Freitag, 29. Mai 2026

KW 22, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / CC 3.0 BY
Na endlich, Sommer, da bist du ja. Hast ja ein wenig auf dich warten lassen. Kannst es (gerne nachts) mal wieder regnen lassen, aber diese warmen Tage lasse ich mir gefallen. Die ersten Festivals gingen schon über die Bühne, die nächsten kommen. Ich hab Bock, ich bin dabei. Die größte Vorfreude habe ich auf das Watt En Schlick Ende Juli in Dangast. Ein feines Festival voller Perlen. Seit ein paar Wochen erscheinen immer wieder Bestätigungen. Doch so richtig zünden tun sie - wie letztes Jahr - auch nicht. Es ist klar, dass so ein kleines Festival keine Riesennamen anziehen kann. Aber die Veranstaltenden haben oft schon ein sehr gutes Händchen bewiesen. Diese Gewissheit ist die einzige, die meine Vorfreude hoch hält. Ja, es sind ein paar gute Acts dabei wie Martin Kohlstedt, Heinz Strunk und Meute. Dabei ist wichtig: Mich zieht es noch nicht vom Hocker. Das ist nur meine Meinung. Auch im letzten Jahr gab es zahlreiche Überraschungen. Nur eine Band sah ich vorher schon mal. Daher kleines Memo an mich: Freu dich, Schreiberling, dann hast du wieder viel zu entdecken und drüber zu berichten. Stream of Consciousness Ende.

Audio88 & Yassin
(Ms) Der Hass ist zurück. Und die Ironie. Und irgendwie doch auch zwei ganz wunderbare Typen, die einfach eine hervorragend provokative Rolle spielen. Audio88 und Yassin haben mit Zeit Zu Sterben seit einigen Tagen eine neue Platte draußen und sie knallt so, wie sie knallen muss, wenn diese beiden das Mikrophon in die Hand nehmen. Die Tritte gegen die Obrigkeit, die Standfestigkeit auf dem Rap-Thron - es bleibt alles beim Alten. Halt nur in richtig frischem Gewand. Insbesondere die Beats stechen heraus, sind frisch, elektronisch aufgepeppt zum Teil und sehr progressiv. „Den Nachbarn mit der Deutschlandflagge fresse ich zum Frühstück“ heißt es in Hunger. Der Feind ist klar ausgewiesen. Und noch klarer wird er auf Komm Ran. Eine wahre Kampfansage an Friedrich Merz. Die Gerüchte um den Wechsel im Kanzleramt kommen nicht aus der Hauptstadtpresse, sondern von diesen beiden knuffigen Typen. Mitten in die Fresse. So, so gut!



Laura Misch
(Ms) Wann und wie durchatmen? Ja, die Welt hält uns mit sehr viel Dunkelheit in Atem. Doch es gibt doch so viel Schönes und Gutes. Jeden Tag! Das ist wirklich so. Man muss nur hinschauen. Und so wundervolle, zarte, klare Musik. Zum Beispiel von Laura Misch! Ihr neues Album Lithic erscheint kommende Woche und bringt einen warmen, erdverbundenen Sound mit sich. Die Grundstimmung ist langsam, das Licht ist behütend, der Puls ganz niedrig. Die Musikerin hat Klänge aus der Natur eingefangen und spielt damit. Es ist Jazz, es ist Ambient, es ist Ruhe gewordene Musik. Hier ein paar Streicher, dort ein paar Bläser, in der Mitte immer wieder eine sanfte, schöne Stimme. Laura Misch schenkt uns Musik, die nicht nebenbei funktioniert. Dann wäre sie weg. Sie funktioniert nur, wenn wir sie zulassen. In Ruhe und mit Aufmerksamkeit. Das ist große Kunst! Das ist wundervoll!


The Dresden Dolls
(Ms) Never change a winnig Team. Oder eine erfolgversprechende Strategie. Viele Bands gehen - schon seit einigen Jahren - auf Album-Jubiläums-Tour. Meist wird dafür das gefeierte Album nochmal aufgelegt. Was bei vielen anderen gut funktioniert, weil Nostalgie geweckt wird, wird sicher auch bei The Dresden Dolls funktionieren. Dieses vollkommen verrückte Duo veröffentlichte 2006 Yes, Virginia und am 7. August wird es in einer überarbeiteten Version nochmal erscheinen. Außerdem geht diese Band auf Tour. Die Musik dieser Gruppe ist eines: hochgradig intensiv. Getrieben. Wild. Direkt. Fast anstrengend. Genial und von viel musikalischem Sachverstand zeugend. Happy Birthday!


My Ugly Clementine
(Ms) Die Zeichen verdichten sich. Es ist ja auch schon beinahe Mitte des Jahres. 2026 kommen die Gitarren zurück. Hier und da waren sie noch nie zu hören. Und einige andere drehen sie wieder richtig auf.  Klangen My Ugly Clementine auf ihren beiden schon veröffentlichten Tracks etwas melancholisch und schwermütig, drehen sie auf Head In The Air nun wieder die Verstärker auf. Und zwar soweit, dass sie drei Österreicherinnen es ganz schön krachen lassen. Wie der Titel schon sagt, wird hier der Kopf hoch gereckt und selbstbewusst aufgetreten. Insbesondere dann, wenn man sich eine Beziehung nicht mehr gefallen lässt. Dann heißt es: Ausbrechen, losreißen, wieder selbst bestimmen. So wird dann auch der Titel der neuen Platte heißen: Apply Autonomy. Sie erscheint am 4. September und wird sicher noch mehr mitreißenden Gitarrenrock dabei haben - pure Vorfreude!


Soft Loft
(Ms) Was wäre wenn… Hach, der gute alte Konjunktiv. Ach, das schöne Schwelgen in Eventualitäten der Vergangenheit. Was wäre draus gewesen, wenn wir noch zusammen wären? Vermisst du mich manchmal auch noch? Treffen wir uns wohl mal wieder? Wir hatten doch so schöne Pläne! Aber ich wollte mich auch noch nicht festlegen. Es hätte ja noch größer, schöner, toller, freier sein können.
Wer kennt diese Gedanken nicht?! Eben. Soft Loft aus der Schweiz singen genau über diese Gedanken auf ihrer aktuellen Single F U WANT IT. Dabei spielen sie nicht nur sehr schön mit Ideen, sondern auch mit Harmonien und Energie. Im Grunde genommen ist es ein ruhiges folk-poppiges Stück, doch die Akustikgitarren und die Dringlichkeit im Gesang ist mitreißend! Am 4. September gibt es mehr davon, dann erscheint ihre neue Platte Throw The Dice.

Donnerstag, 28. Mai 2026

Káryyn - Physics Universal Love Language (PULL)

Foto: Jenna March
(Ms) Aufgepasst - diese Platte ist hochgradig spannend! Zum Einen bewegt sie sich klanglich in krassem Pop, zum Anderen wird hier stark mit Rhythmen und Sounds experimentiert. Gemeinsam macht das sehr viel Spaß, weil ständig Überraschungen lauern. Obendrein geht es um die wunderbare Intensität des Lebens. Um Mut in alle Richtungen.
Erschaffen hat diese Musik Káryyn. Was für ein sehr spannender Name: Die Künstlerin hat Wurzeln in Amerika, Armenien und Syrien. Zum Teil macht sich das auch in ihrer Musik bemerkbar. Nun, am 29. Mai, veröffentlicht sie ihr neues Album Physics Universal Love Language (PULL).

Den Beginn macht direkt eines der stärksten Lieder der Platte. Collapse Phase heißt es. Sofort zeigt sie, was für eine kräftige, aber auch wunderschöne Stimme sie hat. Langsam baut sich das Stück auf, rhythmische Spielereien bauen Spannung auf. Nach dem ersten Refrain zeigt sie, wie groß ihr Sinn für große Töne ist. Mit viel Bass und allerhand Synthie-Kniffelei baut sie wirklich große Flächen auf und lässt sie wieder einstürzen. Das kann sonst nur Björk. Natürlich hinkt der Vergleich, doch Káryyns Musik ist so einzigartig, dass er irgendwie hinhaut.
Elsewhen ist wirklich großer Pop. Ganz, ganz großer. In seiner angenehmen Schlichtheit, aber auch in seiner elektrisierenden Eingängigkeit. Auch auf Further We Fall zeigt sie, was für einen irren Stimmumfang sie hat und wie präzise sie ihn einsetzen kann. Hier ist klar: Die Künstlerin hat nicht nur sehr viel Know-How bezüglich intensiver Arrangements, sondern sie ist auch wahre Musikerin. Irre! Viel Spannung liegt auch wieder bei Ground in der Luft. Die Takte flirren und erneut sind es zahlreiche rhythmische Elemente, die den Hörgenuss sehr weit nach oben schrauben. Das macht ungeheuer viel Spaß! Auf Pull zeigt Káryyn, dass neben Pop auch Techno geht. Über sechs Minuten erstreckt sich dieses Stück und es geht immer mehr in die Beine, baut sich hervorragend auf, gönnt sich ein paar Pausen und hält ständig die Intensität hoch. Das geht auch deswegen, da es nicht immer harmonisch und in Dur sein muss. Es darf gerne mal knarzen und in Schieflage geraten. 

Das Album folgt einem klaren Plan. Es ist auf 432 Hertz gepolt. Die Frequenz, der man nachsagt, sie heile durch ihre Schwingungen. Ist PULL also Arznei? Ja, gewissermaßen schon. Diese Musik strahlt ganz viel Kraft aus, viele große Flächen, viel Herz, viel Energie. Es ist deutlich zu vernehmen, dass die Künstlerin in den Stücken ihr ganzes Selbst gelassen hat. Keeper ist so ein Song, der durch seine Dichte und Dringlichkeit stellvertretend dafür stehen kann. Irre.
So zeigt Káryyn, wie variabel und wenig festgelegt Pop sein kann. Tanzbar, mitunter aufputschend, beruhigend. Heilbar, ja. Das ist - zusammengefasst - sehr gut!


Mittwoch, 20. Mai 2026

Get Well Soon - Minus The Magic

Foto: Oskar Funke
(Ms) Let There Be Rock!

Wird ein fast totes Genre dieses Jahr wirklich wiederbelebt? Die Spatzen pfeifen es von den Dächern! Beyoncé und Charlie XCX lassen die Gerüchteküche brodeln. Wird der Dancefloor leer gefegt und kommen die geballten Fäuste zurück? Nein, nicht die Zuschlagenden, sondern die, die die Energie rauslassen wollen. Oder müssen. Eine Energie, die nur die verstärkten Gitarren erzeugen können!
In jedem Fall ist da reichlich Nostalgie dabei. Auch Konstantin Gropper schaut ein wenig zurück. Nun ist er in der Mitte des Lebens angekommen und legt mit Minus The Magic eine Platte vor für das gleiche Klientel: die Mitte des Lebens. Die Jugend ist definitiv abgeschlossen, die Findungsphase eventuell auch, da hat sich etwas Neues aufgetan. Das Erwachsenendasein bringt Herausforderungen mit sich, die vorher fremd waren: Wo kommt denn nun der Kick neben all dem Haushalt, Kinder von A nach B fahren, Unkraut jäten und Stromkosten im Blick halten?

Vielleicht mit dem Rock. 11 Tracks gibt es auf der neuen Get Well Soon-Platte zu hören. Zum ersten Mal hat er sie mit seiner Band live eingespielt. Auch das ein Trend, der vereinzelt zu beobachten ist - The Notwist taten es auf ihrer aktuellen Platte auch. Ganz neu sind einige Tracks aber gar nicht. Fünf Stücke gab es 2014 schon auf der The Lufthansa Heist-EP zu hören, die eingefleischte Gropper-Fans natürlich als 10“ im Regal stehen haben. Pfiffigerweise gibt es sie bei Spotify derzeit nicht mehr zu hören. Warum sie 12 Jahre später nochmal aufgelegt werden?! Der Musiker meint, er sei damals irgendwie zu jung für diesen rohen Klang gewesen. Vielleicht haben diese fünf extrem starken Songs auch einfach nur bis zum richtigen Moment gewartet, bis sie richtig knallen. Jetzt ist es soweit!

Denn knallen tut es eine Menge auf Minus The Magic! Wenn, dann halt richtig. Konstantin Gropper hat nie halbe Sachen gemacht. Es war immer schon alles wahnsinnig gut durchdacht. Und konzipiert. Denn auch die neue Scheibe ist - zumindest vom Sound her - absolut nach einem roten Faden ausgerichtet. Und sie scheppert so, wie diese Band noch nie gescheppert hat.
Ist diese Kraft genau die richtige, um in der Mitte des Lebens nochmal richtig Vollgas zu geben?! Zu 100%! Ich erlebte mich schon zu The 4-3 Days durchs Wohnzimmer springen - was für ein riesiger Spaß! 

Dieser erste Song hat es direkt komplett in sich! Und vielleicht waren Get Well Soon noch nie so passend eingängig wie auf einigen Tracks diesen Albums. Es wird Kurt Cobain - Konstantin Groppers Held der Jugend - gehuldigt, die grenzenlose Freiheit der Jugend wird abgefeiert, es strahlt an allen Ecken und Enden, die Verstärker sind aufgedreht.
Doch auch keine Get Well Soon-Platte ohne große Gesten. Sie funktionieren auch im Rock. Die erste Single OK ist ein hervorragendes Beispiel. Das Arrangement ist fulminant, die Saiten krachen und der Refrain will das Unmögliche möglich machen, Primzahlen teilen und Pantomime erzählen lassen. In der zweiten Strophe wieder eine Huldigung einer anderen Größe aus vergangenen Tagen: Robert Görl, der einst den Mussolini tanzen ließ. Das Ende des Tracks ist so herrlich Get-Well-Soonig vorhersehbar - kurz ausklingen lassen, um es noch einmal krachen zu lassen. Ein Rezept, das immer scho aufging. Genial! Beinahe schon komisch. Und das ist auch eine Seite des Multiinstrumentalisten. In all der Dramatik, die den Klang der Band immer ummantelt hat, ging stets unter, dass eine Spur Ironie und Witz stets vorhanden war. Ich erinnere mich an einen Auftritt, wo er meinte, doch lieber ein Witzbuch neben dem Mikro liegen haben zu wollen, um zwischendurch die Stimmung aufhellen zu wollen. Auch der Titel der Platte ist ja nicht ganz ernst gemeint. Nein, nein, die Magie ist in der Mitte des Lebens doch nicht vorbei. Sie ist halt nur woanders.
Zur Ironie passt auch The Golden Toilet Heist, eine wahre Geschichte, die sich in diesem Song verbirgt: 2019 wurde in England eine goldene Toilette namens „America“ aus einem Museum geklaut und wahrscheinlich eingeschmolzen. Das ganze soll nur fünf Minuten gedauert haben, eine mehr als das Stück lang ist. Ein Stück, auf dem es zum Ende hin in aller spannenden Atmosphäre ballert und scheppert. Konstantin Gropper schlüpft in die Rolle der Diebe und singt vom Nervenkitzel. Gänsehaut.
Und dann passiert etwas, das kaum vorhersehbar war: Ich dachte Us Vs Evil vom Vorgängeralbum war schon wild und heftig. Tja. Nun kommt When They Cheer You‘re Wrong und setzt neue Maßstäbe. Wut, noch schnellere Gitarren und ungeahnt bissige Seitenhiebe ins politische Establishment. Sang er 2010 noch von Angry Young Men ist er nun selbst ein zorniger, mittelalter Mann geworden, der am Ende dieses Songs mit Rhythmen und Erwartungen spielt und Boxen bersten lässt. Krass! Stark!

Auch zum Ende knallt und scheppert es wuchtig. Staying Home ist rockig-großartig und That‘s Not Me bildet das tolle Finale: mit zwinkerndem Auge und teils auf Französisch fragt Konstantin Gropper, dass es doch reiche, die Liebe fest zu krallen. Oder? Ja, klar! So endet ein überraschendes Album. Vier Jahre war es sehr, sehr still um Get Well Soon. Ich hatte schon Sorge, dass sich eine meiner liebsten Bands heimlich und leise verabschiedet. Umso lauter, krachender, frischer, griffiger sind sie 2026 da. Im zwanzigsten Jahr der Band, wenn zum Ende des Jahres eine weitere Platte kommen soll. Und Tourdaten. Und erstmal durchatmen nach diesen mitreißenden 46 Minuten und 43 Sekunden. Let There Be Rock!

01.06.2026 - Wiesbaden - Schlachthof
02.06.2026 - München - Ampere
03.06.2026 - Erlangen - E-Werk
04.06.2026 - Dresden - Beatpol
05.06.2026 - Berlin - Lido
06.06.2026 - Hamburg - Molotov
07.06.2026 - Köln - Gebäude9
20.06.2026 - Ulm - Ulmer Zelt


Sonntag, 17. Mai 2026

Live in Bremen: Voodoo Jürgens

Foto: luserlounge
(Ms) „Dann tanzt halt!“

Bevor am Samstag der Sielwall grün-weiß geflutet wird und während DJ Bobo in der ÖVB Arena spielt, passieren im Lagerhaus ganz andere, wunderbare Dinge. Voodoo Jürgens ist nämlich auf Tour und hat wieder im Viertel Halt gemacht, so wie zu den letzten beiden Alben auch schon. Gschnas heißt die aktuelle Platte und irgendwie ist die Veröffentlichung komplett an mir vorbei gegangen. Ich kannte bis zum Konzert kein einziges Lied. Und das bei einer Band, die mir doch sehr am Herzen liegt. Sachen gibt‘s…
Gschnas ist nicht nur ein tolles Wort und das neue Voodoo-Album, sonders es bezeichnet einen ausgelassenen Maskenball. Nein, maskiert war niemand im zu zwei Dritteln gefüllten Lagerhaus. Aber der Abend begann in jedem Fall gewissermaßen mysteriös.

Palinstar eröffneten einen wilden, tanzlastigen Abend. Das Schweizer Duo bestand aus Drummer und Sängerin/Gitarristin und ich bin mir nicht so sicher, ob beide selbst wussten, was in ihren Liedern genau passiert. Sicher hatte das alles einen Plan, aber einen derart scheinbar improvisierten Auftritt habe ich noch nie gesehen. Mal wuchtig, mal irre verträumt, mal zart und dann wieder kräftig. Viel verschobene Rhythmen, viele gebrochene Verse, aber wunderschönerweise insgesamt doch sehr harmonisch und melodisch. Die beiden haben irgendwie gezaubert. Das war toll!

Toll war auch, was gut 100 Minuten danach passiert ist. Alle, die Voodoo Jürgens und seine unglaubliche Band, die Ansa Panier, schon mal live gesehen haben, wissen, was für ein Spektakel lauert. Nein, es ist nicht immer alles zu verstehen. Doch das entspannte Nachlesen seiner Texte lohnt sehr! Denn Voodoo Jürgens ist nicht nur ein guter Showman, ein toller Tänzer und Sänger mit unverwechselbarer Stimme, sondern auch ein begabter Lyriker und Poet. Ist so! So spielen seine Geschichten oft in den abseitigen Straßen und Lebenswegen, in Kneipen, am Telefon, im Casino, auf dem Friedhof, in der Nacht.
Akkurat und ohne anbiedernd genau zu sein, spielt seine Band. Diese fünf Musiker verdienen ein großes Lob. Sie tragen den österreichischen Wahnsinnspolka mit Inbrunst und viel, viel musikalischer Raffinesse! Wow! Zu erleben gab es ein sehr gutes Potpourri von neuen Hits und alten Gassenhauern. Ob Vaschwindn,  Federkleid, Es Geht Ma Ned Ei, Angst Haums, 2l Eistee, Tulln oder Heite Grob Ma Tote Aus ist… es ist fast egal. Da schwirrt die Luft auf der Bühne. Und davor auch. Ein Auftritt von Voodoo Jürgens ist große Show, sehr viel Herz, viel geile Verrücktheit, großes Entertainment, feinster Humor, Liebe zur Musik und eine Einladung zum Eskapismus. Wer da nicht hingeht, ist selbst Schuld.


Freitag, 15. Mai 2026

KW 20, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com/freepik
Na, Sommer, versteckst du dich noch? Oder bin ich es einfach schon gewohnt, dass du dich schon Mitte Mai zeigst, die ersten Strahlen ausschickst und uns einen warmen, wohligen Vorgeschmack gibst? Was hemmt dich? Hast du auch die Weltlage satt? Bist du auch etwas vorsichtiger optimistisch? Oder sparst du dir nur deine Energie, bis du so richtig loslegen kannst? Aber Schnee in den höheren Lagen Mitte Mai? Ach, irgendwie auch schön, oder? Regen an Himmelfahrt? Auch irgendwie schön. Ich fand es gut, wie viele Leute gestern dem Wetter getrotzt haben. Poncho an, Bier auf und los. Oder einfach mal zu Hause den Tag auf der Couch verbringen und ab und zu nach draußen gucken. Zwischendurch regenfeste Kleidung an und ab durch die herbstlich anmutende Natur. Aber hey, Sommer: So langsam kannst du den grünen Knopf drücken, okay? Ich glaube, wir sind bereit!

Angus & Julia Stone
(Ms) Vor 16 (!) Jahren erschien Big Jet Plane von Angus & Julia Stone. Und ich kann mich noch daran erinnern, wie ich von einem Festival nach Hause fuhr, angenehm gerädert, voll mit Eindrücken und guten Momenten und dann lief dieses Lied im Radio (!). Es war der perfekte Song, um nach Hause zu fahren. Wie schön, dass die Geschwister immer noch zusammen Musik machen und auch solo so erfolgreich sind. Entspannt, wie ihre Lieder seit eh und je klangen, geht es weiter. Karaoke Bar heißt die neuste Single und kommt mit genau so einem Video daher. Wunderbar ruhige Popmusik mit einer dezenten Dramatik, viel Schönheit und euphorischen Melodien, die aber irgendwie immer auf dem Teppich bleiben. Der Track ist so herrlich eingängig, dass er einfach gut tut. Der die wuselige Welt für 3 Minuten und 24 Sekunden einmal abschaltet und uns einen Moment im Hier und Jetzt schenkt. Danke.
Das zur Single gleichnamige Album erscheint am 4. September!

25.06. Dresden, Junge Garde
26.06. Hamburg, Stadtpark
27.07. Stuttgart, Bürger Freilichtbühne Killesberg


Angora Club
(Ms) Wenn in der Stimme schon so viel Dringlichkeit steckt und die Gitarren wunderbar melodisch nach vorne preschen, dann ist Faszination und Gutfinden gar nicht weit weg. Herz Voran heißt das dritte Album von Angora Club und erscheint kommende Woche (22. Mai). 15 Stücke, die teils ein wenig turbostaatig nebulös getextet und arrangiert sind, machen gehörig Bock! Da steckt so viel Liebe und Sinn für Details drin - Wahnsinn! Allein der kurz zu hörende Chor am Ende von Pepsicolon ist so wirkmächtig, dass die Gänsehaut knallhart zuschlägt. Ja, die Grundstimmung auf diesem Album ist schon eher melancholisch und andächtig. Doch es leuchtet auch viel Zuversicht und Trotzdem durch die Takte und Verse, dass diese Musik auf jeden Fall als aufbauend zu bezeichnen ist. Die Vorstellung zu diesen Liedern vor einer Bühne zu schwitzen und alles zu geben, erhöht die Vorfreude auf ein immenses Album!

29.05.26 - Flensburg, Volksbad
28.11.26 - Husum, Speicher


Die Behörde
(Ms) Punkrock muss schnell sein. Punkrock muss wütend sein. Punkrock muss direkt sein. Ach, so ein Quatsch! Wenn Punkrock irgendetwas muss, dann ist es gar nichts. Dennoch stimmt es immer wieder. Und deshalb macht es so wahnsinnig viel Spaß. Katharsis an allen Ecken und Enden, wenn Die Behörde zum Termin lädt. Das Quintett aus Bremen serviert am 12. Juni ihr erstes Album mit dem sehr guten Titel Der Letzte Arbeitgeber. Darauf enthalten sind acht Lektionen mit einer Spielzeit von 18 Minuten und 26 Sekunden. Mehr muss es oft gar nicht sein. Acht kluge Songs zwischen Wahn an den Grenzen, Wahn zwischen den Geschlechtern, Wahn bei einer angeblichen Zufriedenheit. Wenn man vorher noch nicht zornig auf den Status Quo ist, wird man es spätestens mit dieser Platte. Und das ist sehr gut so!

13.06. Bremen, Release Party, Altes Sportamt (mit Marderschaden und weiteren)
08.08. Geestland, Frida Rockt (Festival)


Fir Cone Children
(Ms) Warum machen Menschen eigentlich Musik? Wozu der ganze Budenzauber? Weshalb all die Mühe, die Skizzen, verworfenen Melodien, der ausbleibende Erfolg, die geringen Streaming-Abschläge? Klar, auf der einen Seite ist es die große Freude, der irre Spaß, die Katharsis, der Genuss an der Kunst, ein Katalysator all der Gedanken, von Trauer und Freude. Oder ganzer, spezieller Themen: Alexander Donat hat mehrere Musikprojekte und eines widmet er dem Großwerden seiner Töchter. Daher auch der Name Fir Cone Children. Vergangene Woche ist das neue, zwölfte Album erschienen und trägt den wunderbaren Titel Vs The Real World. Logisch, dass es um pubertierende Kinder geht. Und hört mal rein: Wenn da keine Leidenschaft drin steckt, weiß ich auch nicht weiter. Ein Sound, der irgendwo zwischen Blur, Schrammelpunk und LoFi anzusiedeln ist, ist perfekt geeignet, diese Energien zwischen Autonomiewünschen, Hormonkarussell und Kein Bock einzufangen. 12 Songs, 32 Minuten heißt: Es geht schnell zur Sache. Wenn mein Papa solche Musik für mich machen würde, würde ich sicher erstmal zweifelnd schauen und ihm danach freudestrahlend um den Hals fallen.

Mittwoch, 13. Mai 2026

Live in Bremen: Fluppe

Foto: luserlounge
 (ms) Über einen Abend mit all seinen Sequenzen. Über einen Abend mit all seinen Schönheiten.

Schönheit Eins
Eskapismus. Es war so dringend notwendig. Die Arbeit erdrückt mich, macht mich schwer. Tatsächlich habe ich kurz gezweifelt, ob Lärm am Abend genau das richtige in dem Moment ist. Es stellte sich heraus: Es gibt unterschiedliche Arten von Lärm und Geräuschkulissen. Wenn man ihnen ausgesetzt ist, ist etwas anderes, als sich freiwillig dort hineinzubegeben. So stand ich im Eisen an der Theke, trank ein Bier und sah zu, wie der Laden sich füllte - bis auf den letzten Platz - und es immer lauter wurde. Und ich schaute dem Treiben zu, fand es irgendwie gut.

Schönheit Zwei
Devin Heat. Er eröffnete den Konzert- und Geburtstagsabend im Eisen. Nando feierte rein, Fluppe spielten später, Devin Heat gab die Einstimmung. Und das war wirklich verrückt. Denn es war offenbar genau die Musik, die ich brauchte. Seine Lieder waren sanft und empathisch. Sie waren gefühlvoll und intensiv. Sie waren nah am Herzen und voller Inbrunst. Und sie wurden von einem Typen gesungen, der vor Freude strahlte, der dankbar war, dort spielen zu können. Der freudestrahlend erzählt hat, wie geil und erlösend ist, von seinen Gefühlen zu sprechen. Recht hat er. Devin Heat. Merkt euch diesen Namen.

Schönheit Drei
Der Laden ist rappelvoll. Geschätzt 70 Leute quetschten sich in die wunderbare Eckkneipe. Musik und Menschen finden den Ort, der sie vereint. Fluppes Musik kannte ich gar nicht so intensiv, die aktuelle Platte habe ich mir ein paar Mal angehört, die Energie hat mich überzeugt. In der Stunde danach war es obendrein die enorme Sympathie. Leider war der Gesang nicht so klar zu verstehen, das war etwas schade. Aber die Power von der Bühne schwappte in jedem Fall auf das aufmerksame Publikum über. Die Luft flirrte, die Augen suchten die MusikerInnen auf der Bühne. Wo kam plötzlich die weibliche Stimme her? Ah, kaum gesehen zwischen all den Menschen. Was für eine unfassbar geniale Kombination. Da haben sich genau die richtigen Elemente ergänzt, kulminiert und sind zusammen explodiert. Insbesondere die Zugabe, wo die Mikrophone getauscht wurden, hat noch mal zusätzliche Kraftmoleküle freigesetzt. Richtig gut!

Schönheit Vier
Leider konnte ich nicht bis zum Ende bleiben. Es war schade. Aber auch insofern ein wenig egal, da der Abend genau das war, was ich brauchte. Raus kommen, angenehmer Lärm, gute Energie, freundliche Menschen, mit denen es leicht ist, ins Gespräch zu kommen.
Nando, alles Gute zum Geburtstag - weiter, immer weiter!


Montag, 11. Mai 2026

Réanime: FJØRT im Club Schilli

(sb) Ja, ich liebe unseren kleinen aber feinen Kuschelblog, auch wenn ich aufgrund anderweitiger Verpflichtungen und Aktivitäten kaum noch etwas aktiv beitragen kann. Dennoch schaue ich natürlich fast täglich ins Postfach und just als ich das kürzlich tat, ploppte eine Email rein: Fjørt spielen nach Abschluss ihrer regulären Tour nochmal drei Konzerte – und das in kleinem Rahmen. Dresden, Erfurt, Ulm. Gar nicht lange drüber nachdenken, rein in den Ticketshop, zack, bestellt. Club Schilli, 150 Leute, nicht mal 1 ½ Stunden Fahrtzeit vom Bodensee entfernt. Passt.

Dresden war nach 15 Minuten ausverkauft, Erfurt kurz danach und auch in Ulm gab es ordentlich Nachfrage, sodass zügig alle Tickets vergriffen waren. Die Tage vergingen, so wirklich mental auf das Konzert vorbereiten konnte ich mich nicht. Job, Familie, Hausarbeit, Sonstiges – Ihr kennt das ja sicher auch. Drei Tage vor dem Konzert dann ein Posing von Fjørt auf Instagram: eine Setlist. Darauf zu finden waren ausschließlich Tracks der EP Demontage sowie des ersten Albums D’accord.

Die Band aus Aachen hatte zwar bereits im Vorfeld angedeutet, die Appendix der Tour zum Erfolgsalbum belle époque solle eine Hommage an die Club-Kultur und an die alten Zeiten sein, dieses Konzept kam dann – zumindest für mich – doch überraschend. Aber geil! Mir sagen die neueren, melodischeren Sachen zwar mehr zu, aber wann kriegt man Tracks wie Glasgesicht, Fenris, Valhalla oder Passepartout schon mal live auf die Ohren? Dazu noch der wunderbare Club Schilli in Ulm und die dortige sehr intime Atmosphäre – Träumchen!


Entsprechend groß war dann auch die Vorfreude und das nicht nur bei mir. Schon eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn herrschte eine wundervolle, fast schon beseelte Stimmung im und rund ums Schilli. Die Band mischte sich unters Fanvolk und als die befreundeten Local Heroes von I Saw Daylight den Abend musikalisch eröffneten, schauten Fjørt begeistert zu – der eine unten in der Menge, die anderen oben auf der Empore. Es hatte was von Klassentreffen mit leckeren Getränken und hätte nicht angenehmer sein können.

Um Punkt 21 Uhr standen dann Fjørt auf der Bühne und rissen den Laden ab. Eineinhalb Stunden Vollgas und erst im Zugabenteil drei Tracks, die nicht von den oben genannten Releases stammten. Das Nummer 2-Album belle époque blieb aber konsequenterweise komplett außen vor und auch am Merch-Stand gab es neben einem exklusiven Shirt zu den drei Réanime-Gigs nur Demontage und D’accord zu erwerben. Vintage komplett durchgespielt und jeder, wirklich jeder hat es geliebt und war dankbar, Teil dieses legendären Konzerts gewesen sein zu dürfen. Selten sind Band, Vorband, Club, Umfeld und Publikum so eine perfekte Symbiose eingegangen wie an diesem Abend in Ulm.

Vielen Dank, dass ich ein Teil sein durfte.