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Samstag, 13. August 2016

A Summer's Tale - Eskapismus in Reinform

So wird man in Luhmühlen begrüßt!
(ms) Gibt es etwas wie Liebe auf den ersten Blick?
Nach zwei Tagen auf dem A Summer's Tale Festival in der Lüneburger Heide ist die Antwort: Ja! Dabei standen die Vorzeichen nicht gut. Statt wie gewohnt zum Open Flair zu fahren, stand dieses Jahr etwas anderes an. Zudem war es klug, Schal und Mütze einzupacken. Im August.

Betritt man das Gelände des familiären Festivals, muss man sich zunächst orientieren. Denn es gibt zahlreiche Veranstaltungsorte. Das ausgefallene Musikprogramm war nur ein Teil davon, es reihten sich Lesungen an Yoga, Workshops, Bastelarbeiten, Kinderbetreuung, einem eigens aufgebauten Restaurant und vielen leckeren Essensständen. Zudem war das ganze Gelände so liebevoll und detailverliebt gestaltet, dass man gar nicht mehr weg wollte. Nachdem man sich zurecht gefunden hat, was dann sehr einfach ging, war es schlau, alles genießen zu können, was die Veranstalter sich ausgedacht haben, denn das war eine Menge. Zwischen einzelnen Programmpunkten musste man stets abwiegen, denn viel fand parallel statt und die beliebten Workshops wie Woodworking, Kalligraphie oder Käserei waren schnell ausgebucht.
Da fragt man sich, wer so ein Festival, das fernab von allen Rock'n'Roll-Mythen ist, besucht. Die Antwort ist so einfach wie schwer. Es sind finanzstarke Akademiker ab Mitte dreißig, manche ohne, viele mit Kindern, Studenten, Alt-68er und hauptsächlich verliebte Pärchen. Immerhin hat ein 2-Tages-Ticket schon 120€ gekostet, dabei war es jeden Cent wert!

Nachts: DJ-Programm mit träumerischen Lichtinstallationen
Das taktgebende Musikprogramm war am Mittwoch sehr ausgewogen. Wo Heather Nova und José Golzales eher langweilig und ermüdend waren, konnte man bei Jeremy Loops im großen Zelt richtig abgehen. Die Band - bis dato hier eher unbekannt - war dabei von der guten Laune im Publikum ebenso angefixt wie die Zuhörer selbst, große Stimmung! Den Abschluss bildeten an einem wirklich kalten, aber trockenen Abend Garbage. Druckvoller Sound, minimalistisches Bühnenbild, aber ein starkes Konzert.
All dies wurde am Donnerstag noch getoppt. Vermutlich habe ich noch nie einen Festival-Tag erlebt mit so vielen Künstlern, die mich seit Jahren begleiten und alle erinnerungswürdige Gigs ablieferten. Friska Viljor hatten sichtlich Probleme mit der Technik und ihren Gitarrengurten (Jesus-Tape hat geholfen), doch ihre gute Laune lassen sich die Schweden nie nehmen. Thees Uhlmann war sichtlich angetrunken, hat aber den "A-Summer's-Tale-Gefangenenchor" zum singen gebracht, obwohl es durchgehend geregnet hat, glücklicherweise war es nicht mehr so kalt. Bei Caravan Palace konnte man sich tanzwütig wieder aufwärmen, was für ein geiles Konzert! Dann kam der erste Höhepunkt: Glen Hansard mit Band, Streichern und Bläsern. Wie inbrünstig und leidenschaftlich er gespielt hat, war bemerkenswert. Ob orchestral mit gesamter Besetzung oder passioniert schreiend nur mit Gitarre und Kontrabass war egal. Da hat selbst der Regen kurz ausgesetzt. Und wenn es eine Band gibt, die auch zu unterhalten weiß und seit Jahrzehnten beinhart gute Musik abliefert, dann sind es Nada Surf. Sie betreten die Bühne und machen einfach nur Spaß! Großes Kino.
All das wurde dann aber noch gesteigert.
Denn als Headliner haben Sigur Rós ihr einziges Deutschlandkonzert gegeben.
Allein das fulminante Bühnenbild wusste zu erstaunen. Denn die Isländer spielen ihre aktuelle Welttour zu dritt, statt wie sonst mit großer Besetzung. So war die Bühne dreigeteilt für Bass, Gesang und Schlagzeug/Keyboard. Dahinter erstreckte sich eine riesige LED-Wand, davor eine zweite, die hoch und runter fahren konnte. Hinter dieser haben die drei Isländer angefangen mit zwei Songs und waren nur schemenhaft zu erkennen. Von Beginn an ein Konzert für alle Sinne, großartig. Den Rest der Show haben sie vorne gespielt, Jonsi mit Bogen an der Gitarre und der gewohnt hohen Stimme. Die bauten Klangwelten auf, waren laut, dann wieder minimal leise und verträumt. Songs wie "Vaka", "Festival" oder "Kveikur" wussten zu begeistern. Dazu wunderschöne Projektionen!
Die Band, die ausschlaggebend für den Besuch des A Summer's Tale war, hat alle Erwartungen erfüllt. Was für eine würdige Band für ein brilliantes Festival!

Die Organisatoren haben sogar am Donnerstag auf das miese Wetter reagiert, Feuerkörbe aufgestellt und Glühwein ausgeschenkt. Das Festivalgetränk 2016!

Sound und Licht vereinen sich bei Sigur Rós!

Dienstag, 9. August 2016

Spektrum Festival - Das ist Rap-Musik 2016

Neonschwarz fackeln die Bühne ab!
(ms) Wer sich einen Eindruck davon machen will, wie innovativ, abwechslungsreich, klug, politisch, unpolitisch, witzig oder oldschool deutscher Hip Hop oder Rap ist, sollte das Spektrum Festival in Hamburg besuchen. Von alten Hasen (Umse), neuen Stars (SSIO), Cloud-Rap (LGoony, Yung Hurn) zu linkem auf-die-Fresse-Rap (Waving the Guns) ist wirklich alles dabei.
Dazu ist das Gelände ein Teil vom Dockville Festival und dem Artville. Insbesondere abends ein Hingucker, es ist sehr schön gestaltet.
Auf Festivalgeländen werden dieser Tage Food Trucks nur so herbei gesehnt. Diese haben dann teils mittelmäßiges und total überteuertes Essen (mit gut 40 Minuten Wartezeit). Wo ist die gute, alte Frittenbude oder ein Pizza-Stand? Naja, egal, wird sind ja kein Food-Blog, zum Glück!
Wir halten hier mal die wichtigsten Erkenntnisse des Samstags fest, wie gewohnt subjektiv:

  • Trotz der schieren Massen, die mit Bus und Bahn Richtung Wilhelmsburg gepilgert sind, muss man sagen, dass die An- und Abfahrt sehr gut organisiert war. Klar ist, dass man mal auf einen Bus warten muss, wenn ca. 7000 Leute das gleiche Ziel haben, das nimmt man gern in Kauf.
  • Hier ein etwas dämlicher Dank an Umse. Danke, dass Du im Stau gestanden hast. Damit hast Du Fatoni ermöglicht, dass er seinen 40 Minuten-Slot um eine halbe Stunde erweitern konnte. Wertvolle Zeit bei einem Festival. Und wie er es dann genutzt hat: Wahnsinn! Wahrscheinlich ist Fatoni derzeit wirklich einer der besten Sprachgesangskünstler. Von Freestyle über Entertainment-Qualitäten bis starken Songs wie "Mike Skinner" oder "Vorurteile" ist alles dabei. Es war ein Genuss, das erleben zu können.
  • Man muss es einmal so deutlich und subjektiv festhalten: Cloud-Rap ist der allerletzte Rotz. Wenn man bei einigen Musikstilen etwas Schönes im bewusst schlecht Dargestellten sieht, kann ich das verstehen. Nicht nachvollziehbar, ist dieser anscheinende Trend, den Juicy Gay, Crack Ignaz, Yung Hurn oder LGoony repräsentieren. Es ist nur zu sagen, dass diese halbstarken "Künstler" unerträglich sind.
  • Money Boy ist der wirklich letzte Scheiß, den man sich nur antun kann. Das ist objektiv!
  • Noch eine Erkenntnis: Vielleicht sind Zugezogen Maskulin auf Platte besser als live. Na gut, das ist eher eine Vermutung.
  • Das erste Mal Waving The Guns live gesehen und total begeistert. Milli Dance und Doktor Damage haben um 18 Uhr einen starken Slot bekommen und ihn bestens bedient. Pöbel MC war auch mit am Start. Zu zweit und dritt haben sie bewiesen, wie provokant, politisch, textdicht und auch unterhaltsam Rap sein kann. Dieser Auftritt wird in Erinnerung bleiben!
  • Bei Celo & Abdi hatte GZUZ einen Gastauftritt. Nicht nur bekannt aus dem neuen Beginner-Song, sondern auch von der 187 Straßenbande und einem über dreijährigen Knastaufenthalt. Dass er die Leute in so kurzer Zeit zum Ausflippen bringen kann, war beachtlich.
  • SSIO ist stark. Wirklich stark. Herrlich, wie wenig ernst er sich nimmt; ganz fern von Gangsta-Rap-Attitüde. Zwar nur wenig vom Gig gesehen, das hat aber sehr gefallen. Es war zum angenehmen mitlachen und die Beats haben astrein gesessen.
  • Wenn einige Bands in ihren Heimatstädten spielen, sieht man den Protagonisten oft im Gesicht eine gewisse Freude darüber an. Das kann man auch über Neonschwarz behaupten. Mit dem Slot um kurz vor zehn waren sie bestens ins Programm integriert und haben die nahende Dunkelheit perfekt genutzt. Die Lichtshow war stark, die Pyros haben schön geleuchtet im Hamburger Abendhimmel, das Paddelboot mit maskierter Besatzung ist nicht untergegangen. Die Masse ist nicht nur bei "Eskalation" ausgerastet.
  • Fazit: Der Besuch hat sich wirklich gelohnt. Die schwachen Auftritte waren halt richtig mies, die Starken umso besser.
Waving The Guns. Brutal gut!

Sonntag, 7. August 2016

40 Jahre Knust mit Kettcar, Adam Angst, Fortuna Ehrenfeld, Liza & Kay

In 15 Minuten viele neue Fans: Der Hamburger Kneipenchor
(ms) Liebes Knust,
In Zeiten, wo das Molotow umziehen musste und der Golden Pudel Club zum Großteil abgebrannt ist, ist es wirklich angebracht den eigenen Geburtstag ausgiebig zu feiern. Daher: Herzlichen Glückwunsch. Vor 40 Jahren war ich nicht mal auf der Welt und Du beglückst heute Leute von nah und fern mit einem außergewöhnlich guten Booking. Aus Hamburg komme ich auch nicht, war nur ein Mal im Knust (Tributabend für Nils Koppruch) und habe den Freitag bei Dir sehr genossen.
Schon vor dem Beginn um 17 Uhr tummelten sich Besucher, Bekannte und Musiker auf dem Lattenplatz, es herrschte eine sehr familiäre Stimmung. Dass der Tag ausverkauft war lag auch an Kettcar, die für dieses Jahr ihre bislang einzige Show gespielt haben.

Fangen wir aber bei Liza & Kay an: Die beiden haben auf dem locker gefüllten Platz schnell gute Laune verbreitet. Mit ihren feinen, ruhigen und schön getexteten Pop-Songs war es ihnen eine große Ehre den Tag eröffnen zu können. Und spätestens am Ende bei "Sandburgen" - was für ein schönes Lied - wurde fleißig mitgesungen.
Etwas anders ging es dann bei Fortuna Ehrenfeld zu. Das Trio um Martin Bechler aus Köln ist musikalisch schwer einzuordnen, wahrscheinlich wollen sie das gar nicht, so wie ihnen auch viele andere Dinge aus den Sack gehen. Sympathisch. Sound-Schnipsel, Gitarre, Keyboard und Schlagwerk; daraus entstehen kleine Episoden, große Geschichten, humorvolle Einlagen, beste Unterhaltung also. Wirklich stark. Spätestens bei "Pizzablitz, bring Bier" waren alle Herzen erobert, um mal etwas pathetisch zu wirken.
Mit Symapthieproblemen hatte Adam Angst keine Auseinandersetzungen. Die lauteste und härteste Band des Abends wusste um ihr Kontrastprogramm, aber das Grand Hotel van Cleef - ihr Label - ist ja nur zwanzig, dreißig Meter entfernt.. Felix Schönfuss und Co. ließen die Leute tanzen, rissen die Besucher mit "Professoren" oder "Ja, Ja, ich weiß" mit. Das auch vollkommen zurecht. Sogar neues Material wurde präsentiert. Nach der Ankündigung, den neuen Track als Probe vorzustellen, haben sie weiter komplett abgerissen und Hoffnungen auf ein zweites, starkes Album gemacht.

Kettcar. Wenn wir ein professioneller Blog wären, gäbe es auch bessere Fotos.
Kurz vor dem eigentlichen Höhepunkt, gab es einen Auftritt, der lange in Erinnerung bleiben wird: Der Hamburger Kneipenchor betrat die Bühne. Sichtlich aufgeregt waren die Mädels und Jungs, hatten aber keinen Grund dazu. Der Auftakt mit "God Knows" gelang wunderbar und anschließend durften sie den massiven Applaus genießen! Die Idee einfach so Indie-Klassiker als Chor zu singen ist so genial wie einfach. Und sie funktioniert stark. Im Gedächtnis geblieben: Das Hamburger Medley mit "Ahnma", "Landungsbrücken raus" bis zu Shanty-Oldies.
Dann: Kettcar.
Kleine persönliche Anmerkung: Sie sind meines Erachtens die größte Band, ihretwegen bin ich gekommen und wieder einmal belohnt geworden. Das Motto des Abends war eigentlich 4 x 40 Minuten als Zeiten für die Bands. Das ist so nicht aufgegangen, Kettcar haben gut eine Stunde gespielt, zur Beglückung aller Anwesenden. Gespielt wurde ein kleines Best-Of von "Deiche" bis "Rettung" und als Sahnehäubchen am Ende noch "Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt", das gibt es nicht alle Tage. Als Bonmot haben sie noch verkünden lassen, dass die Band gerade an neuem Material arbeitet. Das haben sie letztes Jahr in Bremen auch schon, stimmen wird es trotzdem; gut Ding will Weile haben. Sie sind halt eine sichere Bank, was gute Konzerte anbelangt. Das will bestimmt keine Band über sich lesen, stimmen tut es trotzdem.

Knust, macht weiter so.
Der Weg aus Westfalen lohnt sich!
Danke für einen feinen Tag mit guten Menschen.

Dienstag, 21. Juni 2016

Traumzeit Festival: Samstag mit Tocotronic und Ásgeir

(ms) Das Traumzeit Festival. Ja! Wir haben euch schon in den letzten Jahren eifrig drüber berichtet. Es ist kein Geheimnis, dass wir leicht von diesem Liveereignis angetan sind. Duisburg hat wahrlich nicht viele schöne Ecken. Der Landschaftspark Nord gehört aber dazu. Ein Gelände mit mit den Überresten eines stillgelegten Hüttenwerks. Es ist sehr gut erhalten, mit Grünflächen ergänzt und versprüht noch den Charme, den es bestimmt einmal hatte. Fulminante, riesige Hallen, Gebäude, Maschinen, ein Gasometer, so wie mehrere Hochöfen.
Am Samstag brauchte die Gegend etwas, bis sie die Besucher in den Bann ziehen konnte, denn - wie zur Zeit eigentlich stets - hat es aus Eimern gegossen. Das kam den Besuchern und Veranstaltern nicht unbedingt gelegen. Denn zum ersten Mal wurde die große Kraftzentrale (wo in den letzten Jahren unter anderem die Editors oder Calexico gespielt haben) nicht bespielt, sondern mit einer Openair-Bühne am Cowperplatz ersetzt.
Angekommen mit durchnässten Schuhen, war das erste Ziel etwas Überdachtes. Zum Glück hat I Have A Tribe in der Gebläsehalle gespielt. Der Ire hat sich Unterstützung am Bass und Gesang geholt. Patrick O'Laoghaire selbst saß am Flügel und hat leise und bedächtig die Halle mit Gesang und Tönen gefüllt. Auch die bestuhlten Reihen füllten sich mehr und mehr. Ob das an der Musik oder am Wetter gelegen hat, sei dahin gestellt. I Have A Tribe spielten angenehmen Folk, die kleine, feine Geschichten erzählten. Die Gebläsehalle zeigte schon am Nachmittag, dass sie ein einzigartiger Ort für Konzerte ist. Innen ist es stockfinster und diverse Lichtprojektionen sorgten für Gänsehautstimmung.
I Have A Tribe, Gebläsehalle
Gitarrenlastiger ging es bei Milliarden zu. Die Gießhalle hat ihre Vor- und Nachteile. Vorteile: der Publikumsbereich ist überdacht und geht amphitheatermäßig nach oben, zudem ist der Hintergrund der Bühne stark. Nachteil: Der Bereich vor der Bühne ist, wenn es noch nicht so voll ist, so gut wie leer und damit ein vier Meter breiter Graben von Band zu Publikum. Milliarden haben es trotzdem geschafft für beste Stimmung zu sorgen. Starker Auftritt! Als kleine Pause bis zu Berd Begemann oder auch
sonst konnte man sich bei den vielen Essensständen wirklich leckere Kleinigkeiten gönnen!
Dann: Bernd Begemann und die Befreiung openair auf der neuen Bühne. Natürlich fing es an zu regnen, man suchte Unterschlupf, doch was genau den Wettergott zur Mäßigung berufen hat, bleibt unklar. Vielleicht war es der gut tanzende Sänger, der sich schnell das Shirt auszog. Wer Begemann noch nicht live gesehen hat muss wissen, dass er auch ein etwas nasses Publikum genau weiß zu unterhalten: Herrlich! Er dehnt seine Songs weit auseinander, improvisiert mit Anekdoten und bringt die Zuhörer zum Mitschnipsen, Mitpfeifen, Mitklatschen, Mitgrölen zu "Judith, mach deinen Abschluss" oder "Ich hab nichts erreicht außer dir". Großes Kino, tolle Unterhaltung, scheiß auf das Wetter.
Zum Festivalnamen, der Traumzeit, passte an diesem Samstag wohl keiner besser als der Isländer Ásgeir. Seine sphärische Musik hätte vielleicht besser in eine der Hallen gepasst, um zur vollen Entfaltung zu gelangen, doch der Funke sprang auch auf der freien Bühne über. Mit insgesamt vier Synthesizern, Gitarren, Klavier und Schlagwerk erzeugte er mit seinen fünf Mitmusikern tolle Klangwelten. Sein Erfolgsalbum "In The Silence" hat er auf Englisch wiederaufgelegt, live jedoch ausschließlich isländisch gesungen. "Torrent" oder "King and Cross" waren zwei der Höhepunkte. Ásgeir selbst hielt sich äußerst zurück mit dem Publikum zu interagieren, musste er aber auch nicht, so viel Applaus hat er bekommen. Absolut zurecht. Highlight!
Bäm! Das silber-glitzernde Banner kommt voll zu Geltung. Tocotronic!
Als Headliner des Abends spielten Tocotronic. Eigentlich muss man nichts mehr darüber schreiben. Seit Jahren machen sie konstant starke Musik, Hamburger Schule hin oder her. Politischer Diskurspop hin oder her. All das wissen die vier Mittvierziger selbst und inszenieren sich ein wenig selbstverliebt. Mit einer hymnenhafter Einmarschmusik kamen sie auf die Bühne und wurden dem späten Slot absolut gerecht! Die Gebläsehalle war proppevoll, auch der "Burggraben" vor der Bühne; dort tümmelten sich textsichere Fans und jene, die es währenddessen geworden sind. Natürlich gab es Worte gegen Deutschland, darf man auch erwarten, dazu schallender Applaus! Nur wenige Songs vom aktuellen, roten Album wie "Zucker" wurden dargeboten. Ansonsten ein toller Best-of-Mix mit Songs wie "Drüben auf dem Hügel", "Freiburg", "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein", "Macht es nicht selbst", "Explosion". Brilliant!

Liebes Traumzeit Festival, es war wieder einmal großartig. Das Booking ist vielseitig und wirklich originell! Wir freuen uns aufs kommende Jahr und bald gibt es noch ein paar Infos zu den Änderungen aus den letzten Jahren.

Sonntag, 29. Mai 2016

Heißer Tanz: Neonschwarz in Münster

Gemütlich im Gleis 22, Gips, Mauser, Y, Curry. Foto: luserlounge
(ms) Der Wetterbericht für Samstag, den 28. Mai, war eher ernüchternd. Tagsüber eher mild und grau, abends soll es dann gewittern. Und genauso ist es dann auch gekommen. Dennoch war der Weg zum glorreichen Gleis 22 in Münster trocken zu überstehen. Aus Eimern hat es vorher geregnet. Daher war es unsagbar schwül.
Die musikbegeisterte Meute machte es sich noch während des Auftritts von Haszcara, die als Support von Neonschwarz einheizte, draußen und im Club gemütlich. Dort war schon merklich spürbar: Es wird heiß! Haszcara will nicht unter dem Label "feminist Rapper" auftreten. Das hat sie eindeutig bewiesen, ihre Texte und Punchlines saßen! Großes Rapkino mit einem Rülpser und ein wenig Kotze.

Nach einer kleinen Pause und einem gefühlten Temperaturanstieg um weitere 9 bis 12 Grad ging es richtig ab! Neonschwarz sind mit "Metropolis" auf Tour und haben bereits letztes Jahr bewiesen, wie sie das Gleis 22 zum kochen bringen können. Da erinnerte sich sicher auch Johnny Mauser erneut, dass die Bühne etwas niedrig ist und man sich schon mal den Kopf stoßen kann.
Nach einem Intro der Track für den Abend: "In deiner Stadt".
Einer der besten Tracks des neuen Albums kam direkt im Anschluss mit "Dies Das Ananas". Das volle Haus war textsicher und angefixt, die Stimmung war schon zu Beginn auf dem Höhepunkt. Neben älteren Songs wie "Unser Haus" oder "Fliegende Fische", kamen die neuen Tracks voll auf ihre Kosten: "Rapstars", "2015", "Atmen", "Metropolis", "Goldenes Ticket", "Check Yo'Self", "Eskalation".
Captain Gips, Marie Curry, Spion Y und Johnny Mauser überzeugen nicht nur musikalisch und raptechnisch, sondern auch als Unterhalter. Es war ein perfekter Gig, bei dem man gemerkt hat, dass es den Hamburgern sichtlich Spaß macht im vollen Haus zu spielen. Und immer mit Attitüde, das Herz auf der linken Seite!
Den kompletten Abriss komplettierte dann "Militante Tante". Es durfte gesprungen und gepogt werden, was im relativ kleinen Gleis 22 gerade so möglich ist.
Wie beim letzten Gastspiel wurde als allerletzter Track Captain Gips' Solo-Hit "Hug Life" zum besten gegeben. Ein würdiger Abschluss für ein heißes, starkes, lautes, einfach nur geiles Konzert.




Samstag, 30. April 2016

Live und furios: Get Well Soon im Dortmunder Konzerthaus

Große Band im großen Haus. Foto: luserlounge.
(ms) Die Dortmunder Innenstadt ist nicht zwingend das, was man schön oder architektonisch ausgefuchst nennen könnte. Es ist ein Multikulti-Sammelsurium, in dem man sich dennoch schön treiben lassen kann. Die Dortmunder sind wirklich nette Menschen. Und mittendrin steht das Konzerthaus. Ein neuartiger Prachtbau, große Glasfronten und innen ein Konzertsaal, der sich sehen lassen kann. Und hören! Denn die Akustik ist wirklich herausragend. Nicht umsonst gibt es seit Jahren neben dem klassischen Programm das sogenannte "Pop-Abo", in dessen Rahmen gestern Abend Get Well Soon zum zweiten Mal nach 2010 zu Besuch waren.
Bereits vor sechs Jahren haben Gropper und Co. ein unglaubliches Konzert abgeliefert. Zum "Vaxiations"-Album sogar mit vier Streichern und Bläsern.

Die Vorschusslorbeeren waren also üppig gesät.
Wie in einem klassischem Konzert begann dann auch der Auftritt des Sextetts. Erst kam Konstantin Gropper allein, wurde dann noch mit Tobias am Hackbrett begleitet. Einschub: Wie geil ist denn bitte das kleine Banner an diesem eher seltenen Instrument mit "I <3 Hackbrett"? Stark! Peu à peu kamen die weiteren Musiker mit auf die Bühne und entwickelten so bereits das ganze Klangspektrum, das sie in der Lage sind, aufzubereiten. Von der Akustikgitarre bis opulenten Soundteppich. Get Well Soon beweisen mal wieder, dass sie eine der besten Livebands sind, die dieses Land so zu bieten hat. Unglaublich.
Außerdem war die Show wirklich gut. Dazu trug die große Bühne und eine starke Lichtshow bei, die die großen, roten L-O-V-E Buchstaben im Rücken der Musiker perfekt ergänzte.
Die leisen Töne aus "33" oder "It's an Airlift" vom neuen Album lösen sich rasch ab mit "Angry Young Man" oder "Too Much Love" von der ebenso neuen EP, die im Sound der 80er daher kam.
Dementsprechend wurde auch laut und frenetisch applaudiert. Zum neuen Material ebenso wie zu den Klassikern wie "Roland, I feel you".
Was dem Konzert ein wenig an Energie genommen hat, sind die Sitzplätze. Eigentlich regt die Musik schon zum bewegen, tanzen, Faust-in-die-Luft-recken an. Na gut.
Bei der großartigen Zugabe mit unter anderem "Teenage FBI" (Wahnsinn!) oder "Christmas in Adventure Parks", das selten live zu hören ist, stand dann allerdings doch ein Großteil des Publikums.

Die Wechsel zwischen leisen Tönen und großen Hymnen gelingt Gropper und Konsorten so herausragend, dass das Dortmunder Konzerthaus der ideale Ort ist, um ihre Musik zum allerbesten zu bringen.
Get Well Soon und das Konzerthaus. Eine Liebsgeschichte.


Freitag, 22. April 2016

Live und stark: Element of Crime in Münster

Ilja, Regener, Pappik, Theobald, Young. Foto: luserlounge
(ms) Stark!
"Ja, stark" waren die ersten Worte, mit denen Sven Regener auf die Bühne im Münsteraner Jovel gekommen ist. Regener hat es geschafft dieses Wort zu prägen. Stark. Dabei hat er pünktlich um 20 Uhr vorerst die famosen Von Wegen Lisbeth angekündigt. Was für eine feine Wahl für eine Vorband! Die fünf Berliner supporten bald auch AnnenMayKantereit. Erst die alteingesessenen Rocker und dann die neuen Emporkömmlinge mit der Reibeisenenstimme.
Von Wegen Lisbeth: Ein guter Name! Zudem haben sie in ihren Kinderzimmern allerhand lustige Instrumente gefunden, die sie in ihre Songs einbauen. Eine Mischung aus Pop, Funk, Rock mit akzentuiertem Bass, richtig gut. Da schwingt das Bein, davon will man mehr. Das nächste große Ding?!

Das Publikum mit einem ungelogenen Altersdurchschnitt von Ende 40 hat sich hingegen enorm gefreut, als es danach stark mit Element of Crime weiterging.
Die Wahlberliner, mit denen man seltsamerweise eher Hamburg oder Bremen assoziiert, machen seit 31 Jahren konstant gute Musik. Krude Texte, einfache Instrumentalisierung, eine gewisse Kautzigkeit und fertig ist die Kultband. Dabei ist das Publikum gar nicht mal so gespannt auf die neuen Lieder. Wobei. Die sind ja auch schon zwei Jahre alt. Auch sind es nicht zwingend die Klassiker. Viel mehr macht die Band das Gesamtbild aus: Ansagen, die sitzen, ein astreines Trompetenspiel von Regener, stoische Ruhe von David Young am Bass, filigranes Spiel von Jakob Ilja an der Gitarre und Richard Pappik ein Uhrwerk am Schlagwerk. Zudem begleitet sie auf der Tour Rainer Theobald am Tenorsaxophon und der Klarinette. Das schafft einen noch breiteren, wärmeren Klang. Stark!
Die heimlichen Highlights waren dann doch die alten Klassiker: "Mehr als sie erlaubt", "Weißes Papier", "Blaulicht und Zwielicht". Natürlich kamen auch "Immer da wo du bist bin ich nie", "Delmenhorst" (die inoffizielle Hymne für das Oldenburger Umland), "Mittelpunkt der Welt", "Hotdog unten am Hafen". Nach über dreißig Jahren muss man sich auch nicht zu schade sein, andere zu covern, zum Beispiel mit "Surabaya Johnny".

Element of Crime.
Eine Band, die wirklich eine sichere Bank ist für ein konstant gutes Konzert, Sympathie ohne Ende und ein feines Händchen eine Vorband mit enormen Potential mit auf Tour zu nehmen!



Mittwoch, 6. April 2016

Nada Surf is killing it!

Lorca, Elliot, Caws, Gillard. Foto: luserlounge
(ms) Ich fahre selten mal nach Hause zu meinen Eltern. Man steht ja auch so irgendwie ständig in Kontakt. Und in einer mittleren Kleinstadt, eine dreiviertel Autostunde von Bielefeld entfernt, ist wirklich nicht viel los, logischerweise zieht man von dort weg.
Seltsamerweise ist es dennoch immer wieder schön, wenn man mit dem Zug in heimischen Gefilden eintrifft. Es gibt Orte, Ecken, Häuser, Plätze mit denen man prägende Geschichten verbindet. Die erste Liebe, die erste Trennung, ein erinnerungswürdiges Besäufnis, die verrückte Schulzeit, Wege, die man im Schlaf gehen kann. Kommen dann noch Treffen mit alten Freunden hinzu, ist die als so routiniert gebranntmarkte Heimfahrt ein herrliches Highlight am Wochenende und die Fahrt in die neue Wahlheimat will dann doch nicht so schnell kommen, wie sie es tatsächlich tut.

Womit wir bei Nada Surf sind.
Ihre ganz großen Zeiten sind auf der einen Seite vorbei, auf der anderen Seite nicht so recht. "Popular", "80 Windows", "Always Love", das scheint lange her. Die Alben danach hatten einige Perlen, aber auch wirklich viel Füllmaterial.
Ihre Konzerte sind dabei immer eine sichere Bank für einen guten Abend. So war es selbstverständlich Karten für das gestrige Konzert im Dortmunder FZW zu kaufen. Erwartung: Das wird ein guter, solider Abend mit Hits und Songs ihres Neulings "You Know Who You Are".

Was dann allerdings geschah, ist schier unbegreiflich.
Dieser Abend, dieses Konzert, diese vier nicht mehr jungen Typen haben den Laden komplett abgerissen. Die Aufnahme von Doug Gillard in die Band war die richtige Entscheidung, er macht mit seinem birllianten Gitarrenspiel den Sound der Band breiter, intensiver und facettenreicher. Ira Elliot haut auf die Becken und Drums wie ein kleines Kind: "I'm just a happy kid, stucked with heart of an old punk!" Daniel Lorca raucht beim Gig nur noch Fake-Zigaretten und Matthew Caws - sichtlich ergraut - ist so viel Spaß beim Spielen aus dem Gesicht zu lesen, dass man mit ihnen auf der Bühne tanzen möchte. Fast zwei Stunden haben sie abgefeuert wie nicht gescheit. Einige neue Sachen (Could to see clar, Friend Hospital, New bird, Out of the dark) und reihenweise die großen älteren Songs, für die man die Band so liebt. Dabei waren weder "Popular" noch "Always Love" die Höhepunkte (obwohl sie beide hintereinander in der Zugabe gespielt haben), sondern "See These Bones" als Abschluss des ersten Teils. Da lag Stimmung in der Luft, man sprang, reckt die Faust in die Luft!

Völlig begeistert von diesem Auftritt, schlurften wir raus, um unsere Jacken zu holen. Plötzlich stand im Eingangsbereich des FZW die Band direkt vor uns mit Akustikgitarren bewaffnet und spielten in Mitten der Zuschauer noch "Blizzard of '77" und "Blonde on Blonde". Unglaublich!
Diese Band kann es noch. Und das haben sie gestern abend in Dortmund eindrucksvoll bewiesen! Danke!



Samstag, 27. Februar 2016

Elektroemotionen mit Enno Bunger

Mit Lichtshow. Enno Bunger im Skaters Palace, Münster.
(ms) Ein Gegensatz: Enno Bunger hat vor einigen Jahren ein fantastisches Trennungs-Konzeptalbum mit herrlichen Herzschmerzliedern gemacht. Sehr emotional, tiefgehend und persönlich. Eigentlich dafür geeignet in Liebeskummer zu baden, sich selbst in einen Strudel des Selbstmitleides zu setzen. Wenn Enno jedoch live seine brillianten Lieder spielt, sieht man ein anderes Bild. Da hängen Pärchen ganz selbstverständlich in animösen Posen nebeneinander, streicheln sich die Haare aus dem Gesicht, geben sich einen Kuss auf die Wange. Dabei geht es inhaltlich um das Gegenteil von trauter Zweisamkeit. Dies ist nur eine spannende Beobachtung, keine Anweisung bei Bunger-Livedarbietungen anzufangen hemmlungslos zu weinen. Wem allerdings danach ist: Bitte.
Seit letztem Jahr gibt der Protoostfriese, der immer wie ein norwegischer Holzfäller aussieht, der aus dem Training geraten ist, Anlass, bei seinen Konzerten auch zu tanzen. Schuld daran ist seine sehr gelungene neue Platte "Flüssiges Glück", das in Zusammenarbeit mit Tobias Siebert entstanden ist. Die große Frage, wie das live umzusetzen ist, beantwortet er derzeit mit seinen vier Mitmusikern auf der zweiten Tour zum Album. Donnerstag haben sie Halt gemacht im Skaters Palace in Münster. Von der klassischen Bandbesetzung musste notwendiger Weise Abstand gehalten werden. Einzug hielten im Gegensatz Synthies und ein Elektroschlagzeug.
Das ist allerdings nicht so spannend wie die ausgetüftelte Lichtshow, die die Musiker sich überlegt haben. Sehr stark. Plötzlich ist es taghell im Raum, danach wieder rot, gelb oder grün. Das ist nicht zwingend der Bunger, den die umschlungenen Regen-Pärchen sich wünschen. Es ist aber ein Bunger, der ganz schön abgeht, der auch mal nur das Mikro greift und seinem Sprechgesang frönt.
Apropos Sprechen. An Enno Bunger - und das ist wirklich ernst gemeint - ist ein guter Stand-Up-Comedian verloren gegangen. Vielleicht mal bei NightWash anfragen. Direkt nach den Herzschmerzsongs, gelingt es ihm die aufmerksamen Zuhörer zum Lachen zu bringen. Mit Köpfchen!

Enno Bunger live. Tanzen und Tränen. Absolute Empfehlung. Geht da mal hin!



Freitag, 26. Februar 2016

Ein unvergesslicher Abend mit Markéta Irglová und Glen Hansard!

www.popsugar.com
(sf) Ein kurzes Schlucken hat der Ticketpreis von 45 Euro dann doch verursacht, aber die Perspektive, Glen Hansard und Markéta Irglová gemeinsam auf einer Bühne sehen zu dürfen, war einfach zu verlockend und so wurde der Geldbeutel gezückt und das Ticket gekauft. Etwas verwundert war ich natürlich schon, dass es drei Tage vor dem Konzert so problemlos möglich war, noch an Karten zu gelangen und laut Veranstalter noch über 100 Tickets verfügbar waren, aber das tat der Freude keinen Abbruch und jetzt sitze ich am Morgen nach der Veranstaltung an meinem Laptop und bin immer noch hin und weg vom gestern Erlebten. Unfassbar, war das schön, großartig, bezaubernd, herzzerreißend, unterhaltsam und musikalisch einfach nur Weltklasse!

Wenn Ihr Euch jetzt fragt, wer Glen Hansard und Markéta Irglová denn eigentlich sind, dann ist das nur zu verständlich, da die beiden in den deutschen Charts weder zusammen noch als Solokünstler jemals über Platz 47 der Charts hinausgekommen sind, praktisch kein Radio-Airplay bekommen und von ihrer Persönlichkeit her auch nicht so gestrickt sind, dass sie in den Klatschmagazinen der Boulevardpresse auftauchen. Der Ire Hansard und die Tschechin Irglová sind einfach nur stinknormale und bodenständige Menschen, die ihre Liebe zur Musik zum Beruf gemacht haben und damit einen Oscar gewonnen haben. Oscar? Ja genau, diese komische, kleine Goldstatue, die in Hollywood verliehen wird! Man schrieb das Jahr 2008, als "Falling Slowly" vom Soundtrack zum wundervollen Film "Once", in dem die beiden auch die Hauptrollen spielten, ausgezeichnet wurde und die beiden Musiker über Nacht auf die Musiklandkarte brachte.

Wobei das eigentlich gar nicht stimmt, denn zumindest der mittlerweile 45-jährige Hansard war
damals schon lange kein unbeschriebenes Blatt mehr, war er doch bereits seit 1990 mit seiner Band The Frames aktiv und hauptsächlich in seiner irischen Heimat und in England erfolgreich. Dadurch gelangte er auch zur Schauspielerei und übernahm eine Nebenrolle im bekannten Film "The Commitments", was wiederum die Verkaufszahlen des Frames-Debütalbums "Another Love Song" ankurbelte.

Die Qualitäten der Frames sprachen sich schließlich bis nach Tschechien herum, wo ein Fan schließlich ein Konzert organisierte, die Band bei sich zuhause einquartierte und damit den Grundstein für eine großartige musikalische Liebesgeschichte legte. Dieser Fan war nämlich niemand anderes als der Vater von Markéta Irglová... Glen und Markéta musizierten erstmals zusammen, der 18 Jahre ältere erfahrene Musiker erkannte das Potenzial seiner jungen Kollegin und schon bald wurde aus den beiden die Band The Swell Season, die 2006 ihr Debütalbum veröffentlichte.

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Noch im selben Jahr standen die beiden für Regisseur John Carney (ehemals Bassist bei The Frames) vor der Kamera und "Once" sollte das Leben der beiden Protagonisten nachhaltig verändern.  Aus der musikalischen Liaison wurde auch eine private und über (Oscar-)Nacht waren die beiden in aller Munde und begehrte Künstler. Auch wenn die Beziehung nicht lange hielt, blieb die Freundschaft, der Respekt füreinander und die gemeinsame Liebe zur Musik. Mit "Strict Joy" wurde 2009 das vorerst letzte Album von The Swell Season veröffentlicht, gemeinsame Auftritte der beiden Musiker gab es aber auch danach, wobei man dann wieder unter den eigentlichen Namen auftrat und den Bandnamen außen vor ließ.

Sowohl Irglová, als auch Hansard haben mittlerweile jeweils zwei Soloalben auf den Markt gebracht, die von den Kritikern zwar gefeiert wurden, sich aber zumindest in Deutschland nicht so prickelnd verkauft haben, obwohl sie alle herausragend gut sind. Schade eigentlich, aber umso schöner und wichtiger ist es, dass die Künstler damit dennoch auf Tour gehen, um ihr Werk live zu präsentieren.

Den Anfang machte am Donnerstag Abend in der Werkstattbühne zu Bregenz Markéta Irglová in ihrem erst dritten Auftritt innerhalb des letzten Jahres. Von Nervosität aber keine Spur, ganz im Gegenteil: sie begleitete sich selbst mit dem Flügel und nahm das sehr aufmerksame Publikum vom ersten Ton an für sich ein. Natürlich war sie aufgrund der gemeinsamen Historie kein Support wie jeder andere, aber dennoch war es erstaunlich, wie es der Tschechin gelang, auf der einen Seite bescheiden und zurückhaltend aufzutreten, auf der anderen Seite aber durch ihre Stimme, ihre Texte und ihre Ansagen zu überzeugen. Mit "The Hill" wurde auch der erste Once-Hit dargeboten, der extrem frenetisch gefeiert wurde. Nach knapp 45 Minuten war der erste Teil des Abends leider viel zu schnell wieder zu Ende, doch dann ging es erst so richtig los.

Glen Hansard betrat die Bühne und mit ihm ein halbes Orchester: eine Pianistin, eine Cellistin, zwei
Violinistinnen, ein Bassist/Kontrabassist, ein Gitarrist, ein Percussionist, ein Trompeter, ein Posaunist und ein Saxophonist - und zumindest zeitweise wie erhofft Markéta Irglová!

Zunächst stand jedoch das Solowerk des Iren auf dem Programm, das vom Publikum sehr wohlwollend und dankbar aufgenommen wurde; der Applaus drückte weit mehr als ein sehnsüchtiges Warten auf die großen Hits aus, nein, bereits zu Beginn verfiel die Werkstattbühne dem sympathischen Künstler, der sichtlich Spaß auf der Bühne hatte und es genoß, mal wieder in einer für ihn neuen Stadt zu spielen. Musikalische Höhepunkte wechselten sich mit äußerst amüsanten Anekdoten ab, es wurde auf und abseits der Bühne viel gelacht und auch die Improvisationskünste der Mitmusiker waren wirklich beeindruckend, wenn der Meister mal wieder eine Extrastrophe hinzufügte. Ganz große Klasse!

Relativ früh kam dann der Moment, auf den alle gewartet hatten: "Falling Slowly", der Oscar-Gewinner wurde intoniert und es war magisch! Mir fehlen ein wenig die Worte, um das zu beschreiben, was während dieser fünf Minuten in der Halle geschah, aber von da an war alles anders. Wo vorher große Zuneigung gewesen war, strömte plötzlich Liebe aus dem Publikum auf die Bühne und wurde in gleicher Intensität zurückgegeben. Es war, als hätten sich Hansard, Irglová, Band und Bregenz gesucht und gefunden.

Alte und neue Songs wurden gleichermaßen gefeiert, man hoffte, es würde nie enden und Glen Hansard schien dem entsprechen zu wollen. Nach zwei Stunden ging das Licht dann aber doch aus - und eine halbe Minute später wieder an, als Hansard und zwei seiner Bandkollegen plötzlich mitten im Publikum standen, um die ersten Zugaben anzustimmen. Eine wunderschöne Geste, in deren Genuss man zwar auch bei anderen Künstlern (z. B. bei William Fitzsimmons und Friska Viljor) gelegentlich kommt, aber so authentisch habe ich persönlich es noch nie erlebt. Nach zwei Songs kehrten die Musiker auf die Bühne zurück, wurden vom Rest der Band empfangen und weiter gings. Am Ende stand Hansard über zweieinhalb Stunden auf der Bühne, Irglova gab noch einen Song zum Besten und selbst seine Band durfte mitsingen - das Mikrofon war längst ausgeschaltet, aber das wurde eh nicht benötigt, da die Zuschauer in ihrer Entzückung jegliches Reden während der Lieder eingestellt hatten und an den Lippen der Musiker hingen.

Kurz vor Mitternacht fiel dann leider doch der Vorhang und ein unvergesslicher Abend nahm sein Ende. Ich bin unendlich dankbar, dass ich dabei sein und dieses Konzert miterleben durfte. Ich hatte viel erwartet, aber das war noch so viel besser und gehört sicher zu den fünf tollsten Konzerterlebnissen meines Lebens.





Donnerstag, 25. Februar 2016

Herrenmagazin live im FZW

Herrenmagazin im wundervollen FZW
(ms) Herrenmagazin live ist immer wieder ein Genuss. Hier die wichtigsten Eckdaten:
  • Das FZW in Dortmund war für einen Mittwochabend gut gefüllt, was leider dazu führte, dass der einzige Mensch an der Bar viel zu tun hatte und die dürstende Schlange davor immer länger wurde.
  • Ein herrlicher Mix des Publikums. Natürlich war das Ottonormalindiepublikum vertreten, sowie Besucher zwischen 20 bis ca. Ende 40. Das machte eine gute Mischung und ergab ein aufmerksames, humorvolles, textsicheres und respektvolles Publikum.
  • Als Support legte der spätere wohlig in die Band integrierte Keyboarder Albrecht Schrader los. Dieser bringt am 18.3 seine erste EP "Leben in der Großstadt" raus. Soviel kann man sagen: Unbedingt kaufen! Allein sich selbst begleitend spielte er eine angenehme Mischung aus Jazz, Chanson und Popmusik mit großem textverarbeitendem Talent dahinter! Zwischendurch wusste er mit pointierten Ansagen das Publikum auf seine Seite zu ziehen.
  • Die traurige Nachricht zuerst: Herrenmagazin haben vor ein paar Wochen angekündigt, dass dies ihre vorerst letzte Tour sein wird, am Ende des Jahres folgt eine längere Bandpause. Zum Glück mit der Versicherung, dass sie sich nicht auflösen. Es ist ein weiterer Anlass, diese Band dieses Jahr unbedingt nochmal live zu sehen. Es lohnt sich so so sehr!
  • Manchmal hat man einen komischen Eindruck. Beispiel: Man findet das letzte, aktuelle Album nicht ganz so gut wie die Vorgänger. Dann sind die Erwartungen an das Konzert gemischt. Leichte Zweifel und Hoffen auf die großen Hits von "früher". Alles egal. Bei Herrenmagazin ist das alles egal.
  • Es folgten ohne Reihenfolge in etwa: 1000 Städte, Regen, Lnbrg, Sippenhaft, Landminen, Geröll, Erinnern, Alle sind so, Keine Angst, Halbes Herz, Gärten, Es reißt mich zusammen...
  • Auf die Bühne kommend sprudelt aus den vier Nordlichtern eine große Portion Bock unbedingt diese Tour zu spielen. Das herrlich sympathische ist, dass sie alle zusammen nicht mal perfekte Musiker sind. Vielleicht wollen sie es auch gar nicht sein. Dass Deniz sich bei "Sippenhaft" dann halt vertan hat, macht es locker, angenehm, menschlich. Stark irgendwie. Groß gefeiert wurde zudem, dass Paul am Tag vor Tourauftakt (endlich) seine Diplomarbeit abgegeben hat. Über Thema und Studiendauer wurde einvernehmlich geschwiegen. Es gab Schnaps auf der Bühne zwischen Bier und Lachern. Diese Band muss das Publikum nicht mehr auf ihre Seite ziehen. Mit Kauf des Tickets ist das schon lange im Voraus geschehen. Am liebsten möchte man Torben, Deniz, Rasmus und Paul mit nach Hause nehmen. Oder jeden Tag mit ihnen auf Tour sein. Herrlich!
  • Liebe Band, liebe Herrenmagazin: Gönnt euch eine schöne Pause und kommt dann stärker denn je zurück und jetzt rockt bitte diese Tour in Grund und Boden. In diesen Städten:
25.02. Osnabrück - Kleine Freiheit
26.02. Trier - Exhaus
27.02. Freiburg - Schmitz Katze
29.02. Stuttgart - Schocken
01.03. Erfurt - Museumskeller
02.03. Dresden - Scheune
03.03. Potsdam - Waschhaus
04.03. Kiel - Orange Club
05.03. Lingen - Schlachthof



Montag, 22. Februar 2016

Tex & Phela - TV Noir on tour!

(sf) TV Noir ist eins der angenehmsten Formate, das die Musikbranche zu bieten hat. Das "Wohnzimmer der Songwriter" wurde von Tex Drieschner konzipiert, der auch durch die Sendung führt und neben nationalen Sternen wie Konstantin Wecker, Olli Schulz, Gisbert zu Knyphausen, Bosse oder Thees Uhlmann auch internationalen Größen wie William Fitzsimmons, Matthew Caws (Nada Surf), Fran Healy (Travis) oder Moneybrother eine Plattform bietet. Nicht zu kurz kommen aber auch eher unbekannte Künstler à la Deep Sea Diver, Me And My Drummer oder Phela - und genau mit der ist Tex, bei dem man ob seiner vielen Talente viel zu schnell vergisst, dass er ein herausragender Musiker ist, aktuell auf Tour. Wir haben das Konzert im Münchner Milla besucht und haben gar Bezauberndes erlebt.

Schon Wochen im Voraus war die Veranstaltung ausverkauft, doch dank Gästeliste kamen wir kurzfristig in den Genuss dieses in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Konzertes. Besonders auffällig und ungewohnt war zunächst einmal das Konzept: statt Support und Main Act traten Tex und Phela als gleichberechtigte Künstler auf die Bühne, wechselten sich alle 2-3 Lieder ab, unterstützten sich gegenseitig bei den Songs des jeweils anderen und auch Phelas Band (durch die Bank außergewöhnlich talentierte Musiker) war für beide Frontleute im Einsatz, was ständig für Bewegung auf der Bühne sorgte und auch dafür, dass sowohl Tex als auch Phela ihre Stücke völlig neu arrangieren und in neuen Mänteln präsentieren konnten.

Foto: Kiki Angerer
Klar, der Großteil der Besucher hat wohl wegen Tex den Weg ins Milla gefunden, ist er doch
bereits seit zig Jahren dick im Geschäft und hat es neben seinen Tätigkeiten als Karikaturist und Buchautor vor allem durch seine Songs geschafft, eine beachtliche Fanschar hinter sich zu vereinen. Schmuckstücke wie "Wenn sie lacht", "Düster bist Du schön" oder "Juli" (nachdem sich übrigens tatsächlich die gleichnamige Band benannt hat!) lassen einen schon in der Studioversion nicht kalt, aber live dargeboten ist das Ganze gleich nochmal eine Spur intensiver und sorgt für Gänsehaut im Minutentakt.

Eine wunderschöne Ergänzung zu Tex bot Phela - der von uns schon öfter gepushten Newcomerin gelang es tatsächlich, den Songs ihres Kollegen eine neue Dimension zu verleihen, da sie die gefühlvollen Balladen nicht nur stimmlich veredelte, sondern auch mit ihrem virtuosen Geigenspiel dazu beitrug, die bekannten Lieder in neue Gewänder zu kleiden. Tex, ganz Gentleman, gab Phela hierbei auch ausreichend Platz, um ihre Stärken einzubringen und beharrte selbst bei seinen eigenen Werken nicht darauf, im Vordergrund zu stehen. Eine äußerst sympathische Kombination, die die Zuhörer faszinierte und binnen weniger Minuten in ihren Bann zog.

Foto: Kiki Angerer
Apropos Zuhörer: ich habe selten ein so respektvolles und aufmerksames Publikum erlebt wie gestern im Milla. Kein Reden während des Konzerts, die geknipsten Handyfotos dürften an einer Hand abzuzählen sein und dem Ende der Lieder folgte stets eine kurze Ruhepause, bevor der Jubel begann. Nur ja keine Sekunde des Konzerterlebnisses verpassen war die Devise! Und ja, es war ein Erlebnis, denn auch der Sound im Milla war außergewöhnlich gut - das möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen und dem Veranstalter ein Lob aussprechen. Das habe ich in anderen Locations in München auch schon ganz anders erlebt und war schwerstens begeistert.

Nach so viel Tex nun zu Phela: die Wahlberlinerin hat es mit ihrem tollen Debüt-Album "Seite 24" bis auf Platz 60 der deutschen Album-Charts geschafft, durfte in den letzten Monaten bereits die Herren Bourani und Poisel, sowie Alin Coen supporten und hat nun mit Tex scheinbar einen kongenialen Partner gefunden, um ihre Songs zusammen mit ihrer fantastischen Band auf die Bühne zu bringen. "Wieder alleine", "Alles auf Anfang", "Still" - die bekannten Hits, die sie mittlerweile auch bei diversen Radio- und TV-Sendern zum Besten geben durfte, wurden vom Publikum frenetisch gefeiert und auch die eher unbekannten oder gar unveröffentlichten Stücke wie "Zwischen uns" kamen sehr gut an. Stimmlich top, sehr sympathisch, musikalisch überaus talentiert und absolut multitaskingfähig (Geige spielen und gleichzeit singen - Respekt!) - Phela hat gestern sicher den einen oder anderen Fan dazugewonnen. Sehr erfreulich fand ich persönlich, dass viele der bekannten Songs live anders arrangiert sind als auf dem Album, was dazu führt, dass das Gesamtwerk deutlich rauher und abwechslungsreicher klingt, die Melancholie etwas hintangestellt wird und Phela so nicht Gefahr läuft, als stets traurige junge Frau abgestempelt zu werden, deren Lieder wenig Hoffnungsvolles in sich bergen.

Wer sich Tex und Phela in den kommenden Tagen noch ansehen möchte, der hat hier die Möglichkeit dazu: