Freitag, 13. September 2019

KW 37, 2019: Die luserlounge selektiert!

Quelle: drodd.com
(ms) Man kommt ja zu gar nichts. Zum Beispiel: Einen Konzertbericht schreiben zu einem irren Ereignis, das genau vor einer Woche stattgefunden hat.
Letzten Freitag spielte die Punkrock-Band Pascow ein Konzert in Osnabrück. Ich war da und es war der absolute Wahnsinn. Seit diesem Jahr erst ist diese Band auf meinem Radar und ihr Album Jade gehört seit dem Frühjahr zu den Platten, die wirklich auf Heavy Rotation bei mir laufen. Seitdem hören meine Nachbarn auch mehr lauten Punkrock.
Die Erwartungen waren hoch und wurden noch getoppt. Mit dem ersten Gitarrenriff ging eine enorme Energie von der Bühne auf das unglaublich textsichere Publikum über. Mehr will ich nicht sagen, außer: Wer Pascow nicht live sah, hat wirklich was verpasst.
Punkt. Freitag. Luserlounge. #selektiert.

Blindzeile
(ms) Zuerst wenige Sekunden spielerisch-holperndes Schlagzeug, das jedoch im Takt ist. Dann setzt ein sehr konkreter Basslauf ein, der hoch und runter tanzt. Dieser wird durch ein Klavier-Stakkato ergänzt. So fügt sich langsam ein Soundgewand zusammen. Ab der 30. Sekunde setzt der Gesang ein. Bis dato könnte es auch ein modernes Kinderlied sein, so beschwingt und frisch kommt es daher - hier bitte als Kompliment zu verstehen! Doch die Zeile "Die Sonne scheint schlecht gelaunt zu sein" kann auch Erwachsenen taugen. Und das ist dann auch die Zielgruppe von David Pümpin und seiner Band Blindzeile. Der Song heißt Im Süden und ist Teil des heute (13.09) erscheinenden, zweiten Albums Bewegung. Im Refrain macht sich eine ganz sanfte Melancholie breit, wenn der Protagonist wiederholend singt "Ich wünschte du wärst..." und der Hörer darf den Satz vollenden. Zugegebenermaßen kenne ich mich in der Schweizer Bandkultur nicht aus. Gar nicht. Doch ich vermute aus dem Bauch heraus, dass es eher ungewöhnlich ist, hochdeutsch zu singen. Pümpin tut es doch. Seine Stimme kommt auf besten, andächtigen Synthie-Pop-Melodien daher, die an sich schon eine tolle Atmosphäre zwischen Leicht und Schwer erzeugen. Es ist ein anspruchsvolles, persönliches Album, das mit textlichen Fragmenten arbeitet. Schön, um sich hineinzudenken und sie fortzuführen. In der Schweiz gehen Blindzeile demnächst hier auf Tour:

14.09. - Ostermundigen, Stefs Kultur Bistro
05.10. - Birsfelden, Roxy
11.10. - Liestal, Laufwerk
12.10. - Bern, Cafete
16.11. - Zug, Podium 41
29.1.1 - Zürich, Irchel



Hopo Pongo
(ms) Versteh mal einer die musikalischen Hypes und ihre dazugehörigen Genres. Ganz, ganz grob würde ich Parcels und Rikas - die ja beide in höchstem Maße gehyped sind - in eine ähnliche musikalische Richtung einordnen: beschwingter, sorgenfreier, funkiger, tanzbarer Pop mit Finesse. Und es gut, wenn sich da andere hinzu gesellen. Man kann ja nicht immer zu den gleichen Songs tanzen. Hier kommen  Hopo Pongo ins Spiel. Denn locker, beschwingte Musik, die so gut in den sich gerade verabschiedenden Sommer passt, braucht einen super Namen. Und ein hervorragendes, gewissermaßen ulkiges Video. Das bieten sie zu One Armed Scissor: ein liebenswerter, alter Mini, ein Alpaka, eine wirklich schöne Landschaft und vier ursympathische MusikerInnnen. Mathea, Henry, Tubbs und Moritz bringen alles mit, um auch bald in Eurem Ohr einen Wurm entstehen zu lassen. Am 18.10 erscheint ihre EP I Don't Like The Sound. Hey, hey, hey... ich mag den Sound wirklich super gern! Überzeugt Euch:



Berge
(ms) Ich wette, Ihr kennt das auch: Kommt in etwa die gleiche Botschaft aus zwei ganz unterschiedlichen Mündern, nimmt man sie ein Mal an und stößt sie ein Mal ab. Man bewertet unterschiedlich. Aus dem Bauch heraus. Bei Musik ist das nicht anders. Den Radio-Bubis glaube ich einfach nicht, was sie singen. Das ist mir zu viel Kalkül und Berechenbarkeit. Der Gruppe Berge glaube ich, wenn sie mir singen, dass ich mich trauen soll. Das tut man halt so selten. Beispielsweise habe ich mal gelesen, dass meine Generation - die um 1990 Geborenen - eine Gruppe sind, die extrem auf Sicherheit angelegt sind. Im Job, in der Beziehung, mit den Finanzen. Wertkonservativ nennt man das, glaube ich. Langweilig, könnte man auch sagen. Also, liebe Gruppe Berge, vielen Dank für den Mutmacher Trau Dich, dem man anhört, dass er von Herzen kommt!
Ich glaube, am Wochenende mache ich mal was Verrücktes!
 Und: Die Band ist mir ihrem aktuellen Album Für Die Liebe auf Tour, geht da hin!

13.09. - München, STRØM
15.09. - Zürich,Moods
19.09. - Hannover, Pavillon
20.09. - Kiel, Die Pumpe
24.09. - Berlin, Festsaal Kreuzberg
27.09. - Stuttgart, Im Wizemann
28.09. - Freiburg, Jazzhaus
29.09. - Heidelberg, halle02 Club
30.09. - LeipzigWerk II
01.10. - Wien, WUK
02.10. - Dresden, Beatpol



Gina Été
(ms) Hey, lieber Leser, liebe Luserin. Heute ist ja bekanntlich Freitag und da wird gestreikt. Also die Schülerinnen und Schüler tun dies. Aus einem guten Grund. Das ist wichtig und gut. Go on, Greta! Und nicht vergessen: Haters gonna hate, weil sie nun mal beschränkt sind. Und hey, wohin geht der nächste Urlaub? Eben noch das Auto für das Wochenende vollgetankt? Doch noch die in Plastik eingeschweißte Gurke gekauft? Ja, Mist. Geht mir ja nicht anders; aber wir sollten nienienie aufhören es zu probieren und an unserem Konsumverhalten zu arbeiten. Und mit diesem kleinen Einschub sind wir direkt bei Gina Été! Die Künstlerin hat das Dilemma, in dem wir links-grün Versifften uns befinden in ein Lied gepackt. Es heißt Windmill. Die zwei Damen von "Fux & Fix Films" haben dazu ein herrliches Video gedreht, zu dem ihr sicher als erstes "Oh, süß!" und dann "Oh, Backe!" denken könntet. Eine feine, filigrane Stimme mit direktem Text und einer Horde Pinguine. Ein toller Song, ein bitteres Video, eine kluge Botschaft: „You might not understand why it‘s up to us to set the end / Why can we set the end to what is yours?“

20.09. - Basel, Trinationaler Klimastreik
27.09. - St. Gallen, Sankt Lauter
25.10. - Zürich, Gemeinsam Znacht Jubiläum
10.11. - Immendingen, Lichtspielhaus Gloria
11.11. - Stuttgart, Club Cann
13.11. - Köln, Festival in den Häusern der Stadt Köln
24.11. - Köln, Uraniatheater, Gina Été orchestra



Skáld
(ms) Es muss gut zwei Jahre her sein. Ort der Handlung: die alte, geliebte WG, Studienzeiten. Einer der Verrückten rief mich - wir waren eventuell schon etwas bierselig - in sein Zimmer; er habe da etwas geiles, musikalisches entdeckt. Ich bin natürlich sofort rübergehechtet. Auf dem Weg hörte ich schon schamanenhafte Musik, zu der ein Opfer aufgebahrt werden könnte. Es war die Gruppe Heilung. Trommeln, bisschen nordischer Quatsch und eine Menge Show. Super Spektakel. In dieselbe Kerbe schlagen auch Skáld aus .... Frankreich! Hört man beispielsweise den Song Rún, ist die frankophone Herkunft nicht ansatzweise erkennbar. Spricht natürlich für die Band, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Woher der Hand kommt mit nordischen Mythologien und dem martialischen Auftreten zu koketieren, spielt ja auch gar keine Rolle. Natürlich hat das Drive und nimmt einen mit. Aber ernst nehmen kann man es halt nicht. Und ich vermute, dass die MusikerInnen das auch nicht tun. Ein bisschen Nordic Horror Picutre Show und eine Rune im Gesicht; fertig ist die irgendwie catchy Musik. Funktioniert. Ist super. Das dazugehörige Album Viking Chant (musste ja sein...) erscheint kommende Woche (VÖ: 20.09). Legt Eure Fakeln und Forken bereit, erhitzt den Met, dann gehts odinmäßig ab!



Angel Olsen
(ms) "It’s easy to promise the world to those we love, but what about when our dreams change and values split?" Das sagt Angel Olsen zu ihrem neuen Track Lark, der als zweiter Vorbote zu ihrem vierten Album All Mirrors (VÖ: 4.10.) diese Woche samt Video erschien. Und Recht hat sie, wenn man den gut sechseinhalb Minuten aufmerksam lauscht. Es liegt zum einen natürlich am teils hypnotisierenden Text und Gesang, aber noch viel stärker am dramatischen Sound, der sanft und aufbrausend ist. Die Dauer des Tracks versetzt das Gemüt in viele unterschiedliche Stimmungen, meist dramatisch-ergreifend. Lark steigert sich ganz hervorragend, beinahe lehrbuchmäßig. Vom ruhigen Beginn, über den ersten stimmlichen Ausbruch bis hin zum Höhepunkt samt treibender Percussion, eindringlichen Streichern und ihrer sehr kräftigen Stimme. Heidewitzka... Wenn das gesamte Album so vielseitig, qualitativ überragend und überraschend ist, haben wir hier noch ein ganz heißes Release vor uns!
Es gibt auch schon Tourdaten für das kommende Frühjahr:

29.01.2020 - Munich,  Kammerspiele 
30.01.2020 - Berlin, Huxleys Neue Welt 
05.02.2020 - Hamburg, Gruenspan 



Luca Vasta
(ms) Wenn ich hier über eine Band berichte, die ich irgendwann mal zufällig live gesehen habe und mir nun wieder über den Weg läuft, dann fand die Live-Begegnung meistens auf dem Traumzeit Festival in Duisburg statt (wiederholend: große Empfehlung!). So auch mit Luca Vasta. Eine Bekannte meinte damals: "Lass uns doch noch Luca Vasta anhören." Ich: "Gerne, was macht der denn für Musik?" Oh man, da musste ich schnell raus aus dem eingefahrenen Assoziationskosmos! Was wir sahen: Einen leidenschaftlichen, energiegeladenen Auftritt. Dass die Dame mit italienischen Wurzeln genau diese immer wieder in ihren Texten behandelt, verarbeitet und ihnen hinterher sehnt ist deutlich auf ihrem neuen Album zu hören. Bereits letzte Woche erschien Stella. Und nicht nur Old Italien Songs ist ein offensichtlicher Beleg dafür, sondern auch interessanter Weise der Song American Dreams. Jeglicher Eros Ramazotti-Kitsch hat natürlich und zum Glück überhaupt nichts mit diesem teils folkloristischen Pop zu tun, der wunderbar ins Ohr geht. Und unter Umständen genau da bleibt. Live kann man sich solche Würmer auch einfangen, und zwar hier:

26.09.19 - Bonn, Moment Cafe
27.09.19 - Köln, Lichtung
04.10.19 - Hamburg, Nochtwache
06.10.19 - Berlin, Privatclub



Kettcar
(ms) Möglicherweise habt Ihr mitbekommen, dass ich hier in regelmäßigen Abständen große Lobeshymnen auf die Band Kettcar verfasst habe. Das ist richtig. Und ich kann nicht anders. Seit vielen Jahren bin ihrer Musik, ihren Texten, Alben, Auftritten völlig verfallen. Im Kern ist es die enorme Qualität im Songwriting, die mich tief berührt, auch wenn das jeweilige Lied wenig mit meinem Leben zu tun hat, dann schlagen Reimer Bustorff und Marcus Wiebusch genau diese Brücke. Gelacht und geweint, geknutscht und in Erinnerungen versunken bei ihren Konzerten. Dass eine Pause kommt, war klar. Nun ist es offiziell. Und alle fünf haben sie sich verdient. Im Presse-Statement heißt es "Pause auf unbestimmte Zeit". Das hoffe und glaube ich nicht. Sollen sie sich gerne ein, zwei Jahre eine Auszeit aus dem Trubel nehmen. Alles okay. Aber so werden sie nicht verschwinden. Auch wenn die Ankündigung der Live-Platte ...Und Das Geht So! (VÖ: 8.11 / 29.11) darauf hindeuten mag. In erster Linie ist es eine großartige Erinnerung an pausenlose Touren innerhalb der letzten beiden Jahre. Denn für die nächsten Wochen und Monate wird im Grand Hotel van Cleef-Kosmos wieder die Uhlmann-Flagge geschwungen.
Kettcar gehen kommendes Frühjahr mit Bläsern auf Pause-Tour. Darf man sich also nicht entgehen lassen. Und: Ich verspreche hiermit einen umfangreichen Konzertbericht Ende Januar!

26.01. - Düsseldorf, Stahlwerk
27.01. - Nürnberg, Z-bau
28.01. - München, Muffathalle
29.01. - Mannheim, Capitol
30.01. - Dresden, Schlachthof
31.01. - Bremen, Pier 2
01.02. - Lübeck, MuK

Freitag, 6. September 2019

KW 36, 2019: Die luserlounge selektiert

Quelle: peterweiselgolf.com 
(sb/ms) Kaum muss man dieser Tage morgens eine Jacke anziehen, um am Bahnsteig nicht zu bibbern, hat man vergessen, wie heiß es doch am letzten Wochenende war. Und wie sehr man bei weit über dreißig Grad gebrutzelt werden kann. Das war beim wundervollen Müssen Alle Mit Festival in Stade (zwischen Hamburg und Cuxhaven) der Fall. Kaum Schatten, derbe Sonne ab mittags. Aber die Organisatoren waren gut zu den Menschen: es gab kostenlose Abkühlung unter sprühenden Sprenklern und Leitungswasser ohne Ende. Sehr gut! Der krasse Gegensatz kam zu später Stunde: ein plötzliches und sehr heftiges Gewitter hat dazu geführt, dass der Auftritt von Frittenbude abgebrochen und damit das gesamte Festival früher beendet wurde (da war es gar nicht so unschlau schon etwas früher Heim zu fahren).
Doch vorher gab es ein astreines Programm. Botschaft haben die Indie-Herzen (auch wenn der Tapete-Pressetext etwas anderes sagt) höher schlagen lassen: Wenn Die Sterne auf Kante treffen; nur in jung. Gurr haben die Bestimmung für ihren Hitze-Hit Hot Summer gefunden. Zoot Woman haben aus einer grünen Wiese eine irre Tanzfläche gemacht; und das nur zu zweit. So geht großer Synthie-Pop! Bernd Begemann hat charmant wie immer durch das Programm geführt. Juse Ju weiß solo brutal zu überzeugen, doch ein Stückchen geiler wird es halt, wenn spontan Fatoni mit auf der Bühne steht. Und Turbostaat haben erneut bewiesen, dass sie eine der besten Punkrockbands des Landes sind, große Liebe nach Flensburg.
Doch nun genug in der jüngsten Vergangenheit geschwelgt. Es ist Freitag. Wir sind die luserlounge. Das ist die Selektion!

Love Fame Tragedy
(sb) Oida, is des funky! Nach ein paar Takten schon bestens im Ohr eingefedert und dann diese Stimme - hä, die kennt man doch, oder? Und ja: das ist Matthew Murphy, Leadsänger und Gitarrist von The Wombats. Immer wieder gerne gehört und einfach großartig!
Love Fame Tragedy ist das Solo-Projekt von "Murph" und auf diesem versammelt er zahlreiche illustre Freunde und Kollegen: Gitarrist Joey Santiago von den Pixies ist ebenso vertreten wie Gus Unger-Hamilton von Alt-J oder Drummer Matt Chamberlain (Pearl Jam, Soundgarden). Ganz großes Kino also.
Murphy klingt auf seiner EP I Don't Want To Play The Victim, But I'm Really Good At It (äußert gschmeidige Referenz an Picasso übrigens), die am 27.09. erscheinen wird, deutlich atmosphärischer und synthetischer als mit seiner eigentlichen Band, der Qualität der leider nur vier Songs tut dies jedoch keinen Abbruch - ganz im Gegenteil! Ein Meister der einprägsamen Melodien ist Murphy ohnehin und die neuen Gewänder tun seinem Sound hörbar gut. Genau das Richtige für den ausfadenden Sommer und jede neu zu erstellende Playlist.


Lysistrata
(sb) So wirklich viele Bands aus Frankreich, die ich über einen längeren Zeitraum hinweg gerne gehört habe, gibts nicht. The Teenagers vielleicht und natürlich Phoenix. Aber sonst? Lysistrata schicken sich nun an, dies nachhaltig zu ändern und wenn sie das Niveau von Different Creatures, der zweiten Single ihres neuen Albums Breathe In/Out (VÖ: 18.10.) halten können, wird das gelingen.
Straighter Indie-Sound, der stellenweise ein wenig an die großartigen PUP erinnert und live sicher abgeht wie Schmidts Katze. Natürlich werden wir auch über den Longplayer berichten, sobald er uns vorliegt!
Live gibts die Franzosen hierzulande zwar erst Anfang 2020 zu bewundern, hier aber schon mal die Termine inkl. Schweiz und Österreich:

09.10. Zürich, Kater
08.11. Wien, WUK
05.12. Lausanne, Le Romandie
18.03. Nürnberg, Club Stereo
19.03. München, Milla
20.03. Schorndorf, Manufaktur
21.03. Würzburg, Keller Z87
22.03. Trier, Lucky's Luke
24.03. Wiesbaden, Schlachthof
25.03. Köln, Bumann & Sohn
26.03. Dortmund, FZW
27.03. Hamburg, Molotow
28.03. Berlin, Cassiopeia
29.03. Dresden, Groovestation
31.03. Hannover, Lux
01.04. Bremen, Lagerhaus
02.04. Münster, Gleis 22


Solstorm
(sb) Vor drei Wochen hatten wir Euch die Band bereits angeteasert, nun liegt uns das komplette Album vor und wir kommen nicht umhin, Euch nochmal darauf hinzuweisen:
Nach acht Jahren im Winterschlaf ist das mehrköpfige Monster namens Solstorm wieder erwacht. Die Norweger zeichnen dabei einen krassen Kontrast zwischen Dunkelheit und Licht, dem Schönen und dem Hässlichen, dem Zarten und dem Schweren. Sie kombinieren schwere Riffs, harte Trommeln und Geräuschwände mit zarten Melodien und hochfliegenden Instrumentalpassagen. Das Endergebnis sind 55 Minuten beeindruckende Musik, aufgeteilt in fünf Songs, mit einem organischen und massiven, stetig wachsenden Sound. Gebrechliche Melodien, gepaart mit harten Riffs, riesigen Instrumentalparts und unkonventionellen Songstrukturen. Vom Hörer fordert das Album II (VÖ: 04.10.) vor allem eins ein: Geduld, um sich wirklich ausführlich und konzentriert mit diesem Brett auseinanderzusetzen. Aber es lohnt sich!


School Of X
(sb) And now for something completely different! Recht viel größer könnte der Unterschied zwischen den brachialen Solstorm und der fragilen School Of X kaum sein. Das Multitalent Rasmus Littauer ist bisher bekannt als Drummer bei MØ und Major Lazer, bei seinem Soloprojekt hingegen konzentriert er sich voll und ganz auf sich selber. In seiner Heimat Dänemark konnte der Künstler mit seiner emotionalen und experimentellen Musik bereits beachtliche Erfolge feiern, hierzulande wartet er hingegen noch auf den Durchbruch. Mit Destiny ist School of X näher am geneigten Hörer als je zuvor. Direkt und intim wird eine Lebensentscheidung, die wir wohl alle schon mal erlebt haben, in Worte gefasst: das Ende einer Beziehung und die Reflexionen über Vor- und Nachteile, die folgen. Wir sind gespannt auf die gleichnamige EP, die am 15.11. veröffentlicht werden wird.


Sam Fender
(ms) Folgendes Phänomen: Man hat als Toursupport oder auf einem Festival eine tolle und bis dato unbekannte Band gesehen und möchte sich das im Nachhinein nochmal genauer anhören. Ich gehe davon aus, dass das kein seltenes Phänomen ist. Letztes Jahr auf dem wunderbaren Traumzeit Festival sah ich zufällig Sam Fender. Und der junge Mann brachte mächtig Energie und astreine Gitarrenmusik auf die Bühne. Das wusste sehr schnell sehr gut zu gefallen.
Nun bringt er sein erstes Album auf den Markt. Kommende Woche erscheint Hypersonic Missiles (VÖ: 13. September). Was mich nun allerdings ein wenig abschreckt: Warum in alles in der Welt klingt der in den Studioaufnahmen wie Bono von U2?! Und das ist keineswegs als Kompliment gemeint! Äußerst mysteriöse Angelegenheit...

08.11.2019 Wiesbaden, Schlachthof
09.11.2019 Köln, Live Music Hall (ausverkauft)
11.11.2019 Hamburg, Docks (ausverkauft)
12.11.2019 Berlin, Astra
13.11.2019 München, Backstage Werk



Tour Of Tours
(ms) "Hurra, es geht auf Tour / Also ich hab' das Privileg /Etwas Geld zu verdie'n /Von der Welt was zu seh'n / Und mit Freunden zu steh'n auf der Stage." Das haben Waving The Guns gedichtet. Und das gilt sicher für enorm viele andere Musiker, die genau das genießen dürfen. Ein Konglomerat aus Bands, die wir verehren, hat sich vor Jahren schon zusammen geschlossen und sich dazu entschlossen eine Mega-Tour zu machen. Fünf Bands durchweg zusammen auf der Bühne: Ian Fisher, Honig, Tim Neuhaus, Jonas David und Town Of Saints. Zehn (in Zahlen: 10) Musiker. Wir haben euch von ihren irren Konzerten und herzerwärmenden Songs berichtet. Und da wir uns auch der Informationsweitergabe verpflichtet fühlen, Folgendes: Die Damen und Herren der sogenannten Tour Of Tours haben beschlossen ein gemeinsames Album zu veröffentlichen. Das ist eine sehr gute Idee. Farbiges Doppel-Vinyl. Da geht einem doch das Herz auf! Sie sammeln dafür via Crowdfunding Geld, und es gibt tolle Dinge zum Mitmachen: Violinen-Stunden, Schlagzeug-Unterricht, die Platte an sich und ganz viel Liebe. Rafft Euch auf, gebt den Leuten ein wenig Geld und werdet mit tollen Tönen belohnt!
Das hört sich unter anderem so an:



AB Syndrom
(ms) Wie die Kreise sich nun mal ziehen, in denen man Bands und Künstler kennen lernt. Fatoni. Mine. AB Syndrom. Das ist dieses Mal die Kette. AB Syndrom haben zwar einen etwas eigenartigen Namen, haben jedoch bei Mines Spiegelbild extrem brilliert. Und nun gibt es frisches, eigenes Material des Duos. Klar, an die gepitchte Stimme muss man sich gewöhnen, aber es passt hervorragend zu den basslastigen Synthie-Sounds. Zur Single Somnambul gibt es ein eindrucksvolles, künstlerisches Video, das es lohnt aufmerksam anzuschauen. Obwohl der Beat sehr poppig und tanzbar ist, weiß der Text zu überzeugen. Unser Auftrag also an Euch: Bedacht zuhören und -schauen. Die beiden spielen dieses Jahr noch einen Gig in Deutschland, bevor es kommendes Jahr ein neues Album gibt. Wir werden Euch auf jeden Fall auf dem Laufenden halten!

26.09.19 Mannheim Alte Feuerwache



Editors
(ms) Oh, wie ich diese Band liebe. Die Editors wissen genau, wie man Dynamiken, Stimmungen und Energie aufbaut, zusammenfallen lässt und erneut noch höher türmt. Die Konzerte, die ich vom Quintett gesehen haben, waren stets eine Wucht. Tom Smiths Stimme ist natürlich maßgeblich für den Erfolg der Band verantwortlich, ich bin ihr auch verfallen. Nun bringen sie am 25. Oktober ein Best Of raus, das da Black Gold heißt. Dazu gibt es auch eine passende, neue Single (s.u.). 13 alte und 3 neue Tracks sind darauf enthalten. Ich weiß gar nicht, ob das reicht bei einer Band wie den Editors. 13 Songs von sechs Alben auszusuchen muss ja unglaublich schwierig sein und ich hätte der Liste sicher noch ein paar Lieder hinzugefügt. Ob sich eine Anschaffung lohnt? Schwer einzuschätzen! Als Fan: Natürlich. Allein der Sammlung wegen. Ansonsten sind Best Ofs ja meist nur dazu da, um die Bandkasse aufzufüllen. Wie dem auch sei... Immerhin ist es ein feiner Anlass für eine ausgiebige Tour im kommenden Jahr, die sie auch in unsere Gefilde spülen:

31.01. Düsseldorf - Mitsubishi Electric Halle
03.02. Berlin - Velodrom
22.06. Hamburg - Stadtpark
07.02. Wien - Gasometer

Donnerstag, 5. September 2019

Niels Frevert - Putzlicht

Man sieht ihm die Sorge an. Foto: Benedikt Schnermann
(ms) Um die neue, extrem gute Platte von Niels Frevert zu verstehen, sollte man wissen, wer Philipp Steinke ist. Das ist der Mensch, der dem Album Putzlicht seine Gestalt gegeben hat, der Produzent. Und er ist nicht irgendein Dahergelaufener, sondern ein Namhafter. Lassen wir mal bei Seite, dass er auch für Andreas Bourani oder Revolverheld gearbeitet hat, wichtiger ist eine offensichtlich andere Qualität von ihm. Er holt eine irre Kraft, Kreativität und Qualität aus Bands oder Musikern, die mit sich selbst so sehr am hadern sind. Das hat er zuletzt eindrucksvoll auf der Kettcar-Platte Ich vs. Wir bewiesen. Kettcar, die nach Zwischen den Runden kurz davor waren, die Band aufzulösen. Vergleicht man die beiden Alben miteinander, weiß man auch warum. Und nun hat Steinke bei Niels Frevert etwas Ähnliches bewirkt. Schaut man sich die letzten Alben des Hamburgers an, so ist - zumindest in meinen Augen - die letzte Platte, Paradies Der Gefälschten Dinge, ein wirklich schweres, teils sperriges Album, das an die Vorgänger nur bedingt rankommt. Insbesondere Zettel Auf dem Boden von 2011 ist ein unglaublich schönes, starkes, wortgewandtes Werk. Was genau bei Niels Frevert in den fünf Jahren seitdem passiert ist, wissen wir natürlich nicht. Man kann es jedoch erahnen. So ist nachzulesen, dass er längere Zeit gar keine Musik gemacht hat und auch auf den Texten des neuen Albums kann man Anhaltspunkte finden, was ihm zu schaffen machte.
Nach fünf Jahren Pause schätzen wir uns also mehr als glücklich, dass an diesem Freitag (6. September) Putzlicht über Grönland Records erscheint. Die zarten, sanften, schweren, sehr melancholischen Seiten hat Frevert gänzlich abgelegt. Auf der Platte ist eine satte, leichtfüßige Band zu hören, die keine Angst davor hat, die Regler aufzudrehen und die Saiten schwingen zu lassen, samt Rückkopplung. Das gab es vorher bei Niels Frevert nicht. Revolution. Die tief hängenden Streicher sind zum großen Teil passé; hier ist jemand, der aufrecht und frohen Mutes in die Zukunft strahlt.



Doch natürlich kann man sein "altes" Ich nicht gänzlich ablegen. Und so beginnt die Platte ungewohnter Weise mit einem Intro, einer Prelude, auf der die Streicher gut eineinhalb Minuten nochmal zu Geltung kommen.
Und dann kommen Lieder, die unerwartet persönlich sind. Oder sein können. Je nach Interpretation. Immer Noch Die Musik ist natürlich ein Mutmacher, der aufzeigt, dass die schönen Klänge stets ein Ausweg sind, wenn man mal wieder kurz vorm Heulkrampf steht. Vielleicht ist es auch eine Notiz des Interpreten an sich selbst. Doch Musik kann genau das auch schaffen: das Herz "in Schutt und Asche" legen. Jüngstes, eindrucksvollstes Beispiel: die neue Platte von Enno Bunger. Der Text legt sich über ein zügiges Schlagzeug, im Refrain erstrahlen Chöre, es ist gitarrenpoppig, man hört, dass Philipp Steinke am Werk war. Dazu passt der folgende Track mit dem irren Namen Ich Suchte Nach Worten Für Etwas Das Nicht An Der Straße Der Worte Lag. Eindeutig interpretierbar wie er hier über den schwierigen Songwritingprozess schreibt, Ideen entwickelt, verwirft, neu schafft.
Die große Stärke von Niels Frevert liegt natürlich im Formulieren. So schafft er es Zeilen, Strophen und Refrains zu dichten, die eventuell auch bei den von uns so verabscheuten Radio-Bubis zu finden sein könnten, aber halt nicht kitschig und berechenbar klingen, sondern aufrecht, gefühlsecht und mit einer ganz, ganz sanften Portion Ironie, die es zu entdecken lohnt.
Zum Sound: Einen Track wie Leguane hätte es vorher bei Frevert nienienie gegeben. Breitere Keyboard-Sounds, satte Bassläufe und richtig gitarrig.



Und nun noch mal zu den Texten. Ein großartiger Rezensent schrieb vor Jahren sinngemäß, dass Niels Frevert es schafft mit seinen Liedern Dreieinhalbminutenromane zu dichten. Das wäre mir selber gerne eingefallen. Der Anteil dieser Songs ist auf Putzlicht eher gering, aber sie sind da. Zum Glück. Zwei Beispiele. Erstens: Wind In Deinem Haar. Der Song besteht fast nur aus Satzfragmenten, aus denen jedoch ein schlüssiger roter Faden entsteht. Seit Jahren liegt der zweite Teil von Der Mann Ohne Eigenschaften in meinem Bücherregal. Ich stelle fest: Fragmente lieber hören als lesen. Freverts Charme-Plus, seine manchmal brüchig klingende Stimme, kommt dabei wunderbar heraus.
Zweites Beispiel: Brückengeländer. Oh, das hat mich gepackt! Richtig tief in der Seele. Ein Dreieinhalbminutenroman (okay, bisschen über vier). Zum Einen ist es vielleicht die Gemütslage, die er auch auf Ich Suchte Nach Worten... besang. Zum Anderen ist es ein toller, großer Song, der eine Parallele zum eigenen Leben zieht: ein im Nachhinein gebrauchtes Jahr, aus dem man lernen muss, dass alles hätte-wenn-und-aber nichts nützt, es ist: "Vergangenheit, vorüber und vergessen." Ja, das muss man lernen. Danke dafür. Da ist ein gewisser Pathos völlig angemessen!

Mensch, Niels Frevert. Ich habe mich wirklich auf dieses Album gefreut. Ich hätte nicht gedacht, dass es so phantastisch ist und mich so berührt. Dafür ist die Musik da.
Der neue Sound, die feinen, klugen Texte. Es passt hervorragend.

Das sollte man sich demnächst hier anschauen:

09.10. Essen - Zeche Carl
10.10. Köln - Club Bahnhof Ehrenfeld
11.10. Frankfurt - Nachtleben
12.10. Münster - Gleis 22
16.10. München - Orangehouse
17.10. Dresden - Scheune
18.10. Berlin - Heimathafen
19.10. Hamburg - Mojo Club

02.12. Freiburg - Jazzhaus
03.12. Stuttgart - Im Wizemann Studio
04.12. Augsburg - Soho Stage
05.12. Ulm - ROXY
06.12. Mannheim - Alte Feuerwache
07.12. Hannover - Pavillon
08.12. Oldenburg - Wilhelm13
09.12. Leipzig - die naTo
12.12. Rostock - Helgas Stadtpalast
13.12. Magdeburg - Moritzhof


Dienstag, 3. September 2019

Wie Spotify & Co. Hörgewohnheiten ändern, Teil 1:Muße

Quelle: redbull.com (Ja, sorry)
(ms) Hiermit versuche ich ein lange gehegtes Vorhaben zu realisieren: Eine Reihe über Spotify, Streamingdienste und wie sie sukzessive Hörgewohnheiten ändern, ändern können oder es bereits getan haben. Das wird einseitig und populistisch, da ich selbst keinen einzigen Streaming-Dienst nutze, außer Videos bei YouTube zu schauen. Und ich sträube mich auch dagegen. Die Gründe dafür versuche ich hier nach und nach aufzuzeigen. Teils mit guten Argumenten, teils mit reiner Emotion. Ich bin selbst ganz gespannt.

Vor Kurzem war ich auf einem klassischen Konzert. Der Kantor der Gemeinde veranstaltet eine ganz tolle Reihe, die da Musik am Ersten heißt. Das heißt: Jeden ersten Tag des Monats gibt es abends ein Konzert für umsonst. Vorletztes Mal war es reine Orgelmusik, unter anderem von Max Reger. Totaler Wahnsinn!
Nun spielte ein Saxophon-Quartett mit Orgelbegleitung. Sie spielten keinen Jazz, was bei dem Instrument nahe liegt, sondern Klassik. Bach. "Die Kunst der Fuge".
Kurz und knapp erklärt, worum es dabei geht: Das Grundgerüst - die Fuge - des gesamten Abends besteht aus fünf Takten. Diese werden pro Stimme und Durchgang immer weiter variiert, bis sie sich mehr oder weniger unverkennbar verselbstständigt hat. Über 80 Minuten war die Fuge mit Gegenfuge, Doppelfuge oder Spiegelfuge zu hören. Dabei änderten sich Tempo, Lautstärke, Länge, Intonation etc. Es ist wie ein Baukastensystem aus dem immer gleichen Steinchen. Wer gern Lego spielte, weiß wovon ich spreche. Die Holzbläser und die Orgel wechselten sich stetig ab. Das Thema wurde geändert, umgedreht und variiert, bis ein Neues hinzu kommt.

Das Ergebnis: Zuerst schien es recht eingängig zu sein, weil sich so wenig getan hat. Die Veränderung geschah dann so implizit, dass der letzte Contrapunct (so die Bezeichnung Bachs über die Variationen) kaum noch mit dem Ausgangsmaterial zu vergleichen war. Diese Entfremdung ließ sich aber beim aufmerksamen Zuhören nachzeichnen. Immer wieder erschien das Hauptthema oder Teile dessen. Es lag auch daran, dass das Quartett Art Of Sax ein irres Niveau an den Tag gelegt hat.

Was hat das denn nun mit Spotify zu tun?
Ganz einfach. Für diese 80 Minuten Hörgenuss braucht es Muße und Bereitschaft sich darauf einzulassen. Es macht zudem Spaß, wenn man merkt, was sich gerade tut, was sich ändert und wie die innere Systematik funktioniert. Muße auch deshalb, weil man sich - um belohnt zu werden - auf eine Sache konzentrieren muss. Klassische Musik in seiner Länge und Darbietungsform ist ein guter Gegensatz zu Spotify. Die Stücke sind ab und an recht lang. Es lässt sich nicht nach vorn und hinten spulen oder skippen, es gibt keine 30-sekündige Vorschau oder Werbung. Die Reihenfolge ist wichtig und muss durchgezogen werden, um den Kern des Ganzen zu verstehen. Außerdem: Wenn man sich das ganze live ansieht, dann meist in einer Kirche. So auch hier. Die Möglichkeiten der Ablenkung sind also gegebenenfalls sehr, sehr niedrig. Und es schickt sich nicht, währenddessen aufs Handy zu gucken. Einfach mal still sein, und sich komplett auf die Musik konzentrieren. Ohne Gesang, ohne Show. Pur. Rein. Das tut der Seele gut und sie dankt es einem, wenn man danach mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause geht.

Teil 1: Muße!

Freitag, 30. August 2019

KW 35, 2019: Die luserlounge selektiert

Bild: signsandpainting.co.uk
(sb/ms) Diese kurze Einleitung nutzen wir für Schwachsinn, Politik, Bewegung im Musikgeschäft und als netten Lückenfüller. Sehender Blindtext quasi. Es ist ab und an wie ein guter Smalltalk. Und genau darüber haben die Menschen bei ZEIT online einen kurzen Text geschrieben. Darin sind 20 Fragen zu finden, wie man den sonst als dröge beschriebenen Smalltalk aufpeppen kann. Die Grundannahme dabei ist, dass Smalltalk oft schlecht gemacht ist. Es gibt aber auch super Smalltalk, unverbindlich und kurzweilig, vielleicht ein guter Flirt. Schauen wir uns ein paar dieser rhetorischen Kniffe an. Beispiel 1: "Welche App hat Ihr Leben wirklich besser gemacht?" Puh, ich bin so oldschool, dass die Frage halt unglaublich dämlich und wannabe-cool ist. Den Gesprächspartner fände ich dubios, der mir diese Frage stellt. Beispiel 2: "Was ist Ihr geheimes Talent?" Kruzifix, geht dich gar nichts an, deshalb ist es ja geheim, du Depp. Beispiel 3: "Wie bekommen Sie Kleidermotten in den Griff?" Hallo, sind wir beim Ü65-Yoga? Daher folgende These - und man sieht es auch an der Höflichkeitsform der Fragen: Dieser Kurzartikel ist pure Ironie. Was anderes darf er nicht sein. Bitte, liebe ZEIT, bitte lasst es Ironie sein!
Nun gut. Wir hingegen sind die luserlounge. Wir mögen Musik. Es ist Freitag. Wir haben selektiert!

Xul Zolar
(ms) Bereits letzte Woche kam eine neue EP der Kölner Xul Zolar auf digitalem Wegen raus. Doch auch um sich ein Urteil über nur drei Tracks machen zu können, nehmen wir uns Zeit: Denn diese vierteldutzend Lieder machen (wieder) sehr neugierig. Mein erster Berührungspunkt mit dem Quartett war ein Gig im Vorprogramm zu Rangleklods. Die Jungs brachten eine wahnsinnige Dynamik auf die Bühne. Ihre Tides EP ist immer noch große Klasse. Während ihr LP-Debut bei mir persönlich nicht so sehr gezündet hat, spielt Nightfalls wieder genau mit der Vielschichtigkeit, die die Band so im Blut hat. Auf allen drei Tracks ist wieder mehr Bandgefüge und weniger elektronisch-sphärische Spielerei zu hören. Ich will nicht böse sein, aber auch die unterschwellige Lethargie, die sich irgendwie durch Fear Talk zog, ist bei den drei neuen Liedern weg. Auf Perfume harmonieren zielgerichtetes Schlagzeugspiel mit ganz klarer Gitarre und dem nötigen Synthie-Sound. Und ist das ein leichter 80er-Klang auf dem Song Nightfalls? Der Text könnte auch in ein Horrorschauspiel passen. Your Ways ist dann wieder herrlich catchy, geht leicht ins Ohr und bleibt unter Umständen auch da. Eine super EP haben die vier Domstädter da abgeliefert, deren Tracks man bald hier live belauschen kann:

25.09.2019 – Köln, Bumann & Sohn
26.09.2019 – Darmstadt, Schlosskeller
27.09.2019 – Nürnberg, Club Stereo
28.09.2019 – München, Heppel & Ettlich
29.09.2019 – St. Gallen, Grabenhalle
02.10.2019 – Berlin, Berghain Kantine
03.10.2019 – Dresden, Groovestation
04.10.2019 – Leipzig, Moritzbastei
05.10.2019 – Hamburg, Nachtasyl
10.10.2019 – Göttingen, Nörgelbuff
11.10.2019 – Frankfurt, Lotte Lindenberg


Ilgen-Nur
(sb) Mein erster Gedanke: Wie kommt man denn auf so einen Namen? Ilgen-Nur? Des Rätsels Lösung ist ganz einfach: Die junge Frau aus der Nähe von Stuttgart, die mittlerweile in Hamburg lebt, heißt tatsächlich so. So, da das nun geklärt ist, wenden wir uns endlich der Musik zu, denn darum solls ja hier in erster Linie gehen.
Power Nap (VÖ: heute!) heißt das Debütalbum der Künstlerin, die erst vor zwei Jahren erstmals auf der Bühne stand, dann aber einen Raketenstart hinlegte, mit ihrer EP No Emotions Publikum und Fachpresse gleichwohl begeisterte und inzwischen nicht nur namhafte Festivals beehrte, sondern auch als Support von Annenmaykantereit und Tocotronic glänzte. Läuft.
Auch wenn der PR-Text von Parallelen zu Pavement und Built To Spill spricht, fühle ich mich doch eher an The Donnas und Melissa Auf Der Maur erinnert - und das ist sehr positiv zu interpretieren. Es gefällt mir sehr gut, was Frau Borali in ihre zehn Songs reinpackt: das ist ebenso stimmig wie stimmungsvoll und verdient sich die Bezeichnung "Slacker-Rock-Attitüde" redlich. Das ist lässig, scheißt gepflegt auf Konventionen und klingt genau so, als würde es das Leben und die Einstellung der Künstlerin reflektieren. Noch Geheimtipp, bald auf großen Bühnen. Ganz sicher.

08.09. Berlin, Lollapalooza
27.09. Worms, Pop Up Festival
28.09. Wolfsburg, Sauna Klub
12.10. Nürnberg, Pop Festival
15.10. München, Import Export
29.10. Essen, Weststadthalle
30.10. Dresden, Groovestation
04.11. Erfurt, Engelsburg
05.11. Wiesbaden, Schlachthof
06.11. Köln, Bumann & Sohn
07.11. Bielefeld, Movie
08.11. Braunschweig, Eule
09.11. Paderborn, Wohlsein
14.11. Heidelberg, Karlstorbahnhof
15.11. Augsburg, Soho Stage
16.11. Schorndorf, Club Manufaktur
23.11. Münster, Gleis 22
27.11. Bremen, Lagerhaus
30.11. Hamburg, Molotow
06.12. Chemnitz, Atomino
07.12. Berlin, Berghain Kantine


Lingua Nada
(ms) So wird man auch auf neue Bands aufmerksam. Die Mail hatte einfach den perfekten Betreff: Die ideale Band für die/den fortgeschrittene/n Hörer/in. Wir sagen ab und an über uns: Guter Geschmack garantiert. Das beweist sich nun (und dann kommen wir von unserem hohen Ross auch wieder runter, versprochen).
Das Trio Lingua Nada aus Leipzig präsentiert sich auf ihrem neuen Album Djinn (VÖ: 27. September über Kapitän Platte) als Band, die sich dagegen wehrt ein bestimmtes Genre zu bedienen. Verglichen werden sie unter anderem mit Portugal. The Man. Den Vergleich sehe ich nur so halb, allerhöchstens mit den alten Platten à la Church Mouth. Vom experimentellen Charakter - nicht von der Musik - sind daher auch mit The Hirsch Effekt vergleichbar. Die Stilrichtungen wechseln innerhalb der Songs. So auch bei Dweeb Weed, das die Band in Marokko zeigt. Ihre Musik wird mit "Surf-Core" beschrieben, was immer das auch sein mag, es hört sich  großartig und vielleicht so an:



DZ Deathrays
(sb) Kennt einer von Euch noch das legendäre Atomic Cafe in München? Mittwochs und freitags legten da Marc Liebscher und Henning Furbach auf, der Britwoch und der Smart Club waren Institutionen und ich im Zeitraum rund um die Jahrtausendwende sehr lange Stammgast. Und jetzt, rund 20 Jahre später, sitze ich im Auto auf dem Weg zur Arbeit, höre das neue Album der DZ Deathrays und mein erster Gedanke ist: "Das wäre damals sicher im Atomic gelaufen!"
Die Australier legen Indie-Hymnen am Laufband vor - kein Wunder also, dass Positive Rising: Part 1 (VÖ: heute) hier gut abschneidet! Von der ursprünglichen Hard Rock-Attitüde der Band ist indes recht wenig übrig geblieben, was altgedienten Fans etwas sauer aufstoßen mag; ich hingegen feiere das Album gerade ziemlich und fühl mich gleich nochmal zwanzig Jahre jünger. Ordentliche Riffs, uneingeschränkte Partytauglichkeit, Retro-Feeling - kauft das und hört es Euch an.


Deichkind
(ms) Ob Deichkind nun ein neues Album raus bringen oder nicht, ist mir im Grunde genommen ziemlich egal. Vielleicht bin ich zu alt geworden für ihre Musik. Es gibt die unerfindlichsten Gründe. Warum wir der Band hier dennoch Platz einräumen: Sie haben ein weiteres großartiges Video abgeliefert. Und es wäre nie (NIE!) so genial gewesen, wenn Lars Eidinger nicht nochmal mitgemacht hätte. Die Idee zu Keine Party ist einfach super. Eidinger springt wie nicht gescheit durch Berlin mit Retro-Kopfhörern auf und das die gesamte Spieldauer des Liedes. Einfach und genial. Was muss der junge Mann geschwitzt haben. Und sicher war der Muskelkater nach Drehschluss auch nicht von schlechten Eltern. Ahja: Der Song ist doch auch ganz okay geworden und der Bass ballert gut. Voilà:



Sudan Archives
(ms) "Erstaunlich poppig", dachte ich, als ich den Track Confessions zum ersten Mal gehört habe. Und auch der zweite und dritte Durchlauf bestätigten meine erste Assoziation. Wenn man sich entsprechende Berichte und Vorschusslorbeeren über Sudan Archives durchliest, könnte man schnell auf den Gedanken kommen, dass es hier brutal avantgardistisch zugeht. Wenn von nordafrikanischen Geigentönen, experimenteller elektronischer Musik und R'n'B die Rede ist, könnte es halt schnell kopf- und feuilletonlastig werden. Doch die Multiinstrumentalistin Sudan Archives bringt dies so locker und selbstverständlich zusammen, dass es leichtfüßig, beschwingt und unverkrampft klingt. Enorm! Daher macht nicht nur dieser Track enorm Bock auf das anstehende erste Album. Ein Datum und ein Namen für die Platte gibt es noch nicht - reichen wir nach - aber Tourdates. Voilà:

12.11. - Berlin, Säalchen
13.11. - Köln, CBE
14.11. - München, Rote Sonne



Eamon McGrath
(sb) Ach Folk-Pop, Du Luder, immer wieder kriegst Du mich mit einzelnen Künstlern, obwohl ich Dich eigentlich gar nicht so gerne mag. Bei Mumford & Sons (oder wie wir sie redaktionsintern nennen: Manfred & Hans) stellen sich mir beispielsweise die Nackenhaare gewaltig auf. Mitunter ganz schlimm, dieses Rumgeheule.
Umso schöner, dass man von anderer Seite dann quasi aus dem Stand so positiv überrascht wird: Eamon McGrath veröffentlicht am 06.09. sein Album GUTS und das hat mich - solange es nicht zu sehr ins Country-eske abdriftet - vom ersten Hören an überzeugt. Schöne Songstrukturen, ansprechende Lyrics, eine angenehme Stimme und eine wenig aufdringliche Instrumentierung erinnern an Okkervil River oder auch The Decemberists und sind zu keiner Zeit langweilig, was bei dem Genre ja durchaus mal passieren kann.
Nachdem ist das Album nun gehört habe, freue ich mich umso mehr, den Kanadier demnächst zusammen mit No King. No Crown. live in Rorschach zu sehen. Hier die Tourdaten:

09.10. Berlin (DE), Cassiopeia
10.10. Bremen (DE), Kapri Bar
11.10. Bremerhaven (DE), Kapovaz
12.10. Brüssel (BE), Rock Classic
15.10. Oberhausen (DE), Druckluft
16.10. Dortmund (DE), Rekorder
17.10. Vaduz (FL), Zwei Bar
18.10. Bad Ragaz (CH), Beatz
19.10. Rorschach (CH), Treppenhaus
20.10. Schaan (FL), Black Pearl


Adam Green
(ms) Es gibt Musiker, Bands, Künstler, die immer irgendwie da waren, aber nie zu greifen waren. So geht mir das mit Adam Green. Der Name ist mir natürlich geläufig, aber ich kann nichts damit anfangen, kein Lied zuordnen, nicht mal einen Stil. Das ändert sich jetzt, denn der New Yorker veröffentlicht kommenden Freitag (6. September) sein zehntes (!) Studioalbum, das auf den Titel Engine Of Paradise hört. Klar, er hat auch Filme gemacht und Bücher geschrieben. Parallel zu den neuen Klängen wirft er auch seine Graphic Novel War And Paradise auf den Markt. Man sieht den roten Faden. Doch die Musik bleibt sein Kerngeschäft. Und die Platte ist erstaunlich kurz: Die neun Songs haben eine Spieldauer von nur gut 22 Minuten. Alle Tracks gehen super leicht ins Ohr, klassischer Folkpop, den er mit lockeren Texten auffüllt. Charakteristisch dabei: Die sanften Streicher und das irgendwie damit einhergehende Retrokorsett. Es ist die ideale Musik für zwischendurch, für nebenbei und für ganz bewusst. Super vielseitig und im besten Sinne eingängig. Wir alten Indie-Hasen legen Euch das ans Herz! Adam Green ist demnächst für zwei Shows in Deutschland zu sehen:

28.10. - Hamburg, Stage Club
29.10. - Berlin, Bi Nuu


Samstag, 24. August 2019

Live in Hamburg: Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen

Rock'n'Roll im Goldenen Salon. Foto: luserlounge
(ms) Der Gang von den Landungsbrücken bis zum Fischmarkt an einem warmen Abend mit einem kühlen Getränk in der Hand ist ein Erlebnis für sich. Das Ziel war gestern der Goldene Salon im Hafenklang, wo Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen die Veröffentlichung ihres brandneuen Albums Fuck Dance, Let's Art präsentierte.
Doch kein Besuch in Hamburg ohne mindestens eine Ikone der Stadt zu sehen. So spazierte am gleichen Abend in der gleichen Gegend auch Heinz Strunk umher, der gestern auch eine neue Platte ans Tageslicht beförderte. Hamburg stand also ganz im Zeichen der Musik. Nur Banausen würden behaupten, dass ein großes Radrennen der heiße Scheiß am Wochenende sei.
Der Goldene Salon ist das etwas kleinere, aber wesentlich schönere Venue im Hafenklang, denn wann kann man schon im ersten Stock während eines Konzerts auf den Hafen schauen? Richtig!
Unter wirklich vielen Konzerten, die ich besucht habe, war ich - meiner Erinnerung nach - noch nie auf einem Release-Gig. Premiere also. Wer kommt zu so einem besonderen Abend? Es sind ein paar versprengte Musikliebhaber (ich zähle mich mal dazu) und zu einem großen Teil Freunde der Band und die, die die Platte ermöglicht haben und mehr oder weniger zufällig in der Stadt waren. So vermute ich zumindest.
So schwebten die Gentlemen in gemütlichem Smalltalk vor dem Auftritt durchs Publikum und versuchten zweifelhaft das Album-Plakat am rechten Bühnenrand zu befestigen: Keine Chance!

Mittlerweile sind ja Jubiläums-Tourneen für einzelne Alben sehr modern. Band X geht mit Album Y auf Tour und spielt es komplett in der originalen Reihenfolge. So ähnlich habe ich mir das hier auch vorgestellt. Umso besser, dass es nicht so war. Die Gentlemen haben auch nicht direkt mit dem ersten Hit der neuen Platte begonnen, sondern die auf Spannung getrimmten Gemüter mit einem Klassiker beruhigt. Doch dann ging das FDLA-Feuerwerk los. Meiner Erinnerung wurden nur zwei Tracks nicht gespielt - Escape From Martinique und Links, Rechts, Geradeaus -, verbessert mich, wenn ich falsch liegen sollte. Die neuen Singles wurden auch vom Publikum abgefeiert: Mitsingen bei Ein Leben In Rot Mit Purpurnen Blitzen und heißer Tanz bei Frustration. Doch das Durchschnittsalter der Gäste zeigte auch, dass sie die Liga (Markant: frenetische Liga, Liga, Liga-Rufe zwischendurch) und sicher auch Superpunk länger verfolgen. Daher gab es großen Jubel, als beispielsweise Kennst Du Werner Enke oder Arbeit Ist Ein Sechsbuchstabenwort durch die Boxen schallte.
Doch kein Abend der Gentlemen, ohne astreine Unterhaltung von der Bühne. Carsten, Gunther, Tim, Fabio und Heiko glänzten durch pfiffige Ansagen und eine Menge spürbarer Harmonie untereinander. Wichtige Notiz an dieser Stelle: Wie kann man nur so abgefuckt lässig den Bass bedienen und Ba-Ba-Ba-Sänge mitträllern wie Tim Jürgens? Extrem stilvoll!

Kurzweilig, leidenschaftlich, gentlemenlike. Ein Abend in Hamburg. Große Klasse!
Heute spielt die Gruppe in Berlin, auch ausverkauft wie gestern.
Ab Oktober dann hier auf Tour. Liebe Menschen, geht da bitte hin!

02.10. - Mainz, Schon Schön
03.10. - München, Milla Club
04.10. - Ulm, Hudson Bar
05.10. - Stuttgart, Goldmarks
10.10. - Dortmund, Subrosa
11.10. - Hannover, Lux
12.10. - Wolfsburg, Sauna Club
30.10. - Potsdam, Waschhaus
31.10. - Leipzig, Naumanns im Felsenkeller
01.11. - Köln, Gebäude 9
02.11. - Osnabrück, Kleine Freiheit
27.12. - Bremen, Kulturzentrum Lagerhaus
28.12. - Hamburg, Knust
29.12. - Berlin, Lido

Freitag, 23. August 2019

KW 34, 2019: Die luserlounge selektiert!

Bild: getbusylivingblog.com
(ms/sb) Wir möchten gern diese Einleitung nutzen, um auf eine sehenswerte Doku hinzuweisen, von der ihr möglicherweise vor längerer Zeit gehört habt. Es handelt sich dabei um den Film Hamburger Gitter, der seit dieser Woche in voller Länge bei YouTube zu sehen ist. Dabei geht es um die Aufarbeitung der Polizeiarbeit zum G20 Gipfel vor zwei Jahren. Das schöne an diesem Film ist, dass er so gut wie ausschließlich mit Zitaten arbeitet, den Hörer also nicht massiv lenkt. Natürlich tut er das mit der Auswahl, der Sprechenden. Aber es kommen viele Seiten darin vor; von der aktiven gewaltbereiten Szene bis zum Sprecher der Polizei. Gerade Letzterer steht nicht gut da, wenn Juristen, Soziologen, Journalisten und Anwesende von Szenen sprechen, die der offiziellen Darstellung der Polizei massiv widerspricht. Viel mehr möchten/müssen wir gar nicht schreiben, der Film spricht für sich und damit haben wir auch unseren Bildungsauftrag erfüllt.

Jetzt wird selektiert.

Montreal
Ja, verdammt, wir sind eine Woche zu spät dran mit dieser Rezension, aber wenn's um den Familienurlaub geht, müssen sich sogar Montreal hinten anstellen. Anders ausgedrückt: Hier und heute nicht wäre letzten Freitag die passende Schlagzeile in der Selektion gewesen, denn da erschien das neue Album des Punkrock-Trios.

Fast wäre es gar nicht dazu gekommen, denn bei einem Ausflug nach Amsterdam saß die Band Ende 2018 in einem Straßencafé, als ein Terracotta-Blumenkübel die Markise durchschlug und nur wenige Zentimeter neben Bassist Hirsch einfederte. Schwein gehabt!

Und wie klingt das siebte Studio-Album von Montreal nun? Nun ja, wer gerne die von Farin Urlaub geschriebenen Ärzte-Songs hört (und mir persönlich sind die deutlich lieber als die von Bela und Rod), der kommt vollends auf seine Kosten, zumal Montreal wunderbar über sich selbst lachen können und an Witzen auf ihre eigenen Kosten nicht sparen. Das Album verbreitet gute Laune und verkürzt jede Autofahrt - bin positiv überrascht und werde mir das in Zukunft sicher öfter mal anhören.

Live demnächst hier:

25.10. Wiesbaden, Schlachthof (ausverkauft)
26.10. Stuttgart, ClubCann
08.11. Hannover, Capitol
09.11. Bremen, Schlachthof
22.11. Leipzig, Conne Island
23.11. Nürnberg, Z-Bau
20.12. Berlin, Festsaal Kreuzberg
21.12. Hamburg, Markthalle
22.12. Hamburg, Markthalle
27.12. Papenburg, Alter Güterbahnhof
29.12. Magdeburg, Factory
10.01. Osnabrück, Lagerhalle
11.01. Düsseldorf, Zakk


Andy Clark
"Vater zu sein, hat mich dazu veranlasst mich mit mir selbst zu beschäftigen und die Umwelt zu hinterfragen, an die ich mich so gewöhnt hatte. Zudem hat es meine Aufmerksamkeit umso mehr aufs Hier und Jetzt gelenkt. Ich werde täglich daran erinnert, dass sowohl mein Wissen als auch mein Verständnis lediglich die Summe meiner Erfahrungen und als solche völlig willkürlich und oft ziemlich ablenkend sind."

Da ich (sb) selber Vater bin, verstehe ich nur zu gut, wie sich das Leben und die Denkweise von Andy Clark seit der Geburt seiner Kinder verändert hat. Man betrachtet Vieles ganz anders als zuvor, setzt plötzlich völlig abweichende Prioritäten zum Gewohnten. Der Brite hat ein Album darüber geschrieben, wie er das Leben mit Kindern nicht nur meistert, sondern auch genießt und daran wächst. Dass die Liebe zum Nachwuchs dabei zum einen oder anderen textlichen Schmalztopf führt, verzeihe ich ihm gerne, da ich mich doch des Öfteren ertappt und verstanden fühle. I Love Joyce Morris (VÖ: 30.08.) ist ein sehr harmonisches Singer-/Songwriter-Album mit erkennbarem Folk-Einschlag und ebenso gefühlvollen wie witzigen Lyrics.

Wer sich live von den Qualitäten des Multiinstrumentalisten, der u.a. auch schon bei Animal Collective aktiv war, überzeugen möchte, der hat hier die Möglichkeit dazu:

09.10. Stolberg, Anderswelttheater
10.10. Magdeburg, Blue Note
11.10. Ratingen, Bürgerhaus
12.10. Kassel, Moonwalk
16.10. Quedlinburg, KuZ Reiche
17.10. Homburg, Mandys Lounge
18.10. Bad Bentheim, Altes Museum
19.10. Düsseldorf, Beethoven
23.10. Eckernförde, Spieker
25.10. Bielefeld, Pappelkrug
26.10 Lübeck, Tonfink


Palila
Are We Happy Now? Diese Frage können wir Euch leider nicht beantworten, aber was wir mit Sicherheit sagen können, ist, dass Evacuate, der erste Teaser für die am 20.09. erscheinende EP von Palila ein sehr ansprechender Track ist, der fernab jeglicher Aufgeregtheit wunderbar ins Ohr geht. Dazu trägt auch die Stimme von Sänger Matthias Schwettmann (ehemals Hell And High Water) bei, die phasenweise an Michael Stipe erinnert und das ist sicher nicht die schlechteste Referenz.
Wir bleiben dran. Ihr auch?


The Happy Sun
Eigentlich ist Gerhard Potuznik ja eher im elektronischen Milieu zuhause, hat dort acht Alben und unzählige Singles veröffentlicht und sich auch als Produzent (u.a. für Mediengruppe Telekommander und Chicks On Speed) einen Namen gemacht.

Dass der Österreicher aber noch eine ganz andere Seite hat, offenbart er mit seiner Band The Happy Sun. Dort lebt er seine musikalischen Wurzeln aus, die eindeutig in den 70ern und 80ern liegen und stark gitarrengeprägt sind. Und holla: das geht ab! Der Einstieg mit Alien Girl ist mal unfassbar genial und trotz des unverkennbaren Retro-Feelings gibts moderne Klänge auf die Lauscher, die jedem aktuellen medialen Liebling im Rock-Genre zur Ehre gereichen würde. Oft höre ich in neue Alben mal rein und was mich nach 2-3 Tracks noch nicht eingefangen hat, hat es danach schwer oder wird sogar geskipped - ganz anders bei The Happy Sun (VÖ: 27.09.): da war schon nach wenigen Minuten klar, dass ich mich ausführlicher damit beschäftigen würde.

Shoegaze meets Psychedelic Rock meets 70s meets 80s - und trotzdem hat das Ganze das Potential, nicht nur das Feuilleton zu begeistern, sondern auch im Mainstream anzukommen. Stark!
Ach ja: Live wird Potuznik unter anderem vom großartigen Clemens Haipl an der Gitarre unterstützt, der seit Jahrzehnten dank seiner Sendung "Projekt X" einer meiner ganz großen TV- und Radio-Helden ist.


Anna Ternheim
Ja, ich (sb) hab schon ziemlich einen Narren an Anna Ternheim gefressen und freue mich jedes Mal wieder wie ein kleines Kind, wenn es was Neues von der Schwedin zu hören gibt. Mein Plattenschrank quillt über vor lauter Limited Editions, Alben, Singles und sonstigem Schnickschnack, aber was tut man nicht alles?

Natürlich fiebere ich deswegen auch schon dem 20.09. entgegen, wenn das neue Ternheim-Album A Space For Lost Time veröffentlicht werden wird. Schon heute erscheint die zweite Single daraus und You Belong With Me befeuert meine Vorfreude noch zusätzlich.

Live gibts Anna Ternheim demnächst hier zu sehen und hören:

31.10. Berlin, Kesselhaus
01.11. Leipzig, Felsenkeller
02.11. Dresden, Scheune
04.11. Erlangen, E-Werk
05.11. Wien (AT), Das Haus der Musik
06.11. München, Technikum
07.11. Lyss (CH), Kulturfabrik
08.11. St. Gallen (CH), KUGL
10.11. Zürich (CH), Kaufleuten
11.11. Frankfurt, Batschkapp
12.11. Stuttgart, Im Wizemann
14.11. Köln, Gloria
25.11. Bremen, Schlachthof


Mädness
"Ihr kommt mit Wackness und Müll, wir mir Mädness und Döll."
Ihr wisst: Wir sind nicht die Szene-Rap-Kenner. Daher haben wir Mädness (und auch seinen Bruder Döll) erst durch Audio88 und Yassin kennengelernt. Mann Im Mond, Isso und True Story sind super Kollaborationen. Nach seinem Solo-Debut von 2007, folgten mehrere EPs und Features. Heute legt Mädness mit seiner nächsten eigenen Platte nach. Sie hört auf den Namen OG und ist unglaublich stark! Uns als Rap-Laien fallen schnell die sehr guten und reduzierten Beats auf. Mädness braucht kein riesiges Tamtam aus den Boxen, um zu überzeugen. Denn es ist so, wie es bei Rap halt sein sollte: Die Texte stehen im Vordergrund und sind so enorm vielseitig. Endlich Neue Freunde kommt melancholisch daher, doch dass man mit der eigenen Vergangenheit mal abschließen muss, hat definitiv auch gute Seiten. Ja, die Texte drehen sich um ihn selbst oder die Person, die als Protagonist fungiert. Freundschaft ist auch in Anderer Mensch ein Thema, man lebt sich auch als Buddies auseinander. Über die hessische Heimat lässt De Gude sich auf Kein Ort aus, neben ihm brilliert hier auch Marteria als einziger Feature-Gast der Platte. Weniger verkopft und etwas melodischer ist der Titeltrack, dessen Beat von Suff Daddy schnell im Ohr bleibt.
Ich (ms) lehne mich mal weit aus dem Fenster: Die Platte macht in diesem Jahr Fatoni mächtig Konkurrenz!

Die Tour kommt kommendes Jahr:
06.02.2020 Bremen, Tower
07.02.2020 Münster, Skaters Palace Café
08.02.2020 Frankfurt, Zoom
11.02.2020 München, Kranhalle
12.02.2020 Stuttgart, Schräglage
13.02.2020 Köln, Yuca
14.02.2020 Trier, Mergener Hof
15.02.2020 Jena, Kassablanca
16.02.2020 Dresden, Chemiefabrik
18.02.2020 Hamburg, Terrace Hill
19.02.2020 Hannover, Lux
20.02.2020 Berlin, Badehaus



Heinz Strunk
In den Kopf von Heinz Strunk würde ich gerne mal reinschauen. Natürlich ist er ein Multitalent und er setzt seine gesamten kreativen, künstlerischen Ideen in die Tat um. Toll sind natürlich seine verfilmten Bücher, in denen er dann auch selbst die Hauptrolle spielt, siehe Jürgen - Heute Wird Gelebt. Die Verfilmung von Der Goldene Handschuh habe ich nicht gesehen, das Buch jedoch steht für sich: Große Klasse und völlige Verstörung. Dass er ernst kann, weiß er und hält damit nicht hinter'm Berg. Dass er auch so richtig gaga kann, ist auch bekannt. Seine Kolumnen bei der Titanic oder Extra3 sind super und schräg.

Schräger geht bei Heinz Heinzer Strunk aber auch noch. Und die heftige Gaga-Seite lebt er auf seinen Platten aus. Schon Sie Nannten Ihn Dreirad schwankt zwischen genial und völlig bekloppt. Heute gibt es Nachschub via Audiolith: Aufstand Der Dünnen Hipsterärmchen. Für die 12 neuen Tracks sollte man besser den Kopf ausschalten und nichts hinterfragen, es einfach hinnehmen. Vielleicht auch das ein oder andere Bier im Vorhinein intus haben. Jeder Song ist eine Herausforderung. Die kleinen Geschichten, die meist über einen Techno-Beat gesprochen werden, eignen sich wenig zum bewussten Hinhören. Abgelaufen, Originals oder Alter Vater sind originell und wirklich witzig. Anstrengend hingegen: Drohnen oder Wer Wird Millionär. Ganz schwer, darüber ein Urteil zu fällen. Man kann es sowohl schnell scheiße finden, aber auch heftig abfeiern. Mehr wollen wir nicht sagen. Hört mal rein: