Freitag, 1. Mai 2026

KW 18, 2026: Die luserlounge selektiert

Flaticon.com / Shuvo.Das
Warum kommst du (nicht)? Diese Frage stellt sich das Zollhaus in Leer, Ostfriesland. Das Zollhaus ist ein toller Veranstaltungsraum für Konzerte und Kultur in einer Gegend, wo Bands eher selten aufschlagen. Der Nordwesten ist hinter Oldenburg (wenn dort überhaupt Bands Halt machen und nicht schon in Bremen) kulturell eher ein weißer Fleck auf der Landkarte. Mal findet noch was in Wilhelmshaven statt. Aber das war es dann auch. Die Menschen aus dem Zollhaus fragen sich: Warum kommst du (nicht)? Dafür haben sie eine Umfrage erstellt, die ihr - sofern ihr irgendwie aus der Gegend kommt - gern ausfüllen könnt. Leider müssen immer wieder mal Konzerte abgesagt werden oder sie stehen kurz davor. An den Acts kann es nicht liegen. Denn was das Team nach Leer holt, ist beachtlich: NinaMarie, Urlaub in Polen, Olli Schulz, Team Scheisse, Kettcar, Selig, Slime, Turbostaat, Muff Potter.
Bei mir hat es organisatorische Gründe. Leer ist leider nicht so geil an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen. Die letzte Bahn, die Richtung Oldenburg/Bremen fährt, fährt um 22:42 ab. Lange Zeit war eine Stunde früher (!) Schluss. Es liegt dann eher an der Erreichbarkeit. Und bei euch? Das Team freut sich bestimmt über rege Teilnahme. Es ist ein toller Ort. Vor einigen Jahren habe ich Kettcar dort gesehen und es war großartig - super Atmosphäre!

Ebow
(Ms) Bevor wir zu diesem unfassbar krassen Song kommen, drehen wir einmal grob ein Jahr zurück. Sommer 2025, Watt En Schlick Festival. Regen pur. Matsch überall. Aber genauso viel Ausgelassenheit und gute Laune. Am Samstagnachmittag nicht so richtig gewusst, was ich mir anschauen soll. Also am Floß gelandet. Ebow stand auf der Bühne. Ich Dummkopf dachte natürlich, dass ihr Künstlername englisch ausgesprochen wird. Pustekuchen. Ebbo - Ebow! Das, was da passiert ist, gehörte meines Erachtens abends auf die große Bühne. Nicht nur weil diese Künstlerin einfach unfassbar sympathisch gewesen ist, sondern vor allem, weil das, was sie sagt und rappt, von unfassbarer Wichtigkeit ist. Genauso ist auch ihr neuer Track, der heute erscheint. Besser geht es kaum, eine Single namens Arbayt am 1. Mai! Sie sollte auf jeder Demo heute laut laufen. Klassenkampf ist back! Solidarität sowieso, sonst geht alles noch krasser den Berg hinab als eh schon. Klare Ansage an den Kanzler. Dazu noch die Geschichte vieler Hinzugezogener. Dieser Song ist so komplex wie gut. Er ist so schlau wie beatlastig! Ebow beweist wuchtig, wie bedeutungsvoll Rap sein kann. Wie geil ist das denn bitte?! Eben! Im Herbst ist sie - bestimmt mit einem neuen Album im Gepäck - auf Tour:

12.05.26 Freising – Uferlos Festival
06.06.26 Schmitten – Schmittner Open Air
31.07.26 Bremen – TurnUp
08.10.26 Köln – Bürgerhaus Stollwerck
09.10.26 Bremen – Schlachthof
10.10.26 Hamburg – Fabrik
15.10.26 Leipzig – Werk 2
22.10.26 München – Ampere
23.10.26 Wien – WUK
24.10.16 Frankfurt – Zoom
28.10.16 Berlin – Columbiahalle



Editors
(Ms) Wenn eine Band es in den letzten zwanzig (!) Jahren geschafft hat, immer wieder zu überraschen und nie die eigene DNA zu verlieren, dann sprechen wir in jedem Fall von den Editors. Das Quintett um Tom Smith hat es wirklich herausragend geschafft, den eigenen Sound immer etwas zu ändern und gleichzeitig immer erkennbar zu bleiben. Egal ob es große Synthie-Flächen waren oder filigrane E-Gitarren-Schnipsel voller Energie. Die Wiedererkennbarkeit liegt natürlich zum Einen an Tom Smith‘ markanter Stimme, aber auch für eine Art der musikalischen Dichte, die auf jedem Album zu hören ist. Nun hat die Band mit Call It In eine neue Single veröffentlicht. Gespannt klickte ich auf den Play-Button und war überrascht, dass es verhältnismäßig ruhig zugeht. Es geht wieder in Richtung In Dream oder The Weight Of Your Love. Klassische Bandbesetzung ohne große Elektronikballerei. Das Ergebnis ist ein Stück, das unserem Zeitgeist sehr gut entspricht. Ein Lied, das klar machen will, dass Hilferufe gut und richtig sind und dass wir dringend dem Lärm unserer Zivilisation - politisch und hörbar - entfliehen sollten. Es wird wohl ein Album folgen, Tourdaten gibt es schon fürs kommende Jahr:

07.02.27 München - Zenith
08.02.27 Wien - Gasometer
11.02.27 Berlin - Columbiahalle
14.02.27 Köln - Palladium
16.02.27 Leipzig - Felsenkeller
20.02.27 Hamburg - Inselpark Arena


Attic Ocean
(Ms) Düsseldorf ist musikalisch ja - in meinen Augen und Ohren - für zwei Dinge bekannt. Selbstredend Die Toten Hosen und all die Elektronikpioniere aus den 70er Jahren. Nun ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass die Stadt am Rhein noch bekannt wird für strahlenden Shoegaze-Indierock. Attic Ocean heißt das Quintett, das heute ihre neue Single Coastal veröffentlicht hat. Sehr große Klangflächen, brillierende E-Gitarren, ein Sound, der ziemlich direkt knallt. Wer dazu nicht die Hand reckt, den ganzen Abend durch die Straßen der Stadt ziehen will und das Leben mit seinen Liebsten genießen möchte, ist doch ein amtlicher Banause. Dies ist ein so gut arrangierter Klang, eine so tolle Stimme und ein so runder Song, dass er direkt ganz weit oben auf alle Playlisten gehört!


Zackiboy
(Ms) Hallo vorurteilbehafteter Schreiberling. Ich dachte mir so bei dem Namen: Puh, was könnte das denn sein? Zackiboy. Okay. Trash? Autotune-Schrott-Rap? Oder so Drüberpop à la Ennio? Ach, Mist, schon wieder lauter Vorurteile. Eiskalt hat mich dieser Künstler erwischt. Und das auf irgendwie magische Art. Zu Beginn von Gute Laune dachte ich an Deichkind, Andreas Dorau, Erobique. Hier muss sich nichts reimen. Hier treibt es ganz allein nach vorn. Die gute Laune, über die Zackiboy eher spricht als singt, kommt inhaltlich nur so richtig schwer daher. Depression. Scheiße. Nix mit Trash. Scheiß Vorurteile. Hier geht es wesentlich ernster zu als ich vorher annahm. Doch genau da wird es künstlerisch spannend. Hier fängt es an, sich zu reiben. Hier plätschert nichts vor sich hin, hier geht es wirklich beinhart zur Sache. Das ist spannend, das ist gut, das fixt auch echt an. Zackiboy gelingt es extrem gut, in einem elektropoppigen Gewand sich und seine Themen darzubringen. Sein Album Softy erscheint am 29. Mai und könnte richtig derbe in den Frühsommer knallen!


Shy Western
(Ms) Einige Fakten aus der Musikwelt sind ja oft nur schwer zu glauben. Es gibt so viel Schrottmusik, die leider so verdammt erfolgreich ist und gleichzeitig so viele tolle Bands, die völlig unterm Radar laufen. Ganz vorne in letzter Kategorie sind The Joy Formidable aus Wales. Pure Wucht und Gitarrenkraft vereint dieses Trio! Texterin, Gitarristin und Sängerin Ritzy Bryan hat auch noch ein zweites Projekt. Es heißt Shy Western und damit veröffentlichte sie dieses Jahr ihr Album Hugger. Ein dichter, energiegeladener Sound zeichnet sich durch die Tracks. Teils wie im Rausch, dann wieder ganz organisch, dann wieder verwunschen und derb. The Joy Formidable pflegen so etwas wie einen exklusiven Fanclub, dem man beitreten kann. Auch gibt es online oft nur darüber die Musik zu hören. Hugger ist auf Spotify beispielsweise nicht gelistet. Doch schaut es euch an, genießt diese kraftvolle Musik:


Hard-Fi
(sb) Boah, was hab ich die mal gerne gehört! Stars of CCTV war sensationell, das Shirt habe ich immer noch. Auch der Nachfolger Once Upon A Time In The West hatte noch ein paar tolle Tracks, danach gings aber rapide abwärts. Album Nummer 3 war eine einzige Enttäuschung, es folgte die Auflösung. Nun sind die Herren aus Staines wieder da und präsentieren mit Sweating Someone Else's Fever (VÖ: 19.06.) ihre neue Scheibe. Ich hatte mir so sehr eine positive Überraschung von Hard-Fi erhofft, tatsächlich kann ich mich mit dem Album aber gar nicht anfreunden.
Wenn man es freundlich umschreiben möchte, dass nennt man das vielleicht "gereift" oder "erwachsen geworden", für mich klingt es jedoch einfach nur langweilig und teilweise aufgesetzt. Was haben die sich denn beispielsweise bei Digo Nada gedacht? Da kann das Album textlich durchaus einige bemerkenswerte Passagen haben, aber musikalisch schreckt mich das Ganze leider extrem ab, sodass dem zweimaligen Anhören bis auf Weiteres kein drittes Mal folgen wird - so leid es mir auch tut.


Sportfreunde Stiller
(Ms) Bei dieser Band kann ich nicht objektiv bleiben. Sie waren mein großes Einstiegstor und die Welt des Indierock. Am 11. Mai 2004 sah ich die Sportfreunde Stiller das erste Mal live, ich war 13 und meine Mama hat mich gelassen, gefahren und bestimmt auch noch Geld für eine Fanta da gelassen. Vielen Dank an dieser Stelle. Einige Jahre sollten mich diese drei Musiker begleiten. Mit dieser ganzen Sportmusiksache ließ ich sie langsam fallen. Irgendwann wurde es dann auch peinlich. Und nun ist der Zeitpunkt gekommen, wo eventuell ein wenig Nostalgie zuschlägt, aber die neuen Tracks überzeugen mich auch echt auf ganzer Linie. Das war schon bei Ti Amo so und auch Keine Blumen Ohne Regen knallt richtig gut. Es geht ordentlich nach vorn, breites Keyboard, schnelles Schlagzeug und angenehme Melancholie. Eine Atmosphäre, mit der sie mich vor vielen, vielen Jahren schon gepackt haben. Am 12. Juni erscheint passend zum 30. Bandgeburtstag die neue Platte Happy Birthday und die drei Münchener gehen ausgedehnt auf Tour!

07.05.26 Erlangen, Heinrich-Lades-Halle (ausverkauft)
08.05.26 Leipzig, Haus Auensee (ausverkauft)
09.05.26 Berlin, Columbiahalle (ausverkauft)
11.05.26 Köln, Palladium (ausverkauft)
12.05.26 Hamburg, Inselpark Arena
14.05.26 Wiesbaden, Schlachthof (ausverkauft)
15.05.26 Stuttgart, Liederhalle (ausverkauft)
16.05.26 München, Olympiahalle (ausverkauft)
22.05.26 Basel, Volkshaus
23.05.26 Zürich, Volkshaus
24.05.26 Gmunden Rocks (ausverkauft)
28.05.26 Braunschweig, Lok Open Air (ausverkauft)
13.06.26 Aachen, Kimiko Festival
14.06.26 Lübeck, Superkunstfestival
17.06.26 Markdorf, Open Air
18.06.26 Kufstein, Kufstein Festung
19.06.26 Coburg, Kulturfabrik Open Air
20.06.26 Koblenz, Festung Ehrenbreitstein (ausverkauft)
30.06.26 Leipzig, Parkbühne
01.07.26 München, Tollwood
03.07.26 LI-Liechtenstein, Life in Schaan
16.07.26 Marburg, Open Air (ausverkauft)
17.07.26 Dresden, Junge Garde (ausverkauft)
18.07.26 Wien, Arena Open Air (ausverkauft)
23.07.26 Graz, Schlossbergbühne Kasematten (ausverkauft)
24.07.26 Freiburg, ZMF Zelt-Musik-Festival (ausverkauft)
25.07.26 Hamm, 800Festival Kurhausgarten
06.08.26 Bad Zwischenahn, Zu Gast im Park 2026 (ausverkauft)
07.08.26 Rothenburg ob der Tauber, Taubertal Festival
08.08.26 Haldern, Haldern Pop Festival
13.08.26 Bayreuth, Seebühnenfestival 2026
14.08.26 Eisenach, Burg Creuzburg Open Air
15.08.26 Jena, Kulturarena
07.10.26 Luxemburg, Atelier (ausverkauft)
10.10.26 Bozen, Stadthalle
12.10.27 Linz, Posthof
13.10.26 Augsburg, Kongress im Park
22.10.26 Oberhausen, Turbinenhalle
23.10.26 Aurich, Sparkassen Arena
24.10.26 Bremen, Pier 2
26.10.26 Magdeburg , AMO Kulturhaus
28.10.26 Wien, Gasometer
29.10.26 Kempten, bigBOX Allgäu
30.10.26 Frankfurt, myticket Jahrhunderthalle

Donnerstag, 30. April 2026

Sascha Lange - Die Geschichte Der Leipziger Meuten

(Ms) Jugendkultur während der Nazi-Diktatur. Ein Thema, über das ich wirklich so gar nichts weiß. Bis jetzt. Denn Sascha Lange hat ein extrem wissenswertes Buch über Freundeskreise aus Leipzig während der 30er und 40er Jahre geschrieben.

Sascha Lange ist Historiker, der sich auf Jugendkulturen im 20. Jahrhundert spezialisiert hat. Lang hat er an diesem Buch gearbeitet, das just im Ventil Verlag erschienen ist. Aktenforschung, Zeitzeugengespräche, detaillierte Recherche. Herausgekommen ist ein Buch, das uns Lesenden vor Augen führt, wie allumfassend und wuchtig der Führerkult bis in alle Bereiche des Lebens durchgedrungen ist. Bis auf die, die eifrig Gegenwehr geleistet haben.

Die Meute als Begriff ist eine spätere Zuschreibung für Cliquen, die sich außerhalb der Hitlerjugend getroffen haben, eigene Lieder sangen und einen eigenen Dresscode pflegten. Sie bestanden zum Großteil aus Jungs, Mädchen waren aber auch stets Teil des Ganzen, nur halt in geringerer Anzahl. Organisiert waren sie nicht. Die meisten entsprangen zwar bereits bestehenden Freundeskreisen aus den Bünden (pfadfinderähnliche Gruppen). Doch die meisten Kreise trafen sich innerhalb fest gezurrter Straßen, auf Plätzen um bestimmte Wohnsiedlungen oder vor dem immer gleichen Kino. Sie traten entweder erst gar nicht in die HJ ein oder sind später ausgetreten. Sie weigerten sich, die Flaggen zu grüßen, haben kleine Sabotageakte geplant und durchgeführt und wurden auch gezielt verfolgt. In Leipzig fehlte da oftmals das Personal aber viele Jugendliche wurden in Erziehungslager gesteckt, um sie umzupolen. Der Nazi-Staat hatte diese losen Freundeskreise auf dem Schirm. Es wurde natürlich alles sorgsam protokolliert und ihnen wurde das Jugendlichendasein außerhalb der Staatsorganisation so schwer wie möglich gemacht. Im 2. Weltkrieg wurden sie teilweise auch eingezogen und mussten kämpfen. So krank ging es in dieser Diktatur zu. 

Doch die allermeisten haben das überlebt. Viele haben ihrer Opposition gefrönt. Einige Geschichten davon hat Sascha Lange so aufbereitet, dass man wirklich kein Leipziger sein muss, um dies zu verstehen. Leipzig hatte seine eigenen Dynamiken, weil es immer schon eine Arbeiterstadt gewesen ist. Vergleiche zu den Edelweißpiraten aus dem Westen sind in groben Zügen zulässig.

Die Geschichte Der Leipziger Meuten ist ein toll aufgearbeitetes Stück Historie über die Jugendkultur. Ein Teil des Lebens während des NS-Regimes, das - so ist zumindest meine Wahrnehmung - wenig Aufmerksamkeit erfährt. Wie wichtig der Widerstand der Jugend heute noch ist, wird insbesondere dann präsent, wenn plötzlich herauskommt, dass mit den Jungadlern eine zwischenzeitlich verbotene Nachfolgeorganisation  der HJ im Untergrund wieder aufgetaucht ist.

Montag, 27. April 2026

Live in Bremen: Blond

Foto: luserlounge
(Ms) Ich habe mich taufen lassen! Die Religion hat viele Gotteshäuser. Oder viel mehr GöttInnenhäuser. Und sie hat viele AnhängerInnen. Textsicher, gut gekleidet, freundlich, rücksichtsvoll und ausgelassener Stimmung.

Ich habe mich zum Blondinator taufen lassen. Nun bin ich ein Anhänger der Formation Blond. Und das durch einen fulminanten Abend in Bremen!

Viel habe ich über die Gruppe Blond gelesen. Jedoch wenig gehört. Verrückt, ist aber so. Eine Band, die irgendwie an meinem alltäglichen Musikhören vorbei gegangen ist. Das hat sich nun, seit dem gestrigen Abend, definitiv geändert. Wenn sie dann schon mal in Bremen spielen, heißt es: Hin da!
Dass der Bahnhof Bremen-Neustadt seit vielen Wochen gesperrt ist, ist für den Abend unglücklich, aber auch Busse und Bahnen fahren zum Modernes. Richtig guter Laden aus mehreren Gründen. Zum einen geht es entspannt bergab, sodass von überall eine gute Sicht herrscht. Kein Pfand auf Getränke. Die legendäre Luke unter der Decke, die sich zwischen Support und Blond öffnete.

Sonntagskonzerte sind so eine Sache. Man kann sie sehr gut gestalten, indem man sie einfach früh stattfinden lässt. 18 Uhr Einlass, 19 Uhr Beginn. Wie geil kann es bitte sein?! Eben! Pünktlich um sieben enternte Mariybu die Bühne, die mit ordentlichem Techno-Rap-Geballer die Wände erzittern ließ. Inhaltlich fand ich das schon ganz gut, doch musikalisch hat mich das null abgeholt. Super sympathisch, aber bleibt leider nicht hängen.

Eine Stunde später. Der GöttInnendienst beginnt. Unter tosenden Gesängen ging das Licht langsam aus, die Strahler an und damit auch der Rausch unterm Tüllhimmel. Was in den gut zwei Stunden danach passiert ist, ist schwer in Worte zu fassen. Ekstase. Ausrasten. Entertainment. Feministische Standpauken. Tanzen. Kompletter Eskapismus. Insbesondere bei einer Band, die ich noch nie live gesehen habe und von denen ich gerade mal ein, zwei Tracks kenne, bin ich gespannt, wann es so richtig kickt. Fakt ist: Ab dem ersten Takt. Klar, es gibt immer Lieder, die mehr oder weniger knallen. Doch bei Blond war es schon fast ein permanentes Hoch. Zwischen den Stücken wussten Nina und Lotta Kummer schon sehr gut, wie die knapp 1000 BesucherInnen im ausverkaufen Modernes zu unterhalten sind. Ein nicht enden wollendes Grinsen auf allen Gesichtern weit und breit. Dazu noch ein Ohne Dich-Cover der Münchener Freiheit mitten im Publikum, Kunststücke im Circlepit, Schilderschau und so richtig krasse Technonummern. Ob es um die Periode oder Spinat zwischen den Zähnen geht - egal - diese Formation kann alles. Und Johann kann wirklich immer rauchen. Immer. Geil.

Ja, das ist jetzt Song-inhaltlich nicht so tief hier. Aber das war wirklich irre. Ich bin sehr begeistert. Und komme gerne wieder. Nun als Blondinator!

Freitag, 24. April 2026

KW 17, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: Flaticon.com 
Im Umgang mit Menschen, die eventuell am Rande der Gesellschaft stehen und inklusiv mitleben sollten, zeigt sich doch oft der wahre Kern vieler Menschen. So erlebt auf einer längeren Bahnfahrt am vergangenen Wochenende. Irgendwo stieg ein Jugendlicher ein, der recht unbedarft ins Abteil reinrief, wo er sich denn dazu setzen könne. Er ging von freiem 4er zu freiem 4er und fragte nach. Eine Frau Mitte sechszig ungefähr lehnte ab, weil ihr seine etwas schief sitzende Hose nicht passte. Hui. Er saß danach woanders und sprach für alle gut hörbar mit seinem Nachbarn in einem ganz netten Ton. Später stiegen einige Soldaten ein, die auf dem Weg in ihre Kasernen waren. Das schien ihn sehr zu interessieren und er fragte sie nach ihrem Dienstgrad und so weiter. Sie gaben alle, mal mehr oder weniger knapp, freundlich Antwort. Auch als der Platz neben ihm frei wurde und ein Soldat ins Abteil kam, rief er laut, ob er sich nicht neben ihn setzen könne. Der Uniformierte kam freundlich auf ihn zu, setzte sich hin und sie plauderten ein wenig. Ist doch alles kein Problem, oder?

Deltawelle
(Ms) Ach, ist es nicht schön, wenn mehrere spannende Erzählstränge und Themen zusammenfließen?! Ja, oder? Auf geht‘s: Die Band, um die es geht, heißt Deltawelle und kommt aus Berlin und Leipzig. Der Bandname schreit ja schon aus jeder Silbe: NDW! Und das steckt da auch hinter, nur halt als Neue Neue Deutsche Welle. Aufschwung heißt ihre neue Single, die direkt startet. Auch das, der unmittelbare Beginn mit Text, passt ins Schema. Der Titel an sich ja eh. Die Musik ist geplantes Chaos, das Schlagzeug scheint zu stolpern, aber es stolpert energisch nach vorn. Dazu ein Flirren aus Keyboard, Bass und Gitarre. Ein Rausch, der entsteht, weil die Nachrichten abgestellt werden (der nächste aktuelle Themenbezug wegen Reizüberflutung) und der Moment lebt (Hallo Eskapismus!). Das zusammen macht eine Menge Spaß, es ist wild und elektrisierend und knallt knappt unter drei Minuten in hervorragendem Maße!


My Ugly Clementine
(Ms) Überraschungsmomente! Sie machen das Entdecken von neuer Musik so wahnsinnig kribbelig, positiv unvorhersehbar und spannend. You Won von My Ugly Clementine war vor einigen Wochen ein richtig melancholischer Indietrack - nun legt das österreichische Trio nach. Wenn dann erstmal so ein schwerer Track in der Welt ist, darf man sich ja durchaus fragen, wie es weiter geht. Confidence heißt die Antwort und ist ein wunderbarer, poppiger Gegenentwurf. Statt einer schmerzvollen Vergangenheit gibt es nun eine aufrecht stehende Gegenwart. Ja, beim Blick in den Spiegel gibt es den ein oder anderen Zweifel, aber es wird trotzdem vor die Tür gegangen - alle Konsequenzen erhobenen Hauptes in Kauf nehmend. Das tut gut und macht viel Spaß im sonnigen Frühling. Obendrein gibt es ein herrliches Video und Tourdaten für den Herbst. Am 4. September erscheint ihre neue Platte Apply Autonomy!

28.09. - München, Ampere
29.09. - Frankfurt, Brotfabrik
30.09. - Köln, CBE
02.10. - Paris, le Pop-up!
03.10. - Amsterdam, Paradiso
04.10. - Münster, Gleis 22
10.10. - Leipzig, Werk 2
11.10. - Berlin, Columbia Theater
12.10. - Hamburg, Knust
28.10. - Linz, Posthof
29.10. - Zürich, Exil
30.10. - Stuttgart, clubCANN


Muff Potter
(Ms) Yeah - sie sind wieder da! Die Sopranos sind durchgeguckt: Zeit, um neue Tracks zu schreiben. Neue Hymnen, neue Hits! Muff Potter meldeten bereits vor ein paar Wochen Tourdaten für den Herbst an, nun folgt die erste Single aus der kommenden Platte Klepto. Das Album erscheint am 18. September und wir können uns nun gute fünf Monate vorfreuen. Rückflug Aus Montana heißt dieses Stück und zeigt den wuchtigen Indierock dieser Band ohne Wenn und Aber. Der gitarrenlastige Song darf durchaus als Liebeslied betrachtet werden. Die Sehnsucht, wieder nach Hause zu kommen, wenn man vorher lange weg war. Dass die Endstation aus Kanada nicht nur Düsseldorf, sondern explizit Lützerath ist, kann natürlich auch aufmerksam machen auf die Räumung dort und dass das Gebiet heute komplett weggebaggert ist. Ist dann zu Hause wirklich alles besser?! Ist die Liebe dann noch der Halt oder steigt die Wut, der Zorn? In den verhältnismäßig wenigen Zeilen lässt sich herrlich viel hinein interpretieren. Genauso soll Musik doch sein, oder? So, dass ich mir sie selbst aneignen kann. Sehr gelungen, Muff Potter, sehr gelungen!

11.11. - Leipzig, Conne Island
12.11. - München, Strom
13.11. - Darmstadt, Centralstation
14.11. - Dortmund, FZW
18.11. - Bremen, Schlachthof
19.11. - Köln, Kantine
20.11. - Münster, Sputnikhalle
21.11. - Hamburg, Übel & Gefährlich
26.11. - Erlanden, E-Werk
27.11. - Wien, Flucc
28.11. - Berlin, Festsaal Kreuzberg


Tigers Jaw
(sb) Schon einen knappen Monat auf dem Markt ist Lost On You, das neue Album von Tigers Jaw. Es sei uns bitte verziehen, dass wir erst jetzt berichten. Arbeit, Osterferien, Restart, Stress, andere Hobbies - Ihr kennt es vermutlich. Aber zurück zum Wesentlichen, nämlich der Musik: Diese bietet kraftvolle und mitreißende Rhythmen, großartige melodische Soli, die von Instrument zu Instrument wechseln, und - wie immer bei der Band aus Pennsylvania - die sich abwechselnden und überlagernden Gesangsstimmen.
Der Indie Pop des Quintetts kommt ungemein catchy daher und hätte so auch vor 20-25 Jahren veröffentlicht und beispielsweise am Freitagabend im Münchner Atomic Café aufgelegt werden können. Wer's kennt, der weiß, dass das uneingeschränkt als Lob zu verstehen ist.
Lost On You ist ein Album, das den Hörer zu Tränen rühren vermag, gleichzeitig aber das Gefühl vermitteln kann, dass alles gut werden wird. Nices Add-On: Der letzte und titelgebende Track Lost On You schließt wieder an das kurze Intro an und greift dieselben lyrischen Themen auf: Sensibilität und die Suche nach Frieden.


Sconfitta
(sb) Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie spricht mich italienischsprachige Musik seit jeher an, obwohl ich der Sprache nicht mal ansatzweise mächtig bin. Liegts an der frühkindlichen Prägung durch Ricchi e Poveri, Umberto Tozzi und Toto Cutugno?
Musikalisch haben Sconfitta mit den Genannten wenig gemein, vielmehr variiert die Band aus Genua auf ihrem Debütalbum Essere Nessuno munter zwischen Hardcore, Punk, Metal, Dark Wave, Post-Punk und Jazz. Klingt wild, ist wild - und sehr spannend und unterhaltsam! Das durchwegs politische Album wechselt rasch zwischen Gefühlen wie Wut, Selbstreflexion, Empörung und Nachdenklichkeit und richtet sich an diejenigen, die die Würde des Scheiterns über den Erfolg um jeden Preis stellen. Wer erkennt sich?

Freitag, 17. April 2026

KW 16, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Enamul Haque
Langeweile. Na, wann beschlich Euch das letzte Mal dieses Gefühl? Ist es wirklich das, wenn so gar nichts ist? Oder doch etwas anderes? Was ist Langeweile und welche Auswirkungen hat sie auf uns Menschen? Dazu gibt es bei Arte diese sehr gute Reportage. Sie ist - sehr spannend! Philosophen und Mediziner gehen der Frage nach, woher sie kommt und warum sie so ein schlechtes Image hat.
Besonders spannend fand ich, dass Langeweile für viele das ist, wenn man einer Situation ausgeliefert ist, der man nicht entkommen kann. Wenn das Hirn eigentlich etwas anderes machen will, einen anderen Reiz braucht, es diesen aber ums Verrecken nicht bekommt. Dann wird die Weile wirklich sehr lang. Und dann ist so etwas Romantisches wie Kreativität recht weit weg. Dann wird es eher Zorn oder Wut. Es wurde aber auch herausgefunden, dass viele Menschen sich selbst lieber Schmerzen zufügen, als nichts zu tun. Auch verrückt, oder? Wie dem auch sei - wer dieser Tage noch 50 Minuten frei hat, oder wem tierisch langweilig ist, sollte unbedingt diese Sendung schauen! Arte… was für ein genialer Sender!

GoGo Penguin 
(ms) Es ist so ein scheinbar einfaches Mittel, aber es wirkt gewaltig. Insbesondere im Neoklassik-Genre und alles Jazzige, was sich darum sammelt, vermischen sich doch immer wieder viele Klänge miteinander. Den eigenen Sound markanter machen, etwas eindrücklicher - das haben GoGo Penguin gemacht. Das Trio aus Manchester hat letztes Jahr mit Necessary Fictions ihr aktuelles Album veröffentlicht und bringt an diesem Freitag mit Call To The Void eine 3-Track-EP heraus. Die Synthies, die vorher eh schon eher Begleiterscheinung waren, bekommen hier die große Bühne geboten, ohne das der harmonische, weiche, verträumte Klang der Band weichen muss. Das ist sehr, sehr gut gemacht. Basslastig ist der Grundton auf Mount Analogue und darüber schwebt und tanzt ganz luftig-leicht das Klavier. Kai Dao zieht merklich das Tempo an, es hätte der Soundtrack der Mondumrundung sein können. Das Titelstück geizt nicht mit dissonantem Bass und plötzlich knallt ein Schlagzeug direkt im Vordergrund. Krass, was diese drei Songs liefern. Das ist ungeheuer gut gemacht und erzeugt große Lust, die folgenden Konzerte zu besuchen:

18.4.2026 - Zakk, Düsseldorf
20.4.2026 - Kesselhaus, Berlin
21.4.2026 - Kesselhaus, Berlin
22.4.2026 - Werk 2, Leipzig
29.4.2026 - Club Porgy & Bess, Wien
30.4.2026 - Mojo Club, Hamburg
10.7.2026 - ELBJAZZ 2026, Hamburg


Fatoni
(Ms) Das Geile an Fatonis Kunst ist ja, dass sie recht unvorhersehbar ist. Kommt wieder ein dada-wer-ist-der-geilste-Track mit Edgar Wasser, etwas Sinnliches mit Calman oder Mine? Etwas Poppiges mit Christin Nichols oder ein Hauptdarsteller in einer Serie?! Es geht alles. Alles. Daher ist Geld Ist Geil eine logische neue Single. Dicker Beat, satte Verse! Manchmal habe ich gar nicht auf dem Schirm, wie kritisch er agiert. Dieser Track ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie klug er textet und natürlich wieder zahlreiche Verse bricht. Eine Single über das maßlose Vermögen der Superreichen. Da sind so ein paar Vögel, die haben so verdammt viel Geld, sie könnten zusammen recht viele Probleme lösen. Sie tun es aber nicht. Die gierigen Schweine. Gebt es lieber Fatoni - er weiß, was damit zu tun ist. Eat The Rich.
Drama Endet Nie erscheint am 3. Juli und wird die Raplandschaft hier sicher erschüttern lassen.


Resi Reiner
(Ms) Wie viele Konzerte habe ich schon gesehen, wo ich mich an den Support nicht erinnern kann. Klar, das ist irgendwie schade, aber leider waren oft auch Gruppen oder KünstlerInnen dabei, die einfach nicht hängen geblieben sind. Vor zwei Wochen im Bremer Lagerhaus war das gänzlich anders. Da hat mich die Hauptband nicht so abgeholt, aber das, was davor geschah, hinterließ mächtig Eindruck. Es geht um die Wiener Musikerin Resi Reiner. Mit einer unfassbaren, beinahe schon frechen Coolness spielte sie eine halbe Stunde ihre Lieder. Elektronischer Pop, schmunzelige Unterhaltung, wippende Beats. Das war auf gewisse Art ganz unscheinbar, und andererseits sehr beeindruckend. Zudem durchdrang sie mit ihren wahnsinnigen Augen das Publikum von vorn bis hinten. Vor drei Jahren erschien ihr noch aktuelles Album Weißt Du Was Ich Mein?! doch danach kamen noch zahlreiche, sehr gute Singles. Haltet diese Künstlerin auf eurem Schirm - es lohnt sich sehr!


Andreas Liebert
(Ms) Manchmal tut so ein leichter Anflug von Melancholie auch ganz gut. Man darf sie nur nicht Überhand gewinnen lassen. Es darf auch keine Schwermut werden. Aber so ein schwelgerisches Nachdenken fern der blinkenden Lichter, darüber freut sich der Geist auch manchmal. Die passenden Lieder dazu liefert der Berliner Musiker Andreas Liebert. Und er ist im Mai auf kleiner Tour. Ich habe ihn noch nicht live gesehen, aber ich stelle es mir so vor: Der Laden ist nicht zu groß, aber gut gefüllt. Auf einer kleinen Bühne ein Verstärker und eine Akustikgitarre. Ein paar Paare, einzelne BesucherInnen, Freundeskreise, die es sich bei einem leckeren Getränk gemütlich gemacht haben. Dann tritt eine vorsichtige Stille ein, wenn Andreas Liebert anfängt zu spielen. Eine Stille, die Neugier verheißt. Während seiner Lieber drücken Paare die Hände des jeweils anderen. Freunde strahlen sich an, die einzelnen Leute nehmen ein paar Gedanken auf. Und wenn alle Heim gehen, klebt auf der etwas angerissenen Seele ein Pflaster. Das hat dann die Musik gemacht. So stelle ich es mir vor.

06.05. München, Minna Thiel
07.05. Erfurt, Bühne & Bohne
16.05. Hamburg, Mikropol
17.05. Laboe, Slomo Beach
30.05. Chemnitz, Hutfestival


Temples
(Ms) Am Wochenende geht‘s in die große Stadt an die Spree. Gute Menschen sehen. Tatsächlich steht auch auf dem Plan, feiern zu gehen. Völlig verrückt, aber das ist echt ein paar Jahre her. Aber es war immer gut. Insbesondere die Take Me Out-Partys von Eavo. Er legt am Samstag in Berlin auf. Riesige Vorfreude. Er ist der Spzialist für die großen Hits der 00er Jahre und den Dingern, die in den Jahren danach gut in den Sound passten. Er sollte dringend Temples mit ihrem neuen Hit Vendetta auf die Playlist setzen. Weil: Was ist das denn bitte für ein erstklassiger Track?! Das Quartett hat einfach die Energie von MGMT und Justice und den geilen Indiekram kombiniert und einen irren Song abgeliefert. Wen das nicht ein wenig nostalgisch stimmt, dem ist echt nicht zu helfen. Am 26. Juni erscheint ihr neues Album BLISS und es könnte überragend werden!

Donnerstag, 16. April 2026

Sarah Lesch - Poesie und Widerstand

Foto: Sandra Ludewig
(Ms) Wenn es um Politik in der Musik geht, liegt als Genre natürlich erstmal der Punkrock nahe. Seit jeher die große Dagegenmusik. Seit jeher laut und wütend. Doch gesellschaftspolitische Lieder können auch wesentlich ruhiger sein. Durchaus auch zornbehaftet, aber er kommt dann anders zur Geltung. Und schon sind wir bei den Liedermachern. Und Macherinnen. Eine Spielart, die mir neben Götz Widmann und Funny van Dannen - und da auch wirklich nur sehr grob - unbekannt ist.

Also: Horizont erweitern. Am allerbesten mit ganz frischer Musik. Am Freitag, den 17. April erscheint Poesie Und Widerstand - das neue Album von Sarah Lesch. Sarah Lesch ist sicher hier und da ein bekanntes Gesicht, viele ihrer Lieder haben enorme Reichweite und sie spielt und spielt und spielt live. Im Hintergrund stets begleitet von der Akustikgitarre und oftmals entspannter Begleitung durch Percussion und Bass. Im Vordergrund stets ihre Stimme und ihre tollen Texte.

Wie unfassbar gut der Titel zum neuen Album passt, zeigt direkt das erste Lied. Es trägt den musikalisch-logischen Namen Plädoyer und breitet auf sehr poetische Weise aus, wie die Feinde der Gemeinschaft funktionieren. Aber wir - wir bleiben stabil. Das textlich Schöne an diesem Lied ist das Märchen, das Sarah Lesch hier ausbreitet. Das ist so unsagbar klug gemacht, messerscharf und traumwandelnd.
Das Spannende an ihrer Musik ist obendrein der feine Witz, der in und zwischen ihren Versen liegt. So ist Gebet nicht nur ein unfassbar wundervolles Liebeslied, sondern es gibt zahlreiche kleine Stellen, an denen man einfach schmunzeln muss. Ein Lied über Hoffnung, Zusammenhalt, Zusammensein, Romantik, Liebe. Und über die wunderbare Sehnsucht, das geliebte Gegenüber bald wieder zu sehen. Zudem wird man belohnt, sehr aufmerksam den Hintergrundgeräuschen zu lauschen - mehr verrate ich hier aber nicht: Freut euch drauf!
Freut euch auch auf eine wunderbare Kurzgeschichte. Annalisa ist nicht nur recht unterhaltsam, sondern auf der anderen Seite auch knallhart. Erwartungen an Frauen, an Beziehungen heutzutage. Wer will ich als Frau sein zwischen Yoga, Cheat-Day und Kita? Und da ist dann noch so ein blöder Typ, mit dem schleunigst Schluss gemacht werden muss. Und dann lauert da doch das schöne Leben, anders als erwartet, mit Berg- und Talfahrten. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht, allen Widerständen getrotzt zu haben. Denn die lauern nicht nur in der Politik, sondern auch im etwas unmittelbareren Leben. Annalisa hat‘s geschafft! Heute wiederum ist ein Stück voller Melancholie. Ein Stück, das den Kopf wirklich tief in den Sand vergraben hat. Wenn wirklich alles in Scherben zerbrochen ist, dann ist alles dunkel und mies und schlecht. Doch Sarah Lesch lässt keine schlechten Gedanken einfach so stehen. Das ist schon in ihrer Stimme zu hören - da schwingt stets Hoffnung mit. Und manchmal ist die Gewissheit, dass wir in der Weltgeschichte gar nicht so viel werkeln können, ganz beruhigend. Oder? Ja!

Poesie Und Widerstand ist genau das, was der Titel verspricht. Dieses Album ist große Kunst und obendrein unglaublich schön. Sarah Lesch zeigt auf neun Liedern, wie phantastisch sie textet, dass sie sich nicht unterkriegen lässt, Hoffnung schenkt aber auch die Probleme der Zeit nicht verschweigt. Das alles zusammengefasst mit der schönen Musik ist große Kunst!

08.08.26 Plauen, Malzhaus
02.10.26 Bayreuth, Das Zentrum
03.10.26 Aschaffenburg, Colos-Saal
04.10.26 Erlangen, E-Werk – Clubbühne
08.10.26 Leer, Zollhaus – neu!
17.10.26 Hoyerswerda, Kulturfabrik – neu!
07.11.26 Lindau, Club Vaudeville


Freitag, 10. April 2026

KW 15, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Md Tanvirul Haque
Wenn man noch einen Beweis braucht, warum dieses Land irgendwann mal zugrunde gehen sollte, hier kommt er:
Vorweg natürlich klar - Beamte, die rummeckern wegen irgendwelcher Unterstützungssysteme, die will keiner hören. Nun, es ist wie es ist und ich mache den Job ja auch ganz gerne.
Rechnungen vom Arzt kann man als Beamter bei der Beihilfe des Landes einreichen und die zahlen dann einen Teil davon. Das funktioniert zur Hälfte recht modern, zur anderen Hälfte wie 1963. Die Rechnung lässt sich via App scannen. Dann trudelt später Geld auf dem Konto ein. So einfach, so gut. Doch es gibt auch immer (!) eine Bestätigung darüber auf dem Postweg!!! Per Brief! Meistens so vier Wochen später! Es gibt keine Rückmeldung über die App. Wieso das nicht passiert, ist mir schleierhaft. Ich also letztens eine Rechnung eingereicht und da habe ich mich gewundert, warum nichts kommt. Klar, die Beihilfe ist langsam, aber meistens geschieht was. Bis es dann den obligatorischen Brief gab. Darin stand, dass der Scan nicht leserlich war. Okay. Doch tatsächlich würde mein Scan ausgedruckt (!) und mit Textmarker und händischer Notiz wurde eingezeichnet, was unleserlich ist. Per Post. Ausgedruckt. Im Jahr 2026. Also: Wenn dieses Land irgendwann zugrunde geht, dann genau deswegen!

Be Kind 
(Ms) Es gibt Musik, deren Covergestaltung beispielsweise sehr gut zum Sound passt. Die Band Be Kind, die mit ihrer Single MGMTAG zum ersten Mal zu hören ist, hat sich eine Achterbahn als Singlecover ausgesucht. Das ist so richtig schlau. Das Tempo passt zur Musik, ebenso wie der Adrenalinspiegel, der währenddessen steigt und sinkt. Schneller Pop-Punk mit Emoeinflüssen, wo am Ende gut und gänsehautig geschrien wird. Ein Text, der einige starke Zeilen aufweist: „I learnd for to smile when i feel bad“. Eine erschütternde Einsicht, aber ein Zustand, der uns allen sicher bekannt ist. Einige Zustände, mit denen wir uns nicht auseinander setzen wollen, weil sie weh tun oder uns die Worte fehlen. Doch dafür ist ja jetzt dieses Lied da - sehr gut! Das macht Spaß und da kommt sicher noch viel mehr vom Quintett aus dem Rheinland!
 

Mine
(Ms) Wie viele Brillen hat diese Frau eigentlich? Oder anders gefragt: Was ist mit Mine eigentlich los? Was ist das bitte für eine verrückte Künstlerin? Was hat sie mal wieder geritten? Versteh sie mal einer. Aber bitte nicht falsch verstehen: Ist äußert positiv gemeint, wie bekloppt sie ist. Eine Musiknärrin im besten Sinne. Eine Künstlerin, die keine Grenzen kennt. Sie hat keine Angst vor Experimenten, versucht und knobelt und probiert. Bis sie es gefunden hat. Dunkel heißt ihre neue Single aus dem kommenden Album Killer, das am 4. September erscheinen wird. Gedämpfter Gesang, videospielähnliche Sounds, ein abruptes Ende und ein irres Video. Wer, was, wo, warum, wie bin ich? Und sie erst? Ach, keine Ahnung. Kunst halt, oder? Genial ist ja nicht nur wie sie arrangiert und das Video glänzen lässt, sondern vor allem ihre Texte, die mal wieder on Point sind: „Manchmal muss ich lachen / Der Mensch ist so dumm / Er weiß es zwar besser / Und doch bringt er sich um.“ Tragisch, ja. Mine - wow!


Karl Die Große
(Ms) Ach, Liebe, du wunderbare, große Emotion. Du bist wohl neben dem Leid das größte Vehikel für Kunst. Die Perspektiven und Geschichten rund um die Liebe werden wohl nie erschöpft werden, um sie in Musik zu packen. Karl Die Große zum Beispiel hat mit Francesco Wilking ein ganz tolles Liebeslied geschrieben. Es heißt Die Träume und torkelt ein wenig durch die Nacht oder den beginnenden Morgen. Genial ist, dass es im Duett gesungen wird, sodass seine und ihre Sicht super rüber kommen. Ein Krisengespräch, ein verlassenes Bett, Sehnsüchte und Verwirrungen. „Wenn ich es nicht schon bin, werd ich verrückt.“ Sehr toll getextet! Eingebettet ist das in einem mitreißenden elektronischen Popsound, der sehr schnell mitwippen lässt. Am 28. August erscheint die neue Platte …Ist Nicht Aufgeschoben von Karl Die Große und folgt - logischerweise - auf den Vorgänger Aufgehoben


Angine De Poitrine
(Ms) Wir müssen reden. Über Hypes, Kunst, Aufmerksamkeit und allem, was damit zusammenhängt. Ja, das KEXP-Video vom Kanadischen Duo Angine De Poitrine landete auch irgendwann auf meinem Handy und ich muss sagen: Geil! Vorerst. Denn das, was diese Band geschafft hat, ist so simpel wie genial. Anonymität und ein herrlich kurioses Outfit. Wer genau Khn De Poitrine und Klek De Poitrine sind, ist nicht klar. Gut so. Das macht neugierig. Dann dieser riesige Helm oder Pappmarché-Kopf der Schlagzeug spielenden Person und diese irre lange Nase und die verrückte Frisur der Gitarre und Bass spielenden Person. Und die Punkte. Und das Schwarz-Weiß. Das knallt halt. Es macht Spaß, es ist gelungen und irgendwie cool. Alle möglichen Konzerte sind entweder ausverkauft oder werden hochverlegt. Hype, Hype, Hype. Ich ich bin kurz davor, auf dem Hype-Train aufzusteigen, wenn mich die Musik nicht doch irgendwie langweilen würde. Der Bass tanzt, der Gitarre sind Taktvorgaben egal und das Schlagzeug scheppert herrlich vor sich hin. Aber mehr passiert doch nicht, oder? Okay, die Nasen wackeln. Aber so musikalisch, atmosphärisch? Da ist ja nicht mal ein Crescendo dabei und es halluziniert nicht. Hm. Okay. Es bleibt aber cool, oder? Ein bisschen schräg, nicht so glatt, ein bisschen unperfekt und doch ziemlich krasses musikalisches Know-How. Wer weiß, was da noch alles kommt…