Sonntag, 20. September 2020

Sarah Davachi - Cantus Descant

 

(ms) Vor einigen Jahren erzählte mir eine gute Seele von einer Freundin, die eine Ausbildung bei einem Orgelbauer angefangen hat. Das erschütterte das eigene Weltbild natürlich bis ins letzte Mark, als man selbst noch universitäre Seminare und Tutorien besuchte, die - nun endlich im Job angekommen - mehr als nutzlos erscheinen. Stattdessen hätte man um die Welt tingeln können. Nein, nicht in der Freizeit. Sondern als OrgelbauerIn in einem hiesigen Betrieb berufsbedingt. Es klingt zwar dämlich und immer auch ein wenig postkolonial, doch: Made in Germany ist im Bereich des Pfeifeninstruments das allerhöchste Gütesiegel.
Und was ist das bitte auch für ein wahnsinnig imposantes, beinahe einschüchterndes Instrument, das vielerorts so wuchtig in den Kirchen thront?! Ja, die Orgel hat ein wahnsinnig verstaubtes Image. Das liegt - meines Erachtens - aber auch nur daran, dass es halt in den Gotteshäusern steht. Platzbedingt. Wir sprechen hier nicht von einer Hammondorgel oder dem Sound, den man mit ein paar Knöpfen oder Reglern auf jedem x-beliebigen Keyboard generieren kann. Sondern dieses riesige, wunderschöne Ding!
Glücklicherweise gibt es ein paar wenige Akteure, die die Orgel aus dieser Ecke herausholen und in die großen Sphären der weiten, weiten Popmusik hineinholen. Welch große Gabe! Zum Einen ist da der extravagante Cameron Carpenter, der sein irres Können glitzersteinversiert zeigt. Dafür großen Respekt! Dazu gesellt sich - die von mir sehr verehrte - Anna von Hausswolff, die auf mehreren Platten gezeigt hat, welch bedrückende Seite die Orgel in Verbindung mit aufgedrehten Gitarren und schreiendem Gesang zeigen kann.

Nun gesellt sich noch jemand in diese Reihe und sie geht es wesentlich ruhiger an. Also: Wesentlich ruhiger. Kein Anflug von den Neuinterpretationen der Klassik à la Carpenter oder der wuchtigen Apokalypse der jungen Schwedin. 



Nein, Sarah Davachi zeigt auf ihrer Platte Cantus Descant (VÖ: 18. September, Mea Culpa) eine durchaus meditative Seite dieses großen Riesen. Das ist im doppelten Sinne hörbar. Zum Einen singt sie selbst nur auf zweien der insgesamt 17 Tracks! Zum Anderen ist der Sound stets sehr getragen, aber nie bedrückend oder melancholisch. Man wird nicht traurig, wenn man den gut 80 Minuten (!) des Albums lauscht. Viel mehr entwickelt die Platte im Laufe des Hörgenusses einen sehr beruhigenden, leicht einkehrenden Charakter (wer als erstes von Advent oder Herbstdepressionen spricht, hat verloren). Dieses Werk kann man am besten alleine hören. Man sollte die Fenster schließen oder sehr gute Kopfhörer dabei haben. Dann kann man sich von der Welt lösen und in die schönen, breiten, sehr wohlig klingenden Momente von Cantus Descant eintauchen. Am liebsten möchte man auch dort bleiben, denn langsam, leise und sanft hüllen einen diese Lieder ein. Ganz bedacht und unaufgeregt. Was wiederum nicht heißt, dass es hier langweilig wird. Klar, man muss sich drauf einlassen können, sonst wird die Schönheit dieser Musik niemals deutlich. Und schön ist sie immer. Dafür muss kein einzelnes Lied herausgepickt werden, das es detailliert zu analysieren gibt. Cantus Descant funktioniert - in meinen Augen/Ohren - nur als Gesamtwerk so richtig gut. Als Hörer ist es beinahe egal, ob der einzelne Track nun zwei oder fast zehn Minuten lang ist. Die meisten gehen eh mehr oder weniger ineinander über.

 

Sarah Davachi sagt selbst über die Platte, dass es die Unbeständigkeit des Daseins behandelt, indem sich kleine Etüden neben harmonische, längere Lieder gesellen. Entgegengesetzte Themen der Musikalität bestimmen aus Sicht der Organistin dieses Album. Ob das für jeden selbst zu hören ist, bleibt dem einzelnen überlassen. In meinen Ohren hat das Werk eher einen Gesamtcharakter und wenig innere, wenn auch nur kleine, konfliktartige Parts. Oder ich hatte beim Hören immer zu oft das Fenster auf, das kann natürlich auch sein.

Cantus Descant ist schon ein sehr getragenes, ruhiges Werk. Auf keinen Fall etwas für zwischendurch. Man braucht schon eine Stunde und zwanzig Minuten Zeit, um es in Gänze genießen zu können. Doch nicht nur Genuss wird hier groß geschrieben. Es ist auch funktionale Musik. Mich persönlich beruhigt diese Platte auf bestechende Art und Weise. Nur durchs Hören und wirken lassen. Das ist wirklich große Kunst. Der Puls senkt sich, aber Müdigkeit tritt bei weitem nicht auf! Selbstredend zeigt Sarah Davachi ihr Können nicht so wie Carpenter, der immer etwas ausrastet mit Händen und Füßen und an den Registern. Davachis Kunst liegt darin, ihren Sinn für lang anhaltende Harmonien und Töne mutig auf ein Album zu bringen. Das ist auch Kunst. Das ist herrliches Können. Dafür kann/muss man dankbar sein.

Vielleicht beginne ich dann doch noch eine Ausbildung...

Freitag, 18. September 2020

KW 38, 2020: Die luserlounge selektiert

Quelle: griffinproperties.net
(sb/ms) Ein Hoch auf die Shuffle-Funktion! Kopfhörerlos wird momentan nur daheim genossen. Sei es drum. Es gibt so Momente und Orte, da bin ich selbst immer super gespannt, was für Musik sich denn auf meinem Handy befindet (ja, ich bin Streaming-Verweigerer und habe einfache mp3-Dateien auf dem Telefon). Insbesondere beim Kochen werde ich häufig von mir selbst überrascht. Während ich zu den Zwiebeln und den Knobi kaum zu halten bin, weil Love A ballern, hüpfe ich zu den Tomaten wie nicht gescheit zwischen Schneidebrett und Kühlschrank hin und her, weil Deichkind auf ihrer letzten Platte doch recht eindrucksvoll bewiesen haben, dass sie es immer noch können. Während das Öl in der Pfanne langsam tanzt, sind es dann wieder Friska Viljor, die mich für einen kurzen Moment melancholisch werden lassen (die letzte Platte lässt grüßen!). Langsam ging es dann wieder stimmungsvoller zu, als der ganze Gemüsekram angebraten wurde, denn Sam Vance-Law besticht halt mit einer unverschämten Lockerheit und viel Coolness! Während die Stärkebeilage zu Ende gequollen ist, skippe ich kurz Kreator (was haben die denn da verloren?) und lausche noch eben Enno Bunger. Das muss man halt auch nicht begründen, warum das gut ist. Ach, du Welt der Töne, Du machst mich froh!

Dieser Wochenüberblick hat auch einen shuffleähnlichen Charakter. Luserlounge. Freitag. Gerne.

The Screenshots
(ms) Reden wir darüber, wie Bands ihre Gründung erzählen. Sympathisch und irgendwie schön: Die Jungs von Friska Viljor wurden gleichzeitig von ihren Freundinnen verlassen, betranken sich massiv, gründeten die Band. Wirr und dadurch irgendwie auch sympathisch: Völlig entgegen gesetzte Aussagen von ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead. Bisschen gaga: The Screenshots. Sie sollen sich über Twitter kennengelernt haben, Wikipedia nennt sie 'Internet-Künstler'. Wenn es ein erfundener Mythos sein soll, erkenne ich nicht mal die ironische Ebene. Die brauchen sie auch gar nicht. Denn das Trio überzeugt auch rein musikalisch und erinnert ein wenig an The Subways. Musikalisch und optisch. Schlau für die Saga war natürlich auch der anonyme Auftritt bei Böhmermann als wirklich erster Gig. Jetzt zeigen sie aber ihre Gesichter und kündigen die nächste Veröffentlichung an: 2 Millionen Umsatz Mit Einer Einfachen Idee - so heißt die Platte, die am 16. Oktober erscheinen wird. Man darf gespannt sein, ob es eine selbsterfüllende Prophezeiung sein wird. Träume ist die erste Auskopplung und dafür haben sich die drei (Schein-?)Krefelder LGoony mit ins Boot geholt. Ein Track zwischen Ironie und Ernst, mit ordentlich Tempo und Gitarre, so soll es sein. Vorhang auf:  


Kitty Solaris
(ms) Dinge, die fehlen: Tanzen! Natürlich wird das in den eigenen vier Wänden intensiv betrieben und gerne auch schräg und verrenkt, sollen die Nachbarn doch denken, was sie wollen...
Doch es wird dem Club-Gefühl, das ich derzeit so schrecklich vermisse, niemals nahe kommen. Die Hitze, die Lautstärke, die Dichte, der schöne Rausch, die Energie, die im Laufe des Abends entsteht. Blicke, die ausgetauscht werden, gehören natürlich auch dazu. Dazu passt der neue Track von Kitty Solaris ideal: Cold Blood. In besagtem Szenario pulsiert das Blut natürlich. Dann setzt passend zum langsamen, aber doch stimmungsvollen Bass, der diese Elektro-Nummer trägt, Kittys Gesang ein legt sich ideal darüber. Schnell harmoniert dieses Lied gewaltig in sich selbst und verströmt eine lässige und gleichsam schwungvolle Stimmung. Super Soundtrack zum Wochenende!
Der Song wandelt schon eine Woche auf dieser Erde, heute (!) erschien die gesamte Platte dazu. Sunglasses waren nicht nur diese Woche wettertechnisch vonnöten, jetzt sogar auditiv!

Leto
(sb) Kurz vor meinem Urlaub erreichte mich ein kleines Päckchen von Rookie Records; darin enthalten u.a. die neuen Alben von Frau Doktor, Schalko und Leto. Natürlich machten sich alle Scheiben mit auf den Weg nach Italien und so wurde dort nicht nur Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys gehört, sondern gelegentlich auch deutscher Punk. So wirklich in Erinnerung geblieben davon sind jedoch nur Leto, bei denen ich vom ersten Track an das Gefühl hatte: "Moment, das kennst Du doch! An was erinnert Dich das?" Erst ein paar Tage später kam ich drauf und war erstaunt, dass mich die stimmliche Ähnlichkeit (zumindest in einigen Passagen) zwischen den Hamburgern und den Husumer Kollegen Turbostaat so lange beschäftigt hatte. Wie dem auch sei: Wider (09.10.) vereint auf seinen zehn Tracks Punk, Emo, Hardcore und Indie, die Lyrics wirken wohldurchdacht und abwechslungsreich: Es geht beispielsweise um eigene Erwartungen, Selbstoptimierung, Anspannung, aber auch um Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung. Wer willst Du sein? Wer kannst Du sein? Welchen Druck hältst Du aus? Fragen von Leto, die jeder nur für sich beantworten kann. Das Album jedenfalls hinterlässt Eindruck, live gibts das Ganze hier zu bestaunen (weitere und Ersatztermine sind in Vorbereitung):

08.10. Hamburg, Molotow SkyBar (Releaseshow)
21.11. Lübeck, Blauer Engel
25.11. Köln, Gebäude 9 (Support für Love A)
26.11. Hannover, Faust (Support für Love A)
27.11. Wilhelmshaven, Kling Klang
28.11. Eberswalde, Exil
12.12. Bonn, Bla
23.01. Braunschweig, B58
19.02. Jena, Café Wagner
20.02. Glauchau, Café Taktlos


Suzanne Vega
(sb) Bei den Stichworten "New York" und "11. September" zuckt man unweigerlich zusammen, in diesem Fall aber gibt es keinen Grund dazu, denn es handelt sich lediglich um das Leitmotiv bzw. Veröffentlichungsdatum des neuen Albums von Suzanne Vega. Als die inzwischen 61-Jährige Anfang 2019 in New York City's berühmtem Café Carlyle (zB Woody Allen und seine Jazzband spielten wöchentlich dort) auftrat, war Corona noch in weiter Ferne und entsprechend intim war auch der Rahmen, in dem An Evening of New York Songs and Stories aufgenommen wurde. Stimme, Gitarre, Bass, Keyboard, fertig - und mehr braucht es auch gar nicht, damit die Künstlerin ihre Geschichten und die dazu gehörigen Songs zum Besten geben kann. Mir persönlich sagt zwar die Aufnahmequalität in manchen Passagen nicht sonderlich zu, musikalisch bietet Suzanne Vega jedoch einen herausragenden Querschnitt durch ihr breites Repertoir. Neben den bekannten Tom's Diner (im Original einst übrigens die allererste mp3-Datei überhaupt!) und Luka überzeugen vor allem Ludlow Street und Marlene On The Wall, wobei das Album sein ganzes Können tatsächlich erst als Gesamtwerk entfaltet und eine Hommage an New York mit all seinen positiven und negativen Eigenschaften darstellt. Stark!
 

Giant Rooks
(sb) Was gab es nicht für einen riesigen Hype um die Giant Rooks - von "deutscher Indie-Sensation" bis "die werden es auch locker international schaffen" war alles dabei! Zurecht? Naja, in Sachen Erfolg ist zumindest zu vermelden, dass ihr Debüt-Album Rookery (VÖ war am 28.08.) es in Deutschland auf Anhieb auf Platz 3 der Charts geschafft hat, was angesichts des medialen Trubels und des Major Labels im Rücken nicht arg verwunderlich ist. Und ja, klar, die Giant Rooks verbreiten eine ungemeine Lässigkeit, der man sich nicht entziehen kann und die - zumindest vermute ich das mit meinen 42 Jahren - auf jüngere Menschen einen großen Reiz ausübt und die Leichtigkeit widerspiegelt, die man sich für sein Leben wünscht. Kenne ich ja aus meiner eigenen Jugend oder auch aus der Zeit, als beispielsweise The Kooks ihre ersten Schritte machten und einschlugen wie eine Bombe.
Und genau da kommen wir auch schon zur Kritik: So einzigartig und besonders, wie die Giant Rooks von der PR-Maschinerie gerne gemacht werden, sind sie nämlich bei weitem nicht. Sie treffen den Nerv der Zeit und haben sich ihr Image hart erarbeitet, der schwerste Part steht ihnen aber noch bevor, denn die geschürten Hoffnungen wollen nun auch erfüllt werden. Man darf gespannt sein, inwiefern die Band aus Hamm nachlegen kann, denn Tracks wie Wild Stare oder Watershed schüttelt man nicht mal so eben aus dem Ärmel.


Shame
(ms) Oh, yeah! Man muss noch nicht mal die Stimme hören, man weiß schon vorher, dass diese Band aus dem Vereinigten Königreich kommt. Es sind die schrammeligen Gitarren, das etwas Rotzige, was diesen Song so ausmacht. Der bewusst amateurhaft gehaltene Klang der Snare, die dann auch nicht perfekt klingende Mikrophonaufnahme des Gesangs, die dann mit eindeutiger Landesfärbung daher kommt. Yeah! Das sind Shame und sie veröffentlichten vor Kurzem ihren neuen Song Alphabet. Er treibt über knapp drei Minuten und bringt einen Geist der Musik zurück, den ich so zuletzt vor über zehn Jahren gehört habe. Super gut. Der Track wird auf dem kommenden Album erhalten sein, Termin und Name sind noch unbekannt. Doch es lohnt sich in jedem Fall ins aktuelle Werk aus 2018 Songs Of Praise reinzuhören!

Annie Dressner
(ms) Die Formulierung "Was er/sie anfasst, wird zu Gold" klingt ja wirklich super kitschig und schlimm, aber auch daran ist wie so oft auch ein wahrer Kern. Heutiges Beispiel: Matthew Caws. Der Sänger, Texter und Gitarrist von Nada Surf sucht meines Erachtens seinesgleichen wenn es um ehrlich gefühlvolle Musik ohne Geschmäckle geht. So hat er mit Annie Dressner den Song Midnight Bus produziert und spendet ihm auch seine Stimme. Diese Art von Duett hat er mit Juliana Hatfield als Minor Alps schon auf Albumlänge umgesetzt und es funktioniert hervorragend. Es mag schlicht an gutem Handwerk oder auch seiner feinen Stimme liegen. Dieses leise, schöne Lied ist Teil ihres jüngst erschienenen Albums Coffee At The Corner Bar (VÖ 4. September). Nur Stimmen, Text, Gitarren und ein wenig Orgelsound im Hintergrund. Oft braucht es einfach nicht mehr, um ein wenig Gänsehaut zu erzeugen.


Martin Klein
(sb) Aufgewachsen in Tirol, dann nach Wien übergesiedelt und schließlich in Utrecht gelandet, wo er bei dem blinden holländischen Pianisten Bert van den Brink Klavier studierte - das waren die frühen Lebensstationen des Martin Klein, der am vergangenen Freitag mit Nachtlieder sein drittes deutschsprachiges Album veröffentlichte. Wahrlich ein begnadeter Musiker, dem es vom ersten Moment an gelingt, den Hörer einzufangen und mit auf eine Reise durchs echte Leben zu nehmen. Piano und Stimme des Österreichers ergänzen sich perfekt und erzählen zusammen Geschichten, die greifbar sind, die mitunter automatisch vor dem inneren Auge ablaufen und tief blicken lassen. Für ruhige Stunden kann ich mir kaum einen besseren Begleiter vorstellen, denn wie sagte schon Matze Rossi einst so schön: Musik ist der wärmste Mantel.
Als Zuckerl finden sich auf dem Album auch noch die Bandversionen einiger Songs, die erahnen lassen, wie vielschichtig und wandelbar die Musik Kleins ist.
Zudem freue ich mich sehr, endlich auch mal wieder einen Live-Termin ans Ende eines Reviews packen zu können. Voilà:

12.11. Wien, Chelsea


Lambchop
(ms) Ach, es gibt diese Bands. Da muss man nicht lange um den heißen Brei rum schreiben, das kommt direkt aus dem Herzen. Seit vielen Jahren bin ich begeisterter Fan von Lambchop. Alternative Country, Easy Listening, Whatever. Es ist schlicht und ergreifend wunderschön, was Kurt Wagner seit vielen Jahren unter diesem Namen laufen lässt. Diese ruhige Eleganz in den Liedern, voller Aufrichtigkeit und ganz sanftem Humor ab und an. Richtig gute Menschen, wenn man sie mal live gesehen hat. Das tut einfach dem ganzen Körper gut.
Doch so habe ich mich diese Woche ziemlich erwischt! Zum Einen wurde ich überrascht durch die Ankündigung des neuen Albums Trip, das am 13. November erscheinen wird. Selbstverständlich: die Vorfreude ist sehr groß. Zum Anderen jedoch habe ich dann erschrocken festgestellt, dass ich das aktuelle Album This (Is What I Wanted To Tell You) nicht mal im Plattenregal stehen habe. Schande auf mein Haupt. Vielleicht war ich zu wenig angetan von den Ausflügen ins Elektronische mit der Auto Tune-Stimme. Doch das scheint eine Epoche gewesen zu sein. Denn nun gibt es den ersten Vorgeschmack zu genießen: Reservations. Ein Cover von niemand geringerem als Wilco. Gecovert haben Lambchop schon immer gerne mal und das auf ihre herrlich eigene Weise. Hier haben sie sich ausnahmsweise recht getreu am Original orientiert, Tempo und Klavierthema übernommen. Erstaunlicher wird es, wenn man sich die Vorlage nochmal zu Gemüte führt. Denn die klingt schon verdächtig stark nach einem Lambchop Song. Vielleicht haben sich die Nashviller einfach nur zurück geholt, was ihnen gehört - vom Geiste her, vom Sinn, von der musikalischen Idee. Nur ein Element ist wirklich neu: Aus siebeneinhalb wunderschönen Minuten sind dreizehn wunderschöne Minuten geworden! Und auch auf dem neuen Album werden zahlreiche, weitere Cover zu finden sein. Wir halten euch auf dem Laufenden!

Dienstag, 15. September 2020

Live: OEHL auf dem Poolbar Festival

(ks/sb) Ja, zugegebenermaßen liegen zwischen dem Konzert von OEHL auf dem Poolbar Festival und dem heutigen Bericht mehr als zwei Wochen, aber in der Zwischenzeit war ich im Urlaub in Italien, habe La Dolce Vita und täglich an die 30 Grad genossen und das WLAN auf dem Campingplatz war quasi nicht existent. So, das musste raus, aber jetzt kanns losgehen...
 
Als OEHL am 28.09. um 5 Uhr morgens aufstanden und eine Dreiviertel Stunde später Wien verließen, ging gerade die Sonne auf, von Regen keine Spur. Bei ihrer Ankunft in Feldkirch hingegen schüttete es aus Kübeln und Vorarlberg zeigte sich wahrlich nicht von seiner Prachtseite. Ein weiterer Stolperstein für die Organisatoren des wunderbaren Poolbar Festivals, die dieses Jahr coronabedingt ohnehin schon arg gebeutelt waren. Nun also auch noch Wetterchaos bei diesem Open Air-Event - ganz toll!

Nichtsdestotrotz war das Konzert bereits lange im Voraus ausverkauft, die Sitz- und Stehgelegenheiten (Paletten) waren bereitgestellt und die Organisation klappte (wie immer!) vorbildlich. Die Abstandsregelungen wurden ideal umgesetzt und auch die Platzzuteilung funktionierte reibungslos. Einziger Kritikpunkt: Lediglich ein Food Truck ist dann vielleicht doch etwas zu wenig, auch wenn das kulinarische Angebot (Alpendöner in drei Varianten) klasse war.

Auch die Band zeigte sich unbeeindruckt, versprühte massenhaft Witz und Charme und sorgte so dafür, dass der Regen sehr schnell in Vergessenheit geriet. OEHL stehen ja mittlerweile zu fünft auf der Bühne und wussten auch musikalisch zu überzeugen - vor allem Trabant wurde vom Publikum dankbar angenommen und sorgte für den Höhepunkt des Konzerts. Schade war lediglich, dass der Auftritt bereits um 20.43 Uhr nach einer guten Stunde (und somit viel zu früh!) wieder vorbei war. Da half es auch nichts, dass das Zugaben-Cover Book Of Love in mehreren Sprachen (z.B. Deutsch, Englisch, Serbisch) dargeboten wurde und für einen würdigen Abschluss sorgte. Sehr gerne wären wir trotz der widrigen Umstände noch länger geblieben, freuen uns aber umso mehr auf den nächsten Auftritt des österreichisch-isländischen Duos - und aufs Poolbar 2021 sowieso!





Sonntag, 13. September 2020

Live in Wilhelmshaven: Fortuna Ehrenfeld

Schlechtes Foto, super Abend. Quelle: luserlounge
 (ms) Wir stecken da alle gemeinsam drin und wir müssen da alle gemeinsam durch. Glücklicherweise gibt es viele gute Menschen, die genau dafür ihr Herzblut pumpen lassen, um anderen eine gute Zeit zu verschaffen.
Im ganz hohen Norden sind das die Betreiber des Pumpwerkes in Wilhelmshaven, das direkt hinter dem Hafen liegt. Eine Stadt, die nach seemännischer Romantik klingt. Doch die ist eher nur direkt am Strandzugang zu finden und ein bisschen am Hof vor dem Pumpwerk. Denn dort wurden neben Bierzeltgarnituren auch Strandkörbe aufgebaut, um das kulturelle Programm zu genießen. Neben Kabarett gab es dort in den vergangenen Wochen auch Musik. So auch am Freitagabend, als sich Fortuna Ehrenfeld aus Köln auf den Weg gemacht haben. Das Trio hat sich vergangenes Jahr neu zusammen gesetzt, da Drummer Paul nochmal zur Uni wollte und Jannis nun die Klöppel bedient. Und auch das hat einfach wahnsinnig gut harmoniert. Ich spekuliere: Bei der Neubesetzung dieser Band geht es null um musikalisches Können (kein Vorwurf!), sondern darum, dass es menschlich passt. Klar, das ist immer essentiell. Doch bei Fortuna Ehrenfeld vielleicht noch ein wenig essentieller, um den ganzen Quatsch auf der Bühne und dahinter mit zu machen.
Die Band wird Ende Oktober die Kölner Philharmonie füllen, in Wilhelmshaven kamen gut 50 bis 60 Leute zusammen. Seit dem Auftritt 2016 zum Knust-Geburtstag in Hamburg habe ich Martin Bechler und Co. jetzt zum zehnten Mal gesehen. Und ob tausend Leute oder halt nur 50: Sie geben immer alles. Voller Bock, voller Demut, voller ergebener Leidenschaft.
Im Schlafanzug und Federboa wie immer betrat er mit Jenny und Jannis die Bühne. Letztere hatten nicht nur die gleiche Frisur, sondern auch noch die gleichen Klamotten an. Hoffen wir, dass es Zufall war. Gut zwei Stunden haben sie die Sitzenden perfekt unterhalten. Als Besucher durfte man Service am Platz genießen - in unserem Fall im Strandkorb, eine neue Art der Konzert-Dekadenz ist damit definitiv erreicht.
Ob die alten Kracher wie Rakete, Analoges Mädchen oder Alles Explodiert und die neuen Hits wie Tequila, Bad Hair Day oder Helm Ab Zum Gebet. Fortuna Ehrenfeld besucht man selbstredend wegen der Musik. Aber es sind nicht die einzelnen Tracks, sondern das Gesamtgefüge. Martins Ansagen zwischen großer Demut und irrem Quatsch. Manamana als kleine Überbrückung, wilde Trommeleinlagen, Marimbaphon-Solo oder den gesprochenen Espresso-Variationen von Jenny. Es macht einfach unglaublich glücklich, diese drei Menschen auf der Bühne zu sehen. Sie für das zu bewundern, was sie lieben. Und auch dankbar zu sein, dass sie in den Norden gefahren sind, wo sonst eher wenig Konzerte dieser Art zu finden sind.
Ah, eine Sache muss ich doch revidieren. Ein paar Songs sind doch wichtig. 1. Hundeherz. Das muss sein und sie haben es zwei Mal gespielt. Stark! Und ohne Puff Von Barcelona wäre ich auch nicht gegangen. Und so ging man glücklich heim. Dankbar, dass es Leute gibt, die so etwas momentan auf die Beine stellen und dass es Bands gibt, die so viel Bock haben und sich für keinen Weg zu fein sind. Das Konzertherz hat aufgetankt!

Freitag, 11. September 2020

KW 37, 2020: Die luserlounge selektiert!

(sb/ms) Wie geht es nun weiter mit der guten, alten Veranstaltungsbranche? Unter der Woche haben sie auf der Wiese vor dem Reichstag demonstriert, doch ob da wirklich zügig was passiert... ich bezweifle es. Vielleicht fehlt es ihr an schmieriger Lobbyarbeit. Wer weiß?!
Zum Einen hängen da natürlich Existenzen dran. Und das sind nicht nur die Clubbetreiber. Es sind auch die Bühnenarbeiter, Gerüstbauer. Die Studierenden, die dort aushelfen und sich ihr Studium finanzieren. Es sind auch Gastronomen, die oft daran angeschlossen sind. Es ist enorm viel Herzblut und Aufopferung, denn viele dieser Menschen sind selbstständig; da bleibt vom hart erarbeiteten Lohn oft eh nicht so viel übrig. Zum Anderen gibt es einen noch viel krasseren Nebeneffekt. Und der liegt bei den Besuchern. Beziehungsweise jetzt nicht-Besuchern. Denn die Zeit, die sie auf einem Konzert, einer Lesung, im Theater, bei jeglicher Form von Kunst auf der Bühne, verbringen, ist wertvoller Treibstoff für den Motor des Menschen. Der Alltag ist oft anstrengend, die Arbeit zwar super, aber auch irre kräftezehrend. Da ist für mich persönlich der Besuch eines Konzerts eine wahre Wonne. Selbst wenn dann unter der Woche die Nacht mal kurz ist, weiß ich immer, dass es sich gelohnt hat, denn das Grinsen im Gesicht und die schiere Glücklichkeit im Herzen... das ist nicht zu subventionieren. Das kann man nur erleben. Bis dahin müssen wir noch ausharren. Stark sein.

Hier ist die luserlounge. Es ist Freitag. Wir haben selektiert. Musik. So sieht es aus. Voilà:

Dexter
(ms) Er ist der Typ, auf den Fatoni immer ein wenig neidisch ist. Er ist der Typ, mit dem Fatoni auf jeden Fall sofort tauschen würde. Er trägt die Haare nice und die Socken fly. Er ist nicht nur Gold, er ist sogar Platin - hat für Cro und Casper produziert. Für Toni ja sowieso. Ist ja klar, um wen es geht: Dexter! Die Vorfreude auf sein zweites Solo-Album Yung Bommer (VÖ: 13. November) ist natürlich aus sich heraus groß, weil er halt ein irrer Beatbastler ist. Doch das ganze wird noch erstaunlicher: Dexter, der Produzent ist 'nebenbei' noch Kinderarzt in der Notaufnahme. Beziehungsweise: war. Denn er hat jetzt seinen Beruf an den Nagel gehängt, um mit Mitte dreißig doch noch voll im Musikbusiness zu interagieren. Verrückt, aber geil. Das Gute daran: Den ganzen Wannabe-Cloud-Typies kann er gut etwas entgegen setzen. Während sie über Schuhe oder Shisha schwadronieren, berichtet er halt von seinem Beruf oder den Aufgaben als Papa. So auf Gold! Die erste Vorankündigung kommt nicht nur mit einem satten Bass daher, sondern auch mit ganz feiner Ironie. So wollen wir das. So klingt das:

Gregor McEwan
(ms) Das Wort billig hat ja halt immer einen negativen Touch. Das muss nicht sein. Billig kann auch nahe liegend oder einfach bedeuten. Ein billiges Thema für einen Song ist beispielsweise eine Jahreszeit. Kann halt gut oder schlecht ausgefüllt werden. Im Sommer wird es immer ganz schnell billig. Und jetzt wird es gut billig, nahe liegend, schön, wohlig. Denn der Herbst hat mehr als Einzug erhalten. Und hier in Norddeutschland ist es morgens, mittags, nachmittags, immer zu spüren. Und wie herrlich ist das denn bitte? Pulliwetter, Teewetter. Auch Kuschelwetter, das ist ja klar. Deckenwetter. Auch ein bisschen Wehmutswetter. Ja, im Herbst wird man auch mal schnell melancholisch, sehnsüchtig. Und dieser wundervollen Jahreszeit voller schönen Gefühlen, denen man sich ohne Kitsch hingeben kann, hat Gregor McEwan eine wundervolle Hymne geschrieben mit dem einleuchtenden Titel Autumn Falls, die man ab heute überall hören kann. Nach Halloween Costume ist es die nächste Auskopplung der gleichnamigen EP (VÖ: 16. Oktober, also noch herbstlicher). Mit Herz und handwerklichem Geschick nimmt er sich dieser Aufgabe an und brilliert. Im Track wird es nie überbordend, kitschig. Und das trotz Folk-Instrumentierung aka Akustikgitarre, Streicher und inbrünstigem Gesang. Nein, hier stimmt alles. Hier kann man sich dem Herbstschmerz gut hingeben und wird sanft aufgefangen von diesen Tönen. Das i-Tüpfelchen dazu ist das atmosphärische Video zu dem man einfach ein bisschen träumen kann. Also: machen Sie es sich bequem und genießen Sie!

Madsen
(ms) Manchmal ist man ja schon froh, wenn man einfach irre viel zu tun hat und einigermaßen hinbekommt, sich abends etwas zu essen zu machen und ab und an den Abwasch. Denn was so los ist, ist ja mehr als verrückt. Belarus dreht frei. Russische Oppositionelle werden erneut vergiftet. Assange wird womöglich eingekerkert und keine Regierung tut etwas. Idioten demonstrieren dafür, krank werden zu dürfen. "Na Gut Dann Nicht, Dann Ohne Mich."
Dass man diesen ganzen Quatsch nicht mitmachen muss, ist ja klar. Doch die wichtigste Aussage, die zu diesem neuen Madsen-Zitat gehört, ist, dass man eine Stimme hat und sie nutzen muss. Andere Narrative. Gegenargumente. Ich habe eine Wahl. Das ist wirklich wichtig. Man kann sich entscheiden. Oft muss man sich sogar entscheiden.
So klingen Madsen 2020. Politischer. Energischer. Ja, auch wütender. Nach Aktionismus. Den umgibt das Wendländer Quartett ja ohnehin. Doch er zieht nun noch stärker in ihre Texte ein. Und davon kann man sich glücklicherweise am 9. Oktober überzeugen, wenn ihr neues Album - gleichnamig der Single - erscheinen wird. Was vor fünfzehn Jahren wild und laut begonnen hat und zwischenzeitlich ein wenig poppiger wurde, kommt nun back to the roots. Das knallt. Das macht richtig Spaß. Da freue ich mich schon unbändig auf den kommenden Moshpit, wenn das denn irgendwann wieder möglich sein wird. Madsen 2020. Ganz ehrlich: Hätte ich nicht gedacht. Supergut!

   

Kafvka
(sb) Manchmal reicht es, die Lyrics für sich selbst sprechen zu lassen. So auch bei Skip 2020 von Kafvka. Und das geht so:

Keine Tour. Keine Shows. Kein Ekstase. Kein Applaus. Keine Fans. Luxusproblematik. Kein Hotel. Keine Party. Kein Festival Feel. Nur ein Assoziationskettenrap zuviel. Covid-19. Grenzen dicht. Trottel gegen Maskenpflicht. Adolf Hildmann. Vollidiot. Kitas zu. Affe tot. Klatschen statt gut bezahlen. Massentierhaltungswahn. Tönnies, halt die Fresse bitte - verreck an Schweinerippchen. 
 
Mittelfinger hoch für dieses Jahr, dieses Jahr. Wir skippen als wär alles nich schon immer mies am Arsch... Skip 2020 
 
Hanau. Trauer. Nazimorde. Rechter Terror. Punkt. Stammbaumcheck für alle ohne NS-Hintergrund. Bullen rechts. Bundis rechts. Alle rechts wenn keiner guckt. Neonazi inspiriertes Wording: Heimatschutz. George Floyd. BLM. Einer von unzähligen Morden, die Teil der rassistischen Systeme sind. Tut nich so als wenn etwas davon Zufall wäre. Hengameh, True say: All cops are berufsunfähig! 
 
Mittelfinger hoch für dieses Jahr, dieses Jahr. Wir skippen das und hoffen es wird nie mehr wie es war! Skip 2020 
 
Zweite Welle. Wunderbar. Deutsche wollen shoppen ohne Maske und in Urlaub fahren. Apropos Fauxpas: Kein Kohle da für Moria. Abschiebe-Lufthansa kriegt n paar Millionen, klar. Leiharbeit, Billiglohn Wirecard, Amthor Jeder von euch Thugs ist ein ehrenloser Hundesohn. Und die personifizierte Antwort auf die Frage: warum heißt der Lobbyismus hier nich einfach Korruption? 
 
Mittelfinger hoch für dieses Jahr, dieses Jahr.
 

Florian Franke
(sb) Rosa Elefanten (VÖ: 18.09.) klingt ja erstmal nicht so cool. Dann doch lieber Grüne Papageien, wie Maxim sie aktuell besingt, oder? Aber halt, nicht so schnell, denn Florian Franke ist trotz mäßiger Bekanntheit durchaus ein musikalisches Schwergewicht und hat sich auf seinem neuen Album beschwingt zwischen Jazz und Bosse eingegroovt. Klar, da sind ein paar Tracks dabei, die mir tatsächlich so gar nix geben, im Großen und Ganzen haben mich die Arrangements und die jederzeit hörbare Liebe zur Musik doch neugierig gemacht und am Ende auch überzeugt. Der Mann liebt und lebt Musik und das ist nicht nur aller Ehren wert, sondern gehört unterstützt, auch wenn sein Sound nicht unbedingt ins eigentliche Raster der luserlounge fällt. Die Popakademie Mannheim lässt grüßen!


Nils Wülker
(ms) Seit einigen Monaten sind meine Kopfhörer kaputt und ich bräuchte dringend mal wieder neue. Denn in meinen Augen gibt es zwei wesentliche Vorteile. 1. Unterwegs qualitativ befriedigend Musik hören zu können. 2. Sich von der Welt abschotten. Dass das auch ohne geht, beweist ein weiteres Mal Nils Wülker. Heute (!) erscheint sein neues Album, das auf den schlichten Titel GO hört. Was wiederum nach ON mehr als nachvollziehbar ist. Doch schlicht war Wülker noch nie im Klang. Nicht umsonst ist er einer der angesehensten Jazz-Trompeter hierzulande. Was mir dabei umso mehr gefällt, ist, dass es nie in den fürs Ohr schnell mal belastenden Free oder Modern Jazz geht. Bei Wülker hat alles eher eine poppige Note. Das ist auch auf dem neuen Werk zu hören. Wo ON noch beinahe konservativ war in der Instrumentierung, experimentiert er nun mehr mit elektronischen Klängen. Aber natürlich nicht bei seinem eigenen Instrument. Das bedient er weiterhin äußerst leichtfüßig. Die ein oder anderen Synthie-Klänge schieben sich in den Hintergrund und geben der Platte einen durchaus frischen Hauch. Nils Wülker macht wunderbaren Easy Listening. Eine Musikrichtung für die ich mich sehr gerne einsetze, weil es sicher alles andere als beliebig und plump ist, solch beschwingt wirkende Musik zu kreieren. Also: GO!

Donnerstag, 10. September 2020

Everything Everything - Re-Animator

Foto: Everything Everything
(ms) Viele Genre-Bezeichnungen sind in meinen Augen bloß leere Hüllen. Eine schwierige Art und Weise Musik in Schubladen zu packen. Ein Vorhaben, das grundsätzlich zum Scheitern verurteilt ist, weil ein, zwei Schlagworte dem nicht gerecht werden. Bei vielen Zuschreibungen frage ich mich auch immer wieder, was es zu bedeuten hat. Letztens habe ich witch pop gelesen... Uff!

Doch keine Regel ohne Ausnahme.
Ein Genre ist so grob und groß beschrieben, dass es irgendwie passen muss, obwohl es halt auch einschränkt, ausschließt. Zudem beschleicht mich der Eindruck, dass es der Musik, den Ideen, den Arrangements, der Instrumentierung auch gerecht wird. Wir sprechen hier von art pop. Ja, kunstvolle Popmusik. Oder art rock, das ist im Grunde dann auch egal. Der Zusatz der Kunst ist hier an einer ganz bestimmten Stelle angesiedelt. Natürlich ist jegliche Musik eine Form von Kunst. Aber das setzen wir mal voraus.
Es gibt so ein paar Konstellationen, die derart kunstvolle, kreative Musik machen, dass dieses doppelt Gemoppelte in jedem Fall gerechtfertigt ist. Weil es erwähnt werden muss, kann, darf. Es ist nicht überspitzt, sondern das richtige Prädikat!
Beispiel 1: CocoRosie. Die beiden Schwestern haben es einfach raus, sehr ausgetüftelte Musik mit immer wieder harten Texten in einem sehr anspruchsvollen Gewand erklingen zu lassen. Beispiel 2: Get Well Soon. Was Konstantin Gropper anfasst, glänzt ganz schnell. Seine orchestralen Arrangements, die nie überladen sind. Seine durchaus romanhaften, philosophischen Texte. Das ist sehr rund. Sehr niveauvoll, sehr gut.

Beispiel 3 und dann kommen wir endlich zum Thema, dessen Ausschweifung nicht umsonst war: Everything Everything. Das Quartett aus UK veröffentlicht an diesem Freitag ihr neues Album Re-Animator. Die vier Jungs füllen in jedem Fall auch das Genre art pop aus. Es sind die Arrangements, der herausstechende Gesang, die Furchtlosigkeit vor elektronischen Elementen im Gitarrenbereich. Die Ausflüge in temporeich Verspieltes, der Mut zu Brüchen innerhalb eines Liedes, die aber nie störend sind.


Diesen Freitag (11. September) erscheint dieses neue Werk der Briten. Es ist ihr fünftes Studioalbum und es lehnt sich insgesamt ein wenig zurück. Damit sind wir direkt bei dem Punkt, der mich ein klein wenig stört, wenn man die gesamte Platte anhört. Denn: Der Vorgänger A Fever Dream aus 2017 ist immer noch eine wilder Wucht! Ein absolut bemerkenswertes Album, voller Sturm und Drang, voller Raffinesse, die dem art pop/rock absolut gerecht wird! Diese fuchsteufelswilden Momente wie auf dem damaligen Opener oder einem Track wie Ivory Tower fehlen auf Re-Animator.
Und schon befinden wir uns in der nächsten Zwickmühle des Musikgeschäfts: den Erwartungen. Man muss halt auch ganz ehrlich sein: zwei Mal die gleiche Platte will ich auch nicht hören.

Die Platte beginnt mit Lost Powers. Von wegen! In diesem Stück exerzieren sie ihre Königsdisziplin: das langsame, atmosphärische Crescendo. Dies entwickelt sich über den gesamten Track, wird immer lauter, voller ohne je überbordend zu sein. Doch es bricht nie in dieser hinreißenden Art aus wie beim Vorgänger (der Widerspruch bleibt). Auch auf Big Climb bleibt es verhältnismäßig ruhig. Vielleicht - und damit begeben wir uns in den Bereich der Spekulation - haben sie auch zu viel gewollt. Die vier Jungs haben immerhin Musikwissenschaften studiert, sind also mehr als vom Fach. Sondern sie kommen auch aus der Theorie. Auf Big Climb stecken halt viele kleine Elemente: im Takt versetzter Beat, vom Tempo anziehener Gesang, allerhand Synthie-Geräusche im Hintergrund. Das ist sehr harmonisch, auf jeden Fall. Doch der Mitreißfaktor fehlt ein wenig.


An dieser Stelle muss ich nochmals intervenieren. Re-Animator ist ein gutes Album. Absolut solide Arbeit. Wird live (hoffentlich ganz bald wieder normal) mit Sicherheit toll aufgehen. Nur das 'aber' ist nicht von der Hand zu weisen. Es macht sich breit bei It Was A Monstering oder Moonlight, Lieder, die dann doch eher vor sich hindümpeln. Bei Planets hört man die Raffinesse, doch so richtig überzeugen tun sie nicht.
Doch dann zum Ende hin, geht es nochmal rund. Dann bockt das Album doch noch so richtig. Dann Arch Enemy: Das ist ein Song! Groove, Drive, Whatever! Er ist im richtigen Maße verspielt, eine klug ausgewählte Single, ein Song zu dem man hervorragend tanzen kann (mehrere Kochvorgänge wurden dem Praxistest unterzogen) er bricht halt auch in einen wilden Strudel aus! Das ist ein Track, der dann doch die künstlerischen und mitreißenden Erwartungen erfüllt! Lord Of The Trapdoor geht in die gleiche Richtung. Das sind Lieder die das Umherdümpeln super auffangen! Auch In Birdsong. Der Track ist zwar auch ruhig, aber diese klassische Entwicklung eines ganzen Liedes über seine Spieldauer haben wir auch hier. Das ist einfach gut gemacht!
Und als letztes überzeugt noch Violent Sun. Ein treibend aufgebautes Stück, das ein dynamisches Schlagzeug und elektronische Elemente sehr atmosphärisch miteinander verbinden!

Also: Es gibt auf Re-Animator von Everything Everything einige Durststrecken, doch die Lieder, die herausstechen, sind schlicht brillant! So kann man das stehen lassen.

Montag, 7. September 2020

Mammal Hands - Captured Spirits

Foto: Alex Kozobolis 
(ms) Vorab das Allerwichtigste:  Das hier kann Jazz sein. Oder so etwas, das man irgendwann mal World Music genannt hat. Doch das spielt wirklich keine Rolle. Denn es fällt ganz leicht, das neue Album Captured Spirits des britischen Trios Mammal Hands sehr gut zu finden. Weil es hypnotisch ist. Weil es Drive hat. Weil es Groove mit sich bringt. Weil es beim Hören ganz schnell passiert, dass man alles um sich herum vergisst und sich von diesen Melodien mitreißen oder beruhigen lässt. Beide Pole der musikalischen Atmosphäre sind absolut denkbar, wenn Saxophon, Klavier und Percussion miteinander harmonieren. Wenn man etwas religiöser zugange ist, könnte man durchaus von Transzendenz sprechen. Und: Dieses Erlebnis findet ausschließlich ohne Text statt. Denn hier singt das Saxophon. Obwohl 'singen' für einige Stücke dann doch das falsche Wort ist, so virtuos geht es hier ab. Die Jungs aus Manchester arbeiten hier an einer ganz wichtigen Mission: Das Saxophon aus seltsamen Ecken wieder heraus zu holen. Zum Einen ist es immer zu sehr das klassische Jazz-Instrument, wenn man sich den klassischen Jazz als Trio mit Klavier und Kontrabass anschaut. Dann dümpelt es im Vordergrund umher und dient einer laxen Unterhaltung. Zum Anderen muss es auch in der Pop-Musik wieder in einem schöneren Licht erscheinen, das spätestens seit Careless Whisper von George Michael durchaus gelitten hat (auch wenn es ein toller Song ist!).

Dieses Album vermittelt eher eine Gesamtstimmung als dass man einzelne Lieder in den Vordergrund stellen muss. Das ist der schöne Vorteil an instrumentaler Musik. Man muss sich nicht mit den Texten befassen, die Stücke können sofort Bilder im Kopf erzeugen und somit herrlich uneindeutig sein und jedem Hörer einen eigenen Zugang ermöglichen. Obwohl es sicherlich ein tolles, spannendes Projekt wäre, im Nachhinein den Liedern einen Text, ein Gedicht, eine Kurzgeschichte zu widmen.

Doch wenn die Brüder Nick (Saxophon) und Jordan (Klavier) und ihr Freund Jesse (Percussion) ihre Instrumente bedienen, muss man doch ein paar Stücke - sagen wir: drei - nehmen, um dem Album einen kleinen Rahmen zu geben. Denn der hypnotische Charakter der Platte entsteht durch die Unterschiedlichkeit von Tempo, Wildnis, Harmonie und erzeugter Atmosphäre. Direkt das zweite Stück (Chaser) ist ein Wirbelwind. Ab dem ersten Takt legt das Klavier mit einem Stakkato los, das Schlagzeug erledigt seine treibende Aufgabe und dann setzt das Saxophon ein und ergänzt die Tastentöne ideal in Geschwindigkeit und aufregendem Trubel. Der wird zwischendurch aufgelöst, ergibt sich einem ruhigen Part, ehe das Lied wieder das bekannte Muster aufnimmt und ein angenehmes Stresslevel erzeugt. Das hier hat durchaus Ohrwurmcharakter, wenn auch ohne Text. Insbesondere, wenn zum Ende hin das Thema leicht erhöht wiederholt wird, ist der Spannung keine Grenze mehr gesetzt außer die Spielzeit von drei Minuten und dreiundvierzig Sekunden.
Ein wahnsinnig beruhigendes Stück hingegen ist Rhizome, auf dem das Klavier in erster Linie die Melodie übernimmt, die Richtung vorgibt, das Saxophon schmiegt sich ganz sanft an seine Seite. Und auch, wenn die Percussion isoliert nicht ganz zu dem Stück passen, so ist ihre innewohnende, leichte Hektik perfekt mit den anderen beiden in Harmonie gesetzt, sodass das Stück aufregend bleibt. Sicherlich hat hier der Haus- und Hofproduzent George Atkins auch seine Finger mit im Spiel gehabt. Über die sechseinhalb Minuten wird das Stück immer wuseliger, wie ein Wasserstrudel mit seltsamer Strömung, verliert jedoch nie seine DNA aus den Augen.
Das Ende von Captured Spirits, das diesen Freitag (11. September) auf dem sehr guten Label Gondwana Records erscheint, bildet Little One. Allein dieser Titel lässt einen großen Interpretationsspielraum offen. Es gesellt sich zu den ruhigeren Liedern dieses Werks und rundet es perfekt ab. Hierauf wird der mitreißend-hypnotische Charakter nochmals deutlich, wenn Melodien nur sanft abgeändert sich über einen längeren Zeitraum wiederholen. Jesse am Saxophon zeigt hier technisch gesehen vielleicht seine stärkste Seite. Laut kann jeder, wild ist irgendwann auch nicht mehr so schwer (korrekt schnell spielen ist eine andere Sache und anspruchsvoll). Doch hier spielt er so zart und irgendwie doch bestimmt. Diese leisen, warmen, weichen Töne. Sie dem Holzblasinstrument zu entlocken, das ist wahre Kunst. Manchmal sind sie gar nicht bemerkbar und ordnen sich dem Klavier unter. Sie gehen wirklich Hand in Hand. Wundervoll, ganz große Klasse!

Ja das ist es. Große Klasse. Ein tolles, rundes, aufregendes, beruhigendes, mitreißendes Album! Wenn euer Plattenhändler des Vertrauens das nicht im Angebot haben sollte, muss mit diesen Menschen mal ein ernstes Gespräch über Musik stattfinden. Raus aus den Genres, rein in herrlich hohe Qualität, die sich nie aufdrängt, sondern umhüllt.