Mittwoch, 14. November 2018

Live in Hannover: Nada Surf

Quelle: theupcoming.co.uk
(ms) 2002 erschien das Album Let Go der New Yorker Nada Surf. Da war ich zwölf Jahre alt. Was habe ich also mit dieser Band zu tun und was bewog mich dazu, auf die aktuelle Jubiläumstournee am Montag nach Hannover zu fahren, um sie endlich mal wieder live zu sehen?
Okay, es gibt wirklich keinen Zusammenhang zwischen dem eigenen Alter und der Veröffentlichung eines Albums. Bewusster ging es bei mir persönlich ein paar Jahre später mit The Weight Is A Gift los, wo das wunderschöne Always Love drauf ist. Langsam haben mich der Klang der Musik und insbesondere die nahegehenden Texte von Matthew Caws, Ira Elliot und Daniel Lorca in den Bann gezogen und lassen mich bis heute nicht los. Sie verkörpern nicht nur das, was man emotionale Intelligenz nennt, ich vermag auch zu behaupten, dass Nada Surf die sympathischste Band der Welt ist. So ausgelutscht das Wort authentisch auch ist, auf die drei trifft es in jedem Fall zu. Sieben Mal habe ich sie zuvor gesehen und jedes Konzert war eine Offenbarung an perfekten Konzerterlebnissen. Keine lange Überlegung also Nummer acht folgen zu lassen.
Das Capitol in Hannover ist Teil des Ihme-Zentrums, eines furchtbar hässlichen Megabetonklotzes aus den 70er Jahren. Zum Glück ist der Laden von innen sehr schön gestaltet, beinhaltet einen Oberrang, der am Montag jedoch nicht benötigt wurde. Voll war es also nicht, doch unten war viel los. An dieser Stelle muss bereits eine Lanze für die Nada Surf-Fans gebrochen werden. Denn zu jeder Zeit kam ich - ca. dritte Reihe - zum Getränkestand oder zu den Toiletten und auch wieder zurück zu meinem vorherigen Platz, ohne ihn irgendwie verteidigen zu müssen, er wurde einem auch nicht weg genommen. Das ist enorm rücksichtsvoll und macht den Genuss des Konzertes noch leichter.

Pünktlich um acht Uhr betrat die Band ohne vorherigen Support die Bühne. Den brauchten sie auch nicht, der Applaus ohne einen Song gespielt zu haben, war schon groß. Da die Veranstaltung als An Evening With Nada Surf betitelt war und auch klar war, dass Let Go in kompletter Länge gespielt wird, war der Ablauf sehr berechenbar. Es ging logischerweise los mit Blizzard of '77 und es folgten elf weitere Hits. Die Musiker müssten auch schon um die 50 sein, bringen jedoch so viel Spielfreude, Spaß und Energie mit auf die Bühne, als ob sie kollektiv in einen Jungbrunnen gefallen wären.

Die aufmerksamen Zuhörer dankten ihnen mit ausgiebigem und berechtigtem Applaus. Insbesondere La Pour Ca war natürlich ein Highlight. Persönlich habe ich mich sehr gefreut, endlich mal Paper Boats live gehört zu haben, seit Jahren bin ich in diesen Song verliebt. So verging eine Stunde im Flug, die Band bedankte sich und kündigte an, dass es nach einer 20-minütigen Pause weiter gehen würde.
Ich vermutete, dass im Anschluss weitere Hits abgefeuert werden, aber weit gefehlt. Sie haben reihenweise Lieder gespielt, die eher selten auf der Bühne zu hören waren. Zum Beispiel: Firecracker, Amateur, Your Legs Grow, Do It Again, Imaginary Friends. Songs wie See These Bones oder das hochpolitische The Fox haben genauso geknallt. Als Zugabe durften Popular, Always Love und Blankest Year natürlich nicht fehlen. Und schon sind zweieinhalb Stunden Programm durch. Wahnsinn. Das war nicht nur musikalisch schön und intensiv, sondern auch handwerklich perfekt. Dabei - und das fiel mir am Montag erst so richtig auf - passen die drei optisch so gar nicht zusammen. Caws gibt den lieben Intellektuellen, Lorca den Pseudodauerraucher und Elliot könnte mir seinem Cowboyhut locker als Waffenverkäufer durchgehen. Was sie eint - einen muss - ist eine enorme Freundschaft, viel Harmonie und Spaß an dem, was sie tun. Man sieht es ihnen an. Dankenswerterweise ist das ein Indiz, dass sie noch einige Touren spielen werden.

Das Sahnehäubchen an diesem Abend war dann beim Merchandise-Stand nach dem Konzert. Da steht man, holt seine Jacke ab, bringt den Becherpfand weg, Sänger Matthew Caws signiert noch Shirts und Platten, steigt dann auf den Tresen und nimmt die Akustikgitarre in die Hand. Schlagartig wird es leise unter den Leuten, die eigentlich nach Hause wollen. Sanft aber bestimmt singt er 80 Windows und nach einer Minute aufmerksamen Lauschens stimmen die Übriggebliebenen mit ein. Noch einmal richtig Gänsehaut. Thank You!



Montag, 12. November 2018

Illuminine - #3

Kevin Imbrechts aka Illuminie
(ms) Ich wundere mich immer, wenn Menschen mir sagen, dass die Zeiten ja so hektisch geworden sind, man manche Dinge gar nicht mehr richtig mitbekommt. Hast du schon die-und-die Serie gesehen? Wie, du warst bei dieser off-Kunst-Geschichte nicht? Den neuen Hype noch gar nicht live gesehen? Kann doch nicht sein, dass du zur politischen Entwicklung in Staat XY keine Meinung hast! Noch nicht den neuen Wir-machen-alles-selbst-Laden in der Stadt ausprobiert?! Ist aber super lecker da! Du warst wirklich noch nie in Südafrika?
Nein, Nein und nochmals Nein. Und ich verstehe auch nicht, warum alles angeblich hektisch, schnell und kurzlebig geworden sein soll. Es ist doch immer die Frage, was ich selbst daraus mache. Lasse ich mich beunruhigen, mich in Panik versetzen, versetzen mich Trends und Hypes in eine bizarre Schockstarre? Und am größten ist dann die Pseudoangst irgendetwas verpasst zu haben. Wer baut denn diesen Druck auf, warum kann das alles nicht egal sein?

Dass Zeit ein wertvolles Gut ist, das ist uns ja allen klar. Die Frage ist nun also, wie sie zu nutzen ist. Innehalten, genießen und die Ohren spitzen ist da meines Erachtens ein sehr gut funktionierendes Rezept. Anzuwenden ist es seit gut eineinhalb Wochen (VÖ: 2.11.) bei dem neuen Album #3 von Illuminine. Es ist - irgendwie logisch - das dritte Werk des Belgiers Kevin Imbrechts unter seinem Künstlernamen. Es geht wunderbar ruhig zu auf den 13 Liedern, die sich über eine kurzweilige Dreiviertelstunde erstrecken. Denn trotz zum Großteil fehlendem Gesang und minimalster Instrumentierung entwickeln die Lieder eine bezaubernde Dynamik und erstaunliche Schönheit. Durchaus bemerkenswert ist, dass Imbrechts als Quelle seiner Musik und seines Handwerks nicht etwa Nils Frahm, Olafur Arnalds oder Sigur Rós angibt, in dessen Studio er das Album aufgenommen hat, sondern Buckethead. Das ist dieser mit einer Maske und einem Pappeimer verschleierte Gitarrist, der im Metal, Funk und Jazz angesiedelt ist, über den man so gut wie nichts weiß und rein technisch zu einen der Besten seiner Zunft zählt.



Das Werk beginnt mit einem Lied, das seinem Titel extrem gerecht wird: Aura. Zu hören ist ein sanftes Rauschen, Akustikgitarre und Streicher. Es hört sich an wie ein sanfter, klarer und hoffnungsvoller Sonnenaufgang. Es sind fünf Minuten, die schnell vorbei gehen. Doch bei einem insgesamt positiven Stimmungsgefüge bleibt es nicht. Dissonanzen, Schwere, leichte Melancholie und dunkle Klänge machen sich auf Alas, Orpheus breit. Es werden Klangwelten aufgebaut, in denen die Streicher sehr dominant agieren. Dass er Asperger diagnostiziert bekam und einer Angststörung ausgesetzt ist, verarbeitet er in Musik und es gelingt ihm erstaunlich genial.
Unterteilt wird das Album zudem in vier Lieder, die mit Apprehension I bis IV durchnummeriert sind. Man kann es mit Auffassungsgabe oder auch Befürchtung übersetzen. Beides passt seltsamerweise, wenn man immer wieder reinlauscht. Man muss aufmerksam sein und spürt dennoch Sorge in den Klängen.
Diese werden in zwei weiteren Stücken jedenfalls komplett weggefegt (Dying Flame und Fright). Denn dann singt Hannah Corinne. Und das so klar und dennoch zerbrechlich, dass es die Innenwelt von Imbrechts ganz gut vertont. Die Stücke sind ungemein harmonisch und passen gut ins Album hinein. An zwei weiteren Stellen wird klar, dass viel Mut dazu gehört so feine und zum Teil extrem unaufgeregte Musik zu komponieren. Zum Einen beim Orchesterstück Dear, Utopia, das mit Adam Bryanbaum Wiltzie produziert wurde, der für die Orchesterparts verantwortlich ist. Das ist einfach unglaublich gut und filigran. Zum Anderen ist Inferences ein Aushängeschild der Platte. Das Stück hat eine Spieldauer von sechseinhalb Minuten und es ist als neuntes Lied angeordnet. Erst dann wird allmählich klar, dass an keiner einzigen Stelle Percussion verwendet wird. Nie. Dies tut tatsächlich sehr gut, denn die Kraft der Ruhe, die in kein getaktetes Korsett gezwungen ist, darf sich hier richtig ausbreiten und kommt voll zur Geltung.



#3 ist ein phantastisches Album. Es ermöglicht einem nicht nur eine schöne Pause - hektischer Alltag hin oder her - sondern auch ein großartiges Hörerlebnis.
Leider ist Imbrechts mit seinen Musikern demnächst nicht in unseren Gegenden unterwegs, aber immerhin in seinem Heimatland Belgien. Ein Ausflug dahin lohnt sich ohnehin. Jetzt kommt ein weiterer Grund dazu!

Illuminine meets Bruno Vanden Broecke

24.11De Velinx - Tongeren
01.12 - Schouwburg - Mechelen
04.12 - Schouwburg - Leuven
08.12 - CC Westrand - Dilbeek
09.12 - CC Evergem - Evergem
11.12 - Arenbergschouwburg - Antwerpen
14.12 - CC Factorij - Zaventem
22.12 - De Spil - Roeselare

Illuminine Band

13.02 - CC Hasselt (full band)
29.03 - Muziekcentrum Dranouter (trio)

Freitag, 9. November 2018

KW 45, 2018: Die luserlounge selektiert

Quelle: eaststreetarts.org.uk
(ms/sb) Nachdem ich in dem sehenswerten Queen-Film war, denke ich viel darüber nach, ob es derzeit noch so eine richtige Riesen-Band gibt. Also wo das internationale Ganz Oben im Musikbusiness ist und wer es besetzt. Welcher jüngere Künstler, welche jüngere Band - und hier sprechen wir vielleicht von "unter 50" - geht einfach mal so auf Welttournee und macht alle richtig großen Hallen oder gar Stadien voll?! Mir fällt tatsächlich niemand ein. Am ehesten vielleicht Ed Sheeran oder Taylor Swift, aber die machen so furchtbare Musik, dass ich es ihnen ungern zugestehen möchte. Wo ist die Band, die - wie etwa Queen - die Menschen genre-, alters- und grenzübergreifend zusammenbringt? Dass sie nicht überflüssig sind, zeigen die Bilder im Film, wo Vater und Sohn sich bei den Konzerten Arm in Arm liegen. Ohne Pathos: Wie schön! Alle, die sowas annährend schaffen sind die vom alten Eisen: Elton John, die Stones, AC/DC, Kylie Minogue oder Madonna. Und dann schaue ich gleichzeitig bei einem großen Kartenanbieter nach Karten für die kommende Rammstein-Stadion-Tournee und sehe: Komplett ausverkauft innerhalb kürzester Zeit. Verrückte Welt. Und wir versprechen: Es wird noch ein bisschen verrückter mit dieser Selektion:

Matt Corby
Wenn man sich Rainbow Valley (VÖ am 02.11.) anhört, mag man kaum glauben, dass der Sänger einer Casting-Show entspringt, doch Matt Corby wurde 2007 mit zarten 17 Jahren Zweiter bei Australian Idol. Heute, ein gutes Jahrzehnt später, lernen wir einen gereiften Künstler kennen, der sich geschmeidig zwischen Folk und Indie eingenistet hat und dessen neues Album ein Feelgood-Event der angenehmsten Sorte ist. Wo ist eigentlich ein Strand, wenn man ihn mal dringend braucht, um der Musik das passende Ambiente zu verleihen?
Ganz ohne Strand geht der Australier Anfang 2019 übrigens auf Tour und macht auch in unseren Gefilden Halt:

06.02. - Hamburg, Docks
07.02. - Köln, Carlswerk Victoria
10.02. - Zürich, X-Tra



Mean Caesar
Ebenfalls bereits veröffentlicht (seit Anfang Oktober und zwar auf Little Rocket Records), aber jetzt erst zu uns durchgedrungen ist die selbstbetitelte Debüt-EP der Londoner Punkband Mean Caesar. Schön melodisch, zum Mitgrölen anregend und live sicher ungemein tanzbar. Ganz ehrlich: da fühle ich mich direkt wieder zwanzig Jahre jünger und weiß ganz genau, warum ich damals genau diese Art Musik so wahnsinnig gerne gehört habe. Großartig und hoffentlich nur der Appetizer für ein vollständiges Album im kommenden Jahr.



Drangsal
Der Gruber Max. Ein Performer, der sicherlich auch ganz nach oben will. Dafür bringt er nicht nur sehr, sehr gute Musik raus. Er lässt sich auch mit den richtigen Leuten wie zum Beispiel Casper ein, mit dem er einen Podcast betreibt. Oder Sam Vance-Law, in dessen Video er mitspielte. Zu seinem eigenen neuen Bewegtbild als Drangsal holte er richtig aus und konnte niemand geringeren als Lars Eidinger engagieren, der ja gerne mal Exzentriker spielt. So auch hier. Doch was genau ist Eine Geschichte/Und Du? jetzt eigentlich? Ein guter Kurzfilm? Eine reine Provokation? Eine nette Spielerei mit Nacktheit, SM-Szenen, Leder und Brüsten? Eine Effekthascherei? Oder schlicht genial? Da wir um das Video auch nicht herum gekommen sind, empfehlen wir es für die eigene Meinungsbildung mal anzuschauen. Drangsal ist derzeit auf Tour!

15.11. – Hannover, Café Glocksee
16.11. – Berlin, SO36 (Ausverkauft)
17.11. – Hamburg, Uebel und Gefährlich (Ausverkauft)
29.11. – Leipzig, UT Connewitz (Ausverkauft)
30.11. – Mannheim, Alte Feuerwache
01.12. – Köln, Gloria (Ausverkauft)
02.12. – Bochum, Bahnhof Langendreer
09.03. – Berlin, SO36


Boygenius
Täglich erreichen uns zahlreiche Anfragen, Nachrichten und Anrufe, woher wir, die luserlounge, denn unsere musikalischen Quellen beziehen! Wie kommt man an die entlegensten Bands und kleinen Künstler aus Norwegen, Japan oder Peru? Das verraten wir natürlich nur ungern, aber es sind hauptsächlich Mails. Oder der Newsletter vom ZEITmagazin. Darin schreibt Christoph Amend immer allerhand interessanten Kram, den man sich abends oder früh morgens durchlesen kann. Diese Woche empfahl er die Gruppe Boygenius, mehr oder weniger eine Allstar-Band des weiblichen Folk: Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus sind das. Und sie haben zusammen einen schönen, ruhigen Song geschrieben, den man hier anhören kann:



Little Dragon
Platz 2 in den US Dance Charts erreichten Little Dragon aus Göteborg mit ihrem Album Nabuma Rubberband vor vier Jahren und an genau diesen Erfolg wollen Sängerin Yukimi Nagano und ihre Band nun mit ihrer Lover Chanting EP (VÖ: heute digital, nächsten Freitag dann auch als 12'') anknüpfen. Keine Frage, die Songs sind einwandfrei produziert und dürften jeden Dancefloor füllen, aber das ist einfach keine Musik, die mich begeistert und die ich mir freiwillig anhören würde. Wer allerdings auf so Tanzzeug steht, der wird sicher angetan sein; nicht umsonst kooperierten die Schweden in der Vergangenheit bereits mit Größen wie Odesza, De La Soul und den Gorillaz.



Sniffing Glue
Das Kontrastprogramm bieten Sniffing Glue: auf Kindnap Records erscheint mit Feral Thoughts (VÖ: 16.11.) das mittlerweile fünfte Album der Hardcore- & Punk-Veteranen vom Niederrhein. 16 Songs, einfach mal so übers Wochenende im Studio reingehämmert - authentischer geht kaum. Dass es dabei aber nicht permanent auf die Fresse gibt, sondern sogar die ein oder andere Mid Tempo-Nummer zu hören ist, macht das Ganze abwechslungsreicher und wertet das Album ungemein auf. Geht verdammt gut.



Überyou
Fast fünf Jahre hat es gedauert, bis Überyou wieder ein Lebenszeichen von sich gegeben haben und nun lassen uns die Schweizer doch tatsächlich noch bis Anfang 2019 warten! Am 11.01. veröffentlichen die Züri-Punks auf Gunner Records ihr mittlerweile viertes Studioalbum namens Night Shifts. Hot Water Music und Against Me stehen Pate, die Leidenschaft der Musiker für ihr Tun ist spürbar und so kann man das Album nach Startschwierigkeiten (Track 1 Make It Last ist nicht wirklich meins...) gut durchhören. Sniffing Glue und vor allem Mean Caesar gefallen mir zwar besser, aber das ist Jammern auf hohem Niveau.


Coconami
So, abgefahrener wird's heute nimmer! Coconami sind Miyaji und Nami aus Japan, die beiden wohnen allerdings in München und singen auf Deutsch, Bairisch, Italienisch und Englisch - u.a. über Aale, die Herpes bekommen können und König Ludwig. Whaaaaaaaaaaaaaaaaaaaat? Das Coole daran ist aber, dass das tatsächlich Spaß bereitet, der Ukulelensound wie die Faust aufs Auge passt und diese Ansammlung an Absurditäten sich zu einem stimmigen Gesamtbild fügt. Saikai wird am 23.11. auf Trikont (wo auch sonst?) veröffentlicht und ist in seiner Unschuld einfach nur bezaubernd.



Mittwoch, 7. November 2018

Kino: Bohemian Rhapsody

Quelle: dailybruin.com mit Verweis auf Alex Bailey
(ms) Im Kino war ich schon lange nicht mehr, aber der gestrige Besuch hat sich ganz schön gelohnt. Denn dort läuft derzeit der Queen-Film Bohemian Rhapsody und zeigt in vielen Schritten Teile des Lebens von Freddy Mercury und dem Werdegang der Band.
Dabei ist schon etwas seltsam, dass die Macher des Films Mitglieder der Gruppe sind, nämlich Brian May und Roger Taylor. Das vermittelt schon den Eindruck, als ob sie sich bei Lebzeiten selbst ein Denkmal setzen wollen. Und das ist absolut okay, denn Queen ist wohl eine der größten Bands, die es je gegeben hat. Und daraus wird in den über zwei Stunden Film auch kein Hehl gemacht. Ihre Genialität im Musikmachen, -schreiben, -erfinden, -weiterdenken ist zeitlos. Ihr unbedingter Wille ganz weit oben zu sein, wo es keinen anderen mehr gibt, der wurde stets von Freddy Mercury verkörpert. Rami Malek spielt ihn super, hat sich die Gebärden und Gesten des Originals extrem gut beigebracht. Mercury war stets Exzentriker, gewollter Außenseiter, Performer, Hauptdarsteller, Mensch im Scheinwerferlicht. Das kommt klasse rüber, nichts scheint überdreht zu sein, vielmehr war sein Leben bestimmt noch intensiver, wilder, bunter.
Ob insbesondere die Anfangszeit der Band tatsächlich so ablief, wie der Film es darstellt, muss nochmal nachgelesen werden. Sollte es tatsächlich genau so passiert sein, dann ist es eine verdient außergewöhnliche Geschichte. Die Lieder wurden für den Film extra nochmal nachproduziert, sicherlich auch um der Technik in den großen Kinosälen zu entsprechen.
Ein paar Vorgehensweisen sind jedoch schwer nachvollziehbar beim Film. Es wird viel über das Privatleben von Freddy bekannt, warum nicht der Tod und seine anderen Beziehungen? Warum endet der Film mit dem Auftritt beim Live Aid-Event? Warum sind keine Originalaufnahmen während des Films zu sehen sondern nur im Abspann? Hm, keine Ahnung. Es hätte dem Streifen sicher gut getan.
Am Ende bleibt jedoch großes Kino, wunderbare Unterhaltung, die durchaus nahe geht in diversen Momenten!





Freitag, 2. November 2018

KW 44, 2018: Die luserlounge selektiert

Quelle: www.everydayknow.com
 (ms/sb) Letzte Woche war ich auf einem ganz phantastischem Konzert im wundervollen Gleis22 in Münster. Die Macher des Clubs sind ja eh super, organisieren das Booking selbst, stellen den Raum für viele tolle Initiativen zur Verfügung, es gibt stets leckeres Mittagessen und zu den Konzerten und Partys nie Schnaps. Super. Die Band Hundreds spielte da. Zugegebenermaßen kannte ich bislang keinen einzigen Song der Gruppe, das Ticket bekam ich von lieben Menschen geschenkt. Wundervoller Weise wurde ich ganz großartig überrascht und ließ mich schnell von den Tönen und Songs treiben. Daher denke ich: Auch beim Thema Livemusik einfach mal was wagen, irgendwo hingehen, was man nicht kennt, sei es die Band oder das Venue. Es lohnt sich. Genauso wie unsere Feinschmeckerauswahl fürs Wochenende:

Rockstah
Die Musikerkarriere von Rockstah war eigentlich bereits beendet, der Wandel zum Podcaster vollständig vollzogen, das Vollnerd-Image beeindruckend ausgebaut - und nun also die Rolle rückwärts! Cobblepot (VÖ bereits am vergangenen Freitag) heißt das Comeback-Album des Rappers, der zugegebenermaßen nie zur allerersten Garde der hiesigen Hip Hopp-Szene gehörte, dann aber doch eine schmerzhafte Lücke hinterließ, eben weil er so spezielle Thematiken behandelte und sein Geek-Dasein so eindrücklich manifestierte. Genau da setzt Rockstah nun auch wieder an: der Einstieg ist fast ein wenig apokalyptisch, das Gamer-Genre wird wieder ordentlich bedient, Oldschool-Elemente werden gekonnt mit neumodischem Kram gemischt, die Rap-Schublade wird mitunter verlassen (siehe Video!) und textlich haut der Meister manch Perle raus.
Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaber: den durchaus vorhandenen Highlights stehen auch ein paar Tracks gegenüber, bei denen es mir schwerfiel, nicht zu skippen und die es m.E. vor der Pause auf kein Rockstah-Album geschafft hätten. Ich bin jetzt insgesamt nicht enttäuscht von Cobblepot, a bisserl mehr hatte ich mir aber doch erwartet. Live-Termine:

07.11.18, Hannover - Bei Chez Heinz
08.11.18, Hamburg - Knust
09.11.18, Bremen - Lila Eule
10.11.18, Berlin -  Musik & Frieden
11.11.18, Leipzig – Neumanns
13.11.18, München - Hansa 39
14.11.18, Stuttgart - clubCANN
15.11.18, FFM – Zoom
16.11.18, Köln – Yuca
17.11.18, Köln - Club Volta

Nemanja Radulovic
Klassik in der luserlounge! Nachdem wir neulich leider versäumt haben, das überragende Album Johann Sebastian Bach des isländischen Pianisten Vikingur Ólafsson angemesen zu würdigen, soll uns dies nun nicht noch einmal passieren. Am 09.11. veröffentlicht der serbische Violinist Nemanja Radulovic seine musikalische Reise durch den Orient. Nachdem er sich bereits die Musiktradition Osteuropas, die barocken Klanglandschaften von Bach und die russischen Melodien von Tschaikowsky vorgenommen hat, ist nun also der Orient an der Reihe: Baïka enthält u.a. ein neu arrangierte Scheherazade und begeistert zudem mit Werken von Sedlar und Khachaturian. Sehr stark!
Live gibt's das Ganze hier zu bestaunen:

23.11.2018 - Liederhalle, Stuttgart
24.11.2018 - Philharmonie Gustav-Siegle-Haus, Stuttgart
25.11.2018 - Kultur- und Kongresszentrum Oberschwaben, Weingarten
28.11.2018 - Theater, Wolfsburg
07.12.2018 - Graf Zeppelin Haus, Friedrichshafen
10.12.2018 - Eurogress, Aachen
27.01.2018 - Universität, Regensburg
28.01.2018 - Heinrich-Lades-Halle (Stadthalle), Erlangen



Boy George & Culture Club
Einst war Boy George eine der schillerndsten Figuren des Pop-Business, sein androgynes Auftreten war vor gut 30 Jahren mehr als nur provokativ und seiner Zeit um etliche Jahr(zehnt)e voraus. Songs wie Karma Chamaleon oder Do You Really Want To Hurt Me aber sind noch heute auf jeder 80's Party unverzichtbar und schlicht und einfach genial.
Doch kommen wir zur Gegenwart: Ja, Boy George und sein legendärer Culture Club haben wieder zueinander gefunden und am vergangenen Freitag erschien ihr Album Life. Interessiert das heute noch jemanden? Ist eine Mega-Enttäuschung da nicht vorprogrammiert? Sagen wir mal so: wenn man ohne Erwartungen an das Album herangeht und sich Life unvoreingenommen anhört, wird man über weite Strecken gut unterhalten. Ein potentieller Chartbreaker ist zwar weit und breit nicht auszumachen, aber muss ja auch nicht. Besonders die Reggae-inspirierten Songs funktionieren sehr gut und lassen problemlos vergessen, dass man da gerade von einem 57-Jährigen besungen wird. Stimmlich klingt das eh, als wäre Boy George nie weg gewesen, musikalisch ist sogar eine Weiterentwicklung zu erkennen und textlich hat sich in den knapp 20 Jahren seit dem letzten Album einiges angesammelt. Alles in allem eine positive Überraschung, ohne komplett zu glänzen.


Dendemann
Er ist wieder da. Die Spatzen pfeifen es ja bekanntlich schon seit Wochen von den Dächern, doch jetzt gibt es auch einen Namen, Daten und auch ein Video mit nigelnagelneuem Material. Wir sind so froh, dass Dendemann wieder am Start ist. Und heidewitzka: gesellschaftspolitisch vollkommen auf der Höhe der Zeit. Auf Keine Parolen zeigt er Haltung mit der geliebten reibeisernen Stimme. Die Langspielplatte da nich für! erscheint dann am 25. Januar und der deutsche Rap ist so aufgeregt wie kaum zuvor. Doch die Namen, mit denen er sich nun messen muss sind andere als noch vor über acht Jahren, als Vom Vintage Verweht erschien. Wir sind gespannt und erwarten zurecht viel. Einige Termine der kommenden Tour sind auch schon ausverkauft:

04.02. Hannover - Capitol
05.02. Bremen – Pier 2
06.02. Osnabrück - Rosenhof
07.02. Dortmund - FZW
09.02. Münster - Skaters Palace
10.02. Frankfurt - Batschkapp
11.02. Heidelberg - halle02
12.02. Stuttgart - Im Wizemann
13.02. München - Tonhalle
16.02. Karlsruhe - Substage
17.02. Köln - Carlswerk Victoria
18.02. Wiesbaden - Schlachthof
23.02. Dresden - Reithalle
25.02. Leipzig - Werk2
26.02. Hamburg - Mehr! Theater
27.02. Hamburg - Mehr! Theater
28.02. Berlin - Columbiahalle



Schwarz
Vor Jahren hat Roland Meyer de Voltaire mal gesagt, dass er nichts anderes machen könne als Musik, also wird er immer Musik machen. Das ist wirklich lange her, dass die Band Voltaire durch die Lande zog und mich auf jeden Fall sehr verzückt hat. Wie gesagt: Long time ago. In der Zwischenzeit hat er das Genre gewechselt und für viele Filme die Musik beigesteuert, zum Beispiel zu Tom Meets Zizou und kürzlich erst zu Being Mario Götze. Die Synthesizer sind nun seine Muse und er lässt sich ordentlich damit gehen. Nun erscheint am 24. Mai kommenden Jahres sein erstes Solo-Album unter dem Namen Schwarz und es heißt White Room. Die erste Single The Others ist schon zu hören. Voilà:


Donnerstag, 1. November 2018

Erobique - Tatortreiniger Soundtracks

Foto: Yvonne Schmedemann

yvonneschmedemannfotografie(ms) Ein Mal habe ich mir einen Soundtrack gekauft und zwar den von Konstantin Gropper (Get Well Soon), den er für die französische Serie Xanadu geschrieben hat. Von der Serie habe ich - so weit es die Erinnerung hergibt - vielleicht nur die erste Folge gesehen, hat mich auch echt nicht interessiert. Wann genau ich diese Lieder das letzte Mal gehört habe, weiß ich auch nicht mehr. Zumindest habe ich sie als sehr gut abgespeichert.
Es gibt tausend geniale Soundtracks zu Filmen, Serien, mitunter auch Dokumentationen. Zugegebenermaßen bleiben sie aber bis auf wenige Ausnahmen nie so richtig haften, die schauspielerische Leistung, das Drehbuch, der Witz, die Dramatik, die Handlung stehen ja logischerweise im Vordergrund. Was kann die Musik also leisten? Hm, dumme Frage, denn es ist eine Menge. Sie kann jede Szene wesentlich emotionaler machen, unterstreichen, den nötigen Ernst einhauchen, die Spannung steigern oder bizarr mit ihr brechen so wie Tarantino das ja gerne macht. Falls man mal einen Film ohne jegliche Musik gesehen hat, weiß man auch was die Abwesenheit dessen bewirken kann. Also: Soundtracks laufen irgendwie nebenbei, sind aber oft unerlässlich. Damit sind nicht nur einzelne Lieder gemeint, sondern auch das, was in dieser Thematik Score genannt wird, also die Filmmusik an sich, das was mal so rein schneit.

Nun erscheint kommende Woche Freitag (9. November) eine Platte, die viel mehr ist als reine Filmmusik, auch wenn sie es im Wesen natürlich bleibt. Denn zum ersten Mal veröffentlicht Carsten - besser bekannt als Erobique - Meyer zwanzig Tracks aus der grandiosen Serie Tatortreiniger. Darin putzt Bjarne Mädel an Tatorten die unterschiedlichsten menschlichen Überbleibsel weg, worum es jedoch gar nicht geht. Denn die Angehörigen oder Anwesenden an diesen Orten sind oft nicht nur geniale Schauspieler (Milan Peschel, Matthias Brandt, Fritzi Haberland, Anna Schudt...), sondern verwickeln Heiko "Schotty" Schotte in die wunderbarsten Dialoge, die das deutsche Fernsehen in den letzten Jahren gehört hat. Stets ist Witz und Komik dabei, wäre bei Regisseur Arne Feldhusen (u.a. Stromberg) ja auch gar nicht anders zu denken, doch oft haben die Gespräche auch viel Tragik, viel Philosophie, viel hartes, echtes Leben zu bieten. Große Klasse.



Erobique ist schon lange im Geschäft. Seit den 90er Jahren legt er in Clubs und auf Partys auf. Zusammen mit DJ Koze und Cosmic DJ war er International Pony und unter diesem Namen wurden drei Alben veröffentlicht. Er hat mit Studio Braun und Schorsch Kamerun gearbeitet und die Musik zu der Verfilmung von Sven Regeners Roman Magical Mystery erdacht.
Tatortreiniger läuft seit 2009 auf dem NDR. Seitdem ist Erobique Teil der Mannschaft, eng spricht er sich mit Feldhusen ab, wenn sie zusammen in Meyers Studio sind, das aus allen Nähten platzt, so viele Instrumente und Raritäten befinden sich darin.

Das Cover der Platte
20 Tracks sind nun auf der Platte zu finden, manche tragen auch den Namen der jeweiligen Folge (Schottys Traum, Emma, Der Schamane...), sodass der Wiedererkennungswert mit der Serie sehr hoch ist. Logisch auch, dass der erste Song das Titelthema der Serie ist, das woanders immer wieder auftaucht, zum Beispiel auf Rein in die Westernstiefel. Auch logisch, dass die Lieder mitunter kurz sind, wenn zwanzig Stück auf vierzig Minuten Musik passen. Mit Sophia Kennedy hat er sich sogar eine bekannte Stimme geliehen, die mysteriös daher singt (Im Wald).
Stark ist immer wieder, wie breit gefächert Carsten Meyers Können ist. Mal geht es unheimlich catchy und voller Groove zu (Ja, ich will oder Clouds of Ecstasy), mal ist es die Definition von Easy Listening (Schottys Traum), dieser herrlichen Musikrichtung. An anderen Stellen überzeugt eine ansteckende Klavierhook (Schotty in Manchester). Stets ist das Ungewisse, Kreative, wunderbar Merkwürdige, was in den Drehbüchern steht auch in der Musik wiederzufinden; Erobique beweist häufig ein brilliantes Gespür dafür. Denn auf Scheibenwischer kann man sich Schotty bildlich vorstellen, wie er in dem weißen, kleinen Auto sitzt, wo hinten die große Kiste, diverse Putzbehälter, eine Leiter und allerhand anderer Kram liegen, und dabei von Tatort zu Tatort düst. Regisseur Feldhusen ist auch versteckt dabei, denn auf Der Ameisenmarsch steuert er ein Pfeifen dabei. Dieses Lied charakterisiert das nicht ganz so ernstzunehmende Wesen der Sendung, es wird hier perfekt in Szene gesetzt.

Ob dieser Soundtrack auch losgelöst von der Serie funktioniert bleibt die heikle Frage am Ende. Ich glaube: Nein. Denn er ist genau dafür geschrieben, also ist die Grundausrichtung schon sehr funktional. Kennt man die Serie jedoch, ist es einfach sich durch die Musik an bestimmte Szenen zu erinnern. Zudem kann man froh sein, dass Carsten Meyer endlich mal wieder ein Beispiel seines Könnens, seiner Kreativität auf Platte gebracht hat!