Freitag, 6. Februar 2026

KW 6, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay.com / Pikura
Je weniger Auswahl wir haben, desto besser geht es dem Gemüt. Beispiel.
Was genau unsere Gesellschaft mal so richtig den Garaus macht, ist noch unklar. Dass der stets anwesende Kapitalismus da mitmischt, ist aber klar. Dabei ist Knappheit richtig geil. Je weniger in den Regalen liegt, desto einfacher fällt die Entscheidung. Je kürzer die Öffnungszeiten, desto klarer, wann ich einkaufen gehen kann. Das immer zu können ist doch eh völliger Wahnsinn. Vergangenes Wochenende war ich zum Kopfausschalten an der Nordsee. Sonst natürlich krasses Touristengebiet, zu dieser Jahreszeit ist aber gar nichts los. Oder noch weniger als das. Zwei Supermärkte haben geöffnet, mit Mittagspause! Das war es so einigermaßen. Und auch dort gibt es bei weitem nicht all das, was ich aus der Heimat gewohnt bin. Umso besser. Klar, man muss ein wenig umdisponieren und Alternativen finden, aber das sollte ja eigentlich kein Problem sein. Das tat sehr gut. Nach 17.30 Uhr gab es keine Möglichkeit mehr zum Einkaufen. Ja, wieso denn auch?! Eben. Noch besser wäre das im Internet. Öffnungszeiten im Netz! Und tadaaa - es gibt ein kleines Unternehmen, das genau das macht. Schwerelosigkite heißt es, macht tolle Klamotten und bietet demnächst nur noch klar begrenzte Einkaufsmöglichkeiten an. Genial. Hallo EU - wie wäre es?! Zalando, Amazon, Otto - alle haben nur noch von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Danach und davor kann man halt nicht online shoppen. Es wäre großartig! Das lässt sich doch bestimmt regulieren. Ich würde sofort unterschreiben!

Kapelle Petra
(sb) Seit Curly Sue verfolge ich Kapelle Petra mehr oder weniger aufmerksam und regelmäßig. Zugegebenermaßen kommt an das Kind aus Gelsenkirchen nichts ran, aber das ist nun wahrlich keine Schande, weil (verhinderter) Welthit. Mit Lübbe veröffentlicht die Band aus Hamm nun ihr Jubiläums-Best-of-Album und das beinhaltet schon sehr viel Schönes. Mich erinnert Kapelle Petra ja immer ein bisschen an Virginia Jetzt mit einer ordentlichen Prise Rock und Zynismus, was definitiv als Aufwertung zu verstehen ist. Lange Rede, kurzer Sinn: Wer sich bisher mit den Herren vom Rande des Ruhrgebiets nichts auseinandergesetzt hat, der sollte das schleunigst tun und bekommt nun das perfekte Gimmick dazu an die Hand. Um die Zuneigung dann direkt zu vertiefen, ist ein Konzertbeuch empfehlenswert.

Live:
12.03.2026 - Muffathalle, München
13.03.2026 - Batschkapp, Frankfurt
14.03.2026 - Im Wizemann (Halle), Stuttgart
26.03.2026 - Carlswerk Victoria, Köln
27.03.2026 - Skaters Palace, Münster
28.03.2026 - Columbia Theater, Berlin
25.07.2026 - kAPEll30 SOMMA, Hamm
27.11.2026 - Täubchenthal, Leipzig
28.11.2026 - Botschaft, Osnabrück
04.12.2026 - Z-Bau, Nürnberg
05.12.2026 - Schlachthof, Wiesbaden
11.12.2026 - Gruenspan, Hamburg
19.12.2026 - Westfalenhalle 2, Dortmund


puls.
(Ms) Was ist denn jetzt richtig geil? Analog oder digital? Elektronisch oder handgemacht? Wie dogmatisch sollte man da unterwegs sein? Oder gibt es nicht schon eine gute Lösung dafür? Ich denke schon: Best of both worlds! Beeindruckend gut setzt das die Band puls. aus Köln um. An diesem Freitag veröffentlichen sie ihre erste EP namens Nuancen. Fünf Tracks gibt es darauf zu hören, die sich wirklich das beste aus verschiedenen Spielarten zusammenmixen und es unheimlich gut vereinen. Der analoge Bass auf Zeit ist phantastisch und bis zu seinem Auftauchen auch echt nicht zu erahnen. Die Shoegaze-Gitarren auf Trümmerblick, die den Song in allerhöchste Höhen tragen. Die Texte, die großartig anzunehmen sind und viele Möglichkeiten bieten, um sich selbst darin zu sehen. Das sind - meiner bescheidenen Meinung nach - einige gute Gründe für eine Band, eine große Zukunft erleben zu dürfen. Diese EP ist ein grandioser Start.


Sprints
(Ms) Hach, was gibt es nicht herrliche Ausführungen über Coverversionen. Welcher Track am meisten nachgespielt wurde. Was floppte oder gar das Original überstrahlt. Ja, das Cover ist eine schöne künstlerische Eigenart. Es geht ja nicht nur um das einfache Nachspielen. Im besten Fall gibt man einem Track das, was man darin vermisst. Ein Kniefall und eine Ehrung ist es eh in jedem Fall. Heutiges Beispiel: Deceptacon von Le Tigre. Das Stück ist 27 Jahre alt - und noch nicht gestorben. Denn die Band Sprints haben sich den Track vorgenommen und ihm ordentlich Wumms beigebracht. Meine Güte, was knallt dieser Bass denn geil?! Kaum auszuhalten. Zudem macht diese Version wirklich gar keine Pausen. Die Gitarren knartschen nach vorne, der Gesang treibt genauso wie das Schlagzeug. Wer hier ungerührt sitzen bleibt, ist ein Banause. Das ist Fakt. Was für ein irrer Track - was für eine starke Version!


Lambert
(Ms) Korrigiert mich gerne - aber ist nicht eines der schönsten Dinge in diesem Musik-Kosmos die wunderbare Neugier, wie ein frischer Track eines tollen Künstlers klingen mag?! Die Gedanken im Vorhinein. Wie sieht der nächste Entwicklungsschritt aus? Gibt es einen? Hat es nicht vorher gut geklappt - wozu die Veränderung? Gibt es andere Instrumente, die in den Sound einfließen? Hach, großartig! Und Lambert ist einer dieser Künstler, die den Überraschungsmoment definitiv auf seiner Seite hat! Obendrein ist er enorm umtriebig. Im Winter kam erst die gemeinsame Platte mit Thorsten Nagelschmidt raus, im Sommer 2024 gab es die letzte Platte Actually Good. Und nun geht es weiter! Spirit heißt die erste Single aus dem kommenden Album I Am Not Lambert, die am 8. Mai bei Clouds Hill erscheinen wird. Wie passend dieser Titel nur ist. Denn auf dem neuen Stück gibt es zahlreiche Parts, die an andere Künstler erinnern. Klar, das Klavier bleibt im Fokus, aber die Akustikgitarre (!) klingt doch etwas nach Ásgeir, der Gesang (!) nach Orbit genauso wie die sanft eingesetzten Beats. Eingebettet ist das natürlich in einem entspannt-beruhigenden Lambert-Klang, wie man ihn gewohnt hat. Und ich vermute: Auf dem neuen Album lauern noch mehr tolle Überraschungen!

13.05.26 Hamburg, Kampnagel – Lambert & Friends
15.05.26 Nürnberg, Z-Bau
17.05.26 Berlin, Kammermusiksaal – Lambert & Friends
19.05.26 München, Live Evil
04.07.26 Kraggenburg, Wilde Weide Festival


Tiga & Boys Noize
(Ms) Ab meiner Jugend ist Musik für mich wirklich Thema Nummer 1. Unterschiedliche Szenen und Genres hatten ihre Zeit. Sie sind gekommen und gegangen. Und dennoch ist es krass, wie viele Bands und Künstler mir wirklich gar nichts sagen. Auch richtig große Namen. Zu Radiohead kann ich nichts sagen. Ebenso zu The XX oder Muse. Nie gehört, kein Bezug. Viele Größen aus anderen Genres sind mir da noch ferner. Heutiges Beispiel: Tiga und Boys Noizse. Beide sagten mir bis zu diesen Zeilen hier nichts. Nada. Niente. Dabei haben sie vor Kurzem mit Hot Wife einen wirklich extrem geil tanzbaren Track veröffentlicht. Dieser Beat, der ab der ersten Sekunde einsetzt und duchballert, ist so markant und auf freche Weise stumpf, dass er direkt in die Beine geht. Ebenso der Text. Wirklich sehr überschaubar. Aber egal. Vielleicht ist es auch diese großartige Reduktion, die diesen Song so enorm machen. Tiga veröffentlicht am 17. April sein neues Album Hotlife - der Frühsommerhit?! Gut möglich! 


Alin Coen
(Ms) Wer diese Musikerin mal live gesehen hat, weiß, was da Bemerkenswertes auf der Bühne passiert. Viele Lieder von Alin Coen sind so nahegehend, da bleiben keine Augen trocken. Einige Stücke sind auch tieftraurig. Und dennoch sitzt oder steht da eine Künstlerin, die so viel Güte in ihrem Wesen trägt, dass sie mit ihrer Ausstrahlung unmissverständlich zeigt: Seid ruhig traurig und lasst euch berühren, aber hier in diesem Moment ist wirklich alles behütet und geschützt. Große Kunst!
Atme Ein, Atme Aus heißt ihr neues Lied, mit dem sie sich nun wieder meldet. Die Hämmer des Klaviers sind direkt zu hören, mit dem ersten Takt ist man als Hörer ganz nah an ihrer Musik. Und sie am eigenen Gemüt. Ein Lied wie Meditation. Ein Lied, das die Livestimmung perfekt wiedergibt. Hier ist gerade wirklich alles in Ordnung, du musst nichts tun, hier erwartet keiner etwas von dir, hier kommt alles kurz zum Erliegen. Es sind drei Minuten und elf Sekunden, die das Herz vielleicht ein klein wenig schneller schlagen lassen, aber den Kopf ruhiger machen. Große, große Kunst! Am 29. Mai erscheint ihr neues Album Du Bedeutest Mir Die Welt, mit dem sie auf große Tour geht.

30. Mai 2026 Hamburg, Nachtasyl – ausverkauft
2. Juni 2026 Berlin, Mikropol – ausverkauft
15. Juli 2026 Dresden, Saloppe
16. Juli 2026 Leipzig, Parkbühne
17. Juli 2026 Braunichswalde, Hof 19
18. Juli 2026 Regensburg, Alte Mälzerei
19. Juli 2026 Lindau, Zeughaus
22. Juli 2026 Freiburg, ZMF
23. Juli 2026 Heidelberg, Karlstorbahnhof
24. Juli 2026 Frankfurt, Batschkapp Sommergarten
26. Juli 2026 Dortmund, Junkyard
11. September 2026 Schwerin, Schlosshof
10. Oktober 2026 Bielefeld, Festival Dome
17. Oktober 2026 Hamburg, Fabrik
18. Oktober 2026 Oldenburg, Kulturetage
20. Oktober 2026 München, Hansa 39
22. Oktober 2026 Köln, Kulturkirche
23. Oktober 2026 Erfurt, hsd
24. Oktober 2026 Magdeburg, Johanniskirche


JJerome87
(Ms) Danke, lieber Algorithmus. Ohne dich wäre ich wahrscheinlich nicht auf diesen Track gestoßen. Ja, vor dem letzten Album The Dream habe ich schon alt-j aus den Ohren verloren. Weder bewusst noch gewollt. Hat sich einfach so ergeben. Zu viel andere Musik - keine Ahnung. Doch der Algorithmus spülte mir Brush Me Like A Horse von Frontman Joe Newman auf die Kopfhörer, der sich als Solomusiker JJerome87 nennt, sich aber stilistisch von der Hauptband nicht unterscheidet. Diese frickeligen Arrangements, diese ganzen verspielten Elemente - es ist einfach großartig, was er da zusammenzimmert. Macht sehr viel Spaß, überzeugt mit sehr viel Groove und erzeugt auf angenehme Weise gute Laune:

Donnerstag, 5. Februar 2026

A.S. Fanning - Take Me Back To Nowhere

Foto: Neil Hoare
(Ms) Diese knapp vierzig Minuten sind ein Manifest purer Schönheit! Jawohl! Es mag inhaltlich wirklich nicht den Anschein haben, dass diese Platte auch nur irgendwie aufbauend wäre. Ist sie nicht. Sie ist ein Zeugnis dieser kuriosen Welt. Einer Welt, deren Untergang wir live am Smartphone mitverfolgen können. Man könnte auch was tun, aber wir gucken lieber zu. Niedergang im Minutentakt, egal wo, bei weitem nicht nur überm Teich. Also steht man da, Anfang 2026 und jeglicher Wunsch, dass es ein wenig bergauf gehen könnte, allein so stimmungsmäßig, ist passé. Fast.

Denn das, was der irische Musiker A.S. Fanning auf seinem neuen Werk Take Me Back To Nowhere macht, ist düster und gleichzeitig unglaublich faszinierend. Dafür gibt es viele gute Gründe. Der erste und markanteste ist seine einnehmende Stimme. Ein Bariton wie aus dem Himmel - wunderschön, eindringlich, kräftig. Im Dezember hatte ich die Hoffnung, dass Tom Smith seine großartige Stimme so wirkmächtig auf seinem Soloalbum einsetzt. Den Eindruck hatte ich nicht. Wenn jemand auf tiefe, dunkle Stimmen steht: Hier ist die richtige Adresse! Hinzu kommt ein neuer Ansatz des Songwritings. Und der ist hörbar. Eigentlich sitzt der Ire mit seiner Gitarre zusammen und bastelt seine Stücke zurecht. Doch er hatte sich die Hand gebrochen. Also nahm er sich ein paar elektronische Tonerzeuger zur Hilfe - und das ist hörbar auf der Platte. Synthieflächen machen Lieder groß, tief, dunkler - ja, sogar teils tanzbar!

Die allgemeine Hoffnungslosigkeit macht sich direkt im ersten Track stark bemerkbar! Save Us ist wenig verheißungsvoll, denn es heißt: „No one is coming save us / not sience and no god who made us.“ Große Keyboardflächen untermalen diese Düsternis, der Drumcomputer schlägt den passenden Takt dazu. Doch im letzten Drittel passiert doch was. Da ist mehr Dur als Moll, da funkeln doch ein paar Sonnenstrahlen durch den pechschwarzen Himmel. Ja, es sieht nicht gut aus, aber auf diesem Album sind viele (musikalische) Abers zu hören - sie machen den Glanz aus!
Im Anschluss schon der absolute Höhepunkt! Today Is For Forgetting schreit ja schon nach Kopf-in-den-Sand-stecken. Aber! Dieses Lied ist so phantastisch arrangiert, dass es kaum auszuhalten ist. Zum Einen tanzen viele Synthie-Töne durch den Track, der Bass schwingt behände durch die Zeilen, A.S. Fannings unglaubliche Stimme gibt einem den Rest. Trotz des hoffnungslosen Textes ist da eine Kraft in seiner Stimme, die doch nur aufrichten kann, oder?! Ja, der Text hat etwas romanhaftes, Fantasy, Sci-Fi, Peng! Aber (!) es ist leicht, sich hier mitreißen zu lassen. Geben wir uns dem hin!
Und woher die Hoffnung und Zuversicht nehmen?! Klar, aus der Liebe - woher denn auch sonst?! Now I‘m In Love heißt der passende Track dazu und es ist nur logisch, dass der Musiker singt, dass das wunderschöne Lächeln des Gegenübers alles ausblendet, was daneben den Bach runter geht. So einfach, so wunderschön ist es. Wichtig, dass dieses Stück Teil des Albums ist! Die Liebe kann auch so stark sein, dass die Angst vor dem endgültigen Ende, dem Tod, schwindet. Ist das nicht wunderschön?! Ja, klar! Stay Alive singt genau davon und ein sanftes, kleines Glockenspiel bringt auch hier wieder den Hoffnungsschimmer in all das Stockfinstere. 

Take Me Back To Nowhere sagt ja schon im Titel, worum es geht: eine Welt hinter jeder Begründung zu erlangen, zu einer Nicht-Existenz. Das mag zwar nicht allzu vielversprechend sein, aber doch besser als das, was uns die Flimmerkiste in unserer Hosentasche jeden Tag präsentiert, oder?! Eben. Zudem ist dieses Album einfach gespickt mit purer klanglicher Ästhetik. Die Lieder sind sanft, ummantelnd und bestechen durch außerordentliche Tiefe. Es geht also nicht bergab. Die Hoffnung ist nicht passé. Solange diese Musik läuft. In all ihrer Schönheit.

16.03. Langenberg – KGB
28.03. Altenkirchen – KulturSalon Stadthalle
21.04. Hamburg – Knust
23.04. Dresden – Ostpol
25.04. Oberhausen – Gdanska
26.04. Offenbach – Hafen 2
29.04. Wien – Rhiz
30.04. Salzburg – Rockhouse
02.05. Berlin – Neue Zukunft


Donnerstag, 29. Januar 2026

The Hirsch Effekt - Der Brauch

Foto: Freakshot
(Ms) „Musik und Leben sind zwei Paar Schuhe / Dass ich nicht lache / Lass mich in Ruhe.“
Was einst Marcus Wiebusch für Kettcar gedichtet hat, würden viele KünstlerInnen sicher sofort unterschreiben. Dazu gehört auch Nils Wittrock, Texter und Gitarrist der Band The Hirsch Effekt. Seit 16 Jahren existiert diese Gruppe, die alles kann und alles macht. Das war immer schon verrückt und ist es immer noch. Und vor allem extrem beeindruckend! Wie viel jedoch dahinter steckt, solch eine Band mit Leben zu füllen, einen Sinn darin zu sehen, Musiker zu sein, welche Zweifel und Nebenschauplätze drumherum existieren, wird uns Hörenden meistens kaum bewusst. Bis die Band darüber spricht. Oder schreibt. Oder singt. All das ist von diesem wuchtigen Trio zu vernehmen. Nils Wittrock hat ein Buch darüber geschrieben. Wie es ist, als Musiker Covid zu durchstehen, ein Kind groß zu ziehen und diese Band am Leben zu halten (ich habe es nicht gelesen, halte es aber für sehr empfehlenswert, weil darin wohl ein ganz tiefer Einblick ins Künstlerdasein steckt). Damit einher ging ein Schreibprozess der Lieder für das neue Album Der Brauch, das diesen Freitag (30. Januar) erscheint. 

Neun neue Tracks sind auf den knapp 50 Minuten zu hören, zu erleben, zu genießen. Selbstredend macht die Hannoveraner Band in etwa da weiter, wo sie musikalisch aufgehört hat. Die harten Gitarren bilden das Epizentrum ihres Klangs. Doch alle musikalische Richtungen, die für das Trio interessant sind, werden auch bespielt. Wieder sehr persönlich ist diese Platte geworden (siehe oben). Klar, dass das Titelstück zu Beginn eine ganz klare, private Handschrift trägt: Der Zwist, in dem Nils Wittrock als Musiker, Vater, Bürger während Covid steckt, wird mehr als deutlich. Dass so eine Band auch immer eine freiwillige - aber durchaus schicksalsträchtige - Sache ist, die einen hier und dort hin manövriert wird immer wieder in aller Wucht klar. Und wie wird das denn alles nur zusammen gehalten? Anscheinend mit einem sehr dünnen Seil. Der Faden heißt der passende Track dazu, in dem Rhythmus, Energie der Gitarre, das Rollen des Basses und auch ganz sanfte Passagen genauso wie derbes Schreien im Hintergrund direkt aufeinander folgen oder gleichzeitig passieren. Wen das nicht packt, ist und bleibt ein Banause. Punkt.
Ja, das klangliche Element ist das, was auch auf diesem The Hirsch Effekt-Album am prägnantesten ist. Das Seil dauert siebeneinhalb Minuten! Dabei sind dort musikalische Sektionen enthalten, die locker für eine ganz eigene Platte reichen würden. Irre, was diese Band da zusammenschraubt! Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob das nicht auch ein wenig anstrengend ist, dem zuzuhören. Ja, klar, auf jeden Fall. Leicht ist das nicht, weil es so wenig eingängig ist. Aber auch gar nicht sein will. Viele Sequenzen sind erschütternd wie Erdbeben. Das passt ja so ungeheuer gut zur Grundthematik, dass wahrscheinlich dieser vielseitige Klang der einzige ist, der zur Band und zu den Liedern passt. Selbst ein zweiminütiges Akusik-Zwischenstück fügt sich nahtlos in den Klang dieses Werkes. 

Der ganze Zwiespalt des Musikers, Familienmitgliedes, Menschen Nils Wittrock wird auf Der Doppelgänger so richtig herausgearbeitet. Ein Zwiegespräch mit dem Spiegelbild wird hier verhandelt, wobei das Original das Selbst gegenüber so gar nicht erkennen kann. Erkennen will. Die Kluft ist mitunter groß und dass der da sich genauso bewegt wie ich, das scheint ein unlösbares Rätsel zu sein. Wahrscheinlich ist es auch das Stück, was sich am krassesten entwickelt. Lange arbeitet die Band hier mit wirklich schönen Harmonien und Melodien. Doch 6 Minuten und 42 Sekunden bieten viel Zeit zum Experimentieren. Nach viereinhalb Minuten wird hier ein Metal-Riff aufgezogen, dass einen schon mal aus den Latschen bugsieren kann. Hammerhart - supergeil! Insbesondere die massive Wucht zum Ende hin ist ein leuchtendes Beispiel, wie Musik funktionieren kann. In all seiner Härte, in all seiner Schönheit! 

Klar, auch Die Lüge ist musikalisch herausragend. Textlich bin ich in Die Brücke sehr angetan von den verschiedenen Bedeutungen von „überfluten / über Fluten“, was einfach toll geschrieben ist.
Dieses Album ist an allen Ecken und Enden beeindruckend. In der Länge einiger Stücke, in der Vielseitigkeit der Musik, in der Tiefe der Texte. Es empfiehlt sich, dafür ein bisschen Zeit einzuplanen. Es wäre eine Schande, wenn diese Lieder nur nebenbei laufen. Dafür ist dieses Werk zu krass. 

Gut, und wer bei Das Nachsehen nicht erschüttert, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Krank. Geil.

Was nun anfangen mit diesem Album? Begeisterung? Verstörung gewissermaßen? Wahn, Sog, Energie? Ich bin extrem gespannt, wie die Band das live rüberbringt und werde vom Bremen-Gig berichten. Doch das allerwichtigste ist, dass nicht nur Nils Wittrock, sondern auch Bassist Ilja Lappin und Drummer Moritz Schmidt immer ausgewogen zwischen Privatem und der Band ausgerichtet sind. Dass sie die richtigen Prioritäten setzen und für ihre Liebsten mit genau der richtigen Kraft da sein können. 

25.02. Schweinfurt - Kulturhaus Stattbahnhof
26.02. Aarau - KIFF
27.02. Karlsruhe - Jubez
28.02. Ulm - Roxy
05.03. Berlin - Badehaus
06.03. Hamburg - Logo
07.03. Düsseldorf - Ratinger Hof
12.03. Wiesbaden - Schlachthof
13.03. Kassel - Goldgrube
14.03. Erfurt - Museumskeller
19.03. Bremen - Tower
20.03. Oberhausen - Druckluft
21.03. Leipzig - Naumanns
21.05. Saarbrücken - Garage
22.05. Münster - Sputnikhalle
23.05. Köln - Helios 37

Samstag, 24. Januar 2026

Live in Oldenburg: Dota

Foto: luserlounge
(Ms) Wie begegnen wir am besten dieser Welt? Resignation? Widerstand? Rückzug? Aktivismus? Hoffnung? Jede Aktion hätte sicherlich einige berechtigte Gründe auf seiner Seite. Doch die letzten Beiden sind doch irgendwie die besten, oder? Es ist schwer, in diesen Zeiten optimistisch zu bleiben, aber bei oder nach einem Abend mit Dota ist das ganz leicht. Denn Dota Kehr lässt sich nicht zurückdrängen. Da ist keine Schneckenhaustendenz zu erkennen. Ja, Hoffnung mag die schönste Form des Leichtsinns sein. Aber tut es nicht auch gut, manchmal ein wenig leichtsinnig zu sein, ein bisschen naiv, ein bisschen berosasonnenbrillt? Sonst sitzt man ja nur rum, ist zwar wahnsinnig gut informiert, aber damit fängt man leider auch allzu oft nichts an. Also lieber fliegen, leicht sein, unverhohlen an das Gute im Menschen glauben. So wie Dota mit und in ihren Liedern.

Am Freitag war sie zu Gast in der Oldenburger Kulturetage. Ausverkauft war es wohl, das heißt gut 900 Menschen waren da und ließen sich fröhlich in den Bann ziehen. Den Abend hat Karl Die Große im Duo eröffnet. Und wie! Es war nicht nur das großartige Spiel an Posaune und reduzierter Percussion von Antonia Hausmann, das sehr beeindruckend war, sondern auch die Stimme der Sängerin. „Bau nicht auf mich / Ich bin ein wackliges Gerüst“ waren ihre ersten Worte, die sie geloopt hat. Und trotz der großen Zerbrechlichkeit war da wahnsinnig viel Sympathie und Aufrichtigkeit auf der Bühne! Ein irres, kurzweiliges Set haben die beiden gespielt. Wortgewandt und klug, unterhaltsam und schön. Die beiden Musikerinnen haben anschließend Dotas Band um Posaune, Percussion, Saxophon, Bassklarinette, Chor und Animation erweitert.

Insbesondere letzteres war ein durchaus neues, belebendes, aber auch irgendwie schräges Element des Abends. Die Tanzeinlagen bei Bademeister oder Rennrad oderoder waren… ja, was denn nun?! Nett? Ja, klar. Aber irgendwie passten sie nicht so ganz zu einem Dota-Abend. Es war gefühlt ein kleines bisschen zu viel. Und damit ist der einzige kleine Kritikpunkt des Abends auch schon abgehakt. Denn die zwei Stunden, die Dota mit Band - und auch ein paar mal solo - gespielt hat, waren abwechslungsreich, sehr lustig, gefühlvoll, toll getextet und sehr überraschend! Ja, wer hätte denn gedacht, dass Dota mal Wir Sind Helden covern würde?! Ja, eben! Oder dass sie gegen Eichhörnchen pöbelt!? Ja, eben!
Dotas Kritik an der Welt ist mit hellwachem Kopf gedichtet. Die leichtsinnige Hoffnung ist natürlich kalkuliert. Ja, was soll man denn auch tun?! Logisch, man kommt zusammen, ist füreinander da, sieht das Gute im Menschen und hat so mindestens einen großartigen Abend mit vielen anderen, die dabei kaum aufhören können zu strahlen. Denn Dota strahlt. Voller Freude. Und voller Zuversicht. So ist ein Konzert dieser Künstlerin nicht nur musikalisch und textlich ein phantastisches Erlebnis, sondern es richtet auch auf in Zeiten, die ganz doll wackeln. Ob es dann um Springbrunnen, Kettenkarussell oder Das Wogende Meer ist ist fast egal. Dotas Musik ist äußert vielseitig. Das macht sie so schön und den Abend so kurz. Da bleibt am Ende fast nichts übrig, als Danke zu sagen. Also: Danke!

Dota ist sehr viel unterwegs: Hier gibt es alle Tourdaten.

Freitag, 23. Januar 2026

KW 4, 2026: Die luserlounge selektiert

(Ms) Das geht alles zu schnell, oder? Wo ist gerade was passiert? Der wievielte Zug in Spanien? Ah, es ist Handball-EM. Beim Fußball auch eine Englische Woche. Oder war das letzte Woche? Wann wird wo gewählt? Martin Sellner war auf einer AfD-Nazi-Verantstaltung in einem verlassenen Autohaus in Brandenburg und durfte seinen völkischen Scheiß verbreiten. Die AfD hilft ihm dabei. „Sell America“ als wirtschaftliche Strategie der EU? Klingt irgendwie verlockend, oder? Ah, letzte Woche wurde wegen Schnee die Bio-Tonne gar nicht abgeholt. Um den Müll kümmert sich nun der Landkreis. Achso, irgendwann den Wasserzähler ablesen. Mist, im Kühlschrank fehlt Joghurt. Kinder Country im Angebot - geil! Ver.di streikt - auch sehr gut! Volkswirtschaft auf die 1? Eine gesunde Gesellschaft auf die 1, bitte. Muss mal wieder tanken. Wie geht es eigentlich meinen Eltern? Macron sieht unglaublich gut aus mit dieser Brille. Sie sind ganz reizend. Boah, es ist endlich Wochenende. Hier lauert gute Musik:

Káryyn
(Ms) Letztens machte sich etwas Wehmut in mir breit. Was passiert, wenn die ganzen KünstlerInnen, die mich schon über 15, 20 Jahre geprägt haben, nicht mehr spielen. Keine Lieder mehr machen. Vielleicht weil es anstrengender wird, sich nicht immer lohnt, die Interessen sich verschieben. Puh, ich will bei einigen gar nicht dran denken. Björk ist keine Künstlerin, die ich regelmäßig höre, aber dennoch verehre. Gründe gibt es genug. Und hier steht schon eine Musikerin bereit, die in diese großen Fußstapfen sicherlich mal treten könnte - ohne der großen Björk zu nahe treten zu wollen. Ihr Künstlername ist Káryyn, hat einen syrisch-armenisch-amerikanischen Hintergrund und mächtig Wumms im Gepäck! Hört man ihre neue Single Collapse Phase, dann wird der Vergleich schnell klar. Die Takte verschieben sich, der Gesang auch, ihre Stimme ist kräftig, die Musik vielseitig, das Video dazu ein ganz eigenes Kapitel. Eine Tanzperformance in einer Kirche - Boom! Hui, hier geht es also ordentlich rund und das in höchst elektrisierender Manier! Am 29. Mai erscheint ihr Album Physics Universal Love Language und könnte die Popwelt sicher erschüttern.



Yann Tiersen & Odezenne
(Ms) Welche Musik am besten zum konzentrierten Arbeiten hören?! Für mich darf es auf keinen Fall etwas auf deutscher Sprache sein, sonst geht der Fokus flöten. Krautrock geht ganz gut. Ambient. Oder Neo Klassik und alles, was mit diesem Genre zusammenhängt. Rathlin From A Distance | The Liquid Hour, das aktuelle Album von Yann Tiersen ist auch hervorragendes Hörmaterial. Insbesondere, weil die Tracks so ungeheuer gut ineinander über gehen und das Album wirklich ein großartiges Gesamtkunstwerk ist! Zusammen mit dem Trio Odezenne hat der Klaviertüftler das Stück The Liquid Hour überarbeitet oder fortgesetzt oder neu arrangiert. Es heißt nun Harmony und ist mit teils eindrücklichem, fast aggressiven Spoken Word versehen. Es nimmt etwas den Zauber des Originals, gibt dem Track aber auch eine ganz neue, raue Art. Das ist halt Kunst - großartig!


Shatten
(Ms) Die Frage, die sich diese Gruppe für ihre neuen Songs gestellt hat, ist wirklich sehr gut. Diese Frage sollten wir uns alle mal stellen: Wie sollen wir mit all den Idioten umgehen, ohne selbst einer zu werden?! Denn eines ist ja ganz einfach: Zurückpöbeln. Aber meist verlieren Menschen dadurch ihre Integrität. Und darauf kommt es auf den kleinen und großen Bühnen der Welt doch zunehmend an, oder? Ich glaube schon. Shatten heißt die Gruppe, die so klug denkt und sehr wuchtig musiziert. Das Quartett aus Hamburg hat mit Chinaschiff vor Kurzem ihre erste Single aus dem kommenden Album Gegenwart (6. März) veröffentlicht. Ein treibender Bass, catchy Gitarren, gute Worte: „Sich den Dingen in den Weg stellen / Der Sprache widersprechen lernen.“ Das wird stark - wirklich!

12.03. - Bremen, Eisen
13.03. - Flensburg, Volksbad
20.03. - Berlin, Roter Salon
21.03. - Hamburg, Molotow
09.04. - Bonn, Bla
10.04. - Mühlheim, Das Kaff
11.04. - Oldenburg, Alhambra

Sonntag, 18. Januar 2026

KW 3, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay.com / LukaJagor
(Ms) Die Woche war anstrengend, es brauchte ein paar Trostpflaster, Erfrischungen, Ablenkungen, das Hirn ausschalten. An einem Abend - es mussten eh noch ein paar Sachen besorgt werden - hatte ich Lust auf ein Radler. Keine Ahnung, wieso. Es war so. Also eines aus dem Supermarkt mitgenommen und auf dem Heimweg getrunken. Was dann passierte, war super schräg. Erstens schmeckte es gar nicht mal so gut. Zweitens setzte sich in meinem Hirn eine Erinnerungskette los, die von dem süßen Geruch und Geschmack ausgelöst wurde. Späte Jugend, Oberstufenzeit, irgendwo in einem Schrebergarten. Süße Biermixgetränke waren absolut gängig. Sorglosigkeit, scheinbar im Stande, die Welt zu verstehen, ein klein wenig Hochmut und vermeintlicher Intellekt. Aber alles war egal. Denn das Getränk brachte Leichtigkeit… Verrückt, wie Gerüche und Geschmäcker mit der Vergangenheit zusammenhängen können. Spannende Reise, mäßiger Geschmack.

Dissy & Fatoni
(Ms) Uff! Gibt es noch irgendeinen Musikpreis für das beste Video?! Ja, den Preis für Popkultur! Liebe Jury, sollte das irgendwer lesen - ach, egal, dieses Video, diesen Kurzfilm werdet ihr sowieso gesehen haben: Dissy und Fatoni haben diese Woche mit Gewehr einen neuen Track veröffentlicht und der ist… puh! Es geht um Vorhaben, die anstehen, wichtig sind. Doch was, wenn es gerade einfach nicht passt?! Wenn man keine Kraft hat. Keinen Antrieb. Wenn da gerade ein Loch ist. Ja, dann halt nicht. Dann halt später. Lasst mich mal eben bitte, bitte in Ruhe. Das ist mir gerade alles viel zu viel! Diese eh schon nicht ganz angenehme Thematik gepaart mit diesem intensiven Video ist eine irre Kombination. Eine, die mir recht schnell den Atem genommen hat, voller Fokus auf die Geschichte aus diesem Bus. Und ein großartiger Beweis, dass das Format Musikvideo immer noch eine ganz hohe Relevanz haben kann und einen Song noch mal stärker machen kann als er ohnehin schon ist. Dazu kommt ein klasse Beat, der das Beste aus den 80ern nimmt, es ein wenig schneller und mit mehr Bass koppelt und so hervorragend wirkt. Am 27. März erscheint Morgen Werde Ich Mich Dafür Hassen von Dissy. Könnte enorm werden.


The Notwist
(Ms) Diese Band ist ein Phänomen für mich. Ich höre sie seltsamerweise nicht so oft zu Hause oder unterwegs und ich kann mir nicht recht erklären, wieso das so ist. Denn The Notwist ist eine großartige Gruppe. Eine Band, die sich immer weiter entwickelt, die nie still steht, ganz viel Zauber entstehen lassen kann, ganz viel Wucht und Schönheit. Am 13. März erscheint mit News From Planet Zombie ihre neue Platte und macht in einer irgendwie LoFi-gearteten Weise dort weiter, wo The Vertigo Days vor fünf Jahren aufgehört hat. Der Sound ein wenig direkter, ein wenig roher eventuell. Nun ist mit How The Story Ends ein neues Lied erschienen und es ist einfach großartig! Denn die ganzen feinen Elemente, die diese Band ausmachen, insbesondere live, sind hier super gut zu hören. Viel Rhythmus, viel Vibraphon, viel Bassklarinette. Das ist so ungeheuer gut arrangiert, so wunderschön und dennoch mit einem tollen melancholischen Vibe. In diese Musik kann man einfach nur eintauchen, alles andere ist doch gar nicht möglich. 


Maiija 
(Ms) Wenn die ersten Takte, die ersten Sekunden schon direkt so viel Sog entfalten, dass Weghören nicht möglich ist, dann passiert Großes. Ungelogen. Ein durchgehend verhaltener, aber dennoch markanter Schlagzeugbeat. Eine Gitarre, die das melodiöse Gerüst baut und eine Stimme, die darüber eine gewaltige Schönheit entfacht. Zusammen ergibt Recover aufs erste Hören schon einen melancholischen Song, doch er bleibt nicht dabei. Maiija, das Projekt von Marilies Jagsch, singt von ihrem Weg, mit Endometriose zurecht zu kommen. Ein Signal an andere erkrankte Frauen, wie sie mit diesem chronischen Leiden umgeht. Laut Titel geht es natürlich um die Erholung, aber das Lied macht auch klar, dass der Weg langsam ist - „Slow, slow we go“. Ganz ehrlich: So schöne, kraftvolle Musik, die das Zerbrechliche in sich trägt, aber dennoch stärker ist, habe ich lange nicht gehört. Ja, dieses Lied hat etwas Heilendes. Wow! Am 13. Februar erscheint ihre neue Platte What If und könnte wundersam werden!




Samstag, 17. Januar 2026

Amanda Bergman - Embraced For A Second As We Die

Foto: Julia Mård
(Ms) Gestern ist Embraced For A Second As We Die von der schwedischen Musikerin Amanda Bergman erschienen. Es ist wunderschön. Hier folgt ein kleiner Text dazu, der keine wirkliche Rezension sein will - oder doch?!

Warum hören wir alle so gern Musik? Was macht diese Kunstform mit uns? Welche Kraft wohnt ihr inne? Neben all der Euphorie, all dem Dopamin, all dem Tanzen, was sie erzeugen kann, kann Musik an ganz anderen Orten auch wirksam sein. An Orten und Stellen, an denen wir verletzlich sind. In Momenten, in denen wir Trost brauchen, Ruhe, Zuspruch, eine Akzeptanz der Situation. Insbesondere Halt ist ein ganz wichtiger Faktor. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch etwas braucht, das ihm oder ihr Halt gibt. Für viele ist es Religion. Für andere Sport. Die Familie. Für einige mag es Musik sein. Klänge, Töne, Lieder, die dann da sind, wenn vieles andere weit entfernt scheint, fast nicht mehr greifbar. Musik schafft es, ohne dass ein Mensch direkt bei mir sein muss, diesen Halt zu geben, diese Hand auszustrecken, mir diese Schulter zu bieten, die ich gerade so dringend brauche. Auf ganz emotionaler Ebene. Das ist möglich, davon bin ich fest überzeugt. Und damit hat diese Kunstform eine Kraft, die nicht zu unterschätzen ist. Warum machen denn so viele Menschen die Augen zu, wenn sie Musik hören oder auf einem Konzert sind? Warum fangen Menschen dann an zu weinen oder vor Freude oder Zufriedenheit zu strahlen. Weil die Klänge, Melodien und Rhythmen - logisch auch der Text - etwas macht, was bewegt. Sie kann die Hand ausstrecken, wenn ich traurig bin. Sie kann aufbauen, wenn ich nicht weiter weiß. Sie kann mir ein Freund sein, den ich gerade brauche.
Musik kann auch ein guter Gegenspieler zur Realität sein. Ein Antagonist. Ein regulierendes Element. Sie hat die wundersame Eigenschaft, dass das Wilde, schwer zu kontrollierende und kaum mehr zu verstehende zumindest für 3, 7 oder 45 Minuten keine Rolle spielt, indem sie das alles einmal ausblendet. Dem ganzen da draußen mal eine Pause verschafft. Natürlich bleiben Unsicherheiten und Fragen, aber wenn gerade ein schönes Lied läuft, rückt alles in den Hintergrund. Genau diese Pausen brauchen wir ganz dringend, um nicht durchzudrehen. Eine permanente Beschäftigung mit dieser seltsamen Realität würde uns sicher grob schaden. Da schaffen Töne, Lieder und Melodien Abhilfe. Sie streicheln uns sanft. Legen eine warme Decke um uns, machen das Licht aus.

Und all das schafft das neue Album von Amanda Bergman. Aufs erste Hören mag ihre Musik vielleicht etwas langweilig und belanglos erscheinen. Aber nur Geduld. Sie wird den Puls senken. Das Kribbeln verschwindet. Die Unruhe. Mit einer sagenhaften Unaufgeregtheit und Wärme schenkt uns Amanda Bergman hier die schönste Pause von all den Dingen da draußen, die man sich nur vorstellen kann. Wenn ein Lied wie Groby ertönt, ist alles gut. Wirklich. 

Dieses Album ist wunderschön. Punkt.