Freitag, 31. August 2018

KW 35, 2018: Die luserlounge selektiert

fictionaltvstations.wikia.com
(ms/sb) Das Konzert kommenden Montag in Chemnitz ist richtig und gut. #wirsindmehr wird ein Riesenevent. Es wird hochspannend sein, in welchem Ausmaß ein paar populäre Musiker eine große Menge an Menschen mobilisieren kann. Und anderen gesellschaftlichen, antirassistischen, humanistischen Gruppen scheint es nicht zu gelingen. Parteien zum Beispiel.
Dass auf dem großen Banner, was die Kundgebung ziert, explizit steht, dass es kostenlos ist, ist jedoch ein Witz. Dieser Hinweis hat darauf nichts zu suchen. Es sollte absolut selbstverständlich sein, dass so ein politischer Auftritt gratis ist. Niemand darf damit Geld verdienen. Und die großen Zugpferde wie Die Toten Hosen, Kraftklub, Marteria und Casper könnten die gesamte Organisation mit Sicherheit aus der Portokasse bezahlen. Nichtsdestotrotz ist es ein gutes, ausrufezeichenbehaftetes Zeichen, dass sich via Facebook (Stand: Donnerstagnacht) schon gut 20.000 Leute angemeldet und 97.000 weitere dafür interessieren. Auch das wird nicht einfach sein für die Polizei. Aber auch das sind ja alles nur Menschen und die bekommen das guten Gewissens hin. Man darf auf Montag höchstgradig gespannt sein!
Bis dahin liefern wir Euch den Soundtrack zum Wochenende:

Small Fires
Hamburg ist eine Perle, eine ganz hervorragende Stadt, die Künstler, Kreative, Tolle, Verrückte anzieht. Seit 2015 sendet die deutsch-britische Band Small Fires aus der Hansestadt herrliche Indiesongs raus in die Welt. Das Lied Backstroke kündigt ihr erstes Album an, das im kommenden Frühjahr erscheinen wird. Es ist intensiv, dicht und herrlich wenig opulent. Denn mit wenigen ausgesuchten und gut beherrschten Mitteln lassen sich auch ganz herausragende Zeilen und Melodien zaubern. Sie haben auch ein tolles Alleinstellungsmerkmal: Ben Galliers ist Sänger und Schlagzeuger in Personalunion. Sehr stark! Nach der Debut-EP One Beautiful Mess folgt dann die erste Langspielplatte! Hier der Vorgeschmack:




Some Sprouts
Blickpunkt Pop-Mastermind Marc Liebscher hat uns ja schon so einige tolle Künstler (Sportfreunde Stiller, Cosmic Casino, Roman Fischer, Fertig, Los! etc.) beschert und nun holt er wieder aus: Some Sprouts aus Regensburg verzaubern uns geradezu mit wunderschöner Popmusik und einer optisch sehr gelungenen Umsetzung ihrer neuen Single Mindcrush (VÖ: heute). Die EP IMMT folgt dann am 19.10. und wer die Oberpfälzer mal live sehen möchte, der hat demnächst ausreichend Möglichkeit dazu - weitere Termine sind in Planung:

05.10.18 Wien, Rhiz
06.10.18 Graz, Orpheum
12.10.18 Zürich, Outinsphere Festival
19.10.18 Regensburg, Degginger
25.10.18 Steyr, Röda
27.10.18 Regensburg, Popkulturfestival
30.10.18 München, Milla
31.10.18 Berlin, Musik & Frieden (tbc)
06.11.18 Hamburg, Molotow Skybar (tbc)
07.11.18 Düsseldorf, The Tube (tbc)
08.11.18 Köln, Stereo Wonderland (tbc)
16.11.18 Zwiesel, Jugendcafé (tbc)
22.11.18 Landshut, Rocket Club (tbc)
23.11.18 Viechtach, Altes Spital





Grzegorz
Als Produzent (z.B. für Kraftklub, K.I.Z. und Prinz Pi) hat Grzegorz Olszowka bereits die ein oder andere Goldene Schallplatte abgeräumt, jetzt greift er auch als Solokünstler an und legt am 26. Oktober sein Debütalbum 33 vor. Was erwartet uns? Aufgedröselte Pop- und Hip Hop-Strukturen treffen auf Alternative und Industrial und bis auf die Drums hat Grzegorz alle Instrumente selber eingespielt. Ein äußerst vielseitiges und interessantes Album, das Genregrenzen sprengt und neugierig auf mehr macht.




Distance Project
Achja, heute ist ja Freitag. Das heißt, dass das Wochenende endlich beginnt. Nicht wenige verbringen es ja in diversen Clubs und Discotheken. Die Frage am Anfang solch eines Besuchs ist dann ja stets, was wo für Musik läuft. Gerade wenn man in einer bunten Gruppe unterwegs ist, einigt man sich dann auf den kleinsten Nenner, 00er Jahre Hits oder sowas. Letztens habe ich hier ein wenig meinen Unmut über Technopartys ausgelassen. Das könnte sich nun mit Distance Project ändern. Dahinter steht Hannes Zellhofer und zugegebenermaßen ist es kein Techno, aber schon sehr starker Trance oder Ambient - tatsächlich kenne ich mich da in den Subgenres nicht so gut aus. Let Go ist kein Cover von Nada Surf, sondern eines der Songs aus seinem bald erscheinenden Album Trail Running Experience. Was im Video besonders zu gefallen weiß, ist, dass man dem Menschen hinter der Musik auf die Finger gucken kann: Super!



Razorlight
Ohne ganz große Namen kommen wir ja auch oft nicht aus. Razorlight gehören in jedem Fall dazu und wussten uns lange Zeit zu elektrisieren. Zehn Jahre waren sie von der Bildfläche verschwunden, eine irre lange Zeit! Haben sie doch den Geist der Zeit geatmet und in den magischen Jahren 2004 bis 2008 drei Alben veröffentlicht, denen der damalige Indiepop in die DNA geschrieben war. Kaum zu glauben, dass sie daran tatsächlich anknüpfen. Denn am 26. Oktober wird ihr neues Werk erscheinen; es wird auf den Namen Olympus Sleeping hören und seit wenigen Tagen sind schon ganze vier Tracks in voller Länge zu genießen: Japanrock gehört unter anderem dazu. Spürt ihr auch die Energie von damals?! Juhuuuu!



Sea Moya
Zum Ende hin wollen wir Euch noch ein wenig hypnotisieren. Den Soundtrack zu dieser kleinen Psychoübung liefern und Sea Moya und kommt ursprünglich aus Mannheim. Dass man da weg will ist nur verständlich und so haben sie sich für die Aufnahmearbeiten ihres anstehenden Erstlings für Montreal entschieden. Sie machen schwer zu beschreibende Musik, die einen frohen Gemütes sehr schnell in ihren Bann zieht. Die Synthies sind einfallsreich, die Percussion verschachtelt und der Gesang teils mehrstimmig. Das sind sehr schmackhafte Zutaten für hohen Musikgenuss. The Long Run ist die erste Auskopplung aus dem Album Falmenta, das am 12. Oktober über Majestic Casual Records erscheinen wird. Könnte sehr sehr geil werden:




Marteria & Casper
Ja, wir mögen Marten und Benjamin sehr gerne, die Soloalben der beiden sind meist ganz großes Kino und jeder für sich hat völlig zurecht seinen Stammplatz auf dem deutschsprachigen Hip Hop-Olymp erklommen. Was sich die beiden Künstler jedoch dabei gedacht haben, als Kollaborationsprojekt so einen Rotz in Albumform (1982, VÖ heute) zu veröffentlichen, wird wohl auf ewig ihr Geheimnis bleiben. Ist das ein Experiment, wie dämlich deutsche Plattenkäufer sind und wie sehr sie nur nach Namen (und nicht nach Qualität) kaufen? Brutal, ist das schlecht! Gerade textlich waren beide noch nie einfalls- und niveauloser als auf diesem Album und man kann nur hoffen, dass sie sich für ihre nächsten Soloscheiben wieder ihrer Stärken besinnen.




The Kooks
Seien wir mal ganz ehrlich: so geil wie zu Zeiten von Inside In/Inside Out werden The Kooks nie wieder sein. Sie waren jung, frisch, unverbraucht, neu und haben dem Brit-Pop und -Rock ihren eigenen, markanten Stempel aufgedrückt. Danach kam immer mehr Durchschnittliches aus Brighton, doch mit ihrem neuen Album Let's Go Sunshine (VÖ: 31.08., also heute) überraschen Luke Pritchard und Kollegen absolut positiv und knüpfen an alte Zeiten an. Die ganz große Magie wird zwar nicht versprüht, der Hörer wird aber 53 Minuten lang bestens unterhalten und darf in Erinnerungen an Ooh La, Naive und Jacky Big Tits schwelgen. Hach, so mag ich das...



Dienstag, 28. August 2018

Justice - Woman Worldwide

Foto: Hector Camacho
(ms) Es muss zwischen 2008 und 2010 gewesen sein. Es war die Hochzeit der richtig innovativen Indiemusik. In kurzen, regelmäßigen Abständen haben zahlreiche Bands aus den elektronischen und gitarrenverstärkten Genres umwerfende Alben veröffentlicht, von deren Magie und Energie man heute immer noch zehrt. Sie werfen einen voller Nostalgie in eine Zeit zurück, die verzaubert und großartig war. Zu dieser Zeit veranstaltete das Visions-Magazin eine Partyreihe in vielen Städten. Darunter war auch Bielefeld. Jeden ersten Freitag im Monat wurde das wunderbare Forum zum Mekka des guten Musikgeschmacks. Erst spielten zwei oder drei Bands und danach wurde getanzt. Da gab es eine Zeit, in der es uns jeden Monat dorthin zog. Für uns Leute aus der Kleinstadt eine irre Geschichte. Eine Phase, in der man viel neue Musik kennengelernt hat und die großen aktuellen Hits abzufeiern wusste.
Viele der Interpreten gibt es heute in der Form nicht mehr wie Bratze. Einige sind richtig groß geworden wie die Editors oder Franz Ferdinand oder The Killers oder The Hives. Andere waren damals schon phantastisch und sind es immer noch, wie Nada Surf. Dann gibt es noch Gruppierungen wie MGMT, die mit Oracular Spectacular ein überirdisches Album herausgebracht haben und danach einfach mies wurden, völlig bedeutungslos für die Indie-Szene.

Und dann gab es noch eine andere Band. Mit einem Remix bekannt zu werden ist zwar etwas billig, aber beweist auch eine gewisse Bauernschläue. Höre ich heute noch We Are Your Friends kann es sein, dass ich für wenige Momente alles um mich herum vergesse. Ein riesen Ding!
2007 begann dann der Siegeszug von Gaspard Augé und Xavier de Rosnay, die sich nun Justice nannten. Erstaunlicherweise haben sie danach innerhalb von zehn Jahren erst drei Studioalben veröffentlicht. † war noch sehr wild, Audio, Video, Disco wurde breiter und Woman blieb aufregend.
Letzte Woche ist nun zum Jubiläum das Mega-Release Woman Woldwide über Caroline erschienen. Es hat sage und schreibe eineinhalb Stunden Spielzeit und ist ein Ritt durch die eigene Bandhistorie.
Für ihre Liveshows haben sie immer schon die eigenen Lieder abgeändert und modifiziert. Sonst ließe sich einem Electronica-Duo live schnell und einfach vorwerfen, dass sie nur ihre Tracks abspielen, wenn sie auf Play drücken. Doch es ist Handwerk, es ist live gespielt. Die frühen Songs durchliefen also seit langer Zeit schon ein Transformationsprozess: Sie wurden größer, breiter, kleiner, schneller, langsamer, wuchtiger, feiner, derber, energischer, bassiger, luftiger, tanzbarer.

Man kommt beim Hören nicht drumherum, dass die gut neunzig Minuten den Adrenalinspiegel in ungeahnte Höhen schießen. Dabei gehen die Lieder ineinander über, es kommt einem vor wie ein Liveset. Nur halt als Studioversion. Clever und brutal. Denn ein tiefer Bass untermauert so gut wie jedes Lied. Und irgendwie ist es den beiden gelungen, das Album dadurch nicht langweilig zu machen. Zu abwechslungsreich sind die Originale, zu innovativ einzelne Hooks. So ist nicht und zugleich alles neu. Bei der Ankündigung um das Album war ich zunächst ein wenig skeptisch, was das denn soll. Nach mehrmaligem durchhören weiß ich genau, welchen Plan Justice damit verfolgt haben. Man kann ohne Probleme innerhalb eines Albums zehn Jahre Bandgeschichte durchlaufen. Und wenn man mehr oder weniger regelmäßig dabei war, erkennt man den Prozess und weiß sich zu den Originalen zurückversetzt: Zurück in die Zukunft!
Dance war damals schon klasse und einer der Tracks, der vielleicht am wenigsten abgeändert wurde. Auch Genesis macht in der neuen Version noch verdammt viel Spaß. Zugegebenermaßen war Stress damals schon ein furchtbar anstrengendes Lied, das mit dem gewaltbereiten Video provoziert hat; eine reine Wucht. Ein richtiges Brett, vor dem man sich hüten muss, ist auch Waters of Nazareth geworden, da knallt der Bass nur vor Energie durch die Decke. Phantom 2 beamt mich dann wiederum zurück ins stickige, paradiesische Bielefelder Forum! Stop bewahrt sich den Ruf als catchiger Hit. Zum Schluss gibt's noch die siebenminütige Essenz im Song DancexSASxFire.

Danach muss man erst einmal durchatmen.
Eine große, kalte Apfelschorle trinken. Oder einen Schnaps.
Woman Worldwide ist eine Wucht, lang und intensiv.
Das Album eignet sich sowohl zum ausdauernden Sporttreiben.
Als auch für den Start in ein nie enden wollendes Wochenende.
Morgens oder nach dem Feierabend sollte man guten Gewissens was anderes hören...
Doch dann schleunigst wieder diese Platte auflegen und laut drehen!





Samstag, 25. August 2018

Ólafur Arnalds - re:member

Foto: Benjamin Hardman
(ms) Wie sieht nun also die Zukunft der Musik aus?
Gehen wir mal davon aus, dass vieles beim Alten bleiben wird: Pop, Punk, Rock, Metal, Electro, Techno, Minimal, Indie, Folk, Rap, Trap, Volksmusik, Schlager etcetcpp. Daran wird sich höchstwahrscheinlich in den kommenden zehn, zwanzig Jahren nichts ändern. Die großen Genres bleiben sich treu, einzelne Subgenres entstehen und werden wieder gehen, so wie es halt immer schon war.
Wie sieht aber die Denkrichtung aus? Was für ein Konzept wird Musik haben? Wie werden die Kreativen, Mutigen, Verrückten dieses Thema angehen? Wo liegen die Grenzen, was ist möglich, was machbar und was wohl abstus? Gibt es ein back to the roots? Werden die Ideen und Möglichkeiten aus der Vergangenheit in die nahe Zukunft projiziert? Gibt es bald wieder mehr Jazz, klassische Instrumentierung?
Beispiel Get Well Soon: Das aktuelle Album The Horror ist eine konzeptionelle Anlehnung an das Werk von Frank Sinatra, eingespielt mit einer Big Band. In den Songs verarbeitet er zum Teil seine Alpträume. Das ist von der Denke schon sehr stark. Das Album ist sehr breit, hat keine wirklichen Hits, ist phasenweise schwer zugänglich und daher kamen die Macher um Konstantin Gropper wohl auf die Idee, die Veröffentlichung mit einer Mini-Serie zu verbinden. Das ist schon ziemlich intensiv.
Beispiel Damon Albarn: Das vierte Album von den Gorillaz hat er komplett auf dem Tablet komponiert, ohne Band, ohne Studio, einfach nur mit diesem zu groß geratenen Smartphone. Und das 2010.
Beispiel Sigur Rós: Diese Woche ist bekannt geworden, dass die Isländer - ja, ich verehre ihre Musik - in Kooperation mit den Magic Leap Studios den Kern ihrer Musik in ein Programm für eine VR-Brille inklusive Sound umgesetzt haben. Das ist schon reichlich abgehoben aber irgendwie auch genial. Mit Bewegung und Gestik kann man in ihre musikalische Welt eintauchen. Die Grundausstattung kostet jedoch 2.300$!

Beispiel: Ólafur Arnalds. Damit sind wir bei seinem neuen Album re:member angekommen, das diesen Freitag (24.08) via Universal erschienen ist. Was hat der junge Pianist zukunftsweisendes getan? Er hat mit einem Freund ein Computerprogramm entwickelt, das sie Stratus genannt haben. Es funktioniert ungefähr so (soweit ich das verstanden habe): Sie haben zwei selbstspielende Klaviere gebaut. Diese sind durch das Programm an den Klang desjenigen Klaviers verbunden, das Arnalds spielt. Der Ausgangston erzeugt durch Stratus variierende Assoziationen bei den beiden Sekundärklavieren. Spielt Arnalds Melodie A, folgt ihm automatisch die zufällige Melodie A+. Spielt er die gleiche Melodie nochmals, wird höchstwahrscheinlich Melodie A# folgen; es unterscheidet sich also. Das ist schon reichlich genial und abgefahren. Hoffentlich wird hier klar, was gemeint es, wenn es um die Frage der Zukunft von Musik geht.
re:member beinhaltet 12 Lieder, die sehr abwechslungsreich sind, wenn auch alle unterschiedlich ruhig. Denn wer das Schaffen von Ólafur Arnalds ein wenig verfolgt hat, weiß, dass er im Bereich der elektronisch angehauchten Klaviermusik beheimatet ist.
Wie klingt nun ein volles Album, das so eine Software nutzt?

Der Start mit dem Opener re:member ist perfekt: Es beginnt mit zarten, sanften Pianotönen, so wie man es auch irgendwie erwartet hat. Dann dauert es nur wenige Takte und man verschwindet in einer neuen, hellen, freundlichen Welt, die sich da durch die Boxen auftut. Kaum auffallend ist es daher, dass plötzlich Streichher zu hören sind und das Klavier pausiert. Bis es schneller wieder einsetzt und sich allmählich eine Melodie herauskristallisiert; Bass ist dann auch vernehmbar. Dann tatsächlich auch Schlagzeug. Wahnsinn, wie sich dieses Lied nach und nach aufbaut, es ist ein warmer, angenehmer Sog, in den man gezogen wird. Hier lässt sich bereits anmerken: Große Klasse!
Mit unfold geht die Reise weiter und wird dominiert von einem Streicherquartett. Es ist der erste Frühlingsspaziergang im Jahr, es taut noch leicht, die Sonne erhellt das grasgrüne Feld und die Luft ist neugeboren frisch. Wo genau SOHN bei diesem Lied mitgeholfen hat, ist nicht bemerkbar; vielleicht beim höchst minimalistischen Gesang. Denn den gibt es auf dem ganzen Album nicht und SOHNs eigene Musik geht doch in eine wesentlich andere Richtung.

Albumcover
saman ist eines der Lieder, die schnell im Kopf bleiben aufgrund der innewohnenden Schönheit und Klarheit. Erstaunlich ist hier nur das höchst abrupte Ende; das war so nicht zu erwarten. Wer weiter aufmerksam weiterhört, wird bemerken, dass dies keine belanglose Nebenbei- und easy-listening-Musik ist. Der Grundton ist ruhig, logisch, aber die Bandbreite darin ist groß. So kann man genüsslich zu inconsist oder undir den Kopf wackeln. Und während they sink ein Intro von den Landleuten Sigur Rós (ja, ich komme nicht davon weg) oder eine Demonstration vom Musikprogramm Stratus sein könnte, so stehen bei partial Sythiesounds im Vordergrund. Langweilig wird es hier in keinem Moment.
re:member ist ein beachtliches Album, das einer Phantasiereise gleicht. Selbst das Hingucker-Cover wurde von dem Programm gestaltet - wie auch immer das funktionieren mag.
Um sich live von seiner Machart und Qualität zu überzeugen, gibt es bald einige Möglichkeiten:

05.10. - Hamburg, Elbphilharmonie (ausverkauft)
06.10. - Dortmund, Konzerthaus
07.10. - Kurhaus, Wiesbaden
08.10. - Ludwigsburg, Forum
10.10. - Leipzig, Gewandhaus
11.10. - Berlin, Tempodrom
15.10. - Linz, Posthof
17.10. - Zürich, Volkshaus



Freitag, 24. August 2018

KW 34, 2018: Die luserlounge selektiert!

fictionaltvstations.wikia.com
(ms/sb) Es ist Zweitausendachtzehn und man fragt sich, warum man noch Musikpreise verleihen soll? Die große und durchaus wichtige Diskussion aus dem letzten Jahr um den Echo wollen wir hier gar nicht nachzeichnen. Gut, dass der weg ist.
Vor zwei Jahren wurde zum ersten Mal der Preis für Popkultur verliehen. Dahinter steht ein gemeinnütziger Verein, dem es nicht um Verkaufszahlen geht, sondern um Können, Talent, Transparenz und gewissermaßen auch um Coolness. Unabhängigkeit steckt ja durchaus in dem Wort Independent drin. Und so ist ja auch ein Großteil der Musik, die wir genießen. Aber auch tolle Aktionen von Böhmermann oder Feine Sahne Fischfilet wurden da bereits ausgezeichnet. Das ist gut. Das richtet ein Blick auf die Menschen hinter der Musik, was sie antreibt, was sie als wichtig erachten. Doch auch die ganz großen im Popgeschäft wie Marteria, Beatsteaks, Beginner oder Casper wurden ausgezeichnet.
Nun ist seit dieser Woche die Shortlist für dieses Jahr bekannt. Nun kann abgestimmt werden. 12 Kategorien stehen zur Auswahl und bei einigen würde es uns auch sehr schwer fallen eine Auswahl zu treffen. Solokünstlerin: Kat Frankie oder Mine? Solokünstler: Get Well Soon oder Drangsal? Lieblingsband: Tocotronic oder Zugezogen Maskulin? Produzent: Markus Ganter oder Tobias fucking Kuhn? Lied: RomCom oder Sommer '89? Newcomer: Das Paradies oder Sam Vance-Law? Ach, die machen es einem aber echt nicht leicht. Zeigt aber auch ein ganz feines Gespür und einen guten Geschmack, der dahinter steht. Sollte man unterstützen. Das kann man auch auf deren Website!
Unterdessen haben wir Euch natürlich auch etwas aus dem großen Musikkosmos rausgesucht:

Praery
Eine EP veröffentlichen, ohne jemals miteinander geprobt zu haben? Geht sehr gut, wie man am Beispiel von Praery erkennen kann! Dass es dazu ein paar erfahrener Musiker bedarf (u.a. Gitarrist Danny Steinmeyer von Findus), versteht sich von selber, das Ergebnis lässt sich aber hören und ist seit 17.08. erhältlich; Livetermine für den Herbst werden bald folgen.



Kaled
Über Kaled hatten wir Euch schon vor ein paar Monaten mal berichtet, jetzt legt der Münchner eine EP mit Remixes und Alternativversionen seines Erfolgshits Kennst mi no nach und hat sich dafür illustre Gäste (z.B. LaBrassBanda und Roger Rekless) eingeladen. Wandlungsfähiger Typ und der Song funktioniert einfach in jeder Fasson.



Hell And High Water
A bisserl amerikanischer Powerpop aus den 70ern, ein Schuss britischer Underground aus den 80ern und zu guter Letzt eine Prise Indie aus den 90ern - fertig ist die Melange, die uns Hell And High Water aus Hamburg auf ihrem Debütalbum Neon Globe (VÖ: 02.11.) servieren. Spült den Gehörgang mal ordentlich durch, erinnert an alte Helden und klingt doch modern. Ja, gefällt mir über weite Strecken sehr gut.



Kafvka
Swiss & Die Andern kennt Ihr ja, ne? Textlich und musikalisch schlagen Kafvka in eine sehr ähnliche Kerbe und gerade die sehr deutliche Auseinandersetzung mit dem Rechtsruck in vielen Teilen der Politik und der Gesellschaft ist nicht nur wichtig, sondern absolut notwendig. Aber wie es halt so ist, wird auch die Fick Dein Volk-EP leider nur diejenigen erreichen, die ohnehin derselben Meinung sind wie die Band.


Clueso
2009 auf dem Open Flair habe ich Clueso das erste Mal live gesehen und hatte - in meiner Erinnerung zumindest - keine großen Erwartungen; bitte nicht schlecht verstehen... Und wurde total positiv überrascht. Es muss am frühen Abend gewesen sein und der Erfurter Jung hat gute Laune verbreitet und tolle Stimmung erzeugt. Zwei Jahre später sah ich ihn beim Deichbrand in Cuxhaven und wurde maßlos enttäuscht: Eine langweilige, nichtssagende Riesenshow als Sonntagsheadliner. Der Auftritt zog einen immer mehr Richtung Bierstand. Für mich persönlich fand Clueso forthin eher im Radio statt und nervte in den letzten Jahren. Jetzt auch noch mit den Fantastischen Vier zusammen: grausam.
Doch Stop! Heute erscheint sein neues, insgesamt achtes Album Handgepäck I. Und dies ist wirklich ein tolles Ding geworden. Es ist mehr oder weniger back to the roots. Oder das was immer schon war. Denn auf den insgesamt 18 Tracks steht die Akustikgitarre im Vordergrund, keine pompöse Studioproduktion, kein Spektakel. Das ist alles wahnsinnig sympathisch und ja, man darf es auch authentisch nennen, auch wenn dieses Wort so ausgelaugt ist. Versammelt haben sich Lieder aus den letzten Jahren, die Clueso auf und neben Tour geschrieben hat, die es auch schon mal live gab und jetzt auf Tonträger. Es ist ruhig, textintensiv, nah. Auch wenn der Interpret für uns Indienerds nicht die Wahl ist, lohnt das Reinhören in jedem Fall! Hier geht er bald auf Tour mit dem wunderbaren Tim Neuhaus, der bei der Produktion nicht nur Instrumente eingespielt hat, sondern selbst als Produzent tätig wurde.
Geheimes Lieblingslied: Die Coverversion von den Puhdys!

01.09.2018 Berlin - Fritz Deutschpoeten
02.09.2018 Dresden - Junge Garde
03.09.2018 Aachen - Kurpark Classix
09.09.2018 Dortmund - Westfalenpark
12.11.2018 Chemnitz - AJZ
13.11.2018 Münster - Skaters Palace
15.11.2018 Magdeburg - AMO
16.11.2018 Leipzig - Haus Auensee
17.11.2018 Rostock - Moya
20.11.2018 Heidelberg - Halle02
23.11.2018 München - Muffathalle
28.11.2018 Hamburg - Große Freiheit 36
29.11.2018 Hannover - Capitol



Dienstag, 21. August 2018

Faber - Live auf dem poolbar Festival

(sb) Zugegebenermaßen liegt das Konzert des großartigen Faber auf dem mindestens genauso tollen poolbar Festival schon wieder eine gefühlte Ewigkeit zurück, aber so ganz ohne Bericht über den Besuch der luserlounge in Feldkirch geht's halt doch nicht. Für mich war es das erste Mal, dass ich Herrn Pollina live gesehen habe, aber vermutlich nicht das letzte Mal, denn was der Schweizer Mittzwanziger da auf die Bühne bringt, ist absolut sehens- und hörenswert.

Los ging es an diesem stürmischen Donnerstag Abend jedoch auf der Außenbühne, wo Jo Stöckholzer vor den ersten Besuchern den Alleinunterhalter gab und sich mehr als nur freundlichen Höflichkeitsapplaus verdiente. Ich glaube ja, dass es ungemein undankbar und unbefriedigend ist, vor einem Haufen Leute auftreten zu müssen, die Dir maximal mit einem Ohr zuhören, sich ansonsten aber ungeniert in voller Lautstärke unterhalten und Dir demonstrativ den Rücken zudrehen. Ja, Jo Stöckholzer ist ein ganz spezieller Typ, wirkt total verschroben (was er aber wahrscheinlich gar nicht ist) und gehört sicher nicht zur Gattung Lautsprecher. Umso erstaunlicher ist es jedoch, was für tolle Songs er schreibt, produziert, aufnimmt und live zum Besten gibt. Das wird kommerziell wohl leider nicht durchstarten, aber die Leidenschaft, mit der der Innsbrucker agiert, ist beneidenswert und beeindruckte auch die wenigen aufmerksamen Zuhörer auf dem poolbar.

Danach wurde das Programm in der Halle fortgesetzt, wo Panda Lux aus Rorschach (Schweiz) als Support von Faber auftraten. Ich hatte bereits im Vorfeld versucht, mich ein wenig in deren Repertoire reinzuhören, wurde aber so gar nicht warm damit. Auch live konnte mich die Band leider nicht überzeugen, zu belanglos erschienen mir die Musik und die Texte. Muss ich nicht nochmal haben. Irgendwie kam das bei mir so an, als haben die damals ne Band gegründet, um halt auch mal auf ner Bühne zu stehen und Mädels abzuschleppen... Mei, kann einem ja nicht alles gefallen, gell?

So, dann aber Faber. Energie, Empathie, Sympathie! 2017 lieferte er mit Sei ein Faber im Wind mein persönliches Lieblingsalbum des Jahres ab, das er mit wenigen Ausnahmen auch in Feldkirch darbot und die ausverkaufte Halle zum Singen, Tanzen und Feiern animierte. Erstaunlicherweise sprang der Funke aber erst recht spät über - ob es am Wechsel ins Schweizerdeutsche lag, den Faber im Laufe seines Auftritts vollzog? "Nix Gnaus woaß  ma ned" würde man in Bayern sagen, aber es war schon auffällig, dass sich Faber die uneingeschränkte Gunst seines Publikums tatsächlich hart erarbeiten musste. Zwischendrin gab es sogar einige Längen, die fast ein wenig nervten. Habt Ihr mal Wanda live gesehen, die ihren Song Ich will Schnaps gerne mal völlig unnötig auf ne knappe Viertelstunde aufblähen? Tja, so wars bei Faber auch, aber dann gings wieder rund und nicht zuletzt durch die ursympathische Kommunikation zwischen den Liedern zog Faber das Publikum immer mehr auf seine Seite. Unzweifelhafter Höhepunkt des Gigs war Tausendfrankenlang von seiner Alles Gute-EP,  bei der wirklich niemand ruhig stehen blieb, sondern die Halle zum Beben brachte. Schon genial, was der Kerl stimmlich aufbietet und mit welch großem Enthusiasmus er auf die Bühne geht - und die neuen Tracks lassen auf ein herausragendes nächstes Album schließen!


Der Kaufmann (rechts) und der sb

Im Publikum fanden sich wenig überraschend auch zahlreiche Besucher aus der nahen Schweiz, u.a. auch Musikerkollege Reto Kaufmann, dessen tolles Debütalbum König vu dr Nacht ich auch schon hier in der luserlounge rezensiert hatte. Was für ein schöner Zufall, ihn hier als Fan erstmals persönlich zu treffen, nachdem wir im April ja schon Fatoni beim Konzert von The Streets in London gesprochen hatten. Schön, sowas.

Bleibt als Wermutstropfen, dass Faber ausgerechnet mein Lieblingslied Bleib Dir nicht treu nicht spielte, aber wie gesagt: ich werde Faber sicher noch öfter live sehen und dann darf er das gerne nachholen.





Montag, 20. August 2018

Kettcar & Fortuna Ehrenfeld im Doppelpack


(mm) Fortuna Ehrenfeld und Kettcar – Freude im doppelten Doppelpack! Mit großen Augen las ich vor einiger Zeit das folgende Zitat in einem luserlounge-Blog: „Dann war es soweit - und ich mache da auch kein Geheimnis draus: für mich das siebte Kettcar-Konzert innerhalb von zwölf Monaten.“ Moment! 7x? Das kann ich ja nicht fassen – und schon gar nicht auf mir sitzen lassen. Zumal ich dieses Jahr schon zwei derartige Veranstaltungen in meinem Kalender zählen durfte und auch schon das Ticket für die nächste an der Pinnwand hing. Glücklicherweise gibt es ja München und das Theatron, die ein kostenloses Kettcar-Konzert offerierten. Und wie der Zufall es will? Mein Konzert Nummer 3 und besagtes Theatron-Konzert fanden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen statt. Kurz und gut – doppelte Kettcar-Ladung an diesem Wochenende. Ha, luserlounge, damit habt ihr nicht gerechnet! 

Los ging die fröhliche Sause am Donnerstagabend in Dornbirn. Das Conrad Sohm – wer es nicht kennt, der hat was verpasst. Klein, gemütlich und abgerockt, geniale Kulisse für ein Konzert der besonderen Art. Übermotiviert wie ich bin, war ich mit meiner Freundin schon 10 Minuten vor Einlass da – da waren grad mal 5 Autos auf dem Parkplatz. Fortuna Ehrenfeld liefen vorüber – frisch gebadet, winkten fröhlich und wir warteten auf den Start. Sehr viel voller sollte es an dem Abend auch nicht werden; das Conrad Sohm kann ca. 500 Leute aufnehmen, es waren vielleicht 300 da, die sich aber anfangs eher draußen aufhielten als bei der Vorband. Schade, aber nun gut.
Dann war es soweit. Ich hatte Fortuna Ehrenfeld im Januar schon in München gesehen und war ja ehrlich gesagt unbegeistert. Ich behaupte jetzt einfach, es lag damals an der dritten Reihe. Diesmal waren wir einen gefühlten halben Meter (und tatsächlich 1m) von der Band weg und ich muss sagen, es hat mir gefallen. Tanzbar, streckenweise sogar mitsingbarer Text, auch wenn man die Lieder nicht kennt, und eine kongeniale Kombo auf der Bühne, die mitzureißen versteht. Macht definitiv Lust auf mehr. „Mit nem Kopfsprung in ein…“ Marenherz! Das haben sie geschafft! 

Aber dann: Umbau. Warten. Und Bäm! Kettcar betreten die Bühne und der Raum füllt sich doch noch zu zwei Dritteln. Nach wie vor schade, dass es hier nicht voll wird, aber es hat seine Vorteile. Warm war es eh schon genug und wir hatten Platz uns zu bewegen. Das Set – keine Überraschung mehr, wenn man in München und Ravensburg war und trotzdem hat jedes Lied seine Daseinsberechtigung und reißt mit. Wir tanzten zur „Wagenburg“ und „Sommer 89“, wiegten uns zu „Balu“ und machten auch vor einem 2-Frau-Mini-Pogo bei „Kein Außen mehr“ und „Landungsbrücken“ nicht halt. Resultat: Durchgeschwitzt, aber megaglücklich machten wir uns auf den Heimweg. Und ich mit der Vorfreude im Kopf, dass es ja morgen weitergeht

Also…fast forward…. Schlafen, aufstehen, Arbeit, Auto. München! Diesmal später dran und trotzdem nicht zu spät. Plätze finden im Theatron ist beliebig schwierig, wenn schon fast alle Sitzplätze belegt sind oder zumindest mal reserviert. Hinweisschild „Während des Konzerts bitte sitzen“. Was??? Kettcar? Sitzen? No way. Zum Glück gab es vor der Bühne noch einen kleinen Stehbereich und aufgeregt wie ich war, hab ich meine Freundin wahrscheinlich etwas wuschig gemacht, weil ich unbedingt dort hin wollte. Also zack. Ab wieder erste Reihe vor der Bühne und dann kamen auch schon Fortuna Ehrenfeld. Und was soll ich sagen: War ich gestern angetan, war ich heute begeistert. Ich glaube, das ist eine Band, die ich öfter hören muss, um sie zu mögen. Diesmal war es endgültig geschafft. Das „Glitzerschwein“ geht mir seit nunmehr 2 Tagen nicht mehr aus dem Kopf. Und sie sind ursympathisch. Neben mir ein Vater mit kleiner Tochter…. „Papa, warum kannst du alles mitsingen?“ und ein selig grinsender Papa. Die kleine wanderte dann kurzerhand auf die Schultern und bekam dann von Martin auch noch DIE Federboa geschenkt. Wahnsinnig toll. Und natürlich darf auch das „Hundeherz“ nicht fehlen. Als dann der „Werbeblock“ kam wurden nicht nur CDs, sondern auch das außergewöhnliche Liederbuch zu „Hey sexy“, dem 2. Album von Fortuna von Sänger Martin beworben. Und schneller als ich gucken konnte, kam er an den Bühnenrand und drückte mir ein Exemplar in die Hand. Sie hatten mich also in Erinnerung behalten…. 

Leider war dieser Teil dann auch schon wieder sehr schnell vorbei und wie am Vorabend: Umbau. Warten. Und Bäm! Kettcar. Die Setlist hatte sich nicht wirklich verändert, einzig der „Balkon gegenüber“ kam dazu, dafür konnten sie zum Schluss nicht mehr „Den Revolver entsichern“. Tat dem ganzen natürlich keinen Abbruch, denn es hat genauso viel Spaß gemacht, wie die letzten 3 Male. Markus hatte seine sympatischen Texthänger, Fieten drosch auf das Drumset ein, dass es knallte, Reimer erzählte von Dosenbier, Mutti und den Sportfreunden Stiller, Erik und Lars zurückhaltend und doch energetisch unterwegs. Und selbst die Sitzenden haben isch bei „Der Tag wird kommen“ erhoben und durch eine einfache Armbewegung eine einmalige Gänsehautkulisse geschaffen. Kurz und gut: Diese Band ist einfach ein Traum. Und hier muss ich meine Freundin zitieren, die sie in Dornbirn das erste Mal live gesehen hat: „Die Alben sind super, aber live gehen die einfach nochmal extrem ab“. Und was soll ich sagen – ja, so ist es. Ich glaube, man muss den Leser der luserlounge nicht mehr überzeugen, dass Kettcar es live einfach draufhaben. Man wird nie enttäuscht. 

Umso schöner, dass Fortuna Ehrenfeld mich nun überzeugen konnten. Ich möchte gern noch sehr viel mehr von ihnen hören, ich würde mich auch freuen, wenn das nächste Album nicht nur eine Eigenkomposition von Martin Bechler wird, sondern das gesamte Bühnentrio zu hören wäre. 

Fazit: Ein genialer Start in ein Wochenende, wie man ihn sich nicht besser vorstellen kann: Zwei Konzerte hintereinander, Gespräche mit den Künstlern beim Merch und neben der Bühne, ein Liederbuch mit Autogrammen von Fortuna Ehrenfeld, ein Plektrum von Reimer, die Setlist vom Freitag und tausend schöne Erinnerungen an zwei Abende voller Glück. Ich warte auf baldige Wiederholung! 





Freitag, 17. August 2018

KW 33, 2018: Die luserlounge selektiert!

33taps.com
(ms/sb) Ab wann findet man ein Festival für sich ganz persönlich zu groß, wann hat es eine Dimension erlangt, die einem suggeriert: Bis hier hin war es richtig schön, aber es wartet etwas Neues auf dich! Über den Besuch beim diesjährigen Open Flair haben wir berichtet. Letztes Jahr war ich beim Deichbrand Festival an der Nordsee und da sind mittlerweile auch 60.000 Leute, beim Open Flair nur 25.000. Beides ist mir zu groß. Beides ist mir zu viel. Zu viel Halligalli, zu viel Festivaltourismus, zu wenig Wertschätzung der guten Musik gegenüber. Daher schleicht sich mittlerweile das Gefühl ein, dass kleinere Festivals verlockender sind. Parallel zum OF findet zum Beispiel das sagenumwobene Haldern Pop in Rees statt. Ein Pilgerort. Oder: Das wunderbare Appletree Garden. Oder das Immergut. Oder das Orange Blossom Special. Oder mal ins Ausland fahren. Zum Iceland Airwaves... Oder man zieht das Festival ganz anders auf und veranstaltet über Wochen hinweg Konzerte, wie es beispielsweise beim großartigen Poolbar in Feldkirch (AUT) der Fall ist - da fällt mir gerade ein: ich schulde Euch noch einen Bericht zu Faber...
Bis dahin wird natürlich freitäglich selektiert. Ab geht's:

Death Cab For Cutie
Ja, man weiß, was man bekommt, wenn man zu Death Cab For Cutie greift. Für große Überraschungen sind die Herren um Ben Gibbard nun wirklich nicht gerade bekannt und auch das heute erscheindende Album Thank You For Today reiht sich nahtlos in die Riege der bisherigen Longplayer der Band aus Seattle ein. Musikalisch also wenig Neues, aber zumindest textlich ist eine Weiterentwicklung zu erkennen: wo früher eher die Emotionen von Teenagern angesprochen wurden, drehen sich die Songs heute beispielweise um Gentrifizierung oder den Verlust nahestehender Menschen. Insgesamt in bester DCFC-Manier ein Album, das man bestens nebenher anhören kann und das durchaus unterhaltsam ist, aber leider wenig wirkliche Höhepunkte bietet. Dann doch lieber zum Klassiker Plans (2005) greifen und in Erinnerungen schwelgen...



Chefket
Bereits vor Wochen hatten wir Euch Gel Keyfim Gel (feat. Marsimoto) hier in der luserlounge vorgestellt und waren sehr angetan. Nun legt Chefket nach und veröffentlicht heute mit Alles Liebe (Nach Dem Ende Des Kampfes) sein mittlerweile drittes Album vor. Wie gehabt hat es Şefket Dirican dabei gar nicht nötig, in dumme Plattitüden zu verfallen, sondern hat die Zeit seit seinem Top 10-Album Nachtmensch (2015) dafür genutzt, sich Gedanken über das Zwischenmenschliche zu machen und dies ein positives Gewand zu packen. Es ist nicht so, dass mir da jetzt jeder einzelne Track taugt (Sowieso nervt mich zum Beispiel kolossal), aber insgesamt überzeugt das Album ungemein und dürfte Chefkets Position im deutschen Hip Hop-Business weiter manifestieren.


Hilltop Hoods
Wir müssen nochmal oben und beim letzten Posting anschließen: das Open Flair. Die Macher, Booker, Veranstalter haben seit jeher ein feinfühliges Händchen, um ein sehr ausgewogenes und vielseitiges Line-Up zu gestalten. So überraschten mich an diesem Sonntag die Hilltop Hoods. Eine Rap-Combo aus Australien, wo die allem Anschein nach eine große Nummer sind. Diesen Sommer hat es sie nach Europa verschlagen und ich bin sehr froh drum, sie mir angesehen zu haben. Zwei MCs und ein DJ bilden den Kern, live wurden sie ergänzt durch ein Schlagzeug. Sie hatten kein Banner dabei, keine Deko, nur ihre Stimmen und diese unglaublich tollen Beats. Live ist das noch eine deutliche Spur geiler als die Studioversionen, reinhören ist jedoch Pflicht:

Donnerstag, 16. August 2018

Live: Open Flair 2018

Trailerpark am Donnerstag Abend. Foto: luserlounge
(ms) Das Wochenende ist lange vorbei und hallt immer noch gewaltig nach. Es war das Open Flair. Mit all seiner Macht aus Hessen raus in die Welt. Für mich persönlich war es der achte Besuch dieses wunderbaren Festivals und es hat sich erneut gelohnt. Da aus Altersgründen nicht mehr partytauglich für den großen Campingplatz, konnten wir entspannt am Donnerstag anreisen, sodass ab diesem Zeitpunkt Eindrücke und Geschichten festgehalten werden konnten. Hier ein Best of:

  • Trailerpark sind einfach großer, riesengroßer Rotz. Da kann man nichts schön reden.
  • Mad Caddies waren seltsamerweise etwas langweilig, oder lag es an der Uhrzeit?
  • Pfandbecher für 2€? Eine guter Grund sie wieder zurück zu geben. Viva con Agua hätte sich bestimmt eher über die 1€-Marke gefreut.
  • Alter Kaffee war eine ganz hervorragende Überraschung auf der Hofbühne, super sympathisch!
  • Friedemann Weise hat einen erstklassigen Humor und weiß, wie man das Publikum anständig beleidigt. Das kann Linus Volkmann auch mit der Lesung "19 Gründe, warum ich Festivals hasse". Top Kleinkunstprogramm, Hut ab, Open Flair!
  • Riesen Andrang bei der Antilopen Gang! Hätte ich so nicht erwartet. Die könnten locker den Slot von In Flames nutzen. Super auch ein Solo-Song von Danger Dan!
  • Goldroger hat das E-Werk sauber eingeheizt, spitzenmäßiger Auftritt!
  • Kraftklub ist doof.
  • Talco hingegen ein Garantie für sanften Pogo und einen wilden Tanz nachts um halb eins.
  • Genauso wie bei Schandmaul. Direkt wieder wie 17 gefühlt, war stark.
  • Drangsal nimmt man es nicht krumm, wenn er "1000 Mal Berührt" covert!
  • Schon super, wenn hintereinander Faber und Wanda spielen. Da weiß man gar nicht, wann man Bier holen soll.
  • Marteria hat erneut bewiesen, dass er live große Klasse ist. Das Feature mit Casper, die ganze PR und so hätte nicht sein gemusst, da das gemeinsame Album höchstwahrscheinlich Schrott sein wird. 
  • Feine Sahne Fischfilet sind ein Phänomen. Das aktuelle Album ist ebenfalls Schrott, aber live sind sie eine Macht. Man kauft den guten Gewissens alles ab. Insbesondere, wenn die einen Nightliner mit Freunden mitnehmen. Starke Geste, starke Ansage: "Der Deko-Wichser kommt jetzt auch auf die Bühne." Monchi, du Held!
  • Wodka-O ist das neue Bier zum wach werden!
  • Der Typ vom veganen Chili sin Carne-Stand ist ein Titan!
  • Die Essensauswahl auf dem Seebühnengelände ließ zu Wünschen übrig.
  • Der Apfelwein-Stand auf dem Hauptgelände hat Dank uns einen guten Umsatz gemacht.
  • Wie cool ist eigentlich die große Spielwiese für Kinder und die, die es noch gern wären?
  • Wie cool ist eigentlich die Gänsekapelle?
  • Wie cool sind eigentlich die Securities? Aber das wissen die selbst am besten. Gute Menschen!
  • Das Finale aus Editors, Fatoni und den Beatsteaks war große Klasse.
  • Hut ab für die Editors, die wussten, dass sie nicht so richtig ins Line-Up passen und dennoch ein wunderbares Konzert gespielt haben.
  • Absolute Überraschung und absoluter Höhepunkt: Hilltop Hoods. Wie cool kann Rap eigentlich sein?!
Fick die Uni. Antilopen Gang. Foto: luserlounge

Freitag, 10. August 2018

KW 32, 2018: Die luserlounge selektiert!

Quelle: steamcommunity.com
(ms/sb) Ja, wir sind diese Woche alle geschmolzen. Die einen mehr, die anderen weniger. In einer schlecht isolierten Dachgeschosswohnung gab es einen kleinen Vorgeschmack auf die Hölle. Aber was solls...
An solchen Tagen spontan bis spät abends am Hafen biertrinkend mit wunderbaren Menschen zu sitzen, das ist dann unbezahlbar. Ein bisschen über Gott und die Welt reden, ein wenig herumspinnen, die Zeit genießen und durchatmen in einem vollen, stressigen Alltag.
Doch nun heißt es: Selektiert!

Art Brut
Es ist eine gewaltige Band und ich kann mich sehr gut an das eine Mal erinnern, als ich sie live gesehen habe. Es war eine Offenbarung, ein wahnsinniger Auftritt. Art Brut. Die rotzigen Gitarren, der schwere Bass, der unverwechselbare Gesang, wenn man es denn wirklich so nennen kann. Lange waren sie von der Bildfläche verschwunden, Eddie Argos hat m.E. in Wien ein bisschen Kunst gemacht, doch jetzt werden wieder verstärkt große Boxen durchgeknallt. Es gibt es neues Lied, es heißt Wham! Bang! Pow! Let's Rock Out! Und nach dem fünften Mal geht's richtig rund: Yeah!



PeterLicht
Wie macht man im individualisierten Indiekosmos auf sich aufmerksam? Es gibt viele verschiedene Strategien. PeterLicht hat es jahrelang mehr oder weniger gut geschafft, sich nicht ablichten zu lassen. Nun weiß man immerhin wie er aussieht, doch sein wahrer Name bleibt m.E. noch ein Rätsel. Ist auch gut so und interessiert ja auch nicht wirklich. Was interessiert ist die Musik, die er macht. Und nachdem ich ihn letztes Jahr noch in Salzburg gesehen habe, ist die Freude auf ein neues Album umso größer. Genau wie bei Art Brut ist das letzte Album sieben Jahre alt. Am 19. Oktober erscheint auf Tapete Records (juhu!) der Nachfolger mit dem Namen Wenn Wir Alle Anders Sind. Und es wird sicher herrlich verschwurbelt! Live gibt's bislang diese Termine:

20.10.2018 Frankfurt – Mousonturm
21.10.2018 München – Feierwerk
22.10.2018 Köln – Gloria
24.10.2018 Hamburg – Kampnagel



Daniel Brandt
Man hört Musik, man fühlt sie auch, nur man kann sie nicht so richtig sehen. Das dachte sich auch eventuell Daniel Brandt, der nicht nur solo sondern auch mit dem Ensemble Brandt Brauer Frick unterwegs ist. Diese Woche hat er sein zweites Soloalbum angekündigt. Es heißt Channels und wird am 12. Oktober auf Erased Tapes erscheinen. Zur ersten Single Flamingo ist ein tolles Video entstanden, das die Instrumente zeigt, die darauf zu hören sind. Sie sind spielbereit, die Band kommt jeden Moment. Doch nicht im Video. Menschen sitzen um die aufgebauten Instrumente und das Lied läuft. Auch das kommende Werk wird sicherlich nicht leicht zugänglich sein, doch in der ersten Auskopplung entpuppt sich die Schönheit beim zweiten Durchhören:



Das Paradies
Gleiche Frage wie oben: Wie schafft man es im individualisierten Indiekosmos auf sich aufmerksam zu machen? PeterLicht hat die Frage schon beantwortet. Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich einen guten, prägnanten und irgendwie ausgefallenen Namen zu geben. Florian Sievers hat sich sicherlich Gedanken gemacht, als er sein Musikprojekt Das Paradies nannte. Klingt ja auch extrem vielversprechend. Er hat schon Kettcar, Element of Crime und Moritz Krämer supportet. Und das mag ja was heißen. Die Vorschusslorbeeren sind abgefeuert. Im August, am 24., erscheint sein Erstling mit dem Namen Goldene Zukunft auf Grönland Records. Es gibt schon einiges an Vorgeschmack und Live-Daten. Sollte man sich nicht entgehen lassen - vor allem wenn man früher die großartige Band Samba mochte:

11.08. Haldern - Haldern Pop Festival
18.08. Hamburg - MS Dockville Festival
30.08. Dresden - Freilichtbühne der jungen Garde (+ Element of Crime)
31.08. Halle - Freilichtbühne Peißnitz (+ Element of Crime)
01.09. Darmstadt - Golden Leaves
01.09. Köln - C/O POP
07.09. Rostock - IGA Park (+ Element of Crime)
08.09. Magdeburg - Festung Mark (+ Element of Crime)
22.09. Hamburg - Reeperbahn Festival
28.09. Mannheim - Kulturbrücken Jungbusch
29.09. Bremen - Lagerhaus
30.09. Dortmund - Way Back When




Mike Ständer Band
Zwei Menschen, zwei Songs und fertig ist die "Adolf/Alkohol"-EP (VÖ der 7inch am 07.09. bei Middle Ear Recordings) der Mike Ständer Band. Ich muss gestehen, dass mich das Gehörte irgendwie fasziniert: zunächst erscheint das Ganze ziemlich dilettantisch, ist es aber mitnichten. Vielmehr gelingt es dem Duo nicht nur, den Hörer durch seine Texte zum Schmunzeln zu bringen, sondern auch die Passagen zwischen den Zeilen entdecken zu lassen. Muss man nicht mögen, kann man aber, wenn man sich drauf einlässt.



Freitag, 3. August 2018

KW 31, 2018: Die luserlounge selektiert!

smilingldsgirl.com
(ms) Letzten Freitag war ich auf einer Technoparty. Das war die erste Technoparty, auf der ich war. Und es war die vorerst letzte Technoparty, auf der ich war. Denn es war total bizarr.
Und das lag nicht an komplett weggetretenen Menschen, die sich vorher kleine Zaubermittel reingeschmissen haben. Es lag auch nicht an der unterirdisch schlechten Luft in dem sonst ganz ansprechenden Laden in Norddeutschland. Es lag auch nicht an den Preisen für Getränke, denn die waren völlig okay. Es lag auch nicht daran, dass es zwischendurch Wassereis für lau gab, das war ein ziemlich netter Schachzug.
Es lag an der Art und Weise, wie die Leute sich dort versammelt haben und ich weiß nicht, ob das bei Technopartys immer so ist, war ja noch nie auf einer. Man tanzt nämlich nicht miteinander, man tanzt nebeneinander und alle sind auf den DJ fokussiert, schauen ihn an. Was suchen sie dort vorne? Es singt ja niemand, niemand spielt ein Instrument, der Typ dreht an Knöpfen und Schaltern, was ich gar nicht schlecht machen möchte. Nur es gibt halt nichts zu sehen. Wie bei einem religiösen Ritual reihen sich die Leute nebeneinander, schauen nach vorn, anstatt mit schönen Menschen die Zeit zu genießen. Es ist die völlige Individualisierung des Tanzes. Und da habe ich gemerkt, dass ich Musik brauche, zu der man mitsingen kann.
Hier sind ein paar Tipps, die mitsingbar und auf jeden Fall hörbar sind:

Otto Normal
Ihr Album Wieder Wir ist schon erschienen. Doch sie sind weiterhin unermündlich gute Videos daraus auszukoppeln. Das Neuste zum Lied Der Ich Bin ist seit dieser Woche zu sehen. Nach einem feinen feinen Streicher-basierten Intro geht's ab. Und das Genre ist nicht ganz klar. Es ist schon Sprechgesang im Weitesten aber kein originaler HipHop und daher schon mal sehr spannend. Denn Otto Normal agieren als Band und klingen ein wenig so wie Marteria, auch inhaltlich ein wenig. Da es ja noch keinen Sommerhit gibt... wie wäre es hiermit?!
Die Freiburger spielen demnächst hier in der Schweiz:

04.08. CH - Steinhausen, Waldstock Open Air
18.08. CH - Liestal, PFF 18



Bayuk
Es gibt Künstler, auf die stößt man, wenn man so ein wenig gelangweilt auf seiner Timeline unterwegs ist. So ist es mir diese Woche mit Bayuk passiert. Seitdem komme ich davon nicht mehr weg. Es ist der pure Zauber. Leicht melancholisch, aber nie traurig; diese Zeiten sind doch vorbei. Im Mai hat der gebürtige Schwabe und nun Wahlberliner sein Debüt Rage Tapes veröffentlicht und daraus bislang ein paar Lieder als Single ausgekoppelt. Unter anderem ein Song mit dem Namen Haaappiiiiiiiiiiiiinneeeeezz. Das fängt sofort mit Gesang an, auch eine Seltenheit. Ja, Phasen erinnern an Nehmt Abschied Brüder, und wenn Tobias Siebert das produziert hat, ist das nicht mal unwahrscheinlich. Ich hoffe und wünsche Bayuk, dass das noch ganz groß wird! Live hier:

28.08. - Flux FM, Terrassenkonzert
03.09. - Berlin, Privatclub
05.09. - Köln, Wohngemeinschaft
06.09. - Bielefeld, Café Künstlerei
19.09. - Hamburg, Reeperbahn Festival



bergen
Es ist ja schon sehr erstaunlich. Die politischen Irrungen und Wirrungen dieser Tage setzen ja ein erstaunliches Potential an Kreativität und Aufschrei frei. Und bei der Frage, ob man sich als Musiker und Künstler politisch äußern sollte, antworten Protagonisten unterschiedlich. Malakoff Kowalski verneinte das in der letzten Ausgabe der ZEIT, bergen bejahen es und dabei ist ein ganz hervorragendes Lied heraus gekommen! Tellkamp heißt es und behandelt die kruden Äußerungen eben jenen Schriftstellers. Im Song behandeln sie noch andere Begebenheiten aus der Wutstadt Dresden. Ist sehr gut geworden:



Behemoth
Und bevor jetzt wieder jemand einwendet, dass wir in unseren Genres so unbeweglich sind... ach, warte mal... okay, bei Techno ist das so eine Sache... Den Leuten geben wir noch richtig was auf die Ohren, aber ohne DJ, sondern mit der vereinten Kraft des Black Metal. Oder mittlerweile halt Death Metal. Auf jeden Fall ist es brachial. Dabei kommen Behemoth nicht aus Skandinavien, sondern aus Polen. Ihr neuster Streich heißt I Love You At Your Darkest und erscheint am 5. Oktober via Nuclear Blast. Wer bei dem Titel auf gemütliche Wiegenlieder hofft, wird leider enttäuscht. Das Video zum Lied God = Dog beweist das Gegenteil. Kommendes Frühjahr gehen sie mit At The Gates und Wolves In The Throne Room auf Tour. Das ist bestimmt einen Besuch wert:

10.01. - Frankfurt, Batschkapp
11.01. - München, Tonhalle
13.01. - AT-Wien, Arena
15.01. - CH-Zürich, Komplex 457
23.01. - Oberhausen, Turbinenhalle
24.01. - Berlin, Huxleys

Donnerstag, 2. August 2018

Openairgeschichten: Nur eine Band gesehen

Rikas bei der Breminale. Foto: luserlounge
(ms) "Ich war auf'm Festival und habe nicht eine Band live gesehen."

Das ist ein unfassbarer Satz. Unglaublich. Schwer nachvollziehbar. Unverständlich. Man reißt die Augen weit auf. Fragt sich, warum ich diese Person überhaupt kenne.
Warum macht der das? Warum macht die das? Die ganze Zeit Party auf dem Campingplatz? Ist möglich. Aber doch nicht der Grund des Festivalbesuchs. Oder?

All diese Fragen können wir nicht beantworten. Insbesondere nicht für ein (mindestens) dreitägiges Festival. Aber die Frage "Wie kann man bei einem Eintagesfestival nur eine Band sehen?" können wir durchaus beantworten, denn letztes Wochenende auf der Breminale haben wir ungeplant den Feldversuch gemacht.
Dafür gibt es zwei wesentliche Faktoren, die sich am Samstag die Klinke in die Hand gegeben habe. Das ist 1. das Wetter und 2. die richtigen Leute, mit denen man vor Ort ist. Erstaunlicherweise war es nicht die drückende, etwas langweilige Hitze, die so einflussreich war, sondern ein massives Gewitter, das die Weser entlang gezogen ist. Sagenhaft türmten sich die Wolkengebilde auf und hatten kein Erbarmen mit den pilgernden Massen. Das Programm wurde mehrfach unterbrochen oder verschoben, einzelne Acts mussten gar abgesagt werden, da die bespielten Zelte ihre Pforten geschlossen haben.
Zuflucht gab es bei den Ständen, die Essen und Getränke feilboten, auf uns wartete ein großzügiger Baum (ja, wir wissen, dass das gefährlich ist!), der uns ein wenig Schutz gewährte unter seinen langen Ästen und zahlreichen Blättern. Nun musste man erst einmal trocknen. Dann den Hunger stillen. Anschließend noch ein Bier trinken. Und noch einen kleinen Nachschauer aushalten. Ein Kaltgetränk suchen. Dann lernt man Leute kennen. Verquatscht sich, trinkt noch was, plaudert ein wenig, holt sich noch was zu essen. Ach, Eis gab es ja auch noch. Mensch, schnell mal noch aufs Klo und danach noch ein kleines Bier und ach... die sind ja supercool drauf, mit denen unterhalten wir uns erstmal ein wenig, schade, jetzt haben wir De Fofftig Penns verpasst, die ich ja eigentlich gerne mal sehen wollte, und da stand noch ein weiteres Bier, ist ja kaum zu glauben, aber dann schnell rüber, denn da spielt ja noch eine ziemlich gute Band, die nehmen wir für heute noch mit, bis danach unsere Bahn fährt, die uns wieder heim bringt, zwischendurch noch eben was geholt, um die trockenen Kehlen zu befeuchten, dann rein in das volle Zelt und noch astrein zu Rikas getanzt, die mit ihrer funkigen Strandmusik die Beine animieren und unfassbar gute Laune machen, eine Band, die man sich unbedingt merken sollte, deren Lieder sind so kurzweilig, dass das Konzert schon wieder vorbei ist und... ja, der ganze Tag dann auch schon, auf jeden Fall das offizielle Breminale-Programm.

So kommt es vor, dass man nur eine Band sieht.

Mittwoch, 1. August 2018

Ebony Bones - Nephilim

Das knallt. Das Cover!
(ms)  Es gab immer schon ziemlich widerwärtige Gestalten in der Weltgeschichte, die andere wegen ihres vermeintlichen Andersseins ausgrenzen wollten. Ihnen die Rechte nehmen und nicht an der eigenen Gesellschaft teilhaben lassen wollten. Dazu gehört auch der ehemalige britische Parlamentarier Enoch Powell. Man dürfte ihn sicher guten Grundes als rassistisches Arschloch bezeichnen. Er war nicht nur konservativer Hardliner, sondern hatte auch die Idee am 20. April 1968 eine Rede zu halten, die heute als "River of blood"-Rede bekannt ist. Genau, am Geburtsdatum von Hitler im Jahr der Revolutionen und Studentenaufstände. Wesentlicher Inhalt dessen war, dass er vor den Folgen ungebremster Zuwanderung in Großbritannien warnen wollte. Ausgangssituation war ein Gesetz, das die Diskriminierung ethnischer Minderheiten bei der Vergabe von Mietwohnungen für illegal erklärte. Schaut man 2018 in die Medien, könnte genauso so eine Mitteilung von zahlreichen Rechtspopulisten, anderen Politikern und Aktivisten gestern erst gewesen sein.

Auf diese erschreckenden Parallelen macht die Künstlerin Ebony Bones auf ihrem neuen Album Nephilim aufmerksam. Die Bezeichnung Künstlerin ist hier absolut berechtigt, denn ihr Talent und Engagement gehen weit über den Musikkosmos hinaus. Die 35-Jährige ist ausgebildete Schauspielerin, hat lange in TV-Serien mitgespielt (Family Affair), Musik für Moldelabels und deren Kampagnen gemacht, hält bis heute die Strippen um Produktion und Vertrieb ihrer Songs in den eigenen Händen, war eine Studiobekannte von Amy Winehouse und geizt nicht mit extravagantem Auftreten.

Die große Frage lautet jetzt natürlich, wie klingt ihre Musik?
Das Cover und ihr Auftreten mögen vielleicht etwas wie R'n'B assoziieren. Dieser Eindruck trügt jedoch gewaltig! Ebony Bones in ein Genre zu zwängen... dagegen sträubt sich die Londonerin selbst am meisten. Es ist in all seinen Facetten enorm experimentell, macht keinen Halt vor Neuem, der Verbindung mehrerer Stilrichtungen und lässt ihrer Kreativität in der Instrumentalisierung viel Freiraum. Dafür hat sie auf Nephilim mit dem Beijing Philharmonic Orchestra kooperiert. Das gibt direkt im ersten, einminütigen Intro ein mäanderndes Leitmotiv vor, das bezaubert. Allein die Idee eine Melodie - in ihrer Reinform oder variiert - öfter mal auftreten zu lassen ist so herrlich antiquiert, dass es mit Synthies und reichlich Percussion und allerhand anderem elektronisch verstärktem Material noch viel mehr Kraft bildet. Ghrelin Games ist dafür ein großartiges Beispiel: es vereint den orchestralen Sound, paart ihn mit verzerrten Stimmeinlagen und haut elektronische Beats oben drauf. Den Mut muss man erstmal haben. Das macht das Album aber auch nicht unbedingt leicht zugänglich, doch das war sicherlich mitnichten die Intention von Bones.
Um an die Einleitung hier anzuknüpfen: Stimmmaterial von Powell hat sie aufgegriffen und verarbeitet in dem Track No Black In The Union Jack. Darin wird auch kaum gesungen, sondern mit der Aufnahme gespielt. So kann man auch seinen Gegnern die Luft aus den Segeln nehmen.
Dass sie noch mehr zu sagen hat, beweist sie auf Kids Of Coltan. Inhaltlich hochaktuell und wichtig, denn Kinder im Kongo suchen das seltene Material, damit wir auf unseren Handys ungestört chatten, streamen und spielen können. Das ist alles bekannt, doch machen tun wir als Nutzer natürlich auch nichts dagegen. Wichtig, das auch musikalisch verwertet anzusprechen.
Es ist zu sehen: Ebony Bones spielt nicht nur mit der äußeren Erscheinung, sondern ist wesentlich tiefgehender, als der erste Eindruck vielleicht vermitteln mag.
Es funktioniert als Gesamtwerk gut, wenn auch widersprüchlich, denn es ist wenig einheitlich, bricht oft mit dem Klang, dem Tempo, den Musikern, Stimmen, Instrumenten.
Doch macht es das nicht erst hörenswert?
Werden wir nicht zu sehr mit belanglosem Blabla aus dem Radio beschallt?
Es ist lohnenswert, sich darauf einzulassen, auch wenn man vielleicht nicht alles gut findet; verlangt ja auch niemand. Kunst will anstoßen, zum nachdenken anregen und die Konfrontation suchen. Das hat Ebony Bones geschafft!

Nephilim ist am 20. Juli erschienen.