Samstag, 26. Oktober 2019

Live in Ahausen: Jon Flemming Olsen

Foto: Sven Pipjorke
(ms) Schon länger frage ich mich, was die Gesellschaft zusammenhält. Wo das Herz schlägt, der Puls, das Gute und Schöne, das so wichtig ist. Zu einem sehr großen Teil sind es meines Erachtens die viel zu schlecht bezahlten Menschen in der Pflege, der Erziehung (ja, auch die Lehrer), Feuerwehr, Polizei und Sanitäter. Zudem: Die Müllabfuhr und all die unsichtbaren Hände, die unseren Alltag erst ermöglichen.
Daneben gibt es noch Menschen, die etwas für die Muße tun und als Muse agieren: Kunst, Kultur, Musik, Film, Schauspiel.
Und die sind auf dem Land noch viel wichtiger als in den (größeren) Städten, wo die Infrastruktur ohnehin da ist.
Zoomen wir also in unserer inneren Landkarte auf Niedersachsen, Richtung Bremen, etwas weiter westlich in den Landkreis Diepholz. Da liegt Ahausen. Noch nie davon gehört? Klar, dort wohnen auch nur etwa 200 Menschen. Und ein großer Teil derer fand sich gestern Abend beim sogenannten Ahauser Herbst im Kulturhof wieder. Wie das bei solchen Veranstaltungen üblich ist, ist der Altersdurchschnitt hoch und der Anteil an pensionierten Lehrern sicher auch. Da muss was dran geändert werden. Das dachten sich mit Sicherheit auch die Veranstalter. Denn: der Eintritt zum unfassbar tollen Konzert von Jon Flemming Olsen und auch den anderen Veranstaltungen an diesem Wochenende sind umsonst; klassisch ging der Hut rum, sodass alle - unabhängig wie (oder ob) das Portemonnaie gefüllt ist - kommen können. Das hält die Gesellschaft auch zusammen!
Der Kulturhof liegt an einer unscheinbaren Durchfahrtsstraße. Ein Lagerfeuer draußen und ausgestellte Bilder drinnen haben eine sehr heimelige Atmosphäre erzeugt. Um die Bühne Stühle im Halbkreis; dazu bezahlbare Getränke. Der Künstler des Abends, Jon Flemming Olsen, ist vielen eher als Ingo mit Ananasfrisur aus Dittsche bekannt. Seit vielen Jahren macht er auch Musik, neben Texas Lightning auch solo. So standen auf der Bühne fünf Gitarren und durch ein Pedal bedienbar eine Pauke und ein Schellenkranz. Die Einmannband.
In zwei Sets, die insgesamt bei gut 90-100 Minuten lagen, sang er von Liebe, Landschaft, Hoffnung, Verzweiflung und immer wieder fein Unterhaltsamen. Höhepunkt war sicher Unerreichlich Schön, eine Situation, wo man einen Gegenüber sieht, der einen fasziniert doch man traut sich einfach nicht mal rüber zu gehen. Kennen wir alle. Olsen hat dies in ein bemerkenswert gefühlvolles Lied gepackt. Das Lied wird Teil des neuen Albums sein, das er am 8. Dezember live einspielen wird. Aber nicht mit Publikumgeräuschen und Applaus. Es geht ihm um die Atmosphäre, dass durch die Boxen schallt, welche Energie zwischen Künstler und Publikum entstanden ist. Kann, sollte man hier via Crowdfunding unterstützen! Auf das Ergebnis bin ich jetzt schon extrem gespannt, denn der Anspruch ist hoch und die Idee klasse!
Der Auftritt in Ahausen war extrem kurzweilig. Lag natürlich auch daran, dass Olsen Bühnenprofi ist und seine mitunter melancholischen Lieder mit schmunzelnden Ansagen garniert hat. Ein toller, runder, schöner Abend. Auch das hält die Gesellschaft zusammen. Davon bin ich überzeugt.

Jon Flemming Olsen spielt demnächst noch hier. Geht da hin. Für hörenswerte Musik und um den Altersdurchschnitt zu senken.

09.11. - Buxtehude, Theater im Hinterhof
15.11. - Hildesheim, Littera Nova
16.11. - Berne, Kulturmühle
17.11. - Boostedt, Hof Lübbe
21.11. - Bielefeld, Jazz Club
22.11. - Gifhorn, Kulturbahnhof
08.12. - Hamburg, Schmidtchen

Freitag, 25. Oktober 2019

KW 43, 2019: Die luserlounge selektiert!

Quelle: facebook.com/agencia43
(sb/ms) Das dieswöchtige Zeilenfüllthema Nummer 1 ist natürlich die morgen anstehende Zeitumstellung! Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich behaupte, dass mir diese Angelegenheit vollkommen am Allerwertesten vorbei geht. Die einzige Sache, die ich immer etwas schade finde bei der herbstlichen Umstellung: die frühe Dunkelheit. Doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier und so regen wir uns genau ein, zwei Tage darüber auf und dann ist das auch wieder egal. Ob es die Zeitumstellung gibt oder nicht, das ist gesellschaftlich ein durchaus brisantes Ding. Bei einer europaweiten Abstimmung vor ein, zwei Jahren haben sich enorm viele Menschen daran beteiligt. Meine Vermutung: weil es so schön banal und auch irgendwie egal ist. Nur kann man halt so schön am Stamm- oder Kaffeetisch darüber reden. Wenn man pensioniert ist und das der Aufreger ist. Bei brisanteren Themen - Tempolimit auf deutschen Autobahnen, Finanztransaktionssteuer, fleischfreie Tage in der Kantine, Verbot von diesen dünnen Plastiktüten in der Obst- und Gemüseabteilung - müsste man sich ja damit beschäftigen, weil es Auswirkungen gibt. Also halten wir fest: Kleiner Aufreger am Sonntag und Montag.
Bis dahin reichen unsere Empfehlungen und Anmerkungen aus dem Reich der Musik in jedem Fall. Denn wir sind die Luserlounge. Es ist Freitag. Wir haben selektiert!

Camouflage
(sb) Good ol' times... Satte 30 Jahre hat das Album Methods of Silence auf dem Buckel, zum Jubiläum gibts nun ein Re-Issue mit reichlich Bonusmaterial. In den späten 80ern waren Camouflage omnipräsent und erreichten im Schatten der großen Depeche Mode mit ihrem Synthie-Pop regelmäßig die Top 20 der deutschen Charts. Mann, ist das lange her! Ihre beiden größten Hits The Great Commandment und Love Is A Shield sind aber auch heute noch Radio-Dauerbrenner und gerade Letzterer wird in Südamerika als beliebter Hochzeitssong genutzt. So sehr ich den Track auch liebe, aber zu dem Anlass hatte ich andere Präferenzen... Wie dem auch sei: Love Is A Shield ist natürlich der Hit des Albums und folglich gleich in sieben (!) verschiedenen Versionen vertreten. Methods of Silence (VÖ: 01.11.) ist eine Zeitreise der angenehmen Art und wer einsteigen und mitreisen möchte, der sollte sich beeilen, denn die Jubiläums-Edition ist auf 500 3-LP-Sets und 1.500 Doppel-CDs limitiert.


Young Guv
(sb) Er ist schon ein wahrer Tausendsassa, der gute Young Guv: Erst im August veröffentlichte der Brite sein erstes Album, nun legt er bereits mit Young Guv II (VÖ: heute!) nach. Krasse Frequenz! Man muss fairerweise aber auch sagen, dass das genau so geplant und die Scheiben auch als Doppel-LP-Serie angelegt waren. Das ändert aber nichts daran, dass die Kreativität nur so aus dem Künstler rauszusprudeln scheint. Mir persönlich gefiel der erste Streich einen Tick besser, weil einzelne Tracks besonders positiv herausstachen, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Es gibt wieder ansteckende Popsongs mit ergreifenden Refrains auf die Lauscher und die Texte sind nicht nur witzig, sondern auch hinterfotzig kritisch.


Death Machine
(sb) Hui, was kommt denn da auf uns zu? Irgendwas zwischen Slayer und Morbid Angel? Mitnichten, denn Death Machine legen mit ihrem martialischen Bandnamen geschickt eine falsche Fährte und überraschen dann mit deutlich moderateren Tönen. Statt Metal gibts eine Melange aus traditionellem Folk, akustischen Elementen und alten Synthesizern auf die Luser, die einen ein ums andere Mal durch ihre Wirrungen und Wendungen überrascht.
Jesper Mortensen, das Mastermind hinter Death Machine, hat übrigens eine beachtliche Charts-Historie aufzuweisen und kann mit vorherigen Projekten bereits Top 5-Positionen im UK, in den USA, in Japan und in seiner dänischen Heimat vorweisen.
Im Januar 2020 werden Death Machine mit ihrem neuen Album Orbit (VÖ: 15.11.) auch einige Clubs in Deutschland und der Schweiz beehren und für reichlich Gänsehaut sorgen:

11.01. Hamburg (DE), Warenwirtschaft
12.01. Hanau (DE), Elis
13.01. Salzburg (AT), Academy
14.01. Klagenfurt (AT), Wohnzimmer
15.01. Wien (AT), Fluc
18.01. Marburg (DE), Q


Violetta Zironi
(ms) Songs, die sofort eine ganz bestimmte Atmosphäre erzeugen, strahlen viel Magie aus. Wenn sich dazu noch Bilder vor dem inneren Auge aufbauen, wird es noch besser. Heutiges Beispiel: Violetta Zironi mit ihrer neuen Single Hungry To Kill. Uff, bitterböse Ansage, die in einem sanften, chanson-ähnlichen Soundgewandt eingebettet ist, das an französische Leichtigkeit erinnert, an großen Film, rote Teppiche, Glamour, Show und klirrende Prosecco-Gläser! Inhalt des Liedes: Ein verarbeiteter Alptraum, in dem sie blind vor Liebe ihrem Gegenüber die krudesten Taten niemals zugetraut hätte, bis er sie nichts ahnend die Treppe runter stößt und seine Augen genau dieses Böse ausstrahlten. In drei Minuten erzählt sie diese Geschichte, deren schönes lalala sich herrlich im Kopf festkrallt. Das könnte locker in einem Tarantino-Film, bei dem Inhalt und Musik ja gerne mal auseinanderdriften. Besonders erstaunlich ist die musikalische Entwicklung der Italienerin. Denn bislang hat sie zwei EPs veröffentlicht (die jedoch bald zusammen plus neuem Material als Album erscheinen werden). Auf dem Erstling Scenes From My Lonely Window probiert sie sich noch im Folkpop aus, bereits auf dem Nachfolger Half Moon Lane ist eine eigene, wesentlich filigranere Handschrift zu hören. Mit der neuen Single setzt sie dem ganzen den Hut auf. Breiter im Sound, spitzfindiger arrangiert. Zironi kann man bald hier bestaunen, das könnte wahrscheinlich sehr, sehr gut werden:

06.02. Hamburg, Nochtwache
07.02. Berlin, Prachtwerk



Trixsi
(ms) Was machen eigentlich die Musiker von Love A, Findus, Herrenmagazin oder Jupiter Jones?! Genau! Sicherlich saßen sie beim kühlen Feierabendgetränk zusammen und haben sich gedacht: Lass' mal noch 'ne Band machen, die irgendwie wie wir alle, aber doch neu klingt. Gesagt - getan! Es wurde geboren: Trixsi! Gitarren, Bass, Schlagzeug, Mechenbiers Stimme und fertig ist das Ding. Es mäandert zwischen Rock, Pop und Punk. So wollen wir das. Erwähnenswerte Anekdote: Während des diesjährigen Orange Blossom Special Festivals - dem (!) musikalischen Feinschmeckerevent in Beverungen - also währenddessen... also im Set, mitten im Song... haben sie einen Plattenvertrag beim Veranstalter-Label Glitterhouse unterzeichnet. Gefällt uns sehr. Album kommt im Frühjahr, Liedmaterial gibt es jetzt schon zu hören:



Naima Husseini
(ms) Liebe Musik, ich lasse mich so gern von dir verzaubern und ich mag es noch mehr, wie du - aus unerfindlichen Gründen - für mich verschollene Künstler und Künstlerinnen wieder ins Bewusstsein rufst. Bei Naima Husseini trifft genau das (wieder) zu! Vor vielen Jahren hat sie zusammen mit der tollen Alin Coen eine TV Noir-Tour gespielt; in bestuhlten Räumlichkeiten. In Münsters Sputnikhalle war es saukalt und sauschön! Und nun kommt die hörenswerte Neuigkeit, dass sie unter dem verkürzten Namen Naima ein neues Album veröffentlicht. Heute (!!!) erscheint Funken bei euren Lieblingsanbietern. Zehn ganz feine, runde, extrem stimmige Stücke warten darauf aufmerksam gehört zu werden. Trotz der beiden englischen Titel On The Run und Gang Of One sind alle Lieder auf deutsch gesungen. Die inhaltliche Nähe der Lieder - Privates, Schmerzliches, Ehrliches, Aufbauendes - wird dadurch untermauert, dass die Platte mit Band live eingespielt wurde. Da meint man die Musiker direkt um sich zu haben. Ideal für diese Jahreszeit. Eine Tour wird sicher folgen, wir halten euch auf dem Laufenden!
Danke, liebe Musik!



Rikas
(ms) Der 14. Juli im letzten Jahr war ein sehr warmer und sehr schöner Tag. Mit Freunden habe ich ihn beim Nah Am Wasser Festival in Münster verbracht, das zum ersten Mal stattfand. Direkt als erstes haben wir die Band Rikas gesehen, die mir bis dato unbekannt war. Nach dem kurzen Gig war ich mehr als angetan. Die vier Schwaben haben eine Energie, einen Groove und eine ungeheure Lässigkeit auf die Bühne gebracht, die ich vergleichsweise vorher nur bei den Parcels gesehen habe. Zufälligerweise sah ich sie wenige Wochen später noch bei der Breminale; vollkommen durchnässt aber beseelt haben sie uns beglückt.
Das Warten auf die erste Platte hat mit dem heutigen Tag ein Ende, denn nun ist Showtime erschienen. Das Potential der Band haben auch andere erkannt, und so hat das Quartett bei Columbia/Sony einen fetten Major-Vertrag unterschrieben. So habe ich mich aufs Reinhören gefreut und gar nicht wirklich mitbekommen, als der letzte Track endete. Also: nochmal hören. Aber: gleicher Effekt. Ich habe mich gefragt: warum passiert mir das? Und beim dritten, vierten Durchlauf ist es mir aufgefallen: Showtime ist leider, leider ein völlig höhepunktfreies Album. Mit einer zurück gelehnten Belanglosigkeit plätschert dieses Album nur so an mir vorbei. Hier und da wippt vielleicht mal der Fuß mit, aber das war dann auch das Höchste der Emotionen. Eine herbe Enttäuschung nach den tollen Live-Auftritten. Ich glaube, dass die immer noch so geniale Gigs spielen. Doch woher dieser verwässerte Klang auf dem Album kommt... ich weiß es nicht. Liegt es am Druck, am Major-Vertrag und deren Knebel?! Wie gesagt: Ich gehe davon aus, dass sie auf der Bühne immer noch großartig sind. Kann man sich hier von überzeugen:

12.11.2019 Erlangen, E-Werk
13.11.2019 Frankfurt, Das Bett
15.11.2019 Saarbrücken, Studio 30
21.11.2019 München, Strom
22.11.2019 AT-Wien, Rhiz
23.11.2019 AT-Linz, Stadtwerkstatt
27.11.2019 Tübingen, Sudhaus
28.11.2019 Köln, Artheater
29.11.2019 Hannover, Béi Chéz Heinz
30.11.2019 Kassel, Schlachthof
03.12.2019 Münster, Gleis 22
04.12.2019 Bielefeld, Movie
05.12.2019 Bremen, Lagerhaus
06.12.2019 Hamburg, Molotow
07.12.2019 Flensburg, Volksbad
10.12.2019 Leipzig, Moritzbastei
11.12.2019 Dresden, Altes Wettbüro
12.12.2019 Berlin, Badehaus
13.12.2019 Würzburg, Jugendkulturhaus Cairo
14.12.2019 Stuttgart, Im Wizemann

Montag, 21. Oktober 2019

No King. No Crown. & Eamon McGrath - Live im Treppenhaus

(sb) Samstag Abend, die Sonne geht langsam unter, die Fähre liegt bereit und ein Konzertabend, auf den ich mich schon lange freue, steht bevor. Bereits das ganze Jahr läuft Smoke Signals, das aktuelle Album von No King. No Crown. immer wieder zuhause und im Auto und ist mit Sicherheit eine der positivsten Überraschungen der vergangenen Monate. Ich muss ja gestehen: bis Dezember letzten Jahres waren mir René Ahlig und seine Mitmusiker völlig unbekannt, seit der ersten Singleankündigung jedoch ständig präsent und ich möchte die Musik nicht mehr missen. Klar, das ist alles andere als Partymucke und freudige Euphorie wird dadurch nicht gerade gefördert, aber wenn es darum geht, (Selbst-)Zweifel und Melancholie in Worte und Melodien zu packen, macht den Dresdnern kaum jemand etwas vor. Und wer hat sie nicht, diese Phasen, in denen man mit sich und der Welt unzufrieden ist, in denen nichts zu klappen scheint und in denen man sich am liebsten in eine dunkle Höhle verkriechen möchte?

So, hab ich Euch jetzt genug mit Psychomüll abgeschreckt? Ich hoffe ja nicht... Zurück zu Samstag: Natürlich hätte ich auch einmal um den Bodensee rumfahren können, aber wann hat man schon mal die Möglichkeit, mit dem Schiff zum Konzert zu fahren? Also mal eben 27 Euro gelöhnt, den Sonnenuntergang genossen, die ca. 40-minütige Überfahrt mit Musik überbrückt und sich den Wind um die Ohren pusten lassen. Doch ganz schön frisch an so einem Oktoberabend. Als die Fähre in Romanshorn anlegt, kommt mir die glorreiche Idee, noch schnell zu checken, ob man irgendwo Fußball mitnehmen kann und siehe da: ein Siebtligakick liegt auf dem Weg. Träumchen! Dass das dann ein müdes 0:0 werden würde, war ja nicht zu ahnen... Leicht durchgefroren also wieder ins Auto und endlich weiter nach Rorschach ins Treppenhaus. Zuletzt war ich vor fünf Jahren hier, als Wanda noch vor ihrem großen Durchbruch Station am Bodensee-Ufer machten, die Location ordentlich zum Schwitzen brachte und den Club mit 120 Leuten komplett ausverkaufte. Leider ist schon recht früh erkennbar, dass sich diesmal deutlich weniger Leute einfinden würden, denn als ich kurz vor 21 Uhr im Treppenhaus einfedere, sitzen die Musiker noch gemütlich beim Catering, draußen stehen kleinere Rauchergrüppchen und der Eingang zur Halle ist noch gar nicht geöffnet. Hm, schade eigentlich, aber der Vorfreude tut dies keinen Abbruch, zumal mit Eamon McGrath ein Künstler als Support dabei sein wird, den ich kürzlich auch musikalisch kennenlernen durfte und dessen aktuelles Album Guts wirklich klasse ist.

Ich hatte ja erwartet, dass der Kanadier solo und akustisch performen würde, aber falsch gedacht: Vier Musiker samt Instrumentenarsenal machen sich auf der kleinen Bühne des Treppenhauses breit und geben ordentlich Gas. Die doch eher gemächlichen und folk-lastigen Studioversionen werden ordentlich aufgepeppt und mitunter deutlich rockiger interpretiert. Sowas gefällt mir ja sehr gut, weil man dann erkennt, was wirklich in einem Song steckt. Schon krass: Der Typ hat über 300 Songs geschrieben, acht Alben veröffentlicht, verfasst beeindruckende Lyrics und spielt jetzt hier fernab der Heimat in Mini-Clubs in Schaan (Liechtenstein), Bad Ragaz (Schweiz) und Bremerhaven. Muss man auch mögen. Das klingt erstmal leicht deprimierend und wenn man jetzt noch bedenkt, dass an diesem Abend nur rund 30 Leute den Weg ins Treppenhaus gefunden haben, könnte sich fast sowas wie Mitleid breitmachen. Aber nein! McGrath haut alles raus und legt ein zwar kurzes, aber umso intensiveres Set hin, das sein komplettes musikalisches Spektrum perfekt abbildet. Besonders beeindruckend sind die Live-Versionen von Guts und Yellow Sticker On An Empty Fridge vom aktuellen Album. Hört Euch das unbedingt mal an.

Es folgt die obligatorische Umbaupause und hier packen die Künstler noch selber an. Nach gut 20 Minuten gehts weiter und als No King. No Crown. die ersten Töne ihres Hits Smoke Signals erklingen lassen, stehen sie quasi alleine in der Halle. Eine kurze Ansage wäre vielleicht gar nicht so falsch gewesen. Nach ein paar Takten aber setzt sich das Publikum in Bewegung und siedelt vom Café wieder über in den Club. Klar, auch die Dresdner hätten sich nach ihrem ausverkauften Tourauftakt abends zuvor in Würzburg ein paar Zuschauer mehr erhofft, aber auch so spielen sie ein unfassbar schönes Konzert. Gesang, Gitarre, Percussion, Keyboard, Banjo, Geige - und ganz viele Emotionen. Es ist wirklich eine Schande, dass No King. No Crown. maximal als Geheimtipp durchgehen, denn was René Ahlig da zu Papier bringt und später mit seinen Kollegen vertont, ist einfach nur wunderschön. Wenn in Unwritten Letter das bessere Ich zur Feder greift und einem aufzeigt, was man alles an sich ändern und verbessern könnte, geht man automatisch in sich, schließt die Augen und kommt ins Grübeln. Und dann öffnet man die Augen wieder, sieht einen fast zwei Meter großen Mann und hört dessen sanfte Stimme, die einem so oft aus dem Herzen und aus der Seele spricht.

No King. No Crown. springen gekonnt zwischen ihren beiden bisherigen Alben hin und her, wir erfahren, dass Ahlig schon zum dritten Mal im Treppenhaus auftritt und dass ihn selbst 1,4 Millionen Streams des Tracks Without Yesterday auf Spotify - wen wunderts? - nicht reich gemacht haben. Das Publikum ist zwar nicht immer ganz aufmerksam und redet meines Erachtens während des Konzerts etwas zu viel, ist jedoch auch dankbar für so viel Einsatz der Band und honoriert den Auftritt mit reichlich Applaus. Die Dresdner nutzen die doch sehr intime Atmosphäre, um ihren Songs eine besondere Intensität zu verleihen, sodass sich jeder Zuhörer persönlich angesprochen fühlen kann. Ob Dear Doubt, Ahligs Ode an das mangelnde Selbstvertrauen, oder die Zeile "You just drowned the optimist in me" in Gold And Silver - es mangelt nicht an Momenten, in denen man ganz tief schlucken muss, um eine Träne zu verdrücken. Für mich als Nicht-Musiker ist das immer sehr schwer nachzuvollziehen, wie man es schafft, solche Gedanken, solche persönlichen Emotionen, so ausdrücken zu können und diesen Seelenstriptease dann nicht nur auf Platte hinzulegen, sondern später auch noch vor anderen, im Regelfall unbekannten, Menschen. Und so sehr ich mich in vielen Songs bei No King. No Crown. wiederfinde, so sehr ich es schätze, in ihrer Musik aufzugehen, so sehr wünsche ich dem sympathischen Songwriter doch, dass er es schafft, seine Selbstzweifel hinter sich zu lassen, denn was er da an Musik schafft, ist ganz großartig und verdient es, gehört zu werden. Wer es in den kommenden Tagen nicht zu einem der noch bevorstehenden Konzerte schafft, dem seien die beiden Alben ans Herz gelegt und - hurra! - der nächste Release ist schon für Anfang 2020 angekündigt. Es handelt sich dabei um die Devon Island Session, in der René zusammen mit seinem Violonisten und Banjo-Spieler Ole sechs bekannte NKNC-Songs neu arrangiert und akustisch eingespielt hat. Jetzt schon auf Tour erhältlich (und Kaufpflicht!), demnächst dann auch vorbestellbar. Wir halten Euch auf dem Laufenden.

Hm, jetzt bin ich aber ganz schön abgedriftet... Um halb Zwölf ist ein sehr schöner und emotionaler Konzertabend leider viel zu früh zu Ende, die Zugaben sind nochmal richtige Highlights und dank der gekauften CDs vergeht auch die Heimfahrt (diesmal mangels Fährverbindung tatsächlich auf dem Landweg) wie im Flug, sodass ich um 1 zuhause aufschlage und mir erstmal ein Craft vom Rorschacher Kornhaus Bräu aufmache, um runterzukommen. Schön wars. Sehr sogar. Kommt bald wieder!




Samstag, 19. Oktober 2019

Angel Olsen - All Mirrors

Foto: Cameron McCool
(ms) Ein Bild in schwarz/weiß. Ein nicht wirklich entspannter Gesichtsausdruck, der schwer zu deuten ist. Die Hände über dem Kopf verschränkt. Ein schwarzes Oberteil. Die einzig hellen Stellen bilden die Handinnenflächen, oben in der Mitte. Doch es ist kein Heiligenschein, den Angel Olsen auf All Mirrors formt, das Cover ist noch dunkler (s.u.). Es sind 11 Lieder voller Kraft, Magie, Düsternis und musikalischem Sachverstand. Kaum verwunderlich, denn die 32-jährige Amerikanerin veröffentlichte vergangenen Freitag ihr fünftes Album seit 2011, extrem reife Leistung! Diese verlagert sich in jeden einzelnen Track. Denn die Platte hat kaum Schwachstellen. Ein paar Pausen schon, aber sie sind an genau den richtigen Stellen platziert. So startet All Mirrors selbstbewusst mit der ersten Single und dem Aushängeschild des Albums, Lark. Mit sanftem Gesang startet das Lied, Gitarre, Streicher und ein etwas zurückhaltender Beat bilden die ersten Takte. Ab Spielzeit 1:20m bricht ihr lauter, inbrünstiger Gesang heraus, deren Dramatik von der Musik untermauert wird. Die Geigen schwirren, die Pauke wird bestimmendes Rhythmusinstrument und nimmt sich dann wieder zurück. Crescendo, Decrescendo. Die 6:19m von Lark werden zur Berg- und Talfahrt. Die durchaus düstere Stimmung wird im Wesentlichen von den Streichern und Olsens enormer Stimmvariation geprägt. Das wiederholende Dream On zum Ende wirkt beinahe paralysierend.



Angel Olsens Stimme erinnert phasenweise - zum Beispiel auf dem titelgebenden Track - wie Lana del Ray. Der Sound wird von Synthies, Bass, Percussion und vielen Streichern geprägt. Immer wieder verschmelzen all diese Elemente zueinander. So entwickelt diese Musik ihre Kraft und die düster-dramatische Atmosphäre bleibt somit erhalten. Bilder von Thrillern, die mysteriös im Wald spielen: dicht, unheimlich, nichts ahnend, was als nächstes kommt, eine Lichtung oder der Abgrund.
Nach dem phänomenalen Start kommt das etwas melodischere Too Easy, es ist eine kleine Pause, kein Bruch. Phasenweise lehnt sich die Stimme an französischen Chanson an, dazu werden die Streicher leicht rausgenommen, verzerrte Keyboardsounds reingespielt.
Cover von All Mirrors
 Vielseitig sind Geige, Cello und Co. eingesetzt. Mal als Basis des Klangs, mal als Überraschungsmoment, wenn sie das eher ruhige New Love Cassette in der zweiten Hälfte aufregend brechen. Das hier ist extrem klug arrangiert!
Auch in den anderen Tracks (Spring, What It Is) sind die Akzente genau richtig gesetzt. Der hohe künstlerische Anspruch macht sich dadurch bemerkbar, dass man als Hörer neugierig bleibt. Es sind die Variationen in den prägenden Instrumenten pro Track und die darum gebauten Klangstrukturen.
Impasse greift das Nebulöse aus den ersten beiden Liedern wieder auf. Ein langsamer Track, was bei Olsen jedoch nicht heißt, dass es lahm oder langweilig zugeht, im Gegenteil. Das zum Teil sehr geringe Tempo bringt die dunkle Stimmung erst gebührend zur Geltung.
Bei der durchweg dunklen, angespannten Stimmung ist Melancholie kein Thema; es kommt nur bei Tonight leise zutage. Von einem Titel wie Endgame hätte ich etwas mehr Wumms erwartet, doch das Ausbleiben dessen wirkt sich negativ auf das Gesamterlebnis aus.



Zugegebenermaßen kannte ich Angel Olsen nicht, bevor uns ihre Musik zugespielt wurde. Nach mehrmaligem Hören bin ich absolut fasziniert, ein tolles Album. Das Mysteriöse, Dunkle, beinah Unheimliche ist genau das richtige für die anstehende Jahreszeit, wenn es morgens kühler und nachmittags früher dunkel wird, dann sorgt diese Platte genau für den eisigen Schauer, der den Rücken runtergeht. Man darf hochgespannt sein, wie Angel Olsen das mit Band live umsetzt. Denn: der Sound ist komplex, die Arrangements vielschichtig. Doch die Dynamiken werden sicher großartig herauskommen, wenn sie auf der Bühne steht.
Hier kann man sich kommendes Frühjahr davon überzeugen:

29.01. - München, Kammerspiele
30.01. - Berlin, Huxleys Neue Welt
05.02. - Hamburg, Gruenspan

Freitag, 18. Oktober 2019

KW 42, 2019: Die luserlounge selektiert!

Quelle: watson.ch
(sb/ms) Es sind mal wieder Enno Bunger-Festtage in der Luserlounge und das mehr als zurecht. Bei jedem Hören der Platte springt das Herz mehrmals und die Unterlippe fängt leise an zu bibbern. Wie der junge Mann Emotionen so dicht in Musik verlagert, ist absolut beeindruckend und funktioniert halt live auch irre; siehe Montag! Auf seiner Platte singt er Ich schieb nichts mehr auf meine Bucketlist. Zugegeben wusste ich bis dato nichts mit dem Begriff anzufangen. Doch nun habe ich das Gefühl in die Tat umgesetzt. So wurde der Tag vor dem 3. Oktober genutzt, um gesellig beisammen zu sitzen. Natürlich wurde an erfrischenden Kaltgetränken nicht gespart und so ein Abend gewinnt ja immer eine eigene Dynamik, das muss ich Euch nicht erzählen. Und als schon fast alle gegangen sind, saßen wir zu viert beisammen und fragten uns, was wir nächste Woche so täten. Dem Beruf sei Dank, hatten wir alle frei. "Nichts", war die Antwort. "Wollen wir einfach los fahren?" - "Jau." Gesagt, getan. Montag Morgen Richtung Süden, nichts geplant, nichts gebucht, einfach drauf los und eine Woche später pleite, aber glücklich zurück gekommen. Ich mache keine Pläne mehr.
Außer freitags in der Luserlounge zu selektieren. Das geht so:

Caribou
(ms) Vor einigen Jahren bin ich zur Ruhrtriennale nach Bochum gefahren, um HeCTA zu sehen. Das war/ist das Nebenprojekt von Lambchops Kopf Kurt Wagner. Es spielten auch The Notwist. Und Caribou. Letztere kannte ich bis dato gar nicht so sehr. Das änderte sich jedoch äußerst schnell nach dem Gig, den die Band um Dan Snaith abgeliefert hat. Meine Güte... das war elektronische Musik par excellence! Die Musiker haben an ihren unterschiedlichen Geräten, verbunden mit einer tollen Bühnenarchitektur und Lichtshow eine irre Atmosphäre erzeugt. Es war leicht, schwer, pulsierend, ergreifend, tanzbar. Es hat Eindruck hinterlassen. Und nach einer Pause von fünf Jahren sind Caribou wieder da und liefern erneut ab! Home heißt der neue Track und wahrscheinlich wird darauf auch ein Album folgen, immerhin gibt es reichlich Tourdaten! Auf Home ist die Basis natürlich elektronisch, doch es soult und jazzt auch ein wenig, Samples sind deutlich zu hören. Entspannt, gemütlich und irre catchy geht es hier zur Sache. Nicht nur für den Heimweg ein toller Track, sondern auch für die gute Laune. Die Tour sollte man sich nicht entgehen lassen, es gibt folgende Haltestellen:

21.04. - Hamburg, Große Freiheit 36
22.04. - Leipzig, Werk 2
24.04. - Wien, Gasometer
25.04. - München, Muffathalle
26.04. - Zürich, Kaufleuten
28.04. - Köln, E-Werk
15.08. - Berlin, Zitadelle



Refused
(sb) Es gab eine Zeit, in der galten Refused als eine der einflussreichsten und politisch relevantesten Bands dieses Planeten. Sänger Dennis Lyxzén verfasste vor gut 20 Jahren regelmäßig brisante Manifeste und so entwickelte sich die Band im Verständnis vieler zum musikalischen Arm der radikalen Linken. Kapitalismus- und Gesellschaftskritik standen im Zentrum des Schaffens der Schweden, deren Punk- und Hardcoregeknüppel zudem punktgenau den Zeitgeist traf. Dennoch entschieden sich die Musiker 1998, die Band ruhen zu lassen und fanden sich erst 2012 zu einer Reunion erneut zusammen.
Und jetzt? Aus meiner Sicht sollte man Refused heutzutage losgelöst vom damaligen Status betrachten und unvoreingenommen ans neue Album War Music (VÖ: heute!) herangehen. Die Gefahr, die Relevanz vergangener Tage im neuesten Werk der Schweden (umsonst) zu suchen, ist einfach zu groß und das hat das Album nun wirklich nicht verdient. War Music ist nämlich ein richtig gutes Album, die Texte streuen noch immer Salz auf die Wunden der Gesellschaft und die Wut ist greifbar. Trotzdem: Die Zeiten haben sich geändert, Lyxzén & Co. veröffentlichen nun bei Universal und müssen sich ihren Platz erst zurückerobern. Mit diesem Album sind sie aber auf einem guten Weg!


Mando Diao
(sb) Wir bleiben in Schweden und kommen zur nächsten Band, die ihre erfolgreichsten Jahre hinter sich hat: Mando Diao galten einst als heißester Shice around und ich konnte mich selber das ein oder andere Mal live davon überzeugen, dass die Herren Menschenbeine zum Tanzen bringen können. Songs wie White Wall, Down In The Past, You Can't Steal My Love, God Knows, Long Before Rock'n'Roll oder Dance With Somebody kann man ja getrost auch heute noch in jeder Indie-Disse spielen, oder? Dass besonders die beiden Frontmänner Björn Dixgard und Gustaf Norén zudem auch recht anziehend aufs weibliche Geschlecht wirkten, kam Mando Diao natürlich ebenfalls zugute. Letzterer verließ die Band übrigens 2015, um sich Soloprojekten zu widmen, so wirklich vermisst hat man Mando Diao aber - wenn man ehrlich ist - in den vergangenen Jahren ohnehin nicht. Das schwedischsprachige Album Infruset 2012 war zumindest noch recht hörenswert, floppte jedoch kommerziell in Deutschland komplett. Die beiden Folgealben verkauften sich dann zwar wieder ordentlich, die Qualität hatte jedoch deutlich nachgelassen und die Musik orientierte sich eher an 80er Jahre-Pop als am gewohnten Rock-Sound. Unschön, das Ganze.
Nun also BANG (VÖ: heute!) und die bange Frage, was man dem Hörer nun zumutet. Die gute Nachricht: Es geht wieder in die richtige Richtung und die zuletzt gehörten Synthie-Gewitter gehören der Vergangenheit an. Der Wunsch, wieder zum ehemaligen Ruhm und Status zurückzukehren, ist geradezu greifbar und damit kommen wir auch schon zur schlechten Nachricht: Das funktioniert leider nicht ganz. Das Album klingt zwar nach früher, aber Dixgards Stimme alleine reicht einfach nicht, um das Gefühl von 2002 oder 2004 wieder aufleben zu lassen. Zu viele Bands sind einfach in der Zwischenzeit an Mando Diao vorbeigezogen und haben Land zwischen sich und die Schweden gebracht. Klar, One Last Fire und Long Long Way sind klasse Songs, aber danach klafft eine nicht zu überhörende Lücke. Mando Diao haben offensichtlich a long long way to go und wissen nicht where they're coming from. Trotz aller Kritik bin ich positiv überrascht und werde mir das Album sicher noch das ein oder andere Mal anhören.


Yvon Im Kreis Der Liebe
(ms) Nein, es ist gar nicht so gaga wie es klingt, obwohl die Ausgangsvoraussetzungen dafür mehr als gegeben sind. Denn gaga könnte es schnell werden, wenn Jaques Palmringer und Carsten Meyer zusammen tüfteln. Der eine Teil von Studio Braun, der andere Erobique! Zusammen mit Yvon Jansen sind sie Yvon Im Kreis Der Liebe und haben eine Platte aufgenommen. Eine Schauspielerin, zwei Musiker. Das brodelt ja nur vor Kreativität und Mut! Schon vor 13 Jahren - WM im eigenen Land und so - haben die Drei sich zusammen getan. Nun also endlich die zum Projekt gleichname Platte, die seit letztem Freitag zu ergattern ist! Musikalisch hört man Erobique ganz stark raus: das locker-leichte aus Tatortreiniger oder Stromberg ist auch hier die Leitlinie. Die Single Marco spiegelt die Entwicklung einer Liebe wieder; von großer Verliebtheit und verzücktem nebeneinander Aufwachen bis hin zum genervten Bruch. Dazu gibt es auch ein tolles Video im verrauchten Debatten-TV vergangener Tage. Live ist das Trio auch zu sehen und das könnte sicher unterhaltsam werden!

18.10.19 - Hamburg, Thalia Theater Nachtasyl
20.10.19 - Berlin, Festsaal Kreuzberg
02.11.19 - Köln, Britney



Blondage
(ms) Als Nerd im Musikkosmos verfolgt man ja zwangsweise bestimmte Werdegänge. Hier ist ein Beispiel: Vor sieben Jahren hatte die Gruppe Rangleklods mit Young And Dumb einen Hit in der elektronischen Indie-Szene. Zurecht, das ist ein irres Brett! Ich durfte sie mal live sehen und es war eine reine Bass-Massage. Nach zwei Platten haben sie die Band in Blondage umbenannt und etwas bequemere Musik gemacht. Rangleklods eckten mit ihrem Sound auf dem zweiten Album schon an. Es wurde also etwas tanzbarer, radiotauglicher, aber immer noch richtig gut. Das dänische Pärchen Esben und Pernille hat sich nun weitestgehend auf ein Solo-Projekt von Pernille verkleinert und wieder neue Sound-Formen angenommen. Diese Woche ist mit Breakfast In My Bed die erste neue Single erschienen und leider holt sie mich nicht mehr so ab. Es groovt kaum noch, die Energie ist verschwunden und hat für einen weitestgehend beliebigen Radio-Track Platz gemacht. Wirklich schade drum, so hört es sich an:



Fiva
(sb) Mit satten 15 Artikeln und Erwähnungen im Blog und regelmäßigen Video-Features auf Facebook dürfte Fiva zusammen mit Kettcar wohl Rekordhalterin in der luserlounge sein. Ihr seht: wir mögen die Nina wirklich sehr, sehr gerne! Wie sollte es auch anders sein, schließlich verfolge ich ihre Karriere schon seit Slammer-Tagen und finde Frau Sonnenberg nicht nur als Musikerin top, sondern auch ungemein sympathisch. Die Vorfreude war also entsprechend groß, als die Ankündigung eines neuen Albums in unser Postfach flatterte. Inzwischen habe ich NINA (VÖ: 25.10.) ein paar Mal durchgehört, so wirklich ist der Funke aber noch nicht übergesprungen und ich kann noch nicht mal näher bestimmen, woran das liegt. Bislang war es tatsächlich immer so, dass ein Durchlauf reichte, um mich zu begeistern, diesmal wächst das Album gaaaaaaaaaanz langsam, aber immerhin. Möglicherweise wird Fiva etwas zum Verhängnis, was ich eigentlich sehr schätze, denn sie versucht etwas Neues und verlässt sich nicht auf die bisherigen Erfolgsrezepte. Ihr Experiment mit der Jazzrausch Big Band ging sowohl im Studio als auch live komplett auf, die Kooperation war ein voller Erfolg, wobei Fiva da auch eindeutig als Fiva zu erkennen war. Auf NINA weicht die Rapperin in mehreren Tracks ein wenig von ihrem Wohlfühl-Flow ab und auch textlich erweitert sie ihr Spektrum um eine Facette, an die ich mich erst noch gewöhnen muss. Ich sag es mal so: Wenn ich vorher noch nie etwas von Fiva gehört hätte, könnte ich vermutlich mehr mit dem Album anfangen, so aber tu ich mir doch (noch) etwas schwer damit.
Live indes geht Fiva ja sowieso immer und Ihr habt bald ausreichend Gelegenheit, die Künstlerin on stage zu erleben:

19.10. Bayreuth (DE), Centrum
23.10. Linz (AT), Posthof
24.10. Graz (AT), PPC (ausverkauft)
25.10. Wien (AT), WUK (ausverkauft)
30.10. Stuttgart (DE), Wizemann
31.10. Köln (DE), Club Volta
01.11. Berlin (DE), Lido
03.11. Hamburg (DE), Knust
04.11. Marburg (DE), KFZ
05.11. Erlangen (DE), E-Werk
11.11. Innsbruck (AT), Treibhaus
12.11. Zürich (CH), Exil
13.11. München (DE), Strom (ausverkauft)
17.01. Ingolstadt (DE), Kulturzentrum Neun
20.01. Regensburg (DE), Alte Mälzerei
21.01. Salzburg (AT), Rockhouse
23.01. Frankfurt (DE), ZOOM
24.01. Karlsruhe (DE), Tollhaus
25.01. Freiburg (DE), Waldsee
27.01. Konstanz (DE), KuLa
28.01. Ulm (DE), Roxy
31.01. Jena (DE), F-Haus
01.02. Augsburg (DE), Neue Kantine
28.04. München (DE), Muffathalle
25.07. Wien (AT), Arena Open Air


A Choir Of Ghosts
(sb) So, nochmal zurück nach Schweden, wo der Brite James Auger, auch bekannt als A Choir of Ghosts, aktuell an seinem gleichnamigen Debütalbum tüftelt, das Anfang 2020 erscheinen soll. Nach ein paar erfolgreichen Singles mit über 1,2 Millionen Streams auf Spotify empfinden wir eine gewisse Vorfreude, zumal auch die neue Single An Ounce of Gold das Indie-Folk-Herz höher schlagen lässt. Der Song selber hat schon zehn Jahre auf dem Buckel und handelt vom Scheitern von Augers erster längerer Beziehung, aber auch davon, sich auf die Hinterbeine zu stellen und gestärkt alleine weiterzumachen. In diesem Sinne: Her mit dem Album! Natürlich werden wir Euch diesbezüglich auf dem Laufenden halten.


Get Well Soon
(ms) Letztes Jahr am 21. September in der Sankt Michaelis Kirche, Hamburg. Das Reeperbahn Festival war im vollen Gange, Muse wurde als Überraschungsact bestätigt, sie spielten abends im Docks, doch der Michel war auch voll. Zurecht. Denn Konstantin Gropper, Get Well Soon, lud zur ersten großen Horror-Show ein, um das aktuelle Album - The Horror - im passenden Ambiente darzubieten. Und es war eine irre Show. Der Sound der Kirche, der Klang der zig Musiker, der Big Band, alle Gäste der Platte waren mit dabei, zwei Stunden nah gehende Musik. Groppers Vater an der Orgel, gebannte Spannung im Publikum. Es war der Auftakt einer einzigartigen Tour, die die vergrößerte Band - 14 Musiker!!! - zu verschiedenen Zeiten durch Europa brachte. Jeder einzelne ein Könner an seinem Instrument und zusammen haben sie großartig harmoniert! Ich sah sie wenige Wochen später noch in der Kölner Philharmonie und war erneut erstaunt ob der Energie, Dynamik, des filigranen Spiels, der Profession. Das wurde nun auf einer Live-EP festgehalten (s.u.) und das Ensemble geht noch einmal auf Tour, die vorerst letzte - man kennt solche Ansagen. Wer Zeit hat und in der Nähe ist: Geht unbedingt hin!!!

24.10. - Ravensburg, Konzerthaus
25.10. - Ludwigsburg, Scala
26.10. - Ludwigshafen, Feierabendhaus
28.10. - Basel, Kaserne (Reithalle)
29.10. - Wien, Globe
30.10. - Linz, Zeitkultur am Hafen (mit Wallis Bird)


Montag, 14. Oktober 2019

Enno Bunger - Live in München

(sb) Was berührt, das bleibt - und zwar in Erinnerung. So auch das gestrige Konzert von Enno Bunger im Münchner Ampere, das zwar nicht ganz ausverkauft war, aber den würdigen Rahmen für einen intimen Gig schuf und quasi jedem Besucher die Möglichkeit bot, ganz nah am Künstler und seiner Band dran zu sein. Rund 100 Minuten unterhielt der Ostfriese sein Publikum auf jede nur erdenkliche Weise: von tiefer Trauer bis hin zur Euphorie, von politischem Engagement bis hin zu witzigen Anekdoten. Enno Bunger ist dabei der Prototyp eines Antihelden und so dermaßen uncool, dass man sich sofort mit ihm verbunden fühlt und auf Anhieb spürt, dass da einer wie Du und ich auf der Bühne steht, der das, was man denkt und fühlt, einfach deutlich besser in Worte und Melodien packen kann als man selbst. Wie oft passiert es schon, dass man aufgrund der melancholischen und nachdenklichen Texte (und vor allem auch wegen der realen Hintergründe der Songs) die Hälfte des Konzertes heulen möchte und am Ende dennoch einfach nur glücklich die Halle verlässt?

Den Auftakt des Abends bestritten jedoch Sarah Muldoon und ihr Bruder Julian, der die Songwriterin instrumental begleitete. Auch wenn der Name noch nicht so geläufig ist, so ist sie für die Fans von Enno Bunger keine ganz Unbekannte, ist Sarah doch die Freundin des Sängers und als solche Thema des ein oder anderes Songs. Fast zeitgleich erkrankten Muldoon und Lena, die Freundin bzw. später
Ehefrau des Bunger-Drummers Nils Dietrich vor einigen Jahren an Krebs, die Ausweg- und Hilflosigkeit verarbeitete der Künstler beeindruckend und ergreifend im Track Stark sein. Während Lena ihren tapferen Kampf gegen die Leukämie leider verlor und Enno und seinen besten Freund in eine tiefe Sinnkrise stürzte, konnte Sarah die schwerste Zeit ihres Lebens erfolgreich hinter sich lassen. Endlich kann sie wieder ihre Liebe zur Musik ausleben und machte dies auch auf der Bühne des Ampere spürbar. Muldoon bevorzugt die leisen Töne, ihre facettenreiche Stimme wird durch die zumeist sachte Instrumentierung umspielt und darf zeigen, wozu sie in der Lage ist. Ein ganz toller und stimmungsvoller Auftritt der Sängerin, die sicher einige neue Fans dazugewonnen hat. Ihr Set, das Enno Bunger übrigens aufmerksam im Publikum verfolgte, beendeten die Muldoon-Geschwister mit dem Tom Petty-Klassiker Learning to fly, den sie äußerst gefühlvoll und individuell interpretierten. Dass dieser Track nicht der Höhepunkt ihres halbstündigen Auftritts war, spricht natürlich sehr für die Qualität von Muldoons Songwriting. Ich freue mich auf mehr!

Nach einer kurzen Umbaupause - Sarah und Julian waren inzwischen inmitten der wartenden Menschenmenge angekommen - enterte Enno Bungers Band die Bühne, der Sänger folgte wenige Sekunden später unter großem Jubel des Publikums. Schon früh war erkennbar, dass die Chemie passen würde und das bestätigte sich im Laufe des Konzerts immer wieder von Neuem. Den Künstlern wurde reichlich Empathie entgegengebracht und Enno und seine Band bedankten sich mit einem Top-Auftritt, der berührte. Dass der Ostfriese im mitunter krassen Kontrast zu seinen melancholischen Texten auch ein hervorragender Entertainer ist, bewies er gleich mehrfach. In meiner Rezension zum Album schrieb ich ja, dass "Enno" bei uns im Süden jetzt nicht soooooooooooooo der geläufige Name ist; das griff er direkt auf und erklärte, dass der Name natürlich im Norden durchaus öfter vorkomme, in seinem speziellen Fall aber daherrühre, dass seine Eltern sich beim Rodeln auf der höchsten Erhebung Ostfriesland, einer Mülldeponie, kennengelernt haben und sich dann bei der Marvin Gaye-Schnulze Enno Mountain High Enough näher kamen. Da können wir ja froh sein, dass sein Album nicht Enno Sunshine When She's Gone heißt...

Logischerweise nahm Bungers aktuelles Werk - Was berührt, das bleibt - den Großteil der Setlist ein, wobei mich Wofür hältst Du Dich besonders positiv überraschte, das die bekanntermaßen bockstarken Songs Bucketlist, One-Life-Stand und Konfetti in der Live-Version in den Schatten stellte. Natürlich kamen aber auch die drei Vorgängeralben nicht zu kurz: Wie sollte das auch gehen, wenn man so Weltklasse-Tracks wie Regen, Renn, Abspann und Neonlicht im Repertoire hat? Den längsten Applaus indes erhielt Wo bleiben die Beschwerden?, Bungers Abrechnung mit Gesellschaft und Politik, die immer weiter nach rechts driftet und sich auch in der Klimafrage für keine Dummheit zu schade ist. Ein eindeutiges Statement eines starken Menschen und Künstlers.

Den ersten Zugabenblock bestritt Bunger dann alleine auf der Bühne: seiner wohl traurigsten Nummer (Glaube an die Welt) folgte der teil-humoristische Aufs-Maul-Song Am Ende des Tunnels, der dann auch die Rückkehr seiner Mit-Musiker einleitete. Mit der überragenden Ode an die Freundschaft namens Ponyhof fiel der Vorhang und hinterließ massenhaft strahlende Gesichter. Ich bin mir sicher, dass nicht einziger Besucher den Weg ins Ampere bereut hat und diesen Abend so schnell vergessen wird.

Der Mann ist schon ein Phänomen: Haut da mal so eben das beste Album des Jahres raus und ahnt, glaube ich, noch nicht mal ansatzweise, wie super er wirklich ist. Und ich nehme ihm jede einzelne Silbe ab, wenn er behauptet, dass er lieber im kleinen Ampere vor Leuten spielt, die wegen ihm und seiner Musik gekommen sind, als nebenan in der Muffathalle vor dreimal so vielen Personen, die das eigentlich gar nicht interessiert. Lieber Enno Bunger, danke für den wundervollen Abend gestern in München und bis bald. Ganz sicher!





Freitag, 11. Oktober 2019

KW 41, 2019: Die luserlounge selektiert!

Bild: https://esstisch.azoreangateway.com/41.html
(sb) Nach dem rechtsextremen und antisemitischen Anschlag von Halle am Mittwoch fällt es natürlich schwer, zum musikalischen Alltag zurückzukehren. Da wird ein deutliches "Halt die Fresse" in einem Fußballstadion schnell zum emotionalen Höhepunkt und Mantra im Umgang mit dem rechten Spektrum. Diskutieren hilft da einfach nicht mehr. Man hat es versucht, man hat den Dialog gesucht, man hat Argumente vorgebracht, der Verweis auf die Geschichte ist geradezu höhnisch wie der vielzitierte Vogelschiss von rechtsgerichteten und rechtsextremen Politikern und ihrem Gefolge abgeperlt. Es kotzt mich so dermaßen an, was diese widerliche, ekelhAfDe Partei da in unschöner Regelmäßigkeit an Unverschämtheiten, Hetze und menschenverachtenden Parolen raushaut und sich dann sofort und ganz selbstverständlich in ihre Opferrolle zurückzieht, sobald Gegenwind droht. So kanns nicht weitergehen. Kein Millimeter nach rechts - weder in der Denke, noch in der Diskussion, noch bei Kompromissen! Georg Restle hat es (mal wieder) sehr treffend auf den Punkt gebracht: "Wenn aus Ideologien Taten werden, aus Extremisten Terroristen und aus geistigen Brandstiftern erbärmliche Heuchler, dann ist das kein "Alarmzeichen", sondern die vorhersehbar furchtbare Folge einer viel zu lange verharmlosten politischen Grenzverschiebung in diesem Land."

Von mir aus könnt Ihr an dieser Stelle aufhören zu lesen, denn was Wichtigeres kommt nicht mehr. Sollte Euch dennoch nach neuer Musik zumute sein, dann haben wir natürlich trotzdem ein paar Perlen für Euch, denn: Wir sind die Luserlounge, es ist Freitag und es wird selektiert. Und ab.

Kummer
(sb) Mit seiner Band hat Felix Brummer drei Nummer 1-Alben in Deutschland fabriziert, nun beschreitet der Kraftklub-Sänger als Kummer Solopfade und veröffentlicht sein Album KIOX. Der Name ist da übrigens Programm, denn die Scheibe gibt es offline ausschließlich von heute bis Sonntag im eigens eröffneten und gleichnamigen Plattenladen-Kiosk in Chemnitz. Seiner Heimatstadt hat Brummer auch auf diesem Album wieder einen Track gewidmet und es ist seine bisher beste Hommage an Karl-Marx-Stadt. Überhaupt bin ich - ehrlich gesagt - sehr überrascht, wie gut mir KIOX gefällt, denn besonders der letzte Kraftklub-Longplayer "Keine Nacht für Niemand" kam schon arg platt daher und hat mich extrem abgeschreckt. Kummer hingegen ist textlich deutlich vielschichtiger, scheint wieder etwas geerdeter zu sein und lebt seinen Kraftklub-Sarkasmus im Soloprojekt nicht wie befürchtet ebenfalls aus. Zudem ist KIOX sehr viel rap-lastiger als die eher rock-orientierten Kraftklub-Alben, was zusammen mit den Lyrics eine sehr angenehme und authentische Symbiose eingeht. Natürlich kommt Brummer seine Popularität bezüglich des Release-Brimboriums sehr entgegen, das Album hätte es aber auch so verdient, gehört zu werden.


Dis M
(sb) Das Chiemgau ist eine wunderschöne Gegend in Oberbayern, die nicht nur landschaftlich zu bezaubern weiß, sondern uns auch schon etliche tolle Bands beschert hat, die ihren Platz in der luserlounge gefunden haben: neben LaBrassBanda, der Mundwerk-Crew, Monobo Son und dem Keller Steff fühlen wir uns vor allem Django 3000 verbunden und da schließt sich nun der Kreis zu Dis M. Auf dem neugegründeten Label der Djangos (Crow Records) veröffentlichten nämlich die beiden Cousins Tobi und Elias Ende September ihre EP namens Dachsbau. Dass die bairische Sprache eine per se überaus lyrische ist, ist ja nichts Neues, und auch Dis M setzen das in den acht Tracks beeindruckend um. Auf einen bestimmten Stil beschränken lassen sich die beiden dabei nicht - und das ist auch gut so. Der Spaß an der Musik ist den Künstlern anzumerken, textlich ist das Spektrum überaus vielfältig und man sollte beim Hören der Songs immer ein Augenzwinkern der Musiker im Hinterkopf behalten. Wer Lust auf ein Infusion Lebensfreude hat, der ist bei Dis M jedenfalls bestens aufgehoben, Bairisch-Grundkenntnisse sind jedoch von Vorteil. Aber daran scheitert es ja zumindest bei mir nicht...


Saint Asonia
(sb) Das Attribut "Supergroup" kann man getrost für Saint Asonia nutzen, tummeln sich in der Band doch (ehemalige) Mitglieder von Three Days Grace, Finger Eleven und Staind. Man weiß also, auf was man sich ungefähr einstellen sollte, wenn man Flawed Design (VÖ: 25.10.) in den CD-Player schiebt. Mir klingt das Ergebnis erwartungsgemäß zu glatt, zu perfekt produziert, auch wenn es vom technischen Standpunkt her natürlich nichts auszusetzen gibt. Saint Asonia reihen sich irgendwo zwischen P.O.D., Creed und Linkin Park ein - wer darauf steht, für den ist es riesig. Besonders der nordamerikanische Markt wird es mögen (und kaufen), meins ist es nicht. Leider.


Green Day
(sb) Dookie katapultierte Green Day im Jahr 1994 nicht nur in die Charts, sondern machte Billie Joe Armstrong und seine Kollegen zu den Gesichtern einer ganzen Generation. Zusammen mit The Offspring stellte die Band die Speerspitze einer neuen Punkbewegung dar und war auch in den Medien omnipräsent. Trotz einiger interner Krisen blieb den Kaliforniern der Erfolg treu, Songs wie American Idiot, When September Ends oder Boulevard Of Broken Dreams sei Dank. Auch wenn das musikalische Niveau nach 2005 meines Erachtens doch deutlich sank, war ich gerade zu schockiert, wie uninspiriert und lustlos ihr Live-Auftritt bei Rock am See in Konstanz im Jahr 2012 war. Green Day schienen ihrerselbst überdrüssig zu sein und doch machten sie weiter. Der Lohn: auch im Jahr 2019 sind sie noch am Start, veröffentlichen gerade ihre neue Single Fire, Ready, Aim und lassen im Februar 2020 das Album Father Of All Motherfuckers folgen. Der Vorbote klingt entfernt nach The Hives, aber das ist ja nicht die schlechteste Referenz.


Louka
(sb) Wir bereiten die Karriere von Louka ja schon seit einer geraumen Zeit und sind erstaunt: seit der Flimmern EP und ihrem Debüt-Album Lametta hat sich scheinbar sehr viel getan im Leben und Schaffen der Künstlerin, denn der Sound ist kaum wieder zu erkennen und die Themen sind deutlich vielseitiger geworden. Noch hatten wir zwar noch nicht die Gelegenheit, die komplette EP Feine Gesellschaft (VÖ: 25.10.) durchzuhören, die ersten beiden Vorboten Disko Disko und Dir und den andern lassen jedoch arg darauf schließen. Eine interessante Transformation, zumal Louka nun offensiv als Duo in Erscheinung tritt. Offiziell war das zwar schon immer so, nach außen wurde jedoch fast ausschließlich Lisa Marie Neumann als Gesicht präsentiert, während ihr Partner (sowohl privat als auch musikalisch) Johann Seifert im Hintergrund blieb. Sobald uns die EP vorliegt, werden wir natürlich ausführlich darüber berichten. Seid gespannt - wir sind es auch!


Red Scare Industries
(sb) 15 Jahre Red Scare Industries - wer was wo? Gut, ich erkläre es Euch: Es handelt sich dabei um ein Label aus Chicago, das vom ehemaligen Fat Wreck-Mitarbeiter Toby Reg gegründet wurde und heutzutage Heimat von u.a. The Copyrights, den Broadway Calls, Tightwire oder The Brokedowns ist. Zugegebenermaßen muss man die genannten Bands nicht zwingend kennen, im Punkrock-Genre sind sie aber keine Unbekannten. So, das Label feiert dieser Tage also sein 15-jähriges Bestehen und beschenkt sich (und die Menschheit) mit einem Sampler, zu dem 15 (na klar!) Bands bisher unveröffentlichte Tracks beisteuern. Laut Label sollen einige davon sogar ganz gut sein... Aber im Ernst: 15 Years of Tears and Beers ist außerordentlich stabil, zeichnet ein sehr treffendes Bild vom musikalischen Geschehen bei Red Scare Industries und gibt ordentlich Gas.


Montag, 7. Oktober 2019

Lysistrata - Breathe In/Out

Foto: facebook.com/lysistratatheband/
(sb) Um Euch gleich mal zu beruhigen: Es geht hier keinesfalls um die griechische Heeresbändigerin Lysistrata, die in der gleichnamigen Komödie von Aristophanes durch konsequenten Sexentzug und die Überzeugung anderer Frauen, es ihr gleichtzutun, dafür sorgte, dass es die Herren der Schöpfung aufgaben, ihre Männlichkeit auch auf das Schlachtfeld zu übertragen und die somit maßgeblich dafür verantwortlich war, dass Friede einzog. Kann man mal machen. Vielmehr möchte ich Euch die französische Band Lysistrata vorstellen, die am 18.10. ihr neues und fantastisches Album Breathe In/Out veröffentlichen wird

Ich kann es gar nicht näher beziffern, wieso es Musiker aus dem Nachbarland bei mir so schwer haben, aber bei der Durchsicht meines CD-Schranks und der Festplatte sind tatsächlich nicht allzu viele Künstler aus Frankreich zu finden. Phoenix, klar. The Teenagers fand ich mal ganz cool, die Hip Hopper von Manau ebenso, wohingegen so Sachen wie Daft Punk oder Justice bei mir halt gar nicht ziehen. Und so standen zuletzt die Not Scientists ganz oben auf der Liste der französischen Acts, die ich mir wirklich gerne anhöre - deren Album "Golden Staples" ist halt auch ein richtig heißer Shice.


Nun also Lysistrata - und wie! Die Musik der drei Mittzwanziger aus der Provinzstadt Saintes, die sich seit ihrem Debüt im Jahr 2013 kontinuierlich weiterentwickelt, bewegt sich galant zwischen Noise, Math-Rock und Post-Hardcore. Dabei fällt den Faktoren Frische, Aufrichtigkeit und Spontaneität eine entscheidende Rolle zu, denn ihr erstes Album The Thread haben die Franzosen komplett live eingespielt und die Stärken ihrer Bühnenpräsenz elegant und beeindruckend ins Studio und auf den Longplayer transportiert. Schon mit dieser Scheibe stand die Band nicht nur in ihrer Heimat kurz vor dem Durchbruch, mit Breathe In/Out sollte dieser aber nun tatsächlich gelingen. Warum? Zum Einen, weil das Album einfach nur großartig ist und zum Anderen, weil man es auf dem nicht ganz unbekannten Label Grand Hotel van Cleef veröffentlicht, das in den vergangenen Jahren ein ganz hervorragendes Gespür dafür entwickelt hat, was geht und was nicht. Mit Lysistrata haben Uhlmann, Wiebusch & Co. auf jeden Fall mal wieder einen Volltreffer gelandet.



Albumcover "Breathe In/Out"
Die drei Musiker legen in ihren Songs einen beeindruckenden Ideenreichtum an den Tag und scheren sich dabei um keinerlei Vorgaben oder Konventionen. Einfach drauf los, reinknüppeln und mal schauen, was am Ende rauskommt. Erstaunlicherweise sind die Ergebnisse in der Regel nicht nur ekstatisch, sondern erscheinen in ihrer Dominanz und Anordnung auch vollkommen logisch und sinnvoll. Inwiefern das gewollt oder gar konstruiert ist, kann ich natürlich nicht nachvollziehen, aber Lysistrata verfügen mit Sicherheit über das gewisse Etwas, das sie von der Masse abhebt. Auch wenn die Band gerne mit Szenegrößen wie At The Drive-In, Refused oder Sonic Youth in einem Atemzug genannt wird, so verorte ich sie am ehesten noch in der Nähe von PUP, die dieses Jahr mit "Morbid Stuff" ja auch schon ein herausragendes Werk geschaffen haben.

Auf die energiegeladenen Live-Shows von Lysistrata müssen wir hierzulande zwar noch bis März 2020 warten, aber deckt Euch ruhig jetzt schon mit Tickets ein - es lohnt sich!


09.10. Zürich (CH), Kater
 

08.11. Wien (AT), WUK
05.12. Lausanne (CH), Le Romandie
18.03. Nürnberg, Club Stereo
19.03. München, Milla
20.03. Schorndorf, Manufaktur
21.03. Würzburg, b-hof
22.03. Trier, Lucky's Luke
24.03. Wiesbaden, Schlachthof
25.03. Köln, Bumann & Sohn
26.03. Dortmund, FZW
27.03. Hamburg, Molotow
28.03. Berlin, Cassiopeia
29.03. Dresden, Groovestation
31.03. Hannover, Lux
01.04. Bremen, Lagerhaus
02.04. Münster, Gleis 22




Freitag, 4. Oktober 2019

KW 40, 2019: Die luserlounge selektiert!

Quelle: chinadaily.com.cn
(ms/sb) Kleiner Ausflug in die Welten des Zufalls. Diesen Mittwoch habe ich das Online-Special des Neo Magazin Royales gesehen, Spieleshow mit Moritz Hürtgen, Chefredakteur der Titanic. An dieser Stelle: Gratulation zum 40. Geburtstag. Weiter so!
Beim Spiel über Schlagzeilen von Klatschpresse-Magazinen, gab es bei einer Zeitschrift eine Vorschau über den aktuellen Gesundheitszustand von Karel Gott. Mittwochs wird die Sendung aufgezeichnet, ich sah sie eine Woche später. Und Mittwoch Mittag kam die Info, dass eben jener Karel Gott verstorben ist. Tragisch, traurig, in der Kombination auch etwas beängstigend! Doch in meinem Alter - Ende Zwanzig - kenne ich tatsächlich nur Biene Maja von ihm. Doch, keine Sorge, liebe Leser. Wir sind die Luserlounge. Es ist Freitag. Wir haben den Musikkosmos durchleuchtet und das Spannendste für Euch selektiert. Voilà!

Frank Hammersland
(sb) In seiner norwegischen Heimat ist Frank Hammersland eine ganz große Nummer, hierzulande dürfte der Grammy-Gewinner hingegen nur den eingefleischtesten Freaks ein Begriff sein. Mit seiner Band Pogo Pops war er in den frühen 90ern ein der Wegbereiter der Musikbewegung "Bergensbølgen", die es aus Skandinavien auch in unsere Gefilde schaffte. Satte zwölf Jahre ließ Hammerslands drittes Soloalbum nun auf sich warten und wird sein erstes sein, das weltweit veröffentlicht werden wird. Was erwartet den Hörer auf Atlantis (Release am 25.10.)? Soulige und jazzige Einflüsse sind nicht zu überhören, den größten Raum nehmen aber 80er und 90er Jahre Pop, Swing-Elemente und Easy Listening ein, sodass das Album zwar einerseits zu keinem Zeitpunkt langweilig wird, im Endeffekt aber doch die ganz großen Ausreißer nach oben vermissen lässt. Ein schönes Album, um es nebenher laufen zu lassen, wenn man Gäste hat oder einfach nicht zu sehr aus seiner Tätigkeit rausgerissen werden möchte. Mit Christine Sandtorv, Marte Wulff und Thom Hell sind zudem weitere talentierte norwegische Künstler zu hören, deren Namen man sich merken sollte.


Lightning Bolt
(ms) "Mein Gott, ist das anstrengend." Das war mein erster Gedanke beim Hören von USA Is A Psycho der Band Lightning Bolt. Auch der zweite Eindruck wird nicht anders. Denn: Es sind drei Minuten arhythmischer Krach. Der Subtext ist klar: Der Sound des Liedes unterstreicht die Aussage des Titels. Lange nicht gesehene und gehörte Kunstform. Schnell mal weitergeklickt: Auch Air Conditioning ist wenig erfrischend, sondern ein ähnlich rau-psychedelisches Brett ohne viel Melodie. Diese Art von Musik ist maximal herausfordernd. Ich höre ab und an mal derben Metal, das ist wesentlich entspannter als die Musik der beiden Jungs Brian Gibbson und Brian Chippendale. Seit 20 Jahren machen sie schnelle, energetische Musik und veröffentlichen am 11. Oktober ihr nächstes Werk Sonic Citadel. Wer es schafft, unbeschadet die ganze Platte durch zu hören, der möge sich bitte bei mir melden und diesen Trick verraten. Spannend und herausfordernd ist es alle Male!
Kann man sich demnächst auch live geben. Wenn man es übersteht!

06.11. - Köln, Gebäude 9



Soulsplitter
(sb) Hui, was ist das denn? Klar, Violinen treffen nicht zum ersten Mal auf Progressive Rock und Metal, aber was Soulsplitter da veranstalten, ist schon was Besonderes. Mitunter brutale Gitarrensounds werden durch den lieblichen Klang einer Geige gezähmt, düstere Visionen verwandeln sich in träumerische Sequenzen und regen die Phantasie an - man möchte nur zu gerne wissen, in welcher Umgebung solche Klangwelten herrschen. Trotz allem geht es auf Salutogenesis (VÖ: 25.10.) keineswegs nur um Musik und Emotionen: das Soulsplitter-Kollektiv zieht auch Künstler aus anderen Branchen an, die umfangreiche Projekte anhängen, das Genre ausweiten und den Sound veredeln. Und Leute, was ist das denn bitte für ein geiles Video?


Neshiima
(sb) Ja, wir sind spät dran, denn die Green EP von Neshiima erschien bereits am 20.09., hat jetzt aber erst unsere Gehörgänge erreicht und dröhnt noch ordentlich nach. Die Band stammt übrigens nicht aus Japan, wie der Name vermuten ließe, sondern aus Glasgow. So richtig krachen lassen haben es die vier Schotten auf dem renommierten Download-Festival, wo sie ordentlich Publikum vor die Newcomer-Bühne lockten und von der festivaleigenen Homepage mit einer geschmeidigen 10/10-Wertung belohnt wurden. Wundert uns nicht: Metal, Rock und elektronische Elemente greifen hier einfach bestens ineinander.


Michael Lane
(sb) In einer Zeit, in der "radiotauglich" ja fast schon eine Beleidigung darstellt, überlegt man als Musikblogger durchaus zweimal, ob man einem Künstler dieses Prädikat verleihen möchte. Aber es ist nun mal so: Der Deutsch-Amerikaner Michael Lane präsentiert auf seinem Album Traveling Son (VÖ: 25.10.) insgesamt zwölf Songs, die den Vergleich mit Radiogrößen wie Milow keinesfalls scheuen müssen. Unterhaltsamer Folk-Pop, der nicht aneckt, aber im Ohr bleibt und geradezu prädestiniert ist für das Mainstream-Publikum der Öffentlich-Rechtlichen. Keine Frage: Das kann man wunderbar vom Anfang bis zum Ende durchhören und fühlt sich zu keinem Zeitpunkt genervt. Schaut und hört Euch das im November sehr gerne auch live in zumeist intimer Atmosphäre an:

07.11. Düsseldorf, Innside Hotel Seestern
08.11. Hamburg, Café Chrysander
09.11. Kassel, Moon & Waffle
12.11. Berlin, Valentin Stüberl
13.11. Eckernförde, Spieker
14.11. Mönchengladbach, Rosenmeer
15.11. Bad Bentheim, Altes Museum
16.11. Lübeck, Tonfink
17.11. Wuppertal, Kontakthof
20.11. Halle, Volksbühne Kaulenberg
21.11. Homburg, Mandys Lounge
22.11. Paderborn, Fischerhütte
23.11. Ludwigsburg, Luke


Miu
Apropos "radiotauglich": Auch die Hamburgerin Miu ist geradezu prädestiniert für großes Publikum, verbindet sie doch den Sound vergangener Tage mit modernen urbanen Beats und trifft so den Nerv der Zeit. Dass sie auf dem Weg zum Ziel jedoch etliche Hürden überwinden musste und einige geltende Konventionen außer Acht lassen musste, hört man dem Doppel(!)album Modern Retro Soul (VÖ: heute) nur selten an. Dort treffen aufwendig inszenierte Arrangements auf ruhige, fragile Songs wie Be The Bigger Person. Das dürfte auch live sehr interessant werden:

10.10. Hamburg, Grünspan
11.10. Berlin, Quasimodo
12.10. Schwerin, Speicher
17.10. Karlsruhe, Tempel
18.10. Kassel, Theaterstübchen
19.10. Minden, Jazzclub
21.10. Hannover, Kulturpavillon
26.10. Münster, Hot Jazz Club
31.10. Wiesbaden, Salonfestival
02.11. Husum, Speicher
14.11. Köln, Musik in den Häusern der Stadt Köln
07.02. Osnabrück, Lagerhalle
14.02. Bad Homburg, Speicher


The Darkness
(sb) I Believe In A Thing Called Love - was für eine fucking Hymne war das bitte? Dieser Track spülte The Darkness bis auf Rang 2 der britischen Charts und machte den aufgepeppten Glam Rock der 70er Jahre auch nach der Jahrtausendwende wieder salonfähig. Der Beweis: sämtliche fünf Alben der Briten platzierten sich im UK bislang in den Top 20 - klasse Quote für eine Band, die eigentlich so gar nicht ins Raster passt und gekonnt zwischen Rock und Humor pendelt. Mit Easter Is Cancelled erscheint heute das (laut Ankündigung der Band) "letzte konventionelle Album" der Mannen um Justin Hawkins. Musikalisch wird man erwartungsgemäß nicht groß überrascht, aber The Darkness verzeihe ich das gerne, weil sie ihrem zeitlosen Stil treu bleiben und das tun, was sie am besten können: bombastisch sein und sich selber nicht zu ernst nehmen.

Im Februar dann auch live und zwar hier:

04.02.20 Zürich (CH), XTRA
08.02.20 München (DE), Technikum
10.02.20 Wien (AT), Simm City
11.02.20 Nürnberg (DE), Hirsch
12.02.20 Berlin (DE), Kesselhaus
20.02.20 Hamburg (DE), Markthalle
21.02.20 Köln (DE), Essigfabrik
25.02.20 Frankfurt (DE), Batschkapp


Spiral Heads
(sb) Die Band ist neu, ihre Mitglieder aber alte Hasen, die man von MGMT, den Doomriders und American Nightmare kennt: die Spiral Heads veröffentlichen am 25.10. ihre selbstbetitelte EP und rotzen darauf drei Songs in die Boxen, die ordentlich kleben bleiben. Das Ganze ist zwar meilenweit entfernt von Pop, die Melodien und Hooks sind aber so dermaßen catchy, dass man sich phasenweise an die frühen Strokes erinnert fühlt. Bleibt zu hoffen, dass der EP bald ein ganzes Album folgt, das dieses hohe Niveau bestätigt. Wir halten Euch da auf dem Laufenden.



Antilopen Gang
(ms) Sind sie nicht das Paradebeispiel der deutschsprachigen Rap-Boygroup? Schon ein bisschen, oder? Sind doch knuffig die Herren Panzer, Koljah und Danger. Und wie es sich für eine Boygroup im Rap-Format gehört, veröffentlicht die Antilopen Gang nun wieder gemeinsam eine Platte: Abbruch Abbruch erscheint am 24. Januar über Jochens Kleine Plattenfirma. Koljah hat mit Aber Der Abgrund eine EP auf den Markt geschmissen und Danger Dan mich letztes Jahr mit Reflexionen Aus Dem Beschönigten Leben ordentlich begeistert, sodass ich Zeilen aus Sand In Die Augen in meiner Masterarbeit zitiert habe! Die erste Hörprobe lässt sicherlich nicht mehr lange auf sich warten, solange ist quasi das Trockenschwimmen der Vorfreunde angesagt. Auch Zeit, um sich vorzubereiten:


Kaufmann
(sb) 2018 verzauberte uns Kaufmann mit seinem tollen Album König vu dr Nacht, jetzt gibts endlich was Neues vom sympathischen Schweizer. Der Musiker aus Chur knüpft nahtlos dort an, wo er damals aufhörte und so ist Blau eine Uptempo-Nummer, die für die am 15.11. folgende Dr Chüalschrank isch leer EP hohe Erwartungen weckt. Fehlt nur noch der längst überfällige Schritt nach Deutschland, um hierzulande ein paar Konzerte zu spielen... Bis dahin trifft man Kaufmann jedoch auf Schweizer Bühnen an, z. B. hier:

09.11. Chur (CH), Stadthalle
15.11. Bern (CH), MUMA, Swiss Live Talents
27.11. Zürich (CH), Zukunft
29.11. Rorschach (CH), Treppenhaus
30.11. Aarau (CH), Kiff
25.12. Lenzerheide (CH), Zauberwald


Staring Girl
(ms) Wie schön und etwas anachronistisch ist das denn?! News als Otto-Normal-Verbraucher via E-Mail-Newsletter bekommen. Finde ich wahnsinnig toll, denn die Band kümmert sich. So die wunderbaren Menschen von Staring Girl, die diese Woche frische Neuigkeiten herumschickten, die wir Euch nicht vorenthalten wollen. Denn die Nordlichter gehen wieder auf Tour, und das direkt ab heute, liebe Marburgerinnen und Marburger. Sie bringen neue Lieder mit, die offiziell am 6. Dezember (passt sicher in den Schuh) erscheinen. Die EP heißt EP. Wie herrlich einfach es doch sein kann. Außerdem gab es einen Wechsel am Schlagzeug: Lennard mit Bart für Robert mit Brille. Viel Erfolg und viel Spaß! Und noch was: Die Herren haben ihr Bett neben dem Kornfeld (sorry, musste sein) aufgebaut und ein Video zu Jeder Geht Allein veröffentlicht, draußen und live! Geht auf jeden Fall zu dieser Tour, Staring Girl sind nur nicht unglaublich sympathisch, sondern erzeugen eine intensive Stimmung live. Hier:

04.10. - Marburg, Q
06.10. - Dresden, Wohnzimmerkonzert
07.10. - Neumarkt i.d. Oberpfalz, Musik K
08.10. - Augsburg, Die Metzgerei
09.10. - Ludwigsburg, Die Fetzerei
10.10. - Trier, Arena
11.10. - Mönchengladbach, TIG (mit Fortuna Ehrenfeld!!!)
08.11. - Flensburg, Kulturwerkstatt Kühlhaus
09.01. - Hamburg, Knust



Dienstag, 1. Oktober 2019

Wie Spotify & Co. Hörgewohnheiten ändern, Teil 2: Das Album als Kunst!

The Horror, Get Well Soon. Quelle: streetclip.de
(ms) Natürlich kann man bei Spotify ganze Alben hören, logisch. Entweder klickt man diese ganz bewusst an oder man gelangt über eine Playlist an eine Band, eine Künstlerin, einen DJ, der neugierig macht.
Diese Playlisten sind zum Teil von einem Algorithmus konzipiert oder von einem der 150 Kuratoren weltweit. In Deutschland sitzen fünf Leute daran eigenhändig Playlisten zusammenzustellen. Die sind nach Thema, Stimmung oder Musikrichtung gegliedert. Während des Hörens einer bestimmten Playlist gibt es sicherlich viele Menschen, die dann bewusst auf eine bestimmte Band, die aufhorchen ließ, klicken, um sich intensiver damit auseinanderzusetzen. Doch ich vermute, dass oft die Songs aneinander gereiht am Hörer vorbei laufen und dabei eine entspannte, gute, tanzbare Stimmung erzeugen, bei der Name der Band oder des Künstlers eher zweitrangig oder halt völlig egal ist. Völlig legitim, dafür ist Musik ja unter anderem da. Namen bleiben dann jedoch nicht haften.

Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Diese Playlists haben zunehmend eine enorme Wichtigkeit, ja, Macht. Die Klick- und Streaming-Zahlen von Spotify beeinflussen seit einiger Zeit auch die Charts und damit natürlich nicht nur den Spotify-internen Erfolg. Spotify ist also zu einem wesentlichen Gradmesser von Erfolg und Beliebtheit geworden. Bei 150 Millionen Nutzern weltweit absolut logisch. Doch worin besteht der Erfolg der Künsterlinnen und Bands darin? Klar: finanzielle Einnahmen (nächster Teil), wesentlich einfacher ein breiteres Publikum erreichen können und Daten darüber bekommen, wie die eigene Musik konsumiert wird.
Auf den Kanälen der sozialen Medien kommt es infolgedessen dazu, dass ein Posting erscheint, worin sich die Band bei Spotify bedankt, dass ihre neusten Songs auf deren Playlisten gelandet ist. Für manche ist es auch eine Krönung, wenn das eigene Band-Logo das Emblem der Spotify-Playlist ist, man also als Aushängeschild für eine ganze Reihe anderer Musik agieren kann.

Genau dort mit seinen Liedern - oder dem Bild - zu landen, scheint also sehr erstrebenswert zu sein: große Reichweite, potentielle Popularität und die Hoffnung, dass sich dadurch neue Stammhörer generieren lassen. Die Aufnahme auf die Playlist ist also mächtige, hoffnungsvolle Werbung!
Was also tun, um genau da zu landen?
Die großen Bands müssen sich da sicherlich keine Sorgen machen. Ihr Erfolg funktioniert auch unabhängig von solchen Trends. Ansonsten: Einen Track zu schreiben, der catchy und originell ist, groovt, neugierig macht, Ohrwurmcharakter hat und innerhalb von drei bis fünf Minuten so viel Eindruck macht, dass er dazu verleitet, sich intensiver mit dem Gesamtwerk zu beschäftigen.
Bestenfalls ist dieser Song repräsentativ für das gesamte Schaffen der Sängerin, der Band. Schlimmstenfalls wird er nur für diesen Zweck produziert. Das kann man eindrucksvoll hier nachsehen. Gerade im Rap ist das zur völligen Normalität geworden; Edgar Wasser fährt damit sehr gut.

Woran reibe ich mich also?!
Meine These ist, dass der unbedingte Wille in solch eine Playliste mit einem Song aufgenommen werden zu wollen, dem Musikalbum, der Platte, dem größeren Werk den Gestaltungswillen zur Ästhetik nimmt. Ist es nicht wunderbar, sich intensiv mit einer Platte zu befassen, einen roten Faden zu erkennen, Verweise zwischen den Songs zu entdecken. Gerade im größeren Umfang erlangt oft die Energie einer Band erst richtig seine Wirkung. Bologna ist ein Übertrack, der noch größer wird wenn ähnlich starke Songs wie Luzia oder Schick Mir Die Post unmittelbar danach laufen. Dann ist richtig Drive drin. Auch möchte ich eine provokative Platte wie Totschlagargumente von Waving The Guns im Ganzen hören, die zwischen politischer Aussage, Pöbelei und Battle-Rap tangiert. Die Abwechslung kommt innerhalb der Platte besser raus, als wenn die einzelnen Songs Stück für Stück kommen.
Noch krasser wird es bei Konzeptalben. Eindrücklich: Get Well Soon. Auf Vexations geht es um Stoizismus. Da musste erstmal drauf kommen. Was Spotify nicht leisten kann: Durch eine Playlist den genialen Geist eines mannigfaltigen Künstlers abbilden. Für das Werk von Konstantin Gropper braucht man mindestens einen ganzen Abend inklusive wissenschaftlichem Vortrag. Während Vexations noch sinnvoll auskoppelbare Singles ausweist - 5 Steps 7 Swords - funktioniert das beim letzten Album The Horror weniger. Diese Platte funktioniert ausschließlich als vollständige Einheit. Selbst die am besten kuratierte Playliste vermag nicht diese Magie heraus zu kristallisieren.

Teil 2: Die Tiefe eines richtig starken, in sich harmonisch funktionierenden Albums kann keine Playlist abbilden. Das Album als Kunstform.