(Ms) Diesen Abend in Worte zu fassen, ist kaum möglich, weil er so unendlich facettenreich war und für alle Menschen vor Ort unterschiedliche Bedeutungsebenen hatte - so nehme ich zumindest an.
Doch eine Szene bleibt mir bis zum nächsten Morgen prägnant im Kopf: Richtung Ende des Sets hat Ebow ihren Track Free. gespielt. Dicht und bedrückend. Als der Song zu Ende war, lag eine halbe Sekunde Stille im Bremer Schlachthof. War es ein Schock, dass der Song immer mehr an Aktualität und Dringlichkeit gewinnt? War es ein „Wie gut, dass sie es so klar ausdrückt, was alles schief läuft und wie unsagbar viele Gruppen verfolgt und an den Rand gedrängt werden“? Diese halbe Sekunde war Pate für viele ähnlicher Momente. Es waren Momente, in denen die Texte von Ebow etwas mit dem Publikum gemacht haben. Davon gab es reichlich.
Bremen war am Freitagabend der zweite Stopp ihrer Arbayt-Tour zum aktuellen Album Typologie Eines Lebens und lange Zeit sah es im Schlachthof nicht danach aus, dass es so gut besucht wird. Lange Zeit war es luftig und entspannt. Entspannt blieb es, aber auch Gedränge gab es keins.
Auf der Bühne war eine Bank unter einem Baum zu sehen, daneben ein Grashügel. Ja, es ging auch viel ums Wohlfühlen gestern. Das macht Ebow den Besuchenden sehr leicht, denn ihr warmherziges Charisma erfüllt schnell den großen Saal. Ich vermute, dass durch viele Köpfe ab und an der Gedanke rauschte: Hey, das ist ja eine von uns, sie erzählt genau meine Geschichte, für die ich eventuell nie diese Worte gefunden hätte. Wenn jemandem vor mir die Tränen durchs Gesicht kullern, als Ebow davon erzählt, wie unfassbar schwer es für sie war, sich, ihren FreundInnen und ihrer Familie zu sagen, dass sie auf Frauen steht, dann passiert da mehr als nur Musik. Das sind schon kathartische Szenen, die sich abspielen. Und das ist ja eine irre Form der Kunst. Eine so klare, aufrechte, nahbare Musikerin - das ist ein großes Glück.
Ja, Ebow bringt viele Themen mit. Denn ihr Leben hat einfach so, so viel zu erzählen: Erwartungen und Selbstverständlichkeiten in der dritten Generation migrantischer Familien, ein queeres Leben, eine Utopie für ein hoffentlich kommendes Bald. Es waren nicht nur die Zeilen ihrer großartigen Lieder, die den Abend so intensiv gestaltet haben, sondern auch ihre Ansagen. Denn, was hier vielleicht als ernst rüberkommen mag, war auch sehr, sehr unterhaltsam. Wo Tränen flossen und getanzt wurde, wurde auch im nächsten Moment wieder gelacht. Das ist schon richtig krass und auch einfach wahnsinnig gut und einfühlsam durchdacht, was wann passiert. An allen Ecken und Enden sehr beeindruckend. Und zudem ist sie halt auch eine richtig starke Rapperin, knallt mitunter in einem atemberaubendem Tempo die Bars durch die Luft. Der Abend war gespickt mit phantastischen Songs wie Novoline (Gänsehautgarantie), Vogel & Meer, Neues Leben, Club 1990, Chayas Worldwide, Bodies. Und es gab viel frenetischen, ich-fühle-es-Applaus! Zurecht!
Leider war der Sound nicht ganz so gut. Der Gesang war dumpf und seltsamerweise wurde er durch den Gehörschutz etwas klarer. Aber es hätte durchaus auch etwas mehr wummern können. Bei einem Track wie Arbayt darf gern der ganze Schlachthof beben. Doch das mag nur eine Randnotiz sein, es hat glücklicherweise das Gesamterlebnis nicht geschmälert.
Ebow - was für eine krasse Künstlerin!
10.10.26 Hamburg – Fabrik 15.10.26 Leipzig – Werk 2 22.10.26 München – Ampere 23.10.26 Wien – WUK 24.10. Frankfurt – Zoom 28.10. Berlin – Columbiahalle
Was macht das Leben so toll und warum machen wir es uns eigentlich zu Hause so gern gemütlich? Gestern saß ich auf der Einfahrt und habe Unkraut aus den Ritzen geschürft. Da fragte ich: ist das jetzt einfach super spießig oder warum tue ich das? Die Antwort ist ganz einfach und Gabriele von Arnim liefert sie in einem ganz wundervollen Buch, das den tollen Titel Der Trost Der Schönheit trägt. Insbesondere zu Hause wollen wir es doch schön haben, oder? Aus einem Selbstzweck aber auch als Abgrenzung zur Arbeit beispielsweise. Meine Arbeitsstelle hat zum Beispiel optisch wenig mit Schönheit zu tun. Mein Zuhause jedoch schon. Deshalb soll auch die Einfahrt ordentlich sein. Und nicht nur, weil man das hier auf dem Dorf so macht. Dieses Buch jedoch liefert noch so unendlich viel mehr gute Gedanken, dass ich es allen ans Herz lege. Der größte Kunstgriff dabei ist, dass die Autorin es auch einfach mit einer unsagbar schönen Sprache geschrieben hat. Was für eine tolle Ebene, was für große Kunst, was für ein wunderbarer Lebens- und Lesegenuss.
Get Well Soon
(Ms) Verklärung von Kunst. Irgendwann habe ich irgendwo gelesen, dass wir Menschen oft so gern alles toll und großartig und spitzenmäßig haben wollen - und vor allem so anderen davon erzählen möchten -, dass das wahre Erlebnis durch einen rosaroten Filter wahrgenommen wird. Alles super, alles immer phantastisch. Das geht mir bei Musik auch oft so. Entweder ich finde es was unspektakulär oder es berührt mich nicht. Oder ich finde es sehr gut. Oder es kommt von Band 1, 2 oder 3, der ich seit Jahren verfallen bin und dann immer alles toll finde. Auch wenn mein emotionaler Erlebenskompass gar nicht in diese Richtung ausschlägt. Dazu gehört auf jeden Fall Get Well Soon. Egal, was Konstantin Gropper anfasst, ich finde es herausragend. Zugegebenermaßen hat auch wirklich viel seines Schaffens extrem toll. Und wenn dann eine neue Single wie Siri, What Ruined The West? herauskommt, krame ich in der Schublade nach Superlativen. Dieses mal hüte ich mich ein wenig davor: Ja, der Track ist gut und sehr getwellsoonig. Insbesondere die inhaltliche Frage ist ja schreiend aktuell, wenn die Tech Bosse ihre Software als hypergefährlich deklarieren (Auslöschung der Menschheit etc.). Ist ja auch spitzen Marketing. Doch musikalisch bin ich dieses Mal nicht ganz so angefixt. Ja, es ist eine tolle Melodie dabei und auch eine schöne Dynamik. Aber es bleibt etwas verhalten. Doch auf dem kommenden Album Séance (30. Oktober) kommt noch mehr Überwältigendes.
24.01.2027, Hamburg - Mojo 25.01.2027, Frankfurt - Zoom 26.01.2027, Heidelberg - Karlstorbahnhof 27.01.2027, Köln - Gloria 28.01.2027, Münster - Sputnikhalle 29.01.2027, Leipzig - Felsenkeller 30.01.2027, Hannover - Faust 31.01.2027, Berlin - Huxleys 02.02.2027, München - Ampere 03.02.2027, Wien - WUK 04.02.2027, Salzburg - ARGE 05.02.2027, Schorndorf - Manufaktur 16.02.2027, Utrecht - dB’s 17.02.2027, Lille - L’Aéronef 18.02.2027, Paris - Le Café de la danse 19.02.2027, Luzern - Schüür 20.02.2027, Zürich - Bogen
Die Buben Im Pelz
(Ms) Ach Liebe. Ach Österreich. Ach Herz. Was seid ihr nur für ein unschlagbares Team? Gemeinsam trefft ihr immer ins Volle. Zum Beispiel mit der aktuellen, ganz hervorragenden - ja, leiwanden - Single von Die Buben Im Pelz. Sie heißt Für Di und ist einfach nur eine tolle Liebeshymne. Wobei „einfach“ ja gar nicht stimmt. So ein ehrliches, verliebtes, rauschhaftes, aufrichtiges Liebeslied will ja erstmal geschrieben werden. Die bedingungslose Zuneigung für diese eine andere Person. Was für ein großer Zauber, was für ein wunderbares Fest. Was für schöne Zeichen aus dem Alltag, die die Band hier auflistet, die das Gemeinsamsein erst so schön machen. Egal, was du willst, wir tun es. Egal, wohin du willst, wir fahren hin. Ja, das kann auch alles höllisch schief gehen, aber der Moment, den die Band hier besingt und mit einem herrlichen Video untermale, ist doch die pure Schönheit, oder? Ja! Am 30. Oktober erscheint ihr neues Album Menschen Ohne Freunde. Genial.
Wanda
(Ms) Spitzen Überleitung - denn vom rauschhaften Wandakonzert singen Die Buben Im Pelz auch auf der aktuellen Single. Wie sie in der ersten Reihe stehen und hüpfen. Ja, wer kann es nicht verstehen?! Eben! Wanda also. Die großen Rockmusiker und Helden der bezaubernden Theatralik. Kryptische Andeutungen gab es in der vergangenen Woche. Die neue Musik würde etwas ganz anderes sein als alles zuvor. Salbei heißt die neue Single und ja, neu ist da schon ein wenig was. Aber übertreiben muss man nun auch nicht. Ja, die Band hat die Gitarren nochmal gehörig aufgedreht, aber ohne ihre Mitte aufzugeben. Auch das emotional Überbordende bleibt fest in der DNA dieser Band. Offiziell nur noch als Trio singen Wanda vom Schmerz der Welt, vom erlösenden Mittelfinger, der ihr gegenüber ausgestreckt wird. Und dass keineswegs alles einen stärker macht, was einen angreift. Sondern das Gegenteil auslöst. Brutale Ehrlichkeit. Wanda pur. Nur aufgedreht halt. Passt hervorragend zusammen. Bringt eine Band quasi zurück, die den Rock seit jeher eingeatmet hat. Was Mich Umbringt Macht Mich Schwächer heißt auch das neue Album, das bald erscheinen wird. Endlich wieder Wanda.
09.04.2027 Osnabrück - Hyde Park
10.04.2027 Rostock - Moya
12.04.2027 Hamburg - Große Freiheit 36
13.04.2027 Magdeburg - Factory
14.04.2027 Berlin - Columbiahalle
16.04.2027 Erfurt - CENTRAL Club
17.04.2027 Amsterdam - Melkweg Old Room
19.04.2027 Köln - Live Music Hall
20.04.2027 Dortmund - FZW
21.04.2027 Zürich - X-TRA
23.04.2027 Heidelberg - halle02
24.04.2027 Wiesbaden - Schlachthof
25.04.2027 Luxemburg - Den Atelier
27.04.2027 Ulm - ROXY
28.04.2027 Hannover - Capitol
28.05.2027 Gmunden - Gmunden Rocks
29.05.2027 Rankweil - 40 Jahre altes Kino
05.06.2027 Kufstein Festung
23./25./26.06.2027 Wien - Arena Open Air
16.07.2027 München - Tollwood Festival
04.-08.08.2027 Eschwege - Open Flair Festival
05.-08.08.2027 Rothenburg ob der Tauber - Taubertal Festival
Fjørt
(Ms) Diese Band ist extrem. Wer ihre Musik kennt, wer sie mal live gesehen hat, weiß Bescheid. Unnachgiebig im Druck. Unnachgiebig in der Energie. Unnachgiebig in der Wucht. Haben die eigentlich ein Gelo Revoice-Abo? Wäre schon nachvollziehbar. Vor nicht allzu langer Zeit hat das Trio eine große Tour für das Frühjahr 2027 bekannt gegeben. Und jetzt legen sie nach. Aber nicht mit klassischen weiteren Terminen, die die Tour ausdehnen. Nein, nein. Fjørt sind halt speziell. Und in diesem Jahr haben sie die Tracks ihrer ersten EP Demontage im kleinsten Rahmen aufgeführt. Das schien so stark gewesen zu sein, dass sie das auf der kommenden Tour auch machen. Und nun kommt das Geniale: Nach den Konzerten, die sie ohnehin spielen. Dann zieht der ganze Tross um. Teils in andere Clubs oder in kleinere Räume der selben Location und setzt noch eins oben drauf! Zwei Konzerte an einem Abend. Das macht aus 14 zu bespielenden Städten 28 Auftritte! Danach aber erstmal Kur oder Schweigekloster, oder?!
Kleiner Nachklapp zum Auftritt von Anna von Huasswolff am vergangenen Samstag in Hamburg. Manchmal bin ich ein bisschen doof oder taub. Bei ihrem aktuellen Album The Iconoclasts habe ich sehr spät gemerkt, dass das Saxophon so eine prominente Rolle einnimmt. Seh- und hörbar war es am Samstag umso mehr. Auf der linken Bühnenseite stand Otis Sandsjö und spielte. Wie um sein Leben. Da ich selbst meine ganze Jugend über Saxophon spielte, darf ich dazu Stellung nehmen. Denn das, was Otis Sandsjö dort gemacht hat, war technisch extrem stark! Nicht nur seine flinken Finger haben den Abend belebt, sondern auch seine äußerst taktisch kluge Atmung. Seine Unterlippe muss doch schmerzen nach so einem Auftritt. Zudem hat er entweder sich selbst geloopt oder den Klang seines Instruments verzerrt. Genial! Und wie dieses, mir so vertraute, Instrument mit der Orgel harmoniert, hätte ich nie geglaubt! Hut ab!
Some Sprouts
(Ms) Was tun, wenn zu viele Gedanken durch das Nervensystem ballern? Was tun, wenn ein dezentes Gefühl der Überforderung überhand nimmt? Was tun, wenn es langsam anfängt zu zittern? Was tun, wenn der Körper zu schwer wird für die einfachen Dinge?! Klar, Pause. Aber wie gestaltet man sie? Sich dem Schwermut hingeben? Oder ein wenig auflockern? Ein wenig Sonnenschein einziehen lassen? Mit dem neuen Track von Some Sprouts warten die auflockernden Sonnenstrahlen nicht lang. Ihre neue Singe On The Line beschwingt nach allen Regeln der Kunst. Ja, man könnte auch sagen, dass ein wenig dahin plätschert. Aber ist das nicht manchmal auch so richtig schön? Ich finde es nämlich auch beeindruckend, wie Bands es immer wieder schaffen, so eine Lässigkeit in ihren Klang zu bringen. Da gingen sicher zig Sitzungen im Proberaum bei drauf: Welche Harmonie? Wann knallt das Becken? Wann darf sich die E-Gitarre ausleben?! Das Ergebnis ist herrlich erfrischend und kann bald hier live gehört werden:
(Ms) So krass klangen die 80er nicht mal in den 80ern. Das Berliner Trio Die Anstalt trifft 2026 den Sound dieses musikalischen großartigen Jahrzehnts bis ins Mark. Ja, die Gitarren sind noch ein wenig prägnanter, aber der Beat, die Art zu singen, die Programmatik in den Texten, di Nutzung von Synthies. Genial, absolut genial! Die Band veröffentlich heute ihr selnstbetiteltes Debutalbum in einem neuen Gewand und der damals schon erschienene Track Isolation in einer überarbeiteten Version. In Großbritannien sollen sie als Support von A Place To Bury Strangets ordentlich begeistert haben. Es steht nichts im Wege, dass sie hier einen ähnlich triumphalen Siegeszug bestreiten!
02.10. Hof, Galeriehaus 17.10. Hamburg, Hamburg, M.S. Stubnitz 23.10. Nürnberg, Bunker Rituals Festival IV 19.11. Berlin, SO36
Austin TV
(Ms) Es ist gut, dass es stabile Größen in der Musikwelt gibt. Besonders hervorzuheben dabei ist KEXP. Der Radiosender aus Seattle, Washington, war schon oft Anlaufstelle für großartige Liveaufnahmen und tolle Interviews, die ich mir angeschaut habe. Die Menschen, die dort arbeiten, haben wirklich einen großartigen Geschmack und eine irre Leidenschaft. Dieser Tage flirrte mit Austin TV bei denen über den Bildschirm. Direkt angefixt! Die mehrköpfige Band aus Mexiko spielt maskiert und wunderschön! Also vor allem klanglich. Es ist Post-Rock gepaart mit frickeligen Math Rock Elementen. Wenn man es möglichst krass ausdrücken will also irgendwo zwischen Sigur Rós und Angine De Poitrine. Vor wenigen Wochen erst veröffentlichen sie ihr aktuelles Album MA und es ist leicht, sich in den tollen Sog dieser Musik reißen zu lassen. Nur zu:
(Ms) Erst wurde aus Katharina Kollmann Nichtseattle. Dann wurde daraus ein Duo und seit ein paar Jahren schließlich eine Band. Ihre Texte waren und sind der wunderbare Mittelpunkt ihres Schaffens. Ihre Ideen, ihre Unmittelbarkeit, die schonungslose Realität. Das findet sich auch an zig anderen Stellen, doch wenn Katharina Kollmann den Stift in die Hand nimmt, um ihre Texte zu schreiben, dann passiert etwas unvergleichliches. Dann erscheinen unfassbar kluge, ungefilterte Gedanken. Dann gibt es kaum etwas zu verstecken. Dann erscheint das Leben mal echt schwer und kompliziert und im nächsten Moment wieder heiter und klar. Sie schaut wirklich überall hin, lässt nichts aus und beschönigt keinen Winkel des menschlichen Daseins. Nun bringt sie am 25. September ihr neues Album raus und darin beschäftigt sie sich mit dem schönsten und härtesten Thema: Große Liebe heißt es und erscheint bei Staatsakt.
Klar, das vielleicht beste Thema der Kunst ist schier unerschöpflich. Weil ständig neue Liebesgeschichten geschrieben werden. Aber auch Trennungsgeschichten. Sehnsuchtsgeschichten. Enttäuschungsgeschichten. Glitzergeschichten. Zehn Stücke hat sie mit ihrer Band geschrieben und eingespielt. Teilweise gehen sie (wieder) über sieben Minuten, sind intensiv und wundervoll.
Mit melancholischen, schweren Gitarren startet die Platte. Dallas heißt der erste Track, zugleich die erste Single. „Was meinst du mit Liebe?“ - diese Frage direkt zu Beginn. Puh. Eine große Reflektion über Alterslosigkeit und Therapie und eigentümliche Ideale (eine aus Dallas oder ein westdeutscher Mann), die gejagt werden. Und aus dem nachdenklichen, schwermütigen Start wird immer wieder ein großes Aufbäumen. Nein, keine Heiterkeit, sondern ein gerader Rücken. Und damit ist das Wesen von Katharina Kollmanns Musik zu Beginn skizziert.
Dass aus dem Soloprojekt über einen langen Zeitraum eine Band geworden ist, ist auch zu hören. Der Klang dieser Platte ist extrem rund, toll abgestimmt, sehr harmonisch. Auf River Cola dominiert ein warmer Bass. Darüber ein Text, der das große Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen und damit ein oft gelebtes Machtgefälle beschreibt. Über Reaktionen, die so untypisch weiblich seien mit der logischen Anschlussfrage, was das denn überhaupt sei. Ein wunderbarer Song, denn er baut sich großartig auf. Fängt an zu glänzen. Bring ein Strahlen zurück. Auch dank Trompete und Dur.
Für Zeilen wie „Freundschaft ist mein Schwergewicht“ auf Ich Mit Brille mag man sie einfach nur beneiden. Ohnehin ein Stück, das weiter strahlt, das Positive zeigt und auch den Liebesblick ein wenig erweitert. Was bedeutet dieses große Wort eigentlich und wem gilt es?! Eine sehr gute Frage, die wir uns alle stellen sollten. Und wenn am Ende eine kleine Chorsequenz erkling, bäumt sich die Gänsehaut auf!
Nichtseattle ist immer auch ein feministisches Manifest - großartig! Meine Ladies heißt der Track voller Hinknien, Zusammenhalt, Empowerment. Ein Track voller Zuversicht, voller Kraft und Macht: „Ich glaub, ich glaub an uns.“ Manchmal sind die einfachen Worte im passenden Kontext so wirkmächtig! Wow! Insbesondere wenn sie mehrstimmig, kraftvoll, inbrünstig in die Welt gesungen werden!
Runtergeschraubt, gezupft und gehaucht geht es auf Station 8 zu. Ein Klinikaufenthalt? Eine Reha? Eine Verarbeitungsphase nach einem Zusammenbruch. Spricht sie über sich? Egal. Spätestens wenn sie im Chor singt, ruft, fordert, wünscht: „Bring mich nach Hause“ - dann ist doch alles klar, oder?! Hui, wie viel Dringlichkeit in so reduziertem Arrangement liegen kann - phantastisch.
Am Ende noch ein Klavier. Seichte, andächtige Töne. Fremde heißt das letzte Stück. Ein gesprochenes Lied. Ein großartiger Gebrauch von Sprache über Kategorisierung und Schubladendenken und dessen grausame Konsequenzen. Ein Gedankenstrom über ihr Elternhaus? Wut macht sich breit, Unverständnis, Misstrauen. So baut sich ein Stück auf, die anderen Instrumente setzen ein. Das Klavier bringt Hoffnungsschimmer, die Gitarre behält die Zweifel. Knapp acht Minuten dauert dieses letzte Lied und lässt uns Hörende mit vielen Gedanken zurück. Was macht die durchaus aufbauende Musik nach dem bitteren Text? Wie schön, dass uns diese Gedanken geschenkt werden, wenn man sich denn drauf einlässt.
Gut eine Stunde erklingen Nichtseattles neue Stücke auf Große Liebe. Ja, mit ihrer Band ist Katharina Kollmann ein weiteres tolles Album gelungen. Doch ich frage mich auch, ob sie damit auch überfordern kann. Die Texte sind nicht nur lang, sondern auch so dicht und komplex. Doch kurz weiter gedacht, ergibt sich folgendes Bild: Was erwarte ich denn von Kunst?! Dass sie unscheinbar nebenher dudelt?! Dass sie einfach ein paar nette Momente generiert?! Wenn ja: Okay. Doch sie kann auch bereichern, kann auch weh tun. Kann zum großen Genuss, zur Großen Liebe einladen. Kann aufzeigen, protestieren, anregen und bestätigen, rausbrüllen. All das - und sicher noch wesentlich mehr - ist hier auf beeindruckende Weise gelungen!
03.11.26 Kiel, Hansa48 04.11.26 Hamburg, Knust 05.11.26 Osnabrück, Kleine Freiheit 06.11.26 Langenberg, KGB 07.11.26 Leipzig, UT Connewitz 08.11.26 Berlin, Großer Sendesaal des rbb 09.11.26 München, Feierwerk (Kranhalle) 10.11.26 Wien, Club Lucia 12.11.26 Regensburg, Alte Mälzerei 13.11.26 Frankfurt, Brotfabrik 14.11.26 Köln, Artheater
(Ms) Gar nicht mal so leicht, über diesen Abend zu schreiben. Ihn zu erleben war schon nicht einfach.
Logisch, Elbphilharmonie ist schon wuchtig genug. Ein großartiges Gebäude. Eine Stunde vor Beginn wurde der große Saal geöffnet. Beziehungsweise die Tore, um ihm näher zu kommen. Dann hieß es nochmal eine halbe Stunde warten, bis der Innenraum freigegeben wurde. Und das war spät. Die Innentüren gingen um 22.15 Uhr auf. Nicht nur aufgrund der Uhrzeit sollte dies ein ereignisreicher Abend werden. Dafür war vor allem die Dame an der Orgel verantwortlich: Anna von Hausswolff. Letztes Jahr erschien ihr aktuelles Album The Iconoclasts und sollte noch wuchtiger und komplexer werden als alles, was sie vorher gemacht hat. Die Orgel nahm sich ein wenig zurück, mehr Gitarrenwände und vor allem ein Saxophon, was ich in der Form noch nie gehört habe. Es sollte auch am Abend eine wichtige Rolle spielen.
Dann gingen also die Türen auf. An einem milden Spätsommertag an der Elbe. Bier und Weißwein in der Lobby waren lecker, der Blick auf den Hafen großartig. Der Blick ins Innere dieses Gebäudes auch. Eine Höhe, die demütig macht, ein Rondell für hervorragenden Klang. Bequeme Sitze, entspannte Menschen. Wir ergatterten einen tollen Platz auf der ersten leichten Erhöhung. Leider roch es dort so unangenehm, dass wir nochmal umzogen. Doch die Sicht blieb super. Denn so konnten wir einen Blick auf alle Beteiligten auf der Bühne erhaschen, trotz dass ein Scheinwerfer immer wieder ordentlich blendete.
Pünktlich um 22.45 Uhr betrat Anna von Hausswolff mit ihrer fünfköpfigen Band die Bühne und es ging direkt los. Als der Bassist sich einen Geigenbogen nahm, um über die Saiten zu streichen, kam die erste Gänsehaut. Und die erste Erschütterung des Konzertsaales. Lautstärke, Wucht, Dynamik, Unerbittlichkeit. Das waren die Leitmotive für die kommenden knapp eineinhalb Stunden. Ein hochgradig intensives Konzert hat die Schwedin mit ihrer uniformierten Band da hingelegt. Der Fokus lag klar auf den neueren Stücken. Irgendwie natürlich logisch, doch der ein oder andere ältere Track mehr, täte dem Set vielleicht ganz gut. Denn diese Intensität war offenbar nicht für alle was. Offiziell soll das Konzert ausverkauft gewesen sein. Das ist nur schwer nachvollziehbar, denn es fand im Rahmen des Reeperbahn Festivals statt und Menschen mit einem Bändchen konnten einfach so rein. Und auch wieder raus. Zudem wurden Karten nur für diesen Auftritt verkauft - da habe ich zugeschlagen. Der Saal war gerade mal zu 60-70 Prozent gefüllt. Ob nicht alle Ränge freigegeben waren, weiß ich nicht.
Während es nur so schepperte auf der Bühne, standen also immer mehr Menschen auf und gingen. Ich konnte meinen Augen kaum trauen. Ja, es war schon eine derbe Performance. Doch einfach gehen?! Da geben gerade sechs Menschen auf der Bühne alles, lassen Wände und Böden erzittern und viele verlassen einfach den Saal?! War es also nicht auszuhalten? Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Es war definitiv ein krasses musikalisches Erlebnis. Die Grenze des Aushaltbaren hat Anna von Hausswolff auf jeden Fall erzittern lassen. Doch ist Kunst nicht auch etwas, das mal erschüttern kann?! Oder soll?! Oder gar schockieren?! Klar, auf jeden Fall. Das muss sie auch. Wie feige ist es dann, einfach zu gehen.
Ich hatte auch zu hadern, wie ich das denn nun fand. Zwei Mal sah ich sie schon live. Beide Male war ich völlig baff: so eine Kraft, so eine Präsenz, so eine Dynamik. Es brauchte eine Nacht, bis ich zu meinem Urteil kam: Ja, das war einfach verdammt gut. Das war Kunst. Es hallte nach. Im doppelten Sinne.
Auch auf der Bühne. Denn eine Zugabe gab es nicht. Der Auftritt war kürzer als eingeplant. Ist ja auch nachvollziehbar aus KünstlerInnensicht. Eine Verbeugung noch, dann ging das Licht an. Wer will schon nochmal dort auftreten, wo die Menschen gehen?!
Und dann stand man da. Samstagnacht in der Elbphilharmonie. Nach so einem intensiven Abend. Ein Abend, an dem Orgel und Saxophon eine irre Energie entwickelt haben. Was hat der Typ am Holzblasinstrument denn bitte gemacht?! Alles hat er gegeben. Doch es kam offenbar bei einigen nicht an. Alle anderen, die es genießen konnten und bis zum Ende blieben, haben einen herausragenden musikalischen Abend erleben dürfen, der die Grenzen des Genusses neu ausgelotet hat.
Vergangenen Sonntag wurde hier in Niedersachsen gewählt. BürgermeisterInnen, Kreis- und Gemeinderäte. Auch bei dieser Kommunalwahl haben die hier als gesichert rechtsextremen Menschen von der AfD viele Stimmen bekommen. Zugleich ließ diese Wahl tief blicken in die Partei und ihre WählerInnen. Die Wählenden zu erst: Es war hier möglich, bei einer Gemeinderatswahl beispielsweise der Partei bis zu drei Stimmen zu geben oder diese drei Stimmen auf einzelne KandidatInnen zu verteilen oder wie man halt mag. Hauptsache drei Stimmen. Dies ließ sich am Ende einsehen. Und bei der AfD hat in allen Wahlergebnissen, die ich sah, die Partei etwa 90% der Stimmen und kaum gingen Stimmen an die Menschen, die für ihre antidemokratische Partei stehen. Heißt ja: Wer da steht, ist völlig egal, Hauptsache menschenverachtende Politik. Und das geht direkt in den zweiten Part über: was diese Wahl über die Partei aussagt. Denn zu Beginn der Woche wurde bekannt, dass über 300 Sitze bei der Wahl im ganzen Bundesland frei bleiben, weil es schlicht und einfach keine Menschen gibt, die sie einnehmen würden. Bei circa 250 dieser Sitze handelt es sich um die AfD. Ihre Sitze bleiben frei, die Gewichtung bei Abstimmung verschiebt sich zugunsten der demokratischen Parteien. Das ist ja die Krux: Laut ist die Partei mit ihrem ganzen menschenverachtenden Scheiß. Auf lokaler Ebene lässt sich sowas überhaupt nicht durchsetzen. Und machen will es wohl auch keiner.
LambriniGirls
(Ms) Bock auf rohen, schnellen Punkrock?! Herzlich willkommen bei Lambrini Girls! Das Duo aus Großbritannien veröffentlichte zuletzt mit Bang Bang Bang einen Track, der seinem Namen mehr als gerecht wird. Schnell und voll auf die Fresse und schön unter zweieinhalb Minuten. Es erinnert schon sehr an Amyl And The Sniffers. Doch, was dort gut funktioniert, klappt ja auch woanders. Eben. Ein düsterer, treibender Sound, der sich da die Bahnen bricht. Ein Song, der erlebt werden will. Und das dazugehörige Video seht hervorragend Pate dafür. Genial, wie die Bilder die Stimmung des Stückes wiedergibt und untermalt. Ein Rausch, ein Knall, zerberstende Gläser. Am 15. Januar erscheint mit No Refunds ihr neues Album und könnte richtig stark werden!
08.05. - Hamburg, Fabrik
14.05. - Berlin, Astra
18.05. - Wien, Arena
20.05. - München, Muffathalle
25.05. - Köln, Live Music Hall
Tiny Doris
(Ms) Na, ist der Kopf schon wieder voll?! Zu viel Schrott auf dem Handy gesehen? Zu viele dämliche Vorgaben und Änderungen bei der Arbeit? Schon wieder Schienenersatzverkehr? Schon wieder gruselige Wahlergebnisse? Schon wieder hohe Spritpreise? Und wieso ist Butter eigentlich so günstig geworden? Und: schon beim Weihnachtsgebäck im Supermarkt zugeschlagen?! Puh. Overload. Das Hirn braucht dringend eine Pause. Zu viel. Zu blöd. Zu viel Energie raubend. Gut, dass es Tiny Doris gibt. Denn auf ihrem Album In Den Dosen, das heute (!) erschienen ist, macht der Denkapparat mal schön Pause. Hier passiert gar nichts. Und doch alles. Hier wird Sinn gegebenenfalls mal klein geschrieben. Hier lebt der Moment in extremer Reinform. Hier geht es um ein schiefes Gitarrenriff, Tiere und die Frage, wer die ganzen Maden aufisst. Eben. Das ist wichtig. Punkt.
(Ms) Der Groove dieses Tracks ist ansteckend. Mitreißend. Hypnotisierend. So schön eingängig. Es kitzelt gar ein wenig. Hach, macht das Spaß. Es geht um Parlament Der Liebe von Investment. Die Gruppe ist im Grunde genommen die selbe wie Der Mann oder Die Türen. Nur mit noch einem dritten Namen und einem bald neuen Album. Da steckt so viel subkulturelle Popmusik der 80er und 90er Jahre drin, das ist ja frech. Und das in einem so frischen Gewand. Mit sanftem, aber bestimmendem Bass und einer Querflöte, die einen hinfort trägt. Wenn es im Parlament der Liebe keine Mehrheit gibt, wird es kalt in Deutschland. Diese Programmatik ist so genial - süchtig machend beinahe! Stark. Musik kann so so unfassbar viel Spaß machen. Klanglich und intellektuell. Wieder Nur Lieder erscheint am 2. Oktober. Understatement par excellence.
Fjørt
(Ms) Das aktuelle Album dieser Band erscheint bitte in drei Monaten auf allen Bestenlisten des Jahres ganz vorne. Was Fjørt mit belleépoque geschaffen haben, ist schlicht großartig. Großartig in der Wucht, beeindruckend in der Intensität, packend in der Wut und mitreißend in der Energie. Unerbittlich laute, krachende Gitarren und schepperndes Gebrüll. An vielen Orten waren sie mit den neuen Stücken schon unterwegs. Vom kleinsten AJZ bis zu den großen Festivalbühnen. Sie spielen beiweitem nicht überall, sie suchen sich ihre Orte schon aus. Ein Glück, dass sie kommendes Jahr noch eine satte Rutsche an Konzerten nachschieben. Der Januar und Februar steht nochmal im Zeichen dieser brachialen Musik und lässt den Winter erzittern. Hin da:
26.01.27 Rostock, Peter Weiss Haus 27.01.27 Potsdam, Waschhaus 28.01.27 Braunschweig, Westand 29.01.27 Vechta, Gulfhaus 30.01.27 Kiel, Die Pumpe 11.02.27 Bielefeld, Forum 12.02.27 Schweinfurt, Stattbahnhof 13.02.27 Essen, Zeche Carl 16.02.27 Kaiserslautern, Kammgarn 17.02.27 Chemnitz, AJZ Talschock 18.02.27 Regensburg, Aurelium 19.02.27 Reutlingen, franz.K 20.02.27 Karlsruhe, Substage 27.02.27 Köln, Live Music Hall
(Ms) Muff Potter - eine Macht der hiesigen Rockmusik. Eine Band, die für mitreißende Dynamiken, kluge Texte und satte Liveauftritte steht. Eine Band, die nach einer Pause unfassbar stak zurück gekommen ist. Eine Musikgruppe, die immer was zu Schmunzeln und zu Denken mitbringt. Und tatsächlich - im Kern - auch viele Lieder über Liebe.
Am Freitag (18. September) erscheint ihre neue Platte Kletpo auf dem eigenen Label Hucks Plattenkiste. Neun Stücke sind darauf zu finden - auf der erweiterten Version kommen noch zwei obendrauf. Es ist ein Album, das sich bei jedem Hören in seine Höhen spielt. Das immer mehr Spaß macht, immer mehr Sinn. Dafür sollten beim Hören mal die Augen geschlossen oder die Fäuste geballt sein. Und stets der Kopf ganz wach, denn es gibt viele tolle Zeilen aufzusaugen!
Taliban Of The Week ist der erste Track - was für ein genialer Titel! Ein Stück übers Aushalten von Widersprüchen und ein sich Auslassen über die Highperformer unserer Gesellschaft. Sie landen doch eh alle in der Klinik. Eine E-Gitarre, die eine tolle Spannung aufbaut und obendrauf Thorsten Nagelschmidts unverkennbare Stimmung. Musik kann auch ein Zuhause sein. Bestechend dabei ist der etwas rohe Klang. Dieses Album ist nicht glattgeschliffen, würde auch nicht zu Muff Potter passen. Doch das macht den gesamten Höreindruck auch sehr sehr nahbar und irre sympathisch. Auch die sich ändernden Harmonien im Laufe eines Stückes.
Die erste Single Rückflug Aus Montana bleibt ein wenig im Ungefähren, darf aber mit Sicherheit als Liebeslied interpretiert werden, ein Sehnsuchtslied. Mit schleppenden Gitarren, einem Tamburin und einem „Oh Yeah“ im Refrain - gelebte Lässigkeit. Ist Hast Du Den Müll Schon Rausgebraucht auch ein Liebeslied?! Ja, gewissermaßen - kommt hat nur auf die Perspektive an. Es könnte ein Abschiedslied oder ein Trennungslied sein. „Du hast wirklich einen Schatten / Ich hab keinen ohne dich.“ Für solche Zeilen ist eine Gruppe doch einfach nur zu beneiden, oder?! Das treibende Schlagzeug von Thorsten Brameier hier schiebt die Takte energisch vor sich hin - es macht einfach nur viel Hörfreude.
Spannend wird dann erst recht, wenn ein Stück sechseinhalb Minuten geht. So geschehen bei Ein Starkes Stück. Hehe, Ambivalenz und so. Ein Lied voller Referenzen, die es zu entdecken gibt. Eine flirrende Gitarre von Felix Gebhard schwirrt durch alle 394 Sekunden. Auch wenn der Track auf der Hälfte seine Gestalt ändert, Tempo aufnimmt, griffiger wird, sich ins kaum Aushaltbare steigert. Fast schon psychedelisch, bis es explodiert!
Über die Ambivalenz der Liebe geht es auch auf Und Die Nacht Brach Still Herein. Ein weiteres schwirrendes Lied, das die ungefähre Stimmung aus dem Text hervorragend in die Musik verfrachtet. Zusammengehalten wird es durch den unterschwellig wummernden Bass von Dominic Laurenz. Ja, im Lied wird ein Zusammensein und ein Kümmern thematisiert, aber die musikalische Atmosphäre spricht derart krass dagegen, dass hier viel nachhallt. Und was um alles in der Welt passiert am Ende mit der Schusswaffe?!
Den Höhepunkt bietet Engelstränen Im Abendlicht. Ein griffiger Track, wo alle Instrumente und Nagels Stimme großartig zusammen verschmelzen und auf unter drei Minuten gehörig Druck erzeugen! Das Große da draußen und das Kleine hier drinnen. Ein paar wuchtige Parolen und doch eine Menge Schmerz.
Ja, auf diesem Album werden die Gegensätze aufeinander los gelassen. Bis zum Bersten müssen wir sie aushalten. Und Muff Potter sind so schlau, sie mit kraftvoller Musik zu untermalen. Ja, nicht jeder Track ist sofort ein absoluter Kracher. Doch bei jedem Hören knistert es mehr. In einer glatt gebügelten KI-Welt ist es schön, ein teils so rohes Album zu hören. Die Uneindeutigkeit ist verlockend und macht richtig Spaß. Und sie zeigt eine Band, die nach vielen, vielen Jahren immer noch nicht genug hat und ihr eigenes Schaffen immer unermüdlich erweitern. Hört niemals auf!