Donnerstag, 23. Mai 2019

Schwarz - White Room

Foto: Tanja Tikarli
(ms) Spricht man von SCHWARZ, spricht man automatisch von Roland Meyer de Voltaire.
Und wie bei vielen anderen Berichten über die Platte White Room, die diesen Freitag (24. Mai) erscheint, dürfen keine Infos über den Werdegang und den Wandel des Künstlers fehlen.
So auch hier nicht.
Denn vor dreizehn Jahren - 2006 - hat die Band Voltaire (klar, man ahnt es schon) auf sich aufmerksam gemacht, veröffentlichte eine EP und zwei Alben und die einschlägigen Musikzeitschriften haben ihnen eine große Karriere vorausgesagt. Ich habe Voltaire auch mehrmals live gesehen und war vom Gesang als auch von der Dynamik der Musik stark angefixt. Sie konnten sehr leise und andächtig und auf der anderen Seite auch extrem wild werden, bearbeiteten die Gitarren, bis einem schwindelig wurde. Doch die Band brach auseinander, der Major-Deal verpuffte in der Luft und sie haben noch nicht einmal so richtig losgelegt. Sehr schade, ich wüsste zu gerne, wo die Band heute stehen würde.
Doch Kopf und Stimme der Band, eben jener Roland Meyer de Voltaire, sagte damals schon in einem Interview sinngemäß: Ich kann nichts anderes als Musik machen, deshalb höre ich auch nicht damit auf.
Das Ergebnis können wir jetzt hören unter dem Namen SCHWARZ. Und für die Produktion von White Room brauchte es kein Schlagzeug, keinen E-Bass, kein Klavier, keine Gitarre. Dafür die nach wie vor wunderbare Stimme und einen bestimmt irren Haufen an elektronischen Gadgets. Nein, ich will elektronische Musik nicht schlecht machen, das stünde mir fern, nur der Wandel ist schon extrem. Aber auch extrem in der Weise wie er Kreativität freisetzt.



Tatsächlich ist vor diesem Hintergrund das Wesen dieser Platte auch gar nicht so überraschend, auch wenn Roland sich hier bei einem anderen Genre bedient und in den letzten Tagen einige Support-Shows vor Schiller gespielt haben (ja, die gibt es tatsächlich immer noch). Die Neigung mit Dramatik, Dynamik, Geschwindigkeit und Lautstärke zu spielen, ist deutlich auf den 13 Tracks zu hören. 53 Minuten Spielzeit hat White Room und geht mit The Others auch direkt mit einem sehr modernen Electro-Hit los. Es ist direkt ein Beispielsong für die Platte: es wird da laut, wo es laut sein soll, nimmt sich an den passenden Stellen zurück und ist nicht zu voll. Ja, ein wahrer Kenner/Könner ist am Werk. Mich würde es im Positiven nicht wundern, wenn SCHWARZ bald in High Rotation in Deinem Radio zu hören ist.
Oder: Ein Live-Set passt auch hervorragend auf die Fusion, aufs Melt! oder zu einem nächtlichen Gig beim Hurricane. Dream ist ein ruhigerer Track und das tut der Platte gut, denn von einer gewissen Eintönigkeit kann sie sich nicht freisprechen. Nur epische Klangteppiche wird dann halt langweilig. Aber soweit kommt es auf dem Album nicht. Der titelgebende Song hat eine wunderbare Hookline, wo kein Kopf ruhig bleibt.
Beneath The Skin arbeitet mit Effekten und Geräuschen, die auf den acht Liedern vorher noch nicht so deutlich zu hören waren und haut an einer klugen Stelle einen vielschichtigen Sound raus. Ja, diese Art von elektronischer Musik ist nicht mein Favorit, aber ich sehe die musikalischen Stärken darin. Genauso Ghost Of You, endlich kommt auch eine gewisse Unruhe rein, die die glatte Oberfläche bewusst stört, super! Das Album endet mit einer recht langen Nummer. Mit Leftwing Duckling trudelt White Room über 7 Minuten entspannt dem Ende entgegen.

Insgesamt überzeugt mich die Platte nicht so stark.
Das hat aber auch einen guten Grund: Es ist Geschmacks- und Genresache.
Teils habe ich halt vor Augen, dass die Musik demnächst als Hintergrund einer dramatischen Dokumentation über Tiere, Landschaften oder soziale Missstände genutzt (missbraucht?) wird.
Mein Rat also: Geht etwas unvoreingenommener an die Platte als ich, dann entpuppt sich bestimmt eine frische Schönheit!

Zwei Mal kann man SCHWARZ in den kommenden Tagen live sehen:

31.05. Berlin - Musik & Frieden
01.06. Köln - Artheater

Sonntag, 19. Mai 2019

HGich.T - Jeder ist eine Schmetterlingin

Der Sound ist so wie er aussieht. Foto: HGich.T
(ms) Ist das Kunst oder kann das weg?
Klar, das ist ein abgegriffener Slogan. Aber selten stellt er sich so oft wie bei HGich.T. Und das ganz von alleine, denn das als Musik zu bezeichnen, fällt häufig sehr schwer.
Die Reise begann vor gut zehn Jahren, als Mein Hobby: Arschloch auf dem Markt kam. Dort sind die modernen Klassiker Tutenchamun und Hauptschule nachzuhören. Das ist natürlich komplett verstörend. Und auch irgendwie geil, denn die Faszination kommt automatisch, wenn man HGich.T sieht oder hört. Liest man Berichte von ihren Konzerten, so sind es Offenbarungen und Grenzerfahrungen im musikalisch-künstlerischen Bereich. Knapp zwanzig Leute sind am Projekt HGich.T beteiligt. Sie basteln ihre Bühnenbilder selber; neben denjenigen, die dort musikalische Töne erzeugen und dazu "singen", gibt's auch Tänzer, oder zumindest solche, die sich bewegen.
Es ist schlicht und einfach nicht vorstellbar, wie selbst die Protagonisten dies alles ernst nehmen können. Gestalt, Inhalt, Musik, Aussage sprechen für schwer zugänglichen Humor. Oder halt Kunst.
Es ist einfach, das alles einfach scheiße zu finden. Und es ist genauso schwer, das ernsthaft gut zu finden. Letzte Woche erschien das neue Album Jeder ist eine Schmetterlingin. Seit jeher beim Sparringspartner Tapete Records.



Nehmen wir als Beispiel den neusten Streich, das Video zur Single Aragon. Okay, das ist schon wahnsinnig witzig, diese komplette Verdrehung des Inhalts der Herr der Ringe-Triologie. Spätestens wenn es heißt, dass Frodos Freund Sams (!) das Brot aufgegessen hat, richtig harte Zeiten.
Das Bewegtbild ist natürlich in bester diy-Mentalität umgesetzt und genauso herrlich schräg wie der Song selbst. Da man das genauso kennt, überrascht das ja auch gar nicht mehr. Können HGich.T eigentlich noch überraschen oder schockieren? Sind sie sogar langweilig und zu berechenbar geworden? Sie sind auf jeden Fall immer noch eine kunstgewordene Provokation.
Jeder ist eine Schmetterlingin ist schon sehr vorhersehbar: absolut schräge, total bekloppte und ab und an sinnentleerte Texte und furchtbar anstrengende Beats, die es einem unmöglich machen, die Platte am Stück ohne bleibende Schäden zu hören.
Einige Lieder wie DJ18 sind sogar melancholisch geworden und weisen eine gewisse Melodie auf. Titteschoen ist ein einminütiger Schmunzler. Und in Parkbank Rider kann man mit viel gutem Willen auch Gesellschaftskritik sehen.
Ansonsten ist das natürlich ganz schlimm.
Und immer noch Geschmackssache. Und höchstwahrscheinlich eher Kunst als Musik.
Wer hartgesotten genug ist, tut sich das hier live an:

20.09. - München, Strom
04.10. - Linz, Stadtwerkstatt
05.10. - Wien, Simm City
18.10. - Bremen, Tower
19.10. - Kiel, Pumpe
01.11. - Münster, Sputnikhalle
02.11. - Stuttgart, clubCANN
15.11. - Köln, Club Volta
16.11. - Frankfurt, Das Bett
29.11. - Dortmund, JunkYard
30.11. - Nürnberg, Hirsch
13.12. - Hamburg, Uebel & Gefährlich
14.12. - Hannover, Indiego Glocksee
27.12. - Leipzig, Conne Island
28.12. - Berlin, Astra Kulturhaus

Freitag, 17. Mai 2019

KW 20, 2019: Die luserlounge selektiert

(sb/ms) Es ist mal wieder Zeit für kuriose Begebenheiten aus dem Alltag. Eine ist mir vor kurzem erst als solche aufgefallen. Auf dem Weg zur Arbeit schlurfe ich mich mit dem Rad durch verschlafene Siedlungen, links und rechts ruhige Vorgärten, die ein oder andere Renovierung am Einfamilienhaus und der Blick aufs Land, der die heile Welt versprechen mag.
Doch es kommt mir stets eine Frau entgegen, die dieses Bild ein wenig trübt. Das Eigenartige: Sie schiebt einen leeren Kinderwagen vor sich her. Und da der Grips noch pennt, wenige hundert Meter aber wieder beansprucht wird, stellt sich ihm bei diesem Anblick die erste Herausforderung des Tages: Was hat es mit dieser Szenerie auf sich?! Holt sie ein Kind ab? Trauert sie womöglich? Hat sie einen derben Knall? Oder einen schlichen Spleen? Ist es ein Erlkönig, sowie bei neuen Autos? Doch dann... aus dem Auge, aus dem Sinn, stelle ich mir jeden Morgen die gleiche Frage.
Möglicherweise finden wir hier ja den Soundtrack dazu. Wir sind die luserlounge. Wir haben selektiert!

Grillmaster Flash
Du weißt es. Wir wissen es auch: Was aus dem Hause Grand Hotel van Cleef kommt, kann prinzipiell gar nicht verkehrt sein. Als ich jedoch den Namen Grillmaster Flash zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich: Mensch, Uhl, da haste mal wieder zu tief ins Glas geguckt, oder?
Aber nein, da habe ich mich vertan. Der junge Mann dahinter kombiniert nämlich ein schwieriges Thema in den Gitarrenpop: Humor! Das kann schnell nach hinten los gehen, doch bei allem was ich bislang vom Grillmaster gehört habe, geht das voll auf. Den aktuellen Schmunzler bietet der Track Sottrum. Alle wichtigen Hintergrundinformationen dazu könnt ihr hier lesen.
Bei all der Lustigkeit kann man auch festhalten, dass das einfach ein klasse Stück ist, richtig schön. Und auch das Video - ketzerhaft in Osterholz-Schambeck gedreht - ist irre charmant.
Sottrum, kurz vor Bremen im absoluten Nichts, selten hast du solch eine Liebesbekundung bekommen!



Damon Albarn
Es gibt Menschen, die nach zwei, drei Bier dazu neigen kleinere Vorträge zu halten. Ich gehöre definitiv dazu und meine lieben Mittrinker müssen dann da durch. Dabei gibt es noch nicht einmal ein wiederkehrendes Thema, das stetig fachkundig aufbereitet wird. Aber Musik steht generell gern auf der Agenda. Und es kommt vor, dass dann der Satz fällt: Damon Albarn ist unumstritten der kreativste und fleißigste Musiker, der auf hohem Niveau regelmäßig in unterschiedlichsten Konstellationen abliefern kann. Nun beweist er es wieder mit seinem Orchester-Projekt Africa Express. Der neuste Streich heißt EGOLI und erscheint am 12. Juli. Mit dem Track Johannesburg kann man schon mal reinhören und es lohnt sich wirklich. Auch nüchtern!



Mayla
Letzte Woche erst, an genau dieser Stelle, haben wir Euch von der Band Levin Goes Lightly berichtet und auch ein wenig geschwärmt. Das geht nun weiter. Denn auch Mayla kombinieren breite Synthie-Flächen und Texte, die kurz vor dem mit Kitsch beschrifteten Abgrund Halt machen. Es ist hochgradig spannend, dass nicht wenige Artists, die noch nicht soo lange öffentlich agieren, im Klang zu sehr Retro-behafteten Mitteln greifen. Daher die berechtigte Frage: Ist das Stuttgarter Duo mit der ihrem neuen Album Album Pink Ocean, das nächste Woche (24. Mai) erscheint, auf einer Hype-Welle unterwegs, die gerade erst im Aufbau befindlich ist?! Schaut und hört Euch die Single Gun an und urteilt selbst. Wir halten die Augen und Ohren offen, um diese Frage vielleicht bald beantworten zu können!


Jamie Lenman
Als Frontmann von Reuben machte sich Jamie Lenman bereits vor zig Jahren einen Namen, seit 2013 ist der Brite solo unterwegs und veröffentlicht am 05.07. mit Shuffle sein bereits drittes Album. Und das wirft (mit Verlaub) eine zentrale Frage auf: Spinnt der? Reine Cover-Alben gab es ja schon des Öfteren, aber dieses hier toppt in Sachen Abgefahrenheit wohl alle. Warum? Lenman covert nicht nur Klassiker wie Hey Jude oder Killer (siehe Video), sondern geht dabei sogar medienübergreifend vor. Musik, Filme, Bücher, Spiele, Cartoons - nichts ist sicher vor dem Künstler, für den mit dieser kreativen Freiheit ein Traum in Erfüllung ging. Teilweise geht das Ganze aber schon hart an die Schmerzgrenze und man sollte sich bereits im Vorfeld darauf einstellen, dass man mit jedem Track wieder aufs Neue überrascht wird. Ob positiv oder negativ muss dann allerdings tatsächlich jeder für sich selbst entscheiden...


Müssen Alle Mit
Was ich vor meinem ersten Aufenthalt in Stade vor ein paar Wochen noch nicht wusste: Dass Herr Diercke dort wohnte und arbeitete. Genau, er ist derjenige, der auch bestimmt Dir zu Schulzeiten dem Atlas seinen Namen gegeben hat. Was ich schon vorher wusste: Stade kann mindestens zwei hervorragende Musikveranstaltungen aufweisen. Das Hanse Song war letztens schon.
Das Müssen Alle Mit gibt es schon viele Jahre und stets überzeugt es mit einem sehr geschmackssicheren Line-Up! Ende Augst ist es wieder soweit und es wird mich mit großer Wahrscheinlichkeit dort hin ziehen. Denn wenn an einem Tag Frittenbude, Mia., Gurr, Turbostaat und Juse Ju spielen, kann ich nicht zu Hause bleiben. Unser Juse-Herz schlägt ja ohnehin sehr hoch, doch das Live-Album Nachtbrot von Turbostaat ist so unverschämt gut, dass jede Live-Gelegenheit beim Schopfe gepackt werden muss. Im August. In Stade. Beim Müssen Alle Mit!

 


Freitag, 10. Mai 2019

KW 19, 2019: Die luserlounge selektiert

Quelle: facebook.com/pg/ijssalonmarkt19
(ms/sb) Okay, das Fusion Festival ist nicht die Art von Veranstaltung, die ich aufsuchen würde. Und ja, es liegt an der Musik. "So'n Goa-Quatsch im Osten, wo soll ich denn da duschen" hat Grim104 ja ganz richtig angemerkt. Smiley. Gehört habe ich zwei Standpunkte. Von Besuchern: Absolut klasse, hervorragende Atmosphäre und alles, was das Elektronikherz sich wünscht. Gegebenenfalls auch auf Droge ein paar Tage durchtanzen, alles wohl gar kein Problem.
Anderer Standpunkt kommt von einem Bekannten, der dort als Ersthelfer einen 24-Stunden-Dienst absolviert hat. Der hat dann zum Teil gesehen, was beim Durchtanzen so herauskommt. Oder eben nicht. Schien nicht erstrebenswert zu sein. Sowohl der Job als auch bewusstlos auf der Liege im Sani-Zelt zu liegen.
Jedoch hat sich das Festival wegen seiner autonomen Organisation einen erstklassigen Ruf erarbeitet. Dass die Polizei jetzt fordert, dort Präsenz zu zeigen und notfalls mit einer Absage des Festivals droht, ist hanebüchen. Alle Infos: Hier!

Sail By Summer
Als ich (sb) meine Frau vor 14 Jahren kennenlernte, hörten wir sehr oft Death Cab For Cutie und nicht zuletzt deshalb haben Ben Gibbard und seine Band bei mir einen Stein im Brett. Leider fand ich die letzten Alben der Herren aus Seattle nicht mehr so herausragend, aber nun kommen Sail By Summer um die Ecke und machen mich ziemlich sprachlos. Wahnsinn, ist das stark! Ich bin total entzückt und aus dem Häuschen. Mit Fetch You Roses (Single-VÖ: heute) treffen der norwegische Grammy Award-Gewinner William Hut und sein dänischer Kollege Jens Kristian bei mir voll ins Schwarze. Für mich bislang einer der besten Tracks des Jahres. Mann, bin ich gespannt aufs Album Casual Heaven, das am 9. August folgen wird...


Deportees
Umea, Schweden, ziemlich abgelegen - das ist die Heimat der Deportees, die nach zwei erfolgreichen Alben in Sverige nun auch international angreifen wollen und am 17.05. ihre Re-dreaming EP veröffentlichen werden. Hats bei Umea schon geklingelt? Wenn ja, mag das an The Refused liegen, die ebenfalls aus der Stadt am Bottnischen Meerbusen stammen und diese musiktechnisch auf die Landkarte gesetzt haben.
Auch die Musiker der Deportees versuchten es zunächst auf die brachiale Tour, verlagerten sich dann aber auf eher ruhigere Töne, um sich dann in eine düstere Richtung weiterzuentwickeln. Für das apokalyptische The Big Sleep wurde die Band 2015 mit dem schwedischen Grammy als "Best Rock Album" ausgezeichnet. Von Rock ist auf der neuen EP sehr wenig übrig geblieben, die Scheibe ist stattdessen poppig, deutlich optimistischer und hoffnungsfroher gehalten, dennoch warnen die Deportees: "Re-dreaming ist ein liebevoller Angriff auf das Gefühl einer verlorenen Zukunft. Nicht weil es zwangsläufig eine falsche Prophezeiung ist, sondern weil es eine gefährliche ist." Aha. Man darf gespannt sein.


The Physics House Band
Ja, wir sind eine Woche zu spät dran, denn die Death Sequence EP von The Physics House Band aus Brighton erschien bereits am vergangenen Freitag. Leider wurden wir da sehr kurzfristig bemustert und hatten keine Möglichkeit mehr, die Scheibe in die letztwöchige Selektion aufzunehmen, aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Gut, dann wollen wir mal: der Stil der Briten wird als Psychedelic Experimental Rock bezeichnet und das trifft es auch ganz gut, denn trotz der sehr gitarrenlastigen, ja fast schon metal-ähnlichen Grundausrichtung der vier Songs, gelingt es dem Quartett, auch avantgardistische und jazzig anmutende Elemente einzubauen. Stellenweise fühlt man sich Jahrzehnte in der Musikgeschichte zurückversetzt - und das ist keineswegs negativ gemeint, nein, vielmehr ist es erstaunlich, dass vier so junge Musiker es scheinbar spielend schaffen, den Geist der experimentellen 70er Jahre wiederzubeleben.


Levin Goes Lightly
Die Königsdisziplin im deutschsprachigen Pop ist nicht möglichst verklausuliert Texte zu schreiben, sondern die einfachen Dinge in irgendeiner Form passend auszudrücken. Dazu gehören alle Seiten von Liebe, Zärtlichkeit, Körperlichkeit, Sex und Erotik. Das schaffen tatsächlich nicht viele. Doch jetzt gibt es ein extrem hörenswerten Beitrag: Das gesamte Album Nackt von Levin Goes Lightly. Das besonders starke: Es wird nie peinlich oder unangenehm. Dafür ist auch der Sound verantwortlich. Es es ist sauberer Synthie-Pop im 80er/NDW-Charakter. Selbst, wenn die persönlichen Hörvorlieben woanders liegen sollten, greift das hier sehr schnell. Allein wie die Band "Rote Lippen auf deiner Haut" (s.u.) immer wieder und wieder singt: Große Klasse. Es wird auch nicht platt, sondern ehrlich. Im albumgebenden Titel zum Beispiel: "Keine Angst, du bist nicht nackt. Nur ungeschminkt." ist eigentlich eine Zeile, die mich nicht catcht. Aber in dem gesamten Gewand geht das ganz hervorragend. Mutige, tolle Platte. Empfehlung unsererseits! Das Album erschien bei den guten Damen und Herren von Tapete Records und die Band geht jetzt auf Tour:

14.05.19 Karlsruhe - KOHI
15.05.19 Leipzig - Ilses Erika
16.05.19 Berlin - Monarch
17.05.19 Hamburg - Hafenklang
18.05.19 Düsseldorf – FFT
19.05.19 Paderborn – Wohlsein
20.05.19 Solingen - Waldmeister e.V.
22.05.19 Lyon - Le Sonic
13.06.19 Stuttgart - StadtPalais



The Get Up Kids
Emo. Kaum eine andere Band steht so sehr für diese Spielart des Rock wie The Get Up Kids aus Missouri. Abgesehen von einer dreijährigen Pause besteht die Band bereits seit 1995 und hat sich weltweit eine beachtliche Fanbase aufgebaut. Nicht zuletzt aufgrund der stark gefühlsbetonten Texte, die sich auch mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen, kann ich das durchaus nachvollziehen, das neue Album Problems (VÖ: heute) kommt mir aber als Gesamtwerk zu eintönig rüber und fängt mich nur bei wenigen Songs so richtig ein. The Advocate ist zum Beispiel ein richtig geiler Track, der mich bereits beim ersten Hören voll überzeugt hat und der sicher noch öfter aus meinen Boxen schallen wird.


Koljah
Das ist halt so genial an der Antilopen Gang: Als Trio regelmäßig bärenstark (unbeabsichtigter Tierhumor) abliefern und dennoch solo ganz frei auftrumpfen. Das hat Danger Dan zuletzt mit Reflexionen aus dem beschönigten Leben bewiesen. Jetzt haut Koljah wieder mal etwas Eigenes raus. Heute erscheint Aber der Abgrund und mit Hauptsache Kohle gibt es einen passenden Einblick in Videoform. Wie gewohnt paart Koljah tiefironische und brutal ehrliche Lines. Mit dabei der zwingende Auftrag stets den Wirsing angeschaltet zu haben, sonst versteht man das halt nicht. Punkt.

Donnerstag, 9. Mai 2019

An Horse - Modern Air

An Horse. Foto: Corry Arnold.
(ms) Wir exerzieren am Beispiel von An Horse mal einen ganz normalen Prozess im Laufe einer Musikhörbiographie.
Und zwar gibt es die absoluten Herzensbands. Die waren gefühlt schon immer da, sind immer noch da und werden immer bleiben. Das ist dann auch egal, ob sie noch neues Material schreiben, durch die Clubs oder Hallen touren oder ob es diese Band überhaupt noch gibt. Sie läuft hoch und runter. Dann gibt es noch die Art von Band, die auch Herzensband ist, aber noch im Schaffensprozess. Es gibt diejenigen, die neu und spannend sind und die man gerade für sich entdeckt. Einige von denen hört man schon länger, sind aber noch keine Herzensband. Dann gibt's die, die man schon längst vergessen hat und an die man sich wohl auch nicht erinnern wird. Es gibt auch solche, die mal super waren, es jetzt aber nicht mehr sind... puh... diese Liste kann ganz schön lang werden.

Es gibt nun auch An Horse. Und die passen in folgendes Bild: Die waren mal ein bisschen auf dem Radar, das ist aber schon länger her. Von heute aus betrachtet waren die damals gut aber man hat es nicht mehr so griffig auf dem Schirm. Denn: Dann waren sie weg! Für relativ lange Zeit. Die Kategorie 'vergessen' liegt nahe auf der Hand. Und dann! Bäm! Sind sie wieder da. Und wie! Mit was für einer Wucht, richtig frisch und extrem gut. Denn An Horse haben letzte Woche (VÖ: 3. Mai) nach sechs Jahren ihr neues Album Modern Air herausgebracht.
Die elf neuen Lieder quellen vor Spielfreude und Kreativität über. Stark: Sie stecken allesamt in einem astreinen Indiegitarrenrock-Gewand. In genau dem Sound, der schon in den 00er Jahren so elektrisierend war. Das ist ein großer Pluspunkt von Modern Air. Doch Obacht: Das soll jetzt nicht nostalgisch klingen. Cate Cooper und Damon Cox bedienen sich einfach - und überzeugend - den simplen Mitteln treibender Musik!



Und dabei erstaunt mich ein technisch-organisatorischer Aspekt wie bei anderen Konstellationen auch. Der Vergleich zu Blood Red Shoes oder Wye Oak liegt auf der Hand: Es ist ein Duo und die Dame singt. Und alle drei Bands bringen einen sehr dynamischen und dichten Sound auf die Platte. Bei Wye Oak konnte ich mich auch schon live davon überzeugen: Sehr beeindruckend!

Was das Album so stark macht ist die erfrischende Seite von Eingängig- und Kurzweiligkeit. Mit This Is A Song, dem Opener, ist man nach nur wenigen Takten voll drin! Ahh Uhhh Uhh-Gesänge, ein treibendes Schlagzeug und eine sauber bearbeitete Gitarre; und fertig ist satter Indierock. Songs wie Like Well, bei der die Gitarrenriffs schon die Melodie übernehmen, sind genau das, was es 2019 braucht und meines Erachtens gefehlt hat. Schnörkellose Musik, die nicht im Ohr bleibt, sondern sich früher oder später auch den Weg in die Tanzbeine sucht.
Dass die Band vom Radar verschwunden ist, hat seine Gründe. Nach zwei Alben in zwei Jahren und ununterbrochenen Tourneen, unter anderem mit den von uns sehr verehrten Death Cab For Cutie oder Nada Surf, war irgendwann die Luft raus. Ein Todesfall in der Familie und Umzüge von Kate und Damon haben An Horse erstmal auf Eis gelegt. Doch dieses wurde wieder geschmolzen und sie klingen beruhigend frisch und energiereich. Mit Bob Ross (Be The Water) - was ein herrlicher Titel - gibt es sogar eine kleine Verschnaufpause auf Modern Air, ein etwas ruhigerer Track. Doch die Stakkato-Drums auf Drown oder das zackiges Fortitude Valet runden die Platte sehr gut ab.

Modern Air von An Horse ist eine große Empfehlung für alle, deren Herzkammern für konsequenten Indierock schlägt. Belassen wir es bei dieser wahren Aussage!

Schaut Euch das hier live an:

12.06. Essen, Zeche Carl
13.06. Stuttgart, ClubCann
14.06. Ulm, Ulmer Zelt (mit Kettcar)
15.06. München, Ampere
16.06. Neursörnewitz, Garage
18.06. Nürnberg, Club Stereo
19.06. Münster, Gleis 22
20.06. Haldern, Pop Bar
21.06. Köln, Artheater
22.06. Aachen, Musikbunker
23.06. Wiesbaden, Schlachthof
25.06. Hannover, Lux
26.06. Hamburg, Schanzenzelt
27.06. Berlin, Badehaus
28.06. Bremen, Tower

Sonntag, 5. Mai 2019

Martin Kohlstedt - Ströme

Gern in s/w. Foto: Konrad Schmidt.
(ms) Beginnen wir diese Besprechung mit einem unpassenden Vergleich.
Erinnert sich noch jemand an Adiemus? Unter diesem Namen wurden in den 90ern und frühen 00er Jahren einige recht erfolgreiche Alben veröffentlicht. Hinter dem Chor- und Orchesterprojekt steckt der walisische Musiker Karl Jenkins. Einzelne Lieder und Konzerte waren damals im Fernsehen sehr gängig. Als Kind fand ich das auch irgendwie cool und bekam eines Tages eines der Alben geschenkt, ich glaube es war der dritte Teil Namens Dances of Time. Als Kind hatte ich einen hochgradig schrägen Musikgeschmack, so war es kein Problem danach DJ Bobo zu hören. Nun ja, olle Kamellen.
Irgendwann kam meine Schwester in mein Zimmer und meinte, was das denn für eine Jesus-Musik sei.
Ja, es waren harte Zeiten.

Wie komme ich drauf?!
Ganz einfach: Letzten Freitag (3. Mai) hat Martin Kohlstedt sein neues Album Ströme veröffentlicht. Es ist phantastisch geworden. Und aus diesem Grund ist der Einstieg ein unpassender Vergleich. Denn Kohlstedt arbeitet auf dem Album mit dem Gewandhaus Chor Leipzig zusammen. Die sehr melodischen Gesänge, die - so scheint es mir nach vielen Durchläufen - ohne wirklichen Text auskommen, sind dann auch die einzige grobe Gemeinsamkeit mit Adiemus.



Kommen wir aber zur Platte an sich.
Wer das Werk von Martin Kohlstedt kennt, der weiß, dass das Klavier der Mittelpunkt seines Schaffens ist. Je nach Anlass, Ort oder Stimmung wird aus den klassisch anmutenden Tönen ein großer elektronischer Knall. Ein Set auf dem Fusion ist genauso möglich wie ein Auftritt bei den ARD Hörspieltagen. Dieser Wechsel ist mit viel Können, Gefühl und Leidenschaft verbunden, anders nicht erklärbar. So schwebt Ströme zwischen diesen beiden Polen.
So ist es auch hinfällig einzelne Lieder herauszupicken und deren individuelles Wesen zu beschreiben. Denn, und das ist ein wunderbares Kennzeichen dieser Neo-Klassik (oder wie auch immer man diese Musik nun etikettieren möchte), es funktioniert nur im Ganzen. Erst wenn man als Hörer die 47 Minuten und 58 Sekunden genossen (!) hat, dann kann man diese Gestalt erahnen und richtig eintauchen.
Cover der Platte
Das schwierige in diesem Experiment lag darin, dass der Chor keine Notation vorliegen hatte. Kohlstedt und Dirigent Gregor Meyer hatten also eine Menge zu bereden, wie man überhaupt zusammenarbeitet. Als jemand, der Instrument- und Chorerfahrung hat, kann ich sagen, dass das eine irre Herausforderung ist. Denn Text und Noten geben dem Musiker Sicherheit und eine klare Marschroute. Es braucht Mut, um davon abzuweichen. Wenn der dann da ist, kommt eine Art meditativer Genuss. Und so ist es kaum verwunderlich, wenn einzelne Gesangspassagen eine ungeheure sakrale Kraft entwickeln, andere tatsächlich dem Soundtrack einer Meditation gleichen. Ergänzend zum Gesang bedient Kohlstedt sich sich seines ganzen Tastenrepertoires. Ob klassischer Flügel, Synthesizer oder punktuell eingesetzte Bässe, es passt einfach immer. Und sie wechseln sich ab: manchmal steht der Chor im Vordergrund und dann preschen sich wieder die Kohlstedt'schen Klänge hindurch.
So ist Ströme nicht nur ein extrem rundes, sehr harmonisches Album geworden, das mit viel Können glänzt. Sondern es ist auch die Aufforderung, sich Zeit zu nehmen, um aufmerksam zuzuhören. Egal ob auf der Couch, im Auto, aber ich glaube dass es draußen in der Natur am besten funktioniert. Jedes Lied, jeder Takt ist eine Belohnung.

So sollte man auf jeden Fall die Gelegenheiten wahrnehmen, wenn er mit Chor auf Tour kommt. Es könnte eine wunderbare Grenzerfahrung werden:

16.11.2019 Hamburg - Laieszhalle
17.12.2019 Erfurt - Alte Oper
18.12.2019 Berlin - Konzerthaus
08.02.2020 Hannover - Kuppelsaal
09.02.2020 Leipzig - Gewandhaus

Solo-Shows

06.11.2019 - Erlangen, Hugenottenkirche
07.11.2019 - Mainz, KUZ
08.11.2019 - Karlsruhe, Tollhaus
20.11.2019 - Bielefeld, Oetkerhalle
21.11.2019 - Moers, Bollwerk
22.11.2019 - Magdeburg, Moritzhof
23.11.2019 - Wuppertal, Stadthalle
28.11.2019 - Dornbirn, Spielboden
02.12.2019 - Basel, Kaserne
04.12.2019 - Zürich, Bogen F
05.12.2019 - Solothurn, Kofmehl
06.12.2019 - Düdingen, Bad Bonn
07.12.2019 - Schaffhausen, Kammgarn
08.12.2019 - Luzern, Schüür

Freitag, 3. Mai 2019

KW 18, 2019: Die luserlounge selektiert

Bild: ostseefohlen.de
(ms/sb) Vergangenen Sonntag am Bremer Hauptbahnhof. Kenner wissen, dass es schönere Orte auf dieser Welt gibt. Selbst die Läden im Inneren haben ganz wenig zu bieten, wenig Charme insgesamt. Ich stieg um und auf dem Gleis sprach mit ein adrett gekleideter Mann um die sechzig auf englisch an, ob er dort richtig sei, um nach Hamburg zu fahren. Ich bejahte dies. Wir kamen nach und nach ins Gespräch, nachdem ich ihm versucht habe zu erklären, dass er mit dem Niedersachsenticket nicht IC fahren dürfe. Er, Vollprofi: Ohne meine Info wüsste er das nicht, er fährt dennoch. Es stellte sich heraus, dass er Manager verschiedener Jazz-Künstler sei und seine Aussprache hat ihn als irischen Iren enttarnt. Wir sprachen über einen Jazz-Song, der ICE heißt. Ich entgegnete mit Autobahn von Kraftwerk und dem Bezug der Deutschen zur Mobilität. Super Gespräch. Mich interessiert, ob er Strafe zahlen musste.
Doch es ist Freitag und wir haben das Musikuniversum selektiert!

Emotional Oranges
Es ist ja schon kurios: mit R&B kann ich traditionell mal so rein gar nix anfangen, aber The Juice: Vol. I (VÖ: 10.05.), das neue Album der New Yorker Band Emotional Oranges spricht mich dennoch an. Vermutlich ist es dieses unprätentiöse, ja fast schon anonyme Auftreten des Kollektivs, das so positiv in Erscheinung tritt und den Fokus umso mehr auf die Musik legt. Und die kann ordentlich was: eine Prise Jazz, ein Hauch Funk, eine Messerspitze 70s und fertig ist eine Scheibe, die man ideal im Hintergrund laufen lassen kann, mit der man sich gerne aber auch eingehender beschäftigen und dabei relaxen darf. Acht starke Songs, kein unnützer Füllstoff - so gefällt mir das! Dass ich so was mal über ein R&B-Album schreiben würde...


Schandmaul
Festival-Moment, Nr. 1: Letztes Jahr auf dem Open Flair. Nachts spielten Schandmaul. Ein Termin, den ich mit zwei Freunden dringend wahrnehmen mussten. Denn: Es gab in unserer Jugend eine Zeit, wo Mittelalterrock der heiße Scheiß war. Auch Subway to Sally und Bands Namens Corvus Corax. Und in der Tat war es ein super Konzert. Natürlich mussten wir auch eine Menge lachen, denn schon lange catcht mich diese Musik nicht mehr. Doch heute erscheint das neue Album Artus! Ich durfte schon reinhören und es hat mich direkt abgeholt. Da kommt doch eine kleine Schwäche für diese Heldengeschichten im Gitarren- und Dudelsacksound hervor.
Die sind zum großen Teil gar nicht übel, wie die Songs Meisterdieb, Froschkönig und Kapitän beweisen. Auf eine Tour werde ich nicht gehen, aber sollte ich sie mal wieder zufällig auf einem Festival sehen, dann gibt mir das neue Album tatsächlich genug Anlass, dort vorbei zu schauen!



MARBL
Wir zwei luserlounger sind ja beide berufstätig und die Freizeit ist entsprechend knapp bemessen, sprich: wir schaffen es tatsächlich nicht, alles anzuhören, was uns so zugeschickt wird und MARBL war etwas, was ich mir eigentlich gespart hätte, wäre der Promoter nicht so hartnäckig gewesen und käme der nicht des Öfteren mit echt hörenswerten Sachen um die Ecke. So auch diesmal! Die Israelin kann mit ihrer EP The Flight Of The Hawks (VÖ: heute) definitiv überzeugen und ich bin echt froh, dass ich mich habe breitschlagen lassen. Auf die Ohren gibt es fünf Geschichten, die die ganze philosophische Vielfältigkeit von MARBL abbilden - stark!


Von Wegen Lisbeth
Weiterer Live-Moment: Von Wegen Lisbeth habe ich das erste Mal vor drei Jahren als Support von Element of Crime gesehen. Da waren sie noch weitestgehend unbekannt. Wie wir alle wissen, sollte sich das danach schleunigst ändern. Und ihr Auftritt hat mich richtig abgeholt, das war feine Musik zum Tanzen. Doch danach haben sie den Annenmaykantereit-Weg eingeschlagen und sind beliebig geworden. Was der einen Band die Stimme ist, ist Von Wegen Lisbeth ein gewisser Groove. Aber das war es dann halt auch. Ansonsten tummeln sich auf den Songs des heute erschienenen Albums sweetlilly93@hotmail.com ein Haufen belangloser Lieder. Das kann man dem Albumtitel ja schon ablesen. Sicher werden sie hoch charten und eine enorm besuchte Tour spielen, hingehen werde ich nicht. Die Angst vor Kreischemädchen ist zu groß und neben dem schon angesprochenen Groove bietet die neue Platte wenig Abwechslung.



Vampire Weekend
Zwei Nummer 1-Alben in den USA haben Vampire Weekend bereits auf der Habenseite, Father Of The Bride (VÖ: heute) wird wohl für den Hattrick sorgen. Bleibt die Frage: warum? Was macht die Band so besonders, warum gehen die Leute so steil? Ehrliche Antwort: ich kanns Euch nicht sagen! Klar, die Herren Koenig, Baio und Tomson sind begnadete Songwriter, aber das sind andere auch. Das erste VW-Album seit sechs Jahren beinhaltet zweifellos tolle Popsongs, die obligatorischen Chöre sind auch wieder zu hören und die Band hat den Mut zum Pomp. Vielleicht ist es ja das, diese Melange aus Bescheidenheit, Experimentierfreudigkeit (Flamenco! Autotune!) und dem Hang zum Größenwahn, die Vampire Weekend aus der Masse abhebt. Ja, das ist ein starkes, weil abwechslungsreiches und über weite Strecken auf musikalisch hohem Niveau agierendes Album, aber Nummer 1 der Charts? Ernsthaft? Dafür sind mir dann doch zu viele Aussetzer wie Sunflower dabei...


Fettes Brot
Festival-Moment, Nr. 3: Deichbrand Festival 2019. An einem der Abende werden Fettes Brot spielen, ich werde auch da sein. Also auf dem Festival, aber ich überlege mir fünf Mal, ob ich mir das ansehen werde. Die beiden wesentliche Gründe: 1. spielen Fettes Brot schon seit vielen Jahren im deutschen Rap überhaupt keine Rolle mehr. Die Songs und Alben sind immer beliebiger und schlechter geworden und sie haben nicht den Absprung ins Pop-Radio geschafft wie zum Beispiel Fanta4. 2. erscheint heute ihr neues Album Lovestory. Und es ist ein Graus. Sind einige Beats tatsächlich ganz okay, kann man alle Texte in die Tonne kloppen. Geile Biester klingt sogar noch arg nach Michael Jackson irgendwie. Selbst das politische Du driftest nach rechts ist musikalisch zweifelhaft. In die gleiche Kerbe hauen andere Künstler wesentlich besser; beispielsweise Frittenbude mit Jörkk von Love A.
Erschreckend, wie irrelevant Fettes Brot geworden sind. Schön, wenn sie weiterhin Bock haben zu spielen und Musik zu machen, aber dann bitte mit etwas mehr Köpfchen und nicht so arg abgedroschen. Also: Keine Empfehlung!