Freitag, 2. Dezember 2022

KW 48, 2022: Die luserlounge selektiert

Quelle: seeklogo.com
(Sb/ms) „Dieses Geschäft ist auf Dauer geschlossen, wir bedanken uns für die vergangenen 27 Jahre.“
Nur einen Steinwurf von meiner Wohnung aus entfernt, sah ich dieses traurige Schild an einer Tür hängen. Vorher war Ausverkauf. Danach haben die Inhaber alle Regale ausgeräumt, gestrichen und nun fehlt selbst das Schild an der Tür. Kaum noch eine Spur ist übrig von diesem tollen Geschäft. Nur über den Fenstern hängt noch das große Schild mit dem Namen. 27 Jahre. Irre. Was für eine Zeit. In dem nun leeren Laden war bis vor kurzem eine Fachbuchhandlung für pädagogische Literatur. Ich war ab und an mal drin, da ich bestimmte Bücher suchte. Und fand. Die Menschen darin waren sehr kundig. Konnten schnell weiterhelfen, hatten einen tollen Überblick über ihr eigenes Sortiment, mussten nie suchen, ob das da ist. Ein Handgriff und das Heft oder Buch war in meinen Händen. Da steckte viel Kenntnis, Leidenschaft und Freundlichkeit drin. Ich hoffe einfach, dass es den Menschen nun gut geht und die Aufgabe des Ladens nicht ihre Existenz bedroht.

Ah, und da sind wir ja schon direkt bei Weihnachten. In den letzten Jahren hatten wir immer einen tollen Adventskalender mit vielen erstklassigen Beiträgen. Ich in ganz ehrlich: Ich hab es dieses Jahr nicht kommen sehen. Einfach vergessen. Pardon. Wir machen dennoch so weiter wie immer! Freitags wird selektiert. Und das geht so:

Stars
(Ms) Musik in der Weihnachtszeit. Das ist eine überaus heikle Angelegenheit. Radiohörernde sind dem sicher schon länger ausgesetzt und einige Spotify-Playlisten werden auch schon mit dem großen Popzauber infiziert sein. Weihnachtslieder aus dem Indie- oder Rock-Bereich gibt es natürlich auch zahlreiche. Durchsetzen tun sie sich nicht. Für viele Musizierende ist es eine liebgewonnene Tradition. Beispielsweise bei Stars aus Kanada. Sie gehen oft in der Adventszeit in Kanada und den USA auf Tour. So auch in diesem Jahr und schenken allen Menschen ein sehr sanftes, zartes Weihnachtslied. Die Band selbst sagt, dass dieses Lied einem ein wenig die Feiertagshölle ersparen soll. Ich denke, dass das klappt, so schön und beruhigend ist Christmas Anyway. Noch schöner ist, dass die Band die gesamten Einnahmen durch das Lied spenden werden. Das sind echt richtig gute Menschen! Und im Februar kommen sie auch für zwei Termine nach Deutschland. Sehen wir uns in Hamburg?

17.02.2023 - Hamburg - Knust
18.02.2023 - Berlin - Lido


Staring Girl
(Ms) Ich bin der festen Überzeugung, das Musik heilsam ist. Dass sie Wunden schließen kann. Dass sie therapeutische Wirkung hat. Dass sie beruhigen kann. Dass sie ihren warmen Mantel ausbreiten kann unter dem ich mich verkriechen kann. Dass sie mich erfasst, mitnimmt, tröstet. Die wunderschöne Kraft der Musik: Ich weiß, dass es sie gibt! Immer wenn ich Staring Girl höre, dann umschließt mich eine beschützende Hülle, sie hält mich und streift mir sanft über den Rücken. Das liegt zum einen an dem unglaublich schönen, runden, toll ausgelotetem Klang der Band. Wie gefühlvoll Frenzy Suhr beispielsweise den Bass spielt, das ist herrlich, das geht nicht einfach so an einem vorbei. Über dem wunderbaren Musikteppich breitet Steffen Nibbe seine einzigartigen Texte aus. Es geht stets um Menschen; er erzählt ihre kleinen Geschichten mit so gut ausgewählten Worten, dass ich mich immer wieder drin erkenne und/oder mich darin fallen lassen kann. Das gelingt wirklich nur ganz wenigen Textern. Am 13. Januar veröffentlichen sie ihr neues Album Schräg Fällt Das Licht, das sicher großartig wird. Doch die Band braucht ein wenig Unterstützung, um die Pressung der CDs und Schallplatten finanziell zu stemmen. Bitte macht da mit. Das ist sehr gut angelegtes Geld und die Möglichkeiten, die sie über Startnext bieten, sind vielfältig und für jeden ist etwas dabei. Dann können wir sie nächstes Jahr hier sehen:

13.01.2023 - Kiel, Hansa48
14.01.2023 - Hamburg, Knust


Dagobert & Kay Shanghai
(Ms) Und es geht weiter mit den weihnachtlichen Liedern. Und wenn Dagobert dazu ein Stück schreibt, dann weiß man auch, was man erwarten kann. Dann werden die großen Gefühle ausgepackt und das Herz pocht ein wenig schneller. Denn tief aus den Schweizerischen Bergen ruft uns die pure Romantik heim, wenn es heißt, dass Weihnachten Zu Zweit gefeiert wird. Am Kamin, mit heißen, belebenden Getränken, wohlig eingepackt und mit ein paar kleinen Geschenken hier und dort. Für solch ein Stück braucht man selbstredend Unterstützung, sonst ergibt der Titel ja auch gar keinen Sinn. Mit an Bord ist Kay Shanghai, Clubbetreiber in Essen und bekanntes Gesicht des Potts. Optisch und stimmlich ist das alles unglaublich harmonisch. Und da ja eh klar ist, dass Dagoberts Musik stets mit einem Augenzwinkern zu genießen ist, drehen wir das hier mal ganz laut!


Shybits & Eddie Argos
(Ms) Wie?! Noch ein Weihnachtslied?! Oh, man! Ja, es ist wahr. Besinnlicher ging es hier sicherlich noch nie zu. Und mit dem dritten Lied haben wir noch mehr musikalische Bandbreite dabei, denn Shybits und Eddie Argos sind eher dafür bekannt, die Gitarren knallen zu lassen. Auf Hope This Christmas werden sie entspannt und sanft angeschlagen. Ein süßes, kleines Lied, das den kindlichen Blick aufs Fest aufblinken lässt.
So. Zugegebenermaßen packt mich keines dieser Weihnachtslieder in besonderer Weise. Es sind alles nette kleine Spielereien, doch hängen bleibt davon nichts. Sicher ist es auch nicht das Ziel dieser Lieder. Auf der anderen Seite, ist die Halbwertszeit dieser Musik eh sehr, sehr kurz. Für gut drei Wochen sind sie noch spielbar und kommendes Jahr ist dann eh wieder neues Hörmaterial auf dem Weg. Aber nun gut: Schöne Adventszeit! 


Gregor McEwan
(Ms) Bald geht es wieder los. Vielleicht hat es auch schon angefangen. Zum Ende des Jahres hin gibt es allerhand Zinnober. Der ganze Konsum ist ja eh schon schlimm genug. Dann wird noch auf heile Welt überall getrimmt und für das kommende Jahr wird stets Besserung gelobt. Und dann kommen die Jahresrückblicke. Will ich gar nicht sehen. Schaut man sich die großen Themen an, sieht das nämlich nicht gut aus. Ganz und gar nicht. Klima am Arsch und keinen kümmert es. Ein erbitterter Krieg im Osten Europas. Elon Musk macht, was er will. Trump auch. Und kann ich demnächst noch meine Rechnungen zahlen? Keine Ahnung. Ein bisschen Vorsehung dabei hatte Gregor McEwan, der wirklich das passende Lied dazu geschrieben hat: The End. Das ist es, das Ende. Das haben größtenteils wir alle als Gesellschaft so gut hinbekommen. Doch leider, leider haben einzelne Persönlichkeiten und Institutionen so viel Einfluss und Macht, dass ihnen eine besondere Schwere der Tat zuzuschreiben ist. Über all jene sing der Musiker dieses Mal. Zart, aber dennoch eindringlich. Erneut ist ihm damit ein toller Song gelungen! Hier kann man ihn kommendes Jahr live bestaunen:

23/01/23 - Wesel - JZ Karo
25/01/23 - Dortmund - subrosa
26/01/23 - Unna - Lindenbrauerei
28/01/23 - Schwerin - Speicher
24/03/23 - Schwäbisch-Hall - Anlagencafé
25/03/23 - Lindau - Zeughaus
26/03/23 - München - Milla
07/07/23 - Wolfsburg - Hallenbad


Donnerstag, 1. Dezember 2022

Live in Bremen: Wanda

Schlechtes Bild, gute Sicht. Foto: luserlounge
(Ms) Wo ist der Reiz bei der ganzen Konzertebesucherei? Klar, es geht immer um den Moment und die zwei Stunden Sorglosigkeit. Aber auch die äußeren Rahmenbedingungen sind spannend. Ich persönlich freue mich immer sehr, wenn ich in einen Laden gehe, wo ich vorher noch nie war. So gestern Abend geschehen. Am Mittwoch spielten Wanda in Bremen. Der Ort hatte den wundersamen Namen Modernes. Genial! Gelegen ist es in der Bremer Neustadt, Kaffeeduft liegt in der Luft, da Jacobs in der Nähe röstet, die Fachhochschule ist direkt nebenan, das Viertel ein Stückchen und eine Weserüberquerung weit weg. Das Modernes ist ein wenig verrückt aufgebaut. Denn man kommt rein, geht links oder rechts und steht direkt neben der Bühne. Oft ist sie am anderen Ende des Gebäudes. Hier ist man direkt mittendrin. Dann schlängelt man sich so hindurch und kann fast überall gut sehen. Toll gebaut. Und noch toller: Oben in der Decke sieht man einen großen Kreis, Durchmesser locker fünf Meter oder so. Und dieser Kreis entpuppt sich als Fenster, das sich öffnen und schließen kann. Zwischen Vorband und Wanda wurde es kurz aufgemacht. Selten kam in so einen großen Raum so schnell frische Luft. Super Laden, bis auf das Haake Beck…

Wanda also. Das aktuelle Album finde ich überraschend gut. Außerdem habe ich sie das letzte Mal vor drei Jahren live gesehen, gab ja ein paar Gründe… Anfangs habe ich mich noch gefragt, wie die Stimmung wohl wird aufgrund Christians Tod. Dazu später mehr.
Wir kamen rein, als die Vorband schon spielte. Tatsächlich habe ich im Vorfeld nirgends erfahren, wer das wohl ist. Stand nirgends. Soeckers standen auf der Bühne. Ich kannte sie nicht. Doch ihre Musik habe ich schon tausend Mal gehört. So beliebig klang das. Irgendwas zwischen Vonwegen Lisbeth, AnnenMayKantereit. Das war so spannend, wie einer frisch gestrichenen Wand beim Trocknen zuzuschauen.

Wanda also. Jetzt aber echt. Es lässt sich nicht leugnen, dass das ein unglaublich geiler Abend war. Da dürfte es keine zwei Meinungen geben. Doch bei dem Pärchen, das neben uns stand, war ich mir nicht so sicher. Sie haben sich nicht geregt. Keine Mimik. Er hat ein Mal gegähnt. Ei, Ei, Ei… Diese Band ist eine Garantie für einen ausgelassenen Abend, das kann man nicht anders sagen. Und sie spielen voller Passion. Da wird keine Show abgezogen. Alles was der Marco da auf der Bühne sagt zwischen den Liedern entspringt seinem Herzen, das ich spürbar. Ein Wanda-Konzert ist auch keine Trauerveranstaltung. Das muss so festgehalten werden. Doch Christian wurde mit aufrichtigem, ehrlichem Applaus gehuldigt. Das halte ich für ein Konzert dieser Art für einen sehr guten Weg.
Wanda 2022. Offiziell sind sie nun als Quartett unterwegs. Live spielen sie zu sechst. Und das ist direkt spürbar, denn da war ordentlich Wumms in den Liedern, das ging ab! Insbesondere der zweite Gitarrist tat dem Sound der Band enorm gut, das hat richtig gut gesessen. Generell herrschte auf der Bühne eine große Harmonie. Allen war anzumerken, wie sie sich auf den Abend freuten. Das schwappte über und die Laune im sehr bunt gemischten Publikum war herausragend. Bis auf besagtes Pärchen neben uns. Die Leute feiern Wanda einfach ab. Und das vollkommen zurecht. Klar, bei den neuen Liedern ist die Euphorie noch ein wenig zurückhaltender. Doch als Luzia, Schick Mir Die Post oder Bussi Baby durch den Bremer Abend hallten, gab es kein Halten! Ich persönlich habe mich total über Va Bene gefreut. Ein scheinbar einfacherer Track, der durch seine Wiederholung jedoch enorm an Kraft gewinnt - Es muss alles weitergehen! Doch auf Kommando geht auch so ein Abend vorbei - 1, 2, 3, 4!
Wanda also. Wäre es übertrieben diese Band als größte Rockband im deutschsprachigen Raum zu bezeichnen, die noch keine 30, 40 Jahre im Geschäft ist?! Nein, keineswegs. Sie zeigen es auf der Bühne, wie stark sie sind. Wie viel Leidenschaft und Aufrichtigkeit in ihrer Musik steckt. Das ist irre, das macht sehr viel Spaß. Da nimmt man auch eine kurze Nacht und einen verschwommenen Morgen für hin! Immer wieder gerne, immer weiter spielen! Wanda!

Mittwoch, 30. November 2022

Thees Uhlmann - 100.000 Songs Live 2022

Foto: Sebastian Igel
(Ms) Lieber Thees Uhlmann,
Wann das war, weiß ich nicht mehr so genau. Irgendwann saß ich in meinem Kinder-/Jugendzimmer und las das Booklet zu Buchstaben Über Der Stadt. Der Text hat mich wahnsinnig ergriffen, berührt. Gern wollte ich dir damals schon schreiben, was mir deine Musik, aber insbesondere diese Zeilen in der CD-Hülle bedeuten.
Ich habe es nie gemacht, schade eigentlich. Denn als Fan und Musikfreak denke ich schon seit einiger Zeit darüber nach, was denn neben Konzertbesuchen, Plattenkäufen und Volllaberei anderer Ohren ein Beitrag sein könnte, um der eigenen Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Nun habe ich vielleicht eine passende Geste gefunden: Ich danke dir! Und zwar nicht für die Angst. Sondern für dein Talent. Das mag ja anbiedernd klingen, doch es ist ganz ehrlich gemeint.
Zur ganzen Aufrichtigkeit gehört auch, dass ich die letzte Platte gar nicht mehr so aufmerksam gehört habe. Aber das passiert ja irgendwie, oder? Vielleicht ist die Passion ja ein wenig kleiner geworden. Warum, ist mir unerklärlich. Denn in diesen Tagen ist etwas Wundervolles passiert: Auf dem Weg von A nach B habe ich deine Live-Platte gehört, hören dürfen, die nun am Freitag erscheint. 100.000 Songs Live. Genialer Name! Und schon nach den ersten Liedern, die ich gar nicht so richtig auf dem Schirm hatte, dachte ich: Wow, was ist das einfach für ein irrer Texter! Es scheint mir fast unerklärlich zu sein. In deinen Texten, lieber Thees Uhlmann, steckt oft etwas drin, das etwas mit mir macht, es ergreift mich, bringt mein Atem kurz zum Stocken. Was das genau ist, weiß ich nicht. Da ist etwas in deinen Worten, das für mich den Kern des Menschlichen sehr nah greifbar macht. Etwas, das weit weg von Pathos und Kitsch ist. Wenn eine Geschichte über Zugvögel oder HipHop-Video-Darstellerinnen-Fahrende mir eine Gänsehaut bereiten, dann passiert doch etwas, oder? Was ist das denn? Ich glaube, es ist deine erfahrbare Gabe, Geschichten zu erzählen, die du irgendwo aufschnappst, vielleicht ist es nur ein kleiner Blick gen Himmel oder das Ende eines Gedankenspiels. Und diese Geschichten sind so ehrlich, so klar, so unglaublich wunderschön, dass es mir leicht fällt, ihren Bedeutungsrahmen zu verstehen. Die Worte in Strophe, Refrain, Bridge sind so gut ausgewählt, sicherlich zig Male hin und her gewälzt. Passt der Reim so? Ist damit gesagt, was ich sagen wollte? Holpert das mit den Silben oder stehe ich darüber? Kriege ich das echt so gesungen im Studio und auf der Bühne? Und kriege ich von Wiebusch dafür vielleicht eine geknallt? Dann, in diesem ganzen Prozess, eigne ich mir deine Geschichte, deine Texte an und ich verbinde mit ihnen meine ganz eigenen Geschichten. Gut, oder?
Das erste Mal sah ich dich mit Tomte live in Bielefeld im November 2008. Das ist nun vierzehn Jahre her. Da war ich achtzehn, Oberstufe, wilde Zeit. Nun bin ich 32, berufstätig, ganz andere Dinge stehen da jeden Tag an. Deine Lieder sind immer noch da. Oder, wenn sie wie bei der letzten Platte vielleicht eine kleine Pause gemacht haben, mit Unterbrechungen da. Die Frequenz ist egal. Die Verbindung, die Leidenschaft ist die gleiche.
Und ganz ehrlich, wenn du regelmäßig ein paar Töne live nicht triffst, ist mir das wumpe. Darum geht es mir gar nicht, wenn ich die Live-Platte höre. Ich höre dir als Rampensau gerne zu und bin immer wieder begeistert, wie unglaublich viel Aufrichtigkeit und Ergebenheit in deiner Stimme, in deinem Auftreten liegt. Es ist hörbar. In den Ansagen, im Timbre, in der Dankbarkeit für all die Menschen, die das schon so lange mit dir machen. Ja, so ein Live-Album ist immer auch ein Best-Of, da geht fast kein Weg dran vorbei. Insbesondere wenn es die erste Platte dieser Art ist. Und das gefällt mir sehr. Habe ich nun dieses Album auf den Ohren, ploppen da wirklich viele Geschichten, Momente, Bilder aus mindestens vierzehn Jahren auf. Sie machen mich froh, denn sie gehören ja zu mir dazu. Und deshalb freue ich mich schon irre drauf, beim nächsten Konzert dabei zu sein.

Danke.



Samstag, 26. November 2022

KW 47, 2022: Die luserlounge selektiert!

Quelle: en.Wikipedia.org
(ms/sb) Kultur, Begeisterung und Exklusion. Es ist ein leidiges Thema, das wahrscheinlich nicht aufhören wird zu pochen. Der Besuch vieler kultureller Veranstaltungen ist teuer und schließt damit eine große Gruppe an Menschen aus, dort hinzugehen und unterschiedliche Formen von Kunst zu genießen. Das ist einfach schade und sehr bedauerlich. Will das Kulturpublikum unter sich bleiben oder gibt es einfach nicht genügend Mittel, damit alle dabei sein können?
Na klar, ein Abend im Kino, im Theater, auf einem Konzert, in einem Museum ist teuer. Und meist ist es als Besucher ein kurzweiliger Spaß, ein herrliches Vergnügen. Letzten Samstag war ich im Theater, einfach mal was anderes sehen als immer nur Rock‘n‘Roll… Der Abend lief unter dem Motto „Drei choreographische Uraufführungen“. Es war Ballett. Unglaublich spannend, wahnsinnig ästhetisch. Verstanden habe ich allerdings sehr wenig. Oft hilft der Text dabei, doch dort haben die sehr athletischen Menschen eine Geschichte mit ihrem Körper, mit Tanz gespielt. Das war toll anzusehen und hatte auch einen Vorteil: Durch mein Nicht-Wissen in puncto Ballett konnte ich mir einfach meine eigene Geschichte ausdenken. Ich sehe das als großen Gewinn! Und bin gleichzeitig betrübt, dass das so vielen Menschen vorenthalten bleibt…

Wir grenzen hier niemanden aus. Die luserlounge ist für alle da. Für lau!
 
Fjørt
(sb) Seit Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys mit ihrem Album auf Platz 1 der deutschen Charts eingestiegen sind, kann uns diesbezüglich wenig überraschen. Dass Fjørt mit ihrer neuen Scheibe nichts auf Anhieb Rang 8 erreichten, lässt dennoch aufhorchen. Nische rules! Die Aachener treffen mit ihrem Post-Hardcore den Nerv der Zeit, intelligente Texte und brachiale Instrumentalgewalt vereinen sich zu einem großartigen Komplex, der einem mit ordentlich Schwung in die Magengrube drischt. Klar, nicht jeder Track hat mich auf Anhieb gepackt, andere hingegen (Bonheur, Feivel) haben mich sofort in ihren Bann gezogen und werden mich sicher noch länger begleiten.


Village Of The Sun
(Ms) Eine Gemeinsamkeit von Electronic Dance Music und Jazz scheint auf den ersten Blick nicht zwingend auf der Hand zu liegen. Auf den Zweiten vielleicht schon. Auch wenn die Instrumentierung und Derbheit der Musik durchaus anders ist, so haben sie vielleicht ein ähnliches Ziel: Die zuhörende Masse in Ekstase zu versetzen und auch eine gewisse psychedelische Stimmung zu erzeugen, in der man sich verlieren kann. Daher ist es gar nicht sooo verwunderlich, dass sich das Jazz-Duo Binker & Moses und Simon Ratcliffe von Basement Jaxx zusammen getan haben, um ein elektronisch-jazziges Album aufzunehmen. Zusammen nennen sie sich Village Of The Sun und haben Anfang des Monats die Platte First Light veröffentlicht. Wobei ich sagen muss, dass der Jazzanteil doch wesentlich höher ist, als die deftigen elektronischen Phasen. Aber wie dem auch sei… In den Bann ziehen mich die Stücke auf jeden Fall, ein wirbelnder, mystischer Klang sorgt dafür. Mal ist er unglaublich harmonisch und beruhigend, dann wieder entfesselt und wild. Das ist eine berauschende, sehr gelungene Mischung. Reinhören lohnt sich sehr!


Yves Tumor
(Ms) Das lineare Fernsehen hat ausgedient und das Musikfernsehen ist toter als tot. So einfach kann man das sagen. Dennoch finde ich es immer wieder großartig, wie viel Leidenschaft, Energie und (das darf nicht unerwähnt bleiben) Geld MusikerInnen in ein neues Video investieren. Ob man damit jenseits der Klicks im Netz Geld verdienen kann, weiß ich nicht. Die Kosten können zudem auch stark variieren. Entweder man macht alles selbst und tut es für lau oder ein ganzes Team von Menschen ist dabei. Kameramenschen, Regie, Produktion, SchauspielerInnen, Lichtleute undundund… Gerne würde ich daher wissen, was das neue Video von Yves Tumor so gekostet hast. Denn es gleicht einem atemlosen Kurzfilm zwischen Film Noir und Horror. Als Lied packt mich God Is A Circle gar nicht mal so sehr, doch die 3 Minuten und 35 Sekunden Filmmaterial sind irre, sehr schnell, teils bedrückend, wirr, sehr ästhetisch und halt auch sehr kunstvoll. Letztes Jahr brachte der Musiker eine EP raus, das neue Stück darf sicher die Hoffnungen erhellen, dass in absehbarer Zeit noch mehr folgt!


KO KO MO
(Ms) So nah und doch so fern. Letzte Woche haben wir vom Franzosen Flavien Berger berichtet, der lässige elektronische Musik macht und heute legen wir direkt nach aus unserem Nachbarland. Ja, jede Region, jedes Land hat seine eigene Szene. Darüber hinaus zu kommen, scheint super schwer zu sein. Die Sprache ist eine Hürde, aber auch ein Auftauchen in der Berichterstattung. KO KO MO sind hier noch eher unbekannt. Das könnte sich aber ändern, da sie wirklich alles mitbringen, um auch Bühnen zwischen Hamburg und München elektrisieren zu lassen. Sie sind wenig abschreckend, da sie auf Englisch singen, ein sicher nicht unerheblicher Vorteil. Die Brüder Kevin und Warren tauchen als Duo auf. Klar, im Rockbereich assoziiert man das schnell mit den White Stipes, aber auch in Frankreich kennt man beispielsweise The Inspector Cluzo, die auch „nur“ zu zweit spielen. Kevin und Warren also. Sie spielen Rockmusik. So einfach, aber auch so präzise kann, nein, muss man das sagen. Schnörkellos und ohne Attitüde scheppern sie drauflos und das macht ziemlich viel Spaß. Selten haben einfache Tugenden mehr gezündet! Seit dem 11.11. ist ihre aktuelle Platte Need Some Mo‘ draußen und Anfang kommenden Jahres geht ihre Support-Tour mit Royal Republic weiter:

05.01 - Berlin, Columbiahalle
07/01 - München Zenith
26/01 - Hamburg, Sporthalle
27/01 - Köln, Palladium
29/01 - Saarbrücken, Garage


 
Vandermeer
(sb) Shoegaze ist in seiner Definition für mich seit jeher ein Mysterium. Als ich in der Pressemitteilung zum neuen Album von Vandermeer genau diesen Begriff aufschnappte, musste ich erstmal tief durchatmen. Was wird das denn nun wieder? Umso (positiv) überraschter war ich dann, als während der ersten paar Minuten von Grand Bruit astreiner Rock aus den Boxen dröhnte und zu gefallen wusste. Textlich kommt die Scheibe zwar eher bedrückend rüber (Verlustängste, Social Distancing, das Alleinsein an sich), klingt in ihrer Gesamtheit und trotz aller Intensität aber sehr einfühlsam. Und wenn Euch das Album beim ersten Hören noch nicht kriegt, dann gebt ihm auch eine zweite oder dritte Chance, denn die hat es verdient. Starkes Ding!



Wülker & Jansen
(Ms) Was passiert, wenn zwei Talente aufeinanderstoßen? Messen sie sich? Entbrannt ein furioser Wettstreit darum, wer außerordentlicher ist? Wer das Sagen hat? Wer die höhere Reputation hat? Wer es dem anderen so richtig zeigen kann? Oder gehen sie den Weg von Nils Wülker und Arne Jansen? Der eine an der Trompete, der andere an der Gitarre. Ich als Laie würde auch behaupten, dass sie sich gar nicht so richtig messen könnten, da ihre Instrumente zu unterschiedlich sind. Aber sei‘s drum… Die beiden haben sich nun also zusammen getan und bringen im Februar ein gemeinsames Album raus. Closer wird also eine musikalische Freundschaft aus Blechbläser und Saiteninstrument. Und es könnte ein abenteuerlicher Ritt werden, denn die beiden haben nicht nur neue, eigene Kompostionen erschaffen, sondern offenbaren sich als Fans von Ry X oder den Nine Inch Nails, indem sie einzelne Stücke covern. Das finde ich einen sehr sympathischen und verspielten Ansatz und macht neugierig. Seit heute ist die Single Deep Dive zu hören, ein leicht psychedelischer, eingängiger Track, der für dieses Wochenende zum Entspannen einlädt.

31.01.2023 Neunkirchen, Neue Gebläsehalle
01.02.2023 Hannover, Theater am Aegi
03.02.2023 Kreuztal, Weiße Villa in Dreslers Park
04.02.2023 Baden Baden, Festspielhaus
06.02.2023 Hamburg, Laeiszhalle
07.02.2023 Berlin, Admiralspalast
08.02.2023 Leipzig, Haus Leipzig
09.02.2023 Düsseldorf, Savoy Theater
11.02.2023 Erfurt, Theater
12.02.2023 Stuttgart, Mozartsaal
15.02.2023 Herford, MARTa
16.02.2023 Frankfurt, Alte Oper
17.02.2023 Bremen, Die Glocke

Mittwoch, 23. November 2022

Björk - Fossora

Farbenfroh, fulminant. Foto: Vidar Logi
(Ms) Björks Kunst auch nur ansatzweise in Worte zu fassen, scheint für mich ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Aber dieses Album ist eine Wucht. Eine Erfahrung. Eine Körperliche. Es ist zu gut, zu ungewöhnlich, zu schön, um nicht darüber zu schreiben. Und genau aus diesem Grund habe ich Tage, Wochen gebraucht, um auch nur irgendwie diesen Text hier fertig zu stellen. Komplexität und pure Ästhetik sind hier eins, stehen sich nicht gegenüber, schließen sich nicht aus. Aber die Schönheit im Klang dieser Platte kam für meine Ohren erst mit der Zeit. 
Mit Björks Gesamtwerk kenne ich mich zu schlecht aus, um Fossora nun gebührend einordnen zu können. Das ist vielleicht auch gar nicht notwendig. Der Ausgangsgedanke für diese Platte war, dass sie das Gefühl, mit dem Fuß auf der Erde aufzutreten und seicht darin zu graben, in Sound zu transformieren. Allein das steht schon für sich, wie verrückt! Was für ein irrer Anspruch an sich selbst, das schaffen zu wollen. Welche Ideen kommen dann? Welche Instrumente will sie heranziehen? Wie soll das klingen? Welche Gefühle sollen heraufbeschworen werden? Welche Bilder ploppen auf? Das ist ein beeindruckender Weg, um sich Musik zu erschließen.

Für die Verbindung zwischen Mensch und Boden hat sich Björk ein Vehikel herangezogen: den Pilz. Er macht sich im Artwork und auch in mindestens einem Video bemerkbar. Ein kluges Bild: Pilze sind ungeheuer schlaue Lebewesen, sie kommunizieren miteinander, verbreiten sich geschickt, einige leuchten sogar im Dunklen. Irre. Nicht ganz verwunderlich, dass Björk sich deren metaphorische und natürliche Kraft bedient. 
Nun, wie soll man sich also Fossora nähern? Geduldig, würde ich sagen. Unter keinen Umständen sollte man sich abschrecken lassen. Neugier ist gefragt. Auch gilt es, gewisse Dinge auszuhalten. Klar, für alle Björk-Hardcorefans ist das nichts Neues. Sie wissen, dass sich die Isländerin immer wieder neu erfindet. Nur sind halt nicht alle Teil dieser ausgebufften Gruppe.

Am einfachsten ist es, zu starten. Also: Go! Atopos ist der erste Track und direkt die erste große Herausforderung. Klar, Björk zeigt ohne Umschweife, was für ein irre Gesangskünstlerin sie ist. Wo überall gebrochen wird, wie unwichtig ein klarer, harmonischer Aufbau von Text und Gesang ist… wobei… die innere Logik ergibt sich mit der Zeit, doch beim ersten Hören mag es ungewöhnlich klingen. Dazu diese Instrumentierung. Sie hat sich ein Klarinetten-Ensemble hinzugezogen und einen DJ für dieses Lied (und das gesamte Werk). Es fließen die warmen Bläserklänge mit heftigsten Bassdrums zusammen. Und: Es geht auf! Wenn auch mit einer irren Portion Wumms. Und dabei sind wir noch nicht mal beim Inhalt. Dieses etwas wirre Stück ist eine große Hommage ans Zusammenhalten. Das ist Kunst! Das ist eine Explosion!
Auch wenn der Klang dieser Platte etwas sperrig klingen mag, man muss ihm zwingend eine Chance geben. Dann ist die Belohnung groß und der Genuss obendrein.
Das Thema also: Auf dem Boden auftreten. Es muss also weich sein, vielleicht schreckt man kurz zurück, zieht den Fuß nochmal hoch, vielleicht steigt Kälte auf, vielleicht überdenkt man diese Entscheidung. Und dann lässt man sich sinken. Ovule. Dieses Lied erweckt in mir genau dieses Gefühl. Die Zweifel, die zuckenden Nerven und das sich-fallen-lassen.
Dieses Album hat viele Bestandteile. Nicht alle kann ich hier auflisten. Beispielsweise die kleinen Zwischenstücke, die aus Melodien, Schnipseln, Gefühl bestehen. Sie geben dem Album teils eine Pause, aber halten auch das inhaltliche wie auch klangliche Motiv aufrecht.
Schönheit. Ja, die glänzt auf dieser Platte an vielen Orten. Zum Beispiel auf Sorrowful Soil. Es ist beinahe ein a-capella-Stück, nur ein wenig Bass liegt unter den zahlreichen Stimmen. Das ist ein tolles chorisches Arrangement. Es strotzt vor Kraft und beinahe sakralem Glück. Gerne möchte ich mich in dieses Lied fallen lassen. Denn ich weiß, dass ich sanft und behutsam aufgefangen werde. Musik, du kraftvoller Zauber!
So. Und dann kommt Ancestress. Puh, ich musste es vier, fünf, sechs mal hören. Denn ein, zwei, drei Mal war ich nur verwirrt, ja, abgeschreckt. Wollte es irgendwie ausblenden, sah mich überfordert. Hier wiederhole ich mich gern: Dieser Platte gilt es, Zeit zu geben. Sieben Minuten und achtzehn Sekunden erstreckt sich hier ein wahres Wunder. Erneut gibt es unzählige Brüche. Immer wieder, unaufhörlich. Die Melodien und Rhythmen wechseln sich immer wieder ab, das ist jedoch nicht das „Problem“. Viel mehr singt Björk hier derart zeilenbrüchig, dass es erst schwer auszuhalten ist. Doch der Glanz ist enorm. Viele Parts dies Liedes sind so ungeheuer schön, harmonisch, wundervoll, zart und klar. Sie kommen und vorhergesehen, passen fast nicht zusammen. Und dennoch ergeben sie ein enorm passgenauen Ganzes. Selten in letzter Zeit so komplexe, überraschend schöne Musik genossen!
Die Pilz-Bilder machen sich dann ganz praktisch auch auf Fungal City bemerkbar. Herrlich, die Klarinetten sind so leicht, so verspielt, sie tanzen durch das Lied, ganz selbstverständlich und unerschütterlich. Ein sanfter Beat dazu und viele Stimmen neben Björks machen daraus einen ersten Frühlingsspaziergang durch den Wald. Klar, auch hier passieren wieder zahlreiche Brüche, doch jeder Bruch auf diesem Album macht nichts kaputt. Erst mögen sie erschrecken, dann ergänzen sie. Kaum auszuhalten, wie schön das ist!

Klar, auf Fossora schlummern noch mehr Überraschungen. Noch mehr Dinge, die es zu entdecken gibt. Es ist enorm facettenreich. Der Klang überlagert für mich fast den gesamten Text. Pardon an dieser Stelle, dass ich dem nicht gerecht werde. Doch es gibt einige Bands und KünstlerInnen, bei denen mir die Musik als solche viel präsenter erwischt. Bei Björks aktuellem Album ist das massiv der Fall. Fossora ist ein Album, dass seinesgleichen sucht. Vom künstlerischen Anspruch, vom Soundgewandt, von der Vielschichtigkeit und von Belohungsseite aus. Denn das ist die Belohnung: Eines der schönsten, irrsten, verrücktesten, tollsten Platten, die dieses Jahr zu bieten hat!


Samstag, 19. November 2022

KW 46, 2022: Die luserlounge selektiert!

Bild: pinterest.de
(ms/sb) Vor den ganzen Musikneuigkeiten ein paar andere Worte über das zu schreiben, was mir durch den Kopf geht, oder was Berichtenswert ist, fällt mir in der Regel leicht. Oft braucht es nur einen kleinen, kuriosen Moment im Alltag, der ausreicht, um hier eine kleine Geschichte zu schreiben. Für diese Ausgabe ist da nichts. Kein Gedanke. Nichts, das mir spontan einfällt, um es hier einigermaßen lesenswert aufzubereiten. Tja. Dann dachte ich mir, dass ich was zur WM schreibe. Pff. So ein Megaquatsch. Ich finde es einfach nur schade, dass bis Weihnachten mein Verein im Ligabetrieb nicht spielt. Dann dachte ich mir: Jau, Weihnachten, auch ein super Thema. Aber ich bin weder in Stimmung und auf einen gehässigen Supermarkt-Schokoladen-Kommentar habe ich auch keine Lust. So bleiben die Zeilen hier inhaltsleer. Dann könnt ihr euch wesentlich besser auf das konzentrieren, was nun kommt! Viel Freude! 
 
Pale
(sb) 16 Jahre lang existierten Pale aus Aachen und spielten während dieser Zeit Konzerte in ganz Europa. 2006 wechselte die Band zu Grand Hotel van Cleef, veröffentlichte dort ein Album und löste sich drei Jahre später auf. Das Ende? Mitnichten.

Obwohl Sänger und Gitarrist Christian Dang-anh im Mai 2021 an einem Hirntumor verstarb, wird die Band nächsten Freitag völlig überraschend nochmal ein Album namens The Night, The Dawn And What Remains veröffentlichen. Darauf wird auch Dang-anh zu hören sein, der kurz vor seinem Tod noch ein paar Aufnahmen beisteuern konnte. Wunderbare Pop-Musik im Stil des 90er-Jahre-Indie - schöner kann ein Mini-Comeback kaum klingen. Ein einziges Konzert werden Pale noch spielen, dann ist wirklich Schluss.

02.03.2023 Köln, Gloria
 

 
Plewka & Schmedtje
(sb) Cover-Alben sind derzeit offenbar in Mode. William Fitzsimmons hat eins rausgebracht, The Tallest Man On Earth ebenso. Und nun also Plewka & Schmidtje. Dabei interpretiert Jan Plewka (Selig) zusammen mit Marco Schmedtje insgesamt zwölf Klassiker aus den 80ern und verleiht ihnen einen neuen Anstrich. Mit Let's Dance (David Bowie) greifen sie zwar ins Klo, alle anderen Versionen sind aber überaus gelungen und überraschen immer wieder positiv.
 
Between The 80's (VÖ: 25.11.) bietet einen äußerst gelungenen Querschnitt durch das Jahrzehnt - und zwar auf eine sehr beruhigende (weil akustische) Art und Weise. Favoriten: Forever Young, Africa und vor allem Material Girl.
 
 

Flavien Berger
(Ms) Elektronische Musik aus Frankreich. Ein großes Thema, dass alle Jubeljahre dann auch bei mir mal wieder aufploppt. Stetig könnte ich mir das nicht anhören, dafür fehlt mir oft der Wumms dabei. Aber zum Entspannen geht halt auch nicht immer Easy Listening oder Folkpop, da darf dann gerne auch ein wenig mehr Schwung rein. Unaufgeregter Schwung. Den bietet Flavien Berger mit seinem neuen Track D‘ici La. Das kann ich mir gut auf die Ohren setzen und gelassen vergesse ich, was um mich herum geschieht. Vielleicht bleibt es nicht unbedingt haften, aber es rundet den Moment herrlich ab. Hier lohnt auch das Schauen des Videos: Im Stakkato werden einzelne Fotos aneinander gereiht, sodass eine zügige Geschichte erzählt wird, wie einzelne Erinnerungsfetzen, die einen rauschhaftem Abend rekonstruieren. Das Album dazu wird im Laufe des kommenden Jahres erscheinen. Und wer elektronische Musik aus Frankreich ein wenig verfolgt, weiß, dass das vielleicht richtig durch die Decke gehen kann!


Shame
(Ms) Sich einem musikalischen Trend zu widersetzen, verlangt Bands viel Mut und Bereitschaft ab, an dem festzuhalten, wofür man brennt. Derzeit habe ich ab und an den Eindruck, dass im Gitarren-Indie-Rock-Pop-Bereich an die 80er angeknüpft wird, oft klingt es wie eine blasse Kopie ohne viel Eigenständigkeit. Das Rad neu erfunden haben shame auch nicht, aber die Leidenschaft für ihre Musik ist herauszuhören. Mitunter erinnert sie ein wenig an Joy Division oder Nada Surf, aber halt in dieses Jahrzehnt hinein katapultiert. Das macht Spaß, lässt Träume und endlose Nächte zu. In dieser Woche haben sie mit Fingers Of Steel einen neuen Song veröffentlicht, bei dem es mal wieder total lohnt, das Video dazu zu schauen. Darin begibt sich die Band in den Untergrund, imitiert eine Bot-Armee, um ihren eigenen Erfolg zu pushen. Eine herrliche Persiflage auf dieses bescheuerte, digitale Leben. Das neue Album wird Food For Worms heißen und am 24. Februar erscheinen! Hier tritt die Band dann auf:

26.03.2023 - München - Technikum
27.03.2023 - Berlin - Festsaal Kreuzberg
28.03.2023 - Hamburg - Markthalle
04.04.2023 - Köln - Gloria


Muff Potter
(Ms) 2022 ist das internationale Muff Potter-Jahr! So viel steht schon mal fest. Die Band ist wieder da, hat ein starkes Album abgeliefert, landete damit das erste Mal in den Top 10 der Album-Charts, spielte eine sehr gut besuchte Tour, hat über die Hälfte der Lieder von Bei Aller Liebe mit einem Video versehen und hören damit einfach nicht auf. Dass nicht alle Lieder im Laufe des Schaffensprozesses auf eine Platte kommen, ist klar. Gehört irgendwie dazu. Zum Album erschien auch eine limitierte 7“, ein kleines Extra. Darauf ist auch das Lied Alter Planet zu hören. Und wenn man in das Lied so eintaucht, dann wird schon klar, warum es nicht eine Runde weiter gekommen ist. Es passt nicht sooo gut in den Gesamtsound der anderen Lieder. Dennoch ist es schön, ja, hat eine richtig gute Dynamik und jetzt auch noch ein eigenes Video bekommen. Und am Ende des Muff Potter-Jahres gibt es noch weitere hervorragende Neuigkeiten! Die Tour geht kommendes Jahr weiter. Geht da unbedingt hin, es wird großartig, versprochen!

13.04.23 Magdeburg - Factory
14.04.23 Rostock - Peter Weiss Haus
15.04.23 Kiel - Die Pumpe
19.04.23 Leer - Zollhaus
20.04.23 Bochum - Bahnhof Langendreer
21.04.23 Osnabrück - Rosenhof
22.04.23 Hannover - Faust
26.04.23 Stuttgart - Im Wizemann
27.04.23 Heidelberg - Karlstorbahnhof
28.04.23 Marburg - KFZ
29.04.23 Dresden - Tante Ju

Mittwoch, 16. November 2022

Live in Bremen: Muff Potter

Verschwommen aber passioniert, Foto: luserlounge
 (Ms) Entschuldigung. Dass ich in dem Muff Potter-Konzertteil unten nicht alle Lieder benennen kann, tut mir leid. Zwar kenne ich die Band schon seit einiger Zeit, habe sie dank akribischer Aufschreibung auch schon mal live gesehen (offensichtlich beim Omas Teich 2009, das hoffnungslos abgesoffen ist), aber mit allem, was vor dem aktuellen Album so raus kam, kenne ich mich wirklich nicht gut genug aus, um mir alle Lieder gemerkt zu haben. Peinlich, peinlich, aber irgendwie auch ein bisschen egal, oder? Eben, danke.

Muff Potter also. Haben für mich eines der stärksten deutschsprachigen Alben diesen Jahres veröffentlicht, unabhängig vom Genre. Mag vielleicht schon ein bisschen was heißen. Die Klarheit der Texte, die nahe am Herzen sind, beeindruckt mich. Eine ganz eigene Art des Storytelling. Nach der langen Pause kam nun also diese Platte, Bei Aller Liebe. Und direkt dazu eine feine Tour. Keine einfache Sache in diesen Wochen und Monaten, wo so viel abgesagt oder abermals verschoben wird. Traut man den Bildern im Netz, scheint sie aber überall recht gut besucht zu sein.
Ebenso in Bremen am vergangenen Samstag. Schlachthof, was für ein super Laden. Denen verzeiht man sogar, dass dort Haake Beck ausgeschenkt wird. Dafür ist der Sound, die Atmosphäre und die irre Verteilung der Plätze viel zu genial und gemütlich. 

Für diesen sehr guten Konzertabend war aber auch noch eine andere Gruppe verantwortlich. Messer. Genialer Name, oder? Ihr 2017er-Album Jalousie habe ich aufmerksam gehört, aber danach auch die Gruppe ein wenig aus dem Fokus verloren. Das ändert sich nun. Denn die Art der Musik hat mich schnell live in den Bann gezogen. Der Vergleich mit Tocotronic und insbesondre den Fehlfarben lag schnell auf der Zunge, aber sie haben einen eigenen Charakter. Im Wesentlichen verantwortlich dafür waren ihre etwas klareren, wenn auch düsteren Texte, der irre Basslauf, ein extrem gut abgemischtes Schlagzeug und die unverkennbare Stimme von Hendrik Otremba. Ja, das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Und war eine sehr gute Wahl der Gäste, die den Abend mitgestalten. Nicht zu nah an der anderen Band, aber irgendwie doch im gleichen Kosmos.

Und dann folgten gut eindreiviertel Stunden geballte Gitarrenrockeuphorie. Lasst es mich ein wenig übertrieben ausformulieren: Aber das Beeindruckendste an dem Abend war nicht das reine musikalische Erlebnis. Sondern etwas, das Thorsten Nagelschmidt ziemlich schnell auch selbst benannt hat. Er meinte: „Hier ist doch irgendwas. Hier passiert doch was. Hier liegt doch was in der Luft“ (oder so ähnlich). Ja, das stimmt. An diesem Abend fand etwas zusammen, das lange aufeinander gewartet hat. Das war insbesondere bei den älteren Stücken (mea culpa, s.o.) zu hören: Eine irre Vorfreude auf diese Lieder im Publikum. Ja, es kann halt gut sein, dass Besucher diese Lieder einige Jahre halt nicht live erlebt haben. Dann ist das schon ein Wiedersehen alter Freude. Und wie geil ist es eigentlich, wenn einzelne Zeilen von Liedern abgefeiert werden?! Hach, Rockmusik. Du hast mich immer wieder, ich lasse dich niemals los. Muff Potters Brühwürfel-Zeile ist für mich der Satz des Jahres. Bin mehr als froh, ihn endlich live skandiert zu haben. Gut auch, dass Messer an dem Abend da waren. Denn Hammerschläge Hinterköpfe ist auch ein Studioduett, das nun seine Liveader gefunden hat. Nagelschmidt und Otremba. Irre Stimmenkombination!
Es hat auch gar nicht lange gedauert, da bildete sich vor der Bühne ein wilder, gut gelaunter Mob der mit respektvollem Pogo das Geschehen auf der Bühne begleitet hat. Und auch bei mir passierte eine Menge: ein großes Grinsen bekam ich aus dem Gesicht gar nicht mehr heraus. Da passte so ungeheuer viel. Das Publikum war sehr aufmerksam, vorfreudig, respektvoll und textsicher. Die Freude der Band war auch an allen Ecken und Enden zu spüren. Vielleicht war es auch gut, dass ich gar nicht so klar definierte Erwartungen an den Abend hatte, denn ich bin als ein extrem glückseliger Mensch wieder herausgekommen und selbst jetzt, ein paar Tage später, bin ich immer noch heilfroh, dabei gewesen zu sein.

Ich freue mich schon auf die nächsten Auftritte.

Und nochmals: Sorry!