Freitag, 13. September 2019

KW 37, 2019: Die luserlounge selektiert!

Quelle: drodd.com
(ms) Man kommt ja zu gar nichts. Zum Beispiel: Einen Konzertbericht schreiben zu einem irren Ereignis, das genau vor einer Woche stattgefunden hat.
Letzten Freitag spielte die Punkrock-Band Pascow ein Konzert in Osnabrück. Ich war da und es war der absolute Wahnsinn. Seit diesem Jahr erst ist diese Band auf meinem Radar und ihr Album Jade gehört seit dem Frühjahr zu den Platten, die wirklich auf Heavy Rotation bei mir laufen. Seitdem hören meine Nachbarn auch mehr lauten Punkrock.
Die Erwartungen waren hoch und wurden noch getoppt. Mit dem ersten Gitarrenriff ging eine enorme Energie von der Bühne auf das unglaublich textsichere Publikum über. Mehr will ich nicht sagen, außer: Wer Pascow nicht live sah, hat wirklich was verpasst.
Punkt. Freitag. Luserlounge. #selektiert.

Blindzeile
(ms) Zuerst wenige Sekunden spielerisch-holperndes Schlagzeug, das jedoch im Takt ist. Dann setzt ein sehr konkreter Basslauf ein, der hoch und runter tanzt. Dieser wird durch ein Klavier-Stakkato ergänzt. So fügt sich langsam ein Soundgewand zusammen. Ab der 30. Sekunde setzt der Gesang ein. Bis dato könnte es auch ein modernes Kinderlied sein, so beschwingt und frisch kommt es daher - hier bitte als Kompliment zu verstehen! Doch die Zeile "Die Sonne scheint schlecht gelaunt zu sein" kann auch Erwachsenen taugen. Und das ist dann auch die Zielgruppe von David Pümpin und seiner Band Blindzeile. Der Song heißt Im Süden und ist Teil des heute (13.09) erscheinenden, zweiten Albums Bewegung. Im Refrain macht sich eine ganz sanfte Melancholie breit, wenn der Protagonist wiederholend singt "Ich wünschte du wärst..." und der Hörer darf den Satz vollenden. Zugegebenermaßen kenne ich mich in der Schweizer Bandkultur nicht aus. Gar nicht. Doch ich vermute aus dem Bauch heraus, dass es eher ungewöhnlich ist, hochdeutsch zu singen. Pümpin tut es doch. Seine Stimme kommt auf besten, andächtigen Synthie-Pop-Melodien daher, die an sich schon eine tolle Atmosphäre zwischen Leicht und Schwer erzeugen. Es ist ein anspruchsvolles, persönliches Album, das mit textlichen Fragmenten arbeitet. Schön, um sich hineinzudenken und sie fortzuführen. In der Schweiz gehen Blindzeile demnächst hier auf Tour:

14.09. - Ostermundigen, Stefs Kultur Bistro
05.10. - Birsfelden, Roxy
11.10. - Liestal, Laufwerk
12.10. - Bern, Cafete
16.11. - Zug, Podium 41
29.1.1 - Zürich, Irchel



Hopo Pongo
(ms) Versteh mal einer die musikalischen Hypes und ihre dazugehörigen Genres. Ganz, ganz grob würde ich Parcels und Rikas - die ja beide in höchstem Maße gehyped sind - in eine ähnliche musikalische Richtung einordnen: beschwingter, sorgenfreier, funkiger, tanzbarer Pop mit Finesse. Und es gut, wenn sich da andere hinzu gesellen. Man kann ja nicht immer zu den gleichen Songs tanzen. Hier kommen  Hopo Pongo ins Spiel. Denn locker, beschwingte Musik, die so gut in den sich gerade verabschiedenden Sommer passt, braucht einen super Namen. Und ein hervorragendes, gewissermaßen ulkiges Video. Das bieten sie zu One Armed Scissor: ein liebenswerter, alter Mini, ein Alpaka, eine wirklich schöne Landschaft und vier ursympathische MusikerInnnen. Mathea, Henry, Tubbs und Moritz bringen alles mit, um auch bald in Eurem Ohr einen Wurm entstehen zu lassen. Am 18.10 erscheint ihre EP I Don't Like The Sound. Hey, hey, hey... ich mag den Sound wirklich super gern! Überzeugt Euch:



Berge
(ms) Ich wette, Ihr kennt das auch: Kommt in etwa die gleiche Botschaft aus zwei ganz unterschiedlichen Mündern, nimmt man sie ein Mal an und stößt sie ein Mal ab. Man bewertet unterschiedlich. Aus dem Bauch heraus. Bei Musik ist das nicht anders. Den Radio-Bubis glaube ich einfach nicht, was sie singen. Das ist mir zu viel Kalkül und Berechenbarkeit. Der Gruppe Berge glaube ich, wenn sie mir singen, dass ich mich trauen soll. Das tut man halt so selten. Beispielsweise habe ich mal gelesen, dass meine Generation - die um 1990 Geborenen - eine Gruppe sind, die extrem auf Sicherheit angelegt sind. Im Job, in der Beziehung, mit den Finanzen. Wertkonservativ nennt man das, glaube ich. Langweilig, könnte man auch sagen. Also, liebe Gruppe Berge, vielen Dank für den Mutmacher Trau Dich, dem man anhört, dass er von Herzen kommt!
Ich glaube, am Wochenende mache ich mal was Verrücktes!
 Und: Die Band ist mir ihrem aktuellen Album Für Die Liebe auf Tour, geht da hin!

13.09. - München, STRØM
15.09. - Zürich,Moods
19.09. - Hannover, Pavillon
20.09. - Kiel, Die Pumpe
24.09. - Berlin, Festsaal Kreuzberg
27.09. - Stuttgart, Im Wizemann
28.09. - Freiburg, Jazzhaus
29.09. - Heidelberg, halle02 Club
30.09. - LeipzigWerk II
01.10. - Wien, WUK
02.10. - Dresden, Beatpol



Gina Été
(ms) Hey, lieber Leser, liebe Luserin. Heute ist ja bekanntlich Freitag und da wird gestreikt. Also die Schülerinnen und Schüler tun dies. Aus einem guten Grund. Das ist wichtig und gut. Go on, Greta! Und nicht vergessen: Haters gonna hate, weil sie nun mal beschränkt sind. Und hey, wohin geht der nächste Urlaub? Eben noch das Auto für das Wochenende vollgetankt? Doch noch die in Plastik eingeschweißte Gurke gekauft? Ja, Mist. Geht mir ja nicht anders; aber wir sollten nienienie aufhören es zu probieren und an unserem Konsumverhalten zu arbeiten. Und mit diesem kleinen Einschub sind wir direkt bei Gina Été! Die Künstlerin hat das Dilemma, in dem wir links-grün Versifften uns befinden in ein Lied gepackt. Es heißt Windmill. Die zwei Damen von "Fux & Fix Films" haben dazu ein herrliches Video gedreht, zu dem ihr sicher als erstes "Oh, süß!" und dann "Oh, Backe!" denken könntet. Eine feine, filigrane Stimme mit direktem Text und einer Horde Pinguine. Ein toller Song, ein bitteres Video, eine kluge Botschaft: „You might not understand why it‘s up to us to set the end / Why can we set the end to what is yours?“

20.09. - Basel, Trinationaler Klimastreik
27.09. - St. Gallen, Sankt Lauter
25.10. - Zürich, Gemeinsam Znacht Jubiläum
10.11. - Immendingen, Lichtspielhaus Gloria
11.11. - Stuttgart, Club Cann
13.11. - Köln, Festival in den Häusern der Stadt Köln
24.11. - Köln, Uraniatheater, Gina Été orchestra



Skáld
(ms) Es muss gut zwei Jahre her sein. Ort der Handlung: die alte, geliebte WG, Studienzeiten. Einer der Verrückten rief mich - wir waren eventuell schon etwas bierselig - in sein Zimmer; er habe da etwas geiles, musikalisches entdeckt. Ich bin natürlich sofort rübergehechtet. Auf dem Weg hörte ich schon schamanenhafte Musik, zu der ein Opfer aufgebahrt werden könnte. Es war die Gruppe Heilung. Trommeln, bisschen nordischer Quatsch und eine Menge Show. Super Spektakel. In dieselbe Kerbe schlagen auch Skáld aus .... Frankreich! Hört man beispielsweise den Song Rún, ist die frankophone Herkunft nicht ansatzweise erkennbar. Spricht natürlich für die Band, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Woher der Hand kommt mit nordischen Mythologien und dem martialischen Auftreten zu koketieren, spielt ja auch gar keine Rolle. Natürlich hat das Drive und nimmt einen mit. Aber ernst nehmen kann man es halt nicht. Und ich vermute, dass die MusikerInnen das auch nicht tun. Ein bisschen Nordic Horror Picutre Show und eine Rune im Gesicht; fertig ist die irgendwie catchy Musik. Funktioniert. Ist super. Das dazugehörige Album Viking Chant (musste ja sein...) erscheint kommende Woche (VÖ: 20.09). Legt Eure Fakeln und Forken bereit, erhitzt den Met, dann gehts odinmäßig ab!



Angel Olsen
(ms) "It’s easy to promise the world to those we love, but what about when our dreams change and values split?" Das sagt Angel Olsen zu ihrem neuen Track Lark, der als zweiter Vorbote zu ihrem vierten Album All Mirrors (VÖ: 4.10.) diese Woche samt Video erschien. Und Recht hat sie, wenn man den gut sechseinhalb Minuten aufmerksam lauscht. Es liegt zum einen natürlich am teils hypnotisierenden Text und Gesang, aber noch viel stärker am dramatischen Sound, der sanft und aufbrausend ist. Die Dauer des Tracks versetzt das Gemüt in viele unterschiedliche Stimmungen, meist dramatisch-ergreifend. Lark steigert sich ganz hervorragend, beinahe lehrbuchmäßig. Vom ruhigen Beginn, über den ersten stimmlichen Ausbruch bis hin zum Höhepunkt samt treibender Percussion, eindringlichen Streichern und ihrer sehr kräftigen Stimme. Heidewitzka... Wenn das gesamte Album so vielseitig, qualitativ überragend und überraschend ist, haben wir hier noch ein ganz heißes Release vor uns!
Es gibt auch schon Tourdaten für das kommende Frühjahr:

29.01.2020 - Munich,  Kammerspiele 
30.01.2020 - Berlin, Huxleys Neue Welt 
05.02.2020 - Hamburg, Gruenspan 



Luca Vasta
(ms) Wenn ich hier über eine Band berichte, die ich irgendwann mal zufällig live gesehen habe und mir nun wieder über den Weg läuft, dann fand die Live-Begegnung meistens auf dem Traumzeit Festival in Duisburg statt (wiederholend: große Empfehlung!). So auch mit Luca Vasta. Eine Bekannte meinte damals: "Lass uns doch noch Luca Vasta anhören." Ich: "Gerne, was macht der denn für Musik?" Oh man, da musste ich schnell raus aus dem eingefahrenen Assoziationskosmos! Was wir sahen: Einen leidenschaftlichen, energiegeladenen Auftritt. Dass die Dame mit italienischen Wurzeln genau diese immer wieder in ihren Texten behandelt, verarbeitet und ihnen hinterher sehnt ist deutlich auf ihrem neuen Album zu hören. Bereits letzte Woche erschien Stella. Und nicht nur Old Italien Songs ist ein offensichtlicher Beleg dafür, sondern auch interessanter Weise der Song American Dreams. Jeglicher Eros Ramazotti-Kitsch hat natürlich und zum Glück überhaupt nichts mit diesem teils folkloristischen Pop zu tun, der wunderbar ins Ohr geht. Und unter Umständen genau da bleibt. Live kann man sich solche Würmer auch einfangen, und zwar hier:

26.09.19 - Bonn, Moment Cafe
27.09.19 - Köln, Lichtung
04.10.19 - Hamburg, Nochtwache
06.10.19 - Berlin, Privatclub



Kettcar
(ms) Möglicherweise habt Ihr mitbekommen, dass ich hier in regelmäßigen Abständen große Lobeshymnen auf die Band Kettcar verfasst habe. Das ist richtig. Und ich kann nicht anders. Seit vielen Jahren bin ihrer Musik, ihren Texten, Alben, Auftritten völlig verfallen. Im Kern ist es die enorme Qualität im Songwriting, die mich tief berührt, auch wenn das jeweilige Lied wenig mit meinem Leben zu tun hat, dann schlagen Reimer Bustorff und Marcus Wiebusch genau diese Brücke. Gelacht und geweint, geknutscht und in Erinnerungen versunken bei ihren Konzerten. Dass eine Pause kommt, war klar. Nun ist es offiziell. Und alle fünf haben sie sich verdient. Im Presse-Statement heißt es "Pause auf unbestimmte Zeit". Das hoffe und glaube ich nicht. Sollen sie sich gerne ein, zwei Jahre eine Auszeit aus dem Trubel nehmen. Alles okay. Aber so werden sie nicht verschwinden. Auch wenn die Ankündigung der Live-Platte ...Und Das Geht So! (VÖ: 8.11 / 29.11) darauf hindeuten mag. In erster Linie ist es eine großartige Erinnerung an pausenlose Touren innerhalb der letzten beiden Jahre. Denn für die nächsten Wochen und Monate wird im Grand Hotel van Cleef-Kosmos wieder die Uhlmann-Flagge geschwungen.
Kettcar gehen kommendes Frühjahr mit Bläsern auf Pause-Tour. Darf man sich also nicht entgehen lassen. Und: Ich verspreche hiermit einen umfangreichen Konzertbericht Ende Januar!

26.01. - Düsseldorf, Stahlwerk
27.01. - Nürnberg, Z-bau
28.01. - München, Muffathalle
29.01. - Mannheim, Capitol
30.01. - Dresden, Schlachthof
31.01. - Bremen, Pier 2
01.02. - Lübeck, MuK

Freitag, 6. September 2019

KW 36, 2019: Die luserlounge selektiert

Quelle: peterweiselgolf.com 
(sb/ms) Kaum muss man dieser Tage morgens eine Jacke anziehen, um am Bahnsteig nicht zu bibbern, hat man vergessen, wie heiß es doch am letzten Wochenende war. Und wie sehr man bei weit über dreißig Grad gebrutzelt werden kann. Das war beim wundervollen Müssen Alle Mit Festival in Stade (zwischen Hamburg und Cuxhaven) der Fall. Kaum Schatten, derbe Sonne ab mittags. Aber die Organisatoren waren gut zu den Menschen: es gab kostenlose Abkühlung unter sprühenden Sprenklern und Leitungswasser ohne Ende. Sehr gut! Der krasse Gegensatz kam zu später Stunde: ein plötzliches und sehr heftiges Gewitter hat dazu geführt, dass der Auftritt von Frittenbude abgebrochen und damit das gesamte Festival früher beendet wurde (da war es gar nicht so unschlau schon etwas früher Heim zu fahren).
Doch vorher gab es ein astreines Programm. Botschaft haben die Indie-Herzen (auch wenn der Tapete-Pressetext etwas anderes sagt) höher schlagen lassen: Wenn Die Sterne auf Kante treffen; nur in jung. Gurr haben die Bestimmung für ihren Hitze-Hit Hot Summer gefunden. Zoot Woman haben aus einer grünen Wiese eine irre Tanzfläche gemacht; und das nur zu zweit. So geht großer Synthie-Pop! Bernd Begemann hat charmant wie immer durch das Programm geführt. Juse Ju weiß solo brutal zu überzeugen, doch ein Stückchen geiler wird es halt, wenn spontan Fatoni mit auf der Bühne steht. Und Turbostaat haben erneut bewiesen, dass sie eine der besten Punkrockbands des Landes sind, große Liebe nach Flensburg.
Doch nun genug in der jüngsten Vergangenheit geschwelgt. Es ist Freitag. Wir sind die luserlounge. Das ist die Selektion!

Love Fame Tragedy
(sb) Oida, is des funky! Nach ein paar Takten schon bestens im Ohr eingefedert und dann diese Stimme - hä, die kennt man doch, oder? Und ja: das ist Matthew Murphy, Leadsänger und Gitarrist von The Wombats. Immer wieder gerne gehört und einfach großartig!
Love Fame Tragedy ist das Solo-Projekt von "Murph" und auf diesem versammelt er zahlreiche illustre Freunde und Kollegen: Gitarrist Joey Santiago von den Pixies ist ebenso vertreten wie Gus Unger-Hamilton von Alt-J oder Drummer Matt Chamberlain (Pearl Jam, Soundgarden). Ganz großes Kino also.
Murphy klingt auf seiner EP I Don't Want To Play The Victim, But I'm Really Good At It (äußert gschmeidige Referenz an Picasso übrigens), die am 27.09. erscheinen wird, deutlich atmosphärischer und synthetischer als mit seiner eigentlichen Band, der Qualität der leider nur vier Songs tut dies jedoch keinen Abbruch - ganz im Gegenteil! Ein Meister der einprägsamen Melodien ist Murphy ohnehin und die neuen Gewänder tun seinem Sound hörbar gut. Genau das Richtige für den ausfadenden Sommer und jede neu zu erstellende Playlist.


Lysistrata
(sb) So wirklich viele Bands aus Frankreich, die ich über einen längeren Zeitraum hinweg gerne gehört habe, gibts nicht. The Teenagers vielleicht und natürlich Phoenix. Aber sonst? Lysistrata schicken sich nun an, dies nachhaltig zu ändern und wenn sie das Niveau von Different Creatures, der zweiten Single ihres neuen Albums Breathe In/Out (VÖ: 18.10.) halten können, wird das gelingen.
Straighter Indie-Sound, der stellenweise ein wenig an die großartigen PUP erinnert und live sicher abgeht wie Schmidts Katze. Natürlich werden wir auch über den Longplayer berichten, sobald er uns vorliegt!
Live gibts die Franzosen hierzulande zwar erst Anfang 2020 zu bewundern, hier aber schon mal die Termine inkl. Schweiz und Österreich:

09.10. Zürich, Kater
08.11. Wien, WUK
05.12. Lausanne, Le Romandie
18.03. Nürnberg, Club Stereo
19.03. München, Milla
20.03. Schorndorf, Manufaktur
21.03. Würzburg, Keller Z87
22.03. Trier, Lucky's Luke
24.03. Wiesbaden, Schlachthof
25.03. Köln, Bumann & Sohn
26.03. Dortmund, FZW
27.03. Hamburg, Molotow
28.03. Berlin, Cassiopeia
29.03. Dresden, Groovestation
31.03. Hannover, Lux
01.04. Bremen, Lagerhaus
02.04. Münster, Gleis 22


Solstorm
(sb) Vor drei Wochen hatten wir Euch die Band bereits angeteasert, nun liegt uns das komplette Album vor und wir kommen nicht umhin, Euch nochmal darauf hinzuweisen:
Nach acht Jahren im Winterschlaf ist das mehrköpfige Monster namens Solstorm wieder erwacht. Die Norweger zeichnen dabei einen krassen Kontrast zwischen Dunkelheit und Licht, dem Schönen und dem Hässlichen, dem Zarten und dem Schweren. Sie kombinieren schwere Riffs, harte Trommeln und Geräuschwände mit zarten Melodien und hochfliegenden Instrumentalpassagen. Das Endergebnis sind 55 Minuten beeindruckende Musik, aufgeteilt in fünf Songs, mit einem organischen und massiven, stetig wachsenden Sound. Gebrechliche Melodien, gepaart mit harten Riffs, riesigen Instrumentalparts und unkonventionellen Songstrukturen. Vom Hörer fordert das Album II (VÖ: 04.10.) vor allem eins ein: Geduld, um sich wirklich ausführlich und konzentriert mit diesem Brett auseinanderzusetzen. Aber es lohnt sich!


School Of X
(sb) And now for something completely different! Recht viel größer könnte der Unterschied zwischen den brachialen Solstorm und der fragilen School Of X kaum sein. Das Multitalent Rasmus Littauer ist bisher bekannt als Drummer bei MØ und Major Lazer, bei seinem Soloprojekt hingegen konzentriert er sich voll und ganz auf sich selber. In seiner Heimat Dänemark konnte der Künstler mit seiner emotionalen und experimentellen Musik bereits beachtliche Erfolge feiern, hierzulande wartet er hingegen noch auf den Durchbruch. Mit Destiny ist School of X näher am geneigten Hörer als je zuvor. Direkt und intim wird eine Lebensentscheidung, die wir wohl alle schon mal erlebt haben, in Worte gefasst: das Ende einer Beziehung und die Reflexionen über Vor- und Nachteile, die folgen. Wir sind gespannt auf die gleichnamige EP, die am 15.11. veröffentlicht werden wird.


Sam Fender
(ms) Folgendes Phänomen: Man hat als Toursupport oder auf einem Festival eine tolle und bis dato unbekannte Band gesehen und möchte sich das im Nachhinein nochmal genauer anhören. Ich gehe davon aus, dass das kein seltenes Phänomen ist. Letztes Jahr auf dem wunderbaren Traumzeit Festival sah ich zufällig Sam Fender. Und der junge Mann brachte mächtig Energie und astreine Gitarrenmusik auf die Bühne. Das wusste sehr schnell sehr gut zu gefallen.
Nun bringt er sein erstes Album auf den Markt. Kommende Woche erscheint Hypersonic Missiles (VÖ: 13. September). Was mich nun allerdings ein wenig abschreckt: Warum in alles in der Welt klingt der in den Studioaufnahmen wie Bono von U2?! Und das ist keineswegs als Kompliment gemeint! Äußerst mysteriöse Angelegenheit...

08.11.2019 Wiesbaden, Schlachthof
09.11.2019 Köln, Live Music Hall (ausverkauft)
11.11.2019 Hamburg, Docks (ausverkauft)
12.11.2019 Berlin, Astra
13.11.2019 München, Backstage Werk



Tour Of Tours
(ms) "Hurra, es geht auf Tour / Also ich hab' das Privileg /Etwas Geld zu verdie'n /Von der Welt was zu seh'n / Und mit Freunden zu steh'n auf der Stage." Das haben Waving The Guns gedichtet. Und das gilt sicher für enorm viele andere Musiker, die genau das genießen dürfen. Ein Konglomerat aus Bands, die wir verehren, hat sich vor Jahren schon zusammen geschlossen und sich dazu entschlossen eine Mega-Tour zu machen. Fünf Bands durchweg zusammen auf der Bühne: Ian Fisher, Honig, Tim Neuhaus, Jonas David und Town Of Saints. Zehn (in Zahlen: 10) Musiker. Wir haben euch von ihren irren Konzerten und herzerwärmenden Songs berichtet. Und da wir uns auch der Informationsweitergabe verpflichtet fühlen, Folgendes: Die Damen und Herren der sogenannten Tour Of Tours haben beschlossen ein gemeinsames Album zu veröffentlichen. Das ist eine sehr gute Idee. Farbiges Doppel-Vinyl. Da geht einem doch das Herz auf! Sie sammeln dafür via Crowdfunding Geld, und es gibt tolle Dinge zum Mitmachen: Violinen-Stunden, Schlagzeug-Unterricht, die Platte an sich und ganz viel Liebe. Rafft Euch auf, gebt den Leuten ein wenig Geld und werdet mit tollen Tönen belohnt!
Das hört sich unter anderem so an:



AB Syndrom
(ms) Wie die Kreise sich nun mal ziehen, in denen man Bands und Künstler kennen lernt. Fatoni. Mine. AB Syndrom. Das ist dieses Mal die Kette. AB Syndrom haben zwar einen etwas eigenartigen Namen, haben jedoch bei Mines Spiegelbild extrem brilliert. Und nun gibt es frisches, eigenes Material des Duos. Klar, an die gepitchte Stimme muss man sich gewöhnen, aber es passt hervorragend zu den basslastigen Synthie-Sounds. Zur Single Somnambul gibt es ein eindrucksvolles, künstlerisches Video, das es lohnt aufmerksam anzuschauen. Obwohl der Beat sehr poppig und tanzbar ist, weiß der Text zu überzeugen. Unser Auftrag also an Euch: Bedacht zuhören und -schauen. Die beiden spielen dieses Jahr noch einen Gig in Deutschland, bevor es kommendes Jahr ein neues Album gibt. Wir werden Euch auf jeden Fall auf dem Laufenden halten!

26.09.19 Mannheim Alte Feuerwache



Editors
(ms) Oh, wie ich diese Band liebe. Die Editors wissen genau, wie man Dynamiken, Stimmungen und Energie aufbaut, zusammenfallen lässt und erneut noch höher türmt. Die Konzerte, die ich vom Quintett gesehen haben, waren stets eine Wucht. Tom Smiths Stimme ist natürlich maßgeblich für den Erfolg der Band verantwortlich, ich bin ihr auch verfallen. Nun bringen sie am 25. Oktober ein Best Of raus, das da Black Gold heißt. Dazu gibt es auch eine passende, neue Single (s.u.). 13 alte und 3 neue Tracks sind darauf enthalten. Ich weiß gar nicht, ob das reicht bei einer Band wie den Editors. 13 Songs von sechs Alben auszusuchen muss ja unglaublich schwierig sein und ich hätte der Liste sicher noch ein paar Lieder hinzugefügt. Ob sich eine Anschaffung lohnt? Schwer einzuschätzen! Als Fan: Natürlich. Allein der Sammlung wegen. Ansonsten sind Best Ofs ja meist nur dazu da, um die Bandkasse aufzufüllen. Wie dem auch sei... Immerhin ist es ein feiner Anlass für eine ausgiebige Tour im kommenden Jahr, die sie auch in unsere Gefilde spülen:

31.01. Düsseldorf - Mitsubishi Electric Halle
03.02. Berlin - Velodrom
22.06. Hamburg - Stadtpark
07.02. Wien - Gasometer

Donnerstag, 5. September 2019

Niels Frevert - Putzlicht

Man sieht ihm die Sorge an. Foto: Benedikt Schnermann
(ms) Um die neue, extrem gute Platte von Niels Frevert zu verstehen, sollte man wissen, wer Philipp Steinke ist. Das ist der Mensch, der dem Album Putzlicht seine Gestalt gegeben hat, der Produzent. Und er ist nicht irgendein Dahergelaufener, sondern ein Namhafter. Lassen wir mal bei Seite, dass er auch für Andreas Bourani oder Revolverheld gearbeitet hat, wichtiger ist eine offensichtlich andere Qualität von ihm. Er holt eine irre Kraft, Kreativität und Qualität aus Bands oder Musikern, die mit sich selbst so sehr am hadern sind. Das hat er zuletzt eindrucksvoll auf der Kettcar-Platte Ich vs. Wir bewiesen. Kettcar, die nach Zwischen den Runden kurz davor waren, die Band aufzulösen. Vergleicht man die beiden Alben miteinander, weiß man auch warum. Und nun hat Steinke bei Niels Frevert etwas Ähnliches bewirkt. Schaut man sich die letzten Alben des Hamburgers an, so ist - zumindest in meinen Augen - die letzte Platte, Paradies Der Gefälschten Dinge, ein wirklich schweres, teils sperriges Album, das an die Vorgänger nur bedingt rankommt. Insbesondere Zettel Auf dem Boden von 2011 ist ein unglaublich schönes, starkes, wortgewandtes Werk. Was genau bei Niels Frevert in den fünf Jahren seitdem passiert ist, wissen wir natürlich nicht. Man kann es jedoch erahnen. So ist nachzulesen, dass er längere Zeit gar keine Musik gemacht hat und auch auf den Texten des neuen Albums kann man Anhaltspunkte finden, was ihm zu schaffen machte.
Nach fünf Jahren Pause schätzen wir uns also mehr als glücklich, dass an diesem Freitag (6. September) Putzlicht über Grönland Records erscheint. Die zarten, sanften, schweren, sehr melancholischen Seiten hat Frevert gänzlich abgelegt. Auf der Platte ist eine satte, leichtfüßige Band zu hören, die keine Angst davor hat, die Regler aufzudrehen und die Saiten schwingen zu lassen, samt Rückkopplung. Das gab es vorher bei Niels Frevert nicht. Revolution. Die tief hängenden Streicher sind zum großen Teil passé; hier ist jemand, der aufrecht und frohen Mutes in die Zukunft strahlt.



Doch natürlich kann man sein "altes" Ich nicht gänzlich ablegen. Und so beginnt die Platte ungewohnter Weise mit einem Intro, einer Prelude, auf der die Streicher gut eineinhalb Minuten nochmal zu Geltung kommen.
Und dann kommen Lieder, die unerwartet persönlich sind. Oder sein können. Je nach Interpretation. Immer Noch Die Musik ist natürlich ein Mutmacher, der aufzeigt, dass die schönen Klänge stets ein Ausweg sind, wenn man mal wieder kurz vorm Heulkrampf steht. Vielleicht ist es auch eine Notiz des Interpreten an sich selbst. Doch Musik kann genau das auch schaffen: das Herz "in Schutt und Asche" legen. Jüngstes, eindrucksvollstes Beispiel: die neue Platte von Enno Bunger. Der Text legt sich über ein zügiges Schlagzeug, im Refrain erstrahlen Chöre, es ist gitarrenpoppig, man hört, dass Philipp Steinke am Werk war. Dazu passt der folgende Track mit dem irren Namen Ich Suchte Nach Worten Für Etwas Das Nicht An Der Straße Der Worte Lag. Eindeutig interpretierbar wie er hier über den schwierigen Songwritingprozess schreibt, Ideen entwickelt, verwirft, neu schafft.
Die große Stärke von Niels Frevert liegt natürlich im Formulieren. So schafft er es Zeilen, Strophen und Refrains zu dichten, die eventuell auch bei den von uns so verabscheuten Radio-Bubis zu finden sein könnten, aber halt nicht kitschig und berechenbar klingen, sondern aufrecht, gefühlsecht und mit einer ganz, ganz sanften Portion Ironie, die es zu entdecken lohnt.
Zum Sound: Einen Track wie Leguane hätte es vorher bei Frevert nienienie gegeben. Breitere Keyboard-Sounds, satte Bassläufe und richtig gitarrig.



Und nun noch mal zu den Texten. Ein großartiger Rezensent schrieb vor Jahren sinngemäß, dass Niels Frevert es schafft mit seinen Liedern Dreieinhalbminutenromane zu dichten. Das wäre mir selber gerne eingefallen. Der Anteil dieser Songs ist auf Putzlicht eher gering, aber sie sind da. Zum Glück. Zwei Beispiele. Erstens: Wind In Deinem Haar. Der Song besteht fast nur aus Satzfragmenten, aus denen jedoch ein schlüssiger roter Faden entsteht. Seit Jahren liegt der zweite Teil von Der Mann Ohne Eigenschaften in meinem Bücherregal. Ich stelle fest: Fragmente lieber hören als lesen. Freverts Charme-Plus, seine manchmal brüchig klingende Stimme, kommt dabei wunderbar heraus.
Zweites Beispiel: Brückengeländer. Oh, das hat mich gepackt! Richtig tief in der Seele. Ein Dreieinhalbminutenroman (okay, bisschen über vier). Zum Einen ist es vielleicht die Gemütslage, die er auch auf Ich Suchte Nach Worten... besang. Zum Anderen ist es ein toller, großer Song, der eine Parallele zum eigenen Leben zieht: ein im Nachhinein gebrauchtes Jahr, aus dem man lernen muss, dass alles hätte-wenn-und-aber nichts nützt, es ist: "Vergangenheit, vorüber und vergessen." Ja, das muss man lernen. Danke dafür. Da ist ein gewisser Pathos völlig angemessen!

Mensch, Niels Frevert. Ich habe mich wirklich auf dieses Album gefreut. Ich hätte nicht gedacht, dass es so phantastisch ist und mich so berührt. Dafür ist die Musik da.
Der neue Sound, die feinen, klugen Texte. Es passt hervorragend.

Das sollte man sich demnächst hier anschauen:

09.10. Essen - Zeche Carl
10.10. Köln - Club Bahnhof Ehrenfeld
11.10. Frankfurt - Nachtleben
12.10. Münster - Gleis 22
16.10. München - Orangehouse
17.10. Dresden - Scheune
18.10. Berlin - Heimathafen
19.10. Hamburg - Mojo Club

02.12. Freiburg - Jazzhaus
03.12. Stuttgart - Im Wizemann Studio
04.12. Augsburg - Soho Stage
05.12. Ulm - ROXY
06.12. Mannheim - Alte Feuerwache
07.12. Hannover - Pavillon
08.12. Oldenburg - Wilhelm13
09.12. Leipzig - die naTo
12.12. Rostock - Helgas Stadtpalast
13.12. Magdeburg - Moritzhof


Dienstag, 3. September 2019

Wie Spotify & Co. Hörgewohnheiten ändern, Teil 1:Muße

Quelle: redbull.com (Ja, sorry)
(ms) Hiermit versuche ich ein lange gehegtes Vorhaben zu realisieren: Eine Reihe über Spotify, Streamingdienste und wie sie sukzessive Hörgewohnheiten ändern, ändern können oder es bereits getan haben. Das wird einseitig und populistisch, da ich selbst keinen einzigen Streaming-Dienst nutze, außer Videos bei YouTube zu schauen. Und ich sträube mich auch dagegen. Die Gründe dafür versuche ich hier nach und nach aufzuzeigen. Teils mit guten Argumenten, teils mit reiner Emotion. Ich bin selbst ganz gespannt.

Vor Kurzem war ich auf einem klassischen Konzert. Der Kantor der Gemeinde veranstaltet eine ganz tolle Reihe, die da Musik am Ersten heißt. Das heißt: Jeden ersten Tag des Monats gibt es abends ein Konzert für umsonst. Vorletztes Mal war es reine Orgelmusik, unter anderem von Max Reger. Totaler Wahnsinn!
Nun spielte ein Saxophon-Quartett mit Orgelbegleitung. Sie spielten keinen Jazz, was bei dem Instrument nahe liegt, sondern Klassik. Bach. "Die Kunst der Fuge".
Kurz und knapp erklärt, worum es dabei geht: Das Grundgerüst - die Fuge - des gesamten Abends besteht aus fünf Takten. Diese werden pro Stimme und Durchgang immer weiter variiert, bis sie sich mehr oder weniger unverkennbar verselbstständigt hat. Über 80 Minuten war die Fuge mit Gegenfuge, Doppelfuge oder Spiegelfuge zu hören. Dabei änderten sich Tempo, Lautstärke, Länge, Intonation etc. Es ist wie ein Baukastensystem aus dem immer gleichen Steinchen. Wer gern Lego spielte, weiß wovon ich spreche. Die Holzbläser und die Orgel wechselten sich stetig ab. Das Thema wurde geändert, umgedreht und variiert, bis ein Neues hinzu kommt.

Das Ergebnis: Zuerst schien es recht eingängig zu sein, weil sich so wenig getan hat. Die Veränderung geschah dann so implizit, dass der letzte Contrapunct (so die Bezeichnung Bachs über die Variationen) kaum noch mit dem Ausgangsmaterial zu vergleichen war. Diese Entfremdung ließ sich aber beim aufmerksamen Zuhören nachzeichnen. Immer wieder erschien das Hauptthema oder Teile dessen. Es lag auch daran, dass das Quartett Art Of Sax ein irres Niveau an den Tag gelegt hat.

Was hat das denn nun mit Spotify zu tun?
Ganz einfach. Für diese 80 Minuten Hörgenuss braucht es Muße und Bereitschaft sich darauf einzulassen. Es macht zudem Spaß, wenn man merkt, was sich gerade tut, was sich ändert und wie die innere Systematik funktioniert. Muße auch deshalb, weil man sich - um belohnt zu werden - auf eine Sache konzentrieren muss. Klassische Musik in seiner Länge und Darbietungsform ist ein guter Gegensatz zu Spotify. Die Stücke sind ab und an recht lang. Es lässt sich nicht nach vorn und hinten spulen oder skippen, es gibt keine 30-sekündige Vorschau oder Werbung. Die Reihenfolge ist wichtig und muss durchgezogen werden, um den Kern des Ganzen zu verstehen. Außerdem: Wenn man sich das ganze live ansieht, dann meist in einer Kirche. So auch hier. Die Möglichkeiten der Ablenkung sind also gegebenenfalls sehr, sehr niedrig. Und es schickt sich nicht, währenddessen aufs Handy zu gucken. Einfach mal still sein, und sich komplett auf die Musik konzentrieren. Ohne Gesang, ohne Show. Pur. Rein. Das tut der Seele gut und sie dankt es einem, wenn man danach mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause geht.

Teil 1: Muße!