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| Foto: Ingo Petramer |
Nicht nur dieses Instrument, sondern auch die komplett runtergeschraubte Instrumentierung ließ meine Vorfreude nicht so recht aufkommen. Gar kein Schlagzeug? Kein Bass? Kein Klavier? Hui. Heißt aber auch: Kein Autotune mehr und weniger Beat.
Also: Was hat Kurt Wagner mal wieder geritten, ein Album genau auf diese Weise zu produzieren? Die Gründe sind fast immer ein bisschen egal, weil sie erstaunlicherweise doch immer erschreckend gut aufgehen. Auch bei Punching The Clown, das am 21. August erscheint. Auch mit Banjo. Ja. Es wird von niemand geringerem als Justin Vernon gespielt. Besser bekannt als Bon Iver!
Lambchop also mal wieder. Es ist auch immer eine Frage, aus wie vielen MusikerInnen die Band gerade eigentlich besteht? Mal waren es vier, dann siebzehn, dann nur einer. Nun hat Kurt Wagner ein paar Leute um sich gescharrt, um diese Platte aufzunehmen. Eine weitere phantastische Idee in einer sehr langen Reihe toller, vollkommen verschiedener Alben, die der ehemalige Fliesenleger in seinem langen Schaffen vorgelegt hat. Auch wieder mit Cap auf und mit langem Rauschebart. Lambchop war immer auch Kunst und Mode.
Nun, ganz so egal ist die Entstehungsgeschichte von Punching The Clown nicht: Vor drei Jahren hörte er ein Lied im Radio, das ihn stark begeistert hat. Es war so reduziert, dass es enorm viel Zauber entwickelt hat. Er fand den Titel nicht heraus. Fing aber an zu recherchieren. Und stieß auf ein Genre, das in Vergessenheit geriet: Lining Out. Eine Musikrichtung, die aus den Kirchen kam, als die Menschen noch nicht alle lesen konnten. Jemand sang etwas Simples vor, die Gemeinde wiederholte es. So kam die Idee auf: so soll das neue Lambchop-Album klingen. Und so ist es gekommen.
Zwölf neue Songs hat Kurt Wagner uns geschenkt. Sachte, dezent melancholisch und etwas verwunschen beginnt diese Platte. Direkt voller Wirkung: Der tolle Chor, der auf diesem Album bei Weitem nicht nur im Hintergrund bleibt. Just West Of Nicollet ist eine leicht traurige Beobachtung ins Blaue hinein. Ja, der Text ist schön, weil er so umherschweift, aber das musikalische Arrangement begeistert mich mehr. Es ist auf der einen Seite so reduziert und auf der anderen Seite - wahrscheinlich genau dadurch - sehr stimmungsvoll! Außerdem hat der Track keinen Refrain. Das unterstreicht, dass Kurt Wagner einfach mal so umherschaut. Ja, der Grundtenor ist schon melancholisch, traurig mitunter. Doch seine Stimme bring wirklich viel Licht rein, sie ist ein toller Gegenspieler vom Banjo, das eher die düstere Stimmung forciert. Weakened ist ein tolles Lied. Das Kirchliche, Erhabene kommt hier auf eine unsagbar schöne Weise rüber. Wie berührend kann ein Chor mit Akustikgitarrenbegleitung denn eigentlich sein? Dieses Stück ist der Beweis! Das Titelstück wiederum ist ein wunderbares Liebeslied. Dafür muss auch Zeit sein. Ein Track, der dankbar das Gegenüber anblickt. Die Person, die einen aufblühen lässt, die einem das Schöne zeigt. Ja, es lohnt sich, die Texte zu lesen. Denn seit jeher ist es ja so, dass Kurt Wagner so singt, dass seine Worte nicht immer zu verstehen sind. Vieles wird verschluckt oder abgebrochen. Kunst halt.
Krass zu hören, dass dieser wahnsinnig runtergeschraubte Lambchop-Stil auch sehr wütend sein kann. White People ist das Stück dazu. Ein brutaler Abgesang auf die privilegierte, weiße Schicht, die sich stets beweihräuchert, aber endlich abdanken sollte. Kurt Wagner singt es so! The New World Wave wiederum ist eine kleine Geschichte aus seiner Heimat Nashville. Ob die Szenen einer Familie, die viel wackelt, autobiographisch ist, ist unklar. Zudem ist es ein Song, auf dem die Gitarre sehr bassig spielt. Und ein tolles erneutes Paradebeispiel, wie unglaublich gut der Plan aufging, genauso ein ganzes Album einzuspielen.
Ja, diese Platte ist eine unglaubliche Überraschung und ein kaum zu glaubender Beweis, wie sicher Kurt Wagners Riecher für den passenden Ton ist. Lambchop standen selten auf der Stelle. Nun gibt es diese Band, dieses Musikprojekt schon seit über 30 Jahren. Punching The Clown ist das siebzehnte Album! Siebzehn - und erneut klingt ein Album ganz anders als der Vorgänger, ohne jedoch nie den Kern zu verlieren. Der Kern von Lambchop war immer schon reduziert. Mit einer gewissen Unaufgeregtheit hat diese Band immer gespielt. Auf dieser Platte zeigt sie nun, dass ein fast vergessener Klang in einem neuen Gewand extrem gut klingen kann. Wow!
Gewissermaßen steht der Song To Do Pate für dieses ganze Vorhaben: Bevor das lyrische Ich - vielleicht war so selten so konkret der Sänger damit gemeint - gen Himmel fährt, gibt es noch einige Dinge zu tun. Und keine Zeit zu verlieren. Also: Los!
13.02. Berlin, Passionkirche
14.02. Erlangen, Markgrafentheater
16.02. Wien, Theater Akzent






