Samstag, 13. Juni 2026

KW 24, 2026: Die luserlounge selektiert nochmal

Quelle: flaticon.com / Freepik
Wie oft ich von meiner Ausbildung profitiere. Das ist so richtig krass. Bachelor und Master und Referendariat und es hat so richtig gut geknallt. Letztens zum Beispiel. Da kam ich morgens in eine der Klassenräume und musste erstmal sauber machen, weil es gruselig aussah. Da kam mir sofort das Grundlagenstudium zur Geschichte des Besens in den Frontallappen geschossen. Beschaffenheit des Stiels, Dichte der Borsten, geschicktester Fegeweg. Alles war sofort wieder da. Genial! Auch den Aufbaukurs Mülltrennung aus dem Master konnte ich direkt wieder praxistauglich anwenden. Liegen gebliebene Obstreste?! Braune Tonne! Nutellacrepes auf der Fensterbank? Auch braune Tonne. Joghurtbecher? Obacht - gelbe Tonne. Zahlreiche Schnipsel Papier? Auch hier ist Vorsicht geboten - grüne Tonne. Ich bin meinen Eltern bis heute aus tiefstem Herzen dankbar, dass sie mich beim Studium finanziell unterstützt haben.

Muff Potter 
(Ms) Wenn die Energie erst einmal durch den Körper dringt. Wenn die Muskeln sich anspannen. Wenn der Schweiß den Rücken runter rinnt. Wenn es angenehm dröhnt und kracht. Dann schlägt die Wucht zu, dann zeigt Livemusik, was sie kann: Bei der letzten Muff Potter-Tour skandierte ich die Zeile „Hast du früher auch Brühwürfel gelutscht, wenn du traurig warst, und wie machst du das jetzt?“ im warmen Bremer Schlachthof und sah im gleichen Moment einen anderen Verrückten, der ebenso skandierte und ich dachte nur so: Ja, man! Das wird im Herbst auch wieder so sein, wenn die Band mit ihrem neuen Album Klepto (18. September) unterwegs sein wird. Dann werden sie sicher ihre aktuelle Single Hast Du Den Müll Schon Runtergebracht spielen und dann werden alle aus voller Kehle singen: „Hast du heute Zeit für mich? Dieses Öl gehört ins Feuer, diese Wahrheit gehört ans Licht.“ Da steckt die gleiche Energie. Und der Track verkürzt die Wartezeit bis in den Herbst ganz wunderbar.

11.11.2026 Leipzig, Conne Island
12.11.2026 München, Strom
13.11.2026 Darmstadt, Centralstation
14.11.2026 Dortmund, FZW
18.11.2026 Bremen, Schlachthof
19.11.2026 Köln, Kantine
20.11.2026 Münster, Sputnikhalle
21.11.2026 Hamburg, Uebel & Gefährlich
26.11.2026 Erlangen, E-Werk
27.11.2026 AT-Wien, Flucc
28.11.2026 Berlin, Festsaal Kreuzberg


Catt
(Ms) Warum das alles? Warum jede Woche über neue Musik schreiben? Warum Musik machen? Warum auf Konzerte gehen? Warum Alben veröffentlichen? Warum neue Lieder schreiben? Einfache Antwort: Weil es sein muss! Es geht kein Weg daran vorbei. Nicht nur als wundervollste Beschäftigung überhaupt, sondern auch als Lebenselixier. Auftanken, träumen, auch mal weh tun, tanzen, feiern, fliegen. Das geht besonders gut bei der Musik von Catt. Die Allesspielerin begeistert seit vielen Jahren mit ihrer sehr zarten, intensiven und dann wieder wuchtig-tanzbaren Musik. Filigran, aber nicht zerbrechlich. Nachdenklich, aber nicht zermürbend. Und halt auch irre gut gemacht! So ein tolles Konzert von Catt kann man sich nun nach Hause holen, denn heute (!) veröffentlicht sie mit Alive ihre erste Platte mit Liveaufnahmen. Es ist kein Konzert, das in Gänze mitgeschnitten worden ist, sondern Ausschnitte von hier und da. Wundervoll ist es geworden. Bei Live-Alben spielt ja immer der Groove eine Rolle - kommt das rüber?! Und ob! Am Herbst kann man sich wieder livelive mitreißen lassen:

17.11.2026, Eupen - Alter Schlachthof
18.11.2026, Wiesbaden - Schlachthof
19.11.2026, Essen - Zeche Carl
20.11.2026, Hannover - Pavillon
21.11.2026, Karlsruhe - Tollhaus
23.11.2026, Hamburg - Mojo
24.11.2026, Berlin - Columbia Theater
25.11.2026, Dresden - Tante Ju
26.11.2026, Wien - Porgy & Bess
28.01.2027, München - Ampere
29.01.2027, Linz - Posthof
30.01.2027, Stuttgart - ClubCANN
31.01.2027, Winterthur - Salzhaus
02.02.2027, Köln - Kulturkirche
03.02.2027, Marburg - KFZ
04.02.2027, Jena - Kassablanca
05.02.2027, Leipzig - Täubchenthal


Ebow
(Ms) Kloß im Hals. Wie hier anfangen? Dieser Track ist vielleicht das härteste, was ich zuletzt hörte und sah. Und obendrein das Video. Ja, das Video gibt dem Lied eine Ebene, die so aufs erste Hören nicht ersichtlich ist. Auf einer Metaebene zeigt es, wie komplex Musik als Kunstform ist und wie sie glänzen kann. Also: Ebow hat mit Novoline eine neue Single veröffentlicht. Es geht um die Glücksspielsucht ihres Vaters und es ist zu großen Teilen aus Sicht des Spielautomaten geschrieben. Das ist schon mal richtig krass. Zudem ist Ebow eine Künstlerin, die ihre Musik fest mit ihrer familiären Geschichte verbindet. Der harte Kampf der Zugezogenen und ihr Zerren um einen Platz in dieser Gesellschaft, der ihr leider viel zu oft verwehrt wird. All das in einem Lied. So persönlich, so stark, so hart. Und sie setzt auf jeder Ebene einen drauf. Dieses Mal gibt es keinen wuchtigen Beat, nein, nein. Nur ein Cello. Und einen großen Chor. Und ihre Stimme. Wie krass kann Musik, kann Kunst denn bitte sein? Ebow setzt hiermit neue Maßstäbe. Im Texten. Im Komponieren. In einer Gänze als Künstlerin. Das ist groß, ganz groß! 

12.05.26 Freising – Uferlos Festival
06.06.26 Schmitten – Schmittner Open Air
19.06. Potsdam – über:morgen Festival
31.07.26 Bremen – TurnUp
01.08. Diepholz – Appletreegarden
08.10.26 Köln – Bürgerhaus Stollwerck
09.10.26 Bremen – Schlachthof
10.10.26 Hamburg – Fabrik
15.10.26 Leipzig – Werk 2
22.10.26 München – Ampere
23.10.26 Wien – WUK
24.10. Frankfurt – Zoom
28.10. Berlin – Columbiahalle


Lambchop
(Ms) Niemals hätte ich gedacht, dass ich mal diesen Satz schreibe: Das Banjo knallt hier auf ganz wunderbare Art und Weise. Denn oft tritt dieses Instrument in verstaubtem Country auf und macht da komische Sachen. Doch Kurt Wagner, Kopf von Lambchop, setzt dieses Instrument auf seinem neuen Album Punching The Clown (21. August) wirklich geschickt und wirkmächtig ein. Zum Beispiel auf der neuen Single Stella. Es leitet die Melodie und versprüht eine gewisse Euphorie, eine angenehme Leichtigkeit. Und auch einen gänzlich neuen Klang im großen Kosmos dieser Band. Beeindruckend, dass Kurt Wagner nicht müde wird, stets Neues auszuprobieren, immer von neuem Mut getrieben, von neuem Sinn für das Schöne. So wird die neue Platte ruhig. Das verwundert erstmal nicht. Aber nur mit Gesang, Chor, Gitarre und Banjo hat Lambchop auch noch nicht hantiert. Dass es so gut aufgeht, hätte ich nicht gedacht. Auch nicht mit Banjo.

Freitag, 12. Juni 2026

KW 24, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Md Tanvirul Haque
Und jetzt kommt auch noch diese Fußballkacke dazu. Ist ja wirklich nicht genug sonst los, oder? Daher ist es auch wichtig, mal die kleinen, schönen Situationen des Alltags zu genießen. Also, auf:
Nummer 1 - Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause muss ich hin und wieder an einer Ampel halten, an der direkt ein Kiosk ist. Die Tür ist meist offen, am Nachmittag noch nicht so viel los. Der Inhaber hatte aber laut Musik aufgedreht und in seinem eigenen Laden dazu getanzt. Herrlich - wie schön kann das Leben sein?
Nummer 2 - Auf dem Weg durch die Großstadt am vergangenen Wochenende die nächste wunderbare Begebenheit. Und sie war ganz kurz. Hallte aber lang nach. Ein Typ fuhr auf seinem Skateboard über die Ampel. So weit, so normal. Doch er hatte währenddessen (!) eine Gitarre in der Hand. Er sang und spielte, während er fuhr und überall leuchtete das gute Leben!

Interpol
(Ms) Die 00er-Jahre waren ja so intensiv und vollgepackt von großen Tönen, dass es beinahe unmöglich war, alles abzugrasen. Große Namen gingen mir immer wieder durch die Lappen. The XX, Bloc Party, Arctic Monkeys… nie gehört. Interpol gehören auch dazu. Bis eine ganz wunderbare Person in mein Leben trat und sie mir freudestrahlend präsentierte und ich dachte so: „Krass - wie ist das nur an mir vorbei gegangen?!“ Rätselhaftes Musikerleben. Wie dem auch sei… Im August veröffentlicht die Band ihr neues Album This Mirror Weights A Ton, das zugleich ihr erstes auf Partisan Records ist. Zwei Tracks haben sie direkt zur Ankündigung veröffentlicht. Der Titeltrack ist getragen, dicht, tief, groß und voll mit dem herrlich charakteristischen Gesang. See Out Loud dreht viel stärker die Gitarren auf und kickt gänsehautmäßig direkt ab dem ersten Takt, nimmt gegebenenfalls den Atem - großartig! Im Herbst gehen sie zusammen mit Bloc Party (!) auf Tour - Nostalgiefaktor mal tausend!

11.11.2026 Berlin – Uber Arena
12.11.2026 Hamburg – Barclays Arena
14.11.2026 Düsseldorf – PSD Bank Dome


JJerome87
(Ms) 2012 geschah etwas Besonderes. Neues. Nie da Gewesenes. Es war auf spektakuläre Art erschütternd. Und so, so, so gut! Alt-J traten in die Musikwelt ein und haben einen Sound erschaffen, der vollkommen ohne Vergleich war. An Awesome Wave ist ein moderner Klassiker. Dieses unglaublich Verspielte im Klang, diese coole Genauigkeit, das Unvorhersehbare. Nun veröffentlicht Frontmann Joe Newman unter dem Namen JJerome87 am 26. Juni sein erstes Solo-Album namens The Canyon. Der Sound ist schon sehr, sehr nah an der Band. Fast identisch. Das ist - in meinen Augen - auch ein wenig egal. Denn wichtig ist, dass diese Musik existiert. Dass sie fortgeführt wird. Dass sie strahlt und kickt. Und das tut sie auf sehr stabile Weise. Das macht so wahnsinnig viel Spaß und es ist so herrlich einfach, in die Tracks einzutauchen. Zum Beispiel in die aktuelle Single Mr. Alligator:


Nouvelle Vague
(Ms) Es gibt so viele gute Songs, die so lohnenswert sind zu covern. Zum Einen aus einem musikalisch-schönen Grund, zum anderen weil viele Lieder schon eine große Eigendynamik entwickelt haben. Enjoy The Silence von Depeche Mode zum Beispiel. Das Original ist ja schon der Oberwahnsinn, ich liebe auch die Version von Nada Surf. Nouvelle Vague haben sich den Track - und zahlreiche weitere - von Depeche Mode vorgenommen. Diese wunderbare Melancholie im Song, die Größe im Text, der Drive darin. Doch Nouvelle Vague gehen einen recht radikalen Cover-Weg. Sie spielen die Vorlagen in einem Bossanova-Stil. Südamerikanisch zurückgelehnt, mit angenehmer Tiefe und einem herrlich weichen Timbre aufgefüllt. Toll ist ihre Interpretation geworden. Das Wesen des Originals bleibt gleich und doch ist es völlig neu. Das ist die große Herausforderung beim Covern: Es nicht völlig verzerren, aber auch nicht einfach nur nachspielen. Das ist hier mehr als gelungen. Mehr davon gibt es dann am 30. Oktober A Date With Depeche Mode erscheinen wird.

05.08.2026 Bremen - Seebühne
06.08.2026 Braunschweig - Applaus Garten
14.08.2026 Jena - Kulturarena
15.08.2026 Leipzig - Parkbühne GeyserHaus


Ea Othilde
(Ms) Oft braucht es die ganzen Lieder, um richtig eintauchen zu können. Dann reicht eines nicht aus. Und gar nicht, weil es nicht gut sei oder so. Im Gegenteil. Aber mehr ist nun mal mehr. Und das ist gut so. Am 12. Juni veröffentlicht Ea Othilde mit You‘ll Leave The City eine 5-Track-EP, die richtig viel Kraft mit sich bringt. Im Fokus ganz klar ihre Stimme und die E-Gitarre - ja, man, dieses Jahr ist das Jahr der Rockmusik, oder? Sie spielt Alternative und Shoegaze, breitet große Flächen aus, lässt sie wirken und das Schlagzeug scheppern. Das macht ungeheuer viel Spaß. Die Musik ist dicht, eindringlich und strotzt vor Spielfreude der Norwegerin!


Euroteuro
(Ms) Eine gewisse Unaufgeregtheit. Ein Wandeln durch die Nacht. Ein leichter Rausch. Viele Gedanken, die durch den Kopf jagen. Eine Nacht, die nicht enden will. Die leichte Melancholie, die noch nie ihren Reiz verloren hat. Dazu ein Beat, der beschwingt, aber nicht zu sehr. Den Soundtrack dazu liefert Euroteuro mit der neuen Single Favourite. Die Synthies trommeln den Grundbeat, darüber flirren einige Effekte und eine wunderbar verträumte Stimme, die den Rausch anführt. Es ist die perfekte Musik, um durch lange, laue Sommerabende zu flanieren und die großen und kleinen Gedanken der Welt auseinanderzudenken. Darauf geht es auf der neuen Platte Magic, die am 25. September erscheinen wird. Der Blick richtet sich nach innen. Unter „Warum müssen wir sterben“ machen sie es nicht. Diese Themen setzen Energien frei - sie sind hörbar. Stark!

Montag, 8. Juni 2026

Live in Hamburg: Get Well Soon

Foto: luserlounge
(Ms) Wenn man nicht regelmäßig nach Hamburg für Konzerte fährt, kann es durchaus Überraschungen geben. Zum Beispiel die aktuelle Adresse des Molotow. Die Miet-Odyssee hat den Club ins alte Moondoo getrieben, wo er wohl noch mindestens bis 2037 bleiben kann. Heißt auch: ein quasi neuen Club auf der Erlebnisliste. Richtig schön ist es drinnen. Gemütlich und sehr geschmackvoll eingerichtet, rot leuchtende Elemente auf dem Boden und unter der Decke. Der Unterschied zwischen dem Treiben vor der Tür und dem, was danach drinnen passiert, könnte kaum größer sein, als bei einem Konzert von Get Well Soon. Nach vier Jahren ist Konstantin Gropper mit seiner großartigen Band endlich wieder auf Tour und hat die aktuelle, außergewöhnlich rockige Platte Minus The Magic mit im Gepäck.

Drückend war die Luft drinnen. Der nass-warme Frühsommer macht auch im Club keinen Halt. Ohne Vorband ging es um kurz nach acht los und für zwei Stunden spielt sowohl das Gewusel auf der Reeperbahn als auch die Luftfeuchtigkeit keine Rolle. Für mich überraschend als Quartett statt zu Sechst haben Get Well Soon gezeigt, wie unfassbar gut, intensiv, kraftvoll und schön Rockmusik sein kann. Im Zuge der Veröffentlichung des aktuellen Albums meinte Konstantin Gropper, dass seine Band wohl schon seit vielen Jahren als fehlgeschlagenes Comedy-Projekt wahrgenommen wird. Seine Ansagen sind auf jeden Fall unterhaltsamer geworden. Die Lieder haben natürlich alle immer noch einen ernsten, mitunter dramatischen Ton, der aber immer vor Größe nur so strotzt.
Beeindruckend, wie gut alle Musiker auf der Bühne sind. Wie sie ihre Instrumente beherrschen, wie genau und unglaublich gut abgestimmt sie spielen. Bei der Komplexität einiger Lieder ist deutlich zu vernehmen, was für ein guter Geist in der Band herrscht - sonst würde das alles nicht funktionieren. 

Im Fokus standen klar die Lieder von Minus The Magic. Durchaus erstaunlich war die Auswahl aller anderen Lieder. Einige „Hits“ wie It‘s Love, auch wenn der einzige Hit des Abends laut Konstantin Gropper ein Cover war, ließ die Band außen vor. Seltsam ist, dass mir eine Zuordnung der Titel bei Get Well Soon immer etwas schwer fällt, obwohl ich die Band seit gut 17 Jahre höre und wirklich oft sah. Egal. Die Tracks waren unabhängig vom Hit-Potential hervorragend ausgesucht und auch in eine tolle Reihenfolge gebracht. Ein paar ruhige Pausen dienten dazu, im phasenweisen Gitarrengewitter mal durchzuatmen. Am stärksten bleib mir The Golden Toilet Heist in Erinnerung, da es wunderbar schepperte und die Instrumente an ihr Äußerstes gebracht wurden - insbesondere der wunderbar glitzernde Bass von Sebastian Brödner. Und auch wenn Paul Kenny mal wieder kräftig auf die Becken schlug, Maximilian Schenkel zwischendurch neben der E-Gitarre zwei verschiedenen (!) Trompeten spielte und Marcus Wuest gleichzeitig Keyboard und Trommel spielte, herrschte eine enorme Gelassenheit auf der Bühne. Beeindruckend! Seitdem ich die Band 2009 zum ersten Mal sah, haut sie mich jedes Mal wieder vom Hocker, wenn ich sie live sehe. Was für eine wunderbare, wuchtige, energievolle und einfach schöne Kunst, die mit Angry Young Men als Abschluss ein heftiges wir-geben-nochmal-alles-Ende fand!

Zum Glück kommt im Herbst noch eine Platte und dann eine weitere Tour.

Am 24. Januar spielen sie im Hamburger Mojo - weitere Termine folgen sicher bald.


Sonntag, 7. Juni 2026

Live in Bremen: Fair Weather Fest - der Freitag

Abramowicz, Foto: luserlounge
(Ms) Dieses Festival sollte dringend seinen Namen ändern. Er scheint kein gutes Omen zu sein. Bereits im letzten Jahr, bei der ersten Auflage des Fair Weather Festes, regnete es sommerlich. So auch an diesem Wochenende. Oder: Man könnte es auch umdrehen. Vielleicht ist dieses eher mäßige Wetter ja auch ein gutes Omen für diese äußerst feine Veranstaltung. Denn, wie im letzten Jahr, haben die Macher, die Bands und all die Menschen vor und hinter den Bühnen und an allen Theken für ein großartiges Erlebnis gesorgt. Ein Indoor-Festival zum Genießen, Treibenlassen, Entdecken und Sich-Verlieren. Selten war es leichter als hier zwischen Calavera, Lila Eule, Lagerhaus, Eisen, Titus, Black Plastic Records und Horner Eckhaus. Aus organisatorischen Gründen (siehe bald im nächsten Posting) war ich nur am Freitag da, aber es war einfach nur irre!

Irre warm war es bei Jule in der Lila Eule, wo ich leider zu spät gekommen bin. Um kurz vor sechs war es erstens schon sehr voll und zweitens leider sehr schwül und drückend. Also weiter ins Eisen, erstmal ein Bier genießen und auf Turbobart warten. Wie fast alle anderen Acts kannte ich den Münsteraner Musiker nicht und wurde wunderbar überrascht. Mit der Klampfe in der Hand und dem Herz auf der Zunge sang er eine halbe Stunde aus seinem Innersten. So viel Inbrunst war wirklich beeindruckend. Das ist es doch, worum es geht. Identifikation mit der Musik, mit der Kunst. So ist es ganz leicht, als Zuhörender einzutauchen, mitzugehen. Und wenn er dann noch Kettcar und Muff Potter covert, ist doch wirklich alles gut. Was für ein emotionaler, wunderbarer Auftakt in den Abend. Also schnell rüber ins Lagerhaus. Das ist ja das Geniale an diesem Festival: Alles ist nur wenige Schritte voneinander entfernt. Immer kurz frische Luft schnappen oder was zu essen. Weiter bei Abramowicz, die mit sechs Leuten die Lagerhaus-Bühne platzmäßig ausreizten. Dem streng getakteten Zeitplan zum Trotz legten sie kraftvoll und energiegeladen los und haben mich sofort in den Bann gerissen. Sehr melodisch, sehr treibend und in Bewegung setzend. Das hat ungeheuer viel Spaß gemacht - eine phantastische Band! Doch was danach im Eisen geschah, war „leider“ noch etwas phantastischer. Denn der heimliche Hauptact des Tages lud zur Eskalation ein: Dramatist. Die Band, die quasi am Ort des Geschehens geboren wurde, zeigte extrem eindrucksvoll, dass alle Vorschlusslorbeeren absolut berechtigt sind. Es war klug, früh da zu sein, denn drinnen füllte es sich schnell - nachvollziehbarer Weise. Doch auch draußen lauschten zahlreiche aufmerksame Ohren vor dem offenen Eisenfenster. Eine halbe Stunde Druck. Eine halbe Stunde pure Energie. Eine halbe Stunde kompletter Wahn. So intensiv, so tief. Irre, wie die Macht dieser Musik den Leuten auf der Bühne ins Gesicht geschrieben war. Sie haben alles gegeben und alle mitgenommen. Im Januar haben sie ihr erstes Album Wasting Words veröffentlicht und es ist brutal gut! Erstmal durchatmen danach. Ich habe mir eine kleine Pommespause gegönnt, war kurz bei Between Bodies, doch ich habe gemerkt, dass eine Pause sehr sinnvoll war. Kurzer Reset nach Dramatist.
Weiter ging es für mich bei Eaten By Snakes im Eisen, sympathisch, aber blieb nicht so sehr hängen. Als auf zum letzten Act des Abends: Brockhoff im Lagerhaus. Und plötzlich traf mich der Schlag. Müdigkeit kickte in einem ganz bösen Grad, aber noch einmal aufraffen! Leider hat mich das Quartett nicht mehr abholen können. Ihre Musik war schön, aber sie hat mich nicht berührt. 

So bin ich voll gepackt mit Eindrücken und neuen Tönen aufgebrochen. Erneut, wie im letzten Jahr, war ich ganz schön beeindruckt, was das Team hinter dem Fair Weather Fest so auf die Beine stellt. Da ziehen echt alle mit. Über 30 Programmpunkte an zwei Tagen. So viele glückliche Gesichter auf den Bühnen, hinter den Theken und überall dazwischen und davor. Wenn einem Livemusik am Herzen liegt, sollte diese Veranstaltung einen festen Platz im Kalender fürs nächste Jahr haben. Denn dann geht es in die dritte Runde und hier gibt es Tickets zu extrem fairen Preisen! Ich freue mich jetzt schon wieder, viel, viel Neues zu entdecken! Und ganz ehrlich: Scheiß aufs Wetter!



Donnerstag, 4. Juni 2026

Laura Misch - Lithic

Foto: Joya Berrow
(Ms) Ist das Handy seltener in der Hand, strömt mehr Gelassenheit und Entspannung durch den Körper. Allein schon die Abwesenheit dieses Gerätes beruhigt den Menschen. Krass, oder? Letztens habe ich seit langer, langer Zeit mal wieder einen handyfreien Tag gemacht und es war super. Memo an mich: Ich sollte es öfter tun. Doch was haben diese Begebenheiten in einem Musikblog verloren? Ganz einfach: Weniger Hektik bedeutet eben auch mehr Aufmerksamkeit für ruhige Töne. Diesen Freitag, am 5. Juni, erscheint das neue Album der Musikerin Laura Misch. Lithic heißt es, was so viel wie „von der Natur her steinartig“ bedeutet. Laura Misch ist eine außergewöhnliche Musikerin. Sie hat den Mut zur Langsamkeit. In ihrem Werk, das irgendwo zwischen Jazz und Ambient verortet ist, spielt das Saxophon eine große Rolle. Es ist ihr ursprüngliches Instrument, das sie im Laufe der Zeit um viele andere Klänge erweitert hat. Doch die Klänge des tollen Holzblasinstrumentes scheinen immer wieder durch die Lieder dieser neuen Platte, bilden oft ihre Grundlage. Laura Misch hat nicht nur Rhythmen, Melodien und Gesang eingefangen, sondern auch Töne aus der Natur, sogenannte Fieldrecords. Sie lebte eine Zeit lang in Dungeness, an der Küste Südostenglands. Stein und Wasser. Das sind die wesentlichen Kennzeichen. Dazu: Zeit und Ruhe. In einer Haltung so sehr in der Natur zu leben, ist diese Musik entstanden. Sie ist vollkommen unaufdringlich und darf unter keinen Umständen nebenbei gehört werden. Ein gewisser Grad der Aufmerksamkeit sollte auf jeden Fall aufrecht erhalten sein. Dann breitet sich eine Ruhe und Tiefe aus, die eventuell nur Meditation bescheren kann. Ja, dieses Album, diese wunderschöne Kunst, ist zutiefst meditativ. Doch überhaupt nicht einschläfernd, sondern mit einer konzentrierten Energie im Hier und Jetzt. Teils melancholisch, doch durchaus hell. Hin und wieder schweifen elektronische Klänge durch die Lieder, dann ist der Rhythmus so pulsierend, dass diese Musik einen sehr organischen, körperlichen Geist entwickelt. Das ist wunderschön und fast etwas erschreckend. Ungewohnt, da so selten zu hören. Wenn es auf einmal regnet im Stück, ist das mal kein Wunder. Die Musikerin schlug auch auf Steine, um gewisse Klangfarben zu erzeugen. Das ist sehr, sehr beeindruckend. Die Ruhe dieser Kunst - aber auch ihr immer wieder auftretender Drive - ist durch ihren Charakter ja wieder politisch. In all seinen leisen Phasen schreit Lithic ja nach Ruhe, Frieden und Ausgeglichenheit. Nach einem Pendant zu unserer digitalen Gegenwart. So kraftvoll kann das Leise sein.

2. Oktober - Berlin, Heimathafen


Freitag, 29. Mai 2026

KW 22, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / CC 3.0 BY
Na endlich, Sommer, da bist du ja. Hast ja ein wenig auf dich warten lassen. Kannst es (gerne nachts) mal wieder regnen lassen, aber diese warmen Tage lasse ich mir gefallen. Die ersten Festivals gingen schon über die Bühne, die nächsten kommen. Ich hab Bock, ich bin dabei. Die größte Vorfreude habe ich auf das Watt En Schlick Ende Juli in Dangast. Ein feines Festival voller Perlen. Seit ein paar Wochen erscheinen immer wieder Bestätigungen. Doch so richtig zünden tun sie - wie letztes Jahr - auch nicht. Es ist klar, dass so ein kleines Festival keine Riesennamen anziehen kann. Aber die Veranstaltenden haben oft schon ein sehr gutes Händchen bewiesen. Diese Gewissheit ist die einzige, die meine Vorfreude hoch hält. Ja, es sind ein paar gute Acts dabei wie Martin Kohlstedt, Heinz Strunk und Meute. Dabei ist wichtig: Mich zieht es noch nicht vom Hocker. Das ist nur meine Meinung. Auch im letzten Jahr gab es zahlreiche Überraschungen. Nur eine Band sah ich vorher schon mal. Daher kleines Memo an mich: Freu dich, Schreiberling, dann hast du wieder viel zu entdecken und drüber zu berichten. Stream of Consciousness Ende.

Audio88 & Yassin
(Ms) Der Hass ist zurück. Und die Ironie. Und irgendwie doch auch zwei ganz wunderbare Typen, die einfach eine hervorragend provokative Rolle spielen. Audio88 und Yassin haben mit Zeit Zu Sterben seit einigen Tagen eine neue Platte draußen und sie knallt so, wie sie knallen muss, wenn diese beiden das Mikrophon in die Hand nehmen. Die Tritte gegen die Obrigkeit, die Standfestigkeit auf dem Rap-Thron - es bleibt alles beim Alten. Halt nur in richtig frischem Gewand. Insbesondere die Beats stechen heraus, sind frisch, elektronisch aufgepeppt zum Teil und sehr progressiv. „Den Nachbarn mit der Deutschlandflagge fresse ich zum Frühstück“ heißt es in Hunger. Der Feind ist klar ausgewiesen. Und noch klarer wird er auf Komm Ran. Eine wahre Kampfansage an Friedrich Merz. Die Gerüchte um den Wechsel im Kanzleramt kommen nicht aus der Hauptstadtpresse, sondern von diesen beiden knuffigen Typen. Mitten in die Fresse. So, so gut!



Laura Misch
(Ms) Wann und wie durchatmen? Ja, die Welt hält uns mit sehr viel Dunkelheit in Atem. Doch es gibt doch so viel Schönes und Gutes. Jeden Tag! Das ist wirklich so. Man muss nur hinschauen. Und so wundervolle, zarte, klare Musik. Zum Beispiel von Laura Misch! Ihr neues Album Lithic erscheint kommende Woche und bringt einen warmen, erdverbundenen Sound mit sich. Die Grundstimmung ist langsam, das Licht ist behütend, der Puls ganz niedrig. Die Musikerin hat Klänge aus der Natur eingefangen und spielt damit. Es ist Jazz, es ist Ambient, es ist Ruhe gewordene Musik. Hier ein paar Streicher, dort ein paar Bläser, in der Mitte immer wieder eine sanfte, schöne Stimme. Laura Misch schenkt uns Musik, die nicht nebenbei funktioniert. Dann wäre sie weg. Sie funktioniert nur, wenn wir sie zulassen. In Ruhe und mit Aufmerksamkeit. Das ist große Kunst! Das ist wundervoll!


The Dresden Dolls
(Ms) Never change a winnig Team. Oder eine erfolgversprechende Strategie. Viele Bands gehen - schon seit einigen Jahren - auf Album-Jubiläums-Tour. Meist wird dafür das gefeierte Album nochmal aufgelegt. Was bei vielen anderen gut funktioniert, weil Nostalgie geweckt wird, wird sicher auch bei The Dresden Dolls funktionieren. Dieses vollkommen verrückte Duo veröffentlichte 2006 Yes, Virginia und am 7. August wird es in einer überarbeiteten Version nochmal erscheinen. Außerdem geht diese Band auf Tour. Die Musik dieser Gruppe ist eines: hochgradig intensiv. Getrieben. Wild. Direkt. Fast anstrengend. Genial und von viel musikalischem Sachverstand zeugend. Happy Birthday!


My Ugly Clementine
(Ms) Die Zeichen verdichten sich. Es ist ja auch schon beinahe Mitte des Jahres. 2026 kommen die Gitarren zurück. Hier und da waren sie noch nie zu hören. Und einige andere drehen sie wieder richtig auf.  Klangen My Ugly Clementine auf ihren beiden schon veröffentlichten Tracks etwas melancholisch und schwermütig, drehen sie auf Head In The Air nun wieder die Verstärker auf. Und zwar soweit, dass sie drei Österreicherinnen es ganz schön krachen lassen. Wie der Titel schon sagt, wird hier der Kopf hoch gereckt und selbstbewusst aufgetreten. Insbesondere dann, wenn man sich eine Beziehung nicht mehr gefallen lässt. Dann heißt es: Ausbrechen, losreißen, wieder selbst bestimmen. So wird dann auch der Titel der neuen Platte heißen: Apply Autonomy. Sie erscheint am 4. September und wird sicher noch mehr mitreißenden Gitarrenrock dabei haben - pure Vorfreude!


Soft Loft
(Ms) Was wäre wenn… Hach, der gute alte Konjunktiv. Ach, das schöne Schwelgen in Eventualitäten der Vergangenheit. Was wäre draus gewesen, wenn wir noch zusammen wären? Vermisst du mich manchmal auch noch? Treffen wir uns wohl mal wieder? Wir hatten doch so schöne Pläne! Aber ich wollte mich auch noch nicht festlegen. Es hätte ja noch größer, schöner, toller, freier sein können.
Wer kennt diese Gedanken nicht?! Eben. Soft Loft aus der Schweiz singen genau über diese Gedanken auf ihrer aktuellen Single F U WANT IT. Dabei spielen sie nicht nur sehr schön mit Ideen, sondern auch mit Harmonien und Energie. Im Grunde genommen ist es ein ruhiges folk-poppiges Stück, doch die Akustikgitarren und die Dringlichkeit im Gesang ist mitreißend! Am 4. September gibt es mehr davon, dann erscheint ihre neue Platte Throw The Dice.

Donnerstag, 28. Mai 2026

Káryyn - Physics Universal Love Language (PULL)

Foto: Jenna March
(Ms) Aufgepasst - diese Platte ist hochgradig spannend! Zum Einen bewegt sie sich klanglich in krassem Pop, zum Anderen wird hier stark mit Rhythmen und Sounds experimentiert. Gemeinsam macht das sehr viel Spaß, weil ständig Überraschungen lauern. Obendrein geht es um die wunderbare Intensität des Lebens. Um Mut in alle Richtungen.
Erschaffen hat diese Musik Káryyn. Was für ein sehr spannender Name: Die Künstlerin hat Wurzeln in Amerika, Armenien und Syrien. Zum Teil macht sich das auch in ihrer Musik bemerkbar. Nun, am 29. Mai, veröffentlicht sie ihr neues Album Physics Universal Love Language (PULL).

Den Beginn macht direkt eines der stärksten Lieder der Platte. Collapse Phase heißt es. Sofort zeigt sie, was für eine kräftige, aber auch wunderschöne Stimme sie hat. Langsam baut sich das Stück auf, rhythmische Spielereien bauen Spannung auf. Nach dem ersten Refrain zeigt sie, wie groß ihr Sinn für große Töne ist. Mit viel Bass und allerhand Synthie-Kniffelei baut sie wirklich große Flächen auf und lässt sie wieder einstürzen. Das kann sonst nur Björk. Natürlich hinkt der Vergleich, doch Káryyns Musik ist so einzigartig, dass er irgendwie hinhaut.
Elsewhen ist wirklich großer Pop. Ganz, ganz großer. In seiner angenehmen Schlichtheit, aber auch in seiner elektrisierenden Eingängigkeit. Auch auf Further We Fall zeigt sie, was für einen irren Stimmumfang sie hat und wie präzise sie ihn einsetzen kann. Hier ist klar: Die Künstlerin hat nicht nur sehr viel Know-How bezüglich intensiver Arrangements, sondern sie ist auch wahre Musikerin. Irre! Viel Spannung liegt auch wieder bei Ground in der Luft. Die Takte flirren und erneut sind es zahlreiche rhythmische Elemente, die den Hörgenuss sehr weit nach oben schrauben. Das macht ungeheuer viel Spaß! Auf Pull zeigt Káryyn, dass neben Pop auch Techno geht. Über sechs Minuten erstreckt sich dieses Stück und es geht immer mehr in die Beine, baut sich hervorragend auf, gönnt sich ein paar Pausen und hält ständig die Intensität hoch. Das geht auch deswegen, da es nicht immer harmonisch und in Dur sein muss. Es darf gerne mal knarzen und in Schieflage geraten. 

Das Album folgt einem klaren Plan. Es ist auf 432 Hertz gepolt. Die Frequenz, der man nachsagt, sie heile durch ihre Schwingungen. Ist PULL also Arznei? Ja, gewissermaßen schon. Diese Musik strahlt ganz viel Kraft aus, viele große Flächen, viel Herz, viel Energie. Es ist deutlich zu vernehmen, dass die Künstlerin in den Stücken ihr ganzes Selbst gelassen hat. Keeper ist so ein Song, der durch seine Dichte und Dringlichkeit stellvertretend dafür stehen kann. Irre.
So zeigt Káryyn, wie variabel und wenig festgelegt Pop sein kann. Tanzbar, mitunter aufputschend, beruhigend. Heilbar, ja. Das ist - zusammengefasst - sehr gut!