Bei verhältnismäßig einfachen Tätigkeiten kann ich gut meinen Gedanken nachhängen. Anfang der Woche ein wenig im Garten gewirkt und über Collien Fernandes und Christian Ullmen nachgedacht. Zuerst war ich bestürzt und danach angeekelt und dann nochmal bestürzt. Natürlich spricht man auch im privaten Feld darüber und da ploppte schnell die Frage auf, warum Männer das machen. Ich entgegnete aus irgendeinem Reflex mit der Aussage, dass ich nicht der Anwalt meines Geschlechts sei. Darüber habe ich dann im Garten nochmal nachgedacht und die Aussage für falsch empfunden. Natürlich, ich bin Anwalt meines Geschlechts, solange so viel Scheiße passiert. Solange Männer es nicht hinbekommen, einfach nett zu sein und ein bisschen Respekt an den Tag zu legen, ein wenig Anstand, ein bisschen Gleichberechtigung, so lange muss auch ich meinen Kopf hinhalten und jeden einzelnen Tag versuchen, dass das Gegenteil möglich ist. Das ist doch das mindeste, oder? Und wenn man Scheiße sieht, muss man sie als solche benennen. Da haben wir leider immer noch einen wahnsinnig weiten Weg zu gehen. Und so lange wir Typen da nicht voran gehen, sondern immer wieder unsere Stellungen missbrauchen, wird da leider nichts passieren. Männer, seid ihr dabei? Ist doch nicht so schwer.
Kettcar
(Ms) Wer hier etwas länger mitliest, weiß recht gut, dass diese Band bei mir recht weit vorne steht. Es müssten sich mittlerweile so 35 bis 38 Kettcar-Konzerte zusammengesammelt haben und jedes war auf seine Weise wirklich toll. Ob in Osnabrück das Publikum komplett Balkon Gegenüber singt oder sich eine Fahrt nach Hildesheim lohnt. Ob mit Streichern im Dortmunder Konzerthaus oder im Innenhof vom Molotow. Kettcar holen mich immer wieder ab. Nachdem sie im September verlautet haben, dass erstmal wieder Ruhe einkehrt und die Band neue Lieder schreibt, kommt nun die Nachricht, dass sie im Juni drei Konzerte spielen. Wer rastet, der rostet… oder so. So macht die Gruppe einen kleinen Norddeutschlandausflug und dass sie im Bremer Schlachthof spielen, ist mir ein ganz besonderes Vergnügen, denn zum Einen ist das einer der besten Läden an der Weser, zum Anderen war das Pier2 doch echt keine Kettcar-Location, oder? Eben. Also: Alle hin da und der Band die Karten aus der Hand reißen. Vielleicht gibt es ja einen neuen Song zu hören?!
18.06. - Bremen, Schlachthof 21.06. - Stralsund, Motorfähre Vitte 22.06. - Ort und Zeit werden noch bekannt gegeben
Fatoni
(Ms) Wer hätte je gedacht, dass Fatoni so ein guter Sänger ist?! Vielleicht nicht mal er selbst? Über seine Rap-Qualitäten muss ja wirklich nichts mehr gesagt werden. Auch über seine Kunst, Texte zu schreiben, auch wenn er so stark daran zweifelt. Dann noch Schauspieler: Ja, Kacken An Der Havel ist ein nettes, schräges, unterhaltsames Vergnügen. Wann Werd Ich Endlich Ausgetauscht? heißt seine neue Single, die vergangene Woche erschien und auf der sein Bariton im Refrain so richtig toll zur Geltung kommt. Ein typischer irgendwas-ist-immer-Fatoni-Track, der aber musikalisch doch anders aufgebaut ist. Die satten Beats aus Nachos sind verschwunden, dafür ein wenig mehr Pop. Es steht ihm gut. Die Vielfalt macht ja den Reiz aus, oder? Eben! Am 3. Juli erscheint seine neue Platte Drama Endet Nie und im Herbst geht er damit auf Tour. Alle hin da, okay?
03.09. - Leipzig, Felsenkeller
04.09. - Erlangen, E-Werk
05.09. - Stuttgart, Wagenhallen
11.09. - Hamburg, Große Freiheit 36
12.09. - Köln, Carlswerk Victoria
22.09. - Wien, Arena
23.09. - München, Muffathalle
24.09. - Wiesbaden, Schlachthof
10.10. - Hannover, Capitol
11.10. - Münster, Sputnikhalle
28.10. - Berlin, Columbiahalle
Portugal. The Man
(Ms) Wenn man Mitte dreißig ist, ging dieses Lied - je nach Lebenslage - vollkommen an einem vorbei. Wer jedoch altersunabhängig mit Kindern zu tun hat, dem ist Golden definitiv ein Begriff. Auch wenn einige Kinder K Pop Demon Hunters nie gesehen haben, können sie alle diesen Track mitsingen. Von vorne bis hinten. Man mag sich ja manchmal fragen, wie das alles geht… aber ist ja auch ein bisschen egal. Letztens habe ich im Musikunterricht das Lied mit einer zweiten Klasse mit Boomwhackern begleiten lassen und die Meute war außer Rand und Band. Logisch, dass so ein Track dann auch massig gecovert wird. Selbst Portugal. The Man machen eine eigene, etwas reduzierte Version daraus. Sie ballert nicht so sehr, holt diesen Hit ein wenig auf den Boden und die Band aus Alaska zeigt, dass Glitzerpop doch eine gewisse Faszination ausstrahlen kann…
Ostern steht vor der Tür. Spätestens seit ein paar Wochen wird es fleißig durch die prall gefüllten Supermarktregale angekündigt. Dann haben die Schulen für zwei Wochen frei, Klein und Groß freuen sich über allerhand Leckereien und schönen Suchaktionen im Frühling. Die Familie kommt zusammen, Menschen zünden große Feuer an oder fahren in den Urlaub. Doch der Grund, warum das alles passiert, ist mittlerweile völlig egal, oder? Ostern ist ein riesen Bohai, aber dass dem ein kirchliches Fest, das höchste im Christentum, zugrunde liegt, scheint egal, oder? Warum sollte man das also noch feiern? Um die Schokoladenindustrie zu finanzieren? Um einen Anlass zu haben, die Familie zusammenzutrommeln? Hat da jemand eine Antwort?
Dekker
(Ms) Wenn der Mann unter dem großen Hut anfängt zu spielen, dann wird es warm, weich, kurzweilig, entspannt. Dekker aus Brooklyn liefert ganz unscheinbar seit vielen Jahren sehr gute Musik ab. Sie ist unaufgeregt, meist ruhig, hin und wieder auch sehr beschwingt. Doch eine leichte Melancholie liegt stets auf seinen Songs. So auch auf seinem aktuellen Album Neither Up Nor Down. Elf Lieder sind auf der Platte und sie nehmen die Mitte des Lebens mit seinen ganzen Facetten als Thema auf. Ja, ist manchmal gar nicht so leicht, wenn die Jugend - oder das, was man eventuell lange dafür gehalten hat - wirklich vorbei ist und eine Phase einsetzt, die an manchen Tagen auch schwer zu akzeptieren ist. Dekker nimmt die Hörenden mit seinen Stücken an die Hand, trägt sie dadurch, schenkt Verständnis und lässt trotz der Schwere die Leichtigkeit nicht zu kurz kommen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass ein Dekker-Gig einfach eine gute Zeit ist. Und, ganz ehrlich: Sehnen wir uns nicht ein wenig danach? Eben, also hin da!
(Ms) Na, habt ihr auch schon das ein oder andere Frühlingsgefühl? Ist es nicht faszinierend, dass der Wechsel der Jahreszeiten nie aufhört, uns zum Staunen zu bringen?! Ich bin wirklich großer Fan davon. Man selbst und die Freunde kommen wieder aus der Winterhöhle raus, die Abende werden wieder länger, die Stimmung - trotz all dem Grauen auf der großen Weltbühne - besser. Oder? Dazu liefert uns Christin Nichols den passenden Track. Noch Wach ist nicht nur eine ziemlich treibende Nummer mit Hey Hey Hey-Elementen, die an die goldenen Indiejahre erinnern, sondern auch die Leichtigkeit einer guten Beziehung bejubelt. Es ist schon ein Liebeslied, wo sich das lyrische Ich das Gegenüber spät herbeisehnt, um einfach beieinander zu sein und über alles zu reden. Der Track könnte genauso gut eine Hymne auf eine große Freundschaft sein. Egal, wie wir uns den Song zurechtinterpretieren, es ist ein hervorragender, Lust-auf-Mehr-machendes Lied: Am 24. April erscheint ihr neues Album mit dem einprägsamen Titel Christin Nichols.
(Ms) Wem bei diesen flirrenden Gitarren und diesem rollenden Bass nicht das Herz höher schlägt, ist echt nicht weiter zu helfen. Zum neuen Album Beest von Fluppe ist die Band aus einem Trio zum Quartett gewachsen. Letzten Freitag erschien diese Platte und liefert uns elf neue Tracks, die in Post-Punk-Manier die Gegenwart sezieren. Es lohnt sich sehr, diese Songs recht laut zu drehen, denn dadurch schwappt die Energie noch stärker über. Ja, auch der Band aus Hamburg ist anzumerken, dass die Dramatik des aktuellen gesellschaftspolitischen Zustandes nicht ohne Kratzer an ihnen vorbei geht. Doch in ihren Liedern ist so viel Drang zu spüren, dass das seltsamerweise viel Spaß macht. Denn irgendwo muss die Unzufriedenheit, die Wut, der Zorn, das Unverständnis ja hin. Und wenn da zwischendurch noch die Synthies knallen und die Texte sich ins Hirn einbrennen, dann hat diese Band ziemlich viel richtig gemacht! Lasst euch live davon überzeugen:
09.04.26 Hamburg, Nochtspeicher 24.04.26 Fürth, Kopf und Kragen 25.04.26 Bamberg, Live Club 26.04.26 Viechtach, Altes Spital 27.04.26 München, Glockenbachwerkstatt 28.04.26 Mainz, Schon Schön 29.04.26 Düsseldorf, Ratinger Hof 30.04.26 Trier, Villa Wuller 01.05.26 Frankfurt, Dreikönigskeller 02.05.26 Freiburg, Slow Club 12.05.26 Bremen, Eisen 13.05.26 Köln, Stereo Wonderland 14.05.26 Oberhausen, Druckluft (Open Air) 15.05.26 Langenberg, KGB 16.05.26 Berlin, Schokoladen 30.05.26 Braunschweig, KufA Haus
Rahel
(Ms) Beim ganzen Trubel da draußen, ist es mehr als sinnig, auch mal wieder nach innen zu hören. Die Ohren zu machen, die Welt abschalten. Mal gucken, was dann so los ist. Auf diese kleine Reise nimmt uns Rahel aus Wien auf ihrem neuen Lied Weidentier mit. Was passiert, wenn die Welt still gedreht wird? Dann vermisst man womöglich das geliebte Gegenüber, dann möchte man gern kotzen oder alles kurz und klein schlagen. Ja, wenn man erstmal die anderen Stimmen leise stellt, passiert eventuell mehr als gedacht. Diese wunderbare Gedankenreise untermalt die Musikerin mit einem sanften akustischen Gitarren-Bass-Schlagzeugspiel. Zudem sind noch Vögel zu hören, man geht ein wenig mit ihr spazieren - wunderbar! Hier lässt sich großer, entspannter, musikalischer Kunst lauschen - das solltet ihr auch tun!
Rantanplan
(sb) Ein Coveralbum von Rantanplan? Muss das sein? Ja, das muss! Nicht, weil jeder Track darauf nun wirklich super und besser als das Original ist, sondern weil einfach jedes Lied auf Geschwedet so klingt, als könne es tatsächlich von den Hamburger Ska-Punk-Urgesteinen stammen. So geht Cover! Kein tumbes Nachspielen dessen, was es eh schon gibt, sondern Entwicklung, in vielen Fällen gar Weiterentwicklung. Meine Highlights: Durch die schweren Zeiten (Udo Lindenberg), Alles verkauft (Funny van Dannen) und Raus aufs Land (Die Höchste Eisenbahn).
Prostitute
(sb) Dearborn, Michigan, 100.000 Einwohner, die größte Moschee des Kontinents. Das ist das Umfeld, in dem Prostitute sozialisiert wurden. Und auch wenn keins der Bandmitglieder einen direkten arabischen Background hat, so sind die kulturellen Einflüsse auf die Musik des Quintetts nicht zu überhören. Von der Attitüde her erinnert Attempted Martyr an die frühen Korn. Diese Wut, diese Verzweiflung, dieses Aufbegehren. Musikalisch ist das Ganze im Noise-Rock anzusiedeln, aber hört selbst!
(Ms) Es gibt Bands, deren Konzerte eine außerordentliche Erfahrung sind. Was dort auf der Bühne und zwischen Musikern und Publikum passiert, ist beinahe magisch. So ein Erlebnis der besonderen Art liefern The Hirsch Effekt. Im Januar erschien ihre neue Platte Der Brauch und am Donnerstag haben sie im Bremer Tower Halt gemacht.
Das zum großen Teil männliche Publikum war zum großen Teil sehr dunkel gekleidet und sehr entspannt. Was den Abend direkt so gut gemacht hat, war, dass es keine Vorband gab. Mittlerweile finde ich das immer attraktiver. So wird der ganze Abend viel intensiver und zieht sich auch nicht so in die Länge. Gegen viertel nach Acht kam das Trio nach und nach auf die Bühne. Was danach passiert ist, war der absolute Wahnsinn. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich die Musik der Band nicht in Gänze kenne. Mit dem aktuellen Album bin ich vertraut, das war es auch. Doch es drang seit Jahren viel Hörensagen und damit viel Begeisterung zu mir durch. Sie sollte bestätigt werden.
Selten habe ich so viel Präzision live erlebt. Klar, das, was diese Band live auf die Bühne stellt ist ganz schön wild. Aber dieses Wilde ist geplant. Wie gut das geplant ist, lässt sich beim selbstverständlichen und einfach extrem harmonischen Zusammenspiel erleben. Da ist so viel Intuition zwischen den drei Musikern, so viel Vertrautheit, dass das Derbe einfach extrem gut aufgeht. Dabei sind die Songs von The Hirsch Effekt super komplex komponiert. Wie oft die Takte brechen, das Tempo verschleppt oder angezogen wird, wie schnell zwischen lautem Chaos und ruhigen Parts gewechselt wird - irre! Ich stand so, dass ich insbesondere Bassist Ilja John Lappin gut beobachten konnte. Dass seine Finger nicht verknotet sind, grenzt an ein Wunder. Er spielt den fünfsaiten Bass mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. Zudem growlt er, singt dann wieder wie ein Engel und spielt halt in der Zugabe noch Cello - klar. Bei dieser Band ist alles zu erwarten, alles tritt ein, alles ist möglich, es ist irre. Es macht einfach unglaublich viel Spaß, Moritz Schmidt beim Schlagzeugspielen zuzusehen und wie sehr Nils Wittrock einfach alles gibt am Mikrophon und an der Gitarre. Er spielt um sein Leben.
Knapp zwei Stunden haben sie gespielt. Sehr komprimiert, sehr dicht, sehr sympathisch, sehr nah und aufmerksam mit dem Publikum interagierend. Zum Ende habe ich mich gefragt, ob sich das Wilde nicht auch ein wenig abnutzt. Ob irgendwann die Überraschung nicht mehr kickt, weil es halt die ganze Zeit so geht. Aber nein - bei weitem nicht! The Hirsch Effekt spielen so druckvoll und energiegeladen, dass es wirklich gar nicht langweilig werden kann.
(Ms) Über einen Abend, der ein Zeugnis außergewöhnlicher musikalischer Kraft war und stark nachhallt.
Ausverkauft - am Nachmittag, bevor das Konzert von Tristan Brusch im Bremer Lagerhaus stattfand, kam diese Meldung über die sozialen Kanäle. Was für ein schöner Erfolg für den Musiker, der damit in seinem vierten Anlauf an dieser Spielstätte zum ersten Mal ein volles Haus hatte. Auch viele andere Auftritte seiner aktuellen Tour sind restlos ausverkauft. Dafür gibt es zahlreiche gute Gründe, die spätestens nach so einem Besuch glasklar sind. Offenbar lockt der Wahlberliner ein Publikum an, das sehr, sehr aufmerksam ist. Wow - wie still es zwischendurch war. Niemand quatschte während seiner Lieder, höchstes verträumtes Mitsingen. Allein das ist eine große Anerkennung!
Eingeleitet in den Abend hat Lisa Harres. Sie setzte sich ans E-Piano, das vorne am Bühnenrand stand, spielte zaghaft mit der rechten Hand ein paar Töne und sang darüber mit sicherer, sehr virtuoser Stimme. Viel zu verstehen war davon nicht, so sehr hat sie die Töne in die Länge gezogen. Ob der Text wichtig war? Ich kann es nicht sagen, lehne mich aber mal aus dem Fenster und sage: Nein. Es ging eher um den Klang an sich, um Stimme und Melodie. Als sie dann auf Deutsch sang, habe ich das auch erst nach einigen Augenblicken mitbekommen. Zwei Stücke spielte sie dann noch an der Gitarre, die ursprünglich für Orgel und Bläser geschrieben worden sind. Große Flächen, verträumt schwebende Stimme. Kunst und musikalisches Können. Ich musste an Schuberts Winterreise denken.
Kurzer Umbau. Zeit, um der im Off laufenden Musik zu lauschen, denn sie war auch Teil einer tollen Inszenierung des ganzen Abends. In Dauerschleife lief eine verzerrte, reduzierte Version von Grundsolider Schläger. Hach, wie schön, wie gut dieser Abend geplant war! Und das lag zu großen Teilen auch an der phantastischen Band, die mit auf der Bühne stand. Allen voran Friedrich Paravicini am Keyboard, Gesang, Mundharmonika und vor allem am Cello - enorm! So zurückhaltend er sich gab, so wirkungsvoll war all sein Tun auf der Bühne. Tristan Brusch nennt ihn im Reflektor-Podcast den Ambassador einer besseren Musikwelt. Zudem saß Hanno Stick am Schlagzeug, der unter anderem auch bei Niels Frevert, der Crucchi Gang und seiner eigenen Band Tapes spielt. Leider konnte ich nicht herausfinden, wie die beiden Damen am Bass und Backgroundgesang hießen, sie haben genauso wunderbar musiziert! Zusammen haben sie einen irren Sound erzeugt. Er war hervorragend gemischt, weich, rund, präzise.
Im klassischen Musikerschwarz kamen sie auf die Bühne und starteten mit eben jenem Grundsolider Schläger. Toller Start, das Staunen hat ab dem ersten Takt eingesetzt. Und vor allem ganz viel Gänsehaut. Die Musik seiner Lieder ist ja gar nicht so wuchtig, dafür aber in ganz außerordentlichem Maße seine markante Stimme. Ich gehe davon aus, dass alle vor Ort schnell hin und weg waren. Es folgten einige Stücke der neuen Platte wie Vierzehn, Wasser Und Licht, Heiliges Land, Wir Kinder Vom Bahnhof Zoo und das großartige Geboren Um Zu Sterben. „Lieben und geliebt zu werden“ - das sind doch wirklich die einzigen Dinge, die wir hier zu lernen haben, oder? Der Rest kommt dann von allein. Natürlich gab es auch frühere Songs wie Der Abschaum, Wieder Eine Nacht, Wahnsinn Mich Zu Lieben (!), Oh, Lord oder Baggersee.
Zwischen verträumtem Dreinschauen, Messerstechereien und allen Formen der Liebe ist an einem Tristan Brusch-Abend wirklich allen zu hören. Kleine Randnotiz: Das u in Brusch wird übrigens lang gesprochen. Ja, dieser Auftritt brachte wirklich alles mit, was einen hochklassigen, musikalischen Abend ausmacht: Starke Texte, hervorragende MusikerInnen und ein unglaublich aufmerksames Publikum. Aus irgendwelchen Gründen war die Luft vor Ort nicht gut, zwei BesucherInnen sind umgekippt, ihnen wurde aber schnell geholfen, auch von den sehr lieben, umsichtigen Menschen auf der Bühne.
Hach, was gab es alles zu bestaunen während dieses Konzertes! Es wirkt ganz stark nach. Insbesondere durch den sehr autobiographischen Abschluss mit Theo, diesem unverschämt tollen Lied für seinen Sohn, und seiner eigenen Geschichte in Das Leben Ist So Schön. Mit verdient viel Applaus und einem hohen Andrang am Merch endete dieser Auftritt. Tristan Brusch ist ein höchst außergewöhnlicher Künstler, ein irrer Texter, ein leidenschaftlicher Musiker und toller Darbieter seines Schaffens. Geht da unbedingt hin, wenn es möglich ist!
14.03.2026 Hamburg, Mojo Club 18.03.2026 Dresden, Beatpol 19.03.2026 Erlangen, E-Werk 20.03.2026 München, Ampere 21.03.2026 Stuttgart, Im Wizemann 22.03.2026 Wiesbaden, Schlachthof 26.03.2026 Magdeburg, Moritzhof 27.03.2026 Leipzig, UT Connewitz 28.03.2026 Berlin, Huxleys
(Ms) Es ist leicht, schnell das Schlechte zu sehen. Dieses Gefahrenerkennungssystem ist uns einprogrammiert, aber glücklich macht es nicht. So ließe sich ja einfach sagen: Wie schade, dass nicht so viele Leute gestern beim Konzert im Eisen waren. Auf der anderen Seite: Die, die da waren, hatten einen einen großartigen Abend. Und viele andere haben das halt verpasst. So nämlich.
Doch besser vorne anfangen.
Die Band Shatten hat letzte Woche ihr neues Album Gegenwart rausgebracht (hier unsere Review). Es ist wirklich ganz großartig! Gestern ging dann ihre Tour los und sie haben niemand geringeren als MPC Lafote als Support mit dabei - was für eine großartige Kombination! Zusammen sind sie nach Bremen gefahren, um im Eisen zu spielen. Was für phantastische Bands Nando in diese Kneipe holt, verdient eigentlich eine eigene Würdigung. Es hat wirklich viel mit einem Wohlgefühl zu tun. Im Eisen ist es halt super entspannt. Vor und hinter der Theke nur gute Menschen, die gelassen und rücksichtsvoll sind. Wer will da nicht gern spielen?! Eben!
MPC Lafote spielte schon letztes Jahr mit Drummer im Horner Eckhaus, das war enorm elektrisierend. Und genauso ging es los, als die Einmannband loslegte. Zahlreiche Sampler, elektronische Spielereien, Drehknöpfe, Synthies, Kabel. Dahinter am Mikro ein Typ, der wohl mal in einen musikalischen Zaubertrank gefallen ist und einen großen Schluck genommen hat. Wenn es ein Motto des Abends gab, dann ist es: Energie! MPC Lafote ist musikgewordene Präsenz, Tanzbarkeit, kluge Texte und eine gehörige Portion Freude an dem, was er da tut. Die aufmerksamen Menschen im Eisen honorieren es mit Tanzen, Applaus und gebanntem Zuhören. Die Ironie der Musik: Dass ausgerechnet beim Track Sabot die Boxen knarrten. Insbesondere die Tracks, bei denen ein Hintergrundchor aus den Boxen knallt, lassen die Luft flirren.
Foto: luserlounge
Kurze Umbaupause und um viertel nach neun starteten Shatten. Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard, Stimme. Das ist Rockmusik mit verspielten Keyboardelementen, mit Druck und Aussage. Es dauerte nicht lange, und die Hamburger Band versprühte Energiefunken im Publikum, die schnell anstecken. Der Fokus lag klar auf den neuen Tracks und insbesondere Paranoia, das auf dem Album schon so gut ist, erlebt live noch eine ganz neue Qualität. Obendrein nimmt die Band den Raum ein, der Sänger geht über Tische und Bänke, hat Bock. Damit ist er aber zum Glück nicht allein, alle anderen vier strotzen nur so vor Drang und Spielfreude! Hier spielt eine Band, die mindestens die zehnfache Aufmerksamkeit verdient hat. Aber nicht alles so schlecht sehen: Auch wenn das Eisen „nur“ eine Kneipe ist, für mindestens einen Abend ist es die größte Bühne der Welt.
Am Ende muss ich mir das nicht-alles-so-schlecht-sehen selbst noch einreden: Der Zug rief mit blöder Abfahrtszeit, sodass ich den Auftritt nicht bis zum Ende sehen konnte. Aber das, was ich sah, war überragend. Schaut euch diese Band an - es wird großartig!
13.03.2026 - Flensburg, Volksbad 14.03.2026 - Lübeck, Blauer Engel 20.03.2026 - Berlin, Roter Salon 21.03.2026 - Hamburg, Molotow 09.04.2026 - Bonn, Bla 10.04.2026 - Mühlheim, Das Kaff 11.04.2026 - Oldenburg, Alhambra
(Ms) Ein Mal Mäuschen spielen. Ein Mal dabei sein, wenn im Münchener Studio von The Notwist neue Musik entsteht. Was wäre das für ein spannendes Ereignis! Lauschen, wenn diese Kombo eventuell anfängt, zu improvisieren. Zuhören, wenn neue Ideen entworfen oder alte überarbeitet werden. Mitschreiben, wer was zu sagen hat, wer noch einen Vorschlag hat. Zusehen, wie Texte nochmal umgeschrieben werden. Spüren, wie der Sound durch den Körper dringt. Mitempfinden, wie die Luft anfängt zu flirren, wenn diese Band spielt. Live ist das ja eh fulminant. Okay, was bedeutet „eh“. Es ist schon große Kunst, was diese Gruppe immer wieder auf die Bühne bringt. The Notwist ist eine Band, die mich auf Konzerten sehr schnell verzaubern kann. Es ist ein Leichtes für mich, in ihre Lieder einzutauschen, wenn sie spielen. Doch zu Hause laufen ihre Tracks verhältnismäßig selten. Darüber habe ich schon lange nachgedacht, woran es liegen mag. Wirklich: Keine Ahnung. Irgendein nebulöser Zauber der Klangkunst.
The Notwist also mal wieder. Haben sich im Studio verschanzt und sind mit einer neuen Platte wieder herausgekommen. News From Planet Zombie heißt sie und erscheint diesen Freitag (13. März) bei Morr Music. Das letzte Album, Vertigo Days, kam vor fünf Jahren raus. Viel Zeit also, um sich neue Gedanken zu machen. Ja, diese elf neuen Stücke bringen viel Neues mit sich, aber vor allem Anderes. Sounds, die so lange nicht zu hören waren. Die elektronischen Elemente sind deutlich reduzierter. Der Grad an Verspieltheit weicht für mehr Fläche. Es ist etwas weicher und organischer geworden. Ruhiger auch. Und das liegt an einem scheinbar einfachen Trick, der mich ab dem ersten Hören ganz stark fasziniert hat, weil er so schön hörbar ist: Das ganze Album wurde live eingespielt! Das hat die Band seit den 90ern nicht mehr gemacht und ist insbesondere am nah erscheinenden Gesang und an den tollen Bläsern zu hören. Allein das ist schon ein ganz großer Trumpf dieser Platte - sie ist ein wunderbares Hörerlebnis.
Stark einfach, wie dieses Werk beginnt. Teeth startet sanft mit Gitarren, leichtem Schlagzeug und heranschleichenden Bläsern. Es ist ein Lied, das in seinen sechs Minuten und fünfzehn Sekunden wunderbar an Fahrt aufnimmt. Ein Stück über die Standfestigkeit und sich nicht - wie all die anderen - von irgendetwas mitreißen zu lassen, sondern den Weg zum errettenden Gegenüber finden. Dieser Track ist ein einziges Crescendo und irre, dass die Band diese Nummer direkt an den Start setzt. So entsteht direkt ein Sog, die Energie ist sofort dicht und hoch. Wie gut ist das denn einfach?! Die erste Single, X-Ray, kommt etwas dissonant daher und hat mich zuerst auch ein wenig abgeschreckt. Doch auf das ganze Album gesehen, fügt es sich hervorragend ins Werk ein. Ein bisschen schneller, ein wenig dichter, ein weniger roher. Hier scheppert durchaus mal das Schlagzeug, hier wird an den Reglern geschraubt, hier koppelt es zurück. Das muss doch super viel Spaß gemacht haben im Studio. Es folgt Propeller. Wie schlau es ist, an dritter Stelle einen instrumentalen Track zu setzen. Er ist etwas entspannter, ja beinahe fröhlich und kindlich verspielt, richtig schön!
Zwei Cover haben sich auch auf die Platte eingeschlichen. Zum Einen Red Sun, im Original von Neil Young. Hier geben die Bläser den Rhythmus vor und der Gesamtklang lässt Hoffnung aufkeimen, ein Blick nach vorn, der im Text auch zu finden ist: „And the dreams that you‘re havin‘ / They won‘t let you down.“ Ja, die Platte trägt zwar den Namen News From Planet Zombie, doch es kommt auf die Perspektive an. Es geht zwar ordentlich viel den Bach runter, aber diese Lieder schauen definitiv danach, was eben gut ist. Gut so.
Silver Lines ist so ein klassischer The Notwist-Track: viele kleine Elemente, die sich ineinander verweben, kurze Atempausen und insgesamt ein stark nach vorn gerichteter Drang. Viel Energie. Auch hier erzählt der Text vom Zusammenhalt, auch wenn man gerade ganz woanders ist. Denn die Geschichten, die woanders erzählt werden, ähneln doch oft den Bekannten. Dann fühlt man sich doch in der Ferne nicht direkt so fremd. Das zweite Cover ist How The Story Ends, im Original von den Lovers. Ein weiteres Stück, was einfach großartig arrangiert ist ist. Das Zusammenspiel der Bläser mit Bass und Schlagzeug ist hypnotisierend und schlicht großartig.
Dennoch bleibt am Ende ein leicht getrübter Eindruck. Dieses Album hat zwei Facetten. Auf der einen Seite sind einige großartige Songs, die durch ihre wunderbare Struktur und durch ihre Verspieltheit überzeugen. Doch es gibt auch ein paar Tracks, die so vor sich hin dümpeln. Für meinen Geschmack sind Snow, Who We Used To Be, Projectors oder auch das letzte Stück, Like This River zwar schön, aber auch ein wenig harmlos. Vielleicht hatte die Bands Lust, ein wenig ruhiger zu spielen, ein wenig den Drive rauszunehmen, ein paar sanfte News vom Zombieplaneten zu teilen. Eventuell habe ich auch zu engstirnige Erwartungen an eine Platte dieser Band. Es bleibt unterm Strich, wie es immer ist: Geschmackssache.
Doch eines steht hier für mich klar im Fokus: Das klangliche Mäuschenspielen geht hervorragend auf!
(Ms) Über einen Abend, der so gar nicht geplant war und mit der Erkenntnis, dass harter Stonerrock recht entspannend sein kann.
Dieser Konzertbesuch war gar nicht angedacht. Es war die beste Alternative. Denn eigentlich wollten wir in Köln Portugal. The Man sehen. Lange haben sie nicht hierzulande gespielt, zudem mag ich die Band schon seit über fünfzehn Jahren und sah sie diverse Male live. Als letztes Jahr einige Deutschlandtermine angekündigt worden sind, war schnell klar: Hin da, ab nach Köln, das wird ja eh immer gut. Dann wurde die gesamte Tour vor gut gut einem Monat komplett in den Herbst geschoben. Schade, aber besser als alles abzusagen. Dennoch war alles vor Ort gebucht, Zug, Unterkunft, Bingo. Nach der Enttäuschung darüber, kam natürlich schnell die Suche nach dem, was dennoch am Rhein geht. Und an einem Tag in Köln kann man locker zehn verschiedene Konzerte sehen - Wahnsinn!
Hier und da habe ich reingehört und die Entscheidung war schnell getroffen: Mit Stonerrock ist verhältnismäßig wenig falsch zu machen. Die britische Band Psychlona machte Halt in den Garagen in Ehrenfeld und beim Vorabhören wippte der Kopf schnell mit. Also: Tickets geholt und hin da. Ehrenfeld ist ja eh ein Schmelztigel der Kultur. Irre, was da überall los ist. Ein Eldorado für Nachtschwärmer. Der Garagen Club ist genau das, was er sagt: Eine alte Garage mit einem großen Platz davor, wo es sich schön lümmeln lässt. Der Innenraum ist sehr übersichtlich, aber mit allem Nötigen gestaltet: Bühne, Bar, fertig. Also noch ein Getränk geholt, den Außenbereich genossen und pünktlich um 19.30 Uhr bretterte von drinnen ein gewaltiger Sound los. Die Dortmunder Band, die tatsächlich den glamourösen Namen Kardeathian trägt, eröffnete den Abend mit massigem, gesanglosem Stonerrock, der weit in den Metalbereich reindriftete. Schwere Gitarren, langsame Bewegungen, aber viel Freude dabei. Der Lärm schließt nicht aus, dass es Spaß macht - das sah man insbesondere der Band selbst an.
Eine Stunde später trat dann die vierköpfige Band Psychlona auf und ging musikalisch in eine ähnliche Richtung, aber in meinen Ohren etwas runder, etwas abwechslungsreicher und vor allem mit Gesang. Das ist bei einem Genre, das schon auch monoton ist und auch sein will (so weit lehre ich mich mal aus dem Fenster), kein unwesentliches Element. Dann ist während ihres Auftritts - das sage ich hier als Nichtkenner der Gruppe und auch im Genre bin ich wenig sattelfest - wenig passiert. Es war laut und doll und aber auch vor allem gut. Das ist ja sehr verrückt: Die circa 100 Anwesenden wippen im Takt der Musik mit, einige gestikulieren mit der Gitarre und immer wieder war eine anerkennende Geste zu sehen - die ausgestreckte Bierflasche oder Faust als Gruß an die Band. Beides bedeutet: Yeah, das gefällt sehr! Und diese Musik beruhigt irgendwie. Wahrscheinlich durch die Eintönigkeit, aber auch durch die angenehme Schwere. Man sieht es den Menschen vor Ort an: Denen geht es wirklich sehr gut an diesem Abend!
So bastelte sich von allein ein guter musikalischer Abend zusammen. Wahrscheinlich werde ich beide Bands nicht allzu oft privat hören, weil es vor allem nicht mein bevorzugtes Genre ist. Dennoch fand ich es sehr lohnenswert, Neues kennenzulernen: zwei Bands und ein Club, in dem ich noch nie war. Ergibt zusammen einen sehr kurzweiligen Abend. Psychlona sind noch für einige Konzerte hierzulande unterwegs!
Und im November dann an dieser Stelle: Die Review zu Portugal. The Man!