Freitag, 10. Juli 2020

KW 28, 2020: Die luserlounge selektiert

Bild: facebook.com/kenh28.vn
(sb/ms) Es muss schnell gehen.

Die luserlounge ist im Stress.

Das Wochenende steht vor der Tür.

Wir hatten endlich wieder Zeit, euch Perlen zu präsentieren.

Welche werden Eure sein?

Manchmal können wir uns auch nicht entscheiden.

Nur dazu, diesen Text auf bizarre Weise in die Länge zu ziehen.

Luserlounge. Freitag. Selektion. Abfahrt!

Asian Dub Foundation
(sb) Gefühlt war die Asian Dub Foundation schon immer da. Zwar stets so ein wenig im Hintergrund und nie so, dass ich sie aktiv gehört hätte, aber in meinem Kopf geistern die Briten schon ganz lange rum, einzelne Tracks erreichten auch meine Gehörgänge, zu mehr reichte es jedoch - warum auch immer - nicht. Das ändert sich jetzt, denn Access Denied (VÖ: 18.09.!) ist ein vielschichtiges, hochpolitisches Album, das Tanzbarkeit mit Social Consciousness paart und keine Kompromisse duldet. Dieser Ansatz ist bei der Asian Dub Foundation gewiss nicht neu, dennoch erfinden sich die Künstler mit jedem Album wieder neu, um thematisch jederzeit aktuell zu sein. So stehen diesmal soziale Ungerechtigkeit, die Grenzpolitik und auch der Klimawandel im Mittelpunkt und sogar Greta Thunberg leistet einen Gastbeitrag zu diesem hörenswerten Werk, das sicher nicht über die gesamte Laufzeit glänzt, aber dennoch so viele Höhepunkte vereint, das ich ohne schlechtes Gewissen eine Kaufempfehlung aussprechen kann. Dub, Jungle, Breakbeat, Rap, Drum'n'Bass - da ist für jeden was dabei!


Smokey Brights
(sb) Die gemeinsamen Aufnahmen von John Lennon mit Yoko Ono waren sicher nicht seine Glanzstücke. Cher ging es ohne Sonny auch deutlich besser und bei ABBA folgte dem privaten Aus bald das berufliche. Bei den Smokey Brights hingegen klappt die Verknüpfung zwischen Ehe und Karriere bis dato bestens: Kim West und Ryan Devlin veröffentlichen heute ihr drittes Album - endlich! Mehrere Male wurde der Release von I Love You But Damn verschoben, seit Monaten liegt das gute Stück bei mir auf der Festplatte. Klingt nach Datenfriedhof, isses aber nicht, denn die Scheibe der Musiker aus Seattle überrascht durch seine Vielseitigkeit, regt des Öfteren zum Mitsingen an und versprüht einen Charme, der sowohl an die Hippie-60's, als auch an die Glanzzeit des Funks denken lässt. Mit anderen Worten: Zeitreise! Und das Ganze für ca. 10-14 Euro - kann man nicht meckern!


Kaffkiez
(sb) Wie ist das zu beurteilen, wenn sich eine Band selber mit AnnenMayKantereit vergleicht? Die Kölner leben ja mehr oder weniger von der Stimme ihres Sängers Henning May und konnten zu Beginn ihrer Karriere die Herzen der Hörer im Sturm erobern. Dass quasi ab der Veröffentlichung des zweiten Albums nichts Brauchbares mehr kam, steht auf einem anderen Blatt Papier...
Aber zurück zu Kaffkiez: Der Name setzt sich zusammen aus Herkunft (Rosenheim, m.E. übrigens alles andere als ein Kaff!) und Wunsch (Durchbruch in einer größeren Stadt) und der stimmliche Vergleich mit AMK ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Da haben die Produzenten zudem ganze Arbeit geleistet, denn das durchaus vorhandene rollende R von Sänger Johannes Eisner ist auf der Debütsingle Nie allein (VÖ: heute!) nicht mehr zu hören. Geht gut ins Ohr und wird seinen Weg gehen! War wohl eine weise Entscheidung, den Bandnamen (vorher: Maybe) zu ändern und nun auf das Pferd deutschsprachige Musik zu setzen, zumal die Single schon reichlich Airplay im Radio bekommen hat. Als Nächstes steht natürlich die Aufnahme eines Albums auf dem Programm und wir werden Euch gerne auf dem Laufenden halten.


Love Fame Tragedy
(sb) Nach zwei vielversprechenden EPs (I Don't Want To Play The Victim, But I'm Really Good At It und Songs To Briefly Fill The Void) folgt heute endlich das langersehnte Debütalbum von Love Fame Tragedy. Auf Wherever I Go, I Want To Leave versammelt Matthew "Murph" Murphy erwartungsgemäß die Highlights der EPs und ergänzt diese um sieben neue Tracks, die qualitativ keineswegs hintanstehen. 
Als Laie geht man vermutlich viel zu schnell davon aus, dass es jemandem, der mit seiner Hauptband The Wombats vier (auch in den Charts) erfolgreiche Alben aufgenommen hat, die in düsteren Indie-Schuppen genau solche Begeisterungsstürme auslösen wie auf Studi-Parties oder großen Festivals, leicht fallen dürfte, auch solo zu Potte zu kommen. Doch weit gefehlt: Der Entstehungsprozess des LFT-Erstlings war geprägt von Rückschlägen, Schreibblockaden und dem Überwinden des inneren Schweinehundes. Umso tröstlicher ist es, dass das Ergebnis derart erfreulich ausfällt und die Synthie-Pop-Hymnen mit Alternative-Anspruch nicht nur spontan ins Ohr gehen, sondern in vielen Fällen auch dort bleiben. Gelernt ist gelernt!


The Baboon Show
(ms) Tief im Norden. Da schlummert etwas. Und mit dem Astrid Lindgren-Syndrom lässt sich das nicht mehr erklären. Natürlich ist Schweden das Sehnsuchtsland von uns Kartoffeln, absolut nachvollziehbar für jeden, der mal dort gewesen ist. Doch irgendetwas muss in deren Leitungswasser schwelen, was den Schweden einen unheimlichen Groove in der Musik beschert. Es gibt viele gute Beispiele. Viele. Eines davon ist The Baboon Show. Und das Quartett überzeugt nicht nur durch seine kompromisslose Gitarrenrockmusik, die vor Tempo und Energie strotzt. Die genau im richtigen Maße dreckig und rotzig ist. Sie schaffen es zudem regelmäßige Ohrwürmer in die Welt zu setzen! Genau damit machen sie im Dezember weiter. Ja, etwas Geduld ist noch geboten. Doch keine Ankündigung ohne Vorboten! Denn die Band um Cecilia Boström und ihre wundervolle energische Stimme begann im März ein neues Album aufzunehmen. Zack - Corona - alles anders. Sie sind halt ehrliche Musiker. Durch ihre DNA fließt auch das Live-Spielen-Wollen. So stand die Entscheidung fest: Kein Album ohne in Bälde live aufzutreten. Doch: Ein paar Songs waren schon eingespielt. I Never Say Goodbye wird im Dezember als 12" erscheinen! Das wird dann so klingen - wir sind gespannt wie ein Flitzebogen!


Sandra Hüller
(ms) Schlechtes Beispiel für schreibende Sänger: Frank Spilker (fand das Buch doch eher zäh). Gutes Beispiel für schreibende Sänger: Sven Regener und Thorsten Nagelschmidt. Schlechtes Beispiel für singende Schauspieler: Jan Josef Liefers und Axel Prahl - zugegeben gehen sie mir auch als ehemaligen Wahl-Münsteraner in ermittelnder Funktion auf die Nerven, zu plump, zu wenig Reibung (ich persönlich bin Team Dortmund). Gutes Beispiel für singende Schauspieler: Robert Gwisdek (Käpt'n Peng) und Sandra Hüller! Und damit haben wir in dieser extrem männlichen Riege (ich gelobe Besserung) auch eine Dame. Über ihre Brillanz in Toni Erdmann müssen wir eigentlich nicht sprechen. Mir ist sie schauspielernd noch stärker als Gast beim Tatortreiniger haften geblieben. Und das wirklich Tolle: Sandra Hüller ist so wunderbar vielseitig. Diese tolle Chamäleoneigenschaft beweist sie auch auf Be Your Own Prince, ihrem ersten Album. Einer größeren EP, so könnte man sagen: Es sind sieben Songs plus ein Remix.
Es startet ganz verhalten mit Dear Sailor. Im Hintergrund ist leichtes Rauschen zu hören (vom Aufnahmegerät?) und dazu erklingen begleitend Gitarrenakkorde. Ob der Segler jedoch wirklich auf dem Wasser irrt oder durch sein Leben - die Interpretation bleibt den Hörenden offen. My Love (Last Breath) hingegen ist eine swingende Free Jazz-Nummer im allerweitesten Sinne: Ausufernder Gesang trifft auf mäandernde Trompete. Die Single The One wiederum ist ein sanftes Pop-Stück, das an Dear Reader oder Justine Electra erinnert. Alle Texte stammen aus Hüllers Feder, bei der Umsetzung half ihr Daniel Freitag. Noch so ein musikalischer Tausendsassa, der nicht nur selbst musiziert, sondern auch die Musik zu Decamerone am Deutschen Theater Berlin produzierte. Das ist eine Erwähnung wert, da das Stück von Kirill Serebrennikow inszeniert wurde, der bekanntermaßen nun nicht hinter Gitter muss.
Also: Sandra Hüller, Be Your Own Price. Fein und mit musikalischem Fingerabdruck produziert. Wir fordern: Mehr derart toll singende Schauspielerinnen!

       

Großstadtgeflüster
(ms) Eins dieser Phänomene in der hiesigen Musiklandschaft sind Großstadtgeflüster. Ballern mit Haltung, könnte man sagen. Fickt Euch Allee ist bereits ein moderner Klassiker der exzessiven Feierei; den Tischtennisballsound auf Wie Ein Dschungel mit Fatoni finde ich bis heute äußerst kreativ und ohrwurmverursachend! Man ist leicht geneigt, das Wort 'unkonventionell' oder 'authentisch' zu benutzen. Aber wie eben jener Toni schon meinte: Ich will einfach nur ich selbst sein. Und das tut das Berliner Trio. Tief dröhnende Technobeats, mal leichtfüßige Gagatexte, mal hauen sie voll auf den Putz. So auch mit Diadem: "Ich poliere der Stadt ihre Fresse mit Stickern, ich bin eine Prinzessin, du Ficker!" Das ist eine klare Ansage. Gegen Fixierung auf Körper, Schminke, Äußerlichkeiten, gegen ein bizarres Frauenbild, das es so nirgends gibt. Außer in der Glotze oder in der Werbung halt. Pah, geht uns gar nichts an, denken Jen, Chriz und Raphael. Gut so, einfach bisschen locker bleiben und das eigene Ding kompromisslos durchziehen. Ihr Erfolg ist ihr Beweis. Und so ist bereits letzten Freitag Jens persönlicher Geburtstagssong erschienen. Doch auch eine Woche später kann man den lautstark durch die Boxen krachen lassen! Ich will jetzt mein Diadem...


JW Francis
(ms) Wer hier regelmäßig liest, was wir beide an Tipps und Verrissen in die Welt schreiben, dem wird auffallen, dass ich mich gerne mal an Genres abarbeite. Also an den Zuschreibungen. Den Genre-Namen. Oft finde ich die, die in den Pressetexten genannt werden, schwer entzifferbaren Quatsch. Doch hier muss ich eine Ausnahme machen. JW Francis' Musik wird als Bedroom Dream Pop bezeichnet. Stark. Ja. Es passt hervorragend. Es hat etwas leicht verträumtes, verschlafenes, aber ist auf Zack. Die Musik des Tausendsassas (Reiseleiter, Musiker, Geschäftsführer einer Firma, die sich Murder Mystery nennt...) ist DIY im besten Sinne und irgendwie wahnsinnig charmant. Einfach und bestechend. Und davon kann man sich bald in Albumlänge überzeugen. Doch als Einstiegsdroge fungiert seine Ode an den Big Apple: New York. Ein herrlich simpler und schön eingängiger Song. Im ähnlichen Stil wird dieses Jahr noch eine Platte erscheinen (wir halten euch auf dem Laufenden!). Nachdem er mehrere Singles veröffentlicht hat, unterzeichnete er auf Sundays Best - Label aus UK! Hier kann etwas Großes wachsen!

Donnerstag, 9. Juli 2020

Roger & Brian Eno - Luminous


(ms) Erstens: Synthetische Drogen sind mir vollkommen fern. Ich kann nicht verstehen, warum man seinem Körper derartige Substanzen zuführen will. Ja klar, meist geschieht es im Zuge einer ausgewachsenen Sucht und man kann nicht anders. Schlimm genug. Aber es gibt ja genug einigermaßen klar denkende Menschen, die sich insbesondere am Wochenende sowas wie LSD reinhauen. Sich verlieren und Farben sehen können - man hört die wildesten Dinge. Doch warum sich dafür selbst schaden? Sich verlieren kann man auch anders, wenn es darum geht, Raum und Zeit nicht mehr in prägender Form wahrzunehmen. Ich behaupte, dass Musik das auch aus sich heraus schaffen kann. Dazu braucht es auch keinen Alkohol oder so. Der pure Klang vermag das zu schaffen. Oft hilft vielleicht noch ein berauschender Tanz, aber das ist optional. Musik, Ton, Rhythmus, Melodie. Sie haben eine unfassbare Kraft; sie können mich erheben und runter drücken, mich euphorisieren und beruhigen. Und dafür muss sie einfach nur erklingen. Gerne laut, sodass nichts anderes mehr den Moment beherrscht. Sich verlieren - mit einfachen Mitteln. Aber okay, abhängig kann das auch machen.

Zweitens. Was tun gegen Stress, Schwindel, innere Unruhe? Das ist verallgemeinernd natürlich kaum zu beantworten. Das kann man nur individuell entscheiden. Natürlich ist es am allerbesten, wenn es erst gar nicht so weit kommt, dass man akut etwas dagegen machen muss. Aber Hand aufs Herz... das betrifft auch nicht so viele Menschen. Für Meditation oder Yoga bin ich der falsche Mensch. Aber autogenes Training oder Qi Gong finde ich super. Da muss man nicht so viel machen und entrückt schnell der Wirklichkeit. Insbesondere wenn dort jemand mit einer wunderbaren, eindringlichen Stimme ist, der einen durch die Traumwelten leitet.

Drittens. Nun steht die Frage im Raum, wie man beides gut vernetzen kann. Meditative Zustände und sich verlieren. Die Antwort liegt auf der Hand. Oder bald bei Euch auf dem Plattenteller. Es ist die EP Luminous der Brüder Brian und Roger Eno. Allein mit diesen beiden Namen macht man natürlich ein riesengroßes Fass auf. Selbstredend eher mit Brian Eno, sein jüngerer Bruder stand nie soo sehr in der Öffentlichkeit. Mag halt auch daran liegen, dass Brian einer der wichtigsten und einflussreichsten Akteure der Musikwelt war/ist. Insbesondere in den 70er und 80er Jahren. Er veröffentlichte mit Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius, produzierte U2, Ultravox, David Bowie oder Devo. Sicherlich hing er auch mal auf dem Bauernhof von Conny Plank rum. Ohne Brian Eno keine Ambient-Musik. Gut, dass Roger in einer ähnlichen Weise musizierte: breite Klangflächen, die mitunter cineastischen Charakter haben.

Viertens. Auf Luminous sind sieben Tracks erhalten. Sie klingen allesamt nach atmosphärischer Klaviermusik, völlig ohne Raum und Zeit. Tempo spielt hier überhaupt keine Rolle. Was stattdessen einzieht ist Ruhe und absolute Konzentration auf den Moment, den Ton. Manchmal ist es ein Akkord, der noch nachhallt. Mehr passiert nicht. Doch Obacht! Wer hier von Langeweile spricht, hat die Musik nicht verstanden. Natürlich, hier ist alles auf extreme Art entschleunigt, ohne damit eine pseudomoderne Lebensweise zu propagieren. Hier herrscht einzig und allein die pure Musik. Absolute Reinheit. Ja, selbst Rhythmus ist dem schon entkoppelt. Man könnte es Ambient nennen oder Neo-Klassik. Egal, welches Label hier aufploppt, so sind diese Lieder weit mehr als Musik. Sie sind auch eine Aufforderung. Zum Innehalten, durchatmen. Mal den ganzen Kram drumherum weg legen. Die Augen schließen. Durchatmen und sich auf das Gute und Schöne besinnen. Dass die Enos den Stücken Farbnamen gegeben haben, ist ein netter Nebeneffekt. Dass es über 1800 Einsendungen zu einem damit zusammenhängenden Videowettbewerb gab, auch schön. Doch ohne visuelle Reize, sind die Stücke noch reizvoller. Denn dann kann das Hirn arbeiten ohne eine Vorlage zu nutzen. Vielleicht verbinden sich ungeahnte Synapsen miteinander. Vielleicht drosselt es das Arbeitstempo. Ich behaupte, drinnen lässt es sich am besten genießen. Luminous wäre für draußen zu zart; auch für eine Bahn- oder Autofahrt. Da helfen die besten schallabsorbierenden Kopfhörer nicht. Die Klänge sind nicht zerbrechlich, aber so sanft, dass man sie sachte anfassen muss. 

Fünftens. Luminous ist nicht nur eine EP. Die Veröffentlichung schließt nahtlos an das gemeinsame Album aus dem März an: Mixing Colous. Es ist eine Fortsetzung, Ergänzung, weitere Kapitel, die das Buch fortschreiben. Begonnen hat der Prozess dazu 2005. Roger produzierte einzelne Sequenzen als MIDI-Sound und schickte sie seinem älteren Bruder. Der wiederum ergänzte das Material mit atmosphärischen Ebenen. Unvorstellbar, dass diese schüchterne Musik einen derart langen Schöpfungsprozess hinter sich hat. Meine Vermutung: Erst dadurch konnte sie ihre innewohnende Kraft entfalten. Als eigenständige Vinyl-EP erscheint Luminous erst am 14. August. Kommenden Freitag (17. Juli) erscheinen die Stücke schon digital mit dem vorangegangenen Album als Mixing Colours Expanded und am 23. Oktober als Doppel-CD. Eine etwas vertrackte Veröffentlichungspolitik; aber egal.

Vielleicht ist man aufgrund der aktuellen Situation verunsichert und/oder gestresst. Vielleicht auch ohne direkt von den Auswirkungen betroffen zu sein. Luminous hilft. Auf jeden Fall.


Freitag, 3. Juli 2020

KW 27, 2020: Die luserlounge selektiert

Bild: facebook.com/27Boutique/
(sb/ms) Kalenderwoche 27 - Kinners, wie die Zeit vergeht! Man ist heutzutage ja schon froh, wenn es keine herausragende Katastrophenmeldungen gibt, die als Aufhänger für die Selektion herhalten muss. Diese Woche war für uns zwei luserlounger in erster Linie durch Berufsstress geprägt: der eine kam frisch aus dem Urlaub und 3 1/2 Monate Telearbeit zurück ins Büro, der andere musste sich auf seine Abschlussprüfung vorbereiten und hat diese nun endlich (erfolgreich) hinter sich gebracht. Hurra!

Was war sonst? #blacklivesmatter ist Gott sei Dank noch immer sehr aktiv und entlarvt auch hierzulande auf erschreckende Weise den omnipräsenten Alltagsrassismus. Zu dem Thema möchten wir Euch gerne nochmal das äußerst lesenswerte Buch Ein Neger darf nicht neben mir sitzen von David Mayonga (besser bekannt als Rapper Roger Rekless) ans Herz legen - lesen und verstehen! Passend dazu auch die immer wieder aufkeimende Diskussion um diverse Firmennamen und Logos, z.B. Sarotti, Uncle Ben's oder die Vorarlberger Brauerei Mohren. So bitter, dass man sowas im Jahr 2020 echt noch diskutieren muss...

So, jetzt aber Musik. Es ist Freitag. Die luserlounge selektiert.

Oma Oklahoma
(sb) Verzweiflung kann so großartig klingen! Ich habe keine Ahnung, ob und wie weit Oma Oklahoma nach deutschprachigem Emo klingen wollten, aber genau so stelle ich mir das Genre vor. Punk-Melodien und emotionale Texte, die Betrübtheit, Ohnmacht und Aufbruchstimmung transportieren - die Normalnull EP (VÖ: heute!) der Hamburger lässt kaum erahnen, dass es sich um einen Debüt-Relase handelt. Das klingt schon sehr gekonnt und professionell, was Oma Oklahoma da abliefern. Die leuchtend orangene Vinylversion bringt das Trio selbst heraus und zeigt den DIY-Spirit und das Herzblut, das in dieser Band steckt. So ist das Artwork jeder Platte ein Unikat und auch das Video zur ersten Single Straßen ist im wahrsten Sinne Handarbeit: Das Video im Comic-Stil besteht aus mehr als 1.200 einzeln gezeichneten Bildern!


Entropy
(sb) Wenn aus Spaß Ernst wird, kommt nicht immer was Gutes dabei raus - anders bei Entropy! Ursprünglich war die Band als reines Nebenprojekt angedacht, nahm dann aber so dermaßen Fahrt auf, dass sie zu einem Selbstläufer wurde und alles andere beiseite drängte. Laminal, das am 21.08. erscheinende Debüt-Album der Hamburger, ist aber auch ein brutales Brett. Ich fühle mich an Helmet und Clutch erinnert, der Indie-, Stoner- und Hardcore-Einfluss der 90er ist jedenfalls nicht zu überhören. Auch wenn der Review hier in der Selektion leider sehr kurz und bündig ausfällt, für mich bisher eins der überraschendsten und besten Alben des Jahres 2020, das ich mir sicher noch des Öfteren reinziehen werde. Augen und Ohren offen halten und im August unbedingt kaufen!


Brudini
(sb) Am 02. Oktober veröffentlicht der in Norwegen geborene und mittlerweile in London ansäßige Künstler Brudini sein Debütalbum From Darkness, Light. Seine neue Single Radiant Man, die sich bei seinen Live-Shows als wahrer Publikumsliebling entpuppte, entfaltet sich wie eine griechische Tragödie: ein Protagonist mit guten Absichten, der immer weiter kämpft, auch wenn er mit voller Wucht durch die Mühlen des Lebens gedreht wird und sich mit vielen Unwägbarkeiten auseinandersetzen muss. Klingt alles durchaus ein bisschen schnulzig, aber halt auch gut gemacht.


Conny Plank
(ms) Einer der Gründe, weshalb wir so gerne diesen kleinen Blog betreiben ist, dass über Musik zu schreiben, sprechen, denken immer wieder auf Neue eine großartige Herausforderung und eine irre Freude ist. Unabhängig vom Genre, aufrecht und originell muss es sein. Einzigartig und die Menschen hinter der Musik müssen klar und passioniert sein.
Ein ganz wichtiger Protagonist, mitnichten nur in der hiesigen Musiklandschaft, war Conny Plank. Tontechniker, Passionierter, Produzent mit irren Reputationen. Vielleicht war er der wichtigste Produzent der 70er und 80er Jahre. Denn er hat die ganz frühen Kraftwerk, die Scorpions, DAF, Ultravox, Eurythmics, NEU! oder auch Gianna Nannini produziert. Und das alles auf einem unglaublich urigen und fernab jeglicher Zivilisation gelegenen ehemaligen Bauernhof im Kölner Umland. Plank war ein Visionär, ein Unkonventioneller, ein leidenschaftlicher Raucher und zwiespältiger Familienvater. Genau das wird in der extrem sehenswerten Doku über ihn ein wenig bekannt, die von seinem Sohn gemacht ist. Stephan Plank ist viel gereist und sprach mit spannenden Gesprächspartnern über das Leben seines Vaters, der Produzentenlegende vom Bauernhof. Dies ist nicht nur eine Aufarbeitung eines Familienverhältnisses, sondern in erster Linie ein ganz feines, sehr gut recherchiertes Portrait eines mutigen, pfiffigen und unerschütterlichen Musikgeistes.

Hier in der ARD Mediathek lässt sich die Doku ansehen. Große Empfehlung!

Moscow Death Brigade
(ms) Redensarten erzeugen stets einen unterschiedlichen Effekt, je nach dem aus welchem Mund sie (wie häufig) kommen. 'Es gibt nichts, was es nicht gibt' ist wahr, aber halt auch irgendwie platt. Finde ich in sofern nicht, da meine Großeltern das gerne mal gesagt haben. Und das fand ich als Knirps immer ganz witzig. Wenden wir diesen ollen Spruch auf die Welt der Töne an, ist das auch offensichtlich. Die Tage habe ich ein Video gesehen, wo auf der Bühne zu Metalmusik gestrickt wurde. Nur mal so.
Ganz so schrill wird es hier nicht. Aber. ABER! Die Formation Moscow Death Brigade macht nichts geringeres als russischen, linken Trap im Mix aus Hardstyle, Hardrock und Eurodance. Also irgendwie geil und irgendwie wahnsinnig verschroben und aus der Zeit gefallen. Als ob Waving The Guns und Paul Elstak zusammengetroffen sind.
Doch zu meiner absoluten Verwunderung passt das herausragend zusammen. Es macht Bock, treibt nach vorne, erzeugt Stimmung, man möchte besoffen Seilspringen oder so. Und: Der harte, wilde Sound hat eine sanfte, frohe Botschaft: Es geht in Never Walk Alone um Zusammenhalt und Freundschaft. Zwischen Moshpit und Circle of Love ist hier alles drin. Ab geht's:


Krakow Loves Adana
(ms) 1. Regelmäßigen Lesern dieses Blog müssen wir das Paar aus Hamburg eigentlich nicht mehr vorstellen. Robert und Deniz sind Krakow Loves Adana und machen herrlich eigenständige Indiepopmusik zwischen melancholischen Gitarrennummern, die mittlerweile ein stärkeres 80s-Retro-Flair in elektronischem Gewand bekommen. 2. Das Duo feiert dieser Tage das 10-jährige Jubiläum ihrer ersten Platte Beauty. Da im Herbst auch direkt eine neue Platte Darkest Dreams rauskommt, ist Folgendes eine weitere Perle, um die Wartezeit zu verkürzen: Mit Faces Replaced kommt jetzt eine völlige Neubearbeitung der damaligen Single Porcelain raus. Die neue Version schwankt zwischen milder Traurigkeit und Mut zu Tanzen. Unbedingt anhören und gerne auch die beiden unterstützen. Denn 3. haben Deniz und Robert sich letztens via Facie klar dazu positioniert, wie verrückt und absolut unverantwortlich es ist, im September das Reeperbahn Festival stattfinden zu lassen. Mit weniger Zuschauern, aber dennoch sollen ein paar Tausend Besucher und Köpfe aus der Branche über die Hamburger Flaniermeile tingeln. Krakow Loves Adana wären auch Teil des Line-Ups. Doch Haltung zeigt, dass Profitstreben im Musikbusiness auch zu weit gehen kann. Logisch, vielen Künstlern und Clubbetreiberinnen fehlt es gerade vorne und hinten an Geld. Das ist grausig und schlimm. Doch in einer wackeligen Lage, in der wir uns immer noch befinden (Blick nach Gütersloh), ist ein Event wie das RBF völlig fern der Realität. Dann kauft doch lieber die Platten des Duos. Es lohnt sich sehr!

Freitag, 26. Juni 2020

KW 26, 2020: Die luserlounge selektiert

Quelle: miscw.com
 (ms) Sprache erzeugt Realität. Das wissen wir ja seit Wittgenstein alle. Eine große Leitlinie im Feminismus. Und meistens hat das irgendwie negative Auswirkungen, statt positiven Schwung. Und derzeit geht mit der Sprachgebrauch coronabedingt auf den Sack. Coronabedingt. Was für ein Müllwort. Wegen Spaß oder Lust auf Destruktion wurden ja sicher nicht im März und April die Läden und Schulen geschlossen. Ausnahmezustand?! Achso, da war ja was! So eine unglaublich offensichtliche Selbstverständlichkeit zu versprachlichen halte ich für Quatsch. Sinnbedingt. Doch noch größerer Unsinn ist ja: In Zeiten von Corona. Ich krieg' 'nen Fön! Was soll das denn nun wieder bedeuten? Was für ein hohler Quatsch! In Zeiten von Ende Juni. In Zeiten von großem Bierdurst. In Zeiten von in Zeiten von. Was soll denn dieser Plural da? Diese Verklausulierung klingt halt auch so, als ob das schon abgeschlossen sei, wie ein Rückblick. Doch in Zeiten von Leiharbeitsverträgen oder in Zeiten von idiotischen Ignoranten einigt man sich wohl auf relativ sinnbefreite Formulierungen. 

Sprachaufregung aus. Musik an. Luserlounge. Freitags. Kleinste Selektion in unserer Geschichte. Freizeitmangelbedingt. 

Jónsi
(ms) Als vor wenigen Wochen der Track Inhale samt Video herauskam und zum Staunen und Genießen einlädt, verfasste ich bereits eine enorm subjektive, verträumte, unkritische Liebeserklärung an Jónsi. Und ich wiederhole mich hier sehr, sehr gerne. Denn nun legt er mit Swill nach - ein weiterer brandneuer Song des Sigur Rós-Kopfes. Dass es hier elektronischer, wilder, unbändiger zugeht als auf dem vorherigen Lied, ist kein Wunder. Seit längerer Zeit neigt Jónsi gern dazu mit anderen KünstlerInnen zu kooperieren, deren Wurzeln eher im elektronischen oder DJ-Segment beheimatet sind. Doch er entfernt sich nie von einem eigenen Kern der Musik. Erzeugen die Töne am Anfang schon ein gewisses Staunen, bauen sie sich anschließend perfekt in die Klangstruktur ein. Das ist große Klasse, sensible Kunst. Dazu erscheint erneut ein äußerst sehenswertes Video; nun gut, die 3D-Animationen sprechen mich nicht an, doch die Ausschnitte, in denen sein Gesicht mit all den grabbelnden Händen groß im Fokus steht, sind schon beeindruckend. Sie passen zum Klang; mal ungewöhnlich, aber auch nah gehend, intim, beweglich. Klar, es ist auch ein poppiger Track, so etwas gäbe es unter Sigur Rós nie, nur sehr, sehr schwer vorstellbar. Es fehlt das Sphärische, wirklich Berührende, zum Himmel Reckende. Diese Balance zwischen Band (die Hoffnung auch dort auf neues Material enden nie) und Solo gelingt Jónsi erstaunlich gut. Es ist eine ganz klar erkennbare andere Zielsetzung zu hören. Im Soung und selbstredend im Gesang auf Englisch. Kein Isländisch, kein Vonlenska.
Doch es wird immer besser: Zusätzlich mit Swill hat er am Mittwoch auch angekündigt, am 2. Oktober ein neues Album zu veröffentlichen. Es soll Shiver heißen und die Tracklist verspricht zwei islänischsprachige Lieder. Zudem können wir uns auf Kooperationen mit Liz Fraser und Robyn freuen. Holla! Kaum hat der Sommer so richtig deutlich begonnen, kann ich die Vorfreude auf den Herbst kaum noch im Zaum halten!


Iris Romen
(ms) Reisen wir von 2020 weit zurück. So in die 40er oder 50er-Jahre. Und am besten in die Staaten, einmal über den Teich. Alles ist schwarz-weiß. Die Autos sind klobig, aber irgendwie haben sie Stil. Die Männer tragen stets Anzug, die Damen feine Kleider. Die einzige Möglichkeit an neue Musik zu kommen ist das Radio - riesengroß steht es im Wohnzimmer. Oder ein geschmackvoller Kellerclub, wo die angesagten MusikerInnen auftreten. An der Straßenecke steht ein Junge und preist das aktuelle Extrablatt an mit den Worten: "Kaufen Sie Romen! Neues Album der Holländerin! Swingen und tanzen Sie!" Oh yeah! Denn wenn Late Bloomer durch die leicht knarzigen Boxen stromert, kann man sich nicht mehr sitzend halten. Die elf Tracks auf dem geschmackvollen Album sind nicht nur Tanzlieder. Es sind auch Swinglieder, Umarmlieder und Schmunzellieder. Das liegt zum Einen an der herrlich entspannten Instrumentierung. Moderne Songs in diesem feinen Gewand der 40/50er ist bestechend süchtig machend. Zum Anderen liegt es an der Stimme von Iris Romen. Selbst, wenn man sie (noch) nicht kennt, hört man, dass hinter dem Mikrofon eine Dame steht mit einem nie endenden Grinsen, mit feinen Grübchen, die das Leben leicht und locker nimmt. Die wenig schwere Gedanken zulässt, lieber die leichten in den Vordergrund stellt und diese auf ihr Umfeld, auf ihre Musik überspringen lässt. Das wiederum findet auch in den Texten. Nehmen wir zwei Beispiele (die anderen Lieder überzeugen genauso schnell): Filmriss ist vielleicht das beste Lied, das den Geist der Mitte des letzten Jahrhunderts wiederspiegelt. Gewollt unperfekter Sound, eine unterhaltsame Geschichte, eine Atmosphäre, die Genuss und feines Tanzschuhwerk suggeriert. Noch ein wenig verschmitzter wird es auf Elevator Boy. Logisch, Musik und Humor ist ein heikles Thema. Viele scheitern. Wenige gehen da mit erhobenem Haupt raus. Iris Romen tanzt da raus, ganz locker, leicht, auf sonnigen Wolken getragen, schildert sie den Job des Fahrschuljungen. Filmromantik, Nostalgie - ohne Schwermut. Die Niederländerin veröffentlicht heute ein feines, kurzweiliges Album - eine herrliche Empfehlung. Kratzt eure letzten Münzen des Monats zusammen, unterstützt die Plattenhändlerin eures Vertrauens und dann schwingt ihr frohen Mutes ins Wochenende. Versprochen! Also: Kaufen Sie Romen!



Albrecht Schrader
(ms) Reisen wir nochmals woanders hin. Zurück in dieses Jahr, zu diesem Tag, denn heute erscheint ein weiteres, bemerkenswertes Album. Es spielt zwischen Elbchaussee, Eigelstein, Selbstfindung und Golfplatz. Denn Albrecht Schrader hat uns eine Geschichte zu erzählen - seine Geschichte. Das Album Diese Eine Stelle ist der Rückblick aufs Älter- und Größerwerden eines Mannes Ende dreißig, mit dem das Schicksal einiges vorhatte. Das Schöne an diesen 40 Minuten: Es geht halt nicht (zumindest nicht ausschließlich) um das Verarbeiten einer belastenden, vergangenen Liebe, exzessiven Drogenmissbrauch oder einer politisch-persönlichen Utopie. Schrader berichtet uns auf seinen Liedern, wie es war in sehr gut situierten Verhältnissen Hamburgs groß zu werden und was das mit einem macht. Ja, der Vorname kommt nicht aus irgendeinem Milieu. Geschichten von Polohemdnachmittagen auf dem Golfplatz, einer bezaubernden Liebeserklärung (im weitesten Sinne) an die Elbchaussee und der wichtigen Aussage, dass Blankenese eigentlich zu Altona gehört! Doch auch seine Kölner Zeit lässt er mit einfließen (Eigelstein). Vier Jahre nach der Leben In Der Großstadt-EP und dem Album Nichtsdestotrotzdem zeigt sich der ehemalige Kopf von Böhmis Rundfunktanzorchester reifer und angekommener in der musikalischen Szene hierzulande. Denn diese wunderbaren Geschichten mit Alleinstellungsmerkmal (Wir Sind Die Eliten) erscheinen in einem Songwriting, das hie seinesgleichen sucht. Es ist sanft, edel und verschmitzt. Durch viele Zeilen scheint ein subtiler Humor, der hängen bleibt (Mein Privileg steht mir im Weg...); nach längerem Nachdenken fällt mir nur Roland Meyer de Voltaire ein, der zumindest einen ähnlichen Sound kreieren könnte. In kreativer Hinsicht ist Schrader da natürlich in allerbester Gesellschaft. Wir gratulieren dem Wieder-Hamburger für eine reife, sehr runde Platte, die ihre Position in der Musiklandschaft sicherlich erst noch finden muss.

Freitag, 19. Juni 2020

KW 25, 2020: Die luserlounge selektiert!

Quelle: br.de
(ms/sb) Doppelt bitter: Pabst veröffentlichen heute ihr sehr gutes Album Deuce Ex Machina und können es nicht vor tosendem Publikum darbieten. Nicht ihren massiv druckvollen und dynamischen Sound so sehr aufdrehen, dass die Menschen vor der Bühne nicht anders können, als in Ekstase zu verfallen, sich komplett gehen zu lassen, das T-Shirt zu zerreißen, um sich anschließen mit Merchandise einzudecken. Nein, all das muss warten. Auch die Festivals sind futsch. Doch das Trio hat eine herausragende Idee! Sie spielen trotzdem überall. An einem einzigen Tag! Nichts leichter als das! Sie treten am Sonntagabend (21. Juni) um 20 Uhr auf allen Hauptbühnen auf: beim Open Flair, dem Sziget, dem Y Not? aus Großbritannien oder dem PULS Openair. Schaltet einfach hier bei YouTube ein! Locker beamen sie sich durch die Festivallandschaft und lassen ihre Songs endlich raus in die freie Welt! Ein neues, spannendes Alternativkonzertprogramm!

Und nun geht es los. Hier ist die luserlounge. Wir haben selektiert. Es ist Freitag. Los geht's!

Terrorgruppe
(sb) Boah, ist das lange her, dass ich das erste Mal was von der Terrorgruppe gehört habe. Ich fands auf jeden Fall sehr geil, hab mir ein paar CDs zugelegt und auch einige Konzerte besucht. Als Vorband waren damals unter anderem die Beatsteaks (der ein oder andere mag sie kennen...) dabei - Ihr könnt Euch also vorstellen, dass seitdem einige Jahre ins Land gezogen sind. Nach einigen Jahren Pause sind Archi MC Motherfucker, Zip Schlitzer und Co nun auch schon wieder seit 2013 aktiv und bringen am 26.06. ihr achtes - und laut eigener Aussage - letztes Studioalbum raus. Jenseits von Gut und Böse wird das gute Stück heißen und im Endeffekt ist alles wie immer: Ordentlich hingerotzter Punkrock, pointierte Texte, die Gesellschaftskritik im Regelfall in ein recht humorvolles Gewand packen, unverschämt im Ohr bleibende Melodien und die vielleicht größte Stärke der Berliner, nämlich Zitate am Fließband rauszuhauen, die man in jeder Lebenslage und zu jeder Zeit ins Gespräch einfließen lassen kann. Ja, ich werde Euch vermissen.


Darkstar
(sb) Kann elektronische Tanzmusik politisch sein? Aber hallo kann sie das! Und Darkstar beweisen auf ihrem neuen Album Civic Jams (VÖ: heute!) nicht zum ersten Mal, dass das Anprangern sozialer Ungleichgewichte durchaus tanzbar sein kann. Wurde bei vorherigen Alben beispielsweise der Brexit thematisiert, so geben Aiden Whalley und James Young auf ihrem vierten Longplayer auch Privates preis und schildern ihre Gefühlslage in politisch unruhigen Zeiten wie dieser. Auf die Weise werden Persönliches und Politisches miteinander verwoben, was dem ohnehin beeindruckenden Klangteppich eine weitere Dimension verleiht. Man kann das Album also auf zweierlei Art anhören: entweder als sehr anregende Hintergrundmusik, die vor allem auch bei der Arbeit die Kreativität fördert oder aber als Hauptbeschäftigung mit Fokus auf die Intention der Briten.
Oder man schießt sich einfach mit ein paar Bierchen zu viel ab und zappelt zu den ideenreichen Elektrobeats - Civic Jams funktioniert immer!


Sofia Portanet
(ms) Machen wir es kurz und bündig: Sofia Portanet veröffentlicht am 3. Juli einen ganz heißen Anwärter auf die Kategorie Album des Jahres! Das ist kein Scherz. Es ist keine Promo-Lüge. Es ist kein bemühtes Schönreden bei Künstlern, denen man einen Gefallen tun will. Nein. Dabei ist es sogar die erste Platte der jungen Musikerin; Freier Geist erscheint bei Duchess Box Records. 
Es sind nur neun Songs. Aber keine Schwäche, nicht eine Sekunde, die man skippen würde. Der Fast-Forward-Knopf bleibt unberührt. Denn es gibt unendlich viel zu entdecken. Englische, deutsche und französische Sprache kommt aus den Boxen, hüllen einen ein. Dazu paart sich oft ein programmatischer Sound und Text. Das hier könnte eine weibliche Antwort auf eine Kreuzung von Drangsal und Tocotronic sein! Auch das: Kein Scherz. Ihre Texte sind oft mystisch, verschlungen, breiten sich in dunklen Wäldern aus. Die Sprachen machen sich auch im Stil bemerkbar: Ob Chanson, 80er Gitarrenrock oder einen Hauch von NDW, Sofia Portanet hat das Zeug groß zu werden. Ein beachtenswertes Debut liegt hier vor. 3. Juli. Merken!


Roy Ayers, Adrian Younge and Ali Shaheed Muhammad
(ms) Seltsam und witzig. Das Seltsame: Meist bei Jazz frage ich nach dem Genre. Erwische ich mich häufig bei; es tut mir leid, sollte das langweilen. Aber ich kommt aus meiner 'Klassischer Jazz'-Box nicht heraus. Völlig starr und unflexibel. Ansonsten sind mir Genreschubladen eher egal. Ist das, was Roy Ayers, Adrian Younge und Ali Shaheed Muhammad nun machen, Jazz, Soul, irgendwas, das man vor Jahren mal 'Weltmusik' nannte? Hm.
Das Witzige: Ihr gemeinsames Album Roy Ayers JID002 erscheint auf dem Label Jazz Is Dead. Damit ist alles gesagt. Der König ist tot, lang lebe der König. Für die Jazz-Laien (zu denen ich mich unbedingt auch zähle) ist wichtig: Roy Ayers ist einer der wichtigsten Jazz-Vibraphonisten und feiert im September seinen 80. Geburtstag! Dabei klingt das Album derart frisch und bestechend, dass es voller jugendlichem Tatendrang nur so strahlt. Mal ist es zurückgelehnt, mal nach vorne preschend, immer elegant, etwas verschmitzt, furchtbar angenehm. Go:


Soom T
(ms) Festivals fallen aus, openairmäßig gibt es vereinzelte Vorstöße, um wieder gemeinsam Musik zu genießen. Die Töne um unsere Ohren schwingen zu lassen und insbesondere im Sommer den Bass vom Haaransatz bis in die Fußsohlen zu spüren. Denn es muss getanzt werden, das ist klar. Nur, man fragt sich: Wozu?! Sommertanzmusik ist für mich oft Seeed. Aber die richtig geilen Sachen sind halt auch schon alt. Neues kommt nun von Soom T! Kryptischer Name, politische Ansage. Die aus Indien kommende Reggae- und Dub-Künstlerin serviert bald ihr drittes Album. Es heißt The Arch und erscheint am 12. September. Da wird es voraussichtlich noch Draußentanzwetter geben! Das schöne an diesen basslastigen Beats ist ja, dass ihre Eingängigkeit eine gute Eingängigkeit ist, die es einem leicht macht, sich schnell in den Songs zu verlieren. Augen schließen, der Rest passiert von alleine. Für ihre gesellschaftskritischen Texte wird sie in Frankreich schon ordentlich abgefeiert! Zeit, dass ihr auch hier die großen Bühnen geöffnet werden! Los!


Zugezogen Maskulin
(ms) Mein großes Problem beim Rap-Hören ist, dass ich leider oft mehr auf den Beat achte als auf den Text. Bei der Musikrichtung äußerst fatal! Oft ist der Beat für mich der entscheidende Grund, ob ich entschließe einen Rap-Track zu mögen oder nicht. Ab heute ist Schluss damit! Denn Zugezogen Maskulin haben einen weiteren Song aus ihrem nächsten Album 10 Jahre Abfuck ausgekoppelt, das am 7. August erscheint. Denn rein vom Klang her würde ich Tanz Auf dem Vulkan sofort skippen. Das ist mir irgendwie zu asi-prollig. Okay. Ja. Es passt halt zu ZM. Genauso wie Testos melancholischer Tonfall, nachdem er sich ausgelassen hat. Wie immer versteckt sich hinter der harten ZM-Fassade große Zerbrechlichkeit, Selbstreflexion, zynisch-beißende Gesellschaftskritik und nie endender Humor. So auch das dazugehörige Video, das in der Gamer-Optik ihres Killerspiels produziert wurde. Bleiben wir gespannt, ob und wann eine definitive Ankündigung zum (Nicht-)Fortbestehen der Band kommt. Bis dahin: Auf dem Vulkan tanzen!

Donnerstag, 18. Juni 2020

Pabst - Deuce Ex Machina

Foto: Max Hartmann
 (ms) Vergleiche bei Rezensionen von Musik sind eine heikle Angelegenheit. Zum Einen legen sie dem Unbekannten schnell eine wahrscheinlich handhabbare Referenz nahe. Man kann schnell entscheiden, ob Neues gefallen kann oder eher nicht. 'Klingt wie Die Toten Hosen' würde ich halt nie anrühren. 'Klingt nach einem wilden Ritt auf den Synapsen' macht zumindest neugierig. Vergleiche machen es Schreiberin und Leser vielleicht leichter. Doch sie können auch verfänglich sein.
Beispiel: Das sehr temporeiche, kurzweilige, dynamische, sehr gute, mitunter psychedelische Album Deuce Ex Machina der Gruppe Pabst, das diesen Freitag (VÖ: 19. Juni) erscheint wurde bei meinem Plattenhändler des Vertrauens mit Queens Of The Stoneage verglichen.
Krux: Ich kenne nicht ein Lied der Königinnen. Das änderte ich dann und blieb etwas verwirrt zurück. Spielte nacheinander Stoneage und Pabst ab und fand einfach keine wirkliche Übereinstimmung außer einen Teil der benutzten Instrumente. Das kalifornische Quintett langweilt mich einfach nur auf anmaßende Weise. Träge schleppen sich die classic Rocksongs durch die Minuten. Ein Gefühl, das ich bei mir von den Foo Fighters kenne. Lähmend. Öde. Gähn.
Anders Pabst. Und die sind nur zu dritt! Erik an Gesang und Gitarre, Tilman mit dem Bass und Tore zerlegt das Schlagzeug in seine Einzelteile. Deuce Ex Machina ist nur etwas länger als eine halbe Stunde und knallt halt komplett! Da kommt (fast) keine Langeweile auf. Stattdessen türmt sich ein Klang herauf, der an die besten 00er Jahre erinnert. Von wegen Stoneage. Pabst klingen wie The Subways nur halt mit wesentlich mehr Dampf, weniger Drang gefallen zu müssen und schlichtweg mehr Energie!


Direkt mit den ersten Tönen der Platte wird klar, wer hier die Finger mit im Spiel hatte: Moses Schneider. Der geniale Produzent hat ja massive Referenzen (Turbostaat, Beatsteaks, Dendemann...). Das heißt: Wer bei Schneider aufnimmt, nimmt live auf! Ohne Kompromisse! Alle! Auf Ibuprofen ist es am Gesang zu hören; heißt aber nicht, dass das Können oder die Qualität leidet - im Gegenteil. Es hat genau den richtigen DIY-Charme, um nicht hipstermäßig-doof zu erscheinen. Der Gitarrenrock, wie man ihn bestenfalls aus Skandinavien oder aus GB der 00er Jahre kennt, macht sich auf Machina so herrlich deutlich: Ein Track voller Lässigkeit und schmachtendem Sexappeal. Es geht temporeich, schnörkellos, geradlinig und scheinbar simpel vor. Um das genauso klingen zu lassen, muss viel getüftelt worden sein!
Useless Scum ist nicht nur ein brutal geiler Name für ein Lied, sondern scheint inhaltlich eine Neuauflage von Eichendorffs Taugenichts heraufzubeschwören: All is good / so maybe I should / just carry on / I'm useless scum. Ein wenig Rockattitüde geht auch: herrlich satter Bass plus rhythmisches Händeklatschen im Hintergrund plus Gitarren-Schrammel-Solo auf Legal Tender. Hier bleiben keine Wünsche offen.
Und während solche Zeilen erklingen: The city has no skylines / the city is a small town / no place for losers like us (Skylines) kommt man zu dem simplen Schluss: Je lauter die Platte läuft, desto mehr Sinn ergibt sie. Ebenfalls einfallsreich: Ein Track heißt wish.com und ist... instrumental. Das ist natürlich schön witzig, dient der Platte auch als Interlude und kleine Pause zwischen den druckvollen Liedern.
Und dann kracht es nochmal so richtig. Figutive (Another Song About Running Away) ist mit seinen 3:07 Minuten das Highlight des Albums. Keine Pausen, keine Schwächen, nur Power, nur Bock, nur Aufdrehen! Das würde selbst auf einem Festival (s.u.) gegen Mittag um halb zwei jeden dazu anregen sich vollkommen zu verausgaben und den Rest des Tages auf dem Campingplatz zu verbringen.
Doch zum Ende kommen ein paar Zweifel auf. Denn etwas wirklich Neues kommt nicht mehr. Keine Ahnung, was ich zu Straight Line oder Up The Heat schreiben soll. Ja, Richtung Ende flacht die Platte deutlich ab. Aber keine Sorge, es macht ihr dennoch keinen Abbruch. Denn bis dahin war es ein wilder Ritt auf den Synapsen.


Die Band ist aktuell schwer getroffen. Corona und so. Klar, alle anderen auch, keine Frage. Die Szene hat zu ächtzen. Solo-Selbstständige und so. Bitter. Man kann nur hoffen, dass Hilfen schnell kommen. Es geht selbstredend um den Festivalsommer. Und Pabst wären in Spanien, Großbritannien oder Ungarn aufgetreten. Das schaffen halt nicht viele junge Bands aus unseren Gegenden. Und aus diesem Gitarrengenre. Get Well Soon - klar, die sind auch Avantgarde. Kraftwerk sind Legenden. Kalipo als elektronischer Künstler in ganz anderen Gefilden unterwegs. Aber eine Gitarrenrockband aus Deutschland?! Wünschen wir ihnen von Herzen, dass das kommendes Jahr klar geht.
Denn: Sie haben es mehr als verdient.

Deuce Ex Machina.
Pabst.
Jetzt!

Montag, 15. Juni 2020

Juse Ju - Millennium

Bild: facebook.com/juseju

(sb) Wir müssen reden. Du und wir. Von Mann zu Blog. Juse Ju und die luserlounge. Ganz ehrlich jetzt! Wir posten seit Jahren deine Videos, feiern deine Alben und EPs, loben dich über den grünen Klee und jetzt schüttelst Du einfach so ein Album aus dem Ärmel, das so brillant ist, dass es alle vorherigen Releases so dermaßen in den Schatten stellt und dass uns folglich fast ein wenig die Worte fehlen. Was ist los mit Dir? Woher kommt diese Reife, diese plötzliche Weiterentwicklung, die zwar andeutungsweise durchaus erkennbar, in dieser Form aber keineswegs zu erwarten war? Keine Lust mehr auf das Image des ewigen Studentenrappers oder tatsächlich eine natürliche Evolution?

Wie auch immer die Antworten auf all diese Fragen ausfallen werden, eins steht fest: Millennium (VÖ: 19.06.) ist ein herausragendes Rap-Album, das es Juse Ju ermöglichen dürfte, endlich aus dem Schatten erfolgreicherer Kollegen zu treten und die Aufmerksamkeit zu bekommen, die der gebürtige Schwabe eigentlich schon seit Jahren verdient. Bereits sein vorheriges Album Shibuya Crossing erhielt von mir das Prädikat „Album des Jahres 2018“, sein aktuelles Werk übertrifft seinen Vorgänger aber spielend. Versteht mich nicht falsch: Shibuya Crossing war schon eine extreme Ansammlung von Hits (v.a. Kirchheim Horizont, 7Eleven, Lovesongs), hatte durchaus aber auch seine Längen und gerade zum Schluss hin stieg der Drang, nochmal zurückzuspringen und sich die Favoriten anzuhören.

Bild: facebook.com/juseju
Anders bei Millennium: Es gibt diese Längen erst gar nicht und selbst der einzige Track, der mir persönlich nicht sonderlich zusagt (Ich hasse Autos) glänzt durch seinen Prolo-Charme und seinen pointierten Text. Und genau dieses Asso-Gehabe ist es vermutlich auch, was diesen Song vom restlichen Album unterscheidet, denn ansonsten geht es außerordentlich gesittet und intelligent zu. Juse Ju at his best. Bereits die erste Singleauskopplung TNT ließ aufhorchen und eröffnete eine völlig neue Sichtweise auf den Wahl-Berliner. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit der Thematik (Psychiatrie), die psychischen Folgen dessen, die Ups and Downs – in dieser Form bis dato undenkbar. Auch Claras Verhältnis lässt tief blicken und porträtiert eine toxische Beziehung mit all ihren Hoffnungen, Sehnsüchten, Rückschlägen bis hin zum Scheitern. Sehr authentisch, sehr stark!

Selbstverständlich kommen auch diesmal diverse Japan-Referenzen nicht zu kurz, verbrachte der Rapper doch einen Teil seiner Jugend im Land der aufgehenden Sonne und kehrte später noch mehrmals dorthin zurück. Während sich Sayonara in erster Linie dem Thema Freundschaft widmet, handelt Model in Tokio von Juses Kindheit, Perspektivenwechseln, späteren Geldsorgen und seinem surrealem Ausflug in die Glitzerwelt der Reichen und Schönen. Bedrückend und doch beeindruckend. Selbiges gilt auch für Unter der Sonne, den Abschlusstrack des Albums: hier gedenkt Juse seines verstorbenen Onkels, der ihm als junger Kerl sehr imponierte und der sein Ding einfach durchzog – ohne Rücksicht auf Verluste oder die eigene Zukunft, ohne sich zu schonen oder auf irgendwelche Kompromisse. Aber auch Helden müssen gehen und das – wie in diesem Fall – leider oft viel zu früh...

Bild: facebook.com/juseju

Kommen wir zum Höhepunkt und wahrscheinlich wichtigsten Song des Albums: Edgelord ist ein politisches Manifest, das klare Kante zeigt und das ein für allemal klarstellt, das manche Themen einfach nicht für Witze oder Zweideutigkeiten geeignet sind. Mit Milli Dance wurde für diesen Track ein adäquater Partner ins Boot geholt, der sich mit seiner Band Waving The Guns traditionell eindeutig positioniert und auch diesmal einen aussagekräftigen Beitrag leistet.

Apropos: Bei der Auswahl seiner Gäste verließ Juse Ju diesmal die gewohnten Pfade und so sind statt Fatoni und Edgar Wasser (die jedoch beide textlich erwähnt werden!) diesmal neben Milli Dance auch Bonzi Stolle (Massig Jigs), Panik Panzer (Antilopen Gang), Mädness, Nikita Gorbunov und Mia Juni zu hören. Das tut dem Album und sorgt für eine erfreuliche Abwechslung. Und jetzt: Kaufen!