Montag, 11. November 2019

Live in Bremen: Herrenmagazin

Obacht, Foto aus 2015 aber so ähnlich sah es Samstag aus. Quelle: facebook.com/Herrenmagazin
(ms) Man wird ja nostalgisch. Dabei sind wir ja jung. Zumindest im Herzen. Samstag Nachmittag schaute ich in meine Konzert-Chronik und war erstaunt, dass ich vor zehn (in Zahlen: 10!) Jahren die Gruppe Herrenmagazin das erste Mal live gesehen habe. Es war die glorreiche Zeit der Visions Partys in Bielefeld. Eine bis dato unbekannte Band aus Alaska spielte nach Herrenmagazin. Heute haben Portugal. The Man einen Grammy gewonnen.
Deniz Jaspersen - Texter und Sprachrohr der Band - meinte damals auf der Bühne: "Kann mich bitte jemand erschießen? Ich bin so furchtbar besoffen!"
Mit dieser Aussage und dem großartigen Songwriting der Band habe ich die Gruppe schnell in mein Herz geschlossen. Nach längerer Pause war das 11. Jubilärum des Debuts Atzelgift ein triftiger Grund, um eine Tour zu spielen. Samstag hielten sie im Bremer Tower und haben feinste Gitarrenmusik zum Besten gegeben.
Als Einstimmung hat die Hamburger Band Ulf - genialer Name - Punkrock in Reinform abgeliefert. Persönliche und an den richtigen Stellen plakative Texte haben Bock auf mehr gemacht. Haben Bock auf Herrenmagazin gemacht.
Auf die Uhr habe ich nicht geschaut. Keine Ahnung, wie lang sie gespielt haben. Ist auch völlig egal. Denn es war ein Fest. Die Basis der Feierlichkeit lag schon auf den älteren Liedern. Kein Wunder, denn sie haben mehr Schmackes, mehr Energie, Druck und Dynamik als die Lieder von Sippenhaft. Vielleicht lässt sich auch damit der textliche Hänger bei Frösche erklären. Smiley. Währenddessen hat das tolle Publikum auch lieber mit der Band gelacht als den Song mit Text zu füllen. Was sich schwer erklären lässt: Die Verrenkungen von König Wilhelmsburg bei der Bearbeitung der Gitarrensaiten. Gut aber, dass er um diese sympathische Eigenart weiß und den Leuten vorne die Angst nahm, von der Bühne zu fallen.
Nach Hits, nie veröffentlichtem Material und dem wundervollen Rausschmeißer Keine Angst war Schluss. Ein großes Lächeln im Gesicht, Bier in der Blutbahn und viel Zufriedenheit insgesamt zeigten mir, dass es gut ist, dass diese Band wieder auf der Bühne steht. Denn ich bin fest davon überzeugt: Wenige Gruppen, die jetzt neu anfangen Alben zu veröffentlichen, würden so tolle Musik machen!

Freitag, 8. November 2019

KW 45, 2019: Die luserlounge selektiert!

Quelle: eaststreetarts.org.uk
(sb/ms) Wir wären nicht die luserlounge, wenn wir nicht ab und an unseren Hobbyhorizont jenseits der Musik mit Euch teilen sollten. Nicht nur Bier und Fußball gehören dazu (boah, klingt das nach Männerklischee), sondern auch Kabarett und Theater (boah, klingt das nach Antimännerklischee). In letzterem, der Bremer Glocker, wurde letzten Freitag zweieinhalb Stunden ein Feuerwerk des Blödsinns abgefackelt. Und es gibt nicht viele Künstler in unserer Kulturlandschaft, die das so inbrünstig und ohne sich zu verstellen durchziehen wie Oli Dittrich. Seine Figur Dittsche ist eine lebende Legende. Alleine auf der Bühne stand dieses Alter Ego noch nie. Nun war es soweit. Stilecht mit Schumiletten, roter Jogginghose, abgeschmackeltem Hemd, Aldi-Türe und dem bekanntesten Bademantel nach dem Dude betrat er die Bühne und hat pausenlos sinnlosen Quatsch erzählt. Von Schildkröte, Jenser, Ingo, Kriechfett, Brokattischen, Tapetenrollen und natürlich vom Ehepaar Karger. Große Klasse. Irrer Quatsch. Es gibt noch ein paar Termine, schaut mal, ob ihr Tickets bekommt, es lohnt ungemein.
Doch kommen wir zurück zum Kerngeschäft. Luserlounge. Freitag. Selektion. Ab geht's!

CocoRosie
(ms) Musikalische Avantgarde ist auch in den weiten Feldern der Pop-Musik zu finden. Dafür stehen die Schwestern Bianca und Sierra Casady mit ihrem Namen: CocoRosie. Sie wollen es dem Hörer partout nicht einfach machen, bei keiner ihrer Platten. Oft ist ein roter, musikalischer Faden schwer zu finden, aber sie verzetteln sich nie in den Breiten des Experimentierens. So wirft auch ein neuer, extrem vielschichtiger Song die Schatten eines neuen Albums voraus: Smash My Head. Der Track ist nicht nur - wie gewohnt - musikalisch anspruchsvoll, wenn ihre beiden Stimmen Gegensätze bilden, Synthie-Sounds den Beat brechen oder plötzlich eine E-Gitarre reinbricht. Die beiden sind ganzheitliche Künstlerinnen und so erscheint das Lied natürlich mit einem bildgewaltigen Video. Zwischen Weite auf dem Feld und Enge auf dem Fixierbett ist alles dabei. Großartig. So steigt bereits vier Monate vor Veröffentlichung (6. März) des neuen Werks Put The Shine On die Vorfreude auf ein Album, das es intensiv zu entdecken gilt.



Anna Depenbusch
(ms) Ein leichtes Dröhnen liegt in der Luft, es stört nicht, es macht viel mehr neugierig. Eine Dame im grünen Kleid geht auf Stöckelschuhen durch ein großes, festliches Treppenhaus, hält vor einer geschlossenen Tür, zieht die Schuhe aus und tritt ein. Es ist Anna Depenbusch in ihrem neuen Video zum Lied Eisvogelfrau. Eine Künstlerin, deren Name ich wie so oft schon irgendwo gehört habe, aber nie recht zuordnen konnte. Allein mit Klavier singt sie nun dieses wunderbare Lied über die Eisvogelfrau, die den Chor überstrahlt, aus ihm heraustreten muss, um ihrer Energie vollen Raum auf der Bühne zu bieten. Das Lied ist Teil des neuen Albums Echtzeit, das am 28. Februar auf ihrem eigenen Label Landlied erscheinen wird. Sie bezeichnet sich selbst als Liedermacherin, ihre Musik schwingt zwischen Chanson, Alin Coen und Singer/Songwriter. Tolle, zarte und positive Musik. Und gerade das ist eine wunderbare Abwechslung in gesellschaftspolitisch zittrigen Zeiten. Mit diesen Tönen kann man das alles mal hinter sich lassen und den Moment genießen. Die große Tour startet ab März, über das Album werden wir passend zur Veröffentlichung auch noch berichten.

12.03.20 - Fulda, Orangerie
13.03.20 - Ravensburg, Konzerthaus
14.03.20 - Karlsruhe, Tollhaus
20.03.20 - Halle, Händel Halle
21.03.20 - München, Prinzregententheater
22.03.20 - Freiburg, Jazzhaus
24.03.20 - Ludwigsburg, Scala
25.03.20 - Essen, Lichtburg
27.03.20 - Oldenburg, Kulturetage
28.03.20 - Wolfsburg, Hallenbad
02.04.20 - Hannover, Pavillon
03.04.20 - Berlin, Admiralspalast
04.04.20 - Jena, Volkshaus
05.04.20 - Augsburg, Parktheater
06.04.20 - Reutlingen, franz.K
07.04.20 - Darmstadt, Staatstheater
24.04.20 - Hamburg, Laeiszhalle
25.04.20 - Lübeck, Kulturwerft Gollan



Adrian Sutherland
(sb) Ein Protestsong, ein Hilferuf: Politician Man (wurde bereits im Oktober veröffentlicht) setzt sich mit der doch sehr konfliktbeladenen Geschichte Kanadas im Umgang mit seinen indigenen Völkern auseinander und fordert alle Beteiligten auf, aufeinander zuzugehen und einander zuzuhören. Adrian Sutherland kommt bei der Thematik zugute, dass er selbst fernab der Großstädte in der Attawapiskat First Nation aufwuchs und so einen authentischen Einblick in die Nöte und Ängste der Indigenos gewinnen konnte.
"Manchmal klingt Versöhnung wie eine leere Phrase und ist frustrierend. Man versucht, ständig voranzukommen, aber immer wieder erwarten einen neue Herausforderungen und Hindernisse. (...) Wir alle müssen unseren Beitrag leisten - und genau das ist die Botschaft hinter Politician Man."



Hector Savage
(sb) Mal wieder Lust, dezent angeschrien zu werden? Dann seid Ihr bei Hector Savage an der richtigen Adresse, denn die machen das nun sogar auf Deutsch, um ihr Anliegen besser verdeutlichen zu können. Heute erscheint Es sieht nicht gut aus, das Debütalbum des Quartetts und ist ein ordentlicher Tritt in den Arsch. Neun Tracks pure Energie, überraschende Wendungen und Texte, die eine gewisse Anti-Haltung gegen alles und jeden nicht leugnen können. Läuft.

Live:
08.11. Köln, Privat
14.11. Frankfurt, Klapperfeld
15.11. Hamburg, Störtebeker
16.11. Berlin, K19
30.11. Lüdenscheid, AJZ (Midsummer Fest)


ANIIML
(ms) Klar, R'n'B ist nicht das Genre, das wir hier häufig unterbringen. Aber ANIIML gibt ein eindrückliches Gegenbeispiel, den eigenen Horizont zu erweitern. Doch die Amerikanerin mit deutschen Wurzeln macht keinen eingängig-langweiligen Radio-Wisch. Es ist Pop, Gospel, verspielt, breit, elektronisch, hörbar bedacht, dennoch wild und bedient wohl auch ein Genre, das Witch-Pop genannt wird, unter dem ich mir aber absolut nichts vorstellen kann. Auf der Bühne soll es wohl hexenmäßig zugehen!
Hört man ihr Album Oh Awe weiß man gar nicht mehr, wohin. So viele unterschiedlichste Eindrücke prasseln durch die Boxen und es wird von Track zu Track immer offensichtlicher, warum das eher nicht im Radio läuft, zumindest nicht auf den großen Pop-Wellen. Hört da bitte unbedingt rein!
Als Einstiegsdroge: Handle Me, die Singleauskopplung. Hier geht es hörbar poppig zu und das mit einer tollen Aussage. Das Video steht für sich, das schreibe ich jetzt nicht tot, schaut mal rein!
Und wenn die Eindtiegsdroge noch nicht zündet. Bitte am Ball bleiben und das ganze Album hören. Denn: Selten so eine irre Abwechslung gehört! Großartig das!


Faber
(sb) Blicken wir zurück ins Jahr 2017: Quasi aus dem Nichts tauchte Faber auf und legte mit Sei ein Faber im Wind ein Album vor, das einschlug wie eine Bombe und nicht nur in meinen persönlichen Jahrescharts ganz oben landete. Das war provokativ, musikalisch und textlich was Neues und rundherum einfach nur stark.
Und jetzt? I Fucking Love My Life (VÖ: 01.11.) heißt das neue Werk von Herr Pollina und es knüpft nahtlos da an, wo das Debütalbum aufhörte. "Never change a winnig team" könnte man meinen - und doch ist der neue Longplayer weit mehr als ein Sequel! Die Texte sind noch einen Hauch pointierter, die Spitzen zielen noch ein bisschen genauer ins Herz der Gesellschaft und Fabers Stimme transportiert seine Verachtung, seinen Ekel gefühlt noch ein Stück authentischer als bislang.
Faber despektiert Oberflächlichkeiten, positioniert sich politisch eindeutig und tut dies auf eine Art und Weise, die ihm nicht zum ersten Mal Rassismus- und Sexismusvorwürfe einbrachte. Wenn der Gesellschaft der Spiegel vorgehalten wird, dann trennt sich die Spreu vom Weizen und man erkennt umso deutlicher, wer Faber intellektuell folgen kann und will. Selbstverständlich sind die Texte in vielen Passagen nicht wortwörtlich zu interpretieren, aber das Risiko des Missverständnisses geht der Künstler bewusst ein und gerade diese provokative Note hebt Faber von seinen Mitstreitern ab.
Ich habe Sei ein Faber im Wind geliebt - aber I Fucking Love My Life ist noch besser und es tut mir im Herzen weh, dass es aus Zeitmangel leider "nur" zu einer Kurzrezension in der Selektion gereicht hat, obwohl das Album es verdient hätte, ganze Seiten zu füllen. Unbedingt kaufen!
Auch live ist Faber ein Ausnahmekünstler, wie die luserlounge bereits selbst erleben durfte; demnächst gibt es wieder Gelegenheit, den Schweizer auf der Bühne zu erleben:

28.02. Hannover, Capitol
29.02. Leipzig, Haus Auensee
01.03. Hamburg, edel-optics.de Arena
03.03. Berlin, Columbiahalle
05.03. Köln, Palladium
06.03. Wiesbaden, Schlachthof
07.03. Stuttgart, Liederhalle
09.03. Wien, Arena
11.03. München, Tonhalle
12.03. Zürich, X-tra
13.03. Zürich, X-tra
12.08. Wien, Arena Open Air


Ásgeir
(ms) Letzte Woche bereits gab es extrem gute Neuigkeiten. Und das über einen schönen Weg: Die E-Mail. Den Newsletter. Eine vom Aussterben bedrohte Möglichkeit sich mitzuteilen. Der Isländer Ásgeir nutzt sie und ließ mein Gemüt langsam aber sicher glücklich, zufrieden und ruhig werden. Die Ankündigung: Neue Musik! Und mit welcher Schönheit und Wucht schlägt Youth bitte ein?! Schon schnell nach Beginn des Stückes wird das Geheimnisvolle, das Erhabene, zittrig Perfekte seiner Musik klar. Mit diesem Track bewegt er sich leicht zu seinem Debut In The Silence, das 2014 erschien. Leichte Gitarre, treibende Percussion, sein wunderbarer Gesang und irgendwann scheint eine Trompete hindurch wie Sonnenstrahlen nach einem dieser diesiger Herbsttage und gibt Hoffnung! Was für ein tolles Lied. Es ist der erste Vorbote zum neuen Werk Bury The Moon (VÖ: 7. Februar) und es könnte großartig werden! Extrem bedacht und reif klingt die Musik des 27-Jährigen! Und wir können uns glücklich schätzen, dass er im Frühjahr auch hier spielt:

28.02. - Hamburg, Mojo Club
29.02. - Berlin, Passionskirche

Donnerstag, 7. November 2019

Live in Rotenburg: Lisa Hoppe's Third Reality

Foto: Gaya Feldhheim Schorr
(ms) 1. Von Jazz habe ich keine Ahnung, obwohl ich vor gut zehn Jahren selbst Jazz gespielt habe. Aber nach gestern Abend steht fest: 2. Von Jazz habe ich überhaupt keine Ahnung.
3. Musik greift dann, wenn die Worte das Ausdrückbare übersteigen (womit wir streng genommen auch schon in der Mystik sind).
4. Damit sind wir beim gestrigen Abend und dem Konzert von Lisa Hoppe's Third Reality (das Deppenapostroph sei an dieser Stelle verziehen).

Erste logische Frage: Wo?! In Rotenburg! Aber nicht die Stadt des Kannibalen, sondern an der Wümme, zwischen Bremen und Hamburg. Ländlich beschreibt es ganz gut. Zweite logische Frage: Wer? Lisa Hoppe und ihr Trio Third Reality. Hoppe kam zurück nach Hause, daher waren im Heimathaus nicht nur ihre Familie sondern auch Wegbegleiter aus Schulzeiten anzutreffen. Nach Studium in Bremen und der Schweiz, pendelt sie heute zwischen New York und Hamburg, spielt Kontrabass und komponiert. So. Das ist die Ausgangslage.

Wie wenig ich von Jazz verstehe wurde mir ab dem ersten Takt bewusst. Das, was die Drei (später Sechs) dargeboten haben überstieg jedes Jazz-Klischee. Gut so. Doch wie um Alles in der Welt soll man beschreiben, was dann passierte? Mit David Leon am Saxophon und Tal Yahalom an der Gitarre fing sie an zu zaubern. Ihre Lieder heißen zum Beispiel: Mauerbauertraurigkeit, 8 Hungry Birds & A Sick Weasel oder The Weirdness Of You.
Völlig irre, welch Witz sie in die Musik bringt. Ihre Kompositionen sind komisch und verrückt. Anstrengend und neugierig machend. Extrem lässig und herausfordernd. Genauso David Leon am Saxophon; den Schalk, den er im Blick hat, hat er auch im Spiel: virtuos, schräg, genau. Tal Yahalom war das Grinsen aus dem Gesicht nicht zu nehmen, so sehr hat er es genossen. Und Lisa Hoppe selbst: Die Ruhe in Person, die mit einer Leichtigkeit ihrem großen, schönen, warmen Instrument die verschiedensten Töne entlockte. Die Ergänzung um Yumi Ito ("Gesang"), Tom Millar (Piano) und Phelan Burgoyne (Schlagzeug) machte es noch irrer.
Das ist Avantgarde. Das ist Hochkultur. Das ist pure Unterhaltung. Das sind Bilder im Kopf.
Und da mir die Worte fehlen, diese musikalisch herausragende, außergewöhnliche Darbietung zu beschreiben, hier mein Bild im Kopf aus den ersten zwei Stücken:

Ein Mensch geht durch eine Großstadt. Durch verregnete Straßen, die von großen, unpersönlichen massiv-grauen Häusern begrenzt ist. Das Bild ist schwarz-weiß. Er ist klassisch im Dreiteiler gekleidet, trägt Hut. Was um ihn herum passiert ist unwichtig, doch es herrscht leichte Hektik, von der er aber nicht direkt betroffen ist. Autos fahren vorbei, andere Passanten queren seinen Weg. Es ist nichts zu hören. Unser Mensch geht dennoch schnell, ist etwas getrieben.
Dann bricht das Bild.
Mit einem großen, unvorhersehbarem Knall wird die Szenerie mit Farben gefüllt: BAM! Gelb, pink, hellblau! Es knallt an jeder Ecke. Es ist grell, unruhig und sticht direkt ins Auge. Wie auf Droge. Das Tempo vervielfacht sich. Es wird laut, wirklich hektisch, leicht angsteinflößend. Der Sprung des Bildes ist ein Blick in seine Gedanken. Das Bild verzerrt sich von oben bis unten, doch Umriss und Setting bleiben erkennbar.
Cut. Aus.

Lisa Hoppe's Third Reality spielen heute noch in Essen im Goethebunker.
8.11. - Bern, SonarraumU64
9.11. - Zürich, Rechberg

Freitag, 1. November 2019

KW 44, 2019: Die luserlounge selektiert!

Quelle: ontvtonight.com
(ms/sb) Stichwort neue Musik. Oft ist die Auswahl, die wir hier jeden Freitag präsentieren dem Zufall zu verdanken. Wir schnappen was auf oder klicken die richtige Mail an und werden überrascht, überwältigt und müssen es euch mitteilen. Oder die Gruppen, die wir eh seit neustem oder vielen Jahren verfolgen, versorgen die Welt mit neuen Tönen und Terminen.
Doch vieles bekommen wir ja auch nicht mit, ist klar. Oder klicken wir auch gar nicht an. Das ist auch Zufall. Bis zu einem gewissen Punkt. Dass wir über Peter Maffay, Silbermond, Matthias Reim oder die Kelly Family nicht berichten, ist klar, obwohl es uns angeboten wird. Hinzu kommt eine weitere Kategorie: Junge Bands, die mit Die ... anfangen. Das ist definitiv ein Wink zu pseudointellektuellem Megaschrott. Beispiele: Die Kerzen, Die Quittung oder Die Cigaretten. Sie nehmen das Geniale des 90er-Jahre deutschsprachigen Gitarrenrock à la Die Sterne oder Tocotronic und machen einen furchtbaren Hipsterschrott daraus; schrammelnde Gitarren oder 80er Synthiesound. Weiteres Erkennungszeichen: Schlimme Videos; auch bei diesen Gruppen zu finden.
So. Eine kleine Provokation. Muss ja auch mal sein.
Nun servieren wir die Auswahl der Woche. Hier ist die Luserlounge. Wir haben selektiert!

Turbostaat
(ms) Eine irre Herausforderung. Bestechend viel Energie. Geballte Fäuste. Gitarren, Bass, Schlagzeug, Gesang. Wirklich viel Köpfchen dabei. Ungefähr so kann man die Texte von Turbostaat beschreiben. Was dauert es oft, diese in Gänze zu verstehen? Ja, es geht auch kryptisch zu, aber zu einem Großteil so sehr um die Ecke gedacht, dass die tatsächliche Genialität der Lieder erst spät klar wird. Der Sound ist ja eh immer ungeheuer mitreißend. So auch auf Rattenlinie Nord! Große Vorfreude, dass es neues Material und ein neues Album gibt. Uthlande erscheint über PIAS am 17. Januar und wird nicht nur uns wegblasen, davon gehen wir aus. Über den Inhalt des Songs könnt ihr auch woanders nachlesen, wir möchten nur äußern, dass hier eine der allerbesten deutschsprachigen Bands - ja, genreübergreifend - ein neues Werk ankündigt! Insbesondere das dieses Jahr erschienene Live-Album Nachtbrot ist so irre gut, dass Uthlande nur überwältigend werden kann. Erwartungen: Groß! Wahrscheinlichkeit, dass sie übertroffen werden: Noch größer!
Natürlich halten wir Euch mit einer Review und allem drum und dran auf dem Laufenden. Auf die Tour sei auch hingewiesen, denn: Berlin Nr. 1 ist schon ausverkauft!

13.02.20 - Jena, Kassablanca
14.02.20 - Köln, Kantine
15.02.20 - Mainz, Kuz
19.02.20 - Hamburg, Markthalle
20.02.20 - Berlin, Festsaal Kreuzberg (Zusatzkonzert)
21.02.20 - Berlin, Festsaal Kreuzberg (ausverkauft)
22.02.20 - Dresden, Tante Ju
03.04.20 - Bremen, Schlachthof
04.04.20 - Düsseldorf, Zakk
05.04.20 - Aschaffenburg, Colosaal
07.04.20 - Marburg - Kfz
08.04.20 - Wien, Werk
10.04.20 - Leipzig, Conne Island
11.04.20 - Rostock, M.A.U. Club
30.10.20 - Hannover, Capitol
31.10.20 - Münster, Sputnikhalle



Agnes Obel
(ms) Pssst. Nehmt euch mal eben mindestens fünfeinhalb Minuten Zeit. Handy lautlos, Fenster und Türen zu, vielleicht Kopfhörer aufsetzen, Licht ausmachen um einen möglichst hohen Grad an Isolation zu erschaffen. Den, viel Ruhe und Aufgeschlossenheit braucht es, um die neue Single von Agnes Obel zu genießen. Island Of Doom ist so zart, beinahe zerbrechlich, dass der Track beinahe mit Samthandschuhen angefasst werden sollte, sonst zerschellt er in der Hektik des Alltags. Ganz zurückhaltende Klaviertöne, Chor im Hintergrund und ein wenig Experimentierfreude mit der eigenen Stimme lassen einen beeindruckenden Song entstehen. Worum es geht? Die schmerzliche Erkenntnis, dass man mit jemandem, der einem lieb ist aber verstorben ist, nicht mehr reden kann. Was hätte man alles wissen wollen?! Was wären noch für bleibende Momente da gewesen?!
Das dazugehörige Album Myopia - zu Deutsch Kurzsichtigkeit - erscheint am 21. Februar bei Deutsche Grammophon. Man ahnt, auf welchem Niveau hier Musik gemacht wird. Bitte vormerken!

29.02. Köln, Carlswerk Victoria
01.03. Mannheim, Capitol
02.03. Hamburg, Laeiszhalle
04.03. Wien, Arena
05.03. Zürich, Samsung Hall
16.03. Berlin, Admiralspalast
17.04. München, St Matthäus Kirche



Kele
(sb) Was bisher geschah: Kele Okereke ist in erster Linie bekannt als Kopf von Bloc Party und hat mit seiner Band einige großartige Alben aufgenommen. Als Solokünstler konnte er mich bislang selten überzeugen, mit 2042 (VÖ: 08.11.) unternimmt der Sänger einen neuen Anlauf - und hurra, mir taugts! Die politische Komponente kommt nicht zu kurz, die Tatsache, dass Rassismus im Jahr 2019 präsent wie eh und je ist und selbst (oder gerade?) erfolgreiche dunkelhäutige Menschen diesem ausgesetzt sind, verfolgt Kele auf seinem Album konsequent. Musikalisch beeindruckt vor allem die extreme Bandbreite, die von gefühlvollen Balladen über elektronische Klänge bis hin zu treibenden, Bloc Party-ähnlichen Rhythmen reicht. Erstaunlicherweise hat Kele mit Jungle Bunny, Between My And My Maker und Guava Rubicon bisher ausgerechnet die drei Tracks ausgekoppelt, die mir auf 2042 am wenigstens zusagen - und selbst die fangen einen irgendwann ein. Sehr starkes Album!



Cold War Kids
(sb) Gefühlt schwirren die Cold War Kids ja schon eine Ewigkeit durch meinen Musikkosmos, immer wieder poppt der Name irgendwo auf - und doch habe ich mich bisher noch nie so richtig mit der Band aus Kalifornien auseinandergesetzt. Entsprechend überrascht bin ich jetzt tatsächlich, was meine Ohren zu Hören bekommen. Ich hatte da was anderes erwartet, etwas deutlich Härteres. Hm, viel Pop, wenig Rock, ganz wenig Indie... Da muss ich mich jetzt erstmal dran gewöhnen, der erste Eindruck nach ein paar Mal Durchhören ist jedoch eher durchwachsen, zu austauschbar erscheint mir das Ganze mit ganz wenigen Ausnahmen. Mitunter erinnert es fast ein wenig an Friska Viljor, wobei das ja bekanntlich nicht die schlechteste Referenz ist. Hört Euch New Age Norms, Vol. 1 (VÖ: heute!) einfach mal und entscheidet selber! Die Scheibe stellt übrigens den Auftakt einer geplanten Album-Trilogie dar, man darf also gespannt sein, wie es weitergeht - Hipstermodus oder Indie?


Nosoyo
(sb) Tanzbarer Elektropop mit Attitüde: Willkommen in der Welt von Nosoyo! Mit Glitter schmettern die beiden Wahl-Berliner eine Hymne ans Selbstwertgefühl in die Welt, die Hüften und Beine zum Wackeln bringt. Die Message ist klar: Glaub an Dich, lass Dich nicht von Deinem Weg und Deinen Träumen abbringen. Auch der Rest der famosen Glitter To My Sisters EP (VÖ: 06.12.) fällt qualitativ keinen Deut ab und macht das niederländisch-deutsche Duo zu einem heißen Tipp für die Vorweihnachtszeit. Wer sich das anhören möchte, der hat vorab bereits live die Möglichkeit dazu:

03.11. Leipzig, Täubchenthal
04.11. Berlin, Privatclub
06.11. Zürich, Exil
07.11. München, Muffatcafé
08.11. Wien, Werk
10.11. Köln, Studio 672


Hannes Wittmer & Clara Jochum
(ms) Über Preise berichten wir so gut wir gar nicht. Ab und an mal über den Preis für Popkultur. Diesbezüglich ist die Folge Fest & Flauschig mit Deichkind hörenswert, wo es ein ganz kleines bisschen über Muster bei der Vergabe geht.
Doch hier geht es jetzt um einen anderen. Um einen, den die Ausgezeichneten auch nicht auf sich zukommen sahen: Hannes Wittmer und Clara Jochum. Wittmer ist/war bekannt als Spaceman Spiff und macht nicht nur Musik, sondern sich auch Gedanken über die Wertschöpfungskette Musikbusiness und entzieht sich dieser auf beeindruckende und irre sympathische Art. Für das Stück Das Hirn Ist Ein Taubenschlag am Hamburger monsun.theater haben sie die Musik geschrieben und in den Aufführungen auch gespielt. Äußerst dilettantisch muss ich zugeben überhaupt nicht zu wissen, worum es in dem Stück geht. Egal. Ich möchte hier nur verkünden, dass diese wunderbaren Musiker den Theaterpreis Hamburg für Herausragende Komposition und Musik gewonnen haben. Und es sei ihnen von Herzen gegönnt. Ein Preis für Hochkultur, der den beiden zeigt, auf welchem Niveau sie eigentlich agieren.
Wahrscheinlich spricht Hannes davon auch auf seiner anstehenden Solo-Tour, die wie immer auf Pay-What-You-Want-Basis läuft. Wir sehen uns!

09.11. Osnabrück - Kleine Freiheit
10.11. Haldern - Pop Bar
11.11. Langenberg - KGB
12.11. Hannover - Lux
13.11. Hamburg - Nachtasyl
14.11. Dortmund - Kino im U
15.11. Berlin - Monarch
17.11. Leipzig - Werk 2
20.11. Köln - Artheater
22.11. Mannheim - Forum
23.11. Frankfurt - Brotfabrik



Grim104
(ms) Wie billig ist es eigentlich eine schaurig-gruselige EP am 31. Oktober zu veröffentlichen?! Sehr! Und das hat die Hälfte von ZM mit der Engelsstimme, grim104 überhaupt nicht nötig. Seit gestern könnt ihr die EP Das Grauen, Das Grauen beim Streamingdienstleister eures Vertrauens hören und als Picture-Vinyl erwerben. Satte 10 Titel bietet die Platte, sehr untypisch für eine EP. Einschränkung: Es gibt 3 Skits, Kurzlieder, je nach dem wie man es nennen will, sodass die Netto-Track-Anzahl für eine EP immer noch stark ist. Und worum geht es?! Die Songs machen dem Titel alle Ehre, es geht zum Teil wirklich übel zu. Nicht nur großer Hass auf Berlin und das moderne Leben (Das Grauen) kommen zur Geltung. Sondern vor allem Abel'19 ist hart. Es geht tatsächlich darum, wie der Protagonist in eine Schlägerei gerät, durch physische Gewalt bewegungslos auf dem Boden liegt und schließlich...
Gewohnt aggressiv, vulgär und extrem pointiert. Diese EP ist ein Knaller! Der Release zu Halloween (oder wie wir hier im Norden sagen: Reformationstag) ist nichts als ein PR-Gag, die Songs hart, direkt, teils angsteinflößend. Selten solch eine Art von Musik gehört!

27.11.2019 -  Berlin, Berghain Kantine (ausverkauft)
09.01.2020 - Hamburg, Uebel & Gefährlich
10.01.2020 - Leipzig, Naumanns
11.01.2020 - Wien, Flex Café
12.01.2020 - Nürnberg, Desi


Samstag, 26. Oktober 2019

Live in Ahausen: Jon Flemming Olsen

Foto: Sven Pipjorke
(ms) Schon länger frage ich mich, was die Gesellschaft zusammenhält. Wo das Herz schlägt, der Puls, das Gute und Schöne, das so wichtig ist. Zu einem sehr großen Teil sind es meines Erachtens die viel zu schlecht bezahlten Menschen in der Pflege, der Erziehung (ja, auch die Lehrer), Feuerwehr, Polizei und Sanitäter. Zudem: Die Müllabfuhr und all die unsichtbaren Hände, die unseren Alltag erst ermöglichen.
Daneben gibt es noch Menschen, die etwas für die Muße tun und als Muse agieren: Kunst, Kultur, Musik, Film, Schauspiel.
Und die sind auf dem Land noch viel wichtiger als in den (größeren) Städten, wo die Infrastruktur ohnehin da ist.
Zoomen wir also in unserer inneren Landkarte auf Niedersachsen, Richtung Bremen, etwas weiter westlich in den Landkreis Diepholz. Da liegt Ahausen. Noch nie davon gehört? Klar, dort wohnen auch nur etwa 200 Menschen. Und ein großer Teil derer fand sich gestern Abend beim sogenannten Ahauser Herbst im Kulturhof wieder. Wie das bei solchen Veranstaltungen üblich ist, ist der Altersdurchschnitt hoch und der Anteil an pensionierten Lehrern sicher auch. Da muss was dran geändert werden. Das dachten sich mit Sicherheit auch die Veranstalter. Denn: der Eintritt zum unfassbar tollen Konzert von Jon Flemming Olsen und auch den anderen Veranstaltungen an diesem Wochenende sind umsonst; klassisch ging der Hut rum, sodass alle - unabhängig wie (oder ob) das Portemonnaie gefüllt ist - kommen können. Das hält die Gesellschaft auch zusammen!
Der Kulturhof liegt an einer unscheinbaren Durchfahrtsstraße. Ein Lagerfeuer draußen und ausgestellte Bilder drinnen haben eine sehr heimelige Atmosphäre erzeugt. Um die Bühne Stühle im Halbkreis; dazu bezahlbare Getränke. Der Künstler des Abends, Jon Flemming Olsen, ist vielen eher als Ingo mit Ananasfrisur aus Dittsche bekannt. Seit vielen Jahren macht er auch Musik, neben Texas Lightning auch solo. So standen auf der Bühne fünf Gitarren und durch ein Pedal bedienbar eine Pauke und ein Schellenkranz. Die Einmannband.
In zwei Sets, die insgesamt bei gut 90-100 Minuten lagen, sang er von Liebe, Landschaft, Hoffnung, Verzweiflung und immer wieder fein Unterhaltsamen. Höhepunkt war sicher Unerreichlich Schön, eine Situation, wo man einen Gegenüber sieht, der einen fasziniert doch man traut sich einfach nicht mal rüber zu gehen. Kennen wir alle. Olsen hat dies in ein bemerkenswert gefühlvolles Lied gepackt. Das Lied wird Teil des neuen Albums sein, das er am 8. Dezember live einspielen wird. Aber nicht mit Publikumgeräuschen und Applaus. Es geht ihm um die Atmosphäre, dass durch die Boxen schallt, welche Energie zwischen Künstler und Publikum entstanden ist. Kann, sollte man hier via Crowdfunding unterstützen! Auf das Ergebnis bin ich jetzt schon extrem gespannt, denn der Anspruch ist hoch und die Idee klasse!
Der Auftritt in Ahausen war extrem kurzweilig. Lag natürlich auch daran, dass Olsen Bühnenprofi ist und seine mitunter melancholischen Lieder mit schmunzelnden Ansagen garniert hat. Ein toller, runder, schöner Abend. Auch das hält die Gesellschaft zusammen. Davon bin ich überzeugt.

Jon Flemming Olsen spielt demnächst noch hier. Geht da hin. Für hörenswerte Musik und um den Altersdurchschnitt zu senken.

09.11. - Buxtehude, Theater im Hinterhof
15.11. - Hildesheim, Littera Nova
16.11. - Berne, Kulturmühle
17.11. - Boostedt, Hof Lübbe
21.11. - Bielefeld, Jazz Club
22.11. - Gifhorn, Kulturbahnhof
08.12. - Hamburg, Schmidtchen

Freitag, 25. Oktober 2019

KW 43, 2019: Die luserlounge selektiert!

Quelle: facebook.com/agencia43
(sb/ms) Das dieswöchtige Zeilenfüllthema Nummer 1 ist natürlich die morgen anstehende Zeitumstellung! Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich behaupte, dass mir diese Angelegenheit vollkommen am Allerwertesten vorbei geht. Die einzige Sache, die ich immer etwas schade finde bei der herbstlichen Umstellung: die frühe Dunkelheit. Doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier und so regen wir uns genau ein, zwei Tage darüber auf und dann ist das auch wieder egal. Ob es die Zeitumstellung gibt oder nicht, das ist gesellschaftlich ein durchaus brisantes Ding. Bei einer europaweiten Abstimmung vor ein, zwei Jahren haben sich enorm viele Menschen daran beteiligt. Meine Vermutung: weil es so schön banal und auch irgendwie egal ist. Nur kann man halt so schön am Stamm- oder Kaffeetisch darüber reden. Wenn man pensioniert ist und das der Aufreger ist. Bei brisanteren Themen - Tempolimit auf deutschen Autobahnen, Finanztransaktionssteuer, fleischfreie Tage in der Kantine, Verbot von diesen dünnen Plastiktüten in der Obst- und Gemüseabteilung - müsste man sich ja damit beschäftigen, weil es Auswirkungen gibt. Also halten wir fest: Kleiner Aufreger am Sonntag und Montag.
Bis dahin reichen unsere Empfehlungen und Anmerkungen aus dem Reich der Musik in jedem Fall. Denn wir sind die Luserlounge. Es ist Freitag. Wir haben selektiert!

Camouflage
(sb) Good ol' times... Satte 30 Jahre hat das Album Methods of Silence auf dem Buckel, zum Jubiläum gibts nun ein Re-Issue mit reichlich Bonusmaterial. In den späten 80ern waren Camouflage omnipräsent und erreichten im Schatten der großen Depeche Mode mit ihrem Synthie-Pop regelmäßig die Top 20 der deutschen Charts. Mann, ist das lange her! Ihre beiden größten Hits The Great Commandment und Love Is A Shield sind aber auch heute noch Radio-Dauerbrenner und gerade Letzterer wird in Südamerika als beliebter Hochzeitssong genutzt. So sehr ich den Track auch liebe, aber zu dem Anlass hatte ich andere Präferenzen... Wie dem auch sei: Love Is A Shield ist natürlich der Hit des Albums und folglich gleich in sieben (!) verschiedenen Versionen vertreten. Methods of Silence (VÖ: 01.11.) ist eine Zeitreise der angenehmen Art und wer einsteigen und mitreisen möchte, der sollte sich beeilen, denn die Jubiläums-Edition ist auf 500 3-LP-Sets und 1.500 Doppel-CDs limitiert.


Young Guv
(sb) Er ist schon ein wahrer Tausendsassa, der gute Young Guv: Erst im August veröffentlichte der Brite sein erstes Album, nun legt er bereits mit Young Guv II (VÖ: heute!) nach. Krasse Frequenz! Man muss fairerweise aber auch sagen, dass das genau so geplant und die Scheiben auch als Doppel-LP-Serie angelegt waren. Das ändert aber nichts daran, dass die Kreativität nur so aus dem Künstler rauszusprudeln scheint. Mir persönlich gefiel der erste Streich einen Tick besser, weil einzelne Tracks besonders positiv herausstachen, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Es gibt wieder ansteckende Popsongs mit ergreifenden Refrains auf die Lauscher und die Texte sind nicht nur witzig, sondern auch hinterfotzig kritisch.


Death Machine
(sb) Hui, was kommt denn da auf uns zu? Irgendwas zwischen Slayer und Morbid Angel? Mitnichten, denn Death Machine legen mit ihrem martialischen Bandnamen geschickt eine falsche Fährte und überraschen dann mit deutlich moderateren Tönen. Statt Metal gibts eine Melange aus traditionellem Folk, akustischen Elementen und alten Synthesizern auf die Luser, die einen ein ums andere Mal durch ihre Wirrungen und Wendungen überrascht.
Jesper Mortensen, das Mastermind hinter Death Machine, hat übrigens eine beachtliche Charts-Historie aufzuweisen und kann mit vorherigen Projekten bereits Top 5-Positionen im UK, in den USA, in Japan und in seiner dänischen Heimat vorweisen.
Im Januar 2020 werden Death Machine mit ihrem neuen Album Orbit (VÖ: 15.11.) auch einige Clubs in Deutschland und der Schweiz beehren und für reichlich Gänsehaut sorgen:

11.01. Hamburg (DE), Warenwirtschaft
12.01. Hanau (DE), Elis
13.01. Salzburg (AT), Academy
14.01. Klagenfurt (AT), Wohnzimmer
15.01. Wien (AT), Fluc
18.01. Marburg (DE), Q


Violetta Zironi
(ms) Songs, die sofort eine ganz bestimmte Atmosphäre erzeugen, strahlen viel Magie aus. Wenn sich dazu noch Bilder vor dem inneren Auge aufbauen, wird es noch besser. Heutiges Beispiel: Violetta Zironi mit ihrer neuen Single Hungry To Kill. Uff, bitterböse Ansage, die in einem sanften, chanson-ähnlichen Soundgewandt eingebettet ist, das an französische Leichtigkeit erinnert, an großen Film, rote Teppiche, Glamour, Show und klirrende Prosecco-Gläser! Inhalt des Liedes: Ein verarbeiteter Alptraum, in dem sie blind vor Liebe ihrem Gegenüber die krudesten Taten niemals zugetraut hätte, bis er sie nichts ahnend die Treppe runter stößt und seine Augen genau dieses Böse ausstrahlten. In drei Minuten erzählt sie diese Geschichte, deren schönes lalala sich herrlich im Kopf festkrallt. Das könnte locker in einem Tarantino-Film, bei dem Inhalt und Musik ja gerne mal auseinanderdriften. Besonders erstaunlich ist die musikalische Entwicklung der Italienerin. Denn bislang hat sie zwei EPs veröffentlicht (die jedoch bald zusammen plus neuem Material als Album erscheinen werden). Auf dem Erstling Scenes From My Lonely Window probiert sie sich noch im Folkpop aus, bereits auf dem Nachfolger Half Moon Lane ist eine eigene, wesentlich filigranere Handschrift zu hören. Mit der neuen Single setzt sie dem ganzen den Hut auf. Breiter im Sound, spitzfindiger arrangiert. Zironi kann man bald hier bestaunen, das könnte wahrscheinlich sehr, sehr gut werden:

06.02. Hamburg, Nochtwache
07.02. Berlin, Prachtwerk



Trixsi
(ms) Was machen eigentlich die Musiker von Love A, Findus, Herrenmagazin oder Jupiter Jones?! Genau! Sicherlich saßen sie beim kühlen Feierabendgetränk zusammen und haben sich gedacht: Lass' mal noch 'ne Band machen, die irgendwie wie wir alle, aber doch neu klingt. Gesagt - getan! Es wurde geboren: Trixsi! Gitarren, Bass, Schlagzeug, Mechenbiers Stimme und fertig ist das Ding. Es mäandert zwischen Rock, Pop und Punk. So wollen wir das. Erwähnenswerte Anekdote: Während des diesjährigen Orange Blossom Special Festivals - dem (!) musikalischen Feinschmeckerevent in Beverungen - also währenddessen... also im Set, mitten im Song... haben sie einen Plattenvertrag beim Veranstalter-Label Glitterhouse unterzeichnet. Gefällt uns sehr. Album kommt im Frühjahr, Liedmaterial gibt es jetzt schon zu hören:



Naima Husseini
(ms) Liebe Musik, ich lasse mich so gern von dir verzaubern und ich mag es noch mehr, wie du - aus unerfindlichen Gründen - für mich verschollene Künstler und Künstlerinnen wieder ins Bewusstsein rufst. Bei Naima Husseini trifft genau das (wieder) zu! Vor vielen Jahren hat sie zusammen mit der tollen Alin Coen eine TV Noir-Tour gespielt; in bestuhlten Räumlichkeiten. In Münsters Sputnikhalle war es saukalt und sauschön! Und nun kommt die hörenswerte Neuigkeit, dass sie unter dem verkürzten Namen Naima ein neues Album veröffentlicht. Heute (!!!) erscheint Funken bei euren Lieblingsanbietern. Zehn ganz feine, runde, extrem stimmige Stücke warten darauf aufmerksam gehört zu werden. Trotz der beiden englischen Titel On The Run und Gang Of One sind alle Lieder auf deutsch gesungen. Die inhaltliche Nähe der Lieder - Privates, Schmerzliches, Ehrliches, Aufbauendes - wird dadurch untermauert, dass die Platte mit Band live eingespielt wurde. Da meint man die Musiker direkt um sich zu haben. Ideal für diese Jahreszeit. Eine Tour wird sicher folgen, wir halten euch auf dem Laufenden!
Danke, liebe Musik!



Rikas
(ms) Der 14. Juli im letzten Jahr war ein sehr warmer und sehr schöner Tag. Mit Freunden habe ich ihn beim Nah Am Wasser Festival in Münster verbracht, das zum ersten Mal stattfand. Direkt als erstes haben wir die Band Rikas gesehen, die mir bis dato unbekannt war. Nach dem kurzen Gig war ich mehr als angetan. Die vier Schwaben haben eine Energie, einen Groove und eine ungeheure Lässigkeit auf die Bühne gebracht, die ich vergleichsweise vorher nur bei den Parcels gesehen habe. Zufälligerweise sah ich sie wenige Wochen später noch bei der Breminale; vollkommen durchnässt aber beseelt haben sie uns beglückt.
Das Warten auf die erste Platte hat mit dem heutigen Tag ein Ende, denn nun ist Showtime erschienen. Das Potential der Band haben auch andere erkannt, und so hat das Quartett bei Columbia/Sony einen fetten Major-Vertrag unterschrieben. So habe ich mich aufs Reinhören gefreut und gar nicht wirklich mitbekommen, als der letzte Track endete. Also: nochmal hören. Aber: gleicher Effekt. Ich habe mich gefragt: warum passiert mir das? Und beim dritten, vierten Durchlauf ist es mir aufgefallen: Showtime ist leider, leider ein völlig höhepunktfreies Album. Mit einer zurück gelehnten Belanglosigkeit plätschert dieses Album nur so an mir vorbei. Hier und da wippt vielleicht mal der Fuß mit, aber das war dann auch das Höchste der Emotionen. Eine herbe Enttäuschung nach den tollen Live-Auftritten. Ich glaube, dass die immer noch so geniale Gigs spielen. Doch woher dieser verwässerte Klang auf dem Album kommt... ich weiß es nicht. Liegt es am Druck, am Major-Vertrag und deren Knebel?! Wie gesagt: Ich gehe davon aus, dass sie auf der Bühne immer noch großartig sind. Kann man sich hier von überzeugen:

12.11.2019 Erlangen, E-Werk
13.11.2019 Frankfurt, Das Bett
15.11.2019 Saarbrücken, Studio 30
21.11.2019 München, Strom
22.11.2019 AT-Wien, Rhiz
23.11.2019 AT-Linz, Stadtwerkstatt
27.11.2019 Tübingen, Sudhaus
28.11.2019 Köln, Artheater
29.11.2019 Hannover, Béi Chéz Heinz
30.11.2019 Kassel, Schlachthof
03.12.2019 Münster, Gleis 22
04.12.2019 Bielefeld, Movie
05.12.2019 Bremen, Lagerhaus
06.12.2019 Hamburg, Molotow
07.12.2019 Flensburg, Volksbad
10.12.2019 Leipzig, Moritzbastei
11.12.2019 Dresden, Altes Wettbüro
12.12.2019 Berlin, Badehaus
13.12.2019 Würzburg, Jugendkulturhaus Cairo
14.12.2019 Stuttgart, Im Wizemann

Montag, 21. Oktober 2019

No King. No Crown. & Eamon McGrath - Live im Treppenhaus

(sb) Samstag Abend, die Sonne geht langsam unter, die Fähre liegt bereit und ein Konzertabend, auf den ich mich schon lange freue, steht bevor. Bereits das ganze Jahr läuft Smoke Signals, das aktuelle Album von No King. No Crown. immer wieder zuhause und im Auto und ist mit Sicherheit eine der positivsten Überraschungen der vergangenen Monate. Ich muss ja gestehen: bis Dezember letzten Jahres waren mir René Ahlig und seine Mitmusiker völlig unbekannt, seit der ersten Singleankündigung jedoch ständig präsent und ich möchte die Musik nicht mehr missen. Klar, das ist alles andere als Partymucke und freudige Euphorie wird dadurch nicht gerade gefördert, aber wenn es darum geht, (Selbst-)Zweifel und Melancholie in Worte und Melodien zu packen, macht den Dresdnern kaum jemand etwas vor. Und wer hat sie nicht, diese Phasen, in denen man mit sich und der Welt unzufrieden ist, in denen nichts zu klappen scheint und in denen man sich am liebsten in eine dunkle Höhle verkriechen möchte?

So, hab ich Euch jetzt genug mit Psychomüll abgeschreckt? Ich hoffe ja nicht... Zurück zu Samstag: Natürlich hätte ich auch einmal um den Bodensee rumfahren können, aber wann hat man schon mal die Möglichkeit, mit dem Schiff zum Konzert zu fahren? Also mal eben 27 Euro gelöhnt, den Sonnenuntergang genossen, die ca. 40-minütige Überfahrt mit Musik überbrückt und sich den Wind um die Ohren pusten lassen. Doch ganz schön frisch an so einem Oktoberabend. Als die Fähre in Romanshorn anlegt, kommt mir die glorreiche Idee, noch schnell zu checken, ob man irgendwo Fußball mitnehmen kann und siehe da: ein Siebtligakick liegt auf dem Weg. Träumchen! Dass das dann ein müdes 0:0 werden würde, war ja nicht zu ahnen... Leicht durchgefroren also wieder ins Auto und endlich weiter nach Rorschach ins Treppenhaus. Zuletzt war ich vor fünf Jahren hier, als Wanda noch vor ihrem großen Durchbruch Station am Bodensee-Ufer machten, die Location ordentlich zum Schwitzen brachte und den Club mit 120 Leuten komplett ausverkaufte. Leider ist schon recht früh erkennbar, dass sich diesmal deutlich weniger Leute einfinden würden, denn als ich kurz vor 21 Uhr im Treppenhaus einfedere, sitzen die Musiker noch gemütlich beim Catering, draußen stehen kleinere Rauchergrüppchen und der Eingang zur Halle ist noch gar nicht geöffnet. Hm, schade eigentlich, aber der Vorfreude tut dies keinen Abbruch, zumal mit Eamon McGrath ein Künstler als Support dabei sein wird, den ich kürzlich auch musikalisch kennenlernen durfte und dessen aktuelles Album Guts wirklich klasse ist.

Ich hatte ja erwartet, dass der Kanadier solo und akustisch performen würde, aber falsch gedacht: Vier Musiker samt Instrumentenarsenal machen sich auf der kleinen Bühne des Treppenhauses breit und geben ordentlich Gas. Die doch eher gemächlichen und folk-lastigen Studioversionen werden ordentlich aufgepeppt und mitunter deutlich rockiger interpretiert. Sowas gefällt mir ja sehr gut, weil man dann erkennt, was wirklich in einem Song steckt. Schon krass: Der Typ hat über 300 Songs geschrieben, acht Alben veröffentlicht, verfasst beeindruckende Lyrics und spielt jetzt hier fernab der Heimat in Mini-Clubs in Schaan (Liechtenstein), Bad Ragaz (Schweiz) und Bremerhaven. Muss man auch mögen. Das klingt erstmal leicht deprimierend und wenn man jetzt noch bedenkt, dass an diesem Abend nur rund 30 Leute den Weg ins Treppenhaus gefunden haben, könnte sich fast sowas wie Mitleid breitmachen. Aber nein! McGrath haut alles raus und legt ein zwar kurzes, aber umso intensiveres Set hin, das sein komplettes musikalisches Spektrum perfekt abbildet. Besonders beeindruckend sind die Live-Versionen von Guts und Yellow Sticker On An Empty Fridge vom aktuellen Album. Hört Euch das unbedingt mal an.

Es folgt die obligatorische Umbaupause und hier packen die Künstler noch selber an. Nach gut 20 Minuten gehts weiter und als No King. No Crown. die ersten Töne ihres Hits Smoke Signals erklingen lassen, stehen sie quasi alleine in der Halle. Eine kurze Ansage wäre vielleicht gar nicht so falsch gewesen. Nach ein paar Takten aber setzt sich das Publikum in Bewegung und siedelt vom Café wieder über in den Club. Klar, auch die Dresdner hätten sich nach ihrem ausverkauften Tourauftakt abends zuvor in Würzburg ein paar Zuschauer mehr erhofft, aber auch so spielen sie ein unfassbar schönes Konzert. Gesang, Gitarre, Percussion, Keyboard, Banjo, Geige - und ganz viele Emotionen. Es ist wirklich eine Schande, dass No King. No Crown. maximal als Geheimtipp durchgehen, denn was René Ahlig da zu Papier bringt und später mit seinen Kollegen vertont, ist einfach nur wunderschön. Wenn in Unwritten Letter das bessere Ich zur Feder greift und einem aufzeigt, was man alles an sich ändern und verbessern könnte, geht man automatisch in sich, schließt die Augen und kommt ins Grübeln. Und dann öffnet man die Augen wieder, sieht einen fast zwei Meter großen Mann und hört dessen sanfte Stimme, die einem so oft aus dem Herzen und aus der Seele spricht.

No King. No Crown. springen gekonnt zwischen ihren beiden bisherigen Alben hin und her, wir erfahren, dass Ahlig schon zum dritten Mal im Treppenhaus auftritt und dass ihn selbst 1,4 Millionen Streams des Tracks Without Yesterday auf Spotify - wen wunderts? - nicht reich gemacht haben. Das Publikum ist zwar nicht immer ganz aufmerksam und redet meines Erachtens während des Konzerts etwas zu viel, ist jedoch auch dankbar für so viel Einsatz der Band und honoriert den Auftritt mit reichlich Applaus. Die Dresdner nutzen die doch sehr intime Atmosphäre, um ihren Songs eine besondere Intensität zu verleihen, sodass sich jeder Zuhörer persönlich angesprochen fühlen kann. Ob Dear Doubt, Ahligs Ode an das mangelnde Selbstvertrauen, oder die Zeile "You just drowned the optimist in me" in Gold And Silver - es mangelt nicht an Momenten, in denen man ganz tief schlucken muss, um eine Träne zu verdrücken. Für mich als Nicht-Musiker ist das immer sehr schwer nachzuvollziehen, wie man es schafft, solche Gedanken, solche persönlichen Emotionen, so ausdrücken zu können und diesen Seelenstriptease dann nicht nur auf Platte hinzulegen, sondern später auch noch vor anderen, im Regelfall unbekannten, Menschen. Und so sehr ich mich in vielen Songs bei No King. No Crown. wiederfinde, so sehr ich es schätze, in ihrer Musik aufzugehen, so sehr wünsche ich dem sympathischen Songwriter doch, dass er es schafft, seine Selbstzweifel hinter sich zu lassen, denn was er da an Musik schafft, ist ganz großartig und verdient es, gehört zu werden. Wer es in den kommenden Tagen nicht zu einem der noch bevorstehenden Konzerte schafft, dem seien die beiden Alben ans Herz gelegt und - hurra! - der nächste Release ist schon für Anfang 2020 angekündigt. Es handelt sich dabei um die Devon Island Session, in der René zusammen mit seinem Violonisten und Banjo-Spieler Ole sechs bekannte NKNC-Songs neu arrangiert und akustisch eingespielt hat. Jetzt schon auf Tour erhältlich (und Kaufpflicht!), demnächst dann auch vorbestellbar. Wir halten Euch auf dem Laufenden.

Hm, jetzt bin ich aber ganz schön abgedriftet... Um halb Zwölf ist ein sehr schöner und emotionaler Konzertabend leider viel zu früh zu Ende, die Zugaben sind nochmal richtige Highlights und dank der gekauften CDs vergeht auch die Heimfahrt (diesmal mangels Fährverbindung tatsächlich auf dem Landweg) wie im Flug, sodass ich um 1 zuhause aufschlage und mir erstmal ein Craft vom Rorschacher Kornhaus Bräu aufmache, um runterzukommen. Schön wars. Sehr sogar. Kommt bald wieder!