Montag, 30. März 2020

Hamilton Leithauser - The Loves Of Your Life

Quelle: Grassnote Records
(ms) Als vor vier Jahren I Had A Dream That You Were Mine von Hamilton Leithauser und Rostam erschien, haben mehrere internationale Musikjournale geschrieben, dass nun Leithausers Karriere erst richtig losgehen würde. Zugegebenermaßen kannte ich Leithauser bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht; drei Klicks später war ich schlauer: Er war jahrelang der Sänger von The Walkmen. Kurz reingehört und zu dem Ergebnis gekommen, dass es ein großes Glück ist, dass er nun mehr oder weniger auf Solopfaden unterwegs ist. Seine Musik ist nicht mehr so beliebig und glatt, seine herausragende Stimme kommt wesentlich stärker zur Geltung und dieser rotzig-unperfekte Klang der Instrumente ist ein wundervolles Alleinstellungsmerkmal. Das bewies er schon auf dem oben genannten Album, das ich gerne und regelmäßig höre.
Am 10. April legt er nun nach. Unter eigenem Namen. Mit eigenen Ideen. Mit eigenem Sound und eigenen Geschichten. Wobei... da kommen wir gleich zu. Hört man die neue Platte The Loves Of Your Life, dann macht sich ein breiter Band-Sound zwischen Indie, Country, Jazz und Blues bemerkbar. Das Erstaunliche: Er hat (beinahe) alles selbst eingespielt. Für den Hintergrundgesang hat er sich Hilfe in der Familie gesucht und einzelne Gäste dazu geholt, die noch andere Instrumente bedienen können. Trotz (oder wegen?!) Eigenregie entstand ein sehr rundes Soundbild.



Zu den Geschichten der Song: The Loves Of Your Life ist ein eher ungewöhnliches Konzeptalbum. Es ist eine Liebeserklärung an seine Heimat New York und die wunderbaren, liebenswerten, schrägen, tollen Menschen, die dort wohnen. Um die geht es. Für die elf Lieder hat er Geschichten aus Begegnungen mit fremden Personen aufgegriffen und verarbeitet. Manche waren Treffen mit Gesprächen, andere nur Auftritte im Augenwinkel. Denn wie oft fragt man sich beim Anblick Fremder: Wer bist du? Was hat dich hier her verschlagen? Wie geht es dir? Was bringt dich zu deiner jetzigen Stimmung? Man würde es so gerne wissen und weiß nie, wie man es herausfinden kann. Hamilton Leithauser hat sich das zum großen Teil einfach ausgedacht und in seine Songs verpackt. In meinen Augen und Ohren ein wunderbarer Ansatz, um Lieder zu schreiben. Mit Einfühlungsvermögen, Empathie, Aufmerksamkeit, Humor, Phantasie. Bei näherer Betrachtung der Texte kommt dieses Konzept natürlich zu einem gewissen Dilemma: Als Hörer weiß ich natürlich nicht, über wen Leithauser gerade singt. Also nehme ich den Track auf und bastel mir meine eigene Geschichte aus der Vorlage.

Bei The Garbage Men kann man sich noch denken, worum es geht. Der Sound: Ein Albumstart wie ein brummender Bienenschwarm: Streicher, bis seine herrlich, irgendwie brüchige Stimme einsetzt, die in alle Himmelrichtungen schwingt, aber nie wackelt.  Der Song entfacht relativ schnell eine schöne Dramatik; das Schlagzeug schleppt und tobt gleichzeitig. Man darf behaupten, dass Leithauser einen markanten, eigenen Sound erschaffen hat. Isabella könnte eine verträumte Tänzerin in der Stadt sein. Ein angenehm, bluesiger Klang mit unheimlich viel Groove entsteht zwischen hoher Stimme, Rhythmusgitarre und den harmonischen Backgroundstimmen, der sich irgendwann zu einem call-and-response-artigen Mix entwickelt.
In Cross-Sound Ferry wird dieser country'eske Klang weiter gespinnt, ein klanglicher Mix aus Saloon und entspanntem Wandern an der frischen Luft. Dazu entwickelt sich das Lied zu einem schönen, wilden Ritt. Don't Check The Score bewegt sich zwischen Abschied, Freundschaft, Wiedersehen, Hoffnung und Sehnsucht und arbeitet mit dem Hintergrundgesang als Melodie! Wack Jack hingegen erzeugt schon mit der Instrumentierung einen melancholischen Hauch, passt mit seinem urigen, unheimlich sympathischen Klang aber auch in eine verrauchte und Whiskey-getränkte Bar. Inhaltlich mag es um Tod, Wehmut nach jemand Verstorbenen gehen, der einem mal sehr, sehr nahe stand. Gerne möchte man sich beim Hören und Lesen der Texte und Lieder von Leithauser erzählen lassen, was seine Geschichten hinter den Songs sind, warum er sie geschrieben hat, wer ihm dafür vor Augen herumgeistert. So bleibt uns als RezipientInnen nur die Interpretation.
Doch auch Liebeslieder dürfen nicht fehlen. Bei The Other Half dreht es sich noch um eigene möglicherweise vergangene Liebe mit einem ungelösten, unbefriedigenden Ende und der nicht erloschenen Hoffnung, dass es doch noch mal die Chance auf ein erneutes Entflammen gäbe. Das letzte Stück, The Old King, zeigt nochmal seinen schönen, eigenen Klag. Auch durch den herrlichen Kinderchor, der den Track begleitet, hat man immer wieder den Eindruck, dass es immer ein bisschen knarzig und schief ist. Ich vermute, dass das genauso gewollt ist. Passt!

The Loves Of Your Life von Hamilton Leithauser ist nicht nur ein Album, das die musikalische Raffinesse vom Songwriter und Musiker zeigt, sondern auch stets seine nie endende Kreativität in den Geschichten, die ihm am Herzen liegen. Es ist rund, es rüttelt manchmal auf und das Album ist auf unheimlich sympathische Art und Weise nahe gehend.

Er soll am 10. Juni in Berlin spielen. Schauen wir mal ;-)

Freitag, 27. März 2020

KW 13, 2020: Die luserlounge selektiert

Quelle: mentalfloss.com
(ms/sb) Das will ja in unserer Branche niemand so richtig wahrhaben oder aussprechen, aber ich wage mal die These: Die gesamte Festival-Saison wird flach fallen. Denn - aus meiner Warte betrachtet - ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sich in drei Monaten 50.000 Menschen unter freiem Himmel, extrem dicht an dicht (Zeltplatz, vor den Bühnen, im Zelt) aneinander drängen, um sich unter der wunderbaren Sommersonne eine schöne Zeit zu genehmigen. Und das ist fatal. Klar, aus hedonistischer Sicht ist das ein Luxusproblem. Für die ganzen Organisatoren, Firmen, Gerüstbauer, Essbuden, Bands undundund ist es ein reales, mitunter existenzgefährdendes Problem. Viele MusikerInnen setzen auf die Einnahmen im Sommer. Und eine Verschiebung auf später im Jahr ist sicherlich nicht machbar.
Kleine, unabhängige Festivals wie dem Traumzeit, Orange Blossom Special, Immergut, Appletree Garden werden wesentlich stärker darunter leiden, als Rock am Ring oder alles von FKP Scorpio, wo große Unternehmen hinter stehen, die auch sonst Tourneen organisieren. Da werden einige Festivals pleite gehen. Das klingt hart, aber wie anders ist es vorstellbar? Es ist und bleibt eine heillos unsichere, unplanbare Situation. Schlimm, aber irgendwie bekommen wir das hin.

Ablenkung tut gut. Musik tut gut. Dafür sind wir auch da. Luserlounge. Freitag. Selektiert. Ab!

A Choir Of Ghosts
(sb) Bereits seit einem guten Jahr begleitet uns die Musik von James Auger, immer wieder kam ein Lebenszeichen des in Schweden lebenden Briten, doch der Release seines Debütalbums verzögerte sich immer weiter. Doch jetzt ist es endlich so weit: A Choir Of Ghosts veröffentlichen am 03.04. ihr langersehntes Erstlingswerk An Ounce Of Gold. Und ja, es ist rundum gelungen und übertrifft sogar meine Erwartungen. So toll die einzelnen Songs per se schon sind - ihr komplettes Potential schöpfen sie erst als Ensemble aus und zeichnen ein überaus stimmiges Bild eines Mannes, der es ernst meint und der sein Innerstes mit aller Konsequenz nach außen kehrt. Man mag von Folk-Musik ja halten, was man mag, zu diesem Album sollte es jedoch keine zwei Meinungen geben: A Choir Of Ghosts legen ein großartiges, sehnsuchtsvolles, sensibles und doch energisches Album vor, dass ohne Schwächephase auskommt und den Hörer elf Songs lang (inkl. Intro) fesselt. Ganz, ganz stark!


Josh Kumra
(sb) Krasse Story: 2011 zog Josh Kumra mit 19 aus der englischen Provinz nach London, traf dort nach wenigen Tagen auf den Rapper Wretch 32 und nicht mal einen Monat später standen die beiden mit der Single Don't Go auf Platz 1 der Charts. Kurze Zeit später hatte er einen Major Deal in der Tasche - und verspürte plötzlich auch ganz viel Druck, es allen und jedem recht machen zu müssen. Statt sich behutsam auf seine Karriere und das bevorstehende Debütalbum konzentrieren zu können, sollte der junge Mann die Gunst der Stunde nutzen und nur so schnell wie möglich was nachschießen. Dass das zwangsläufig zu einem unbefriedigenden Ergebnis führen musste, liegt auf der Hand. Das hatte sich der Künstler natürlich anders vorgestellt, brach mit dem Business, kehrte aufs Land zurück und ließ sie Musik Jahre lang Musik sein. Sechs Jahre lang ließ Kumra nichts von sich hören, jetzt wagt er sein Comeback und auch wenn seine EP Pull Me Back In nur vier Songs beinhaltet, so merkt man doch vom ersten Augenblick an, mit welch außergewöhnlichem Talent und welch grandioser Stimme der inzwischen 28-Jährige gesegnet ist. Bleibt die Hoffnung, dass er sich diesmal nicht so verheizen lässt, der nächste Release aber trotzdem bald folgen möge.


Víkingur Ólafsson
(sb) Klassik! Jawoll! Warum? Weils super ist und einer der besten Vertreter der aktuellen Generation ist der isländische Pianist Víkingur Ólafsson, der uns 2019 bereits mit seinen Bach-Interpreatition begeistern konnte. Nun versucht sich der 36-Jährige aus Reykjavik an den französischen Meistern Claude Debussy und Jean-Philippe Rameau und wie nicht anders zu erwarten, ist Ólafsson erneut ein Meisterwerk gelungen. 
Der Künstler selbst äußert sich wie folgt tu seinem Album: "Ich betrachte Rameau und Debussy als musikalische Brüder, als verwandte Geister, obwohl der eine 180 Jahre älter war als der andere. Sie waren Musiker der Zukunft, die es liebten, die Dinge in Aufruhr zu bringen. Beide waren außerordentlich talentierte Komponisten – progressive und zutiefst originelle musikalische Denker, die in ihrer Musik zutiefst sinnträchtige Bilder heraufbeschwören konnten. Ich möchte Rameau als Futuristen zeigen und herausstellen, wie tief Debussy im französischen Barock und insbesondere in der Musik Rameaus verwurzelt war. Beim Anhören des Albums soll der Zuhörer fast vergessen, wessen Werk gerade erklingt." (Quelle: Deutsche Grammophon)
Das gelingt dem Isländer prächtig, als Hörer taucht man ab den ersten paar Takten bereits ein in die Musik, lässt sich komplett von ihr vereinnahmen, schwelgt, träumt - und ist doch stets konzentriert bei der Sache, um nur ja nichts zu verpassen. Hört Euch Debussy · Rameau (VÖ: heute!) an, lasst Euch einfangen, verzaubern und inspirieren, wie es vielleicht nur mit klassischer Musik möglich ist.


Weserbergland
(ms) Die Wege des Herrn sind unergründlich. Oder oft sehr schleierhaft. Denn die große Frage zu dieser Musik lautet: Wie kommt eine Band aus Norwegen dazu, sich Weserbergland zu nennen?! Ich bin dort aufgewachsen und als ich davon las, klappte mir die Kinnlade runter. Doch wir haben recherchiert und die Band hat uns mit nützlichen Informationen versorgt. Zum Einen ist es eine Hommage an die deutsche Band Harmonia, die aus Legenden der elektronischen Musik besteht: Dieter Moebius, Michael Rother und Hans-Joachim Roedelius, über den wir kürzlich auch geschrieben haben. Dieses Trio hat - long time ago - in Norwegen eine Platte aufgenommen. Zusätzlich fanden es die Bandmitglieder witzig sich einen deutschsprachigen Bandnamen zuzulegen, nachdem sie mal von der Karlsruher Band Hammerfest gehört haben; zugleich eine Kleinstadt im nördlichen Norwegen! So weit so gut. Alles im Kasten.
Wie klingen sie denn so auf ihrem zweiten Album, das dann auch noch Am Ende Der Welt heißt? Nach Traumlandschaft, Industrie, rauem Meer, leicht psychedelischen Zuständen, entrückt von der Wirklichkeit, aufbrausend und beruhigend zugleich. 42 Minuten lang ist die Platte, die am 24. April erscheint und besteht - sage und schreibe - nur aus einem einzigen Track. Was für ein wunderbares Experiment! Klar, die Leitlinie ist, dass sie sich am Werk von Karlheinz Stockhausen orientieren; dadurch mag diese Musik auf's erste Hören nicht ganz zugänglich wirken. Glücklicherweise haben wir ja momentan viel Zeit, auch mal etwas auszuprobieren, was uns sonst eher befremdlich wirkte. Es knarzt und ist oft arhythmisch, doch als ganzes entwickelt es eine irgendwie greifbare Harmonie. Drauf einlassen und die gewohnten Wege verlassen!!!
Dieser sehr kleine Ausschnitt ist nur mäßig repräsentativ für das Album, aber wie bei einem sehr langen Crescendo läuft es irgendwann genau darauf hinaus:


Sam Russo
(sb) Gefühlt ist Sam Russo auch schon ne halbe Ewigkeit aktiv, den tatsächlichen Durchbruch hat er allerdings bislang nicht geschafft - und das ist vielleicht auch ganz gut so, denn auf diese Weise kann sich der Brite seine Authentizität bewahren und weiterhin völlig ungezwungen das abliefern, was er am besten kann: Lieder über Loyalität, Liebe, Angst, Hoffnung, Verzweiflung und deren Überwindung. Back To The Party (VÖ: heute!) ist sein erstes Album seit fünf Jahren, seit drittes insgesamt und ohne Zweifel sein bisher bestes. Wer gerne Nathan Gray, Jesse Barnett oder Matze Rossi hört, der liegt bei Sam Russo goldrichtig und findet ein musikalisches Fotoalbum vor, das nur so strotzt vor Erinnerungen und Gefühlen. Akustischer Pop-Punk, der übers Ohr direkt ins Herz geht.

 

Squid
(ms) Bewegung muss sein. Auch in diesen Tagen. Die große Frage lautet nur oft: Wie?! Radfahren und spazieren gehen sind probate Mittel und bei dem herrlichen Wetter der letzten Tage ja auch angebracht. Wer Sportgeräte zu Hause hat, nur zu. Aber was derzeit ausbleibt: Der wilde, kollektive Tanz in einem verrauchten, aber sehr guten Club, in dem das Bier fließt, die Boxen ballern und die Menschen sich hingeben. Das kann man sich auch nach Hause holen. Für den sehr extrovertierten Bewegungsteil sind dann in jedem Falle Squid verantwortlich. Das junge Quintett aus Brighton, weiß wie man aus Schlagzeug, Gitarren, Bass, Keyboard und Gesang eine psychedelisch-rockige Explosion entwickeln kann. Zum Beispiel mit ihrer neuen Single Sludge. Das extrem reduzierte Video wird dem Sound nicht gerecht, aber egal. Schalter ein, Schalter aus. Anfangs klingen sie noch ein wenig wie Art Brut, und dann drehen sie immer weiter auf, dass es knarzt und knackt und kracht. Derzeit befinden sie sich im Studio, um ihre erste Platte aufzunehmen, sie soll noch dieses Jahr erscheinen. Ein paar Live-Auftritte stehen auch fest. Naja. Ihr kennt das. Vorerst...

30.05. - Neustrelitz, Immergut Festival
06.08. - Rees, Haldern-Pop Bar
12.08. - Hamburg, Molotow Skybar



Love Fame Tragedy
(sb) Bereits letzten Herbst hatten wir Euch von Love Fame Tragedy, dem neuen Projekt von Wombats-Sänger Matthew Murphy berichtet und am vergangenen Freitag legte der Liverpudlian seine zweite EP Songs To Briefly Fill The Void nach. Die Songs gehen nicht ganz so schnell ins Ohr wie die der Vorgänger-EP, der tatsächlichen Qualität der Tracks tut dies jedoch keinen Abbruch. Mit Elanor Fletcher (Crystal Fighters), Jack River und Maddi-Jean Waterhouse hat sich Murphy namhafte Gäste ins Boot geholt und nährt mit den fünf Songs die Hoffnung auf ein baldiges Album. Das Video (s.u.) wurde übrigens von einem australischen Fan gezeichnet und animiert - schöne, digitale Welt.


Lonely Spring
(ms) Oh weh! Manchmal kommen Bandname und gesellschaftliche Großereignisse auf ungewöhnliche Art zusammen. Lonely Spring. So sieht es aus. Hätten sich auch Quarantäne nennen können. Doch Spaß beiseite. Wie jedem Lesenden hier eigentlich klar sein sollte, verfolgen wir überhaupt keine musikalische Agenda. Selbst das sehr, sehr grobe Label Indie trifft nicht zu. Einfach das, worauf wir Bock haben. Und manchmal haben wir Bock darauf, uns gepflegt und temporeich anschreien zu lassen. Und das machen die Jungs aus Bayern in sehr druckvoller Art und Weise. Es ist sowas wie Emo-Core, aber gut. Nicht kitschig und nicht allzu depri. Sondern direkt drauf los. Geht auch in die Beine. Heute erscheint ihre 5-Track-EP Lovers & Strangers und sie kickt einen wenigstens in Gedanken mal schnell raus aus diesem Wahnsinn.



Kreator
(ms) Und zum Schluss gibt es noch mutmachende Töne für zwischendurch. Zugegeben kenne ich mich mit dem Werk von Kreator überhaupt nicht aus. Metal-Legenden, das ist klar. Mitunter schockierende Cover ihrer Alben; ich erinnere mich an einen gewissen Aufstand, als die großflächige Plakatierung zum letzten Studioalbum Gods Of Violence für Furore gesorgt hat, da es unter anderem gegenüber von Kindergärten hing. "Nothing can divide us" singen sie auf ihrem sehr kurzfristig erschienenen Song 666 - World Devided, ungewohnte Töne. Doch es ist kein ad-hoc-Corona-Track, der mir-nichts-dir-nichts veröffentlicht wurde, sonst hätte man ein derart komplexes Video wohl nicht produzieren können. Erstaunlich finde ich, dass es den Essenern immer noch gelingt harte Musik mit ausreichend Melodie zu verknüpfen. So lässt sich auch ihr aktuelles Live-Album London Apocalypticon – Live at the Round House, das im Februar erschienen ist, recht gut nebenbei hören.
Um die Nachbarn aus der Schockstarre zu holen oder sie in genau diese zu katapultieren: bitte laut aufdrehen:


Dienstag, 24. März 2020

Buchempfehlung: Sound of the Cities

Quelle: mitvergnuegen.com
(ms) Es gibt ja auch schöne Geschichten dieser Tage. Eine davon ereignete sich in den letzten Tagen bei meiner Lieblingsbuchhandlung. Da sie auch Zeitschriften verkaufen, dürfen sie in einem sehr schmalen Zeitfenster täglich öffnen. Von 10 bis 11 Uhr. Dann kann man einzeln eintreten und sich mit Lesestoff eindecken. Das tat ich letztens. Und das irgendwie Schöne: Ich musste draußen warten, weil auch andere dies vor hatten.
Warten vor der Buchhandlung. Super!
Was ich damit sagen will: Wem es erlaubt ist, der/die hat nun Zeit zum Lesen. Ruhe, Muße, Geduld, Neugier. Für diese Tage möchte ich Euch das Buch Sound of the Cities von Philipp Krohn und Ole Löding ans Herz legen. Es ist zwar schon gut fünf Jahre alt, aber das macht überhaupt nichts, da sich der Inhalt seitdem nicht wesentlich verändert haben dürfte.

Worum geht es? Die beiden Autoren haben über einen längeren Zeitraum eine Reise durch die westliche Musikwelt unternommen; durch 24 Städte. Und immer mit der gleichen Frage: Wie klingt diese Stadt? Warum hat sie im Großen und Ganzen genau diesen Klang hervorgebracht, diese KünstlerInnen angelockt?! Was ist ausschlaggebend, dass der Sound von Austin so anders ist als in Detroit, Köln sich so von Düsseldorf und Hamburg von Berlin unterscheidet?!

In ihrer Grundannahme mussten sie natürlich ständig Kompromisse eingehen, das war mit Beginn des Projekts klar. Einige Städte fallen raus: München, Paris. Und: Es kann nie um eine Stadt gehen. Es geht immer um die Menschen hinter der Musik. Und in den allermeisten Fällen ist es so, dass die KünstlerInnen aus der Provinz in die Großstadt ziehen, um sich dort zu verwirklichen. In der Stadt finden sie die Strukturen, die ihnen in ihrer Arbeit helfen: Labels, andere Kreative, Vertriebe, Plattenfirmen, Clubs, eine Szene, die eine eigene Energie hat.
Aber Städte bieten noch viel mehr. Sie bieten viel Raum für Diskussionen, für Streit, für Utopien, für produktive Auseinandersetzung. Beispielsweise in Hamburg, wo die Hausbesetzerszene und die sogenannte Hamburger Schule unterschiedliche Musik hervorgebracht hat. Oder Berlin: immer schon elektronisch gewesen. Mit Akteuren wie Hans-Joachim Roedelius, der nicht nur immer noch (mit über 80) Musik macht, sondern mit Kluster einen Grundstein für die elektronische, berlinerische Musik gelegt hat. Ohne solche Strukturen aus den 70er Jahren, wäre ein Erfolg der Clubs wie dem Tresor und vielleicht auch dem Berghain nicht zu erklären.
Manchmal sind es auch ganz andere äußere Einflüsse. Es scheint äußerst nachvollziehbar, dass eine Stadt wie Birmingham, die dermaßen von ihrer Industrie geprägt ist auch schwere, laute Musik hervorbringt (Black Sabbath). Es kann auch Spekulation bleiben, doch der Zusammenhang bleibt spannnend.

Spannend auch mitunter Städte, die man überhaupt nicht auf dem Schirm hat. Antwerpen zum Beispiel. Die verhältnismäßig kleine, belgische Stadt zog mit und nach dEUS hochgradig spannende, experimentelle und extrem begabte MusikerInnen an, deren Werk bis heute nachhallt. Oder Austin, Texas. Nicht nur das SXSW-Festival ist weltweit für sein herausragendes Booking bekannt, die Stadt hebt sich deutlich von den übrigen Strukturen in Texas ab. Bunt, jung, kreativ, beinahe hippiemäßig. Und: Absolut lesenswert, ja, spannend!

Löding und Krohn haben - so ist zu vermuten - ein irres Pensum an Arbeit in dieses sehr, sehr gute Buch gesteckt. Dazu muss man nicht mal Fan von Pop und Rock sein. Denn das sind - mit all seinen extrem individuellen Ausläufern - die großen Musikrichtungen, um die es geht. Die, die erfolgreich sind und prägend. Natürlich geht es auch immer weider um Blues oder Techno, doch es bleiben Randerscheinungen.
Sie waren in allen Städten, bei einigen ist zu entnehmen, dass ihr Aufenthalt nur ein paar Tage dauerte (insbesondere in der USA), die Wege in Deutschland sind natürlich viel einfacher zu bewerkstelligen. Vor Ort haben sie sich mit allerhand Menschen getroffen, stundenlange Gespräche geführt, Tipps bekommen, Konzerte geschaut, alles sorgsam festgehalten. Und wen sie nicht persönlich angetroffen haben, der wurde zumindest per Mail, aber häufiger via Telefon oder Skype kontaktiert. Das sind nicht nur MusikerInnen gewesen, sondern auch ProduzentInnen, PlattenhändlerInnen undundund...
So hat sich ein sehr breites, fundiertes Netz an Informationen gebildet, deren Essenz man herausspüren kann. Und hören! Denn am Ende eines jeden Stadt-Kapitels gibt es einen Soundtrack der Stadt mit 20 KünstlerInnen und Liedern in chronologischer Reihenfolge. Zusätzlich einige Ausgehtipps. Darunter Clubs, besuchenswerte Orte, Plattenläden.

Es ist kein Indie-Buch. Es wird natürlich auch über ABBA geschrieben. Was muss, das muss. Es hat sicher auch seine Schwächen. Doch es steckt eine unheimliche Menge Liebe, Arbeit, Wahnsinn darin. Man ist vor jedem neuen Stadt-Kapitel gespannt, was kommt, wen sie interviewten und was die Quintessenz ist.
Es ist wunderbare Lektüre; unterhaltsam, informativ, nerdig.
Wenn die Grenzen dann wieder offen sind und der Touristrom fließen darf... jetzt kann man gut planen. Mit dem Buch Sound of the Cities von Philipp Krohn und Ole Löding!

Freitag, 20. März 2020

KW 12, 2020: Die luserlounge selektiert


Bild: www.native-instruments.com/
(sb/ms) Klar, alles ungewohnt und schräg. Stark bleiben, sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. Und kreativ werden.
Unsere geliebte Kulturszene hat unter den aktuellen Bedingungen natürlich ordentlich zu leiden; in den sozialen Netzwerken gibt es zahlreiche Ideen, wie man helfen, spenden, nicht zurückgeben kann. Für mich stünden bis Ende April auch fünf Konzerte an, alles weg. Aber es gibt ja glücklicherweise Alternativen. Im Netz. Bei einer war ich am Mittwoch Abend dabei. Da hat Nicholas Müller (von Brücken, ex-Jupiter Jones und nun solo unterwegs) eine feine digitale Begegnung auf die Beine gestellt. Als jemand, der immer wieder von starken Angstattacken heimgesucht wurde, hat Nicholas Müller auf die aktuelle Situation noch einen anderen Blick als die Klopapierverrückten. So hat er sich entschlossen zusammen mit dem Moderator Adam Riese und seiner Band, dem Neonorchester, einen Talk- und Musikabend auf die Beine zu stellen, wurde live bei Facebook übertragen und dauerte von 19 bis ca. 22 Uhr. Er sprach mit Experten über einen machbaren Umgang mit Angst und ließ viele wunderbare Künstler zu Wort und Stimme kommen. So haben Hannes Wittmer, Marcus Wiebusch, Thees Uhlmann, Lilly Among Clouds oder Fortuna Ehrenfelds Martin Bechler einen Song beigesteuert und kund getan, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen.
Dabei ging es auch immer ganz ernst um die Wege, wie man sich informiert. Denn das kann massiv überfordern, stressen, einengen und kirre machen. So hat die Deutsche Angsthilfe diese Website an den Start gebracht, die zwei Mal am Tag mit geprüften Informationen versorgt. Morgens und Abends. Mehr braucht es nicht. Das ist eine wunderbare Idee und ich hoffe, dass sie genutzt wird.

Kommen wir zurück zur Musik. Es ist Freitag. Luserlounge. Quarantänelounge. Selektiert.

Maple & Rye
(sb) Folk aus Schweden scheint derzeit ja mal so richtig im Kommen. Den Kollegen A Choir Of Ghosts haben wir Euch ja schon des Öfteren vorgestellt, nun sind Maple & Rye an der Reihe und präsentieren sich als deutlich angenehmere Variante von Mumford & Sons (oder Manfred & Hans, wie wir sie redaktionsintern nennen). Überaus angenehme Stimmen und eine zurückhaltende Instrumentierung prägen Rebel's Run (VÖ: heute!), das Prelude zum bevorstehenden Album For Everything, das im Mai erscheinen soll. Wir sind gespannt - Ihr auch?



Mal Élevé
(sb) Es waren einmal die Irie Révoltés, diese unfassbar tolle Liveband, die in allerhand Sprachen (v.a. Deutsch und Französisch) ihre politisch überaus korrekte Message unters Volk brachte und jede Konzerthalle schwitzen ließ. Leider entschieden sich die beiden Brüder vor einigen Jahren, musikalisch getrennte Wege zu gehen. Cetcé legte auf Solopfaden mit seinem Album "Trojanisches Pferd" vor, nun zieht Mal Élevé mit Résistance Mondiale (VÖ: heute!) nach und direkt mal an seinem Bruder vorbei. Während Cetcé eher experimentell vorging, verlässt sich Pablo Charlemoigne auf Altbewährtes und macht dabei sehr viel richtig. Wie schon zu Bandzeiten, wird Mal Élevés komplettes Repertoire zwar vermutlich auch erst live wieder sein komplettes Potenzial offenbaren, textlich und gesanglich macht das aber schon jetzt sehr viel Spaß und lässt das Tanzbein vor Freude zittern. Tourdaten gibts leider aktuell keine - aus Gründen. Aber wenns dann mal so weit ist: hin da! Unbedingt!


SELIG macht SELIG
(sb) Meine erste große Liebe hieß Lisa. Damals, 1994. Wir kannten uns seit Kindheitstagen, seit sie 4 war und ich 6. Als wir uns zehn Jahre später wiedertrafen, wurden wir beste Freunde, verbrachten jeden Nachmittag miteinander, viele Abende und so manche Nacht - rein freundschaftlich wohlgemerkt. Kompliziert wurde es erst, als Gefühle ins Spiel kamen, wir uns aber nicht dazu durchringen konnten, es miteinander zu versuchen. Warum ich Euch das erzähle? Weil wir damals zusammen fast ausschließlich The Smashing Pumpkins und Selig hörten und vor allem Letztere uns mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum aus dem Herzen und aus der Seele sprachen. Und klar: Als es bröckelte, wurden zu Ohne Dich einige Tränen vergossen...
Jetzt, ein gutes Vierteljahrhundert später, gibt es Selig nach einer zwischenzeitlichen Trennung wieder und mit SELIG macht SELIG erschien am vergangenen Freitag eine Compilation, auf der namhafte Künstler sich an den größten Hits der Hamburger versuchten. Leider blieb es in den meisten Fällen beim Versuch und im Endeffekt reicht kein Cover ans Selig-Original heran. Während BAP (Glaub mir), Emma6 (Hey, Hey, Hey) und Wilhelmine (Mädchen auf dem Dach) immerhin originell und unterhaltsam rüberkommen, enttäuschen Madsen (Wenn ich wollte) und vor allem Philipp Poisel (Ohne Dich) auf ganzer Linie. Wirklich schade, dass eine so grandiose Idee so schlampig umgesetzt wurde und nicht mal ansatzweise das hält, was sie verspricht.
Und falls Ihr Euch fragen solltet, was aus Lisa wurde: Sie lebt heute in Indonesien und ist glücklich verheiratet.


Shybits
(ms) Wenn man so schaut und insbesondere hört, was so ein neuer Musik eintrudelt, dann ist das oft sehr glatt, weich, langweilig. Rotzig, unperfekt, dreckig ist anscheinend nicht mehr so gern gesehen im großen Pop-Business. Oder Rock. Egal. Die Angst vor Austauschbarkeit macht kreativ und endlich wieder dreckig. Zum Beispiel mit Shybits aus Berlin. Trotz Berlin entzieht sich die Musik jeglichem Hipster-Schrott. Zum Glück hat die Band auch keinen deutschen Namen, der mit Die... beginnt. Ein Signal, dass Müll lauert. Mit Skin Floats hat das Trio diese Woche einen neuen Track samt Video auf den Mark geworfen. Satter, treibender Bass, eine schön schrammelnde Gitarre, die auch mal gerne zurück koppelt und ein mitunter schepperndes Schlagzeug. Trotzdem bleibt es feinster Indierock, der enorm zugänglich ist. Hier ist ein schöner Drahlseitakt gelungen, der Bock macht.
Sie sind natürlich auch live unterwegs. Nur halt nicht jetzt. Daher speisen wir später, zu einem sichereren Zeitpunkt welche ein.



Myrkur
(ms) Man könnte relativ leicht sagen, dass die Dänin Myrkur ein bisschen New-Age-Folk-Gedöns macht, der sehr harmonisch, aber zu gewissem Teil halt auch kitschig ist. Aber schön kitschig. Und mystisch. Das in jedem Fall. Das macht die dänische Sprache irgendwie aus. Dazu das traditionelle Arrangement. Liefe dazu ein mittelalterlicher Fantasy-Quatsch, wäre das Bild perfekt.
So einfach ist es aber zum Glück nicht.
Und das hat mit der Geschichte der Dänin zu tun, der musikalischen Biographie. Sie hat mal auf Wacken gespielt. Hmm.. Ja... Okay, das mag nichts heißen. Da spielt mittlerweile ja ein durchaus eigenwilliger Mix aus Genren. Hört man in ihre frühere Musik hinein, wird einiges klar. Da wird kräftig drauf los gebrüllt, da sind die E-Gitarren metalmäßig fein aufgedreht und die Welt geht unter.
Die blüht jetzt wieder. Man fragt sich: Warum?! Weil sie Nachwuchs zu Hause hat. Mit dieser Geburt besann sie sich auf ihr eigenes Aufwachsen und wollte wieder sich den ruhigeren Tönen aus dem ländlichen Dänemark hingeben. Gelungen.
Heute erscheint ihr Quasi-Debut Folgesange; gleicher Name, vollkommen anderer Stil. Man muss sich ein wenig drauf einlassen, doch es weiß zu gefallen. Es ist ein Mix aus Der Hobbit und Michel aus der Suppenschüssel. Schön, mystisch, vielleicht nicht immer ganz ernst zu nehmen.

Doch wenn man derzeit schon nicht weg fahren darf, ist dies ein schöner Urlaub für's Ohr!



Hania Rani
(ms) Die Halbwertszeit von Musik ist je nach KünstlerIn, Stimmungslage, Jahreszeit und etlichen weiteren Faktoren doch sehr, sehr unterschiedlich. Doch für mich habe ich festgestellt, dass morgens entweder pulsierender Punk à la Pascow gut hilft oder halt ganz schüchterne, ruhige, sanfte Töne, die meine beginnende Wachheit sanft zu sich ziehen. Das kann Hania Rani sehr gut. Ihr aktuelles Album Esja läuft regelmäßig bei mir, gerne morgens oder zu sehr konzentrierter Arbeit. Und nur ein Jahr nach diesem wundervollen Wurf, legt sie nach. In unsicheren Zeiten ist das eine Menge wert. Nicht nur, dass man sich darauf verlassen kann, sondern auch, weil ihre Kompositionen und ihr feines Klavierspiel sehr zu beruhigen wissen. Das können viele Leute gut gebrauchen. Insbesondere vor und während des Einkaufens. Die junge Polin legt nicht einfach nur ein neues Album mit verträumten Pianoklängen vor, sie hat sich stark weiter entwickelt. Denn sie nutzt auf der neuen Platte Home ein weiteres Instrument; eines, das jedeR beherrschen kann: Die Stimme. Hania Rani singt erstmals zu ihrer Musik. Und es ergänzt sich zu einem absolut runden Hörerlebnis. Dadurch wird es noch ein Stückchen mystischer, noch ein wenig zerbrechlicher, aber genauso schön.
Zum ersten Höreindruck Leaving gibt es auch ein extrem sehenswertes Video. Griechenland. Natur. Meer. Klavier. Suchen. Finden. Singen. Spielen. Ab.

03.06 - Berlin, Lido
14.06 - Zürich, Kaufleuten
02.08 - Neubrandenburg, Detect Classic Festival

Donnerstag, 19. März 2020

Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys - Greatest Hits

Amore aus Italia. Foto: Dominik Liebherr
(ms) Es war in den frühen 80er Jahren. Ich weiß es noch genau. Ich war zwar noch ein Teenager, aber meine Ohren waren voll ausgebildet und sogen die besten Töne wie ein Magnet an. Wir waren mit der Familie zwischen Orangenbäumen, Gelatostuben und Pastakönigen und konnten nicht aufhören zu staunen. So viel Amore, so viel Muße, so viel Lebenskunst. Eine Zeit, die mich wie keine zweite geprägt hat. Sehe ich heute frische Pomodoro, geht mein Herz auf. Steht im Kühlschrank ein Vino Bianco, weiß ich, dass alles gut wird. Und das es richtig ist. Dafür ist jedoch eine Musikgruppe verantwortlich, die dieses Bild von Italia erst so richtig in mein Hirn eingebrannt hat, dass mein Herz grün-weiß-rot gestreift ist. Dass stets eine Kiste Peroni statt Krombacher kalt steht. Dass Mozzarella statt Gouda gekauft wird. Basilikum statt Schnittlauch.
Denn damals lief in unserem geliehenen Fiat 500 - ein bisschen Touri-Kitsch muss ja sein - niemand anders als Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys. Und als ob im Radio das Band hängt, hörte es auch nicht auf. Was für ein Zauber, was für eine Magie. Das ist Amore. Das ist Passione. Jeder konnte damals ihre großen Hits mitsingen. Die, die es nicht konnten, waren nach einer Bottiglia di Vino Rosso textsicher wie der Rest.
Nur es gab halt einen großen Wehmutstropfen, der die zauberhaften Stunden zwischen Toskana, Roma und Limoncello sehr getrübt hat. Die großen Lieder von Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys konnte man damals nirgends auf Platte kaufen. Mir blutete das Herz, als wir zurück zwischen Graubrot und Schinken waren.
Damit ist jetzt Schluss!
Endlich!
Denn über 30 Jahre nach ihren goldenen Erfolgen kann man nun, an diesem Freitag, den 20. März, ihre größten Canzoni auf Platte kaufen: Greatest Hits heißen sie. Einfach. Treffend.



Auf dieser Veröffentlichung warten 13 Perlen, die niemand, wirklich niemand, nie gehört haben darf!
Direkt zu Beginn machen sie klar, dass sie die unangefochtenen Könige der Italo-Schlager-Musik sind, in dem sie mit einer Neuinterpretation der Eurovisions-Hymne starten. Ein großer Jammer übrigens, dass dieser Wettbewerb dieses Jahr ausfällt. Als deutsch-italienischer Vertreter wäre Roy der sichere Sieger in Rotterdam.
Nach dem instrumentalen Intro nur noch Amore! Baci, der erste große Hit. Wunderbar. Da schwappt aus den Boxen italienisches Savoir Vivre. Es ist nicht nur nostalgische Erinnerung an eine goldene Zeit, sondern auch Tanzmaterial für die Tage, die man daheim bleiben muss. Das Wohnzimmer wird zur 80er-Jahre-Tanzfläche. Dazu natürlich ein gut ausgesuchter Vino Rosso aus Sizilien. Ein Hüftenschwinger nach dem anderen. In diesem Track lauert schon einer der heimlichen Höhepunkte dieser an Höhepunkte nicht geizenden Platte: Wie Roy 'Mortadella' ausspricht ist... da schmilzt mein kleines Provinzherz.
Und er muntert uns auch auf und zeigt, wie la Dolce Vita funktioniert: Kein Geiz, auch mal im Casino zu diesen Liedern für die Ewigkeit das Geld verprassen. Das natürlich nie alleine, sondern mit der Belle Regazze - dem schönen Mädchen.

Wer dazu keine Bambini macht, hat Amore nicht verstanden.

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Zu solch heiligen Momenten muss Ponte Di Rialto laufen. Das emotionale Herzstück dieser epischen Liederzusammenstellung. Die Keyboadklänge von Ralf Rubin, die Trompete vom Blechkofler, das herrlich trabende Schlagzeug vom Bongo und der traumhaft schwingende Bass vom Eisen. Das ist es. Das ist die Essenz von Musik. Deshalb schreiben wird. Wenn Roy und Die Abbrunzati Boys dann diese Texte ins Mikrophon hauchen, bleibt man gern daheim und macht es sich gemütlich.
Glücklicherweise haben sie auch ein Lied aus der kurzen Brasilia-Phase mit auf Greatest Hits genommen. Zu Cococabana in der untergehenden Sonne tanzen... ich kann mir tatsächlich nichts Schöneres vorstellen. Treibende Trommelnummer und einheizende Trompete. Grande!
Dass das hier eine große Kaufempfehlung ist, ist klar. Wir wollen nicht jedes himmlische Lied vorwegnehmen. Doch Maranello muss noch erwähnt werden. Ein Canzone, das durch die Ohren, ins Herz, den Verstand und die Beine schwingt. Diese aufgedrehte Gitarre wird nie aufhören zu klingen, wenn der Ferrari vollgetankt ist und es von Milano nach Bolzano in unter einer Stunde geht. Dann krallen die handschuhummantelten Hände das Lenkrad fest und die Spritztour geht los. Nummero uno Freizeittipp für den nächsten Vacanza in Italia.

Seitdem wir in diese unglaubliche Platte reinhören dürfen, läuft zwischen dem Bodensee (sb) und der niedersächsischen Provinz (ich) nichts anderes mehr. Jeglicher andere Sound wurde verdrängt. Nur noch Roy. Nur noch Amore. Nur noch Passione.
Wann ist das bei Euch der Fall?! Subito!

Livetermine, wenn es wieder möglich ist.

Dienstag, 17. März 2020

Pöbel MC - Bildungsbürgerprolls

Pöbel cum lauda. Foto: David Henselder
(ms) Als ich in der Uni mal eine eher so mäßige Note zurück bekommen habe, wusste ich zuerst nicht, wie ich mit der Enttäuschung umgehen soll. Vermutlich habe ich es einfach so lange verschwiegen und ignoriert, bis es sich aus meinem Fokus verabschiedet hat.
So lange mich eine Enttäuschung nicht direkt betrifft, ist es einfacher damit umzugehen. Man könnte es auch geflissentlich übergehen. Oder drüber schreiben.

Denn das erste Album von Pöbel MC enttäuscht mich leider. Und das ist umso herber, wenn die Vorzeichen so extrem gut standen. Enttäuschung hängt halt immer mit einer gut begründeten Erwartungshaltung zusammen. Einiges habe ich erwartet auf Bildungsbürgerprolls. Allein schon der saugeile Name der Platte hat gebockt. Die Doppel-Single-Auskopplung mit Patchworkwendekids und dem Albumtitel gebenden Track hat diese Einstellung noch befeuert, zwei gute Tracks zu einem Video fusioniert. Einige Male durfte ich Pöbel live genießen und es war eine wunderbare Rap-Offenbarung. Die Aggressivität, der Asi-Faktor und der nie endende Humor. Diese Mischung spricht mich an und seine enormen Fähigkeiten am Mikrophon haben beispielsweise den Gig letztes Jahr im Hamburger Hafenklang zu einem feinen Erlebnis gemacht. Ein voll gepackter Club mit schönem Bierlevel und astreiner Stimmung. Herrlich!
Zu dem Zeitpunkt ist gerade das Pöbel Sports Tape erschienen. Und das ist jetzt, nach mehrmaligem Hören des Albums, auch der Ausgangspunkt der Enttäuschung. Denn das Tape ist überragend. Die acht Songs sind die Quintessenz von Pöbel MCs Stil. Schön prollig, klare, linke Kante und extrem schlau getextet und gerappt. Klar, das sind die Stücke auf Bildungsbürgerprolls auch zumeist. Doch bei weitem nicht so prägnant, nicht so knackig, nicht so pointiert. Zusätzlich fehlen der Platte einige richtig catchyige Beats, irgendwas, das neben stinknormalem Battle-Rap auf die Zwölf haut.
Logisch, man muss auch relativieren. Ich bin kein Rap-Fachmann; merkt man ja am Musikstil, den wir auf diesem Blog im Fokus haben. Um Geschmack geht es immer.

Die zwölf Songs erstrecken sich über sehr gute 41 Minuten. Eine feine Zeit, um ein Album zu hören. Der Ton aus Schlau und Aggressiv wird auch beim Track Bildungsbürgerprolls getroffen: offensive Proklamation, dass der linke Rap beides ist: schön asozial und bestens gebildet. Das muss man Pöbel MC stets zu gute halten. Man merkt es - und muss es zwingend anerkennen -, dass hier trotz jedem Image ein wirklich kluger Typ am Mikrophon ist: "Grübeln wie Philosophen / Feiern wie Idioten."
Und nochmal zu Patchworkwendekids: Ich muss wider besseren Wissens fragen. Gibt's einen anderen Rapper, der Einsicht in die Welt derjenigen gibt, die nach dem Mauerfall in den neuen Bundesländern groß geworden sind? Ein Thema das meines Erachtens überhaupt nicht stattfindet, nicht im Punk, Rock, Pop. Offensichtlich gibt es im Osten nämlich keinen Fortschritt: "Bei dir wird geerbt / Bei uns repariert."
Der aktuelle politische Alarmzustand wird auch in Kalkül beleuchtet. Der Stand der Ding ist: freitags raus für die Zukunft, samstags saufen. Ein probates Mittel der Alltagsbewältigung. Auf das Feature mit Milli Dance (Waving The Guns) habe ich mich auch riesig gefreut. Doch auf Keine Rolle spulen sie nur beliebigen Battle Rap runter, der mich wahnsinnig langweilt. In vielen Texten über Pöbel MC wird erwähnt, dass er pausenlos austeilt. Das stimmt so nicht. Dopamindealer ist eher Selbsttherapie und ein Song an dem die Längen des Albums offensichtlich werden. Klar, die Sprachdichte ist enorm und es ist eine beeindruckende Rap-Fähigkeit. Doch ohne ausreichend Wumms. Bei einigen Tracks denke ich, dass ein bisschen weniger 4Blocks soundtechnisch der Platte gut getan hätte.
Dass Pöbel MC überhaupt über ein äußerst differenziertes und kluges Bild von Sexualität rappt ist stark. Gefällt mir gut. Doch Sexsexsex bleibt, trotz inhaltlich anderer Seite, weit hinter Rammeln zurück.
Richtig fein ist nochmal Kommunikationsgenie. Ein schöner Asi-Trap-Beat. "Ich rede laut, weil ich recht habe / Ich habe recht, weil ich laut rede." Das fiel mir die Tage bei der Beobachtung von Hamerkäufern auf, die das dem ganzen Supermarkt kundtun wollten. Aber die Frage, wie wir miteinander sprechen, ist eine essentiell Wichtige; privat und auch im Bundestag. Mit der Zeile "Dinge werden wahr, weil ich sie wiederhole" hat er mir-nichts-dir-nichts die Diskurstheorie von Judith Butler zusammengefasst. Hut ab.

Ja, es ist ein pendelndes Gefühl. Unterm Strich überzeugt mich das Album nicht. Es gibt immer weider Sternstunden, doch die Quintessenz ist mau. Insbesondere mit dem Wissen, dass er es viel besser kann. Für meinen Geschmack steht das Pöbel Sports Tape aus dem letzten Jahr weit über Bildungsbürgerprolls. Aber glücklicherweise ist Musik dafür da, dass jeder sich ein eigenes Bild machen kann. Also: Los!

Natürlich soll das noch live dargeboten werden.
Ob das zu diesen Daten stattfindet, darf bezweifelt werden:

02.04.2020 Frankfurt - Zoom
03.04.2020 Saarbrücken - Studio30
04.04.2020 Münster - Gleis 22
08.04.2020 Leipzig - Conne Island
09.04.2020 Düsseldorf - zakk Düsseldorf
16.04.2020 München - Rote Sonne
17.04.2020 Wien - Arena
18.04.2020 Augsburg - Kantine
23.04.2020 Dresden - Chemiefabrik
24.04.2020 Nürnberg - Desi
25.04.2020 Stuttgart - Schräglage

Sonntag, 15. März 2020

Woods Of Birnam - How To Hear A Painting

Nach dem Konzert in der Dresdener Staatsoper. 
(ms) Thema Konzeptalbum: Diese Idee eine Platte zu gestalten, bedarf eines mitunter sehr langen Ideen- und Organisationsprozesses. Notwendige Voraussetzung ist natürlich ein Thema, das sich als roter Faden durch alle (!) Lieder zieht. Dieser muss präsent und spürbar sein, damit die Idee auch durch den Klang und den Text der Lieder dringt. Und es darf halt nicht zu künstlich wirken, um dem Hörgenuss keinen Abbruch zuzuführen. Die völlig legitime Idee hinter einem Konzeptalbum ist es meist, sich ein Thema auszusuchen, das man sehr sorgfältig recherchiert hat und im Stande ist, es von mehreren Seiten aus zu beleuchten. Klar, ich kann zwölf Liebeslieder schreiben, aber das ist ja noch kein Konzept. Erst, wenn es so umfassend ist, wie auf Get Well Soons Love, dann wird man dem Gedanken gerecht. Wenn man beispielsweise erwähnt, dass Liebe nicht nur heillose Romantik, sondern auch vernarrte Gewalt sein kann. Ganz zu schweigen davon, dass Konstantin Gropper es zum Thema Stoizismus (!!!) auf Vexations auch schon bewiesen hat, dass er es mühelos kann.

Mindestens auf diesem sehr hohen und extrem anspruchsvollen Level befinden sich (nun) auch Woods Of Birnam, die am Freitag (13. März) ihr viertes Album How To Hear A Painting veröffentlicht haben. Woods Of Birnam, das ist das Quartett mit Sänger Christian Friedel, der als Schauspieler unter anderem in Das Weiße Band oder Babylon Berlin (der Fotograf, der dem Kommissar despektierliches Material zusteckt und waghalsig aus dem Flugzeug heraus geknipst hat) stark überzeugte.

Ja, sie beantworten auf den 22 Tracks (12 mit Gesang, zehn orchestrale, kurze Zwischenstücke), wie man ein Gemälde hören kann. Oder zumindest ob. Dazu mussten zahlreiche Vorkehrungen getroffen und Hilfe mit ins Boot geholt werden. Die besteht aus Produzent Olaf O.P.A.L., Arrangeur Sven Helbig, der unter anderem für Rammstein gearbeitet hat, und für dieses Werk die zahlreichen Orchesterparts für die Sächsische Staatsoper Dresden schrieb. Die sind also auch dabei. Dazu kommt: Die Gemäldegalerie Alte Meister. Sie liefert mit ihren Ausstellungsstücken die Quellen zur kreativen Arbeit der Band. Sie haben sich 12 Gemälde ausgesucht, für die sie versucht haben deren innewohnende Stimmung und Atmosphäre in Musik umzusetzen! Holla! Zur Wiedereröffnung der Galerie Ende Februar wurde die Platte aufwändig aufgeführt!
Die vier haben also ein Album geschaffen, dass es erzwingt, sich auf ganz neuer Ebene mit allen Sinnen und viel intellektueller Arbeit auf Musik einzulassen. Die Band sagt auch ganz bewusst: Das hier ist keine Interpretation. Das wird weiterhin jedem Betrachter überlassen.
Geschrieben haben die Texte Ludwig Bauer und Armin Petras. Bis auf eines. Kommen wir unten zu.



Welche Bilder zu welchem Lied gehören, kann man hier nachsehen.
Bis hier her die Erklärungen, warum dieses Album und wie es funktioniert. Kümmern wir uns um den Sound.

Mit der ersten Interlude beginnt dieses enorm vielseitige, herausragende Album getragen und ruhig. Knallen tut es später. The Wind präsentiert spannende Assoziationen, ohne das Vorlagen-Gemälde zu kennen: Krimi, Thriller, Agentenfilm; in jedem Fall Hochspannung durch den dichten Klang. Die klare und sehr sichere Stimme von Friedel breitet sich hier schon im vollen Maße aus.
The Machine (s.o.) ist ein recht konventioneller und verhältnismäßig brachialer Alternative-Track, der nur bedingt nachvollziehbar als Single ausgewählt wurde; es gibt wesentlich stärkere, raffiniertere Lieder auf How To Hear A Painting. Zum Beispiel Life Is Gold Pt. 1: zuerst hat es den Anschein, dass sich dahinter eine melancholischer Ballade versteckt. Weit gefehlt; es ist ein stimmungsvolles Highlight, so wie sich dieser Track entwickelt. Denn aus dem durchaus introvertierten Beginn, der sanft, getragen und etwas nebulös ist, entwickelt sich auch durch das zauberhafte Orchester- und Chorarrangement ein musikalischer Befreiungsakt, in dem erneut der Gesang brilliert.
Die klangliche Vielfalt macht sich auch auf How Many bemerkbar, dem eine deutlich elektronisch-sphärische Handschrift zugrunde liegt. Überraschend (und auf dieser Platte gibt es viele Überraschungen) kommt ein Saxophonpart zum Schluss.
Die kleinen, meist unter einer Minute dauernden Interludes sind nicht nur schönes, orchestrales Beiwerk, sondern absolut notwendig. Denn zwischen den sehr unterschiedlichen Liedern ist eine Pause für die Ohren geboten.
Denn es kommen noch zwei Tracks, die erwähnt werden müssen. Sie sind meines Erachtens das zwingende Herzstück dieses Albums!
Nummer 1: National Anthem. Es ist der Höhepunkt! Absolut. Die epische, orchestrale Breite des Liedes wird dem Titel mehr als gerecht. Nur: Welche Nation sollte sich dieses Lied als Hymne aneignen, das so staatstragend beginnt und dann zu einem Pop-Meisterwerk à la Queen schwenkt - keine Übertreibung an dieser Stelle. Würde Freddy Mercury hier singen, dürfte sich niemand wundern. Ein irrer Track vom Arrangement über die Idee bis zur großartigen Umsetzung. Und: Der Text kommt von George Orwell. Kinder, wie künstlerisch breit kann man eigentlich agieren?!
Nummer 2: Direkt darauf folgt Dark World Down. Es ist ein super elektro-alternativer Rock-Ohrwurm, der auch von Muse hätte stammen können. Zwischen dem englischen Gesang treten dann deutschsprachige Spoken Word-Einlagen durch. Spektakulär. Und dieser Sprachenwechsel gelingt äußerst harmonisch. Hier lohnt es sich zuzuhören! Es ist ein klasse Song!

Fast eine Stunde dauert dieses Album. Eine Stunde, die man als aufmerksamer Musikkonsument so schnell nicht vergisst. Was noch toller ist: Das Konzert aus der Sempergalerie vom 28. Februar wurde von arte (von wem auch sonst?!) aufgezeichnet und man kann es sich anschauen. In Zeiten, wo der kulturelle Betrieb still steht, eine wunderbare Beschäftigung. Film ab - oder: Gemälde ab: