Freitag, 16. April 2021

KW 15, 2021: Die luserlounge selektiert

Bild: depositphotos.com
(ms/sb) Hier werden wegen C. demnächst auch wieder die Geschäfte geschlossen. War ja irgendwie vorhersehbar und irgendwie ist mir nun (leider) auch alles egal. Noch vor zwei Wochen schlenderte ich bei gutem Wetter durch die Innenstadt, erledigte dies und jenes bis mich eine Szenerie vollkommen lahm gelegt hat. Eher geistig statt körperlich. Denn an dem Bild wollte ich schnell vorbei, hatte meine Besorgungen eh alle schon parat. Erst vor Kurzem hat die Click-And-Meet-Zeit begonnen und ich war wirklich erschüttert, wo die Menschen in Schlangen gewartet haben, um endlich ihr hart erarbeitetes Geld zu verpulvern! Vor der Kleiderkette Zara standen wirklich viele Leute an. Ich war baff! Wieso um alles in der Welt?! Wieso begeistert Schrott kaufen für einen Kleiderschrank, der sicherlich mehr als voll ist. Gerne hätte ich die Anstehenden allesamt gefragt, was sie in der Hölle wollen?! Was treibt sie da hinein?! Haben sie nur noch ein zerrissenes Shirt? Was macht die Menschen so unfassbar scharf darauf, Klamotten zu shoppen? Und dann noch dort? Sicher ein Laden ohne jeglichen Fairtrade-Standard, weder bei den Mitarbeitenden und erst recht nicht bei den Produzierenden. Ja. C. hat auch Gutes. Dass der Laden wieder zu ist kommende Woche.

Glücklicherweise geht's hier nichts ums Aussehen - Eitelkeit steht mir nicht. Luserlounge. Musik!

Charlotte Adigéry
(ms) Musik einfach mal gut finden. Klingt unglaublich einfach, ist aber eine riesige Herausforderung. Klar, ich kann da nur für mich sprechen. Doch wenn irgendwo Pop oder R'n'B drauf steht, bin ich nicht zwingend zugeneigt. Doof, oder? Ja, total! Charlotte Adigéry zertrümmert alle meine Zweifel und meine bizarre Voreingenommenheit! Das gelingt ihr mit einem unfassbar cathcy Track, der nicht nur schnell den Kopf wackeln lässt sondern auch sehr tanzbar ist. Der private Dancefloor sollte also mal wieder gebohnert und die Anlage bitte fein im Bass aufgedreht werden. Das Geniale: Es ist nicht nur Pop und R'n'B, sondern hat diesen beneidenswert ansteckenden Effekt, den ich so nur von den Gorillaz kenne: Es ist groß aber auch unglaublich gut, sehr klug arrangiert und birgt einen Klang, der aus der Zukunft gegriffen klingt. Beat With Me (And I Stand Bare For You) ist auf dem kommenden (VÖ: 7. Mai) Album Foundations erhalten, das das Label DEEWEE veröffentlicht! Satte 27 Tracks gibt's zum Jubiläum der 50. Erscheinung! Gratulation! Was für ein Track!



Marquis
(ms) Diese Band fällt für mich in die Kategorie: Zu jung, um vorher schon mal bewusst etwas von gehört zu haben. Marquis war als Marquis De Sade von 1977 bis 1981 aktiv! Knapp zehn Jahre später wurde ich erst geboren. Nach Presse-Infos soll die Band um Philippe Pascal und Frank Darcel zwei tolle und einflussreiche Alben veröffentlicht haben; darauf folgte die Auflösung und 2017 (!) die Wiedervereinigung! Allein das ist schon irre. Noch irrer: Kommenden Freitag (VÖ: 23. April) erscheint ihr neues, drittes Album. Nach 40 Jahren. In Worten: Vierzig! Und es kommt noch irriger, aber leider auch trauriger, denn Pascal erlebt dies nicht mehr mit, starb während der Aufnahmen. Darcel besann sich, das Material war so gut wie fertig, andere MusikerInnen und Sänger wurden aquiriert und Aurora steht kommende Woche zum Hören bereit. Ein Gitarrenalbum vom Allerfeinsten: Vielseitig in jeglicher Hinsicht. Klanglich überzeugt es mich nicht auf volle Distanz, aber sprachlich überrascht die Platte immer wieder sehr originell. Es wird auf Englisch, Französisch und Deutsch gesungen! Find ich klasse! Wenn Nostalgie, Andenken und gute Musik zusammenfinden!

 
Jon Allen
(sb) Samstagsausflug nach Ulm, also endlich mal Zeit, im Auto in Ruhe Musik zu hören. A wie Allen wird als erstes abgespielt. Jon Allen, um genau zu sein, und zwar dessen neues Album ...meanwhile (VÖ: 21.05.). Nach zwei Tracks tendiere ich zum Skippen, hör mir aber doch noch Nummer 3 (Cruel World) an und bleibe dann hängen. Schon witzig, wenn ein Album Fahrt aufnimmt, indem es Fahrt rausnimmt. Je ruhiger Allen seine Songs gestaltet, desto besser sind sie. Der Engländer, entdeckt vom legendären Mark Knopfler (Dire Straits), überzeugt insbesondere durch seine Stimme, die natürlich umso besser zur Geltung kommt, je mehr sie durch zurückhaltende Instrumentierung in den Vordergrund gedrängt wird. Insgesamt ein sehr angenehmes, wenn auch unspektakuläres (aber das ist nicht negativ zu verstehen!) Album, das man bestens nebenher laufen lassen kann.
 

Baked Cat
(ms) Jede Diskussion und jeder Aufsatz darüber, wie wichtig es ist, mit Konventionen zu brechen ist gut, weil das Thema so dringend ist! Die Erwartungen, die an einen gestellt werden, sind oft kaum auszuhalten. Und ständig rufe ich mir die Frage ins Gedächtnis: Woher kommen sie eigentlich? Wer erwartet eigentlich genau was von mir und warum erwische ich mich dabei, dass ich den ganzen Quatsch auch noch mitmache?! Als weißer Kerl mit festem Job und ohne Kinder ist das eine wahnsinnig billige Aussage, das weiß ich auch. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es als benachteiligte Person ist. Die Facetten dazu sind irre. Irre beängstigend. Daher lese ich, um dem nahe zu kommen. Lese Stokowski, Abdollahi, Rekless, Bola, Gümüşay. Alles nur wärmstens zu empfehlen! Wie wunderbar, dass ein Quartett aus Hamburg nun genau das musikalisch zum Ausdruck gebracht hat. Baked Cat haben vor Kurzem ihre Single Say veröffentlicht! Ein temporeicher Gitarren-Indie-Track, der harmonisch gute Laune macht, sehr wahr ist und obendrein auch noch mit einem phantastischen, weil so eindrücklichen Video daher kommt! Weil es so gut, wahr, catchy ist, wünsche ich mir: Headliner 2022. Überall!

 
Dustin O'Halloran
(sb) Auch diesmal darf Klassik nicht fehlen! Mit Dustin O'Halloran stellen wir Euch einen Künstler vor, der in seiner Vita bereits eine Oscar-Nominierung für die Filmmusik zu Lion - Der Lange Weg nach Hause vorweisen kann. Kein unbeschriebenes Blatt also. Mit Silfur (VÖ: 11.06.) legt der amerikanische Pianist nun seinen ersten Release bei Deutsche Grammophon vor. Darauf enthalten sind zwei neue Stücke sowie Neueinspielungen einer Auswahl von O’Hallorans bisherigen Soloalben. Vier von ihnen wurden mit zusätzlichen Streicherarrangements gepimpt. Aufgenommen in O'Hallorans Wahlheimat Island, ließ er sich von der Abgeschiedenheit und der einzigartigen Atmosphäre der Insel inspirieren. Das klingt ungemein filigran und strebt doch nach emotionaler Klarheit in ihren Melodien. Einfach nur wunderschön!

 
Wie ein Fremder - Doku
(ms) Morgen ist Samstag! Ich bin ein extrem eingefahrener Mensch und brauche immer einen Plan für alles mögliche. Das geht beim Essen los, zieht sich über den ganzen Tag und wenn ich mir Dinge nicht aufschreibe, kann ich dafür garantieren, dass ich sie vergesse. Daraus kann man lernen. Und sich Folgendes notieren: Morgen ist Fernsehabend! Aber vom Allerfeinsten! Es geht um die sehr berührende Dokumentation von Aljoscha Pause Namens Wie Ein Fremder - Eine Deutsche Popmusik-Geschichte. Wir haben schon mal ausführlich darüber berichtet. Und weisen auf die TV-Ausstrahlung sehr gerne hin, denn es lohnt ungemein. Egal, ob man Roland Meyer de Voltaire kennt oder nicht, wer empathisch ist und wirklich fesselnde Einblicke in ein kreatives, oft heikles Leben und die Musikbranche gewinnen möchte, dem sei gesagt: Morgen läuft die gesamte Doku, also alle fünf Teile, nacheinander auf 3sat! Beginn ist natürlich um 20.15 Uhr! Noch nie war ein Abend besser geplant als morgen, oder?


Rita Tekeyan
(ms) Aus den eigenen Fehlern lernen. Schwer, aber möglich. Letzte Woche wies ich mich selbst darauf hin, dass meine musikalischen Hörweiten recht eingeschränkt, eingegrenzt sind. Also werfen wir einen Blick in den Libanon, beziehungsweise nach Armenien. Im ersten Land ist Rita Tekeyan aufgewachsen, im zweiten lebt sie nun. Tatsächlich: Aus dem Libanon kenne ich keine Band, aus Armenien nur System of a Down und die zählen ja nicht so wirklich. Tekeyan spielt dunkle, leicht getragene Musik, in der ihre Stimme und das Klavier im Vordergrund stehen. Der Bandsound rundet das Klangbild ab, die Gitarrenlinien ergänzen es und geben den Tönen einen mäandernden Charakter. Zwischen Nick Cave, Nina Hagen und finsteren Balladen und einem sehr sympathischen Hang zum Bösen musiziert sie. Kommende Woche erscheint ihr zweites Album Green Line. Devil's OB ist der perfekte Reinhör-Track, den man am besten mit geschlossenen Augen genießen sollte, damit er seine ganze finstere Kraft entwickeln kann!

 
iconAclass
(sb) Normalerweise höre ich so gut wie gar keinen englischsprachigen Hip Hop. Als dann vergangene Woche die Promo zu Changing Culture With Revolvers von iconAclass eintrudelte, war ich also völlig unbeleckt. Also rein damit in den CD-Player und Start. Und wow, was für ein geiles Ding! Also doch mal kurz recherchieren, was es damit auf sich hat... Hinter dem Projekt steckt Will Brooks aka MC dälek und den kennt man dann halt doch wieder. Zudem ist das Album keineswegs neu, sondern aus dem Jahr 2015 und wird am 07.05. erstmals auf Vinyl veröffentlicht. Ganz ehrlich: Wenn amerikanischer Hip Hop öfter so klingen würde wie das, dann könnte ich mich doch noch damit anfreunden. Da passen Beats und Lyrics, da kommt alles aus einem Guss. So aktuell kann also sechs Jahre alte Musik klingen!


Remember Sports
(sb) Remember Sports - klingt beim Blick auf die wachsende Wampe zunächst nach einer verschwimmenden Erinnerung daran, dass man einst ja mal zwanzig Jahre lang Fußball gespielt hat und das gar nicht schlecht. Wenn man die Wehmut dann aber beiseite lässt und sich auf die Musik konzentriert, handelt es sich aber um eine vierköpfige Indie-Band aus Philadelphia. Ihr neues Album Like A Stone (VÖ: 23.04.) beinhaltet einige richtige Perlen (v.a. Pinky Ring), verströmt aber über weite Strecken - wenn es lauter wird - auch das Gefühl einer Grunge-Schülerband. Kein Wunder, denn die vier Bandmitglieder kennen sich bereits seit gemeinsamen Collegezeiten. Auch auf ihrer neuen Scheibe verfolgen sie einen multiinstrumentalen Ansatz und tauschen die Instrumente durchgängig aus. Das spricht für die Band und macht die Sache spannend. Hörts Euch am besten selber mal an.
 

Rantanplan
(sb) Zarte 26 Jahre haben Rantanplan mittlerweile auf dem Buckel, von Altersmüdigkeit jedoch keine Spur. Das neue Album ist zwar erst für 2022 angedacht, bereits heute gibts jedoch eine neue Single. Nüchtern betrachtet ist ein typischer Track der Hamburger, auch wenn der politische Ansatz diesmal gänzlich der Erkenntnis weicht, dass Alkohol manchmal halt doch eine Lösung ist. Zwar nicht für die Probleme der Welt, aber durchaus für die Gestaltung eines schönen Abends. Deshalb: Nicht lang schnacken, Kopf in'n Nacken! 



Alex Mayr
(ms) Eine (bittere) Erkenntnis der Schreiberei über Musik: Wir konsumieren unfassbar viel, lauschen in ganz viel rein und versuchen darüber ein Urteil zu fällen. Neben einem kräftezehrenden Job (und bei sb Familie) ein durchaus manchmal anstrengendes, aber immer schönes Unterfangen. Nun die Erkenntnis: Wenig davon dehnt sich langwierig auf die persönliche Höragenda aus. Würde ich aus dem Stehgreif gefragt werden, über wen wir freitags vor zwei, drei Monaten berichtet haben.... keine Ahnung. So viel bleibt leider oft nicht. Denn - Hand aufs Herz: Man hört doch den gleichen Kram wie vor 5, 10 oder 15 Jahren. Doch dann passiert es! Und es passiert nicht oft! Dann schaffen es Bands und KünstlerInnen wirklich anzudocken und auf wundersame Art und Weise da zu bleiben! Ein tolles, weil sehr gutes und schönes Beispiel aus dem letzten Jahr für mich ist Alex Mayr. Irgendwo drüber gestolpert, neugierig geworden, hinein vertieft, begeistert gewesen! Vor fünfzehn Monaten erschien Wann Fangen Wir An und ich bin immer noch in diese Platte verliebt! Umso besser, dass es im Juli Nachschub gibt! Am 9. Juli erscheint ihr neues Album Park. Und: Never change a winning team - erneut mit Konrad Henkelüdeke und Konstantin Gropper (ewige Bewunderung!) produziert! Breit, laut, fein und bestechend sind die ersten Eindrücke mit Eingang, das ab heute zu hören ist! Juhuuu!

Donnerstag, 15. April 2021

Eydis Evensen - Bylur

Foto: Einar Egils

(ms) Ach Island, du Traum- und Sehnsuchtswinkel auf dieser Erde. Ja, bei allen Musizierenden, die dort her kommen und über die ich berichte, muss ich erwähnen, wie sehr mich dieses Land fasziniert hat. Wer einst dort war, kann verstehen, woher Asgeir oder Sigur Rós ihren Zauber nehmen. Diese Natur macht mich fertig. Und sie dient (klar, mit allerhand Folklore und maßloser Anbetung wie in diesem Ansatz) der Inspiration und als kreative Muse. Nicht umsonst hat Jónsi (auf einem Auge blind) mal gesagt, dass er durchdrehen würde, sähe er stereo. Da es aber wie so oft und leider leider viel zu viele Kerle sind, die Aufmerksamkeit bekommen, bin ich so froh, dass nun Eydis Evensen ein ungeheuer mannigfaltiges Album komponiert und eingespielt hat. Bylur erscheint am 23. April und sollte dringend erworben und nicht nur gestreamt werden.

Sanfte, leichte Klaviermelodien sind zu Beginn hörbar, ein einsetzendes Cello (und sicher noch andere Streicher) ändern diese Atmosphäre jedoch recht schnell ins Dramatisch-Andächtige, denn sie übernehmen das Kommando und die Harmonien. Bei diesem Neo-Piano-Stück ändert sich rasch die Laufrichtung hin zu einem kammerorchestralen Klang. Trauer, Abschied und Schmerz sind die Assoziationen. Auch im Klavier wird es mitunter tiefer, rasanter, eindringlicher, dichter. Trotz der leicht düsteren Stimmung, die Evensen hier heraufbeschwört, ist Deep Under extrem rund, beweist ein ausgeklügelt dichtes Arrangement.
Ja, auf diesem Album gehen Piano und Streicher Hand in Hand. Mal wechseln sie sich ab in ihrem Dasein der Hauptrolle, doch sie tauchen fast immer gemeinsam auf. Wenn das Klavier auf Dagdraumur in den ersten Takten die grobe Richtung vorgibt und beinahe froh und leicht klingt, übernimmt doch erneut die dezent melancholische Stimmung. So soll es auf dem ganzen, warmen, schönen Album bleiben. Die Harmonie, das Zusammenspiel ist auch auf The Northern Sky gut wahrnehmbar: Während die Streicher lange Töne halten, die hoch im Vordergrund erklingen, spielt das Klavier ruhigere, aber sehr eindringliche Melodien mit nur wenigen Tönen die Oktave rauf und runter und gemeinsam ziehen sie die Hörenden in ihren dichten, berauschenden, oft dunklen Klang, der ohne Highlight stets zu überzeugen weiß. Ja, hier gibt es nicht die zwei, drei Stücke, die haften bleiben. Bylur ist ein Gesamtwerk, das in sich unglaublich stimmig ist.


Es sind die enorm tiefen Cello-Töne auf Wandering I, die Gänsehaut erzeugen. Es sind die kleinen Überraschungen wie ein extrem spärlich und darum umso fulminanter wirkender Einsatz der Trompete auf Wandering II - ja, es sind nur ein paar Töne, doch sie wirken Wunder.
Auffällig ist: Es wird nie ausladend, überbordend, riesig. Es bewegt sich alles in ähnlichen Linien, doch es wird nie (!) langweilig. Insbesondere die Variationen im Kleinen machen dieses Kunstwerk so fein, besonders, überzeugend. Das Mystische, Verzauberte, Elfenhafte von Asgeir oder Sigur Rós findet sich auf diesem Album nicht. Muss auch gar nicht, da die Musik ohne dieses Dramatisch-Große seine volle Wirkung entfaltet.
Die Klänge und Arrangements bekommen auf Circulation etwas Fürstliches, als ob am Hofe gespielt wird für einen fröhlichen..., nein, aber durchaus festlich-ernsten Anlass. Auf Midnight Moon bricht Eydis Evensen doch für ein Stück aus diesen Bahnen aus. Fast revolutionär! Hier wird gesungen - ihre Landsfrau GDRN ist zu hören. Ja, es sind diese kleinen, sehr feinen Hinhörer, die auch in der Reihenfolge der Lieder schön weit auseinander liegen, auftauchen und dadurch umso stärker, schöner erklingen. Das hier ist wirklich klug angelegt und sehr durchdacht. Ob es den Gesang auf dieser sonst instrumentalen Platte braucht... keine Ahnung, aber es passt hervorragend.
Diese Musik möchte ich in einer warmen, mit Kerzenschein ausgeleuchteten Holzkirche hören, mich hinein vertiefen, es genießen, die Augen schließen und nur ab und an blinzeln, um die Inbrunst der Musikerin zu bestaunen. Was für ein Werk!

Freitag, 9. April 2021

KW 14, 2021: Die luserlounge selektiert

Quelle: twitter.com/documenta__14

(sb/ms) Schön langsam nervts. Und doch verstehe ich all die Maßnahmen und denke, dass man vermutlich sogar noch etwas strikter und rigoroser vorgehen müsste. Wir haben in der Familie nun zur Selbsthilfe gegriffen und unseren Sohn erstmal aus dem Kindergarten genommen. Warum? Die Einschläge nähern sich. In den letzten Wochen gab es einfach zu viele Coronafälle im Freundes- und Bekanntenkreis und auch im Kindergarten waren bereits alle Gruppen mal betroffen. Wir hatten letztes Jahr Glück, da der Fall just dann auftrat, als wir im Urlaub waren. 

Aber es ist schon seltsam: Auf der einen Seite reibt man sich verwundert die Augen, wenn man sieht, dass manch ein Künstler seine Tour bereits jetzt auf Ende 2022 schiebt. Auf der anderen Seite gehts aber wahrscheinlich gar nicht anders, oder? Pläne sind derzeit ja kaum das Papier wert, auf dem sie ausgedruckt werden. Wie gerne würde ich mich auf den Sommer freuen und darauf, mit meiner Familie was zu unternehmen. Klar, kann man zuhause auch, zumal, wenn man in einer der Urlaubsregionen Deutschlands lebt und in einer Viertelstunde mit dem Rad am Bodensee ist. Aber Ihr wisst schon, was ich meine. Der Kleine redet fast täglich von Italien oder Tirol und das Gras ist auf der anderen Seite generell grüner. Und, äh, ja, ich würde auch gerne mal wieder ins (Grünwalder) Stadion. Aber das nur so am Rande. Schön langsam nervts. Aber das hatten wir ja schon...

So, genug rumgemosert. Wir sind die luserlounge. Es ist Freitag. Es wird selektiert. Und so abwechslungsreich waren wir selten...

Pöbel MC
(ms) Die Tracks des gleichen Künstlers laufen schon seit einiger Zeit regelmäßig daheim und unterwegs und er wurde schon ab und an live bestaunt. Dann kommt auf einmal die Frage aus irgendeinem Hirnwinkel: Warum finde ich das gut? Eine scheinbar simple Frage, oder? Klar. Schwieriger ist immer die Antwort. Die Frage stellt sich momentan bei Pöbel MC. Sein letztes Album fand ich eher so medium, doch es gibt reichlich Lieder, die derart geil ballern und gleichzeitig erschrocken zurücklassen, dass er ganz stark haften bleibt. Heute erscheint seine neue EP Stress & Raugln und auf den 8 Stücken, die nicht mal 25 Minuten Spielzeit haben, ist sein Können kulminiert. Zugleich zeigt er darauf auch die Seiten, wo ich einfach nur den Kopf schütteln muss. Überzeugend ist er immer dann, wenn er breitbeinig pöbelt und wirklich schlau die prägnantesten Zeilen rappt. Ob es nun politisch oder gesellschaftskritisch ist oder halt beides, er trifft das Problem exakt und packt es wohlüberlegt und reflektiert in seine Zeilen. Hut ab für Würde In Zahlen oder Pumpe Auf Stress. Überhaupt nicht verstehen und feiern kann ich Tracks wie Raugln (what?!) oder Söhnlein Brillant - ist schon okay wenn ausschließlich HGich.T solche Beats machen trotz den umwerfenden Textes... Die EP, die selbstredend bei Audiolith erscheint, hat also genauso viel Licht wie Schatten. Laut das Licht, skipp den Schatten.

 
Les Mamans Du Congo & Rrobin
(ms) Zwei Erkenntnisse aus dem eigenen Musikhören (Nr. 2 gibt's unten). Nummer eins: Warum bin ich so borniert? Warum bin ich so unfassbar eingefahren und verschlossen Tönen gegenüber, die hier selten laufen? Woran liegt es? Gewöhnung ist mir ein viel zu plumpes und auch gefährliches Argument. Wer für Les Mamans Du Congo & Rrobin das Wort exotisch verwenden möchte, sollte dringend vorher Alice Hasters lesen! Es ist überhaupt nichts Fremdes an diesen wunderbaren Melodien, die zum Tanzen und Träumen bewegen. Das einzig Fremde wohnt in mir selbst und ärgert mich, dass ich es so schwer nur überwinden kann. Die fünf Damen aus dem Kongo um Gladys Samba arbeiteten für dieses hörenswerte Album mit dem französischen Produzenten Rrobin zusammen und haben neun kurzweilige Stücke zwischen Klängen ihrer Heimat, elektronischem Bass und HipHop kreiert. Kommende Woche erscheint ihr Debutalbum und ich wünsche Gladys Samba, Odette Valdemar, Argéa Déodalsy Kimbembe, Jeanny Chance Mbette-Vouala und Nadège Esprérance Miassouamana dass ihre genüssliche Musik laut durch die Straßen und Clubs ballert und genau die Freude auslösen, die in jedem einzelnen Takt zu spüren ist!

 
Hiraki
(sb) Ich wusste ja gar nicht, was mich erwartet und plötzlich schreit mich dieser Mann an. Von der PR-Agentur war ich bislang eher leisere Töne gewöhnt... Nochmal checken. Nee, stimmt schon. Ist tatsächlich Hiraki. Klingt japanisch, stammt aber aus Dänemark. Als Teil der dortigen Underground-Szene im Bereich der düster angehauchten Musik entwickelt das Trio einen aggressiven Stil progressiven Synthpunks. Man gewinnt den Eindruck, der Abgrund sei nah. Die Band präsentiert diesen klanglichen Angriff namens Stumpling Through The Walls (VÖ: heute!), um klarzustellen, dass unsere Welt krank ist und wir alle daran beteiligt sind, die abgefuckten systematischen Strukturen aufrechtzuerhalten. Klar, klingt dramatisch und übertrieben, triffts aber doch auf den Punkt. Auch wenn mich nicht jeder der acht Tracks gepackt hat, so war ich doch sehr positiv von der Energie überrascht, die das Album transportiert.
 
 
Portico Quartet
(sb) 3 Tracks, 40 Minuten Dauer. Zeit spielt für das Portico Quartet wahrlich keine Rolle. Auf die Qualität kommt es an, die Intensität. Auf Terrain (VÖ: 28.05.) lassen Duncan Bellamy, Jack Wyllie und ihre Bandkollegen einmal mehr Jazz und elektronische Elemente zu einer stillen und subtil doch sehr beunruhigenden Einheit verschmelzen.
Terrain I, II & III sind durchaus unterschiedlich, aber ein kurzes rhythmisches Motiv, das sich wiederholt, stellt den Ausgangspunkt in allen drei Sätzen dar. Es gibt ein Gefühl einer gemeinsamen Reise zu all diesen Stücken, sie bewegen sich durch verschiedene Welten, mit einem Gefühl der horizontalen Bewegung, die der Musik echten Schwung verleiht. Terrain I war das erste Stück, an dem die Band arbeitete, beginnend einem hängenden Schlagzeugmuster, das von Bellamy improvisiert wurde, der später auch Becken und Synthesizer hinzufügte. Von da an wuchs es, Wyllie fügte Saxophon, eine weitere Synthesizer-Sektion und Streicher hinzu. Ein Hauch von Soundtrack-Feeling und dennoch so wunderbar eigenständig.
 

Sinoptik
(ms) Erneut erwische ich mich dabei, wie mein eigener Musikkosmos relativ klar gezeichnete Grenzen hat. Nein, von Genregrenzen versuche ich mich zu befreien, aber Ländergrenzen (s.o.) fallen mir aus unterschiedlichsten Gründen schwer zu überschreiten. Klar, die Altbekannten sind an Bord, aber darüber hinaus wird es dünn bei mir. Memo an mich: Mehr Neugier! Heute also Rockmusik aus der Ukraine! Sinoptik heißt die Gruppe, die daheim einige Erfolge zu verzeichnen hat, hier stehen sie noch aus. Der recht klare Rocksound steht der Gruppe gut, doch das Video zu Sell God's Number ist noch etwas besser. Denn einzelne SchülerInnen haben Kontakt zur Band aufgenommen und gefragt, ob sie sie besuchen könnten. Gesagt - getan - Video vor Ort gedreht. Auf Englisch wird den Kindern dieser Schule das Attribut special needs zugeschrieben, hier würde man umständlich von sonderpädagogischem Förderbedarf sprechen. Gähn! Die Kids, die die Korostyshev Boarding School besuchen, haben unterschiedlichste Probleme oder Traumata hinter such, die Hälfte der Kinder wohnt vor Ort, weil sie keine Eltern mehr haben. Was für eine enorme Geste der Band, ihnen so ein schönes Denkmal zu errichten!

 
Bite The Bullet
(ms) Kann man Pop und psychedelischen Sound miteinander verbinden? Ja, klar. Das reine Zusammenführen ist nur ein 1+1. Die Frage, die sich stellt, ist doch viel mehr, ob es aufgeht, harmonisch ist, rund klingt, zugänglich ist?! Genau das machen die Dänen von Bite The Bullet. Sie vereinen Pop mit durchaus psychedelischen Melodien und einer pfiffigen Tanzbarkeit. Heute erscheint ihre nächste Single Let Go Of My Body: funky, im besten Sinne eingängig, gute Laune verbreitend. Das Trio aus dem Norden wird zwar erst im August ihr neues, viertes Album in den Äther blasen, doch so geht die Zeit der Vorfreude noch schneller rum! Zugegeben ist dieser Track schon beinahe melancholisch für ihre sonstigen Verhältnisse. Man sollte es nicht missen auch Lose Myself zu hören - laut!

 
Balmorhea
(sb) Funkhaus Berlin, Saal 3 - Homebase des großartigen Nils Frahm. Ein gutes Pflaster also und genau der richtige Ort, um ein herausragendes Album aufzunehmen. Das dachten sich wohl auch Robert Lowe und Michael A. Muller und so nisteten sich die beiden Texaner in der deutschen Hauptstadt ein, um The Wind (VÖ: heute!) einzuspielen. Was für ein wunderschönes Stück Musik! Balmorhea treffen mit ihren zwölf fantastisch arrangierten Tracks genau meinen Nerv. Die Ruhe, der Bezug zur Natur, dieses Unaufgeregte - welch Wohltat in Zeiten wie diesen. Bitte mehr davon!


Masayoshi Fujita
(ms) Trotz dass ich eineinhalb Instrumente ganz passabel beherrsche und einige Zeit in jedem Fall behaupten konnte auch ganz gut zu singen, gibt es zwei andere Instrumente neben Saxophon und Ukulele, die mich ganz stark begeistern durch ihren reinen Klang. Das eine ist der Kontrabass. Zwar habe ich ihn selten live gehört, doch sein warmer Sound ummantelt mich. Ähnlich zu charakterisieren ist das Vibraphon. Zu eigenen Musikschülerzeiten habe ich es ab und an gehört und war immer fasziniert, wie Menschen mit vier Klöppeln in zwei Händen daran musizieren und es soo gut klingt. Masayoshi Fujita spielt selbstredend in einer eigenen Klasse und fernab der kleinstädtischen Biederkeit. Ende Mai erscheint sein neues Album Bird Ambience, dessen gleichnamige Single nun zu hören, nein, zu genießen ist. Diese unendliche Ruhe. Dieser wohlig warme, tiefe, holzig-organische Klang dieses Wahnsinnsinstruments. Es ist keine Hektik da. Schnell spielen kann jedeR. Wer solch einen Raum einnehmen und ausfüllen kann, sodass man vergnügt die Augen schließt und sich entführen lässt, hat wahrlich Großes geschaffen. Das ist hier der Fall! Bitte. Hören.

Dienstag, 6. April 2021

Mädness - Mäd Love

Foto: Robert Winter
(ms) Nein, ein Experte in Sachen Rap bin ich bei Weitem nicht. Zu viel Gitarrenmusik läuft daheim, um mich wirklich auszukennen und in die Tiefe zu blicken. Hören tu ich jedoch extrem gern, wenn es politisch, ironisch oder provokant ist, bin ich dabei. Doch eine Voraussetzung gibt es immer: Irgendwie originell, klug soll es sein, sonst dümpelt es nur so daher. Dabei laufen dann oft ganz bestimmte Tracks, die ich einfach nicht verstehe. Nein, nicht inhaltlich, sondern von der Intention her: Diese Diss-Tracks. Ich weiß nicht, was das soll. Oft weiß ich auch überhaupt nicht, an wen das geht. Der Ursprung mag in den Battlerap-Sessions liegen, da ist es dann noch vonnöten, wenn man sich gegenüber steht. Aber so auf einer Platte?! Hä?! Klar, man kann sich ständig als der Geilste abfeiern, aber was soll das? Und wen juckt das?

Umso besser, das wir es nun mit einem Album zu tun haben, wo nicht eine Zeile davon auftaucht. Nicht ein Wort. Und dieses fehlende Rumgehacke auf einem nicht anwesenden Gegenüber ist nur eine der vielen Stärken auf Mäd Love, der neuen Platte von Mädness, die am 16. April erscheinen wird.
Ein Album, das sich nur um ihn dreht. Ein Album, das furchtbar ehrlich ist. Ein Album, das jede ach-so-verständliche Schwäche zulässt und offen legt. Ein Album, das nur im ersten Moment spießig und egozentrisch klingen mag, dessen Reife und Mut aber alles überschatten. Man liest von Vorwürfen, wenn KünstlerInnen sich erstmal mit sich selbst beschäftigen. Was für ein irrer Quatsch und wer verlangt hier eigentlich was?! Eben.

Zu Beginn auf 2 Cent wird direkt klar, dass es nur um ihn geht, den Guden. Wird direkt klar, auf welcher Seite er steht: Humanist mit offenen Armen. Wird direkt klar, dass es rein um Rap geht, Passion, Bestimmung und Berufung mit allen Lastern, die es mit sich bringt. Wird direkt klar, dass es reichlich guten Rap gibt, nur leider stehen Capital Bra etc so hoch in den Charts.
Wenn eine Platte sich so um den Schreiber dreht, kommen logischerweise auch tiefe Täler, böse Dämonen hervor. Auf Endlich spricht er von Depression? Auf jeden Fall um Sucht! Natürlich ganz bitter, natürlich richtig gut mit der Erkenntnis, dass jedes Blasinstrument jedes Lied einfach besser macht, richtig starker Beat! Und noch mehr Erkenntnisse: Man muss nicht immer überall am Start sein, es geht auch ohne einen weiter. Man darf sich mal raus nehmen, das Tempo drosseln, eben die Handbremse ziehen. Sehr reif, sehr klug: "Ich möchte nicht arbeiten um Geld zu haben um zu entschleunigen." Bäm!
Einige sehr gute Alben kommen meines Erachtens auch ohne Kooperationen aus. Oft machen sie die Platte aber noch runder, reifer, besser. Wer wäre dazu besser geeignet als Mine?! Eben! Boot ist ein extrem kluger, harter Track. Ja, es gibt eine Menge guter Tipps zum Bestehen einer Beziehung/Liebe, und auch wenn man sie kennt, hält man sich oft nicht dran: "Gemeinsam alleine in einem Boot."
Hier wird sehr gut klar, worum es auf dem Album geht. Nicht inhaltlich, sondern strukturell. Die Beats sind alle sehr gut, fein, ausgewogen. Doch sie drängen sich niemals auf. Man bekommt eher von Zeilen einen Ohrwurm als vom Beat. Der Text steht immer (!) im Vordergrund!
Seine offensichtliche Suchtproblematik wird auf dem nächsten Feature mit Knixx nochmal Klar: Kiffen, Saufen aber nicht zum Spaß, sondern um sich zu betäuben. Hart! Man kann nur den Hut davor ziehen, wie nackt sich Mädness auf diesem Album macht! Das ist die große Stärke eines extrem guten Albums! "Ich komme nicht klar, wenn ich klar bin", heißt ja auch, wie sehr er in der Sucht gehangen hat oder immer noch hängt. Jede einzelne Zeile aus seinem Leben mit seinen wirklichen, existentiellen Problemen ist so viel mehr wert, als jeder billige, nicht nachvollziehbare Diss-Track!

Zum Ende dieses Rapdenkmals gibt's deutliche Mittelfinger für alle Deppen, EkelhAFDen, Solidaritätsfeinden. Klar, kleines Manko: Die Adressaten erreicht so ein Lied niemals. Darf hier egal sein. Dafür ist Mäd Love - schönes Wortspiel übrigens - viel zu stark. Hut ab. Aufdrehen!



Freitag, 2. April 2021

KW 13, 2021: Die luserlounge selektiert

Quelle: br.de
(sb/ms) Bashing ist immer so billig. Aber es macht halt echt Spaß. Also wird jetzt gebasht: Podcasts! Jetzt mal ganz ehrlich! Butter bei die Fische. Wer hört sich das denn alles an? Jeder Depp und jede Deppin macht einen Podcast über alles Mögliche. Was soll das denn?! Ich verstehe es einfach nicht. Und wann soll man sich das alles anhören? Ich komme ja kaum dazu die ganzen Bücher zu lesen, die auf meinem Wunschzettel stehen. Auch wenn die aktuelle C.-Situation ein guter Start dafür wäre, sich dem maßlos hinzugeben, komme ich in diese Welt nicht rein. Es ist ein dichter Urwald geworden, in dem man pausenlos zugelabert wird. Ätzend. Daher fordere ich: Eine Obergrenze für Podcasts, die einzig und allein an Qualität gekoppelt ist. Ist es Schrott, kann es weg. Gibt es das schon mal in ähnlicher Weise, kann es weg. Ganz groß bei diesem Schwachsinn ist die ZEIT mit all ihren Ausläufern. Da gibt's jede Woche aus irgendeinem Ressort gefühlt zehn neue Podcasts. Argh, übel! Weg damit!

Da höre ich doch lieber Musik. Gute Musik. Da ist auch oft viel kürzer. Eben. Luserlounge hier.

The Corrupting Sea
(ms) Ein Album, das tatsächlich nur aus einem einzigen Track besteht?! Ja! Dies ist kein von gestern aufgewärmter Aprilscherz, sondern die objektive Beschreibung. Sight von The Corrupting Sea erscheint am 28. April. Ganz ehrlich: Ich musste mich auch überwinden, längere Zeit zuzuhören. Denn: Es passiert eigentlich überhaupt nichts. Das Album/der Track besteht im Grunde genommen aus einem lang anhaltenden, breiten Grundton, der leicht wabert, ganz leichte Änderungen in der Höhe aufweist. Über diesem Grundnebel schweben verschiedene Klangwolken, die langsam hineinfliegen und dann wieder verschwinden. Sie klingen mal nach Streichern, dann wieder nach Aufnahmen aus dem All. Ja, man könnte das schnell langweilig und irgendwie unkreativ finden. Doch da steckt etwas drin, was sonderbar verlockend ist. Jason T. Lamoreaux, der Mensch hinter dem Projekt, wird sich dabei schon etwas gedacht haben. Durch seinen breiten Drone-Sound soll Sight die Hörenden dazu bewegen sich mit den immer größeren Schwierigkeiten der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Hm, das schafft Musik doch nur selten. Und noch seltener welche, die derart minimalistisch ist. Wie dem auch sei: Ja, man muss sich verdammt noch mal drauf einlassen. Dann ist es durchaus genießbar, insbesondere ohne pseudointellektuelle Ebene!
Da in das Album bislang nicht reinzuhören ist (ist ja auch nur dieses eine Lied), hier etwas Vergleichbares von Lamoreaux, wobei hier verhältnismäßig viel los ist!


Johanna Amelie & Moritz Krämer
(ms) Wenn Text, Intention und Klang zusammen komplett aufgehen, dann ist Musik nicht nur schön, sondern auch sehr klug. Das haben Johanna Amelie und Moritz Krämer zusammen geschafft mit nur einem einzigen Lied: Bunt Hier heißt es. Worum geht es?! Maßlose Sorglosigkeit, Geld im Überfluss und dem Gedanken, dass alles möglich ist. Und genau das wird dann auch gemacht. Goldene Jahre des unhinterfragten wirtschaftlichen Aufschwungs, während man sich nie darum Gedanken gemacht hat, was dem folgen könnte. Die Krise spielt in dem Lied noch gar keine Rolle, sie wird nur ganz zum Schluss in wenigen Worten von Christian Bursch (Tristan Brusch) angedacht, dass das alles auch bald mal vorbei sein muss. Schönes Treibenlassen hört man oft in Liedern. Gekoppelt mit einer gesellschaftlichen Lebenseinstellung habe ich es nur äußerst selten mal vernommen! Daher: Wunderbar, sehr sehr gut! Das Stück ist Teil auf der bald erscheinenden Re-Works EP von Johanna Amelie (VÖ unbekannt). 

 
Krang
(sb) Die Älteren (und Nerdingeren) unter Euch kennen Krang vielleicht noch als Bösewicht bei den Teenage Mutant Ninja Turtles. Wenn das nicht der Fall ist, habt Ihr auch nicht arg viel verpasst und dürft Krang nun völlig unvoreingenommen als tschechische Skatepunk-Band kennenlernen. Herzlichen Glückwunsch! Eins vorweg: Leider singt das Quartett aus Valašské Meziříčí nicht in seiner Heimatsprache, sondern weicht auf Englisch aus, was zwar deutlich besser verständlich ist, dem Ganzen aber etwas den Charme nimmt. Aber das hatte ich ja letzte Woche erst bei CRIM erörtert...
Egal: Musikalisch geht Make Arcade Great Again (VÖ: 16.04.) ordentlich ab und macht Spaß, auch wenn die Texte nicht nur die sonnigen Seiten des Lebens behandeln. Wer auf Bands wie Millencollin oder No Fun At All steht, der wird auch mit Krang seine Freude haben. Anmerkung für alle Nicht-Skater: Die Scheibe macht sich auch beim Autofahren richtig gut, ist aber leider viel zu schnell wieder vorbei.
 

Matze Rossi
(sb) Juhu, Matze Rossi ist wieder da - und wie! Zu Beginn seiner neuen Single Die Vögel fliegen himmelwärts wird's erstmal ordentlich laut und erinnert sogar ein wenig an seine ehemalige Band Tagtraum. Ich muss zwar gestehen, dass mir die Musik des Schweinfurters dann am liebsten ist, wenn sie ruhig daherkommt und man sich besser auf die Texte fokussieren kann, aber auch so steigt die Vorfreude aufs bevorstehende Album Wofür schlägt Dein Herz (VÖ im Juni) ins Unermessliche. Er gehört einfach zu den Guten, der Matze. Als Zuckerl liegt den Deluxe Boxen des Albums drei Golden Tickets bei, mit dem man einen ganz besonderen Preis gewinnen kann. Die Glücklichen dürfen sich auf ein exklusives Online-Konzert, einen extra nach den Wünschen des Gewinners geschriebenen Song oder ein Video des Lieblingsliedes mit persönlicher Widmung freuen. Na wenn das mal kein Anreiz ist, die Box zu kaufen!


Skindred
(ms) Ein paar Mal auf Festivals live gesehen, sodass mit Fug und Recht zu behaupten ist: Niemand sagt so häufig Fuck oder Motherfucker auf der Bühne wie Benji Webbe! Mit seiner Band Skindred weiß er die pogowütige Masse nach allen Regeln der Ansagekunst bestens zu unterhalten! Man kann von so Re-Releases ja halten was man will, daher bewerte ich das jetzt auch gar nicht. Aber: Am 23. April erscheint ihr zweites Album Roots Rock Riot in einer überarbeiteten und erweiterten Version! Vor 14 Jahren erschien die Platte und war der zweite Beweis wie gut das Experimen,t sehr harten Rock mit Gesangselementen aus dem Reggae zu kombinieren, aufgeht. Zum Album, das nun erstmalig auf Vinyl erscheint, kommen drei neue Tracks hinzu. Struggle ist dabei musikalisch natürlich nicht das unbedingte Aushängeschild der Band, aber ein schöner Fingerzeig, dass es auch nicht immer voll auf die Zwölf gehen muss.



Husten
(ms) Ein Herz für verschrobene Projekte! Die Idee war für einige Jahre nur EPs zu veröffentlichen und nie live aufzutreten, stets eine Studioband zu bleiben. Das haben Husten 'leider' nicht geschafft. Der dünne Mann, Gisbert zu Knyphausen und Moses Schneider haben Livetermine angekündigt, die im Nu ausverkauft waren. Schräge Ironie: Sie fanden aufgrund von C. nie statt; Hoffnung gibt es für das kommende Jahr. Bis dahin wieder gute Musik frisch aus den drei kreativen Köpfen. Weit Leuchten Die Felder lässt einen Sound erklingen, der so noch nicht zu hören war, und dennoch (trotzdem?) unfassbar bestechend ist. Ich hadere immer stark damit, wenn im weitesten Sinne GitarrenmusikerInnen stärker auf elektronische Elemente setzen. Doch dieses Trio hat es geschafft, es ist famos geworden! Man muss darin eintauchen, dann kommt man so schnell nicht mehr raus. Das Stück ist garniert mit einem leicht psychedelischen Video, das sehr gut mit der Musik harmoniert!


Eydís Evensen
(ms) Nein, derzeit ist nicht alles unmöglich. Leider ist wieder vieles möglich, das nicht gut und richtig ist, aber das ist ein anderes, politisches Thema. Wir widmen uns hier ja lieber der Kultur. Und auch wenn Konzerte, Releasepartys und Festivals erstmal wie gewohnt nicht stattfinden können, können jedoch all die tollen Ideen und kreativen Ergüsse freien Lauf gelassen werden. So auch die Isländerin
Eydís Evensen, die heute ein neues Lied ihres Albums Bylur, das in zwei Wochen erscheinen wird, veröffentlicht. Ich bin immer schnell ganz angetan, wenn aus einem Musikstück ein Gesamterlebnis wird. Und nicht nur durch die wundervolle, leicht dunkle, zart zerbrechliche Atmosphäre, die es auf Midnight Moon zu hören gibt. Das Stück erscheint samt Video, so weit so normal. Doch die herrliche, langsame, wunderschöne Tanzperformance in schwarz/weiß ist eine gute Einstiegsdroge für alle Eskapisten! Die Pianistin hat ihren Sound auch etwas erweitert, Streicher sind unter anderem zu hören und auch eine Stimme! Ihre Landsfrau GDRN singt dazu - so wunderbar sanft und klar und mit leichtem Weltschmerz. Das ist Kunst!

 

Donnerstag, 1. April 2021

Nils Frahm - Graz

(ms) Still, leise und melancholisch klingt der Sound aus der Vergangenheit. Die Takte und Harmonien mit denen es so richtig angefangen hat. Und dann wiederum doch nicht: 12 Jahre nachdem es eingespielt war, erscheint nun mit Graz das allererste Album von Nils Frahm! Es scheint verrückt zu sein, doch die Platte, die auf dem geschmackvollen Label Erased Tapes erscheinen sollte (und es jetzt auch tut), tat dies nie. Erklärung unbekannt. Es ist bei weitem nicht so breit und tief im Klang und in der Atmosphäre wie seine späteren Werke. Aber irgendwo muss man ja mal anfangen. Dass dieses Album so 'spät' raus kommt, ist ja auch wahnsinnig spannend und zeichnet seinen musikalischen Werdegang rückwärts auf. Und beschert den Hörenden sofort einen Fingerzeig, wie er sich entwickelt hat.

Auch 'damals' schon stach kein Lied besonders heraus (Gegenbeweis folgt gleich). Vielmehr beweist es, dass ihm (wobei ich hier nur spekuliere) die Platte als Ganzes, als lang zu genießende Kunst, wichtig(er) ist. Zum Meditieren oder Entspannen ist es dann doch insgesamt betrachtet zu finster, düster, hoffnungslos. Was aber der Qualität der Platte nichts abtut. Man sieht sich ihr ausgeliefert, ganz langsam und im besten Sinne zäh, schleichend zieht sie mich in einen tiefen, dunklen Wald. Dort ist es lauwarm, aber es lauern dezente Gefahren, von denen ich weiß. Aber von denen ich auch weiß, dass sie mir nichts abhaben werden. Denn die nötige Sicherheit bringen dann doch die ein oder anderen, spärlich aber klug gesetzten Töne aus der rechten Hand. Immer wieder schimmert auch ein kalter Schmerz hindurch, wie eine alte Narbe, die nicht aufhören will zu pochern, wenn die Temperaturen sinken.

Graz ist Teil seiner Abschlussarbeit an der dortigen Kunstuniversität. Sein Produzent Thomas Geiger erhielt in New York sogar einen Preis für diese Aufnahme. Das macht umso stutziger, dass es so lange unter Verschluss blieb. 
Kaum auszudenken, dass aus dem gleichen Musiker später jemand geworden ist, der durchaus leidenschaftlich elektronische Elemente noch und nöcher einsetzt, um ein dichtes Netz aus Klang und Musik zu schaffen. Denn diese seine erste Platte ist enorm pur und sehr klar. Bewahrt sich eigentümlich und kaum in Worte zu fassen davor kalt zu wirken.
Nein, von Fröhlichkeit, und wenn sie noch so klein und unscheinbar wäre, ist hier keine Spur. Es gibt Phasen, Takte da werden die tiefen, linken Tasten des Klaviers passioniert dunkel bearbeitet. Aber es gewittert nie. Es scheppert nicht. Hier haut niemand planlos drauf. Es bleibt immer - immer! - melodiös. So entsteht in den hoffnungszerschmetterten Liedern doch ein rundes, kunstvolles Ganzes. 

Doch auf dem nicht mal zweiminütigen Hammer ist etwas wahrlich aufregendes, neues (auch im Rückspiegel betrachtend) zu hören! Es lässt einen die Augen weit aufreißen und fragen: Warum, warum hat er diese Art zu komponieren, poetisch zu agieren nicht weiter verfolgt?! Denn es bleibt auch auf dieser Veröffentlichung ein Unikat: Seine Stimme ist zu hören. Rasant geloopt und phantastisch in Szene gesetzt! Dicht, pulsierend, einvernehmend! Das muss gehört werden! Sticht vollkommen aus Graz heraus. Setzt sich in ganz neue Sphären ab! "Nils", möchte man ihm zurufen, "mach sowas bitte erneut!" Während beispielsweise Hania Rani später anfing zum Klavier zu singen, so höre Frahm wohl früh auf. So bleibt auf dem Album das nachdrücklichste Lied jenes, auf dem das Saiteninstrument nicht im Vordergrund steht, sondern seine Stimme.
Beim zweiten Hören des Liedes dachte ich tatsächlich, das die Stimmen weg sind. Dass der Zauber hier so groß ist, dass das Lied sich bei einmaligem Hören von selbst auflöst. Zum Glück habe ich mich geirrt. Und zum Glück bringt er es immer wieder auf die Bühne.
Ja, es ist ein gutes Album. Doch so sehr packt sie mich nicht. Auch nicht, wenn es von wem anders ein Debut wäre. Da fehlt mir der Drive, die Spannung, das Dramatische. Nicht für Ungut...

Die Platte erschien bereits am Montag. Ungewöhnlicher Zeitpunkt. Nachvollziehbar dann, wenn man hinzufügt, dass dies der internationale Piano Day ist. Ja, gibt es wohl. Ja, an der Initiierung war Frahm wohl auch selbst beteiligt. Am 21. Mai erscheint das Album dann auch als CD und LP. Jetzt ist es erstmal nur digital zu hören.

Freitag, 26. März 2021

KW 12, 2021: Die luserlounge selektiert

Bild: stanleypickergallery.org
(ms/sb) So fuhr ich eben nach Hause ab ins Wochenende. Immer mit der Bahn. Unter normalen Umständen hätte ich mich tierisch über meine Nachbarin aufgeregt. Hätte sie telefoniert oder dauernd Sprachnachrichten eingesprochen und abgehört, wäre ich sicherlich nicht zu halten gewesen. Und eigentlich bin ich auch jungen Familien in der Bahn gegenüber konsequent intolerant. Morgens immerhin gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Die Leute auf der gleichen Strecke grüßt man mit einem verschlafenen 'Moin' und hält dann gefälligst den Mund. Eben jedoch ging kein Weg dran vorbei. Der Zug war nur halb so groß und daher voller als sonst. Vielleicht lag es auch an ihrer Stimmfrequenz oder an meinem erschöpften Zustand. Nun denn: Sie las ihrem kleinen Sohn (drei oder vier Jahre alt) ein kleines Büchlein vor. Es ging im Ostern. Mehr kann ich zum Inhalt nicht mehr sagen. Ab und an habe ich auf die Bilder geschaut, konnte mir die Handlung aber auch nicht zusammen reimen. Denn: Ihre Geschichte hatte auf ihren Nachwuchs denselben Effekt wie auf mich: einen Einschläfernden. Normalerweise lese ich selbst in dieser Zeit. Erst des Morgens begann ich ein neues Buch. Doch ich konnte nur drei Stationen innerlich laut dagegen anlesen. Dann meins zugeklappt und mich drauf eingelassen. Ostern. Ja. Schön. Dabei gelernt: Mal wieder öfter jemand anderem was vorlesen. Und vorgelesen bekommen!

Hier wird jedoch beschallt. Gerne laut. Voll drauf. Luserlounge. Freitag. Wir haben selektiert.
 
CRIM
(sb) Ich höre ja wirklich gerne italienisch- oder spanischsprachigen Punk, Ska oder Hardcore. Aktuell haben es mir eher die Italiener angetan, davor die Spanier und Südamerikaner. Geschenkt, dass ich dabei kaum was verstehe und wenn's dann gar ins Dialektale geht, bin ich quasi chancenlos. Trotzdem liebe ich noch immer die mittlerweile aufgelösten Obrint Pas aus Valencia und auch CRIM aus Tarragona haben es mir sehr angetan. Die feiern dieses Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum und veröffentlichen zu diesem Anlass ein Greatest Hits-Album, zu dem sie sich zahlreiche internationale Gäste eingeladen haben. Klingt erstmal sehr angenehm, zumal man bei den Features ordentlich Gas gibt. So sind beispielsweise Cecilia von The Baboon Show, Olga von den Toy Dolls und Lion's Law am Start.
Musikalisch ist an 10 Anys Per Veure Una Bona Merda auch rein gar nichts auszusetzen - ganz im Gegenteil! Feinster Punkrock mit Hardcore-Einflüssen, catchy Melodien und einem großartigen Gitarristen. Leider bleibt jedoch das "aber" nicht aus: Die Tracks werden diesmal auf Englisch präsentiert, was für Fans zwar spannend und abwechslungsreich sein mag, dem Sound der Katalanen jedoch seine typische Note raubt. Der Exotik-Faktor geht so leider ein bisschen verloren und lässt das Album leider arg gewöhnlich erscheinen. Sehr, sehr schade, wie ich finde, zumal CRIM halt eigentlich eine richtig geile Band sind.
Die Album-Version mit den Gästen ist übrigens die Standard-Version des Releases. In der Limited Edition gibts noch eine Scheibe dazu, bei der die Band die Songs nochmal alleine performed - allerdings auch auf Englisch. Argh. Es hätte so schön sein können...


Víkingur Ólafsson
(sb) Wie krass produktiv kann man eigentlich sein? Der Pianist Víkingur Ólafsson lässt es in den vergangenen Monaten nur so krachen und veröffentlicht ein Album nach dem anderen. Und das Beste daran: Alle sind qualitativ so hochwertig, dass es eine wahre Freude ist. Ich gebe zu, dass ich in Sachen Klassik nicht wirklich bewandert bin, aber jede einzelne Scheibe des Isländers fasziniert mich und tatsächlich gehören seine Alben zu denen, die bei uns im Haushalt am meisten laufen. Das war schon bei seinen Bach-Interpretationen so, ebenso bei seinen Versionen von Debussy und Rameau.
Auch sein neuestes Werk Reflections (VÖ: 12.03.) lässt den Hörer tief eintauchen in die Schönheit der Klassik und öffnet neue Horizonte. Der Künstler wagt phasenweise sogar den Schritt in Richtung Neo-Klassik und spielt mit elektronischen Elementen, was den entsprechenden Stücken eine ungeahnte Tiefe verleiht. Auch bei der Auswahl der präsentierten Musik geht Ólafsson neue Wege: Zwar interpretiert er auch diesmal Debussy, versucht sich aber auch an Werken von Hugar, Balmorhea und der großartigen Hania Rani. Coverversionen der Klassik sozusagen! Es fällt schwer, dieses Album nicht zu lieben. Gan ehrlich.


The Go! Team
(ms) Durch diese grauenhafte Vereinzelung im Musikhören und dass einem Playlisten generiert werden, fehlen die Hits (ich verweigere die Nutzung einer Streamingplattform weiterhin!). Man kann sich auf nichts mehr einigen. In den Clubs (jaja...) laufen die gleichen Tracks wie vor 15 Jahren. Klar, die waren alle super und ich tanze gerne ausgiebig und intoxikiert dazu. Doch neues, frisches Material fehlt. Wer es locker, allzu locker schaffen könnte, dort auf Heavy Rotation zu laufen, weil sehr gut ins Ohr gehend und extrem tanzbar sind The Go! Team! Als Cookie Scene raus kam, lief tagelang nichts anderes bei mir. Ein phantastischer Track! Nun wird ein neues Album erscheinen, am 2. Juli! Der Sommertrack zieht in den Lockdown ein! World Remember Me Now ist der erste Vorgeschmack. Und er weiß direkt zu gefallen: locker, leicht, cathy, kopfnickend. Der kurzweilige Song behandelt tägliche Routinen und wie eine Frau heute ihren Alltag in der Großstadt bewältigt. Der gute, durchaus ernste, philosophische Ansatz kommt in meinen Ohren kaum zur Geltung, weil ich die ganze Zeit am Tanzen bin. Doch wenn Get Up Sequences Part One im Sommer erscheinen wird und damit noch mehr Hörstoff, ist es soweit. Ich schwöre! Und jetzt: Laut gedreht, abgetanzt!


Fortuna Ehrenfeld
(ms) Reisegruppe Seltsam schlägt erneut zu. Keine Band (und da bestehe ich drauf) war in den letzten zwölf Monaten derart umtriebig, gewillt, kreativ und outputgeil wie Fortuna Ehrenfeld! Shows über Shows, alles was geht. Weil: BockBockBock! Beim WDR in diversen Formaten, im Internet noch und nöcher und auf allen Bühnen, die bespielt werden konnten. Ihr Gig im Wilhelmshavener Strandkorb im September war eine wahre Wonne. Und jetzt wieder ein Album?! Kaum zu glauben! Noch weniger zu glauben, dass es nicht beim Grand Hotel Van Cleef erscheinen wird (soweit ich weiß), sondern auf dem eigenen Label von Martin fucking Bechler: Tonproduktion. Einfach mal so nennen, damit man es versteht. Was man nicht immer versteht, sind seine Texte, aber das muss auch gar nicht sein. Man sollte sie wirken lassen, dann kommt der Rest von alleine. Dass sie immer schon Bock auf gaga hatten, ist jetzt vertont. Die Panamoralische Liebe ist der erste Track aus dem am 28. Mai erscheinenden Album Die Rückkehr Zur Normalität. Wenn nicht mit Fortuna Ehrenfeld, mit wem denn sonst?! Eben! Selten so hart Bock auf gehabt!
 

Flyte
(sb) Das Wissen, dass die Entscheidung, die man im Begriff ist zu treffen, das eigene Leben für immer verändern wird, ist des Öfteren nicht so wirklich befreiend. Klar, kann. Muss aber nicht. Zum Beispiel im Fall einer Trennung. Ist es der richtige Schritt? Oder hat man doch noch nicht alles versucht, um den (einst?) geliebten Menschen auch weiterhin an seiner Seite zu haben?
Mit genau diesen Themen setzen sich Flyte auf ihrem neuen Album This Is Really Going To Hurt (VÖ: 09.04.) auseinander und sie tun das auf eine extrem hörenswerte Art und Weise. Dreistimmige Harmonien, einprägsame Melodien und Texte, die von literarischen Bildern durchdrungen sind, bilden das Gerüst einer Scheibe, die ruhig beginnt, im weiteren Verlauf, aber auch aufgewühlt und aufwühlend rüberkommt. Wie es halt so ist, wenn man mit Zweifeln, Ängsten und Hoffnungen zu kämpfen hat. Obwohl die Band bereits seit 2017 existiert, veröffentlicht das Trio im London im April erst seine zweite LP. Wenn die Zeit aber genutzt wird, um solche Perlen zu erschaffen, dann sei ihnen das verziehen.


Donots & Ingo Neumayer
(ms) "Eine Liebe zur Musik, eine Liebe zu den Tönen." Nein, so pathetisch wie Uhl singen die Donots nicht, stimmen tut es trotzdem. Da werden die Riffs ausgeschöpft. Da knarzen gerne und schief und wummernd die Boxen. Da stehen fünf Typen mit Haltung auf der Bühne. Fünf Kerle, die seit 27 Jahren diese Band am Leben halten und immer wieder überraschend agieren. Aus den ganz frühen Punker-Tagen, wurden rockigere Tracks und dann wiederum solche auf Deutsch. Nimmermüde. Immer Bock. Vollgas auf der Bühne. 1200 Konzerte. 11 Alben. Immer weiter. From Ibbenbüren to the world. Wie dieser Weg aussah, was die Band immer wieder so eng hat zusammen stehen lassen, ist nun endlich nachzulesen. Ist wirklich so. Bandbiographien sind so eine Sache. Leider werden sie schnell schlecht und irre dröge. Zu gewollt. Zu insider. Doch es kann nur lesenswert sein, was Ingo Neumayer über die Donots geschrieben hat. So eine lange Zeit. Eine Band, die von Festivals und Tourplakaten nicht mehr wegzudenken ist: Heute Pläne, Morgen Konfetti. So ist es. Am 16. April erscheint das Buch im Ventil-Verlag und wir werden Euch berichten, wie lesenswert es ist. Nicht ob! Also: Datum merken, ob Click And Collect, online oder sonst wie... Pflicht ist es allemal! 


Eddie Argos
(ms) Zum Ende dieser wöchentlichen Rubrik kommt noch ein wahrer Knaller: Art Bruts Eddie Argos wird ein Solo-Album veröffentlichen. Nach dem, was ich gelesen habe, gibt es noch keinen Titel oder Datum, wann es erscheinen soll. Völlig egal. Wichtig ist doch, dass (!) es passiert. Dieser Typ ist einfach eine irre Energiemaschine. Malt wie er singt. Überzeugter Amateur. Wie dieses Album klingen wird, ist unklar. Wird er wohl experimentieren? Nur mit Gitarre? Elektronischer? Im gewohnten Band-Sound? Auf Deutsch? Lassen wir uns überraschen, wenn er vielleicht schon in diesem Jahr über Duchess Box diese Platte raus bringen wird. Sich einfach mal freuen auf Gutes und Neues. Es kann so leicht sein.