Mittwoch, 17. Juli 2019

Enno Bunger - Was berührt, das bleibt

Bild: ennobunger.de
(sb) So, ich muss gleich mal gaaaaaaaanz weit ausholen: Ich komme ja aus dem Süden Deutschlands und da heißt man nicht Enno. Mohammed vielleicht. Oder Giuseppe, Oleg und Slobodan. Aber sicher nicht Enno. Als ich vor ein paar Jahren erstmals von einem Sänger namens Enno Bunger hörte, habe ich folglich ernsthaft gegoogelt, ob das tatsächlich ein Name ist und woher der kommt. Und siehe da: Wikipedia hatte eine Antwort parat und ich war wieder ein bisschen schlauer. Besagter Musiker begleitet mich seitdem jedoch in regelmäßigen Abständen, wobei es bislang meist einzelne Tracks waren, die mich ansprachen, teilweise begeisterten. Regen, Renn, Neonlicht - fantastische Songs, großartige Texte, starke Arrangements! Auch die überaus sehens- und hörenswerten Auftritte bei TV Noir habe ich mir immer wieder reingezogen, doch erst jetzt, mit seinem neuen Album Was berührt, das bleibt (VÖ: 26.07.), steigt der Ostfriese bei mir in den Bewusstseins-Olymp auf. Dafür aber umso beeindruckender und nachhaltiger...

Nachdem über die letzten Wochen hinweg bereits mehrere Singles samt Video ausgekoppelt worden waren, erreichte uns kürzlich die erlösende Mail mit dem Download zum Album. Ganz ehrlich: so viel Vorfreude auf Musik hatte ich schon sehr lange nicht mehr verspürt. Also CD gebrannt, mich für ne Stunde von der Familie verabschiedet und ab ins Musikzimmer. Einsamkeit. Ruhe. Konzentration.

Ist Kalifornien noch ein überdurchschnittlicher, aber doch radiotauglicher Song, der in erster Linie unterhält, holt mich Bucketlist direkt mal an einem Punkt im Leben ab, an dem man ganz hart zwischen Verantwortungsbewusstsein, Unternehmungslust, Freiheitsdrang und Familie abwägen muss, an dem man gezwungenermaßen Kompromisse schließen muss, um seine Geliebten nicht vor den Kopf zu stoßen und nicht immer das tun kann, was man möchte. Kann man wirklich nicht? Ist die Bucketlist wirklich die richtige Lösung? Oder muss man doch manchmal (oder öfter?!) das tun, was einen selber glücklich macht und erfüllt, um auch anderen gegenüber zufriedener aufzutreten ohne einen Groll zu hegen, der nur in einem selber begründet liegt? Noch habe ich die Antwort für mich nicht definiert, der Track hat mich aber sehr zum Nachdenken angeregt.

Bild: goeticket.de
Bei Track 3 fließen dann erstmals Tränen. Tränen der Rührung für diese Hymne an die Freundschaft, an das Leben. Ponyhof ist die Hochzeitsrede in Liedform von Enno Bunger an seinen besten Freund und Schlagzeuger Nils Dietrich, eine Reminiszenz an die gemeinsame Jugend, an alles, was die beiden zusammen er- und durchlebt haben. Eine Liebeserklärung von unvergleichlicher Intensität und ein Loslassen, weil der Sänger genau weiß, dass er es wegen der Richtigen tut. Was für wunderschöne Worte, welch überwältigende Gefühle.

Fade out, fade in: Stark sein. Eben noch der schönste Tag des Lebens, im nächsten Moment der Augenblick, in dem ein geliebter Mensch die Nachricht einer schweren Nachricht erhält. Ein Schlag in die Magengrube. Wieder Tränen, diesmal Trauer, Niedergeschlagenheit. Wer sowas selber schon mal erleben musste, wird unweigerlich daran erinnert und das Leiden kehrt zurück. Der Moment, der alles ändert, der den Anfang vom Ende darstellen könnte. Traurigkeit, Kampfgeist, Verletzlichkeit, aufkeimende Hoffnung, Rückschläge, Zusammenhalt - 3 Minuten 49 Sekunden pures Gefühlschaos mit Gänsehautgarantie.

Und Enno Bunger hört einfach nicht auf. Nochmal tief schlucken bei Die Bäume streuen Konfetti, nochmal Kampf mit den Tränen, nochmal verloren. Der Song an sich ist schon beklemmend, seine volle Wirkung entfaltet er aber erst in Verbindung mit dem dazugehörigen Video (siehe unten). Darin zu sehen: der Sänger, seine Freundin und sein bester Freund Nils, wie sie dessen verstorbener Ehefrau gedenken. So schauderhaft und doch so schön, dass jemand diese Gefühle so authentisch und völlig frei von Kitsch in Worte und Melodien verpacken kann.

Die gut zwei Minuten des ebenfalls sehr starken Glaube an die Welt gehen wie im Flug und viel zu schnell vorbei, zu sehr steckt man noch im Trauermodus und verarbeitet das zuvor Gehörte.

Bild: facebook.com/ennobunger

Wofür hältst Du Dich und Wolken aus Beton sind beide für sich ebenfalls tolle Songs mit herausragenden Texten und stecken problemlos die meisten anderen deutschsprachigen Songwriter in die Tasche. Nach den ersten paar Tracks des Albums erscheinen sie aber mehr wie eine Verschnaufpause und Regenerationsmaßnahme für die geschundene Seele. Mit Niemand wird Dich retten kommt dann tatsächlich ein Lied, das mich zwar unterhält, aber nicht persönlich anspricht. Es wird das einzige auf diesem überragenden Album bleiben.

Es folgt One-Life Stand, der Song, den ich wahnsinnig gerne meiner Frau geschrieben hätte. Wie schön kann man seine Liebe eigentlich zum Ausdruck bringen? Wie gefühlvoll kann man seinem geliebten Menschen mitteilen, dass man nie mehr ohne ihn sein möchte und dass alleine der Gedanke an den Partner einen mit so einem wohligen Schauer erfüllt, dass man vor Glück fast übersprudelt?

Nach all den traurigen Passagen auf diesem Album erscheint ein Track namens Weichzeichnungsfilter zum Abschluss zunächst mal wie blanker Hohn. Wenn man sich das Lied dann jedoch anhört, mit dem Protagonisten die Kindheit, die Jugend und das Erwachsenwerden erlebt, Freude, Enttäuschungen, Trauer und Euphorie teilt, erkennt man recht schnell, dass der Künstler hierfür keinen besseren Titel hätte wählen können.

Enno Bunger hat ein Album über den Tod geschrieben. Und über das Leben. Über Verlust und über Mut. Mit Was berührt, das bleibt setzt er sich auf die Pole Position im Rennen ums Album des Jahres und legt die Messlatte für alle kommenden Releases des Jahres extrem hoch.







Dienstag, 16. Juli 2019

Dope Lemon - Smooth Big Cat

Bescheiden: Angus Stone aka Dope Lemon. Foto: Jennifer Stenglein
(ms) Es gibt mehrere Richtungen der Sommermusik. Da ist die schlechte à la Ketchup Song und Desparcito oder dergleichen Turbomüll. Dann gibt es auf der guten Seite beispielsweise tanzbare Musik von #zweiraumsilke.
Dazu gesellt sich nun die extreme Chiller-Mukke. Und die gibt es von Dope Lemon in Reinform. Hinter dem einfallsreichen Namen steckt Angus Stone, den ihr sicher von der Musik mit seiner Schwester Julia kennt. Dass er auch solo unterwegs ist, war mir bislang unbekannt, doch eine EP und ein Album hat er unter seinem Künstlernamen schon veröffentlicht. Und das auch recht erfolgreich. In seiner Außendarstellung - Fotos, Videos etc. - macht er auch keinen Hehl daraus, dass das Dope aus dem Alias keine Effekthascherei ist, sondern Leidenschaft, Hobby, Bestimmung.
Bei der Ankündigung zu Big Smooth Cat (Veröffentlichung: 12. Juli, letzter Freitag) war ich etwas skeptisch. Denn das letzte gemeinsame Werk mit Julia, Snow, war unglaublich langweiliger Radioschrott. Doch damit haben wir es hier nicht zu tun. Diese Platte ist ein Traum!



Bevor wir zum Klang der Platte kommen, wollen wir den Pressetext erklären lassen, was es mit dem Titel des Albums zu tun hat: Die Smooth Big Cat ist "eine Mythen-umwehte Kreatur des Müßiggangs, die für ihre ausschweifenden Herrenabende berüchtigt ist. Whiskey trinkend und Schallplatten hörend schlägt sie sich die Nächte mit ihren zwielichtigen Freunden um die Ohren. Am echten Leben ist dieses Wesen nicht interessiert, sondern lässt sich lieber treiben, wohin sie der Wind auch trägt."
Wenn man diesen Zustand erreichen sollte, sind die zwölf Tracks genau das richtige. Der Opener Hey You ist schon sehr repräsentativ für das ganze Werk. Es sind viereinhalb Minuten voller Groove, in denen Angus Stone seine Stimme mal so richtig nach verrauchter Eckkneipe klingen lassen kann. Und das geht genauso weiter. Die andere Single Salt & Pepper lief bei mir schon tagelang hoch und runter. Grundlage sind geschmeidige Gitarren-Riffs, aber hauptsächlich bestechend eingängige Percussion. Dazu gibt es auch ein herrliches Video, das einen mitnimmt auf einen psychedelischen Trip durch die Nacht und diverse Substanzen.



Stone bietet auf dem gesamten Album die Kiffervariante von Easy Listening. Man kann sich ganz entspannt zurücklehnen, alle Sorgen beiseite legen, die To-Do-Liste von morgen getrost mit dem Feuerzeug anstecken und bloß nicht vom Sofa aufstehen. Selten so viel Groove gehört.
Auch von verzerrtem, aber total entschleunigtem Bass macht er auf Lonely Boys Paradise Gebrauch. Man baucht gar kein THC, um sich für diese Musik zu berauschen. Das schaffen die Lieder aus ihrer innewohnenden Energie von ganz allein. Wobei man bei dem Titel Dope & Smoke schon auf andere Gedanken kommen könnte.
Ab und ab könnte man Smooth Big Cat schon vorwerfen zu eingängig zu sein. Aber dann hat man diese Art von Musik nur nicht verstanden. Das ist schon beabsichtigt so: bloß keine Aufregung, kein Stress, keine Experimente. Einfach ein paar geschmeidige Gitarren, ein paar Trommeln und diese wunderbare Stimme von Angus Stone und fertig ist ein herrlich entspanntes und sehr gutes (ja, die Qualität der ganzen Platte ist nicht zu untergraben) Album! Gebt Euch das!

Man darf gespannt sein, wie das live wird!

17.09. Berlin - Huxleys
18.09. Hamburg - Reeperbahn Festival
20.09. Köln - Live Music Hall
21.09. München - Muffathalle
22.09. CH-Zürich - Plaza

Sonntag, 14. Juli 2019

Live in Münster: Nah am Wasser Festival

Kettcar in Münster. Foto: luserlounge
(ms) Dass Münster eine Regenstadt ist, ist eine Binsenweisheit. Aber Münster kann auch eine Sonnenstadt sein. Und das wurde am Samstag auf dem Gelände des Coconut Beach bestens bewiesen. Denn: In allen Tagen zuvor wurden massiver Regen und nur schlappe achtzehn Grad angekündigt. Spätestens am Nachmittag kam die wärmende Sonne raus und bescherte im Zusammenspiel mit tollen Künstlern und super Publikum einen hervorragenden Sommersamstag beim Nah am Wasser Festival. Ja, das Areal ist nicht prädestiniert für ein Indie-Gitarren-Tag. Üblicherweise legen dort DJs auf und es wird durch den Tag getanzt. Am Samstag haben andere Genres für gute Laune gesorgt.

Extrem schade war, dass wenige Tage vorher Mine krankheitsbedingt absagen musste. Ich hätte sie sehr gerne mal live gesehen. Doch der gute und sehr spontane Matze Rossi ist für sie eingesprungen.
Wir haben die ersten paar Bands verpasst und stiegen zu Neonschwarz ein. Die Hamburger Swizzys haben mal wieder Rap in Reinform dargeboten mit augenzwinkerndem Mackertum und klarer Kante gegen alles was von Rechts kreucht und fleucht. Da dürfen natürlich auch Festivalspäße wie alle-in-die-Hocke-und-dann-durchdrehen nicht fehlen. Die Meute hat selbstredend mitgemacht. Auch schön: Eine große Regenbogenflagge wurde immer wieder geschwenkt. Sehr schön!

Das Gelände und Granada. Foto: luserlounge
Danach trat die Band Granada aus Graz auf. Haben wir von etwas weiter hinten verfolgt. Aber: Sie haben für erstaunlich beschwingte und gute Laune gesorgt. Dabei sei gesagt, dass sie mit dem Stil von Bilderbuch oder Wanda - nur weil sie aus Österreich kommen - nichts zu tun haben. Irre sympathisch und hätte ich mir vielleicht von weiter vorne anschauen sollen. Beim nächsten Mal.
Dann wurde es interessant, denn: Leoniden waren als nächstes dran. Eine Band, die ich überhaupt nicht kannte und die ich nach deren Gig auch nicht weiter kennenlernen möchte. Klar, die Leute sind komplett ausgeflippt und ich habe auch verstanden, wie die Band funktioniert. Viel Show, aber tendenziell etwas für Teenies. Da wusste man auch nicht, ob man sich um den Gitarristen Sorgen machen musste, so wie der sich verbogen hat. Da war Strobo im Kopf! Das war mir zu berechenbar und funktional.
Mag aber auch daran liegen, dass ich wegen meiner Herzensband Kettcar anwesend war. Die fünf jungen Hamburger haben dann auch nochmal ausgesprochen, dass das Areal eigentlich ganz, ganz untypisch für ein Kettcar-Konzert sei. Zudem haben sie bestimmt länger nicht auf so einer kleinen Bühne gespielt. Die großen LED-Wände, die ihre Konzerte zuletzt immer unterstützt haben, passten da nicht drauf. Und dann wurde eineinhalb Stunden genau das umgesetzt, was man von Kettcar erwarten konnte: Eine Reise durch die eigenen Hits, für mich als Nerd wenig überraschende, aber natürlich total sympathische Ansprachen. Was nicht zu erwarten war: lockeres Gepoge vor der Bühne. Das war mein 26. Kettcar-Konzert, das habe ich so noch nicht erlebt. Aber auch schön!
Und zack! war um zehn Uhr Schluss. Die Sonne verabschiedete sich gerade und gut gelaunt gingen die Leute ihrer Wege.
Was an dem Eintagesfestival auch erstaunlich ist: Es kommt mit bemerkenswert wenig Werbung aus. Sowohl waren vor Ort keine Banner von Sponsoren zu sehen und dafür dass es fast ausverkauft war, sah man in der Stadt oder im Netz auch wenig Ankündigungen. Also: Gutes Marketingkonzept! Dann bis nächstes Jahr!

Freitag, 12. Juli 2019

KW 28, 2019: Die luserlounge selektiert

Quelle: trewcreative.com
(sb/ms) Wichtig: Ich war noch nie auf der Fusion und ich habe auch nicht vor hinzugehen. Zudem: Die Menschen beim Y-Kollektiv machen sehr gute Beiträge!
Einer der letzten handelte vom Fusion Festival. Das erste Mal durften Kameras auf das Gelände zum filmen und fotografieren. Ihr erinnert Euch: Der Streit um die Präsenz der Polizei vor Ort. Ich finde, dass es ein sehenswerter Beitrag geworden ist und gut, dass sich die Macher hinter dem Festival die Zeit genommen haben mit Journalisten zu sprechen.
Nun entbrannte sich in den dazugehörigen Kommentaren eine breite Diskussion. Es geht darum, dass durch das erlaubte Filmen auf dem Festival dem Ort seine Magie genommen würde. Wie gesagt, ich war nie da und werde nicht hingehen (nicht mein Genre), aber was ist das denn für ein Quatsch. Logisch, das Fusion Festival hat mehrere Alleinstellungsmerkmale, die in dem Beitrag sehr gut dargestellt werden. Und ich weiß von eigenen, zahllosen Festivalbesuchen, dass noch nie ein Bild oder ein Video den Zauber hätte stehlen können. Es geht bei außerordentlichen Veranstaltungen wie dieser doch um die Stimmung, die Atmosphäre, das was man spürt, das Kribbeln, die Energie der Menschen, der Musik, des Miteinander. Das lässt sich gar nicht abbilden. Was soll's, wenn ich jetzt weiß, wie ein Teil des Geländes aussieht?! Auf dem Campingbereich wurde zum Beispiel gar nicht erst gefilmt.
Das Fusion Festival mag eine drogenberauschte Parallelwelt für ein Wochenende sein. Doch bei 50.000 Besuchern hat auch die Öffentlichkeit ein Interesse daran, wie es dort zumindest aussieht.
Wir jedoch sind die luserlounge. Wir haben ein sehr schwammiges musikalisches Profil. Und heute ist Freitag. Wir haben selektiert:

Mädness
Rap ist ein Karussell. Da springen viele mal auf und ab, manche drehen eine Ehrenrunde und viele finden sich auch für einen gemeinsamen Trip. Zum Beispiel Mädness und Döll. Die haben sowieso schon Spielplatzerfahrung, denn sie sind Brüder. Ich kenne beide aus den Kollabos mit Audio88 und Yassin. Nun wird Mädness sein neues Solo-Album veröffentlichen. Vor 13 Jahren kam sein erstes Release auf den Markt. Nun wird OG am 23. August in den Plattenläden Eures Vertrauens zu finden sein. Es soll um die Emanzipation aus dem Rap-Business und der generellen Freisagung von dämlichen Trends gehen. Eskapismus in Reinform von einem der technisch besten Rapper des Landes. Man darf sich also mehr als freuen. Und man darf schon reinhören!



Antillectual
Als hochpolitische Band verstehen sich Antillectual und das ist gut so und heutzutage wichtiger denn je. "If you're not outraged, you're not paying attention." Das waren die letzten Worte, die Heather Heyer 2017 digital an die Welt richtete, bevor ein Rechtsradikaler sie bei einer antifaschistischen Demonstration in Charlottesville (USA) vorsätzlich mit einem Auto tötete. Im Anschluss an die Fascho-Kundgebungen, die ursprünglich vor allem von Mitgliedern von Alt-Right, dem Ku-Klux-Klan, Neonazis, Neo-Konföderierten, White Nationalists, der White Supremacy und sonstigen Arschgranaten ausgingen und die (natürlich) Gegenbewegungen auf den Plan rief, hatte Präsident Trump nicht Besseres zu tun als zu verkünden, dass beide Seiten für die Unruhen verantwortlichen seien.
Als Antillectual ihre neue Single If You're Not Outraged (VÖ: 09.07.) schrieben, wurde in ihrer niederländischen Heimat ein antifaschistischer Demonstrant verhaftet und des Aufrufs zum Mord angeklagt, nachdem er auf einer Kundgebung zwar geschmacklose, aber harmlose Parolen gerufen hatte. Zuvor war das rechtsgerichtete und EU-feindliche "Forum voor Democratie" als Sieger aus einer Provinzwahl hervorgegangen. Die Band dazu: "Rechtsradikale Ideologien sind auf dem Vormarsch. (...) Um es klar zu sagen: Wir finden das eine schlechte Sache. Infolgedessen gewinnt auch der Antifaschismus an Dynamik und das sehen wir sehr positiv. Antifaschismus ist kein Verbrechen!"

Demnächst auf Tour:

13.07. DE - Hormersdorf, KNRD Fest
20.07. NL - Zaanstad, Haltpop
21.07. NL - Koog, Haltpop Festival
26.07. DE - Hamburg, Markthalle (mit Propagandhi)
02.08. BE - Duffel, Brakrock
09.08. DE - Lingen, Abifestival
10.08. NL - Amsterdam, Melkweg (mit Descendents)
24.08. DE - Bergen, Ein Festival der Vielfalt
13.09. DE - Köln, Sonic Ballroom
14.09. BE - Namur, Fetes de Wallonie
20.09. DE - Göttingen, einsB
21.09. DE - Berlin, Heart Attack Festival
16.11. TR - Istanbul, Karga Bar
23.11. DE - Alfeld, Alfeld Rockt
07.12. DE - Jena, Rosenkeller
28.12. NL - Nijmegen, Friends First Fest


Donots
Es ist so gut wie unmöglich die Donots nicht live gesehen zu haben. Die Ibbenbürener - durch die diese Stadt zwischen Osnabrück und Münster auch erst bekannt wurde - spielen unermüdlich Gigs auf Festivals und eigenen Tourneen. Das tun sie seit geschmeidigen 25 Jahren! Als ich im Kindergarten Burgen baute, haben die Fünf schon in die Gitarren gehauen. Ein viertel Jahrhundert Donots, sie feiern heute mit der Veröffentlichung ihrer Werkschau Silverhochzeit! 25 Jahre, 25 Lieder. Von den Anfängen in allerbester schrammeliger Punkrock-Manier über Hits wie We're Not Gonna Take It bis hin zu den deutschsprachigen Songs wie Keiner Kommt Hier Lebend Raus. Sie sind nicht nur gute Musiker, sondern auch Typen mit Haltung und unglaublich viel Sympathie. Diese Doppel-LP macht sich gut in jeder Plattensammlung!
Zudem sind sie hier demnächst auch wieder live zu sehen:

12.07. CZ - Tabor, Mighty Sounds Festival
13.07. Straubenhardt, Happiness Festival
20.07. Cuxhaven, Deichbrand Festival
08.08. Eschwege, Open Flair
09.08. Püttlingen, Rocco del Schlacko
10.08. Rothenburg, Taubertal Festival
22.08. Pügnitz, Pangea Festival
28.08. Hamburg, Sommer in Altona (Podcast)
31.08. Lüdenscheid, Bautz Festival
14.09. Ibbenbühren, JKZ Scheune, Donots Open Air



Frightened Rabbit
Wir hatten ja bereits angekündigt, dass anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Frightened Rabbit-Albums The Midnight Organ Fight eine Sonder-Edition des Werkes mit ausschließlich Cover-Versionen erscheinen würde und heute ist es endlich so weit: Tiny Changes heißt das gute Stück und ist nicht zuletzt aufgrund des zwischenzeitlichen Suizids von Frightened Rabbit-Kopf Scott Hutchison eine ganz spezielle Hommage an die Band und ihren charismatischen Sänger.
Namhafte Musiker wie Biffy Clyro, Daughter, Wintersleep oder Benjamin Gibbard (Death Cab For Cutie) verpassen den den FR-Klassikern mal mehr und mal weniger neue Kleider und interpretieren die Songs nach ihrem Gusto. Für Fans (und als solchen würde ich mich durchaus bezeichnen) ne super Sache, Neueinsteigern würde ich aber erstmal das Original empfehlen, denn gerade aus der fragilen Persönlichkeit und Stimme Scott Hutchisons bezogen Frightened Rabbit und deren Songs das Gros ihrer Einzigartigkeit und sind wir doch mal ehrlich: eine Coverversion kann man erst beurteilen, wenn man weiß, wie der Song ursprünglich klang, oder?



I Drew Blank
Schwenken wir in die kreative Indie-Szene Berlins. Da haben sich drei Protagonisten zusammen getan, die bereits anderweitig unterwegs sind: Bassistin & Sängerin Oyèmi Hessou (Jaguwar), Gitarrist & Sänger Dominik Jureschko (White Hand Gibbon) und Schlagzeugerin Eilis Frawley (Party Fears). Zusammen sind sie I Drew Blank und haben Ende Juli ihre gemeinsame EP Interesting Life Choices veröffentlicht. Was für ein brillianter Titel für eine Veröffentlichung. Die ausgekoppelte Single Uncomfy hat gute zwei Minuten Spieldauer und haut in die Kerbe der Art von Indie-Rock, wie er vor über zehn Jahren erfolgreich war. Ein bisschen Nostalgie kommt bei diesem Track schon hervor. Aber es klingt großartig. Und die Presse-Info schreibt zudem über die Texte: "Dunkle Welten und Geschichten über das Ende der Liebe treffen in den fünf Songs ihrer EP auf Besinnung und brutale Ehrlichkeit." Sind das nicht die Gründe, warum wir dieses Genre so lieben?!

Dienstag, 9. Juli 2019

Batushka - Hospodi

Batushka. Foto: Jacob Dinesen
(ms) Ist die polnische Band Batushka heute das, was man sich insgeheim von Ghost erhofft hat? Die Musiker treten ebenfalls komplett maskiert auf und sie blieben bislang erfolgreich anonym; bis zum erfolgreich öffentlich ausgeführten Rechtsstreit. Zudem spielen sie mit Elementen des Christentums. Jedoch unterscheiden sie sich auch stark von Cardinal Copia und Co. Ihr Sound ist wesentlich härter, sie singen auf polnisch, integrieren das Spiel mit dem Religiösen stärker in ihre Live-Shows; zumindest so viel wie auf Videos zu sehen ist. Wobei die Duftstäbe, Bühnendeko und insbesondere das Abendmahl-Feiern mit den Sisters of Mercy bei Ghost-Konzerten schon toll sind. Der große Unterschied besteht jedoch darin, dass Batushka schon auch eine Show darbieten, aber nicht auf diese heillos und etwas nervige popkulturelle Art wie die Schweden.
Batushka veröffentlichen am Freitag (12. Juli) ihr zweites Album. Es heißt Hospodi und hat hat ordentlich Dampf zu bieten! Der Albumtitel ist eine Bezeichnung für Gott aus dem Altslawischen.



Machen wir dafür einen kleinen Ausflug in die Welt der christlichen Mystik. Dies ist nicht gleichzusetzen mit Okkultismus. Okkultes ist im weitesten Sinne Esoterik, paranormale Erscheinungen und andere nicht-wissenschaftliche Parts im religionsähnlichen Bereich. Mystik hingegen hat eine lange Tradition in der Kirche. Mystik ist das Verborgene, Geheimnisvolle, Unausdrückbare. Persönliche Erfahrungen sowie die Einswerdung mit Gott, die sogenannte Unio Mystica, sind dabei von zentraler Bedeutung. Dabei soll die Seele oder der menschliche Geist mit einer letzten und höchsten Wahrheit vereint werden und eine besondere Form menschlichen Erkennens und Verhaltens verstanden sein. Warum nicht mit Brechstangenmetal aus Polen?
Batushka arbeiten zudem mit zentralen Elementen der byzantinischen Kultur und der orthodoxen Kirche. Zu hören ist das im mönchsähnlichen Gesang, der durch das klassische Gekreiche des Black Metal ergänzt wird. Doch zum Glück zieht sich dieser gutturale Gesang auf Hospodi nicht gänzlich durch, nervt also nicht sondern fügt sich zu einem durchaus harmonischen Gesamtbild.
Allein aus diesen äußeren Merkmalen kann man schon festhalten: Hospodi ist ein sehr vielschichtiges Album und die Spielereien der Band keine Attitüde, sondern sie haben sich tiefgehend damit beschäftigt.



Kommen wir zum Kern der Veröffentlichung: Wie klingt das nun also?
Der Beginn macht schon mächtig neugierig. Denn: Auf Wozglas sind zweieinhalb Minuten nur Glockenschläge und polnischer Mönchsgesang (ich nenne das einfach mal so, stimmt wahrscheinlich gar nicht, aber so kann man sich etwas drunter vorstellen) zu hören. Und danach geht es rund. Die Lieder verschmelzen zwar ineinander, doch die einsetzenden etwas schwerfälligen Gitarrenriffs geben das Leitmotiv für die kommenden Lieder. Dann setzt ein wirbelndes Schlagzeug (Achtung: massiver Einsatz der Dubblebass!), dazu kommt noch mehr Gitarre und der Black Metal-typische Gesang. Das ist brachial, aber extrem harmonisch und ausgefeilt. Dziewiatyj Czas macht schon viel Spaß! Und immer wieder chorischer Gesang, sehr raffiniert!
Natürlich steckt da - wie bei Ghost - viel Kalkül für ein Gesamtbild hinter, aber es geht hervorragend auf!

Wobei man für alle Freunde der nicht so harten Gangart sagen muss: Es gibt auch immer wieder recht (hard)rockige Parts, es ist kein Dauerfeuerwerk. Das sorgt für Pausen und etwas Entspannung zwischendurch, wie man in Powieczerje gut hören kann. Die Stücke sind abwechslungsreich und spannend. Worum es in den Texten geht? Puh, schwer das detailliert zu sagen. Doch Presse-Text und die Gesamterscheinung lassen auf Christliches, Orthodoxes, Religiöses, Mystisches schließen.
Klar, man merkt, dass hier keine Metal-Profis schreiben, aber ab und an läuft doch gerne solche Musik durch meine Kopfhörer und Boxen. Batushka vereinen vielleicht die Stärken ihrer Landsleute Behemoth und der schon erwähnten Ghost, ohne deren Schwächen mitzuschleppen.
Wenn das Album dann noch mit einer dreiteiligen Video-Saga begleitet wird, ist das ein vollendeter künstlerischer Rahmen, dem ich mich gerne hingebe.
Hört mal rein, gebt der Musik eine Chance, sie kann schneller verzaubern, als man glaubt!

Freitag, 5. Juli 2019

KW 27, 2019: Die luserlounge selektiert

Quelle: dinahoverlien.com
(ms/sb) In zwei Wochen startet das Deichbrand Festival. Letztes Jahr wollte ich mich ja eigentlich von den großen Festivals verabschieden. Zu groß, zu viel Ballermannatmosphäre, weniger Spirit. Doch ich habe mich von Freunden breit schlagen lassen, um an der Nordsee das Hirn zu ent- und die Trinkfähigkeit zu belasten. Leider ist das Line-Up auf den ersten Blick gar nicht mal so gut. Fettes Brot, Alligatoah, Biffy Clyro und Thirty Seconds To Mars als Headliner?! Puh, da gehe ich lieber Bier genießen. Aber auf den zweiten Blick warten an dem Wochenende doch einige Perlen, die sich sogar kaum überschneiden. Denn bei diesen Acts bleiben wohl kaum die Beine, Hüften und Kehlen stumm: Russkaja, Talco, Wanda, Feine Sahne Fischfilet, sookee, Blood Red Shoes, Tocotronic, Marathonmann, Donots, Dendemann, The Kooks, Two Door Cinema Club, Adam Angst, Swiss und Die Andern, Mine, Johnossi und Madsen werden auf jeden Fall den Nachmittag und frühen Abend sauberst gestalten. Und wenn Frittenbude Sonntagnacht um halb zwei auf die Bühne treten - direkt nach Marsimoto - gibt es sicherlich kein Halten mehr. Die Koffer sind also gepackt.
Selektiert haben wir natürlich auch. Weniger Festivalmusik, aber absolute Perlen von laut bis leise.

Sail By Summer
Fjorde, Berge, goldene Flüsse, viel Regen und sogar im Sommer bleibt es kühl - das ist Bergen, Norwegen. Aus dieser erfrischenden Umgebung stammen Sail By Summer, die norwegisch-dänische Band, die uns bereits mit ihrer Vorab-Single Fetch You Roses so begeistern konnte.
Nun liegt uns auch das mit Spannung erwartete Debütalbum Casual Heaven (VÖ: 09.08.) vor und das hält, was wir uns davon versprochen haben: Lieder über Sehnsucht und mangelndes Selbstvertrauen, über Gleichgültigkeit und die schwierige Frage, welchen Weg man im Leben einschlagen möchte. Zeitweilig fühlt man sich an The Cure, Pink Floyd oder Death Cab For Cutie erinnert und doch schaffen es Sail By Summer, ihren eigenen Stil zu kreieren damit mehr als nur zu gefallen. Sehr, sehr starkes Album, das wir Euch hiermit ans Herz legen wollen.


Django 3000
Irgendwas läuft im wunderschönen Chiemgau seit ein paar Jahren gewaltig richtig, denn mit dem Keller Steff, der Mundwerk Crew und LaBrassBanda (um nur ein paar zu nennen) haben es einige Bands geschafft, sich auch über den Weißwurstäquator hinaus einen Namen zu machen. Dazu gehört ganz sicher auch Django 3000, die mit ihrem gypsyangehauchten Folkrock sogar in den Top 20 der deutschen Albumcharts aufschlugen. Heute erscheint nun endlich Django 4000, das neue Werk des Quintetts und das verknüpft bekannte Stärken der Band mit modernen und ungewohnten Elementen. Buam, muss Autotune wirklich sein? Ernsthaft? Ganz übel! Da vergeht einem der Hörspaß gewaltig und der Ärger über diese Aussetzer (in Magnet) ist so stark, dass man sich über tolle Songs wie Heimat gar nicht mehr recht freuen kann. Und gerade wenn man sich denkt, dass sie die Kurve doch noch bekommen haben (Voodoo ist ein super Track!), wird der Eindruck durch Gold Digger, das völlig unverständlicherweise auch noch als Single ausgekoppelt wurde, wieder zunichte gemacht. Auch englische Texte bei Django 3000 sorgen bei mir nicht gerade für Jubelstürme, die Stimme von Kamil Müller klingt aber in jeder Sprache geil und insofern sei ihnen das nochmal verziehen. Wird jetzt sicher nicht mein Lieblingsalbum, wächst aber immerhin mit jedem Anhören.



Great Red Silence
Vor einigen Monaten haben wir Euch begeistert über die Musik von The Boys You Know berichtet. Einige der Protagonisten sind jetzt auch anderweitig aktiv. Die fünf Wiener nennen sich Great Red Silence. Doch von Ruhe keine Spur. Beim Hören ihrer Single 4AM wird klar: hier will man sich nicht einigen auf ein Genre; ein bisschen Psychedelisches, klare Gitarren und tatsächlich so etwas wie Blues schimmert hindurch. Sehenswert ist das passende Video: Es bebildert den roten Erzählfaden des kommenden Albums White Shark Café (VÖ: 27. September). Denn in diesem Café erzählt jemand von seinen surrealen Erlebnissen und Reisen. Das ist im Video mehr als gut zu sehen. Ein irres Kidnapping, inszeniert vom Puppenspieler Christoph Bochdansky, wird zum Höllentrip. Der Sound untermalt dieses mulmige Gefühl ziemlich gut:



Cavallo
Für die folgende Band sind gewisse Ausgangsvoraussetzungen wichtig. Sitzt ihr sicher? Seid ihr womöglich angeschnallt? Legt bitte heiße oder kalte Getränke aus der Hand. Denn es ist durchaus möglich, dass sich euer gesamter Körper zum Klang von Cavallo in Bewegung versetzen mag! Denn: Das ist instrumentale, massive Gitarrenmusik, die einen nicht kalt lässt. Ein Mix aus der deutschen Band Instrument, Mogwai und Blackmail ungefähr. Die Band aus Brooklyn veröffentlichte letzten Monat ihren Erstling Interstices auf CD. Und die Nerds unter uns, können auch ihre Vinylsucht befriedigen, denn Kapitän Platte aus Bielefeld hat 300 Stück auf Lager. Exklusiv für ganz Europa.
Die sieben Tracks strotzen vor Energie. Erhabene Soundflächen breiten sich aus, ein treibendes Schlagzeug gibt keine Ruhe, die Gitarren gehen hoch und runter und der Bass tut, was ein Bass tun muss. Sofort verliebt in diesen Klang! Die Songs sind zwischen zwei und acht Minuten lang und es ist unnötig einen herauszuheben. Erst als Gesamtwerk mach Interstices richtig Sinn. Ein wahres Brett an Musik!




The Screenshots
Wie schön es doch manchmal ist, wenn man nicht weiß, wer da eigentlich genau musiziert. Denn die drei von The Screenshots heißen ja nicht wirklich Dax Werner, Susi Bumms und Kurt Prödel. Das ist klar. Ist ja auch nicht wichtig, wer das ist. Dann kann man wenigstens das Augenmerk auf die Texte und die Musik fokussieren. Und irgendwo aus den Sphären des Internets kommt dann ein Hype. Der endete darin, dass ihr erster Live-Auftritt überhaupt direkt im Fernsehen, direkt bei Böhmermann stattfand. Der Gedanke liegt nahe, dass da keine Unbekannten am Werk sind. Und wie klingt das jetzt?! Die PR-Meldung sagt: Ein Mix aus den frühen Tocotronic und Sportfreunde Stiller. Was ungewohnt erscheint, ergibt Sinn. Einfach mal reinhören, dann hört man beides raus. Es geht um Gefühle, Kultur, Geschlechterrollen. Diskurspop also, der ergänzt wird durch Tracks über Cornetto-Eis (Simon Pegg und Nick Frost lassen grüßen). Das Album heißt Europa LP und erschien über Staatsakt. Muss man noch mehr sagen? Ja, die Tour findet unter dem Motto "Liebe Grüße an alle" statt. Also: Hin da!

19.11. - Bremen, Lagerhaus
20.11. - Berlin, Zukunft am Ostkreuz
21.11. - Leipzig, Ilses Erika
22.11. - Chemnitz, Atomino
23.11. - Wien, GrillX
24.11. - Salzburg, Rockhouse Bar
26.11. - München, Milla
27.11. - Karlsruhe, Kohi
28.11. - Stuttgart, Merlin
29.11. - Mainz, Schon Schön



Subshine
Zum Abschluss kehren wir nochmal zurück nach Bergen, der Stadt die uns ja auch schon Sail By Summer schenkte. Auch Subshine stammen von der Südwestküste Norwegens und veröffentlichen am 19.07. ihr Debütalbum Easy Window. Wir gehen davon aus, dass niemand von Euch je von der Band gehört hat, oder? Das solltet Ihr schleunigst ändern, denn die Band um Ole Gunnar Gundersen (Ex-Lorraine) besticht durch elektronischen Pop, in dem Sehnsucht und Hoffnung die zentralen Motive darstellen und der die Gedanken zu stundenlangen Spaziergängen in der atemberaubenden norwegischen Landschaft einlädt. Hört es Euch am Besten mal selber an!




Donnerstag, 4. Juli 2019

Nola Is Calling - Sewing Mashine Effects

(ms) Letztens habe ich endlich den Film Green Book gesehen. Großartig, jeder verliehene Preis ging da auf jeden Fall in die richtigen Hände. Meines Erachtens auch ein eindrucksvoller Beweis, dass Viggo Mortensen einer der vielseitigsten Schauspieler derzeit ist! Neben der Geschichte um Musik, Freundschaft und dem Amerika der 60er Jahre, ist das titelgebende Schriftstück von großer Bedeutung. Das Green Book. Es war eine Art Reiseführer für die afroamerikanischen BürgerInnen. Ach, nee. Das klingt zu euphemistisch. Es ist eine Auflistung von Hotels, Motels etc., in denen Schwarze willkommen waren. Heißt: Meist die allerletzten Ramschbuden, weil man sie sonst nirgends sehen wollte.
Die sechs Musiker hinter dem Projekt Nola Is Calling haben sich ein ähnlich drastisches Schriftstück vorgenommen, das ihren Texten und Sounds zugrunde liegt: der Code Noir. Ein aus dem 17. Jahrhundert stammende Gesetzessammlung aus Frankreich, das die "Rechte" von schwarzen Sklaven in den französischen Kolonien regelte. Lest mal nach, was da Abscheuliches drin steht.



Aus der Geschichte von ethnischer Diskriminierung Kunst machen. Das ist ein äußerst ehrenwerter Ansatz. Und Projekt ist hier genau der richtige Begriff: Drei Musiker aus New Orleans trafen für das Album Sewing Mashine Effects (VÖ: letzten Freitag) mit drei anderen Musikern aus Paris, Marseille und Coutonoe, Benin, zusammen. Ein Clash of Cultures, der in jedem der 13 Lieder des Albums zu hören sind. Viele Genres, Vorlieben und Hintergründe von HaSizzle, Bonaventure Didolanvi, Big Chief Jermaine, Olivier Kounduno, David Walters und Big Chief Romeo.
Es scheint ein wirr zusammengewürfelter Haufen zu sein. Doch das stimmt nicht. Antreiber ist das Label Jarring Effects aus Frankreich, die schon vorher zeitlich begrenzt agierende Bands zusammengestellt hat. Nach Kaptsadt und Detroit soll nun also der Sound von New Orleans, die wohl afroamerikanischste Stadt der USA, eingefangen werden. Daher auch der Name: Nola besteht aus den Initialen von New Orleans und seinem Bundesstaat Lousiana. In den 13 Tracks stecken Rap, R'nB, elektronische Elemente, kreolische Gesänge, westafrikanische Percussion und Jazz.



Jetzt kommen wir zu dem schwierigen Part an diesem Release: Der inhaltlichen Bewertung. Diese ist ja immer abhängig vom persönlichen Geschmack und dessen Vorlieben. Ich kann wohl sagen, dass ich die Kunst dahinter sehe und schätze. Aber zum großen Teil ist es einfach nicht mein Ding. Und ja, es liegt daran, dass der Klang mir nicht gewohnt ist. Mal sind in einem Lied die Brüche zu stark, der Gesang nicht so rund (in meinen Ohren) und es catcht nicht so sehr (Take The Crown). In Nola Is Calling wird (wahrscheinlich) Hang gespielt, wie Manu Delago es auch so gern und gut tut. Doch auch hier kommt kein runder Hörgenuss zustande. Tracks wie Ljo Ya haben durchaus Groove, aber es zündet nicht so sehr. Die Songs mit Soul- und/oder Rap-Elementen haben jedoch eine Menge Charme, beispielsweise This Is New Orleans.
Doch ich will diese Platte gar nicht so schlecht machen. Hier ist ganz deutlich, dass es reine Geschmackssache ist. Meiner ist es nicht. Doch: Hört mal rein und vielleicht verfallt ihr ja dem teils hypnotischen Klang.