Freitag, 10. Juli 2026

KW 28, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / shohanur.rahman13
Pah, Sommerloch! Was einst als Nonsensmeldungen für die Nachrichtenflaute in den schönen Wochen und Monaten galt, wirkt schon seit einigen Jahren gar nicht mehr. Ich hätte mal wieder Bock auf einen Bären, der durch die Wälder zieht. Oder minutiöse Meldungen über die Umsiedlung eines bedrohten Lurchvolkes bei einem Brückenneubau. Stattdessen aufgekündigte Angriffsstopps, Revolver als Geschenke, bedenklicher Einfluss auf ein ohnehin schon gruseliges Sportgroßereignis, Reformen, die die wirtschaftlich Schwächsten treffen, Reformen, die nicht durchdacht sind, abgesagte kleine Festivals, weil die Kosten nicht mehr im Rahmen zu halten sind. Was tun - diese Frage stellt sich leider immer wieder. Wohin mit der Ohnmacht und den ganzen Fragen? Die Antwort: in die Kunst, in die Musik, in großartige Pausen mit neuen Impulsen und starken Beats. Los geht`s:

Die Anstalt
(Ms) Einige Trends schlagen ja so richtig gut ein. Einige Sounds, die vorerst wie aufgewärmt klingen, haben plötzlich enorm viel Power. Sie sind tiefer arrangiert, haben eine neue Dringlichkeit und zeigen auch: das, was damals funktioniert hat, kann jetzt immer noch ziemlich satt aufgehen. Rollender Bass aus den 70ern und 80ern und programmatischer Gesang. Druck nach vorn. Das macht das Trio Die Anstalt aus Berlin, die frisch beim sehr guten Label City Slang unterschrieben haben. Das extrem Raffinierte an ihrem Sound ist der Retrosound zusammen mit einer Gitarre, die eine gewisse Lockerheit und sehr pfiffige Abwechslung mit sich bringt. Ihr neuer Song Kalter Schweiß ist seit einigen Tagen draußen und erinnert erstmal natürlich stark an Malaria! aber je länger er läuft, desto mehr Ebenen kommen hinzu. Hier ist also gar nichts aufgewärmt. Hier wird weitergedacht, ausgebaut, aufgedreht. Genial! Am 25. September erscheint ihre erste nach sich selbst benannte Platte und sie gehen demnächst schon auf Tour!

17.07.26 Sehnde, Snntg Festival
18.07.26 Halle, Design Campus, Burg Giebichenstein Kunsthochschule
24.07.26 Magdeburg, Datsche Open Air
14.08.26 Chimaera Festival, Klingemühle
22.08.26 ES-Lleida, Fade In Festival
17.10.26 Hamburg, M.S. Stubnitz
19.11.26 Berlin, SO36


Waving The Guns
(Ms) Warum all der Quatsch? Warum immer neue Musik machen? Wozu der ganze Zirkus? Weil es sein muss! So einfach kann es sein. Weil die Zustände so derart unaushaltbar sind, dass es einzig und allein gilt, dagegen an zu rappen. So Waving The Guns schon seit vielen, vielen Jahre. Und unermüdlich geht es weiter. Mit Wingsuite veröffentlicht Milli Dance mit einem Beat von BRYK einen neuen Track, in dem er genau das sagt: So viele Krisen, so viele antisoziale Entscheidungen in der Politik, so viele Erdbeben. Es wird - wie immer - fleißig um sich getreten. Zum Einen gegen die Ignoranten, zum Anderen gegen die da oben. Für kommendes Jahr ist eine ausgedehnte Tour angekündigt, in der die Hallen wieder beben. Alle hin da!

06.03.2027 Rostock - M.A.U. Club
10.03.2027 Dresden - Tante Ju
11.03.2027 Wien - Arena
12.03.2027 Graz - p.p.c.
13.03.2027 Steyr - Röda
14.03.2027 Innsbruck - PMK
16.03.2027 Ulm - ROXY
17.03.2027 Nürnberg - Z-Bau
18.03.2027 München - Technikum
19.03.2027 Bern - Dachstock Reitschule
20.03.2027 Stuttgart - JuHa Hallschlag
21.03.2027 Fulda - Kulturkeller
25.03.2027 Hamburg - Markthalle
01.04.2027 Bremen - Modernes
02.04.2027 Köln - Live Music Hall
03.04.2027 Hannover - Kulturzentrum Faust
08.04.2027 Jena - Kassablanca
09.04.2027 Dortmund - FZW
10.04.2027 Wiesbaden - Schlachthof
24.04.2027 Berlin - Huxleys neue Welt


King Gizzard & The Lizard Wizard
(Ms) Ist das vielleicht die krankeste Band, die derzeit existiert? Möglich! Die Australier von King Gizzard & The Lizard Wizard veröffentlichen dieses Jahr einfach ihr achtundzwanzigstes (in Zahlen: 28!) Album! Alien Metal wird noch diesen Sommer erscheinen und erneut einen völlig anderen Klang mit sich bringen! Dieses Mal tauchen sie tief ein in die elektronischen Welten. Hypnotisierend kommt ihre neue Single Level 5 daher. Beinahe klingt es wie The Prodigy. Die Gitarren sind vorerst ein wenig geparkt und zahlreiche Effekte, Keyboard, elektronische Spielzeuge nehmen ihren Platz ein. Der Plan geht - wie die zahlreichen Ausflüge in unterschiedlichste Genre vorher - mal wieder völlig auf. Es macht wahnsinnig viel Spaß, einer quasi neuen Band zuzuhören und ihrem Sog zu erlegen. Was für Genies!


Juse Ju
(Ms) Er ist wieder da. Und er schlägt wieder zu. Klar, nur verbal. Dann aber so richtig. Der Jusmeister zerstört die bedeutungslose Musik. Vor einigen Tagen veröffentlichte Juse Ju mit Egalmusik einen neuen Track, der es aber massiv in sich hat. Endlich wieder ein Disstrack. Gegen alle halt. Gegen alle, die nichts zu sagen haben oder irgendwie nach höherem streben. Der Beat so mächtig wie lange nicht. Dazu ein cineastisches Musikvideo. Da wird in diesem Jahr noch mehr kommen, denn im Herbst geht er wieder auf Tour und da wird sicher auch ein neues Album mit am Start sein. 

01.10.2026 - Frankfurt, Brotfabrik
02.10.2026 - Stuttgart, Im Wizemann
03.10.2026 - Kassel, Färberei
15.10.2026 - Dresden, Chemiefabrik
16.10.2026 - Magdeburg, Factory
17.10.2026 - Würzburg, Jugendkulturhaus Cairo
29.10.2026 - Köln, Club Volta
30.10.2026 - Dortmund, JunkYard
31.10.2026 - Osnabrück, Westwerk
11.11.2026 - Rostock, Peter-Weiss-Haus
12.11.2026 - Bremen, Tower
13.11.2026 - Hamburg, Uebel & Gefährlich
04.02.2027 - Nürnberg, Z-Bau
05.02.2027 - München, Ampere
06.02.2027 - Leipzig, Werk 2
19.02.2027 - Berlin, Metropole
08.04.2027 - Wien, B72
09.04.2027 - Innsbruck, Die Bäckerei
10.04.2027 - Zürich, Werk 21


Ebow
(Ms) Sie ist wahrscheinlich die krasseste Künstlerin, die in diesem Jahr neue Musik rausbringt: Ebow! Diese Woche ist ihre dritte neue Single erschienen und sie hat ein drittes, großes, wichtiges Thema und einen dritten, völlig unerwarteten Beat. Was ist los mit ihr? Wie krass kann man denn sein? Auf Butch Im Tank (L.M.S.) sagt sie ziemlich klar, dass sie wirklich die Beste ist. Der neue Track ist eine basslastige Hymne auf lesbische Selbstbehauptung und eine ganz klare Standortbestimmung. Zudem knallt das Stück am Anfang sehr satt und endet beinahe soulig-poppig. Wie variabel, wie gut arrangiert, wie stark getextet. Ebow vereint so viel in ihrer Musik: ihre Familiengeschichte, die Schicksalsschläge in ihrem Umfeld, ihre Sexualität, gesellschaftspolitische Missstände undundund. Ich gehe fest davon aus, dass dieses Jahr noch ein Album kommt, das astronomisch einschlagen wird.

31.07.26 Bremen – TurnUp
08.10.26 Köln – Bürgerhaus Stollwerck
09.10.26 Bremen – Schlachthof
10.10.26 Hamburg – Fabrik
15.10.26 Leipzig – Werk 2
22.10.26 München – Ampere
23.10.26 Wien – WUK
24.10. Frankfurt – Zoom
28.10. Berlin – Columbiahalle

Freitag, 3. Juli 2026

KW 27, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Rakib Hassan Rahim
Oh je! Wie rücksichtslos kann man als Bundesregierung eigentlich handeln? „Die Zahl der Krankentage in Deutschland ist zu hoch“ - so heißt es vom Kanzler. Ja, Fritz - wieso denn nur?! Darum geht es nicht. Keine Analyse des Problems, kein Blick auf die Belange der Menschen hier. Kein Wort, dass wir in einem völlig entfesselten Kapitalismus leben, extrem viele prekäre Arbeitsplätze, die mit die Druck nur bestehen. Personalmangel an allen Ecken und Enden im sozialen und Pflegebereich. Da wird weiter gekürzt. Heißt im Umkehrschluss noch mehr Stress, noch mehr Überstunden, noch mehr Druck, noch mehr Überforderung, noch mehr Krankentage. Tja. Da hat jemand den Teufelskreis mächtig angefeuert. Da arbeitet jemand ganz, ganz fleißig an den weiter steigenden eigenen Unbeliebtheitswerten. Dass die SPD da weiter so krass mitzieht, ist ein reines Armutszeugnis, von der Union ist ja eh nichts zu erwarten. Echt kein Wunder mehr, dass eine faschistische Partei die beliebteste im Lande ist. Das, liebe Bundesregierung, ist euer Verdienst.

Scheitern.dreitausend
(Ms) Ach, es kann manchmal so herrlich einfach sein, oder? Warum das große Gewese um bedeutungsgeladene, möglichst intensive Texte? Es kann doch auch mit wenigen Worten alles gesagt sein. Denn zwischen den wenigen Worten spielt sich eine ganze Welt ab. Dann ist nämlich das eigene Hirn gefragt und setzt seine Arbeit in Gang. Plötzlich ploppen Gefühle auf, Fragen mitunter. Das deklinieren scheitern.dreitausend auf ihrer neuen Single Okay Dann Nicht aufs extremste durch. Es soll hier nichts verraten werden, was die Indierockband aus Bremen sich da Tolles hat einfallen lassen. Abspulen, mitmachen, gut finden:

05.09. Lippstadt - abseite Festival
12.09. Herbstadt - frequency9 Sommerfest
26.09. Köln - Müllem Mon Amour
19.11. Rostock - DIETER
21.11. Osnabrück - Westwerk
27.11. Flensburg - Volksbad
19.12. Bremen - Lagerhaus


Martin Kohlstedt
(Ms) Vor gut einem Monat begann es wieder zu knistern. Die Tasten und Regler beim modularen Songwriting von Martin Kohlstedt haben ein neues Kapitel aufgeschlagen. Kluft heißt sein neues Album, das Ende Mai erschienen ist. Zwölf neue Songs mit gut 40 Minuten Spielzeit lassen wieder große Träume zu. Sanft und zart ist das, was er uns an neuer Musik schenkt. Mystisch und verwunschen gar. Und erneut wunderschön! Es ist Musik zum eintauchen. Kein Wunder, dass er gerne und oft im Wald spielt. Da passen seine Stücke hervorragend hin. Oder auf eine große Wiese in den Bergen. Naturverbunden ist seine Kunst. Und die elektronischen Elemente fügen sich nahtlos ein. Sehr organisch, pulsierend. Wunderschön! Das Tolle ist ja obendrein, dass seine Konzerte dann doch recht wenig mit den Platten zu tun haben. Dann wird improvisiert, dann schmelzen eine Stücke ineinander. Ganz persönlich freue ich mich auf seinen Auftritt beim Watt En Schlick - das wird ein phantastisches Highlight werden!


Attic Ocean
(Ms) Augen zu. Und rückwärts fallen lassen. Sanft landen. Ganz tief durchatmen. Auftanken. Die Faust ballen und zum Himmel strecken. Das könnte eine angemessene Reaktion sein, wenn Attic Oceans neue EP I Promise I‘ll Try Everyday (Vö: heute!) läuft. Großflächiger Shoegaze, breite Arrangements, viel Power, großes Gefühl, wunderschöne Intensität. Allein der Titel dieser EP ist doch ein großartiges Versprechen, oder? Ja, wie oft scheitert man im Alltag an all den Besorgungen, Terminen, Anforderungen?! Eben. Nicht aufgeben. Aus Liebe. Sängerin. Hanni Nasirat bringt es damit auf den Punkt, wenn es darum geht, die Schönheit auch in der tiefsten Dunkelheit zu finden. Denn da lauert viel. Und genau das hat das Quintett auf beeindruckende Weise auf ihre fünf neuen Songs gepackt. 

29.08. Mastholte, Getoese Festival
19.09. Berlin, Automatic Noise Festival


Sinem
(Ms) Seit gut 20 Jahren gehe ich auf Konzerte und Festivals. Die größten Entdeckungen gab es dabei in der Regel bei den Support-Gruppen. Diese magische halbe Stunde zum Einstimmen auf den Hauptact ist vieles. Für die auftretenden MusikerInnen immer eine tolle Chance, neue HörerInnen zu gewinnen. Für die Menschen davor eine phantastische Möglichkeit, Neues zu hören. Win-win! Sinem traten im letzten Jahr als Support von The Notwist im Hamburger Knust auf und es hat direkt geknallt. Psychedelischer Rock anatolisch geprägt und türkisch gesungen. Das ging direkt ins Bein. Und ins Ohr. Denn die Melodien sind durchaus ungewohnt fürs westliche Ohr. Wir Idioten - das wir uns sowas entgehen lassen. Das ist so filigran, so fein und gefühlvoll. Nun hat Sinem mit Ötme Bülbül Ötme eine neue Single draußen und sie macht sofort Bock! Es ist ein Stück aus der Kindheit der Sängerin, neu interpretiert. Auf ihrem neuen Album Hatun, das am 18. September erscheinen wird, sind auch zum ersten Mal eigene Lieder zu hören. Das haut um, das steckt an, das ist stark, das macht Vorfreude! 

10.07.26 Köln, Kulturbunker — Biergarten Sommerkonzert
11.07.26 Pegnitz, Waldstock Festival
24.07.26 Karlstadt, U&D Festival
01.08.26 Schopfheim, Holzrock Open Air
02.08.26 Friedrichshafen, Kulturufer
07.08.26 Plankenfels, Klangtherapie Festival
08.08.26 Rommelshausen, Glashaus Festival
23.09.26 München, Milla — Record Release Show
31.10.26 Berlin, Urban Spree
01.11.26 Leipzig, Conne Island — w/ Peki Momés
02.11.26 Hamburg, Hafenklang
03.11.26 Mainz, Schon Schön
05.11.26 Dortmund, subrosa
06.11.26 Schorndorf, Club Manufaktur
07.11.26 Fürth, Kofferfabrik
13.11.26 Karlsruhe, KOHI
14.11.26 Köln, Privat


Doppelfinger
(Ms) Oh, Herz. Was bist du nur für ein empfindlicher Ort? Was brauchst du an angenehmer Zuwendung? Viel. Und in den richtigen Tönen. Die liefert Doppelfinger dieser Tage in beeindruckender Form! Clemens Bäre aus Oberösterreich steckt hinter dem tollen Künstlernamen und schafft es hervorragend, mit Stimme, Akustikgitarre und einigen Streichern äußerst gefühlvolle und wunderschöne Musik zu schreiben. Footsteps heißt seine neue Single und es enorm, wie stark der Inhalt - Sehnsucht und Angst - sich im Arrangement wiederfindet. Das Stück ist zerbrechlich, aber auch sehr, sehr sanft. Erinnert teilweise an Niels Frevert. Die Musik verlangsamt auch auf zauberhafte Weise den Puls. Hinhören, sich mitnehmen lassen. Ein toller Beweis, wie wirkmächtig Musik sein kann. Und obendrein ein unglaublich intensives Video:

Donnerstag, 2. Juli 2026

Fatoni - Drama Endet Nie

Foto: Michael Weniger
(Ms) Dieses Drama sollte eigentlich schon längst draußen sein. Doch es kamen Dinge dazwischen, so wie Fatoni es bei einem Dissy-Feature Anfang des Jahres auch schon sang. Die Netflix-Serie „Kacken an der Havel“ war sicherlich eines der Dinge, die dazwischen kamen. Ein kleines bisschen drüber, gewollt, aber sonst ganz nett. Mehr nicht. Nicht zu vergessen auch das überragende BAWRS-Album!

Drama Endet Nie heißt die neue Platte, die am 3. Juli erscheint. Und beim ersten Hören hatte ich auch genau diesen Eindruck. Das ist ein kleines Drama. Höhen und einige Tiefen. Und ich weiß überhaupt nichts damit anzufangen. Als Nachos, die erste Single, erschien, war ich voll am Start. Was über ein grandioser Banger, was für ein brachialer Hit! Geld Ist Geil schlägt in genau die gleiche Kerbe. Ein Text wie eine eins, ein Beat, der einem schlaflose Nächte bereitet. Genial. Und dann … kommen noch allerhand andere Tracks.

Alles Neu heißt der Beginn. Und der Track steht irgendwie Pate für viele andere Stücke. Inhaltlich ist es wie eine Coming of Age-Geschichte. Nicht unbedingt ein neues Leitmotiv im Werk vom Münchener. Dafür aber ein starkes Arrangement. Klingt nach Bandsound, geht nach vorn. Aber in meinen Ohren kratzt er inhaltlich auch gewaltig an der Oberfläche. Insbesondere textlich fehlt mir da ein typischer Fatoni-Vibe, es ist recht sanft, poppig. Wann werden endlich wieder Zeilen gebrochen?
Leider kaum.
Die Platte ist auch eine Platte starker Feature-Gäste: Lakman, Mine, Maeckes, Dissy, Ami Warning, Keno. Das kann sich wirklich sehen lassen. Doch der Titeltrack mit Lakman tröpfelt nur so daher. Auch Wann Werd Ich Endlich Ausgetauscht haut wieder in die Irgendwas-ist-immer-Kerbe. Klug ist natürlich die Verbindung mit einer sich äußerst bedenklich entwickelnden KI-Macht. Ansonsten plätschert es weiter fleißig vor sich hin in einem poppig-gefälligen Sound.
Irgendwie überraschend ist Nicht Hollywood mit Dissy zusammen. Doch es ist nicht die geile Art einer Überraschung, sondern ein Gedanke à la: Das habe ich doch in den letzten Jahren an neuem Rap schon tausend mal gehört. Oder? Ein bisschen klingt hier „ich habe es als Außenseiter nach oben geschafft“ durch. Gääähn. Noch belangloser ist da nur noch Vespa. Ja, mag auch irgendwie witzig sein, aber ein Track übers entspannte Rollerfahren?! Puuh! Mit Oktober kommt noch ein Herzschmerzlied. Aber auch das kickt leider null. Irgendwie tut es nicht doll genug weh. Genauso wie Vergissmeinnicht. Ich frage mich ernsthaft, was das soll.

So gern wollte ich diese Platte gut finden, so oft hat Fatoni unfassbar krass abgeliefert, auf einem irren Niveau, raptechnisch, textlich und auch von den Beats her. Aber auf Drama Endet Nie endet das Drama tatsächlich nie. Dieses Album ist wahnsinnig gefällig, irre poppig und weit weg von dem, was er mal gemacht hat. Das ist ja der entscheidende Punkt: Was erwarte ich, wenn Fatoni eine neue Scheibe raushaut? Eine Entwicklung in jedem Fall. Aber keine Abkehr eines Kerns. 

Also. Auf Drama Endet Nie finden sich ein paar starke Fatoni-Songs. Doch leider auch massenweise träge Musik. Hat Fatoni vorher zu viel Pulver verschossen? Kam so viel dazwischen, dass so viel Halbgares dabei ist? Einige Tracks sind mir - wichtig: alles subjektiv hier - viel zu inhaltsleer. Andere viel zu stark bedeutungsgeladen (Ich Will Lieber…). Es fehlt die Mitte und tatsächlich auch eine Demonstration, dass er der Geilste ist. Neben den beiden anfangs erwähnten starken Tracks, kommt natürlich noch ein überragendes Feature mit Mine. Diese beiden KünstlerInnen sind ein enormes Duo. Lange Nicht Mehr Gut setzt da an, wo sie mit ihrer gemeinsamen Platte 2017 aufgehört haben. Da ist immer Spannung drin, da ist immer ein heftiger Beat, da ist so viel Leidenschaft. 

Die fehlt an vielen anderen Stellen. Ich hoffe sehr, dass viele Menschen das sehen, was ich in dieser Platte nicht ansatzweise aufspüren kann: Witz, Punchlines, Diss, filigranes Songwriting, Zeilenbrüche.

03.09.2026 Leipzig, Felsenkeller
04.09.2026 Erlangen, E-Werk
05.09.2026 Stuttgart, Wagenhallen
11.09.2026 Hamburg, Große Freiheit 36
12.09.2026 Köln, Carlswerk Victoria
22.09.2026 AT-Wien, Arena
23.09.2026 München, Muffathalle
24.09.2026 Wiesbaden, Schlachthof
10.11.2026 Hannover, Capitol
11.11.2026 Münster, Sputnikhalle
28.11.2026 Berlin, Columbiahalle


Mittwoch, 1. Juli 2026

Live in Münster: Vainstream - der Samstag

Irgendwo dort: Grandson, Foto: luserlounge
(Ms) Über ein abgebrochenes Festival oder: Wie überlebe ich in der brütenden Hitze?

Das Wetter
Das Wochenende stand unter keinem guten Stern. Unglaubliche Hitze zog übers Land und ließ uns ordentlich ächzen. Doch: Was tun, wenn dann ein Festival ansteht? Also aus Sicht der Veranstaltenden? Wie soll man am besten darauf reagieren? Im Grunde genommen gibt es zwei Möglichkeiten: Absagen oder so viele Maßnahmen treffen, dass es aushaltbar ist. Ersteres wurde gar nicht weit weg von Münster, in Haltern am See, entschieden. Da sollte Jan Delay am Freitag spielen. Für die zweite Möglichkeit hat sich das Vainstream entschieden. Vielleicht auch, weil die Grundvoraussetzungen andere waren. Die Messehallen nebenan boten einen gewissen Schutz und einen Raum für eine Pause zwischendurch. Und als Innenstadtfestival waren sicher viele Anfahrtswege auch nicht so lang.
Aus meiner Sicht hat das Schutzkonzept ganz gut gegriffen. Viele Hinweise zum Sonnenschutz, viele Stellen für Leitungswasser, Abkühlungen an vielen Ecken. Ich war nur am Samstag da und muss gestehen: Es war aushaltbar. Viel Wasser trinken, wenig Bewegung, Kopfschutz und ab dafür. Logisch, alle schwitzten wie bekloppt. Aber alle hatten auch eine Menge Spaß.
Bis 18.30 Uhr.
Da spielten Bloodywood und es wurde zunächst unterbrochen für eine Stunde. Ein Gewitter ziehe auf, hieß es. Und tatsächlich ließ sich das auf diversen Wetter-Apps nachvollziehen. Nur kam halt nichts davon an. Ein Teil löste sich auf, der andere zog an Münster vorbei. Als es dann weiter gehen sollte um 19.30 Uhr, hieß es doch einigermaßen überraschend, dass die Veranstaltung sofort abgebrochen wird. Ein weiteres Gewitter zöge auf und droht, mitten über Münster mit Blitz und Donner einzubrechen. Also los. In meiner Wahrnehmung haben sich alle Leute ohne großes Murren und sehr entspannt auf den Weg gemacht und den Bereich geräumt. Doof nur, dass man nicht mal Pfand zurück geben konnte. Viva von Agua hat sich gefreut - gut so! Und dann? Tja. Dann passierte nichts am Himmel. Nochmal. Sechs Tropfen vielleicht und ein kleiner Wind. Logisch, darauf haben die Veranstalter auch keinen Einfluss. Aber ein Geschmäckle bleibt. Hätte man es weiter laufen lassen können? Ja, bestimmt. Aber dann kommt die unweigerliche Frage: Was wäre wenn?! Und die möchte man lieber mit „Alle sind in Sicherheit“ beantworten. Better safe than sorry. Unmut in den Kommentarspalten. Doch da die richtige Entscheidung zu treffen, ist auch schwer. Im Endeffekt hat das Team des Festivals alles korrekt gemacht.

Das Gelände
Acht Jahre habe ich in Münster gewohnt. Nie war ich auf dem Festival. Kurios. Daher war ich etwas verwirrt, wie das Gelände aufgebaut ist, denn die Messehallen - wenn es nicht die große ist, wo die Donots alle zwei Jahre spielen - habe ich nie besucht. Doch schnell wurde mir klar, was für große Vorteile der Standort hat. Er ist weit genug draußen, damit niemand gestört wird. Zudem ist der Hawerkamp direkt anbei - der (!) Clubstandort der Stadt. Genial! Zwischendurch sind wir auch einmal in der Sputnikhalle vorbeigeschneit. Doch nur recht kurz, da es da drinnen noch wärmer war zuzüglich Luftfeuchtigkeit. Bäh! Also: Das Gelände war super gut aufgebaut und wurde entsprechend gut genutzt. Vieles verlief sich, nirgends wurde es überaus eng.

Die Musik
Achja - unter dem ganzen Thema, dass das Festival ja abgebrochen wurde, kommt der Hauptaspekt - die Musik - doch reichlich zu kurz. Ich war nur am Samstag da, ließ mir aber aus mehreren Quellen sagen, dass der Freitag - insbesondere Landmvrks - großartig gewesen sein soll. 
Vieles vom Line-Up kannte ich nicht. Metalcore und seine Verwandten sind nicht die Genre, die bei mir zu Hause laufen. Doch die musikalische Neugier wurde reichlich befriedigt. Zum Beispiel mit Future Palace. Hui, ging das gut ab. Es wurde ordentlich geschrien und auch ordentlich mit Effekten gespielt. Denn nur Drums und E-Gitarre hätten niemals den Wumms liefern können, der dort zu hören war. Danach ab zu Pöbel MC. Ist ja geil, dass so ein Event auch ganz andere Töne einlädt. Und viele konnten mitrappen - geniale Momente! Danach hat mich Thrown total überzeugt. Eine sehr harte Gangart, sehr kurze Lieder, viel Druck, viel Aggression, aber alles auf den Punkt. Danach der Höhepunkt: Grandson. Das, was der Typ abgeliefert hat, war nicht mehr normal. Er baute seine Tracks derart um, dass sie so live gespielt nirgendwo anders zu hören sind. Es war eine etwas kuriose Mischung aus Placebo und The Streets. Markante Stimme, Sprechgesang, Energie an allen Ecken und Enden. Und großartig gegen die Arschlöcher der AfD gewettert. Bloodywood aus Indien spielten dann nur noch recht kurz. Leicht pathetischer, aber enorm druckvoller Metal, viel Getrommel, doppelter Gesang - Power ohne Ende!
Gern hätte ich noch Architects gesehen. Aber das ist nun mal Geschichte.

Das Fazit - der Ausblick
Was mir sehr gut gefallen hat, war das bargeldlose Bezahlen auf dem ganzen Gelände. Mit einem Chip am Bändchen ließ sich alles erwerben und auch Pfand wieder zurück buchen. Anfang dieser Woche ließ sich der Rest dann wieder aufs eigene Konto gut schreiben. Das war eine sehr gute Idee!
Wie geht es nun weiter? Die nicht spielenden Acts wurden sicher entlohnt, ein Festival dieser Größenordnung ist gegen solche Ereignisse versichert. Der Vorverkauf fürs kommende Jahr lief wohl immens gut an. Tausende Tickets gingen schon weg. Ob das Zugpferd Lorna Shore dafür verantwortlich ist - keine Ahnung (tatsächlich sagte mir die Band überhaupt nichts, ich Metalbanause).
Den Veranstaltenden und den Besuchern fürs kommende Jahr sei mehr Glück beim Wetter gewünscht. Ansonsten ist das Vainstream eine hervorragende Adresse für ausgewählt gute Musik der harten Gangart!


Freitag, 26. Juni 2026

KW 26, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / freeer
Seitdem die AfD nachweislich radikal agiert und menschenfeindliche Parteiprogramme verfasst und es nicht unwahrscheinlich ist, dass sie bald eine Landesregierung stellt, ist die Rede von einer wehrhaften Demokratie. Das ist wichtiger denn je. Denn bislang kopieren große Parteien einfach Teile des demokratiefeindlichen Programms. Und scheitern damit. Denn das Original ist immer noch attraktiver. Damit aber wirklich ein Verbot dieser Partei erwirkt werden kann, haben andere Menschen diese Arbeit übernommen. Die EntscheiderInnen in den demokratischen Parteien haben es bislang nicht vollumfänglich gemacht. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte hat daher am Donnerstag ein umfassendes Gutachten erstellt, das nochmals deutlich macht, mit wem wir es zu tun haben. Mit einer Gruppe an Menschen, die unseren Staat abschaffen wollen. Das sollten wir uns nicht bieten lassen.

Fischersund
(Ms) Ende April erschien ein großartiges Album, das mir nur durch den Spotify-Algorithmus zugespielt worden ist. Plötzlich tröpfelte, regnete es in meinen Kopfhörern und im Hintergrund breiteten sich sanfte, helle Synthieflächen aus. Das beruhige mich direkt, als ich irgendeinen Arbeitskram erledigen musste. Und dann tickte mein Hirn. Das kenne ich doch. Das, oder Vergleichbares. Ja, Ambient-Musik ist oft recht ähnlich. Aber ich konnte meiner Ahnung vertrauen. Denn hinter Fischersund, der Band, der ich dort lauschte, verbirgt sich unter anderem Jónsi von Sigur Rós. Ihr Album heißt Sleep. Und der Klang ähnelt sehr einer Schlafens-Playlist von Sigur Rós. Jónsi betreibt das Kollektiv mit seinen Schwestern und weiteren Personen. Sie stellen Parfüm, Lotionen, Beutel und allerhand Schönes und Teures her. Die Musik soll ursprünglich dem Verkauf des Parfüms dienen. Doch auch ohne Duft ist dieser Klang eine wohltuende Oase. Insbesondere wenn es draußen tropisch heiß ist und die Nachrichten auch ähnlich hitzig sind, tut das hier unfassbar gut!


Farewell Dear Ghost
(Ms) Gänsehaut, wenn ein Lied plötzlich und gänzlich unvermittelt einen Gedanken formuliert, den ich auch fühle, aber für den mir die Worte bislang fehlten. Das schlägt so richtig ein. Die österreichische Band Farewell Dear Ghost hat vor Kurzem eine neue, tolle Single veröffentlicht. Weather Control heißt sie und ist ziemlich reduziert. Der Track stellt einige große Fragen. Fragen nach dem Bereuen nicht getaner Taten aus der Vergangenheit zum Beispiel. Gedanken, die plötzlich traurig machen. Dann ist die Frage „What‘s an easy mind?“ äußerst naheliegend. Nur Gitarre und leichtes Sythieflirren im Hintergrund. Das ist zusammen dann doch sehr wirkmächtig und wunderschön! Ab und zu tut diese Art der Melancholie sehr, sehr gut. Denn daraus kann man wieder aufbauen. Ein tolles Lied, was ich allen sehr ans Herz legen mag:


Team Dresch
(Ms) Vorsichtige Skepsis transformiert sich zu Enthusiasmus. Wie ein kleiner Junge lese ich aus einigen Quellen mal Euphorie und denke dann: Dann muss das ja genial sein, wenn die das sagen. Mittlerweile, also mit Mitte dreißig, unterlaufe ich dieser Gefahr mit ein wenig Distanz. Überzeugen lasse ich mich dennoch gern. Beispiel: Team Dresch. Vor einigen Tagen berichteten die guten Menschen vom Grand Hotel Van Cleef und Rookie Records, dass Team Dresch wieder nach Europa kommt. Zugegeben: Mir sagte der Name überhaupt nichts. Aber wenn die das sagen… dann laufe ich nicht blind hinterher, aber bin neugierig, was die denn gut finden. Also: Reingehört. Und sofort von der Energie angesteckt. Denn das ist nicht nur Punkrock einer Band, die schon seit über dreißig Jahren Musik macht. Sondern es ist auch Punk, der doppelt zornig ist. Einmal gegenüber dem Establishment und zum anderen gegen Homophobie ansingt. Queercore wird das dann genannt. Und geht ziemlich stark nach vorn! Sie werden als Pioniere ihrer Zunft beschrieben. Und wenn ihr reinhört, wisst ihr genauso schnell wie ich, wieso. Genial. Hingehen im September!

19.09.26 Bern, Yeah! Fest - Reitschule
20.09.26 Mainz, Schon Schön + Muutt
21.09.26 Oberhausen, Druckluft + Im Taxi Rauchen
22.09.26 Berlin, Neue Zukunft + Shirley Holmes
24.09.26 Bremen, Tower + Goose Pants
25.09.26 Karlsruhe, Alte Hackerei + Wick Bambix
26.09.26 Köln, Blue Shell + Wick Bambix
27.09.26 Hamburg, Betty + Shirley Holmes


Takeshi‘s Cashew
(Ms) Wie landet eine Band hier bei der wöchentlichen Übersicht auf einem kleinen Blog? Manchmal ist es ganz einfach, weil auch ich ein einfach gestrickter Typ bin. Heute ist es der Name, der mich direkt angefixt hat: Takeshi‘s Cashew - wie genial kann es denn bitte sein?! Aber das allein reicht selbstredend nicht. Die Formation aus Wien macht obendrein unglaublich geniale Musik: komplett instrumental, getrieben, psychedelisch, leicht krautig mit ein paar ostasiatisch anmutenden Elementen. Das entfacht so eine wunderbare Energie, dass ihre Musik sehr schnell sehr viel Spaß macht! Mit ihrem Drive erinnern sie stark an Los Bitchos und das ist ganz klar als Kompliment gemeint! Diese Woche erschien ihre neue Single Operator und damit kündigen sie ihr nächstes Album an. Planet Odyssey 64 erscheint am 30. Oktober und könnte der Tanzbeat für den Herbst werden. Deal?



Donnerstag, 25. Juni 2026

JJerome87 - The Canyon

Foto: Zachary Gray
(Ms) Als alt-J auf die Bühne des Musikkosmos` traten, zog ein gänzlich neuer Sound ein. Etwas, das noch nie da gewesen ist. Etwas Geniales. Etwas Verspieltes. Etwas Tanzbares. Ja, etwas Transzendentales. Nicht nur die zahlreichen Soundfrickeleien waren prägend für ihren Klang, sondern auch die Stimme ihres Sängers Joe Newman. Immer etwas quietschig-quengelig. Und mit enormem Wiedererkennungswert.
Nun bringt Joe Newman unter seinem Künstlernamen Jjerome87 eine Solo-Platte raus. The Canyon wird sie heißen und am 26. Juni erscheinen. Mitten in der Hitze erscheint eine phantastische Platte. Nein, natürlich ist das nicht alt-J, aber der Geist des Klangs dieser Band ist hier ganz klar zu hören und zu spüren. 11 Tracks auf knapp 40 Minuten machen gehörig viel Spaß, weil Joe Newman hier ebenso verspielt zur Sache geht wie mit seiner - zurecht - unfassbar erfolgreichen Band!

Mr Alligator ist der Startpunkt. Direkt zahlreiche Elemente. Hintergrundgesang. Percussion. Bass. Synthie-Schnipsel. Diese Stimme. Und sofort wird klar: hier herrscht der Groove. Wer hier nicht mit dem Kopf nickt, ist wirklich ein Banause. Auf der neuen Platte erzählt Joe Newman Geschichten. Dies ist die eines Hochstaplers. Insbesondere der hypnotische Gesang im Hintergrund macht eine Menge Spaß. Verdammt, ist das gut! Die vielen, vielen Sequenzen, die mosaikartig ein Lied zusammensetzen, erzeugen eine permanente Neugier. Wie unglaublich raffiniert!
Im Gegensatz zu alt-J ist das Grundgerüst viel analoger. Der Blues schlägt ein. Dazu großer, phasenweise frecher Pop. Und Soul, ja beinahe Gospel durch den großartigen Hintergrundgesang. Quaaludes hat beinahe etwas religiöses. So stelle ich mir einen Erweckungsgottesdienst vor. Amen!
Auf Juicy ist zudem gut zu hören, dass Joe Newman allerhand Geräusche in der Natur aufgenommen hat, die in seine neuen Tracks einfließen. Zudem schlägt hier ein brutaler Bass zu. Die Arrangements dieser Platte sind alle nahezu alle genial. Er baut durchaus musikalisch-gruselige Elemente ein. Den Film zu diesem Soundtrack möchte ich gern sehen. Und: Dass das Stück sich so entwickelt, wäre allein durch die ersten Takte nie zu erahnen gewesen. Zahlreiche Überraschungen. Taktweise beinahe. Großer Folk wiederum - inklusive Bläser - findet sich auf Walkaway Music.

Eines steht fest: Die gesamte Platte sei allen ans Herz gelegt, die tierische Freude am Entdecken und der Faszination äußerst geschickten Songwritings gegenüber haben. Die erste Single, Brush Me Like A Horse, ist am ehesten eine Erinnerung daran, in welcher anderen Band Joe Newman noch so wirkt. Track And Field ist so phantastisch, denn der Bass treibt ganz unterschwellig voran und das gesamte Stück strahlt eine ungeheuer positive Aura aus.

Ach, Musik. Ach, Kunst. Was für ein Glück, dass es Typen wie Joe Newman gibt. Das, was er erschafft, ist einfach eine große Bereicherung. Die Musik ist verspielt, überraschend, vielseitig, niemals langweilig werdend. Auch unter seinem eigenen Namen ist es dem alt-J-Frontman nochmal gelungen, etwas Neues in die Welt zu setzen. Wow!


Mittwoch, 24. Juni 2026

Low Key Orchestra - Before The Reverb

Foto: Helgi Helgassson
(Ms) Dass manche Stimmen nicht verhallen, ist ein wunderbares Glück. Das beste Beispiel dieser Tage ist die wunderbare Stimme von Sönke Torpus. Mit seinen Art Directors hat er vor vielen Jahren die Indiefolkherzen höher schlagen lassen. Dann war irgendwann Schluss. Hier und da tauchte er nochmal auf, aber es war erstmal Pause. Zumindest in meiner lose informierten Wahrnehmung. Dann wurde er festes Bandmitglied von Nichtseattle und hat auch das neue Album von Katharina Kollmann produziert. 
Im vergangenen Jahr meldete er sich dann als Low Key Orchestra wieder zurück und brachte mit Maybe Words eine tolle Single raus. Direkt war eine alte Gänsehaut wieder am Werk. Denn in seiner Stimme ist eine Aufrichtigkeit, ein spezielles Timbre und immer auch eine gewisse Schalkhaftigkeit, wenn man das so sagen kann. Seitdem ist er auch wieder wahnsinnig viel unterwegs. Eine eigene Tour spielte er bereits. Mit Young Rebel Set und Herrenmagazin war er unterwegs. Ich sah ihn im vergangenen September und da wurde klar, wie gut es ist, dass einer wie Sönke Torpus uns mit seiner Musik beschenkt. Es ist nicht nur eine sanfte, unterhaltsame und liebe Präsenz auf der Bühne, sondern eine Inbrunst in seinen Stücken, die ansteckend ist.

Diesen Freitag (26. Juni) erscheint mit Before The Reverb seine Soloplatte als Low Key Orchestra. Dieses Album ist ein großes Glück. Denn es steckt so viel Aufrichtigkeit drin. Sie ist - ja! - hörbar! So eine fein arrangierte und komponierte Musik kann nur aus dem Herzen kommen, von jemandem der ein paar Jahre Rückzug brauchte, um wieder selbst auf der Bühne wirken zu wollen/können.
40 Minuten, 10 neue Songe. In Your Heart Again ist das erste Stück. Klavier, Stimme. Dann ein wenig Schlagzeug. Anschließend nimmt der Track Fahrt auf. Seine Art zu singen hat sich gar nicht so sehr verändert. Doch die Musik drumherum schon. Sie ist feiner geworden, hat mehr Elemente bekommen. Insbesondere die Rhythmen auf diesem Album sind ganz spannend zu entdecken! Das bereits bekannte Maybe Words liefert eine Melancholie, wie sie schon lange in der Indiemusik nicht mehr zu spüren war - rede ich mir zumindest ein. Melancholie - ein gewisses Leitthema aus den 00er Jahren, wo leiden irgendwie geil war. Doch jetzt, 2026, bekommt Melancholie eine wunderbare Schönheit dazu. Ein Teppich, auf den man sich gern legen mag, der einen beruhigt und natürlich auch ein bisschen nachdenklich macht. Aber halt auch nicht zu sehr. Insbesondere die kleinen Streicher-Arrangements sind hier wunderbar platziert!
Doch es sprudelt auch eine Menge Leben aus den neuen Liedern von Sönke Torpus. Backseat Driver ist so eines. Da werden die Gitarren im genau richtigen Maße ein wenig aufgedreht, da strahlt es zwischendurch im Gesang und in den Melodien - herrlich! Und erneut sind kleine Rhythmusschnipsel dabei, die einfach so, so gut ausgesucht und platziert sind. Als Hörende werden wir hier reich beschenkt! Ein Stück wie Suddenly scheint mit seiner Langsamkeit und gewissermaßen Unaufgeregtheit ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber ist es nicht genau das, was wir derzeit brauchen? Ich vermute, dass Sönke Torpus das in seiner Kunst mitwirken lässt. Hier unbedingt auf den tollen, sanften, aufbauenden Bass achten. Herrje, ist das toll gemacht! Wenn irgendwie das Gute durchscheinen will musikalisch, dann mit diesem Track!

Die Songs, die hier nicht aufgeführt sind, haben eine ähnlich schöne Wirkung. Es macht ungeheuer viel Freude und Spaß, Before The Reverb durchzuhören. Eine Platte, die in jedem Fall am Stück laufen sollte. Allein das Arrangement von Too Shy To Show ist so, so gut und wirkt mitten auf der Platte halt enorm. Ja, es ist ein großes Geschenk, dass Sönke Torpus wieder singt und uns seine Lieder schenkt. Lieder voller Wärme, Raffinesse und Schönheit!


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