu betiteln. Das wäre ihren Texten nicht gerecht, denn diese sind zu klug für Punkrock, teils zu verschachtelt. Sie sind nicht Schaum vorm Mund, sondern auch einfühlsam, ehrlich, bedacht. Die Dagegen-Mentalität, wie man sie eigentlich aus dem Punk kennt, ist zum Glück nicht zu vernehmen.
Heute, am 7. Januar, vor zwanzig Jahren kamen Jan, Rollo, Tobert, Peter und Marten das erste Mal zum Proben im Husumer Speicher zusammen, gründeten die Band mit allerhand Zweifeln und haben sich zurecht und beträchtlich etabliert in der deutschen Musiklandschaft und wuchsen zu einer überzeugenden, verlässlichen Größe heran.
Wer sich dieses Album nicht kauft, gehört ordentlich bestraft. Es sollte einen gebührenden Platz in der heimischen Plattensammlung finden und regelmäßig laut laufen.
Die beiden oben erwähnten Freunde kann ich nun mehr als gut verstehen.
Zum Glück kann man sich davon auch in den kommenden Wochen live überzeugen. Und zwar hier:
(ms) Die schwere Bürde, das vierundzwanzigste Türchen zu füllen. Oder ein Privileg? Egal!
Und was war das für ein Jahr! Privat gab es schon einige Tiefs und zum Glück noch mehr Hochs und viele Veränderungen, die auch nötig waren. Weg gehen, ankommen, abbrechen, neu starten, Reset drücken, inne halten und immer wieder die Boxen aufdrehen. 2019 war ein lautes Jahr, in dem die leisen Töne umso wertvoller wurden. Los geht's! Es gibt keine Wertung, keine Reihenfolge. Alben des Jahres
Fortuna Ehrenfeld - Helm Ab Zum Gebet
Wie genial kann man eigentlich sein? Wie kann man ausleben, dass einem alles egal ist? Wie kann man so gradlinig sein Ding durchziehen? Wie kann man so kreativ sein? Wie schafft man es jedes Mal das Publikum so zu begeistern, zum lachen und mitsingen zu bringen? Fortuna Ehrenfeld haben mit Helm Ab Zum Gebet ein großes Indie-Werk veröffentlicht mit Punkattitüde und Schlafanzug und dann noch auf Französisch und mit Männchen. Drei Mal habe ich sie zudem live gesehen und es extrem genossen. Zwischen Worttürmen und -spielen und keiner Angst die Tränendrüsen zu aktivieren.
Turbostaat - Nachtbrot
Ich habe es hier schon erwähnt. Turbostaat haben mit Nachtbrot das perfekte Live-Album schlechthin veröffentlicht. Und seitdem habe ich die Flensburger mitten auf dem Radar. Vor elf Jahren habe ich sie als Vorband der Beatsteaks gesehen. Doch so richtig präsent waren sie mir nie. Es hat sich schlagartig geändert. Möglicherweise ist es das Album, das ich in den vergangenen Monaten am häufigsten gehört habe. Was für eine Energie, was für eine Dynamik, was für ein gnadenlos unglaublicher Sound?! Klar, dass ich beide Gigs dieses Jahr komplett abgefeiert habe und lauthals mitgegrölt habe. Ganz stark. Und im Januar geht's mit der nächsten Platte weiter.
Pascow - Jade
Krasser als bei Turbostaat: Pascow hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Noch nie. Was für ein fataler Fehler?! Was für ein kapitaler Bock?! Wie konnte ich mir das nur antun?! Ihre Art des Punkrock ist ideal: extrem schnell, atemlos, direkt, vulgär wenn es sein muss, stets mit Haltung, kryptische Texte, kompromisslos. Jade haut mich immer noch um. Ein pausenloses, pulsierendes Gitarrengewitter. Ihr Konzert in Osnabrück eine Demonstration von Macht auf der Bühne. Mir hing die Kinnlade runter. Daher freue ich mich extrem auf den nächsten Gig. Warum nicht nach Kiel fahren?! Eben!
Songs des Jahres
Niels Frevert - Brückengeländer
Der Track hat keine Wunden aufgerissen, aber sie nochmal zucken lassen. Das letzte Jahr war zu gewissen Teilen Käse. Doch das Aufrichten, Beenden und Nach-Vorne-Schauen kommt durch dieses wunderbare Lied so stark zur Geltung, das ich Niels Frevert einfach nur danken will.
Enno Bunger - Ponyhof
Mein Gott, was für ein Lied. Jede Zeile geht direkt ins Herz oder lässt die Mundwinkel lachen. Insbesondere, wenn sich viel ändert, schaut man wo die Konstanten sind. Und bei den allerengsten Menschen sind sie natürlich zu finden. Ein Hoch auf all die tollen Leute, die einem nahe stehen!
Ásgeir - Youth
Wie kaum ein anderer mir bekannter Künstler schafft es Ásgeir in einer berührenden Schönheit sanft, direkt und gefühlvoll zu sein. Das zeigt er mit diesem Track in jedem Takt. Zudem erinnert das Video an einen wunderbaren, außergewöhnlichen Urlaub auf Island. Tipp: Geht im Frühjahr auf Tour!
Konzerte des Jahres
Wie auch letztes Jahr waren Kettcar drei Mal dabei, doch interessanterweise sind es drei andere Gruppen, die ich hier herausheben möchte. Zum Einen ist es Dagobert, den ich dieses Jahr auf dem Reeperbahn Festival gesehen habe. Das war schon witzig. Wie kann man als diese Figur mit diesen schlageresken Texten auf der Bühne nur so abgebrüht bleiben?! Das hat viel Spaß gemacht.
Und es kommt ein zweiter Festival-Auftritt hinzu: Tocotronic beim Deichbrand im (Hoch-)Sommer. Auf diesem Festival läuft ja mittlerweile auch viel Billo-Rap und Electro, aber halt auch wirklich gute Musik. Als Tocotronic dann im Zelt die Bühne verlassen haben, dachte ich nur: "Wie kann man bei so einer Saufveranstaltung nur so cool bleiben und Unwiederbringlich in voller Länge spielen?!" Als letztes das schönste Live-Erlebnis in diesem Jahr: Hannes Wittmer im Nachtasyl, Hamburg. Selbstredend sind es seine feinen Lieder, die berühren. Doch die Idee, einen leeren Stuhl für alle, die etwas sagen, fragen, erzählen wollen auf die Bühne zu stellen, gab diesem Abend einen nicht zu erahnenden Zauber!
Geheimtipp für 2020
Das ist wirklich schwer. Alles, worauf ich mich freue, sind keine Geheimnisse oder der neuste heiße Scheiß. Es kommt ein neues Album von Nada Surf, das wird sicher toll. Ich schaue mir zum ersten Mal Voodoo Jürgens an, könnte verrückt werden und ich bin zwei Mal bei Kettcar dabei, kurz bevor sie in ihre nächste Pause gehen. Zwei Kettcar-Konzerte direkt hintereinander. Bremen. Lübeck. Ich habe schon ein paar bescheuerte Sachen gemacht, das ist das nächste Kapitel. Ich freue mich drauf.
(Sb/Ms) „Ich mag den Gedanken, an etwas zu glauben, aber ich bin nicht gläubig“ - Kettcar
Die Apotheke war letztens so voll, dass ich in der Tür, die sich immer wieder schloss und öffnete, stand. Die Fußgängerzone war voll, ein paar Parteien machten Werbung, es war Markttag. In Hörweite war auch ein Typ, um die vierzig vielleicht, hielt einen Flyer in der Hand und hatte einen richtig fröhlichen, überzeugten, wohligen Ton in seiner Stimme. Einen direkten Gegenüber gab es nicht, es waren alle gemeint. Und er erzählte euphorisch darüber, wie sehr der Glaube an Jesus ihn gerettet habe. Zig Menschen gingen an ihm vorbei, ignorierten ihn. Ging mir nicht anders. Aber genervt war ich nicht - im Gegenteil. Es war super spannend, wie er - nimmermüde - dort stand und die Menschen davon überzeugen wollte, wie toll es ist, an Jesus zu glauben. Wenn das solch eine Energie entfachen kann, finde ich das auch gut. Ob das nun Jesus ist oder nicht. Seine Überzeugung hat mir imponiert!
La Femme
(Ms) Klar, komplettes Hitpotential! Doch mal ganz anders angefangen: Vor drei Jahren war ich eine Woche in Kopenhagen und jeden Abend auf einem Konzert, als hierzulande alles dicht war. Es war mir vollkommen egal, was es war, Hauptsache Livemusik. Also sah ich das erste Mal eine Dark Wave-Band live. Und das ging unsagbar gut ab, hat sehr viel Spaß gemacht. Seitdem bin ich dem Genre immer wieder verfallen. Klar, dass ich La Femme dann automatisch gut finde. Doch das ist nicht nur dunkle Synthies-Zauberei, ist auch die richtig große Rockpose, die in ihrer etwas übertriebenen Weise sicher genauso gemeint ist. Why not?! Geht richtig gut ab, was das französische Sextett da macht. Clover Paradise ist ihre aktuelle Single, die das neue Album Rock Machine ankündigt, das am 11. Oktober veröffentlicht wird. Elektronische Spielerei, viel Bass, viel Hall, viel viel viel! Viel Hitpotential!
Hania Rani
(Ms) Hallo Klavier, hallo weiße und schwarze Tasten. Hallo Harmonie, hallo Verspieltheit, hallo Leichtigkeit. Hallo Schönheit! Hallo It Comes In Waves, die neue Single von Hania Rani, die diese Woche erschienen ist. Die Geschichte der Pianistin ist richtig spannend. Seit ihrem ersten Album verfolge ich ihre Musik und es ist ein Hochgenuss, die Entwicklung hörend zu begleiten. Erst ganz zaghaft und leise. Dann ein bisschen schwungvoller. Und nun ist viel Platz neben dem Klavier eingeräumt worden. Einige elektronische Spielereien, Streicher und auch der eigene Gesang. Faszinierend! Und obwohl sich ihre Musik so sehr geändert hat, bleibt der Kern gleich. Denn der ist sehr seicht, unfassbar angenehm fürs Ohr, wohltuend. Am 27. September erscheint ihr neues Album Nostalgia. Tatsächlich habe ich nicht ganz verstanden, ob brandneue Lieder darauf enthalten sind oder es eher eine Sammlung von Livemitschnitten ist. Wie dem auch sei… die Single klingt großartig, über sieben Minuten Spielzeit! Was für eine Entwicklung, was für eine Dynamik, was für ein Crescendo! So macht Musik doch Spaß. Zu hören und sicherlich auch zu komponieren und spielen. Ja, Nostalgia könnte eine weitere großartige Platte werden!
Turbostaat
(Ms) Ja, sie sind eine große Ausnahme der hiesigen Bandlandschaft. 25 Jahre in der gleichen Besetzung. Spontan fällt mir keine andere Band ein, bei der das genauso ist. Vielleicht noch Die Ärzte. Aber Turbostaat sind auf ganz anderen Gefilden unterwegs. Ihr Punkrock hat eine entfesselnde Dringlichkeit, wer sie ein Mal live gesehen hat, wird süchtig. Dieser Druck, diese Energie, diese Dichte und die krasse Verbindung zwischen Band und Publikum. Ihr Live-Album Nachtbrot ist ein erstaunliches Dokument dieser Beziehung. Dass dieses Jubiläum gefeiert werden muss, ist klar. Viele Bands gehen dann mit einem Album-XY-ist-20-Jahre-Motto auf Tour. Aber nicht so mit den Jungs aus Flensburg. Sie gehen zwar auch auf Tour, spielen aber an jedem Abend ein anderes Album in Gänze! Hui! Das stelle ich mir als Musiker auch echt anspruchsvoll vor. Klar, die hast diese ganzen Lieder geschrieben, aber viele werden ja live nie gespielt. Und dann die gesamte Diskographie. Wie gut das ankommt, lässt sich leicht ablesen, einige Konzerte sind direkt ausverkauft. Und damit nicht genug! Alter Zorn - ein neues Album - wird kommendes Jahr erscheinen. Das ist mal eine richtige Jubiläums-Sause! Dafür sollte man sich dringend Tickets besorgen, soweit es noch möglich ist, denn es wird sicher Einzigartiges passieren!
Damit nicht genug: Alle Alben werden auch nochmal auf Vinyl veröffentlicht - WOW!
(sb)Pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum hat das Chicagoer Punk-Label Red Scare Industries eine tolle Compilations von bisher unveröffentlichen Tracks zusammengestellt. Das Album enthält
u.a. brandneue Songs von The Menzingers, Laura Jane Grace, Dead To Me,
The Falcon, Cobra Skulls, The Holy Mess, Nothington, No Trigger,
Sam Russo, Sludgeworth, The Brokedowns, The Bollweevils, Elway und The Lippies. Bei so viel Vielfalt trifft natürlich nicht jeder Schuss ins Schwarze, einige Killer sind aber schon dabei. Veröffentlichung? Heute! Kaufen? Ja, bitte!
Famous
(Ms) Ja klar, das ist natürlich der Name. Sehr gut ausgewählt, sticht sofort ins Auge und macht halt neugierig! Womit wird diese Londoner Band denn berühmt? Jack Marrett steht im Fokus dieses Projekts und der Sound ist enorm vielschichtig! Das Eine ist der treibende Bass, das Andere diese markante Stimme - hui! Dazu kommt richtig viel Dringlichkeit im Gesang. Hier ist sofort klar, dass da jemand am Mikrophon leidet und sich gleichzeitig auch freut, der komplett seine Musik lebt. Dazu muss ich nichts über den Song oder die Geschichte von Famous wissen - das ist glasklar zu hören! Und dann dieses Arrangement. Alternative, New Wave, Indierock, Postrock?! Puh, schwer einzuordnen, aber ist ja auch egal. Hier geht ganz viel in die richtige Richtung, um wirklich groß zu werden. Die Krönung der Begeisterung, der Titel der aktuellen Single: What Are You Doing With The Rest Of Your Life? Tja, was denn nun?! Endlich wieder Musik, die direkt das eigene Leben in Frage stellt und mich als Hörenden dazu verleiten lässt, das zu tun, was ich mich nie getraut habe. Was für ein Fund ist das denn?! Merkt euch den 11. Oktober, dann erscheint mit Party Album ein ziemlich großes Ding! Und es ist erst das Debut…
(sb) Wieder ein Jahr näher an der Rente! Immerhin. Aufgrund akuten Zeitmangels blieb die Musik dieses Jahr meist ziemlich auf der Strecke, viele Alben wurden lediglich zwischen Tür und Angel angehört, die besuchten Konzerte können an einer Hand abgezählt werden und so wirklich mit Muße konnte die Kunst nur höchstselten genossen werden. Ich wünsche mir sehr, dass das eines Tages wieder anders sein wird, da die Musik seit Jahrzehnten eine der größten Triebfedern meines Lebens darstellt und mich schon aus so manchem Tief rausgeholt hat oder - und das darf man nicht vergessen - Euphoriewellen ausgelöst oder verstärkt hat. Die Kraft der Musik ist schier unendlich, wenn man die Möglichkeit hat und bereit ist, sich darauf einzulassen.
Auf ein cooles, ruhiges, lebenswertes und etwas entspannteres 2020! Aber hier erstmal meine musikalischen Höhepunkte des ablaufenden Jahres - viel Spaß damit!
Alben des Jahres 2019:
Platz 3:
No King. No Crown. - Smoke Signals
Im Dezember 2018 landete Smoke Signals bei uns bereits im Postfach, veröffentlicht wurde es dann im Januar und ist seitdem mein ständiger Begleiter. Was für wunderschöne Musik, die mein Seelenleben in vielen Situationen so unfassbar treffend reflektiert. Ich habe mich auch sehr gefreut, die Dresdner Band im Oktober live erleben und kennenlernen zu dürfen und hoffe sehr, dass man noch sehr viel von No King. No Crown. hören wird.
Platz 2:
Faber - I Fucking Love My Life
2017 lieferte Faber mein persönliches Album des Jahres ab, diesmal scheitert er knapp - und das, obwohl I Fucking Love My Life sogar noch besser ist als sein Debüt Sei Ein Faber Im Wind. Der Schweizer ist ein herausragender Künstler, sein Zynismus geht durch Mark und Bein und die Art und Weise, wie er der Gesellschaft den Spiegel vorhält, sucht ihresgleichen. Seine Texte laden dazu ein, sie falsch zu verstehen und zu interpretieren, wenn man es intellektuell und oder motivatorisch nicht überreißt, sich damit auseinanderzusetzen. Eine perfekte Voraussetzung also, um anzuecken und für reichlich Gesprächsstoff zu sorgen. Ganz großartig!
Platz 1:
Enno Bunger - Was berührt, das bleibt
Ganze fünf Videos veröffentlichte Enno Bunger, bis im Juli dann endlich der Release seines Albums Was berührt, das bleibt folgte. Fünf Songs, fünf Volltreffer, fünf Mal Emotionen pur und fünf gute Gründe, dem Album entgegen zu fiebern. Und ich wurde nicht enttäuscht: Der Longplayer übererfüllte alle Erwartungen, war wochenlang Stammgast in meinem CD-Player und quasi schon vor Release mein Album des Jahres. Wie man seine Gefühle so berührend in Worte und Melodien fassen kann, wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben, aber Enno Bunger schafft es spielend, seine Hörer innerhalb weniger Minuten weinen und dann schallend lachen zu lassen. Vielen Dank für dieses überragende Album und das wundervolle Live-Erlebnis im Oktober (siehe unten).
Songs des Jahres 2019:
Platz 3:
Thees Uhlmann - Fünf Jahre nicht gesungen
Mit dem Album Junkies und Scientologen bin ich noch immer nicht warm geworden, der Comeback-Track Fünf Jahre nicht gesungen ist hingegen nachhaltig im Gedächtnis geblieben, zumal er sehr hohe Erwartungen geweckt hatte, die dann aber größtenteils leider nicht erfüllt wurden. Thees Uhlmann ist zurück, er hatte zweifelsohne gefehlt, aber entweder hat er sich weiterentwickelt oder ich - ich habe da so nen Verdacht... Wie dem auch sei: Das Leben ist kein Highway, es ist die B73.
Platz 2:
PUP - Kids
Von Norddeutschland nach Kanada! Zunächst gab es zu Kids, dem ersten Single-Release des aktuellen PUP-Albums Morbid Stuff, nur ein Comic-Audio-Video, später wurde dieses kleine Meisterwerk nachgereicht. Starkes Album, klasse Song - und insgesamt sehr großartige Lyrics einer völlig zu Unrecht viel zu unbekannten Band.
Platz 1:
Fatoni - Die Anderen
Der beste deutsche Rapper der Welt auf Platz 1 - aber knapp wars, zumal sein Album Andorra dann doch doch deutlich seltener lief als erwartet und trotz Vorschusslorbeeren und überragender Vorab-Single nicht so zündete wie erhofft. Versteht mich nicht falsch: das ist Jammern auf höchstem Niveau! Die Anderen ist natürlich ein Mega-Track, der mich wochenlang auf höchster Lautstärke im Auto begleitete, dessen Aussage mir gefällt und der einfach für alles steht, was Fatoni zu leisten imstande ist.
Bestes Live-Erlebnis 2019:
Viele Konzerte habe ich dieses Jahr zugegebenermaßen nicht gesehen, aber die wenigen waren durch die Bank super. Sei es nun Friska Viljor in Dornbirn, No. King. No Crown. in Rorschach oder Enno Bunger im Ampere, München - alle waren super, der Titel geht dann aber doch nach Ostfriesland, weil Enno Bunger nicht nur das in meinen Augen beste Album des Jahres auf die Bühne brachte, sondern darüber hinaus eine ganz wunderbare und Atmosphäre geschaffen hat, in der sich alle Besucher mehr als wohl fühlten. Ganz große Emotionen, politische Ansagen, Komik - da war für jeden was dabei und der Abend war von A bis Z überragend. Und 2020 ist Enno wieder unterwegs, also unbedingt hingehen!
Geheimtipp für 2020:
Kann man bei einer Band, die bereits zwei Top 20-Alben in Deutschland hatte, überhaupt noch von einem Geheimtipp sprechen? Egal! Turbostaat werden im Januar ihr neues Album Uthlande veröffentlichen und die Vorfreude könnte nicht größer sein. Schon ihre ultimative Livescheibe Nachtbrot hätte es verdient gehabt, in die Bestenliste 2019 aufgenommen zu werden, aber diesmal habe ich mich doch dazu entschieden, nur Studioalben zuzulassen, obwohl Nachtbrot zusammen mit Enno Bungers Meisterwerk sicher der Longplayer war, den ich dieses Jahr am häufigsten angehört habe.
(ms) Na, satt? Vor einigen Wochen schrieb ich an dieser Stelle, dass Weihnachten dann so richtig stattfindet, wenn man auch Kitsch zulässt. Es ist dann aber auch Weihnachten wenn man einfach die Zeit mit der Familie verbringt. Das hat nichts mit Kitsch, sondern mit Ehrlichkeit zu tun. Ja, einige ächtzen beim Anblick von Schwiegervater oder der ungeliebten Schwägerin; manchmal dann auch so richtig, wenn sie den Mund aufmachen. Doch sie gehören alle dazu. So ist das nun mal.
Da im Musikgeschäft zwischen den Jahren auch nicht viel passiert, selektieren wir hier mal ganz gemütlich, was wir dennoch Feines gefunden haben:
Turbostaat
Ja, Heidewitzka. Das Jahr ist offensichtlich noch nicht vorbei und hat dann noch ein wahnsinniges Ass im Ärmel. Wir verraten nicht zu viel, aber die Flensburger Jungs von Turbostaat werden im Januar eine beinahe perfekte Version eines Live-Albums herausbringen. Nachtbrot heißt das ganze und es wird euch die Ohren vom Kopf wegfliegen lassen Denn: Wir dürfen schon reinhören und sind hellauf begeistert. Da ist Wumms, Leidenschaft und ein extrem textsicheren Publikum zu hören. Der Grund für die Veröffentlichung: Die Band wird 20! Holt euch das oder geht zumindest auf die kommende Tour:
11.01. - Husum, Speicher (Ausverkauft)
12.01. - Flensburg, Volksbad (Ausverkauft)
14.02. - Hamburg, Markthalle
16.02. - Jena, Kassablanca
19.02. - Köln, Gloria
21.02. - Stuttgart, Universum
23.02. - Göttingen, Musa
13.03. - Münster, Sputnikhalle
16.03. - Hannover, Faust
19.03. - Berlin, SO36 (Ausverkauft)
21.03. - Dresden, Beatpol
22.03. - Erlangen, E-Werk
Tim Hecker
Wenn es weihnachtet, ist endlich mal wieder Zeit zum lesen. Ja, Bücher sind immer noch das Nummer 1-Geschenk hierzulande und auch ich durfte mich über zwei ganz doll freuen. Doch auch fürs Zeitunglesen ist wieder Zeit vorhanden. Apropos: In der letzten Ausgabe der ZEIT findet sich ein langer Artikel zum Thema Stille. Leider ist er nicht so lesenswert, wie erhofft. Nun gut. Das Gegenteil von Stille ist nunmal Lärm oder Krach. Der kanadischer Musiker Tim Hecker soll genau das zum Leitfaden seiner Musik auserkoren haben und einfach laut sein. Klingt spannend. Das ging mir im Sommer so, als ich Mogwai sah. Auch total irre. So hört sich Tim Heckers aktuelles Album an und es ist von Krach doch weit entfernt. Seltsam.
Maximo Park
Es gibt im kommenden Jahr noch eine weitere live eingespielte Platte. Die Protagonisten sind niemand geringeres als Maximo Park. From Books To Boxes ist und bleibt eine irre Indie-Hymne, die auf keiner geschmackssicheren Party fehlen darf. As Long As We Keep Moving heißt die Veröffentlichung und ist nicht nur eine Musikplatte, sondern diese ist Teil eines Studio-Films der Band. Ein Konzertmitschnitt wie oben ist es nämlich nicht, sondern eher eine Revue aus der eigenen, 14-jährigen Schaffenszeit. Dazu, wie das ganze in voller Länge aussehen mag, gibt es mit I Want You To Stay nun einen Einblick, der sich sehen und hören lassen kann:
Yassin
Ja, wir haben ihn hier mit seinem bald erscheinenden Album Ypsilon schon vorgestellt und bestens empfohlen. Nun gibt bereits einen dritten Track aus der Platte von Yassin. Und diese drei Lieder sind so dermaßen unterschiedlich, dass das Album ein wirklich großer Wurf werden kann. Abendland ist hochpolitisch und musikalisch top, Haare Grau ist ein bisschen gaga und mit viel Autotune umgesetzt. 1985 ist nun endlich mit reinem Gesang und ein Track, den man genau so von Yassin erwartet hat. Da es ein Kindheits-und-Jugend-Erinnerungs-Song ist und natürlich mit dem Jahrgang spielt, lässt sich nach mehrmaligem Durchhören schon sagen, dass das deutlich besser passt als bei den Kollegen Marteria und Casper (obwohl der auch als Gast auf Yassins Album zu hören sein wird).
Da man das Video hier nicht einbetten kann, macht bitte KLICK!
(sb) Kalenderwoche 3 und schon der erste ganz heiße Kandidat für den Titel "Album des Jahres" - so haben wir das gerne! Aber seien wir ehrlich: wenn Turbostaat was raushauen, dann setzt bei uns schon Monate vorher die Schnappatmung ein und wir schauen, je näher der Releasetermin rückt, jeden Tag ein wenig nervöser ins luserlounge-Postfach und hoffen auf die erlösende Email mit dem Stream oder gar Download des Albums. So auch diesmal und hurra: Uthlande (VÖ: 17.01.) ist eingefedert und läuft seitdem in Heavy Rotation. Und das natürlich aus gutem Grund, weil geil. Aber lest selbst...
Turbostaat sind ja traditionell Meister des Kryptischen, anders sind Songtitel wie Ja, Roducheln, Haubentaucherwelpen oder 18:09 Uhr. Mist, verlaufen. kaum zu erklären. Dass die Lyrics dieser Tracks selbstredend nichts mit dem Titel zu tun haben - geschenkt, denn die Songs sind durch die Bank überragend. Ein Blick auf die Tracklist von Uthlande lässt vermuten, dass es genau so weitergeht: Zu Meisengeige findet man immerhin noch Google-Treffer zu einem Kino in Nürnberg, Schwienholt ist eine kleine Ortschaft südlich von Flensburg und Brockengeist eine Spirituose. Das verspricht einiges, oder? Und falls Ihr schon immer wissen wolltet, was Uthlande eigentlich bedeutet: darunter versteht man die dem Festland vorgelagerten Inseln im Kreis Nordfriesland. Wieder was gelernt, Bildungsauftrag erfüllt!
So, nun aber zum Album:
Besonders auffällig ist, dass sich Turbostaat zwar einerseits vom Sound her treu bleiben, mitunter sogar ein wenig melodischer wirken, textlich jedoch deutlich zugänglicher erscheinen. Wo andere Alben noch eine durchgängige Geschichte erzählten, bietet Uthlande quasi bei jedem Track die Möglichkeit des Quereinstiegs. Zudem ist der neue Longplayer der Norddeutschen extrem gut produziert, klingt sehr rund - ohne dabei weich oder zu arg geschliffen rüberzukommen.
Bild: Andreas Hornoff / Quelle: kantine.com
Zudem fiel bereits mit der ersten Singleauskopplung Rattenlinie Nord positiv aus, dass Turbostaat wagen, ihre bekannte politische Einstellung endlich offensiv zu propagieren, was in Zeiten wie diesen mehr als notwendig erscheint. War Die Tricks der Verlierer 2017 noch ein reiner Singlerelease, so ist Rattenlinie Nord das Flaggschiff des Turbostaat 2020, positioniert die Band ganz eindeutig und stellt berechtigterweise die Frage, ob die Geschichtsbewältigung nach dem Dritten Reich in manchen Teilen der Republik wirklich ausreichend erfolgt ist.
Und so geil der erste Vorabtrack von Uthlande auch war (und ist) - inmitten der zwölf Songs ragt er eigentlich nur textlich heraus, denn jedes einzelne Lied stellt für sich einen Höhepunkt dar, was in Kombination ein herausragendes Werk formt, wie es selbst Turbostaat im Studio noch nicht zustande gebracht hatten. Klar, die Live-Best Of-Scheibe Nachtbrot (2019) war schon ein ganz besonderes Kaliber, aber Uthlande muss sich nicht dahinter verstecken und bringt sich schon früh in die Pole Position fürs Rennen ums "Album des Jahres".
Meine persönlichen Favoriten: Ein schönes Blau, Brockengeist, La Hague und Schwienholt, in dem Turbostaat einmal mehr ihr Herz für die Kleinen und Schwachen unserer Gesellschaft zeigen!
So und jetzt Album kaufen und am besten gleich noch Konzerttickets dazu:
13.02. Jena, Kassablanca
14.02. Köln, Yard Club
15.02. Mainz, KUZ
18.02. Hamburg, Markthalle
19.02. Hamburg, Markthalle
20.02. Berlin, Festsaal Kreuzberg
21.02. Berlin, Festsaal Kreuzberg
22.02. Dresden, Club Tante JU
02.04. Lübeck, Treibsand
03.04. Bremen, Kulturzentrum Schlachthof
04.04. Düsseldorf, zakk
05.04. Aschaffenburg, Colos-Saal
07.04. Marburg, Kulturzentrum KFZ
08.04. Wien, Das Werk
09.04. Leipzig, Conne Island
11.04. Rostock, M.A.U. Club
12.04. Leipzig, Conne Island
30.10. Hannover, Capitol
28.11. Münster, Sputnikhalle
(ms) Liebe Leserin, lieber Leser. In diesem Text über das Live-Album ...und das geht so (VÖ: 29. November) der Hamburger Musikgruppe Kettcar wird eine Menge relativiert. Denn der Schreiber ist äußerst parteiisch aber in diesem Fall auch sehr kritisch.
Denn Kettcar ist eine der größten Bands überhaupt für mich. Ich sah sie bislang 27 Mal live und es dürfte keine Platte in meinem Regal fehlen, obwohl ich seit dem letzten Umzug die So lange die dicke Frau noch singt...-EP schmerzlich vermisse. Glücklich schätze ich mich auch über die Picture-Vinyl-Box, die vor zwei Jahren zum Record Store Day erschien. Schönes Sammlerstück. Seit der Veröffentlichung von Ich vs. Wir ist bei den fünf Hamburgern eine Menge passiert. Das Album ist extrem klug, das Storytelling auf einem neuen, höheren Niveau, der Erfolg überraschend und absolut berechtigt. Ausverkaufte Konzerte am laufenden Band. Hallen, die eine vorher noch nicht geahnte Größe aufwiesen. Allein seit dem 2017 beginnenden Konzertschwung war ich zehn Mal dabei. Kleinere Läden wie das Flensburger Max aber auch große Hallen wie das Mehr! Theater in Hamburg waren dabei.
Es gibt für mich persönlich also auf dem gut eineinhalb stündigen Album keinerlei Überraschungen. Das länger nicht gespielte Lattenmessen und auch die allerneusten Stücke wie Scheine In Den Graben habe ich live gehört. Selbst die zweite Strophe von Balkon Gegenüber - die zweifelsohne wunderschön und unheimlich passend ist - ist für mich nicht neu. Ja klar, bei meinem Kettcar-Pensum ist eine Überraschung halt auch nicht drin. Selbst die Ansagen, die man nun im Wohnzimmer hören kann, sind bekannt.
Foto: Andreas Hornoff
Für die, die das aus nachvollziehbaren Gründen nicht sagen können, sind das mit großer Sicherheit tolle Höreindrücke. Absolut. Schön sind die nahen Auswirkungen durch die Orte der Aufnahme. Viele Songs wurden in Oberhausen aufgenommen, was sich unmittelbar bei Balu (Wanne-Eickel...) und Der Tag Wird Kommen ("Ruhrgebiet, seid ihr mit mir?!") auswirkt.
Dieser Live-Mitschnitt ist natürlich auch eine ganz besondere Erinnerung für die Band. Ob es das aktuelle Studioalbum überhaupt geben sollte, stand für Lars, Marcus, Reimer, Christian und Erik lange auf der Kippe, zu unsicher war die Zukunft der Band. Die letzten Jahre waren ein eindrucksvolles Gegenbeispiel. Dieses Jahr waren sie mit den Bläsern Philip Sidny, Sebastian Borkowski und Jason Liebert unterwegs. Sie sind an vielen Stellen stimmungsvoll zu hören.
Womit wir bei dem nächsten Punkt sind. Ein Live-Album ist immer eine schwierige Sache. Das liegt zum Einen an dem Grund dafür. Bei Kettcar kann man sagen, dass es das Zeugnis einer phantastischen Zeit ist, die die Band genossen hat. Aber auch ein Vorab-Best-Of, denn die nächste längere Pause kommt nach der anstehenden Tour (s.u.). Sie haben aber auch mal gesungen: Es muss immer alles komplett verwertet werden, wenn es komplett verwertet werden kann. Und diesen Beigeschmack kann ich hier - Lieblingsband hin oder her - nicht neutralisieren. Zu wenig Besonderheit schwingt damit. Und dazu gehört auch die Qualität der Aufnahme. Die hakt an einigen Stellen. Nein, es schrammelt nirgends, es knistert auch nicht. Doch dieses Jahr erschien eine Live-Platte, die die Erwartungen irre hoch geschraubt hat: Nachtbrot von Turbostaat. Dieses Album ist perfekt. Die Instrumente sind so gut eingespielt, da ist kein Schlagzeugbeat verschluckt, kein Bass lediglich zu erfühlen, Jan Windmeiers Stimme ist so klar und deutlich zu hören, das kann man bei Marcus Wiebusch hier nicht immer behaupten. Auch die Energie, die zwischen Publikum und Band entsteht, schwappt spürbar aus den Boxen, wenn Turbostaat abgespielt wird. Sind es bei Kettcar die Hallen, die (zu) groß sind? Ich habe keine Ahnung. Denn: Live ist es ja genau anders herum. Regelmäßig stehe ich dort mit Tränen in den Augen und geballten Fäusten, vollgepumpt mit Freude und Dynamik.
So freue ich mich wie immer auf die kommende Tour, bei der ich an mindestens zwei Terminen dabei sein werde. Doch ...und das geht so wird bei mir leider nicht so häufig laufen. Vorerst. Mal gucken, ob sie in der anstehenden Pause nicht doch ein Lebensretter sein wird.
(ms) Verwunderlich. Wuchtig. Frech. Mit diesen drei Adjektiven lässt sich das Live-Album der Donots vielleicht am besten zusammenfassen. Warum verwunderlich? Die Band aus Ibbenbüren macht seit satten 25 Jahren Musik und sind bekannt für ihre energiegeladenen Liveauftritte an allen Ecken des Landes und auch zu jeglichen Zeiten. Zwei Konzerte an einem Tag? Kein Problem? Frühsport mit den Krabbe tanzenden Leuten auf dem Deichbrand Festival? Ebenso kein Ding! Von einer Band, die vom Livespielen lebt - also nicht jetzt zwingend finanziell, sondern energetisch im weitesten Sinne - denkt man ja, dass alle paar Jahre mal ein Live-Album erscheint. Doch weit gefehlt! Das fand noch nicht statt. Daher ist es mehr als nahe liegend, dass das dringend nachgeholt werden muss. Warum wuchtig? Naja, selbsterklärend, oder? Die Fünf sind dafür bekannt, dass sie alles geben. Genau das ist auch auf dieser Platte zu hören. Birthday Slams Live! heißt sie. Genau, mit Ausrufezeichen! Am 4. Dezember erscheint sie. Bitterer Beigeschmack: Das elendige Weihnachtsgeschäft. Erklärendes marktwirtschaftliches Trostpflaster: Zu dieser Zeit finden in der Regel ihre Slams statt. Einem in Münster - also unweit ihrer Heimat - habe ich mal beigewohnt. Das hat schon irre Spaß gemacht. Komplette Ekstase. Vorbands waren Olli Schulz und Adam Angst. Wie geil?! Man kann sich die Donots nun also passend zu diesen nicht stattfindenden Konzerten nach Hause holen. Und da sind wir beim Stichwort frech! Wie frech ist das denn bitte?! Ein Jahr, in dem konzertemäßig fast nichts ging seit März liegt beinahe hinter uns und es wird wohl auch erstmal so weiter gehen, denke ich. Auch die Festivalsaison 2021 sehe ich so noch nicht. Genau in dieser Zeit ein Live-Album zu veröffentlichen ist da irre frech. Aber halt auch ein sehr guter Wermutstropfen!
Plattencover
Bevor es in die einzelnen Songs, Städte der Aufnahme etc. geht, muss hier natürlich ein wesentlicher Punkt angesprochen werden, wenn es um Liveaufnahmen geht. Diese stehen und fallen mit der Qualität ihrer Aufzeichnung. Alle diese Platten müssen sich seit letztem Jahr mit einem Album messen. Das ist Nachtbrot von Turbostaat. Das ist definitiv die beste Live-Platte, die ich je gehört habe. So viel Druck, so viel Energie, so eine saubere, fein austarierte Aufnahme. Enorm! Da kommen die Ibbenbürener nicht dran. Das muss man so sagen. Das haben Kettcar aber auch nicht geschafft. Mit dem technischen Aspekt von Live-Aufnahmen und seinen Schwierigkeiten kenne ich mich nicht aus, kann es also nicht recht beurteilen. Doch ich weiß halt auch, dass es besser geht.
Fast eineinhalb Stunden dreht sich die Platte! Am besten sollte man die heimische Umgebung passend einrichten mit ausreichend Bier im Kühlschrank, die Nachbarn vorwarnen, dass nun nicht nur die Wände vor Sound wackeln, sondern auch mit zwei Haushalten gepogt wird, was das Zeug hält. Die 82 Minuten machen genau darauf extrem Bock! Die Energie, die bei den unterschiedlichen Aufnahmen, aus denen das Album zusammen geschnitten wurde, schwappt in jedem Takt über! Ob Berlin, Hamburg, Wiesbaden, Ibbenbüren oder Düsseldorf - knallen tut es überall. 21 Stücke sind auf Birthday Slams Live! zu genießen. Und wie es sich für eine Band, die ihre erste Live-Platte veröffentlicht, gehört, ist dies dann einem Best-Of gleichkommt. Von alten Klassikern wie Superhero oder We Are Not Gonna Take It bis zu ihren neuen Liedern auf Deutsch wie Scheißegal und Ich Mach Nicht Mehr Mit ist alles dabei! Ebenso die Ansagen. Ein wichtiger Punkt bei Live-Alben. Sie dürfen nicht zu lang sein, spontan erscheinen und aus vollem Herzen kommen. Beispielsweise die Ekstase auf der Bühne nach Calling oder die Aufforderung zum größten Circle Pit, in dem sich Ingo dann "sauig" machen will. Herrlich! Was natürlich auch noch sein muss bei der ersten Live-Scheibe, deren Lieder aus den Geburtstagspartys zusammen kommen, sind Gäste. Ob Jan Windmeier oder die Antilopen Gang, es wird nienienie langweilig auf diesem Album! Wie könnte es auch?!
Fassen wir zusammen: Birthday Slams Live! ist eine astreine Live-Platte, die keine Wünsche offen lässt, super Ansagen beinhaltet, vor Energie schwappt, in die man sich sofort hineinbegeben möchte. Ja, der Sound ist nicht optimal, aber absolut befriedigend. Und bevor irgendwer meckert: Ja, die Welt hat genau darauf gewartet!
(ms/sb) Stichwort neue Musik. Oft ist die Auswahl, die wir hier jeden Freitag präsentieren dem Zufall zu verdanken. Wir schnappen was auf oder klicken die richtige Mail an und werden überrascht, überwältigt und müssen es euch mitteilen. Oder die Gruppen, die wir eh seit neustem oder vielen Jahren verfolgen, versorgen die Welt mit neuen Tönen und Terminen.
Doch vieles bekommen wir ja auch nicht mit, ist klar. Oder klicken wir auch gar nicht an. Das ist auch Zufall. Bis zu einem gewissen Punkt. Dass wir über Peter Maffay, Silbermond, Matthias Reim oder die Kelly Family nicht berichten, ist klar, obwohl es uns angeboten wird. Hinzu kommt eine weitere Kategorie: Junge Bands, die mit Die ... anfangen. Das ist definitiv ein Wink zu pseudointellektuellem Megaschrott. Beispiele: Die Kerzen, Die Quittung oder Die Cigaretten. Sie nehmen das Geniale des 90er-Jahre deutschsprachigen Gitarrenrock à la Die Sterne oder Tocotronic und machen einen furchtbaren Hipsterschrott daraus; schrammelnde Gitarren oder 80er Synthiesound. Weiteres Erkennungszeichen: Schlimme Videos; auch bei diesen Gruppen zu finden.
So. Eine kleine Provokation. Muss ja auch mal sein.
Nun servieren wir die Auswahl der Woche. Hier ist die Luserlounge. Wir haben selektiert!
Turbostaat
(ms) Eine irre Herausforderung. Bestechend viel Energie. Geballte Fäuste. Gitarren, Bass, Schlagzeug, Gesang. Wirklich viel Köpfchen dabei. Ungefähr so kann man die Texte von Turbostaat beschreiben. Was dauert es oft, diese in Gänze zu verstehen? Ja, es geht auch kryptisch zu, aber zu einem Großteil so sehr um die Ecke gedacht, dass die tatsächliche Genialität der Lieder erst spät klar wird. Der Sound ist ja eh immer ungeheuer mitreißend. So auch auf Rattenlinie Nord! Große Vorfreude, dass es neues Material und ein neues Album gibt. Uthlandeerscheint über PIAS am 17. Januar und wird nicht nur uns wegblasen, davon gehen wir aus. Über den Inhalt des Songs könnt ihr auch woanders nachlesen, wir möchten nur äußern, dass hier eine der allerbesten deutschsprachigen Bands - ja, genreübergreifend - ein neues Werk ankündigt! Insbesondere das dieses Jahr erschienene Live-Album Nachtbrotist so irre gut, dass Uthlandenur überwältigend werden kann. Erwartungen: Groß! Wahrscheinlichkeit, dass sie übertroffen werden: Noch größer!
Natürlich halten wir Euch mit einer Review und allem drum und dran auf dem Laufenden. Auf die Tour sei auch hingewiesen, denn: Berlin Nr. 1 ist schon ausverkauft!
Agnes Obel
(ms) Pssst. Nehmt euch mal eben mindestens fünfeinhalb Minuten Zeit. Handy lautlos, Fenster und Türen zu, vielleicht Kopfhörer aufsetzen, Licht ausmachen um einen möglichst hohen Grad an Isolation zu erschaffen. Den, viel Ruhe und Aufgeschlossenheit braucht es, um die neue Single von Agnes Obel zu genießen. Island Of Doom ist so zart, beinahe zerbrechlich, dass der Track beinahe mit Samthandschuhen angefasst werden sollte, sonst zerschellt er in der Hektik des Alltags. Ganz zurückhaltende Klaviertöne, Chor im Hintergrund und ein wenig Experimentierfreude mit der eigenen Stimme lassen einen beeindruckenden Song entstehen. Worum es geht? Die schmerzliche Erkenntnis, dass man mit jemandem, der einem lieb ist aber verstorben ist, nicht mehr reden kann. Was hätte man alles wissen wollen?! Was wären noch für bleibende Momente da gewesen?!
Das dazugehörige Album Myopia - zu Deutsch Kurzsichtigkeit - erscheint am 21. Februar bei Deutsche Grammophon. Man ahnt, auf welchem Niveau hier Musik gemacht wird. Bitte vormerken!
29.02. Köln, Carlswerk Victoria
01.03. Mannheim, Capitol
02.03. Hamburg, Laeiszhalle
04.03. Wien, Arena
05.03. Zürich, Samsung Hall
16.03. Berlin, Admiralspalast
17.04. München, St Matthäus Kirche
Kele
(sb) Was bisher geschah: Kele Okereke ist in erster Linie bekannt als Kopf von Bloc Party und hat mit seiner Band einige großartige Alben aufgenommen. Als Solokünstler konnte er mich bislang selten überzeugen, mit 2042 (VÖ: 08.11.) unternimmt der Sänger einen neuen Anlauf - und hurra, mir taugts! Die politische Komponente kommt nicht zu kurz, die Tatsache, dass Rassismus im Jahr 2019 präsent wie eh und je ist und selbst (oder gerade?) erfolgreiche dunkelhäutige Menschen diesem ausgesetzt sind, verfolgt Kele auf seinem Album konsequent. Musikalisch beeindruckt vor allem die extreme Bandbreite, die von gefühlvollen Balladen über elektronische Klänge bis hin zu treibenden, Bloc Party-ähnlichen Rhythmen reicht. Erstaunlicherweise hat Kele mit Jungle Bunny, Between My And My Maker und Guava Rubicon bisher ausgerechnet die drei Tracks ausgekoppelt, die mir auf 2042 am wenigstens zusagen - und selbst die fangen einen irgendwann ein. Sehr starkes Album!
Cold War Kids
(sb) Gefühlt schwirren die Cold War Kids ja schon eine Ewigkeit durch meinen Musikkosmos, immer wieder poppt der Name irgendwo auf - und doch habe ich mich bisher noch nie so richtig mit der Band aus Kalifornien auseinandergesetzt. Entsprechend überrascht bin ich jetzt tatsächlich, was meine Ohren zu Hören bekommen. Ich hatte da was anderes erwartet, etwas deutlich Härteres. Hm, viel Pop, wenig Rock, ganz wenig Indie... Da muss ich mich jetzt erstmal dran gewöhnen, der erste Eindruck nach ein paar Mal Durchhören ist jedoch eher durchwachsen, zu austauschbar erscheint mir das Ganze mit ganz wenigen Ausnahmen. Mitunter erinnert es fast ein wenig an Friska Viljor, wobei das ja bekanntlich nicht die schlechteste Referenz ist. Hört Euch New Age Norms, Vol. 1 (VÖ: heute!) einfach mal und entscheidet selber! Die Scheibe stellt übrigens den Auftakt einer geplanten Album-Trilogie dar, man darf also gespannt sein, wie es weitergeht - Hipstermodus oder Indie?
Nosoyo
(sb) Tanzbarer Elektropop mit Attitüde: Willkommen in der Welt von Nosoyo! Mit Glitter schmettern die beiden Wahl-Berliner eine Hymne ans Selbstwertgefühl in die Welt, die Hüften und Beine zum Wackeln bringt. Die Message ist klar: Glaub an Dich, lass Dich nicht von Deinem Weg und Deinen Träumen abbringen. Auch der Rest der famosen Glitter To My Sisters EP (VÖ: 06.12.) fällt qualitativ keinen Deut ab und macht das niederländisch-deutsche Duo zu einem heißen Tipp für die Vorweihnachtszeit. Wer sich das anhören möchte, der hat vorab bereits live die Möglichkeit dazu:
03.11. Leipzig, Täubchenthal
04.11. Berlin, Privatclub
06.11. Zürich, Exil
07.11. München, Muffatcafé
08.11. Wien, Werk
10.11. Köln, Studio 672
Hannes Wittmer & Clara Jochum
(ms) Über Preise berichten wir so gut wir gar nicht. Ab und an mal über den Preis für Popkultur. Diesbezüglich ist die Folge Fest & Flauschig mit Deichkind hörenswert, wo es ein ganz kleines bisschen über Muster bei der Vergabe geht.
Doch hier geht es jetzt um einen anderen. Um einen, den die Ausgezeichneten auch nicht auf sich zukommen sahen: Hannes Wittmer und Clara Jochum. Wittmer ist/war bekannt als Spaceman Spiff und macht nicht nur Musik, sondern sich auch Gedanken über die Wertschöpfungskette Musikbusiness und entzieht sich dieser auf beeindruckende und irre sympathische Art. Für das Stück Das Hirn Ist Ein Taubenschlag am Hamburger monsun.theater haben sie die Musik geschrieben und in den Aufführungen auch gespielt. Äußerst dilettantisch muss ich zugeben überhaupt nicht zu wissen, worum es in dem Stück geht. Egal. Ich möchte hier nur verkünden, dass diese wunderbaren Musiker den Theaterpreis Hamburg für Herausragende Komposition und Musik gewonnen haben. Und es sei ihnen von Herzen gegönnt. Ein Preis für Hochkultur, der den beiden zeigt, auf welchem Niveau sie eigentlich agieren.
Wahrscheinlich spricht Hannes davon auch auf seiner anstehenden Solo-Tour, die wie immer auf Pay-What-You-Want-Basis läuft. Wir sehen uns!
09.11. Osnabrück - Kleine Freiheit
10.11. Haldern - Pop Bar
11.11. Langenberg - KGB
12.11. Hannover - Lux
13.11. Hamburg - Nachtasyl
14.11. Dortmund - Kino im U
15.11. Berlin - Monarch
17.11. Leipzig - Werk 2
20.11. Köln - Artheater
22.11. Mannheim - Forum
23.11. Frankfurt - Brotfabrik
Grim104
(ms) Wie billig ist es eigentlich eine schaurig-gruselige EP am 31. Oktober zu veröffentlichen?! Sehr! Und das hat die Hälfte von ZM mit der Engelsstimme, grim104 überhaupt nicht nötig. Seit gestern könnt ihr die EP Das Grauen, Das Grauen beim Streamingdienstleister eures Vertrauens hören und als Picture-Vinyl erwerben. Satte 10 Titel bietet die Platte, sehr untypisch für eine EP. Einschränkung: Es gibt 3 Skits, Kurzlieder, je nach dem wie man es nennen will, sodass die Netto-Track-Anzahl für eine EP immer noch stark ist. Und worum geht es?! Die Songs machen dem Titel alle Ehre, es geht zum Teil wirklich übel zu. Nicht nur großer Hass auf Berlin und das moderne Leben (Das Grauen) kommen zur Geltung. Sondern vor allem Abel'19 ist hart. Es geht tatsächlich darum, wie der Protagonist in eine Schlägerei gerät, durch physische Gewalt bewegungslos auf dem Boden liegt und schließlich...
Gewohnt aggressiv, vulgär und extrem pointiert. Diese EP ist ein Knaller! Der Release zu Halloween (oder wie wir hier im Norden sagen: Reformationstag) ist nichts als ein PR-Gag, die Songs hart, direkt, teils angsteinflößend. Selten solch eine Art von Musik gehört!
(ms) Es gibt überall gute Leute, die sich engagieren, Menschen zusammen bringen, ein Ehrenamt bekleiden und sich gegen die Deppen positionieren. Unter anderem gehören da die Menschen von aufMUCKEn gegen Rechts zu. Der gemeinnützige Verein aus Weyhe (südlich von Bremen) gehört dazu und veranstaltet seit 2001 ein Festival im Grünen. Anfangs waren es nur ein paar Jugendliche, die dem Treiben der Nazis vor Ort nicht länger zugucken wollten und nun ist das eine sehr professionelle Angelegenheit, die gut organisiert ist. Dazu gehört auch das Bereitstellen eines Shuttlebusses zum Bahnhof, sehr freundlichen Securities, guten Bierpreisen und überall strahlende Menschen. Sehr gut hat mir ein Dosenwerfen mit dem Slogan Kostenlos Rechte wegballern gefallen! Da haben wir uns natürlich nicht bitten lassen und den Volldeppen eins auf die blecherne Zwölf gegeben. Nach überstandenem Regen - kurz aber kräftig - kam die Sonne raus und The Busters haben zu diesem typischen Sommertag die ideale musikalische Begleitung aus dem Hut gezaubert. Skarock vom Allerfeinsten. Nicht nur die beiden Sänger, sondern auch die drei Bläser (Trompete, Posaune, Tenorsaxophon) haben keine Beine stillstehen lassen. Es folgten Liedfett - sorry an dieser Stelle, wir saßen währenddessen gemütlich zusammen und haben gequatscht, uns erfrischt und was gegessen.
Kostenlos Rechte wegballern!
Dann folgte die erste Band, die mich dazu getrieben hat, diesen feinen Ausflug zu unternehmen: Waving The Guns. Die Rostocker haben ein weiteres Mal bewiesen, wie guter Rap funktioniert und dass man für eine klare Positionierung keine weitschweifigen Reden auf der Bühne halten muss. Die Hits der drei Alben wurden abgefeuert und mein Herz erfreut! Da war auch egal, ob zu Beginn das Mikro nicht so richtig mitmacht. Danach stieg die Vorfreunde noch ein kleines Stückchen, denn Turbostaat spielten! Seitdem ihr Live-Album Nachtbrot draußen ist, läuft dieses regelmäßig bei mir, weil saustark. Ich habe sie länger nicht live gesehen und sie haben gezeigt, was sie können. Sie wirkten anfangs vielleicht etwas distanziert, doch die Leute vor der Bühne zeigten durch einen ordentlichen Moshpit, wie ihre Musik ankam! Das Lächeln im Gesicht war sehr groß.
Zum Schluss spielten Egotronic und ich fühlte mich gut zehn Jahre zurückversetzt. Deren Songs laufen bei mir nur noch äußerst selten, aber es war ein schönes Wiedersehen. Ich glaube auch, dass die Punk-Attitüde der Band wesentlich besser steht als die Electropunk-Seite. Doch ganz ehrlich: Mich holen sie nicht mehr ab. Anders bei den anderen Besuchern. Daher: Alles gut!
Das war eine ganz feine Veranstaltung, bei der das Team stets die Bands angesagt haben. Und natürlich lädt solch ein Festival dazu ein, über dessen Sinnhaftigkeit zu diskutieren. Kuscheln wir links-grün Versifften einfach untereinander? Betrinkt man sich gemütlich auf einer schönen Wiese zu netter Musik? Nein, nein! In Zeiten, wo der rechte Mob ungezügelter wird, politisch Rechte in Mannschaftsstärke in den Parlamenten sitzen und Selbstverständlichkeiten des menschlichen Miteinanders in Frage gestellt werden, müssen solche Veranstaltungen stattfinden. Natürlich auch um Spaß zu haben, sondern hauptsächlich durch Anwesenheit und das Gespräch die Menschen stärken, die sich toll engagieren!
(sb/ms) Es ist mal wieder Zeit für kuriose Begebenheiten aus dem Alltag. Eine ist mir vor kurzem erst als solche aufgefallen. Auf dem Weg zur Arbeit schlurfe ich mich mit dem Rad durch verschlafene Siedlungen, links und rechts ruhige Vorgärten, die ein oder andere Renovierung am Einfamilienhaus und der Blick aufs Land, der die heile Welt versprechen mag.
Doch es kommt mir stets eine Frau entgegen, die dieses Bild ein wenig trübt. Das Eigenartige: Sie schiebt einen leeren Kinderwagen vor sich her. Und da der Grips noch pennt, wenige hundert Meter aber wieder beansprucht wird, stellt sich ihm bei diesem Anblick die erste Herausforderung des Tages: Was hat es mit dieser Szenerie auf sich?! Holt sie ein Kind ab? Trauert sie womöglich? Hat sie einen derben Knall? Oder einen schlichen Spleen? Ist es ein Erlkönig, sowie bei neuen Autos? Doch dann... aus dem Auge, aus dem Sinn, stelle ich mir jeden Morgen die gleiche Frage.
Möglicherweise finden wir hier ja den Soundtrack dazu. Wir sind die luserlounge. Wir haben selektiert!
Grillmaster Flash
Du weißt es. Wir wissen es auch: Was aus dem Hause Grand Hotel van Cleef kommt, kann prinzipiell gar nicht verkehrt sein. Als ich jedoch den Namen Grillmaster Flash zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich: Mensch, Uhl, da haste mal wieder zu tief ins Glas geguckt, oder?
Aber nein, da habe ich mich vertan. Der junge Mann dahinter kombiniert nämlich ein schwieriges Thema in den Gitarrenpop: Humor! Das kann schnell nach hinten los gehen, doch bei allem was ich bislang vom Grillmaster gehört habe, geht das voll auf. Den aktuellen Schmunzler bietet der Track Sottrum. Alle wichtigen Hintergrundinformationen dazu könnt ihr hier lesen.
Bei all der Lustigkeit kann man auch festhalten, dass das einfach ein klasse Stück ist, richtig schön. Und auch das Video - ketzerhaft in Osterholz-Schambeck gedreht - ist irre charmant.
Sottrum, kurz vor Bremen im absoluten Nichts, selten hast du solch eine Liebesbekundung bekommen!
Damon Albarn
Es gibt Menschen, die nach zwei, drei Bier dazu neigen kleinere Vorträge zu halten. Ich gehöre definitiv dazu und meine lieben Mittrinker müssen dann da durch. Dabei gibt es noch nicht einmal ein wiederkehrendes Thema, das stetig fachkundig aufbereitet wird. Aber Musik steht generell gern auf der Agenda. Und es kommt vor, dass dann der Satz fällt: Damon Albarn ist unumstritten der kreativste und fleißigste Musiker, der auf hohem Niveau regelmäßig in unterschiedlichsten Konstellationen abliefern kann. Nun beweist er es wieder mit seinem Orchester-Projekt Africa Express. Der neuste Streich heißt EGOLI und erscheint am 12. Juli. Mit dem Track Johannesburg kann man schon mal reinhören und es lohnt sich wirklich. Auch nüchtern!
Mayla
Letzte Woche erst, an genau dieser Stelle, haben wir Euch von der Band Levin Goes Lightly berichtet und auch ein wenig geschwärmt. Das geht nun weiter. Denn auch Mayla kombinieren breite Synthie-Flächen und Texte, die kurz vor dem mit Kitsch beschrifteten Abgrund Halt machen. Es ist hochgradig spannend, dass nicht wenige Artists, die noch nicht soo lange öffentlich agieren, im Klang zu sehr Retro-behafteten Mitteln greifen. Daher die berechtigte Frage: Ist das Stuttgarter Duo mit der ihrem neuen Album Album Pink Ocean, das nächste Woche (24. Mai) erscheint, auf einer Hype-Welle unterwegs, die gerade erst im Aufbau befindlich ist?! Schaut und hört Euch die Single Gun an und urteilt selbst. Wir halten die Augen und Ohren offen, um diese Frage vielleicht bald beantworten zu können!
Jamie Lenman
Als Frontmann von Reuben machte sich Jamie Lenman bereits vor zig Jahren einen Namen, seit 2013 ist der Brite solo unterwegs und veröffentlicht am 05.07. mit Shuffle sein bereits drittes Album. Und das wirft (mit Verlaub) eine zentrale Frage auf: Spinnt der? Reine Cover-Alben gab es ja schon des Öfteren, aber dieses hier toppt in Sachen Abgefahrenheit wohl alle. Warum? Lenman covert nicht nur Klassiker wie Hey Jude oder Killer (siehe Video), sondern geht dabei sogar medienübergreifend vor. Musik, Filme, Bücher, Spiele, Cartoons - nichts ist sicher vor dem Künstler, für den mit dieser kreativen Freiheit ein Traum in Erfüllung ging. Teilweise geht das Ganze aber schon hart an die Schmerzgrenze und man sollte sich bereits im Vorfeld darauf einstellen, dass man mit jedem Track wieder aufs Neue überrascht wird. Ob positiv oder negativ muss dann allerdings tatsächlich jeder für sich selbst entscheiden...
Müssen Alle Mit
Was ich vor meinem ersten Aufenthalt in Stade vor ein paar Wochen noch nicht wusste: Dass Herr Diercke dort wohnte und arbeitete. Genau, er ist derjenige, der auch bestimmt Dir zu Schulzeiten dem Atlas seinen Namen gegeben hat. Was ich schon vorher wusste: Stade kann mindestens zwei hervorragende Musikveranstaltungen aufweisen. Das Hanse Song war letztens schon.
Das Müssen Alle Mit gibt es schon viele Jahre und stets überzeugt es mit einem sehr geschmackssicheren Line-Up! Ende Augst ist es wieder soweit und es wird mich mit großer Wahrscheinlichkeit dort hin ziehen. Denn wenn an einem Tag Frittenbude, Mia., Gurr, Turbostaat und Juse Ju spielen, kann ich nicht zu Hause bleiben. Unser Juse-Herz schlägt ja ohnehin sehr hoch, doch das Live-Album Nachtbrot von Turbostaat ist so unverschämt gut, dass jede Live-Gelegenheit beim Schopfe gepackt werden muss. Im August. In Stade. Beim Müssen Alle Mit!
(Ms) Ich liebe das Ankündigungsspiel, wenn eine Band neue Musik veröffentlichen wird. Meist kommen erstmal neue Bilder auf den Social Media-Plattformen. Dann gibt es manchmal einen kleinen Schnipsel eines Songs zu hören, dann Albumtitel, Datum, Tour, undsoweiterundsofort… Das geschieht gerade bei Tocotronic. Es wird wohl bald ein Lied geben, das Denn Sie Wissen Was Sie Tun, was mal wieder eine glasklare Analyse der Realität ist. Es gibt gefährliche Menschen, die bewusst den Terror sähen. Nur einen kleinen Ausschnitt gibt es bei Instagram zu hören und dazu ein paar geniale Bilder (seht selbst!). Doch die spannende Neugier wird reichlich getrübt, denn die Band ließ letztens auch verkünden, dass Rick MacPhail aus privaten und gesundheitlichen Gründen eine Bandpause einlegen wird. Natürlich wird hier nicht spekuliert, es bleibt nur eine Sache zu sagen: Alles Gute und gute Besserung, lieber Rick!
Kettcar
(Ms) Bislang war es sicher das umtriebigste Jahr der Bandgeschichte von Kettcar. Erst die neue Platte, allerhand Promo-Gespräche und -Auftritte und dann zwei riesige Tourblöcke. Erst durch die Hallen, dann über die Freiluftbühnen und das an einigen wirklich spannenden Orten, die sonst weniger auf Konzertplakaten erscheinen (Würselen, Taarstedt, Bad Zwischenahn). Doch überall kommen die Menschen hin, sind - wie ich - seit vielen Jahren begeistert von den Texten, die sie schreiben und der Energie, die die fünf Hamburger auf die Bühne bringen. Ich war drei Mal dabei dieses Jahr und natürlich ist dann die Freude groß, wenn eine neue Konzertreise angekündigt wird. So dieser Tage geschehen: Kettcar gehen im Januar wieder auf Tour. Wie es mir scheint teilweise in ein paar kleinere Läden als noch in diesem Frühjahr und mal wieder an Orte, wo sonst kaum jemand dieser Größenordnung spielt. Aurich zum Beispiel und die neue Halle im Bunker an der Feldstraße in Hamburg! Genial! Dann wird noch ein Mal richtig Lärm gemacht!
(Ms) Gute Texte auf Deutsch zu schreiben, ist für jeden, der es je versucht hat und alle die es hören, eine große Herausforderung. Natürlich kennen wir all die Namen, denen es sehr gut gelingt. Wer dabei vielleicht nur ab und an auftaucht, ist Hannes Wittmer. Früher noch als Spaceman Spiff bekannt, tritt er seit vielen Jahren nur noch unter seinem bürgerlichen Namen auf. Da er wenig auf Social Media auftaucht, ist vielleicht auch gar nicht so präsent, dass er dieses Jahr ein tolles Album veröffentlicht hat: Sag Es Allen Leuten heißt es und ist wieder einmal großartig geworden. Hannes Wittmer ist einer der Künstler, die sich selbst in die Texte legt und das sogar auch erklären ohne sich zu rechtfertigen. Das finde ich sehr spannend, sehr ehrlich, immer wieder sehr krass, da sich Hannes Wittmer sehr stark öffnet. Gegenüber dem Publikum und automatisch gegenüber der ganzen Welt. Manchmal tun seine Texte weh, manchmal sind sie einfach nur wunderschön. Zusätzlich ist er ein unglaublich sympathischer Kerl, der zu Ich Du Er Sie Ich ein kleines Video gemacht hat. Bald geht er auch auf Tour, da sollten möglichst alle Menschen hingehen. Und für die Leute, die gerade nicht so viel Geld zur Verfügung haben, gibt es etwas preiswertere Tickets im Angebot. Sehr fair, sehr gut!
28.10. München - Feierwerk
29.10. Würzburg - Cairo
30.10. Köln - Helios
31.10. Langenberg - KGB
01.11. Bremen - Tower
03.11. Leer - Zollhaus
04.11. Münster - Pension Schmidt
05.11. Hamburg - Hafenklang
06.11. Leipzig - Naumanns Tanzlokal
07.11. Hannover - Lux
09.11. Berlin - Privatclub
neànder
(Ms) Manche Musik braucht gar keinen Text. Das habe ich recht eindrücklich letztens beim Hellseatic Festival in Bremen erleben können. Dort traten einige Bands auf, die rein instrumental agieren. Auch neànder hätten hervorragend in das Line-Up gepasst. Aus zwei sehr guten Gründen: Zum Einen spielen sie ihre Musik auch ohne Text, zum anderen würde ich ihren Sound auch im weitesten Sinne unter Heavy Music abspeichern ohne eine genauere Genrebezeichnung nutzen zu wollen. Denn das, was die Berliner Band seit einigen Jahren tut, ist nicht so speziell zu klassifizieren. Denn die harten, breiten, epischen Phasen ihrer Lieder werden immer wieder durch sehr melodische Parts abgelöst ohne kitschig oder melancholisch zu werden. Unterm Strich bleibt die große Reise der harten, großflächigen Klanglandschaften. Am 8. November wird die Gruppe ihr neues Album veröffentlichen, das auf den simplen Titel III hören wird und es könnte großartig werden, denn die Single Ultra ist genau das: eine wahnsinnige Klanglandschaft!
Turbostaat
(Ms) Ein bisschen müßig ist es schon, noch etwas über Turbostaat zu schreiben, was woanders nicht steht. Und das wird mir hier auch unter keinen Umständen gelingen. Doch egal: Es sind ja auch die persönlichen Verbindungen, die zählen. Für mich habe ich die Flensburger Band erst so richtig mit ihrem Live-Album Nachtbrot entdeckt, obwohl ich sie vorher insbesondere auf Festivals schon einige Male sah. Doch irgendwelche Umstände waren dafür verantwortlich, dass sie zu Hause bei mir nie liefen. Dabei erinnere ich mich noch sehr gut, dass sie im April 2008 in der Westfalenhalle Dortmund Vorband der Beatsteaks waren und Sänger Jan Windmeier danach unter einer schlimmen Stimmbandentzündig (oder so) litt. Letztes Jahr sah ich sie beim enormen Angst Macht Keinen Lärm Festival in Wiesbaden und es ist einfach kaum zu glauben, mit was für einer Energie diese Band spielt! Am 17. Januar erscheint dann Alter Zorn, die neue Platte! Seit heute ist ihre Single Jedermannsend draußen. Wie gewohnt sprachlich-kunstvoll in der Wortschöpfung, wie gewohnt etwas kryptisch im Text, doch diese Zeilen sind klar zu verstehen. Was tun, wenn jemand Liebes stirbt?! Vor allem Ratlosigkeit steht im Raum, irgendwie möchte man fliehen. Und das bringt das Video dazu gut zum Ausdruck. Ein Streifzug durch ein verzerrtes, verbautes, teilweise totes Berlin.
Im kommenden Jahr gibt es dann eine richtig große Tour, bei der es wieder ordentlich scheppern wird!
26.02.2025 Münster, Sputnikhalle 27.02.2025 Wolfsburg, Hallenbad 28.02.2025 Marburg, KFZ 01.03.2025 Magdeburg, Factory 02.03.2025 Rostock, Peter Weiss Haus 12.03.2025 Köln, Kantine 13.03.2025 Hannover, Faust 14.03.2025 Leer, Zollhaus 15.03.2025 Wiesbaden, Schlachthof 16.03.2025 Bochum, Bahnhof Langendreer 02.04.2025 Dresden, Tante Ju 03.04.2025 AT-Wien, Das Werk 04.04.2025 Erlangen, E-Werk 05.04.2025 Leipzig, Conne Island 16.04.2025 Jena, Kassablanca 17.04.2025 CH-Winterthur, Salzhaus 18.04.2025 CH-Bern, ISC 19.04.2025 München, Feierwerk 20.04.2025 Karlsruhe, P8 15.05.2025 Berlin, SO36 22.05.2025 Hamburg, Markthalle