Freitag, 17. August 2018

KW 33, 2018: Die luserlounge selektiert!

33taps.com
(ms/sb) Ab wann findet man ein Festival für sich ganz persönlich zu groß, wann hat es eine Dimension erlangt, die einem suggeriert: Bis hier hin war es richtig schön, aber es wartet etwas Neues auf dich! Über den Besuch beim diesjährigen Open Flair haben wir berichtet. Letztes Jahr war ich beim Deichbrand Festival an der Nordsee und da sind mittlerweile auch 60.000 Leute, beim Open Flair nur 25.000. Beides ist mir zu groß. Beides ist mir zu viel. Zu viel Halligalli, zu viel Festivaltourismus, zu wenig Wertschätzung der guten Musik gegenüber. Daher schleicht sich mittlerweile das Gefühl ein, dass kleinere Festivals verlockender sind. Parallel zum OF findet zum Beispiel das sagenumwobene Haldern Pop in Rees statt. Ein Pilgerort. Oder: Das wunderbare Appletree Garden. Oder das Immergut. Oder das Orange Blossom Special. Oder mal ins Ausland fahren. Zum Iceland Airwaves... Oder man zieht das Festival ganz anders auf und veranstaltet über Wochen hinweg Konzerte, wie es beispielsweise beim großartigen Poolbar in Feldkirch (AUT) der Fall ist - da fällt mir gerade ein: ich schulde Euch noch einen Bericht zu Faber...
Bis dahin wird natürlich freitäglich selektiert. Ab geht's:

Death Cab For Cutie
Ja, man weiß, was man bekommt, wenn man zu Death Cab For Cutie greift. Für große Überraschungen sind die Herren um Ben Gibbard nun wirklich nicht gerade bekannt und auch das heute erscheindende Album Thank You For Today reiht sich nahtlos in die Riege der bisherigen Longplayer der Band aus Seattle ein. Musikalisch also wenig Neues, aber zumindest textlich ist eine Weiterentwicklung zu erkennen: wo früher eher die Emotionen von Teenagern angesprochen wurden, drehen sich die Songs heute beispielweise um Gentrifizierung oder den Verlust nahestehender Menschen. Insgesamt in bester DCFC-Manier ein Album, das man bestens nebenher anhören kann und das durchaus unterhaltsam ist, aber leider wenig wirkliche Höhepunkte bietet. Dann doch lieber zum Klassiker Plans (2005) greifen und in Erinnerungen schwelgen...



Chefket
Bereits vor Wochen hatten wir Euch Gel Keyfim Gel (feat. Marsimoto) hier in der luserlounge vorgestellt und waren sehr angetan. Nun legt Chefket nach und veröffentlicht heute mit Alles Liebe (Nach Dem Ende Des Kampfes) sein mittlerweile drittes Album vor. Wie gehabt hat es Şefket Dirican dabei gar nicht nötig, in dumme Plattitüden zu verfallen, sondern hat die Zeit seit seinem Top 10-Album Nachtmensch (2015) dafür genutzt, sich Gedanken über das Zwischenmenschliche zu machen und dies ein positives Gewand zu packen. Es ist nicht so, dass mir da jetzt jeder einzelne Track taugt (Sowieso nervt mich zum Beispiel kolossal), aber insgesamt überzeugt das Album ungemein und dürfte Chefkets Position im deutschen Hip Hop-Business weiter manifestieren.


Hilltop Hoods
Wir müssen nochmal oben und beim letzten Posting anschließen: das Open Flair. Die Macher, Booker, Veranstalter haben seit jeher ein feinfühliges Händchen, um ein sehr ausgewogenes und vielseitiges Line-Up zu gestalten. So überraschten mich an diesem Sonntag die Hilltop Hoods. Eine Rap-Combo aus Australien, wo die allem Anschein nach eine große Nummer sind. Diesen Sommer hat es sie nach Europa verschlagen und ich bin sehr froh drum, sie mir angesehen zu haben. Zwei MCs und ein DJ bilden den Kern, live wurden sie ergänzt durch ein Schlagzeug. Sie hatten kein Banner dabei, keine Deko, nur ihre Stimmen und diese unglaublich tollen Beats. Live ist das noch eine deutliche Spur geiler als die Studioversionen, reinhören ist jedoch Pflicht:

Donnerstag, 16. August 2018

Live: Open Flair 2018

Trailerpark am Donnerstag Abend. Foto: luserlounge
(ms) Das Wochenende ist lange vorbei und hallt immer noch gewaltig nach. Es war das Open Flair. Mit all seiner Macht aus Hessen raus in die Welt. Für mich persönlich war es der achte Besuch dieses wunderbaren Festivals und es hat sich erneut gelohnt. Da aus Altersgründen nicht mehr partytauglich für den großen Campingplatz, konnten wir entspannt am Donnerstag anreisen, sodass ab diesem Zeitpunkt Eindrücke und Geschichten festgehalten werden konnten. Hier ein Best of:

  • Trailerpark sind einfach großer, riesengroßer Rotz. Da kann man nichts schön reden.
  • Mad Caddies waren seltsamerweise etwas langweilig, oder lag es an der Uhrzeit?
  • Pfandbecher für 2€? Eine guter Grund sie wieder zurück zu geben. Viva con Agua hätte sich bestimmt eher über die 1€-Marke gefreut.
  • Alter Kaffee war eine ganz hervorragende Überraschung auf der Hofbühne, super sympathisch!
  • Friedemann Weise hat einen erstklassigen Humor und weiß, wie man das Publikum anständig beleidigt. Das kann Linus Volkmann auch mit der Lesung "19 Gründe, warum ich Festivals hasse". Top Kleinkunstprogramm, Hut ab, Open Flair!
  • Riesen Andrang bei der Antilopen Gang! Hätte ich so nicht erwartet. Die könnten locker den Slot von In Flames nutzen. Super auch ein Solo-Song von Danger Dan!
  • Goldroger hat das E-Werk sauber eingeheizt, spitzenmäßiger Auftritt!
  • Kraftklub ist doof.
  • Talco hingegen ein Garantie für sanften Pogo und einen wilden Tanz nachts um halb eins.
  • Genauso wie bei Schandmaul. Direkt wieder wie 17 gefühlt, war stark.
  • Drangsal nimmt man es nicht krumm, wenn er "1000 Mal Berührt" covert!
  • Schon super, wenn hintereinander Faber und Wanda spielen. Da weiß man gar nicht, wann man Bier holen soll.
  • Marteria hat erneut bewiesen, dass er live große Klasse ist. Das Feature mit Casper, die ganze PR und so hätte nicht sein gemusst, da das gemeinsame Album höchstwahrscheinlich Schrott sein wird. 
  • Feine Sahne Fischfilet sind ein Phänomen. Das aktuelle Album ist ebenfalls Schrott, aber live sind sie eine Macht. Man kauft den guten Gewissens alles ab. Insbesondere, wenn die einen Nightliner mit Freunden mitnehmen. Starke Geste, starke Ansage: "Der Deko-Wichser kommt jetzt auch auf die Bühne." Monchi, du Held!
  • Wodka-O ist das neue Bier zum wach werden!
  • Der Typ vom veganen Chili sin Carne-Stand ist ein Titan!
  • Die Essensauswahl auf dem Seebühnengelände ließ zu Wünschen übrig.
  • Der Apfelwein-Stand auf dem Hauptgelände hat Dank uns einen guten Umsatz gemacht.
  • Wie cool ist eigentlich die große Spielwiese für Kinder und die, die es noch gern wären?
  • Wie cool ist eigentlich die Gänsekapelle?
  • Wie cool sind eigentlich die Securities? Aber das wissen die selbst am besten. Gute Menschen!
  • Das Finale aus Editors, Fatoni und den Beatsteaks war große Klasse.
  • Hut ab für die Editors, die wussten, dass sie nicht so richtig ins Line-Up passen und dennoch ein wunderbares Konzert gespielt haben.
  • Absolute Überraschung und absoluter Höhepunkt: Hilltop Hoods. Wie cool kann Rap eigentlich sein?!
Fick die Uni. Antilopen Gang. Foto: luserlounge

Freitag, 10. August 2018

KW 32, 2018: Die luserlounge selektiert!

Quelle: steamcommunity.com
(ms/sb) Ja, wir sind diese Woche alle geschmolzen. Die einen mehr, die anderen weniger. In einer schlecht isolierten Dachgeschosswohnung gab es einen kleinen Vorgeschmack auf die Hölle. Aber was solls...
An solchen Tagen spontan bis spät abends am Hafen biertrinkend mit wunderbaren Menschen zu sitzen, das ist dann unbezahlbar. Ein bisschen über Gott und die Welt reden, ein wenig herumspinnen, die Zeit genießen und durchatmen in einem vollen, stressigen Alltag.
Doch nun heißt es: Selektiert!

Art Brut
Es ist eine gewaltige Band und ich kann mich sehr gut an das eine Mal erinnern, als ich sie live gesehen habe. Es war eine Offenbarung, ein wahnsinniger Auftritt. Art Brut. Die rotzigen Gitarren, der schwere Bass, der unverwechselbare Gesang, wenn man es denn wirklich so nennen kann. Lange waren sie von der Bildfläche verschwunden, Eddie Argos hat m.E. in Wien ein bisschen Kunst gemacht, doch jetzt werden wieder verstärkt große Boxen durchgeknallt. Es gibt es neues Lied, es heißt Wham! Bang! Pow! Let's Rock Out! Und nach dem fünften Mal geht's richtig rund: Yeah!



PeterLicht
Wie macht man im individualisierten Indiekosmos auf sich aufmerksam? Es gibt viele verschiedene Strategien. PeterLicht hat es jahrelang mehr oder weniger gut geschafft, sich nicht ablichten zu lassen. Nun weiß man immerhin wie er aussieht, doch sein wahrer Name bleibt m.E. noch ein Rätsel. Ist auch gut so und interessiert ja auch nicht wirklich. Was interessiert ist die Musik, die er macht. Und nachdem ich ihn letztes Jahr noch in Salzburg gesehen habe, ist die Freude auf ein neues Album umso größer. Genau wie bei Art Brut ist das letzte Album sieben Jahre alt. Am 19. Oktober erscheint auf Tapete Records (juhu!) der Nachfolger mit dem Namen Wenn Wir Alle Anders Sind. Und es wird sicher herrlich verschwurbelt! Live gibt's bislang diese Termine:

20.10.2018 Frankfurt – Mousonturm
21.10.2018 München – Feierwerk
22.10.2018 Köln – Gloria
24.10.2018 Hamburg – Kampnagel



Daniel Brandt
Man hört Musik, man fühlt sie auch, nur man kann sie nicht so richtig sehen. Das dachte sich auch eventuell Daniel Brandt, der nicht nur solo sondern auch mit dem Ensemble Brandt Brauer Frick unterwegs ist. Diese Woche hat er sein zweites Soloalbum angekündigt. Es heißt Channels und wird am 12. Oktober auf Erased Tapes erscheinen. Zur ersten Single Flamingo ist ein tolles Video entstanden, das die Instrumente zeigt, die darauf zu hören sind. Sie sind spielbereit, die Band kommt jeden Moment. Doch nicht im Video. Menschen sitzen um die aufgebauten Instrumente und das Lied läuft. Auch das kommende Werk wird sicherlich nicht leicht zugänglich sein, doch in der ersten Auskopplung entpuppt sich die Schönheit beim zweiten Durchhören:



Das Paradies
Gleiche Frage wie oben: Wie schafft man es im individualisierten Indiekosmos auf sich aufmerksam zu machen? PeterLicht hat die Frage schon beantwortet. Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich einen guten, prägnanten und irgendwie ausgefallenen Namen zu geben. Florian Sievers hat sich sicherlich Gedanken gemacht, als er sein Musikprojekt Das Paradies nannte. Klingt ja auch extrem vielversprechend. Er hat schon Kettcar, Element of Crime und Moritz Krämer supportet. Und das mag ja was heißen. Die Vorschusslorbeeren sind abgefeuert. Im August, am 24., erscheint sein Erstling mit dem Namen Goldene Zukunft auf Grönland Records. Es gibt schon einiges an Vorgeschmack und Live-Daten. Sollte man sich nicht entgehen lassen - vor allem wenn man früher die großartige Band Samba mochte:

11.08. Haldern - Haldern Pop Festival
18.08. Hamburg - MS Dockville Festival
30.08. Dresden - Freilichtbühne der jungen Garde (+ Element of Crime)
31.08. Halle - Freilichtbühne Peißnitz (+ Element of Crime)
01.09. Darmstadt - Golden Leaves
01.09. Köln - C/O POP
07.09. Rostock - IGA Park (+ Element of Crime)
08.09. Magdeburg - Festung Mark (+ Element of Crime)
22.09. Hamburg - Reeperbahn Festival
28.09. Mannheim - Kulturbrücken Jungbusch
29.09. Bremen - Lagerhaus
30.09. Dortmund - Way Back When




Mike Ständer Band
Zwei Menschen, zwei Songs und fertig ist die "Adolf/Alkohol"-EP (VÖ der 7inch am 07.09. bei Middle Ear Recordings) der Mike Ständer Band. Ich muss gestehen, dass mich das Gehörte irgendwie fasziniert: zunächst erscheint das Ganze ziemlich dilettantisch, ist es aber mitnichten. Vielmehr gelingt es dem Duo nicht nur, den Hörer durch seine Texte zum Schmunzeln zu bringen, sondern auch die Passagen zwischen den Zeilen entdecken zu lassen. Muss man nicht mögen, kann man aber, wenn man sich drauf einlässt.



Freitag, 3. August 2018

KW 31, 2018: Die luserlounge selektiert!

smilingldsgirl.com
(ms) Letzten Freitag war ich auf einer Technoparty. Das war die erste Technoparty, auf der ich war. Und es war die vorerst letzte Technoparty, auf der ich war. Denn es war total bizarr.
Und das lag nicht an komplett weggetretenen Menschen, die sich vorher kleine Zaubermittel reingeschmissen haben. Es lag auch nicht an der unterirdisch schlechten Luft in dem sonst ganz ansprechenden Laden in Norddeutschland. Es lag auch nicht an den Preisen für Getränke, denn die waren völlig okay. Es lag auch nicht daran, dass es zwischendurch Wassereis für lau gab, das war ein ziemlich netter Schachzug.
Es lag an der Art und Weise, wie die Leute sich dort versammelt haben und ich weiß nicht, ob das bei Technopartys immer so ist, war ja noch nie auf einer. Man tanzt nämlich nicht miteinander, man tanzt nebeneinander und alle sind auf den DJ fokussiert, schauen ihn an. Was suchen sie dort vorne? Es singt ja niemand, niemand spielt ein Instrument, der Typ dreht an Knöpfen und Schaltern, was ich gar nicht schlecht machen möchte. Nur es gibt halt nichts zu sehen. Wie bei einem religiösen Ritual reihen sich die Leute nebeneinander, schauen nach vorn, anstatt mit schönen Menschen die Zeit zu genießen. Es ist die völlige Individualisierung des Tanzes. Und da habe ich gemerkt, dass ich Musik brauche, zu der man mitsingen kann.
Hier sind ein paar Tipps, die mitsingbar und auf jeden Fall hörbar sind:

Otto Normal
Ihr Album Wieder Wir ist schon erschienen. Doch sie sind weiterhin unermündlich gute Videos daraus auszukoppeln. Das Neuste zum Lied Der Ich Bin ist seit dieser Woche zu sehen. Nach einem feinen feinen Streicher-basierten Intro geht's ab. Und das Genre ist nicht ganz klar. Es ist schon Sprechgesang im Weitesten aber kein originaler HipHop und daher schon mal sehr spannend. Denn Otto Normal agieren als Band und klingen ein wenig so wie Marteria, auch inhaltlich ein wenig. Da es ja noch keinen Sommerhit gibt... wie wäre es hiermit?!
Die Freiburger spielen demnächst hier in der Schweiz:

04.08. CH - Steinhausen, Waldstock Open Air
18.08. CH - Liestal, PFF 18



Bayuk
Es gibt Künstler, auf die stößt man, wenn man so ein wenig gelangweilt auf seiner Timeline unterwegs ist. So ist es mir diese Woche mit Bayuk passiert. Seitdem komme ich davon nicht mehr weg. Es ist der pure Zauber. Leicht melancholisch, aber nie traurig; diese Zeiten sind doch vorbei. Im Mai hat der gebürtige Schwabe und nun Wahlberliner sein Debüt Rage Tapes veröffentlicht und daraus bislang ein paar Lieder als Single ausgekoppelt. Unter anderem ein Song mit dem Namen Haaappiiiiiiiiiiiiinneeeeezz. Das fängt sofort mit Gesang an, auch eine Seltenheit. Ja, Phasen erinnern an Nehmt Abschied Brüder, und wenn Tobias Siebert das produziert hat, ist das nicht mal unwahrscheinlich. Ich hoffe und wünsche Bayuk, dass das noch ganz groß wird! Live hier:

28.08. - Flux FM, Terrassenkonzert
03.09. - Berlin, Privatclub
05.09. - Köln, Wohngemeinschaft
06.09. - Bielefeld, Café Künstlerei
19.09. - Hamburg, Reeperbahn Festival



bergen
Es ist ja schon sehr erstaunlich. Die politischen Irrungen und Wirrungen dieser Tage setzen ja ein erstaunliches Potential an Kreativität und Aufschrei frei. Und bei der Frage, ob man sich als Musiker und Künstler politisch äußern sollte, antworten Protagonisten unterschiedlich. Malakoff Kowalski verneinte das in der letzten Ausgabe der ZEIT, bergen bejahen es und dabei ist ein ganz hervorragendes Lied heraus gekommen! Tellkamp heißt es und behandelt die kruden Äußerungen eben jenen Schriftstellers. Im Song behandeln sie noch andere Begebenheiten aus der Wutstadt Dresden. Ist sehr gut geworden:



Behemoth
Und bevor jetzt wieder jemand einwendet, dass wir in unseren Genres so unbeweglich sind... ach, warte mal... okay, bei Techno ist das so eine Sache... Den Leuten geben wir noch richtig was auf die Ohren, aber ohne DJ, sondern mit der vereinten Kraft des Black Metal. Oder mittlerweile halt Death Metal. Auf jeden Fall ist es brachial. Dabei kommen Behemoth nicht aus Skandinavien, sondern aus Polen. Ihr neuster Streich heißt I Love You At Your Darkest und erscheint am 5. Oktober via Nuclear Blast. Wer bei dem Titel auf gemütliche Wiegenlieder hofft, wird leider enttäuscht. Das Video zum Lied God = Dog beweist das Gegenteil. Kommendes Frühjahr gehen sie mit At The Gates und Wolves In The Throne Room auf Tour. Das ist bestimmt einen Besuch wert:

10.01. - Frankfurt, Batschkapp
11.01. - München, Tonhalle
13.01. - AT-Wien, Arena
15.01. - CH-Zürich, Komplex 457
23.01. - Oberhausen, Turbinenhalle
24.01. - Berlin, Huxleys

Donnerstag, 2. August 2018

Openairgeschichten: Nur eine Band gesehen

Rikas bei der Breminale. Foto: luserlounge
(ms) "Ich war auf'm Festival und habe nicht eine Band live gesehen."

Das ist ein unfassbarer Satz. Unglaublich. Schwer nachvollziehbar. Unverständlich. Man reißt die Augen weit auf. Fragt sich, warum ich diese Person überhaupt kenne.
Warum macht der das? Warum macht die das? Die ganze Zeit Party auf dem Campingplatz? Ist möglich. Aber doch nicht der Grund des Festivalbesuchs. Oder?

All diese Fragen können wir nicht beantworten. Insbesondere nicht für ein (mindestens) dreitägiges Festival. Aber die Frage "Wie kann man bei einem Eintagesfestival nur eine Band sehen?" können wir durchaus beantworten, denn letztes Wochenende auf der Breminale haben wir ungeplant den Feldversuch gemacht.
Dafür gibt es zwei wesentliche Faktoren, die sich am Samstag die Klinke in die Hand gegeben habe. Das ist 1. das Wetter und 2. die richtigen Leute, mit denen man vor Ort ist. Erstaunlicherweise war es nicht die drückende, etwas langweilige Hitze, die so einflussreich war, sondern ein massives Gewitter, das die Weser entlang gezogen ist. Sagenhaft türmten sich die Wolkengebilde auf und hatten kein Erbarmen mit den pilgernden Massen. Das Programm wurde mehrfach unterbrochen oder verschoben, einzelne Acts mussten gar abgesagt werden, da die bespielten Zelte ihre Pforten geschlossen haben.
Zuflucht gab es bei den Ständen, die Essen und Getränke feilboten, auf uns wartete ein großzügiger Baum (ja, wir wissen, dass das gefährlich ist!), der uns ein wenig Schutz gewährte unter seinen langen Ästen und zahlreichen Blättern. Nun musste man erst einmal trocknen. Dann den Hunger stillen. Anschließend noch ein Bier trinken. Und noch einen kleinen Nachschauer aushalten. Ein Kaltgetränk suchen. Dann lernt man Leute kennen. Verquatscht sich, trinkt noch was, plaudert ein wenig, holt sich noch was zu essen. Ach, Eis gab es ja auch noch. Mensch, schnell mal noch aufs Klo und danach noch ein kleines Bier und ach... die sind ja supercool drauf, mit denen unterhalten wir uns erstmal ein wenig, schade, jetzt haben wir De Fofftig Penns verpasst, die ich ja eigentlich gerne mal sehen wollte, und da stand noch ein weiteres Bier, ist ja kaum zu glauben, aber dann schnell rüber, denn da spielt ja noch eine ziemlich gute Band, die nehmen wir für heute noch mit, bis danach unsere Bahn fährt, die uns wieder heim bringt, zwischendurch noch eben was geholt, um die trockenen Kehlen zu befeuchten, dann rein in das volle Zelt und noch astrein zu Rikas getanzt, die mit ihrer funkigen Strandmusik die Beine animieren und unfassbar gute Laune machen, eine Band, die man sich unbedingt merken sollte, deren Lieder sind so kurzweilig, dass das Konzert schon wieder vorbei ist und... ja, der ganze Tag dann auch schon, auf jeden Fall das offizielle Breminale-Programm.

So kommt es vor, dass man nur eine Band sieht.

Mittwoch, 1. August 2018

Ebony Bones - Nephilim

Das knallt. Das Cover!
(ms)  Es gab immer schon ziemlich widerwärtige Gestalten in der Weltgeschichte, die andere wegen ihres vermeintlichen Andersseins ausgrenzen wollten. Ihnen die Rechte nehmen und nicht an der eigenen Gesellschaft teilhaben lassen wollten. Dazu gehört auch der ehemalige britische Parlamentarier Enoch Powell. Man dürfte ihn sicher guten Grundes als rassistisches Arschloch bezeichnen. Er war nicht nur konservativer Hardliner, sondern hatte auch die Idee am 20. April 1968 eine Rede zu halten, die heute als "River of blood"-Rede bekannt ist. Genau, am Geburtsdatum von Hitler im Jahr der Revolutionen und Studentenaufstände. Wesentlicher Inhalt dessen war, dass er vor den Folgen ungebremster Zuwanderung in Großbritannien warnen wollte. Ausgangssituation war ein Gesetz, das die Diskriminierung ethnischer Minderheiten bei der Vergabe von Mietwohnungen für illegal erklärte. Schaut man 2018 in die Medien, könnte genauso so eine Mitteilung von zahlreichen Rechtspopulisten, anderen Politikern und Aktivisten gestern erst gewesen sein.

Auf diese erschreckenden Parallelen macht die Künstlerin Ebony Bones auf ihrem neuen Album Nephilim aufmerksam. Die Bezeichnung Künstlerin ist hier absolut berechtigt, denn ihr Talent und Engagement gehen weit über den Musikkosmos hinaus. Die 35-Jährige ist ausgebildete Schauspielerin, hat lange in TV-Serien mitgespielt (Family Affair), Musik für Moldelabels und deren Kampagnen gemacht, hält bis heute die Strippen um Produktion und Vertrieb ihrer Songs in den eigenen Händen, war eine Studiobekannte von Amy Winehouse und geizt nicht mit extravagantem Auftreten.

Die große Frage lautet jetzt natürlich, wie klingt ihre Musik?
Das Cover und ihr Auftreten mögen vielleicht etwas wie R'n'B assoziieren. Dieser Eindruck trügt jedoch gewaltig! Ebony Bones in ein Genre zu zwängen... dagegen sträubt sich die Londonerin selbst am meisten. Es ist in all seinen Facetten enorm experimentell, macht keinen Halt vor Neuem, der Verbindung mehrerer Stilrichtungen und lässt ihrer Kreativität in der Instrumentalisierung viel Freiraum. Dafür hat sie auf Nephilim mit dem Beijing Philharmonic Orchestra kooperiert. Das gibt direkt im ersten, einminütigen Intro ein mäanderndes Leitmotiv vor, das bezaubert. Allein die Idee eine Melodie - in ihrer Reinform oder variiert - öfter mal auftreten zu lassen ist so herrlich antiquiert, dass es mit Synthies und reichlich Percussion und allerhand anderem elektronisch verstärktem Material noch viel mehr Kraft bildet. Ghrelin Games ist dafür ein großartiges Beispiel: es vereint den orchestralen Sound, paart ihn mit verzerrten Stimmeinlagen und haut elektronische Beats oben drauf. Den Mut muss man erstmal haben. Das macht das Album aber auch nicht unbedingt leicht zugänglich, doch das war sicherlich mitnichten die Intention von Bones.
Um an die Einleitung hier anzuknüpfen: Stimmmaterial von Powell hat sie aufgegriffen und verarbeitet in dem Track No Black In The Union Jack. Darin wird auch kaum gesungen, sondern mit der Aufnahme gespielt. So kann man auch seinen Gegnern die Luft aus den Segeln nehmen.
Dass sie noch mehr zu sagen hat, beweist sie auf Kids Of Coltan. Inhaltlich hochaktuell und wichtig, denn Kinder im Kongo suchen das seltene Material, damit wir auf unseren Handys ungestört chatten, streamen und spielen können. Das ist alles bekannt, doch machen tun wir als Nutzer natürlich auch nichts dagegen. Wichtig, das auch musikalisch verwertet anzusprechen.
Es ist zu sehen: Ebony Bones spielt nicht nur mit der äußeren Erscheinung, sondern ist wesentlich tiefgehender, als der erste Eindruck vielleicht vermitteln mag.
Es funktioniert als Gesamtwerk gut, wenn auch widersprüchlich, denn es ist wenig einheitlich, bricht oft mit dem Klang, dem Tempo, den Musikern, Stimmen, Instrumenten.
Doch macht es das nicht erst hörenswert?
Werden wir nicht zu sehr mit belanglosem Blabla aus dem Radio beschallt?
Es ist lohnenswert, sich darauf einzulassen, auch wenn man vielleicht nicht alles gut findet; verlangt ja auch niemand. Kunst will anstoßen, zum nachdenken anregen und die Konfrontation suchen. Das hat Ebony Bones geschafft!

Nephilim ist am 20. Juli erschienen.