Freitag, 25. September 2026

KW 39, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Alfredo Creates
Kleiner Nachklapp zum Auftritt von Anna von Huasswolff am vergangenen Samstag in Hamburg. Manchmal bin ich ein bisschen doof oder taub. Bei ihrem aktuellen Album The Iconoclasts habe ich sehr spät gemerkt, dass das Saxophon so eine prominente Rolle einnimmt. Seh- und hörbar war es am Samstag umso mehr. Auf der linken Bühnenseite stand Otis Sandsjö und spielte. Wie um sein Leben. Da ich selbst meine ganze Jugend über Saxophon spielte, darf ich dazu Stellung nehmen. Denn das, was Otis Sandsjö dort gemacht hat, war technisch extrem stark! Nicht nur seine flinken Finger haben den Abend belebt, sondern auch seine äußerst taktisch kluge Atmung. Seine Unterlippe muss doch schmerzen nach so einem Auftritt. Zudem hat er entweder sich selbst geloopt oder den Klang seines Instruments verzerrt. Genial! Und wie dieses, mir so vertraute, Instrument mit der Orgel harmoniert, hätte ich nie geglaubt! Hut ab!

Some Sprouts
(Ms) Was tun, wenn zu viele Gedanken durch das Nervensystem ballern? Was tun, wenn ein dezentes Gefühl der Überforderung überhand nimmt? Was tun, wenn es langsam anfängt zu zittern? Was tun, wenn der Körper zu schwer wird für die einfachen Dinge?! Klar, Pause. Aber wie gestaltet man sie? Sich dem Schwermut hingeben? Oder ein wenig auflockern? Ein wenig Sonnenschein einziehen lassen? Mit dem neuen Track von Some Sprouts warten die auflockernden Sonnenstrahlen nicht lang. Ihre neue Singe On The Line beschwingt nach allen Regeln der Kunst. Ja, man könnte auch sagen, dass ein wenig dahin plätschert. Aber ist das nicht manchmal auch so richtig schön? Ich finde es nämlich auch beeindruckend, wie Bands es immer wieder schaffen, so eine Lässigkeit in ihren Klang zu bringen. Da gingen sicher zig Sitzungen im Proberaum bei drauf: Welche Harmonie? Wann knallt das Becken? Wann darf sich die E-Gitarre ausleben?! Das Ergebnis ist herrlich erfrischend und kann bald hier live gehört werden:

17.10.26 Nürnberg, Club Stereo (mit Telquist)
18.10.26 Berlin, Frannz (mit Telquist)
19.10.26 Dortmund, FZW (mit Low Life Rich Kids)
20.10.26 Köln, Art Theater (mit Low Life Rich Kids)
22.10.26 Wien, Flucc (mit Humming People)
23.10.26 München, Strom (mit Kids don't Smoke)
24.10.26 Frankfurt, Zoom (mit Clear Coast) 
25.10.26 Hamburg, Hebebühne (mit Marlin Beach)


Die Anstalt
(Ms) So krass klangen die 80er nicht mal in den 80ern. Das Berliner Trio Die Anstalt trifft 2026 den Sound dieses musikalischen großartigen Jahrzehnts bis ins Mark. Ja, die Gitarren sind noch ein wenig prägnanter, aber der Beat, die Art zu singen, die Programmatik in den Texten, di Nutzung von Synthies. Genial, absolut genial! Die Band veröffentlich heute ihr selnstbetiteltes Debutalbum in einem neuen Gewand und der damals schon erschienene Track Isolation in einer überarbeiteten Version. In Großbritannien sollen sie als Support von A Place To Bury Strangets ordentlich begeistert haben. Es steht nichts im Wege, dass sie hier einen ähnlich triumphalen Siegeszug bestreiten!

02.10. Hof, Galeriehaus
17.10. Hamburg, Hamburg, M.S. Stubnitz
23.10. Nürnberg, Bunker Rituals Festival IV
19.11. Berlin, SO36


Austin TV
(Ms) Es ist gut, dass es stabile Größen in der Musikwelt gibt. Besonders hervorzuheben dabei ist KEXP. Der Radiosender aus Seattle, Washington, war schon oft Anlaufstelle für großartige Liveaufnahmen und tolle Interviews, die ich mir angeschaut habe. Die Menschen, die dort arbeiten, haben wirklich einen großartigen Geschmack und eine irre Leidenschaft. Dieser Tage flirrte mit Austin TV bei denen über den Bildschirm. Direkt angefixt! Die mehrköpfige Band aus Mexiko spielt maskiert und wunderschön! Also vor allem klanglich. Es ist Post-Rock gepaart mit frickeligen Math Rock Elementen. Wenn man es möglichst krass ausdrücken will also irgendwo zwischen Sigur Rós und Angine De Poitrine. Vor wenigen Wochen erst veröffentlichen sie ihr aktuelles Album MA und es ist leicht, sich in den tollen Sog dieser Musik reißen zu lassen. Nur zu:

Donnerstag, 24. September 2026

Nichtseattle - Große Liebe

Foto: Sascha Schlegel
(Ms) Erst wurde aus Katharina Kollmann Nichtseattle. Dann wurde daraus ein Duo und seit ein paar Jahren schließlich eine Band. Ihre Texte waren und sind der wunderbare Mittelpunkt ihres Schaffens. Ihre Ideen, ihre Unmittelbarkeit, die schonungslose Realität. Das findet sich auch an zig anderen Stellen, doch wenn Katharina Kollmann den Stift in die Hand nimmt, um ihre Texte zu schreiben, dann passiert etwas unvergleichliches. Dann erscheinen unfassbar kluge, ungefilterte Gedanken. Dann gibt es kaum etwas zu verstecken. Dann erscheint das Leben mal echt schwer und kompliziert und im nächsten Moment wieder heiter und klar. Sie schaut wirklich überall hin, lässt nichts aus und beschönigt keinen Winkel des menschlichen Daseins. Nun bringt sie am 25. September ihr neues Album raus und darin beschäftigt sie sich mit dem schönsten und härtesten Thema: Große Liebe heißt es und erscheint bei Staatsakt.
Klar, das vielleicht beste Thema der Kunst ist schier unerschöpflich. Weil ständig neue Liebesgeschichten geschrieben werden. Aber auch Trennungsgeschichten. Sehnsuchtsgeschichten. Enttäuschungsgeschichten. Glitzergeschichten. Zehn Stücke hat sie mit ihrer Band geschrieben und eingespielt. Teilweise gehen sie (wieder) über sieben Minuten, sind intensiv und wundervoll. 

Mit melancholischen, schweren Gitarren startet die Platte. Dallas heißt der erste Track, zugleich die erste Single. „Was meinst du mit Liebe?“ - diese Frage direkt zu Beginn. Puh. Eine große Reflektion über Alterslosigkeit und Therapie und eigentümliche Ideale (eine aus Dallas oder ein westdeutscher Mann), die gejagt werden. Und aus dem nachdenklichen, schwermütigen Start wird immer wieder ein großes Aufbäumen. Nein, keine Heiterkeit, sondern ein gerader Rücken. Und damit ist das Wesen von Katharina Kollmanns Musik zu Beginn skizziert.
Dass aus dem Soloprojekt über einen langen Zeitraum eine Band geworden ist, ist auch zu hören. Der Klang dieser Platte ist extrem rund, toll abgestimmt, sehr harmonisch. Auf River Cola dominiert ein warmer Bass. Darüber ein Text, der das große Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen und damit ein oft gelebtes Machtgefälle beschreibt. Über Reaktionen, die so untypisch weiblich seien mit der logischen Anschlussfrage, was das denn überhaupt sei. Ein wunderbarer Song, denn er baut sich großartig auf. Fängt an zu glänzen. Bring ein Strahlen zurück. Auch dank Trompete und Dur.
Für Zeilen wie „Freundschaft ist mein Schwergewicht“ auf Ich Mit Brille mag man sie einfach nur beneiden. Ohnehin ein Stück, das weiter strahlt, das Positive zeigt und auch den Liebesblick ein wenig erweitert. Was bedeutet dieses große Wort eigentlich und wem gilt es?! Eine sehr gute Frage, die wir uns alle stellen sollten. Und wenn am Ende eine kleine Chorsequenz erkling, bäumt sich die Gänsehaut auf!

Nichtseattle ist immer auch ein feministisches Manifest - großartig! Meine Ladies heißt der Track voller Hinknien, Zusammenhalt, Empowerment. Ein Track voller Zuversicht, voller Kraft und Macht: „Ich glaub, ich glaub an uns.“ Manchmal sind die einfachen Worte im passenden Kontext so wirkmächtig! Wow! Insbesondere wenn sie mehrstimmig, kraftvoll, inbrünstig in die Welt gesungen werden!
Runtergeschraubt, gezupft und gehaucht geht es auf Station 8 zu. Ein Klinikaufenthalt? Eine Reha? Eine Verarbeitungsphase nach einem Zusammenbruch. Spricht sie über sich? Egal. Spätestens wenn sie im Chor singt, ruft, fordert, wünscht: „Bring mich nach Hause“ - dann ist doch alles klar, oder?! Hui, wie viel Dringlichkeit in so reduziertem Arrangement liegen kann - phantastisch.
Am Ende noch ein Klavier. Seichte, andächtige Töne. Fremde heißt das letzte Stück. Ein gesprochenes Lied. Ein großartiger Gebrauch von Sprache über Kategorisierung und Schubladendenken und dessen grausame Konsequenzen. Ein Gedankenstrom über ihr Elternhaus? Wut macht sich breit, Unverständnis, Misstrauen. So baut sich ein Stück auf, die anderen Instrumente setzen ein. Das Klavier bringt Hoffnungsschimmer, die Gitarre behält die Zweifel. Knapp acht Minuten dauert dieses letzte Lied und lässt uns Hörende mit vielen Gedanken zurück. Was macht die durchaus aufbauende Musik nach dem bitteren Text? Wie schön, dass uns diese Gedanken geschenkt werden, wenn man sich denn drauf einlässt.

Gut eine Stunde erklingen Nichtseattles neue Stücke auf Große Liebe. Ja, mit ihrer Band ist Katharina Kollmann ein weiteres tolles Album gelungen. Doch ich frage mich auch, ob sie damit auch überfordern kann. Die Texte sind nicht nur lang, sondern auch so dicht und komplex. Doch kurz weiter gedacht, ergibt sich folgendes Bild: Was erwarte ich denn von Kunst?! Dass sie unscheinbar nebenher dudelt?! Dass sie einfach ein paar nette Momente generiert?! Wenn ja: Okay. Doch sie kann auch bereichern, kann auch weh tun. Kann zum großen Genuss, zur Großen Liebe einladen. Kann aufzeigen, protestieren, anregen und bestätigen, rausbrüllen. All das - und sicher noch wesentlich mehr - ist hier auf beeindruckende Weise gelungen!

03.11.26 Kiel, Hansa48
04.11.26 Hamburg, Knust
05.11.26 Osnabrück, Kleine Freiheit
06.11.26 Langenberg, KGB
07.11.26 Leipzig, UT Connewitz
08.11.26 Berlin, Großer Sendesaal des rbb
09.11.26 München, Feierwerk (Kranhalle)
10.11.26 Wien, Club Lucia
12.11.26 Regensburg, Alte Mälzerei
13.11.26 Frankfurt, Brotfabrik
14.11.26 Köln, Artheater

Video

Video

Dienstag, 22. September 2026

Live in Hamburg: Anna von Hausswolff

Foto: luserlounge
(Ms) Gar nicht mal so leicht, über diesen Abend zu schreiben. Ihn zu erleben war schon nicht einfach.
Logisch, Elbphilharmonie ist schon wuchtig genug. Ein großartiges Gebäude.  Eine Stunde vor Beginn wurde der große Saal geöffnet. Beziehungsweise die Tore, um ihm näher zu kommen. Dann hieß es nochmal eine halbe Stunde warten, bis der Innenraum freigegeben wurde. Und das war spät. Die Innentüren gingen um 22.15 Uhr auf. Nicht nur aufgrund der Uhrzeit sollte dies ein ereignisreicher Abend werden. Dafür war vor allem die Dame an der Orgel verantwortlich: Anna von Hausswolff. Letztes Jahr erschien ihr aktuelles Album The Iconoclasts und sollte noch wuchtiger und komplexer werden als alles, was sie vorher gemacht hat. Die Orgel nahm sich ein wenig zurück, mehr Gitarrenwände und vor allem ein Saxophon, was ich in der Form noch nie gehört habe. Es sollte auch am Abend eine wichtige Rolle spielen.

Dann gingen also die Türen auf. An einem milden Spätsommertag an der Elbe. Bier und Weißwein in der Lobby waren lecker, der Blick auf den Hafen großartig. Der Blick ins Innere dieses Gebäudes auch. Eine Höhe, die demütig macht, ein Rondell für hervorragenden Klang. Bequeme Sitze, entspannte Menschen. Wir ergatterten einen tollen Platz auf der ersten leichten Erhöhung. Leider roch es dort so unangenehm, dass wir nochmal umzogen. Doch die Sicht blieb super. Denn so konnten wir einen Blick auf alle Beteiligten auf der Bühne erhaschen, trotz dass ein Scheinwerfer immer wieder ordentlich blendete.

Pünktlich um 22.45 Uhr betrat Anna von Hausswolff mit ihrer fünfköpfigen Band die Bühne und es ging direkt los. Als der Bassist sich einen Geigenbogen nahm, um über die Saiten zu streichen, kam die erste Gänsehaut. Und die erste Erschütterung des Konzertsaales. Lautstärke, Wucht, Dynamik, Unerbittlichkeit. Das waren die Leitmotive für die kommenden knapp eineinhalb Stunden. Ein hochgradig intensives Konzert hat die Schwedin mit ihrer uniformierten Band da hingelegt. Der Fokus lag klar auf den neueren Stücken. Irgendwie natürlich logisch, doch der ein oder andere ältere Track mehr, täte dem Set vielleicht ganz gut. Denn diese Intensität war offenbar nicht für alle was. Offiziell soll das Konzert ausverkauft gewesen sein. Das ist nur schwer nachvollziehbar, denn es fand im Rahmen des Reeperbahn Festivals statt und Menschen mit einem Bändchen konnten einfach so rein. Und auch wieder raus. Zudem wurden Karten nur für diesen Auftritt verkauft - da habe ich zugeschlagen. Der Saal war gerade mal zu 60-70 Prozent gefüllt. Ob nicht alle Ränge freigegeben waren, weiß ich nicht.
Während es nur so schepperte auf der Bühne, standen also immer mehr Menschen auf und gingen. Ich konnte meinen Augen kaum trauen. Ja, es war schon eine derbe Performance. Doch einfach gehen?! Da geben gerade sechs Menschen auf der Bühne alles, lassen Wände und Böden erzittern und viele verlassen einfach den Saal?! War es also nicht auszuhalten? Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Es war definitiv ein krasses musikalisches Erlebnis. Die Grenze des Aushaltbaren hat Anna von Hausswolff auf jeden Fall erzittern lassen. Doch ist Kunst nicht auch etwas, das mal erschüttern kann?! Oder soll?! Oder gar schockieren?! Klar, auf jeden Fall. Das muss sie auch. Wie feige ist es dann, einfach zu gehen.

Ich hatte auch zu hadern, wie ich das denn nun fand. Zwei Mal sah ich sie schon live. Beide Male war ich völlig baff: so eine Kraft, so eine Präsenz, so eine Dynamik. Es brauchte eine Nacht, bis ich zu meinem Urteil kam: Ja, das war einfach verdammt gut. Das war Kunst. Es hallte nach. Im doppelten Sinne. 
Auch auf der Bühne. Denn eine Zugabe gab es nicht. Der Auftritt war kürzer als eingeplant. Ist ja auch nachvollziehbar aus KünstlerInnensicht. Eine Verbeugung noch, dann ging das Licht an. Wer will schon nochmal dort auftreten, wo die Menschen gehen?!

Und dann stand man da. Samstagnacht in der Elbphilharmonie. Nach so einem intensiven Abend. Ein Abend, an dem Orgel und Saxophon eine irre Energie entwickelt haben. Was hat der Typ am Holzblasinstrument denn bitte gemacht?! Alles hat er gegeben. Doch es kam offenbar bei einigen nicht an. Alle anderen, die es genießen konnten und bis zum Ende blieben, haben einen herausragenden musikalischen Abend erleben dürfen, der die Grenzen des Genusses neu ausgelotet hat.


Freitag, 18. September 2026

KW 38, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / shohanur.rahman13
Vergangenen Sonntag wurde hier in Niedersachsen gewählt. BürgermeisterInnen, Kreis- und Gemeinderäte. Auch bei dieser Kommunalwahl haben die hier als gesichert rechtsextremen Menschen von der AfD viele Stimmen bekommen. Zugleich ließ diese Wahl tief blicken in die Partei und ihre WählerInnen. Die Wählenden zu erst: Es war hier möglich, bei einer Gemeinderatswahl beispielsweise der Partei bis zu drei Stimmen zu geben oder diese drei Stimmen auf einzelne KandidatInnen zu verteilen oder wie man halt mag. Hauptsache drei Stimmen. Dies ließ sich am Ende einsehen. Und bei der AfD hat in allen Wahlergebnissen, die ich sah, die Partei etwa 90% der Stimmen und kaum gingen Stimmen an die Menschen, die für ihre antidemokratische Partei stehen. Heißt ja: Wer da steht, ist völlig egal, Hauptsache menschenverachtende Politik. Und das geht direkt in den zweiten Part über: was diese Wahl über die Partei aussagt. Denn zu Beginn der Woche wurde bekannt, dass über 300 Sitze bei der Wahl im ganzen Bundesland frei bleiben, weil es schlicht und einfach keine Menschen gibt, die sie einnehmen würden. Bei circa 250 dieser Sitze handelt es sich um die AfD. Ihre Sitze bleiben frei, die Gewichtung bei Abstimmung verschiebt sich zugunsten der demokratischen Parteien. Das ist ja die Krux: Laut ist die Partei mit ihrem ganzen menschenverachtenden Scheiß. Auf lokaler Ebene lässt sich sowas überhaupt nicht durchsetzen. Und machen will es wohl auch keiner.

Lambrini Girls
(Ms) Bock auf rohen, schnellen Punkrock?! Herzlich willkommen bei Lambrini Girls! Das Duo aus Großbritannien veröffentlichte zuletzt mit Bang Bang Bang einen Track, der seinem Namen mehr als gerecht wird. Schnell und voll auf die Fresse und schön unter zweieinhalb Minuten. Es erinnert schon sehr an Amyl And The Sniffers. Doch, was dort gut funktioniert, klappt ja auch woanders. Eben. Ein düsterer, treibender Sound, der sich da die Bahnen bricht. Ein Song, der erlebt werden will. Und das dazugehörige Video seht hervorragend Pate dafür. Genial, wie die Bilder die Stimmung des Stückes wiedergibt und untermalt. Ein Rausch, ein Knall, zerberstende Gläser. Am 15. Januar erscheint mit No Refunds ihr neues Album und könnte richtig stark werden!

08.05. - Hamburg, Fabrik
14.05. - Berlin, Astra
18.05. - Wien, Arena
20.05. - München, Muffathalle
25.05. - Köln, Live Music Hall


Tiny Doris
(Ms) Na, ist der Kopf schon wieder voll?! Zu viel Schrott auf dem Handy gesehen? Zu viele dämliche Vorgaben und Änderungen bei der Arbeit? Schon wieder Schienenersatzverkehr? Schon wieder gruselige Wahlergebnisse? Schon wieder hohe Spritpreise? Und wieso ist Butter eigentlich so günstig geworden? Und: schon beim Weihnachtsgebäck im Supermarkt zugeschlagen?! Puh. Overload. Das Hirn braucht dringend eine Pause. Zu viel. Zu blöd. Zu viel Energie raubend. Gut, dass es Tiny Doris gibt. Denn auf ihrem Album In Den Dosen, das heute (!) erschienen ist, macht der Denkapparat mal schön Pause. Hier passiert gar nichts. Und doch alles. Hier wird Sinn gegebenenfalls mal klein geschrieben. Hier lebt der Moment in extremer Reinform. Hier geht es um ein schiefes Gitarrenriff, Tiere und die Frage, wer die ganzen Maden aufisst. Eben. Das ist wichtig. Punkt.


Investment
(Ms) Der Groove dieses Tracks ist ansteckend. Mitreißend. Hypnotisierend. So schön eingängig. Es kitzelt gar ein wenig. Hach, macht das Spaß. Es geht um Parlament Der Liebe von Investment. Die Gruppe ist im Grunde genommen die selbe wie Der Mann oder Die Türen. Nur mit noch einem dritten Namen und einem bald neuen Album. Da steckt so viel subkulturelle Popmusik der 80er und 90er Jahre drin, das ist ja frech. Und das in einem so frischen Gewand. Mit sanftem, aber bestimmendem Bass und einer Querflöte, die einen hinfort trägt. Wenn es im Parlament der Liebe keine Mehrheit gibt, wird es kalt in Deutschland. Diese Programmatik ist so genial - süchtig machend beinahe! Stark. Musik kann so so unfassbar viel Spaß machen. Klanglich und intellektuell. Wieder Nur Lieder erscheint am 2. Oktober. Understatement par excellence. 


Fjørt 
(Ms) Das aktuelle Album dieser Band erscheint bitte in drei Monaten auf allen Bestenlisten des Jahres ganz vorne. Was Fjørt mit belle époque geschaffen haben, ist schlicht großartig. Großartig in der Wucht, beeindruckend in der Intensität, packend in der Wut und mitreißend in der Energie. Unerbittlich laute, krachende Gitarren und schepperndes Gebrüll. An vielen Orten waren sie mit den neuen Stücken schon unterwegs. Vom kleinsten AJZ bis zu den großen Festivalbühnen. Sie spielen beiweitem nicht überall, sie suchen sich ihre Orte schon aus. Ein Glück, dass sie kommendes Jahr noch eine satte Rutsche an Konzerten nachschieben. Der Januar und Februar steht nochmal im Zeichen dieser brachialen Musik und lässt den Winter erzittern. Hin da:

26.01.27 Rostock, Peter Weiss Haus
27.01.27 Potsdam, Waschhaus
28.01.27 Braunschweig, Westand
29.01.27 Vechta, Gulfhaus
30.01.27 Kiel, Die Pumpe
11.02.27 Bielefeld, Forum
12.02.27 Schweinfurt, Stattbahnhof
13.02.27 Essen, Zeche Carl
16.02.27 Kaiserslautern, Kammgarn
17.02.27 Chemnitz, AJZ Talschock
18.02.27 Regensburg, Aurelium
19.02.27 Reutlingen, franz.K
20.02.27 Karlsruhe, Substage
27.02.27 Köln, Live Music Hall



Mittwoch, 16. September 2026

Muff Potter - Klepto

Foto: Andreas Hornoff
(Ms) Muff Potter - eine Macht der hiesigen Rockmusik. Eine Band, die für mitreißende Dynamiken, kluge Texte und satte Liveauftritte steht. Eine Band, die nach einer Pause unfassbar stak zurück gekommen ist. Eine Musikgruppe, die immer was zu Schmunzeln und zu Denken mitbringt. Und tatsächlich - im Kern - auch viele Lieder über Liebe.
Am Freitag (18. September) erscheint ihre neue Platte Kletpo auf dem eigenen Label Hucks Plattenkiste. Neun Stücke sind darauf zu finden - auf der erweiterten Version kommen noch zwei obendrauf. Es ist ein Album, das sich bei jedem Hören in seine Höhen spielt. Das immer mehr Spaß macht, immer mehr Sinn. Dafür sollten beim Hören mal die Augen geschlossen oder die Fäuste geballt sein. Und stets der Kopf ganz wach, denn es gibt viele tolle Zeilen aufzusaugen!

Taliban Of The Week ist der erste Track - was für ein genialer Titel! Ein Stück übers Aushalten von Widersprüchen und ein sich Auslassen über die Highperformer unserer Gesellschaft. Sie landen doch eh alle in der Klinik. Eine E-Gitarre, die eine tolle Spannung aufbaut und obendrauf Thorsten Nagelschmidts unverkennbare Stimmung. Musik kann auch ein Zuhause sein. Bestechend dabei ist der etwas rohe Klang. Dieses Album ist nicht glattgeschliffen, würde auch nicht zu Muff Potter passen. Doch das macht den gesamten Höreindruck auch sehr sehr nahbar und irre sympathisch. Auch die sich ändernden Harmonien im Laufe eines Stückes.
Die erste Single Rückflug Aus Montana bleibt ein wenig im Ungefähren, darf aber mit Sicherheit als Liebeslied interpretiert werden, ein Sehnsuchtslied. Mit schleppenden Gitarren, einem Tamburin und einem „Oh Yeah“ im Refrain - gelebte Lässigkeit. Ist Hast Du Den Müll Schon Rausgebraucht auch ein Liebeslied?! Ja, gewissermaßen - kommt hat nur auf die Perspektive an. Es könnte ein Abschiedslied oder ein Trennungslied sein. „Du hast wirklich einen Schatten / Ich hab keinen ohne dich.“ Für solche Zeilen ist eine Gruppe doch einfach nur zu beneiden, oder?! Das treibende Schlagzeug von Thorsten Brameier hier schiebt die Takte energisch vor sich hin - es macht einfach nur viel Hörfreude. 
Spannend wird dann erst recht, wenn ein Stück sechseinhalb Minuten geht. So geschehen bei Ein Starkes Stück. Hehe, Ambivalenz und so. Ein Lied voller Referenzen, die es zu entdecken gibt. Eine flirrende Gitarre von Felix Gebhard schwirrt durch alle 394 Sekunden. Auch wenn der Track auf der Hälfte seine Gestalt ändert, Tempo aufnimmt, griffiger wird, sich ins kaum Aushaltbare steigert. Fast schon psychedelisch, bis es explodiert!
Über die Ambivalenz der Liebe geht es auch auf Und Die Nacht Brach Still Herein. Ein weiteres schwirrendes Lied, das die ungefähre Stimmung aus dem Text hervorragend in die Musik verfrachtet. Zusammengehalten wird es durch den unterschwellig wummernden Bass von Dominic Laurenz. Ja, im Lied wird ein Zusammensein und ein Kümmern thematisiert, aber die musikalische Atmosphäre spricht derart krass dagegen, dass hier viel nachhallt. Und was um alles in der Welt passiert am Ende mit der Schusswaffe?!
Den Höhepunkt bietet Engelstränen Im Abendlicht. Ein griffiger Track, wo alle Instrumente und Nagels Stimme großartig zusammen verschmelzen und auf unter drei Minuten gehörig Druck erzeugen! Das Große da draußen und das Kleine hier drinnen. Ein paar wuchtige Parolen und doch eine Menge Schmerz. 

Ja, auf diesem Album werden die Gegensätze aufeinander los gelassen. Bis zum Bersten müssen wir sie aushalten. Und Muff Potter sind so schlau, sie mit kraftvoller Musik zu untermalen. Ja, nicht jeder Track ist sofort ein absoluter Kracher. Doch bei jedem Hören knistert es mehr. In einer glatt gebügelten KI-Welt ist es schön, ein teils so rohes Album zu hören. Die Uneindeutigkeit ist verlockend und macht richtig Spaß. Und sie zeigt eine Band, die nach vielen, vielen Jahren immer noch nicht genug hat und ihr eigenes Schaffen immer unermüdlich erweitern. Hört niemals auf!

11.11.2026 Leipzig, Conne Island
12.11.2026 München, Strom
13.11.2026 Darmstadt, Centralstation
14.11.2026 Dortmund, FZW
18.11.2026 Bremen, Schlachthof
19.11.2026 Köln, Kantine
20.11.2026 Münster, Sputnikhalle
21.11.2026 Hamburg, Uebel & Gefährlich
26.11.2026 Erlangen, E-Werk
27.11.2026 AT-Wien, Flucc
28.11.2026 Berlin, Festsaal Kreuzberg


Freitag, 11. September 2026

KW 37, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Shuvo.Das 
Im Nordwesten gibt es eine Attraktion, die ganz groß „Steuerhinterziehung“ auf ihrem Banner stehen hat. Die Organisation heißt „Mega Hüpfburgenland“ und besetzt hin und wieder einzelne Wiesen, um sie dann mit ihrem Plastikmüll vollzustellen, einzuzäunen und die Menschen abzukassieren. 14 Euro pro Kind, 6 Euro pro erwachsener Person. Heidewitzka - das ist richtig viel! Die Erwachsenen dürfen sich dann vor die hüpfenden Kinder auf einen uncharmanten Stuhl setzen und zuschauen, wie das Kind im Plastik hüpft. Und jetzt kommt die Steuersache. Seit Anfang diesen Jahres muss man ja überall - bis auf einige Ausnahmen - die Möglichkeit haben, mit Karte zahlen zu können. Ist ja halt auch praktisch. Nur beim Mega Hüpfburgenland funktioniert das irgendwie nicht. Praktischerweise haben die Betreibenden das auch schon auf große Banner drucken lassen, die dann am Eingangsbereich stehen. Ach, so ärgerlich aber auch, dass das da gerade nicht klappt. Und dann sicher am nächsten Ort auch nicht. Und dann wieder nicht. Da muss ja wirklich der Wurm drin sein. Da kann es dann am Ende des Tages auch mal passieren, dass ein paar Scheinchen nicht dort landen, wo sie hin sollen. Besser man druckt das schon mal im Vorhinein und teilt es allen mit.

Eilis Frawley
(Ms) Es gibt so viele Dinge, die in der Musikwelt leider noch nicht normal sind. Auch darüber hinaus nicht. Schlagzeug spielende Frauen, die dabei auch noch singen. Absolute Ausnahme, oder?! Mir fällt wirklich niemand ein, außer Eilis Frawley. Ich sah sie als Support von Los Bitchos und es war extrem faszinierend, ihr beim Musizieren zuzusehen. Und zuzuhören, denn sie spricht mehr, als dass sie singt. Das ist doch eine geniale Mischung, oder?! Mit Calm Down veröffentlichte sie just eine neue Single. Darin setzt sie sich damit auseinander, wer denn bestimmt, was auf unseren Bildschirmen so aufflackert. Wer sagt was falsch und richtig ist?! Haben wir das als KonsumentInnen noch in der Hand? Ja, wirklich?! Ein unruhiger Beat, ein prägnanter Bass, eine knarzende Gitarre, luftige Streicher, dazu ihre Stimme. Das ist wirklich sehr gut! 

01. Oktober - Wien, Waves Vienna


B O D I E S
(Ms) Als ich B O D I E S letztes Jahr live sah, wusste ich erst nicht so recht. Ein wenig Sorge hatte ich, dass zu wenig passiert während ihres Auftritts. Es ist ja „nur“ a capella. Tja, da habe ich mich reichlich geirrt. Dass ich bestuhlte Konzerte nicht mehr so cool finde, ist dabei eine andere Sache. Was Kat Frankie mit ihrem Chor-Projekt da aufzieht ist einfach nur gewaltig gut. Denn die acht Damen singen ja nicht einfach nur. Nein. Das ist eine Performance. Sie spielen mit dem Bühnenbild, stampfen mal auf, inszenieren sich selbst. Das ist Kunst! The Dream ist die erste Single aus dem gleichnamigen Album, das am 20. November erscheinen wird. Alles, was darauf zu hören ist, stammt aus ihren Körpern oder ist mit ihnen gemacht. Absolut faszinierend! Diese Musik geht ganz nah, weil sie so direkt aus dem Menschen entsteht. Pure Gänsehaut - große Empfehlung!

27.01.2027 Hannover, Theater am Aegi
28.01.2027 Bremen, Die Glocke
11.02.2027 Heidelberg, Stadthalle
12.02.2027 Erlangen, Heinrich-Lades-Halle
14.02.2027 München, Isarphilharmonie
20.02.2027 Dortmund, Konzerthaus
21.02.2207 Bielefeld, Rudolf-Oetker-Halle
27.02.2027 AT-Wien, Konzerthaus
28.02.2207 Dresden, Kulturpalast
22.03.2207 Köln, Philharmonie
26.03.2027 Berlin, Tempodrom
27.03.2027 Hamburg, CCH


Angela Aux
(Ms) Ach, wie schön, wenn Musik kickt, oder?! Manchmal sind es gar nicht die fetten Beats und pompösen Arrangements, die Eindruck hinterlassen. Manchmal nickt der Kopf auch einfach so mal mit und dann strömt ein Lied durch den Körper. Das passierte mir sehr schnell bei Im Wald Ist Licht von Angela Lux, das er zusammen mit Roger Rekless gemacht hat. Ein hypnotisierender Akustikgitarrenbeat, etwas krautig, etwas psychedelisch, etwas melancholisch, etwas indie. Ein Stück über eine Ufo-Sichtung mit dem Wunsch, doch mitreisen zu wollen. Ja - was für eine phantastische Vorstellung „nur ein Stück“ mitzukommen und nie zurück gebracht zu werden. Bei all dem Wahn hier auf Erden ein plausibler Wunsch. Und dazu noch ein so, so, so schöner Track! Am 23. Oktober erscheint mit Das Nichts Macht Kopien Von Sich Selbst sein neues Album!

22.10.2026 Jena - Trafo 
23.10.2026 Salzburg - Arge 
24.10.2026 Regensburg - Ostentor Kino 
25.10.2026 Regensburg - Keynote "KI & Musik" Popfest 
25.11.2026 Nürnberg - MUZ 
26.11.2026 Köln - Wohngemeinschaft 
27.11.2026 Luxemburg - De Gudde Wëllen 
28.11.2026 Stuttgart - Merlin 
09.12.2026 Berlin - Schokoladen 
10.12.2026 Hamburg - Aalhaus 
11.12.2026 Erfurt - Franz Mehlhose 
12.12.2026 Fulda - Kino35 
13.12.2026 München - Volkstheater 


Nichtseattle
(Ms) Gern hätte ich so richtig viel Ahnung von Musik. Dann könnte ich so etwas wie einen wiedererkennbaren Klang erklären. Das würde ich gerne können. Welche Akkorde und Harmonien sind es, die einen Sound einer Band ausmachen, sodass ich sie sofort erkennen kann?! Wie cool wäre das denn bitte?! Da ich das leider nicht kann, kann ich einfach nur sagen, dass das Gitarrenspiel von Nichtseattle ein tolles Alleinstellungsmerkmal hat. Da sind bestimmt irgendwelche Spielweisen und Harmonien, die das ausmachen, vielleicht die Stimmung oder so. Bei Wildeste Nacht, ihrer neuen Single, ist das sofort zu hören: Wie schön! Wie unglaublich schön! Musik kann etwas wie ein Zuhause sein. Ein Stück, was ungewohnt lässig, ja rockig ist. Eine Hymne auf das Genießen eines tollen Abends. Über die Schönheit, sich mit guten Seelen im Hier und Jetzt zu verlieren. Auch wenn eine Diskussion mal anstrengend sein kann, kann Katharina Kollmann sie hier durchaus genießen. Was für eine Künstlerin! Wow! In zwei Wochen (25. September) erscheint ihr neues Album Große Liebe und könnte ganz phantastisch werden.

03.10.26 Burghausen, Ankersaal (Solo)
04.10.26 Neumarkt i.d.Opf., Evang. Zentrum (Solo)
03.11.26 Kiel, Hansa48
04.11.26 Hamburg, Knust
05.11.26 Osnabrück, Kleine Freiheit
06.11.26 Langenberg, KGB
07.11.26 Leipzig, UT Connewitz
08.11.26 Berlin, Großer Sendesaal des rbb
09.11.26 München, Feierwerk (Kranhalle)
10.11.26 AT-Vienna, Club Lucia
12.11.26 Regensburg, Alte Mälzerei
13.11.26 Frankfurt, Brotfabrik
14.11.26 Köln, Artheater

Donnerstag, 10. September 2026

Ebow - Typologie Eines Lebens

Foto: Johanna Legid
(Ms) Für die Neulinge der Musik dieser Künstlerin: Sie heißt „Ebbo“, nicht „I-Bo“. So. Das vorab.

Ebow bringt am 11. September ihr neues Album Typologie Eines Lebens raus und meines Erachtens müsste sich die hiesige Raplandschaft danach neu ausrichten. Diese Platte ist enorm vielfältig im Klang, mal knarzt der Beat, dann wird es soulig, dann wieder - mehr oder weniger - klassischer HipHop. Zudem zeigt Ebow, was für eine unglaubliche Sprachkünstlerin sie ist.
Die versierte Texterin offenbart sich auf diesem Werk als gnadenlose Künstlerin. Denn sie stellt sich selbst in den Mittelpunkt der vierzehn neuen Stücke. Klar, der Titel mag es ja schon erahnen lassen. Doch Ebow macht sich hier wirklich nackt. Zwischen Künstlerin und Mensch besteht hier keine Grenze mehr. Das ist natürlich total spannend! Ich mag es sehr, wenn Musik so direkt mit den Personen, die sie erschaffen, zusammenhängt. Mine oder Tristan Brusch sind Beispiele, die diese Kunst auch wirklich stark beherrschen. Doch das Genre macht es hier besonders interessant. Im Rap wird gerne mal gepöbelt oder gezeigt, wie verdammt geil man selbst ist. Es gibt - aus meiner Warte - wenige RapperInnen, die tiefe Einblicke in ihr eigenes Inneres geben. Mädness fällt mir da noch ein, Sookee auch. Ebow hingegen vereint seit jeher viele Facetten des Lebens in ihren Stücken: ihre kurdische Herkunft, ihre Sexualität, das klare Bewusstsein, dass Politik und Leben das gleiche Paar Schuhe sind.

Die Gleichheit aller Menschen. Damit startet Typologie Eines Lebens. Wasser heißt das Stück. Auf unter zwei Minuten ist das mit E-Gitarren-Unterstützung und einem extrem satten Bass eine starke Standordbestimmung. Und zugleich ein toller roter Faden für das, was danach kommt. Egal, wer woher kommt, welche Sprache man spricht, welcher Sexualität man sich zugehörig gefühlt undundund, wir sind alle kostbar. Ebow bleibt nicht nur im Hier und Jetzt, sondern sie träumt auch. Auf Neues Leben zeigt sie mit niemand geringerem als Joy Denalane eine wunderschöne Utopie auf. Eine Welt, in der Menschen offen aufeinander zugehen. Eine Welt, in der Xatar noch lebt. Eine Welt, in der es in der Musikbranche fairer zugeht. Das alles in einem poppig-souligen Sound samt Streicherarrangement! Ein Hoffnung schenkender Track.
Ihren eigenen musikalischen Werdegang behandelt sie auf Independent (Cleo), stark wie sie hier ihre Rapskills demonstriert. Das Zuhören macht hier mindestens auf zwei Ebenen unglaublich viel Spaß. So auch bei Bete Für Mich. Zusammen mit Juju Rogers schafft Ebow einen wahnsinnigen Track voller Dramatik: eine Geschichte über ein bitteres Aufwachsen voller Probleme, aber auch mit einem lebenserhaltenden Zusammenhalt mit den richtigen Menschen. Dazu ein immenses Arrangement, wieder sind es Streicher, die hier brillieren. Dieses Zusammenwirken von scheinbar klassischen Instrumenten und Rap - Boom!
Ihre eigene Geschichte steht - wie der Titel der Platte ja aussagt - klar im Fokus. Unzertrennlich mit Ebows Wirken ist die Geschichte der kurdischen Bevölkerung. Wie grausam sie behandelt worden ist, schildert sie zusammen mit Savo auf Heval. Das ist schockierend aber auch ein weiteres Mal musikalisch stark gemacht! Apropos! Dieses Album ist eine absolute Ausnahmeerscheinung. Es ist phantastisch, so vielfältig. So eindringlich: Novoline begleitet mich, seitdem die Single draußen ist und bereitet mir jedes Mal Gänsehaut. Die Spielsucht ihres Vaters ist hier Gegenstand und ein weiteres Mal wird es getragen durch Streicher und einem Chor. Der Inhalt ganz doll schlimm, genial getextet und das phantastische Video macht den Track noch stärker, als er ohnehin schon ist! Mit Verlaub: das ist Kunst! Punkt.
Auch die erste Auskopplung Arbayt trägt die Platte mit einem unfassbaren Beat. Schwer, ballernd, genial! Hochpolitisch, ehrlich, mit sich verbunden, unbarmherzig.

Mit Typologie Eines Lebens legt Ebow ein erdbebenartiges Album vor. Es macht so viel Spaß, ihr zuzuhören. Es ist immer wieder äußerst bitter bis schockierend. Es ist beeindruckend, wie stark sie ihre Musik nutzt und gestaltet. Ich kenne nur wenige kurdische Menschen, durch Ebows Werk lerne ich auch viel dazu. An dieser Platte mit all seinen Facetten sollte sich Rapmusik hierzulande messen lassen.

08.10.26 Köln – Bürgerhaus Stollwerck
09.10.26 Bremen – Schlachthof
10.10.26 Hamburg – Fabrik
15.10.26 Leipzig – Werk 2
22.10.26 München – Ampere
23.10.26 Wien – WUK
24.10. Frankfurt – Zoom
28.10. Berlin – Columbiahalle