Freitag, 30. Oktober 2026

KW 44, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / arnikahossain
Wie schlimm sieht es wirklich aus und was kann ich tun? Also auch für mich selbst?
Seit ein paar Wochen habe ich das große Glück, eine analoge Uhr zu tragen. Wieder. Die letzte habe ich zur Konfirmation bekommen. Diese fetten Fossil-Uhren waren als beginnender Teenie schon der letzte Scheiß. Heute will ich einfach nur ein Ziffernblatt, das mir die Uhrzeit anzeigt. Ahja, das Datum ist auch dabei. Sonst nichts. Tick. Tack. Kein Bildschirm, es ploppt nichts auf, einfach nur die Zeit anschauen. Genial! Dazu auch noch irre schick! Ist so! Der größte - und gewollte - Effekt ist dabei, nicht so oft auf das doofe Handy zu schauen. Bin ja eh komplett abhängig. Eine kleine Rebellion am Handgelenk. Denn wenn die Büchse der Pandora erstmal leuchtet, dann schweife ich direkt durch tausend Apps. Werbeschrott bei Insta, Weltuntergang bei Bluesky, Wetter bei der Tagesschau und der x-te, völlig langweilige Artikel über die blöden Bayern beim Kicker. Das sind mit drei Daumenwischern viel zu viele Informationen. Das geht zwar schon in meinen Kopf rein, macht den aber matt. Wie Milchglas. Anders meine tolle, neue Uhr. Die tickt einfach nur vor sich hin. Da herrscht Friede. Sie will auch eigentlich nichts. Genial. „Wer heut‘ noch was auf sich hält, liebt ein analoges Mädchen in einer digitalen Welt“ - Fortuna Ehrenfeld.

Döll
(Ms) Es gibt einfach zu viel gute Musik. Können wir uns auf diesen Grundsatz einigen?! Ich würde am liebsten hauptberuflich nichts anderes machen als das hier: Neue Musik entdecken, Gedanken entwerfen, sie in Worte fassen und hoffen, dass andere das dann auch gut finden oder zumindest mal davon gehört haben. Mädness höre ich seit einiger Zeit, doch es ist wie verhext, dass sein Bruder, Döll, kaum auf meinem Radar ersichtlich ist. Bis jetzt. Es gab keinen zwingenden Anlass für mich, nur den großen Willen. Gut, dass mit Auf Keinen Fall jüngst ein neuer Track erschien. Oh, man! Was für ein unfassbar guter Rapper. Was für ein unfassbar hartes Leben. Was für eine irre Leistungen, in der Musik so tief in sein Innerstes blicken zu lassen. Glücksspielsucht ist echt eine üble Geschichte. Nicht nur weil so viel Zeit bei drauf geht, sondern leider auch schnell das liebe Geld. Der Song macht nicht unbedingt gute Laune, ist aber dafür umso wichtiger. Stark, stark, stark!


Berglind
(Ms) Wenn es direkt mit dem ersten Takt kickt, dann zaubert Musik mal wieder gehörig. Ach, wie gern lass ich mich verzaubern. Ich will auch wirklich nicht alles verstehen. Es einfach geschehen lassen. Auch nicht danach fragen, ob das jetzt nicht etwas zu poppig ist. Weg mit dem Musiksnobismus. Berglind heißt der neue heiße Scheiß aus Österreich offensichtlich. Es ist elektronisch. Es ist mitreißend. Es ist sehr gut! Streichelzoo heißt nicht nur die neue Single, die heute erscheint, sondern auch das gleichnamige, neue Album, das am 27. November rauskommt. Was für eine wunderbare, kluge Auseinandersetzung mit dem Ich. Wenn auch teils gar nicht so gewollt. Denn wirklich ist machen wir uns ja ganz schön was vor. Und mit der tollen Zeile „Hast du dir nur diesen Traum geliehen“ trifft die Musikerin ja den Nagel auf dem Kopf. Zusätzlich wirklich elektrisierend. Da macht es Peng! im Nervensystem - genial!


Zweilaster
(Ms) Der Kampf gegen die Moderne. Ich liebe ihn. Nicht allen Scheiß mitmachen. Mal wieder in den Wald gehen. Einfach mal Nudeln statt Kombucha. Obwohl, ist ja auch echt geil. Egal. Nicht alles mitmachen. Vor allem nicht allen gefallen wollen. Manchmal bin ich viel zu sehr Diplomat. Mehr anecken. Mehr nerven. Geil! Zweilaster haben dazu einen mächtigen Smashhit im Gepäck! Freundin heißt der Track, der heute frisch rausgekommen ist. Es schrammelt so gut, es übertönt gewaltig, es ist voller Herzblut. So soll es sein, oder?! Und die gebrüllten guten Ratschläge an ein Gegenüber sind eventuell auch nur ein Blick in den Spiegel. Poesiealbum - was für ein genialer Name für eine Platte - erscheint am 27. November und könnte ganz schön gut werden!


Grey Flamingo
(Ms) Vor vielen, vielen Jahren ist auf der Ems ein Schiff gegen eine Brücke gefahren. 13 Jahre ist das her, habe ich gelesen. Seitdem fährt dort keine Bahn mehr von Deutschland in die Niederlande. Das ist jetzt vorbei! Genial! Eine neue Zugverbindung lebt, die sogenannte Wonderline. Nur in Leer umsteigen und beispielsweise von Bremen in unter drei Stunden entspannt nach Groningen! Das ist doch ein super Anlass, sich mal über Musik aus den Niederlanden Gedanken zu machen. Denn da fällt mir irgendwie nichts zu ein. Gar nicht negativ gemeint. Ich kenne schlicht keine Band aus den Niederlanden. Okay, Chantal Acda. Sie ist großartig! Grey Flamingo kommen aus aus den Niederlanden und das Tolle ist, das fast nichts über die Band bekannt ist. Also schön auf die Musik konzentrieren: entspannter, melodiöser, teils leicht dramatischer, eingängiger, sehr zugänglicher Frickelpop. Viele schöne Details. Die Band breitet einen warmen Klangteppich aus, auf dem man ein bisschen abhängen kann. Happy Songs For Shady People heißt ihr neues Album - unglaublicher Titel! Also, liebe shady people, gebt euch das. Es ist sehr gut! Und mal wieder in die Niederlande fahren, okay? Gut.

Editors - Surface, Echo & Sound

Foto: Rahi Rezvani
(Ms) Am 30. Oktober erscheint ein neues Album der Editors. Eine Band, bei der ich unter keinen Umständen objektiv bleiben kann. Zu lange höre ich sie, zu gut finde ich sie, zu oft (wenn es das überhaupt gibt) habe ich sie gesehen. Da sind die eigenen Erwartungen schon sehr hoch. Es geht mir dann nicht nur im den Sound, sondern auch um die Gefühle, die die neuen Lieder in mir auslösen. Können, sollen.

Eine Verbandelung von Kang und Emotion steht für mich seit Ewigkeiten bei den Editors ganz weit vorn. Eine Energie, die mich packt, die mich die Faust ballen lässt und in der einfach unglaublich viel Wucht steckt. Es sind die Songs, bei denen Tom Smith auf der Bühne auch völlig freidreht. Da sind Tracks wie Smokers Outside The Hospital Door, The Racing Rats, Papillon, Formaldehyde oder Marching Orders, die ganz viel Glanz haben. In diesen (und vielen anderen) steckt eine Energie, die das Leben bereichert und schlechte Tage ganz schnell vergessen lässt. Auch die elektronische Wandlung der Band finde ich absolut nachvollziehbar und stark!

Nun erscheint mit Surface, Echo & Sound eine neue Platte. Seit 23 Jahren gibt es diese Band, es ist ihr achtes Album. Und es klingt vollkommen anders. Sämtliche Synthesizer sind verschwunden, auch die E-Gitarren knallen hier nicht so, wie man es eventuell vermuten würde. Schon auf seinem Solo-Album hat Tom Smith einen eher reduzierten Ansatz verfolgt. Den hat er auch mit seiner Band nun umgesetzt. Tatsächlich weiß ich nicht genau, was ich davon halten soll. Denn da sind zwei Dinge: Möchte ich, dass diese mir so wichtige Band gewissermaßen immer das Gleiche oder Erwartbare macht oder lasse ich mich auch auf eine so verhältnismäßig sanfte Platte ein? Es nicht zu tun, wäre etwas zu versnobt. Doch eine dezente Enttäuschung liegt bei mir schon in der Luft.

Ja, das Album hat definitiv schöne Lieder zu bieten. Eine der ersten Singles, Call It In, weist einen spürbaren Drive auf. Nur halt ohne den absoluten, ausbrechenden Höhepunkt. Stattdessen treibt hier die Akustikgitarre. Zu Beginn von The Rush dachte ich tatsächlich, dass Coldplay hier am Werke seien, doch wurde wieder zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Ja, Surface, Echo & Sound ist definitiv ein Album, auf dem Tom Smiths Stimme mehr im Vordergrund steht. In einer emotional nahbareren Variante, nicht so nach vorn strebend, aber definitiv auch schön!
Ja, Shadow ist berührend, baut sich ganz toll auf. Und da kommen sie, die klassischen Editors-Momente. Wo es kribbelt. Wo der Puls steigt. Nur halt irgendwie klanglich gedämpft.
Doch die britische Band zeigt auch, welcher Klang ihr so eine beeindruckende Karriere verschafft hat. Es ist ein Klang, der auf Happiness in Ansätzen zu finden ist. Wenn Melodien und Gesangslinien sich ineinander verschlingen und Tom Smiths Stimme anfängt zu beben. Hier steigt doch der Puls, oder?! Es ist ein starker, verwunschener Song! Und ja, der Bass rollt plötzlich auch wieder. Wie auf Much Love. So lau - in meinen Ohren - die Platte auch begonnen hat, so nimmt sie auch Fahrt auch. Nicht so wie auf den ersten drei Alben. Anders. Aber durchaus ansteckend. Auch Seriously ist zweifelsohne ein wunderschönes, ja Hoffnung bringendes Lied. Und hier kommt dann eine Facette dieses Albums zu tragen, die ich erst spät verstanden habe. Es glänzt ein wenig mehr. Weniger Dramatik. Mehr organische Musik. Mehr Wärme auch gewissermaßen. Und das ist eine wirklich schöne Erkenntnis, so sollte dieses Album sicher einzuordnen sein. Eine warme Decke, die diese Musik über uns legt. Beruhigend, besänftigend, mitunter tröstend. Nur sind das Attribute, die ich der Band im Vorhinein niemals zugeschrieben hätte. 

Ja, Surface, Echo & Sound klingt ganz anders als alles zuvor. Doch - wenn wir ehrlich sind - war das nicht bei den Editors sowieso immer schon der Fall?! So ist es die weicheste Platte in einer beeindruckenden Diskographie. Vielleicht ja genau der Aspekt, der dem Wirken dieser Gruppe halt noch gefehlt hat. Dennoch hätte ich mir ein wenig mehr Wucht gewünscht.

07.02.2027 München - Zenith
08.02.2027 AT_Wien - Gasometer
11.02.2027 Berlin - Columbiahalle - SOLD OUT
14.02.2027 Köln - Palladium- SOLD OUT
16.02.2027 Leipzig - Felsenkeller
20.02.2027 Hamburg - Inselpark Arena - SOLD OUT




Donnerstag, 29. Oktober 2026

Get Well Soon - Séance


(Ms) Konstantin Gropper ist nicht zwingend für seinen ausladenden Humor bekannt. Bei seinen Konzerten wurden seine Entertainerqualitäten über die Jahre viel besser, doch so musikalisch ist einem oft wenig zu lachen zumute. Als Minus The Magic im Frühsommer erschien, behauptete er in einer Pressemitteilung, dass seine Band Get Well Soon womöglich ein über viele Jahre missverstandenes Comedy-Projekt gewesen ist. Jaja. Er wollte auch mal ein Witzebuch mit auf die Bühne bringen. Nun gut, ernst nehmen sollte man ihn vielleicht besser nicht so oft. Im guten Sinne. Denn in der Hinterhand hat er immer noch so einiges. Der Köcher ist stets gefüllt. Und so sehr er nach Amen als Get Well Soon abwesend schien (zumindest in meiner Wahrnehmung), so sehr ist er in diesem Jahr (wieder) da. Über zwanzig Jahre macht er schon unter diesem Namen Musik. Nun erscheint sein achtes Album, heißt: zwei Platten in diesem Jahr! Auch hier wieder eine kleine Finte in der Pressemitteilung: Er behauptet, ursprünglich eine Platte mit KI machen zu wollen. Jetzt ist es eine über die sogenannte Künstliche Intelligenz geworden. Den ersten Schritt glaube ich ihm nicht. Seit jeher sind die Alben von Get Well Soon sehr programmatisch ausgerichtet. Und immer schon hat er mit seiner Band alles selbst gemacht. So handwerksmäßig. Ein Programm als Hilfe?! Unvorstellbar im Konstantin Gropperschen Musikkosmos. Genauso wie sämtliche Humorlosigkeit. Zwinker Zwinker.

Séance heißt das Album, dass passend kurz vor Halloween am 30. Oktober erscheinen wird. 15 Songs, 55 Minuten Spielzeit. Normale Get Well Soon-Länge also. Wenn die Tracks laufen, wird sofort klar, warum es in diesem Jahr zwei Platten sein mussten. Auf Minus The Magic war der Angry Young Man noch mit voller Gitarrenwucht am Start. Nun, auf Séance, wird es klanglich wesentlich detaillierter. Viel mehr Kleinigkeiten kommen hinzu. Zudem sind die Songs insgesamt viel düsterer geworden. Inhaltlich zum Teil auch. Der Musiker selbst spricht davon, dass dies sein Gothic-Album geworden sei. Nun lässt sich dieses Genre aufgrund der szeneinhärenten Vielfältigkeit kaum definieren. Ist Séance dunkel? Ja! Spielt der Tod eine Rolle? Ja! Kleidet sich der Protagonist szenetypischer? Ja! Geht es mit metaphysischen Dingen zu? Bei Get Well Soon doch sowieso immer!

Den Titel hat Konstantin Gropper ausgewählt, da ihm die Nutzung von KI mit Geisterbeschwörung ähnlich vorkommt. Ja, ist was dran. Und wenn dann die Chefs der dazugehörigen Firmen marketing-strategisch geschickt behaupten, ihre Programme könnten in kürzester Zeit die Menschheit auslöschen, dann ist der eigene Tod, eine unheimliche, dunkle Macht und ein düsterer Sound absolut naheliegend.

Mit einem kurzen, flirrenden Instrumental beginnt Séance. Die Marschroute ist klar. Es darf durchaus etwas gruseln. Mit Goth 101 setzt sich diese Atmosphäre fort. Ja, es geht durchaus hypnotisch zu, Obacht ist geboten beim Zuhören, nicht dass plötzlich die Toten um einen herum aufwachen. Wo im Frühsommer noch die E-Gitarren schepperten, mäandern nun oftmals vom Bass geleitete, dezente Rhythmen durchs Dickicht. Logisch, dass diese beiden Ansätze nicht auf eine Platte passten. Ein bisschen mehr Fahrt nimmt Hallucination No. 4 auf. Das heißt auf keinen Fall, dass es vorher öde war, sondern eher schleierhaft zurückhaltend. Wenn auf diesem Track dann das Tempo anzieht, die Melodien wieder sagenumwobende Höhen erlangen und plötzlich eine starke Kraft entwickeln, herrscht doch eine Dynamik, die von Konstantin Gropper durchaus erwartbar ist: Genial! Ein bisschen erinnert dieser musikalisch-thematische Ansatz an The Horror. Herrlich schauderhaft wird es dann wieder bei Holiday In Lily Dale. Lily Dale ist eine Gemeinde in den USA, quasi das Epizentrum für alle Spirituelle. Auch mit Toten soll dort kommuniziert werden können. Konstantin Gropper nimmt uns Hörende auf diesem Track auf mystische Weise mit an diesen Ort, quasi als Stadtrundgang der Verwunderung. Stark, wie Inhalt und Musik hier Hand in Hand gehen!
Wirklich spannend wird es auf The Wreck Of The Deutschland. Nicht nur wegen des seltsamen Titels. Hier zelebriert Get Well Soon Art Pop vom Allerfeinsten. Akkordeon, kleinteilige Rhythmen, düstere Faszination. Und damit geht es weiter: The Undead Choir ist genau das - ein A Cappella, nur sphärische Klänge im Hintergrund. Okay, es gibt durchaus den ein oder anderen Track, der sich etwas zieht. Doch solche musikalischen Ausflüge sind einfach nur genial. So experimentierfreudig hat man Konstantin Gropper lange nicht gehört. Wow - absolut beeindruckend!
Siri, What Ruined The West ist kurz vor dem Ende nochmal ein spitzen Track, der das Tempo und die Dynamik nochmal anziehen lässt. Und die Frage aus dem Titel ist ja herrlich rhetorisch. Soll mal jemand noch behaupten, Get Well Soon könnten nicht schmunzelnde Unterhaltung. Hier ist der Beweis. Was natürlich auf keiner seiner Platten fehlen darf, ist ein Finale, das sich gewaschen hat. You Need Me heißt es hier. Jaha, wir Menschlein sind schon überaus abhängig vom kleinen schwarzen Bildschirm und was er alles Verlockendes bietet. So spricht am Ende doch nochmal die KI zu uns. Großartig aufgebaut und wirklich unheimlich, wie Konstantin Gropper hier aus der Sicht des Programms zu uns spricht. Hier werden in der Tat Geister beschworen und zum Ende hin scheppert es dann doch noch! Yes!

Séance ist ein wirklich starkes Album! Sehr vielseitig, sehr dunkel und düster. Thematisch ausgefuchst, musikalisch so filigran wie lange nicht mehr. Es darf hochgradig spannend werden, wie die Band das auf der Bühne umsetzt. So viele Sounds, so viele Klangflächen. Aber eines ist sicher: Wer wenn nicht Get Well Soon!

24.01.2027, Hamburg - Mojo
25.01.2027, Frankfurt - Zoom
26.01.2027, Heidelberg - Karlstorbahnhof
27.01.2027, Köln - Gloria
28.01.2027, Münster - Sputnikhalle
29.01.2027, Leipzig - Felsenkeller
30.01.2027, Hannover - Faust
31.01.2027, Berlin - Huxleys
02.02.2027, München - Ampere
03.02.2027, Wien - WUK
04.02.2027, Salzburg - ARGE
05.02.2027, Schorndorf - Manufaktur
16.02.2027, Utrecht - dB’s
17.02.2027, Lille - L’Aéronef
18.02.2027, Paris - Le Café de la danse
19.02.2027, Luzern - Schüür
20.02.2027, Zürich - Bogen


Freitag, 23. Oktober 2026

KW 43, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Md Tanvirul Haque
Eigentlich sollte an dieser Stelle eine kleine Anekdote aus dem Alltag stehen, aber das geht nicht.
Eine Brandmauer gegen Links? Was um alles in der Welt?! Wenn das die Erkenntnis der CDU ist und ihr Weg, dann darf sie weiter dabei zuschauen, wie ihre Prozentwerte schrumpfen. Denn es ist ein reiner Offenbarungseid: Statt mit aller Kraft eine Partei zu bekämpfen und verbieten zu wollen, die diesem Land und allen Menschen, die darin leben, massiv zu schaden, suchen sie sich die Linke als Gegner aus. Die CDU hat nichts, aber auch gar nichts verstanden. Oder sie will es nicht. Oder ihre offenen Türen nach rechtsaußen sind das, was sie zeigen wollen. Lieber mit der AfD kooperieren oder sich tolerieren lassen, als über soziale Politik zu reden. Logisch, über Antisemitismus muss ganz klar, offen und streng gesprochen werden. Gar keine Frage. Doch die Linke hat in den letzten Jahren ja genug bewiesen, dass sie diesem Land gewachsen ist und ihm nicht schaden will. Jahrelange Regierungsbeteiligung in Thüringen, in Bremen, in Berlin, bald auch in Mecklenburg-Vorpommern. Und, ist irgendwo der Sozialismus ausgebrochen?! Eben. Die CDU bekämpft mit aller Macht die, die für die Menschen in diesem Land Gutes wollen. Mal schauen, wie lange sie das noch durchhält.

Grand Hotel van Cleef
(Ms) 18. August 2017 auf dem Hamburger Großmarkt vor dem Mehr! Theater: Das Grand Hotel van Cleef feierte seinen 15. Geburtstag. Es gab Jägermeister, Regen, Fortuna Ehrenfeld, Gisbert zu Knyphausen, Kettcar, Thees Uhlmann, Shantychor, alles. Es war ein großartiger Tag mit Hamburger Wetter und dem tollsten Label der Stadt. 12.000 Menschen sind gekommen, um mitzufeiern. Logisch, dass es zehn Jahre später eine Fortsetzung geben wird. Silberne Hochzeit quasi. Natürlich mit Thees Uhlmann und Kettcar wieder, das ist ja logisch. Zudem werden Kochkraft durch KMA, Schluma und Adam Angst spielen. Was für ein geniales Line-Up. Das wird sicher noch nicht alles sein. Reimer Bustorf, Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch werden das ein oder andere Schmankerl noch aus dem Hut zaubern und einen großartigen Tag bereiten. Am 14. August wird es wieder soweit sein - gleiche Stelle, gleiche Welle. Erlbkulturerbe - das soll das Motto sein. Klar, darunter macht man es nicht. Ein viertel Jahrhundert unabhängige Musik aus der Feldstraße in die ganze Welt - was für eine großartige Geschichte! Alle hin da!



Voodoo Beach
(Ms) Vor drei Jahren hat mich ein soghafter Klang erwischt und in den Bann gerissen. Darin war Wut, Dringlichkeit und vor allem ein rollender Bass und ein schepperndes Schlagzeug. Die Band dazu heißt Voodoo Beach, kommt aus Berlin und hat gehörig Dampf unterm Kessel. Nach einer kleinen Pause sind sie nun zurück. 99 heißt ihre aktuelle Single und scheppert wieder direkt nach vorn. Ein Abgesang auf die Gegenwart und das Land, in dem sie leben. Ein eindrucksvoller Sound bricht sich Bahn, geschrien, geknallt, explodiert. Das macht unglaublich Bock. Auch auf mehr: am 27. Januar erscheint ihr neues Album Wilde Tiere bei Noisolution und wird das neue Jahr direkt erzittern lassen.


dEUS
(Ms) Es gibt Gruppen, denen ein mystischer Nebel umgibt. Denen eilt ein Ruf voraus, der in den aller höchsten Höhen schwingt. dEUS aus Antwerpen gehören definitiv dazu. Seit 37 Jahren gibt es diese Band. Klar, eine längere Pause war auch dabei, aber seit 22 Jahren spielen sie in einer recht festen Besetzung und hören nicht auf, druckvolle Musik ohne klare Genrebezeichnung zu machen. Keptman heißt ihre neue Single, die seit ein paar Tagen draußen ist. Mit einem dissonanten Bass geht es los, auch die Gesangslinie ist wenig harmonisch. Und so baut sich der gesamte Track auf, mit Klatschelementen und einer irren Steigerung. Dass er am Ende gehörig ballert, sollte dann auch nicht mehr überraschen. Das Stück gibt einen Vorgeschmack auf neue Musik, von der es in naher Zukunft sicher noch mehr geben wird. Huiiiii:


Herrenmagazin
(Ms) Es lohnt sich eigentlich wenig, irgendjemandem bewusst bei Instagram zu folgen. Oft ist das ja ziemliche Zeitverschwendung. Ja, ich verschwende auch viel zu viel Zeit dort. Aber: Herrenmagazin sollte man auf jeden Fall folgen. Denn es macht einfach ungeheuer viel Spaß zuzuschauen, wenn Deniz Jaspersen mal wieder irgendwas aus dem Garten, aus einem Club oder aus dem Proberaum erzählt. Allein seine Mimik - großartig! Was für eine irre sympathische, gute Band. Kaum auszuhalten und seit so vielen Jahren dabei. Große Liebe! Kreis Ohne Mittelpunkt heißt ihre neue Single, die heute das Licht der Welt erblickt hat. Typischer Herrenmagazin-Indierock mit der wunderbaren Dualität des Lebens. Alles mögliche haben wollen, aber auch genügen wollen. „Bin ich schon naiv genug für den nächsten Selbstversuch?!“ Hach, wie kann man sie nicht für solche Verse lieben. Eben. 

Freitag, 16. Oktober 2026

KW 42, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Shuvo.Das 
Ein paar Tage Urlaub. Dringend waren sie notwendig, weil der seelische Akku schon ziemlich abgerockt war. Ab in den Harz. Was für eine unglaublich schöne Gegend. Schon oft war ich hier, doch noch nie habe ich diese Gegend als so schön wahrgenommen wie jetzt. Ganz kurios war jedoch der Besuch einer Pizzeria mitten im Wald. An sich natürlich ein super Ort zum einkehren, es war vollkommen in Ordnung. Doch es wurden auch einige Klischees von italienischen Restaurants bedient. Unter anderem die Dauerbeschallung mit italienischer Musik. Auch im Außenbereich. Dabei war die Sicht über die Berge so, so schön. Und dann kam der absolute Knaller: Es lief tatsächlich ein Lied über das Restaurant selbst! So Andreas Gabalier-mäßig. So stelle ich es mir zumindest vor. Als ob eine KI die Speisekarte plus alle Werbeslogans zusammengemixt hat. Ach Idylle, was tut man dir alles an…

Pascow
(Ms) Schaue ich mir meine eigene Hörbiographie an, dann waren da über die letzten 20 Jahre immer so drei, vier Bands ganz oben. Dann kamen Pascow auf mein Radar und brachten zumindest die Reihenfolge durcheinander. Die Band aus Gimbweiler setzte sich druckvoll ganz weit oben fest. Die Kraft ihrer Musik ist genau das, was ich ganz oft brauche. Wer sie mal live gesehen hat, weiß, was ich meine. Das ist irre, das ist nur großartig. Wer da unverschwitzt raus geht, hat alles falsch gemacht. 
Nun ist es wieder so weit und Pascow bringen neue Musik raus. Und Wir So heißt die neue Platte und auch die erste Single daraus. Das Album erscheint am 5. März und bis dahin wird die Vorfreude angeheizt.  Doch ich bin sicher nicht der einzige, der den neuen Song ungeahnt eingängig und fast schon sanft findet. Klar, es sind zweieinhalb Minuten klassischer Pascow-Punk und eine große Verbrüderung mit allen, die unten sind. Doch die scheinbare Eingängigkeit erklärt sich im Song. Die Devise ist: ab jetzt nur noch Dur, sonst halte ich das alles nicht mehr aus. Ja, vielleicht ist eine neue Harmonie ja genau das, was es jetzt braucht. Dennoch hoffe ich, dass es auf der Platte insgesamt noch ein wenig rauer und zorniger zugeht. Ich bin guter Dinge!


Muto
(Ms) Wenn es um mich herum zu sehr wuselt, muss ich mich abkapseln. Wenn zu viele Geräusche kommen, die mir nicht gut tun, ziehe ich mich ins Schneckenhaus zurück. Im Schneckenhaus gibt es bestimmte Musik, die läuft. Laufen muss, um den Rest zu übertönen oder zu eliminieren. Ein Hoch auf gute Kopfhörer! Zu einer feinen, kleinen Musikauswahl, die schnell für Ruhe sorgt, gesellt sich nun Muto hinzu. Der italienische Musiker hat letzte Woche Freitag sein gleichnamiges, erstes Album veröffentlicht, das sechs Stücke mit sich bringt. Sie sind ungemein sphärisch, sehr einnehmend, sehr beruhigend. Da wird viel mit der Gitarre experimentiert, da werden Soundflächen übereinander gelegt, da wechseln sich auch Moll und Dur mal ab. Aber vor allem strahlt diese wundervolle, heilsame Musik sehr viel Ruhe aus. Das ist sicher schwer, so etwas hinzubekommen. Genießt es also:


Freunde Der Italienischen Oper
(Ms) Es gibt Bands, bei denen ich mir vollkommen unsicher bin, ob ich ihr musikalisches Schaffen überhaupt in irgendeiner Weise würdigen kann. Die Zweifel sind mir dann doch oft ein wenig egal, da mir die Weitergabe an guter Musik viel wichtiger ist, als jede Aufarbeitung. Wer die Gruppe Freunde Der Italienischen Oper bislang genauso wenig kannte wie ich, liest am besten bei Wikipedia oder so ein wenig nach. Viel haben die MusikerInnen erlebt in den letzten knapp vierzig Jahren! Stark, dass sie sich immer wieder gefunden haben, um neue Stücke zu schreiben. Am 3. Oktober - wie herrlich bedeutungsgeladen, weil aus der DDR kommend ursprünglich - erschien ihre neue Platte Angelus Luminis mit 12 neuen Songs. Dunkler Rock mit allerhand Abschweifungen in andere Genres. Doch es ist irgendwas Gothic-ähnliches. Der rollende Bass, die druckvolle Musik und der sehr markante Gesang machen dieses Album sehr, sehr gut. Es macht neugierig, aufmerksam, gespannt. Voller Programmatik und großer Gesten. Darunter sollte es auch keine Band machen, die sich so einen Namen gegeben hat!

Donnerstag, 15. Oktober 2026

Endless Wellness - Domino Days

Foto: Luca Celine
(Ms) Was ist es, das die Faust ballen lässt? Warum wollen wir einige Lieder immer und immer wieder hören? Was entfacht eine so geartete Sucht? Denn süchtig nach dieser Musik lässt es sich schnell werden. Am 16. Oktober veröffentlichen Endless Wellness mit Domino Days ihr zweites Album und es ist ein einziger Rausch!
Ja, was ist es nun, was dieses Album so großartig macht? Auf die einzelnen Lieder kommen wir gleich noch zu sprechen, doch ich behaupte, es gibt ein übergeordnetes Ganzes, das den großen Reiz ausmacht. Wenn Adele Ischia, Philipp Auer, Milena Klein und Patrick Huter ihre Texte schreiben, kommen nicht nur die unterschiedlichsten Themen zu tragen, sondern auch eine unsagbar schöne Poesie und Gesangslinien, die von Sehnsucht und großem Lebensgenuss strotzen. Insbesondere die poetischen Texte haben in mir eine Faszination entfacht. Es sind Texte, die das Hier und Jetzt auf romantische Weise Feiern. Es sind Texte, die die Schattenseiten des Lebens schonungslos beleuchten und vor allem eine Utopie erschaffen. Es soll eine Welt sein, in der wir sicher sind und füreinander da sind. Was so leicht und irgendwie naheliegend klingt, vertont diese Band mit einer soghaften Schönheit und einer innigen Dringlichkeit. Der Wunsch nach einer schönen, guten Welt schwebt leuchtend über dieser Platte. Wer will es ihnen verübeln?!

Elf Songs sind es, die uns die vier ÖsterreicherInnen schenken. Nur Das Beste ist der Start und damit ist doch alles klar, oder?! Wer so beginnt, schaut nur nach vorn und dem wächst der Optimismus aus allen Poren. Was sich ganz klassisch aufbaut - erst Gitarre, dann Stimme, dann Schlagzeug, dann Bass - nimmt so richtig Fahrt auf. Wenn die Akkorde schwirren und die Synthies ballern, soll die gute Zukunft bitte ganz schnell über uns herein brechen, denn „das Jetzige ist das Verletzlichste“. Zum Glück sind wir selbst dafür verantwortlich. Züge wiederum ist ein wunderbares Coming-of-Age-Stück. Von Verwöhntagen bei Oma, über die Übergabe des Zeugnisses (als Protokoll der Versäumnis - hallo Poesie!) hin zu Berufsversuchen. Ein Großwerden mit der endlos sehnsüchtigen Frage, wohin denn all die Züge fahren würden. Was für eine wunderbare Tagträumerei, was für ein Geschenk.
Seit einigen Wochen hat mich ein Track dieser Platte komplett in den Bann gerissen. Nie Mehr Sicher ist aus meiner Sicht das stärkste Lied dieses Albums. Es feiert mit einer wunderbaren Aufmerksamkeit die Gegenwart und zeigt, wozu Sprache - wundervoll melodisch vorgetragen - im Stande ist. Es erinnert mich - in einer Weise, die ich nicht erklären, sondern nur erfühlen kann - an Die Dinge Singen Hör Ich So Gern von Rainer Maria Rilke. Das Lied ist ein Spaziergang voller Düfte und Tiere, die wir alle benennen können und uns so Sicherheit geben. Auch bei diesem poetischen Stück überzeugen die wunderbar sanften Gesangslinien, die sich unbemerkt ins Langzeitgedächtnis schleichen.
Auf Domino Days teilen sich sich Philipp Auer und Milena Auer die Gesangsparts. Die Bassistin singt den wunderbaren Schrammeltrack Kontrolle Ist Messer, der musikalisch an die frühen Tocotronic erinnert und gesanglich Punk ist. Da sind wir bei einem weiteren Punkt, der diese Platte so, so stark macht: sie strotzt vor Vielseitigkeit. Klar, das ist Indierock. Doch der kann auch platt sein. Das Quartett aus Wien jedoch schaut ganz viel nach rechts und links beim Thema musikalische Raffinesse.
Genial ist auch, wenn die Band Unernstes sehr seriös vorträgt. Beispiel: Die Katze. Ein Portrait des zweitliebsten Haustieres. Eine Liebeserklärung? Ein Blickwinkelwechsel? Wie dem auch sei - es geht hochdramatisch zu, wenn zwischendurch der Vierbeiner über die Klaviertasten huscht. Großartig!

Doch auch jedes noch so phantastische Album muss irgendwann auch mal vorbei sein. Ein Album, auf dem nicht jeder Reim perfekt ist und auf dem die Zeilen gern mal springen. Ein Album, das zum Glück nicht allzu vollgepackt ist mit Bedeutung und Tiefenpsychologie. Das Unverkrampfte ist der Trumpf. Und die Vielseitigkeit. Happy And You Know It am Ende reist musikalisch nochmal richtig stark in einen Mix aus Porridge Radio und den 90ern. Fleißig unterwegs sind Endless Wellness, um ihre neuen Stücke zu präsentieren - verpasst das nicht:

21.10.2026 Innsbruck - Treibhaus
22.10.2026 Zürich  - Bogen F
23.10.2026 Düdingen - Bad Bonn
24.10.2026 Dornbirn - Spielboden
29.10.2026 Wien - Arena
31.10.2026 Linz - Posthof
01.11.2026 Graz - Dom im Berg
04.11.2026 Salzburg - Rockhouse
05.11.2026 St. Pölten - Cinema Paradiso
06.11.2026 Villach - Kulturhofkeller
07.11.2026 Vöcklabruck - OKH
25.11.2026 München - Technikum
26.11.2026 Esslingen - Dieselstrasse
27.11.2026 Köln - Gebäude 9
29.11.2026 Frankfurt - Mousonturm
30.11.2026 Hamburg - Molotow
01.12.2026 Berlin - Festsaal Kreuzberg
02.12.2026 Leipzig - Werk 2
03.12.2026 Nürnberg - Z-Bau



Samstag, 10. Oktober 2026

Live in Bremen: Ebow

Foto: luserlounge 
(Ms) Diesen Abend in Worte zu fassen, ist kaum möglich, weil er so unendlich facettenreich war und für alle Menschen vor Ort unterschiedliche Bedeutungsebenen hatte - so nehme ich zumindest an.
Doch eine Szene bleibt mir bis zum nächsten Morgen prägnant im Kopf: Richtung Ende des Sets hat Ebow ihren Track Free. gespielt. Dicht und bedrückend. Als der Song zu Ende war, lag eine halbe Sekunde Stille im Bremer Schlachthof. War es ein Schock, dass der Song immer mehr an Aktualität und Dringlichkeit gewinnt? War es ein „Wie gut, dass sie es so klar ausdrückt, was alles schief läuft und wie unsagbar viele Gruppen verfolgt und an den Rand gedrängt werden“? Diese halbe Sekunde war Pate für viele ähnlicher Momente. Es waren Momente, in denen die Texte von Ebow etwas mit dem Publikum gemacht haben. Davon gab es reichlich.

Bremen war am Freitagabend der zweite Stopp ihrer Arbayt-Tour zum aktuellen Album Typologie Eines Lebens und lange Zeit sah es im Schlachthof nicht danach aus, dass es so gut besucht wird. Lange Zeit war es luftig und entspannt. Entspannt blieb es, aber auch Gedränge gab es keins.
Auf der Bühne war eine Bank unter einem Baum zu sehen, daneben ein Grashügel. Ja, es ging auch viel ums Wohlfühlen gestern. Das macht Ebow den Besuchenden sehr leicht, denn ihr warmherziges Charisma erfüllt schnell den großen Saal. Ich vermute, dass durch viele Köpfe ab und an der Gedanke rauschte: Hey, das ist ja eine von uns, sie erzählt genau meine Geschichte, für die ich eventuell nie diese Worte gefunden hätte. Wenn jemandem vor mir die Tränen durchs Gesicht kullern, als Ebow davon erzählt, wie unfassbar schwer es für sie war, sich, ihren FreundInnen und ihrer Familie zu sagen, dass sie auf Frauen steht, dann passiert da mehr als nur Musik. Das sind schon kathartische Szenen, die sich abspielen. Und das ist ja eine irre Form der Kunst. Eine so klare, aufrechte, nahbare Musikerin - das ist ein großes Glück. 
Ja, Ebow bringt viele Themen mit. Denn ihr Leben hat einfach so, so viel zu erzählen: Erwartungen und Selbstverständlichkeiten in der dritten Generation migrantischer Familien, ein queeres Leben, eine Utopie für ein hoffentlich kommendes Bald. Es waren nicht nur die Zeilen ihrer großartigen Lieder, die den Abend so intensiv gestaltet haben, sondern auch ihre Ansagen. Denn, was hier vielleicht als ernst rüberkommen mag, war auch sehr, sehr unterhaltsam. Wo Tränen flossen und getanzt wurde, wurde auch im nächsten Moment wieder gelacht. Das ist schon richtig krass und auch einfach wahnsinnig gut und einfühlsam durchdacht, was wann passiert. An allen Ecken und Enden sehr beeindruckend. Und zudem ist sie halt auch eine richtig starke Rapperin, knallt mitunter in einem atemberaubendem Tempo die Bars durch die Luft. Der Abend war gespickt mit phantastischen Songs wie Novoline (Gänsehautgarantie), Vogel & Meer, Neues Leben, Club 1990, Chayas Worldwide, Bodies. Und es gab viel frenetischen, ich-fühle-es-Applaus! Zurecht!

Leider war der Sound nicht ganz so gut. Der Gesang war dumpf und seltsamerweise wurde er durch den Gehörschutz etwas klarer. Aber es hätte durchaus auch etwas mehr wummern können. Bei einem Track wie Arbayt darf gern der ganze Schlachthof beben. Doch das mag nur eine Randnotiz sein, es hat glücklicherweise das Gesamterlebnis nicht geschmälert.

Ebow - was für eine krasse Künstlerin!

10.10.26 Hamburg – Fabrik
15.10.26 Leipzig – Werk 2
22.10.26 München – Ampere
23.10.26 Wien – WUK
24.10. Frankfurt – Zoom
28.10. Berlin – Columbiahalle