Freitag, 29. April 2022

KW 17, 2022: Die luserlounge selektiert

Quelle: darosina.ch
(sb/ms) Sprache triggert. Ganz extrem. Und da bin ich leider auch komplett borniert und neige zu etwas sinnloser Aggression. Da reicht in der Regel nur ein einziges Wort aus, und der Puls steigt ins Unermessliche. Dann steige ich innerhalb kürzester Zeit auf ein gigantisches Ross der scheinbaren Deutungshoheit und Intoleranz auf und schmeiße mit besserwisserischen Kommentaren und aus meiner Sicht hervorragenden Vorschlägen zur Weltverbesserung um mich. So auch dieser Tage geschehen. 
Wir fuhren nur ein kurzes Stück mit dem Auto und meine Fäuste ballten sich, um dem Vorfahrenden seinen dämlichen Schriftzug auseinanderzunehmen. "Pizzawerkstatt" stand da drauf. Was zu Hölle soll das denn sein? Offenbar eine Lieferkette, die sich 'Mundfein' nennt. Es wird immer schlimmer und widersprüchlicher. Klar, selbstredend liebe auch ich Pizza, aber warum diese Begriffe. 'Werkstatt' hat doch etwas mit Ausbildung und Fachwissen und so zu tun. Bei aller Liebe, aber an jeder bekackten Ecke gibt es einen Pizza-Lieferdienst. Gute und Schlechte. Als ob die da GesellInnen und MeisterInnen im Pizzahandwerk beschäftigen und ein geheimes Firmenrezept für ein enormes Alleinstellungsmerkmal haben. Ich raste aus. Zum Glück war ich nur Beifahrer. In einer Werkstatt möchte ich Menschen mit Fachwissen und Leidenschaft sehen, die mir helfen können. Im Zweifel kann ich mir auch eine Pizza backen oder nach Italien fahren. Ja, ich neige zu sinnloser Aggression...

Und als Heilmittel ist Musik immer die beste aller Möglichkeiten. Das steht auf unseren Fahnen!

Regener Pappik Busch
(ms) Ja, Jazz ist so 'ne Sache. Seitdem ich mich mit B. über Musik unterhalte, betrachte ich dieses Thema mit gänzlich anderen Augen, denn B. ist Expertin und ich Laie. Sie mag Free Jazz und ganz experimentelle Dinge und fasst eine sehr breite Definition von diesem Genre. Das ist neu für mich, aber auch sehr gut, um Festgefahrenes ein wenig anders zu sehen. Da ich selbst jahrelang Saxophon gespielt habe, und dabei war viel Jazz, komme ich von einer extrem klassischen Sichtweise auf diese Spielweise: entspannt, zurück gelehnt, im Hintergrund unterhaltsam, unaufgeregt. So muss Jazz nicht sein, kann aber. Läuft dann wiederum Gefahr, etwas langweilig zu sein. Das könnte auch beim zweiten Album von Regener Pappik Busch so sein. Die zwei von Element Of Crime plus Ekki Busch haben bereits letztes Jahr ein Jazz-Album aufgenommen und mit Things To Come erscheint am 27. Mai der Nachfolger. Man kann schon reinhören, nur umhauen tut mich das bei aller Liebe überhaupt nicht. Das hätte ich noch nicht mal gerne selbst gespielt. Dann lieber abgefahrenen Free Jazz Shit, oder B.?


Crucchi Gang
(ms) Letztens ja ein zweites Mal in Quarantäne gewesen. War auch beim zweiten Mal uncool, aber so eine ungeplante Auszeit hat durchaus Vorteile, glaubt mir (wenn der Verlauf okay ist)! Die Zeit war ideal, um Urlaubspläne zu schmieden. Und das ist immer eine gute Idee. Erste (und direkt beste) Idee war, endlich mal wieder nach Italien zu düsen. Das ist schon viel zu lange her und insbesondere kulinarisch eine irre Wonne. Mehr dazu im Herbst! Das gute, alte Fernweh wird durch die gute, alte Crucchi Gang eingeheizt, die mal wieder ein neues Stück abfeuern und für extremes Schwelgen sorgen. Initiator Francesco Wilking hat sich mal wieder hingesetzt mit seinem Langenscheidt-Wörterbuch und einen irren Hit umgeformt. Dieses Mal hat die Gang es auf den Goldenen Reiter von Joachim Witt abgesehen. Sicher einer der prägnantesten Lieder aus der NDW! Super Song! Cavaliere D'Argento heißt das Lied nun und ich sehe mich schon in den Straßen Roms staunen zwischen Moretti, Espresso, Marinara und sorgloser Leichtigkeit. Der Soundtrack ist hiermit klar, oder?


Nichtseattle
(sb) Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk. So, der Tocotronic-Bezug ist somit abgefrühstückt und wir können übergehen zu Kommunistenlibido (VÖ: heute!), dem neuen Album von Nichtseattle. Und hoppla: Wieso kannte ich die vorher nicht? Eine Liebe zur Musik, eine Liebe zu den Tönen - wer die Referenz erkent, darf sie behalten. Wie wunderbar ist das denn bitte? Die Berlinerin Katharina Kollmann zieht emotional komplett blank, lässt dabei aber auch gesellschaftliche und politische Ebenen nicht vermissen. Ich habe das gute Stück als mp3-Download erhalten und da mein Player im Auto sich seit Neuestem einbildet, die Tracks in alphabetischer Reihenfolge abzuspielen, kam Die Idee (siehe unten) zuerst. Komplettflash! Stimmlich driftet es teilweise in Richtung Holofernes ab, dennoch gelingt es der Künstlerin, mich mit diesem einen Track mehr zu überzeugen, als es der Fronfrau von Wir Sind Helden je gelang. Aber das nur am Rande. Und das Beste: Es geht genau so weiter... Was für ein wundervolles und authentisches Album!



Ultraflex
(ms) Es ist ja nach wie vor eine total dämliche Idee, einen bestimmten Sound mit einer geographischen Position in Verbindung zu bringen. Diese Zeiten sind doch vorbei, oder? Ja, es gab mal den (!) bestimmenden Klang des Brit-Pop beispielsweise, hält ja aber niemanden in Graz, Osnabrück, Krakau oder Brügge davon ab, ähnliche Musik zu machen. Doch so ganz komme ich aus dieser Assoziationskette oder zumindest einem gewissen Erstaunen nicht raus, wenn zwei scheinbar unerwartete Teile ein hervorragendes Ganzes ergeben. Das Duo Ultraflex hat seine Wurzeln in Norwegen uns Island. Der Sound kommt jedoch nicht nur von einem anderen Ort, sondern auch aus einer anderen Zeit. Dass die 80er irgendwie eine Revue feiern, ist klar. Warum das so ist, eher schleiherhaft, aber auch herrlich egal. Denn: Es geht auf. Verträumter Discopop zum hüftbetonten, aber durchaus lässigen Tanzen oder Träumen bieten die beiden und mit Baby darf es durchaus ein wenig kitschig in Klang und Optik daher gehen - auch wunderbar egal. Wenn es aufgeht, dann geht es halt auf. Punkt. 


Django 3000
(sb) In Bayern besitzen Django 3000 spätestens seit ihrem Hit Heidi Kultstatus und bewahren sich diesen nicht zuletzt dank ihrer tollen Live-Auftritte. Am 17.06. folgt nun auch endlich Nachschub aus den Boxen, denn AliBabo erscheint als achtes Album der Band vom Chiemsee. Dabei kehrt das Quartett gewissermaßen zu seinen Gypsy-Wurzeln zurück orintiert am Sound seiner ersten Veröffentlichungen. Poppige Elemente werden wieder etwas mehr in den Hintergrund gedrängt und das steht den vier Herren aus dem Chiemgau außerordentlich gut. Ich verfolge die Band ja schon sehr lange (eben seit dem angesprochenen Song Heidi im Jahr 2011...), muss aber auch zugeben, dass mich ihre Alben selten über die gesamte Laufzeit in ihren Bann zogen. So ist es auch diesmal: Tracks wie Stoaadler, Charlie, Des Oanzige oder I Kimm Vorbei sind natürlich bockstark und machen Lust auf mehr, andere (u.a. AliBabo, Mashallah) ziehen die Scheibe leider aber doch wieder runter. Schade eigentlich, aber aus Sicht von Django 3000 aber halt auch konsequent, weil man merkt, dass sie da voll dahinterstehen und das direkt aus dem Herz kommt. Fazit: Auf Platte gut, live richtig gut! Also Augen offenhalten, wann und wo die Herrschaften demnächst bei Euch in der Nähe auf der Bühne stehen.


 
Quinquis
(ms) Dass Musik Kunst ist, ist klar. Diese Kunst besteht unter anderem darin, mit kreativer Energie Melodien und Rhythmen zu erschaffen, einen (poetischen) Text zu schreiben und alles in Einklang zu bringen. Dafür braucht es Talent und Hingabe, Zeit und Geduld, Muße und Disziplin. Der Kunstbegriff in der Musik kann jedoch noch wesentlich weiter gefasst werden und einen kulturellen Rahmen ziehen. Das tut beispielsweise Émilie Tiersen, die sich als Musikerin Quinquis nennt. Auf ihrem bald erscheinenden Album SEIM (20. Mai) nutzt sie viele verschiedene Sprachen, die nur noch von wenigen Menschen gesprochen werden und hält sie somit fest. Bretonisch zum Beispiel. Wenn auf dem Werk diese Sprache zu hören ist, singt sie es selbst. Für andere holt sie sich Gäste dazu, auf Walisisch beispielsweise singt Emily Chappell auf dem Stück Netra Ken. Doch es reicht anscheinend nicht, diesen seltenen Sprachen Raum zu geben, es werden auch noch Geschichten erzählt. Der Text der Single stammt beispielsweise aus einem Buch der Sängerin. Sowas fasziniert mich extrem. Die weiten Kreise der Kunst, die in Musik ihren Kanal gefunden hat. Das ganze auf einem elektronisch-minimalistischen Klangteppich, der warm ummantelnd ist und mich als Hörenden leicht in den Bann zieht. Enorm!


De Staat
(ms) Wie unglaublich gern würde ich mal Mäuschen spielen, wenn eine Band sich darüber Gedanken macht, wie die neuen Lieder am besten der Öffentlichkeit präsentiert werden. Welches ist die Single? Wie ordnen wir die Lieder auf dem Album an? Wie viele Singles wollen wir überhaupt rausbringen und wann sollen sie erscheinen? Dass da das Label gewichtig mitzureden hat, wenn nicht sogar in bestimmender Funktion, ist ebenso klar. Die Band De Staat fährt da nun auch eine ganz besondere Veröffentlichungsstrategie. Ähnlich wie The Kooks erscheinen ein paar Lieder zu selben Zeit, statt gebündelt auf einem Album. Doch nicht nur das. Sie beschreiten einen künstlerischen Weg, der nicht nur die Musik in den Vordergrund stellt, sondern die Lieder werden einer bestimmten Grundfarbe - rot, blau, gelb - zugeordnet. Je nach Stimmung der Lieder. Das ist schon wirklich sehr ausgefuchst und spricht mich von konzeptioneller Seite ziemlich an. One Day, die aktuelle Single, wird der Farbe blau zugeordnet. Also kalte, etwas traurige, betrübte Lieder. Bei diesem Stück geht es um die Verarbeitung von Verlusten und es kommt in einem herrlichen, tragenden elektronischen Gewandt daher, das an Bands von der Insel denken lässt, jedoch aus den Niederlanden stammt, was ja aber auch herrlich egal ist. Sehr gelungen das ganze!


Nullmillimeter
(ms) Sie kommen aus allerbester Gesellschaft. Und wenn da Menschen mitmachen, die woanders schon gute Arbeit abgeliefert haben, könnte ja der Druck steigen, abliefern zu müssen. Oder wenn man aus irgendeinem Podcast empfohlen wird. Doch was das Thema Musik anbelangt, bin ich hoffnungsloser Romantiker. Dann sind diese Dinge nur ein einziger Hinweis, der sagt: Hey, hör mal her, das könnte richtig schön werden, was zum schwelgen und nachdenken. Das ist die Band Nullmillimeter aus Hamburg und Berlin, die aus dem Umfeld von Olli Schulz, Staring Girl und Gisbert zu Knyphausen kommt. Gute Gesellschaft. Anfang des Monats erschien ihre erste Platte mit dem ungeheuer guten Namen Wer Die Wahrheit Sagt Braucht Ein Schnelles Pferd. Der Sound und das Gewandt der Band sind sehr nah an ihrer Bezugsgruppe: gitarrenbasierter, kluger Pop, der gerne Streicher oder Bläser dazu holt und mit feinen, schönen Texten auf sich aufmerksam macht, die nicht zwingend was zum nebenbei hören sind, sondern mal zum Nachdenken und Verdauen anregen. Das ist richtig, richtig gut und ein tolles Zeichen, welch gute TextschreiberInnen hier wohnen. Allen voran Frontfrau Naëma Faika! Hut ab, Boxen auf gedreht, Hirn und Herz inne gehalten!


Die Sterne
(ms) Weiter, immer weiter. Das könnte vielleicht das Motto von Frank Spilker sein. Wenn die Stammband in den letzten Jahren einfach nicht mehr existiert, aber der Wille, die Freude, die Kreativität und die Bereitschaft nach vielen, vielen Jahren im Geschäft immer noch da sind, dann sucht man sich halt neue Leute und macht aus der Band Die Sterne eher sowas wie ein Projekt, in dem Spilker in der Mitte steht als kreatives Element und andere ihm einfach bei der Umsetzung helfen. So läuft das schon seit dem letzten selbstbetiteltem Album von 2020 und so wird es auch weiter gehen, wenn im Spätsommer (VÖ 19.09) mit Hallo Euphoria das neue Werk erscheinen wird. Seit dieser Woche lässt sich da rein hören und Alles Was Ich Will ist ein klanglich und textlich typischer Sterne-Track. Startet er mit vermeintlicher Konsumkritik, wird schnell klar, dass es um die Suche nach der scheinbaren Perfektion an der eigenen Seite geht, die auf einer Plattform oder im Alltag zu finden, wenn der Anspruch nicht so seltsam verschoben wäre. Einfach stark, dass Frank Spilker es seit so vielen Jahren konstant schafft, die Wirklichkeit scharf zu beobachten, all ihre Widersprüchlichkeiten sieht und daraus Musik macht. Ich hab Bock auf die neue Platte!

14.05. Mohnheim - Draußen Tanzen Festival
18.08. Oberhausen - Druckluft 
19.08. Idar-Oberstein - Theatersommer 
20.08. Karlsruhe - Jubez 
26.08. Leer - Kulturzentrum Zollhaus 
27.08. Schleswig - NORDEN - The Nordic Arts Festival 
08.10. Osnabrück- Kleine Freiheit 
09.10. Köln - Gebäude 9 
11.10. Freiburg - Jazzhaus Freiburg 
12.10. Nürnberg - Z-Bau 
13.10. München - Hansa 39 
14.10. Wien - WUK 
15.10. Linz - Posthof - Zeitkultur am Hafen 
17.10. Dresden - Beatpol 
18.10. Erfurt - Zentralheize 
19.10. Berlin, SO36 
21.10. Hamburg - Uebel und Gefährlich 
16.11. Wiesbaden - Schlachthof Wiesbaden 
17.11. Zürich - Moods 
18.11. Konstanz - Kula Konstanz 
19.11. Schorndorf - Club Manufaktur

Mittwoch, 27. April 2022

Psychedelic Porn Crumpets - Night Gnomes

Foto: Tristan McKenzie
 (ms) Eskapismus klingt immer danach, als ob alles so schlimm und furchtbar und belastend ist im Alltag. Klar, vieles nervt. Der ganze bürokratische Mist der Steuererklärung oder wenn man was von der Krankenkasse oder dem Geldinstitut will. Da geht Lebenszeit bei drauf, die gerne woanders hätte landen können. Für viele Menschen ist auch Arbeit eine lästige Angelegenheit. Klar, mein Job nervt mich auch oft ganz extrem, muss unterm Strich aber sagen, dass ich es gerne mache. Pascow sagen: "Denn die Zeit, die mir fehlt, ist das Geld, das ich krieg'." Ja, so kann es auch wahrgenommen werden, keine Frage. Es gibt sicher auch Menschen, dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen, die kommen derart beschwingt und vergnügt durch die Tage, dass sie keine Auszeit brauchen, da sie vollkommen ausgeglichen sind. Es sind nicht viele, aber es gibt sie. Sicher.
Für alle anderen gibt es dieser Tage wieder erfreuliche Nachrichten, wenn die Frage beantwortet werden muss, wie ich denn bei dem ganzen Scheiß mal ein wenig abschalten, abdriften, ja vielleicht auch ein bisschen high sein kann. Denn die Psychedelic Porn Crumpets haben ein neues Album am Start, das phasenweise wieder derart berauschend ist, dass sie ihrem Namen erneut alle Ehre machen. Dabei kommt es jedoch auf die Art und Weise des Rausches an. Will ich in einem lautstarken Farbgewimmel ballern oder einfach nur schwerelos über den Dingen gleiten mit einem vergnügten Grinsen im Gesicht? Zugegebenermaßen bedient das Quintett eher den ersteren Weg, doch auch der Zweite ist immer wieder zu hören. Denn auf Night Gnomes herrscht viel lautes, unbändiges, schrilles, irres Explodieren, aber auch Pausen sind dabei. Genau dieser Mix macht es etwas unvorhersehbar und damit hörenswert! Wenn es denn zu genießen ist vor lauter intensiver, 38-minütiger Energie!

Diffuse Laute, schwer verständliche Stimmen, mechanische Geräusche. So startet die Platte mit Terminus The Creator über die ersten knapp 90 Sekunden, bis dann ein Beat und der typische Sound der Australier erklingt: Ein sehr breiter Teppich aus extrem verzerrten Gitarren mit ebenso verzerrtem Gesang. Erstaunlicherweise ballert diese Platte nicht ab dem ersten Moment beziehungsweise Lied. Wollen sie uns noch ein wenig verschonen und durchatmen lassen?
Ja! Das muss und kann nur die einzig richtige Antwort sein. Hier beginnt der Rausch, hier setzen die Transmitter im Hirn aus, hier kommt die völlige Überforderung mit Lava Lamp Disco. Aber in geil! Mein persönlicher Tipp: Auf jeden Fall über Kopfhörer hören, oder so laut über eine gute Anlage, dass die Musik fühlbar wird. Lautes Gewitter, das Bock macht. Die Gitarren greifen die Ohren an, es ist herrlich. Dabei muss ich bei dieser Band leider (mal wieder) sagen, dass mir vollkommen egal ist, worum es in den Texten geht. Mir geht es allein um den Klang.
Mit Dread & Butter kommt hier die angekündigte Pause (später auf Sherbert Straws auch). Akustikgitarrenklänge machen sich ab und an breit, selbst Streicher spielen sich in den Vordergrund und beruhigen das angefixte Nervenkostüm. 
Trotz meiner Nicht-Bereitschaft, mich intensiv mit den Texten auseinander zu setzen, sprechen die Titel der Lieder oft absolut für sich. Beispiel: Bubblegum Infinity. Für ein gigantisches, irres, beklopptes Feuerwerk, das zwischen den Ohren stattfinden kann. Beeindruckend ist, wie sie immer wieder mit dem Tempo und der Intensität spielen. Klar, beides braucht es, um diese rauschhaften Effekte überhaupt zu generieren, den Fünfen aus der Südhalbkugel gelingt es spielerisch und scheinbar mit genügend wahnhafter Leichtigkeit. 
Erstaunlicherweise ist der Titeltrack gar nicht mal so mitreißend. Hat aber ganz andere Stärken. Denn er zeigt im Kleinen, wie filigran die Band arbeitet. Das geht sicher bei aller überbordenden Energie ein wenig abhanden, dass das knallhartes Können ist, um erstmal solche Effekte musikalisch zu generieren! Dafür geht es direkt danach mit Bob Holiday wieder in die Vollen! Ja, vielleicht ist der psychedelische Charakter der Musik schon nach einem Baukastensystem zu erstellen und könnte vielleicht ein wenig an Zauber verlieren. Doch genau das ist (in meinen Ohren) nicht der Fall. Tempo, Wucht, ordentlich aufgedrehte Gitarren und der bedingungslose Wille nach vorn zu treiben, geht halt immer wieder vollkommen auf! Und seit gefühlten Ewigkeiten habe ich kein Fade-out mehr bei einem Lied gehört. 
Microwave Dave ist wie eine Interlude über knapp eineinhalb Minuten. Und notwendig, denn Acid Dent kloppt dann nochmal mit komplettem Wahn auf alle Hirnzellen, die bis zu diesem Punkt des Albums noch nicht mutiert sind. Wie genial, diesen bockstarken Track relativ weit hinten zu platzieren. Das ist einfach genial gemacht. Da kommt zwischendurch ganz leicht der Gedanke, dass das Album an Wucht verlieren könnte (Konjunktiv wohlbemerkt) und dann hauen die so was raus. Unfassbar!

Ja, mit den beiden folgenden Liedern trudelt Night Gnomes ein wenig aus. Und das ist dann der Beweis, dass die Band beide Arten des Rausches meisterhaft beherrschen. Vielleicht war noch keine Platte der Psychedelic Porn Crumpets so ausgewogen im weitesten Sinne, dass leichtes Schweben und völlige Ekstase so sehr Hand in Hand gehen. Irre. Was für eine Wucht. 

Wird hier live zu sehen sein:
11.08.2022 - Hole 44, Berlin
12.08.2022 - Molotow, Hamburg


Dienstag, 26. April 2022

Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys - Live in Dornbirn

(sb) Sie sind die beste und beliebteste Italo-Pop-Band Deutschlands - und vermutlich auch Italiens. Zudem dürfen sich Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys seit Kurzem auch Nummer 1 der deutschen Album-Charts nennen. Madonna mia! So ein Triumph nach vierzig Jahren im Business hat der Band vom schwäbischen Ufer des Gardasees wohl kaum jemand zugetraut. Gestern gastierten die Halbgötter in Satin im Dornbirner Prachtclub Conrad Sohm und sorgten für allumfassende Glückseligkeit. Es war Liebe. Beidseitig. Heftig und schweißtreibend. Herrlich...
 
Normalerweise schreibe ich ja gerne auch was zu etwaigen Vorbands, diesmal habe ich den aber a) den Namen gar nicht erst aufgeschnappt und musste ihn nachträglich googeln (Nand) und war b) froh, dass sie nur eine halbe Stunde spielte. Lediglich ein Track ("Egoist"?) ragte etwas heraus, aber der allgemeine Lärmpegel in der Halle machte mir deutlich, dass ich wohl nicht der einzige war, den das Duo auf der Bühne nicht wirklich angesprochen hat. Nichtsdestotrotz finde ich es immer schade und respektlos, wenn gequatscht wird, während sich die Künstler auf der Bühne abmühen - ob nun gut oder nicht...
 
Um kurz nach 21 Uhr war es dann so weit: Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys samt Band betraten die Bühne und das Conrad Sohm wurde nicht nur in Liebe gehüllt, sondern gedanklich in einen grün-weiß-roten Garten Eden verwandelt. Schon mit Brennerautobahn begann die Party, die in Baci einen ersten frühen Höhepunkt fand. Schon da war klar: Das Diclofenac zur Überwindung der Schmerzen infolge eines Hexenschusses zwei Tage zuvor hat sich aber sowas von gelohnt. Menschen lagen sich in den Armen, es wurde leidenschaftlich und hingebungsvoll mitgesungen und getanzt - und das war erst das zweite Lied des Abends!
 
In der Folge wurden die Hymnen aus dem neuen und grandiosen RB&DAB-Album Mille Grazie munter mit den Greatest Hits der Italo-Pop-Heroen gemischt. Träumchen Hilfsausdruck. Wenn Ihr jemals die Chance haben solltet, diese Band live zu sehen, dann tut es! Auch diesmal hat sicher keiner der angereisten Fans sein Kommen bereut. Apropos: Ein Großteil der Zuschauer dürfte sich wohl aus dem süddeutschen Raum nach Vorarlberg gemacht haben. Kennzeichen wir LI, FN, BC, MOD, KN, M, RV und OAL waren allgegenwärtig und sorgten quasi für ein Heimspiel.
 
 
Tage am Pool, Cosenza bei Nacht, Alitalia, Aperol Sprizz - ein Hit jagte den nächsten und spätestens bei Capri '82 musste das ein oder andere Tränchen der Rührung verdrückt werden. Es tat so gut, endlich mal wieder Menschen um sich in einer Konzerthalle zu haben und dann auch noch so einer wunderbaren Veranstaltung beiwohnen zu dürfen.

Ob Giro, Vino Rosso, Bella Napoli oder Maranello, die Dichte an großartigen Tracks ist wirklich beeindruckend. Ist aber ja auch kein Wunder bei 40 Jahren Bandgeschichte im Rampenlicht der funkelnden Schlagerwelt. Mit Ponte di Rialto wurde schließlich der emotionale Höhepunkt erreicht, ehe ein legendärer Abend mit Quanto Costa ein würdiges Ende fand. Vielen Dank für dieses wunderschöne Konzert, tolle Geschichten, so viel Amore - und den anschließenden Trikottausch! Ist es Liebe? Ja, verdammt! Nummer 1, ragazzi!

Freitag, 22. April 2022

KW 16, 2022: Die luserlounge selektiert

Quelle: 16tons.ch
(sb/ms) Füllwörter. Sehr unangenehm. Viele unterlaufen uns und nehmen scheinbar die sprachliche Macht an sich. In einem Rhetorikseminar an der Uni wurde der zum Scheitern verurteilte Versuch unternommen, uns das Wort 'quasi' auszutreiben. Ja, es ist ziemlich sinnentleert, aber ab und an rutscht es dann doch zwischen all den wunderbaren Worten hindurch und macht das ganze Gesagte kaputt. Dieser Tage war Monchi beim Wochenend-Podcast vom ZEITmagazin zu Gast. In einer unruhigen Zeit des berieselt-werden-Müssens quälte ich mich durch diese gut 50 Minuten. Zum Einen hat mich sein Buch aus bekannten Gründen nicht interessiert, zum Anderen wurde ich aufgrund seiner Wortwahl nicht müde (das eigentliche Ziel), sondern latent aggressiv. Monchi hat ein Wort in gruselig inflationärer Weise genutzt, das quasi auch sinnentleert ist: 'sozusagen'. Mitunter mehrfach pro Satz ist dieses Wort gefallen und es hat mich fuchsig gemacht. Je länger das eher uninteressante Gespräch mit Christroph Amend ging, desto aufgewühlter wurde ich. Deppert, dass ich es nicht einfach ausgestellt habe. Denn es wurde immer wilder in der Wahrnehmung. Monchi sagt nämlich nicht hochdeutsch 'sozusagen', sondern verschluckt es in seiner norddeutschen Schnodderigkeit zu einem 's-z-sgn'. Ahhhhhhh! Nach 50 Minuten war ich hellwach, schlecht gelaunt und bereit, das blöde Handy in seiner Einzelteile zu zerschmettern. Quasi. Sozusagen.

Für die gute musikalische Laune haben wir mal wieder die Woche durchsiebt und präsentieren:

Turbostaat
(ms) Lieder außerhalb eines Albums raus zu bringen, ist für viele Bands eine ziemlich ungewöhnliche Herangehensweise. Doch die letzten zwei Jahre zeigen ziemlich gut auf, dass das sein muss. Dass kreative Energie einen Kanal braucht. Dass man nicht einfach nur sitzen bleiben kann und von verschobener Tour zu verschobener Tour denken kann. Die Ideen sprudeln dennoch. Zugezogen Maskulin haben zu Beginn der Pandemie ein Album raus gebracht und haben gezweifelt, ob sie jetzt - wo es möglich ist - die Tour dazu spielen oder es sein lassen, um neues Material darzubieten. Sie halten an dem alten Plan fest. Turbostaat agieren ähnlich. Uthlande ist seit einer gefühlten Ewigkeit raus und konnte nur bedingt live gezeigt werden. Zahlreiche Livetermine haben sich angehäuft und Anfang Mai kann es dann los gehen, wenn alles klappt. Art Brut oder Pascow haben leidig erfahren, dass ausgerechnet vor den endlich anstehenden Shows Covid bei ihnen zuschlägt. Die Flensburger haben für die neuen Termine einen neuen Track dabei. Otto Muss Fallen ist ein typischer Turbostaat-Song: schnelle Gitarren, treibender Rhythmus, kryptischer Text, den die treue Fangemeinde aber sicher bald schon auswendig mitsingen kann!

03.05.2022 Kiel, Die Pumpe
04.05.2022 Hannover, Faust
05.05.2022 Wuppertal, Die Börse
06.05.2022 Bielefeld, Forum
07.05.2022 Erfurt, Halle 6
09.05.2022 Marburg, KFZ
10.05.2022 Freiburg, Cafe Atlantik
11.05.2022 München, Strom
12.05.2022 Stuttgart, Im Wizemann
13.05.2022 Bochum, Bahnhof Langendreer
14.05.2022 Osnabrück, Maiwoche
27.05.2022 LU-Esch/Alzette, Kulturfabrik
28.05.2022 Apen, Apen Air
17.06.2022 - 19.06.2022 Scheeßel, Hurricane Festival
17.06.2022 - 19.06.2022 Neuhausen ob Eck, Southside Festival
28.07.2022 Erlangen, E-Werk
28.07.2022 - 30.07.2022 Bausendorf, Riez Open Air
05.08.2022 Lübeck, Treibsand
06.08.2022 Düsseldorf, Zakk
10.08.2022 - 14.08.2022 Eschwege, Open Flair Festival
19.08.2022 - 21.08.2022 Großpösna, Highfield Festival
25.08.2022 Münster, Sputnikhalle
26.08.2022 Wiesbaden, Schlachthof
16.09.2022 Chemnitz, AJZ Talschock
18.09.2022 Berlin, Lost Evenings (Frank Turner Festival)
20.09.2022 CH-Zürich, Dynamo
21.09.2022 Karlsruhe, Substage
22.09.2022 CH-Bern - ISC
23.09.2022 Heidelberg, Karlstorbahnhof
24.09.2022 Mönchengladbach, Sound of Suburbia
30.09.2022 Rostock, M.A.U. Club
01.10.2022 Leipzig, Conne Island
02.10.2022 Leipzig, Conne Island
26.10.2022 Trier, Mergener Hof
27.10.2022 Aschaffenburg, Colos Saal
28.10.2022 Bremen, Schlachthof
29.10.2022 Oldenburg, Kulturetage


WIM
(ms) Ich find's trotzdem gut. Was bleibt beim Musikhören hängen? Welcher Typ ist man diesbezüglich? Brauche ich ein Angesprochensein vom Gesamtpaket Musik, Text und Aussage? Reichen mir einzelne Teile, um den jeweiligen Song gerne zu hören? Für mich habe ich herausgefunden, dass die Musik als solche das Element ist, das mich am schnellsten packt und oft über dem Text und seiner Aussage steht. So sieht das auch beim WIM aus. Hinter dem kurzen, einprägsamen Namen steckt Nina Müller und sie bring am 20. Mai mi Boxer ihr erstes Album raus, das insbesondere musikalisch ziemlich facettenreich ist. Sie macht sanften, klugen Pop, der zum großen Teil aus dem Herzen kommt. Kein Wunder also, dass die erste Single Löwenherz heißt. Ein Lied, das mich textlich wenig anspricht, wie andere Lieder des Albums auch. Doch das musikalische Gerüst ist sehr, sehr fein und extrem ausgewogen. Es spricht mich richtig doll an. Denn die große, große Stärke liegt bei allen Liedern darin, dass sie keinen statischen Bandsound generiert, sondern immer wieder geschickt einzelne Teile in den Vordergrund schiebt. Mal ein catchy Chor, dann eine Klarinette, oft ein toll arrangierter Rhythmus oder gut platzierte Streicher. Das ist ein tolles Gesamtbild und für ein Debut schon super reif und breit angelegt. Kein Wunder, dass sie von Alin Coen und Lina Maly eingeladen wurde, auf Tour zu gehen. Auch wenn die Texte mich nicht so ansprechen, freue ich mich auf ihren Auftritt in Oldenburg demnächst. Ich find's troztdem gut.

Support von Alien Coen:
12.5. Hannover, Pavillon am Raschplatz
13.5. Oldenburg, Kulturetage 
14.5. Lübeck, Rider’s Cafe
15.5. Rostock, M.A.U. Club

Support von Lina Maly:
21.05. Friedrichshafen, Caserne
02.06. Münster, Hot Jazz Club
03.06. Bremen, Tower
08.06. Köln, Gebäude 9
09.06. Leipzig, Täubchenthal
10.06. Berlin, Heimathafen Neukölln
12.06. Dresden, Groove Station
16.06. Rostock, M.A.U. Club
23.06. Hamburg, Knust
08.07. Buxtehude


Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen
(ms) Die besten Best-Ofs (ganz seltsamer Plural, oder?) sind die, die eben nicht dem Ende einer Ära hinterher trauern, sondern einen speziellen Abschnitt abfeiern. Das haben Kettcar zum Beispiel sehr gut mit ihrem Live-Album terminiert. Clever und geschmackvoll zieht das nun auch Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen durch! Zehn Jahre Liga = achtzehn Hits. Das ist eine logische Rechnung, die komplett aufgehen wird. Am 1. Juli (halt auch ein sehr, sehr gutes Datum so zu Monatsbeginn, sehr einprägsam) erscheint Alleine Auf Partys - 18 Gewöhnliche "Hits". Die Anführungszeichen (am besten mit Geste und dem Wort 'Gänsefüßchen') sind natürlich das beste Zeichen des Understatements. Denn Hits gibt es von der Liga ja am laufenden Band und mit extremem Niveau! Lebensweisheiten zwischen Pfandautomat und dem Leben als Bohemien... hier kommen alle auf ihre Kosten und das wird dort zelebriert:

11.06. Hamburg - Golden Pudel Club
30.06. Hannover - Lux
01.07. Hamburg St. Pauli Theater / Schauspielhaus tba
02.07. Berlin - Lido
09.09. Essen - Grend
10.09. Aachen - Raststätte
15.09. Erfurt - KunstQuartier Schauspielhaus
16.09. Köln - Gebäude 9
17.09. Mainz - Schon Schön
29.09. Weinheim - Café Central
30.09. Nürnberg - Club Stereo
01.10. München - Milla


Terror
(sb) Wir haben es ja schon des Öfteren gesagt: Manchmal lassen wir uns gerne anschreien. Weniger in der Arbeit oder im familiären Umfeld, sondern vielmehr aus den Boxen. Freiwillig. Laut. Ungefiltert. Hardcore nennt sich die Übung und Terror betreiben sie seit 20 Jahren. Nicht mal 20 Minuten dauert Pain Into Power (VÖ: 06.05.), das neue Album der Kalifornier, auf dem auch Gastkünstler wie George "Corpsegrinder" Fisher (Cannibal Corpse) zu hören sind. Es knallt gewaltig, keine Frage. Für den Weg in die oder aus der Arbeit genau das Richtige. Sänger Scott Vogel fasst zusammen: "Ich möchte, dass die Kids sich mit den Texten identifizieren können, weil sie wissen, dass sie von einer echten Person stammen, und ich möchte, dass sie von der Musik so mitgerissen werden, dass sie, wenn sie uns live spielen sehen, nicht anders können, als jemandem vom Kopf zu springen."
Das geht demnächst hier: 

17.06.2022 – DE – Düsseldorf – D-Town Distortion Open Air
19.06.2022 – DE – Saarbrücken – Reality Bites
07.10.2022 – DE – Stuttgart – Im Wizemann (Halle)
08.10.2022 – DE – Köln – Live Music Hall
15.10.2022 – AT – Weins – Simm City
18.10.2022 – DE – München – Backstage Werk
19.10.2022 – DE – Nürnberg – Löwensaal
20.10.2022 – DE – Berlin – Huxleys Neue Welt
21.10.2022 – DE – Hamburg – Markthalle
22.10.2022 – DE – Leipzig – Felsenkeller
23.10.2022 – DE – Wiesbaden – Kulturzentrum Schlachthof



Irnini Mons
(sb) Ihr müsst Euch nicht schämen, wenn Ihr noch nie etws von Irnini Mons gehört habt, denn die Band ist unter diesem Namen tatsächlich neu. Und doch verstecken sich dahinter bekannte Gesichter! Auferstanden aus den Ruinen der tollen Decibelles begeistert das Quartett aus Lyon mit französischem Noiserock. Sechs Tracks, die nicht nur sehr abwechslungsreich ums Eck kommen, sondern auch auf Konventionen hinsichtlich der Songlänge pfeifen, finden sich auf dem selbstbetitelten Debütalbum (VÖ: heute!). Das macht neugierig auf mehr und lädt geradezu dazu ein, sich das Ganze auch mal live zu geben. Die Franzosen begleiten Shellac auf deren bevorstehender Tour und sind demnächst hier zu sehen/hören/erleben:

29.05. Berlin, Festsaal
30.05. Hamburg, Kampnagel
31.05. Leipzig, Conne Island
01.06. Wiesbaden, Schlachthof


 
Friska Viljor
(ms) Ja, sie sind seit Jahren die (!) Sympathieträger schlechthin. Ob es die Lieder mit den ganz hohen Stimmen sind, die Mandolinen singen, die tiefsten Sehnsüchte aus dem Herzen triefen oder ein wilder Tanz stattfindet, Friska Viljor können alles gleichzeitig. Und das mit einer unverschämten Leichtigkeit, die die beiden Schweden seit jeher an den Tag legen. Wenn Daniel und Joakim die Bühnen betreten, dann wird sowohl das Leben als auch die schönste Seite der Melancholie abgefeiert. Vor dem letzten Album Broken versank Joakim in einem grauenhaften Tief, aus dem er sich zum Glück aufraffen konnte, um uns mit seinem Kompagnon erneut die Lieder zu schenken, die uns aus dem Herzen sprechen oder ausufernde Nächte bescheren! Inbreeds ist ein neuer Song, der sagt: Ganz ganz bald kommt ein neues Album raus. Ein Stück, das zuerst auf Englisch und zum Ende hin auf Schwedisch die Einigkeit in der Gesellschaft beschwört. 2015 wurde der Text geschrieben, er ist immer noch (oder wieder?!) hoch akuell! Zwei weitere Lieder sind letztes Jahr schon erschienen. Alles nimmt also wieder Form an und dürfte die Vorfreude noch weiter anheizen. Don't Safe The Last Dance heißt die neue Scheibe und wird am 13. mai erscheinen. Vorfreude wird auch generiert durch eine ganze Reihe an Konzertterminen. Hingehen ist da ja eh Pflicht!

22.05.2022 - Rostock, Helgas Stadtpalast
23.05.2022 - Hamburg, Uebel & Gefährlich
24.05.2022 - Berlin, Kesselhaus
25.05.2022 - München, Backstage
26.05.2022 - Köln, Gloria
27.05.2022 - Darmstadt, Centralstation
28.05.2022 - Zürich (CH), Mascotte
29.05.2022 - Salzburg (A), Rockhouse
30.05.2022 - Wien (A), Flex
01.06.2022 - Dornbirn (A), Conrad Sohm
02.06.2022 - Linz (A), Posthof
03.06.2022 - Aflenz (A), Sublime
10.08.2022 - Dresden, Beatpol
11.08.2022 - Münster, Sputnikhalle
12.08.2022 - Stuttgart, Im Wizemann


Love A
(ms) "Hallo, wir sind Turbostaat". Mit den Worten haben Love A vor vielen Jahren, als ich die Band das erste (und leider auch einzige Mal) live gesehen habe, ihr Publikum auf einem kleinen Festival begrüßt. Diese Art von Understatement braucht die Band überhaupt nicht mehr, wenn sie es denn je gebraucht hat. Und wirklich vergleichbar sind die beiden Gruppen eh nicht.
Jörkk Mechenbier halte ich für einen der umtriebigsten Musiker hierzulande, der BockBockBock hat, immer alles rauszuhauen, was durch seinen Kopf geht und immer den passenden Rahmen dafür findet. Wenn es ein wenig mehr aus dem Herz kommt mi Schreng Schreng & La La, wenn mal experimentiert wird mit Trixie und wenn mal wieder alle Emotionen von Mitgefühl bis Zorn hinaus gebrüllt werden wollen, ist es natürlich die Stammband. Und die bringt zum Glück mit Meisenstaat am 19. August ein neues Album raus - BockBockBock! Will Und Kann Nicht Mehr ist ein Love A-Song der allerersten Güte. Denn für mich liegen in vielen ihrer Lieder die große Stärke darin, dass sie für mich als Hörenden so viel persönlichen Interpretationsspielraum bieten, dass eine individuelle Geschichte dazu schnell und gefestigt geformt werden kann. Super gut! Und beim nächsten Auftritt einfach mit dem eigenen Namen und breiter Brust abliefern!

28.05.22 Hamburg, Markthalle (Ox Fest)
25.12.22 Trier, Tufa


The Damned Don't Cry
(ms) Ist das jetzt gemein, das zu sagen? Oder geht das schon irgendwie klar? Puh. Also: Das Duo The Damned Don't Cry haben im vergangenen Herbst eine EP veröffentlicht, die mich nicht so wirklich vom Hocker gerissen hat. Durchaus stabiler Gitarrenrock, dem es mir persönlich jedoch an Rafinesse und Wucht fehlte. Nun die Neuigkeit, dass Ingo Drescher und Carlos Ebelhäuser das Album Scaryland (24. Juni) veröffentlichen werden. Sprach mich als Meldung wenig an, doch ein Detail und das dazugehörige Hörmaterial machte mich dann wieder neugierig. Das Detail: Kurt Ebelhäuser hat die Platte nicht nur produziert, sondern ist auch noch offiziell als drittes Mitglied in die Band eingestiegen. Ist es jetzt gemein zu sagen, dass ausgerechnet deshalb die Chancen wesentlich besser stehen, dass das Album doch ziemlich gut werden könnte, da Kurt einfach eine lebende Legende ist?! Den anderen beiden möchte ich keinerlei kreative Energie absprechen, aber das ist nun ein irrer Zugewinn. Eine Minute ist bislang zu hören und es ist wahrzunehmen, dass ein wenig Geist von Blackmail und Scumbucket darin schlummert!


Joep Beving
(ms) Dass wir uns gerne anschreien lassen, zeigen ein paar Lieder in diesem Beitrag ja ganz gut. Zu der ganzen Wahrheit gehört jedoch auch, dass wir genauso oft auch Pause und Ruhe brauchen. Am besten in Form von leisen, etwas andächtigen und leicht melancholischen Klaviertönen. Joep Beving versorgt uns damit. Sein neustes Album Hermetism ist bereits Anfang des Monats erschienen und ist ein Paradebeispiel dafür, dass Musik heilende Kräfte haben kann. Wie ein Pflaster für die leicht verwundere Seele. "Ich hoffe, dass die Musik tröstet und Gemeinschaft stiftet", sagt der Niederländer dazu. Beides sind extrem gute Ansatzpunkte. Gemeinsam Musik hören geht (für mich) nicht immer, aber es kann wunderschön sein. Dann werden vielleicht auch gemeinsame Wunden geheilt. Das große Wunder Musik, es ist zu allem fähig. Vielen Dank!

Freitag, 8. April 2022

KW 14, 2022: Die luserlounge selektiert

Quelle: br.de
(sb/ms) Eine neue Konzertsaison hat begonnen und sie bringt einige Begleiterscheinungen mit sich, die es so noch nie gegeben hat. Und mit "noch nie" meine ich die Zeit vor dem Frühling 2020. In der Zwischenzeit gab es ja auch keine wirkliche Konzertsaison, wo der regelmäßige Besuch von Clubs mit Livemusik an der Tagesordnung stand. Nun heißt es: Welche Bedingungen muss ich erfüllen, um vor der Bühne zu stehen und kulturelle Kurzweil zu genießen? Generell müssen keine Impfnachweise mehr vorgezeigt werden. Das können die Clubs und Betreiber aber auch selbst entscheiden. Möglich wären keine Beschränkungen oder auch 2G+ mit tagesaktuellem Test. Vorerst halte ich persönlich den Wegfall jeglicher Beschränkungen für fahrlässig. Zwei Mal hat mich dieses Virus erwischt, beide Male waren wirklich ätzend. Das ist niemandem zu wünschen. Daher plädiere ich mindestens für 2G. Dass wir uns regelmäßig selbst testen, halte ich für einigermaßen selbstverständlich. Ein anderes Thema ist das Tragen einer Maske währenddessen. Beim Kettcar-Konzert am Dienstag haben nicht wenige Leute das beeindruckend strikt durchgezogen, über den ganzen Abend FFP2 zu tragen. Das ist sicherlich eine Entscheidung, die jeder selbst treffen muss. Ich werde es nicht tun, es würde nicht meinem genussvollen Empfinden eines kulturellen Musikabends entsprechen. Aber das ist auch nur meine bescheidene Meinung.

Es ist Freitag und es gibt mal wieder Neues aus der Woche zu hören. Und das geht so...

French Kiwi Juice
(ms) 1. Der Name ist selbstverständlich überragend! 2. Stellt sich sofort die Frage, ob das ein bisschen belanglos oder einfach frech in seiner Lässigkeit ist. Ich plädiere für freche Lässigkeit. Vincent Fenton steckt hinter dem sehr guten Namen French Kiwi Juice und kürzt sich selbst nur noch mit FKJ ab. Wer kann, der kann. Bereits vor zehn Jahren hat er seine erste EP veröffentlicht, 2017 folgte sein selbstbetiteltes Debut und nun wird die zweite Platte erscheinen, die seinen bürgerlichen Vornamen tragen wird. Seit gestern ist die erste Single Greener zu hören. Mega entspannt, super zurückgelehnt zwischen lässigem Pop und schwungvollem Soul. Das gewisse Extra steuert die Gitarrenlegende Santana bei. Fenton war seit Kindheitstagen großer Fan und schrieb ihm zum Entstehungsprozess des neuen Werkes einen Brief, um sich als solcher zu bekennen und einfach mal anzufragen, ob er Lust hat, mittzumachen. Dass Santana zusagte, hat sich der junge Franzose sicher nie erhofft. Und so beschenken die beiden uns einen hemmungslos coolen Track, der wie dafür gemacht ist, das Wochenende einzuläuten!


The Subways
(ms) Ja, es gibt diese Bands, bei denen es mir immer etwas schwer fällt zu glauben, dass es Menschen gibt, die sagen würden: "Das ist meine absolute Lieblingsband, das höre ich den ganzen Tag, ich bekomme einfach nicht genug davon." So richtig begründen kann ich das leider nicht, es ist eher so ein Gefühl. The Subways gehören für mich absolut dazu. Eine super Band, unglaublich sympathisch, für mich aber "nur" eine herausragende Festivalband, zu der man aber immer (!) abgehen kann. Dass man sie im Sommer irgendwo live sehen kann, ist nicht unwahrscheinlich, sie haben ein neues Album, eine neue Drummerin und eine neue Single im Gepäck. You Kill My Cool heißt das Stück und sooo neu ist es dann doch nicht, was ältere Livemitschnitte bei YouTube zeigen. Egal, ein etwas zurückgelehnter Track, der dennoch mit satten Gitarren auffährt. Also genauso wie man es von dem britischen Trio erwarten kann. Bevor die Band später im Jahr das neue Album (Name noch unbekannt) veröffentlicht, sind sie bald schon bei uns zu sehen. Die große Party sollte garantiert sein!

20.05. Bremen, Schlachthof
21.05. Braunschweig, Westand
23.05. Hamburg, Markthalle
24.05. Köln, Kantine
25.05. Frankfurt, Batschkapp
26.05. Karlsruhe, Substage
29.05. München, Hansa 39
01.06. Leipzig, UT Connewitz
02.06. Dresden, Beatpol
03.06. Berlin, Columbiatheater


Oehl
(ms) Über Musik zu schreiben ist irgendwie ein seltsames Hobby, wenn man gleichzeitig das Hören und Besuchen von Konzerten zu den absoluten Leidenschaften zählt, weil dann vermischen sich Herz und der Versuch einer objektiven Berichterstattung. Dass das Berichten von außen nicht klappen kann, ist klar, dafür ist Musik viel zu wichtig. Vieles wird uns zugespielt, da wir auf irgendwelchen Verteilern gelistet sind, vieles ist gut, manches Schrott. Vieles gerät aber auch echt super schnell in Vergessenheit, was ich immer ein bisschen schade finde, aber da ist nichts zu machen. Ganz anders sieht das bei Oehl aus. Auch diese Band lernte ich erst durch das Aufmerksammachen einer Mail kennen und ziemlich schnell habe ich mich schockverliebt. Denn hier ist ein gänzlich neuer Klang zu hören, das ist originell und saugut gemacht. Und genau dafür bin ich enorm empfänglich. Das Album und beide EPs laufen regelmäßig rauf und runter. Nun schlägt das Projekt ein neues Kapitel auf, Hjörtur hat es verlassen, nun ist Ariel solo unterwegs. Der Isländer war schon der klanglich-kreative Part, Ariel der Lyrische. Nun liegt alles in einer Hand und mit Weitergehen ist ab heute das erste Stück dieses neuen Kapitels zu hören. Erneut muss ich feststellen: Wow! Ariel hat eine ganz besondere Gabe für textliche Finesse und Feingefühl in Formulierungen. Das ist so pur und rein und schön, dass es jeglichen Eindruck von Kitsch sofort in seine Einzelteile zersprengt. Hoffentlich kommt bald noch viel mehr, es könnte erneut großartig werden!


Talco
(ms) Skapunk ist für mich absolute Sommermusik. Da geht relativ schnell die Laune nach oben. Insbesondere wenn ein kaltes Bier, gute Menschen und ein sonniges Festival ganz nah sind. Dann muss eine Band wie Talco spielen, um diesem Lebensgefühl den passenden Soundtrack zu verpassen. Dass sie ganz eng mit Sankt Pauli verbunden sind, macht sie für mich noch ein Stückchen sympathischer! Nun werden sie eine neue EP veröffentlichen. Insert Coin kommt am 29. April raus und Ames ist die kurzweilige Auskopplung daraus. Guter, alter Skapunk auf italienisch. Was will man also mehr!? Eben!


Wallis Bird
(ms) Dass Wallis Bird im allersympathischsten Sinn voll einen an der Klatsche hat, sollte hinlänglich bekannt sein. Das betrifft sowohl ihre irre Energie, wenn sie eine Bühne betritt, als auch ihr kreatives Schaffen als solches. Sowohl im Ton als auch im Bild. Von letzterem kann man sich nun wieder überzeugen. Lässig in der Küche sitzend erzählt uns Wallis eine kleine Geschichte übers Liebsein und ihre eigene Geburt. Möglicherweise tanzt dazu im Hintergrund eine ziemlich große Vulva. Möglicherweise grinst sich die Wahlberlinerin dabei auch fein eins in ihr Fäustchen. Aquarius heißt das neue Stück, das auch auf dem neuen Album Hands zu hören sein wird, das am 27. Mai erscheint. Was für eine grandiose Künstlerin, die es wirklich versteht aufrecht vielseitig und dabei unerschütterlich zu sein!

Donnerstag, 7. April 2022

Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys - Mille Grazie

Bild: Ludwig van Borkum
(sb) Ciao ragazzi! Eigentlich hatte ich mir ja fest vorgenommen, Mille Grazie irgendwann
Anfang/Mitte der Woche zu rezensieren, wenn ich das neue Album von Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys schon ein paarmal gehört und (vermutlich) liebgewonnen habe. Aber natürlich kam es auch diesmal - wie so oft - ganz anders. Lieferverzögerung und aufgrund der Randlage in der Republik auch noch verspätete Zustellung. Heißt konkret: Das gute Stück kam erst heute Mittag bei mir an und ich höre es jetzt zum ersten Mal. Ihr kommt also in den Genuss einer Live-Rezension vom ersten Abspielen!
 
Warum ich Mille Grazie nicht heute Nachmittag schonmal angehört habe? Der Grund heißt Nino ist vier Jahre alt und wollte nach dem Kindergarten verständlicherweise lieber spielen. Dass er dabei in einer Tour "In Palermo steht ein Mädchen auf der Straße viel zu allein" sang, deutet zum Einen auf eine hervorragende musikalische Erstprägung hin, hat die Wartezeit und Vorfreude aber halt zum Anderen auch nicht gerade geschmälert...
 
So, los gehts! Dreizehn Tracks, sechs davon konnte man schon im Vorfeld hören und der, der mir mit Abstand am wenigsten gefiel, bildet den Auftakt...
 
1. Brennerautobahn

Okay, die ersten paar Zeilen wecken schonmal die Sehnsucht auf den nächsten Italien-Urlaub. Gebucht ist der natürlich schon, in die Nähe von Chioggia gehts. Autopass für 20 Mark bleibt aber natürlich ein Traum... Danach gibt mir der Song aber nicht mehr so viel - leider! Ich mag diesen Eurodance-Beat einfach nicht, das können die Herren deutlich besser, melodischer und überhaupt liebevoller. Die Amore bleibt etwas auf der Strecke, genauer gesagt auf der Brennerautobahn, diesem nie enden wollenden Weg ins Glück. Gott sei Dank wird man von dem Song nicht in der Mitte des Albums böse überrascht.
 


2. Quanto Costa

Oh ja, ich liebe es! Vom ersten Anhören damals als Single-Release ganz genau mein Ding. Diese Melodie, diese Leidenschaft, dieses Gefühl. Kein Wunder, dass das Ding in der Discounter-Version in der Werbung auch steil ging. Wie sollte es auch anders sein, wenn selbst ein Vierjähriger dazu begeistert die Hüften schwingt und mitsingt? Der Song war Mitte der Achtziger am Gardasee schon der Herzensöffner einer jeden Strandschönheit und es war höchste Zeit, dass RB&DAB diese Perle auch dem deutschen Markt zugänglich machen. Träumchen von A bis Z!
 


3. Werbung

Der Titel ist Programm. Kann man mal machen. Und diese Silke würde mich sehr interessieren... Wie kam es zur Trennung? Und was wurde aus ihr? Egal, ich pfeif auf den beworbenen Softdrink und stell mir erst mal ein Peroni rein und freu mich auf...

4. Bella Napoli

Ich gebe es zu, ich war, bin und werde immer großer Fan von Diego Maradona sein. Alleine dadurch ergibt sich eine gewisse Sympathie für Neapel, auch wenn ich bislang noch nie dort war. Nun besingen also die Italo-Pop-Götter die Stadt in Blau und wie könnte es anders sein als himmlisch? Boah, freu ich mich schon drauf, das in gut zwei Wochen live mitzugrölen! Träum mit mir diesen Traum, denn mein Herz schlägt azzurro. Und natürlich checke ich in den kommenden Tagen, ob man von hier in der Nähe aus in den Schatten des Vesuvs fliegen kann. Hilft ja nix.
 


5. Tage am Pool

Die songgewordene Leichtigkeit mit anmutendem Sha-la-la-la. Woohoo! Ich fühle mich jetzt, da ich hier am Schreibtisch sitze, schon fast a bisserl auf dem Weg gen Brenner. Zugegebenermaßen bin ich zwar eher der Strand- als der Pool-Typ, aber wer wird denn kritisch sein? Schließlich kommt es ja eh auf die Begleitung an, wie unsere Helden hier sehr richtig feststellen. Geht auch unverschämt gut ins Ohr, das Stück.

6. Miami Beach

Auch Musikgötter müssen mal relaxen und so machen sich Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys nun auf die Reise, um Miami Beach unsicher zu machen. Mit ihrem Charme: Kinderspiel. Eh klar. Oida, Ihr könnt dich jetzt nicht von Colada singen, wenn ich so einen Durst hab! Der Schmalz trieft, die Sehnsucht strömt aus jeder Pore - ich liebe es! Dieses Lied live mit ordentlich Pegel und im Idealfall Single - da geht einiges. Versprochen. Geht gar nicht anders. Dieses Lied ist eine ernsthafte Bedrohung für alle Datingportale dieses Planeten. Hatte ich schon erwähnt, dass ich es liebe? Ach ja, hab ich. Gott, ist das großartig!
 


7. Radio Ipanema

Kurzes Zwischenspiel als Einleitung zu...

8. Colapablo

Weiter geht die Tour, diesmal nach Brasilien, wo man auf der Greatest Hits ja an der Copacabana schon mal Station gemacht hatte. Nun also Colapablo in Ipanema und holla, da schüttelt es den Mittelteil des Körpers. Geht zwar als zweiter Teil der Werbung aus Track 3 durch, ist melodisch aber halt einwandfrei. Softdrinks mag ich aber immer noch nicht sonderlich.

9. Giro

Yeah, Weltklasse! Wieder so ein Ding, in das ich mich beim ersten Hören schon verliebt hatte und das für mich ein Anker auf dem Album ist. Diese Bilder vom mehr oder weniger durchtrainierten Sextett auf seinen türkisen Rennrädern haben sich in meine Netzhaut gebrannt. Ganz ehrlich: Wer diesen Song nicht feiert, der hat den Italo-Pop nie geliebt. Natürlich fahr ich Bianchi, sei heut Nacht meine Lady...
 


10. Amore Sul Mare

Kam im Vorfeld auch schon als Single mit Video raus und ist der erste Song von RB&DAB, der komplett auf Italienisch aufgenommen wurde. Eros erblasst vor Neid. Ganz sicher. Al Bano & Romina Power können einpacken, Toto Cotugno ist komplett abgemeldet. Wurde dieses Lied eigentlich in Italien als Single veröffentlicht?
 

 
11. Cosenza bei Nacht
 
Getragen vom Blechkofler, eine augenzwinkernde Liebeserklärung an Kalabrien. Ich stelle mir eine laue Sommernacht vor. Mit Bier. Wein geht auch. Nee, doch nicht. Bier muss es sein. Viel. Und dann volle Lautstärke. Wunderbare Melodie...

12. Sprizz

Der Zauber des Getränks erschließt sich mir nicht. Der des Songs irgendwie schon, aber das muss ich mir sicher noch ein paar Mal anhören. Es geht auf jeden Fall um Amore. Ja, kann man so sagen... So ein Bett aus Bitterlikör hört sich deutlich erotischer an als es schmeckt. Aber auf sowas muss man erst mal kommen. Stößchen.


13. Sic Transit Gloria Mundi

Sakraler Abschluss. Sakrisch guad. Wie das ganze Album. Ja, es ist und bleibt Liebe.


Mittwoch, 6. April 2022

Live: Kettcar in Leer

Foto: luserlounge
(ms) Ein Abend voller Premieren. Ein Abend an einem wirklich schönen Ort. Ein Abend, auf den viele Menschen sehr lange gewartet haben.
Doch alles der Reihe nach.
Am Dienstagabend haben Kettcar in Leer gespielt. Die einzig richtige Frage, die sich dabei stellt, ist: Warum um alles in der Welt spielen sie das erste Konzert nach zweijähriger Pause ausgerechnet dort, am nordwestlichen Randgebiet der Republik? Gerade mal 35.000 Menschen wohnen dort. Auch geographisch ist es nicht zwingend der nahe liegendste Ort, an dem eine Band wie Kettcar spielt. Kommende Woche sind sie in Hamburg, Berlin und Köln. Klar, Leer hat wirklich eine sehr schöne, besuchenswerte Altstadt, aber das war es dann auch. Der Grund: Das Subventionsprogramm Neustart Kultur des Bundes sorgt dafür, dass MusikerInnen oder Veranstaltungsorte pandemiebedingt nicht hängen gelassen werden. Davon profitiert eine Hamburger Rockband und ein super schönes ostfriesisches Veranstaltungsgebäude, das Zollhaus. Herrlicher Backsteinbau, tolle Holzdielen unten und oben. Sicher haben Kettcar länger nicht auf so einer kleinen Bühne gestanden. Aber egal. Eine gewisse Aufregung und Nervosität war auch den alten Hasen anzumerken.
Überwogen hat jedoch stets die irre Freude an der Kurzweil eines solchen Abends. Am allerbesten an Reimer zu beobachten. Ja, es lohnt sich auf jeden Fall mal einen ganzen Kettcar-Abend lang den irren Sympathieträger am Bass zu beobachten. Mimik, Gestik, Körpersprache, das ganze Programm. Reimer ist komplett drin, es ist ihm wunderbar anzusehen, wie sehr er das lebt.
Darauf hat nicht nur das Leerer Publikum lange gewartet, auch ich. Für die ursprünglich Anfang Januar geplanten Konzerte hatte ich Karten für Hamburg und Köln. Nun halt Leer, war sowieso näher. Endlich wieder Kettcar, endlich wieder Herzensband Nummer eins. Es war das dreißigste Mal, dass ich sie live sah und ich bin immer noch emotional komplett ummantelt, wenn Reimer, Christian, Marcus, Lars und Erik die Bühne betreten. So nah gehen mir ihre Texte, so sehr sind ihre Lieder Bestandteil von mir selbst.

Also rein ins Zollhaus, Jever geordert und etwas gewundert, wie luftig es noch ist. Ins Zollhaus sollen ca tausend Leute passen, zur Hälfte sollte es auf jeden Fall gefüllt sein. Vor den Hamburgern hat Eleanor B Rigby einige Lieder auf ihrer Ukulele gespielt. Sie hatte eine unsagbar tolle Stimme und hat es klasse gemacht. Leider war der Rahmen nicht der richtige, sodass ihr Können gar nicht so stark zur Geltung kommen konnte. Außerdem störte dabei enorm ein recht falsch mitklatschender Typ vor der Bühne, von dem Marcus später auch dezent genervt war ("Danach hältst du aber deine Schnauze" klang es später von der Bühne).
Wechsel auf der Bühne, neues Getränk in der Hand, Money Left To Burn und der Auftakt zu einem wundervollen Abend. Lars voller Energie und Bock, Erik tief im Gitarrenspiel versunken, Marcus mit Pokerface, Reimer mit Elan ohne Ende und Christian mit hanseatischer Freude. Zu den Liedern muss ich hier nichts schreiben, das habe ich zahlreich getan. So kommt es auf die besonderen Momente des Abends an. Kettcar haben einen strikten Dresscode: Jeans und schwarzes Oberteil. Erik brach diesen heiligen Schwur, indem er ein Iuventa-Soli-Trikot von Borussia Leer trug. Und es gab noch mehr Premieren. Wenn man eine Band neunundzwanzig Mal gesehen hat, sind das rare Momente. Der Dienstag war üppig damit gefüllt. Zum ersten Mal spielten sie Notiz An Mich Selbst von der Wir Vs Ich-EP. Die Wucht kam nicht nur über den enormen Text, sondern auch über Eriks satte, beige Gitarre, die ziemlich reingehauen hat! Und dann spielten sie noch zwei Lieder, die ich so nienienie hätte kommen sehen. Erst spielten sie in guter alter Ska-Punk-Manier Hamburg, 8 Grad, Regen von Rantanplan. Aus der Zeit also, als Reimer und Marcus noch Bestandteil der Band waren. Long time ago... Pogo, Unglaube, astreine Stimmung, nicht nur vor der Bühne. Wenig später nur hagelte es Vorfreudeschreie als Marcus ankündigte, dass sie nun Tomte covern würden. What?! Dinge, die ich nie für möglich gehalten habe. Und dann noch Die Schönheit Der Chance. Krasser geht es ja gar nicht mehr. Da blieben keine Augen trocken und keine Wünsche offen. Oh, doch, das nächste Mal bitte wieder Mein Skateboard Kriegt Mein Zahnarzt am Ende.

Was für ein Abend.
Was für ein Ende einer viel zu langen Indoor-Konzerte-Durststrecke.
Was für eine irre Freude.
Was für eine wunderschöne Verbundenheit mit dieser Musik.
Was für ein Unglaube, als wir danach feststellten, dass wir sie ja Anfang Juli erneut sehen. Vorfreude: an!

PS: Ob es sinnig ist, momentan Konzerte zu spielen, wurde selbstredend recht früh am Abend von Reimer thematisiert. Corona und Krieg. Alles scheiße. Aber ja. Kultur, Musik kann es schaffen, für einen kurzweiligen Abend die große Pausetaste zu drücken. Das muss erlaubt sein, muss machbar sein. Schneckenhausproblematik. In dem Bewusstsein den Abend genießen, gerne auch mit ein paar Bieren darf kein moralisches Problem sein. Selbstredend liest man ja am nächsten Tag wieder die neusten Schreckensnachrichten.

PPS: Ob wir zu diesem Konzert gehen können, stand etwas auf der Kippe. Trotz maximalem Impfschutz war ich bis Tags zuvor ein zweites Mal in Quarantäne. Es ist ein widerliches Virus. Seit dem Wochenende waren die Tests negativ und ich sah kein Problem darin, hinzugehen. Nur kämpfe ich immer noch mit Begleiterscheinungen. Die Lunge ist schlapp, für den Kreislauf so eine Aktion fast ein Höllenritt. Aber ich lasse es mir bei aller Umsicht und Achtung auf mich selbst nicht nehmen, vorsichtig anwesend zu sein. Es war anstrengend, mitsingen nur phasenweise möglich, aber lohnenswert.

PPPS: Es gelten ja keinerlei Regeln mehr für den Einlass. Eine freiwillige Handhabung von 2G oder 2G+ mit tagesaktuellem Test fände ich dennoch sehr sinnig. Ich habe jetzt zwei Mal erfahren müssen, wie dreckig dieses Virus ist und wie stark es dem Körper schaden kann. Ich wünsche mir, dass viele Clubs das zum Schutz ihres Publikums und der KünstlerInnen so handhaben.


Freitag, 1. April 2022

KW 13, 2022: Die luserlounge selektiert

Quelle: spreadshirt.de
(sb/ms) Es sind harte Zeiten. Zweifelsohne. Doch, dass es so weit kommen konnte, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausdenken können. Dass diese Tage und Wochen das scheinbar Unmögliche möglich machen. Es dauerte zwar nur sehr kurz, dennoch war ich von meinem eigenen Handeln zutiefst erschrocken.
Es geschah am Dienstagabend und ich bin wenigstens ein wenig erleichtert zu wissen, woran es lag. Eine zweite Covid-Infektion (trotz maximalem Impfschutz) rafft mich dahin, ist punktuell intensiver als letztes Frühjahr. Ja, das darf keine Entschuldigung sein, muss aber herhalten. Dienstagabend also. Nachdem der Tag mit Vegetieren, Berieseln und viel Heißgetränkeaufnahme gestaltet wurde, geschah es am Abend. Es war viertel nach neun. Es gab noch einen kleinen, frischen Snack, um den Frischemangel auszugleichen. Ja, in Quarantäne kann man sich wahnsinnig ungesund ernähren, aber egal. Von Zauberhand muss es geschehen sein. Das Undenkbare. Das Grauen zog anheim. Plötzlich flackerte auf meinem Bildschirm eine orangene gegen eine schwarze Mannschaft. Da habe ich die ganze EM letztes Jahr sehr erfolgreich boykottiert, und nun ziehe ich mir das für 13 Minuten rein. Ein Trauerfall. Tiefpunkt 1: Die Szene an sich. Tiefpunkt 2: Der Kommentator meint, es sei ein Freundschaftsspiel. Die Scham vor mir selbst steigt. Tiefpunkt 3: Ein gewisser Thomas M. schießt ein Tor. Man sollte es ihm direkt wieder aberkennen. Aus Dummheit. Und das Spiel 10:0 für den Gegner werten. Wer so etwas von sich gibt, sollte nicht im Profisport agieren. Nein, Profisportler müssen keine Intellektuellen sein, wie auch?! Doch diese abartig überbezahlten Menschen haben ja wirklich ausreichend Zeit, um sich zu informieren. Und dann kommt der mit Whataboutism... Zum Glück war Halbzeit und das 13-Minuten-Experiment fix wieder beendet...

Dieses Experiment hier dauert schon recht lang an. Und es geht auf. Oder?

Luksan Wunder
(ms) Internethumor ist ja so eine Sache. Memes zum Beispiel verstehe ich zum Großteil gar nicht. Also sie sind oft wenig witzig und auch wenig originell. Für so Seiten wie 9gag (gibt's das noch?) fehlte mir auch immer schon das Verständnis. Bei wirklich gutem Spaß, der (lange Zeit) nur im Netz zu sehen war, landete ich immer wieder auf dem YouTube-Kanal Luksan Wunder. Also echt, das finde ich extrem witzig. Es fing an mi den Clips zu 'Korrekte Aussprache', wo ich lachend auf dem Boden lag, es folgten die super guten 'Literal Videos' und wenn der Nussknacker zum Bauschaumausfuger bei den 'Life Hacks' wird, bin ich platt. Das ist mein Humor. Dass das Kollektiv mit dem Supernamen auch einen Podcast war mir unbekannt, aber auch wenig verwunderlich. Darin gibt es immer wieder eigene Lieder zu hören. Die werden nun auf einem Album zu hören sein. Von 0 Bis 18 heißt es und Ich Hab Sie Gern kann ab heute gehört werden. Das ist natürlich herrlich klamaukig und könnte sogar musikalisch eine wundervolle Kurzweil sein!


No King. No Crown.
(sb) Juhu, da kommt Freude auf! Endlich wieder ein Lebenszeichen von unseren Lieblingsmelancholikern No King. No Crown.! Die Dresdner melden sich mit ihrer Single Never Taught To Treasure zurück und machen das, was sie am besten können: leise Töne anschlagen und in ihrer typischen Unaufdringlichkeit brillieren. Garniert wird der Track durch ein sehenswertes Retro-Video, das sich nahtlos in den Hörgenuss einfügt. Hach, was ist das schön... Bitte mehr davon!
 

 
Bipolar Feminin
(ms) Darauf habe ich mich richtig doll gefreut! Es ist so leidenschaftlich, überzeugend und schön. Ehrlich, aufrecht, wütend und nochmal leidenschaftlich. Das mag ja immer etwas pathetisch klingen, aber wenn Leni Ulrich ins Mikro singt, brüllt, schwelgt, skandiert, dann muss da genauso viel Herz wie Wut und Können drin stecken. Ihre Band Bipolar Feminin veröffentlicht heute ihre erste EP Piccolo Family. Der Titel ein wunderbarer Verhörer auf den Bandnamen in bester Axel Hacke-Manier. Über zwei Jahre hinweg sammelten sich Ideen, Melodien und Texte zu Liedern zusammen, die nun erstmalig gemeinsam zu hören sind. Das ist von der Einstellung her auf jeden Fall Punk, es könnte gar nichts anderes sein. Klanglich ist es Gitarrenrock mit mal melancholischen und poppigen Nuancen. In allen sechs Stücken steckt ganz viel Kraft. Kraft in Liederform die ganz nah am Menschen sind. Und dadurch super gut zugänglich. Würde ich nicht im hohen Norden, sondern in Österreich wohnen, würde ich sofort versuchen, alle dieser Tourtermine wahrzunehmen. Das müssten beeindruckende Abende werden! Davon bin ich fest überzeugt! Ich wünsche mir und der Band sehr, dass diese EP erst der Beginn einer ziemlich atemberaubenden Reise wird. So wie Bipolar Feminin Musik machen, schließen sie genau die Lücke, die die (neue) österreichische Musik noch hat. Prollig (Bilderbuch), süffig (Wanda), poppig (Olympique) und schräg (Voodoo Jürgens) gibt's schon, jetzt kommt direkt und zornig dazu! Stark!

 
Damokles
(sb) Es gibt ja so Tracks, die wahnsinnig oft gecovert werden. Dazu gehört auch A Forest von The Cure. Und tatsächlich taugt mir jede einzelne Version des Songs, die ich bisher gehört habe, u.a. von Waltari und British Sea Power. Nun haben sich Damokles des Klassikers angenommen und verleihen ihm einen neuen Anstrich. Die Norweger sind im Bereich Indie bzw. Post-Hardcore verankert und geben ordentlich Gas. Leider hat es das Cover nicht aufs Album Nights Come Alive (VÖ: 31.03.) geschafft - es wäre dem dennoch hörenwerten Longplayer bestens zu Gesicht gestanden!



Christine Schörkhuber & Zorka Wollny
(ms) Je länger ich mich mit Musik beschäftige, desto mehr Fragen tauchen auf. Verunsicherungen. Backgroundchecks meiner selbst. Die Grundfesten. Fast wöchentlich habe ich mich Genrebezeichnungen zu knabbern. Jetzt werden die Kreise noch größer. Und folgende Frage stellt sich: Wo sind die Grenzen von Musik? Was definiert sie? Ton? Melodie? Komposition? Der reine Gedanke, dass es Musik sein kann, ohne sie definieren zu müssen? Sind Musik und Hörspiel das gleiche? Können sie es sein? Sind Musik und Performance das gleiche? Können sie es sein? Mit Lullabies To Wake Up von Christine Schörkhuber und Zorka Wollny stellen sich mir genau diese Fragen. Anfang des Jahres veröffentlichten sie dieses Album, das aus zwei Teilen besteht, gut 28 Minuten Spielzeit hat und einem klaren Konzept zugrunde liegt. Mit 50 Personen aus mehreren Länden haben sie sich die Frage gestellt, was uns vor dem Einschlafen bewegt, welche Gedanken, Sorgen, Wünsche. Diese wurden aufgenommen. Als Spoken Word-Beiträge und als chorische Aufnahmen sind sie zu hören. Das ist schon beeindruckend, auch beengend, sehr nah und dicht. Die vielen Fragen um Ängste und Identität werden nicht beantwortet, wie soll es auch vor dem Schlafen funktionieren? Im Hintergrund sind Klänge zu hören, das meiste musikalische trägt der Chor. Oft singt er wortlose Melodien, häufig wiederholt er eben jene Fragen.
Das lässt mich irgendwie ziemlich ratlos zurück. Das ist große Kunst zwischen Philosophie und Klang. Hören kann man das nicht nebenbei, dafür ist es zu komplex. Vielmehr sind es Anregungen zum Denken. Am besten könnte ich es mir als Darstellung im Theater vorstellen. Dann würde die ganze Wucht und der kreativ-künstlerische Ansatz vielleicht am besten rüberkommen.

 
Eamon McGrath
(sb) Fangen wir mal auf der persönlichen Ebene an: Eamon McGrath ist ein super Typ! Ich hatte die Möglichkeit, den Kanadier mal am Rande eines seiner Konzerte kennenzulernen und finde es wirklich bewundernswert, wie er sein Künstlerleben trotz kommerziell überschaubaren Erfolgs durchzieht und seinen Traum lebt. Ich mein, gebt Euch das: Der Kerl macht seit 2006 Musik, Charterfolge sind weit und breit keine zu finden - und dennoch tourt er regelmäßig durch Europa und beehrt dort winzige Clubs mit seinen wunderbaren Auftritten. Demnächst ist er auch wieder unterwegs und bringt sein aktuelles Album Bells Of Hope auf die Bühne, das zwar nicht ganz an die überragende Scheibe Guts (2019) heranreicht, aber dennoch herausragende Texte zu bieten hat und musikalisch zu gefallen weiß. Schaut Euch das an, es lohnt sich!
 
07.04. Burghausen (D), Mathilda
08.04. Wien, The Loft
09.04. Salzurg (A), NarrenCastl
10.04. Feldbach (A), Café GLAM
12.04. Klagenfurt (A), Wohnzimmer
13.04. München (D), Frisches Bier
14.04. Sankt Wendel (D), JJ's Pub
16.04. Dortmund (D), Atelier Schreinerei
20.04. Bonn (D), Namenlos
21.04. Kassel (D), Mutter
22.04. Berlin (D), Artliners
25.04. Mainz (D), Kulturcafé
 

 
Philipp Makolies
(sb) Philipp Makolies? Wer ist das denn? Nie gehört? Kann gut sein, aber ein Unbekannter ist der Musiker nun wirklich nicht! Er war bei Polarkreis 18, ist Live-Gitarrist beim großartigen Enno Bunger,  musiziert in den Bands Makk und Lestat Vermon und ist zudem als Produzent (u.a. für No King. No Crown. - siehe oben!) tätig.. Sein bekanntestes Projekt sind vermutlich jedoch die Woods Of Birman und ja, wir mögen sie sehr! Nun veröffentlichte der Dresdner mit It Comes And Goes (VÖ: 25.03.) sein erstes Soloalbum und offenbart ein weitere wunderbare Facette seines Könnens. Grandioses Songwriting, eingängige Folk-Elemente, aber auch elektronische Passagen und zielsichere Samples - das Eine fügt sich ins Andere und ergibt ein stimmiges Gesamtbild, das über die gesamte Laufzeit hinweg begeistert. Philipp Makolies? Philipp Makolies! Merkt Euch den Namen gefälligst!
 
 
Yann Thiersen
(ms) Manch MusikerIn lässt diese eine, ganz bestimmte Assoziation niemals los. Bei Yann Thiersen dürfte ich nicht der einzige sein, der da einen ganz bestimmten Film vor Augen hat. Zum Glück tut der Pianist alles dafür, sein Können auch auf allen anderen Ebenen zu zeigen. Wie facettenreich seine Kreativität und mutig sein innovativen Arragements sind zeigte er zuletzt im vergangenen Jahr auf seinem Album Kerber. Dass es Anfang Juni bereits ein neues Werk gibt, lässt staunen. Ähnlich wie sein Kollege Ólafur Arnalds nutzt der Franzose für 11 5 18 2 5 18, so der etwas kryptische Name der Platte, Samples, die dann fast alleine Musik erzeugen und zart bis wuchtig elektronisch zuschlagen. Die Leichtigkeit seiner Kreativität ist dabei schon vorab in jedem Takt zu hören und beschwingt, während es draußen unerwartet friert und schneit.


Angel Olsen
(ms) Es sind bestimmt die härtesten Zeiten, die die größte kreative Energie freisetzen kann. Wenn Freude auf Schicksalsschläge auf Talent trifft, gibt es ungeheuer viel zu verarbeiten, aufzuschreiben, loszuwerden. So geschehen bei Angel Olsen. Kaum hat sie die ganze Facette ihres Begehrens kennengelernt und den Mut aufgebracht, dies ihren Eltern zu berichten, sind beide nacheinander verstorben. Komplett verliebt und am Boden zerstört. Was für ein grauenhafter Mix. Ein Glück, dass die Musikerin genau das richtige Ventil dafür hat: Musik machen, Texte schreiben, Melodien festhalten und umsetzen. So erscheint am 3. Juni ihr neues Album Big Time. Treffend ausgedrückt. Selbstredend gibt es dazu den passenden Vorboten. All The Good Times ist seit dieser Woche zu hören und sehen. Vor all den schönen neuen Liebeskapiteln musste sie die alten erstmal verarbeiten und schließen. Das tut sie mir diesem Stück recht umfänglich und sanft mit der Frage: Wie wollen wir uns am Ende einer Beziehung aneinander erinnern? Es könnte also wieder ein ziemlich tolles Album der Amerikanerin geben im Sommer. Später im Jahr kommt sie für drei Konzerte hier vorbei:

04.10.2022 - München, Freiheitshalle
07.10.2022 - Berlin, Huxleys
13.10.2022 - Köln, Gloria


Sofia Portanet & Chilly Gonzales
(ms) Für gute Veröffentlichungsstrategien habe ich eine Schwäche. Denn ich bin immer wieder ziemlich überrascht, wie viele Lieder einzelne Bands oder MusikerInnen weit vor Release raushauen. Wo bleibt der Zauber der Überraschung? Wo bleibt die Neugier, ein Album als komplettes Kunstwerk zu entdecken, wenn ich Monate vorher schon die Hälfte der Lieder kenne?! Ob sich Sofia Portanet das auch dachte, weiß ich nicht. Dieses Jahr soll es ein neues Album geben, Zeitpunkt und Name unbekannt. Sehr gut. Bislang gibt es auch nur einen neuen Song zu hören. Auch sehr gut. Bereits im November erschien Real Face und ich habe mich direkt verliebt. Zurecht, meines Erachtens. Und statt jetzt weiter Neues raus zu hauen, gibt es erstmal eine neue Version dieses Stücks. Zusammen mit dem wohl bekanntesten Pianisten der popkulutrellen Sphäre, Chilly Gonzales, hat sie in einem One Take das Lied mit Klavierbegleitung aufgenommen! Diese Reduzierung bringt den Kern des Stücks auf ein ganz neues, pures Level. Das ist super gelungen. Klar, das Original besticht durch sein sehr gutes poppiges Arrangement, diese Neubearbeitung zeigt das wahre Gesicht von Real Face, die Zerbrechlichkeit und das alles okay ist, wie wir sind.