Samstag, 16. Juni 2018

Madsen - Lichtjahre

Bild: amazon.de
(mm) Madsen sind wieder da - mit ihrem neuen Album Lichtjahre. Und Lichtjahre scheint es auch her gewesen zu sein, dass man zuletzt etwas von den Jungs aus Niedersachsen gehört hat. Das letzte Album ist nun mittlerweile 3 Jahre her, man muss aber auch fairerweise sagen, dass ich sie in den vergangenen Jahren sehr aus den Augen verloren hatte. Umso mehr habe ich mich im Frühling wieder in sie verliebt und war begeistert, dass ich nun die neue Platte in den Händen halten konnte (bzw. der digitalen Form lauschen darf).


Was war nun also meine Erwartungshaltung? Nachdem die letzten Alben doch ruhiger waren als die ersten, hatte ich nach Vorab-Veröffentlichung von Rückenwind und Mein erstes Lied schon die Hoffnung, dass es doch wieder etwas mehr in die kraftvollere Richtung gehen wird. Wurde mein Wunsch wahr? Lest selbst – hier kommt ein Eindruck zu der (doch recht langen) Tracklist.

     

1. Wenn es einfach passiert
Ohje, da geht’s leider schon los. Mit dem Lied als Beginn des Albums kann ich leider nicht viel anfangen. Text ist mir zu kryptisch, auch nach 4x Hören habe ich keine Ahnung, worum es gehen soll. Zumindest mal musikalisch bin ich nicht enttäuscht. Immerhin.
 
2. Rückenwind
Die Single wurde wie gesagt schon vorab promotet und war bisher mein Favorit. Es ist einfach gute alte Madsen-Manier, Sebastian wird wieder ein bisschen lauter (wenn auch schonender für seine Stimme als auf dem Debüt). Ich liebe dieses Lied – und die Instrumentalteile sind immer noch vielversprechend. Weiter so! 
 
3. Sommerferien
Wer kennt es nicht in unserem Alter – Beruf und Hobbies in Kombination können schon mal dazu führen, dass man echt in Stress versinkt. Das Lied zeigt wunderschön den Unterschied zwischen der „unbeschwerten“ Schulzeit und dem heutigen Arbeitsalltag. Einfach keine Sorgen machen und das Leben genießen. Hat Potenzial, Rückenwind den Favoritenstatus abzuringen. Und auch hier: Musik mega!
 
4. Mein erstes Lied
Auch dieses Lied gab es vorab und ich habe mich direkt verliebt. Jeder kann etwas mit dem Gefühl anfangen: man verbindet Menschen ganz oft mit Liedern (und andersherum), besonders, wenn einem der Mensch extrem wichtig ist (oder es mal war). Und hörst du dann das Lied, kommt dir das Gesicht vor Augen und zaubert ein Lächeln. Text und Musik genial – tadaaa, hier haben wir den neuen Favoriten. Es steigert sich also von Lied zu Lied. Ich freu mich!
 


5. Keiner
Und dann das. Beim ersten Hören dachte ich noch „ohje, das klingt nicht gut“ – ich kann mittlerweile aber nicht mehr sagen warum. Der Grund: Der Text! Er ist so genial wie selten ein Text und hat mich echt zum Nachdenken gebracht – wie war denn die Zeit ohne Internet und Smartphone, ohne Follower und Likes? Wäre echt mal einen Selbstversuch wert. Mittlerweile kann ich wirklich nicht mehr nachvollziehen, warum mir das Lied nicht gefiel, die Musik ist auch in Ordnung, nix Herausragendes aber gut.

6. Wenn alles zerbricht
„Ich bin für dich da, wenn es dir dreckig geht“ – Das Lied ist nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mir fiel spontan ein, dass es ein Soap-Intro/Outro sein könnte. Kann man sich anhören, muss man aber nicht.

7. Ich tanze mit mir allein
Wo kommt das denn jetzt her? Nein! Bitte nicht! Zu viel Elektro für meinen Geschmack. Next!

8. Lichtjahre
Das Lied, dass dem Album den Namen gab – da darf man doch was erwarten oder nicht. Und was kommt? Ein ruhiges, schnulziges bla bla – Trennung und trotzdem Verbundenheit. Ich glaube, wenn man in der Situation ist, kann man damit gut was anfangen, ich kann es aktuell nicht.

9. Ein paar Runden
Langsam lässt die Konzentration und Lust auf das Album nach. Auch dieses Lied kann meiner Meinung nicht wirklich viel…. Echt schade. „Komm wir drehen ein paar Runden“ – und vielleicht wird’s dann wieder besser?


An dieser Stelle muss ich echt gestehen, dass ich eine Hörpause einlegen musste, weil ich nach den letzten Liedern so enttäuscht war. Natürlich habe ich dann weiter gehört….


10. Athlet
Musikalisch endlich wieder sehr viel besser, es geht wieder in die richtige Richtung und auch textlich sind wir hier besser unterwegs. Können die Madsen-Jungs es doch noch retten?

Foto: facebook.com/Madsenmusik
11. Kapitän
Kurz vor Veröffentlichung des Albums wurde diese Single noch an die Fans rausgeschmissen. Hab mir die da aber gar nicht angehört – mein Fehler, denn das Lied ist tatsächlich ziemlich gut. Ist zwar vom Textinhalt wieder sehr …naja…siehe oben, aber die Musik holt sehr viel raus.

12.Wird sie mich sehen
Wenn ich den Titel schon lese…So wie er klingt, so klingt auch das Lied – langsam, sehnsüchtig, schnulzig…. Hmpf….

13. Wo mal Wüste war
Ganz gut, aber auch hier nix Besonderes – läuft halt so nebenher durch und gut. Soldier Madsen-Song.

14. Macht euch laut
Das ist es endlich! BÄM! Das Lied, auf das ich unbewusst gewartet hab – laut, kraftvoll, ein Text, in dem es mal nicht um Liebe, Romantik, Sehnsucht etc. geht. Hier kracht es! Und welches zarte Stimmchen hört man da noch? Ich war sehr positiv überrascht, hätte ich nicht erwartet – doch diese Überraschung möchte ich euch nicht nehmen. Ich bin restlos begeistert von diesem Track.

15. Hungriges Herz
Ich habe das Album gehört, ohne die Trackliste vorher anzuschauen (digital halt). Umso erfreuter war ich, ein Lied aus Studienzeiten zu hören – damals hat es Mia. interpretiert. Und ich muss sagen – Madsen setzt es (fast) besser um als das Original. Hörempfehlung!

16. Bumm Bumm Bumm (feat. König Boris)
Scheint es ja schon seit Mitte letzten Jahres zu geben – ist aber komplett an mir vorbei gegangen. Sei‘s drum: Stark angefangen, doch dann…Wer zum Henker ist König Boris und was suchen Fettes Brot denn nun bitte hier? Ist das vielleicht der Beitrag zur WM? Mitgrölcharakter im entsprechenden Promille-Zustand hat es jedenfalls. Oder ist das Lied einfach nur Ironie? Ich weiß es nicht. „Es macht Bumm! Bumm! Bumm! Und keiner fragt warum; Hauptsache es ist laut und Hauptsache es ist dumm. Es macht Bumm! Bumm! Bumm! Und keiner fragt warum, die Lauten werden lauter und die Leisen werden stumm“ Zum Schluss dann eine Ermutigung, die Leisen lauter werden zu lassen – ich bin hier echt unentschlossen, wie ich dieses Lied finden soll. Vielleicht muss ich es noch ein paar Mal hören.



An dieser Stelle endet das Album, was mir Zeit für ein Fazit lässt: Meine eingangs erwähnte Hoffnung wurde leider nicht erfüllt. Es gab einfach zu viele Lieder, mit denen ich nix anfangen konnte, wobei es im Rückblick wohl doch eher 50/50 steht zwischen gut bis sehr gut und „naaa, lass mal lieber nicht weiterhören“. Würde man Track 6-9 und 12 rausschneiden, wäre es ein sehr gutes Teil. Zum Glück kann man sich ja seine Playlist selber zusammenstellen.

Trotzdem: Madsen sind sich selbst treu geblieben, sind wenig vom bisherigen Kurs abgewichen. Ich würde mir für die Zukunft wieder ein bisschen mehr „back to the roots“ wünschen. Aber das ist ja immer subjektiv und sicher gibt es genug Leute, die sich mit einigen Songs mehr identifizieren können als ich. Ich wünsche euch auf jeden Fall viel Spaß beim Hören.







Freitag, 15. Juni 2018

KW 24, 2018: Die luserlounge selektiert!

Quelle: astronlogia.com
(ms/sb) Die brutal heißen Tage der letzten Woche wurden blindlings abgelöst durch eher durchwachsenes Herbstwetter diese Woche. Die CSU hat keine Lust auf eine inhaltliche und konstruktive Auseinandersetzung zu ihren Plänen und handelt erneut trotzig wie ein Kindergartenkind. VW soll eine Milliarde Euro Schadensersatz zahlen. Das klingt sehr vernünftig, doch ob der Riesenkonzern dies tun wird, ist sicherlich mehr als fraglich. Daimler unterdessen muss hunderttausende seiner Fahrzeuge zurückrufen und nachbessern lassen. Gestern begann die Fußballweltmeisterschaft der Herren in Russland. Kurz vorher haben sich im Zuge eines Testspiels Vertreter des DFB mit Offiziellen von Saudi-Arabien getroffen, denen ein Geschenk übergeben worden ist. Und, hat jemand sich beschwert, dass man sich mit einem kriminellen, menschenverachtenden Staat abgibt?! Genau. Es hängt doch davon ab, wer was tut. Sagt zumindest Michel Abdollahi. Und der hat öfter mal recht. Und am Dienstag haben sich zwei gut frisierte Staatsoberhäupter getroffen. Ach, da höre ich doch lieber neue Musik...

Saltatio Mortis
Ja, es gab eine Zeit, da war Mittelalterrock richtig cool. Und cool bitte im coolen Sinne verstanden. Da hat man Met aus Hörnern gesoffen, war auf Mittelaltermärkten, hat Schottenrock getragen, ab und an mal innig rumgebrüllt und fand das irgendwie stark. Regelmäßige Besuche von Konzerten wie Schandmaul, Subway To Sally, Corvus Corax, In Extremo oder halt Saltatio Mortis. Das hat wirklich Spaß gemacht. Die harten Gitarren gepaart mit den epischen Texten und dem Dudelsack. Beim diesjährigen Open Fair spielen auch Schandmaul und ich werde es mir ansehen, nur um zu schauen, was die noch so machen. Bemerkenswert ist, dass diese Gruppen alle noch relativ erfolgreich sind, sie haben eine treue Fanschar und die Musik funktioniert. Saltatio Mortis bringen am 27. Juli ihr elftes (!) Studioalbum Brot und Spiele über Universal Music heraus. Brunhild ist der zweite Vorbote und geht schön nach vorne:



Ben Rector
Ein etwas blasser Typ vom Schlage Versicherungsvertreter oder Verwaltungsangestellter steht an einem späten Nachmittag vor einem Haus, die Garage daneben ist geöffnet. Darin sitzen Musiker an ihren Instrumenten. Es ist die Band Euromat. Der Typ, der zum Zuschauer spricht ist Ben Rector und diese Band war seine eigene zu Schulzeiten. Das Haus, in deren Garage sie das Lied Old Friends für das Video spielen, ist das seiner Kindheit. Klingt alles ein wenig kitschig, aber halt auch wahnsinnig schön. Nicht nur deshalb lohnt es sich, hier auf Play zu klicken. Old Friends ist halt auch ein wirklich schöner Gitarren-Klavier-Popsong. Er ist die zweite Single aus dem Album Magic, das am 22. Juni (kommende Woche) über OK Kid/Activist erscheint. Hier ist er noch nicht so bekannt, das sollte sich aber bitte schleunigst ändern:



Hannes Wittmer
Der heißt jetzt so. Na gut, der hieß schon sein ganzes Leben lang so. Doch aus dem Menschen Hannes Wittmer ist jetzt auch der Musiker Hannes Wittmer geworden, der sich bis vor kurze Spaceman Spiff genannt hat. Ein Künstler, den ich seit dem ersten Hören von Teesatz extrem verehre für seine Kunst. Wunderschöne, nahe deutsche Texte in großartiger Weise instrumentalisiert. Zig mal live gesehen, schlägt er nun neue Wege ein und begründet das auch. Dass er selbst den wirtschaftlichen Faktor thematisiert, finde ich menschlich und nachvollziehbar.
Doch es kommt noch mehr der Neuerungen. Sein kommendes Album wird Wittmer verschenken, seine Konzerte auf zahl-was-du-willst-Basis organisieren und sich dem großen, monetären Musikdschungel entziehen. Ein irres Experiment, das Respekt und Bewunderung verdient. Man darf höchstgradig gespannt sein, wie es sich entwickelt. Hier gibt es zum Glück auch schon ein Lied, das die kommende noch nicht benannte und terminierte Platte eröffnen wird:



Friede Merz
Die Stadt London hat es Friede Merz scheinbar angetan, denn nach ihrer starken Debüt-EP Denmark Street ist auch das Nachfolgewerk Daisy Lane (VÖ: 17.08.) nach einer Straße der englischen Metropole benannt. Was erwartet uns? So ungefähr das genaue Gegenteil zum Erstling, quasi das Negativ, ohne dabei aber irgendwie vorhersehbar zu sein. Klingt spannend, ist es auch. Leider gibt's noch kein neues Video, deshalb nochmal Soho von der ersten EP.




Death Cab For Cutie
Gute Nachrichten erreichen uns auch aus Seattle, wo Death Cab For Cutie für den 17.08. den Release ihres Albums Thank You For Today angekündigt haben. Drei Jahre haben sich Ben Gibbard und seine Kollegen seit ihrem letzten Longplayer Zeit gelassen, umso gespannter darf man nun sein, was die seit mehr als 20 Jahren aktive Band uns nun beschert. Die erste Single Gold Rush überrascht durchaus, ist aber doch unverkennbar Death Cab...




William Fitzsimmons
Mehrmals live gesehen, immer wieder entzückt und ja: ich bin Fan! William Fitzsimmons veröffentlicht heute mit Second Hand Smoke den ersten Vorboten seines nächstens Albums Mission Bell (Release am 21.09.). Hach, wie ist das schön...

Tourdaten gibt's auch schon:

30.08.  Köln - c/o pop
01.09.  Darmstadt - Golden Leaves Festival
02.10.  Dresden - Beatpol
04.10.  München - Technikum
08.10.  Stuttgart - Im Wizemann
17.10.  Hamburg - Grünspan
24.10.  Berlin - Heimathafen




Mittwoch, 13. Juni 2018

Dead Sara - Temporary Things Taking Up Space

Dead Sara. Foto: Lindsay Byrnes
(ms) Vor sage und schreibe dreizehn (in Zahlen: 13) Jahren erschien das bis heute sehr fetzige Lied Rock'n'Roll Queen von The Subways. Deren letztes Album ist vor drei Jahren auf den Markt gekommen und die drei Briten sind wie eh und je fleißig dabei die (Festival-)Bühnen der Welt zu bespielen. Was machte deren Erfolg und insbesondere ihre Beliebtheit aus? Sie haben ein einfaches Rockkonzept angewendet: krachende Gitarre, treibender Bass, kräftiges Schlagzeug, Gesang, viel Wumms und Texte, die man zügig mitsingen kann. Insgesamt eine Musik die schnell enorm Laune macht und die bestens dafür geeignet ist, sich gehen zu lassen.
Dieses relativ simple, aber gut funktionierende Rezept haben auch Dead Sara aus Los Angeles nun umgesetzt. Zwar hat das - auch das eine übereinstimmende Eigenschaft - Trio schon vor sechs Jahren ein Album veröffentlicht. Aus nicht weiter interesssanten Gründen haben sie sich stilistisch leicht verändert und ihren Klang für Synthies und Gastmusiker geöffnet, bleiben im Kern aber eine Dreierrockband. Seit letztem Freitag ist die EP Temporary Things Taking Up Space über Atlantic/Warner im Handel erhältlich. Sie müssen sich zwar den Vorwurf gefallen lassen, etwas zu sehr wie Pink auf ihren E-Gitarrenhits zu klingen, wahrscheinlich kommen sie damit aber zurecht.
Was ist auf den sechs Liedern zu hören? Mehr oder weniger genau der Sound, wie er anfangs beschrieben wurde. In aller bester Manier bedienen Emily Armstrong, Siouxsie Medley und Sean Friday ihre Instrumente und lassen es krachen. Wie es sich für das Genre gehört, ist kein Lied länger als vier Minuten, Strophen, Refrains und Bridges sind gut aufeinander abgestimmt. Anybody (okay, über vier Minuten) überzeugt mit ein paar wenigen ruhigen Takten zwischendurch bis es wieder rund geht. UnAmerican ist eine politische Momentaufnahme der Vereinigen Staaten, in der ziemlich deutlich zu hören ist, was die drei vom gut frisierten Präsidenten halten. Auch Heaven's Got A Back Door weiß mit dem verstärkten Handwerkszeug umzugehen.
Im September und Oktober sind sie in den USA live unterwegs. Ob und wann sie in Europa auftreten, ist nicht ganz klar. Bis dahin sollte man unbedingt diese energiegeladene EP hören!



Dienstag, 12. Juni 2018

Eskapismus im Pott: Das Traumzeit Festival in Duisburg

facebook.com/traumzeitfestival
(ms) Vor wenigen Wochen haben wir Euch das poolbar Festival in Feldkirch ans Herz gelegt. Für alle, die nicht so schnell im schönen Österreich sind, gibt es ein wunderbares Event im tiefsten Westen der Republik, in Duisburg: das Traumzeit Festival im Landschaftspark Nord.
Die Erfahrung und Begeisterung aus den letzten sechs Jahren, als ich auch schon da war - mal nur einen Tag, mal das gesamte Wochenende - bestätigen, dass in jährlicher Regelmäßigkeit die Veranstalter ein sehr feines Händchen fürs Booking und die Gestaltung beweisen. Die konzeptionelle Neuausrichtung, die Kraftzentrale nicht mehr zu bespielen, dafür jedoch den Cowperplatz und ein bisschen mehr auf Pop zu setzen, bewahrheitet sich auch in diesem Jahr. Der anscheinend recht gut laufende Kartenvorverkauf gibt ihnen Recht. In den letzten Jahren sind zu prominenten Spielzeiten Tom Odell, Alice Merton, Milky Chance, Olli Schulz, Calexico oder Wanda aufgetreten.
Was mich jedoch bei den letzten Mal dazu bewogen hat, bei Vorverkaufsstart direkt ein Ticket zu holen, sind nicht die großen Namen, mit denen geworben wird. Es ist die extrem entspannte Atmosphäre vor Ort, die Weitläufigkeit des Geländes, das wunderbar gemischte Publikum und die Einzigartigkeit der Umgebung. Die großen Türme, die nachts so herrlich mystisch beleuchtet sind, die schiere Höhe der Gebläsehalle, die irre Architektur der Gießhalle. Ja, es ist schon ein besonderer Platz, an dem ein Festival stattfindet. Gerade weil es am gleichen Wochenende wie das Hurricane/Southside stattfindet, ist es eine herrliche Alternative zu Halligalli, auskatern im Schlamm oder der schieren Besuchermassen, denn circa 5000 Tagesgäste sind schon überschaubar. Denen wird mit reichhaltigem kulinarischem Angebot auch fürs körperliche und seelische Wohl gesorgt.
Auch für diejenigen, die kein Ticket haben, lohnt der Ausflug ins Ruhrgebiet. Denn für die Essensstände und die Bühne am Gasometer braucht man kein Einlass zahlen. Diese Freibühne ist extra für lokale Acts reserviert und bietet dem Nachwuchs aus der Region eine tolle Plattform, sich zu zeigen.
 facebook.com/traumzeitfestival
Dieser wunderbare Mix macht es umso entspannter für einen selbst unbekannte, nie gesehene Bands und Musiker live zu sehen. Mich haben zuletzt Amanda Palmer, Helgi Johnson und Tina Dico, Asgeir, Jesper Munk, Why? oder Milliarden begeistert.
Und auch beim diesjährigen Line-Up (siehe Foto rechts) ist mir ein Großteil nicht bekannt oder nur vom Hörensagen. Da ab und an auch experimentelle Musik und Neoklassik dargeboten wird, bin ich in eineinhalb Wochen total gespannt auf Brother Grimm, Jaguwar, Low, The Wholls, Malakoff Kowalski und speziell Mogwai und Martin Kohlstedt.
Als alter Festivalhase, der nie einen Bogen um größere Veranstaltungen wie das Open Flair oder Deichbrand gemacht hat, steigt die Lust daran, sich treiben zu lassen, anstatt das x-te mal die Donots oder Kraftklub zu sehen. Das soll ausdrücklich nicht heißen, dass (insbesondere diese beiden) Bands nicht das Zeug dazu haben, die Massen zu bewegen (im Gegenteil), sondern auf den anderen Bühnen auch Gruppen spielen, die gehört werden wollen. Ein Festival wie das Traumzeit gibt ausreichend Gelegenheiten genau dafür. Und wer zwischendurch eine Pause braucht, kann sich auf den weiten Wiesen ringsum entspannen oder auf Entdeckungsreise gehen und sich von alter Industrie fesseln lassen.
Da alle Festivals mittlerweile auch feste Traditionen im Programm haben, ist der Beginn der Traumzeit ein ganz besonderes Ereignis. In all den letzten Ausgaben hat der Knappenchor Duisburg Homberg die ersten Töne von sich gegeben. Ein Chor aus ehemaligen Bergmännern - Durchschnittsalter ca. 75-80 Jahre -, die Bermannslieder singen. Das war jedes Mal ein langanhaltender Gänsehautmoment. Die Homberger haben sich leider letztes Jahr aus Altergründen und wegen fehlendem Nachwuchs aufgelöst, was schade ist. Glücklich darf man sich jedoch schätzen, wenn stattdessen der Knappenchor Rheinland aus Moers kommt und mit dem Steigerlied das Festival eröffnet. Ich höre jetzt schon die Klänge, die Mitsingenden Besucher und spüre die Gänsehaut...





Freitag, 8. Juni 2018

KW 23, 2018: Die luserlounge selektiert!

Quelle: dribble.com
(ms) Es gibt Leute in meinem näheren und weiteren Freundeskreis, die aufs Wochenende hin arbeiten. Das finde ich immer schade, wenn jemand am Dienstagnachmittag sagt, dass es nur noch drei Tage bis zur ersehnten Auszeit sind. Was ist das für eine unendliche Qual unter der Woche?! Wie sehr muss man sich selbst in den Allerwertesten treten, um das jahrelang durchzustehen? Woher die ganze Motivation nehmen? Und was hat dann das Wochenende für eine überhöhte Bedeutung? Es muss dann ja mit einem Heiligenschein versehen in epischer Breite geplant sein, um diesem Ruf gerecht zu werden. Oder verirre ich mich da?
Logisch, die Frage ist, welchen Erfüllungswert die Arbeit hat und ob sie auch guten Gewissens Mittel zum Zweck sein kann, um halt den Lebensunterhalt zu verdienen, sich ein gutes Buch, ein leckeres Essen, hörenswerte Musik sehenswerte Filme und einen entspannten Urlaub leisten zu können.
Das sind die Fragen, die der Philosophie- und Arbeitsethikausschuss der luserlounge für diese Ausgabe der Selektion eingebracht haben. Die Musikredaktion hingegen präsentiert Euch wie immer ein buntes Potpourri. Come in and hear out!

Get Well Soon
Konstantin Gropper hat es wieder getan. Bereits zum fünften Mal. Das was vor zehn Jahren als Get Well Soon gestartet hat, nimmt jetzt erneut eine wahnsinnige Form an. Denn seit heute steht das fünfte Album beim Plattenhändler Eures Vertrauens im Regal. Es heißt: The Horror. Klar, dass so ein Titel auf den Vorgänger Love folgen muss. Es ist eine Erlebnisreise durch vertonte Albträume von Herrn Gropper. Das Thema Angst herrscht vor; sowohl auf privater als auch auf globaler politischer Ebene. Niemand hat gesagt, dass es bei Get Well Soon leichte Kost gibt. Doch genau macht ja die Faszination aus, wenn der Künstler sich beispielsweise als roten Faden die Konzeptalben von Frank Sinatra aus den 50er Jahren als Vorbild nimmt. Kann man halt machen. Dazu gibt es dann auch kein Musikvideo, sondern eine vierteilige Serie: Denken Sie groß! Und die Tour dann mit 14-köpfiger Big Band hier:

10.08. - Hamburg - Elbphilharmonie (Ausverkauft)
01.10. - Berlin - Volksbühne
08.10. - München - Kammerspiele
12.10. - Leipzig - Westbad
17.10. - Köln - Philharmonie
23.10. - Paris, Le Trianon
28.10. - Stuttgart - T1 Theaterhaus



Die Antwoord
Okay. Man liebt oder hasst sie. Ehrlich gesagt bin ich mir für ein schlussendliches Urteil auch noch nicht so sicher, obwohl ich sie live gesehen habe und es wirklich gut fand. Ninja und Yo-Landi sind halt sehr ambivalente Figuren und es graut einem manchmal bei der Vorstellung, dass die beiden ein Kind zusammen haben sollen. Auf der anderen Seite: Eventuell sind sie auch enorm liebe und fürsorgliche Eltern, die halt auf der Bühne nur ihre Alter Egos ausleben?! Alles ist möglich. Nach den geschickt gestreuten Gerüchten um eine mögliche Auflösung von vor zwei Jahren, ist nun Alien zu hören. Ein vergleichsweise ruhiges Lied mit bildstarker Visualisierung. Gebt Euch das!



Pari San
Parissa Eskandani und Paul Brenning sind Pari San und leben in Berlin und sie machen nicht einfach nur elektronische Musik. Im Gesang und einzelnen Harmonien sind Parissas iranische Wurzeln zu hören, wenn man die Ohren spitzt. Das Faszinierende an ihrem Song Lie ist, dass er leise gute Hintergrundmusik ist und laut gedreht seine volle Wucht entladen kann. Dies ist der erste Vorbote für das gemeinsame Debutalbum R.I.P. Identification, das Anfang September erscheinen wird. Der Titel verrät schon, dass es wohl nicht so hoffungsfroh zugehen könnte. Lassen wir uns überraschen:



The Paradox Twin
Lange Lieder und eine Tracklist eines Albums mit nur sieben Songs. Damit kommt man sicherlich auch auf eine ausreichende Spielzeit. Man könnte Zeit schinden oder ein geniales Konzept realisieren. Bei letzterem sind The Paradox Twin aus Berkshire nun ganz weit vorne. Ein Quintett, das im weitesten Sinne Rockmusik macht. Ihr erstes Album erscheint The Importance of Mr Bedlam am 29. Juni. Beim ersten Höreindruck Planeta kann man schnell zum Schluss kommen, dass es ersetzbare Musik ist. Dann hat man jedoch nur die ersten zwei, drei Minuten gehört und nicht alle sechs und sieben Sekunden. Insbesondere die Klaviertöne bringen eine tolle Dynamik in den Klang, das sollte man sich anhören:

Donnerstag, 7. Juni 2018

Danger Dan - Reflexionen aus dem beschönigten Leben

Blingbling. Foto: Jaro Suffner
(ms) Lieber Danger Dan,
Vor ein paar Wochen hast Du Dein Solo-Album angekündigt, das letzten Freitag erschienen ist. Im Vorhinein ist dann Sand In Die Augen veröffentlicht worden. Ich saß vor dem Laptop und habe es mir direkt mehrere Male hintereinander angeschaut und kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Der unglaublich starke und nahegehende Track fasst in drei Minuten und drei Sekunden meine gesamte Masterarbeit zusammen, an der ich derzeit - mal mehr, mal weniger verzweifelt - sitze. Darin geht es um geschlechtliche Sozialisation. Genau das ist das Thema des Liedes: Warum Jungs zu Jungs und Mädchen zu Mädchen werden. Simone de Beauvoir par exellence. Hauptsächlich kommen dann Fragen auf, die - wie im Refrain - nicht zu beantworten sind; zumindest nicht den Kindern, die sich genau in diesem Hamsterrad die Füße wund laufen. Es gibt wohl theoretische Modelle (Butler, Hirschauer), die das in Worte und Bilder fassen, es ist und bleibt jedoch abstrakt und eher zu erfühlen und schwer zu erfüllen. Der Song ist so unheimlich schlau und präzise, dass es einem beim Hören die Schuhe auszieht. Allein dafür muss ich mich ganz herzlich bedanken. Deutscher Rap war noch nie inhaltlich so stark und gut positioniert wie in den letzten Jahren.

Reflexionen Aus Dem Beschönigten Leben hat aber noch 11 weitere Lieder aufzubieten. Sie alle unterscheiden sich in Stil, Inhalt, Beat, Ironie, Ernsthaftigkeit und teils auch in der Besetzung. Denn selbst auf einem Solo-Album darf ein Antilopen-Song (Drei Gegen Einen) ja nicht fehlen. Der andere Gast, Sebastian Krumbiegel von Die Prinzen, ist jedoch die perfekte Überraschung: ein a capella- und Disstrack gleichzeitig, zumindest mit einem sehr großen Augenzwinkern. Neben der Abhandlung über Kindheitshelden beweist Danger Dan, dass er nicht nur ein versierter Rapper sondern auch ein talentierter Sänger ist. Und: Wer ein Solo-Album selbst einspielt und arrangiert, ist noch umsichtiger. Um als Künstler stark zu sein und ernst genommen zu werden, ist es eine kluge Strategie sich selbst nicht ernst zu nehmen und das auch zu thematisieren. Da dürfen halt auch problemlos platte Phrasen rausgehauen werden (Seit Du Gesagt Hast).

Danger Dan hat dieses Release zu seinem eigenen Geburtstag veröffentlicht. Darin verarbeitet er die Facetten des Erfolgs. Anarchie Und Alltag erlangte Platz 1 der Media Control Charts und gab der Antilopen Gang einen irren Schub nach vorne, nicht nur finanziell. Größere Hallen wurden bespielt und die Slots bei Festivals wurden später; die Fans und Begeisterten vor der Bühne mehr. Wie damit umgehen? Überhaupt damit umgehen? Danger Dan hat es nicht geschafft, ihn hat der Erfolg wahrlich zugesetzt. Sein Ausweg: Eine Psychotherapie. Kein Witz mehr, kein Augenzwinkern, keine Ironie. Nicht mal Zynismus. Das wiederum ist oft ein plumper Abwehrmechanismus, um der durchgedrehten Realität zu begegnen. Wir Lachen Uns Tot bringt das in Musik. Wer neben diesem großartigen Lied noch mehr erinnerungswürdige Aussagen zum Zynismus lesen will, sollte unbedingt dieses Interview mit Klaas Heufer-Umlauf lesen (kein Scherz!).

Das schöne am Rap und in der HipHop-Welt ist ja, dass ein Solo-Album niemals (NIEMALS!) heißt, dass die eigentliche Kombo (Crew, whatever...) dabei ist, sich aufzulösen. Das ist nur im Indierock der Fall. Zudem zeigt es auch, dass Rap anscheinend oft so aussagekräftig, gewandt und inhaltsstark ist, dass es ausreichend Geschichten und Material gibt, all diese Songs zu schreiben und zu veröffentlichen: Ist Rap derzeit die kreativste Spielart von Musik?
Als Momentaufnahme ist festzuhalten: Ja! Wenn Danger Dan mit Reflexionen Aus Dem Beschönigten Leben so ein nachdenkliches, gutes und hörenswertes Album veröffentlicht, spricht das für sich. Spricht das für ihn.
Also: Kauft Euch dieses Album!

Hier ist die Antilopen Gang diesen Sommer zu sehen:

08.06.2018 - Schloss Kaltenberg - PULS Openair
15.06.2018 - Weyhe - Aufmucken Gegen Rechts
22.06.2018 - Wien - Donauinselfest
06.07.2018 - Gräfenhainichen - Splash!
07.07.2018 - Staubenhardt - Happiness Festival
08.07.2018 - Hünxe - Ruhrpott Rodeo
26.07.2018 - Feldkirch - Poolbar Festival
27.07.2018 - Altheim - Altheimer Openair
03.08.2018 - Bad Oeynhausen - Parklichter
04.08.2018 - Hamburg - Spektrum
10.08.2018 - Eschwege - Open Flair
17.08.–19.08.2018 - Großpösna - Highfield



Dienstag, 5. Juni 2018

Kiste & DJ Sticky - Don't Worry Be Brackl

Bild: facebook.com/kiste.sichlpint
(sb) So, zuerst mal was zur Begriffserklärung: wir sprechen hier nicht von "die Kiste", sondern von "da Kiste" oder auf hochdeutsch "der Kiste". Es handelt sich also nicht um ein Aufbewahrungsgefäß, obwohl in den Kiste ganz offensichtlich auch einiges reinpasst, sondern um einen Rapper aus der Oberpfalz, von dessen Name sich das ableitet. Und Oida: was habts Ihr denn da im Osten Bayerns bitte alles im Kraut, dass da so ungemein viel Kreativität hersprudelt? Brutal, was der Meister und DJ Sticky auf ihrem Debütalbum Don't Worry Be Brackl thematisieren und wenn man das Ganze versteht (woaßt scho, Sprachbarriere und so...), dann kommt man aus dem Frohlocken und Lachen gar nicht mehr raus. Ich hatte beim erstmaligen Anhören des Albums ja einiges erwartet, wurde aber trotzdem Vollgas positiv überrascht. Ja, ich bin Bayer und ja, das ist genau mein Humor - da darfs ruhig auch amal a wenig gscherd und eklig zugehen. Wenn man in dem Land aufgewachsen ist, das die CSU, das PAG und den FCB hervorgebracht hat, dann kann einen eh fast nix mehr erschüttern. Basst!

So ganz unbekannt ist der Kiste freilich nicht, wurde er doch schon auf dem aktuellen BBou-Album gefeatured und war zuletzt auch mit den Label-Kollegen dicht & ergreifend auf Tour. Umso erstaunlicher ist es, dass der Rapper aus Pittersberg (liegt so grob in der Mitte zwischen Schwandorf und Amberg) gänzlich darauf verzichtet, die (bisher) bekannteren Kollegen auf seinem Album zu Wort kommen zu lassen. Ich muss sagen: gfoid ma voi!

Bild: facebook.com/kiste.sichlpint
Klar, da Kiste umreißt auf Don't Worry Be Brackl jetzt keine weltpolitischen Themen, aber das brauchts auch gar ned. Manchmal muss es auch schon reichen darauf hinzuweisen, dass "vui mehra Fleisch gess'n" gherd (Metzger Anthem) und dass man als etwas, song ma moi, voluminöserer Mensch halt auch a bisserl mehr transpiriert (Schwitzn). Die Art und Weise, wie das alles transportiert wird, ist aber so dermaßen lässig und selbstironisch, dass man gar nicht anders kann, als mit einem Dauergrinsen in der Lätschn durch die Gegend zu spazieren. Dass u.a. die deutlich schlankeren Weggefährten DJ Sticky (nomen es omen!), Liquid, BBou, George Urkwell und Lef Dutti in Boarische Lauchs genau deswegen ordentlich ihr Fett wegkriegen (hehe, Wortwitz!), während Monaco F, Grämsn etc. wegen ihres dezenten Wampenansatzes noch Props bekommen, passt da natürlich bestens ins Bild.

Und nach all dem Humor folgt zum Abschluss dieses Hammer-Albums mit Liegts an mir oder an Eich ein Track, der doch noch eine ernsthafte Message transportiert und Frauen dazu ermuntert, einfach mal so zu sein, wie sind und nicht so, wie es ihnen Medien, die damische Klum oder oberflächliche Arschgeigen-Männer vorgeben. Kann man so machen wie Danger Dan in "Sand in die Augen" oder halt im Kiste-Style - beides super, beides wichtig und in jedem Fall unterstützenswert.

Ach ja, für alle Nichtbayern: ein "Brackl" ist ein großer, kräftiger Mann - schauts Euch einfach den Kiste an, dann wissts, was los ist.