Freitag, 14. Februar 2020

KW 7, 2020: Die luserlounge selektiert!

Bild: effectivebusinessideas.com
(ms/sb) Vier Ks sind in dieser Woche zurückgetreten oder haben dies zumindest angekündigt, doch darüber ich schon alles gesagt. Eine Woche später darf man immer noch nicht vergessen, was in Thüringen passiert ist. Dass die Nazis die Liberalen und Konservativen vorgeführt haben. Dass Letztere das aber auch mit sich haben machen lassen; das ist meines Erachtens der entscheidende Punkt. Dieses abgekartete Spiel war klar ersichtlich. Und was besonders bitter aufstößt, ist, dass die CDU die Linke und die Nazis gleichstellt. Mit beiden dürfe man nicht regieren. Was für eine kurzsichtige und von Grund auf falsche Gleichsetzung. Die Einen sind schon lange nicht mehr die Nachfolgepartei der SED, die Anderen jedoch waschechte Faschisten, die die Bevölkerung aufwiegeln. Hier muss differenziert werden!

Das als kleines (tages-)politisches Input. Wir sind jedoch keine Journalisten. Wir sind Musiksüchtige. Wir sind die luserlounge. Und zu jedem Freitag bemühen wir uns um einen Rundumschlag. Wir nennen es Selektion. Bitte sehr:

A Choir Of Ghosts
(sb) Oh Mann, der lässt sich aber Zeit! Seit rund einem Jahr veröffentlicht James Auger aka A Choir Of Ghosts immer mal wieder einen Track, um sein bevorstehendes Debütalbum zu teasern, am 03.04. soll es nun aber tatsächlich endlich so weit sein. An Ounce Of Gold wird das gute Stück heißen und die bisher vorgestellten Songs des in Schweden lebenden Briten lassen auf ein erdiges, bodenständiges und doch nie fades Werk schließen. In diese Kerbe schlägt auch die neue Single Sinner in Rapture, die heute erscheint. Der Künstler selber beschreibt die Intention des Songs wie folgt: „Sinner In Rapture is about the way all young people are set up to fail with the way society is built and how I didn’t want to be part of that capitalist machine. (…) This song is the end of the world, the end of everything we know.”
Hier könnt Ihr in den Track reinhören und Euch selbst ein Urteil bilden:



Green Day
(sb) Ich bin irritiert. What the holy fuck ist das denn bitte? 26 Minuten? Wollt Ihr uns eigentlich verarschen? Mit Dookie und Nimrod haben Green Day zwei maßgebliche Alben der 90er veröffentlicht und ja: ich war Fan! American Idiot ebnete dem Trio aus Kalifornien 2004 dank Boulevard Of Broken Dreams und vor allem Wake Me Up When September Ends den Weg in den Mainstream, doch seitdem war es trotz einiger Releases eher ruhig um Billie Joe Armstrong und Konsorten. Ich hatte 2012 das zweifelhafte Vergnügen, Green Day auf dem Rock am See-Festival in Konstanz zu erleben und es war wirklich desaströs. Ein schiefer Ton jagte den nächsten, Textsicherheit inexistent und auch die Versuche, das Publikum durch coole Sprüche zu überzeugen, ging mächtig in die Hose. Nach diesem Reinfall war meine Erwartungshaltung hinsichtlich des neuen Album Father Of All Motherfuckers, das vergangenen Freitag erschien, ohnehin bereits gedämpft, wurde aber auch kein bisschen positiv übertroffen. 26 Minuten (man kann es gar nicht oft genug schreiben!) lang bedeutungsloses Rumgedudel, das wohl sowas wie Punk sein soll. Green Day wollen wohl jung klingen, mehr als ein billiger Abklatsch ihrer selbst kam dabei aber nicht raus. Leider.


Roedelius
(ms) Kurz vorm Tippen und den folgenden Worten fiel mir ein, wie häufig ich an dieser Stelle über verschiedene Genres schreibe. Meist dann, wenn ich die Gruppe oder den Künstler nicht kenne. So auch hier. Roedelius komponiert, schreibt, arrangiert, erzeugt seit Jahrzehnten elektronische Musik, die im Bereich Ambient zu verorten ist. Seichte, sanfte, leicht hypnotisierende Klänge, die man genüsslich nebenbei und auch offenen Ohres hören kann. Ambient. Irgendwie kann man eher erfühlen, als formulieren, was das bedeutet. Man wird von den Tönen ein wenig in Watte gepackt und durch die Schwerelosigkeit getragen. Das zeigt er auch auf seinem neusten Werk, das den wunderbaren Titel Selbstportrait Wahre Liebe trägt. 12 leise, aber auch prägnante Lieder zieren diese bemerkenswerte Platte. Denn sie bildet die aktuelle Spitze des Eisbergs in Roedelius' Schaffen. Obacht: Der gute Mann wird in diesem Jahr 86 Jahre jung! Sechsundachtzig! Manch einer ist froh, überhaupt noch da zu sein, oder hören zu können. Hans-Joachim Roedelius komponiert, als wäre nichts gewesen. Nerdwissen: Roedelius ist nicht irgendwer. Er ist maßgeblicher Protagonist der elektronischen Musik Berlins, Initiator des kurzlebigen, aber einflussreichen Zodiak-Clubs und Mitbegründer von Kluster.
Am 10. April erscheint dieses Album beim schönen, geschmackvollen Spartenlabel Bureau B.
Dieses Hörbeispiel geht grob in die aktuelle Richtung, Prelistening des neuen Albums über Soundcloud hier!



Giver
(sb) Wir haben es ja bereits mehrfach betont: wir sind musikalisch für sehr Vieles offen und ja, gelegentlich lassen wir uns auch gerne mal anschreien. Im Falle von Giver ist das definitiv der Fall, denn deren Album Sculpture Of Violence (VÖ: 07.02.) ist nicht nur extrem energetisch, sondern bietet zudem textlich eine Ebene, die sich im Hardcore-Bereich nur selten finden lässt. Die Bildung eines sozialen Bewusstseins, das Erkennen struktureller Ungerechtigkeiten sowie eine kritische Auseinandersetzung mit patriarchalischen Konstrukten und gesellschaftlichen Gewohnheiten lassen auf eine durchaus intellektuelle Herangehensweise schließen, was das Geknüppel sehr spannend und vielschichtig veredelt. Ich habe das Album am Montag angehört, während ums Auto herum der Orkan "Sabine" tobte - Giver waren lauter. Dürfte auch live für ordentlich Betrieb sorgen, also hin da:

06.03. Paderborn, Wohlsein
07.03. Köln, AZ
17.03. Hamburg, Goldener Salon
19.03. Bochum, Trompete
20.03. Berlin, Maze
21.03. München, Milla




Klangstof
(ms) So richtig gute elektronische Musik ist schwer zu finden. Klar, liegt auch daran, was man sucht. Ich suche nach guten Beats, leichten Dissonanzen, viel Drive und einer nicht zu unterschätzenden Portion Innovation. Das schätze ich an Rangleklods oder SOHN. In diese Reihe (oder daneben, je nach dem, wie man das Bild zeichnen möchte), reihen sich Klangstof ein: Nicht zu laut, nicht zu wummerig, nicht zu viel Plastik, wenig Effekte auf der Stimme (Stichwort: Autotune) und nicht zu viel Spielerei. Straight, klar, etwas verschnörkelt, schön poppig und mit genau der richtigen Portion Eingängigkeit plus gut gestreutes Hitpotential. Klangstof, dahinter verbirgt sich der niederländisch-norwegische Musiker Koen van de Wardt und beweist einmal mehr, dass aus ungeahnten Ecken sehr bemerkenswerte Musik kommen kann (siehe Referenzen oben). Anspieltipps für das am 21. Februar erscheinenden Albums Mind Of A Genius: They Could Have Saved The Universe, Blank Page oder die Kollabo mit The Flaming Lips We Never Liked The Outcome.

11.03.20 - Bi Nuu, Berlin
12.03.20 - Artheater, Köln
13.03.20 - Kranhalle, München



Mush
(sb) Hui, da hat aber jemand beim Workshop "Art Brut für Anfänger und Fortgeschrittene" ganz besonders gut aufgepasst! Die luserlounge ist den Briten um Eddie Argos gegenüber ja bekanntlich sehr positiv eingestellt und insofern haben Mush erstmal gute Karten. Deren Debütalbum 3D Routine (VÖ: heute!) kommt überraschend politisch daher, wobei man sich mitunter schon etwas in die Texte reinfuchsen muss, um die Intentionen zu erkennen. Das Album ist eine Ode an das Zeitalter der Fake News, die Tracks ergeben als Ganzes eine uniformierte, raue aber emotionale, hemmungslose und verführerische Melange von Sound und Meinung - ein schnelllebiger Schnappschuss der Gegenwart, in dem sich politische und persönliche Überzeugungen verflechten.



2Raumwohnung
(ms) Gibt es neben den Humpe-Schwestern vergleichbar einflussreiche Geschwisterpaare, die die deutsche Popmusik derart gestaltet haben?! In deutscher Popmusikgeschichte bin ich nicht besonders gut, aber ad hoc fällt mir niemand ein. Anette mit Ideal, Inga mit Neonbabies. Später Anette mit Ich + Ich, Inga mit 2raumwohnung. Letztere gehören viele Jahre nach Roedelius (s.o.) zu wichtigen Akteuren der Berliner Popmusikszene, bis ihr Erfolg durch die Charts brach. Ich und Elaine oder 36 Grad sind nur zwei der prägnanten, ohrwurmversursachenden Singles, die sie in 20 Jahren veröffentlicht haben. Höchste Zeit also für ein Best Of, das den einfachen Titel 20 Jahre 2raumwohnung und in zwei Wochen (28. Februar) erscheint. Selbstredend sind es auch 20 Lieder, die darauf vereint sind; ein paar, zum Glück nur wenige Remixe, ansonsten eben das, was auf ein Best Of gehört samt zwei neuer Tracks. Ich habe das Glück, die Platte schon hören zu dürfen und attestiere ihr enormes Tanzpotential! Man schreibt schnell, dass man eine Platte haben müsste; oft stimmt das natürlich nicht. Wenn man sich für deutschsprachigen Pop interessiert, dann ist das hier Pflicht. Und unheimlich gut!



ÄTNA
(ms) An den letzten Freitagen haben wir versucht, ein paar Jazz-Acts anzuwerben, ohne wirklich viel über dieses Genre sagen zu können außer Allgemeinplätze. Wir bleiben da am Ball und geloben Besserung. Wie die Wege des Jazz' sich jedoch entwickeln können, ist höchst erstaunlich! Inéz und Demian bilden das Duo ÄTNA und kommen ursprünglich aus dem Jazz, den vermeintlich ruhigen, sanften Tönen. Was jedoch essentiell wichtig für Jazz ist, ist Improvisation. Jeder darf sich insbesondere live mal an seinem Instrument austoben. Dass das auch mit elektronischem Inventat funktioniert, zeigen die beiden auf ihrem Erstling Made By Desire. Das Album erscheint heute (!) und ist ein Lehrstück, dass man seine Wurzeln gerne mal verlassen darf; man sie aber nie ganz aufgeben kann. ÄTNA präsentieren darauf catchy tanzbare, mitunter auch aneckende, aber auch melodiöse elektronische Musik. Die Platte wirkt aufgrund ihres Facettenreichtums wie ein Mixtape, wandelt zwischen Glitzerpop (Won't Stop) und ruhigen, ja, atmosphärischen Tönen (Touch My Fantasy). Doch es gibt noch mehr zu entdecken, als die ersten beiden Tracks. Daher: Zeit nehmen und sich überraschen lassen.
Und heute hagelt es noch mehr nerdige Fakten: Aufgenommen wurde das Werk von Moses Schneider. Ja, richtig gelesen: Der Haus- und Hofproduzent von Turbostaat oder Beatsteaks, der nur live aufnimmt. Das hat er hier tatsächlich auch getan. Wichtige Info beim Hören. Also: Los!

26.02.2020 Ludwigshafen, dasHaus
27.02.2020 CH-Baden, Royal
28.02.2020 CH-St.Gallen, OYA Bar
29.02.2020 CH-Biel, Le Singe
01.03.2020 Esslingen, Cosmic Playgrounds
06.03.2020 Dresden, Objekt klein a (ausverkauft)
07.03.2020 Wuppertal, Loch
08.03.2020 Köln, Jaki
11.03.2020 Berlin, Lido (ausverkauft)
12.03.2020 Hamburg, Uebel & Gefährlich
13.03.2020 Nürnberg, Club Stereo
14.03.2020 Jena, Kassablanca
18.03.2020 AT-Wien, Fluc
19.03.2020 AT-Salzburg, Rockhouse Bar
20.03.2020 München, Milla
03.04.2020 Lörrach, Between The Beats
16.04.2020 Osnabrück, Popsalon
01.10.2020 Berlin, Gretchen
03.10.2020 Dresden, Beatpol

Freitag, 7. Februar 2020

KW 6, 2020: Die luserlounge selektiert!

Bild: phase-6.de
(ms/sb) An diesem Mittwoch war es in Norddeutschland richtig schön: kalt und blauer Himmel. Das rief natürlich nach einem Spaziergang an der knackigen, frischen Luft. Dem bin ich nachgegangen (haha...). Nach Häusern und Siedlungen folgte schönes Grün; beim Eintritt in die Zivilisation ein Bolzplatz. Dort kickten zwei Jugendliche, schätzungsweise zwischen 15 und 17. In kurzen Hosen. Okay. Und es ballerte ordentlich Musik. Bluetooth-Boxen sind ja Fluch und Segen zugleich. Fluch in Händen musikverirrter Menschen. Das war auch meine Befürchtung; doch statt fiesem Autotune-Billo-Rap schallte etwas anderes über die Wiese. Und ich musste laut loslachen, denn "Das ist Wahnsinn..." Tatsächlich pumpten die beiden ordentlich Wolfgang Petry. Wie kam es dazu?! Vielleicht so:
"Ey, lass bolzen geh'n." - "Gute Sache das." - "Pumpe noch schnell den Ball auf." - "Super, hab Bock." - "Aber is' ja so ruhig dahinten, haste noch deine Box?" - "Sicher. Bring ich mit." - "Perfekt, ich hab gute Mukke aufm Handy." - "Aber bitte nich' wieder Finch Asozial oder Apache 207, das lief schon den ganzen Tag auf'm Schulklo." - "Neee... ich hab da was bei meinen Eltern gehört am Wochenende. Richtig gutes Zeug." - "Na dann, dreh mal auf!"

Zum Glück bist Du bei der Luserlounge gelandet. Hier ist guter Geschmack garantiert. Und zwar immer. Heute auch. Denn es ist Freitag. Wir haben selektiert.

Florian Ostertag
(sb) Kein Indie, kein Rock, kein Alternative - einfach nur Pop, der aber wunderschön! Florian Ostertag beweist mit seinem neuen Album Flo And The Machine (VÖ: 28.02.), dass man nicht zwingend was besonders Abgedrehtes machen muss, um herauszustechen. Manchmal sind es die kleinen, eigentlich ganz gewöhnlichen Parts, die einen Künstler aus der Masse abheben und ihre Songs hörenswert machen: die Liebe zur Musik, die Liebe zu den Tönen und Texte, die man selber gerne geschrieben hätte, weil sie aus dem Leben heraus entstanden und in vielen Fällen nur allzu gut nachvollziehbar sind. Zehn Jahre ließ sich Ostertag Zeit für sein zweites Album und das hat sich mal so richtig gelohnt; er ist zumeist ein Mann der leisen Töne und so verwundert es nicht, dass er in der Vergangenheit auch als Support für William Fitzsimmons, Alin Coen oder Philipp Poisel unterwegs war, wobei er Letzteren aber mal ganz easy in die Tasche steckt. Mein Favorit auf dem neuen Album ist ja Can't Say What You Want, wobei das bei dem an den Tag gelegten hohen Niveau fast schon ungerecht gegenüber den anderen Tracks ist. Große Gefühle, die Ihr Euch (auch live!) nicht entgehen lassen solltet.

05.03. Ulm, Roxy
06.03. Schwäbisch Hall, Anlagencafé
07.03. Reutlingen, franz.K
08.03. Chemnitz, Atomino
09.03. Berlin, Schokoladen
10.03. Dresden, Societaetstheater
11.03. Erfurt, Museumskeller
12.03. Göttingen, Apex
13.03. Bayreuth, Zentrum
14.03. Darmstadt, Künstlerkeller
15.03. Offenbach, Hafen 2
17.03. Haldern, Haldern Pop Bar
18.03. Köln, Die Wohngemeinschaft
19.03. Düsseldorf, Hotel Friends
20.03. Bielefeld, Bunker Ulmenwall
21.03. Dortmund, subrosa
22.03. Wuppertal, Utopiastadt
23.04. München, Milla Club
24.04. Leipzig, Horns Erben
25.04. Magdeburg, Moritzhof


TVIVLER
(sb) Die luserlounge beinhaltet mittlerweile über 800 Blogbeiträge, aber eine Band, die auf Dänisch singt, hatten wir bislang - zumindest glaube ich das - noch nicht. Zeit wirds und mindestens ebenso laut, denn TVIVLER aus Kopenhagen versorgen uns mit reichlich dezibelbehaftetem Punkrock und Hardcore. EGO (VÖ: 03.04.) ist ein mutiges und trotziges Album über Beziehungen zu sich selbst und anderen, über Unentschlossenheit und innere Ungeheuerlichkeiten. Die Tracks handeln u.a. vom Überleben in Zeiten des Turbokapitalismus, davon durchzuhalten ohne sich festzuhalten und sich dazu zu bekennen, was richtig und wichtig ist. Wers gerne dirty hat, der ist hier genau richtig!



Sundays
(sb) So, wenn wir schon mal in Kopenhagen sind, dann machen wir doch direkt mit der nächsten Band von dort weiter: Die Sundays bevorzugen eher ruhigere Töne und verzaubern mit ihrer neuen Maxi Colourblind samt famoser B-Seite High Or Low. Die Dänen verfolgen bei ihren Releases übrigens ein recht interessantes Konzept: Bei den bevorstehenden Single-Veröffentlichungen dürfen sich diverse Produzenten und Mitmusiker am Sound des Quartetts versuchen, um das ideale Setting für das nächste Album zu erarbeiten. Klingt spannend, oder?



Lucien & The Kimono Orchestra
(ms) Neo Klassik ist ja irgendwie das falsche Wort für ein ganz tolles, bezauberndes Genre. Das Neo impliziert ja, dass es etwas jüngst Erschaffenes ist. Das Klassik die grobe musikalische Richtung. Heißt im Umkehrschluss ja auch, dass es solch Musik längere Zeit nicht gegeben hat. Und das ist schlichtweg falsch. Schaut man in die klassischen Konzertsäle, Musikschulen, Kirchen, dann wird klar, dass natürlich die alten Meister oft gespielt werden, jedoch immer in einem Mix mit Neuem. Was sich geändert hat, ist dass ein Hype dazu kam. Wo er seinen Ursprung hat: Keine Ahnung. Genauso ließe sich Lucien & The Kimono Orchestra sicher als Neo Klassik beschreiben; doch das greift viel zu kurz. Am vergangenen Freitag (31. Januar) erschien auf dem französischen Label Cracki Records sein Album Piano Martinée. Es ist minimalistisch und dunkel. Beschwingt und jazzig. Andächtig und leicht. Zum Hören lohnt es sich, alles andere auszublenden und die durch den Klang entstehenden Bilder vor dem inneren Auge zur Geltung kommen zu lassen. Und dann wird klar, welche Kraft und Magie dieser Musik innewohnt.
Sicher wird auch Lucien auf der aktuellen Hype-Welle surfen können. Es sei ihm gegönnt. Und wir Yuppies müssen in diese Konzerte gehen (auch wenn er bald nur in Frankreich auftritt); um uns zu öffnen und den Altersschnitt zu senken. Auf geht's!



Laikka
(sb) Es gibt ja ganz verschiedene Arten, wie wir mit Bands in Kontakt kommen und uns Neuigkeiten zu bevorstehenden Releases erreichen. In der Regel erhalten wir Promo-Mails diverser Agenturen, in denen in blumigen Worten die anstehenden Veröffentlichungen angepriesen werden, des Öfteren informieren wir uns selber über unsere Lieblingsacts oder werden von Dritten auf tolle Bands aufmerksam gemacht. Diesmal war es etwas anders: Laikka aus Wien hatten von unserem Blog gehört und haben uns einfach mal ne Email geschrieben, um uns ihre neue Single Currents (VÖ: 31.01.) vorzustellen. Und da der Track trotz eher ruhiger Töne sehr überzeugend und kraftvoll vom Loslassen erzählt und von A bis Z zu gefallen weiß, kommen wir der Bitte natürlich gerne nach und hoffen auf weitere solche Nachrichten.


Nicholas Müller
(ms) Was für eine Bürde. Da ist man mit Band Nummer zwei und unter dem eigenen Namen unterwegs und wird immer wieder mit der ersten Band promotet und angepriesen. Diese Geschichte verfolgt auch Nicholas Müller. Erst sehr erfolgreich gewesen mit Jupiter Jones, dann kam die Angststörung und die entsprechende, zum Glück erfolgreiche Therapie, dann von Brücken und das eigene Buch Ich bin mal eben wieder tot. Es ist immer wieder äußerst bemerkenswert, wie leidende Menschen ihre Gefühlswelt kreativ verarbeiten können. Da kann man nur den Hut ziehen. Insbesondere, wenn man gerne und oft auf der Bühne steht und immer wieder mit diesem Thema konfrontiert wird. Gerade für solche Krankheitsbilder wie einer Angststörung ist es wichtig, darüber zu sprechen, ja, auch zu lachen (siehe Nico Semsrott). Und so lädt Nicholas Müller zu einem Abend ein, auf dem er Geschichten erzählt/liest und Lieder singt.
Zum Sterben Zuviel heißt sein Programm; er wird vom Neonorchester musikalisch begleitet und man darf auf unterschiedliche Gesprächsgäste gespannt sein. Ein Abend zwischen Humor, Ernst, Musik und Kabarett. Das gibt es im April und Mai hier:

04.04.2020 Dresden, Beatclub
05.04.2020 Berlin, Quasimodo
26.04.2020 Ludwigsburg, Scala
15.05.2020 Hannover, Pavillon
18.05.2020 Hamburg, Imperial Theater
19.05.2020 Hamburg, Imperial Theater
20.05.2020 Neumünster, Altes Stahlwerk
22.05.2020 Worpswede, Music Hall




Olli Schulz
(ms) Oft habe ich mich gefragt, ob Olli Schulz sich einen Gefallen getan hat, bei Circus HalliGalli mitzuwirken. Doch ich habe mich dagegen entschieden, das zu bewerten. Denn: Olli Schulz hat immer schon das getan, worauf er gerade Bock hatte. Dazu gehören halt auch FickiFicki, Schulz & Böhmermann, der jüngste NDR-Beitrag oder die tolle arte-Story mit Tom Schilling.
Doch im Herzen ist und bleibt er Musiker, Entertainer, Geschichtenerzähler, Bühnenmensch. Und er muss halt auch damit leben, dass die FickiFicki-Fraktion zu seinen Konzerten kommt. Ob sie seine wunderbaren, tragischen, erwärmenden Lieder wie Koks & Nutten, Schon lange was defekt, So muss es beginnen oder Verliebt in 2 Mädchen verstehen... ich wünsche es allen. Denn: Olli Schulz geht wieder auf Tour und das lange und vielen, tollen Städten. Doch wartet mal... nicht aus seiner Sicht. Denn die Tour heißt Eigentlich will ich da nicht mehr hin. Zu viel Rumgeeiere?! Quatsch, sicher steckt dahinter eine der vielen wunderbaren Geschichten, die ihn halt auszeichnen.


Great News
(ms) Vor ziemlich genau zwei Jahren ging es los. Am 16. Februar 2018 gab es sehr gute Neuigkeiten aus Norwegen. Denn in Bergen hat sich ein Trio gebildet, das an diesem Tag ihr erstes Album auf den Markt schmiss. Ihr Name: Great News. Die Platte: Wonderfault. Ihre Musik: Angenehm psychedelischer Gitarrenrock, der wunderbar ins Ohr, ja, auch in die Beine geht. Gut, dass aus dem hohen, derzeit dunklen Norden nicht nur die Metalschiene bedient wird. Nun gibt es Nachschlag! Am 17. April kommt der Nachfolger: Now And Them. Und der erste Vorbote Greedy Little Thing ist zwar nicht mehr ganz so psychedelisch, dafür enorm eingängig. Und das tut irre gut. Nicht verkopft, nicht so wahnsinnig kompliziert, sondern staight. Der Track erinnert saustark an die große Indiepoprockzeit aus den 00er Jahren und hat veritables Hitpotential. Seien wir ehrlich: Es wird unwahrscheinlich sein, dass das Trio hier richtig durchstarten wird. Zu wünschen ist es ihnen allemale. Denn dieser Song, diese Band kann, soll, darf, muss auf den guten Indie-Partys zwischen The Killers, Franz Ferdinand und The Kooks laufen. Über die Platte werden wir selbstredend auch berichten. Bleibt dran!



Hamilton Leithauser
(ms) Vor vier Jahren wurde ich von einem Album überrascht, deren Protagonisten ich bis dahin nicht kannte. Das waren Rostam Batmanglij und Hamilton Leithauser. Ersteren kann man von Vampire Weekend kennen, den zweiten - um den es hier geht - von seiner vorherigen Band The Walkmen; immerhin hat er sieben Alben unter diesem Namen veröffentlicht. Vor vier Jahren dann das Konzeptalbum I Had A Dream That You Were Mine und es ist ein irrer Wurf, der heute noch regelmäßig bei mir läuft.
Jetzt geht der Amerikaner Solopfade und der Sound ist vergleichbar mit dem erwähnten Kollabo-Album: Rauer, sehr prägnanter Gesang mit Gitarre, Bass, Klavier, ein wenig Banjo und unglaublich viel Groove, das packt sofort. Außerdem: Musik und der Faktor Mensch waren noch nie zu trennen. Leithauser bringt ihn auf ganz neuer Ebene noch dichter zusammen. Denn es gibt ein neues Werk. Auf jedem Stück ist die Geschichte einer echten Person zu hören, deren Werdegang, Prägnanz, Fokus er beleuchtet. Ein tolles, bemerkenswertes Projekt, das in der Entstehung viel Empathie, Einfühlungsvermögen, Zeit, Fingerspitzengefühl und Kreativität benötigt. Zu hören gibt es jetzt schon Here They Come, unter dem Video (wenn man bei YouTube guckt), ist auch der Text nachzulesen, mitzusingen. Hier wichtiger denn je!


Montag, 3. Februar 2020

Live in Bremen und Lübeck: Kettcar!

So ging das in Bremen. Foto: luserlounge
(ms) Die Frage wurde mir häufiger gestellt: "Warum gehst du an zwei aufeinander folgenden Tagen zu Konzerten der gleichen Band? Ist das nicht zwei Mal genau das Gleiche?"
Ja, war es. Dennoch versuche ich nun, diese Frage zu beantworten.

Wie schon im letzten Beitrag auf dieser Seite erwähnt, befand sich die Hamburger Gruppe Kettcar in den letzten Tagen auf Tour. Die letzten Konzerte vor einer längeren Pause. Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, Marcus, Reimer, Lars, Erik und Christian lösen diese Institution nicht auf! Haben in den letzten Jahren auch immer wieder betont, dass sie ihre Songs so lange weiter spielen, wie es geht. Die große Zwischen Den Runden-Krise ist bekanntlich sehr gut überwunden worden. Der Hintergedanke: Wenn die Band sich jetzt direkt wieder ins Studio beginnt, können sie unmöglich ein Album produzieren, das annährend an Ich vs. Wir herankommt. Und das ist ein kluger Gedanke, hier muss nichts verwertet werden bis zum endgültigen Ausverkauf.

Kettcar ist und bleibt die Band, die mich am stärksten persönlich anspricht, mit der Haltung, die sie vermittelt, mit den Liebesliedern, den Politischen, den aus dem Leben Gegriffenen. Und mit der irren Sympathie, die die fünf Herren auf der Bühne versprühen. 2007, also vor dreizehn Jahren (ich war gerade noch 16) sah ich sie in Münster zum ersten Mal. Es war ein Türöffner. Relativ schnell hat mich diese Band aus der oberflächlichen in die tiefgehende Musikkultur katapultiert (dem Alter zu schulden). Es hat nicht nachgelassen, im Gegenteil. Es wurde eine große, stabile Verbindung. Logisch, sie ist einseitig, aber das ist mir egal. Ja, ein Kettcar-Konzert wirkt auf mich wie eine Droge (Abhängigkeit) und wie das regelmäßige Aufeinandertreffen mit alten Bekannten. Nun folgten am vergangenen Wochenende Konzerte Nummer 28 und 29. Für das endgültige Jubiläum muss auch ich mich ein wenig gedulden.

Kapitel 1, Bremen, 31.01.2020:
Arm, aber sexy. Das ist Bremen. Eine wirklich schöne Stadt, wenn man im Inneren bleibt. Die Wohnbezirke drum herum - gelinde gesagt - eher praktisch veranlagt. Egal. Freitagabend, dunkel, durstig. Und Haake-Beck ist immer noch die bessere Variante. Ab zum Pier 2 weit außerhalb Richtung Industriehafen. Nebenan ein riesiger Shoppingklotz, doch das Venue ist sympathisch, vielleicht ein Tick zu sehr auf modern getrimmt.
Enorme Vorfreude auf die Vorband, denn Niels Frevert habe ich tatsächlich noch nie live gesehen und verehre das aktuelle Album Putzlicht ganz stark. Großartiges Songwriting! Ein bisschen schüchtern, ein bisschen unsicher betrat die Band die Bühne und legte dann ein tolles Set hin gespickt mit den neuen Hits (Leguane, Wind in deinem Haar) und alten Perlen (Ich würde dir helfen eine Leiche zu verscharren...). Als Support ist Niels Frevert viele Jahre nicht aufgetreten. Ausgerechnet Kettcar war die Band, die ihn zuletzt eingeladen hat; long time ago...
Kurze Umbaupause, neues Erfrischungsgetränk in der Hand und dann überrascht empfangen worden. In all meinen Kettcar-Jahren kann ich mich nicht daran erinnern, dass sie mal mit Volle Distanz begonnen haben. Schöne Abwechslung! Und dann: Abfahrt. Es war das Best Of, das auch auf der aktuellen Live-Platte zu hören ist! Die richtige, dem Anlass würdige Unterstützung lieferten die drei Bläser, die einigen Songs (u.a. auch Deiche zum Ende hin) noch mehr Drive hinzugefügt haben. Klares Highlight natürlich Sommer '89 aber auch schön, dass sie Nur einmal rächen vom Wiebusch-Soloalbum gespielt haben (Stichwort: Bläser). Als Rausschmeißer nach gut zwei Stunden Konzert natürlich Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt, alles andere wäre Wahnsinn. Doch was war komisch an diesem Abend? Das Publikum war sehr verhalten. Es wurde zwar kräftig mitgesungen, doch Bewegung oder frenetische Hinwendung... keine Spur. Lag es am Wochentag (Stichwort: Erschöpfung nach der Woche) oder am Bier? Keine Ahnung. Nichtsdestotrotz gingen wir glücklich nach Hause. Denn es folgte Streich Nummer 2: ...

Kapitel 2: Lübeck, 01.02.2020:
Funktionale Halle, super Stimmung. Foto: luserlounge
... und die Stimmung in Lübeck am Tag danach in der Musik- und Kongresshalle war um Einiges besser. Und es lag definitiv nicht am Bier, gab nur schäbiges Jever. Woran lag es sonst? Am Set wohl kaum, Kettcar und Niels Frevert haben die gleichen Songs in so gut wie der selben Reihenfolge gespielt. Selbst die Ansagen waren gleich (kein Vorwurf, hätte ich als Band sicher genauso gemacht).
Waren es die angeheiterten Hamburger, die mit dem GHvC-Bus und Grillmaster Flash angereist kamen? Wetter scheint kein Grund gewesen zu sein: fieser Nieselregen. Auch der Ort nicht; die MuK eine üble Funktionshalle ohne Charme. Doch die Menschen vor Ort gingen viel mehr ab, ließen ihre Emotionen viel freier heraus: Leute auf Schultern, tanzende Mitsinger; es war viel runder, es harmonierte viel besser. Man steckt da auch nicht drin, was dann schlussendlich der Auslöser ist, dass es in HB anders läuft als in HL. Vielleicht war es auch die Band, denen dann möglicherweise erst bewusst wurde, dass das nun wirklich auf längere Sicht der letzte Gig war. Sie haben sich in jedem Fall nicht lumpen lassen und am Ende ordentlich Konfetti in die Luft gejagt (so etwas wäre sonst höchstgradig untypisch für Kettcar).
Auch Reimer stand am Ende länger auf der Bühne als der Rest, bedankte sich aus tiefstem Herzen für den spitzenmäßigen Abend und betonte zurecht, dass es ja nicht der Ort sei, der so einen Auftritt speziell mache, sondern zu 99% die Menschen. Recht hat er.

Kettcar. Habt eine wunderbare Pause, nehmt Abstand von den drei irren Ich vs. Wir-Jahren und kommt stärker zurück als je zuvor! Ich bin in jedem Fall dabei. Vielen, vielen Dank!