Donnerstag, 3. September 2026

3.9. Sven Regener - Frankie und Freddie

(Ms) Er ist wieder da. Nein, Sven Regener jetzt nicht direkt. Der ist ja immer irgendwie da zwischen schreiben und singen und touren. Frank Lehmann ist zurück! Das allein ist ja schon eine Meldung wert. Und zwar als komplette Hauptfigur eines neuen Regener-Romans, der unter dem prägnanten Titel Frankie Und Freddie am 3. September bei Galiani Berlin erscheint. Wo er in Wiener Straße noch eher durch die Seiten waberte, ist er hier wieder voll im Vordergrund!
Wie schon in Der Kleine Bruder ist dies ein Buch, das auf wunderbare Art und Weise das Füreinanderdasein der beiden Lehmänner (wenn man das so sagen kann) schildert. Auf der einen Seite Frank, der eben erst nach Berlin gekommen und auf der anderen Seite Manfred, den dort alle nur Freddie nennen, und ziemlich tief in der Kunstszene verwurzelt ist.
Es geht auch hier erneut um brüderliche Sorge. Denn Freddie nahm an einem Studie zur Wirkung einer Pille statt, irgendetwas Antidepressives. Frank holt ihn dort ab.

Und dann beginnt es. Dann beginnt eine Odysee quer durch Berlin. Zu Fuß, mit einem kaputten Opel Kadett, mit der verhassten U-Bahn und auch in einem Schneemobil. Denn die gesamte Handlung spielt an einem Tag. Nicht irgendein beliebiger. Nein, es ist der 23. Dezember. Ein Tag also, der zahlreiche Fragen mit sich bringt: Wo und mit wem feiern? Tannenbaum - ja oder nein? Undundund. Denn ohne zu viel vorweg zu nehmen: Freddie hat im Hotel - dort fanden die Pillenexperimente statt - etwas sehr wichtiges vergessen, ein Flugticket. Also ist ja klar: die Suche beginnt. Diese Suche durchs immer verschneitere Berlin in den 80er Jahren ist eine wunderbare Geschichte zwischen zwei Brüdern. Es geht um Freundschaft, verrückte Kunstexperimente, etwas schief spielende Saxophone und helfende Hände an einer Tankstelle.

Alles natürlich im typischen Regener-Sprech. Denn die Handlung an sich ist schon mal äußerst unterhaltsam und sehr schön einfach. Doch das Komische darf ja bei Frank Lehmann und Sven Regener nie fehlen. Das Absurde vor allem. Und hier kommt der Kern: Den Reiz dieses Buches machen wie immer die Dialoge zwischen allen Beteiligten aus. Diese Gespräche sind wie die Schnitzeljagd durch die Großstadt selbst: sie biegen immer irgendwo an, verlieren sich, verlaufen sich, sind nicht immer zielführend. Aber so, so witzig, so kurzweilig, so unglaublich unterhaltsam. 

Wer die Lehmann-Bücher gelesen hat, braucht nicht lange, um in diesem Kosmos zwischen Karl Schmidt, H.R. Krause, Chrissie, Erwin und dem Café Einfall wieder einzutauchen. Ja, sie sind alle wieder mit dabei. Sogar die Bandmitglider von Glitterschnitter tauchen auf, aber separat voneinander. Je mehr es schneit, desto näher kommen sie natürlich auch ihrem Ziel.
Das Tolle an diesem Hin und Her ist ja, dass es in den 80ern spielt. Heute wäre so eine Handlung ja gar nicht möglich. Das Buch wäre nach zwei Seiten beendet, da irgendwer jemand anderem in einer WhatsApp-Gruppe einen Standort geschickt hätte und gut ist. Nein, nein, hier wird auch in der Telefonzelle telefoniert und Adressen werden mehr oder weniger ausprobiert.

Es ist Sven Regener erneut auf herrliche Weise gelungen, dem Lehmann-Kosmos einen weiteren Teil hinzuzufügen. Was für ein Geschenk, was für eine unglaublich herrliche, kurzweilige Unterhaltung. Möge die Frank Lehmann-Welt niemals enden!

Passend dazu geht Sven Regener ab dem 12. September auf Lesetour - alle hin da!

12.09. Berlin, RBB Sendesaal (live auf radioeins)
10.10. Mainz, Staatstheater
11.10. Essen, lit.ruhr
16.10. Hamburg, kleine Laeiszhalle
17.10. Köln, lit.cologne
20.10. Zürich, Kaufleuten
22.10. Dresden, Schaubühne
23.10. Erlangen, Redoutensaal (BR 2 überträgt)
24.10. Erfurt, wird noch bekanntgegeben
31.10. Frankfurt, Schauspiel
05.11. Stuttgart, Mozartsaal
13.11. Wien, Rabenhof
14.11. Wien, Rabenhof
17.11. München, Alte Kongresshalle
18.11. Leipzig, Schauspiel
19.11. Bremen, Theater am Goetheplatz
10.12. Hannover, Pavillon

Mittwoch, 2. September 2026

Schluma - Heulen Am Wasser

Foto: Penelope Garner
(Ms) Plötzlich waren sie da. Und jetzt gehts nur noch ab! Der Name an sich ist ja genial, weil so schön schlurfig: Schluma. Was soll das sein? Ein Schlummerlein? Eine Schildkröte? Eine etwas ausgebeulte Jogginghose?! Ganz nüchtern betrachtet ist Schluma eine vierköpfige Band aus Hamburg, die im Frühjahr erst Teil der Grand Hotel van Cleef-Familie geworden ist und am Freitag ihr erstes Album Heulen Am Wasser herausbringt. Das sind die Eckdaten.
Aber es ist nicht einfach „nur“ irgendeine neue, tolle Band aus Hamburg. Nein, nein. Beim GHvC unterschreibt ja nicht einfach irgendwer. Die suchen sich das schon aus. Die haben ja Geschmack. Und die Bands, die dort Teil des ganzen Musikwahnsinns sind, müssen ja auch etwas bekloppt sein. Schluma definitiv. Denn sie veranstalten beispielsweise zur Veröffentlichung dieses tollen Erstling einfach ein eigenes kleines 2-Tage-Festival im Indra. Wie geil ist das denn?! Eben!

Worauf lässt man sich aber beim Hören dieser 16 (!) Lieder ein? Erst einmal auf viel neue Musik! Logisch. Doch hier zieht sich nichts in die Länge. Die sechzehn Stücke sind meist so um die zwei Minuten lang, mal mehr, mal weniger. Der Sound der Band ist irgendwo zwischen Superpunk (ohne Bläser), den frühen Tocotronic und Tomte angesiedelt. Doch der Vergleich hinkt. Wie immer halt. Es sind weniger Alltagsgeschichten, weniger Fußball, weniger programmatisches Songwriting und auch nicht allzu kornundspriteig. Doch herrlich unterhaltsam!

Die Platte startet mit der bereits ausgekoppelten Single Ich Bin Ein Außenseiter Dieser Republik. Damit wird schon klar, wer hier spielt. Denn Sänger Lenny lernte Peter als seinen Dozenten kennen. Dazu noch Linus am Schlagzeug und Pola an der Gitarre und fertig ist eine neue, schräg zusammengewürfelte aber genial harmonierende Band. Der Opener als quasi generationsübergreifendes Stück über die Positionierung im Hier und Jetzt. Es geht stark, schnell und aufgedreht weiter: Uni Mensa Schwerverbrecher ist ein herrlich unterhaltsamer Song über das, was der Titel schon sagt. Doch sie können auch das Thema Liebe bedienen: Kältewarnung ist der passende Song dazu. Der Titel ist ja so ein schönes Bild über den eventuellen Niedergang einer Beziehung. Eisig wird es, wenn man sich auseinander lebt. Bitter, aber der Track hat Kraft! Was bislang eher indierockig wird, nimmt bei Schnell Und Ekelig gewaltig-punkig Fahrt auf! Ja, musikalisch ist das schon ziemlich gut, aber auch nicht Avantgarde. Versteht sich erwartungsgemäß aber irgendwie auch von selbst, oder?! Gut!
Doch nicht nur Lenny singt die Stücke. Auch Pola singt mit. Ich Leide Unter Bindungsangst ist auch ihr Lied, das nicht nur genial als Duett angelegt ist, sondern auch herrlich zwischen Humor und bitterem Ernst angelegt ist. Ja, das ist ein schmaler Grat, aber Schluma beherrschen ihn sehr gut. Tragik und Komik gehen oft Hand in Hand. Diese Band hat es verstanden und umgesetzt - stark!
Sehr witzig und mit Drumcomputer geht es auf Cringe Gefängnis zu. Ach, wie ich mein ca 20-jähriges Ich da wieder erkenne: „Der Knast macht einsam, weißt du das / So cool zu sein, macht keinen Spaß!“ Ha! Auch so ein anderthalbminüter wie Die Besten Dinge knallt komplett rein, denn sie passieren halt nur, wenn du mich falsch verstehst. Und auch Mitte 30 ist als Mittdreißiger natürlich doppelt komisch!

Lange hat mich eine Platte nicht so vielfältig abgeholt. Sie ist klug, sehr unterhaltsam, tanzbar, sehr gut mitsingbar und nah am Herzen gebaut. Und auch verdammt ehrlich. Das macht es leicht, Heulen Am Wasser sehr schnell sehr gut zu finden! Das Tolle ist, dass diese Platte auch gar nicht so viel will. Hier ist kaum etwas mit Bedeutung aufgeladen. Vor allem wollte diese Platte erscheinen. Und das ist sehr gut so. Sie entkrampft Indierock, wirkt etwas aus der Zeit gefallen und macht einfach nur unsagbar viel Spaß!

04.09.-05.09 Hamburg, 10.000 Leute Festival (Indra)
16.-19.09. Hamburg, Reeperbahn Festival
01.-03.10. Wien, Waves Vienna
21.10. Langenberg, KGB
22.10. Oberhausen, Druckluft
23.10. Bremen, Tower Bar
24.10. Osnabrück, Westwerk
28.10. Berlin, Lark
05.11. Oldenburg, umBAUbar
06.11. Hannover, Perle
08.11. Köln, EDP


Dienstag, 1. September 2026

Arab Strap - Half-Told Tales

Foto: Luke Bovill
(Ms) Obacht: Hier kommt wirklich ein perfektes Rockalbum! Zweifelsohne!

Doch kurz zur Band und meinen irrigen Vermutungen. Da mir die Band bis vor wenigen Wochen gar nichts sagte, trotz dass es sie seit 1995 gibt, fiel ich etwas auf den Namen rein. In den letzten Monaten hat mich die Musik von Imarhan total begeistert. Und ich dachte, dass eine Gruppe Namens Arab Strap sicher auch Tuarek-Musik macht. Tja. Da war das erste Hören von Half-Told Tales doch eine etwas seltsame Begegnung. Nach kurzer Recherche festgestellt, dass das Duo nicht nur für ihren tollen vorgetragenen Text bekannt sind, sondern auch eine sehr lange Pause gemacht haben. Aidan Moffat und Malcolm Middleton also. Aus Schottland nicht aus dem nördlichen Afrika. Tja, Schreiberling, da hast du dich mal wieder komplett verrannt.

Warum ist also Half-Told Tales ein perfektes Rockalbum? Naja, es gibt 14 Beweise. Doch am entscheidensten (kann man das so sagen?!) sind die unglaublichen Arrangements. Sie sind nicht nur sehr abwechslungsreich - diese Platte wird zu keinem Moment langweilig -, sondern auch herrlich dicht angelegt. Hier plätschert kein Instrument einfach so nebenbei. Hier gibt es keine öden Pausen oder Übergänge. Auf diesem Album gibt es viele exzellente Überraschungen und vor allem solch Musik, die voller Energie nach vorne drängt. Da bin ich ein einfaches Opfer, um das gut zu finden. Doch: Wer könnte diese Platte auch nur ansatzweise schlecht finden?! Eben! Da ist so viel Wut, so viel Druck - uff!

Da ist schon mal der Start: Ballendes Schlagzeug, prägnanter Bass, verspielte Gitarre und ein sehr wirkmächtiges Xylophon. Die Gitarre wird schnell sehr roh, das Schlagzeug treibt nach vorn und ein Saxophon schwirrt I Get Noise auf eine völlig irre Ebene! Insbesondere das satte Zusammenspiel von Gitarre und Drums sind herausragend! Der ganze Körper will diese Musik erleben!
You You You hingegen startet mit Synthie-Klängen, bis erneut die markante Gitarre einsetzt. Ein Track, der von einem bitteren Leben spricht. Es gibt Pillen zum Frühstück und die Schuhe sind kaputt und ohnehin ist wirklich alles extrem düster, doch es gibt ein Gegenüber, das dem lyrischen Ich wohl aus dem irren Schlamassel hilft oder zumindest Halt gibt. Die Nervosität aus dem Text spiegelt sich perfekt in der Musik - großartig!
Klavier und Melancholie dann wiederum auf Be A Man. Die durchaus andächtige, ja, traurige Grundstimmung geht auch hier Hand in Hand mit den Versen. Denn hier spricht das lyrische Ich aus der Sicht eines Vaters, der sich um seinen Sohn sorgt und sich fragt, wie er ihn als Kerl erziehen soll. So viele laute Stimmen auf der Mattscheibe, die so viel Müll von sich geben. So viel Liebe und nie endende Sorgen eines Papas. Starker Song, starkes Saxophon.
Elektrisch und voller Feuer und dem kleinen Einmaleins der Rockmusik geht es auf Fighting For You und Glamour Magick weiter. Wie das wohl live knallen mag?! Auf der kommenden Tour sind Arab Strap leider nicht in Deutschland, Schweiz oder Österreich unterwegs. Das kommt hoffentlich noch. Ich will das erleben!
Zu einem guten Rockalbum gehören auch zum teil ruhigere Lieder wie Gape oder Under Offer. Sie setzen nicht nur den starken Grundton nur in anderem Gewand fort. Sie halten die Spannung aufrecht. Das funktioniert mal mit wackeligen Streichern, mal mit übereinander gelagertem Gesang. Unglaublich auch, wie sich Basic Physics entwickelt. Ein Song wie ein einziges Crescendo. So viel Power, so viel Drang nach vorn, während es im Text darum geht, dass wirklich alle - sogar die Bienenkönigin - wissen, dass diese Liebe nichts hält. Dass hier nur zwei Menschen nebeneinander her leben. Bitterer Text. Großartiger Track!
Und dann kommt noch ein Song wie Fragments. Man sollte sich auf diese gut vier Minuten gut vorbereiten. Denn sie verlangen kurz vor Ende des Albums noch mal einiges von den Hörenden ab. Über zwei Minuten wabert es unter der Oberfläche, nochmal Saxophon und einiges an Percussion. Dann ein extrem satter Bass, der schon ahnen lässt, was kommen mag. Die letzten vierzig Sekunden ballern alles auseinander: alle Instrumente zusammen, volle Wucht, Streicher, Synthies, kompletter Druck - genial!

Wenn Half-Told Tales dann durch gelaufen ist, gilt es erstmal durchzuatmen. Diese Platte ist wirklich enorm. Sie ist inhaltlich, aber auch oft von den Arrangements her äußerst düster und phasenweise beklemmend. Doch genau das macht ja den Reiz aus. Große Neugier, was immer noch kommen mag, welche Geschichten noch vorgetragen werden. Hier steckt wirklich viel Know-How drin, aber auch sehr viel Arbeit, bis so ein Werk erstmal steht. Das ist klasse aufgegangen - was für ein perfektes Rockalbum!



Sonntag, 30. August 2026

KW 35, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Magnific
Es ist ja so bescheuert, was das Internet manchmal meint, uns als Realität vorgaukeln zu müssen. Insbesondere diese „Du bist über 30? Dann musst du dich ja jetzt für eins dieser Hobbys entscheiden.“ Dann kommen Kaffeemaschinen und Keramik bemalen und so. Ehrlich. So ein Oberblödsinn. Ist doch mega geil, sich um gute Lebensmittel zu kümmern?! Ich lasse auf den Kaffee, den ich trinke auch nichts kommen. Der andere Klassiker ist dann ja Rennrad fahren. Insbesondere bei uns Kerlen. Liebe Menschen, die so einen Quatsch ins Netz stellen: Ward ihr schon mal Rennrad fahren?! Ihr glaubt ja gar nicht, was ihr da verpasst. Die Freude am Fahren, der Flow, die Gegenden, die man kennenlernt. Dieser sehr entspannte Gruß allen anderen Rennradfahrenden gegenüber. Über 30 sein ist ja so geil. Guter Kaffee und ein bisschen Sport. Das bekommste halt im Van nicht.

Tristan Brusch & Fatoni
(Ms) Sagt man noch Bromance?! Egal. Wir können es auch einfach Freundschaft nennen. Denn wie schön ist es denn bitte, jemanden seinen Freund oder seine Freundin zu nennen?! Einen oder eine Vertraute. Dass sich Tristan Brusch und Fatoni auf wundersame Weise gefunden haben, ist auch so ein Musikantenglück! Der scharfsinnige Sänger und der Meister des Zeilenbruchs. Nie Wieder Alleine ist ein Stück, das sie einfach so ihren Hörenden geschenkt haben. Im Grunde genommen ist es ein Brusch-Stück mit einem Fatoni-Part. Die typisch leicht melancholische Gitarre und das reduzierte Arrangement sind sehr bruschig. Es ist nicht zwingend ein Stück über die Freundschaft, sondern, dass das Gegenüber auch eine Flucht vom tragischen Alleinsein sein kann. Die Gemeinschaft als Ausweg vom Ausgeliefert sein mit sich selbst. Ein wunderbares, ein tolles, ein trauriges, ein andächtiges Lied. Danke für diese Freundschaft.


Ane Brun
(Ms) Ohne Leid keine Kunst. Das können sicher viele MusikerInnen bestätigen. Was für ein tragisch-schönes Talent von so vielen Menschen, dass sie diese Phasen in Musik umwandeln können. Leid kann vermissen sein, Leid kann auch Sehnsucht sein. Wenn das Gesuchte nicht eintritt. Darüber singt Ane Brun in ihrer aktuellen Single Hold Me. Es geht ihr um das in uns allen wohnende, große Bedürfnis nach Nähe. Jemandem in den Arm nehmen. Auch zärtliche Berührungen. Eine Art des Zuhauseseins. Geborgenheit. Nicht nur, dass es zum Song ein großartiges Tanz-Video gibt, sondern auch das Arrangement ist ja umwerfend. Reduziert-elektronisch nimmt es Fahrt auf und wird immer größer, dichter, intensiver. Zudem zeigt die Norwegerin, wie unglaublich schön sie singen kann. Dieses Stück ist auf so vielen Ebenen bemerkenswert - kaum auszuhalten! Am 6. November erscheint I Thought We Were The Same und dürfte großartig werden!


Mädness
(Ms) Wenn es auf diesem Track „Ha“ macht, ist alles klar. Oh, man. Wie gut ist es bitte, dass sich Mädness wieder meldet?! Klar heißt das Stück und es ist das erste Musiklebenszeichen seit einiger Zeit. Er ist zwar mit seinem Podcast und auch mit seinem Bruder unterwegs. Aber neue Musik gab es länger nicht. Egal. Die Zeit des Wartens ist vorbei. Lässig auf einem großen Liegestuhl drehend zeigt der Hesse wieder, was es bedeutet, heute Rapmusik zu machen. Diese Ehrlichkeit, dieses mit-sich-ins-Gericht-gehen. Hier wird nicht draufgehauen, hier wird stets in den Spiegel geschaut. Dazu stets ein lässiger Beat, doch insgesamt macht der Song auch recht melancholisch. Doch das Leben bringt immer viele Täler mit sich. Davon ist auch Mädness nicht gefeit. Und er spricht, rappt drüber. Genial! Die Hoffnung ist groß, dass da noch mehr kommt. Danke.


Get Well Soon
(Ms) Es ist eine vielleicht etwas schräge Aussage, aber: Wenn Get Well Soon läuft, gibt es durchaus immer viel dazu zu lernen. Sei es Seneca oder die Beschäftigung mit Alpträumen. Auf seiner neuen Platte Séance, die am 30. Oktober erscheinen wird, beschäftigt er sich mit KI. Aus der ursprünglichen Idee, sie mit in den Schaffensprozess mit einzubeziehen, wird ein Album über Künstliche Intelligenz, die ja bekanntermaßen weder künstlich noch besonders intelligent ist. Für Konstantin Gropper gleicht die Nutzung von KI der Beschwörung einer dunklen Macht. Beschworen wird auch viel auf der neuen Single Holidays In Lily Dale. Hier kommt der Lernaspekt: Die Gemeinde Lily Dale im Bundesstaat New York ist ein Epizentrum für Spirituelle jeglicher Couleur. Immer wieder meinten Menschen, dort Kontakt zu Toten aufgenommen zu haben. Das mag gruseln. Genauso wie das neue Stück. Wieder sehr cineastisch und düster arrangiert. Genauso wie an diesem eigenartigen Ort geschieht auch auf dem neuen Track viel hinter vorgehaltener Hand. Ein Stück über einen Ausflug dorthin, wo es etwas anders zugehen mag. Genial gelungen!

24.01.2027 - Mojo, Hamburg
25.01.2027 - Zoom, Frankfurt
26.01.2027 - Karlstorbahnhof, Heidelberg
27.01.2027 - Gloria, Köln
28.01.2027 - Sputnikhalle, Köln
29.01.2027 - Felsenkeller, Leipzig
30.01.2027 - Faust, Hannover
31.01.2027 - Huxleys, Berlin
02.02.2027 - Ampere, München
03.02.2027 - WUK, Wien
04.02.2027 - ARGE, Salzburg
05.02.2027 - Manufraktur, Schorndorf

Donnerstag, 27. August 2026

Interpol - This Mirror Weights A Ton

Foto: Elliot Lee Hazel
(Ms) Für eine Review eines Albums ist die Perspektive ausschlaggebend. Sie soll hier eine wichtige Grundlage bieten. Denn der Verfasser dieser Zeilen kennt Interpol gar nicht mal so gut. Klar, zu Obstacle 1, Evil oder Rest My Chemistry habe ich sicher schon auf einer Indieparty getanzt. Doch aktiv habe ich die Band nie gehört. Daher fehlt mir auch einiges an Hörerfahrung. Das könnte man mir jetzt natürlich vorwerfen. Der Kontext fehlt, der Bezug zur Band. Wieso dann drüber schreiben? Naja, das ist recht einfach. Die New Yorker Band bringt diesen Freitag mit This Mirror Weights A Ton ein unfassbar gutes Album raus und die Perspektive ohne die ganze Erfahrung ist sehr charmant, ein bisschen isoliert quasi. Ich kann auch nicht aufgrund von existierenden Lieblingsplatten beeinflusst sein. Der Pressetext sagt mir, wie die Band ihren Sound verändert haben soll. Das kann alles sein, sind alles tolle PR-Aussagen. Doch beweisen kann ich das nicht. Klammer auf: Stimmen wird es dennoch. Klammer zu.

Klar, es ist vor allem die Stimme. Sie wiegt auf geniale Weise schwer, weil so unverwechselbar. Interpol habe ich auch als Gitarrenrockband abgespeichert. Doch wenn das neue Album mit dem Titeltrack beginnt, schwirren erstmal allerhand Soundschnipsel durch die Gegend. Dann setzt die tolle Stimme ein, Gitarre dazu, aber zurückhaltend. Aber sehr atmosphärisch. Das ist der hauptsächliche Fokus dieser Platte: die Stimmung, der Vibe, der Groove. Die bestechliche Dichte. Ich empfehle sehr, dieses Album über Kopfhörer zu genießen. Zahlreiche Details bleiben einem dann nicht verborgen. Zudem arbeitet die Band immer wieder mit einem 360°-Sound. Gänsehaut.
Zurück zum Titeltrack: Wenig nach vorne treibend, aber dennoch dramatisch. Weil so vielschichtig. Eine Ahhhh-Stimme wabert zwischen Vorder- und Hintergrund. Alles, was sich klanglich nicht direkt an der Hörmuschel tummelt, entfacht eine betörende Energie. Sie bricht nicht aus. Pulsiert aber unter der Oberfläche. Das ist richtig gut. Ein starker unaufgeregt-aufregender Start.
Dann direkt die erste Single, See Out Loud, die eindeutig ein typischer Interpol-Song ist. Und hier wiederhole ich mich: Der Klang ist so unglaublich dicht, dass er ja beinahe den Atem abschnürt. Doch statt Beklemmungen erzeugt diese Stimmung Druck nach vorn und den großen Willen, sich dazu zu bewegen. Füße und Kopf wippen auf jeden Fall sofort mit. Das wirklich geniale an dem Stück ist, dass er beinahe psychedelisch wirkt. Denn auch nach der Bridge wird das Tempo nicht angezogen, sondern fast metrumhaft drauf gepocht auf jeden Fall im Takt zu bleiben. Und dann kommen die angesprochenen Details: ein Klatschen im Hintergrund, noch ein Gitarrenriff. Viel, aber in genau der richtigen Dosis. Sogar mit Fade Out!
Wounded Soldier kommt im Grunde genommen mit dem Einmaleins der Rockmusik aus: ein markanter, dominanter Bass, der passende Beat dazu und eine ebenfalls rhythmische Gitarre. Doch da ist so, so viel mehr. Erneut: Was für ein dichter Klang, ich höre nicht auf, mich zu wiederholen. Weil das auch so wunderschön und verlockend ist. Percussion und Synthies im Hintergrund - ein brillantes Arrangement. Darunter mache ich es nicht. Insbesondere wenn ich den letzten Momenten noch ein Xylophon erklingt.
Klar, Wings On Fire auch so ein Megahit! Unvermittelt ballert er los. Typisch Interpol - so weit lehne ich mich nun aus dem Fenster, um das so beurteilen zu können. Auch hier wieder: ein sagenhaft hypnotischer Sound. Wie das wohl live klingen mag?! Hoffentlich so angenehm beklemmend wie auf der Platte.
Frech ist es, was die Band mit einem macht: Ever The Actor hört einfach nicht auf genial zu sein. Dieses Mal wird der hohe Drang mit himmlischen Streicherklängen kombiniert. Diese Kombinationen sind allesamt sehr reizvoll. Und sie gehen alle auf. Hier zeigt eine Band auf beeindruckende Weise, wie großartig Musik sein kann. Vor zwei Jahren haben Paul Banks und Daniel Kessler sich die ersten Ideen hin und her geschickt. Aus den Ideen, die oft am frühen Morgen entstanden sind, wurde eine bemerkenswerte Platte.

Dieser Text bleibt gewissermaßen an der Oberfläche, weil er sich mit den Texten nicht beschäftigt. Gelesen habe ich sie. Doch der Fokus auf die Musik, die brutalen Arrangements muss sein. Der Aufbau der Stücke, die vielen tollen Details lassen mich einfach nicht los. Dennoch muss die Intention des Titels angesprochen werden - sie erklärt, den faszinierend-schweren-soghaften Klang. This Mirror Weights A Ton meint, dass das in-den-Spiegel-schauen und sich mit sich selbst beschäftigen eine Mammutaufgabe ist, die tonnenschwer wiegen kann. Wer das tut, fängt an zu taumeln. Wie diese Musik. Wer das tut, mag in Abgründe gestoßen werden. Wie diese Musik. Wer das tut, kann auf bezaubernde Weise aufgebaut und mit Energie vollgetankt werden. Wie durch diese Musik. Diese Platte ist unglaublich. 

Unglaublich ist auch, dass Interpol im Herbst mit Bloc Party auf Tour gehen. Peng!

11.11.2026 Berlin – Uber Arena
12.11.2026 Hamburg – Barclays Arena
14.11.2026 Düsseldorf – PSD Bank Dome



Freitag, 21. August 2026

KW 34, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Shuvo.Das 
Quo vadis, Demokratie? Es hängt in einigen Fragen derzeit einzig und allein an der CDU. Und die bekleckert sich nicht mit allzu viel Ruhm. Das Steigen und Fallen der rechtsextremen, antidemokratischen AfD hängt in vielen Bereichen von der CDU ab. Die Übernahme ihrer Themen und ein massiver Rechtsdrall halfen null. Sie haben das Gegenteil bewirkt. Menschen ausgrenzen und das Land vor die Wand fahren nur beim Original! Das haben aber viele Menschen in der CDU noch nicht erkannt. Immer noch nicht. Wahnsinn, wie blind man sein kann. Oder wie mutlos. Denn erkannt haben sie die fehlerhafte Strategie sicherlich. Jede einzelne Umfrage sagt es ihnen ja.
Und dann immer noch nicht mit der Linken zusammenarbeiten wollen. CDU, wach auf! Was bleibt denn? Oder wollt ihr wirklich eine Regierung der AfD in Sachsen-Anhalt tolerieren?! Wer steht denn für die Demokratie?! Wenn ihr es noch seid, zeigt es!

Warhaus
(Ms) Dieses Stück ist derart grandios, so unfassbar gut gemacht - auf allen Ebenen! Ebene 1: Der Ausgangspunkt. Maarten Devolderes aka Warhaus wollte immer schon ein Schlaflied schreiben. Mit The Baby hat er es nun gemacht. Ebene 2: Mit diesem neuen Stück schlägt der Musiker eine enorm elektronische Spielrichtung ein, die so noch nicht zu hören war. Ebene 3: Das Video zum Track! Ja, lasst mal diese Spotify-Geschichte für einen Moment weg und nehmt euch diese gut zweieinhalb Minuten. Wie der Musiker da steht in schwarz/weiß und „nur“ zwei Socken an den Händen bespielt. Phantastisch zu einem derart unruhigen, basslastigen Track. Klar, wer dazu einschläft, hat vielleicht ganz andere Probleme oder lange nicht geruht. Diese Single ist ein Meisterwerk! Mitreißend, elektrisierend, druckvoll, unaufhaltsam, ohne Durchatmer! Es ist zu wünschen, dass da bald noch mehr kommt!


Nodfeld
(Ms) Wie krass der Traum vom Fliegen vor über hundert Jahren wohl gewesen sein muss. Etwas völlig Unvorstellbares. Super gefährlich. Total unbegreiflich. Mysteriös. Verrückt. Doch Menschen haben weiter dran geglaubt, mal wie ein Vogel zu sein. Und es in maschineller Hinsicht auch geschafft: Fliegen. Zu einem sanften Flug hat Nodfeld den passenden Track am Klavier geschrieben. Logischerweise heißt er Flight und nimmt uns Hörende sanften Schrittes mit in die luftigen Höhen. Erst der Absprung, dann das Treiben. Ohje, auch ein paar Turbulenzen. Aber eines ist klar: Die Sicht von hier oben ist unvergleichlich. Diese Emotion hat der Pianist mit diesem Stück wirklich sanft, toll und wunderschön eingefangen. Am 18. September gibt es dann mehr davon, dann erscheint seine neue Platte mit dem tollen Titel .



Funsover
(Ms) Das herrlich Erwartbare bei Shoegaze ist ja, dass es immer irgendwann in einem Song aus den tragenden Gitarrenflächen ausbricht. Irgendwie ist es schon ein recht vorhersehbares Genre. Aber es verliert zum Glück auch nicht an Magie und Lust einzutauchen. Funsover aus Berlin ist ein neues Quartett im Shoegaze-Gewimmel und hat mit Ten eine wunderschöne Single am Start, die vor einigen Tagen erschien. Schwere Gitarren, die sehr schöne, tragende Stimme auf der einen Seite und gegenüber Bass und Schlagzeug, die alles zusammenhalten. Viel Gefühl, viel Energie und natürlich auch großartige, ausbrechende Momente! 


Muff Potter
(Ms) Drei Singles. Darauf hat sich wohl die Musikbranche geeinigt. Drei Singles müssen es sein, bis ein neues Album irgendwann erscheint. Danach keine neue Single mehr. Vielleicht noch ein Livemittschnitt. Weil dann ja die Tour. Die dritte Dingle, bevor am 18. September Klepto erscheint, heißt Engelstränen Im Abendlicht und damit hauen Muff Potter noch mal richtig einen ins Universum! Ein Song, der nur eine Richtung kennt: nach vorn, nach vorn, nach vorn. Kein Break, kein Durchatmen, es muss knallen. Denn die Rahmenbedingungen sind mies. Es gib keine Pausen mehr. Der Stein ist längst ins Rollen geraten. „Das Geld liegt auf der Straße / Und ich, ich bin daheim / Was soll das für ein Land sein / In dem fast nie die Sonne scheint.“ Sind das nicht die Zeilen, für die wir alle diese unglaublich Band lieben?! Auf jeden Fall. Was freue ich mich auf diese Platte und die anschließende Tour!

11.11.2026 Leipzig, Conne Island
12.11.2026 München, Strom
13.11.2026 Darmstadt, Centralstation
14.11.2026 Dortmund, FZW
18.11.2026 Bremen, Schlachthof
19.11.2026 Köln, Kantine
20.11.2026 Münster, Sputnikhalle
21.11.2026 Hamburg, Uebel & Gefährlich
26.11.2026 Erlangen, E-Werk
27.11.2026 Wien, Flucc
28.11.2026 Berlin, Festsaal Kreuzberg


Cava
(Ms) Ja, JA, JAAA! Haltet euch fest. Oder nein! Stellt euch besser hin. Und bevor diese Single ertönt, besser schon mal die Hüften ölen. Denn M42 von Cava geht direkt so richtig los. Die Gitarren kennen hier kein Pardon, scheppern direkt ins Ohr und machen keinen Halt! Das ist ja auch das Geile bei diesem Duo: Die Geschwindigkeit ist sehr hoch, die Dringlichkeit auch. Im Track geht es um das Dasein in irgendeiner Buslinie von A nach B. Kennt man die Menschen vor oder hinter sich? Auf dem Dorf bestimmt, doch da fährt er ja kaum. In der Großstadt verliert es sich schnell zwischen den zigtausend Menschen drumherum. Nicht mal drei Minuten knallt dieser Song aus den Lautsprechern. Das sollte lang genug sein für Pogo, oder?! Eben! Ihr drittes Album Good Luck veröffentlichen die Berlinerinnen am 27. November!


The Belgian Blue
(Ms) Es gibt Lieder, die brauchen Zeit. Hier ist so eins. Geht zumindest mir so. Elderflower von The Belgian Blue nimmt mich nicht ab dem ersten Takt mit. Aber da liegt etwas in der Musik, das mich neugierig macht. Was kommt noch? Packt es mich oder skippe ich irgendwann? So viel sei gesagt: hat mich noch gepackt. Zum Einen, weil die tolle Stimme eine gewisse Sehnsucht ausgelöst hat. Das ist schön. Und dann nimmt der Track doch Fahrt auf, bleibt nicht in seinem folkigen Gewand. Mehr Gefühl, mehr Energie, die E-Gitarren entwickeln mehr Kraft, je weiter das Lied geht. Es entfacht auf einmal einen tollen Sog, in den ich mich gern mitreißen lasse. Am 25. September erscheint mit For Wards Weight / Summersweepers eine Doppel-EP der österreichischen Band, die noch mehr zauberhafte Lieder mit sich bringen.



Donnerstag, 20. August 2026

Lambchop - Punching The Clown

Foto: Ingo Petramer
(Ms) Ganz ehrlich: Als bekannt gegeben wurde, dass die neue Platte von Lambchop nur aus Stimme, Akustikgitarre, einem kleinen Chor und einem Banjo bestehen würde, war ich schnell äußerst skeptisch. Warum zur Hölle ein Banjo? Und vor allem: Was habe ich eigentlich gegen dieses Instrument? Wahrscheinlich ist es in einer ganz furchtbaren Folk-ist-ganz-schlimm-Schublade abgelegt und dort mit allen Vorurteilen vollgeklebt.
Nicht nur dieses Instrument, sondern auch die komplett runtergeschraubte Instrumentierung ließ meine Vorfreude nicht so recht aufkommen. Gar kein Schlagzeug? Kein Bass? Kein Klavier? Hui. Heißt aber auch: Kein Autotune mehr und weniger Beat.
Also: Was hat Kurt Wagner mal wieder geritten, ein Album genau auf diese Weise zu produzieren? Die Gründe sind fast immer ein bisschen egal, weil sie erstaunlicherweise doch immer erschreckend gut aufgehen. Auch bei Punching The Clown, das am 21. August erscheint. Auch mit Banjo. Ja. Es wird von niemand geringerem als Justin Vernon gespielt. Besser bekannt als Bon Iver!

Lambchop also mal wieder. Es ist auch immer eine Frage, aus wie vielen MusikerInnen die Band gerade eigentlich besteht? Mal waren es vier, dann siebzehn, dann nur einer. Nun hat Kurt Wagner ein paar Leute um sich gescharrt, um diese Platte aufzunehmen. Eine weitere phantastische Idee in einer sehr langen Reihe toller, vollkommen verschiedener Alben, die der ehemalige Fliesenleger in seinem langen Schaffen vorgelegt hat. Auch wieder mit Cap auf und mit langem Rauschebart. Lambchop war immer auch Kunst und Mode.
Nun, ganz so egal ist die Entstehungsgeschichte von Punching The Clown nicht: Vor drei Jahren hörte er ein Lied im Radio, das ihn stark begeistert hat. Es war so reduziert, dass es enorm viel Zauber entwickelt hat. Er fand den Titel nicht heraus. Fing aber an zu recherchieren. Und stieß auf ein Genre, das in Vergessenheit geriet: Lining Out. Eine Musikrichtung, die aus den Kirchen kam, als die Menschen noch nicht alle lesen konnten. Jemand sang etwas Simples vor, die Gemeinde wiederholte es. So kam die Idee auf: so soll das neue Lambchop-Album klingen. Und so ist es gekommen.

Zwölf neue Songs hat Kurt Wagner uns geschenkt. Sachte, dezent melancholisch und etwas verwunschen beginnt diese Platte. Direkt voller Wirkung: Der tolle Chor, der auf diesem Album bei Weitem nicht nur im Hintergrund bleibt. Just West Of Nicollet ist eine leicht traurige Beobachtung ins Blaue hinein. Ja, der Text ist schön, weil er so umherschweift, aber das musikalische Arrangement begeistert mich mehr. Es ist auf der einen Seite so reduziert und auf der anderen Seite - wahrscheinlich genau dadurch - sehr stimmungsvoll! Außerdem hat der Track keinen Refrain. Das unterstreicht, dass Kurt Wagner einfach mal so umherschaut. Ja, der Grundtenor ist schon melancholisch, traurig mitunter. Doch seine Stimme bring wirklich viel Licht rein, sie ist ein toller Gegenspieler vom Banjo, das eher die düstere Stimmung forciert. Weakened ist ein tolles Lied. Das Kirchliche, Erhabene kommt hier auf eine unsagbar schöne Weise rüber. Wie berührend kann ein Chor mit Akustikgitarrenbegleitung denn eigentlich sein? Dieses Stück ist der Beweis! Das Titelstück wiederum ist ein wunderbares Liebeslied. Dafür muss auch Zeit sein. Ein Track, der dankbar das Gegenüber anblickt. Die Person, die einen aufblühen lässt, die einem das Schöne zeigt. Ja, es lohnt sich, die Texte zu lesen. Denn seit jeher ist es ja so, dass Kurt Wagner so singt, dass seine Worte nicht immer zu verstehen sind. Vieles wird verschluckt oder abgebrochen. Kunst halt.
Krass zu hören, dass dieser wahnsinnig runtergeschraubte Lambchop-Stil auch sehr wütend sein kann. White People ist das Stück dazu. Ein brutaler Abgesang auf die privilegierte, weiße Schicht, die sich stets beweihräuchert, aber endlich abdanken sollte. Kurt Wagner singt es so! The New World Wave wiederum ist eine kleine Geschichte aus seiner Heimat Nashville. Ob die Szenen einer Familie, die viel wackelt, autobiographisch ist, ist unklar. Zudem ist es ein Song, auf dem die Gitarre sehr bassig spielt. Und ein tolles erneutes Paradebeispiel, wie unglaublich gut der Plan aufging, genauso ein ganzes Album einzuspielen.

Ja, diese Platte ist eine unglaubliche Überraschung und ein kaum zu glaubender Beweis, wie sicher Kurt Wagners Riecher für den passenden Ton ist. Lambchop standen selten auf der Stelle. Nun gibt es diese Band, dieses Musikprojekt schon seit über 30 Jahren. Punching The Clown ist das siebzehnte Album! Siebzehn - und erneut klingt ein Album ganz anders als der Vorgänger, ohne jedoch nie den Kern zu verlieren. Der Kern von Lambchop war immer schon reduziert. Mit einer gewissen Unaufgeregtheit hat diese Band immer gespielt. Auf dieser Platte zeigt sie nun, dass ein fast vergessener Klang in einem neuen Gewand extrem gut klingen kann. Wow!

Gewissermaßen steht der Song To Do Pate für dieses ganze Vorhaben: Bevor das lyrische Ich - vielleicht war so selten so konkret der Sänger damit gemeint - gen Himmel fährt, gibt es noch einige Dinge zu tun. Und keine Zeit zu verlieren. Also: Los!

12.02. Hamburg, Christianskirche
13.02. Berlin, Passionkirche
14.02. Erlangen, Markgrafentheater
16.02. Wien, Theater Akzent