Mittwoch, 20. Januar 2021

Dagobert - Jäger

Foto: Regina Olev
(ms) Die Eckdaten: Lukas Jäger. Gebürtiger Schweizer. Lebend in Berlin. Melancholische Schnulzen mit herrlich ironisch-tanzbarem Unterbau. Album Nummer 4. Veröffentlichung: 29. Januar 2021.

Was hat der junge Sänger uns schon für wundervolle Indie-Pop-Schlager-Perlen beschenkt? Man denke nur an Zu Jung, Angeln Gehen oder Morgens Um Halb Vier. Live ist Dagobert ein reines Erlebnis. Umwerfend. Ein absolutes Must See. Denn: Nach jedem Auftritt hat er sicherlich Muskelkater im Gesicht, da er ein ständiges Lächeln unterdrücken muss. In Hamburg sah ich ihn mal live, beeindruckend. Lukas Jäger spielt seine eigene Rolle mit so viel Eleganz, Rückgrat und Stil, dass man nur stumm, mit offener Kinnlade zuschaut, mitwippt, ausflippt.

Nun ein neues Album. Und es passt so gut. Zum Einen seine Ironie in das eigenwillige Geschehen auf der Weltbühne. Zum Anderen, wenn man seinen ausgeprägten Hang zur Amore ernst nimmt, kann man sich hier auch endlich mal wieder der großen Liebe, dem Herzschmerz, dem Pathos hingeben ohne sich zu verbiegen. Ja, das tut gut! Sehr!

Groß und mit euphorischem Sound startet Jäger. Es geht direkt um großen, zerreißenden Liebeskummer, hier wird direkt ordentlich aufgetischt. Doch bei diesem Beat, diesem Sound kommt man nicht umhin, hier irgendwie gute Laune zu bekommen. Große Gegensätzlichkeit, große Kunst. Die niemals ausgesprochene Liebe... wer kennt es nicht?! Dagobert holt die Hörenden mit For The Love Of Marie direkt am Herzen ab.
Ja, hinhören lohnt hier immer wieder. Denn Nie Wieder Arbeiten könnte man als Blödeltitel interpretieren. Weit gefehlt! Nein, hier wird weder Faulheit, Hedonismus oder Müßiggang glorifiziert, sondern die reine, große, ergebene Liebe auf einem tanzbaren Beat: Nur an sie/ihn denken! Wer es auskostet, hat wirklich keine Zeit mehr, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Ist doch so. Okay, man verzeiht Dagobert hier auch den Einsatz von Autotune. Direkt danach, auf Ich Will Nochmal, bezeugt er erneut, dass der Sänger ein hoffnungsloser Romantiker ist: Liebe, Endlichkeit, Tod, Wille... ihm gelingt jedes große Thema mit spielerischer Leichtigkeit.
Selbst erhobenen Hauptes über so etwas Normales und Fundamentales wie Familie und Verwandtschaft zu singen, spart er nicht aus. Jäger ist nicht nur der Titeltrack, sondern ein besonders düsterer Pop zugleich. Und nur auf's erste Hören erscheint der Text hier monoton. Seine Zeilen erschließen sich erst dann, wenn man ganz tief in seine Struktur eingestiegen ist. Zauber!
Ja, Dagobert greift nach den Sternen. Denen der Liebe. Denen am Firmament. Auf Aldebaran gelingt ihm ein schönes ironisches Spiel mit außerirdischem, Sci-Fi-Verschwörungs-Quatsch. Oder ist er doch auf den Spuren von E.T.? Manches bleibt einem auch verschlossen.

Schlager mit Anspruch. So Lukas Jäger über seine eigene Musik. Ja, das passt. Dazu ein großer, nicht näher zu definierender Tropfen Indie und fertig ist dieses geile Konstrukt. Wunderwerk Der Natur ist dabei der discopoppige Falco-Trash-Gaga-Beweis.
Ja, er greift nach ganz oben. Pathos in jeder Zeile, jedem Disco-Beat, jeder klanglichen Hommage an die 80er. Da ist es nur folgerichtig, Das Mädchen Aus Der Schönen Welt  - als Inbegriff der personifizierten Liebe - mit heilsbringender Hoffnung jesusgleich zu besingen.
Klar, zum Ende dieses sowohl klanglich, thematisch und auch poetisch extrem breitem und daher wirklich gelungenen Albums muss eine Hymne auf die Musik erklingen. Mit kirchlich-religiösem Hauch - darunter macht es Dagobert auch nicht - wird man entlassen und bleibt zurück. Voller Amore. Fragen. Seelenbalsam. Glück. Danke, Dagobert!

Freitag, 15. Januar 2021

KW 2, 2021: Die luserlounge selektiert

Bild: https://www.tvnz.co.nz/livetv/tvnz-2
Bild: https://www.tvnz.co.nz/livetv/tvnz-2
(ms/sb) Wir sind ständig auf der Suche. Klar, hier in erster Linie nach (neuer) guter Musik. Aber auch nach guten Nachrichten. Ja, sie sind momentan rar gesät, aber es gibt sie. Denn viele mutige, zielstrebige, willensstarke Menschen im Norden haben sich zusammengeschlossen, um uns endlich wieder das zu geben, was uns so wahnsinnig stark fehlt: Livemusik! Tatsächlich, ja. Sogar in gar nicht so weiter Entfernung. Und hier wird jetzt nicht gezweifelt oder schwarzgemalt, bitte!
Die Rede ist von der Initiative 'Club 100'. BetreiberInnen unterschiedlichster Clubs aus Bremen haben etwas auf die Beine gestellt, was sehr gut ausschaut. Sie alle haben sich gedacht: Wir brauchen wieder Musik live auf die Ohren. Wie schaffen wir das momentan? Klar, bis Ende des Monats (oder sogar Ende Februar, das weiß ich gar nicht so genau) sind Konzerte mit Publikum eh untersagt. Ohne geht es aber. Im Pier 2 in Bremen. Dort finden seit gestern (mit Wladimir Kaminer) Veranstaltungen statt, die sowohl gestreamt als auch tatsächlich, wenn es soweit ist, besucht werden können. Sie haben ein aussichtsreiches Hygienekonzept erarbeitet und eine Vielzahl an MusikerInnen überzeugen können, die dort bald spielen und bei uns auch groooß auf dem Radar sind: Thees Uhlmann (ruckzuck ausverkauft); Grillmaster Flash, Sofia Portanet, Madsen, Antilopen Gang undundund... Es klingt wie ein kleines Festival, das über mehrere Wochen geht. Drücken wir allen Beteiligten fleißig die Daumen. Wir sehen uns bald vor Ort! Versprochen!

Hier gibt's erstmal Neues auf die Ohren. Seid ihr auch gespannt. Wir schon. Selektion. Freitag. Los:
 
Another Sky
(sb) Erster Gedanke: Klingt a bisserl wie Keane. Erste Erkenntnis nach kurzer Recherche: Huch, das ist ja ne Frau, die da singt. Hören Another Sky sicher auch nicht zum ersten Mal, aber die Stimme ist echt sehr untypisch. Gut, blenden wir das aus, denn die Songs der Londoner geben an sich schon genug her, um darüber zu sprechen/schreiben. Das Songwriting ist sehr klar, die Attitüde auf ihrer neuen EP Music For Winter Vol. 1 (VÖ: 01.01.) schwankt zwischen Rückzug und Aus- bzw. Aufbruch, zwischen Furcht und Melancholie auf der einen und Hoffnung und dem unbändigen Willen, seine Probleme zu lösen, auf der anderen Seite. Um die sechs Tracks zu verstehen, bietet es sich an, sich wirklich intensiv mit den Texten und ihrer Vielschichtigkeit zu beschäftigen. Spannend.
 
 
Shame
(sb) Ende 2020 hatten wir Euch in der Selektion schon mal auf Shame aufmerksam gemacht, jetzt liegt endlich auch das komplette Album vor. Um es vorwegzunehmen: Es bestätigt den überaus positiven Eindruck der Vorab-Single. Auf Konventionen wird ziemlich geschissen und trotzdem pendelt sich Drunk Tank Pink (VÖ: heute) irgendwo zwischen Art Brut, Hot Hot Heat und The Hives ein. Gibt schlimmere Referenzen. Das funktioniert auf Platte schon fein, so richtig zum Tragen kommen werden die treibenden Rhythmen dann aber wohl live - wenn es denn mal wieder möglich sein wird... Geplant ist ja eine Social Distancing-Tour im UK im Februar, aber aufgrund der aktuellen Entwicklungen fällt es schwer, daran zu glauben.

United Worldwide Vol. 2
(sb) Was hab ich Vinyl-Splitsingles früher in meiner Jugend geliebt! Auf diese Weise lernte ich Bands wie Knochenfabrik oder die Wohlstandskinder kennen und auch heute noch bedient sich vor allem die Punk- und Hardcore-Szene gerne dieses Mediums, um neue Acts zu pushen oder Freundschaften auszuleben. Im Falle von United Worldwide Vol. 2 (VÖ: 05.02.) ist es eine politische Message, die die vier teilnehmenden Bands verbindet. Internationale Solidarität als Triebfeder für musikalischen Output, in diesem Fall insbesondere die Proteste in Belarus (Weißrussland). Mit Solidari-Ska von Los Fastidios wurde zwar leider der schwächste der vier Tracks als Video veröffentlicht, aber in Sachen Popularität macht den Italienern halt keiner was vor. Zudem sind What We Feel (Russland), Mister X (Belarus) und MyTerror (Deutschland) am Start, die mit dem russischsprachigen Hardcore-Knüppler Иди и смотри  (Come And See) den Höhepunkt der EP abliefern.
 

Saint Vice
(sb) Das Musik-Business steht derzeit auch Kopf - und zwar sowas von. Beispiel gefällig? Saint Vice haben ihr Album Nighttime HWY seit geraumer Zeit fertig, das gute Stück ist quasi "ready for release", die tatsächliche Veröffentlichung wird allerdings erst im Herbst 2021 folgen. Der Grund ist klar: Ohne die Möglichkeit, das Album live auf die Bühne zu bringen, macht ein Release gerade für kleinere Bands wenig Sinn. Verständlich, aber schade, denn die Scheibe weiß zu gefallen und überzeugt mit radiotauglichem Indie-Sound. Wenn ich nen Sender hätte, würde ich es spielen. Definitiv. So aber bleibt zu hoffen, dass die Band aus Rosenheim/München einen langen Atem besitzt und die Zeit bis zum Ende der Leidenszeit gut und produktiv nutzen kann. Wir präsentieren Euch heute das brandneue Video zu Calling For Backup, das heute Premiere feiert.


Melt Downer
(ms) Seit Jahren mache ich kein Sport. Einfach keine Lust, zu faul. Nun gut, bei passendem Wetter sind größere Radtouren drin, aber sie beruhigen eher das Gewissen, als dass da ein Leistungsgedanke hinter steht. Bewegung also. Insbesondere jetzt eher ein Mangelfaktor. Wie dagegen anwirken? Wir haben da eine Idee: Die Wohnung zerlegen! Ja, genau gelesen! Alles kaputt hauen, mindestens die Hälfte davon braucht man eh nicht. Dazu liefern wir auch den richtigen Soundtrack Melt Downer! Das österreichische Trio erzeugt einen ungeheuren Drang in ihrer Musik. Der Klang ist derart dicht, impulsiv, kraftvoll und ansteckend sich dringend dazu bewegen zu wollen, dass ihr drittes Album III, das am 22. Januar erscheint, ideal in diese Zeit passt. Darauf ist nicht nur satter, durchaus melodischer Krach zu vernehmen, sondern auch standhafte Aussagen gegen das Patriachat und den kapitalistischen Lebensstil. Die Wut der Texte findet in ihrem musikalischen Wesen den perfekten Weg der Umsetzung! Lass mal ein paar Phallussymbole zerstören!

Buzzy Lee
(ms) Popmusik ist eine ewige Liebe. Das ist so. Sie ist vielleicht nicht Amore numero uno, aber sehr weit oben. Weil sie so vielfältig ist und fast immer funktioniert. Funktion von Musik ist eh ein unglaublich spannender Gedanke. Sie kann selbst auch dann eine Funktion haben, wenn sie gar nicht so sehr auffällt und man einfach so, ganz unbedarft und gut gelaunt dazu mitwippt. Dann ist schon eine Menge erreicht. Das schafft auf wirklich sehr feine, pfiffige, groovige, äußerst entspannte und sehr harmonische Weise Buzzy Lee mit ihrem ersten Album, das am 29. Januar erscheinen Wird. Auf Spoiled Love sind nur neun Lieder enthalten. Doch oft braucht es auch gar nicht mehr. Was quälen einen Alben, die kurzatmig mit Lückenfüllern gespickt werden. Dann lieber aufs Wesentliche konzentrieren. Und das tut die Musikerin hier in vollem Maße. Feine, frühlingshafte Melodien ziehen sich durch die kurzweiligen Lieder und entfalten genau den Zustand, den man gerade gut gebrauchen kann: Entspannung, gute Laune, Sorglosigkeit. Eine tolle Popperle ist hier zu vernehmen. Wer muss da noch erwähnen, dass es sich dabei um Sasha Spielberg, der Tochter des Regisseurs, handelt? Eben.
 

Don Cherry
(ms) Bedienen wir uns zuletzt dem Genre, mit dem wir uns nicht besonders gut auskennen, es aber immer wieder versuchen, da wir nicht müde werden, neugierig zu bleiben: Jazz. Seit gut eineinhalb Jahren diskutiere, debattiere, tausche ich mich mit einer wundervollen Seele über dieses Genre aus. Sie ist Expertin, ich Novize und es ist ungeheuer spannend, wenn man sich drauf eingelassen hat. Denn Jazz findet nicht nur in irgendwelchen verrauchten, heimeligen Kellern statt, sondern streift immer wieder R'n'B, Soul, Pop, Chanson. Nicht wegzudenken aus dem Jazz: die freie Improvisation! Und wer ist deren König? Klar, Don Cherry! Free Jazz, das war sein Ding. Spielte mit Größen wie Coltrane, wurde selbst zu einer. Von 1965 gibt es eine seltene Radio-Liveaufnahme, die nun erstmals der Welt zur Verfügung steht: Cherry Jam erscheint als 4-Track-Vinyl und CD am 26. Februar. Was soll man da noch sagen? Einfach hinhören! Wie lässig kann man sein?! Ein Glück, dass seine (Stief-)Kinder Eagle-Eye und Neneh seinen Geist in ihrer Musik tragen!

Donnerstag, 14. Januar 2021

Lo'Jo - Transe De Papier


Foto: Christophe Martin
 (ms) Regelmäßig mokiere ich mich bei Besprechungen zu Musik in längerer oder kürzerer Form über Genrebezeichnungen. Ihre Funktion ist ganz klar: Wir schätzen Musik in einen bestimmten Stil ein und können sie somit gruppieren, ganz ohne Wertung. Doch wie sinnvoll ist das ab einem gewissen Punkt? Beispiel 1: Sowohl Billie Eilish als auch Björk könnten als 'Pop' bezeichnet werden, obwohl ihre Herangehensweise und ihr Selbstverständnis von Musik - ganz abgesehen vom Klang - sicher stark auseinander gehen. Beispiel 2: Verklausulierte Wortkombinationen, die gar keine Vorstellung mehr entstehen lassen. Oder was könnte Grim Wave, Gothic-RnB oder Witch Pop sein? Ja, ich weiß es auch nicht, hilft auch nicht weiter.
Um Beispiel 3 soll es in diesem Text gehen. Das heißt: Weltmusik. Ein Wort, das größer nicht mehr sein könnte, es schließt nichts mehr aus, alles ist möglich. Dann könnte es ja auch Pop sein, oder? Genau! Doch genau das machen Lo'Jo eben nicht, das hier ist keine Popmusik.
Das französische Quintett fusioniert derart viele Stile, dass eine Bezeichnung Oriental Jazz Klezmer Voodoo Hypnotic Blues sein könnte. Aber darunter kann man sich halt auch nichts vorstellen. Nein. Weltmusik. Das habe ich bislang nicht verstanden, jetzt wird mir der Begriff klar, weil es so aufgeschlossen und auch experimentell ist, dass man dazu aufgeschlossen sein muss auch seine Hörgewohnheiten mindestens für ein Album ad acta zu legen.

Diesen Freitag, am 15. Januar, erscheint das nächste Album Transe De Papier. Ja, wer der französischen Sprache mächtig ist, und noch mehr kann und versteht als 'Artur est un perroquet' ist hier klar im Vorteil! Ja, ich habe keine Ahnung, worum sich die Texte drehen, vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig. Dieses Album will gespürt werden, am besten ein wenig lauter als ohnehin schon die Anlage eingestellt ist!
Es will erhört werden. Ja! Es gibt so unheimlich viel zu entdecken. Irgendwann habe ich aufgehört erraten zu wollen, wie viele Instrumente ich auf der ganzen Platte höre. Sie ist zwar nur 36 Minuten lang, doch ungemein abwechslungsreich. Man könnte sagen, dass eine nicht näher zu beschreibende Grundstimmung herrscht auf diesem Album: Geheimnisvoll, mystisch, hypnotisierend, nah.

Diese Nähe liegt an den Stimmen, die zu hören sind. Dazu gehören die des Bandkerns um Denis Péan und Richard Bourreau, deren Worte direkt ins Mark dringen, so warm und rund sind sie. Da die Zusammensetzung der Gruppe sich seit den 80er Jahren und 17 (!) vorher erschienenen Alben ständig ändert, sind andere Namen (leider) Schall und Rauch.
Getragen wird der Sound von den vielseitigen Percussion, wie stetig im Hintergrund wirbeln und eine angenehme Unruhe in die Musik bringen. Sie werden von Bass, Gitarre und Keyboard ergänzt. Grob. Denn die angesprochen breite Instrumentierung findet dann ihren Raum. Sei es der warme Klang der Klarinette auf Pas Pareil, der orientalische Sound auf Sépale (dessen instrumentalen Ursprung ich nicht erlauschen kann und so großartig mit dem Gesang Hand in Hand geht) oder einer Vielzahl an Saiteninstrumenten, die Minuscule eine wundervolle Leichtigkeit bescheren. 
Vielschichtig, mannigfaltig ist der Klang, dieses Erlebnis. Lo'Jo nehmen einen mit und setzen uns aus in einer verzauberten Traumwelt, die so bunt ist wir ihr Sound. Denn: Diese Traumreise hat viele Orte, ist verwunschen und mystisch. Man betritt den schmackhaft duftenden Orient, den bunten Norden Afrikas und Schamanenkulte weltweit. Weltmusik. Tanzen kann man zu Lo'Jo auf jeden Fall sehr gut, doch bloß kein Standard; am besten die Augen schließen und die Körperbeweungen von der Musik dirigieren lassen! Dafür sorgen auch prominente Gäste; beispielsweise Tony Allen, der auf zwei Stücken trommelt. Oder trommelte. Denn dies mag vielleicht das letzte Klangzeugnis des im vergangenen Jahr verstorbenen Drummers sein.

Verlassen wir also unseren Rock/Pop/Folk/Rap-Kosmos und tauchen in diese herrliche Welt ein, die Reise ist es wert! Versprochen!


Freitag, 8. Januar 2021

KW 1, 2021: Die luserlounge selektiert

Quelle: schuldbilder.org
(sb/ms) Es gibt gute Gründe, warum der ARD-Doppelfilm Feinde nix war. Ja, ich habe mich sehr darauf gefreut. Zum Einen mag ich die Kurz- und Langgeschichten von Ferdinand von Schirach, zum Anderen halte ich Bjarne Mädel für einen der wandelbarsten Schauspieler im aktuellen deutschen Fernsehen.
Doch bei Feinde ging das Schirach-Konzept nicht auf. Warum? Der zweite Film hat keinen neuen Aspekt in die Sache gebracht. Die Sicht des Verteidigers war natürlich interessant, aber hat mich in meiner moralischen Einschätzung des Films nicht beeinflusst. Und genau da ist der springende Punkt. War die Serie (Josef Bierbichler übrigens um Längen besser als Moritz Bleibtreu!) gute Krimiunterhaltung, so war man als Zuschauer bei Terror wirklich im Dilemma. Da musste man abwägen. Die Diskussion, auch im Privaten darüber, war wesentlich intensiver.
Nein, bei Feinde gab es kein Dilemma. Folter ist falsch. Punkt. Und wenn ein Dilemma beabsichtigt war, dann war es eine schwache Situation, die durchaus spitzer dargestellt hätte werden können. Das klingt jetzt zwar hart, aber hoffentlich nachvollziehbar: Das Dilemma wäre wesentlich stärker gewesen, wenn das Mädchen nicht gestorben wäre, sondern vielleicht kurz davor und dann überlebt hätte. Dann wäre die Frage, ob die Folter des Entführers gerechtfertigt wäre, brisanter. Wie sie durch den Film gezeichnet wurde, war sie es nicht. Da war von Anfang an klar, dass es falsch war, was der Polizist tat. Und seine Gedankenwelt war unzureichend vermittelt. Es gab nur den ein oder anderen Gesichtsausdruck und das kurze Weinen, als er zu Ende gefoltert hat. Nie gab es im Film mit/über ihn eine Auseinandersetzung seiner Emotionen. 
Alles in allem doch eher unzureichend. Klar, die Idee an sich ist gut. Doch es war nicht rund genug. Man hätte alles in einen Film packen und dann verschärft darstellen können. Das glaube ich schon. Dann wäre die Diskussion auch stärker und intensiver. So war es ein lauer TV-Abend.

Wir sind aber nicht TV. Wir sind Musik. Luserlounge. Freitag. Auf die Ohren. Selektion. Los: 

November Me
(ms) Es gibt ungeheuer viele schöne Seiten von Kunst, von Musik. Ihre feine Melodien, die das Herz ergreifen ohne kitschig zu sein. Ihre unbändige Kraft, die die Faust ballen und in die Luft ragen lässt. Ihre cathy Dynamik, die die Beine nicht mehr stillhalten lässt. Und: Ihre herrliche Aktualität. Das kann Kunst so gut. Schnell auf die Dinge, die sind, reagieren. Aber nicht nur aus dem Bauch, auch aus den Emotionen und mit ihnen agieren und sie wieder in eine reflektierte Form bringen. Heißt in diesem Fall: November Me haben mit Kein Sommer ein herrlich aktuelles Lied geschrieben, dass einem nochmal bewusst werden lässt, was denn vergangenes Jahr (nicht) war. Nachdem Sebastian - Kopf des Projekts - in diesem sehr feinfühligen, leisen, bestimmten Lied schildert, wie er den Sommer wahrgenommen hat, als Zitterwesen, wünscht er sich auch die Vermissten an die Seite. Logisch. Sehnsucht. Was mir außerdem so unglaublich gut an diesem Lied gefällt: Es nicht kein Klopapier-Blödelei-Ding, sondern es spürt wirklich mal nach, lässt auch die Melancholie und Zerbrechlichkeit durch, die uns alle heimsucht. Vielen Dank dafür!



Brudini
(ms) Gänsehaut, wenn ein Song perfekt mit seinem Video harmoniert. Genau das hat Brudini mit Diamond Ghosts auch beabsichtigt. Ja, in den drei Minuten und zwölf Sekunden passiert eigentlich nicht viel, es ist dennoch die perfekte Momentaufnahme: Eine Bar, es ist spät, vereinzelt sprechen noch Fremde miteinander, ein Pianist - der Künstler selbst - sitzt hinten an seinem Instrument, spielt und sing. Leute tanzen fast schwerelos aber doch verloren durch den Raum und suchen nach etwas. Wonach genau? Vielleicht genau nach der Stimmung, die eben in solchen Läden entsteht, wenn es spät ist und der Peak schon lange vorüber ist. Einzelne Seelen auf der Suche nach etwas Ablenkung? Die Hoffnung, die kommende Nacht nicht alleine zu verbringen? Und wie geht es dem einzelnen Herren an dem Tisch, der die Kerze von rechts nach links stellt? Wie ein Kurzfilm erscheint dieses Lied samt Video: Sehr stimmungsreich, perfekt in Szene gesetzt. Ein rundes, kleines, geschmackvolles Gesamtwerk!
 
 

Talco Maskerade
(sb) Die selben Bandmitglieder, die selben Songs - und doch eine ganz andere Herangehensweise und Attitüde. Talco Maskerade sind deutlich mehr als ein Abklatsch des Originals und verleihen ihren Tracks auf der akustischen Spielwiese einen völlig neuen Anstrich. Überraschenderweise funktioniert das fantastisch und macht Locktown (VÖ: 19.02.) zu einem ganz speziellen Album in der Bandhistorie. Ich folge den Italienern ja schon etliche Jahre, weil sie mich sowohl live als auch im Studio seit jeher überzeugen, doch ihr letzter Longplayer And The Winner Isn't war dann doch eher mau. Umso schöner, dass nun ausgerechnet ein aus der Not heraus geborenes Akustik-Album meine Leidenschaft für die Herrschaften aus Venetien neu entflammen lässt. Für März/April ist eine auf Covid-Hygienerichtlinien ausgerichtete Club-Tour angedacht; dass diese tatsächlich stattfinden kann, wage ich Stand heute jedoch zu bezweifeln... Bitter!
 

Dopha
(sb) Debütalben haben in der Regel den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass man als Hörer keine großen Erwartungen daran hat - außer bei Bands wie den Arctic Monkeys oder den Giant Rooks, die schon vorher durch die sozialen Medien extrem viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Bei Dopha war dies jedoch nicht der Fall und so konnte ich mir ihren Erstling The Game (VÖ: 22.01.) völlig unbelastet anhören. Gut so, denn auf diese Weise war es mir vergönnt, eine unverbrauchte Künstlerin kennenzulernen, die in ihren zwölf Songs die ganze Bandbreite der Emotionen abdeckt und dabei zu keiner Zeit affektiert wirkt. Ob Euphorie oder Melancholie - die junge Dänin reißt mit! Einzig das Allenstellungsmerkmal fehlt der Künstlerin ein wenig, denn manch Track könnte auch aus der Feder von Lana del Rey oder Marina & The Diamonds stammen. Aber da gibts bekanntlich ja Schlimmeres. Alles in allem eine überaus positive Überraschung und ein guter Start ins neue Musikjahr.
 

Palko!Muski
(ms) Was tun dieser Tage, wenn unter Umständen der Bewegungsradius eingeschränkt und weiter fleißig ausgeharrt werden muss? Richtig! Den eigenen Bewegungsradius daheim erweitern und tanzen, tanzen, tanzen! Am besten mit einem Cocktail in der Hand! Hat noch jemand eine Nebelmaschine zu Hause? Dann mal kräftig aufgedreht zu Palko!Muski aus der Schweiz! Ein bisschen Umtata, Geschunkel mit der einen Kontaktperson und fertig ist die Party für zu Hause. Die Shows der Band sollen hitzig und intensiv sein. Ja, Falling Star klingt ganz danach! Ein ganz besonderes Rezept muss für dieses Lied noch angewandt werden: Fleißig in der Lautstärke aufgedreht und der Song macht doppelt Spaß! Polka aus der Schweiz - damit habe ich jetzt auch nicht zwingend gerechnet, geht aber wunderbar aus und macht Lust auf mehr! Vielleicht kommt ja bald ein neues Album, das letzte erschien vor zwei Jahren! Also! Auf auf! Laut gedreht und abgetanzt! 


Pascow
(ms) Wer hier zuerst an Victoria denkt, hat verloren! Denn das neue, gewohnt sehr gute Video des Spielmannszuges Pascow ist so gut wie ein One-Take-Dreh! Wie unglaublich stark ist es eigentlich zwei Jahre nach Erscheinen des Albums Jade die vierte Single rauszuhauen? Seit gestern gibt es diese Bewegtbilder zu Marie zu sehen. Eine höchst ungewöhnliche Veröffentlichungspolitik der Punker! Das gefällt mir sehr gut. Denn: Es scheint zur Mode verkommen zu sein, vor (!) Veröffentlichung eines neuen Albums mehrere Singles - gleich drei oder vier - samt Video zu veröffentlichen. Schon weit im Voraus, vier oder fünf Monate. Seit Langem frage ich mich auch, was das soll?! Spannungsaufbau? Das wird ganz schön zäh! Sich in irgendwelchen Playlisten festnageln? Das wäre ganz schön billig! Dann ist eine Veröffentlichung auch gar nichts besonderes mehr, wenn man so viel früher schon das halbe Album kennt. Dann doch lieber wie die sehr gute Band Pascow! Denn: Dann wirkt eine Platte auch viel länger nach! Ist das nicht die viel wesentlich bessere Wirkung? Eben. Film ab!

Donnerstag, 7. Januar 2021

Richard von der Schulenburg - Moods And Dances 2021

Cover der Platte
(ms) Trotz des weltmännisch klingenden Namens und einer üppigen, eigenständigen Schaffenshistorie, bringt man Richard von der Schulenburg vornehmlich mit der Band Die Sterne in Verbindung. Immerhin neun Jahre hat er doch die Tasten bedient, bis er wieder ausstieg. Immerhin drei Studioalben wurden in dieser Zeit eingespielt und sicher unzählige Konzerte gespielt. Und noch mehr verbindet RVDS (der Einfachheit wegen) mit Frank Spilker. Beide kommen aus der öden Steppe nahe Bielefeld. Spilker aus Herford und der Adelige aus Leopolshöhe. Da ich selbst auch nicht unweit aufwuchs, weiß ich, dass man dort schnell weg möchte. Logisch, nach Hamburg. Traumstadt, Fenster zur Welt.

Seit jeher schafft RVDS jedoch auch Solomusik. Also immer schon. Ob es jazzig oder poppig ist, egal: Hauptsache es ist reichlich elektronisch und mit allerhand Knöpfen, Tasten, Pedalen, Effekten und Sythiesounds hergestellt. Ende des Monats, am 29. Januar veröffentlicht er auf dem äußerst geschmackvollen Hamburger Label Bureau B (die mit Tapete Records verwandt sind) sein neues Album Moods And Dances 2021. Das klingt natürlich reichlich visionär und zum Teil halt auch programmatisch, soweit rein instrumental-elektronische Musik das überhaupt sein kann. Trotz umfangreichem Pressetext, ist nicht ganz klar, ob das vergangene Jahr mit seiner lang anhaltenden Ausnahmeerscheinung Einfluss für die Klänge hatte: Corona-Ablenkung gewissermaßen. Was schlägt RVDS also vor für dieses Jahr? Wie klingen seine Ideen, welche Stimmungen und Tänze 2021 vorherrschend sein können?

Karibisch-urlaubig beginnt das Album mit Mrs Yamahas Summer Tune. Hang-Sounds zu langsamen Beats. Er scheut auch nicht davor, im Hintergrund Möwengeräusche einspielen zu lassen. Extrem unaufgeregter und lässiger Beginn. Dazu kann man fröhlich hin und her schwoofen. Hörbar dissonanter geht's auf Caravan Of The Pentanamics weiter. Nach welchem Mood könnte es hier klingen? Zweifel? Brüchige Melancholie? Wütende Trauer? Insgesamt tut sich hier nur wenig. Die Stimmung, der Beat, die Melodie ist von Anfang an da und bleibt. Fast hat man den Eindruck, dass es sich stetig wiederholt. Doch das trügt. Die Änderung betreffen nur Nuancen. So tänzeln auf dem dissonanten Beat immer wieder Synthie-Töne umher.
Genauso geht es weiter. Der herzschlagartige Beat auf Flowers For The Farfisa Sphinx kommt vertraut daher. Die Töne darüber jedoch knarzen, piepsen, wollen störend sein. Hier kommt auf jeden Fall zwei Mal Mood hintereinander. Einen Dance dazu kann ich mir schwer vorstellen - und synthetische Drogen nehme ich nicht. Bei den Stimmungen befindet sich RVDS auf jeden Fall auf der düsteren Seite. 

Es folgt mit Rolands Night Walk eine Reise ins Tropenhaus des nächsten Zoos. Erneut ist Vogelgezwitscher im Hintergrund zu hören. Bislang erschien die Platte als sehr eigenständiges, schwer einzuschätzendes und daher sehr rundes Werk. Nun sind erste Vergleiche zu ziehen. Hier klingt Schulenburg wie Erobique. Ja! Nicht wie der DJ, sondern wie der Score-Schreiber. Beispielsweise zum Tatortreiniger. Da würde dieser Song extrem gut rein passen, wenn Schotty zerknittert mal wieder von Merle enttäuscht wird.
Zwischenstand: Ja, die Platte hat bis hier eher den Eindruck von funktionaler Musik, Geräuschen, die nebenbei auftreten können. Da spielt sich wenig in der Vordergrund und zum Tanzen ist einem auch noch gar nicht zumute. Bis hier ein sehr guter Filmsoundtrack, das auf jeden Fall: für lange, triste Autofahrten (ohne dem Künstler hier auf die Füße treten zu wollen). Auf der anderen Seite sind es natürlich auch viele elektronische Spielereien, die sich auf den Liedern die Klinke in die Hand drücken.

DX7s Broken Hearts klingt wie ein Blick in die Glaskugel, aber andersrum. In die Vergangenheit. Und reichlich nach Kraftwerk. Ja, den Meistern darf natürlich stets die Ehre erwiesen werden! Man muss sich mittlerweile die Frage stellen, ob die Musik von RVDS einen bestimmten Zweck verfolgt oder gerade nicht verfolgen will. Denn im Vordergrund spielt sich wirklich nicht viel ab. Wurde hier funktionale Musik für den Hintergrund, für nebenbei, für eine Art Soundtrack ohne Film konzipiert. Dann wäre dies der Track, mit dem ein Agententhriller untermalt wird. Eine leichte Spannung baut sich auf und dehnt sich durch den Sound. Ja, das muss der Fall sein. Auf Wersimatic Space Bar jazzt sich ganz entspannt ein leichter, gut gelaunter Klangteppich durch den Raum, erinnert ein bisschen an Helge Schneider auf Elektro: hypnotisierend, einnebelnd, bestechend. Planet Dragon ist bislang der einzige Track, wo Stimmen zu hören sind. Und auch kein Gesang, sondern nur der Liedtitel wird ab und an hineingerufen.

Tja, ganz ehrlich: Ich weiß nicht so recht, was ich mit diesem Album anfangen soll. Insgesamt verstehe ich es, dass man Musik funktionalisiert und in den Hintergrund des Geschehens verschieben möchte. Doch mir fehlt ein roter Faden. Klar, man kann sich in die Musik hineinfühlen und -versetzen und sich seine eigenen Geschichten, Bilder und Ideen basteln. So richtig klappt das hier aber nicht - logisch, rein subjektive Empfindung. Mir werden keine Moods oder Dances klar auf der Platte. Was irgendwie schade ist. Gerne hätte ich mich gut in das Album reingefühlt. Doch das gewisse unaussprechliche Etwas, das zündet, um durch die Nervenbahnen des Hörenden zu flattern, entsteht hier nicht. Vielleicht verstehe ich auch die Sound-Spielereien nicht. Immerhin verweisen die Songtitel auf Instrumente. Doch selbst der Hint knallt bei mir nicht. Umso mehr hoffe ich, dass es bei anderen Feuer entfacht.

Samstag, 2. Januar 2021

KW 53, 2020: Die luserlounge selektiert

Quelle: ictevangelist.com
(sb/ms) Gestern begann ein neues Jahr. Daher ganz klassisch: Allen Lesenden hier ein Frohes Neues! Ja, es ist so: viel schlimmer als das letzte kann es erstmal nicht werden. Doch - Hand aufs Herz: Bis es draußen etwas wärmer wird, passiert auch in den kommenden Wochen nicht viel. Die Festivalsaison wird so wie wir es kannten und genossen haben, auch dieses Jahr nicht stattfinden (so zumindest mein Empfinden). Doch ich bin sehr euphorisch und zuversichtlich, dass sich die Veranstaltungsbranche viel überlegen wird, wie wir endlichendlichendlich wieder Livemusik genießen können. Vielerorts gab es im vergangenen Sommer ja schon tolle Ideen, die ganz wunderbar aufgegangen sind. Nun haben alle Beteiligten wesentlich mehr Vorlaufzeit, um alles zu organisieren, ausgeklügelte Hygienekonzepte auf den Weg zu bringen, sodass wir endlich wieder vor Bühnen stehen oder sitzen und uns vom Sound mitreißen lassen können. Ja, ich vermisse es sehr, das kann nicht anders ausgedrückt werden. Und ich freue mich wie ein Honigkuchenpferd auf die ersten Gigs, die wieder gemeinsam erlebt werden dürfen. Mal schauen, wie es dann im Herbst aussieht. Ob dann wieder in Clubs und Hallen Konzerte mit dicht aneinander stehenden Menschen stattfinden können... Bis dahin wird hier fleißig weiter selektiert und in regelmäßigen Abständen ausführlich berichtet.

Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir sind Musiknarren. Wir sind die luserlounge. Ab dafür!  

The Besnard Lakes
(ms) Es gibt so einige Parameter, die Musik heller und matter leuchten lassen. Wir sind natürlich stets auf der Seite der Helligkeit und lassen uns da begeistern. An welchen Stellschrauben kann man aber drehen, um einzelne Lieder noch intensiver wahrnehmen zu können? Nehmen wir uns für The Besnard Lakes folgendes Beispiel: die Lautstärke. Die Band aus Kanada veröffentlicht im Januar eine neue Platte und mit Raindrops kann man schon mal reinhören, was einen so umhauen wird. Das Quintett macht breitflächige, postrock-artige, artpoppige Musik, die schwer einzuordnen ist, weil sehr eigenständig. Daher sehr gut. Um dieses Lied unabhängig von der langsamen, schönen Instrumentierung, den vielen kleinen Kniffen, den Kopfstimmen und Verzerrereffekten genießen zu können, sollte man sukzessive die Lautstärke aufdrehen. Man hört unversehens mehr und die die Stimmung des Tracks, die zwischen wuchtig, bedrückend und leicht euphorisch pendelt, kommt noch besser rüber. Im Text, der aufgrund der Vielzahl an Schichten eher untergeht, geht es um den Tod von Mark Hollis (Talk Talk), spannende Umsetzung! Also: Lektion Lautstärke!



Fatoni & Edgar Wasser
(ms) Man muss ja auch mal ganz ehrlich sein: Dieses ganze "Fuck 2020 und dieses Jahr wird alles besser"-Gelaber geht einem ja auch etwas auf den Zeiger. Klar, die Aussichten sind gut. Und sie werden noch besser. Dafür stehen zwei junge Herren. Beide werden von der luserlounge verehrt. Uns seien wir ehrlich: Den einen verehren wir ein Stückchen mehr. Namentlich Fatoni. Der beste deutsche Rapper der Welt. Was mir neben seinen astreinen Texten so gefällt, ist seine Auffassung des Künstler-Daseins. Regelmäßig veröffentlicht er Solo-Material. Doch genauso regelmäßig haut er Alben mit anderen Künstlern raus. Egal on Juse Ju, Dexter oder Mine. Es knallt jedes Mal gewaltig. Nun schlägt er ein zweites Mal mit Edgar Wasser zu! Wie geil ist das denn, bitte?! Delirium wird das Ding heißen und in diesem Frühjahr erscheinen. Man sollte sich gefasst machen auf geballte Punchlines, sattes musikalisches Fertigmachen, bittere Ironie und sich gebührend selbst als die Geilsten abfeiern. Alles zurecht. Realität. So heißt die erste Single, die samt bekannter Optik zu sehen und hören ist. Einfach mal dem Zustand der Welt in die Augen geblickt und ihn analysiert. Da bleibt einem vor lauter Härte das Lachen im Halse stecken. Isso.


The Dirty Nil
(ms) Humor und Musik. Es sind seit jeher zwei Themen, die öfter schlimm als gut zusammen finden. Zum Glück gibt es nicht mehr diese Blödel-Musik, die eine breite Öffentlichkeit erlangte. Besser auch keine Namen nennen. Wie kann man denn dann noch Hörende zum Schmunzeln bringen? Zum Einen natürlich über den Text (unangefochtene Meister selbstredend Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen). Aber es geht tatsächlich auch über die Musik also solche. Und das beweisen The Dirty Nil sehr gut. Gestern (!) erschien ihr Album Fuck Art. Das ist ja schon mal eine sehr sympathische Ankündigung, ein gutes Statement. Auf dieser Platte geht es sehr wild hin und her. Im Grunde genommen macht das Trio bodenständige Punkrockmusik mit Tempo der alten Schule. Den wandeln sie aber oftmals so ab, dass es schon humoresk wird. Drei Singles waren im Vorfeld zu hören. Done With Drugs ist ein solider Punkrocksong der 90er. Doom Boy hingegen arbeitet mit vielen wesentlich härteren Elementen, die sehr zu gefallen wissen. Blunt Force Concussion jedoch ist derart gitarrenpoppig, dass der Kitsch gar nicht ernst gemeint sein kann. Wann habt ihr das letzte Mal American Pie gesehen? Eben. Zu den unterschiedlichen Gitarrenspielarten kommen noch Videos, die so geil drüber sind, dass man merkt: Ja, Humor und Musik geht auch auf gänzlich andere Weise gut miteinander auf!



DEATHDEATHDEATH
(ms) Was nun Experimental Trip Hop sein soll, weiß ich wirklich nicht. Ich habe noch nicht mal eine klare Vorstellung von Trip Hop. Da muss ich immer nachschauen, was damit gemeint ist. Egal, spielt ja alles keine Rolle. Ich mute mir aber schon zu, zu sagen, was gut ist. Wenn DEATHDEATHDEATH auf KMT stößt, dann wird es gut. Mit Promised Sleep gibt es den hörbaren Beweis! Der Track ist dunkel, extrem basslastig, langsam, fast erdrückend, mystisch und sehr mitreißend. Dazu nicken Skelette mit dem Schädel und wippen mit dem Gerippe. Für die dunkle Jahreszeit ideal. Doch wer verbirgt sich hinter den Majuskeln? KMT ist Sängerin, Performancekünstlerin und spielt in Sargnagels Stück "Am Wiesnrand" in München mit. Wenn das wieder läuft. Hinter dem einprägsamen Namen DEATHDEATHDEATH steckt der Wiener Künstler, Illustrator und Autor Fazo, der diesen herrlichen Beat gebaut hat. Zwei Synonyme mit noch weniger namentlicher Klarheit. Aber egal. Spielt ja keine Rolle. Hier geht es um Musik. Und dieser Song ist bestechend gut!


Everything Everything
(ms) Eine musikalische Disziplin ist ein wenig in den Hintergrund geraten. Seitdem es das Musikfernsehen nicht mehr gibt. Seitdem es Streaming-Dienste gibt. Seitdem viel mehr mobil stattfindet. Aber viele, viele KünstlerInnen und Bands machen sich noch sehr viele Gedanken über ein künstlerisches Gesamtwerk. Ja, meines Erachtens gehört das Video mit zur Musik, zur Single. Der kleine Film, in dem eine Menge steckt. Oft wird dadurch der Inhalt unterstrichen, schauspielerisches Können wird gezeigt, Tänzer tanzen, atemberaubende Landschaften werden richtig in Szene gesetzt. Oder es wird geschickt geschockt. Das machen Everything Everything mit ihrem neuen Video zu Black Hyena. Ja, die Platte hat mich gänzlich nicht überzeugt und auch dieses Lied hat sich nicht in meine persönliche Heavy Rotation gespielt. Doch wo kann man schon skatende Zombies sehen? Eben!

Donnerstag, 31. Dezember 2020

Conny Frischauf - Die Drift

Cover der Platte
 (ms) Drift als Begriff kenne ich nur aus so Autospielen am PC damals, Need For Speed. Das war eine spezielle Disziplin, wo man versuchen musste, die Autoreifen in den Kurven möglichst gut durchdrehen zu lassen und dass die Karre sich schön dreht. Eigentlich ja völlig bekloppt. Also zum Einen das Spielen eines solchen Spiels. Aber noch dämlicher ist ja, dass man so was Affiges aus der Realität nachahmt. Naja, egal.
Nun schaut man einmal in ein großes Online-Lexikon und sieht, dass es noch allerhand andere Bedeutungen gibt, die sich hinter dem Wort Drift verbergen. Aus der Linguistik, dem Wetter, dem Pflanzenschutz oder der Genforschung.
Die junge Österreicherin Conny Frischauf hat dieses Wort genommen, um ihrem ersten Album einen Namen zu geben. Welchen dieser Bedeutungshorizonte sie gewählt hat, bleibt ihr Geheimnis. Es könnte Richtung Linguistik gehen, aber das ist reine Vermutung. Die Drift ist ein Album voller Raffinesse, teils wunderbarer Schlichtheit, Andenken an Krautmusik, modernem Minimalismus und stets auftretendem Gaga (oder intellektuellem Brainfuck, je nachdem...).

Worauf stellt man sich ein, wenn man sich eine dreiviertel Stunde Zeit nimmt und in dieses kleine, feine Universum eintaucht? Elektronische Klänge, verspielte Melodien und ausgewählte Texte, die zwischen tiefem Scharfsinn und sprachspielerischer Blödelei pendeln.
Mit Rauf beginnt die Platte. Und es geht nie runter, nie. Worum geht es in dem schönen Synthiesong? Vielleicht um eine Schilderung eines Fluges und das herrliche Staunen, wenn man abhebt und aus dem Fenster schaut. Das 'Ahhh' könnte ein Beleg sein. Man hebt am Anfang des Albums ab... was für eine schöne Metapher?! Mit Parapiri geht der Flug, die Drift in die (sprachliche) Höhe weiter. Mit diesem Nonsens-Wort wird eine schöne Melodie gesungen, sonst gibt es hier keinen Text, braucht es aber auch nicht. Der Klang ist eine leicht ins Hypnotisch gehende Elektronik, die herrlich unaufgeregt ist, aber nie (!) langweilig wird, da immer ein kleines, feines Element hinzukommt. Wenn man den Begriff Kraut hier als Genre einfließen lassen möchte, kann dieses Stück eine schöne Hommage an Kraftwerk sein. Auch Fenster Zur Straße ist ein Lied, das wundervoll viele Bedeutungsräume öffnet. Die Kunst in Frischaufs Texten - wenn die Lieder einen haben - ist, dass sie vieles offen lassen und man sich im Hören hineindenken kann. Hier wird uns ein Blick aus dem Fenster vermittelt; unvermeidlich ist er, wenn man drinnen ist: Helle Lichter am Abend, verschwommene Grenzen zwischen draußen und drinnen. Dazu trumpft das Lied mit poppigem Sprechgesang auf. 'Alles Runde fällt runter / Fällt weiter und weiter.'
Wie ging Conny Frischauf ans Liederschreiben ran? Keine Ahnung! Doch eine Vermutung, die in Sonntag zu hören sein kann: Ein Lied, das mit Weltallgeräuschen startet; irgendwie bewegt sich ihre Musik nicht auf unserem Boden. Es klingt wie eine Improvisation und ergibt eine fast dreiminütige Interlude.
Es folgt: Der Höhepunkt des Albums! Auf Wiedersehen ist klar das poppigste und tanzbarste Lied des Albums. Klar, auch ein wenig beliebiger, aber halt auch ungemein catchy. Sollte man bald mal wieder tanzen gehen können, wünsche ich mir von den DJs und DJanes dieses Landes den Mut dieses Lied auf voller Lautstärke und voller Bass abzuspielen. Knarzig geht es los. Selten wurde das Ende einer Beziehung so poppig und stimmungsvoll angekündigt wie hier. Erst stellt Frischauf die großen Fragen einer Beziehung, dem folgt ein musikalischer Break, dann nimmt das Lied an verspielt-tanzbarer Fahrt auf. Wann beendet man am besten eine Beziehung? Ganz einfach: 'Tust du mir weh / Sag ich Adé.' Indem danach auch ein 'baba' kommt, offenbart sie ihre Herkunft. Ansonsten spricht, singt Conny Frischauf auf ihrer tollen Platte recht akzentfrei. Ja, das hier ist wirklich ein erfrischender, ausgeklügelter Track voller Groove!
Man erwischt sich beim verträumt-aufmerksamen Zuhören unter anderem bei Zeit Verdrehen, dass die Texte nicht immer so konkret sind, aber Kopf und Fuß unvermittelt anfangen zu wippen. Auf Roulette wird es wieder spürbar poppiger, auch aufgrund des umfangreicheren Textes. Auch (oder weil?) es nicht so klar zu erkennen ist, was die Musikerin mit ihren Zeilen meint. Gute Gelegenheit also, um sich selbst ein paar Gedanken dazu zu machen. 'Endlosschleife der Gedanken': Ja, das kann einen verrückt machen, lauter Gedankenspiralen, die zermürbend wirken. Doch was ist der Roulette-Gewinn beim Denken? Eine gute Idee? Ein pfiffiger Song? Alles kann, nichts muss.
Auch auf Eingaben Und Ausnahmen überzeugt sie mit großem Können im Wortspiel. Der Titel spricht für sich. Sowieso. Conny Frischauf spielt eine Menge auf ihrem musikalischen Werk: der spielende Mensch, homo ludens. Mit kleinen, fröhlichen, labyrinthhaften Klängen und Worten sowieso. Das muss gar kein Ziel haben, kann einfach nur sein und für sich strahlen. Da muss man auch nicht kafka'esk Hintergründe und Ebenen reininterpretieren für ein pseudointellektuelles Geschwurbel. Das hier ist einfach gut. Punkt. Zeigt sich auch auf Private Geheimsache: Texte wie bei PeterLicht, so verschachtelt, gaga und verschroben.
Enden tut Die Drift mit über zehnminütiger Freundschaft. Eine weitere Ehrerbietung an die große Zeit der elektronischen Musik der 70/80er Jahre. Langsam schleicht sich dieses herrliche Album aus. Es wartet mit zehn extrem überzeugenden Liedern auf. Jedes mit eigenem Charakter. Es drosselt das Tempo des Alltags (klar, momentan passiert eh nicht viel, aber das ändert sich ja zum Glück auch wieder), das aufmerksame Hinhören lohnt sich sehr. Es ist Conny Frischauf zu gönnen, dass sie weiträumigen Anklang damit findet. Sollte sie bald live auftreten und ihre Lieder präsentieren.... ich freue mich wahnsinnig drauf!

Die Drift erscheint am 15. Januar bei Tapete Records!