Freitag, 17. September 2021

KW 37, 2021: Die luserlounge selektiert

Quelle: 37mmg.com
(ms) Hier in Niedersachsen durften wir bereits am vergangenen Sonntag in den Kommunen neu wählen, einige Stichwahlen stehen größeren Städten bevor, hier auch. Das dürfte sehr spannend werden! Es wird gleichzeitig zur Bundestagswahl stattfinden, die nächstes Wochenende über die Bühne geht. Wählen gehen - das ist klar.
Tatsächlich könnte es außerordentlich spannend werden, wenn abends hochgerechnet wird, ein recht offenes Spiel steht uns bevor. Logisch, dass die Trommeln gerührt werden und ihre Gesichter in jede Kamera blicken und die drauf los sabbeln. Vieles ist gut und berechtigt. Folgendes ist berechtigt, war aber vielleicht nicht so gut durchdacht. Wer die phantastischen 'Kinder fragen Rapper-Interviews von Pauline und Romeo kennt, weiß Bescheid. Ein Format von Late Night Berlin, in dem die Kids offensichtlich einen Knopf im Ohr haben und die Gäste in die Ecke drängen. Das hätte sich das Presse-Team von Armin Laschet vorher mal ansehen sollen. Vielleicht wär er dann besser nicht hingegangen. Dieses Video ist auf der einen Seite sehr unterhaltsam und auf der anderen natürlich unfassbar beschämend. Zum Einen muss klar gewesen sein, dass diese (!) Kinder nicht einfach Kinderfragen stellen. Zum Anderen kann der doch nicht solch irre patzige Antworten geben. Der soll und will Kanzler werden?! Was für eine wahnsitzige Idee.
Klar, man kann jetzt sagen, dass Scholz auch da war. Darum geht's aber nicht, liebe Whataboutism-Menschen! Laschet... Teddy is back!

Ende des kleinen politischen Ausflugs. Unsere Wahlempfehlung: die luserlounge! Weil wir es können!

Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys
(sb) Ja, wir verehren sie. Sehr sogar. Und wir haben Unmengen Amore für sie. Heute ist Zahltag und all die Liebe kommt zurück in Form der Single Quanto Costa. Die Herren vom schwäbischen Ufer des Gardasees kommen einfach so herrlich nonchalant rüber wie sonst niemand und der Charme von Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys ist ja schon seit Mitte der 80er weit über die Grenzen Italiens hinaus legendär. Große Gefühle, große Gesten!

 
Adrian Sutherland
(sb) Adrian Sutherland wuchs fernab der Großstädte in der Attawapiskat First Nation in Ontario, Kanada auf und konnte nicht zuletzt dadurch einen authentischen Einblick in die Nöte und Ängste der Indigenos gewinnen. Right Here, die erste Single aus seinem neuen Album When The Magic Hits (VÖ: heute) wurde im Juni veröffentlicht und hat mit ihrem Musikvideo, das aus 1600 Selfies besteht, landesweit Aufmerksamkeit erregt. Sutherland ist Sänger, Songwriter, Musiker, Schriftsteller, Redner, Fürsprecher und Unternehmer. Er ist außerdem Vater von vier Kindern, Großvater von vier Enkelkindern, Bewahrer traditionellen Wissens und ein angesehener kultureller Führer, der fließend Mushkegowuk Cree spricht. Als Musiker ist er im Folk zuhause und schafft es, den Hörer mit seinem neuen Album bestens zu unterhalten, ohne dabei oberflächlich oder monoton zu werden. Und das ist gerade in diesem Genre ganz schön schwierig...

 
Mini Trees
(sb) Ach Indie, Du kannst so schön sein, selbst wenn Du nicht unbedingt die Sonnenseiten des Lebens beleuchtest. Beispiel: Mini Trees. Das Soloprojekt von Songwriterin Lexi Vega glänzt mit poppigen Songs, die zum Mitsingen einladen, obwohl (oder weil?!) sie sich mit der kollektiven Angst vor der Ungewissheit des Lebens beschäftigen. Always in Motion (VÖ: heute!) schwankt zwischen Fragen und dem Wunsch nach Antworten - und der Erkenntnissen, dass das Nichwissen die einfachste Lösung darstellt. Kann unbefriedigend sein, muss aber nicht. Das Album jedenfalls macht Spaß und ist eine willkommene positive Überraschung.
 

School Of X
(sb) „Es geht um das Verlangen, aus der täglichen Routine und Langeweile auszubrechen, um das Verlangen nach Freiraum, Aufregung und größeren Gefühlen. Es ist eine Sehnsucht, die mich verführt und verfolgt und die manchmal einen Preis hat. Manchmal ist man am Ende ganz allein, weil man vom Licht geblendet wurde.“
So fasst Rasmus Littauer, das Gesicht zu School Of X, die Motivation für sein neues Album Dancing Through The Void zusammen. Das Ergebnis lässt sich hören. 11 Tracks, die sich im Gehörgang festsetzen und trotz des locker-leicht-elektronischen Auftretens durchaus Tiefgang haben. Für mich persönlich eine der größten Entdeckungen des laufenden Jahres - gerade weil ich mit derartiger Musik normalerweise nicht so viel anfangen kann. Das Album strotzt aber geradezu vor toller Kompositionen, catchy Melodien, fragiler Momente und überraschender Wendungen. Ganz stark!


Zahn
(ms) Klar, der Name ist großartig, aber die Musik mindestens genauso einfallsreich und pfiffig. Der große, große Vorteil instrumentaler Musik ist ja, dass ich mir dazu meinen eigenen Text, meine eigene Geschichte basteln kann und sie ist mir nicht zu nehmen. Oder ich kann mich einfach gedankenlos darin verlieren. Kommt manchmal echt auf die Spielart an, ob es ruhig, poppig, elektronisch oder gitarrenlastig zur Sache geht. Bei Zahn verschmelzen diese Möglichkeiten des Musikgenusses komplett. Am 20. August erschien ihr selbstbetiteltes Album und nun veröffentlichte das Trio eine Live-Aufnahme dreier Lieder, die darauf enthalten sind. Knapp eine viertel Stunde ist wundersam schleppender Gitarrenrock, Postrock, whatever zu genießen. Der besondere Zauber liegt darin, dass das Tempo so gering ist, das ist fast schon frech. Dieses wuchtige, dröhnende Traben ist jedoch keineswegs langweilig oder öde, sondern strahlt für sich. Anders kann ich das beschreiben. Diese Musik fasziniert mich, weil sie mutig und frei ist! Ab dafür:


Metronomy
(ms) Wenn es heißt 'XY bringt überraschend neue Musik raus', dann ist das leider häufig Schrott für die Verwertungsindustrie. Da hat vielleicht ein Label dann gesagt: "Macht mal ein bisschen, das hauen wir dann über Nacht raus, super Surprise, super gut, spielt super Geld ein." Ein großes Glück, dass Metronomy solch eine Herangehensweise völlig egal ist. Klar, sie haben sich einen Rang erspielt, aber auf das ganz große, kalkulierende Geschäft sind sie mit Posse EP Vol 1 sicherlich nicht aus. Diese fünf Lieder sind eine extrem kreative, mutige Zusammenstellung von Musik, die sich weit über dem Bandtellerrand findet. Metronomy selbst sind auf den Songs gar nicht so recht zu hören oder wahrzunehmen. Vielmehr hat sich der Kopf der Band, Joe Mount, gedacht: "Hey, gerade läuft ja gar nicht so viel, ich bastel mal an ein paar Ideen und schicke sie dann MusikerInnen, die mir mit ihrem Gesang die Nummer komplettieren." Gesagt - getan! Das Ergebnis hört sich an wie ein extrem rundes Mixtape mit klanglich-rotem Faden! Mount kannte nicht mal alle KünstlerInnen vorher, umso besser, weil unvoreingenommen. Es geht poppig, rappig, beinahe soulig zu auf den Tracks! Super kreativ, super gut, super hörbar!


Dope Lemon
(ms) Dass sich solch opulente Musikvideos heute noch irgendwie lohnen, finde ich super. Oder zumindest, dass sie gedreht werden. Vielleicht war das Abfackeln eines Maisfeldes gar nicht so teuer, aber die Bilder kommen ziemlich gut an bei mir! Das ist das erste Ungewohnte. Das Zweite folgt im Klang. Dope Lemon, das Alter Ego von Angus Stone, ist bekannt für seine zurückgelehnte Kiffermukke. Klar, entspannt geht es hier auch zu, aber mit einem ganz neuen Gewandt. Klammert man kurz das sehenswerte Video zu Stringray Pete aus, könnte der Track fast auch von den Gorillaz kommen, so abgefuckt entspannt und groovig ist das! Hach, das gefällt mir aber sehr! Gut, dass am 17. November das neue Album des Australiers kommt: Rose Pink Cadillac könnte ein ziemlich facettenreiches Ding werden! 

Dienstag, 14. September 2021

Mehr auf Konzerte oder: Ronja Maltzahn live in Oldenburg

Foto: Angela von Brill

(ms) Nicht ein Lied habe ich vorher gehört. Der Name war mir unbekannt und in der Location war ich vorher auch noch nie. Im Endeffekt denke ich, dass genau diese Mischung die Verlockung des Besuchs so groß gemacht hat.
Lange, lange Zeit bin ich sehr gut vorbereitet auf Konzerte gegangen. Die Hauptacts kannte ich ja eh, aber auch die Vorgruppen habe ich recherchiert und mir möglichst viel angehört. Warum ich das getan habe, weiß ich nicht mal genau. Vielleicht wollte ich meinen Nerd-Status aufpolieren oder möglicherweise auch gar nicht überrascht werden. Was für eine dumme Idee.
Voll aufgeladen bin ich am Sonntagabend nach Hause gefahren, nachdem ich Ronja Maltzahn mit ihrem Blue Bird Trio im Wilhelm13 gesehen habe, einem kleinen, feinen Jazz-Schuppen in Oldenburg. Nein, Maltzahn macht keinen Jazz, ihr aktuelles Album hat sie #worldpop genannt und sollte damit mehr als richtig liegen. Es war ein phantastisches Konzert, sehr rund, nah, frei!
Die Wochen momentan sind sehr voll - war absehbar und ist okay. Daher halte ich mir die Wochenenden frei für Langsamkeit und Schönes. Gerne wollte ich in der Stadt auf ein Konzert, wo ich gerade mal ein Jahr wohne und die ich C. sei Dank noch gar nicht soo gut kenne. Das Wilhelm13 scheint eine sehr gute Adresse für Jazz und Außergewöhnliches zu sein. Aufgesucht, nachgeschaut, hängen geblieben. Was mir so gefiel, ist die Beschreibung von Maltzahns Musik, so zart, klug, offen!
Also hin! Klar! Mehr Sachen machen! Keine Erwartungen haben, nur überrascht werden und glücklich nach Hause fahren. Geht es nicht darum bei einem Konzertbesuch? Ist es nicht das wohlige Gefühl, der leere, glückliche Kopf, die Zeit im Hier und Jetzt - auch wenn sich das jetzt nach allen Regeln der Kunst kitschig anhören mag, so ist es doch auch wahr! Immer öfter lese ich die Formulierung 'Raus aus der Komfortzone' und finde sie so unheimlich bescheuert! Was soll das? Ich verstehe es nicht, will es nicht verstehen. Erstens ist Komfort sehr gut und gemütlich, zweitens muss ich mich nicht ständig mit all möglichem Kram konfrontieren, drittens würde ich es lieber 'Überraschung' nennen, darin liegt mehr positiv Unerwartetes.
Genauso war der Abend mit dem Blue Bird Trio. Ronja komponiert, singt, spielt Gitarre, Cello, alles. Mit dabei war Lexy, die zwischen elektronischen Spielereien, Geige und Saxophon pendelte und Federico, der nicht nur Bass und Cajon, sondern auch Hang gespielt halt. Dieses wundersame Instrument aus einer anderen Welt mit einem überragenden, warmen, zauberhaften Klang. Lieder voller Traumlandschaften, Reisen durch phantastische Welten und Zeilen aus ihrem Leben, die ganz nah ans Herz gehen.
Das war wunderschön, das tat sehr gut!

Also: Mehr Überraschungen! Mehr auf Konzerte gehen. Spontan. Einfach machen.

Freitag, 10. September 2021

KW 36, 2021: Die luserlounge selektiert

Quelle: ponderings.com.au
 (sb/ms) Die Gegend hier ist dicht bebaut, besonders schön sind die drei, vier Straßen hier nicht. Bizarr ist diese Bemerkung erst, wenn ich nach der Arbeit, am Wochenende oder gerne abends auf dem Balkon sitze: dann ist es ziemlich still. Da frage ich mich schon, wo die ganzen Leute sind. Auf den anderen Balkonen nicht. Ich hoffe, sie sind unterwegs und kleben nicht vor der Glotze. Unergründliches Menschenherz.
Wenn ich auf dem Balkon sitze, sehe ich die Garagenzeilen von nebenan. Direkt dahinter geht ein Eingang in eine Reihenhausreihe. Vor der ersten Garage sitzt sehr häufig ein Mann, der dort hinter wohnt. Er sitzt oft wirklich einfach nur draußen vor seiner Garage rum und es passiert nichts. Manchmal steht er langsam auf, öffnet das Tor, holt einen Besen hervor und fedelt Laub auf die Straße. Recht behäbig, aber auch entspannt. Dass er so oft da sitzt und so wenig macht, fand ich lange Zeit irgendwie seltsam. Zunehmend beobachte ich jedoch, dass er mit sehr vielen Passanten ins Gespräch kommt, er kennt sie alle hier. Und sie scheinen gerne auf einen kleinen Schwatz vorbei zu schauen. Mit dieser Erkenntnis drehte sich mein Bild von ihm. Finde ich gut. Einfach mal den Mut haben, mit Menschen zu sprechen, die auch hier wohnen. Guter Typ.

Mit der Nachbarschaft ins Gespräch kommen geht auch, wenn die Musik sehr laut ist. Dafür sind wir da.

Und De Scheenen Hoa
(ms) Das tut mir jetzt wirklich leid und ich meine es ernst. Denn Musik ist mir echt ein heiliges Thema. Ich widme ihr sehr gerne einen beachtlichen Teil meiner Zeit, lass mich verführen und verzaubern. Mir fehlt einfach gerade die absolute Entspannung, um mich vollkommen auf den Text von Und De Scheenen Hoa einzulassen. Wenn ich mich anstrenge, würde ich es wohl verstehen, denke ich. Genau das ist das Problem, gewissermaßen. Aufgewachsen bin ich in einer Gegend, in der ziemliches Hochdeutsch gesprochen wird, wohnen tue ich nicht unweit der Nordsee. Da ist es vielleicht nicht unerstaunlich, dass mir der Zugang zum Mostviertler Dialekt fehlt. Aus der Wiener Josefstadt kommt das Trio, das sich Und De Scheenen Hoa nennt und letzte Woche ihr erstes Album Immer Wieder Neu veröffentlicht hat. Acht Lieder, eine halbe Stunde zwischen sanftem Akustikpop (mit Kontrabass!!!) und Mundart. Sie drehen sich um die Liebe, was aus dem morbiden Österreich eine gute Nachricht ist (gestern erst einen Band von Josef Winkler zu Ende gelesen...). Die musikalischen Miniaturen drehen sich um Zuneigung unabhängig vom Geschlecht, in Dialogform verfasst, was den besonderen Reiz ausmacht und ein genaueres Hinhören und Genießen schon verlangt. Es tut mir leid, dass ich dem hier nicht gerecht werden kann. Ergo: Auftrag an alle Lesenden!
 
 
Leyya
(sb) Bleiben wir in Österreich und leiten gekonnt über mit dem Satz: Scheiße, der Sommer ist vorbei! Dabei hätte Longest Day Of My Life die Scheibe des Sommers sein werden können, wäre sie nicht erst am 27.08. erschienen. Allerdings trügt der elektronisch-luftige Schein gewaltig, denn hinter der Fassade verbirgt sich die musikalische Therapie von Bandmitglied Sophie Lindinger. Depression - in der Gesellschaft immer noch viel zu tabuisiert. Für die Musikerin der schmerzliche Alltag, der sie verfolgte und verzweifeln ließ. Der die Kreativität killte. Der alles andere in den Hintergrund drängte. Der aus einem geplanten Album eine EP werden ließ. Ende August verabschiedeten sich Leyya auf unbestimmte Zeit von den Bühnen dieser Welt und bestehen vorerst als reine Studioband weiter. Hoffen wir, dass es Lindinger und ihrem musikalischen Pendant Maarco Kleebauer gelingt, sich aus den Fesseln der Krankheit zu lösen. Auf ihrer aktuellen EP legen sie jedenfalls sechs klasse Songs vor, die die durchlebte Phase der vergangenen zwei Jahre eindrucksvoll dokumentiert. Ganz stark!

 
Kraków Loves Adana
(ms) Musikalischer Mut. Das ist hier vielleicht genau das richtige Stichwort, weil es auf mehreren Ebenen auf diesen Track, diese Band, dieses Album zutreffen wird. Nun gut, von der letzten Behauptung müssen wir uns ab dem 12. November überzeugen lassen, wenn Follow The Voice des Hamburger Duos Kraków Loves Adana erscheint. Und ihre sechste Platte zeugt mal wieder von einer klanglichen Neupositionierung. Zum Einen ist es mutig den Text des gleichnamigen Tracks genau so knapp zu lassen, wie er ist. Er muss genau so sein, braucht keine Ausformulierung. Es ist alles gesagt. Das muss man erstmal schaffen. Zudem ist der Sound mutig, der sich wenig ändert, gewissermaßen stoisch bleibt ohne je lethargisch zu werden. Respekt. Ich denke, dass dieses Stück erst dadurch seine Form gewinnt, greifbar und schön wird. Eine zarte Melancholie schwebt im Hintergrund, über die Deniz Cicek sich gekonnt hinwegsetzt. Die Tendenz geht zu mehr Retro, eine langsame, dichte Version von Sofia Portanet vielleicht gar. Oh, was freue ich mich auf das Album! Es könnte erneut schön werden. Schön dunkel.
 
 
Jan Plewka und die schwarz-rote Heilsarmee
(sb) Es gibt grottenschlechte Cover von Ton Steine Scherben, es gibt gelungene Remakes der Rio Reiser-Klassiker - und es gibt Jan Plewka. Als Sänger von Selig, Tempeau und Zinoba hat er es - auch in den Charts - nach oben geschafft, doch als Verkörperung des Königs von Deutschlands gelingt es dem Künstler, sich neu zu erfinden. Ein Hauch von Reinkarnation, möchte man fast sagen. Auf Wann Wenn Nicht Jetzt (CD/DVD, VÖ: 03.09.) schlüpft Plewka bereits zum zweiten Mal in die Rolle des legendären Songwriters und gibt zusammen mit der schwarz-roten Heilsarmee zahlreiche Songs Reisers zum Besten. Highlights: Wenn Die Nacht Am Tiefsten und Mein Name ist Mensch. So muss es damals gewesen. So und nicht anders. Ein größeres Lob kann man Jan Plewka wohl kaum aussprechen.

 
Víkingur Ólafsson
(sb) Was ist der Kerl nur für eine Maschine! Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson veröffentlichte am 03.09. sein viertes Album innerhalb weniger Monate und hat sich diesmal Mozart & Contemporaries vorgenommen. Darauf vereint der Künstler neun Stücke des Komponisten mit ausgewählten Werken von CimarosaGaluppiC.P.E. Bach und Haydn. Zu hören ist Musik des späten achtzehnten Jahrhunderts, die Ólafsson gekonnt interpretiert und perfektioniert. Keine Frage: Technisch ist das einwandfrei, besser kann man das vermutlich nicht spielen. Und dennoch fehlt mir diesmal im Vergleich zu seinen anderen Werken ein wenig die Emotionalität. Das klingt extrem geschliffen, sehr (eventuell gar zu?) sauber und fast schon steril. Vielleicht kenne ich mich in der Klassik aber auch einfach zu wenig aus, um mir da wirklich ein Urteil erlauben zu dürfen...
 

Siberian Meat Grinder
(ms) Ich gebe es wirklich gerne zu. Würde diese Band anders heißen, hätte ich wahrscheinlich niemals auf den Link geklickt. So einfach bin ich zu kriegen. Was für ein bestialischer Name: Siberian Meat Grinder. Klar, da ist eine Menge Show mit verbunden, aber auch das finde ich super. Seit zwei Jahren will ich auch dringend mal zum Wrestling, aber gibt ja Gründe, warum das momentan schwierig ist. Schaut man durch die Videos der russischen Hardcore-Metal-Band mit Rap-ähnlichem Gesang, wird schnell klar, dass das Visuelle neben dem temporeichem Sound im Vordergrund steht. Der vermummte Sänger, die schnellen Schnitte der Bewegtbilder undundund. Egal, find ich gut. Im Januar gibt es dann das neue Album Join The Bear Cult der Kombo, das hier auch schon angeteasert wird. Klanglich ist darüber hinaus noch nichts Neues zu hören, aber das hier auf jeden Fall eine wuchtige Möglichkeit, sich ein Bild (haha) von der Band zu machen:
 

Spencer Cullum's Coin Collection
(ms) Der Vergleich zu Junip kommt mir persönlich schon ein bisschen zu schnell, daher lieber bedacht an diese Musik heran gehen. Eine ganz wichtige Voraussetzung für ihren Genuss ist hier wirkliche Ruhe und die innere Bereitschaft, sich drauf einzulassen. Nicht, weil es hörtechnisch besonders anspruchsvoll ist, sondern weil die Unaufgeregtheit des Klangs im Vorbeihören halt verschwinden kann und dann nicht mehr ihre Kraft ausstrahlt. Packend ist selbstredend die Querflöte ab der ersten Sekunde von Imminent Shadow, der ersten Single aus dem neuen Album von Spencer Cullum's Coin Collection (nebenbei große Liebe für den Namen!). Wahlheimat Nashville ist natürlich eine musikalische Ansage, aber das finde ich hier gar nicht so entscheidend. Viel mehr beeindruckt mich, dass dieses ruhige, leicht brüchige, zart melancholische Stück über weite Teile ohne Percussion auskommt, ein Kontrabass zu hören ist und die gezupfte Gitarre schlängelt sich bedächtig durch das Lied, während Cullum darüber singt oder viel mehr spricht. Außerdem kommt das Stück mit einem wirklich tollen Video daher. Am 24. September erscheint das der Band gleichnamige Album, auf dem es neben dieser Single mit all ihren Feinheiten mit Sicherheit noch viel mehr zu entdecken gibt!

Donnerstag, 9. September 2021

Yann Tiersen - Kerber

Foto: John Fisher

(ms) B. war letztens zu Besuch, wir tauschen uns viel über Musik aus. "Kenne ich nicht", sagte sie dann auf einmal. Ich war etwas verdutzt. Es war die Reaktion auf die Frage, worauf ich mich als nächstes freuen werde. "Yann Tiersen", war meine Antwort. Irgendwie habe ich - nicht nur bei B. - vorausgesetzt, dass der Name bekannt sei. Weit gefehlt in meiner eigenen kleinen, wabernden Blase. Für sein neues Album Kerber ist es auch ziemlich gut, wenn man Yann Tiersen gar nicht kennt. Die Assoziationen und Erwartungen könnten sonst irgendwo zwischen hoch, kitschig, schön romantisch und cineastisch sein. Lösung kommt unten, wer scrollt ist selber Schuld.
Sieben Stücke erstrecken sich auf einer guten dreiviertel Stunde. Wobei erstrecken das falsche Wort ist. Es impliziert, dass es sich dehnt, mitunter zäh und langweilig werden kann. Es sei garantiert, dass Langeweile hier nicht aufkommen wird. Traumhafte Sequenzen öffnen die Stücke. Beim Hören ist es leicht, in diesen Kosmos einzutauchen. Es könnten sechs Kapitel sein, oder eine große Geschichte - die Freiheit des Hörenden.

Alles, was so unter Neo-Klassik läuft, erlebt seit einigen Jahren einen ziemlich krassen Boom. Ich finde es toll, dass das möglich ist. Dass sich diese ruhige Musik ihr Feld sucht. Ob das jetzt alles kommerziell ausgeschlachtet wird, ist mir egal. Ja, vieles hört sich ähnlich an, wenn es still und zart ist. Doch die kleinen, feinen Nuancen sind es, die die Unterschiede entstehen lassen.
Auch bei Tiersen steht das Klavier im Vordergrund. Damit hat er jedes Stück angefangen zu komponieren. Das Schöne: Es blieb nie dabei. Ähnlich wie Ólafur Arnalds oder Martin Kohlstedt hat auch Yann Tiersen die anfänglichen Pianoparts auseinander geschnitten, wieder gesampelt, neu zusammen gesetzt, umgebaut, größer oder kleiner gemacht. Eine schöne, Legobaukasten-ähnliche Weise mit Klang zu experimentieren.
Natürlich, das Klavier bleibt auch im Vordergrund, es ist das bestimmende Instrument, auch wenn Tiersen in den Pressetexten das Gegenteil behauptet. Was für den Künstler auf diesem Album völlig neu ist, sind die elektronischen Spielereien, die er über, neben, auf die Tastentöne setzt. Einige geben dem Arrangement einen mechanischeren Klang, andere erzeugen futuristische Assoziationen, manche stören auf gute Art. Eine vielfältige, sehr hörenswerte Reise. 

Kerber klingt irgendwie hart, aber nur auf deutsch. Französisch müsste es 'kerbee' ausgesprochen werden. Es ist der Name einer kleinen Kapelle auf der Insel Ouessant, die vor Brest im Atlantik liegt, auf der der Künstler seit vielen Jahren lebt. Mit Kerlann beginnt das Werk ganz leicht, verträumt. Einzelne kleine Akkorde, die mit höheren Tönen garniert werden. Elektronisches Knistern gesellt sich dazu, als ob der Bildschirm flirrt. Es wäre jetzt verfehlt, zu behaupten, dass sich das Tempo steigert. Die Melodie wird ein ganz bisschen breiter, schlängelt sich aber in zarten, schönen, harmonischen Bahnen. Dieses Lied ist so unverschämt ruhig, dass es den gesamten Körper beim genussvollen Lauschen runterfahren lässt. Irgendwie orientalisch vom Titel her klingt Ar Maner Kozh. Ich weiß auch nicht was es bedeutet, interessiert mich auch nicht. Doch das leicht Pathetische, Romantische des französischen Wesens kommt ihr - meines Hörerachtens - zur Geltung. Die elektronischen Elemente dienen hier beinahe als Rhythmus. Da tritt das große Tasteninstrument merklich in den Hintergrund! Ein feines Spiel wird hier gespielt! Wirklich ruhig wird es nun auf Ker Yegu. Da könnte Tiersen fast mit Martin Kohlstedt zusammen gearbeitet haben. Irgendwo las ich, wie Klaviermusik gehört werden kann. Das Ohr konzentriert sich wohl automatisch auf die rechte Hand mit den hohen Tönen, sie strahlen auch auf diesem Stück. Die linke Hand jedoch bleibt vollkommen entspannt, mantrahaft spielt sie ihre Akkorde und sorgt für eine gelöste Grundatmosphäre. Mal den Fokus verschieben.
Das titelgebende Stück hat nun mit zehn Minuten und vierzig Sekunden die längste Spielzeit. Es entwickelt sich bedächtig aber mit klarer Kontur, nach zwei Minuten startet schon eine fühlbare Dramatik, eine schöne Unruhe. Die Dauer, aber auch das Arrangement zeigen hier recht eindrucksvoll, dass Tiersen ein Soundtrackkomponist der ersten Reihe ist: Hektische Bilder schwirren durch den Kopf, steigern das Tempo, nehmen es wieder raus, schwanken zwischen zarter Hoffnung und auflodernder Melancholie.

Eintauchen in Musik. Das liebe ich wirklich. Das macht dieses Album sehr leicht. Gerne höre ich mir diese Neo-Klassik an (wir brauchen dringend ein neues Wort dafür!), schließe die Augen, lasse mich entführen. Ehrlicherweise höre ich es auch nicht so oft. Es ist ein Typ von Musik, das Ruhe und vor allem Zeit braucht. Diese 48 Minuten sind ein starker Ausflug mit zahlreichen zu entdeckenden Details!

PS: Er komponierte den Soundtrack zu Goodbye Lenin und vor allem Die Fabelhafte Welt der Amelie.

Freitag, 3. September 2021

KW 35, 2021: Die luserlounge selektiert

Quelle: apotheken-umschau.de
(sb/ms) Der Urlaub ist vorbei und ich bin so derart entspannt, ausgeglichen und ausgeruht, dass mir nichts Berichtenswertes für hier einfällt. Politik wäre natürlich das Thema der Stunde mit einem immer noch recht zähen, öden Wahlkampf. Wie leicht wäre es, dass ich mich nun über diverse Plakatierungen in den Städten aufrege. Nö. Auch der Bahnstreik wäre ein gutes Thema. Arbeitskampf ist wichtig, egal, was Herrn Weselsky vorgeworfen wird. Finde ich gut. Bin auch unmittelbar betroffen, aber das will ich nicht auseinander dröseln, dafür ruht das Hirn viel zu sehr in diesem Kopf. Afghanistan ist mir als Laie viel zu komplex. Natürlich wurden da Fehler ohne Ende gemacht. Vor 40 Jahren, vor zwanzig Jahren, vor zehn, fünf und vor wenigen Wochen, Tagen, Stunden. Unermessliche Schicksale. Aber eine Sache stößt mir da doch echt bitter auf. Ein paar Berichte über die sogenannten Ortskräfte sah ich, die nichts als enttäuscht und verzweifelt sind und - noch viel schlimmer - Angst um ihr Leben haben, da sie deutschen Militärs geholfen haben. Die helfen nämlich gerade im Rückzug nicht. Allein das schockiert mich. Es ist eine offizielle Mitteilung, dass dem Staat diese Menschen vollkommen egal sind. Ob sie leben oder nicht. Ist denen egal. Das zu tippen tut ja schon unheimlich weh. Ich wünsche mir, dass alle Entscheidungstragenden schlecht schlafen. Ich ruhe weiter in mir und rege mich kommende Woche wieder auf.

Jetzt wird erstmal gelauscht. Gelust. Daher kommt das Wort. Viele fragen. Wir Antworten. Service!

Ásgeir
(ms) Runde Kunst ist die, die sich gekonnt von vielen Seiten gleichermaßen überzeugend zeigt. Sie kann hier laut, da leise, dort hell, drüben dunkel sein, doch der Ausgangspunkt ist immer der gleiche. Wenn das kreative Zentrum so harmonisch ist, dass es all diese Ausdrucksformen kennt und umzusetzen weiß, ist es nah dran, mich schnell zu überzeugen, da ist das Genre ganz egal. Ásgeir hat dies geschafft. Und zwar ziemlich gut. Bevor ich ihn letztes Jahr in Hamburg sah, war ich überzeugt, dass ich noch nie live erlebt hätte. Tja, vertan. Also: zwar erst zwei Mal live gesehen, aber ganz stark hängen geblieben. Denn er schafft es ganz herausragend, auf den Alben leise, zart, beinahe zerbrechlich zu sein in seinen feinen Arrangements und Atmosphären und live doch recht eindrucksvoll, ja, laut aufzutreten, ohne das beides sich widerspricht. Das ist Kunst für mich. Nun zeigt der Musiker, dass es auch akustisch geht, ohne das ganz große Brimborium. Und dass es trotzdem/deswegen immer noch so, so, so gut klingt. Nähe entsteht in den vier Liedern auf The Sky Is Painted Grey Today auf enorme Weise (dringender Tipp dies über Kopfhörer zu lauschen!). Auf den vier Stücken zeigt sich Ásgeir (der übrigens 'Ausgier' ausgesprochen wird) von einer ganz neuen, sehr lyrischen Seite. Ob alle Stücke autobiographisch sind, weiß ich nicht, ist auch egal. Sunday Drive ist es, zerbrechlich zudem. Wenn die Saiten auf der Akustikgitarre auf dieser EP erklingen, strömt Wärme und starke Emotion hinaus. Ja, auch Melancholie. Aber nicht die, die runterzieht, sondern die, die irgendwo noch ein helles Licht zeigt und dann bin ich angefixt. Das ist Kunst.

Vlimmer
(ms) Eine digitale Doppelsingle. Wusste ich vorher gar nicht, dass es das gibt. Als 7" wäre das sicherlich auch geil! Die Tracks im Internet kann ich halt nicht wenden. Muss ich aber auch gar nicht, da der physische Akt auch immer Pause bedeutet. Das kann den Vorteil haben, das Gehörte tiefer wirken zu lassen. Das direkte Aufeinanderhören bietet mehr Dichte, Nähe, das Gesamterlebnis. Das hat Alex Donat mit seinem Projekt Vlimmer erneut realisiert. Bevor in drei Wochen das erste richtige Album (Nebenkörper, 24. September) erscheinen wird, sind seit Kurzem zwei weitere Stücke zu hören: Meter und Kartenwarten. Sie zeigen eindrucksvoll, wie vielseitig er seinen Sound aufstellt. War die vorherige Auskopplung ein brachialer, positiver Anschlag aufs Nervensystem, haben diese beiden Lieder beinahe heilende Wirkung. Meter ist so dunkel, tanzbar und dynamisch, wie man es mittlerweile gewohnt ist. Kartenwarten hingegen schlägt einen ganz neuen Klang auf; beinahe andächtig, leicht melancholisch, auch vom Tempo her zurückgenommener. Ich gestehe, dass ich bei Vlimmer wenig auf den Text höre, da mich die Atmosphäre viel stärker interessiert. Doch Alex' Wortneuschöpfungen und sein lyrisches Können wird hier (erneut) hörbar. Drei Wochen noch...

Blaudzun
(ms) Immer öfter erwische ich mich dabei, wie ich mich über Veröffentlichungsstrategien aufrege oder zumindest verständnislos zurück bleibe. Beispiel: Blaudzun. Im Januar kommenden Jahres veröffentlicht der Musiker sein neues Album Lonely City Exit Wounds und seit heute sind schon drei Singles ausgekoppelt! Erste und einzige Frage: Warum? Mit dem Nachtrag: Streamingklicks generieren oder traut man den Menschen nicht mehr zu, sich auf eine ganze Platte einzulassen? Naja! Vorerst egal. Closer heißt das Stück, das heute erscheint. Zugegebenermaßen überzeugt es mich stimmlich gar nicht so sehr, aber das Arrangement finde ich für einen Indiepoptrack doch ziemlich gut. Das liegt vor allem an den Streicherparts, die eine gute Dramatik in das Lied bringen. Inhaltlich stellt er eine ziemlich gute Frage, die ich lange im abgegriffenen Paolo Coelho-Kosmos verortet habe: Wer bin ich und wer will ich eigentlich sein? Nein, kitschig ist diese Frage nicht, viel eher wichtig. Vielleicht braucht es eine gewisse Entwicklung, um zu dieser Einsicht zu gelangen. Dem würde der Holländer sicher zustimmen. Text und Arrangement schlägt also Gesang. 

Alicia Edelweiss
(ms) Letztes Jahr habe ich mir ein paar teure Sneaker gekauft. Ich hatte einfach Bock drauf. Und sie sehen auch ziemlich gut aus. Nur schmutzig werden dürfen sie nicht. Erklärt sich irgendwie von selbst, oder? Während dem bestimmt eher impulsiv als begründet viele Menschen zustimmen würden, wehrt sich Alicia Edelweiss mit Hand und Fuß und Haut und Haar dagegen, sauber zu sein! Sie bleibt Kind und ist daher nur zu beneiden. Endlich wieder dreckig sein und sich auf dem Boden wälzen und bloß keine frische Wäsche anziehen, das muss alles genauso so sein und bitte auch so bleiben! Logischerweise heißt Dreck ihr neuster Streich! Wobei eher das Video neu ist, das total verrückte, aber leider auch irre sympathische Stück führt sie schon länger live auf. Edelweiss ist nicht nur visuell auffällig, sondern auch musikalisch: Hier muss sich nichts reimen (wozu auch, Dreck reimt sich auch nicht!), sie schreit und suhlt sich zum Akkordeonklang. Erster Gedanke: Die hat ganz schön einen an der Klatsche. Zweiter Gedanke: Das ist halt auch Kunst. Dritter Gedanke: Das ist verdammt gut. Vierter Gedanke: Nachdem sie nicht mehr Teil der Voodoo Jürgens-Band ist, stehen die Zeichen bestimmt auch gut, sie öfter in Ekstase live zu sehen! Dreckig natürlich!

Fragments
(ms) Letztens sah ich in einer Spiele-Show folgende Idee: Das Logo einer Firma oder irgendeines Unternehmens dargestellt ohne den jeweiligen Schriftzug, nur die Form mit der passenden Farbe. Wäre es ein rechteckiger, fein verzierter, in üppigem gelb leuchtender Rahmen gewesen, wüsste ich sofort, dass es sich um Deutsche Grammophon handelt. So sehr hat mich eine kleine Kassettenbox aus der Kindheit geprägt. Darin waren vier Kassetten unter dem Namen 'Klassik für Kinder'. Das Label, das ich immer als sehr verstaubt und bieder in Erinnerung hatte, ändert seine Strategie seit einigen Jahren, konzentriert sich bei weitem nicht mehr nur auf reine klassische Musik, sondern geht darüber hinaus. Bestes Beispiel, das doch irgendwie im eigenen Kosmos stattfindet, ist Single-Projekt unter dem Namen Fragments. Grundlage ist das Werk des kreativen Erik Satie, der um das Jahr 1900 wirkte, seine Einflüsse sind immens! Das Label nahm sich vor, Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden. Ein Stück von Satie aufbearbeitet und neu interpretiert von KünstlerInnen, die heute kreativ sind. 12 Stücke werden es sein, die nach und nach veröffentlicht werden. Den ersten Schritt geht das Duo Two Lanes, das eine - im wahrsten Sinne - traumhafte Klanglandschaft erzeugt hat. Was für ein wunderschönes, leichtes, bezauberndes Stück Musik ihnen gelungen ist. Klar, es heißt ja auch Danses De Travers! Elf weitere Singles folgen, die danach als Album zu genießen sein werden. Oh, bin ich neugierig!

Mittwoch, 1. September 2021

Bayuk - Exacty The Amount Of Steps From My Bed To Your Door

Foto: May Hartmann

(ms) Tausend Gründe und Möglichkeiten gibt es, auf neue Musik aufmerksam zu werden. Manche bekommt man im Nachhinein gar nicht mehr so richtig zusammen, vieles passiert automatisch. Bei Bayuk weiß ich es ganz genau und der Grund ist wahnsinnig profan, aber er macht genau den Unterschied. Vor gut drei Jahren schwirrte ich durch Facie und sah diesen Titel. Es war echt das Wort. Wäre es normal geschrieben, hätte ich wohl nicht drauf geklickt. Happiness klänge mir vielleicht genau das Stückchen zu platt und ein wenig kitschig. Haaappiiiiiiiiiiiiinneeeeezz hingegen knallt, ist laut, will gehört werden, springt mir ins Gesicht. Dass das Lied gar nicht so wild ist, war dann egal. Denn es strotzt vor purer Schönheit, hat brüchige Ästhetik und holte mich mit der Portion Melancholie ab, die ich lange nicht mehr gehört habe, die ich gar nicht mehr musikalisch suche und dennoch hat es mich gepackt. Es folgte für mich Old June, ließ mich sprachlos zurück. Dieser sanfte, so direkte Text in diesem unheimlich stimmigen Musikkorsett. Ich war baff. Schaute dann auf die Aufrufzahlen und konnte meinen Augen nicht glauben, dass sie so gering waren. Auch die Anzahl der Besucher bei seinem Gig auf dem Reeperbahn Festival 2018 war überschaubar. Doch dann ist etwas passiert. Mit diesem Sound habe ich echt nicht gerechnet. Ich sah nur fünf, sechs Stücke, doch die Intensität und Lautstärke haute mich um. Ebenso Rage Tapes, sein erstes Album.
Ein bisschen gesucht und recherchiert und gelesen, dass Bayuk (Magnus Hesse in echt) sich Ideen von Tobias Siebert (And The Golden Choir) und mighty, mighty Tobias Kuhn (Monta, Miles) holt. Das muss gut sein, das muss packen, es geht gar nicht anders. Festzuhalten bleibt: Bayuk weiß sehr gut, wie ein eigenständiger, kreativer Klang funktioniert, der irgendwo im Pop verortet ist, aber sehr kunstvoll ausgefüllt. Dann gelingt es ihm zudem so oft Zeilen genau in diesen Sound zu singen, die ohne Ende knallen. Bislang.

Vergangenen Freitag ist seine neue Platte auf Groenland Records erschienen und trägt den unfassbaren Titel Exacty The Amount Of Steps From My Bed To Your Door! Boom! Ist es echte Romantik oder Liebeskummer? Erneut habe ich mich in der bescheuerten Lage wiedergefunden: Oh, das muss genauso (gut) werden, wie der Vorgänger. Denkfehler: Ich wünsche mir das gleiche nochmal. Ist ja aber Quatsch, dann kann ich die vorhandene Platte ja direkt hören. Was ich aber schon erhoffe: Auf irgendeine Art nochmal so mitgerissen zu werden. Mit den ersten beiden Singles ist das noch nicht gelungen, egal. Eine Platte muss für mich als Ganzes funktionieren!

Als vorzuziehendes Fazit kann schon mal festgehalten werden, dass das Album nicht mehr so experimentell ist. Lieder wie Phantom Track oder Lions In Our Bedroom sind sowohl von der Länge als auch von ihrem mutigen, wunderschönen Arrangement nicht zu finden.
Was aber auch gar nicht schlimm ist. Denn ich kann es verstehen, dass Bayuk vielleicht etwas mehr gefallen will, etwas runder, leichter zugänglich sein möchte. Klar, wer möchte sich nicht eine gewisse Position erspielen?!
Knapp 40 Minuten dauert die Platte und beginnt mit herrlich schönem, schweren Klang. You Won ist der Beginn dieses Albums. Ein runder Sound, bei dem er leichte Verzerrungen in der Stimme fast als eigenes Instrument nutzt. Inhaltlich wird mit diesem Stück der Leitfaden, der Kanon der Platte festgezurrt. Ein persönlicher Blick zurück auf die Jugend, die vergangenen Jahre. 29 ist Bayuk, daher kann ich mich unfassbar mit diesem Schritt identifizieren, wenn das Erwachsenenleben so richtig da ist und so viel um einen herum sich bewegt, ändert, dann schaut man zurück. Er meint zu dieser Scheibe, dass er seine musikalisch-ästhetische Hülle des Erstlings abgelegt habe und nun eine klarere Perspektive möglich sei, auf sich selbst und seinen Klang. Fast ein zweites Debut also. Hörbar. 200 Miles ist beinahe folkpoppig, der biographische Anknüpfungspunkt vielfältig. Bei diesem Stück ist auch der private, melancholische Fokus ähnlich zu viel Indiepop aus den 00er Jahre, den auch Bayuk geprägt hat: Wo stehe ich mit dieser Beziehung, die gerade in die Brüche geht und was gebe ich dafür?

Ja, das brutal Experimentelle ist nicht mehr da, aber in den Zwischentönen zu hören. Das leichte Schwirren zu Beginn in Head Under Waves zum Beispiel. Musik dringt dann immer stärker ans Herz, wenn sie auch inhaltlich knallt. Dieser Song erwischt mich privat so heftig, dass ich ihm fast dankbar dafür sein muss. 
Als große Tobias Kuhn-Fans müssen wir natürlich etwas aufmerksamer bei Different hinhören, da das Lied als Feature mit Monta ausgezeichnet ist. Es beginn mit Radio/TV-Stimmen, leichte Synthie-Klänge, Akustikgitarre, Stimmung kommt. Wenn Kuhns Stimme einsetzt ist sofort das Bild von Aufbruch da: Voranschreiten trotz gebrochener Seele. Ein Stück gefüllt mit poppiger Dynamik, das gefällt sehr schnell und gut! Auch ein sattes Gitarrensolo muss dabei sein, herrlich nostalgisch im allerbesten Sinne!
Eine persönliche, subjektive Einschätzung von Musik kann ich nicht vermeiden (die Freiheit des Bloggenden). Das Thema Melancholie spielt auf diesem Album schon eine große Rolle. Ist inhaltlich ja auch irgendwie klar, wenn all die Schattierungen der Jugend und des Heranwachsens betrachtet werden, insbesondere auf emotionaler Ebene. Das ist etwas, das ich seit einiger Zeit musikalisch gar nicht mehr suche und brauche. Daher holt ein Stück wie Oslo mich nicht ab. Es bedrückt mich auf schöne Weise, aber das will ich eigentlich gar nicht, aber Skippen tu ich selbstredend auch nicht.
Gleiche Richtung und gleiches Argument bei Holiday Lights, Dear Paul oder Elephants. Überall gefallen mit die kleinen musikkreativen Spielereien, doch sie sind eher Garnitur statt Hauptgang. Glücklicherweise ist Supercoolkidsuniverse dann noch ein Track, der wieder nach vorne drängt, leicht, fast tanzbar ist!

Doch die wenigen Tracks, die klanglich strahlen, können ein recht andächtiges, lyrisch intensives Album für mich nicht in ein helles, begeistertes Licht rücken. Damit meine ich überhaupt nicht die Qualität. Das ist toll komponiert und produziert, sehr schön gemacht. Aber die - ich muss mich hier wiederholen - melancholischen Parts begeistern mich nicht. Sie packen mich nicht. Sie ziehen mich runter. Und aktuell möchte ich von Musik nicht runtergezogen werden. So bleibt das hier ein sehr subjektiver Einblick. Mit Sicherheit wird dieses Album bei vielen Ohren ankommen, da bin ich mir hundertprozentig sicher. Magnus wünsche ich es von Herzen! Wenn er bald wieder live spielen sollte, stehe ich selbstredend da. Das könnte nämlich wieder alles ganz anders klingen!
Und wer weiß... vielleicht wird Album Nr. 3 ja wieder eine Neuerfindung seiner selbst!

Freitag, 27. August 2021

KW 34, 2021: Die luserlounge selektiert

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(sb/ms) Einen Fernseher habe ich nicht. Klingt nach so einer unfassbar bescheuerten Selbstpositionierung, die heißt: Nein, berieseln tu ich mich nicht, ich bin besser als das, ich brauche das nicht, da läuft doch nur plumpes Zeug, das mich abstumpft, ich lese nur die Zeit und brandeins und denke über Hegel nach. Oder: Nein, lineares Fernsehen schaue ich nicht mehr. Ich schaue nur noch die 3sat Mediathek leer und genieße mein Abo der Weltkunst. Jaja, so ein Quatsch halt. Dabei kann die gleiche Aussage auch aus einem ganz anderen Blickwinkel stattfinden. Meiner ist eine Sache der Bequemlichkeit und Faulheit. Ein Fernseher passt irgendwie nicht in das Wohnzimmer und irgendwie will ich da auch kein Geld für ausgeben. Ich bilde mir lieber was ein auf das Bücher-, CD- und Vinyl-Regal. Da waber ich lieber durch meinen eigenen dämlichen Standpunkt. Klar, Streaming etc. ist hier auch an der Tagesordnung, macht ja auch Spaß. Was ich sagen will: Im Urlaub war ein Fernseher auf dem Zimmer und irgendwie war es geil, dem ganzen mal wieder ausgeliefert zu sein (Stichwort: Entscheidungsfindung beim Streaminganbieter wegen Überangebot). Einfach mal Schrott gucken. Es gibt offensichtlich eine Sendung die Grill Den Henssler heißt. So so. Oder eine total misslungene Neuauflage von MacGyver. Oder einen schlechten Trash-Film Namens Attac Of The Killer Donuts. Hätte ich vorher nicht gewusst. 

Kulturschmelztiegel luserlounge. Hier wird alles durchlaufen, alles mitgenommen. Abfahrt:

Juse Ju
(ms) Er ist einer der ganz großen Lieblinge des Blogs hier. Zum Einen ist Juse Ju halt unfassbar sympathisch. Man muss sich nur mal seine Auftritte beim Punchline-Quiz anschauen, super Typ. Zum Anderen ist quasi live mitzuerleben, wie er immer besser wird, reifer, genauer, härter, präziser, gewandter. Seit einiger Zeit veröffentlicht er monatlich einen neuen Track. Am 1. Oktober erscheint diese Sammlung auf dem neuen Album JuNi, das sicherlich sehr, sehr gut sein wird. Der neuste Beweis lautet Gargoyle zusammen mit MilliDance. Als großer WTG-Fan hätte ich vorher nie gedacht, dass diese Kollaboration so derart gut aufgeht, es ist schon der zweite gemeinsame Track. Nach dem politischen Edgelord nun ein eher biographisch, brüchiger Track, der mal wieder nahe geht. Er zeigt auch Milli von einer neuen, dieses Mal eher singenden Seite. Noch eine starke Entwicklung: Das Stück zeigt erneut, wie gut Juse als sein eigener Beatproduzent funktioniert. Wie geil ist das denn eigentlich?! 36 Tage noch warten, dann kommt das Ding!

WolfWolf
(ms) Angst. Ängste. Ihr kennt sicher auch diese lustigen, langen Wörter, die dann 'Angst vor dem leeren Bierglas' oder so bedeuten. Schöne Sprachspielerei. Banale Ängste. Auf der anderen Seite solche, die uns einfrieren lassen, bewegungslos, erschüttert zurücklassen. Ich habe zum Beispiel Angst vorm Schwimmen. Ich kann das auch nicht, ich bekomme Panik, wenn mir das Wasser zu hoch steigt. Vor zwei Jahren war ich seit vielen, vielen Jahren mal wieder in einem Schwimmbad und war wirklich besorgt vor dem Besuch. Menschen haben aber auch sicher Angst vor Schwarzen Löchern. Es gibt sie, sie sind ein gruseliges Mysterium mit der Frage im Kern: Was ist dahinter? Wo gelangt das Zeug hin, das verschluckt wurde? WolfWolf aus der Schweiz behandeln diese Frage in ihrem neuen, sinnigerweise Black Hole genannten Stück. Was für eine elektrisierende Nummer. Ich finde es geschickt arrangiert, sowohl wuchtig als auch reduziert auf zwei Instrumente plus Gesang. Und nennt mich nostalgisch: Aber der Gitarrenriff hätte in den 00er Jahren ja eine irre heiße Nummer werden können! Achja: Das Video ist auch top!

Palace
(ms) Hörgewohnheiten und die eigene Entwicklung, ich mag mich dabei selbst gern beobachten. Sicherlich hätte ich zu vor ein paar Jahren und in einer anderen als einer entspannten Situation auf dem Sofa bei Palace schnell geskippt. Doch ihre neuste Single Gravity finde ich ganz gut. Vor allem spricht mich diese ungeheure Zurückgelehntheit im Klang an, wenn ich selbst diese Position halb liegend gefunden habe. Das passt doch ganz hervorragend. Langsamkeit in Musik muss man erstmal aushalten, um sie bloß nicht langweilig zu finden. Ein paar gut eingesetzte Synthie-Klänge, eine schleppend schöne Gitarre, hoher Gesang und ein gewisser Grad an Coolness machen dieses Stück Musik sehr rund und weich. Das Londoner Quartett kündigt hiermit ihr neues, noch unbetiteltes Album an, das Anfang des kommenden Jahres erscheint. Und wie glücklich macht es mich, endlich wieder regelmäßig Konzerte anzukündigen:

19.02.22 Köln - Luxor
25.02.22 München - Strom
02.03.22 Berlin - Heimathafen
05.03.22 Hamburg - Mojo

The Blue Butter Pot
(ms) Wenn es hier um französische Bands geht, spielen sie oft elektronische Musik. Faszinierend, dass dort so eine erfolgreiche und sehr gute Szene lebt und regelmäßig große, gute, tanzbare Hits über die Grenzen spült! The Blue Butter Pot haben nun mit derartig elektronischen Effekten überhaupt nichts zu tun, davon sind sie kilometerweit entfernt. Ein anderes Instrument spielt bei denen die Hauptrolle: Die Gitarre! Und wie! Am 1. Oktober erscheint ihr neues Album Jewels & Glory! Darauf wird zu hören sein, wie die Gitarre perfekt in einem rauen Bandsound in Szene gesetzt wird. Mr Painkiller ist die erste Auskopplung und macht sehr viel Spaß. Von der technischen Seite des Gitarrenspiels habe ich keine große Ahnung, ist mir auch egal. Doch ich kann es sehr genießen, wie schwer und tief sich dieser sehr klare, markante Sound durch das Stück fräst und zusätzlich dem sehenswerten Video die genau passige, cineastische Atmosphäre verleiht! Sitzt, passt, wackelt, hat Luft!

rokotak
(ms) Wir tun jetzt so, als wenn wir hier den Namen Gisbert zu Knyphausen nicht als Referenz angeben, denn das wäre wirklich zu heftig. rokotak also. Das ist Milan Greulich, der es versteht gute, wirklich gute Texte auf deutsch zu schreiben. Denn da bin ich ganz ehrlich: Bei deutschsprachigen Liedern werte ich oft den Text wesentlich stärker als die Musik (die hier auch ganz sanft und harmonisch ist). Emma heißt das Lied, welches uns auf sein Solo-Erstling hinweist, das am 24. September erscheinen wird und den wunderwunderschönen Namen Riech An Blumen (Und Merk Dir Ihre Namen) heißt. Ich ziehe den Hut, was für ein toller, unkitschiger Name. Ich bin ein schlechter Blumenkenner ohne grünen Daumen und dieser Tage erst wurde ich strahlend auf die Nachtkerze hingewiesen. Gerochen und gemerkt. Emma wiederum ist die Begegnung im Leben, die uns Fragen stellt und die wir manchmal selbst gern sein würden, wenn wir mal wieder nicht wissen, wer wir eigentlich sein wollen. Super getextet, schön geschrieben und HIER gibt es das Lied noch samt Bandsound zu hören! Lektion 1: Nachtkerze!

Kiefer
(ms) Ein Genre, dem wir uns länger nicht gewidmet haben, ist der gute, alte Jazz. Stop! Das Wort 'alt' hat hier überhaupt nichts zu suchen. Das, was der Musiker Kiefer Shackelford, der sich für die Kunst einfach beim Vornamen nennen lässt, macht, ist ja nicht alt. Klar, sein neustes Album kommt heute (!) raus, ist also auf profane Weise aktuell. Doch es geht mir viel mehr um den Sound, das Gefühl und die Geschichten, die er mit seinem Klang erzählt. Die Platte heißt When There's Love Around und erzählt von sich selbst. Das Werk hat zwei erzählerische Hälften: Die erste erzählt zum Teil von seiner Jugend, deren Fotos er heute betrachtet und sich in Nostalgie wiederfindet, aber auch von seiner Position in der Welt, die er mitunter als klein und unbedeutend empfindet. Die zweite Hälfte wiederum ist ein spiritueller Ausflug, ein Betrachten von Trauer und Schicksal, das ihn ereilte, als seine Großmutter starb. Solch Gedanken auf instrumentaler Musik zu verwirklichen, finde ich großartig. Als Hörer nur oft schwer wiederzufinden. Da mache ich es mir oft leichter und will meine eigene Geschichte auf die Platte legen, träumen, vielleicht auch fliehen. Das fällt mir leicht bei einem sanften, sehr entspannten Klang, der stark Richtung Easy Listening geht. Das funktioniert sehr gut im Hintergrund oder bei geschlossenen Augen via Kopfhörer!