Freitag, 14. Dezember 2018

KW 50, 2018: Die luserlounge selektiert

Quelle: ldi.upenn.edu
(sb/ms) Weihnachten ist, wenn man auch guten Gewissens Kitsch zulässt. Beispiel: Unter der Woche war ich Geschenke einkaufen; einiges davon fand ich auch richtig gut. Derzeit habe ich die Zeit, das Studium ist abgeschlossen. Klar, dadurch hebe ich mich von anderen ab, die nicht so viel Freiraum haben. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass man nur so gestresst ist, inwiefern man Stress auch zulässt. Ja, hohe Töne, ich weiß. Da helfen Pausen mal ganz gut. Die gab es mitten in der Stadt. Dazu muss erwähnt werden, dass ich eine gewisse Abneigung gegen Straßenmusiker habe, insbesondere Akkordeonspieler. Ganz, ganz schlimm und nervig. Doch es gibt auch schöne Abwechslung. Zum Beispiel ein junger Pianist, der seelenruhig in der hektischen, trubeligen Stadt stand und lässig ein paar Lieder runterspielte. Ich habe mir etwas zu Essen auf die Hand geholt, mich dahinter platziert und ganz ruhig und angenehm gelauscht. Klar, das war kitschig. Aber halt auch richtig schön. Und eine tolle Alternative. So wie unsere Selektion:

Go By Ocean
Was verbindet Ihr mit San Francisco, Kalifornien? Klar, da gibt's die 49ers, die Stadt gilt als Hochburg der amerikanischen Homo-Szene (schaut Euch unbedingt mal den Film "Milk" mit Sean Penn an!) und auch die ein oder andere coole Band kommt da her, z.B. Faith No More, Black Rebel Motorcycle Club, Two Gallants oder die Dead Kennedys. Mit Go By Ocean schickt sich nun eine weitere Band von der Westküste an, die Indie-Musikwelt zu erobern und veröffentlich heute ihre sehr hörenswerte Faded Photographs EP. Auch wenns darauf gelegentlich laut und treibend zugeht, so vermittelt einem die enspannte Stimme von Sänger Ryan McCaffrey stets das heimelige Gefühl des Zuhauseseins. Sehr angenehm. Bitte gerne bald mehr davon in Albumlänge.

 
 
Tiny Ruins
Ganze Drei Wochen benötigten Tiny Ruins, um ihr 2014er-Album Brightly Painted One aufzunehmen, diesmal nahmen sich die Neuseeländer ein ganzes Jahr Zeit und das Ergebnis spricht für sich: Folk und Pop reichen sich freundschaftlich die Hände, Spontaneität und Experimentierfreude sind deutlich erkennbar. Merkt Euch den 01.02.2019 schon mal vor, denn dann wird Olympic Girls auf Marathon Artists / Milk veröffentlicht und Euch bezaubern.
Und auf Tour gehen Sängerin Hollie Fullbrook und ihre Band im Zuge dessen auch noch:

06.04.2019 CH Luzern - Neubad
08.04.2019 München - Villa
09.04.2019 Heidelberg - Karlstorbahnhof
10.04.2019 Berlin - Privatclub
11.04.2019 Hannover - Feinkost Lampe


 
 
Justine Electra
Okay, klingt halt wie ein billiger Name für Schmuddelfilmchen. Doch das wollte ich gar nicht schreiben. Sondern Folgendes: Manchmal laufen einem Künstlerinnen und Künstler wieder über den Weg, die man irgendwie aus dem Auge verloren hat. Justine Electra gehört dazu. Vor ein paar Jahren fand ich den Song Killalady richtig stark, habe mir das passende Album geholt und dann verstaubte es irgendwann. Der Lauf der Dinge. Sie ist in Berlin beheimatet und verzaubert die kommenden Tage mit einem weihnachtlichen Lied. Die leichte Zerbrechlichkeit, die sie früher schon ausgezeichnet hat, ist auch auf Christmas in Berlin zu hören. Zum Glück spart sie an Glockenspiel und adventlicher Instrumentierung. Ein toller Song, der auf der gleichnamigen EP zu hören ist. Absoluter Herzenstipp von der luserlounge:




Amanda Palmer
Bleiben wir bei beeindruckenden weiblichen Musikerinnen. In der allerersten Reihe steht da schon seit vielen Jahren niemand anders als Amanda Palmer. Als ich sie letztes Jahr beim Traumzeit Festival gesehen habe, wusste ich, warum sie so einen ausgezeichneten Ruf hat. Eine kluge, umsichtige, mutige Frau, die alle ihre zehn Finger derbe in die Wunden drückt. Das tat sie schon letzten mit Mr. Weinstein Will See You Now. Ein kaum auszuhaltender Song, große Kunst. Nun kommt ein neues Album raus und die Vorfreude ist natürlich groß. There Will Be No Intermission erscheint erst im März, doch man kann schon reinhören. Sie singt über die eigenen Abgründe, Krisen, über die ganz schweren Momente. Das nennt man dann wohl tatsächlich authentisch. Drowning In The Sound ist ein grandioser, breit und stark produzierter Vorbote. Bitte sehr:




Greta van Fleet
Wir müssen uns nochmal über Hypes unterhalten. Dazu schaut euch bitte erst das hier zugehörige Video an.
Okay. Fertig? Gut. Was ist also davon zu halten, dass die Band Greta van Fleet so stark nach oben gepusht wird? Sie sind beim Grammy nominiert und als die große Classic Rock-Hoffnung tituliert. Nun müssen wir festhalten, dass Classic Rock als Genre doch schon mittelmäßig langweilig ist, oder? Klar, alles Geschmackssache, aber wenn hier eine Band, deren Mitglieder alle um die zwanzig Jahre jung sind, zwanghaft versucht wie AC/DC oder Led Zeppelin zu klingen, ist mir das zu billig. Durch ein großes Label im Rücken und der jetzt schon überschwenglichen Berichterstattung darf man diesem Quartett aus drei Brüdern und dem Drummer jedoch eine große Karriere vorhersagen. Sollten sie mal zufällig auf einem Festival spielen, wo ich auch bin, gehe ich Bier holen und was anderes anschauen.



 
Perkele
Satte 25 Jahre haben Perkele aus Göteborg mittlerweile auf dem Buckel und werden nicht müde, ihre Botschaften in die Welt zu tragen. Die Schweden (mit dem finnischen Namen) sind bzw. waren dem Genre Oi!-Punk zuzuordnen, inzwischen sind die Konturen zu anderen Spielarten des Punk jedoch verwischt und auf ihrem neuen Album Leaders Of Tomorrow (VÖ: 18.01.2019) klingen sie in manchen Tracks fast wie ihre kongenialen Landsleute No Fun At All. Machen wir es kurz: mit Perkele kann man sowieso nie etwas falsch machen, die Riffs sitzen, die Melodien lassen sogar bei Hüftsteifen die Gliedmaßen zucken und der Spaß kommt (v.a. live) eh nie zu kurz.




No King. No Crown.
Boah, ist das stark! Bevor mir die PR-Agentur die Promo von No King. No Crown. zukommen ließ, hatte ich noch nie etwas von der Band aus Dresden gehört und jetzt sitze sich hier, zieh mir das Album Smoke Signals (VÖ: 01.02.2019 auf Kick The Flame) in Heavy Rotation rein und weiß gar nicht, wie ich meine Begeisterung in Worte fassen soll. Indie-Folk, Pop, a bisserl Ambient und dezente Hip Hop-Einflüsse verschmelzen zum Geheimtipp der Woche, wirklich jeder einzelne Track (Favorit: Beneath Our Feet) ist wunderschön und etwas Besonderes. Bestellt das Album am besten sofort vor, zählt die Tage bis zum Release und freut Euch auf eine unfassbar gute Scheibe. Wenn die Musikwelt auch nur ein bisschen gerecht ist, dann geht das Ding steil!

Live gibt es No King. No Crown. bald hier zu bestaunen:

15.02.19 - Dresden - Scheune
16.02.19 - Zittau - Emil
17.02.19 - Berlin - Privatclub
18.02.19 - Chemnitz - Inspire
19.02.19 - Bayreuth - Wohnzimmermucke
21.02.19 - Hamburg - Astra Stube
22.02.19 - Köln - Wohngemeinschaft
24.02.19 - Pforzheim - Horch
25.02.19 - Mainz - Klein Aber Schick
26.02.19 - Wuppertal - Viertelbar
27.02.19 - Münster - Teilchen & Beschleuniger
28.02.19 - Leipzig - Noch Besser Leben
08.03.19 - Görlitz - Rabryka
09.03.19 - Reichenbach - City-HAPPENING




 
Sportelli
Als Support für Aloe Blacc, Foreigner und Birdy durfte sich Sportelli bereits einem größeren Publikum vorstellen und auch der Gewinn des renommierten Prix du Public auf dem Montreux Jazz Festival zeugt davon, dass der Schweizer dabei ist, sich einen Namen zu machen. Auf seinem am 25.01. erscheinenden Album Fear & Courage lässt Sportelli die vergangenen drei Jahre musikalisch Revue passieren, erweckt im Hörer Fernweh, gibt ihm aber auch die Möglichkeit, Wurzeln zu schlagen und zu sich selbst finden. Man sollte den Sänger aus Biel jedenfalls auf dem Schirm haben! Mein Favorit auf dem Album ist ja das einzige auf Schweizerdeutsch vorgetragene Stück namens Bühni Für Ds Läbe, aber da habe ich hier am Bodensee in Sachen Sprachkenntnisse zugegebenermaßen auch einen Standortvorteil.



 
Rantanplan
Ska-Punk-Urgesteine - so muss man Rantanplan wohl bezeichnen, denn die Hamburger sind bereits seit 1995 am Start, wobei von den Gründungsmitgliedern nur noch Sänger Torben Meissner an Bord ist, während Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff mittlerweile in der aufstrebenden Nachwuchskapelle Kettcar erste, zarte Erfolge feiern. Genug gescherzt, kommen wir zurück zu Rantanplan: Stay Rudel - Stay Rebel (VÖ: 25.01.2019) ist das mittlerweile zehnte Album der Band und bietet wenig Überraschendes. Und das, sehr geehrte Damen und Herren, ist alles andere als negativ gemeint, denn kaum einer anderen Band gelingt es über so einen langen Zeitraum, sozialkritische und politische Texte in so tanzbare Melodien zu packen. Nach einem Durchhänger zu Beginn des Jahrzehnts haben Rantanplan zu alter Stärke zurückgefunden und werden Anfang 2019 auch den ein oder anderen Konzertsaal zum Kochen bringen.

01.02. - Osnabrück (GER) - Westwerk
02.02. - Weinheim (GER) - Cafe Central
03.02. - Saarbrücken (GER) - Garage
08.02. - Erfurt (GER) - Engelsburg
09.02. - Dresden (GER) - Chemiefabrik
14.02. - Bochum (GER) - Rotunde
15.02. - Lüneburg (GER) - Salon Hansen
16.02. - Husum (GER) - Speicher
22.02. - Würzburg (GER) - B Hof
23.02. - Chemnitz (GER) - Talschock
01.03. - Bern (SUI) - Dachstock
02.03. - Luzern (SUI) - Sedel
08.03. - Berlin (GER) - Musik & Frieden
09.03. - Leipzig (GER) - Moritzbastei
14.03. - Nürnberg (GER) - Z Bau
16.03. - Wien (AUT) - Arena
22.03. - Konstanz (GER) - Kulturladen
23.03. - Frankfurt (GER) - Nachtleben
29.03. - Stuttgart (GER) - Universum
05.04. - Cottbus (GER) - Gladhouse
12.04. - Bremen (GER) - Tower
13.04. - Göttingen (GER) - Musa
20.04. - Hamburg (GER) - Große Freiheit
26.04. - Trier (GER) - Mergener Hof
27.04. - Alsdorf Festival (+ Abstürzende Breiftauben, 2 lokale Acts)



 

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Un(re)zensiert 2018: Sam Vance-Law - Homotopia

Quelle: facebook.com/samvancelaw/
(ms) Am Ende des Jahres gibt es bei uns immer ein paar Alben, die wir aus den unterschiedlichsten Gründen nicht besprochen haben, obwohl wir große Bewunderer sind. Das holen wir unter dem extrem kreativen Slogan "Un(re)zensiert 2018" nach! Dies soll auch ein kleines Adventskalender-Trostpflaster sein.

Fangen wir an mit Sam Vance-Law und seiner wundervollen Platte Homotopia. Am 2. März erschien sie beim Indie-Riesen Caroline. Natürlich war er bis dahin kein Unbekannter. Einige Jahre hat er Cherilyn MacNeil, besser bekannt als die kreative Energie hinter Dear Reader, begleitet, mit ihr zusammen auf der Bühne gestanden und bei ihren Alben mitgewirkt. Zudem war er für kürzere Zeit mit Emma Greenfield das Duo Traded Pliots, die eine tolle EP herausgebracht haben.
Aus Kanada hat es ihn also dauerhaft in unsere Breitengrade gezogen und konnte Konstantin Gropper und Marcus Wüst für die Albumproduktion gewinnen. Diese stand also unter einem guten Stern. Zehn Lieder finden sich auf Homotopia und es ist ein exzellentes Konzeptalbum geworden, dessen roter Faden im Titel mehr als prominent durchscheint.
Wie lebt es sich also als junger, schwuler Mann in einer scheinbar toleranten Gesellschaft? Wie waren die Schritte zum Coming-Out, was wünscht man sich, wie schön kann man sich einfach mal treiben lassen?



All das kann man nachhören. Dabei ist nicht nur eine starke Ernsthaftigkeit zu ertasten, sondern auch stets ein Augenzwinkern, eine spielerische Leichtigkeit. Der Opener Wanted To legt direkt damit los. Ja, er hat mal Mädchen gedated. Doch Anfeindungen und Schwierigkeiten hielten ihn nicht davon ab, lieben zu wollen. So einfach ist das. So schwierig ist das. Am eindrücklichsten wird dies wohl bei Faggot. Im englischen ein übles Schimpfwort für homosexuelle Männer. Die Vereinnahmung dessen ist immer eine gute Methode, um den Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Augenzwinkermomente finden sich dann auf Narcissus 2.0: "Yes, I would sleep with myself if I were you." Auch gegen einen One Night Stand hat er nichts, I Think We Should Take It Fast erzählt mit erhobenem Haupte davon. Ebenso Prettyboy und Gayby, die beiden absoluten Höhepunkte des Albums, thematisieren die Schönheit des Lebens.
Es lohnt sich also nicht nur aufmerksam auf den Text zu hören. Das schön gestaltete Booklet macht das Nachlesen umso einfacher. Doch es ist auch musikalisch beachtlich. Geschickt spielt Sam Vance-Law die Grenzen zwischen ernsthafter und unterhaltender Musik gegeneinander aus. Immer wieder gibt es klassische Arrangements, Chorgesänge und Streicher. Das wird dann bewusst, wenn er auf der Bühne steht und gleichzeitig singt und Geige spielt. Das sieht nicht nur gut aus, sondern klingt auch phantastisch. Apropos Bühne: Im neuen Jahr ist er wieder mit seiner Band auf Tour und dann dürft ihr euch davon überzeugen lassen, was Sam Vance-Law für ein erstklassiger Entertainer ist. Das kann man jetzt schon verraten. Also besorgt euch diese Platte. Zum Fest, nach dem Fest, auf Tour, egal. Hauptsache ihr habt sie.

Hier spielt er demnächst:

16.01 - Bremen, Kulturzentrum Lagerhaus Bremen
17.01 - Köln, Artheater
18.01 - Essen, Hotel Shanghai
19.01 - Münster, Gleis 22
02.05 - Reutlingen, Kulturzentrum franz.K Reutlingen
03.05 - Darmstadt, Centralstation Darmstadt
04.05 - Potsdam, Waschhaus Potsdam

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Der Wert von Musik, Teil 1: Das Weihnachtsgeschäft

(ms) Huch! In nicht mal zwei Wochen ist schon fast wieder alles vorbei und - ungelogen - ich habe bislang kaum was an Geschenken. Daher werde ich mich dieser Tage mal in die überfüllte, mittelgroße Innenstadt begeben und versuchen ruhig zu bleiben. Von der immensen Kommerzialisierung des Weihnachtsgeschäfts bleibt das Musikbusiness natürlich auch nicht aus. In ein paar losen Teilen widmen wir uns dem Wert von Musik. Es soll um das Materielle, Immaterielle, Ideelle und natürlich um Geld gehen. Fangen wir also mit dem Irrsinn an, der sich alljährlich ereignet. Vor einigen Jahren habe schon mal den analogen und digitalen Handel mit Musik in der Adventszeit sondiert. Das war schon einigermaßen grauenhaft und billig. Auch in diesen Tagen bleibt es nicht aus, dass eine Flut an Best-Ofs, Live-Mitschnitten, Weihnachtsalben und anderem aus-dem-Ärmel-Geschüttelten zu haben ist.
Schauen wir uns das mal an:

Das gesamte Geschäft lässt sich in eben jene Kategorien gut aufteilen. Fangen wir an mit Live-Mitschnitten. Diese gibt es ganz normal auf CD, das bessere Format ist jedoch der Film dazu; auf DVD, Blu Ray oder ähnlichem Format. Dieses Jahr sind Coldplay ganz vorne dabei und bringen einen Zusammenschnitt aus Buenos Aires und São Paulo raus. Das ist halt ganz übel. Ist das Live-Album doch dann umso intensiver, wenn es eines am Stück ist und nicht das zusammenstellt, was am Besten passt. Gelbe Karte dafür. Auch Volbeat machen da mit und bieten ab dem 14.12. Let's Boogie! raus. Klar, Musik ist und bleibt Geschmackssache; vor einigen Jahren habe ich mal Volbeat live gesehen und mich tierisch gelangweilt; das will ich nicht sehen. Da die Fanschar aber sehr groß ist, gibt's dafür nur die Weihnachts-Backpfeife.
Auch die kompletten Dumpfbacken, die sich Böhse Onkelz nennen, mischen hier fleißig mit. Und das auf besonders dreiste Art und Weise. Eine Blu Ray ist natürlich eine qualitativ feine Angelegenheit, doch die wir-sind-ja-gar-nicht-rechts-Deppen trauen sich tatsächlich einen Auftritt von 2015 zu verkaufen, drei Jahre später! Die Herren schütteln gewaltig am Ohrfeigenbaum!

Die nächste Kategorie ist: Reguläre Veröffentlichung aus Versehen gut im Weihnachtsgeschäft platziert. Die Pop-Superfrau Robyn macht da mit und veröffentlicht am 14.12. ihr neues Werk Honey. Auch der Oldie-Gitarrenvirtuose Santana lungert in dieser Gesellschaft rum und bringt sein elftes Studioalbum Zebop! am selben Tag auf den Markt. Diesen Freitag veröffentlicht zudem niemand geringeres als CJ Ramone ein Album, das auf den Titel Christmas Lullaby hört. Das ist halt die Masche, die stumpf aber noch einigermaßen okay ist. Denn wenn sich darauf wirklich schöne, weihnachtliche Wiegenlieder finden sollte, schwillt nur die Hauptschlagader an.

In der hier dritten und letzten Kategorie finden sich die Künstler, die eiskalt und ganz offensichtlich das Weihnachtsgeschäft prominent besetzen und unterschiedlichste Jubiläen- oder Best-of-Ausgaben auf den Markt bringen. Dabei sind zum Beispiel Slipknot, die zum zehnjährigen Erscheinen von All Hope Is Gone eine Neuauflage in die Läden bringen. Das ist noch relativ harmlos im Gegensatz zu Depeche Mode. Die haben die Chuzpe, auch am 14. Dezember, zwei Vinyl-Single-Boxen unters Volk zu jubeln. Sie erhalten jeweils sechs 12"-Platten für je 90€. Kann man halt machen, falls Dave Gahan noch einen goldenen Weihnachtsbaum braucht. Das ist reines Geschäft, pure Bereicherung. Zu guter Letzt sind auch Die Ärzte mit von der Partie in diesem irren Karussell. Die spielen nächstes Jahr wieder allerhand Konzerte, headlinen Rock am Ring und im Park und sind zudem in diversen europäischen Großstädten zu Gast. Das wird ihre immense Fanschar schon magnetisch anziehen. Wahrscheinlich auch die gesamte Diskographie, die auf den Namen Seitenhirsch hört und ganze 33 CDs beinhaltet. Kostet auch nur 340€. Runter gerechnet auf eine CD oder eine Platte bei Depeche Mode sind das okaye Preise, doch eigentlich hat keiner dieser Künstler das nötig.

Wir lassen natürlich unsere Finger von dem ganzen Quatsch und halten es hochromantisch mit Olli Schulz:

Freitag, 7. Dezember 2018

KW 49, 2018: Die luserlounge selektiert

Quelle: blog.sketchapp.com
(ms/sb) Ihr und wir waren es in den letzten Jahren gewohnt zu dieser Jahreszeit, also schon seit sieben Tagen einen Adventskalender auf diesem Blog zu gestalten und zu lesen. Dieses Jahr haben wir es schlicht und einfach nicht geschafft. Dazu fehlen die freizeitlichen Ressourcen, denn die luserlounge ist und bleibt eine Herzensangelegenheit. Wir sind verrückte Fans, die Platten und CDs sammeln, auf Konzerte gehen, so viel es geht und soweit es möglich ist, doch Priorität haben natürlich ganz andere Sachen. So versorgen wir Euch bis zum Feste natürlich wie gewohnt mit neuer Musik, Live-Berichten, der freitäglichen Selektion und allerhand mehr. Das geht zum Beispiel so:

Wire Love
Einst nannten sie sich Orbit the Earth, nun firmieren sie mit verändertem Line-Up als Wire Love - laut ist es damals wie heute und das ist auch gut so! Als Post-Hardcore dürfte man das Ganze wohl bezeichnen und mit Leave The Bones erschien am vergangenen Freitag das Debüt der Band aus Recklinghausen und Münster. Interessanterweise fühlt man sich instrumental gelegentlich an die guten, alten Blackmail erinnert, gesanglich (oder vielmehr: geschreilich) gehen Wire Love jedoch in eine andere, deutlich härtere Richtung; das angezeigte Video ist für Album nicht repräsentativ, sondern untermalt den massentauglichsten Track der Scheibe. Möchte ich mir jetzt nicht zwingend jeden Tag anhören, aber so neben der Arbeit, wenn ich nichts von außen mitbekommen möchte, kommt das schon sehr gut an.



Bilderbuch
Was für ein genialer Coup! Aus dem Nichts warfen Bilderbuch am 04.12. ein Album namens Mea Culpa ins Digitaluniversum. Physisch erscheint die Scheibe dann am 22.02. und kommt dann auch nicht alleine, denn mit Vernissage My Heart steht das nächste Album der Österreicher bereits in den Startlöchern. Marketingtechnisch ein Traum! Musikalisch würde ich mir wünschen, dass Bilderbuch es endlich mal hinkriegen, neben den meist genialen Singles (z.B. Baba, Maschin und Bungalow) nicht nur Füllstoff auf ihre Longplayer zu packen, denn die Ernüchterung war bislang meist recht groß, wenn man mit sehr großen Erwartungen ans Album heranging. Da macht Mea Culpa leider keine Ausnahme... Für mich bleiben Bilderbuch eine der überschätztesten deutschsprachigen Bands der Gegenwart.



AnnenMayKantereit
Ja, die Stimme ist immer noch phänomenal und klingt einfach geil, aber wenn das das Einzige ist, was man als Band so zu bieten hat, dann wird's schon eng. Die Texte haben mitunter mittlerweile Fremdschäm-Niveau erreicht und man möchte regelmäßig die Skip-Taste drücken, um sich den Rest des Songs zu ersparen, aber mindestens einmal muss man da komplett durch, um sich ein Bild des Fiaskos machen zu können. Die ersten fünf Tracks sind durch die Bank furchtbar, danach (Weiße Wand, Hinter klugen Sätzen, Sieben Jahre und Alle Fragen) wird's deutlich angenehmer (ach komm, ich gebs zu: da wirds sogar richtig gut!), aber Songs wie Jenny Jenny zerstören den Gesamteindruck dann doch wieder und gegen Ende hin freut man sich einfach nur noch, dass die CD bald vorbei ist. Nichtsdestotrotz werden AnnenMayKantereit mit ihrem Album Schlagschatten (VÖ: heute) wohl sehr weit oben charten - aber sagt nicht, wir hätten Euch nicht gewarnt...



Erdmöbel
Gestern war Nikolaustag. Habt Ihr auch allerhand Leckereien und Schönes aus Euren Schuhen und Stiefeln geholt und genossen? Oder kam Knecht Ruprecht vorbei? Wie dem auch sei, es weihnachtet schon gewaltig, die Märkte haben geöffnet und lang bis zum Feste ist es auch nicht mehr. Wie jedes Jahr um diese Zeit veröffentlicht die Kölner Gruppe Erdmöbel einen Weihnachts-Song. Das tun sie seit langer Zeit mit viel Kreativität und Konsequenz, dass Sie nannten ihn Putte genau richtig kommt. Ihre Weihnachtsliedersammlung Geschenk ist übrigens mein persönliches Lieblingsweihnachtsalbum. Die Lieder, Texte und Melodien sind erfrischend originell und stimmen auch gewaltig gut ein aufs Fest! Was für ein wunderschönes Lied!




Underworld
Als ich noch nicht so lange in meiner Wahlheimat wohnte, da ging ich zum Beispiel für einen Kaffee da hin, wo halt alle hingehen. Aber nicht zu diesen großen Ketten, das ist ja klar. So entdeckte ich vor sieben Jahren einen ganz gemütlichen Laden, der über zwei Ebenen geht: das fyal. Dort läuft immer Techno, House, Minimal oder wie diese ganzen Genres heißen. Für abends ist das ok. Für tagsüber gewöhnungsbedürftig. Nun haben sie neues Material zum Abspielen, denn Underworld hauten gestern Drift: Episode 1 raus, wovon im Januar ein zweiter Teil erscheinen wird. Natürlich werden die unterschiedlichen Tempi des Techno bedient. Doch wirkt es irgendwie aus der Zeit gefallen, mag man anfangs denken. Doch Tracks wie Another Silent Way oder Dexters Chalk ballern ordentlich gut. Und die Kooperation mit verschiedenen anderen Künstlern und Produzenten ist originell und hörbar nicht immer Techno. Vielleicht fehlt mir für das Gesamtkunstwerk aber auch der Zugang, einige anderen Phasen klingen ermattend. Und als Born Slippy (Nuxx) rauskam, war ich sechs.




Chefboss
In den letzten Tagen wurde der Ballon d'Or verliehen für die besten Fußballspieler der Welt. Kann man von halten was man will. Zum ersten Mal wurde eine Fußballerin ausgezeichnet, eigentlich ist sowas ja lange überfällig. Ada Hegerberg wurde danach von Martin Solveig zum tanzen aufgefordert. Sie hat glücklicherweise abgelehnt; twerken ist eindeutig sexuell konnotiert.
Zack, sind wir beim weiblichen Rap angekommen. Hier sollten wir auch auf keinen Fall die Künstlerinnen auf Äußerlichkeiten reduzieren, sondern die Musik bewerten, gut oder schlecht finden. Das Geschlecht darf einfach keine Rolle spielen. Chefboss ist absolut nicht die Musik, die ich mir privat anhören würde. Ich tendiere eher zu Haszcara, Tice oder sookee. Die beiden Damen haben es jedoch zu erstaunlicher Reichweite gebracht und steuern den offiziellen Soundtrack zum Sziget Festival 2019 bei. Voilà:




Sister Jones
Linz, Du alte Stahlstadt, Du hast uns bereits mit Künstlern wie Texta, Kayo, Average und SHY beschenkt und nun kommen auch noch Sister Jones um die Ecke. Klingt nach Female Hip Hop, ist aber tatsächlich eine sechsköpfige Pop-/Rockband, die bereits seit 2010 besteht und im Januar 2019 ihr Album Breathe veröffentlichen wird. Was uns da erwartet? Sehr entspannte Melodien, angenehme Stimmen, eine Trompete und eine Posaune - ideale Zutaten also für gute Unterhaltung und die bieten Sister Jones in Albumlänge. Netter Sidefact: Breathe ist gespickt mit versteckten Beatles-Zitaten und ich bin sicher, man darf sie behalten, wenn man sie findet. Ja, weiß insgesamt sehr zu gefallen!




Mittwoch, 5. Dezember 2018

Superpunk - Mehr ist mehr!

Cover der Box
(ms) Achtung: Man sollte den Inhalt dieser Box unter keinen Umständen am Stück hören! Das ist ein unmissverständlicher Hinweis, wie mit Mehr ist Mehr! der Hamburger Musikgruppe Superpunk umzugehen ist! Zudem ist dies keine billige Effekthascherei für das individuell aktuelle oder beginnende Weihnachtsgeschäft.
Nein, nein, nein.
Diese Box ist eine Offenbarung. Sie ist eine absolute Notwendigkeit. Und dann gehört sie wiederum doch unter jeden Weihnachtsbaum. Wer Superpunk kennt, der wird vom Inhalt nicht überrascht sein. Die gesamte Diskographie ist ja seit Jahren überall zu haben. Angefangen beim 1999er-Erstling A bisserl was geht immer bis zum schließlich letzten Album Die Seele des Menschen unter Superpunk von 2010. Zwei Jahre später hat sich die Band aufgelöst und wird wohl auch nie wieder auftreten. Es gibt da jedoch einen Charakterzug der Band, an dem man auch sechs Jahre später mit einem großen Grinsen im Gesicht nicht vorbei kommt. Und das ist der Zusammenhang von Witz, Humor, Unterhaltung und Musik. Was wurde in der Musikgeschichte nicht schon darüber diskutiert, ob Musik lustig sein kann, darf oder soll. Superpunk war der Beweis, dass es möglich ist. Ohne Ulkigkeit, mit einem Schalk im Nacken. Die Beweise stecken nicht nur in den umwerfenden Songtexten, sondern auch im wunderschönen Booklet, das der Box beiliegt. Ich durfte es schon lesen und habe mich teils kaum beruhigen können. Nicht nur, dass voller Detailversessenheit die Geschichte der Band von 1996 am Frankfurter Tresen bis 2012 am Hamburger Tresen nachgezeichnet wird, sondern zu jedem Album ein einzelner Text existiert. Darin Anekdoten, dabei Fotos.

1998. Foto: Melle Maecker
Anekdoten: Wie sich Gründungsmitglied Jan Müller lieber mit seiner Zweitband Tocotronic befasste. Wie in den ersten Wochen eine immense Fluktuation herrschte (14 unterschiedliche Musiker!). Wie diese Sätze: "Bulnheim weiß also, woran er bei dem gebürtigen Ostfriesen ist, dessen bisweilen wurstiges, bolleriges Temperament nicht jedermans Sache ist." Wie Bernd Begemann das erste Album auf Kassette aufnahm. Wie erste Konzerte vor keinem einzigen zahlenden Zuschauer stattfanden. Wie 2001 dann an die hundert gespielt wurden. Wie Friedrichs bei der WDR-Rockpalast-Aufnahme sagte: "Jetzt kommt es auf jede Note an, Jungs!" Wie beim Soundcheck neue Songs geprobt wurden, weil die Band nonstop unterwegs war. Wie oder ob Superpunk an der Pleite von L'age d'Or schuld ist. Wie sie Konzerte in Rumänien oder in der Ukraine spielten. Wie das Bandgefüge denn auch ins Wackeln geriet und mit einem großen, wunderbaren Knall beendet wurde.

Denn Mehr ist Mehr! beinhaltet nicht nur die fünf Studioalben von Superpunk sondern auch erstmals einen Livemitschnitt des allerletzten Konzerts unter der Woche im gemütlichen Hamburger Knust. Lattenplatz hurra! Zudem steckt eine Raritäten-Platte drin. Wahnsinn. Hier wurden keine Kosten und Mühen geschont. Wem Musik etwas wert ist, der wird auch kein Problem damit haben für die LP-Box gut 130€ und für die CD-Edition 70€ auszugeben. Es ist gut angelegtes Geld.
Und so funktioniert schließlich die Gebrauchsanweisung für Mehr ist Mehr!: Passenderweise stecken sieben Tonträger in diesem famosen Ding. Täglich soll es einer sein. Der muss dann entsprechend aufgedreht und genossen werden! Denn - pssst: ganz ehrlich - ein bisschen eingängig ist die Musik ja schon. Aber das wussten Carsten Friedrichs, Tim Jürgens, Lars Bulnheim, Thorsten Wegner und Thies Mynther von vorne hinein selbst am besten.

Das hier wissen auch alle (ehemaligen) Fans: Friedrichs und Jürgens macht ja mit Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen den sympathischen Superpunk-Quatsch einfach weiter und führt unter diesem Namen die damals legendären Konzerte zwischen den Jahren fort. Dies kann man sich bald hier - mit bester Empfehlung unsererseits - antun:

27.12. - Bremen - Lagerhaus
28.12. - Hamburg - Knust
29.12. - Berlin - Bi Nuu

Mehr ist Mehr! erscheint morgen, am Nikolaustag (6.12) natürlich bei tapete records!




Montag, 3. Dezember 2018

Live in Bochum: Drangsal

Quelle: noisiv.com, Charles Engelken
(ms) Der Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen war am Sonntagabend eine mittelmäßige Katastrophe. Die Hälfte der Züge und S-Bahnen hatte massive Verspätung, der Rest ist ausgefallen. So verweilt man unfreiwillig eine Stunde am Bahnhof in Hamm und alle, die mal dort gewesen sind, wissen wie toll es dort ist. Daher verzögerte sich unsere Ankunft am schönen (also wirklich jetzt) Bahnhof Langendreer in Bochum. Niemand geringeres als Drangsal lud zum letzten Konzert seiner Zores-Tour und der Laden war proppevoll! Kurz vor der Ticketkontrolle haben wir jedoch in ein paar verdutzte Gesichter gesehen, die zum Luftholen nach draußen gekommen sind. Zur gleichen Zeit spielten nämlich Pabst als Vorband und es war ordentlicher Gitarrenkrach. Nun, keine Wertung, da wir dafür viel zu wenig gesehen haben.

Über den großen Besucheransturm war ich doch verwundert. Dass Drangsal eine tolle und polarisierende Kunstfigur aus sich gemacht hat, dessen Hype absolut gerechtfertigt ist, war mir durchaus bewusst, der Erfolg kommt zurecht. Das teils - und Entschuldigung dafür - hysterische Gekreische von Mädels und Jungs vor und nach den Liedern, hinterließ staunende Reaktionen bei meiner Begleitung und mir. Das Publikum bestand aus jungen Studenten und die, die es mal waren. Die 80er-Jahre-Verehrung, mit der Max Gruber in seiner Musik spielt, spiegelte sich auch in der Sonntagabendmode der zahlenden Gäste.
Gruber selbst ist natürlich ein phantastischer Entertainer, der mit Geschlechterrollen spielt und sich selbst exzellent zu inszenieren weiß. Er ist kein enfant terrible, einfach nur jemand, der die Regeln des Showbusiness und der Aufmerksamkeit klug verstanden hat und das Beste draus macht. Doch nicht nur wegen der unterhaltsamen Ansagen und des Bildes, was die Band abgibt, war das Konzert wirklich stark. Es hat musikalisch auch einwandfrei funktioniert. Sowohl die neueren Zores- als auch die etwas älteren Harieschaim-Sachen. Der Mix aus Synthie-Rock und 80er-Kitschtexten weiß durchaus zu gefallen. Highlights waren definitiv Der Ingrimm, Arche Gruber, Turmbau zu Babel und Allan Align. Stark!

Und hoffentlich geht es dem Typen, der beim Crowdsurfen unglücklich gestürzt ist, wieder besser. Die kleinen Mädels vorne haben wohl nicht damit gerechnet und konnten ihn nicht halten.
Nun aber mal ehrlich: Kann der Bassist mal lächeln? Nur ein kleines bisschen und nicht so eingebildet ins Publikum schauen?

Drangsal live. Große Klasse.
Richtig froh war ich schlussendlich auch darüber, dass der Sound gut war. Und zwar der der Band, nicht der im Club. Denn letztes Jahr habe ich Drangsal beim Pfingstopenair in Essen gesehen und da haben sie den großen Klang aus der Album-Produktion nicht auf die Bühne bringen können. Das hat sich grundlegend geändert. Nächstes Jahr geht es hier weiter mit dem Spektakel:

08.03.2019 - Dresden, Beatpol
09.03.2019 - Berlin, Huxley's Neue Welt
15.03.2019 - Frankfurt, Zoom
16.03.2019 - Stuttgart, Im Wizemann (Club)
21.03.2019 - Kiel, Pumpe
22.03.2019 - Dortmund, FZW
23.03.2019 - Bremen, Kulturzentrum Lagerhaus

Freitag, 30. November 2018

KW 48, 2018: Die luserlounge selektiert

(ms/sb) Vor wenigen Tagen wurde mir abends schon ein frohes Fest gewünscht. Kurz musste ich in den Kalender schauen und feststellen, dass es ja tatsächlich schon Ende November ist. Verdaddert und etwas verwirrt habe ich natürlich zurückgegrüßt. Gestern dann war ich das erste Mal auf dem hiesigen Weihnachtsmarkt. Doch bei den Gegebenheiten ist die Lust auf Glühwein doch erheblich eingeschränkt. Diejenigen, die nun einen Bier- oder Cocktailstand anbieten, werden vielleicht die Gewinner sein. Ich weiß von einer Bekannten, die im künstlerischen Gewerbe tätig ist, dass sie dieses Jahr zum ersten Mal nicht beim Weihnachtsmarkt ihren Stand aufbaut, da die Besucherzahlen zurück gehen. Nun denn. Wir haben Musik selektiert!

Dave Smalley & The Bandoleros
Drei Spanier, ein Argentinier, Mastermind Dave Smalley und das Ganze nun bei Little Rock Records - klingt gut, oder? Im Dezember erscheint das gemeinsame Debütalbum Join The Outsiders, ab sofort gibt's das Vorabvideo Red Alert. Anschnallen und Gas geben!



Betamensch
Aus dem schönen Franken stammen Betamensch und haben sich für ihre Single Heldentrauma  (Album folgt dann 2019!) Verstärkung in Person von 8Kids-Gitarrist und -Sänger Jonas Jakob ins Boot geholt. Wer die Band noch vor Weihnachten live erleben möchte, der hat die Chance auf ein Heimspiel:

14.12.18 Nürnberg - Club Stereo



Moorea Masa
Es kommt ja immer auch auf das eigene Alter an, wenn man denkt: Wow, der oder die hat sowas Tolles vollbracht und was mache ich kleines Menschlein hier auf der Welt?! Moorea Masa ist gerade mal 23 Jahre jung und macht ganz wundervolle Musik. Als Soul wird es betitelt. Sie spielt eine extrem minimalistische Variante von Soul, die so fein und filigran ist, dass ihre warme Stimme genügend Platz bekommt, um sich zu präsentieren. Shine A Light hat mich sofort überzeugt, denn das ist nicht nur Hintergrundmusik, sondern man kann es bewusst richtig gut genießen und runterkommen. Toll, toll, toll!!! Auch das herrliche Video dazu:




Requin Chargin
Vom bezaubernden Soul machen wir einen Schwenk für unsere frankophonen Freunde. Die Sängerin Marion Brunetto hat sich den Künstlernamen Requin Chargin zugelegt und macht typisch schöne französische Popmusik. Mit Sémaphore ist nun ein Video erschienen, das eine bebildert eine Hymne auf die Freundschaft ist; mit allen Licht- und Schattenseiten. Ein Semaphor ist ein Signalmast, kann aber auch als Mittel der Informationsweitergabe im Allgemeinen verstanden werden. Zwischen den beiden Jungs im Video besteht da offensichtlich ein großer Draht zueinander, wenn man zuschaut. Ihre leicht verzerrte Stimme wird von schön schleppenden Drums und elektrischen Gitarren unterstützt. Hört mal rein, es lohnt richtig! Am 25. Januar erscheint das dem Song gleichnamige Album!




No King. No Crown.
Zugegebenermaßen musste ich bei diesem Bandnamen sofort an einen großen Hit von Bob Marley denken. Liegt aber auch irgendwie nahe, oder? Mit Reggae hat No King. No Crown. jedoch gar nichts zu tun, was ja auch schön ist. Im Zentrum dieser Formation steht der Dresdener René Ahlig, der eigentlich als Solomusiker angefangen hat, doch nach und nach ist eine Band daraus geworden. Am 1. Februar erscheint das Album Smoke Signals über Kick The Flame, der gleichnamige Titeltrack ist jetzt schon inklusive Video zu bestaunen. Mit Bass und Banjo erzählt Ahlig über Umweltverschmutzung und wie der Mensch sich die Natur zu eigen gemacht hat. Hört sich klug an, ist es auch. Im Frühjahr sind sie auf Tour:

15.02.19 - Dresden - Scheune
16.02.19 - Zittau - Emil
17.02.19 - Berlin - Privatclub
18.02.19 - Chemnitz - Inspire
19.02.19 - Bayreuth - Wohnzimmermucke
21.02.19 - Hamburg - Astra Stube
22.02.19 - Köln - Wohngemeinschaft
24.02.19 - Pforzheim - Horch
25.02.19 - Mainz - Klein Aber Schick
26.02.19 - Wuppertal - Viertelbar
27.02.19 - Münster - Teilchen & Beschleuniger
28.02.19 - Leipzig - Noch Besser Leben




Frittenbude
Jawoll, da sind sie wieder! Frittenbude melden sich zurück und jetzt, wo sie wieder aufgetaucht sind, merkt man erst so wirklich, dass sie gefehlt haben. Diverse Soloprojekte, eine gemeinsamer Trip nach Nepal, aber auch ordentlich Abstand von den anderen Bandmitgliedern sorgten für den nötigen Blick von Außen auf den gemeinsamen musikalischen Weg und dessen Zukunft. Ergebnis dieser Erkenntnisreise ist das Album Rote Sonne (22.02.19) und nach dem schon sehr starken Track Die Dunkelheit darf niemals siegen legen die Niederbayern nun mit Süchtig ihre zweite Single daraus vor. Macht sehr viel Lust auf mehr.




Lambchop
Sie tun es wieder und es lohnt sich hin zu gehen. Denn niemand geringeres als die wunderbaren Lambchop gehen wieder auf Tour und machen sechs Mal Halt in unseren Gegenden. Wahrscheinlich werden die jeweiligen Auftritte vom aktuellen FLOTUS-Material dominiert, das ich persönlich nicht gänzlich überzeugend finde, sie jedoch mal live gesehen zu haben, ist eine Wonne. Denn Oldies werden sie auch spielen und dann kommt die Gänsehaut von ganz allein!

17.04. Leipzig - Felsenkeller
18.04. München - Muffathalle
20.04. Darmstadt - Centralstation
26.04. Berlin - Funkhaus
27.04. Köln - Gloria
29.04. Hamburg - Elbphilharmonie




The 1975
UK, Australien, Neuseeland, USA und Kanada - weltweit erreichten The 1975 mit ihrem letzten Album die Top-Position in den Charts und waren plötzlich Stars. 4,3 Millionen verkaufte Alben und 2,4 Milliarden (!) Streams haben die Briten mittlerweile vorzuweisen und möchten mit ihrem heute erscheinenden Longplayer A Brief Inquiry Into Online Relationships an diese Erfolge anknüpfen. Das dürfte problemlos gelingen, denn die 15 Songs sind trotz gelegentlicher Indie-Anhauchung in weiten Teilen Vollgas radiotauglich und dürften auch den Mainstream-Nerv auf die 12 treffen. Kann man - wenn einem sonst nix einfällt - an Weihnachten also so ziemlich jedem schenken und macht damit vermutlich auch nichts falsch. Wir hätten da zwar einen deutlichen besseren Vorschlag (KLICK MICH), aber macht ruhig...





Island
Ordentliche 25 Millionen Streams erzielten Island aus London mit ihrem Debütalbum Feels Like Air, doch auf die faule Haut legten sich Sänger Rollo Doherty und seine Band keineswegs. Vielmehr erreicht uns heute mit Just That Time Of The Night der erste Vorbote für den neuen Longplayer, der für 2019 angekündigt ist. Sehr schön ist das und die ersten beiden Deutschland-Gigs fürs kommende Jahr stehen auch schon fest:

18.02. Berlin, Privatclub
19.02. Köln, Yuca




Traumzeit Festival
Der Sommer steht vor der Tür! Oder? Zumindest wenn man einigermaßen up to date sein will, was Bestätigungen der Festivallandschaft anbelangt. Da kommen wieder saufende Horden, feine Musik, spannende Neuentdeckungen und legendäre Abende auf uns zu. Für ein großes Event habe ich auch schon eine Karte, aber auf ein anderes, kleineres freue ich mich noch viel mehr: das Traumzeit Festival im Landschaftspark Duisburg Nord. In den letzten sieben Jahren war ich dort und habe mir für die kommende Ausgabe immer blind ein Ticket geholt. Nun gibt es die ersten paar Bands und es lässt sich erkennen, dass es mehr ein Indie-Festival wird und nicht mehr ganz krasse Sparten besetzen wird. Aber das ist okay. Denn wir sind in die Musik von Enno Bunger und Sam Vance-Law sowieso verliebt. Daher freuen wir uns auf den Pott und seinen Industrieüberbleibseln!

Montag, 26. November 2018

Matze Rossi - Musik ist der wärmste Mantel

Bild: facebook.com/matzerossiband/
(sb) Musik ist der wärmste Mantel. Was für eine schöne Metapher, was für ein wundervoller Titel. Und wenn einem dann beim Anhören des so betitelten Albums auch noch ganz warm ums Herz wird, dann weiß man, dass Matze Rossi (wieder mal) Recht hat und den perfekten Soundtrack für den bevorstehenden Winter liefert. Am 30.11. ist es endlich so weit und das intime Live-Album wird endlich auf End Hits Records veröffentlicht. Und ich nehme es gerne vorweg: kauft das gute Stück - für Euch selber, Eure Liebsten und jeden, der an echter, wahrer Musik mit Herzblut interessiert ist.

Gerade einmal vier Monte liegen zwischen der Idee und dem Release - durchaus rekordverdächtig, oder? Was aber erwartet uns auf Musik ist der wärmste Mantel? Ganz einfach: die besten Lieder aus 15 Jahren Matze Rossi in neuen Duo-Arrangements, aufgenommen zusammen mit Martin Stumpf und einem (überaus aufmerksamen und andächtigen) Publikum von 60 Menschen im Audiolodge Studio zu Gaibach (Unterfranken). Da passt zwar vielleicht nicht jeder Ton, so wie man es von Studioaufnahmen kennt, aber hey: wer braucht das schon, wenn man so viel Gefühl, so viel Liebe zur Musik und den Menschen zu hören bekommt?

Matze Rossi ist ein Musiker, der das Herz auf der Zunge trägt, der soziale (auch private) Projekte unterstützt, aber nicht groß darüber redet und stattdessen aktiv wird. Seine Texte berühren mich nun schon seit Jahren, doch leider hat es bislang nie geklappt, mal eins seiner Konzerte zu besuchen. Das soll - nein: das muss - sich bald ändern, bis dahin aber breitet seine Musik ihren wärmenden Mantel über mich und trägt mich durchs Leben. Manchmal erschrecke ich fast ein bisschen darüber, wie es einem eigentlich fremden Menschen gelingt, meine Gedanken und Ansichten so präzise in Worte zu fassen, mir Mut zuzusprechen und die Traurigkeit durch Hoffnung zu ersetzen. Da ich weiß, dass Du das lesen wirst: Matze, vielen Dank dafür!

Bild: facebook.com/matzerossiband/
Natürlich ist Matze Rossi kein ganz Unbekannter in der deutschen Musikszene, der ganz große kommerzielle Durchbruch blieb ihm aber leider bislang verwehrt. Schon als Sänger der Punkband Tagtraum machte der Schweinfurter auf sich aufmerksam, doch erst als Solokünstler fand er ein größeres Publikum; dabei halfen ihm nicht zuletzt seine Auftritte im großartigen TV Noir beim ebenso tollen Tex Drieschner. Dort agierte Matze, wie ich ihn am allerliebsten höre: solo, minimalistisch, intim.

Genau diese Stimmung macht auch das Besondere auf seinem neuen Live-Album aus, denn der sympathische und respektvolle Umgang mit Zuhörern und Mitmusikern wird von Matze Rossi gelebt, man nimmt ihm jede einzelne seiner Zeilen ab, der Begriff "Gutmensch" (und daran sehe ich persönlich nichts, aber auch gar nichts Negatives!) scheint wie für ihn gemacht. Wenn dann bei der Zugabe seine Tochter Nora die Bühne erklimmt, um ihn mit ihrer Kinderstimme bei Und jetzt Licht, bitte!! zu unterstützen, dann ist das kein bisschen kitschig, sondern einfach nur wunderschön und herzerfrischend.

Meine persönlichen Highlights: Kein Zweifeln und Bedauern (ist aber sowieso und generell eins meiner Lieblingslieder), Wunder und Alles Gute kommt von innen. Gänsehaut pur. Einfach nur traumhaft und ungemein bewegend - sowohl textlich, als auch in der Darbietung.

Wer Matze Rossi in den kommenden Wochen live erleben und sich wärmen lassen möchte, der findet HIER sicher einen Termin in seiner Nähe. Ich bin jetzt schon neidisch, weil ich es wegen Urlaubssperre in der Arbeit schon wieder nicht schaffe...






 
 

Sonntag, 25. November 2018

Live in Essen: PeterLicht

Foto: luserlounge
(ms) Essen. Zeche Carl. Samstag Abend. PeterLicht spielt.

Zur Performance und dem musikalischen Teil kommen wir gleich, denn vorher muss noch eine Szene beschrieben werden, man kommt nicht drumherum. Im gut gefüllten, gemütlichen Raum der ehemaligen Zeche stand vorne rechts ein Männerdreiergrüppchen. Einer von ihnen ließ es sich nicht nehmen, sich bei der Zugabe auf die Bühne zu begeben, dort kniend einen Song lang zu verweilen und über seinem Kopf ganz religionsgleich-demütig eine Schallplatte gen Himmel zu recken. Dort bleib er reglos sitzen, bis das Lied vorbei war und fand auf seinen alten Platz zurück. Ich stand recht nah dran und mein Nachbar meinte nur etwas verdutzt: "Bizarr." Absolut. In dem Moment war es schon komisch. Wollte da jemand seine eigene Show abziehen?! Keine Ahnung.

Zum musikalischen Teil des Abends.
PeterLicht live zu sehen ist nicht nur eine schöne Ausnahme, sondern auch eine Erweiterung eines reinen Konzerts. An manchen Abenden liest er noch Geschichten vor, gestern war das leider nicht der Fall. Es ist denn auch Performance. Wenn wir alle anders sind ist der Titel seines aktuellen, neuen Albums. Und so inszeniert er sich auch als anders auf der Bühne. Lederschuhe, gepunktete Ballonhose, grob gemustertes Hemd, Mütze. Dazu nutzt er gern stark verzerrende Gesangseffekte.
Live spielt er zusammen mit Benedikt Filleböck im Duett. Wobei Filleböck alles übernimmt, was geht: Bass, Gesang, Keyboard, Drumcomputer, Schlagzeug. Ein dankbarer Weggefährte.
Durch die Zweierbesetzung live wird auch klarer, warum das aktuelle Album teils sehr reduziert produziert wurde. Vielleicht genau mit diesem Hintergedanken spielend, dass die neuen Songs so besser funktionieren. Leider war der Umfang an Liedern dann nicht mehr ganz so groß. So starteten sie mit dem vielleicht schönsten neuen Track: Die NachtAuch anderes neues Material war direkt dargeboten noch etwas besser, schöner und mehr gaga als auf Platte: Chipslied, Kontolied und insbesondere Candy Käsemann. Klarer Show-Höhepunkt war schließlich, als PeterLicht mit einem dieser leuchtenden Röhren von der Bühne ins Publikum gegangen ist und den Text zu Emotionale / Hört die Signale verteilt hat, damit auch wirklich alle mitsingen. Super Aktion, hat gut funktioniert! Denn das postakademische Publikum Mitte vierzig mag so etwas! Viel Applaus gab es verdientermaßen auch für Sonnendeck, Safarinachmittag (juhu!) und Lied vom Ende des Kapitalismus. Es gab viel zu schmunzeln, mitzusingen und zu staunen.

Doch knapp eineinhalb Stunden mit geplanten Längen für 23€?!

Okay, es ist Kunst, Show, Musik, Kultur.
Das geht schon klar, doch er hätte gern eine halbe Stunde länger spielen können.

Bald wird hier zusammen gesungen:


13.12.18 Konstanz – Kulturladen

14.12.18 Schorndorf – Club Manufaktur
04.04.19 Berlin – Festsaal Kreuzberg
30.04.19 München – Feierwerk (Zusatzshow)
01.05.19 Wien – Theater Akzent
06.07.19 Leipzig – Geyserhaus


Freitag, 23. November 2018

KW 47, 2018: Die luserlounge selektiert

facebook.com/pg/studiomusik47
 (ms/sb) Die Sputnikhalle in Münster ist nicht der allerbeste Laden für Konzerte. Ich kann chronisch - trotz viel Erfahrung - keine Besucherzahlen schätzen, ausverkauft war jedoch gestern der Gig von Adam Angst in eben jenem Venue. Shoreline haben davor belanglosen Punkrock abgeliefert, das war eher nette Hintergrundmusik, um sich ein bisschen durch das Getränkeangebot vor Ort zu degustieren. Das etwas ungünstige in der Sputnikhalle sind sowohl die Säulen mittendrin, die einem wahlweise die Sicht versperren. Zum anderen gibt es eine kleine Erhöhung an eben jenen Säulen, wo man gerne mal stolpern kann, das macht das moshen ein wenig unberechenbarer. Felix Schönfuss und Co. haben jedoch pünktlich ab 21 Uhr ordentlich abgeliefert. Ich bin ja großer Fan vom neuen Album und den Druck, die Energie, die Spielfreude und das Können, das sie da beweisen, können sie problemlos auf die Bühne bringen. Natürlich haben sie die großen älteren Songs und das beste von Neintology gespielt. Das Publikum ist entsprechend gut mitgegangen; was dann nur etwas nervig war, sind die prompt einsetzenden Zugabe-Rufe direkt nach dem letzten Song. Kein lang anhaltender Applaus, der absolut verdient wäre. Aber zusammengefasst: Spitzenmäßiges Konzert!

Glasspop
Bisher hatte ich genau eine CD einer polnischen Band in meinem Regal: Korova Milky Bar von Myslovitz fand ich vor Jahren mal ziemlich klasse, inzwischen verstaubt das gute Stück aber zunehmends. Nun hat die Polen-Fraktion Zuwachs bekommen, denn Glasspop veröffentlichten Ende Oktober ihr Album Stranger In The Mirror und zu dem Rezensionsexemplar sagte ich natürlich nicht "nein".
Mei, was soll ich jetzt dazu schreiben? Die Songs sind sicher fein arrangiert, das Ganze ist ziemlich hymnenartig aufgebaut und kann auf großen Bühnen bestimmt gut funktionieren, wenn das Publikum entsprechend dazu abgeht, aber meinen Nerv trifft es leider gar nicht, die Stimme packe ich nicht und so droht ein Myslovitz-ähnliches Staubdesaster. Trotzdem wünsche ich der Band natürlich einen ähnlichen Erfolg wie in ihrer Heimat, denn dort haben Glasspop schon etliche renommierte Preise abgeräumt. Hört es Euch am besten mal selber an:


Superpunk
Wie jetzt?! Warum berichtet dieser Blog denn über eine großartige Band, die sich aber vor einigen Jahren aufgelöst hat? Es ist korrekt, Superpunk sehen wir leider nie mehr auf den Bühnen des Landes. Doch ihre Musik bleibt und Carsten Friedrichs macht ja mit Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen weiter hervorragend unterhaltsame Musik. Nun gibt es aber einen gewaltigen Superpunk-Grund zum Feiern und das am Nikolaustag, dem 6. Dezember. Denn dann erscheint eine umfangreiche Box bei Tapete Records, die auf den Titel Mehr ist Mehr hört und genau das wird auch eingehalten. Dabei sind alle fünf Studioalben, eine Live-CD aus 2012 und eine Raritätensammlung. Na, ist das nicht eine prima Idee für den Weihnachtsbaum oder den Nikolausstrumpf? Wir sind schon in heller Vorfreude, denn auch dieser Klassiker wird natürlich darauf enthalten sein:




LP
Sich als Künstlerin LP zu nennen, ist in Sachen Google-Suche ungefähr so sinnvoll und vielversprechend wie Christmas Present, Football oder Hot MILF. Die Sängerin setzt aber scheinbar aufs Prinzip "Qualität setzt sich durch" und ausverkaufte Shows rund um den Globus geben ihr Recht.
Am 07.12. erscheint nun auf BMG/Vagrant ihr neues Album Heart To Mouth und erinnert stimmlich an Gwen Stefani und Cindy Lauper - durchaus ansprechend also, oder? Das ist radiotauglich, catchy und - so könnte ich mir bestens vorstellen - auch sehr erfolgreich.




Mono
Die Japaner sind Freunde von Wortspielen. Nowhere Now Here heißt deren zehntes Studioalbum, das am 25. Januar über Temporary Residence Ltd. und Pelagic Records erscheinen wird. Mono feiern dann nicht nur diese Veröffentlichung, sondern auch ihr zwanzigjähriges Bestehen. Hut ab und herzlichen Glückwunsch. Jetzt gibt es schon einen Eindruck, wie die neue Platte klingen wird. Breathe ist ein verhältnismäßig ruhiger Song, das Video zeigt verschleierte Bilder vom Aufnahmeprozess. Man kann schon das Düstere, Derbe, Dunkle aus Liedern wie Requiem For Hell vermissen, doch wäre es nicht langweilig, wenn eine Band immer nur das Gleiche machen würde?! Eben!




Millencolin
Auch die schwedischen Skatepunk-Legenden melden sich zurück und veröffentlichen am 15.02.2019 ihr neues Album SOS. Zum Titeltrack gibt's bereits jetzt ein Video: Millencolin at their best! Da freue ich mich jetzt schon auf die Tour...

Apr 23 - SO36, Berlin, Germany
Apr 24 - Markthalle, Hamburg, Germany
Apr 25 - Schlachthof, Wiesbaden, Germany
Apr 26 - Victoria Carlswerk, Cologne, Germany
Apr 27 - Groezrock, Hasselt, Belgium
Apr 28 - Laiterie, Strasbourg, France
Apr 29 - CCO, Lyon, France
Apr 30 - Trabendo, Paris, France
May 2 - Nouveau Monde, Fribourg, Switzerland
May 3 - Live Club, Trezzo Milano, Italy
May 4 - Vidia Club, Cesena, Italy
May 5 - Muffathalle, Munich, Germany


More SOS touring to be announced. Stay tuned!



Dienstag, 20. November 2018

Hannes Wittmer - Das große Spektakel

Quelle: hanneswittmer.de in Verweis auf Lars Kaempf
(ms) Viele Wochen hat das Jahr nicht mehr, sodass sich der Lostopf für das beste deutschsprachige Gitarrenmusikalbum diesen Kalenderjahres langsam endgültig füllt und die Ziehung in naher Zukunft stattfinden kann.
Ein unverschämt gutes Los schmeißt Hannes Wittmer nun dort hinein. Bisweilen ist es - vor Staring Girl und ClickClickDecker - mein Favorit geworden und das in allerkürzester Zeit.
Wer es nicht mitbekommen hat, dem seien hier alle wichtigen Informationen zur Veröffentlichung von Das große Spektakel zusammengefasst: Hannes Wittmer ist derjenige, der vorher Spaceman Spiff war. Er hat das Album ohne Label und Vertrieb produziert. Das Album gibt es unter diesem Link zum kostenlosen Download. Im Frühjahr erfolgt eine Vinyl-Edition beim mairisch-Verlag. Er versucht sich mit dieser waghalsigen, extrem mutigen, ehrlichen und aufrichtigen Aktion aus dem Hamsterrad Musikbusiness zu lösen und findet auf seinem Blog dazu selbst die besten Worte.

Viel ist im Kopf und mit dem Musiker Hannes Wittmer passiert in den letzten Jahren. 2014 hat er übers Grand Hotel van Cleef sein denkwürdig schönes Album Endlich Nichts heraus gebracht, das ihm zu weitläufiger Bekanntheit verholfen hat. Es folgten ausverkaufte Konzerte in schönen Venues. Nur ein Jahr später verkündete er, dass er Spaceman Spiff vorerst auf Eis legen wolle, um sich mit englischen Texten und neuem Equipment als A Tin Man auszuprobieren. Das war okay, aber auf Deutsch entfachen seine Lieder viel mehr Energie. Letztes Jahr spielte er dann wieder unter altbekanntem Namen bis es dann zur gänzlichen Verwandlung in 2018 kam.



Nun ist mit Das große Spektakel sein viertes Album zu haben. Wie ist das Verhältnis eines Künstlers zu seinen Lieder, wenn er sie unter diesem Hintergrund bereitstellt und hält der Titel denn, was er verspricht? Hm, was ist denn nun ein Spektakel? Folgen wir der Definition eines großen Online-Lexikons - ein Ereignis, das Aufsehen erzeugt - dann stimmt es wohl. Nicht wenige befreundete Musiker von Wittmer haben sich voller Anerkennung und Respekt seinem Weg gegenüber geäußert. Und ja, das Album mit zehn Liedern ist wunderbar geworden.
Die ersten paar Takte aus Fragen erinnern leicht an Alin Coen, entwickelt dann aber schnell den altern Spaceman-Charme, wäre ja auch kurios, wenn die Musik sich nun grundlegend geändert hätte. Und was schafft er für einen schönen Wiedererkennungswert: die sanften Melodien und die unkomplizierte Direktheit in den Zeilen: "Wir sind alle entbehrlich, unser Streben banal". Ja, er regt zum Denken an. Rom ist dann ein Beweis für das Glück, dass Wittmers Musik nicht zu der jammernden Melancholie-Generation im deutschsprachigen Indiepop von vor gut zehn Jahren gehört, wo ich das erste Knyphausen-Album oder einzelne, frühe Songs sogar von Herrenmagazin und Enno Bunger zuzählen würde. Es ist durchaus andächtige Musik, keine Frage. Doch sie hat eine lockere Tiefe und ein kluges Songwriting wie bei Größen wie Niels Frevert, jedoch viel hoffnungsvoller. Ist das nicht genial?
Es folgt 140cm, und wenn man sich selbst mal in einer emotionalen Ausnahme- und Umbruchsituation befindet, brechen hier sofort alle Tränendüsendämme. Was für ein irres Lied, was für ein Text! Die Musik ist ja umsonst zu bekommen, daher ist dies hier nun eine Anweisung, es sich irgendwo gemütlich zu machen und diesen Song aufmerksam anzuhören. Knyphausen erzählt wunderbare Geschichten, Staring Girl können hervorragend Perspektiven drehen, Kettcar betrachten eindrucksvoll die Dynamiken unserer Gesellschaft und Hannes Wittmer schafft es dazwischen die Lieder zu schreiben, die - ganz ohne Pathos - sehr nah ans Herz gehen.
Mit Norden ist dann auch ein Lied dabei, das auch schon auf den letzten Konzerten zu hören war. Sollbruchstellen bescheinigt, dass Dramatik und kraftvolle Arrangements auch in seinem Repertoire liegen, da macht sich seine tolle Studioband, die ihn auch wieder live begleiten wird, bezahlt. Auch der mehrstimmige Refrain in Affen, einem gesellschaftspolitischen Track, wird auf der Bühne kommendes Jahr sicher richtig gut. Zum Schluss kommt mit Volkslied tatsächlich eins um die Ecke, das sich als solches entpuppt. Ganz ungewohnt, denn es ist ein Cover von Jan Böttcher. Es klingt anfangs unpassend, am Ende reiht es sich doch nahtlos in dieses herrliche Album ein.

Das große Spektakel ist zu großen Teilen ein leises, aufmerksames und kluges Spektakel. Als musikalische Veröffentlichung jedoch ganz, ganz groß. Meines Erachtens toppt es auch Endlich Nichts. Da war es auch keine wirkliche Frage, ob ich Hannes Wittmer finanziell unterstütze. Es ist nur die Frage, mit welchem Betrag. Ob 20€ jetzt - als Student - zu viel, angemessen oder zu wenig ist, das weiß ich auch nicht so richtig. Wahrscheinlich zu wenig.

01.02. Stuttgart - Club Cann
02.02. Freiburg - Artik
03.02. Wiesbaden - Schlachthof
05.02. Leipzig - Werk 2
06.02. Dresden - Scheune
07.02. Erlangen - E-Werk
08.02. München - Ampere
09.02. Würzburg - Cairo
12.02. Bremen - Tower
13.02. Münster - Sputnikhalle
14.02. Hannover - Lux
15.02. Berlin - Lido
16.02. Hamburg - Uebel & Gefährlich
19.02. Trier - Exhaus
20.02. Aachen - Musikbunker
21.02. Köln - Gloria
22.02. Essen - Zeche Carl
23.02. Heidelberg - Halle 02

Freitag, 16. November 2018

KW 46, 2018: Die luserlounge selektiert

Quelle: www.drodd.com
 (ms/sb) Es wurde schon viel darüber berichtet, was eine Maskierung eines Musikers so bewirkt. Bei Sido war das schon ein guter Trick, Marsimoto nutzt es als Rollenwechsel, bei Slipknot gehört es irgendwie zum Gesamtprogramm dazu. Gestern war ich beim Konzert von Dekker - eine Hälfte von Rue Royale - und Lambert, der ja bekanntlich mit einer Stiermaske auftritt. Da ich ihn vorher noch nicht live sah, habe ich mich immer wieder dabei erwischt, wie ich dauernd auf diese Maske starrte. Der Auftritt war große Klasse, sehr fein und harmonisch. Und witzig war es zwischendurch; die Ansagen der beiden waren ein guter Gegenpol zur ruhigen, beinahe ernsthaften Musik. Was mich selbst überrascht hat, war, dass ich die starken Effekte, die teils auf die Stimme gelegt wurden, mich gar nicht gestört haben, im Gegenteil. Es hat toll gewirkt, so konnte Dekker sich beinahe selbst begleiten. Später am Merchandise-Stand war Lambert auch ohne Maske zu sehen. Dann kam schon die Frage auf, was das soll. Aber egal. Es wirkt ja. Dann kann man es auch dabei belassen.
Hier wird nun wieder wie gewohnt selektiert. Welches ist denn Euer Soundtrack für das Wochenende?

Marteria
Ja, ich bin immer noch mehr als empört über die albumgewordene Frechheit namens 1982, die sich Marteria und Kollege Casper da dieses Jahr erlaubt haben. Wahnsinn, wie schlecht! Umso erfreulicher ist es, dass Marten sich dafür mit einem eindrucksvollen Livealbum rehabilitiert und eindrucksvoll beweist, dass er nicht zu Unrecht zu den ganz Großen (und Guten!) im deutschen Hip Hop zählt.
"Wenn ich will, spiel' ich Ostseestadion" - gesagt, getan! Vermutlich hätte er es bei Hansa auch geschafft, so aber lud Marteria als erster deutscher Solo-Rapper zum Stadionkonzert und 33.000 (!) Menschen aus Nah und Fern strömten nach Rostock. Gigantisch! Geniale Atmosphäre, gelungene Songauswahl, Marten glänzt als Marteria und Marsimoto und das Stadion brennt. Und ich stell mich unter das rote Licht, gib mir Schutz, in meiner Handy Pyro! Die CD-Edition von Live im Ostseestadion (VÖ: 30.11.) lohnt sich sicher, aber hey, bei dem Ding muss auch die DVD her!



Phela
Bereits im letzten Winter nahm Phela den Nachfolger ihres Debütalbums Seite 24 auf, doch manchmal kommt es anders als man denkt und so mussten sowohl der Release als auch die Tour verschoben werden. Der Grund ist der Schönste, den man sich vorstellen kann und kam im Juli auf die Welt. Seitdem dreht sich natürlich alles um den Nachwuchs, doch mit Peter Pan veröffentlicht Phela heute nun endlich einen weiteren Vorboten aus ihrem neuen Album Wegweiser und die neuen Tourtermine stehen auch fest. Nicht verpassen!

12.12. Hamburg, Prinzenbar
13.12. Berlin, Privatclub
14.12. Düsseldorf, Pong
15.12. München, Milla



Faye Webster
Kaum sind die Temperaturen etwas rückgängig geworden, vermisst man den Sommer ja stärker als noch vor einem Monat. Aber hey, es ist Mitte November und würden jetzt fünf Centimeter Schnee liegen, würden sich halt auch alle beschweren. So richtig entspannte, Easy-Listening-Sommermusik kommt jetzt von Faye Webster und das Video ist flamingomäßig lässig, unglaublich: Kingston. Ich mag solche Musik ja unendlich, daher zurecht selektiert. Der Sound ist jedoch so reif und professionell, dass man kaum glauben kann, dass Webster erst 21 ist und das Video auch noch selbst gedreht hat. Die Gründe, das gut zu finden, häufen sich also. In naher Zukunft ist sie zwar eher in Großbritannien und den Staaten unterwegs, wenn sie hier auftaucht, geben wir lautstark Bescheid!




P.O.D.
Ab und an stellt sich folgende Frage: Sollte man als Musiker irgendwann aufhören, wenn man sich nur noch selbst kopiert oder man den ganz großen Erfolgen hinterher trauert? Oder einfach immer weiter machen, bis die Clubs wieder kleiner und die Verkaufszahlen geringer werden? Bei P.O.D. denke ich das seit Jahren. Ich bin/war nicht nur Fan von Satellite, sondern fand auch den Kram davor und teils danach noch richtig gut. Die letzten Alben Murdered Love und The Awakening wurden hierzulande gar nicht mehr beachtet. Zurecht, denn sie waren unglaublich belanglos. Nimmermüde legen sie nach. Heute erscheint mit Circles tatsächlich ihr zehntes Album. Man kann schon reinhören und muss auch hier festhalten, dass es nichts Neues zu hören gibt. Nun gut. Dennoch touren sie weiter, weil sie Energie und Rückhalt verspüren, wie sie unlängst in einem Video felsenfest beteuert haben. Ich glaube ihnen. Sie kommen auch bald in unsere Breitengrade:

15.02. Saarbrücken - Garage
17.02. Zürich - Dynamo
19.02. München - Backstage
20.02. Köln - Essigfabrik




Moritz Krämer
Ich weiß nicht genau wieso. Aber die Musik von Moritz Krämer war bei mir immer als etwas wehleidig abgespeichert. Aber das stimmt ja gar nicht. Dafür sind ja andere Protagonisten verantwortlich; wir nennen keine Namen. Nicht nur solo, sondern (insbesondere) mit Die Höchste Eisenbahn macht er so tolle, schöne Musik mit feinen Texten, dass Wehleidigkeit einem da gar nicht in den Sinn kommt. Eher kommt sein neues Album, und zwar am 1. Februar über Tapete Records (wo auch sonst?!). Es heißt Ich habe einen Vertrag unterschrieben 1&2 und ist tatsächlich ein Doppelalbum übers Verträge unterschreiben, verhandeln und wieder raus kommen und die Pressemail meint auch über Liebe, Streit und Versöhnung statt über das Kleingedruckte. Das macht eigenartig neugierig. Hier gibt es ein Video und Tourdaten.

07.03.19 Hamburg - Knust
08.03.19 Hannover - Kulturzentrum Faust (Mephisto)
09.03.19 Essen - Zeche Carl
10.03.19 Wiesbaden - Schlachthof
11.03.19 München - Ampere
13.03.19 Schorndorf - Manufaktur
14.03.19 Nürnberg - Club Stereo
15.03.19 Leipzig - Die naTo
16.03.19 Berlin - Lido
17.03.19 Dresden - Beatpol
18.05.19 Köln - Cardinal Sessions Festival IX



Dagobert
Ach Käseland, ach Alpenland, ach liebe Schweiz. Was sind wir die dankbar, dass du uns Dagobert geschickt hast. Ich wohne in Westfalen und hier wird zum Teil astreines Hochdeutsch ohne Schnörkel gesprochen, da verliebt man sich schnell in alles, was davon abweicht und Dagobert gehört definitiv dazu. Das ging mir schon bei Ich Bin Zu Jung so, und die Ankündigung auf das neue Album Welt Ohne Zeit, das am 1. März bei Staatsakt erscheint, schnürt diesen Eindruck gut zusammen. Zum Glück ist es nicht mehr nur Schlagerhommage oder -parodie, sondern ehrliche Musik. In Du Und Ich, der ersten Auskopplung, wird es zwar auch schnulzig, aber nicht mehr so derbe. Zudem gibt es ein feines Frankenstein-Video dazu. Kommendes Jahr geht es dann auf große Tour!

21.03.19 Hannover - Lux
28.03.19 Chemnitz - Atomino
29.03.19 Mainz - Schon Schön
30.03.19 Essen - Hotel Shanghai
04.04.19 Stuttgart - Merlin
05.04.19 München - Kranhalle
06.04.19 Augsburg - SoHo Stage
11.04.19 Rostock - M.A.U. Club
12.04.19 Hamburg - Uebel & Gefährlich
13.04.19 Leipzig - Naumann's im Felsenkeller
14.04.2019 Dresden - Scheune
19.04.2019 Berlin - Lido

Donnerstag, 15. November 2018

ClickClickDecker - Am Arsch der kleinen Aufmerksamkeiten

Foto: Sophie Krische
(ms) ClickClickDecker ist wieder da. Oder? Hm, Moment. Irgendwas ist doch falsch daran, oder? Ja, gewissermaßen, denn seit zehn Jahren spielen Kevin Hamann und Oliver Stangl schon zusammen. Doch seit dem letzten Album aus dem Jahre 2014 sind sie zusammen ClickClickDecker und nicht mehr Hamann allein. Jetzt setzen sie noch einen drauf, oder viel mehr: Es setzt sich noch einer dazu. Das ist Sebastian Cleemann. Denn kein Unbekannter ergänzt die beiden zu einem Trio. Cleemann ist verschrobener Alleskönner, spielte früher bei Kate Mosh, ist alleine Petula und brüllt bei UNS gerne mal von Bühnen ins Publikum. Ist ja alles Kunst.
Zusammengefasst: ClickClickDecker sind wieder da. Und morgen (16. November) veröffentlichen sie auf Audiolith Records - wo auch sonst?! - ihr mittlerweile sechstes Album, das auf den wunderschönen Titel Am Arsch der kleinen Aufmerksamkeiten hört. Ja, da haben sie schon recht. Aus vielen unscheinbaren Mücken werden schnell unübersehbare Elefanten gemacht. Das können Befindlichkeiten sein, doch da gehe ich nicht nicht ganz d'accord mit dieser Lesart, denn erstmal darf über vieles gemeckert und sich beschwert werden, wenn es denn einen vernünftigen Grund gibt. Wenn einen etwas stört, muss darüber geredet werden oder zumindest nachgedacht. Wenn es jedoch um Fragen wie "Hä, du hast die zweite Staffel Westworld noch nicht gesehen?" geht, dann geht das klar. Denn über Zeitverschwendung lässt sich genüsslich streiten.

Dreizehn nigelnagelneue Stücke erwarten einen auf der neuen Platte. Und das Schöne ist, es gibt kaum nennenswerte Überraschungen. Halt, das darf auf keinen Fall als vernichtende Kritik gemeint sein. Es gibt diesen einen typischen ClickClickDecker-Sound: Kopfnickerschlagzeugbeat, trudelnde Akustikgitarre, dezenter Bass und Hamanns schnodderiger Gesang. Das ist alles super sympathisch. Und wer sich mit Kevin Hamanns Kunst auskennt, der weiß, wie breit seine Kreativität reicht. Bratze waren dampfender Elektro mit Geschrei und mit Ludger gibt's knallharten, schnellen, knarzigen Punk. Mit ClickClickDecker halt wunderbaren Indie-Gitarren-Pop. Gut so.



Mit Mandelika startet das Album jedoch groß und breit, so ganz ungewohnt, bis Gitarre und Gesang dann in alte Fahrbahnen lenken. Schnell wird beinahe im Vorbeihören Loriot zitiert. Der Rest bleibt ja oft recht kryptisch. Das ist schön, denn den Hörenden wird somit sehr viel Raum gegeben, um die Texte selbst zu erkunden, sie sich zu eigen zu machen und zu interpretieren. Dazu gehören auch Zeilenumbrüche wie "Ich hab da mal was vorbereitet [Pause] für meine Todesanzeige". Ja, so kennt man Click, welches doch immer irgendwie Hamann selbst bleiben wird, denn seine Texte sind seit jeher zentraler Bestandteil dieses Projekts.
So nimmt das neue Werk seinen Lauf und schließt nahtlos daran an, wo Ich glaub dir gar nichts und irgendwie doch alles geendet hat. In Stoßlüften singt Hamann manchmal so herrlich wackelig hoch, auch das erinnert an frühere Zeiten. Ja, es tut mir leid, dass ich hier immer wieder in eine gewisse Nostalgie verfalle, doch Innovationspotential fehlt halt gänzlich. Und so fühlt sich das Album ein wenig an wie wenn man Weihnachten nach Hause kommt: Immer wieder schön, aber auch berechenbar. Dafür entschädigen dann Zeilen wie "Ich pass nicht mal in meinen eigenen Kram, und deiner liegt hier auch" (Bielefeld) oder "Wenn du mich so magst, warum sagst du's nicht?" (Zwei Klettergerüst) oder "Irgendwo kocht irgendwer irgendwas auf dem Herd" (Stoßlüften).



Am Arsch der kleinen Aufmerksamkeiten ist ein gutes Album, keine Frage. Aber selten hört man so richtig auf trotz der vielen herrlich verschwurbelten Texte. Und die Konkurrenz schläft halt nicht, Hannes Wittmer überzeugt mit seinem großen Spektakel (bald hier im Blog), Staring Girl sind insgesamt feiner, Gisbert zu Knyphausen detaillierter produziert.
Aus eigener Erfahrung können wir jedoch sagen, dass ein Konzertbesuch von Kevin Hamann, Oliver Stangl und Sebastian Cleemann sich sehr, sehr lohnen wird. Hier touren die drei demnächst entlang, lasst es euch nicht entgehen:

15.11.2018 Hamburg, Astra Stube (ausverkauft)
16.11.2018 Jena, Rosenkeller
17.11.2018 Bonn, Bla

07.03.2019 Berlin, Funkhaus
08.03.2019 Leipzig, Neumanns
09.03.2019 Nürnberg, Club Stereo
10.03.2019 München, Kranhalle
11.03.2019 Wiesbaden, Schlachthof
12.03.2019 Oberhausen, Druckluft
13.03.2019 Köln, Artheater
14.03.2019 Bremen, Tower
15.03.2019 Hannover, Lux
16.03.2019 Hamburg, Knust