Freitag, 14. Februar 2020

KW 7, 2020: Die luserlounge selektiert!

Bild: effectivebusinessideas.com
(ms/sb) Vier Ks sind in dieser Woche zurückgetreten oder haben dies zumindest angekündigt, doch darüber ich schon alles gesagt. Eine Woche später darf man immer noch nicht vergessen, was in Thüringen passiert ist. Dass die Nazis die Liberalen und Konservativen vorgeführt haben. Dass Letztere das aber auch mit sich haben machen lassen; das ist meines Erachtens der entscheidende Punkt. Dieses abgekartete Spiel war klar ersichtlich. Und was besonders bitter aufstößt, ist, dass die CDU die Linke und die Nazis gleichstellt. Mit beiden dürfe man nicht regieren. Was für eine kurzsichtige und von Grund auf falsche Gleichsetzung. Die Einen sind schon lange nicht mehr die Nachfolgepartei der SED, die Anderen jedoch waschechte Faschisten, die die Bevölkerung aufwiegeln. Hier muss differenziert werden!

Das als kleines (tages-)politisches Input. Wir sind jedoch keine Journalisten. Wir sind Musiksüchtige. Wir sind die luserlounge. Und zu jedem Freitag bemühen wir uns um einen Rundumschlag. Wir nennen es Selektion. Bitte sehr:

A Choir Of Ghosts
(sb) Oh Mann, der lässt sich aber Zeit! Seit rund einem Jahr veröffentlicht James Auger aka A Choir Of Ghosts immer mal wieder einen Track, um sein bevorstehendes Debütalbum zu teasern, am 03.04. soll es nun aber tatsächlich endlich so weit sein. An Ounce Of Gold wird das gute Stück heißen und die bisher vorgestellten Songs des in Schweden lebenden Briten lassen auf ein erdiges, bodenständiges und doch nie fades Werk schließen. In diese Kerbe schlägt auch die neue Single Sinner in Rapture, die heute erscheint. Der Künstler selber beschreibt die Intention des Songs wie folgt: „Sinner In Rapture is about the way all young people are set up to fail with the way society is built and how I didn’t want to be part of that capitalist machine. (…) This song is the end of the world, the end of everything we know.”
Hier könnt Ihr in den Track reinhören und Euch selbst ein Urteil bilden:



Green Day
(sb) Ich bin irritiert. What the holy fuck ist das denn bitte? 26 Minuten? Wollt Ihr uns eigentlich verarschen? Mit Dookie und Nimrod haben Green Day zwei maßgebliche Alben der 90er veröffentlicht und ja: ich war Fan! American Idiot ebnete dem Trio aus Kalifornien 2004 dank Boulevard Of Broken Dreams und vor allem Wake Me Up When September Ends den Weg in den Mainstream, doch seitdem war es trotz einiger Releases eher ruhig um Billie Joe Armstrong und Konsorten. Ich hatte 2012 das zweifelhafte Vergnügen, Green Day auf dem Rock am See-Festival in Konstanz zu erleben und es war wirklich desaströs. Ein schiefer Ton jagte den nächsten, Textsicherheit inexistent und auch die Versuche, das Publikum durch coole Sprüche zu überzeugen, ging mächtig in die Hose. Nach diesem Reinfall war meine Erwartungshaltung hinsichtlich des neuen Album Father Of All Motherfuckers, das vergangenen Freitag erschien, ohnehin bereits gedämpft, wurde aber auch kein bisschen positiv übertroffen. 26 Minuten (man kann es gar nicht oft genug schreiben!) lang bedeutungsloses Rumgedudel, das wohl sowas wie Punk sein soll. Green Day wollen wohl jung klingen, mehr als ein billiger Abklatsch ihrer selbst kam dabei aber nicht raus. Leider.


Roedelius
(ms) Kurz vorm Tippen und den folgenden Worten fiel mir ein, wie häufig ich an dieser Stelle über verschiedene Genres schreibe. Meist dann, wenn ich die Gruppe oder den Künstler nicht kenne. So auch hier. Roedelius komponiert, schreibt, arrangiert, erzeugt seit Jahrzehnten elektronische Musik, die im Bereich Ambient zu verorten ist. Seichte, sanfte, leicht hypnotisierende Klänge, die man genüsslich nebenbei und auch offenen Ohres hören kann. Ambient. Irgendwie kann man eher erfühlen, als formulieren, was das bedeutet. Man wird von den Tönen ein wenig in Watte gepackt und durch die Schwerelosigkeit getragen. Das zeigt er auch auf seinem neusten Werk, das den wunderbaren Titel Selbstportrait Wahre Liebe trägt. 12 leise, aber auch prägnante Lieder zieren diese bemerkenswerte Platte. Denn sie bildet die aktuelle Spitze des Eisbergs in Roedelius' Schaffen. Obacht: Der gute Mann wird in diesem Jahr 86 Jahre jung! Sechsundachtzig! Manch einer ist froh, überhaupt noch da zu sein, oder hören zu können. Hans-Joachim Roedelius komponiert, als wäre nichts gewesen. Nerdwissen: Roedelius ist nicht irgendwer. Er ist maßgeblicher Protagonist der elektronischen Musik Berlins, Initiator des kurzlebigen, aber einflussreichen Zodiak-Clubs und Mitbegründer von Kluster.
Am 10. April erscheint dieses Album beim schönen, geschmackvollen Spartenlabel Bureau B.
Dieses Hörbeispiel geht grob in die aktuelle Richtung, Prelistening des neuen Albums über Soundcloud hier!



Giver
(sb) Wir haben es ja bereits mehrfach betont: wir sind musikalisch für sehr Vieles offen und ja, gelegentlich lassen wir uns auch gerne mal anschreien. Im Falle von Giver ist das definitiv der Fall, denn deren Album Sculpture Of Violence (VÖ: 07.02.) ist nicht nur extrem energetisch, sondern bietet zudem textlich eine Ebene, die sich im Hardcore-Bereich nur selten finden lässt. Die Bildung eines sozialen Bewusstseins, das Erkennen struktureller Ungerechtigkeiten sowie eine kritische Auseinandersetzung mit patriarchalischen Konstrukten und gesellschaftlichen Gewohnheiten lassen auf eine durchaus intellektuelle Herangehensweise schließen, was das Geknüppel sehr spannend und vielschichtig veredelt. Ich habe das Album am Montag angehört, während ums Auto herum der Orkan "Sabine" tobte - Giver waren lauter. Dürfte auch live für ordentlich Betrieb sorgen, also hin da:

06.03. Paderborn, Wohlsein
07.03. Köln, AZ
17.03. Hamburg, Goldener Salon
19.03. Bochum, Trompete
20.03. Berlin, Maze
21.03. München, Milla




Klangstof
(ms) So richtig gute elektronische Musik ist schwer zu finden. Klar, liegt auch daran, was man sucht. Ich suche nach guten Beats, leichten Dissonanzen, viel Drive und einer nicht zu unterschätzenden Portion Innovation. Das schätze ich an Rangleklods oder SOHN. In diese Reihe (oder daneben, je nach dem, wie man das Bild zeichnen möchte), reihen sich Klangstof ein: Nicht zu laut, nicht zu wummerig, nicht zu viel Plastik, wenig Effekte auf der Stimme (Stichwort: Autotune) und nicht zu viel Spielerei. Straight, klar, etwas verschnörkelt, schön poppig und mit genau der richtigen Portion Eingängigkeit plus gut gestreutes Hitpotential. Klangstof, dahinter verbirgt sich der niederländisch-norwegische Musiker Koen van de Wardt und beweist einmal mehr, dass aus ungeahnten Ecken sehr bemerkenswerte Musik kommen kann (siehe Referenzen oben). Anspieltipps für das am 21. Februar erscheinenden Albums Mind Of A Genius: They Could Have Saved The Universe, Blank Page oder die Kollabo mit The Flaming Lips We Never Liked The Outcome.

11.03.20 - Bi Nuu, Berlin
12.03.20 - Artheater, Köln
13.03.20 - Kranhalle, München



Mush
(sb) Hui, da hat aber jemand beim Workshop "Art Brut für Anfänger und Fortgeschrittene" ganz besonders gut aufgepasst! Die luserlounge ist den Briten um Eddie Argos gegenüber ja bekanntlich sehr positiv eingestellt und insofern haben Mush erstmal gute Karten. Deren Debütalbum 3D Routine (VÖ: heute!) kommt überraschend politisch daher, wobei man sich mitunter schon etwas in die Texte reinfuchsen muss, um die Intentionen zu erkennen. Das Album ist eine Ode an das Zeitalter der Fake News, die Tracks ergeben als Ganzes eine uniformierte, raue aber emotionale, hemmungslose und verführerische Melange von Sound und Meinung - ein schnelllebiger Schnappschuss der Gegenwart, in dem sich politische und persönliche Überzeugungen verflechten.



2Raumwohnung
(ms) Gibt es neben den Humpe-Schwestern vergleichbar einflussreiche Geschwisterpaare, die die deutsche Popmusik derart gestaltet haben?! In deutscher Popmusikgeschichte bin ich nicht besonders gut, aber ad hoc fällt mir niemand ein. Anette mit Ideal, Inga mit Neonbabies. Später Anette mit Ich + Ich, Inga mit 2raumwohnung. Letztere gehören viele Jahre nach Roedelius (s.o.) zu wichtigen Akteuren der Berliner Popmusikszene, bis ihr Erfolg durch die Charts brach. Ich und Elaine oder 36 Grad sind nur zwei der prägnanten, ohrwurmversursachenden Singles, die sie in 20 Jahren veröffentlicht haben. Höchste Zeit also für ein Best Of, das den einfachen Titel 20 Jahre 2raumwohnung und in zwei Wochen (28. Februar) erscheint. Selbstredend sind es auch 20 Lieder, die darauf vereint sind; ein paar, zum Glück nur wenige Remixe, ansonsten eben das, was auf ein Best Of gehört samt zwei neuer Tracks. Ich habe das Glück, die Platte schon hören zu dürfen und attestiere ihr enormes Tanzpotential! Man schreibt schnell, dass man eine Platte haben müsste; oft stimmt das natürlich nicht. Wenn man sich für deutschsprachigen Pop interessiert, dann ist das hier Pflicht. Und unheimlich gut!



ÄTNA
(ms) An den letzten Freitagen haben wir versucht, ein paar Jazz-Acts anzuwerben, ohne wirklich viel über dieses Genre sagen zu können außer Allgemeinplätze. Wir bleiben da am Ball und geloben Besserung. Wie die Wege des Jazz' sich jedoch entwickeln können, ist höchst erstaunlich! Inéz und Demian bilden das Duo ÄTNA und kommen ursprünglich aus dem Jazz, den vermeintlich ruhigen, sanften Tönen. Was jedoch essentiell wichtig für Jazz ist, ist Improvisation. Jeder darf sich insbesondere live mal an seinem Instrument austoben. Dass das auch mit elektronischem Inventat funktioniert, zeigen die beiden auf ihrem Erstling Made By Desire. Das Album erscheint heute (!) und ist ein Lehrstück, dass man seine Wurzeln gerne mal verlassen darf; man sie aber nie ganz aufgeben kann. ÄTNA präsentieren darauf catchy tanzbare, mitunter auch aneckende, aber auch melodiöse elektronische Musik. Die Platte wirkt aufgrund ihres Facettenreichtums wie ein Mixtape, wandelt zwischen Glitzerpop (Won't Stop) und ruhigen, ja, atmosphärischen Tönen (Touch My Fantasy). Doch es gibt noch mehr zu entdecken, als die ersten beiden Tracks. Daher: Zeit nehmen und sich überraschen lassen.
Und heute hagelt es noch mehr nerdige Fakten: Aufgenommen wurde das Werk von Moses Schneider. Ja, richtig gelesen: Der Haus- und Hofproduzent von Turbostaat oder Beatsteaks, der nur live aufnimmt. Das hat er hier tatsächlich auch getan. Wichtige Info beim Hören. Also: Los!

26.02.2020 Ludwigshafen, dasHaus
27.02.2020 CH-Baden, Royal
28.02.2020 CH-St.Gallen, OYA Bar
29.02.2020 CH-Biel, Le Singe
01.03.2020 Esslingen, Cosmic Playgrounds
06.03.2020 Dresden, Objekt klein a (ausverkauft)
07.03.2020 Wuppertal, Loch
08.03.2020 Köln, Jaki
11.03.2020 Berlin, Lido (ausverkauft)
12.03.2020 Hamburg, Uebel & Gefährlich
13.03.2020 Nürnberg, Club Stereo
14.03.2020 Jena, Kassablanca
18.03.2020 AT-Wien, Fluc
19.03.2020 AT-Salzburg, Rockhouse Bar
20.03.2020 München, Milla
03.04.2020 Lörrach, Between The Beats
16.04.2020 Osnabrück, Popsalon
01.10.2020 Berlin, Gretchen
03.10.2020 Dresden, Beatpol

Freitag, 7. Februar 2020

KW 6, 2020: Die luserlounge selektiert!

Bild: phase-6.de
(ms/sb) An diesem Mittwoch war es in Norddeutschland richtig schön: kalt und blauer Himmel. Das rief natürlich nach einem Spaziergang an der knackigen, frischen Luft. Dem bin ich nachgegangen (haha...). Nach Häusern und Siedlungen folgte schönes Grün; beim Eintritt in die Zivilisation ein Bolzplatz. Dort kickten zwei Jugendliche, schätzungsweise zwischen 15 und 17. In kurzen Hosen. Okay. Und es ballerte ordentlich Musik. Bluetooth-Boxen sind ja Fluch und Segen zugleich. Fluch in Händen musikverirrter Menschen. Das war auch meine Befürchtung; doch statt fiesem Autotune-Billo-Rap schallte etwas anderes über die Wiese. Und ich musste laut loslachen, denn "Das ist Wahnsinn..." Tatsächlich pumpten die beiden ordentlich Wolfgang Petry. Wie kam es dazu?! Vielleicht so:
"Ey, lass bolzen geh'n." - "Gute Sache das." - "Pumpe noch schnell den Ball auf." - "Super, hab Bock." - "Aber is' ja so ruhig dahinten, haste noch deine Box?" - "Sicher. Bring ich mit." - "Perfekt, ich hab gute Mukke aufm Handy." - "Aber bitte nich' wieder Finch Asozial oder Apache 207, das lief schon den ganzen Tag auf'm Schulklo." - "Neee... ich hab da was bei meinen Eltern gehört am Wochenende. Richtig gutes Zeug." - "Na dann, dreh mal auf!"

Zum Glück bist Du bei der Luserlounge gelandet. Hier ist guter Geschmack garantiert. Und zwar immer. Heute auch. Denn es ist Freitag. Wir haben selektiert.

Florian Ostertag
(sb) Kein Indie, kein Rock, kein Alternative - einfach nur Pop, der aber wunderschön! Florian Ostertag beweist mit seinem neuen Album Flo And The Machine (VÖ: 28.02.), dass man nicht zwingend was besonders Abgedrehtes machen muss, um herauszustechen. Manchmal sind es die kleinen, eigentlich ganz gewöhnlichen Parts, die einen Künstler aus der Masse abheben und ihre Songs hörenswert machen: die Liebe zur Musik, die Liebe zu den Tönen und Texte, die man selber gerne geschrieben hätte, weil sie aus dem Leben heraus entstanden und in vielen Fällen nur allzu gut nachvollziehbar sind. Zehn Jahre ließ sich Ostertag Zeit für sein zweites Album und das hat sich mal so richtig gelohnt; er ist zumeist ein Mann der leisen Töne und so verwundert es nicht, dass er in der Vergangenheit auch als Support für William Fitzsimmons, Alin Coen oder Philipp Poisel unterwegs war, wobei er Letzteren aber mal ganz easy in die Tasche steckt. Mein Favorit auf dem neuen Album ist ja Can't Say What You Want, wobei das bei dem an den Tag gelegten hohen Niveau fast schon ungerecht gegenüber den anderen Tracks ist. Große Gefühle, die Ihr Euch (auch live!) nicht entgehen lassen solltet.

05.03. Ulm, Roxy
06.03. Schwäbisch Hall, Anlagencafé
07.03. Reutlingen, franz.K
08.03. Chemnitz, Atomino
09.03. Berlin, Schokoladen
10.03. Dresden, Societaetstheater
11.03. Erfurt, Museumskeller
12.03. Göttingen, Apex
13.03. Bayreuth, Zentrum
14.03. Darmstadt, Künstlerkeller
15.03. Offenbach, Hafen 2
17.03. Haldern, Haldern Pop Bar
18.03. Köln, Die Wohngemeinschaft
19.03. Düsseldorf, Hotel Friends
20.03. Bielefeld, Bunker Ulmenwall
21.03. Dortmund, subrosa
22.03. Wuppertal, Utopiastadt
23.04. München, Milla Club
24.04. Leipzig, Horns Erben
25.04. Magdeburg, Moritzhof


TVIVLER
(sb) Die luserlounge beinhaltet mittlerweile über 800 Blogbeiträge, aber eine Band, die auf Dänisch singt, hatten wir bislang - zumindest glaube ich das - noch nicht. Zeit wirds und mindestens ebenso laut, denn TVIVLER aus Kopenhagen versorgen uns mit reichlich dezibelbehaftetem Punkrock und Hardcore. EGO (VÖ: 03.04.) ist ein mutiges und trotziges Album über Beziehungen zu sich selbst und anderen, über Unentschlossenheit und innere Ungeheuerlichkeiten. Die Tracks handeln u.a. vom Überleben in Zeiten des Turbokapitalismus, davon durchzuhalten ohne sich festzuhalten und sich dazu zu bekennen, was richtig und wichtig ist. Wers gerne dirty hat, der ist hier genau richtig!



Sundays
(sb) So, wenn wir schon mal in Kopenhagen sind, dann machen wir doch direkt mit der nächsten Band von dort weiter: Die Sundays bevorzugen eher ruhigere Töne und verzaubern mit ihrer neuen Maxi Colourblind samt famoser B-Seite High Or Low. Die Dänen verfolgen bei ihren Releases übrigens ein recht interessantes Konzept: Bei den bevorstehenden Single-Veröffentlichungen dürfen sich diverse Produzenten und Mitmusiker am Sound des Quartetts versuchen, um das ideale Setting für das nächste Album zu erarbeiten. Klingt spannend, oder?



Lucien & The Kimono Orchestra
(ms) Neo Klassik ist ja irgendwie das falsche Wort für ein ganz tolles, bezauberndes Genre. Das Neo impliziert ja, dass es etwas jüngst Erschaffenes ist. Das Klassik die grobe musikalische Richtung. Heißt im Umkehrschluss ja auch, dass es solch Musik längere Zeit nicht gegeben hat. Und das ist schlichtweg falsch. Schaut man in die klassischen Konzertsäle, Musikschulen, Kirchen, dann wird klar, dass natürlich die alten Meister oft gespielt werden, jedoch immer in einem Mix mit Neuem. Was sich geändert hat, ist dass ein Hype dazu kam. Wo er seinen Ursprung hat: Keine Ahnung. Genauso ließe sich Lucien & The Kimono Orchestra sicher als Neo Klassik beschreiben; doch das greift viel zu kurz. Am vergangenen Freitag (31. Januar) erschien auf dem französischen Label Cracki Records sein Album Piano Martinée. Es ist minimalistisch und dunkel. Beschwingt und jazzig. Andächtig und leicht. Zum Hören lohnt es sich, alles andere auszublenden und die durch den Klang entstehenden Bilder vor dem inneren Auge zur Geltung kommen zu lassen. Und dann wird klar, welche Kraft und Magie dieser Musik innewohnt.
Sicher wird auch Lucien auf der aktuellen Hype-Welle surfen können. Es sei ihm gegönnt. Und wir Yuppies müssen in diese Konzerte gehen (auch wenn er bald nur in Frankreich auftritt); um uns zu öffnen und den Altersschnitt zu senken. Auf geht's!



Laikka
(sb) Es gibt ja ganz verschiedene Arten, wie wir mit Bands in Kontakt kommen und uns Neuigkeiten zu bevorstehenden Releases erreichen. In der Regel erhalten wir Promo-Mails diverser Agenturen, in denen in blumigen Worten die anstehenden Veröffentlichungen angepriesen werden, des Öfteren informieren wir uns selber über unsere Lieblingsacts oder werden von Dritten auf tolle Bands aufmerksam gemacht. Diesmal war es etwas anders: Laikka aus Wien hatten von unserem Blog gehört und haben uns einfach mal ne Email geschrieben, um uns ihre neue Single Currents (VÖ: 31.01.) vorzustellen. Und da der Track trotz eher ruhiger Töne sehr überzeugend und kraftvoll vom Loslassen erzählt und von A bis Z zu gefallen weiß, kommen wir der Bitte natürlich gerne nach und hoffen auf weitere solche Nachrichten.


Nicholas Müller
(ms) Was für eine Bürde. Da ist man mit Band Nummer zwei und unter dem eigenen Namen unterwegs und wird immer wieder mit der ersten Band promotet und angepriesen. Diese Geschichte verfolgt auch Nicholas Müller. Erst sehr erfolgreich gewesen mit Jupiter Jones, dann kam die Angststörung und die entsprechende, zum Glück erfolgreiche Therapie, dann von Brücken und das eigene Buch Ich bin mal eben wieder tot. Es ist immer wieder äußerst bemerkenswert, wie leidende Menschen ihre Gefühlswelt kreativ verarbeiten können. Da kann man nur den Hut ziehen. Insbesondere, wenn man gerne und oft auf der Bühne steht und immer wieder mit diesem Thema konfrontiert wird. Gerade für solche Krankheitsbilder wie einer Angststörung ist es wichtig, darüber zu sprechen, ja, auch zu lachen (siehe Nico Semsrott). Und so lädt Nicholas Müller zu einem Abend ein, auf dem er Geschichten erzählt/liest und Lieder singt.
Zum Sterben Zuviel heißt sein Programm; er wird vom Neonorchester musikalisch begleitet und man darf auf unterschiedliche Gesprächsgäste gespannt sein. Ein Abend zwischen Humor, Ernst, Musik und Kabarett. Das gibt es im April und Mai hier:

04.04.2020 Dresden, Beatclub
05.04.2020 Berlin, Quasimodo
26.04.2020 Ludwigsburg, Scala
15.05.2020 Hannover, Pavillon
18.05.2020 Hamburg, Imperial Theater
19.05.2020 Hamburg, Imperial Theater
20.05.2020 Neumünster, Altes Stahlwerk
22.05.2020 Worpswede, Music Hall




Olli Schulz
(ms) Oft habe ich mich gefragt, ob Olli Schulz sich einen Gefallen getan hat, bei Circus HalliGalli mitzuwirken. Doch ich habe mich dagegen entschieden, das zu bewerten. Denn: Olli Schulz hat immer schon das getan, worauf er gerade Bock hatte. Dazu gehören halt auch FickiFicki, Schulz & Böhmermann, der jüngste NDR-Beitrag oder die tolle arte-Story mit Tom Schilling.
Doch im Herzen ist und bleibt er Musiker, Entertainer, Geschichtenerzähler, Bühnenmensch. Und er muss halt auch damit leben, dass die FickiFicki-Fraktion zu seinen Konzerten kommt. Ob sie seine wunderbaren, tragischen, erwärmenden Lieder wie Koks & Nutten, Schon lange was defekt, So muss es beginnen oder Verliebt in 2 Mädchen verstehen... ich wünsche es allen. Denn: Olli Schulz geht wieder auf Tour und das lange und vielen, tollen Städten. Doch wartet mal... nicht aus seiner Sicht. Denn die Tour heißt Eigentlich will ich da nicht mehr hin. Zu viel Rumgeeiere?! Quatsch, sicher steckt dahinter eine der vielen wunderbaren Geschichten, die ihn halt auszeichnen.


Great News
(ms) Vor ziemlich genau zwei Jahren ging es los. Am 16. Februar 2018 gab es sehr gute Neuigkeiten aus Norwegen. Denn in Bergen hat sich ein Trio gebildet, das an diesem Tag ihr erstes Album auf den Markt schmiss. Ihr Name: Great News. Die Platte: Wonderfault. Ihre Musik: Angenehm psychedelischer Gitarrenrock, der wunderbar ins Ohr, ja, auch in die Beine geht. Gut, dass aus dem hohen, derzeit dunklen Norden nicht nur die Metalschiene bedient wird. Nun gibt es Nachschlag! Am 17. April kommt der Nachfolger: Now And Them. Und der erste Vorbote Greedy Little Thing ist zwar nicht mehr ganz so psychedelisch, dafür enorm eingängig. Und das tut irre gut. Nicht verkopft, nicht so wahnsinnig kompliziert, sondern staight. Der Track erinnert saustark an die große Indiepoprockzeit aus den 00er Jahren und hat veritables Hitpotential. Seien wir ehrlich: Es wird unwahrscheinlich sein, dass das Trio hier richtig durchstarten wird. Zu wünschen ist es ihnen allemale. Denn dieser Song, diese Band kann, soll, darf, muss auf den guten Indie-Partys zwischen The Killers, Franz Ferdinand und The Kooks laufen. Über die Platte werden wir selbstredend auch berichten. Bleibt dran!



Hamilton Leithauser
(ms) Vor vier Jahren wurde ich von einem Album überrascht, deren Protagonisten ich bis dahin nicht kannte. Das waren Rostam Batmanglij und Hamilton Leithauser. Ersteren kann man von Vampire Weekend kennen, den zweiten - um den es hier geht - von seiner vorherigen Band The Walkmen; immerhin hat er sieben Alben unter diesem Namen veröffentlicht. Vor vier Jahren dann das Konzeptalbum I Had A Dream That You Were Mine und es ist ein irrer Wurf, der heute noch regelmäßig bei mir läuft.
Jetzt geht der Amerikaner Solopfade und der Sound ist vergleichbar mit dem erwähnten Kollabo-Album: Rauer, sehr prägnanter Gesang mit Gitarre, Bass, Klavier, ein wenig Banjo und unglaublich viel Groove, das packt sofort. Außerdem: Musik und der Faktor Mensch waren noch nie zu trennen. Leithauser bringt ihn auf ganz neuer Ebene noch dichter zusammen. Denn es gibt ein neues Werk. Auf jedem Stück ist die Geschichte einer echten Person zu hören, deren Werdegang, Prägnanz, Fokus er beleuchtet. Ein tolles, bemerkenswertes Projekt, das in der Entstehung viel Empathie, Einfühlungsvermögen, Zeit, Fingerspitzengefühl und Kreativität benötigt. Zu hören gibt es jetzt schon Here They Come, unter dem Video (wenn man bei YouTube guckt), ist auch der Text nachzulesen, mitzusingen. Hier wichtiger denn je!


Montag, 3. Februar 2020

Live in Bremen und Lübeck: Kettcar!

So ging das in Bremen. Foto: luserlounge
(ms) Die Frage wurde mir häufiger gestellt: "Warum gehst du an zwei aufeinander folgenden Tagen zu Konzerten der gleichen Band? Ist das nicht zwei Mal genau das Gleiche?"
Ja, war es. Dennoch versuche ich nun, diese Frage zu beantworten.

Wie schon im letzten Beitrag auf dieser Seite erwähnt, befand sich die Hamburger Gruppe Kettcar in den letzten Tagen auf Tour. Die letzten Konzerte vor einer längeren Pause. Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, Marcus, Reimer, Lars, Erik und Christian lösen diese Institution nicht auf! Haben in den letzten Jahren auch immer wieder betont, dass sie ihre Songs so lange weiter spielen, wie es geht. Die große Zwischen Den Runden-Krise ist bekanntlich sehr gut überwunden worden. Der Hintergedanke: Wenn die Band sich jetzt direkt wieder ins Studio beginnt, können sie unmöglich ein Album produzieren, das annährend an Ich vs. Wir herankommt. Und das ist ein kluger Gedanke, hier muss nichts verwertet werden bis zum endgültigen Ausverkauf.

Kettcar ist und bleibt die Band, die mich am stärksten persönlich anspricht, mit der Haltung, die sie vermittelt, mit den Liebesliedern, den Politischen, den aus dem Leben Gegriffenen. Und mit der irren Sympathie, die die fünf Herren auf der Bühne versprühen. 2007, also vor dreizehn Jahren (ich war gerade noch 16) sah ich sie in Münster zum ersten Mal. Es war ein Türöffner. Relativ schnell hat mich diese Band aus der oberflächlichen in die tiefgehende Musikkultur katapultiert (dem Alter zu schulden). Es hat nicht nachgelassen, im Gegenteil. Es wurde eine große, stabile Verbindung. Logisch, sie ist einseitig, aber das ist mir egal. Ja, ein Kettcar-Konzert wirkt auf mich wie eine Droge (Abhängigkeit) und wie das regelmäßige Aufeinandertreffen mit alten Bekannten. Nun folgten am vergangenen Wochenende Konzerte Nummer 28 und 29. Für das endgültige Jubiläum muss auch ich mich ein wenig gedulden.

Kapitel 1, Bremen, 31.01.2020:
Arm, aber sexy. Das ist Bremen. Eine wirklich schöne Stadt, wenn man im Inneren bleibt. Die Wohnbezirke drum herum - gelinde gesagt - eher praktisch veranlagt. Egal. Freitagabend, dunkel, durstig. Und Haake-Beck ist immer noch die bessere Variante. Ab zum Pier 2 weit außerhalb Richtung Industriehafen. Nebenan ein riesiger Shoppingklotz, doch das Venue ist sympathisch, vielleicht ein Tick zu sehr auf modern getrimmt.
Enorme Vorfreude auf die Vorband, denn Niels Frevert habe ich tatsächlich noch nie live gesehen und verehre das aktuelle Album Putzlicht ganz stark. Großartiges Songwriting! Ein bisschen schüchtern, ein bisschen unsicher betrat die Band die Bühne und legte dann ein tolles Set hin gespickt mit den neuen Hits (Leguane, Wind in deinem Haar) und alten Perlen (Ich würde dir helfen eine Leiche zu verscharren...). Als Support ist Niels Frevert viele Jahre nicht aufgetreten. Ausgerechnet Kettcar war die Band, die ihn zuletzt eingeladen hat; long time ago...
Kurze Umbaupause, neues Erfrischungsgetränk in der Hand und dann überrascht empfangen worden. In all meinen Kettcar-Jahren kann ich mich nicht daran erinnern, dass sie mal mit Volle Distanz begonnen haben. Schöne Abwechslung! Und dann: Abfahrt. Es war das Best Of, das auch auf der aktuellen Live-Platte zu hören ist! Die richtige, dem Anlass würdige Unterstützung lieferten die drei Bläser, die einigen Songs (u.a. auch Deiche zum Ende hin) noch mehr Drive hinzugefügt haben. Klares Highlight natürlich Sommer '89 aber auch schön, dass sie Nur einmal rächen vom Wiebusch-Soloalbum gespielt haben (Stichwort: Bläser). Als Rausschmeißer nach gut zwei Stunden Konzert natürlich Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt, alles andere wäre Wahnsinn. Doch was war komisch an diesem Abend? Das Publikum war sehr verhalten. Es wurde zwar kräftig mitgesungen, doch Bewegung oder frenetische Hinwendung... keine Spur. Lag es am Wochentag (Stichwort: Erschöpfung nach der Woche) oder am Bier? Keine Ahnung. Nichtsdestotrotz gingen wir glücklich nach Hause. Denn es folgte Streich Nummer 2: ...

Kapitel 2: Lübeck, 01.02.2020:
Funktionale Halle, super Stimmung. Foto: luserlounge
... und die Stimmung in Lübeck am Tag danach in der Musik- und Kongresshalle war um Einiges besser. Und es lag definitiv nicht am Bier, gab nur schäbiges Jever. Woran lag es sonst? Am Set wohl kaum, Kettcar und Niels Frevert haben die gleichen Songs in so gut wie der selben Reihenfolge gespielt. Selbst die Ansagen waren gleich (kein Vorwurf, hätte ich als Band sicher genauso gemacht).
Waren es die angeheiterten Hamburger, die mit dem GHvC-Bus und Grillmaster Flash angereist kamen? Wetter scheint kein Grund gewesen zu sein: fieser Nieselregen. Auch der Ort nicht; die MuK eine üble Funktionshalle ohne Charme. Doch die Menschen vor Ort gingen viel mehr ab, ließen ihre Emotionen viel freier heraus: Leute auf Schultern, tanzende Mitsinger; es war viel runder, es harmonierte viel besser. Man steckt da auch nicht drin, was dann schlussendlich der Auslöser ist, dass es in HB anders läuft als in HL. Vielleicht war es auch die Band, denen dann möglicherweise erst bewusst wurde, dass das nun wirklich auf längere Sicht der letzte Gig war. Sie haben sich in jedem Fall nicht lumpen lassen und am Ende ordentlich Konfetti in die Luft gejagt (so etwas wäre sonst höchstgradig untypisch für Kettcar).
Auch Reimer stand am Ende länger auf der Bühne als der Rest, bedankte sich aus tiefstem Herzen für den spitzenmäßigen Abend und betonte zurecht, dass es ja nicht der Ort sei, der so einen Auftritt speziell mache, sondern zu 99% die Menschen. Recht hat er.

Kettcar. Habt eine wunderbare Pause, nehmt Abstand von den drei irren Ich vs. Wir-Jahren und kommt stärker zurück als je zuvor! Ich bin in jedem Fall dabei. Vielen, vielen Dank!

Freitag, 31. Januar 2020

Kettcar - Live in München

Bild: facebook.com/kettcar
(mm/sb) „Es ist nicht das was man empfindet, nicht nur das was man fühlt, nicht was man voller Sehnsucht sucht. Liebe ist das was man tut“…. Wie kann man seine Beziehung zu einer Band wie Kettcar anders beschreiben? Nachdem sie Ende letzten Jahres ankündigten, dass sie wieder eine Pause einlegen, vorher aber nochmal auf „Abschiedtour“ gehen werden, war die Entschiedung sehr schnell getroffen. Freundin in München angerufen, Karten organisiert und anschließend in Vorfreude gebadet

Der Tag des Konzerts stand leider unter keinem guten Stern: Sie erkältet und daher nicht wirklich fit, ich mit halbwegs kaputtem Knie. Wir hatten uns also gegenseitig gesagt, dass wir diesmal weiter hinten bleiben werden. Na was soll ich sagen…. Vierte Reihe ist ja weiter hinten als sonst.
Meine Begleitung hatte sich riesig auf den Support Schrottgrenze gefreut, ich kannte die Band bis dahin gar nicht, war aber direkt schockverliebt. Großartige und extrem sympathische Band mit tollen Queer-Texten. Perfektes Warm-up für das was kommen sollte! #liebdocheinfachwenduwillst

Bild: facebook.com/kettcar
Und dann war es endlich soweit:
Kettcar kam, sah und siegte. Ohne Frage. Sanfter Anfang mit Volle Distanz, um dann mit Money Left to Burn voll reinzuhauen. Und was soll ich sagen – wir waren wieder voll dabei. Textsicher wie nie konnten alle 21 Titel der Setlist mitgesungen werden, bei Rettung ging mir das Herz auf, bei Balu wurde ein Tränchen verdrückt, bei Kein Außen Mehr – totale Eskalation. Es gab tatsächlich Menschen in diesem Münchner Publikum, die uns baten, doch nicht so wild rumzuspringen, andere weiter weg von uns standen stocksteif wie ein Zinnsoldat mit verschränkten Armen und minimalem Kopfnicken da. Für mich unverständlich, aber jeder wie er es mag. Wir hatten den Spaß unseres Lebens, die Band war wie immer großartig mit einer super Mischung alter und neuer Lieder, sogar auch mit zwei von Markus‘ Solosongs. Absolut beeindruckend. Aus uns zwei, die Spaß hatten, wurden fünf, dann fünfzehn… Kettcar verbindet!

Nochmal kurz zur Erinnerung: wir waren beide nicht ganz fit. Und doch sollte „Kultur in München“ später schreiben: „Das führt sogar so weit, dass zeitweise bei den rockigen Abschnitten, wie Auf den billigen Plätzen und das folgende Landungsbrücken raus, ein kleiner Moshpit entsteht ,auch ein Crowdsurfer findet seinen Weg nach vorne.“ Und ja, diesen Moshpit möchte ich auf unser Konto schreiben. Und ich bereue nichts – keine Sekunde dieses wunderbaren Konzerts. Einzig die zweite Strophe vom Balkon gegenüber möchte ich nach wie vor nicht haben – die gehört da einfach nicht hin. Aber gut, es gab eine demokratische Abstimmung und die Mehrheit wollte sie hören. Meinetwegen.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiede ich Kettcar in ihre Pause. Ich hoffe, dass sie nicht allzu lange sein wird und dass Marcus, Lars, Reimer, Fieten und Erik dann mit einem Knall zurückkommen. Ich freue mich jetzt schon drauf. 




KW 5, 2020: Die luserlounge selektiert!

Bild: http://www.fettabbau24.com/
(ms/sb) Wir müssen wirklich nochmal über Musikpreise reden. Ja, ätzendes Thema, aber mit dem kleinen Input aus der letzten Woche ist es noch nicht getan. Wir berichteten über den doch recht renommierten Musikautorenpreis. Nun ist die Verwunderung doch sehr, sehr groß, dass in den letzten Jahren Martin Bechler nicht gewonnen hat und dieses Jahr nicht nominiert ist. Wer? Natürlich der Rotweinschlafanzugkopf von Fortuna Ehrenfeld. Warum verwundert die Nichtnominierung? Martin Bechler wird ab April an der Musikhochschule Köln den Meisterkurs 'Songtexte, Sprachkunst, Metaphorik & Poesie' unterrichten. Na, wenn das nicht die Definition von herausragendem musikalischen Textekönnen mit Alleinstellungsmerkmal ist! Oder: Solch ein Ruf, solch eine Ehre kann doch noch viel intensiver Wirken als ein Preis, der dann im Schrank verstaubt. Ein irrer Typ. Und neben den - auch letzte Woche - angekündigten Tourdaten mit Jenny und neuem Drummer, spielt er auch noch ein paar Konzerte solo am Flügel. Martin Bechler hat einfach Bock, Bock, Bock. Tut euch das bitte an!

Doch jetzt ist erstmal Freitag hier. Louserlounge hier. Selektiert hier. Bitte. Abfahrt:

Courtney Barnett
(ms) Na, war es bei euch diese Woche auch teils so dermaßen schmuddelig draußen? Nur Grau und Grau und dann noch den Schreibtisch voller Arbeit? Irgendwie kaum Zeit, um mal wirklich runter zu fahren; damit meine ich nicht einfach mal den Abend auf dem Sofa zu verbringen, sondern wirklich mal zu entspannen, ohne diffusen Druck im Nacken?
Okay, ich auch nur bedingt. Aber zum Glück beschert uns die Musik, ihre Klänge, Atmosphäre ganz besondere Momente. Solche, die einem kleinen Urlaub gleichen und das Gefühl vermitteln, wenigstens kurz aber intensiv durchgeatmet zu haben. Es ist und bleibt ihr innewohnender Zauber. In diese Kerbe schlägt seit einiger Zeit Courtney Barnett. Die junge Australierin fabriziert einfach so unglaublich schöne und entspannte Musik, wie eine kleine Auszeit für den arbeitenden Kopf. Dieses Gefühl versprüht sie jetzt auch in eure schönsten Ecken mit Live-Faktor. Denn Ende Oktober letzten Jahres wurde sie von MTV (jaha!) eingeladen, ein Unplugged aufzunehmen. Es wurde ein kleines, acht Tracks umfassendes Set, das bereits zu Nikolaus digital erschien und neues Soundmaterial bereithält (Play It On Repeat). Doch wer wie wir schön oldschool ist, legt wert auf physisches Material, das man in den Händen halten, das man entdecken kann. Und so erscheint MTV Unplugged Live in Melbourne am 22. Februar auch als CD und LP, damit die Sammlung wachsen kann. Legen wir euch ans Herz!



Three for Silver
(ms) Was passiert wenn man Russkaja, Faber, Voodoo Jürgens mit der englischen Sprache und zwei, drei Liter Whiskey mixt? Man könnte auf einen wild gewordenen Tom Waits mit einer Fiddle in der Hand tippen?! Gar nicht so weit davon entfernt ist die amerikanische Band Three for Silver! Mit Bass, Akkordeon, Violine bewaffnet wissen die Portlander ganz, ganz schnell, wie man die Tanzbeine ins Schwitzen bringt. Und nicht nur das brandneue Video zu Born to Trouble beweist, dass sie etwas verrückt und voller Spielfreude überschäumen. Auch die irre Liste an anstehenden Konzerten in unseren Landen ist eindrucksvoll. Da kann nun niemand sagen, dass man keine Möglichkeit hatte, sie nicht zu sehen. Da die Läden eher klein sind, vermute ich, dass es schnell heiß her geht und einige Schuhe durchgetanzt werden! Also, worauf wartet ihr?!

21.3. Wien | Akkordeon Festival - Das Werk (AT)
26.3. Bern | Wohnzimmerkonzertreihe (CH)
27.3. Dillenburg | Die Erbse (DE)
28.3. Hatzenweier | Grünerbaum (DE)
29.3. Freiburg | Klimperstube (DE)
30.3. Ansbach | Kammerspiele (DE)
31.3. Hannover | Kulturhaus Kleefeld (DE)
1.4. Marburg | Q (DE)
5.4. Hamburg | Deichdiehle (DE)
6.4. Lübeck | Tonfink (DE)
8.4. Bremerhaven | Pferdestall (DE)
9.4. Kiel | Hansa 48 (DE)
10.4. Berlin | Kiste (DE)
11.4. Jena | Irish Pub (DE)
12.4. Crailsheim | Jugendzentrum (DE)
13.4. Zwickau | Il Tavolino (DE)
14.4. Cottbus | Fango (DE)
15.4. Oldenburg | Polyester Club (DE)
16.4. Berlin | Wild At Heart (DE)
17.4. Rodgau |Maximal (DE)
18.4. Düren | KOMM (DE)
19.4. Dresden | Dreikönigskirche (DE)
20.4. Bochum | Bastion (DE)
21.4. Hannover | Glocksee (DE)
22.4. Dortmund | Subrosa (DE)
23.4. Wetzlar | Franzis (DE)
24.4. Fürth | Kofferfabrik (DE)
25.4. Lörrach | Nellie Nashorn (DE)
26.4. Hanau | Ellis (DE)
27.4. München | Fox Bar (DE)
29.4. Isny | Eberz (DE)
30.4. Salzburg | Oval (AT)
1.5. Hartberg | Roter Gugl (AT)
2.5. Fürstenfeld | Die Akte (AT)
3.5. Klagenfurt | Lendhafen Cafe (AT)
6.5. Linz | Kapu (AT)
7.5. Brixen | Arch Panta Rei (IT)
8.5. Saalfelden | Nexus (AT)
9.5. Niederwürzenbach | Bahnhof (DE)
10.5. Lochwitz | Lochwitz Bühne (DE)
11.5. Winterthur | Monomontag (CH)



Der Englische Garten
(sb) Welch genialer Schachzug, seine Band nach dem (neben dem Sechzgerstadion natürlich) Wohlfühlplatz Nummer 1 in München zu nennen! Dass dann auch noch die Musik wie die Faust aufs Auge dazu passt, macht Der Englische Garten direkt nochmal eine Stufe sympathischer und authentischer. Als Münchner kenne ich die Band schon lange und verfolge deren Werdegang selbstredend aufmerksam, zumal das ein oder andere Bandmitglied kein Unbekannter im Münchner Nachtleben ist und auch musikalisch bereits vor DEG aktiv war. Still war es in den letzten Jahren geworden um die Herren, ehe kürzlich (doch recht überraschend) die Ankündigung eines neuen Albums hereinflatterte und mit ihr der Download von Bei Tag und Nacht (VÖ: 13.03.) - welch Freude! Und dieses Gefühl hält auch nach mehrmaligem Anhören des Albums an, denn Der Englische Garten tut das, was er am besten kann: alltägliche Stories in witzige Lyrics verpacken und das Ganze dann äußerst tanzbar aufbereiten. Wer Samba, Superpunk oder Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen mag, der wird auch zu DEG begeistert mit den Hüften wippen oder gar das Tanzbein schwingen. Schön, dass Ihr wieder da seid! Ich bin ja schon gespannt, wie oft Ihr Euch live im Refrain von Schlafen Gehen versingen werdet - ich tu es andauernd. 😉



FIRSTCLASS&COACH
(sb) Wir schreiben das Jahr 2020, schalten den CD-Player an und - schwupps - fühlen uns direkt um 20 Jahre zurückversetzt. Herzlich willkommen zu FIRSTCLASS&COACH! In bester Tradition von Bands wie Elastica, Lambretta, Republica oder auch Sonic Youth entführen uns die Iren auf eine musikalische Zeitreise; dies betrifft nicht nur den Stil, sondern irgendwie auch die Produktion des Debütalbums The Truth About Honey (VÖ: 13.03.), dessen Sound phasenweise an alte Bootlegs erinnert, was aber keineswegs störend ist - ganz im Gegenteil! Die Tracks klingen sehr authentisch und erfrischend retro, nur die beiden deutschsprachigen(!) Songs kann man - mit Verlaub - komplett in die Tonne kloppen.


Philiam Shakesbeat
(sb) Ja gut, da sind wir reichlich spät dran, aber besser spät als nie, oder? Auf den wunderschönen Namen Auf der Suche nach Philanthrosophie (VÖ: 13.12.2019; ich gehe mal davon aus, dass das Datum bewusst gewählt wurde...) hört das Debütalbum des österreichischen Rappers Philiam Shakesbeat und wer auch nur ansatzweise Interesse an deutschsprachigem Hip Hop mit Niveau hat, der sollte sich das nicht entgehen lassen. Gesellschaftskritik, eine eindeutige politische Haltung, intelligente Lyrics und dennoch tanzbare Melodien - all das (und noch viel mehr) versammelt sich auf den 14 Tracks des Albums und hinterlässt beim Hörer sowohl einen Muskelkater im Genick (Kopfnicken deluxe), als auch reichlich Anlass, sich und die Welt zu hinterfragen. Besonders erwähnenswert ist zudem das soziale Engagement des Musikers, der sich bereits wiederholt für Flüchtlingsprojekte wie Bock auf Kultur eingesetzt hat und künstlerische Beiträge lieferte. Ich höre ja prinzipiell schon gerne Hip Hop aus Österreich (Skero, Average u.v.a. Texta), Philiam Shakesbeat rüttelt aber direkt gewaltig am Thron der alpenländischen Wortartisten.



Zebra Katz
(sb) Ich gebe es zu: Eigentlich wollte ich mir Less Is Moor (VÖ. 20.03.), das neue Album von Zebra Katz gar nicht erst anhören, weil mich die Ankündigung dazu nicht sonderlich ansprach und die Zeit ohnehin rar ist. Eine unerwartete Autofahrt gab mir jedoch die Gelegenheit, mich doch mit der Scheibe zu befassen - und siehe da: Megapositive Überraschung! Der Künstler, der in der Vergangenheit bereits ausgiebig mit den Gorillaz tourte und auch auf deren Album "Humanz" zu hören war, legt einen ungemein facettenreichen Longplayer vor, der zwischen dancefloortauglichem Faithless-Sound (In In In) und totaler Beklemmung (Blush) etliche Stimmungen abbildet und erzeugt. Garniert werden die ungemein intensiven Lyrics mit meist recht minimalistischen Beats, die der eindringlichen Stimme von Zebra Katz genug Platz einräumt, um sich zu entfalten. Der Musiker ist übrigens alles andere als ein Nobody, auch wenn Less Is Moor tatsächlich sein Debüt ist. Gefeierte Auftritte gab es bereits in Europa und den USA: So konnte er das Broad Museum in Los Angeles, das New Museum in New York, das Metropolitan Museum, das MoMA PS1, das Brooklyn Museum, die Art Basel in der Schweiz und kürzlich die Münchner Kammerspiele auf seiner Bucketlist bereits abhaken.



Die Sterne
(ms) Wenn eine Band seit 28 Jahren Musik schreibt, komponiert und veröffentlicht, darf man allein aufgrund dieser Zeitspanne von Legenden sprechen. Das ist bei Die Sterne definitiv der Fall. Natürlich, ihre verschwurbelten Texte und Lieder ecken immer wieder an und gefallen nicht allen. Muss ja auch nicht sein. Eine treue Fanschar und hohes Ansehen in Kultur und Feuilleton sprechen für sie.
Doch, Halt! Mit der Bezeichnung Band ist jetzt Schluss. Vor zwei Jahren sind Thomas Wenzel und Christoph Leich - immerhin Gründungsmitglieder - ausgestiegen. Übrig geblieben: Frank Spilker, der es sich auch nicht nehmen lässt, weiter zu machen. Und so ist das neue Album Die Sterne, das am 28.02 über PIAS erscheint, eher ein Kollabo- statt Bandalbum. Beispielsweise Erobique und Kaiser Quartett die Musik mit eingespielt. Doch der Stil bleibt gleich, viel klassische Schrammelrockgitarre, Zeilen, die um die Ecke gedacht sind und solche, die ganz profan sind. Auch der neuste Streich Der Sommer in die Stadt wird fahren ist herrlich metaphorisch! Ich freue mich auf die neue Platte!

12.02.2020 Bielefeld, Nr.z.P.
13.02.2020 Essen, Hotel Shanghai
14.02.2020 Karlsruhe, Kohi
15.02.2020 Hannover, Béi Chéz Heinz
06.03.2020 Köln, Gebäude 9 - AUSVERKAUFT
07.03.2020 Mainz, Schon Schön - AUSVERKAUFT
08.03.2020 Stuttgart, Merlin
09.03.2020 Graz (AT), Postgarage
10.03.2020 Wien (AT), Grelle Forelle
11.03.2020 München, Ampere
12.03.2020 Leipzig, Conne Island
13.03.2020 Berlin, Festsaal Kreuzberg
15.03.2020 Hamburg, Uebel & Gefährlich



Bart Budwig
(sb) Monatelang war Another Burn On The Astro Turf (VÖ: 24.01.), das neue Album von Bart Budwig, auf meiner Festplatte versauert, doch nun erreichte mich auch noch die CD und siehe da: läuft und gefällt! Dass dem Musiker aus Oregon Konventionen relativ egal sind, erkennt man rasch. Seine Stimme schwankt zwischen weinerlich, dominant, sanft und wütend und auch die Beschränkung auf nur ein Genre fällt dem Künstler schwer. Folk, Country, Jazz, R'n'B und Soul geben sich die Klinke in die Hand und mischen sich zu einem melancholischen Cuvée, der anregender kaum wirken könnte. Lasst Euch das live nicht entgehen:


27.2. Wien | Fluc (AT)
28.2. Klagenfurt | Lendhafen Cafe (AT)
29.2. Innsbruck | Bäckerei (AT)
02.3. Bamberg | Live Club (DE)
03.3. Unna | Tortuga (DE)
05.3. Kiel | Hansa 48 (DE)
06.3. Hamburg | Cascadas (DE)
07.3. Berlin | tba (DE)
08.3. Altlandsberg | Buchholz Saloon (DE)
11.3. Frastanz | Glashus (AT)
12.3. Bern | Wohnzimmerkonzert (CH)
14.3. Immendingen | Gloria (DE)
16.3. München | Fox Bar (DE)
19.3. Salzburg | Zazi Bar (AT)
20.3. Feldbach | Club GLAM (AT)
22.3. Offenbach | Hafen 2 (DE)
23.3. Jena | Rosenkeller (DE)
24.3. Hannover | Café Glocksee (DE)
25.3. Leipzig | Noch besser Leben (DE)
26.3. Solothurn | Acoustic Nights (CH)



Robert Glasper
(ms) Wie schon letzte Woche, berichten wir erneut über ein Genre, von dem wir so eigentlich keine Ahnung haben: Jazz. Keine Ahnung von der Geschichte, keine Ahnung von Trends, von heißen Gruppen und KünstlerInnen, keine Ahnung von Pilgerstätten. Aber Ahnung vom Handwerk (der Schreiber kennt sich durchaus mit dem Musizieren aus) und Ahnung vom entstehenden Groove, von der Energie, die packt und einen nicht ruhig sitzen lässt. Vom Zauber. Der nicht in Worte zu fassen, aber so spürbar ist.
Doof nur, dass wir hier über Robert Glasper sprechen und sein Album Fuck Yo Feelings, das kommenden Freitag (7. Februar) physisch erscheint - digital ist das Werk schon erhältlich. Wieso doof? Weil Glaspers Album nicht nur ein Mixtape ist, was für Jazz generell schon ungewöhnlich ist, sondern die Jazzspielarten an seine Grenzen treibt. Sicher auch darüber hinaus. Glasper ist Jazzpianist, doch auf den 19 (!) Tracks ist Soul, Pop, R'n'B und Rap zu hören. Entstanden ist ein Großteil der Platte im vergangenen Mai in zwei Tagen in Los Angeles. Er lud ein Dutzend FreundInnen ein und wollte mal schauen, was passiert. Ein immens vielseitiges Album ist entstanden. Es bedient zum Teil das Jazz-Klischee von klassischer Hintergrundmusik à la Loungemukke, aber hauptsächlich ist das so immens lässig, dass es unheimlich dazu taugt im Sommer die schönen Tage, die man lange an der frischen Luft genießt, zu untermalen. Aufdrehen, zurücklehnen.


Donnerstag, 30. Januar 2020

Alex Mayr - Wann Fangen Wir An?

Foto: Yannic Poepperling
(ms) Das ewige Geplärre im Radio hat die schöne Popmusik kaputt gemacht.
Dagegen muss nicht nur angeschrieben werden, sondern hauptsächlich angesungen werden; mit ausgetüftelten und dennoch leicht zugänglichen Melodien, Köpfchen und insbesondere vielseitigen, unterhaltsamen Texten und solchen Zeilen, die direkt ins Herz gehen. Das macht Mine seit einigen Jahren sehr erstaunlich und mittlerweile zurecht erfolgreich.

Alex Mayrs Musik ist mit der von Mine nur äußerst bedingt vergleichbar, aber die einzige, irgendwie nennbare Referenz, die mir bei ihrem großartigen Debut einfällt. Wann Fangen Wir An? erscheint auf dem eigenen Label an diesem Freitag (31. Januar) und ist ein bemerkenswertes Album. Das liegt zum Einen logischerweise an den Texten - kommen wir gleich zu. Zum Anderen an den sehr fein arrangierten Melodien, Harmonien und Zusammensetzungen an Instrumenten. Und dafür ist neben Mayr und ihrem Drummer Konrad Henkelüdeke Konstantin Gropper verantwortlich. Wer diesen Blog länger verfolgt, weiß von meiner großen Bewunderung ihm und seiner Band Get Well Soon gegenüber. Und die dauert seit zwölf Jahren an. Mit jedem Album hat er eine neue Dimension des Alternative Pop/Rock geschaffen und gefüllt. Als Produzent trat er für Sizarr, Casper oder Sam Vance-Law in Erscheinung. Gibt schlechtere Aufträge.
Nun also Alex Mayr. Und das hat verdammt gut geklappt mit der Kooperation. Der hörbare Beweis dauert gut 50 Minuten und beschwingt den Alltag mit Liedern zwischen Provinz, purer Liebe, Beziehungsrettungsversuchen und anderen Geschichten mitten aus ihrer Biographie. Wann Fangen Wir An? ist ein äußerst persönliches, ja, intimes Album. Und das macht es halt so glaubwürdig. An vielen Stellen fällt es leicht, sich zu identifizieren.



Mayr und Gropper haben einige Gemeinsamkeiten und Parallelen in ihrer (musikalischen) Biographie. Beide sind Multiinstrumentalisten, kreisen sich seit der frühen Kindheit um die Welt der Töne und haben ihr erstes Album (mehr oder weniger) in Eigenregie produziert. Gropper mit 26, Mayr mit 34, doch was ist Alter nur für eine irrelevante Kategorie!?

Startschuss also mit Ein Pilot. Ein Lied, das vor musikalischer und textlicher Schönheit nur so strotzt. Und verzeiht mir dieses nerdige Geschreibe, doch ich höre eine rhythmische Ähnlichkeit im Refrain zu Groppers Roland, I Feel You (dort eben diese Peitschenhiebe). Die immer wieder gestellte Frage im Refrain ist die des Albumtitels und eine Gute, Mutmachende endlich damit anzufangen.
Japan ist nicht nur irgendwie schräg, sondern hat ein ebenso schönes Video vorzuweisen. In dem selbstgemachten Kostüm steckt übrigens Drummer Henkelüdeke. Eine Reise unternehmen, um die zerschellende Beziehung zu retten? Puh, da muss man erstmal drauf kommen. Klar, einen Traum in Erfüllung aufgehen zu sehen, ist schön. In der Konstellation aber auch explosiv. Nichtsdestotrotz ist es ein feiner, kluger, wunderbarer Song mit ordentlich Ohrwurmcharakter!

Ging es bislang sanft-poppig zu, wird es nun tanzbar und musikalisch fröhlich. Doch irgendwie erzählt Deine Schuhe natürlich eine traurige Geschichte über eine überstandene Beziehung. Die bereitet Mayr jedoch so unglaublich humorvoll, locker und leichtfüßig auf, das man ums Schmunzeln nicht herumkommt. Wunderbar, ehrlich! Gewonnene Freiheit versus teurere Taxifahrten plus hervorragender Keyboardbeat!
Weiter: Ironie wird hier groß geschrieben. Wer Landjugend (Inhalt des Liedes ja selbsterklärend) mit so einem Billo-Konserven-Sound beginnt, weiß was sie tut! Alex Mayr ist im Bremer Umland großgeworden. Eine mitunter triste Gegend. Ich selbst bin woanders aufgewachsen, doch die Geschichten kommen mir bekannt vor. Wenn das Schützenfest nicht nur tragisch und grausam aber eben auch ein Pflichttermin ist...



Dass das Genre Pop hier ganz breit definiert wird, zeigt One Way Ticket. Die beginnenden Takte erwecken den Eindruck, dass der Track in einem Saloon in bester Westworld-Manier aufgenommen wurde. Und die schon dezent hörbare Gitarre wird später aber richtig kräftig aufgedreht. Uhi! Das war bei den vorherigen Songs so nicht zu erwarten, denn im gleichen Lied werden auch R'n'B-mäßige Ah-Ah-Ahh-Gesänge heraufbeschworen.
Zu Was Soll Man Sagen kann ich nur eines sagen: Das ist eines der schönsten, direktesten, wärmsten deutschsprachigen Liebeslieder, das ich in den letzten Jahren gehört habe (Kettcars Rettung ist halt schon neun Jahre alt).
Und es wird noch runder: Opferland ist - natürlich - ein politischer Song. Kommt dabei jedoch in höchstgradig beschwingter Art und Weise daher. Die bekannte Devise: Von den Verbitterten nicht verbittern lassen!
In Ganz Schön Kaputt geht es hymnisch nicht etwa um einen guten Freund, eine wundervolle Liebe zu einem irgendwie schrägen Menschen. Obwohl - Stopp! Um Liebe und Freundschaft geht es doch. Die dem Lieblingsshirt gegenüber. Schön, wie dennoch viele Ebenen der Interpretation dabei eröffnet werden. Ein weiterer bemerkenswerter Beweis für kluges, wohlbedachtes Songwriting.

Wann Fangen Wir An?
Eine gute Frage. Am besten jetzt direkt. Mit dem Begeistertsein dieser Platte gegenüber. Mit dem Kauf derselben und einem dazugehörigen Tourticket. Denn diese selten-großartige Musik muss live gehört werden. Man darf gespannt sein, wie Alex Mayr und Konrad Henkelüdeke dies zu zweit auf die Bühne bringen. Ich schaue in Hamburg vorbei und werde berichten!

12.02. Heidelberg // Karlstorbahnhof
13.02. Wiesbaden // Schlachthof 
14.02. Darmstadt // 806qm 
15.02. Koblenz // Kulturfabrik 
17.02. Wuppertal // Utopiastadt 
18.02. Hannover // Lux 
19.02. Kassel // FranzUlrich 
20.02. Rostock // Helgas Kitchen 
21.02. Hamburg // Nochtwache 
22.02. Greifswald // Boddenhus 
25.02. Berlin // Musik & Frieden 
26.02. Nürnberg // MUZclub 
27.02. Augsburg // Soho Stage 
29.02. Stuttgart // clubCANN 
01.03. München // Heppel & Ettlich

Dienstag, 28. Januar 2020

Buvette - 4EVER

Foto: Charles Negre
(ms) Es ist für mich ein Rätsel, warum ich regelmäßig elektronische Musik höre, aber so wenig darüber schreibe. Was ist der Grund? Eine Abneigung ist es ja offensichtlich nicht. Also grübelte ich und grübelte so vor mich her, bis ich auf diesen Gedanken kam: maßgeblich elektronisch komponierte Musik geht mir nicht so ins Herz. Klar, in die Füße schon, aber sie spricht nicht so sehr meine Seele an. Das liegt auch an den Texten, die ich wenig oder gar nicht so genau wahrnehme. Damit fehlt dann halt - es bleibt hier alles sehr subjektiv - die emotionale Verbindung; diese funktioniert bei mir über große Teile durch den Text, der Identifizierung mit dem Inhalt schafft.

Doch das muss ja nicht so bleiben. Und ein Schweizer rüttelt da seit einigen Tagen an meinem ach so festgefahrenen Musikweltbild. Und das ist gut so. Man kann sich ja nicht immer nur im Kreis drehen. Obwohl gerade Bewegung bei den Songs von Buvette sehr nahe liegend ist. Sein zweites Album, das den bescheidenen Titel 4EVER trägt, erscheint am 31. Januar und dauert gut 53 Minuten. Schon eine lange Spielzeit. Aber nicht hier! Nein! Auf keinen Fall! Diese Platte ist enorm kurzweilig. Und das liegt am sehr ausgetüftelten Soundbild. Äußerst harmonisch, kompakt, gut zugänglich bedient Buvette eine irre Mischung aus Justice, Moby, Lambchop, Kraftwerk und Underworld. Wie? Das soll gehen?! Und ob!

So kontrastvoll wie die genannten Referenzen ist auch der erste Track Together, der mit satter Drumbass spielt und stark zwischen tiefem Sprechgesang in den Strophen und höheren Tönen im Refrain pendelt . Sowas macht halt neugierig. Zu Now or Never fällt mir laienhaft und aufgrund zu weniger Anhaltspunkte im Genre der Vergleich zu Moby ein: Großstadtelectro, Häuserschluchten, wuselnde Taxen, Ruhe vor der Rushhour. Wenn man dann mal auf den Text achtet, bleibe ich beim oben angesprochenen Punkt - flach aber zum Glück unwichtig: Nothing lasts forever / In the universe / Even if it's fucking real / It's now or never. Mit True Stories wurde genau die richtige Single ausgesucht, unfassbar catchy ist dieser Electropop; insbesondere der toll arrangierte Refrain bleibt schnell zwischen den Ohren haften.
Außerdem: Das Genre ist für mich nicht nur Tanz- sondern auch Sommermusik. Zu Last Dance möchte ich von Juni bis August draußen tanzen. Und es soll nicht mein letzter, sondern mein erster, zweiter, dritter... Tanz sein! Zum Thema Text: Because music never dies - das ist wahr, aber auch irgendwie schlageresk.



Und dann kommen wir zum Herzstück der Platte. Es trägt den Namen Jupithing und dauert zehn Minuten, in Zahlen: 10! Es ist faszinierend zu beobachten, wie der Song sich auf diversen Wegen entwickelt, steigert, zurückfällt, wieder neu aufbaut. Über eineinhalb Minuten ist es ein reines Crescendo - Pause - eineinhalb Minuten erneuter Aufbau - Übergang in einen ganz sphärischen Sound für wirklich lange Zeit bis der Track aus seinen tiefsten Tiefen wieder an Fahrt aufnimmt und das in Form eines satten Basses zwischen Minute 5 und 6. Dann einsetzendes Klavier; hinsteuernd auf Minute 8 geht's rund und bis dahin ist ganz viel Unkonkretes, neugierig Machendes dabei, wie ein nicht zu Ende gebrachter Spoiler. Das hier ist extrem pfiffig arrangiert. Das wirklich krasse ist aber, dass im ganzen Track nie ein Beat eingesetzt hat, kein Drum-Sound und dennoch hat er ganz viel Energie.
Dann kommt die am wenigsten erwartbare Assoziation, denn XOXO könnte genauso auf den letzten beiden Alben von Lambchop erschienen sein. Seitdem Kurt Wagner ein wenig mit seiner Stimme experimentiert, ist das vielleicht auch nicht mehr so verwunderlich. Leider hat 4EVER dann auch noch ein paar Längen mit Shepherd of Love, All und Evening Music.
Doch Fomo holt gen Ende nochmal alles raus: Super Beat und das Lied verliert nicht an Fahrt.

4EVER des Schweizers ist also ein sehr breit gefächertes Album, das es sich zu entdecken lohnt. Und ich muss mich selbst dringend ohrfeigen bei all meinen Vorurteilen bezüglich elektronischer Musik! Diese hier weiß extrem zu gefallen (bis auf den Punkt mit den Texten...)!

Demnächst tritt er in Frankreich auf. Sollte es Daten für unsere Gegenden geben, werden wir informieren!