Sonntag, 22. Februar 2026

KW 8, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay / BenKirb
Introvertiert sehr guten Radiosender Deutschlandfunk Kultur habe ich heute morgen beim Schnippeln und Vorbereiten in der Küche eine Sendung über die Fastenzeit gehört und warum das so gut ist. Beziehungsweise sein soll. Es scheint ja eine Binsenweisheit zu sein und alle sagen dann auch: Ja, das ist ein richtig toller Plan. Umsetzen sollte man ihn nur.
Letzten Mittwoch startete sowohl die Fastenzeit im Christentum, die bis Ostern dauert, als auch der muslimische Ramadan. Da ließe sich doch ganz viel Verbindendes finden. Wenn ich Kinder und Erwachsene muslimischen Glaubens sehe, die das so knallhart durchziehen, bleibt mir nichts anderes als Respekt übrig. Sie stehen teilweise um 4 Uhr in der Nacht auf, essen etwas, weil es vor Sonnenaufgang erledigt sein soll, legen sich danach gegebenenfalls nochmal hin, bis der Alltag startet. Abends wird zusammen gegessen und getrunken, nach Sonnenuntergang. Die Bilder aus Gaza, wo Menschen in den Trümmern abends das Fasten gebrochen haben - pure Gänsehaut. In dem Elend noch so viel Demut und Größe zeigen. Da sollten wir uns mal etwas von abschauen. Da sind die christlichen Fastenelemente wesentlich lascher. Verbinden statt spalten und voneinander lernen. 

Zahn
(Ms) Es macht als Schreiberling wirklich viel Spaß, sich mit den Texten der MusikerInnen auseinanderzusetzen. „Was bedeutet das wohl?“ „Krass, wie gut das geschrieben ist.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Was für eine schöne Liebeserklärung.“ Solche Dinge. Doch es ist auch ein riesiges Vergnügen, wenn gar keine Stimmen zu hören sind. Dann arbeitet der Kopf auf ganz anderer Ebene. Es entstehen Bilder, eigene Geschichten werden geschrieben. Oder: Die Wucht des Klang ist reiner Genuss. So beim neuen Album von Zahn. Purpur heißt es und ist seit Freitag zu hören. Es zieht uns Hörende recht schnell in einen dunklen Sog. Er wird dominiert von satten Synthie-Arrangements, einem pulsierenden Schlagzeug und wirklich wuchtigen Gitarren. Instrumental Dark Synthie Rock. So ungefähr. Die Intensität dieses Klangs ist enorm, die Tracks sind sehr dicht, aber nicht einengend oder abschnürend. Sie bieten genug Freiheit und insbesondere der tiefe, rollende Bass zeigt hier, was er kann: Den Körper durchdringen! Das macht ungeheuer viel Spaß: Gerade weil es keinen Text gibt, gibt es so viel mehr zu entdecken! Wow!


Muff Potter
(Ms) Irre ich mich, oder haben sich die Ankündigungselemente im Musikgeschäft verschoben? Ich dachte es sei so: Ankündigung der neuen Platte mitsamt einer Single, dann Tourdaten, noch eine Single, dann die tatsächliche Veröffentlichung mit einer weiteren Single kurz vorher, anschließend die Tour. Nun scheinen viele Bands erst die Tour anzukündigen ohne neue Musik dazu vorzustellen. Auch geil, aber halt anders. Fatoni, Fjørt, ClickClickDecker. Die haben es alle schon gemacht. Und Muff Potter reihen sich nun in diese sehr gute Gesellschaft ein. Im Herbst geht es auf Tour! Klepto wird sie heißten und es ist das auch der Name der neuen Platte, die im Spätsommer erscheinen wird. Ein paar Releasegigs, eventuell ein paar Festivals mitnehmen, die Spannung auf die eigene Tour steigern. Ich denke: Der Plan geht auf! Da die letzte Tour ja schon so überragend war - zumindest in Bremen - sollte man sich ran halten, um sich frische Tickets zu besorgen. Hier geht die Reise lang:

11.11. - Leipzig, Conne Island
12.11. - München, Strom
13.11. - Darmstadt, Centralstation
14.11. - Dortmund, FZW
18.11. - Bremen, Schlachthof
19.11. - Köln, Kantine
20.11. - Münster, Sputnikhalle
21.11. - Hamburg, Übel & Gefährlich
26.11. - Erlanden, E-Werk
27.11. - Wien, Flucc
28.11. - Berlin, Festsaal Kreuzberg


Lambert
(Ms) Oh Gott! Bevor dieser Track läuft, sollte man sich ein wenig darauf vorbereiten. Denn es gibt keine Sekunde, um entspannte in das Lied reinzugleiten. Der eindringliche, melancholische Gesang von Goodwin startet direkt mit Drücken der Playtaste. Und sein Timbre stromert sofort durch Körper und Geist - wenn das bei irgendjemandem nicht so ist: Banause! Am seichten Piano, das dazu erklingt, sitzt Lambert. Zusammen spielen sie das Lied Hurts Like You, ergreifend, traurig, aber halt auch wunderschön! Es ist die zweite Single aus dem kommenden Album I Am Not Lambert, das am 8. Mai erscheinen wird. Der Titel macht klar: Der maskierte Pianist erweitert sein Klangspektrum ganz erheblich. Gitarren, Schlagzeug, Gäste, die eigene Stimme. Es passiert immer mehr in seiner Musik, ohne dass sich der feine, ausgewogene Kern verändert. So einen Schwenk muss man erstmal hinkriegen, um dennoch erkennbar zu bleiben. Die ersten Stücke zeigen: Das ist sehr gelungen! 

13.05.26 Hamburg, Kampnagel – Lambert & Friends
15.05.26 Nürnberg, Z-Bau
17.05.26 Berlin, Kammermusiksaal – Lambert & Friends
19.05.26 München, Live Evil
04.07.26 Kraggenburg, Wilde Weide Festival


Clâm
(Ms) Ist das Schöne an der Kunst nicht, wie wunderbar sie überraschen kann?! Das Staunen - zu Beginn des Jahres erschien in der ZEIT ein großer, sehr lesenswerter Artikel zu diesem Thema. Was das Staunen sogar für heilsame Wirkung haben kann. Dafür braucht es natürlich ein wenig Unbedarftheit, eine gewisse Disposition, sich auf Neues einzulassen, bloß keinen Trailer gucken oder im Vorhinein zu viel lesen. Direkt rein ins Abenteuer - und dann kommt die Überraschung! Probiert es mal mit dem Track Outside von clâm aus! Stoner Rock, Krautrock, verzerrte Gitarren, große Bilder, die aufploppen. Der instrumentale Teil ist eher düster gehalten, aber auch faszinierend. Wenn dann der Gesang einsetzt, kommt ein toller atmosphärischer Bruch hinzu, der Hoffnung schenkt. Aber: Ich wollte ja nicht zu viel vorweg nehmen. Hier: Kunst!

Samstag, 21. Februar 2026

Live in Bremen: Sophia Kennedy

Foto: luserlounge
(Ms) Ausstrahlung, Aura, Charisma. Es meint in etwa das gleiche und alles trifft auf Sophia Kennedy zu, wenn sie live spielt. So geschehen am Donnerstagabend im Bremer Magazinkeller. Dieser ist Teil des Schlachthof-Komplexes und ja eh einer der tollsten Spielorte in der Hansestadt. Knapp 200 Leute passen hinein und es war muckelig gefüllt. Auch gut, dass dort an der Bar Flaschen ausgegeben werden, finde ich sympathisch.

Noch sympathischer war allerdings der Ablauf des Abends. Kein Support, Start um 20.30 Uhr und Ende 80 Minuten später. So ist es doch für alle am entspanntesten, oder?! Ich bin großer Fan von so verhältnismäßig kurzen Konzertabenden. Denn es heißt ja mitnichten, dass die Qualität darunter leider. Im Gegenteil.

Präsent war die Sängerin ab dem Moment, in dem sie die Bühne betreten hat. Weinrote Adidas-Shorts, weiße Blouse, Krawatte, silberne Stöckelschuh. Knallhartes Outfit, enorme Stimme. Und das ist sicher das Element, das durch die meiste Prägnanz wirkte. Denn Sophia Kennedy kann ihre Stimme extrem vielseitig einsetzen. Mal näselnd, mal wie Frank Sinatra, mal an Amanda Palmer erinnernd, dann wiederum ganz klar. Immens. Tanzbar war der Abend, weil viele rhythmische Tüfteleien durch die Körper der Anwesenden strömten. Dafür waren selbstredend auch Mense Reets am Terrorbass (geiler Sticker auf der Box) und allerhand elektronischem Gerät und Manuel Chittka am Schlagzeug verantwortlich, der mit einer sagenhaften Leichtigkeit die Musik nach vorn geprescht hat.
Besonders charmant wird Sophia Kennedy dann, wenn sie vorne am Bühnenrand herumgeistert, die Menschen in den Arm nimmt und mit einem durchbohrenden Blick Augenkontakt sucht. Dann knallen ihre Hits wie Orange Tic Tac, Rodeo, Very Far Away, Seventeen, Imaginay Friend und natürlich das krasse Hot Match! Schade, dass sie ihre beiden neuen deutschsprachigen Lieder nicht gesungen hat. Aber - Schwamm drüber! Auch so war das ein großartiges Konzert flankiert von viel musikalischem Know-How, einem starken, atmosphärischen Auftritt und einer unsagbar guten Band. Schaut euch das an, wenn die Möglichkeit besteht!

08.04.26 Aachen – Musikbunker
09.04.26 Heidelberg – Karlstorbahnhof
10.04.26 Basel – Kaserne
12.04.26 Bern – bee-flat
23.04.26 Jena – Trafo
25.04.26 Essen – Zeche Carl


Donnerstag, 19. Februar 2026

Fjørt - belle époque

Foto: Holger Kochs
(ms) Nicht nur dieses Jahr ist wahnsinnig bescheiden gestartet. Vorher sah es auch schon nicht besonders rosig aus. Völkisch-nationale Politik, die auf dem Vormarsch ist, Handelskriege, Kriege mit Waffen und toten Menschen und entführten Politikern. Wenig Halt und Verlass. So sieht es aus. Viele MusikerInnen schreiben in dieser Zeit Lieder über das, was uns noch Hoffnung schenken kann. Das ist gut und wichtig so. Doch es ist mindestens genauso gut, den Finger ganz ordentlich in die Wunde zu bohren. So, dass es brennt und schmerzt und heftig wird. Diesen Job übernehmen Fjørt aus Aachen mit ihrer neuen Platte belle époque, die diesen Freitag beim Grand Hotel van Cleef erscheint. 
Ja, alle Titel werden immer klein geschrieben.

Das Trio ist für Kompromisslosigkeit bekannt. Im Text und in der Musik. Diese drei Musiker fahren mit Wucht und Heftigkeit auf, die im deutschsprachigen Raum ihres Gleichen sucht. Und nicht findet. Fjørt sind heftig. Und wer sie mal live gesehen hat, kann das bestätigen. Dabei macht dieser ganze krasse Krach auch sehr viel Spaß!
Die Belle Époque ist die goldene Zeit der Unbeschwertheit um die vorletzten Jahrhundertwende. Eine spannende Parallele wird hier gezogen. Insta-Unterhaltung und Kriegstreiberei gleichzeitig: Pechschwarz-Ära! Die Musik dieser drei Typen ist äußerst direkt. Ihre Texte sind dabei mindestens genauso wichtig. Mal nebulös, mal sonnenklar.

Der Beginn zieht einem direkt den Boden unter den Füßen weg. messer beinhaltet ziemlich gut die Gesamtperspektive dieser Band: Innen und Außen sind stark miteinander verwoben. Das Private ist politisch. Klar, logisch. Die Ambivalenz der eigenen Person wird hier auf gnadenlose Weise à la kold seziert. „Ich kann das nicht besser / Bin mal wieder mein eigenes Messer.“ Bäm!
Kalie ist eines dieser Lieder, die sehr viel Interpretationsspielraum bieten. Ein nebulöser Text, in den nur hineingedeutet werden kann. Das hingegen macht richtig viel Spaß, denn einige Zeilen sind so stark, dass ein genauer Blick lohnt! „Wie viel vorbei halten wir zwei / Sags mir, ich lüg mich frei.“ Bäm! Das Ende einer Beziehung, das man für sich selbst bestmöglich hinlügt? Möglich. Ein bisschen Selbstbetrug, ein wenig show and shine à la „Glashaus, ich hol nochmal zum Schlag aus.“ Ein großartiges Beispiel, dass Fjørt nicht nur Geballer und Geschrei ist, sondern auch richtig viel Inhaltliches zu bieten hat. So stark an so vielen Ecken und Enden! 
Wie heftig politisch diese Band ist und wie immer noch wahnsinnig gut informiert, zeigt mir. Die Krisen des Westens mit dem orangenen Mann im Weißen Haus, Missbrauch in der Kirche, eine in der Luft schwebende CDU-AfD-Koalition in Spe, das Särgekaufen der Mütter in Osteuropa, sinkende Boote mit Hilfe suchenden Menschen im Mittelmeer. Alles knallhart zusammengekürzt, alles brutal auf den Punkt gebracht. Diesen Track gibts im Spoken Word Stil, sodass der Inhalt noch viel kräftiger im Hirn landet. Natürlich im klassisch wuchtigen Brüll-Fjørt-Stil. Bäm!
In der ganzen Intensität dieser Musik, der Wucht, der Brutalität, der Energie, in diesem ganzen Drang liegt so viel Wut und Zorn. Er muss raus. Es ist gar nicht anders möglich. Das zeigt zum Einen die Takt-Verschiebung in ær und zum Anderen der krasse Inhalt von rott. Alles ums Thema Krieg, Kriegsführung, Patriotismus, Werbung für die Bundeswehr und Wehrdienst ist in diesem Lied gesagt. Krieg als Abenteuer. Eine gewisse Coolness dieses Unterfangens. Das wird hier ziemlich klar und deutlich quittiert mit diesen wahren Versen: „Jesus Maria, in dubio fickt euch / Für euch marschieren, niemals, ihr Wichser.“ Dem ist nichts, aber auch gar nichts hinzuzufügen. Bäm! Heidewitzka - was für eine Band, was für eine Platte.

Danse rechnet mit der deutschen Wirtschaft ab, 2230 ein irrer Ritt durch eine krank gewordene Konsumgesellschaft. Bämbmbäm!

Belle époque ist eine Machtdemonstration. Diese Platte ist eine immense Analyse unserer Zeit. Sie ist unmissverständlich, mitten in die Fresse, voller aufgedrehter Lautsprecher, heiserer Kehlen, wunder Finger an Schlagzeug, Bass und Gitarre. Unter Fjørts Musik bricht alles zusammen. Sie hinterlassen ein Feld aus Schutt und Asche und es macht wahnsinnig viel Spaß bei diesem vernichtenden Krawall dabei zu sein. 

11.03.26 München, Technikum
12.03.26 Jena, Kassablanca
13.03.26 AT - Wien, WuK
14.03.26 Leipzig, Werk 2
18.03.26 Berlin, Festsaal Kreuzberg
19.03.26 Wiesbaden, Schlachthof
20.03.26 Dortmund, FZW
21.03.26 Hamburg, Gruenspan
25.03.26 Bremen, Schlachthof
26.03.26 Hannover, Capitol
27.03.26 Stuttgart, Im Wizemann
28.03.26 Köln, E-Werk


Mittwoch, 18. Februar 2026

Black Sea Dahu - Everything

Foto: Paul Maerki
(Ms) Als Erwachsener macht man manche Dinge nicht mehr, die als Kind so richtig schön und gut waren. Irgendwie ein wenig doof, oder? Warum sich nicht mal dem kindlichen Zauber hingeben, auch wenn es aufs erste Hören schräg sein mag. Sich mit Hilfe einer Traumreise zum Beispiel in eine andere Szenerie versetzen. Das kann sehr hilfreich sein, um die wunderbare Schönheit und Tiefe dieses Albums zu erkennen und zu spüren. Denn zu spüren, zu fühlen gibt es hier eine ganze Menge. Am Freitag, den 20. Februar, veröffentlichen Black Sea Dahu mit Everything ihr neues Album und es überzeugt mit sagenhafter Sanftheit, dezenter Schwere, großen Bildern und einem beinahe überbordenden Maß an Ästhetik!

Die Traumreise sollte in den Wald gehen. Mitten rein, am besten dort, wo auch kein Handyempfang mehr ist. Nur noch hohe Bäume, dichtes Geäst aber dennoch erkennbare Wege, sodass man sich nicht verläuft. Die Ohren sollten frei sein für all die Geräusche, die dort lauern. Das Knacken von Stöckern und Ästen. Der Wind in den Wipfeln, Vögel, die von Baum zu Baum fliegen. Eichhörnchen, Mäuse, vielleicht ein scheues Reh im Dickicht. Moosig und warm ist es an diesem Ort. Denn genau dort hat die Schweizer Band um Janine Cathrein diese Platte aufgenommen. Sie haben sich an einen wundersamen Ort zurückgezogen. Zum Durchatmen und Bewältigen. Denn mit dieser Musik verarbeitet sie den Tod ihres Vaters und baut eine Welt, in der diese Trauer sein kann. Und noch so viel mehr - denn Everything ist selbst ein kleiner Zauberwald, in dem es viel zu entdecken gibt.

Neun Lieder gilt es zu erkunden. Von zwei bis sechseinhalb Minuten. Macht entspannte 40 Minuten. Am besten sollte man diese Musik über gute Kopfhörer lauschen. Ein bisschen aufdrehen, damit die vielen kleinen Geräusche, die diese Songs so rund machen, auch zur Geltung kommen.
Ants On The Wall ist der Start. Nein, es geht nicht wirklich um die Ameisen, die in Janine Cathreins Wohnung immer wieder mal auftauchen. Sie sind eher der Anlass, um Wiederkehrendes zu fokussieren und Gedanken zu sortieren. Gedanken an Omas Porzellan und die Feststellung - bist du, Papa, wirklich tot?! Inhaltlich klingt es bedrückt und hart. Jedoch macht die Musik überhaupt nicht den Eindruck. Sie ist poppig-folkig-verträumt-verspielt. Viele kleine Elemente machen Spaß, in die Takte zu schlüpfen. Und über allem das wunderbare Timbre von Janine Cathreins Stimme. One Day Will Be All I Have ist der Kernstück, wenn es um die große Kunst des Arrangements geht. Ja, an diesem Album haben viele Menschen mitgewirkt. Aber sie haben nicht den Brei verdorben wie die zu vielen Köche. Viel mehr sind sie das Salz in der Suppe. Die Bläser in diesem Stück bringen Tiefe, Größe aber auch sanfte Melancholie, wenn eine Klarinette klezmerartig durch die Strophen mäandert. Die Streicher auf The Dragon. Sie erfüllen einen ähnlichen Zweck. Und brillieren.
Doch es kann auch wesentlich dezenter zugehen. Auf Everything sind nur Stimme und Akustikgitarre zu hören. Stark ist hier eine wunderbare Diskrepanz. Denn es geht darum, dass alles auf einmal passiert, viel zu viel. Dazu die reduzierte Musik. Wie clever. Das ist ungeheuer gut gemacht. Es ließe sich ja auch pompös aufblasen. So kommt aber die Last, die auf Janine Cathreins Schultern lastet(e) noch stärker zur Geltung. Und dieses Album hat keine Furcht. Nein, eines dieser neun Stücke, Blurry, ist instrumental und die ideale Begleitmusik für die angesprochene Traumreise.

Es ist die Überleitung für das - in meinen Ohren - schönste Lied der Platte. Superpower heißt es. Denn in solch schweren Zeiten, wie jene, in denen sich die Musikerin befand, lauern Zweifel an allen Ecken und Enden. Niederschläge, Schwere. Schwarze Löcher, die einen einsaugen können. Können. Wenn man kurz aufhört zu träumen und sich drauf besinnt, dass die Narben, die einen zeichnen auch ein Merkmal der Stärke sein können. Die Superpower halt. All das wunderbar eingebettet in ungemein sanfte Musik. Man mag sich da rein legen. Wie auf warmes, weiches Moos mitten im Grün.

Und dann kommt natürlich noch Ruth. Das Lied für die verletzte und verstorbene Taube, die die Band einst bei einem Tourstopp gesehen hat. Ach, Mensch. Und all das in so wunderwunderschöner Musik verpackt. Das ist schon frech! So tief, so unaufgeregt, so sanft und weich und rund. Diese Band macht es einem leicht, Everything sehr schnell zu mögen. Und ich bin ungemein gespannt, wie das live wohl klingen mag. Wie viele Menschen werden auf der Bühne stehen? Schaffen sie das zu fünft?! Sicher! Also: Ab in den Wald. Und verzaubern lassen!

18.03. München – Muffathalle
21.03. Wien - Arena
24.03. Leipzig – UT Connewitz
25.03. Leipzig – UT Connewitz
26.03. Berlin – Kesselhaus
28.03. Oldenburg – Kulturetage
01.04. Köln – Gloria Theater
24.09. Erlangen - E-Werk
25.09. Salzburg - Rockhouse
26.09. Graz - PPC
27.09. Augsburg, Kantine
29.09. Potsdam, Waschhaus
30.09. Kiel, Pumpe
07.10. Hamburg, Knust
08.10. Hannover, Pavillon
09.10. Dresden, Tante Ju
10.10. Innsbruck, Maria Theresia
22.10. Ludwigsburg, Scala
31.10. Osnabrück, Botschaft
03.11. Oberhausen, Ebertbad
04.11. Tübingen, Sudbad
07.11. Jena, Kasablanca



Freitag, 13. Februar 2026

KW 7, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay.com / Pikura
(Ms) Für das Gute sind wir selbst verantwortlich. Irgendwie logisch, aber man muss es halt auch machen. Sich auf die anderen zu verlassen, ist etwas zu bequem. Außerdem fühlt es sich gut an. Das ist die passende Geschichte dazu: Musste die Woche zum Arzt. Da telefonierte im Wartezimmer eine Frau mit einem Taxiunternehmen. Denn ein Fahrer blockierte wohl recht ungeniert mehrere Autos und er blieb wohl auch stehen, trotz freundlicher Bitte. Genau das hat die Dame in einem wirklich freundlichen, konstruktiven Ton der Zentrale gemeldet und dafür von anderen aus dem Wartezimmer Anerkennung bekommen. So soll es doch sein, oder? Wenig später habe ich mitbekommen, wie eine Arzthelferin ganz lieb und aufbauend mit einer älteren Dame gesprochen hat, der es anscheinend wirklich nicht gut ging. Das habe ich der Mitarbeiterin später gesagt: Wie toll das ist, wie sie mit der Seniorin sprach. So müssen wir doch zusammen stehen, oder? Anerkennend, freundlich, aufmerksam, unterstützend. Das verdichtet doch die seelische Teflonschicht gegenüber den großen Krisen und Diskussionen.

Christin Nichols
(Ms) Apropos das Gute im Menschen! Und ein komischer Verhörer. Punkt Nummer 1: Standhaft bleiben ist sicher eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Denn gepöbelt wird schnell, direkt und viel. Mitunter auch anonym im Netz. Das macht es leider so leicht. Dabei sind Frauen, insbesondere wenn sie sich Normen entziehen, besonders betroffen. Denen und allen anderen Frauen stärkt Christin Nichols mit ihrer neuen Single Spotlight den Rücken. „Es gibt keine Gefahr für mich / Weil Mut größer an Angst ist“ - yeah. Große, wichtige Worte. Eingehüllt sind sie in ein rock-pop-punkiges Soundgewand, das mächtig stark nach vorne prescht. Das macht schnell viel Spaß und erhöht die Vorfreude auf das neue, nach ihr benannte Album, das am 24. April bei PIAS erscheinen wird. Punkt 2: Sie singt davon, dass sie alles haben will und dazu ein Biermixgetränk. Das hört sich doch stark nach BMX-Getränk an, oder?! Isotonische Drinks sind ja eh im Trend…

22.04.2026 München - Milla
23.04.2026 Stuttgart - Werkstatthaus
24.04.2026 Mainz - Schon Schön
01.05.2026 Husum - Speicher
02.05.2026 Münster - Gleis 22
06.05.2026 Leipzig - Neues Schauspiel
07.05.2026 Berlin - Lido
04.06.2026 Hannover – Faust
05.06.2026 Köln – Jaki
06.06.2026 Hamburg - Molotow


Sophia Kennedy
(Ms) Verregnet ist es im Norden. Seit Tagen hat die Sonne sich nicht blicken lassen. Die Aussichten: trüb. Ein Wort wie Frühling scheint noch sehr weit weg zu sein. Daher lohnt der gedankliche Ausflug in den Sommer, ein paar Erinnerungen aufploppen lassen. Zum Beispiel zum großartigen Watt En Schlick Fest. Auch das war vollkommen verregnet und nass und bäh. Aber es gab so viele gute Momente. Am eindrücklichsten war der Auftritt von Sophia Kennedy, die auf der Paletten-Bühne performte und das mit so viel Wucht und Energie und Drang, dass sie schnell diesen Strandabschnitt einnehmen konnte. Eine enorme Künstlerin, deren Musik sowohl sehr tanzbar ist als auch immer ein wenig zwickt. Nun hat sie das erste Mal zwei deutschsprachige Songs selbst veröffentlicht. Musik Ist Kein Krieg ist ein 20-er-Jahre-Chanson über die abwegigen Tendenzen der Musikbranche: Klicks, Berechnungen, Gewinne. Wo ist der Zauber geblieben?! Eben! Schenke Mir Ein ist ein Dudel-Radio-Feelgood-Schlager aus einer vergangenen Zeit. Es geht durchaus um das entspannte, gut gelaunte Versacken in einer Kneipe, doch nicht ohne den Hinweis, dass der nächste Tag wehtun könnte. Es hat den Eindruck, als ob diese Musikerin mit jedem Lied ihr eigenes Œuvre bis ins Unerschöpfliche erweitert. Was für enorme Kunst. Schaut sie euch an:

17.02.26 Kiel – Hansa 48
18.02.26 Hannover – Pavillon
19.02.26 Bremen – Schlachthof Magazinkeller
20.02.26 Münster – Gleis 22
08.04.26 Aachen – Musikbunker
09.04.26 Heidelberg – Karlstorbahnhof
10.04.26 Basel – Kaserne
12.04.26 Bern – bee-flat
23.04.26 Jena – Trafo
25.04.26 Essen – Zeche Carl


Vlimmer
(Ms) „Das ist nicht was du willst / Du weißt nicht, was du brauchst.“ Ein Taumeln. Damit lässt sich die neue Single von Vlimmer sicher ganz gut beschreiben. Aufbeißer heißt sie und ist seit kurzem zu hören. Da der Text - wie so oft bei der Musik von Alex Donat - nicht so gut zu verstehen ist, lohnt sich das Taumeln auch in der Musik zu suchen. Das Finden ist leicht, denn es liegt auf dem Silbertablett. Insbesondere der Versetzte-Drum-Computer-Beat fühlt sich an wie ein Stolpern. Hinzu kommen die Synthies, die irgendwie nie so genau wissen, ob sie aufbauen oder einreißen. Das erzeugt zusammen einen wuchtigen Höreindruck, auch wenn er dieses Mal nicht so brachial ist wie bei einigen Songs zuvor. Clever! Als Topping liefert Vlimmer eine deutschsprachige Dark-Wave-Synthie-Version von Young Folks von Peter, Bjorn & John. Noch Verrückter: Er fertigt dazu sogar CDs mit eigenem Cover an. Was für ein genialer Typ!


Ain‘t Ur Enn
(Ms) Musik ist ja oft wie eine Serie. Am Ende eines Albums - oder einer Staffel - bleibt ja manchmal die Frage: Wie wird es wohl weiter gehen? In welche Richtung setzen die MusikerInnen ihre nächsten Schritte? Cliffhänger an allen Ecken und Enden. Ennio De Caro, der sein musikalisches Alter Ego Ain‘t Ur Enn nennt, hat erst im Mai letzten Jahres sein erstes Album veröffentlicht. Bald folgt schon eine neue EP und Don‘t Tell My Bullet ist die erste Single, die es daraus zu hören gibt. Und der Schritt ist groß. Allein, dass der Track gut dreieinhalb Minuten lang ist, ist eine große Neuerung - die Platte hatte gerade mal eine Spielzeit von unter 19 Minuten! Doch auch das verspielte Schlagzeug, die tanzenden Klaviertöne und der etwas klarere Gesang sind deutlich vernehmbare Schritte. Schritte, seine Musik noch runder zu machen, noch zugänglicher. Noch besser?! Das entscheidet ihr. Dieser Song ist auf jeden Fall super!


Fjørt
(Ms) Über diese Band steht in diesem Blog schon so viel, dass ich aus dem Kopf den Shortcut für das ø finde. Fjørt: Musik gewordene Wucht. Brachial. Brutal. Heftig. Groß. Kompromisslos. Aggressiv mitunter. Und in all der Energie ungemein wohltuend. Nun ist mit Yin die dritte und letzte Single aus ihrem neuen Belle Époque erschienen. Die Platte reicht das Aachener Trio kommende Woche hinterher. Wir dürfen sie schon hören und eines ist klar: BÄM! Das wird schon sehr, sehr krass. Und dunkel. Und hoffnungslos. Gut, dass so ein Track wie Yin darauf enthalten ist, der ein wenig die Wogen glättet. Und einer, auf dem Chris Hell recht melodisch singt. „Bis das Material versagt.“
Na, zum Glück nicht. Insbesondere bei dieser Gruppe. Da wird gar nichts versagen. Ja, sie werden mit der neuen Platte alles einreißen, was möglich ist. Das hier ist der Track zum Durchatmen.

11.03. München, Technikum
12.03. Jena, Kassablanca
13.03. Wien, WuK
14.03. Leipzig, Werk 2
18.03. Berlin, Festsaal Kreuzberg
19.03. Wiesbaden, Schlachthof
20.03. Dortmund, FZW
21.03. Hamburg, Gruenspan (ausverkauft)
25.03. Bremen, Schlachthof
26.03. Hannover, Capitol
27.03. Stuttgart, Im Wizemann
28.03. Köln, E-Werk
24.04. Hagen, Stockrock

Donnerstag, 12. Februar 2026

Maiija - What If

Foto: Michael Poetschko
(Ms) Wenn auf den großen und kleinen Bühnen der Politik und Gesellschaft die Verbindlichkeiten, Übereinstimmungen und Verlässlichkeiten immer weniger werden. Wenn recht kräftig gespalten statt vereint wird. Wenn Vertrauen zu einem raren Gut wird. Wenn der große, zusammenhängende Halt eventuell auch bröckelt. Ja - was bleibt denn dann?! Insbesondere in der Kunst? Klar, privat lässt sich dennoch einiges stemmen. Doch das Schöne, Kunstvolle, Musische. Wie kann es in diesen Zeiten einen Beitrag leisten?
Einen großen - einen sehr großen sogar. Davon bin ich fest überzeugt. Das klar ganz viel mit Katharsis zu tun. Einen Begriff, der aus der Philosophie und dem Theater entspringt und dennoch einen ganz einfachen Effekt mit sich bringt. Was was die Kunst durchlebt - der Film, das Theaterstück, die Oper, das Konzert, das Album - das muss ich selbst nicht mehr durchleiden. Ich kann daran Anteil nehmen, ohne mich der Tiefe des Ganzen stellen zu müssen. Eine Art Stellvertretung. Darin macht sich auch die große Kraft der Melancholie bemerkbar. Warum hören wir denn so gern die traurigen Lieder? Sie nehmen mir meine eigene Trauer ab.

Diesen melancholischen Katharsis-Moment gibt es auf 37 Minuten mit dem neuen Album von Maiija. Dahinter verbirgt sich die Wiener Musikerin Marilies Jagsch, die seit Langem Musk macht und nun unter diesem Künstlerinnennamen ihr zweites Album veröffentlicht. Es erscheint am 13. Februar und heißt What If. Es ist sehr persönlich, es geht um Krankheit, um Leid. Die Künstlerin leidet an Endometriose und verpackt ihre Geschichte in Musik. Großartig. So können andere Menschen daran Teil haben, fühlen sich verstanden und aufgebaut. Ist das nicht ein phantastisches Geschenk, das die Kunst uns macht?! Ja, oder? Klar, zu einem Hohen Preis der Künstlerin selbst - das sollte man nicht vergessen.

Es ist Pop-Musik. Die Grundlage bietet ganz klar ein Arrangement aus Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Doch da steckt noch sehr viel mehr. Bläser und Streicher bringen Glanz und Tiefe. Zudem ist Marilies Jagschs Stimme anzuhören, dass es ihr wichtig ist, diese Lieder zu singen. Da ist Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit drin. Im Timbre, in der Stimmlage, in der Intensität.
Was machen dann diese großartigen Stücke wie Recover oder Feel mit uns Hörenden? Es lohnt sich auf jeden Fall diese Stücke recht laut zu drehen. Dann kommen die Schwingungen noch direkter an - sie müssen durch den Körper gehen, um ihre Wirkung zu entfachen. Natürlich entsteht da ein unterschwelliger Schmerz. Aber es ist kein Körperlicher. Es ist eher eine Verbindung mit Psyche und Musik. Über diesen Schmerz wird durch Melodien und Harmonie direkt ein Pflaster gelegt. So entsteht zwar ein zuckender Moment, aber er verheilt auch direkt wieder. Das ist das Wunderbare an der Katharsis. Ja, sie tut für einen Moment weh. Aber es tut halt auch sehr gut. Ein Heilungsprozess ist zu spüren. Nein, diese Stücke ziehen nicht runter. Sie bauen sogar eher auf - auch wenn das schwer vorstellbar ist. Ist aber so - das Nichterklärbare der Kunst schlägt hier gnadenlos und in all seiner Schönheit zu. Wow!

18.02. - Wien, Radiokulturhaus
04.03. - München, Milla (mit Naked Lunch!)
05.03. - Stuttgart, Merlin (mit Naked Lunch!)
13.03. - Linz, Stadtwerkstatt
20.03. - Steyr, Röda (mit Sodl)
10.04. - Ried, KiK
16.04. - Krems, Kino im Kesselhaus
27.06. - Villach, Kulturhof

Sonntag, 8. Februar 2026

Live in Hamburg: Naked Lunch

Foto: luserlounge 
(Ms) Über einen aus mindestens drei sehr guten Gründen bemerkenswerten Abend. Er startet an dem Ort des Geschehens. Ich freue mich immer sehr, wenn Konzerte an Orten stattfinden, die ich noch nicht besucht habe. Wo geht es rein? Wo ist die Bar? Wie ist alles dekoriert? Welches Bier wird ausgeschenkt? Wie ist die Akustik? Kann man von überall gut sehen? Solche Dinge halt. Wenn dann ein Konzert auf einem Schiff stattfindet, ist das nochmal eine ganz neue Ebene. Die MS Stubnitz liegt am allerletzten Zipfel der Hamburger Hafen City, einem sterilen, toten Ort. Das Schiff ist diente in der DDR zur Kühlung beim Fischfang und ist seit gut dreißig Jahren Kulturveranstaltungsort. Wie viel dieser Ort schon gesehen und erlebt hat. Das Innere ist heimelig illuminiert. Ja, das Licht spielt eine wesentliche Rolle, die einen Liveauftritt nochmal pushen kann. So geschehen gestern Abend als Naked Lunch und Die Anteile spielten.

Ein Tapete-Abend sozusagen. Das Berliner Duo Die Anteile heizte pünktlich um 20.30 Uhr ein. Nur waren leider recht wenig Leute zugegen, die zuhörten. Sehr schade, denn die mit E-Gitarre gespickte Elektromusik hatte viel Drive und der Bass kitzelte immer wieder das Innere des Schiffes. Leider war der Gesang nicht so klar eingestellt. Er wäre das i-Tüpfelchen eines starken Auftritts einer Band, die sicher noch oft zu sehen sein wird. So ein Schiff ist mit seinem industriellen Charme genau der richtige Ort für elektronische Klänge. Der hintere Raum der Bühne wurde währenddessen immer wieder toll beleuchtet. Entweder leuchteten die Scheinwerfer so nach vorn, dass nichts zu sehen oder allerhand Rohre und maritimes Gerät zu entdecken waren. Ich gebe zu - ich steh drauf!

Was danach passierte, kam aus einer anderen Welt. Naked Lunch läuft seit gut zwanzig Jahre bei mir. Durch die sehr bewegte Bandgeschichte hatte ich nie die Möglichkeit, sie live zu sehen. Insbesondere in den letzten zwölf stillen Jahren. Dass diese Band überhaupt noch spielt, davon ist ihr Frontmann Oliver Welter wohl am meisten überrascht. Was hat er nicht alles durchgemacht. Ja, das Musikleben hat ihn gezeichnet, es ist ihm anzusehen. Doch auch die ganze Leidenschaft, die Schönheit der Musik von Naked Lunch, die Größe, die Zerbrechlichkeit, das Warme und Krasse. Es spiegelt sich alles in seinem Gesicht. Zudem gesellt er eine überragende Band um sich herum, die den Abend so stark inszeniert haben, dass er noch lange nachhallen wird.

Mit God anzufangen, ist frech, frech, frech. Und heftig. Dieses übermächtige Stück, das so viele Pole innehält. Lange habe ich drauf hingefiebert, dieses Lied mal live zu sehen. Ja, die Monitorbox funktionierte zu Beginn noch nicht. Aber egal. Mit Inbrunst und Kraft haben Oliver Welter und seine MitmusikerInnen dieses Monster dargeboten. Aufgeregt war er. Ja. Ihm zitterte der Kiefer bei den ersten Ansagen. Das legte sich im Laufe des Abends. Ich habe drüber nachgedacht, ob seine Ansagen eine gewisse Theatralik mit sich bringen inklusive österreichischer Dramatik. Aber nein. Dieser Musiker ist voller Dankbarkeit, das machen zu dürfen. Er erlebt so einen Abend als wahnsinniges Geschenk, als Privileg. Und so gab es wirklich ein besonders starkes Best Of dieser außergewöhnlichen Band zu hören, zu erleben. Denn die ganz leisen, zarten Stücke wie Town Full Of Dogs standen neben den wahnsinnigen Brechern wie If This Is The Last Song You Can Hear. Ein Noise-Erlebnis mit irre gewordenem Saxophon ist das geworden. Ja, die Band hat einige Stücke so modifiziert, dass sie noch mehr Kraft entwickeln. Dazu die ganzen großen Lieder wie King GeorgeThe Sun oder Military Of The Heart. Oh man, wie oft kann sich der Puls eigentlich noch erhöhen?! Es ist lange her, dass ich so viel gestaunt habe bei einem Konzert. Die Energie an der Gitarre, die Passion gegenüber der Musik und der große Dank am Leben zu sein. Darunter ging es an einem Naked Lunch-Abend nicht. Und das ist auch gut so.

Leider musste ich aus Bahngründen etwas früher los. Aber dieser Abend wird noch lange nachhallen. Zum Einen wegen der wunderschönen, höchst außergewöhnlichen Location, zum anderen wegen einer musikalischen Darbietung, die die ganze Palette menschlicher Emotionen höchst aufrichtig in sich trägt. Möge Naked Lunch noch ewig Musik machen. Und mögen bitte mehr Leute zu ihren Konzerten kommen!