Freitag, 7. August 2020

KW 32, 2020: Die luserlounge selektiert

Bild: davingreenwell.com
(sb) Spotify-CEO Daniel Ek tat diese Woche seine Meinung kund, dass es für Musiker/-innen nicht reiche, alle drei bis vier Jahre ein Album zu veröffentlichen. Nicht ganz zu Unrecht hagelt es von Seiten der Künstler/-innen reihenweise Kritik an dieser Einstellung. Mike Mills, Bassist von R.E.M., twitterte beispielsweise recht unzweideutig:

"Music=product, and must be churned out regularly, says billionaire Daniel Ek. Go fuck yourself."

Wie seht Ihr das? Macht es Sinn, Kreativität zu erzwingen oder braucht Kunst einfach ihre Zeit?

Fragen über Fragen! Fest steht: Es ist Freitag. Wir sind die luserlounge. Es wird selektiert.

Blitzen Trapper
(sb) Album Nummer 10! Im schnelllebigen Musikbusiness ist sowas heutzutage ja alles andere als alltäglich, doch Blitzen Trapper bleiben als Konstante bestehen und schaffen es immer wieder, sich neu zu erfinden und sich dennoch treu zu bleiben. Im Singer-/Songwriter-Kosmos dreht man sich textlich ja gerne mal um existenzielle Fragen zu Leben und Tod, die Band aus Portland wagt auf Holy Smokes Future Jokes (VÖ: 11.09) jedoch den nächsten Schritt und beleuchtet die Zwischenperiode zwischen dem Leben einer Person auf der Erde und dessen Ende. Blitzen Trapper bewegen sich dabei stilistisch zwischen Teenage Fanclub, The Weakerthans und Ben Folds, ganz stark wirds in den Passagen, an denen man sich an die späten Beatles erinnert fühlt. Herrlich unprätentiös trotz der spannenden Materie, die den Hörer geradezu durch spannende Szenarien der Existenz peitscht.


100 Kilo Herz
(sb) BrassPunk aus Leipzig, eine klare musikalische Kante, tanzbare Politik - das sind 100 Kilo Herz! Die eindeutige Positionierung zur Weltoffenheit und gegen ekelhAfDe Tendenzen und Auswüchse in unserer Gesellschaft ist nicht nur zwingend notwendig, sondern in diesem Fall auch extrem gut gelungen. So traurig und beschämend es auch ist, dass eine thematische Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus und -sexismus überhaupt notwendig ist, so froh sollte man sein, dass es Musiker wie 100 Kilo Herz gibt, denen es gelingt, ihren Standpunkt so eindrücklich in Worte zu fassen. Ich möchte gar nicht zu weit ausholen und zu viel verraten, aber Stadt Land Flucht (VÖ: heute!) ist bislang das beste deutschsprachige Punkrock-Album des Jahres. Kauft es Euch, hört es Euch an und geht ab! Lieblingstrack: Drei vor Fünf vor Zwölf!


Forkupines
(sb) In schwachen Momenten klingen die Forkupines a bisserl wie Billy Talent, in allen anderen möchte man die drei bisher bekannten Tracks des neuen Albums Islands (VÖ: 23.10.) gar nicht mehr ausschalten. Trotz eher düsterer Themen wie Depressionen, Selbstzweifel und Einsamkeit gelingt es dem Trio aus Braunschweig, ordentlich Gas zu geben und nicht im Selbstmitleid zu versinken. Die Forkupines bewegen sich auf hohem internationalen Niveau und dürften problemlos mit den Szenegrößen mithalten können. Es fehlt quasi nur die Initialzündung, der Durchbruch - aber sie arbeiten dran. Und wenn die anderen Songs des Albums an das Niveau der Teaser heranreichen, kann das klappen.


Schatzi
(sb) Unsere Lieblinge von Turbostaat beginnen ihre Social Media-Posts ja gerne mal mit den Worten "Velten hat gesagt, macht das". Velten, das ist der Leiter ihrer PR-Agentur - und der Typ macht nen verdammt guten Job, denn tatsächlich gelingt es ihm regelmäßig, die Neugier in mir zu wecken, mir "seine" Künstler anzuhören. Bestes Beispiel: Schatzi
Der zugehörige Pressetext ist so dermaßen abgedreht und over the top, dass man gar nicht anders kann, als sich das mal anzuhören. Und siehe da: stark! Zwar bei weitem nicht so innovativ, revolutionär und weltbewegend wie man es erwarten durfte, aber halt doch sehr catchy und gefällig. Mir persönlich sagt die Ästhetik des Videos leider nicht sonderlich zu (ist halt Geschmackssache!), Glock, die erste Single aus der Debüt-EP Animalia Parc (VÖ: 23.10.), ist aber doch ein ziemlich lässiges Biest, das hängen bleibt und Lust auf mehr macht. Wieder mal alles richtig gemacht, der Velten...


Sophie Hunger
(sb) Sie ist Weltbürgerin und auf ihrem neuen Album präsentiert sie sich einmal mehr auch als solche: Die Schweizer Sängerin Sophie Hunger wuchs in Bern, London, Bonn und Zürich auf und lässt diese Erfahrungen sprachlich in ihre Musik einfließen. Auf ihrem neuen Album Halluzinationen (VÖ: 28.08.) führt diese Zweisprachigkeit jedoch zu dem Paradoxon, dass man das Werk als zwei Alben in einem empfindet. Das Störende daran ist vor allem der merkliche Qualitätsunterschied, denn während der Großteil der englischsprachigen Tracks zu überzeugen weiß, fallen die deutschen Songs doch deutlich ab und klingen (mir) zu künstlerisch, zu gewollt. Exemplarisch dafür steht der Titel Rote Beeten Aus Arsen - puh, ganz schwierig! Da halte ich mich doch lieber an die Perlen dieses Albums wie Liquid Air oder Security Check...


Christy
(sb) Wenn man was von "Singer/Songwriter" liest und dann auch noch von "The Scottish Rihanna", dann lädt das nicht zwingend zum Anhören ein. Da ich gestern jedoch eine längere Autofahrt zu absolvieren hatte, habe ich mir die Homegrown EP (VÖ: heute!) von Christy aber dennoch auf den mp3-Stick gezogen. Und so lief erst Jamie Lenman, anschließend Maxim (beide kommende Woche in der Selektion) und dann eben der Schotte. Die Sonne brannte, der Bodensee flog nur so vorbei und aus den Boxen tönten leichte Melodien und eine intensive Stimme, die phasenweise fast ein wenig an Chris Martin (Coldplay) erinnerte - nur halt in angenehm. Ich muss ja gestehen, dass ich bis gestern noch nie von Christy gehört hatte, bin aber sehr optimistisch, dass er - zumindest im UK - erfolgreich werden kann. So lass ich mir gefühlvolle Popmusik eingehen!


Liedfett
(sb) Ach Mann, ich würde Euch jetzt sososo gerne erzählen, wie genial und super und überhaupt das neue Album von Liedfett ist, weil die Band seit ihrem überragenden Schlaflied (einer der wenigen Songs, die bei mir immer und überall laufen können!) bei mir einen fetten Stein im Brett hat. Aber man soll ja nicht lügen und so befürchte ich, dass beim Titel Durchbruch (VÖ: heute) der Wunsch leider Vater des Gedankens bleiben wird und eben dieser nicht erfolgen wird. Warum? Irgendwie plätschert das ganze Album so vor sich hin, es ragt nicht wirklich etwas heraus (am ehesten noch Alle wissen Bescheid - siehe Video), die Texte sprechen mich nicht an und insgesamt wirkt die Scheibe viel zu heterogen, alsdass man sich darauf einlassen möchte. Und wenn die PR-Nachricht dazu dann von "Punk" spricht, dann komm ich darauf so gar nicht klar, denn als solchen empfinde ich die Musik der Hamburger quasi zu keiner Zeit. Hm, das klingt jetzt alles viel negativer als es gemeint ist... Man kann sich das schon anhören, aber zum Durchbruch wird es nicht reichen.


Freitag, 31. Juli 2020

KW 31, 2020: Die luserlounge selektiert

Bild: https://steamcommunity.com/
(ms/sb) Ein Buch liegt immer auf dem Nachtschrank. Oder auf dem Sofa. Will sagen: Irgendwas lese ich immer. Und regelmäßig flattern Tipps rein oder man liest über Lesenswertes. Das schreibe ich mir auf eine Liste, die stetig wächst und beizeiten wieder in der Buchhandlung meines Vertrauens abgearbeitet wird.
Letztens tauchte dann der Name Alice Munro auf. Kurzgeschichtenschreiberin, Literaturnobelpreisträgerin, Koryphäe. Ich kannte mich mit ihrem Werk nicht aus, informierte mich, kaufte Jupitermonde. Meine Hoffnung und Erwartung: Spannende, kurze Geschichten, die einen vielleicht zum Nachdenken anregen und weiter bringen. Die Realität: Bitte Enttäuschung, eine riesige Qual. Vielleicht habe ich das Buch auch zur falschen Zeit gelesen (viel Trubel im Privaten), aber ich hatte stets den Eindruck, dass die Geschichten auf gar nichts hinaus laufen. Und es tauchen viel zu viele Personen auf für viel zu wenig Zeiten. Langwierig, quälend. Und dabei offenbarte sich eine Schwäche: Ich kann kein Buch einfach so weg legen. Ich muss das zu Ende lesen. Argh, das hat viel zu lang gedauert. Grauenhaft. Doch nun ist es geschafft. Gibt es Tipps für gute, spannende, lesenswerte Sommerlektüre?

Buch aus. Musik an. Luserlounge hier. Selektion. Freitag. Wird gut, versprochen. Abfahrt:

Jonas David
(ms) Vor vielen Jahren las ich, dass die Produktion eines Musikvideos standesgemäß einen niedrigen fünfstelligen Betrag kosten würde. Ich kenne mich in den Hintergrunddaten dabei nicht aus, vermute aber, dass es heute nicht mehr so exorbitante Beträge nach sich zieht. Mit einem guten Handy lässt sich ja mittlerweile ein ansehnliches (Musik-)Video drehen. Was ich sagen will: In den besten Fällen unterstreicht das Video ja die Stimmung oder gar Handlung aus dem Track. Dann entsteht eine wunderbare Symbiose. Und was Jonas David hier geschaffen hat, lässt einen baff zurück. Eigentlich passiert im Video zu all in all in all nicht viel. Doch man wird ziemlich schnell in das Schicksal des Protagonisten hineingezogen und nimmt Anteil an seiner - durchaus ausweglosen - Lage. Am besten selber schauen.
Und diese traurige Stimmung, diese Sackgasse, in der der Typ steckt, wird ideal mit der musikalischen Atmosphäre in Verbindung gebracht. Es ist wie ein Kurzfilm. Das Lied wird auf seinem kommenden Album Goliath vertreten sein. Und wenn dann mal wieder Konzerte vollumfänglich stattfinden dürfen, dann ploppen bei diesem Stück sicher sofort diese Bilder auf. Keine Garantie, dass dann keine Tränen rollen. Aber okay. Jonas Davids Musik hatte immer schon den wunderbaren Sog, dass man sich einfach darin fallen lassen kann. Ganz sanft. Und dann wird man ein Stück aus der Realität entrückt. Film ab:


Rooks
(sb) So, um zur kanadischen Band Rooks zu kommen, muss ich jetzt gaaaaaaaaaaanz weit ausholen! Mein Arbeitgeber richtet jedes Jahr (wobei: 2020 ist alles anders...) in Zusammenarbeit mit einem örtlichen Veranstalter ein kleines Musikfestival aus, auf dem Musiker von Weltruf auftreten und das Publikum begeistern. "Weltruf" ist dabei aber nicht so zu verstehen, dass da die Stones, Pearl Jam oder die Rihanna kämen, sondern Künstler, die in ihren Nischen von Kritikern hochgelobt werden, kommerziell jedoch mäßig erfolgreich sind. Thomas Blug ist da das beste Beispiel - super Typ, super Musiker! Und genau in diese Kerbe schlagen eben auch die Rooks. Die drei Musiker wissen genau, was sie tun, jeder Handgriff stimmt und keine Frage: Leute, die auf die Rockmusik der 70er Jahre abfahren, werden The High Road (VÖ: 06.11.) lieben. Da steckt einfach wahnsinnig viel Qualität drinnen, auch wenn das Rad alles andere als neu erfunden wird. Leider dürfte genau das den Kanadiern zum Verhängnis werden, denn das klingt schon verdammt nach Feuilleton-Liebling, nach einer Band, der großes Talent und bestes Know-How zugeschrieben wird, die es jedoch nicht über den Status des Geheimtipps hinausschaffen wird. So schade es auch ist, aber wenn ich mir die Musik der Rooks anhöre, habe ich unweigerlich das Publikum des oben angesprochenen Open Airs vor Augen: musikbegeisterte Altrocker jenseits der 50, die ihre Jugend wiederaufleben lassen. Sei ihnen gegönnt, aber meins wars halt leider nie so wirklich.



Anna von Hausswolff
(ms) Im luserlounge-Postfach ist Sommerloch. Es läuft ja so: Uns wird eine Menge zugespielt von Agenturen oder auch direkt von Bands, wir schauen, hören, urteilen, selektieren. Doch diese Woche ist da tatsächlich nicht viel los. Leider macht diese Fixierung genau auf diesen Prozess auch ganz schön faul, mal wieder selbst auf die Suche zu gehen. Bei Anna von Hausswolff war es gewissermaßen so. Die Suche hat die junge Schwedin jedoch selbst eingeleitet in den vergangenen Tagen und ihre Online-Präsenzen mit Inhalten gefüllt, die zu Spekulationen führten. Im Musikbusiness kann es dann ja aber meist nur ein Ergebnis geben: Es gibt neuen Stoff. Und das ist auch hier der Fall. Juhu. Endlich wieder! Denn wenn Anna von Hausswolff zuschlägt, dann wird es mächtig, groß, außergewöhnlich, opulent. Ja. All das trifft zu. Unumwunden. Am 25. September erscheint ihr fünftes Album All Thoughts Fly. Und ihre musikalische Entwicklung ist absolut nachvollziehbar. Startete sie noch mit einem Werk, das vom Klavier dominiert wurde, steigerte sie sich immer tiefer in die großen, düsteren Orgelklänge rein und reizte das Instrument schon deutlich aus. Immer garniert mit Rhythmuselementen, brachialen Gitarren und wildem Gesang.  Die Konsequenz: Nur noch die Orgel sprechen lassen. Purer Klang. Das hat sie auf Källan schon bewiesen, dass sie es will und kann. All Thoughts Fly wird nun ein pures Orgel-Album. Kein Gesang. Keine anderen Instrumente. Aber eine Geschichte dahinter, die mit dem ersten Track Sacro Bosco eingeleitet wird. Dieser italienischer Name verweist auf einen geheimnisvollen Skulpturengarten nördlich von Rom. Dort stehen große, düstere, geheimnisvolle Steinskulpturen, die Gesichter zeigen, Botschaften beinhalten. Sie faszinieren, beängstigen gewissermaßen. Genau das richtige Material für die Schwedin. Juhu. Sommerloch gefüllt. Die Vorfreude beginnt ab jetzt!


Angel Olsen
(ms) Die Musik, die in den letzten Wochen und Monaten erschien - und das ist jetzt mal nur so ins Blaue geschrieben, ohne das untersucht zu haben -, ist ruhiger als sonst. Einiges ist sicher einfach zu Hause entstanden. Anfangs war die Nutzung eines Studios bestimmt auch ein Problem. Und auch die Geschichten, die sich aufdrängten, mussten schnell raus, da war keine Zeit für großes Tamtam.
Die neue Platte Whole New Mess von Angel Olsen entstand leise, die aktuelle gesamtgesellschaftliche Ausnahmesituation hat damit nichts zu tun. Doch es passt hervorragend ins Bild. Nun könnte man verdutzt fragen: Was, schon wieder ein neues Album von Angel Olsen? Hat sie nicht erst letztes Jahr All Mirrors herausgebracht? Ja, das stimmt. Und einige Texte davon werden auf der neuen Platte auch zu hören sein. Nur anders. Gewaltig anders. Denn, wie gesagt, es ist leise. Die Wucht, der orchestrale Charakter vom Vorgänger ist nicht zu finden. Die neuen Lieder und die alten im neuen Gewand tragen die DNA einer persönlich schwierigen Lage der Musikerin. Die gleichnamige Singleauskopplung verkörpert diese Stimmung sehr gut. Sie ist klar, aber irgendwie auch bedrückend. Aufgenommen wurde in einer alten Kirche, die zum Studio umfunktioniert wurde. Der Klang - so ist für die ganze Platte zu hoffen - wird breit und direkt sein. Möglicherweise in Mark und Bein gehen. Aber das ist gut. Dann schließt sich ja vielleicht der Kreis, woher die Songs stammen. Am 28. August erscheint das Album und ich bin jetzt schon sehr gespannt, was die Stimmung dessen mit mir machen wird.


Korn
(ms) Nashville, Tennessee. Diese Stadt ist die absolute Wiege der Country-Music und des Folk. Elvis und Leonard Cohen sind mit der Stadt verbunden, Johnny Cash ist dort gestorben. Und auch ein anderer trieb dort sein Unwesen: Charlie Daniels. So wie er Country spielte, genauso habe ich es mir immer vorgestellt. Der typische Hut passt zur visuellen Vorstellung, es ist verspielt, temporeich, tanzbar mit Fiddle und einer richtigen Geschichte im Track. Unter anderem in seinem größten Hit: The Devil Went Down To Georgia. Der erschien vor 41 Jahren, 1979. Nun ist im vergangenen Monat Charlie Daniels verstorben, er wurde 83. Natürlich starb auch er in Nashville.
Und solche bedeutsamen Tode in der Musikwelt ziehen Effekte nach sich. Immerhin war The Devil Went Down To Georgia ein riesiger Erfolg und sogar für den Grammy nominiert. So kondolieren auch Formationen, die man mit dem Stil so gar nicht verbindet. Die dem Meister aber dennoch die Ehre erweisen. Wir sprechen von Korn. Der Nu-Metal-Formation. Genau. Die Fiddle wurde durch eine temporeiche Gitarre ersetzt. Den Gesang im Refrain übernimmt der Rapper Yelawolf, sodass eine düstere Nummer daraus wird. Doch die Typen um Jonathan Davies sind gute Menschen. Der Track erscheint ausschließlich via Bandcamp (klar, Ableger woanders lassen nicht lang auf sich warten). Aber dort kann man den Song auch kaufen. Der Erlös geht zu hundert Prozent an Awakening Youth, einer Organisation, die sich um vom Schicksal mitgenommene Jugendliche kümmern. Gute Sache. Guter Song.



Mittwoch, 29. Juli 2020

Zugezogen Maskulin - 10 Jahre Abfuck

Foto: Rob Kulisek
(ms) Angefangen Rap zu hören, habe ich mit Fettes Brot. Da ist wohl aber auch Sprechgesang oder Pop der richtige Begriff. Und das ist recht lange her. Das eröffnete die typische Teenie-Phase, in der man (auch) das hörte, was halt überall läuft: Massive Töne, Curse, Samy Deluxe.
Das war dann irgendwann (zum Glück) rum und wurde von einer relativ langen Phase abgelöst und/oder aufgefangen, in der Gitarren in irgendeiner Art und Weise im Vordergrund standen. Das hält bis heute an. Doch neben Genres wie Neo-Klassik, Easy Listening oder Hardrock kam dann auch der Rap für mich persönlich wieder zurück. Bands wie Neonschwarz, Waving The Guns oder sookee haben mich extrem überzeugend wieder zur Kopfnickermusik geführt. Neben der politischen Schiene hat sich die Bande um die Antilopen Gang, Fatoni, Juse Ju, Edgar Wasser, Dexter, Audio88 und Yassin in meinen Hörgewohnheiten breit gemacht.
Zugezogen Maskulin passen da nirgendwo so richtig rein. Unterhaltsam: ja. Politisch: ja. Sehr viel Flow: ja. Aber. Mit ihrem herrlich doppelbödigen, zynischen, schwarzhumorigen Prolo-Asi-Auftreten stehen grim104 und Testo irgendwo anders. Wo genau, mag ich gar nicht vermuten. Wo anders halt. Derart wo anders, dass sie auch mal Support von Thees Uhlmann gewesen sind. Schräg, aber passt.

Vor drei Jahren erschien ihre letzte Platte Alle Gegen Alle und sie läuft regelmäßig daheim laut aufgedreht. Denn das muss. ZM leise funktioniert halt nicht. Dann stoßen sie nicht an. Dann ärgern sie nicht. Dann provozieren sie nicht. Laut geht das alles wesentlich besser. Dann wird durch die Boxen auch erst so richtig deutlich, wie grim wütend ins Mikro brüllt oder Testo schön pseudo-prollig seine Lines raushaut. Ja, ihre Arten ergänzen sich herausragend. Von Gegensätzen mag ich gar nicht sprechen. Aber es war ein pfiffiger Schritt, dass sie beide zusammen auftreten und unterschiedliche Rollen spielen.


Damit ist es bald womöglich vorbei. Denn kommende Woche Freitag, am 7. August, erscheint ihr neues Werk: 10 Jahre Abfuck. Und nicht nur der Titel der Platte legt nahe, dass dies vielleicht das Kapitel Zugezogen Maskulin beendet, sondern auch einige Tracks, die darauf enthalten sind.
Bitte Folgendes nicht falsch verstehen: Sollte es in der Art wie auf dem neuen Werk doch weiter gehen, dann ist es gut, dass sie aufhören. Denn leider ist ihr viertes Album eine riesige Enttäuschung. Unabhängig von den Tracks und dem Inhalt (kommen wir gleich zu), hat man natürlich eine gewisse Erwartungshaltung an neue Releases. Auch beim Wahlberliner-Duo. Fies soll es sein. Prollig soll es sein. Politisch soll es sein. Vor derbem Diss sollte eine Menge vorhanden sein etcetcpp. Aber ich will keinen Coming of Age-artigen Rückblick hören, dem der Wumms fehlt. Sowohl in den Beats als auch im Inhalt. Für diesen Text habe ich mir 10 Jahre Abfuck mehrmals durchgehört, und jedes Mal war eine Qual. Inständig habe ich ab der Hälfte gehofft, dass es bald vorbei ist. Doch die Platte schleppt sich von Song zu Song und kann mich nicht überzeugen. Im Gegenteil.
Dabei möchte ich dringend dazu sagen, dass hier kein Rap-Experte am Start ist. Dafür sind andere da. Vergleiche siehe oben. Doch den Weg von ZM habe ich aufmerksam verfolgt, sie ein paar Mal live gesehen und dort zurecht komplett abgefeiert. Nun. Gehen wir mal ins Album rein...

Eröffnet wird es mit einem dem Album gleichnamigen Track. Und wenn grim sagt, Erwartungen enttäusche ich am liebsten mit Vorsatz, dann möchte man das am liebsten glauben. Doch es gab keinen spürbaren Vorsatz, das ist hier das Problem. Müder Beat, müder Text direkt zu Beginn. Sie referieren über ihre Anfänge. Also echt. Das ist ja okay, aber das haben sie auf drei Platten bewiesen, dass sie es enorm besser können. Weitaus besser! Puh, es folgt Der Erfolg, der den beiden wohl Recht gebe. Ich will nur skippen, ein völlig belangloser Track. Tanz Auf dem Vulkan ist dann endlich politisch und derbe, aber der Trap-Beat nervt komplett. Klar, ZM wollen nicht gefallen. Aber so bugsiert man sich auch komplett ins Aus. Doch der Song ist immer noch einer der wenigen Lichtblicke des Abfucks.
Rap.de ist selbstredend eine Abrechnung. Auch mit Figuren wie Denis Cuspert, der für den IS kämpfte und starb. Aber darüber sich nochmal auszulassen... na gut. König Alkohol hingegen ist der Gegenpart zu Grauweißer Rauch. Inhaltlich macht es natürlich neugierig. Doch es klingt so, wie das letzte Bier schmeckt, was ja immer etwas über ist. Werden sie zu dem Lied wieder Champagner ins Publikum ballern? Zuzutrauen wäre es ihnen natürlich, schön doppelbödig. Nur leider hat der Song keinen Zug, keinen Drive, plätschert klanglich vor sich hin, kann auch vom Text nicht überzeugen, außer dass man beinahe ein wenig Mitleid bekommt. Normiefest ist in erster Linie ein dämlicher Begriff. Im Track reflektieren sie, dass sie irgendwann im Mainstream angekommen sind, wo sie nie hin wollten. Aber die Gage stimmt halt. Verabschieden sie sich nun aus diesen Kreisen?


Über das männliche Gehabe im Business und in der Gesellschaft referieren sie auch. Gutes Thema, brenzliges Thema, insbesondere im testosterongetränkten Rap. Doch auch Echte Männer Freestyle kann nicht überzeugen. Das hat Juse Ju bei Weitem besser gemacht. Oh ja!
Mit Sommer Vorbei kommt der nächste Lichtblick durch die düsteren Wolken. Super starker Part von grim und eine kleine Abrechnung mit der partywütigen Jahreszeit und Testos Überzeile Habt ihr F*tzen eure Tage / Warum wird hier nicht gelacht. Tatsächlich findet dieser Sommer ja gar nicht statt. Blühen die beiden wohl gerade auf?
Dunkle Grafen überzeugt auch, nur der Beat wird mal wieder mehr als gewöhnungsbedürftig. Doch das sage ich als Normie. Jeder Schritt ist wohl das mit das Härsteste, was sie als Duo zu Papier gebracht haben. Einen inhaltlich ähnlichen harten Track hat grim ja schon auf seiner Solo-EP gebracht. Hier sollte man einfach aufmerksam hinhören. Fans mit Ahzumjot ist eine weitere schöne Abrechnung mit der Branche; immerhin will ich das Lied nicht sofort skippen. Okay. Auch da scheint in einigen Zeilen durch, dass es das letzte gemeinsame Album von grim104 und Testo gewesen sein wird. Es War Nicht Alles Schlecht - skip. Exit zum Schluss ist dann noch ein Trostpflaster, vielleicht der stärkste Song des Albums. Ein guter, reflektierter Track, der aber auch die vielen Tiefpunkte des Albums nicht wett machen kann.

Puh. Okay.
Nochmals: Ich bin kein Rap-Experte. Aber das hier ist echt hart. Insbesondere wenn man weiß, wie unendlich gut die beiden sein können. Doch wenn sie nochmal auf Tour gehen, werde ich da sein. Manchmal wirkt es live ja besser als gedacht. Diese Hoffnung bleibt.

Montag, 27. Juli 2020

Oehl - Im Spiegel

Foto: Alexander Gotter
(ms) Wolken verhängen nicht nur den Himmel. Klar, die Großen, Dunklen, Furchteinflößenden lassen einen nicht unbedingt auf einen entspannten Sommertag hoffen. Doch wenn es kracht, zeugen sie auch von einer gewissen Ästhetik. Auf der anderen Seite verdecken sie den Himmel auch im Guten, damit die Sonne nicht ihre ganze Kraft auf uns nieder drischt. Ja, oft wird das Blau oben umso schöner, wenn es von diesen eigenartigen, Regentropfen tragenden Gebilden umgarnt wird.
"Diese Wolken haben's mir angetan." Das singt das österreichische Duo Oehl um Ari und Hjörtur. Ende November des vergangenen Jahres kam dieses wunderbare, verzückende Lied samt traumtanzendem Video raus. Sofort ummantelte mich dieses Lied und ließ mich nicht mehr los. Es lief lange Zeit mindestens ein Mal am Tag, gerne abends kurz vor der Nachtruhe. Ich kann darin schwelgen und dazu tanzen. Der Song kommt mit einer sanften Eleganz daher, mit feinstem Songwriting und einem leicht verspielten Klang. Das schlug bei mir ein und setzte sich fest. Bis heute. Und es wurde noch besser. Denn ihr Album Über Nacht, das im Frühjahr erschien ist eine Wucht (hier der Bericht dazu). Ein bisschen mehr als die Hälfte des Jahres ist rum, und es ist immer noch mein absoluter Favorit der diesjährigen Neuerscheinungen.
Das passende Konzert dazu in Bremen war herausragend. Und das ist nicht übertrieben oder dient einem werbenden Zweck. Es ist Fakt. Ihre Show sieht beschwingt und leicht aus, doch dahinter verbirgt sich hohes musikalisches Können und mit ihrer Sympathie überzeugen sie auch die letzten Zweifler.
Nun hatten sie für die Live-Darbietung ja 'nur' ihr eines Album. Was tun, um einen Abend zu füllen? Einfach für die beiden: Schnell noch ein paar Songs geschrieben und ein, zwei Cover gespielt. Großartig.

Dieses Rad dreht sich nun weiter. Aber in eine andere Richtung. Denn nicht Oehl covern nun andere Künstler, nein. Ausgewählte Musikerinnen haben sich sechs Stücke der Österreicher vorgenommen und neu eingespielt. Mit eigener Note. Mit individuellem Charakter. Ohne das Original aus den Augen zu verlieren. Es ist ein tolles Corona-Projekt und auch eine super Zusammenarbeit mit anderen Kreativen. Diese sechs Stücke kommen als digitales Release am Freitag (31. Juli) heraus unter dem Namen Im Spiegel. Eine wunderschöne Metapher für eine Neuinterpretation. Auch toll, dass ausschließlich weibliche Künstlerinnen sich in diesem Projekt wiederfinden. 

Culk machen aus Tausend Formen eine reduzierte Popelektronummer. Spannender, lustiger Nebeneffekt von Im Spiegel: Einige Texte sind nun besser zu verstehen, da Ari am Mikrophon gern bewusst ein wenig nuschelt. Children verpassen Anlegen auch einen deutlich elektronischeren Touch, locker und sanft. Der UhhUhhh-Hintergrundgesang kommt dabei super durch, sodass der ohnehin tanzbarste Song von Über Nacht noch mehr Drive erlangt. Richtig experimentell wird die Neuauflage von Neue Wildnis. Denn Brynja kommt wie Hjörtur aus Island und verwandelt den Song in ihre Muttersprache und in ein traumwandelndes Korsett: Auðn heißt es nun. Lylit macht aus dem kurzen Bisher, das das Oehl'sche Album eröffnet einen dreiminütigen Track, der schon beinahe in Richtung Neo-Chanson dringt. Herrlich sanft, zart, ja beinahe zerbrechlich ist Berglinds Version von Über Nacht: sphärischer Klang macht sich breit, der langsam explodiert. Eine gezupfte Gitarreninterpretation von Keramik steuert Mira Lou Kovacs der EP bei. Hört man diesen Track über Kopfhörer, entfaltet sich die Schönheit dessen noch stärker und dringt durch Mark und Bein.

Ja, Coverversionen sind immer eine heikle Angelegenheit. Viele wirken einfach nachgespielt und uninspiriert. Bei diesen sechs Stücken spielt dies zum Glück keine Rolle. Die Balance zwischen eigener Note und dem nötigen Wiedererkennungswert ist nahezu perfekt austariert.
Im Spiegel. Oehl. Sie verzaubern ein weiteres Mal! Wolkenbetupfter Himmel!




Freitag, 24. Juli 2020

KW 30, 2020: Die luserlounge selektiert

Bild: pitchfork.com/
(sb/ms) Das letzte Konzert, das ich besucht habe, war Anfang März in Hamburg. Sookee war auf ihrer Abschiedstournee und ich war rückblickend doppelt froh, dass ich dabei war. Vieles, das geplant war, fiel aus, wurde langfristig verschoben. Vermisse ich es? Auf jeden Fall! Ist der Mensch ein Gewohnheitstier, das sich schnell mit Neuem arrangiert? Ja, das auch. Aber die Sehnsucht pocht unaufhörlich.
Nun gibt es ja zahlreiche Alternativformate, wo auch KünstlerInnen auftreten, die in unserem Fokus stehen. Die Stadt Oldenburg veranstaltet eine lange, sehr gut gebuchte Konzertreihe (u.a. Enno Bunger, Jesper Munk oder Fat fuckin' Toni), der Knust in Hamburg gestaltet seine Sommerkonzerte auf dem Lattenplatz und im Westfalenpark Dortmund finden bestuhlte Konzerte statt, wo unter anderem Waving The Guns und Thees Uhlmann auftreten werden. Gar keine so schlechten Aussichten. Doch ich bin immer noch Realist und meine Hoffnungen, dass im Herbst die vielen, tollen Tourneen stattfinden, sind doch recht gering. Falls hier jemand eines dieser Events besucht, gebt gerne mal Bescheid, ich bin super neugierig auf entsprechende Erfahrungen!

Doch hier ist immer noch die luserlounge. Es ist Freitag. Wir haben selektiert. Das kam dabei heraus!

O Captain! My Captain!
(sb) Seltsam: Vor ein paar Tagen habe ich mir Sleep Well Soon (VÖ: 07.08.) zwei-, dreimal angehört, fand es so lala und schob die Rezension des Albums seitdem vor mir her. Heute Morgen fand ich wieder die Zeit dafür und siehe da: Taugt! Als so stimmungsabhängig hatte ich die neue Scheibe von O Captain! My Captain! gar nicht empfunden, doch scheinbar lag ich da falsch. In seinen besten Moment erinnert das Album gar ein wenig an Blackmail, sonst schwankt es zwischen locker-leichtem Indie-Punk und emoesquem Geschrammel, das zwar gut und leicht ins Ohr geht, aber - so ehrlich muss man sein - genau so schnell auch wieder raus. Live wird das vermutlich sehr gut funktionieren und ich wünsche der Band (wie so vielen anderen auch...), dass sie bald die Möglichkeit hat, ihr Album auf die Bühne zu bringen.
Auch seltsam: Obwohl jeder einzelne der zehn Tracks durchaus zu gefallen weiß, fehlt mir ein bisschen der Link zwischen den Songs, die Struktur, die das Album als Ganzes verbindet. Es wirkt wie ein Sammelsurium von Singles, was ja per se nicht schlimm ist, was mir in dieser Deutlichkeit jedoch bisher eher selten untergekommen ist. Ein krasses Gegenbeispiel hierzu wäre das Album "Suicide Pact - You First" von Therapy?, bei dem die einzelnen Songs nicht wirklich herausragen, das Gesamtwerk hingegen eins meiner absoluten Lieblingsalben formt, weil es textlich, thematisch und atmosphärisch absolut stimmig ist. Aber klar: Ist natürlich ne Einstellungssache, wie man ne LP betrachtet...


Get Well Soon
(ms) Hey ihr kleinen Serienfreaks! Bei wem von euch sind in den letzten Wochen die Serienstunden stark gestiegen, da die sonstigen Freizeitmöglichkeiten ja weitestgehend ausfielen? Ich durfte hart lernen und habe mich mit alt Bekanntem begnügt. Doch damit ist jetzt Schluss. Denn seit dieser Woche ist die zweite Staffel von How To Sell Drugs Online (Fast) natürlich bei Netflix zu sehen. Neben der sehr unterhaltsamen Erzählung kommen im Hintergrund ein paar richtig gute Leute zusammen. Denn hinter der Idee steckt unter anderem Philipp Käßbohrer. Genau, der Typ von der bildundtonfabrik aus Köln, die das Neo Magazin Royale produzieren. Die Musik zur Serie macht niemand geringeres als Konstantin Gropper beziehungsweise Get Well Soon. Nicht nur, dass diese beiden Kreativen lange kooperieren, sie sind auch in der gleichen Stadt geboren, in der Metropole Biberbach an der Riß. Wenn die beiden sich nicht schon aus Sandkastentagen kennen, weiß ich auch nicht...
Nun gibt es zum Start der zweiten Staffel auch endlich einen eigenen Track, der die Serie begleitet. Also nicht nur die Score-Stücke und das Intro, sondern eine eigene Single! Sie heißt Funny Treats und kommt im typischen Get Well Soon-Gewand daher: Dramatisch, opulent und einen Hauch elektronischer als zuvor. Film ab:


Torn Palk
(ms) Was Bands wie Ghost oder Waving The Guns spannend macht, ist, dass man nicht weiß (im ersten Fall zumindest lange nicht wusste), wer dahinter steckt. So kann man sich auf den Klang, die Show, den Text, die Musik konzentrieren, ohne sich mit irgendwelchen Biographien auseinander zu setzen (klar, das macht auch Spaß, führt aber auch oft nicht so weit). Man kann also anonym auftreten oder eine Art Alter Ego sprechen lassen. Das haben die Gorillaz jahrelang recht gut gemacht und zeigt nur, wie genial Damon Albarn wirklich ist. Doch ich schweife mal wieder ab...
Torn Palk. So heißt die Band. Oder eher das Projekt? Im Grunde genommen ist es egal. Auch, dass der Kopf dahinter sich Lady Mus nennt und hinter dem Namen sich nun mehrere Menschen verbergen. Wichtig ist die Musik. Am Mittwoch erschien eine neue Single. Vollkommen unabhängig von ihrer diesjährigen EP Back To Bizarre. Boring Day heißt sie und ist alles andere als öde. Zum Einen ist da dieses Gorillaz-hafte Video in morbider Zeichentrickkunst. Zum Anderen der Text, der einen nicht nur schnell einlullt, sondern auch gern mal baff zurück lässt: It took some time / Now I know we’re all insane / Our feelings come from / Chemicals inside the brain. Hm. Ja, das stimmt, aber eigentlich will man das in dieser Deutlichkeit doch gar nicht wissen. Dieser Text ist eingebettet in einen Dark Wave-artigen 80er Jahre Sound, bei dem der nicht endende Bass reichlich dominant ist. Und das passt hervorragend zusammen. Ein super Gesamtbild macht sich hier breit! Zurück lehnen und sich ein Stück weit verstören lassen:


Matt Costa
(sb) Nein, ein Unbekannter ist Matt Costa ganz sicher nicht, denn bereits seit knapp 20 Jahren hat sich der Kalifornier als Musiker einen Namen gemacht und tourte u.a. mit Oasis, Modest Mouse, Death Cab For Cutie und Jack Johnson rund um die Welt. Am 11.09. veröffentlicht der ehemalige Skate-Profi nun sein fünftes Album und Yellow Coat fasst seine Stärken gut zusammen: Wärme, Behaglichkeit, Unterhaltung, ideale Hintergrundmusik und Wohlfühlatmosphäre. Das gelingt diesmal sogar, obwohl Costa gerade das Ende einer zehnjährigen Beziehung verkraften musste und dies auch in seiner Musik verarbeitet. Recht viel intimer gehts kaum. Was mir bei dem Künstler, den ich nun ja auch schon seit zig Jahren verfolge, jedoch leider immer wieder auffällt, ist der fehlende Wiedererkennungswert, dieses bestimmte Etwas, das ihn unique macht. Eigentlich sehr schade, denn an sich muss sich Matt Costa vom Songwriting her beispielsweise vor Jack Johnson keineswegs verstecken.



Alin Coen
(ms) In fünf Wochen ist es so weit. Dann wartet eine richtige Perle der Musik bei den Plattenhändlern des Vertrauens auf euch. Eigentlich ist es ja ein bisschen seltsam, dass Alin Coen ein Album im Sommer raus bringt, der Jahreszeit der unbeschwerten, sorgenlosen, guten Laune. Seien wir ehrlich: Dafür steht ihre Musik nicht zwingend. Muss sie auch gar nicht. Natürlich war der Termin geschickt gewählt, um die Tour im Herbst stattfinden zu lassen. Sie soll nun nächstes Jahr nachgeholt werden. Nah erscheint am 28. August und ich persönlich freue mich irre darauf. Sanfte, leise Töne, die eine unglaubliche Macht in sich tragen und dann geballt und langsam in die Magengrube hauen. Entflammbar hat mir schon den Atem genommen. Diese Woche erschien die insgesamt dritte Vorab-Single Bei Dir. Und kaum vorstellbar: Es ist ein lockerer, sanfter, fröhlicher Klang und Text! Herrlich und erbauend. Man kann es als romantisches Liebeslied lesen. Doch das tolle Video suggeriert auch, dass gute, richtig gute, nahe Freunde einem das Herz auftauen können, sodass man wieder frei atmen kann. Erneut zeigt Alin Coen, dass sie eine der ganz großen, sehr feinfühligen deutschsprachigen Texterinnen und Musikerinnen ist. Oh, das wird ein klasse Album. Fünf Wochen noch!

Alin Coen tritt sogar zwei Mal in diesem verkorksten Sommer auf. Nicht verpassen:

24.08.2020 Köln, Jugendpark (Silent Concert auf der Summerstage)
29.08.2020 Hamburg, Knust



Montag, 20. Juli 2020

Provinz - Wir bauten uns Amerika

Bild: https://www.facebook.com/provinzband
(sb) Hinterland. Wo jeder Tag aus Warten besteht. Und die Zeit scheinbar nie vergeht. Da sind sie daheim, in Oberschwaben, am Tor zum Allgäu. Der Bandname Provinz ist also Programm - und doch Understatement! Und auch das Warten bekam in den letzten Monaten eine völlig neue Bedeutung im Leben des Quartetts aus Vogt, denn wie bei so vielen anderen Künstlern, so war auch die Planung von Provinz für das Jahr 2020 eine komplett andere. Ihr Debütalbum sollte eigentlich im April erscheinen, eine ausgedehnte Release-Tour folgen - und dann kam Covid-19, Ihr kennt das ja. Der Veröffentlichungstermin wurde daraufhin munter hin- und hergeschoben, erst hieß es August und letzten Endes erblickte Wir bauten uns Amerika am 17. Juli das Licht der Welt. Endlich! Uns liegt das Album bereits seit Wochen vor, läuft auch ziemlich oft, die ein oder andere Passage für diesen Review formte sich bereits im Kopf - und dann habe ich doch tatsächlich die letzte Änderung des Releasedatums komplett verpasst und stand am Freitag ohne Text da. Na super!

Im Endeffekt ist es aber auch egal, denn das Fazit bleibt das Gleiche: Kauft diese Platte, seid von Anfang an dabei, wenn Provinz die (zumindest deutschsprachige) Musikwelt erobern! Genauer gesagt startete die Geschichte bereits 2017, zwei Jahre später folgte ihre erste EP Reicht Dir das und nun also der erste Longplayer.

Bereits die ersten Töne auf Wir bauten uns Amerika lassen erahnen, wohin die Reise führt: diese Stimme, die einen einfängt, der Mut, sie von Anfang an wirken zu lassen und in Folge auch der Text zu Mach Platz!, der vermutlich jedem, der seine Jugend auf dem Land verbracht hat, aus der Seele spricht. Die Welt steht uns offen, hier sind wir und Ihr habt nur auf uns gewartet. Besonders bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass der Song innerhalb einer halben Stunde geschrieben wurde und inzwischen innerhalb weniger Tage 200.000 mal gestreamed wurde.

Und tatsächlich bleibt dieses Provinzielle zumindest subtil in vielen Tracks als Motiv erhalten - und das ist ausschließlich positiv gemeint und zieht sich, wenn man sich denn auf diese Sichtweise einlässt, wie ein roter Faden durch das Album, gibt ihm Struktur und bietet dem Hörer die Möglichkeit, sich daran festzuhalten und zu orientieren. Dass Party und Rausch (Diego Maradona bzw. Augen sind rot) im Hinterland dabei durchaus eine Rolle eine spielten, ist nicht von der Hand zu weisen. Ich kenn das ja selber: so arg viele Möglichkeiten gibts halt außerhalb der Städte nicht, um wirklich was zu erleben - und bei mir waren es damals nur knapp 40 km nach München, während Vogt im Dreieck Wangen, Ravensburg und Leutkirch doch deutlich abgelegener sein Dasein fristet.

Bild: https://www.facebook.com/provinzband

Wie dem auch sei: Vincent Waizenegger, Robin Schmid, Moritz Bösing und Leon Sennewald machen Musik, die die Provinz verlassen wird und tatsächlich schon längst hinter sich gelassen hat. Bereits ihre erste EP wurde von Tim Tautorat (AnnenMayKantereit, Faber) in Berlin produziert, sicher nicht die schlechteste Referenz. Auch live haben sich die Oberschwaben bereits einen guten Ruf erarbeitet und konnten dabei nicht nur Luserlounge-Liebling René Ahlig von No King.No Crown. von sich überzeugen. Provinz boomt und das schlägt sich auch in den Ticketverkäufen für die kommende Tour nieder. Leider musste diese zwar auf kommendes Frühjahr verlegt werden, mit ausverkauften Hallen darf jedoch vielerorts gerechnet werden. Und da die Oberschwaben bereits jetzt so gefragt sind, sind auch schon die ersten Shows für 2022 (!) bestätigt. 

Aber was macht Provinz so besonders? Es ist schwer zu beschreiben, aber quasi auch unmöglich, sich der Musik zu entziehen. Es klingt einfach verdammt nah, sehr vertraut und genau so, wie man sich immer selbst gewünscht hätte, Musik machen zu können. Abwechslungsreiche und doch stets einfangende Melodien, beachtlicher Mitsingfaktor (und schon wieder muss ich Diego Maradona nennen, obwohl es eigentlich sogar der Track ist, der mir fast am wenigsten gefällt auf dem Album), große Gefühle (Verlier Dich), ausgeprägte Tanzbarkeit (Tanz für mich) und alles in allem die beneidenswerte Lässigkeit, die die vier jungen Musiker aus dem Ärmel schütteln. Diese Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte, diese Fähigkeit, all das in wunderschöne und so treffende Worte zu verpacken, diese Gabe, in diesem Alter schon so erfahren und reif zu klingen - und doch zu wissen, dass noch so viel vor einem liegt.

Provinz, das ist überragend!





Freitag, 17. Juli 2020

KW 29, 2020: Die luserlounge selektiert

Bild: http://web29.co.in/
(ms/sb) Wir müssen über Mode sprechen. Oder über Trends. Bei der ARD gibt es eine sehr sehenswerte Doku über die Sneaker-Szene. Ein irrer Markt. Das war mir in dem Ausmaß nicht bewusst. Da campen Leute vor Läden, um einen Schuh (!) zu kaufen. Aber nicht um ihn zu tragen, das wäre Wahnsinn. Entweder wird er ins Regal gestellt oder für einen noch irreren Preis weiter verkauft. Das fand ich beinahe erschreckend. Krank. Ich trage auch gern gute Schuhe. Aber ich trage sie. Und irgendwann sind sie durch. Punkt.
Jetzt sollte man sich natürlich immer an die eigene Nase fassen, bevor man austeilt. Derzeit packe ich Kartons für einen Umzug. Da müssen natürlich auch alle Bücher, CDs und Platten rein. Schönes Hobby. Leider auch sehr schweres Hobby. Ein gutes, gelesenes Buch verkaufen? Niemals! Ausleihen? Ungern, nur wenn keine Gebrauchsspuren entstehen. Mehrwert? Keiner, nur ideell. CDs verkaufen mit Gewinn? Okay, guter Scherz. Bei Vinyl ist das was anderes. Die ein oder andere limitierte Platte steht schon im Regal, aber sie laufen auch mehr oder weniger regelmäßig. Bei Discogs kann man ja nachsehen, was das gerade wert ist. Doch verkaufen?! Niemals! Nie würde ich diese schönen, haptischen Dinge aus der Hand geben. Daher kann ich die Beweggründe bei den Schuh-Menschen ansatzweise nachvollziehen. Doch: Es sind Schuhe. Ja. Unten, an den Füßen. Das, was mich vom Asphalt trennt. Design als kulturelles Kapital. Ich ordne Musik als höhere Kunstform ein. Persönliches Urteil. How about you?

Back to business. Musik. Luserlounge. Freitag. Wir haben uns durchgehört und selektiert! So!

Herr Rauch
(sb) Sportlehrer aus Leidenschaft - was für ein grenzgenialer Name für eine EP (VÖ: 31.07.), auch wenn er sich selbst anhand der fünf Tracks auf der Scheibe nicht erklären lässt. Egal, das Interesse ist geweckt und bereits der erste Song Kaffee Schwarz ist so vereinnehmend, dass es fast eine Frechheit ist. Wer kennt es nicht, das Gefühl an einem Montag Morgen, wenn einem alles schon wieder viel zu viel ist und das kommende Wochenende samt all seiner Freiheiten eine Ewigkeit entfernt scheint? Salz In der Luft ist Liebe pur, Pogo und Ballett hingegen lässt die Glieder zappeln und versetzt den Hörer unweigerlich in einen kleinen, stickigen Konzertraum, dessen Wände tropfen. Auf Wann Wurde Ich Alt folgt zum Abschluss noch Leider Wein, eine Ode an die Grausamkeit, der Fahrer zu sein, wenn alle anderen saufen dürfen. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit als "kulinarische Einschränkung" abzutun und gleichzeitig auf Basis eines griechischen Volksliedes unverschämt tanzbar zu machen, ist ein Ereignis, das man erlebt haben sollte. Herr Rauch, das ist ganz großer Sport! Und natürlich Leidenschaft - und da schließt sich dann auch wieder der Kreis zum Titel der Scheibe...


Zugezogen Maskulin
(ms) Auch bei der dritten Singleauskopplung von Zugezogen Maskulin steht die Frage im Raum: Beenden Grim104 und Testo mit ihrem kommendem Album 10 Jahre Abfuck die gemeinsame Karriere? Nehmen wir an, dieser bedauernswerte Fall für die hiesige Rap-Landschaft tritt ein, dann wird er mit Sommer Vorbei zusätzlich angefeuert. Das ergibt sich zum einen aus dem Titel. Doch auch im Text, in den Parts von beiden, wird in genau diese Kerbe gehauen, wenn sie vom letzten Abendmahl, Beerdigung oder dem letzten Dosenbier sprechen. Hach. Selbstredend geht es nicht nur um eine Jahreszeit, sondern auch im das Lebensgefühl. Wird das echt ein knallhartes, thematisches und konzeptionelles Abschiedsalbum? Das wäre schon bitter. Aus meiner Warte heraus muss das gar nicht sein. Man kann sich auch auflösen und thematisch unabhängig davon die Platte veröffentlichen. Vielleicht wollen die beiden Wahl-Berliner ja aber auch einen Abgang mit dem größtmöglichen, doppelbödigen Kitsch hinlegen. Zuzutrauen wäre es ihnen. Dazu passt natürlich auch der etwas melancholische Ton des Tracks, die gewisse Langsamkeit. Ciao Ciao. Winke Winke. ZM - bitte bleibt noch bei uns! Ich gebe die naive Hoffnung nicht auf. 


Lang Lang
(ms) Wir reisen mal eben 260 Jahre in die Vergangenheit. Nach Leipzig. Kategorien wie Ost und West waren damals völlig fremd, Deutschland war ein irrer Flickenteppich aus Herzog-, Fürsten- oder Königtümern. Und in Leipzig in der Kirche arbeitete ein junger, extrem begabter Mann: Johann Sebastian Bach. Er war Kantor, erlangte postum Weltruhm. Bis heute trägt er heute einen der Namen der Klassik. 1741 erschienen erstmals gedruckt seine Goldberg-Variationen. Bis heute gelten die 32 Sätze als großes Klavierkunstwerk, an das man sich nicht eben so heran wagt. Doch einer tut das. Guten Gewissens. Ein junger Mann, der mindestens von genauso großem Ruhm umgeben ist: Lang Lang
Er ist ein absolutes Ausnahmetalent. Mit 3 Jahren (!!!) fing er an, Klavier zu spielen. Mozart-Style. Dies zog nicht nur eine extrem außergewöhnliche Biographie hinter sich her, sondern auch einen entsprechend irren Erfolg. Lang Lang mag der bekannteste Pianist der Welt sein. Behaupte ich einfach mal so. Logisch, dass er sich dann irgendwann die Goldberg-Variationen vornimmt. Das tat er. Am 4. September erscheinen sie via Deutsche Grammophon. Er selbst sagt über das Werk: "Das Stück lässt uns alles aus uns herausholen, was wir haben, aber auch alles, was wir nicht haben und noch lernen müssen." Die Spannung steigt also zurecht, wenn im September das Werk erscheint. So klingt das erste Stück:


The Beths
(sb) Es ist diese intensive Beiläufigkeit, diese konzentrierte Wurschtigkeit in der Stimme von Elizabeth Stokes, die The Beths so wahnsinnig interessant macht. Keine Frage: Die Neuseeländer erfinden das Rad des Indie-Rocks keineswegs neu, interpretieren ihn jedoch auf eine sehr angenehme Art und Weise. Die 90er sind zurück und klingen frischer denn je. Zehn Tracks umfasst Jump Rope Gazers (VÖ: 10.07.), jeder von ihnen weiß zu gefallen und dennoch fehlt so der ganz, ganz große Hit, der für den Durchbruch sorgen könnte. Klingt garstig, soll es aber gar nicht sein, denn ich höre das Album wirklich sehr gerne, da es so herrlich unaufdringlich und doch ansprechend ist. Vor einem Vierteljahrhundert war der Begriff "Slacker" mal recht geläufig (googelt das gerne mal, wenn Ihr es nicht kennt) und das ist der Soundtrack zur Einstellung. Deutlich besser als nur ordentlich.


Vlimmer
(ms) Liebe Leserin, lieber Leser. Was passiert, wenn man Joy Division, Drangsal mit einem Hauch Placebo und einer ordentlichen Portion Apokalypse im Schwindel zusammen mixt?! Ja, schwer zu sagen, oder? Aber extrem aufregend anzuhören. Als Band ist das nämlich Vlimmer! Die Basis bildet ein elektronischer Gitarrenklang samt Drumcomputer. Darauf tanzen Akkorde und Synthieflächen, die von einem tragenden Bass begleitet werden. Die Stimme darüber nutzt einiges an Effekten, die Stimmung erzeugen. Zumeist ist es Hall. Das ist die kleine nüchterne Beschreibung des Sounds. Wie wirkt das? Beklemmend, wie im Rausch. Unaufhaltsam, wie eine Achterbahn, aus der man nicht aussteigen kann. Oder ein alter, aber temporeicher Film in schwarz-weiß, wo der Täter von Anfang an bekannt ist und leise zuschlägt.
Es macht halt unglaublich neugierig zu wissen, was dahinter steckt. Denn der gesungene Text von Alex (Vlimmer ist sein Solo-Projekt) ist nicht immer ganz zu verstehen. Doch er ist nachzulesen. Denn Alex macht mit der heutigen Veröffentlichung einen großen Schritt Richtung Ende eines jahrelangen Projekts. Die Texte auf XIIIIII / XIIIIIII haben eine prosaische Grundlage. Die findet man HIER, es ist ein Buch, das er vor fünf Jahren fertig stellte. Es hat 18 Kapitel. Logischerweise zog dies auch 18 EPs hinter sich, die je 5 Tracks enthalten, um den Inhalt musikalisch wiederzugeben. Heute erscheinen Nummer 16 und 17. Bald ist der musikalische Zyklus beendet; der Autor überlegt zudem, das Buch neu aufzulegen. Eine derart enge Bindung aus Prosa und Musik ist mir noch nicht über den Weg gelaufen. Songs von Get Well Soon haben den Anschein große Geschichten zu erzählen, aber die eine (!) Quelle fehlt und Sven Regener vertont halt andere Storys. Ob Alex hier ein Alleinstellungsmerkmal gelungen ist, weiß ich nicht hundertpro. Aber ich vermute es. Die düsteren Lieder sind ein tolles, cineastisches Werk im Riesenformat. Lasst euch drauf ein, dann werdet ihr der Realität entrückt!


Mando Diao
(sb) Ende 2019 veröffentlichten Mando Diao ihr Album BANG, das wir mit gemischen Gefühlen aufgefasst haben. Die Richtung stimmte, die alte Stärke aber noch ein gutes Stück entfernt und doch recht viel Luft nach oben. Heute erscheint nun doch recht überraschend eine neue EP der Schweden und die fünf Tracks auf All The People lassen kaum Wünsche offen. Sehr stark, sehr melodisch, sehr gefühlvoll und stimmlich absolut überzeugend. Der Rock ist zugegebenermaßen etwas zu kurz gekommen, aber da sehe ich gerne darüber hinweg. Sie sind wieder da! Und die EP macht auch richtig Lust, in das kürzlich erschienene zweite schwedischsprachige Album I solnedgangen („Bei Sonnenuntergang“) reinzuhören, das in die Fußstapfen des in ihrer Heimat gigantisch erfolgreichen Vorgängers Infruset tritt, das eines der erfolgreichsten schwedischen Alben aller Zeiten ist (4-fach Platin).


Schönleben
(ms) Es gibt freitägliche Rubriken, die einen gewissen Charakter haben. In den letzten ein, zwei Jahren haben ruhige, meist am Piano gespielte Töne stark Einzug in dieses Format und das Projekt luserlounge erhalten. Zurecht. Großartig. Doch wir müssen auch ein wenig gegensteuern.
Ein Glück, dass es Schönleben gibt. Sie erfüllen für uns sie wunderbare Rubrik: Sich gepflegt anbrüllen lassen bei brettschwerem Gitarrensound. Noch besser wird es, wenn die EP Übungen Im Positiven Denken so gesehen gar nicht geplant war. Aber halt auch kein Ergebnis des Zufalls. Michael, Felix, Jan, Martin und Micha sind/waren in anderen Kombos unterwegs, hatten aber Bock. So haben sie sich getroffen, aufgenommen und gedacht: Ist gar nicht so schlecht. Würden wir so veröffentlichen. Und siehe da: Through Love Records haben beschlossen dem Quintett den Wunsch zu erfüllen. So sind die sechs Tracks plus Intro ab kommender Woche auf einer einseitigen 12" zu haben. Wie geil ist das denn?! Eine Liebe zur Musik, eine Liebe zu den Tönen. Eine Liebe zur Schallplatte. Der leicht verzweifelte Gesang, der aus voller Kehle kommt, das treibende Schlagzeug, die teils anklagenden Texte, der melancholische Hang in den Gitarren. Das klingt ein wenig nach Escapado und dem Besten, was Postrock zustande gebracht hat. Es weiß sehr, sehr zu gefallen! Endlich wieder Gebrüll. Auf geht's: Schönleben!