Donnerstag, 23. Mai 2019

Schwarz - White Room

Foto: Tanja Tikarli
(ms) Spricht man von SCHWARZ, spricht man automatisch von Roland Meyer de Voltaire.
Und wie bei vielen anderen Berichten über die Platte White Room, die diesen Freitag (24. Mai) erscheint, dürfen keine Infos über den Werdegang und den Wandel des Künstlers fehlen.
So auch hier nicht.
Denn vor dreizehn Jahren - 2006 - hat die Band Voltaire (klar, man ahnt es schon) auf sich aufmerksam gemacht, veröffentlichte eine EP und zwei Alben und die einschlägigen Musikzeitschriften haben ihnen eine große Karriere vorausgesagt. Ich habe Voltaire auch mehrmals live gesehen und war vom Gesang als auch von der Dynamik der Musik stark angefixt. Sie konnten sehr leise und andächtig und auf der anderen Seite auch extrem wild werden, bearbeiteten die Gitarren, bis einem schwindelig wurde. Doch die Band brach auseinander, der Major-Deal verpuffte in der Luft und sie haben noch nicht einmal so richtig losgelegt. Sehr schade, ich wüsste zu gerne, wo die Band heute stehen würde.
Doch Kopf und Stimme der Band, eben jener Roland Meyer de Voltaire, sagte damals schon in einem Interview sinngemäß: Ich kann nichts anderes als Musik machen, deshalb höre ich auch nicht damit auf.
Das Ergebnis können wir jetzt hören unter dem Namen SCHWARZ. Und für die Produktion von White Room brauchte es kein Schlagzeug, keinen E-Bass, kein Klavier, keine Gitarre. Dafür die nach wie vor wunderbare Stimme und einen bestimmt irren Haufen an elektronischen Gadgets. Nein, ich will elektronische Musik nicht schlecht machen, das stünde mir fern, nur der Wandel ist schon extrem. Aber auch extrem in der Weise wie er Kreativität freisetzt.



Tatsächlich ist vor diesem Hintergrund das Wesen dieser Platte auch gar nicht so überraschend, auch wenn Roland sich hier bei einem anderen Genre bedient und in den letzten Tagen einige Support-Shows vor Schiller gespielt haben (ja, die gibt es tatsächlich immer noch). Die Neigung mit Dramatik, Dynamik, Geschwindigkeit und Lautstärke zu spielen, ist deutlich auf den 13 Tracks zu hören. 53 Minuten Spielzeit hat White Room und geht mit The Others auch direkt mit einem sehr modernen Electro-Hit los. Es ist direkt ein Beispielsong für die Platte: es wird da laut, wo es laut sein soll, nimmt sich an den passenden Stellen zurück und ist nicht zu voll. Ja, ein wahrer Kenner/Könner ist am Werk. Mich würde es im Positiven nicht wundern, wenn SCHWARZ bald in High Rotation in Deinem Radio zu hören ist.
Oder: Ein Live-Set passt auch hervorragend auf die Fusion, aufs Melt! oder zu einem nächtlichen Gig beim Hurricane. Dream ist ein ruhigerer Track und das tut der Platte gut, denn von einer gewissen Eintönigkeit kann sie sich nicht freisprechen. Nur epische Klangteppiche wird dann halt langweilig. Aber soweit kommt es auf dem Album nicht. Der titelgebende Song hat eine wunderbare Hookline, wo kein Kopf ruhig bleibt.
Beneath The Skin arbeitet mit Effekten und Geräuschen, die auf den acht Liedern vorher noch nicht so deutlich zu hören waren und haut an einer klugen Stelle einen vielschichtigen Sound raus. Ja, diese Art von elektronischer Musik ist nicht mein Favorit, aber ich sehe die musikalischen Stärken darin. Genauso Ghost Of You, endlich kommt auch eine gewisse Unruhe rein, die die glatte Oberfläche bewusst stört, super! Das Album endet mit einer recht langen Nummer. Mit Leftwing Duckling trudelt White Room über 7 Minuten entspannt dem Ende entgegen.

Insgesamt überzeugt mich die Platte nicht so stark.
Das hat aber auch einen guten Grund: Es ist Geschmacks- und Genresache.
Teils habe ich halt vor Augen, dass die Musik demnächst als Hintergrund einer dramatischen Dokumentation über Tiere, Landschaften oder soziale Missstände genutzt (missbraucht?) wird.
Mein Rat also: Geht etwas unvoreingenommener an die Platte als ich, dann entpuppt sich bestimmt eine frische Schönheit!

Zwei Mal kann man SCHWARZ in den kommenden Tagen live sehen:

31.05. Berlin - Musik & Frieden
01.06. Köln - Artheater

Sonntag, 19. Mai 2019

HGich.T - Jeder ist eine Schmetterlingin

Der Sound ist so wie er aussieht. Foto: HGich.T
(ms) Ist das Kunst oder kann das weg?
Klar, das ist ein abgegriffener Slogan. Aber selten stellt er sich so oft wie bei HGich.T. Und das ganz von alleine, denn das als Musik zu bezeichnen, fällt häufig sehr schwer.
Die Reise begann vor gut zehn Jahren, als Mein Hobby: Arschloch auf dem Markt kam. Dort sind die modernen Klassiker Tutenchamun und Hauptschule nachzuhören. Das ist natürlich komplett verstörend. Und auch irgendwie geil, denn die Faszination kommt automatisch, wenn man HGich.T sieht oder hört. Liest man Berichte von ihren Konzerten, so sind es Offenbarungen und Grenzerfahrungen im musikalisch-künstlerischen Bereich. Knapp zwanzig Leute sind am Projekt HGich.T beteiligt. Sie basteln ihre Bühnenbilder selber; neben denjenigen, die dort musikalische Töne erzeugen und dazu "singen", gibt's auch Tänzer, oder zumindest solche, die sich bewegen.
Es ist schlicht und einfach nicht vorstellbar, wie selbst die Protagonisten dies alles ernst nehmen können. Gestalt, Inhalt, Musik, Aussage sprechen für schwer zugänglichen Humor. Oder halt Kunst.
Es ist einfach, das alles einfach scheiße zu finden. Und es ist genauso schwer, das ernsthaft gut zu finden. Letzte Woche erschien das neue Album Jeder ist eine Schmetterlingin. Seit jeher beim Sparringspartner Tapete Records.



Nehmen wir als Beispiel den neusten Streich, das Video zur Single Aragon. Okay, das ist schon wahnsinnig witzig, diese komplette Verdrehung des Inhalts der Herr der Ringe-Triologie. Spätestens wenn es heißt, dass Frodos Freund Sams (!) das Brot aufgegessen hat, richtig harte Zeiten.
Das Bewegtbild ist natürlich in bester diy-Mentalität umgesetzt und genauso herrlich schräg wie der Song selbst. Da man das genauso kennt, überrascht das ja auch gar nicht mehr. Können HGich.T eigentlich noch überraschen oder schockieren? Sind sie sogar langweilig und zu berechenbar geworden? Sie sind auf jeden Fall immer noch eine kunstgewordene Provokation.
Jeder ist eine Schmetterlingin ist schon sehr vorhersehbar: absolut schräge, total bekloppte und ab und an sinnentleerte Texte und furchtbar anstrengende Beats, die es einem unmöglich machen, die Platte am Stück ohne bleibende Schäden zu hören.
Einige Lieder wie DJ18 sind sogar melancholisch geworden und weisen eine gewisse Melodie auf. Titteschoen ist ein einminütiger Schmunzler. Und in Parkbank Rider kann man mit viel gutem Willen auch Gesellschaftskritik sehen.
Ansonsten ist das natürlich ganz schlimm.
Und immer noch Geschmackssache. Und höchstwahrscheinlich eher Kunst als Musik.
Wer hartgesotten genug ist, tut sich das hier live an:

20.09. - München, Strom
04.10. - Linz, Stadtwerkstatt
05.10. - Wien, Simm City
18.10. - Bremen, Tower
19.10. - Kiel, Pumpe
01.11. - Münster, Sputnikhalle
02.11. - Stuttgart, clubCANN
15.11. - Köln, Club Volta
16.11. - Frankfurt, Das Bett
29.11. - Dortmund, JunkYard
30.11. - Nürnberg, Hirsch
13.12. - Hamburg, Uebel & Gefährlich
14.12. - Hannover, Indiego Glocksee
27.12. - Leipzig, Conne Island
28.12. - Berlin, Astra Kulturhaus

Freitag, 17. Mai 2019

KW 20, 2019: Die luserlounge selektiert

(sb/ms) Es ist mal wieder Zeit für kuriose Begebenheiten aus dem Alltag. Eine ist mir vor kurzem erst als solche aufgefallen. Auf dem Weg zur Arbeit schlurfe ich mich mit dem Rad durch verschlafene Siedlungen, links und rechts ruhige Vorgärten, die ein oder andere Renovierung am Einfamilienhaus und der Blick aufs Land, der die heile Welt versprechen mag.
Doch es kommt mir stets eine Frau entgegen, die dieses Bild ein wenig trübt. Das Eigenartige: Sie schiebt einen leeren Kinderwagen vor sich her. Und da der Grips noch pennt, wenige hundert Meter aber wieder beansprucht wird, stellt sich ihm bei diesem Anblick die erste Herausforderung des Tages: Was hat es mit dieser Szenerie auf sich?! Holt sie ein Kind ab? Trauert sie womöglich? Hat sie einen derben Knall? Oder einen schlichen Spleen? Ist es ein Erlkönig, sowie bei neuen Autos? Doch dann... aus dem Auge, aus dem Sinn, stelle ich mir jeden Morgen die gleiche Frage.
Möglicherweise finden wir hier ja den Soundtrack dazu. Wir sind die luserlounge. Wir haben selektiert!

Grillmaster Flash
Du weißt es. Wir wissen es auch: Was aus dem Hause Grand Hotel van Cleef kommt, kann prinzipiell gar nicht verkehrt sein. Als ich jedoch den Namen Grillmaster Flash zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich: Mensch, Uhl, da haste mal wieder zu tief ins Glas geguckt, oder?
Aber nein, da habe ich mich vertan. Der junge Mann dahinter kombiniert nämlich ein schwieriges Thema in den Gitarrenpop: Humor! Das kann schnell nach hinten los gehen, doch bei allem was ich bislang vom Grillmaster gehört habe, geht das voll auf. Den aktuellen Schmunzler bietet der Track Sottrum. Alle wichtigen Hintergrundinformationen dazu könnt ihr hier lesen.
Bei all der Lustigkeit kann man auch festhalten, dass das einfach ein klasse Stück ist, richtig schön. Und auch das Video - ketzerhaft in Osterholz-Schambeck gedreht - ist irre charmant.
Sottrum, kurz vor Bremen im absoluten Nichts, selten hast du solch eine Liebesbekundung bekommen!



Damon Albarn
Es gibt Menschen, die nach zwei, drei Bier dazu neigen kleinere Vorträge zu halten. Ich gehöre definitiv dazu und meine lieben Mittrinker müssen dann da durch. Dabei gibt es noch nicht einmal ein wiederkehrendes Thema, das stetig fachkundig aufbereitet wird. Aber Musik steht generell gern auf der Agenda. Und es kommt vor, dass dann der Satz fällt: Damon Albarn ist unumstritten der kreativste und fleißigste Musiker, der auf hohem Niveau regelmäßig in unterschiedlichsten Konstellationen abliefern kann. Nun beweist er es wieder mit seinem Orchester-Projekt Africa Express. Der neuste Streich heißt EGOLI und erscheint am 12. Juli. Mit dem Track Johannesburg kann man schon mal reinhören und es lohnt sich wirklich. Auch nüchtern!



Mayla
Letzte Woche erst, an genau dieser Stelle, haben wir Euch von der Band Levin Goes Lightly berichtet und auch ein wenig geschwärmt. Das geht nun weiter. Denn auch Mayla kombinieren breite Synthie-Flächen und Texte, die kurz vor dem mit Kitsch beschrifteten Abgrund Halt machen. Es ist hochgradig spannend, dass nicht wenige Artists, die noch nicht soo lange öffentlich agieren, im Klang zu sehr Retro-behafteten Mitteln greifen. Daher die berechtigte Frage: Ist das Stuttgarter Duo mit der ihrem neuen Album Album Pink Ocean, das nächste Woche (24. Mai) erscheint, auf einer Hype-Welle unterwegs, die gerade erst im Aufbau befindlich ist?! Schaut und hört Euch die Single Gun an und urteilt selbst. Wir halten die Augen und Ohren offen, um diese Frage vielleicht bald beantworten zu können!


Jamie Lenman
Als Frontmann von Reuben machte sich Jamie Lenman bereits vor zig Jahren einen Namen, seit 2013 ist der Brite solo unterwegs und veröffentlicht am 05.07. mit Shuffle sein bereits drittes Album. Und das wirft (mit Verlaub) eine zentrale Frage auf: Spinnt der? Reine Cover-Alben gab es ja schon des Öfteren, aber dieses hier toppt in Sachen Abgefahrenheit wohl alle. Warum? Lenman covert nicht nur Klassiker wie Hey Jude oder Killer (siehe Video), sondern geht dabei sogar medienübergreifend vor. Musik, Filme, Bücher, Spiele, Cartoons - nichts ist sicher vor dem Künstler, für den mit dieser kreativen Freiheit ein Traum in Erfüllung ging. Teilweise geht das Ganze aber schon hart an die Schmerzgrenze und man sollte sich bereits im Vorfeld darauf einstellen, dass man mit jedem Track wieder aufs Neue überrascht wird. Ob positiv oder negativ muss dann allerdings tatsächlich jeder für sich selbst entscheiden...


Müssen Alle Mit
Was ich vor meinem ersten Aufenthalt in Stade vor ein paar Wochen noch nicht wusste: Dass Herr Diercke dort wohnte und arbeitete. Genau, er ist derjenige, der auch bestimmt Dir zu Schulzeiten dem Atlas seinen Namen gegeben hat. Was ich schon vorher wusste: Stade kann mindestens zwei hervorragende Musikveranstaltungen aufweisen. Das Hanse Song war letztens schon.
Das Müssen Alle Mit gibt es schon viele Jahre und stets überzeugt es mit einem sehr geschmackssicheren Line-Up! Ende Augst ist es wieder soweit und es wird mich mit großer Wahrscheinlichkeit dort hin ziehen. Denn wenn an einem Tag Frittenbude, Mia., Gurr, Turbostaat und Juse Ju spielen, kann ich nicht zu Hause bleiben. Unser Juse-Herz schlägt ja ohnehin sehr hoch, doch das Live-Album Nachtbrot von Turbostaat ist so unverschämt gut, dass jede Live-Gelegenheit beim Schopfe gepackt werden muss. Im August. In Stade. Beim Müssen Alle Mit!

 


Freitag, 10. Mai 2019

KW 19, 2019: Die luserlounge selektiert

Quelle: facebook.com/pg/ijssalonmarkt19
(ms/sb) Okay, das Fusion Festival ist nicht die Art von Veranstaltung, die ich aufsuchen würde. Und ja, es liegt an der Musik. "So'n Goa-Quatsch im Osten, wo soll ich denn da duschen" hat Grim104 ja ganz richtig angemerkt. Smiley. Gehört habe ich zwei Standpunkte. Von Besuchern: Absolut klasse, hervorragende Atmosphäre und alles, was das Elektronikherz sich wünscht. Gegebenenfalls auch auf Droge ein paar Tage durchtanzen, alles wohl gar kein Problem.
Anderer Standpunkt kommt von einem Bekannten, der dort als Ersthelfer einen 24-Stunden-Dienst absolviert hat. Der hat dann zum Teil gesehen, was beim Durchtanzen so herauskommt. Oder eben nicht. Schien nicht erstrebenswert zu sein. Sowohl der Job als auch bewusstlos auf der Liege im Sani-Zelt zu liegen.
Jedoch hat sich das Festival wegen seiner autonomen Organisation einen erstklassigen Ruf erarbeitet. Dass die Polizei jetzt fordert, dort Präsenz zu zeigen und notfalls mit einer Absage des Festivals droht, ist hanebüchen. Alle Infos: Hier!

Sail By Summer
Als ich (sb) meine Frau vor 14 Jahren kennenlernte, hörten wir sehr oft Death Cab For Cutie und nicht zuletzt deshalb haben Ben Gibbard und seine Band bei mir einen Stein im Brett. Leider fand ich die letzten Alben der Herren aus Seattle nicht mehr so herausragend, aber nun kommen Sail By Summer um die Ecke und machen mich ziemlich sprachlos. Wahnsinn, ist das stark! Ich bin total entzückt und aus dem Häuschen. Mit Fetch You Roses (Single-VÖ: heute) treffen der norwegische Grammy Award-Gewinner William Hut und sein dänischer Kollege Jens Kristian bei mir voll ins Schwarze. Für mich bislang einer der besten Tracks des Jahres. Mann, bin ich gespannt aufs Album Casual Heaven, das am 9. August folgen wird...


Deportees
Umea, Schweden, ziemlich abgelegen - das ist die Heimat der Deportees, die nach zwei erfolgreichen Alben in Sverige nun auch international angreifen wollen und am 17.05. ihre Re-dreaming EP veröffentlichen werden. Hats bei Umea schon geklingelt? Wenn ja, mag das an The Refused liegen, die ebenfalls aus der Stadt am Bottnischen Meerbusen stammen und diese musiktechnisch auf die Landkarte gesetzt haben.
Auch die Musiker der Deportees versuchten es zunächst auf die brachiale Tour, verlagerten sich dann aber auf eher ruhigere Töne, um sich dann in eine düstere Richtung weiterzuentwickeln. Für das apokalyptische The Big Sleep wurde die Band 2015 mit dem schwedischen Grammy als "Best Rock Album" ausgezeichnet. Von Rock ist auf der neuen EP sehr wenig übrig geblieben, die Scheibe ist stattdessen poppig, deutlich optimistischer und hoffnungsfroher gehalten, dennoch warnen die Deportees: "Re-dreaming ist ein liebevoller Angriff auf das Gefühl einer verlorenen Zukunft. Nicht weil es zwangsläufig eine falsche Prophezeiung ist, sondern weil es eine gefährliche ist." Aha. Man darf gespannt sein.


The Physics House Band
Ja, wir sind eine Woche zu spät dran, denn die Death Sequence EP von The Physics House Band aus Brighton erschien bereits am vergangenen Freitag. Leider wurden wir da sehr kurzfristig bemustert und hatten keine Möglichkeit mehr, die Scheibe in die letztwöchige Selektion aufzunehmen, aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Gut, dann wollen wir mal: der Stil der Briten wird als Psychedelic Experimental Rock bezeichnet und das trifft es auch ganz gut, denn trotz der sehr gitarrenlastigen, ja fast schon metal-ähnlichen Grundausrichtung der vier Songs, gelingt es dem Quartett, auch avantgardistische und jazzig anmutende Elemente einzubauen. Stellenweise fühlt man sich Jahrzehnte in der Musikgeschichte zurückversetzt - und das ist keineswegs negativ gemeint, nein, vielmehr ist es erstaunlich, dass vier so junge Musiker es scheinbar spielend schaffen, den Geist der experimentellen 70er Jahre wiederzubeleben.


Levin Goes Lightly
Die Königsdisziplin im deutschsprachigen Pop ist nicht möglichst verklausuliert Texte zu schreiben, sondern die einfachen Dinge in irgendeiner Form passend auszudrücken. Dazu gehören alle Seiten von Liebe, Zärtlichkeit, Körperlichkeit, Sex und Erotik. Das schaffen tatsächlich nicht viele. Doch jetzt gibt es ein extrem hörenswerten Beitrag: Das gesamte Album Nackt von Levin Goes Lightly. Das besonders starke: Es wird nie peinlich oder unangenehm. Dafür ist auch der Sound verantwortlich. Es es ist sauberer Synthie-Pop im 80er/NDW-Charakter. Selbst, wenn die persönlichen Hörvorlieben woanders liegen sollten, greift das hier sehr schnell. Allein wie die Band "Rote Lippen auf deiner Haut" (s.u.) immer wieder und wieder singt: Große Klasse. Es wird auch nicht platt, sondern ehrlich. Im albumgebenden Titel zum Beispiel: "Keine Angst, du bist nicht nackt. Nur ungeschminkt." ist eigentlich eine Zeile, die mich nicht catcht. Aber in dem gesamten Gewand geht das ganz hervorragend. Mutige, tolle Platte. Empfehlung unsererseits! Das Album erschien bei den guten Damen und Herren von Tapete Records und die Band geht jetzt auf Tour:

14.05.19 Karlsruhe - KOHI
15.05.19 Leipzig - Ilses Erika
16.05.19 Berlin - Monarch
17.05.19 Hamburg - Hafenklang
18.05.19 Düsseldorf – FFT
19.05.19 Paderborn – Wohlsein
20.05.19 Solingen - Waldmeister e.V.
22.05.19 Lyon - Le Sonic
13.06.19 Stuttgart - StadtPalais



The Get Up Kids
Emo. Kaum eine andere Band steht so sehr für diese Spielart des Rock wie The Get Up Kids aus Missouri. Abgesehen von einer dreijährigen Pause besteht die Band bereits seit 1995 und hat sich weltweit eine beachtliche Fanbase aufgebaut. Nicht zuletzt aufgrund der stark gefühlsbetonten Texte, die sich auch mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen, kann ich das durchaus nachvollziehen, das neue Album Problems (VÖ: heute) kommt mir aber als Gesamtwerk zu eintönig rüber und fängt mich nur bei wenigen Songs so richtig ein. The Advocate ist zum Beispiel ein richtig geiler Track, der mich bereits beim ersten Hören voll überzeugt hat und der sicher noch öfter aus meinen Boxen schallen wird.


Koljah
Das ist halt so genial an der Antilopen Gang: Als Trio regelmäßig bärenstark (unbeabsichtigter Tierhumor) abliefern und dennoch solo ganz frei auftrumpfen. Das hat Danger Dan zuletzt mit Reflexionen aus dem beschönigten Leben bewiesen. Jetzt haut Koljah wieder mal etwas Eigenes raus. Heute erscheint Aber der Abgrund und mit Hauptsache Kohle gibt es einen passenden Einblick in Videoform. Wie gewohnt paart Koljah tiefironische und brutal ehrliche Lines. Mit dabei der zwingende Auftrag stets den Wirsing angeschaltet zu haben, sonst versteht man das halt nicht. Punkt.

Donnerstag, 9. Mai 2019

An Horse - Modern Air

An Horse. Foto: Corry Arnold.
(ms) Wir exerzieren am Beispiel von An Horse mal einen ganz normalen Prozess im Laufe einer Musikhörbiographie.
Und zwar gibt es die absoluten Herzensbands. Die waren gefühlt schon immer da, sind immer noch da und werden immer bleiben. Das ist dann auch egal, ob sie noch neues Material schreiben, durch die Clubs oder Hallen touren oder ob es diese Band überhaupt noch gibt. Sie läuft hoch und runter. Dann gibt es noch die Art von Band, die auch Herzensband ist, aber noch im Schaffensprozess. Es gibt diejenigen, die neu und spannend sind und die man gerade für sich entdeckt. Einige von denen hört man schon länger, sind aber noch keine Herzensband. Dann gibt's die, die man schon längst vergessen hat und an die man sich wohl auch nicht erinnern wird. Es gibt auch solche, die mal super waren, es jetzt aber nicht mehr sind... puh... diese Liste kann ganz schön lang werden.

Es gibt nun auch An Horse. Und die passen in folgendes Bild: Die waren mal ein bisschen auf dem Radar, das ist aber schon länger her. Von heute aus betrachtet waren die damals gut aber man hat es nicht mehr so griffig auf dem Schirm. Denn: Dann waren sie weg! Für relativ lange Zeit. Die Kategorie 'vergessen' liegt nahe auf der Hand. Und dann! Bäm! Sind sie wieder da. Und wie! Mit was für einer Wucht, richtig frisch und extrem gut. Denn An Horse haben letzte Woche (VÖ: 3. Mai) nach sechs Jahren ihr neues Album Modern Air herausgebracht.
Die elf neuen Lieder quellen vor Spielfreude und Kreativität über. Stark: Sie stecken allesamt in einem astreinen Indiegitarrenrock-Gewand. In genau dem Sound, der schon in den 00er Jahren so elektrisierend war. Das ist ein großer Pluspunkt von Modern Air. Doch Obacht: Das soll jetzt nicht nostalgisch klingen. Cate Cooper und Damon Cox bedienen sich einfach - und überzeugend - den simplen Mitteln treibender Musik!



Und dabei erstaunt mich ein technisch-organisatorischer Aspekt wie bei anderen Konstellationen auch. Der Vergleich zu Blood Red Shoes oder Wye Oak liegt auf der Hand: Es ist ein Duo und die Dame singt. Und alle drei Bands bringen einen sehr dynamischen und dichten Sound auf die Platte. Bei Wye Oak konnte ich mich auch schon live davon überzeugen: Sehr beeindruckend!

Was das Album so stark macht ist die erfrischende Seite von Eingängig- und Kurzweiligkeit. Mit This Is A Song, dem Opener, ist man nach nur wenigen Takten voll drin! Ahh Uhhh Uhh-Gesänge, ein treibendes Schlagzeug und eine sauber bearbeitete Gitarre; und fertig ist satter Indierock. Songs wie Like Well, bei der die Gitarrenriffs schon die Melodie übernehmen, sind genau das, was es 2019 braucht und meines Erachtens gefehlt hat. Schnörkellose Musik, die nicht im Ohr bleibt, sondern sich früher oder später auch den Weg in die Tanzbeine sucht.
Dass die Band vom Radar verschwunden ist, hat seine Gründe. Nach zwei Alben in zwei Jahren und ununterbrochenen Tourneen, unter anderem mit den von uns sehr verehrten Death Cab For Cutie oder Nada Surf, war irgendwann die Luft raus. Ein Todesfall in der Familie und Umzüge von Kate und Damon haben An Horse erstmal auf Eis gelegt. Doch dieses wurde wieder geschmolzen und sie klingen beruhigend frisch und energiereich. Mit Bob Ross (Be The Water) - was ein herrlicher Titel - gibt es sogar eine kleine Verschnaufpause auf Modern Air, ein etwas ruhigerer Track. Doch die Stakkato-Drums auf Drown oder das zackiges Fortitude Valet runden die Platte sehr gut ab.

Modern Air von An Horse ist eine große Empfehlung für alle, deren Herzkammern für konsequenten Indierock schlägt. Belassen wir es bei dieser wahren Aussage!

Schaut Euch das hier live an:

12.06. Essen, Zeche Carl
13.06. Stuttgart, ClubCann
14.06. Ulm, Ulmer Zelt (mit Kettcar)
15.06. München, Ampere
16.06. Neursörnewitz, Garage
18.06. Nürnberg, Club Stereo
19.06. Münster, Gleis 22
20.06. Haldern, Pop Bar
21.06. Köln, Artheater
22.06. Aachen, Musikbunker
23.06. Wiesbaden, Schlachthof
25.06. Hannover, Lux
26.06. Hamburg, Schanzenzelt
27.06. Berlin, Badehaus
28.06. Bremen, Tower

Sonntag, 5. Mai 2019

Martin Kohlstedt - Ströme

Gern in s/w. Foto: Konrad Schmidt.
(ms) Beginnen wir diese Besprechung mit einem unpassenden Vergleich.
Erinnert sich noch jemand an Adiemus? Unter diesem Namen wurden in den 90ern und frühen 00er Jahren einige recht erfolgreiche Alben veröffentlicht. Hinter dem Chor- und Orchesterprojekt steckt der walisische Musiker Karl Jenkins. Einzelne Lieder und Konzerte waren damals im Fernsehen sehr gängig. Als Kind fand ich das auch irgendwie cool und bekam eines Tages eines der Alben geschenkt, ich glaube es war der dritte Teil Namens Dances of Time. Als Kind hatte ich einen hochgradig schrägen Musikgeschmack, so war es kein Problem danach DJ Bobo zu hören. Nun ja, olle Kamellen.
Irgendwann kam meine Schwester in mein Zimmer und meinte, was das denn für eine Jesus-Musik sei.
Ja, es waren harte Zeiten.

Wie komme ich drauf?!
Ganz einfach: Letzten Freitag (3. Mai) hat Martin Kohlstedt sein neues Album Ströme veröffentlicht. Es ist phantastisch geworden. Und aus diesem Grund ist der Einstieg ein unpassender Vergleich. Denn Kohlstedt arbeitet auf dem Album mit dem Gewandhaus Chor Leipzig zusammen. Die sehr melodischen Gesänge, die - so scheint es mir nach vielen Durchläufen - ohne wirklichen Text auskommen, sind dann auch die einzige grobe Gemeinsamkeit mit Adiemus.



Kommen wir aber zur Platte an sich.
Wer das Werk von Martin Kohlstedt kennt, der weiß, dass das Klavier der Mittelpunkt seines Schaffens ist. Je nach Anlass, Ort oder Stimmung wird aus den klassisch anmutenden Tönen ein großer elektronischer Knall. Ein Set auf dem Fusion ist genauso möglich wie ein Auftritt bei den ARD Hörspieltagen. Dieser Wechsel ist mit viel Können, Gefühl und Leidenschaft verbunden, anders nicht erklärbar. So schwebt Ströme zwischen diesen beiden Polen.
So ist es auch hinfällig einzelne Lieder herauszupicken und deren individuelles Wesen zu beschreiben. Denn, und das ist ein wunderbares Kennzeichen dieser Neo-Klassik (oder wie auch immer man diese Musik nun etikettieren möchte), es funktioniert nur im Ganzen. Erst wenn man als Hörer die 47 Minuten und 58 Sekunden genossen (!) hat, dann kann man diese Gestalt erahnen und richtig eintauchen.
Cover der Platte
Das schwierige in diesem Experiment lag darin, dass der Chor keine Notation vorliegen hatte. Kohlstedt und Dirigent Gregor Meyer hatten also eine Menge zu bereden, wie man überhaupt zusammenarbeitet. Als jemand, der Instrument- und Chorerfahrung hat, kann ich sagen, dass das eine irre Herausforderung ist. Denn Text und Noten geben dem Musiker Sicherheit und eine klare Marschroute. Es braucht Mut, um davon abzuweichen. Wenn der dann da ist, kommt eine Art meditativer Genuss. Und so ist es kaum verwunderlich, wenn einzelne Gesangspassagen eine ungeheure sakrale Kraft entwickeln, andere tatsächlich dem Soundtrack einer Meditation gleichen. Ergänzend zum Gesang bedient Kohlstedt sich sich seines ganzen Tastenrepertoires. Ob klassischer Flügel, Synthesizer oder punktuell eingesetzte Bässe, es passt einfach immer. Und sie wechseln sich ab: manchmal steht der Chor im Vordergrund und dann preschen sich wieder die Kohlstedt'schen Klänge hindurch.
So ist Ströme nicht nur ein extrem rundes, sehr harmonisches Album geworden, das mit viel Können glänzt. Sondern es ist auch die Aufforderung, sich Zeit zu nehmen, um aufmerksam zuzuhören. Egal ob auf der Couch, im Auto, aber ich glaube dass es draußen in der Natur am besten funktioniert. Jedes Lied, jeder Takt ist eine Belohnung.

So sollte man auf jeden Fall die Gelegenheiten wahrnehmen, wenn er mit Chor auf Tour kommt. Es könnte eine wunderbare Grenzerfahrung werden:

16.11.2019 Hamburg - Laieszhalle
17.12.2019 Erfurt - Alte Oper
18.12.2019 Berlin - Konzerthaus
08.02.2020 Hannover - Kuppelsaal
09.02.2020 Leipzig - Gewandhaus

Solo-Shows

06.11.2019 - Erlangen, Hugenottenkirche
07.11.2019 - Mainz, KUZ
08.11.2019 - Karlsruhe, Tollhaus
20.11.2019 - Bielefeld, Oetkerhalle
21.11.2019 - Moers, Bollwerk
22.11.2019 - Magdeburg, Moritzhof
23.11.2019 - Wuppertal, Stadthalle
28.11.2019 - Dornbirn, Spielboden
02.12.2019 - Basel, Kaserne
04.12.2019 - Zürich, Bogen F
05.12.2019 - Solothurn, Kofmehl
06.12.2019 - Düdingen, Bad Bonn
07.12.2019 - Schaffhausen, Kammgarn
08.12.2019 - Luzern, Schüür

Freitag, 3. Mai 2019

KW 18, 2019: Die luserlounge selektiert

Bild: ostseefohlen.de
(ms/sb) Vergangenen Sonntag am Bremer Hauptbahnhof. Kenner wissen, dass es schönere Orte auf dieser Welt gibt. Selbst die Läden im Inneren haben ganz wenig zu bieten, wenig Charme insgesamt. Ich stieg um und auf dem Gleis sprach mit ein adrett gekleideter Mann um die sechzig auf englisch an, ob er dort richtig sei, um nach Hamburg zu fahren. Ich bejahte dies. Wir kamen nach und nach ins Gespräch, nachdem ich ihm versucht habe zu erklären, dass er mit dem Niedersachsenticket nicht IC fahren dürfe. Er, Vollprofi: Ohne meine Info wüsste er das nicht, er fährt dennoch. Es stellte sich heraus, dass er Manager verschiedener Jazz-Künstler sei und seine Aussprache hat ihn als irischen Iren enttarnt. Wir sprachen über einen Jazz-Song, der ICE heißt. Ich entgegnete mit Autobahn von Kraftwerk und dem Bezug der Deutschen zur Mobilität. Super Gespräch. Mich interessiert, ob er Strafe zahlen musste.
Doch es ist Freitag und wir haben das Musikuniversum selektiert!

Emotional Oranges
Es ist ja schon kurios: mit R&B kann ich traditionell mal so rein gar nix anfangen, aber The Juice: Vol. I (VÖ: 10.05.), das neue Album der New Yorker Band Emotional Oranges spricht mich dennoch an. Vermutlich ist es dieses unprätentiöse, ja fast schon anonyme Auftreten des Kollektivs, das so positiv in Erscheinung tritt und den Fokus umso mehr auf die Musik legt. Und die kann ordentlich was: eine Prise Jazz, ein Hauch Funk, eine Messerspitze 70s und fertig ist eine Scheibe, die man ideal im Hintergrund laufen lassen kann, mit der man sich gerne aber auch eingehender beschäftigen und dabei relaxen darf. Acht starke Songs, kein unnützer Füllstoff - so gefällt mir das! Dass ich so was mal über ein R&B-Album schreiben würde...


Schandmaul
Festival-Moment, Nr. 1: Letztes Jahr auf dem Open Flair. Nachts spielten Schandmaul. Ein Termin, den ich mit zwei Freunden dringend wahrnehmen mussten. Denn: Es gab in unserer Jugend eine Zeit, wo Mittelalterrock der heiße Scheiß war. Auch Subway to Sally und Bands Namens Corvus Corax. Und in der Tat war es ein super Konzert. Natürlich mussten wir auch eine Menge lachen, denn schon lange catcht mich diese Musik nicht mehr. Doch heute erscheint das neue Album Artus! Ich durfte schon reinhören und es hat mich direkt abgeholt. Da kommt doch eine kleine Schwäche für diese Heldengeschichten im Gitarren- und Dudelsacksound hervor.
Die sind zum großen Teil gar nicht übel, wie die Songs Meisterdieb, Froschkönig und Kapitän beweisen. Auf eine Tour werde ich nicht gehen, aber sollte ich sie mal wieder zufällig auf einem Festival sehen, dann gibt mir das neue Album tatsächlich genug Anlass, dort vorbei zu schauen!



MARBL
Wir zwei luserlounger sind ja beide berufstätig und die Freizeit ist entsprechend knapp bemessen, sprich: wir schaffen es tatsächlich nicht, alles anzuhören, was uns so zugeschickt wird und MARBL war etwas, was ich mir eigentlich gespart hätte, wäre der Promoter nicht so hartnäckig gewesen und käme der nicht des Öfteren mit echt hörenswerten Sachen um die Ecke. So auch diesmal! Die Israelin kann mit ihrer EP The Flight Of The Hawks (VÖ: heute) definitiv überzeugen und ich bin echt froh, dass ich mich habe breitschlagen lassen. Auf die Ohren gibt es fünf Geschichten, die die ganze philosophische Vielfältigkeit von MARBL abbilden - stark!


Von Wegen Lisbeth
Weiterer Live-Moment: Von Wegen Lisbeth habe ich das erste Mal vor drei Jahren als Support von Element of Crime gesehen. Da waren sie noch weitestgehend unbekannt. Wie wir alle wissen, sollte sich das danach schleunigst ändern. Und ihr Auftritt hat mich richtig abgeholt, das war feine Musik zum Tanzen. Doch danach haben sie den Annenmaykantereit-Weg eingeschlagen und sind beliebig geworden. Was der einen Band die Stimme ist, ist Von Wegen Lisbeth ein gewisser Groove. Aber das war es dann halt auch. Ansonsten tummeln sich auf den Songs des heute erschienenen Albums sweetlilly93@hotmail.com ein Haufen belangloser Lieder. Das kann man dem Albumtitel ja schon ablesen. Sicher werden sie hoch charten und eine enorm besuchte Tour spielen, hingehen werde ich nicht. Die Angst vor Kreischemädchen ist zu groß und neben dem schon angesprochenen Groove bietet die neue Platte wenig Abwechslung.



Vampire Weekend
Zwei Nummer 1-Alben in den USA haben Vampire Weekend bereits auf der Habenseite, Father Of The Bride (VÖ: heute) wird wohl für den Hattrick sorgen. Bleibt die Frage: warum? Was macht die Band so besonders, warum gehen die Leute so steil? Ehrliche Antwort: ich kanns Euch nicht sagen! Klar, die Herren Koenig, Baio und Tomson sind begnadete Songwriter, aber das sind andere auch. Das erste VW-Album seit sechs Jahren beinhaltet zweifellos tolle Popsongs, die obligatorischen Chöre sind auch wieder zu hören und die Band hat den Mut zum Pomp. Vielleicht ist es ja das, diese Melange aus Bescheidenheit, Experimentierfreudigkeit (Flamenco! Autotune!) und dem Hang zum Größenwahn, die Vampire Weekend aus der Masse abhebt. Ja, das ist ein starkes, weil abwechslungsreiches und über weite Strecken auf musikalisch hohem Niveau agierendes Album, aber Nummer 1 der Charts? Ernsthaft? Dafür sind mir dann doch zu viele Aussetzer wie Sunflower dabei...


Fettes Brot
Festival-Moment, Nr. 3: Deichbrand Festival 2019. An einem der Abende werden Fettes Brot spielen, ich werde auch da sein. Also auf dem Festival, aber ich überlege mir fünf Mal, ob ich mir das ansehen werde. Die beiden wesentliche Gründe: 1. spielen Fettes Brot schon seit vielen Jahren im deutschen Rap überhaupt keine Rolle mehr. Die Songs und Alben sind immer beliebiger und schlechter geworden und sie haben nicht den Absprung ins Pop-Radio geschafft wie zum Beispiel Fanta4. 2. erscheint heute ihr neues Album Lovestory. Und es ist ein Graus. Sind einige Beats tatsächlich ganz okay, kann man alle Texte in die Tonne kloppen. Geile Biester klingt sogar noch arg nach Michael Jackson irgendwie. Selbst das politische Du driftest nach rechts ist musikalisch zweifelhaft. In die gleiche Kerbe hauen andere Künstler wesentlich besser; beispielsweise Frittenbude mit Jörkk von Love A.
Erschreckend, wie irrelevant Fettes Brot geworden sind. Schön, wenn sie weiterhin Bock haben zu spielen und Musik zu machen, aber dann bitte mit etwas mehr Köpfchen und nicht so arg abgedroschen. Also: Keine Empfehlung!



Mittwoch, 1. Mai 2019

Fortuna Ehrenfeld - Helm ab zum Gebet

Die drei von der Tankstelle: Jenny, Martin, Paul. Foto: Sebastian Kolodzeijczyk
(ms) Liest man eine Rezension zu einem Album, dann bemüht sich der Schreiberling manchmal implizit am Stil des Künstlers zu orientieren. Bei Rap kann man das relativ gut sehen und tatsächlich auch schreiben. Komisch nur: So redet ja keiner.
Im Feuilleton geht das ähnlich. Alle paar Jahre veröffentlichen Tocotronic ein neues Album und dann gibt es einen ganzseitigen Beitrag in der ZEIT. Da tritt dann der Autor gegen Dirk von Lowtzow an ohne es auch nur zu wollen. Das passiert einfach. Das wird natürlich immer eine Lobeshymne auf die deutschsprachige Gitarrenmusik und die Kunst der Hamburger, bisschen langweilig und berechenbar.

Ein vergleichbarer Wettbewerb könnte nun mit/gegen Fortuna Ehrenfeld vom Zaun brechen. Das ist keine Fingerkloppe auf das Feuilleton, sondern eine Verneigung vor der Sprachgewalt des besten Schlafanzugträgers des Landes: Martin Bechler. Der leidenschaftliche Rotweintrinker sprach schon zu den letzten Alben davon, dass er mit Worten Tetris spielen würde. Das ist richtig. Und da kommt man als Schreiber nicht gegen an. Denn wenn man nur die großen roten, und die quadratischen blauen Dinger im Repertoire hat, muss man nicht gegen ein Tetrisprofi antreten.

So hört man die wunderbaren dreizehn Lieder vom neuen Album Helm Ab Zum Gebet, das diesen Freitag beim Grand Hotel Van Cleef erscheinen wird, und versteht beim ersten Durchgang überhaupt nichts. Es ist so verschachtelt, aber dennoch von purer Schönheit. Bei Die Sterne fehlt beispielsweise der zweite Punkt, da ist es in erster Linie nur verschachtelt.
Seitdem ich Fortuna Ehrenfeld beim großen Knust-Geburtstag vor drei Jahren in Hamburg zum ersten Mal sah, war ich sofort begeistert. Es ist natürlich das exzentrische, herrliche Auftreten von Bechler mit Rotweinpulle, Püschelschuhen, Federboa und Pyjama. Aber es sind doch die Texte, die begeistern. Und die Musik, die man manchmal nicht erwartet. Mittlerweile denke ich, dass er im Grunde genommen zum großen Teil Liebeslieder schreibt, die so gar nicht danach klingen (wollen).

Cover vom Album
Zur großen Kunstform, Sprache zu leben und auf diese Art verwursten zu können, kommt noch hinzu, dass drei Alben in vier Jahren ein enormer Output sind. Vermutung: Bechler kann nicht anders. Und: Nun hat er auch auf dem Album das erste Mal mit Paul am Schlagzeug und Jenny an den Tasten als Band gespielt. Wie unterschiedlich die drei sind und dennoch gut zusammen passen, sieht man insbesondere auf der Bühne. Aus dem Ein-Mann-Projekt ist nun weitestgehend eine Band geworden.

Hört man sich die gut vierzig Minuten neuer Musik der Kölner an, so ist es schwer, ein Genre zu finden. Heiliges Fernweh ist wunderbar vertonte Lyrik mit dem grandiosen Bruch, wenn im melancholischen Albumanfang "Und jetzt tanz' mit mir, du Sau" mehr gesprochen als gesungen wird. Da kommen sie langsam raus: die Fortuna Ehrenfeld-zaubern-ein-Lächeln-ins-Gesicht-Momente. Generell die Wortwahl: von extrem feinen und hochgradig klugen Formulierungen bis zu schön vulgären Phrasen ist alles dabei. Und wer jetzt David Foster Wallace sagt, der hat verloren, der mochte nämlich eher Rap. Stichwort Genre: Hör endlich auf zu jammern und Tequila arbeiten mit sauber verzerrten Synthies. Es kommt der Eindruck auf, dass es gar keinen roten, musikalischen Faden geben soll.
Auf der ersten Single, gleichnamig mit Albumtitel, singt auch Jenny das erste Mal auf Platte, was sie live ja eh tut und zeigt einmal mehr, was für eine wunderschöne Stimme sie hat. Sauberer Kontrast zu Bechlers Stimme! Und dann kommt so eine Zeile (Bad Hair Day): "Wenn die Frösche immer alle nur tanzen wollen, bummst halt keiner mehr den albernen Prinz." Das ist so genial, wunderbar!
Das Thema Antihaltung wird dann in Das ist Punk das raffst du nie durchexerziert. Erinnert von der Aussage her stark an den ersten Track vom aktuellen Adam Angst-Album, da wird der Punk mit den eigenen Mitteln auseinandergenommen, das kann man dann geil und scheiße finden.
Und ohne eine irgendwie geartete Hymne auf die Heimat am Rhein kommt kein Fortuna-Album aus: Guten Morgen, Ehrenfeld scheint Hassliebe in Perfektion zu sein. In den In- und Wohlfühlvierteln fühlt man sich halt wohl, aber diese heile Welt nervt auch gewaltig. Das kommt hier gut zum Ausdruck. Und wenn man denkt, zum Ende hin plätschert die Platte etwas aus: weit gefehlt! Auf Die Umarmung der Magneten singt Enno Bunger mit und der Rausschmeißer Herbstmeister der Herzen kann man nur als große Liebeserklärung Martin Bechlers an seine Mitstreiter Jenny Thiele und Paul Weißert deuten.

Helm ab zum Gebet, übrigens eine Formulierung aus dem Zapfenstreich, ist ein wunderbares, schräges, vielschichtiges, teils verschwurbeltes Album, das man jedoch schnell ins Herz schließt. Verstecktes Highlight: das zweiminütige Welt in Teile. Einfach anhören.
Martin Bechler schafft eine eigene Kategorie deutschsprachiger Musik zwischen großer Tragik, dem Beweis, Sprache an die Kette zu legen, und Augenzwinkern ohne Ende, weil es halt auch gar nicht perfekt und rund sein will.

Diese herrliche und skurrile Mischung kann man sich dann demnächst hier antun. Wir raten dazu!

16.05. - Aachen, Musikbunker
17.05. - Münster, Sputnikhalle
18.05. - Rostock, Helgas Stadtpalast
19.05. - Berlin, BiNuu
21.05. - Wiesbaden, Schlachthof
22.05. - Stuttgart, Club Cann
23.05. - Graz, Orpheum extra
24.05. - Wien, Donaukanaltreiben
25.05. - Oslip, C’est La Mü
26.05. - München, Ampere
28.05. - Bremen, Tower
29.05. - Hamburg, Grünspan
30.05. - Paderborn, Kulturwerkstatt
31.05. - Köln, Gloria
12.07. - Düsseldorf. GoldMucke Sommeropenair
26.07. - Würzburg, Hafensommer (Kettcar Support)
17.07. - Hamburg, Slamville (Solo)
03.08. - Böblingen, Songtage
23.08. - Essen, Zeche Carl Open Air (Thees Uhlmann Support)
24.08. - Erfurt, Wipfelrauschen


Freitag, 26. April 2019

KW 17, 2019: Die luserlounge selektiert

Bild: https://editions.lib.umn.edu
(ms/sb) Wir starten diese musikalische Selektion direkt mit einem Film-Tipp. Und nicht mit irgendeinem. Nein, er lief nicht zuletzt im Kino und es ist auch kein klassischer Spielfilm. Es ist auch keine Doku, obwohl es so einige Anwandlungen gibt. Denn in der Mediathek vom wunderbaren Sender arte befinden sich derzeit hundertzwanzig geballte Minuten Rap-Geschichte. Die Rede ist von der Up in Smoke-Tour von Dr. Dre, Ice Cube, Snoop Dogg und Eminem! Die Aufnahmen sind 19 Jahre her! Das muss man sich mal rein tun. Wahnsinn!
Es sind die wichtigsten Vertreter des amerikanischen Rap der 90/00er Jahre und wenn dabei Köpfe nicht nicken, dann hat man kein Herz für Musik. So ist das. Einziger Makel: teils miserable Untertitelungen. Also: Film ab!

Monobo Son
Einer der beiden luserlounger stammt ja aus Bayern und hört echt gerne Musik im Heimatdialekt. Ob das nun dicht & ergreifend sind, die Spider Murphy Gang, der Söllner Hans oder LaBrassBanda, spielt dann keine Rolle, solange die Qualität passt. Apropos LaBrassBanda: deren Posaunist Manuel Winbeck veröffentlicht heute mit seinem Nebenprojekt Monobo Son nach zwei EPs nun auch schon das zweite Album und Scheene Wienerin gelingt es spielend, sämtliche Genregrenzen zu überwinden. Bairisch als verbindendes Element ist vollkommen ausreichend, um Pop, Techno, Jazz, Balkan Beat, Latino, Landler und Rock zu einem unwiderstehlichen Cocktail zu mischen, der zudem ungemein tanzbar ist. Lasst Euch das auch live nicht entgehen:

18.05. Weilheim, Hammerkult Frühling
19.05. Anger, Kirchweih
26.07. Nürnberg, Bardentreffen
27.07. Schrobenhausen, Noisehausen
08.08. Feldkirchen, Maxl Rocks
09.08. Eschwege, Open Flair Festival
23.08. Bad Schussenried, World Blasmusik Days
24.08. Eggenfelden, Gern Geschehen
07.09. Mühldorf am Inn, Junger Frühschoppen
14.09. Pyras, Hopfenpflücker Festival
27.09. Regen, Oberstübchen
28.09. Waging am See, Zelt'n
04.10. Aichach, Schloss Blumenthal
06.10. Arzberg, Festsaal Bergbräu
19.10. Bayreuth, Kneipenfestival
24.10. Stuttgart, White Noise
26.10. Hartmannshof, Sängerhalle
28.11. Kolbermoor, Kesselhaus
06.12. Nürnberg, MUZclub
07.12. Passau, Zeughaus
26.12. Weiden, Die Sünde
27.12. Aldersbach, tbc
28.12. München, Ampere


Frank Carter & The Rattlesnakes
End Of Suffering - so lautet der Name des mittlerweile dritten Albums von Frank Carter & The Rattlesnakes, das am 03.05. veröffentlicht werden wird. Die Band verspricht also das Ende des Leidens und leistet 40 Minuten lang tapfer ihren Beitrag dazu, denn ihre Scheibe überzeugt durch die durchdachten Texte genauso wie durch ihre Intensität. Erwähnenswert ist auch das Engagement in der Initiative #abetterplaceforyouandme, die betroffenen Menschen ein Forum bieten soll, Wege zur Überwindung von Angstzuständen - und dem Leben damit - zu finden. Stark, das!


Me And My Two Horses
Kristin Theresa Drechsler. Merkt Euch diesen Namen! Denn sowohl ihr Name als auch der ihres Musikprojekts - Me And My Two Horses - lassen auf keinen Fall auf die Macht schließen, die sich hinter diesen Tönen verbirgt. Diese lassen sich am besten mit dem Schaffen von Anna von Hausswolff vergleichen. Ja, phasenweise klingt es sehr, sehr ähnlich. Aber auf ihrem grandiosen Album No Man's Land beweist sie eindrücklich, dass ihre brachiale Orgel-Musik sich durchaus vom Wesen der schönen Schwedin unterscheidet. Denn Drechslers Musik ist oft feiner und gewissermaßen poppiger, wo bei von Hausswolff nur die Orgelpfeifen dröhnen. Und so halt auch im besten Sinne zugänglicher. Das Album hat nur acht Lieder und drei davon sind schon so unglaublich hervorragend, dass ihr sie auf jeden Fall anhören solltet: Salvation, Apocalypse und Deliverence. Es wird gebrüllt, abgebrochen, Dynamiken bauen sich auf, die man woanders vergebens sucht und über allem schwebt der nicht wegzuwischende Eindruck, dass man hier ein phänomenales Album in den Händen hält. Und das schreibe ich wirklich nicht oft. Also bitte!
Live gibt es das demnächst hier, also alle hin da:

23.05. - Berlin, Kugelbahn
24.05. - Lübeck, Treibsand
28.05. - Bremen, Lagerhaus
26.06. - Rüdersdorf (bei Berlin), Freudetreffen Festival



Edgar Wasser
Okay, wie Ihr im Laufe der Jahre möglicherweise mitbekommen habt, wird die luserlounge von Oldschool-Indie-Nerds betrieben. Aber wir öffnen unsere Herzen und Geschmäcker für alles was Gut ist. So sind wir über den besten deutschen Rapper der Welt, Fatoni, auf so manch anderen herausragenden Rapper aufmerksam geworden. Juse Ju zum Beispiel. Und ehrlicherweise kannte ich Edgar Wasser vorher auch nicht. Dieses Genie. Etka Vassa - wie man so schreibt - haut nach längerem nichts-von-sich-hören-lassen mal wieder was raus. Und wie! In den letzten Tagen erschien mit Legacy und The Ketchup Song direkt zwei neue Tracks, in denen er mal wieder beweist, wie bitterböser Rap hierzulande funktioniert. Krasser Kontrast zwischen "Das hat er jetzt nicht ernsthaft gesagt" und "Verdammt, ist das gut gerappt". Aber genießt - oder besser gesagt: stutzt - selber:



Buntspecht
Insbesondere zum Wochenende darf auch ein bisschen Austro-Pop nicht fehlen. Es mag wohl an meinen eigenen Wohnorten, die weit nördlich Österreichs sind, liegen, dass mir die Szene dort nicht so nahe ist. Doch spätestens Wanda und Bilderbuch haben die Tür in diese wunderbare Welt bekanntermaßen ganz weit aufgestoßen. Nun sprechen wir von Buntspecht. Sechs Wiener haben sich unter diesem gefiederten Namen zusammengetan; ihre Musik wird als Kammerpop bezeichnet. Dabei singen sie zum Teil erstaunlich hochdeutsch, arbeiten mit Folk- und Polka-Elementen, sodass daraus eine ganz wunderbare Mischung entsteht, die schnell zu gefallen weiß. Am 17. Mai erscheint ihr neues Album Draußen im Kopf und es könnte ein großer Wurf werden! Der neueste Vorgeschmack zum Lied Kind weiß nicht nur mit einem tollen Track, sondern auch mit einem ganz feinen Video zu überzeugen!

18.05. München - Manic Street Parade
19.05. AT-Wien - Kulisse (Releaseshow - ausverkauft!)
30.05. Berlin - Badehaus
08.06. Kirchanschöring - Im Grünen Festival
28.06. AT-Götzis - Folk Festival
06.07. AT-Klaus - Rock im Dorf
02.08. AT-Grossgerungs - Rock den Park

Freitag, 19. April 2019

KW 16, 2019: Die luserlounge selektiert

Quelle: financialexpedition.com
(sb/ms) Worüber in dieser Woche schreiben?! Auf der einen Seite liegt nichts näher als über den krassen Wetterumschwung seit dem letzten Wochenende zu schwafeln. Dann war ich letzten Samstag in der KZ Gedenkstätte Neuengamme im Hamburg, da blieb jedes andere Thema meilenweit entfernt. Und wie schwer es war, abends gute Laune beim grandiosen Konzert von Ove und Deniz Japsersen im gut besuchten Knust zu haben. Heftiger Bruch auf jeden Fall, doch es gelang mir, beides zu trennen und den Gig zu genießen.. Dann stand am Montagabend Notre Dame in Paris in Flammen. Ich bin nicht gläubig, aber die Bilder waren schon erschreckend. Vor vielen Jahren war ich mal da und kann nur noch erahnen, was dieses Gebäude an Kraft ausgestrahlt hat. Auf einem der Bilder war ein vom Licht angestrahltes Kreuz in den Trümmern zu sehen; vielleicht die Osterbotschaft?! Keine Ahnung.
Wir haben auf jeden Fall wunderbare Musik, denn wir sind die luserlounge und freitags wird selektiert:

Fabrizio Cammarata
In der absoluten Hochphase des Indie-Pop in den 00er Jahren gab es neben den wahnsinnig starken Gitarren-Alben von beispielsweise den Kaiser Chiefs oder Franz Ferdinand auch immer sehr viel gefühlvolle Musik, die mit Dramatik und Melancholie gespielt hat. So aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass das in den letzten Jahren weniger geworden ist oder meine musikalischen Vorlieben haben sich verschoben. Wunderbar kommt da das neue Album von Fabrizio Cammarata her. Es heißt Lights und ist Ende März erschienen. Auf den 11 Songs versammeln sich Emotionen ohne Ende, sowohl in den einzelnen Liedern als auch in der Stimmung, die die Musik transportiert. Es hat den Anschein, als ob es der ideale Soundtrack für Liebeskummer, Tragik oder der allgemeinen Hilflosigkeit bei schwierigen, wegweisenden Entscheidungen wäre. Fabrizio setzt dabei nicht nur seine kraftvolle Stimme gekonnt ein, sondern setzt die Akustikgitarre immer wieder prominent in den Mittelpunkt. In Tracks wie Under Your Face kommen noch Streicher hinzu: Gänsehaut garantiert! Der Sizilianer überzeugt auf voller Länge, alle 43 Minuten hindurch. Weitere Anhörtipps: Run Run Run und Cassiopea. Große Empfehlung! Live ganz bald hier:

16.05. Hannover – Lux
17.05. Berlin – Silent Green
18.05. Köln – Cardinal Sessions Festival
19.05. München – Unter Deck
21.05. Haldern – Haldern Pop Bar
23.05. Düsseldorf – Zakk Club



Betamensch
Zwei Männer aus der zweitgrößten Stadt Bayerns (Nürnberg) bringen ihre zweite EP namens Was Wir Waren (VÖ: 26.04.) heraus; darauf enthalten: zwei okaye (Wie Weh & Nur Gewinner) und zwei richtig geile (Halt Mich & Nie Mehr) Tracks, die keinerlei Zwei(!)fel daran aufkommen lassen, dass es sich bei Betamensch keinesfalls um 2. Wahl handelt. Sehr solide Rockmusik mit Pop-Attitüde, eine charakteristische Stimme und große Ambitionen - von denen werden wir vermutlich noch einiges hören. Live seht Ihr die Jungs demnächst hier:


26.04. Hamburg, Astra Stube
30.05. München, StuStaCulum
31.05. Buxtehude, Altstadtfest
14.06. Rottershausen, Lutz! Festival
05.07. Nürnberg, Südstadtfest
20.07. Gauting, Kulturspektakel



Honig
An die Band Honig habe ich bis heute extrem viele gute Live-Erinnerungen. Zum Beispiel als Support von Element of Crime in der Tonhalle Düsseldorf beim New Fall Festival, großartig. Zum Beispiel in der Pension Schmidt in Münster, als Stefan zum Schluss mit Town of Saints und Dad Rocks! mitten im Publikum stand und Golden Circle inbrünstig performten. Und auf jeden Fall die phantastischen Abende im Rahmen der Tour of Tours! Was ein irres Spektakel voller Spielfreude!
Doch nun soll Schluss sein. Das Bandprojekt Honig wird geschlossen, was ich persönlich sehr traurig finde. Jedoch soll dies nicht ohne einen letzten Knall geschehen, einer ausführlichen Abschiedstour bei der sie von ihren holländischen Freunden von Town of Saints begleitet werden. Ebenso gibt es einen letzten neuen Song und der Titel Nosebleed passt da ja mehr als die Faust aufs Auge! Ein Lied, das die sanften Stärken der Band gefühlvoll nachzeichnet. Also: Geht da hin und reißt ein letztes Mal mit Honig und Freunden diese schönen Clubs ab:

28.06.2019 Hannover, Café Glocksee
29.06.2019 Erfurt, Franz Mehlhose
30.06.2019 Nürnberg, Musik & Picknick
05.10.2019 Münster, Gleis 22
06.10.2019 Wiesbaden, Schlachthof
07.10.2019 Stuttgart, Im Wizemann
08.10.2019 München, Ampere
09.10.2019 Leipzig, Werk 2
10.10.2019 Gera, Alte Brauerei
11.10.2019 Braunschweig, Eulenglück
12.10.2019 Berlin, Monarch
21.12.2019 Hamburg, Bahnhof Pauli
22.12.2019 Düsseldorf, Zakk



Giant Rooks
Eine weitere gute Live-Erinnerung eines ganz anderen Kalibers: Auf meinem Herzensfestival, dem Traumzeit in Duisburg, sah ich vor zwei Jahren zum ersten Mal die Giant Rooks und konnte meinen Augen und Ohren nicht glauben: 1. Was macht diese Schülerband hier? Diese Frage wurde schnell beantwortet, denn: 2. Was machen die denn für krasse Musik? Und: 3. Was hat der Sänger denn mal für eine enorme Stimme?! Gehört und direkt überzeugt.
Mittlerweile sind die Giant Rooks keine Unbekannten mehr, spielen nun eine weitestgehend ausverkaufte Tour in Läden mit respektablem Fassungsvermögen, wo die Tanzbeine sicherlich nicht lange still halten können. Passend veröffentlichen sie heute ihre zweite EP, dessen gleichnamige Single Wild Stare schon länger zu genießen ist. Hier gehen die Jungs nun auf Tour:

22.04.2019 Stuttgart, Im Wizemann
23.04.2019 Köln, Live Music Hall (Ausverkauft)
24.04.2019 Münster, Skaters Palace (Ausverkauft)
26.04.2019 CH-Zürich, Exil
27.04.2019 AT-Dornbirn, Dynamofestival
29.04.2019 München, Muffathalle (Ausverkauft)
12.05.2019 Bremen, Modernes (Ausverkauft)
13.05.2019 Hannover, Capitol (Ausverkauft)
14.05.2019 Leipzig, Täubchenthal (Ausverkauft)
15.05.2019 AT-Wien, Wuk (Ausverkauft)
17.05.2019 Hamburg, Grosse Freiheit 36 (Ausverkauft)
18.05.2019 Frankfurt am Main, Batschkapp (Ausverkauft)
19.05.2019 Berlin, Huxley’s Neue Welt (Ausverkauft)
21.05.2019 Berlin, Huxley’s Neue Welt (Zusatzshow)
22.05.2019 Köln, Live Music Hall (Ausverkauft)
27.05.2019 Heidelberg, halle02
28.05.2019 Würzburg, Posthalle
30.05.2019 Nürnberg, Z-Bau



Faye Webster
Bleiben wir indirekt bei den Giant Rooks und deren kommenden Shows. Denn bei einigen (s.u.) ist Faye Webster als Support mit dabei. Und die Auftritte der Folkpopper werden mit einem gänzlich anderen Genre eröffnet. Webster macht einen Mix aus Pop, R'n'B, Soul, Hip Hop und Easy Listening. Sehr spannende Kombination. Im Track Flowers behandelt sie ihre eigene Vergangenheit in der Rap-Crew um Awful Records, wo sie die ersten musikalischen Gehversuche hinter sich brachte, um nun auf den eigenen Beinen zu stehen. Am 24. Mai wird ihr neues Album Atlanta Millionaires Club erscheinen, das zum entspannten Zurücklehnen einlädt. Es ist irgendwo in einem Bereich zwischen Lambchop, Junip und vielleicht Why? angesiedelt. Reinhören lohnt sich allemale!

12.05. Bremen, Modernes
13.05. Hannover, Capitol
14.05. Leipzig, Täubchenthal
15.05. Wien, Wuk - AT
17.05. Hamburg, Große Freiheit 36
18.05. Frankfurt, Batschkapp
19.05. Berlin, Huxleys

Mittwoch, 17. April 2019

Joseph Boys - Rochus

Erholsam im Kö-Graben. Foto: Andreas Endermann
(ms) Sich als Düsseldorfer Punkrockband Joseph Boys zu nennen, kann man entweder als mittelmäßiges Wortspiel interpretieren oder sagen, dass das eine witzige Idee war. Ich erfolge diesbezüglich die zweite Erklärung. Dass man als Punkrockband auf Fotos seine Gesichter nicht zeigt, ist auch eher ungewöhnlich. Egal, ob das als Promo-Strategie, Selbstschutz oder künstlerisches Stilmittel, ich bin Freund davon. Insbesondere bei Waving The Guns ist die Maskierung nach wie vor mit einer gewissen Faszination verbunden. Und insbesondere mit dem Standpunkt, dass dann die Musik, also hauptsächlich der Text im Vordergrund steht.
Diese Herangehensweise haben die Joseph Boys vielleicht auch verfolgt.
Am 26. April erscheint das erste Album des Quintetts auf Flight 13 Records. Es heißt Rochus! Nein, es nicht nur ein eher seltener männlicher Vorname, sondern ein Synonym für Wut oder Ärger. Und das hört man auf den 11 Tracks, die in 30 Minuten und 50 Sekunden runtergerissen werden. Das heißt: Tempo und Krawall! Und das macht richtig viel Spaß!



Dieser kommt insbesondere durch die sehr guten Texte ans Tageslied. Darin werden nicht nur auf durchaus unterhaltsame Art und Weise Randerscheinungen des Alltags wie das Kommen und Gehen von Gegenständen im Fundbüro erzählt. Sondern eine gewisse Hassliebe zur Heimat am Rhein scheint immer wieder durch die Zeilen. Freizeitstätte Garath handelt von der Seite Düsseldorfs, die bei dem ganzen Schickimicki-Hochglanz untergeht; ein Stadtteil, der viel Beton in der Außenfassade trägt. Doch es ist eine großherzige Solidaritätsbekundung! Und in eben jener Freizeitstätte gibt es dieses Jahr noch außerordentlich gutes Kabarett zu sehen: Hagen Rether, Mathias Tretter oder Philip Simon geben sich hier die Klinke in die Hand.
Die andere Düsseldorfer Seite zeigen sie in Geisterbahn Königsallee: Wenn man dort insbesondere am Wochenende schon mal geschlendert ist, weiß man genau, was die Band mit dem Titel meint, es ist ein grauenerregendes Show And Shine. Fein operierte Nasen und Austern schlürfen. So sieht es da halt wirklich aus.
All dies erzählen die Joseph Boys in hervorragendem Punkrock-Gewandt: ordentlich Gitarre, treibender Bass und schepperndes Schlagzeug und Tracks, die nicht mit Spiellänge überstrapazieren. Hier seien insbesondere Vernunft und Allegleich erwähnt, die beide an der Zwei-Minuten-Marke kratzen.
Auch richtig stark: Logische Obsoleszenz! Ein Plädoyer gegen die Wegwerfgesellschaft und eine wunderbare Abhandlung über den Begriff der Sollbruchstelle! Das weiß zu gefallen!

Klar: die Jungs erfinden den Punkrock hier nicht neu, spielen ihn aber in allerbester Manier!
Fazit: Schnelles, treibendes, kluges Album, das gehörig Bock macht.
Daher: Auf jeden Fall ansehen, wenn sie live spielen!

26.04. - Köln, Sonic Ballroom
27.04. - Düsseldorf, AK 47
17.05. - Frankfurt, Dreikönigskeller
18.05. - Karlsruhe, Alte Hackerei
07.06. - Osnabrück, Substanz
08.06. - Berlin, Schokoladen
14.07. - Düsseldorf, Tube
11.10. - Wermelskirchen, AJZ Bahndamm
26.10. - Münster, Gleis 22

Freitag, 12. April 2019

KW 15, 2019: Die luserlounge selektiert!

Quelle: stagefoodsafety.ecolab.com
(sb/ms) Dieser Tage habe ich ein wenig daheim aufgeräumt, Platten, Bücher und CDs sortiert und ausgemistet. Was da alles zum Vorschein kommt, ist schon irre...
Währenddessen habe ich Alben gehört, die länger nicht liefen. Unter anderem das Plastic Beach-Album der Gorillaz. Es ist tatsächlich vor neun Jahren erschienen. Beim Lauschen ist mir in Erinnerung gekommen, irgendwo mal gelesen zu haben, dass Damon Albarn insbesondere mit den Gorillaz Musik macht, die soundtechnisch eher in der Zukunft populär sein wird. Ja, ich hab das Anhören ziemlich stark abgefeiert. Noch mehr verwundert hat mich allerdings, wie inhaltlich visionär das war. Denn: Wenn nicht diese Platte, welche sollte dann der Soundtrack der Fridays for Future-Bewegung sein?! Beweis: Diese Doku!

Vögel die Erde essen
Oida, was für Bandname! Dass da vermutlich keine 08/15-Musik zu erwarten ist, liegt auf der Hand, aber so abgefahren wie befürchtet, isses dann doch nicht. Teilweise erinnert es an die großartigen Samba aus Münster (kennt die noch jemand?), die Bee Gees haben auch ordentlich abgefärbt und wenn man die ein oder andere psychedelische Droge vor Konsum des Albums eingeworfen hat, schadet das sicher auch nicht. Die Goldene Peitsche (VÖ: heute!) bietet jedenfalls durchaus Texte mit Substanz, die den Freuden der Überflussgesellschaft und der Lust an der Unterdrückung huldigen und dem Hörer die Möglichkeit bieten, sich zu positionieren, ob man dem Weg folgen oder doch seinen eigenen gehen möchte. Wird nicht mein Lieblingsalbum, aber ich bin froh, dass ich Vögel die Erde essen (immerhin mit dem Gitarristen von Die Tentakel von Delphi!) auf diesem Weg kennenlernen durfte.


Bonaparte
Anti Anti! Ah, nee. Damit ist es irgendwie vorbei bei Tobias Jundt und seiner Band Bonaparte. Denn die My Horse Likes You-Phase scheint schon länger beendet zu sein. Nicht nur musikalisch hat sich Jundt verändert, sondern er singt jetzt auch auf Deutsch. Das ist meines Erachtens schon gewöhnungsbedürftig, da ein roter Faden nur schwer zu erkennen ist.
Dennoch: Am 14. Juni erscheint das neue Album Was Mir Passiert. Man kann auch schon reinhören und der Schweizer hat niemand anders als Bela B und Farin Urlaub für die Single Big Data gewinnen können. Ich muss das nochmal anhören, denn so richtig zündet das noch nicht.
Was man von seinen Live-Shows bekanntermaßen aber nicht behaupten kann, denn das wird im Spätherbst sicher wieder eine wilde Sause:

19.11.2019 Leipzig ­– Täubchenthal
20.11.2019 Dresden – Beatpol
21.11.2019 Frankfurt – Batschkapp
22.11.2019 München ­– Technikum
23.11..2019 Wien – Flex
25.11.2019 Erlangen – E Werk
26.11.2019 Stuttgart – Wagenhalle
27.11.2019 Bern – Bierhübeli
28.11.2019 Köln – Gloria
29.11.2019 Hamburg – Uebel & Gefährlich
30.11.2019 Berlin – Festsaal Kreuzberg



Machete Dance Club
Ein wahrer Newcomer ist der Machete Dance Club aus München, denn erst seit einem Jahr besteht die Band und kann doch schon ordentlich Erfolge vorweisen, z.B. "Band der Woche" in der SZ und demnächst Support bei Dog Eat Dog.
Klickt am besten mal aufs Video und macht Euch selber ein Bild davon! Für mich klingt das bös nach aufgepimpter 80/90er-Mucke und Typen, die aussehen wie Europe, Thunder oder Mr. Big - tun sie aber Gott sei Dank nicht. Ich würde es ja gerne mögen, aber ich schaffs einfach ned. Oder wie meine Frau es eben ausdrückte: "Das klingt wie eine komische Mischung aus Mainstream und seltsam."
Wie gehts Euch so damit? Bei Gefallen lege ich Euch natürlich gerne die Debüt-EP A Trip Outta Hell Into Heaven And Back ans Herz, die just heute erscheint.


A Choir Of Ghosts
An Ounce Of Gold - so wird das Debütalbum des schwedisch-britischen Künstlers James Auger a.k.a. A Choir Of Ghosts heißen. Leider müssen wir darauf noch bis Ende 2019 warten, doch schon heute verwöhnt uns der Sänger mit seiner neuen Single Southwest Of The Moon, einem melancholischen Blick auf gescheiterte Beziehungen, weil man zu viel verlangt und nicht bereit ist, genug zu geben. Folk, wie wir ihn mögen!


Herrenmagazin
Gut drei Jahre her: Mit einem guten Freund war ich beim Herrenmagazin-Konzert im wunderbaren Dortmunder FZW. Pflichtnotiz: Ein Club mit unglaublich gutem Sound! Das Konzert war spitze, doch mein Kollege meinte: "Tja, das war dann also die Abschiedstour." Ich habe heftig dementiert, doch mir fehlte die Überzeugungskraft. Und tatsächlich hat man von Herrenmagazin danach nichts mehr gehört. Deniz Jaspersen macht Solo-Musik, Paul und König Wilhelmsburg spielen in einer Band Namens Trixsi.
Und letzte Woche kam dann der große Knall: BÄÄMM! Herrenmagazin gehen Ende des Jahres auf Tour. Und nicht irgendeine Tour: 11 Jahre Atzelgift werden ausgefallen zelebriert! Runde Geburtstage sind doch eh überbewertet! Wir freuen uns wie Bolle und haben da auch schon einige Daten im Visier:

07.11.19 Berlin, BiNuu
08.11.19 Dresden, Tonne
09.11.19 Bremen, Tower
10.11.19 Hamburg, Uebel & Gefährlich
13.11.19 Hannover, Bei Chez Heinz
14.11.19 Köln, Gebäude 9
15.11.19 Oberhausen, Druckluft
16.11.19 Frankfurt/Main, Zoom



Von Spar
Vor vier Jahren habe ich die Gruppe Von Spar mal im wunderbaren Gleis22 in Münster live gesehen. Ich kannte die Band gar nicht so richtig, wurde aber während des Gigs unheimlich überzeugt. Sie machen eher elektronische Musik und können dabei auch ziemlich laut ausbrechen. Auf der anderen Seite wird es hypnotisch-tanzbar. Also: sehr variabel und sehr gut. Nun bringen Von Spar ein neues Album raus: Under Pressure erscheint am 10. Mai über Bureau B, die ja eh einen sehr guten Geschmack haben. Die mit einem Video versehene Single Extend The Song ist dabei genremäßig schwer zu beschreiben. Vielleicht eine Mischung aus The Notwist und den jetzigen Lambchop?! Keine Ahnung... Daher: Hört rein und lasst euch mitnehmen! Live gibt's das demnächst hier:

22.05.19 Köln – Britney/Schauspielhaus
23.05.19 Köln – Britney/Schauspielhaus
30.05.19 Brüssel – Orangerie Botanique



Fortuna Ehrenfeld
Nein, sie sind keine Newcomer mehr. Doch wer innerhalb von vier Jahren drei Alben raus bringt, der hat definitiv etwas zu sagen und ein ungeheures kreatives Schaffen aufzuweisen. Und Fortuna Ehrenfeld ist seit zwei Jahren nicht mehr nur Martin Bechler, wenn er aus Aushängeschild, Texter und Rampensau ist. Doch Jenny Thiele und Paul Weißert lassen sich nicht mehr von der Bühne und aus den Videos rausdenken. So erscheint am 3. Mai das neue Werk Helm Ab Zum Gebet! Natürlich bei den guten Leuten vom Grand Hotel van Cleef. Das Video zur gleichnamigen Single sehr ihr hier. Apropos: Wie schön ist das denn mal geworden?! Ich bin äußerst neugierig auf die neue Platte und die Vorfreude ist extrem. Denn Fortuna Ehrenfeld suchen derzeit schon Ihresgleichen in Sachen Texten auf Deutsch! Das ist sehr stark. Daher ist ein Besuch auf der kommenden Tour natürlich Pflicht:

12.04. Bocholt, Freier Kulturort Alte Molkerei e.V. 
13.04. Osnabrück, Popsalon Festival 
16.05. Aachen, Musikbunker 
17.05. Münster, Sputnikhalle 
18.05. Rostock, Helgas Stadtpalast 
19.05. Berlin, BiNuu 
21.05. Wiesbaden, Schlachthof 
22.05. Stuttgart, Club Cann 
23.05. A-Graz, Orpheum extra 
24.05. A-Wien, Donaukanaltreiben 
25.05. A-Oslip, C’est La Mü 
26.05. München, Ampere 
28.05. Bremen, Tower 
29.05. Hamburg, Grünspan 
30.05. Paderborn, Kulturwerkstatt 
31.05. Köln, Gloria 
17.07. Hamburg, Slamville (Solo) 
26.07. Würzburg, Hafensommer (Kettcar Support) 
03.08. Böblingen, Songtage


Mittwoch, 10. April 2019

Gewinnspiel: Hurricane & Southside

Die luserlounge ist in Geberlaune: Merchandise zu verlosen! Foto: luserlounge
(ms) Die ersten Sonnenstrahlen kamen am Wochenende schon heraus und die Biergartensaison lässt auch nicht mehr lange auf sich warten. Was für ein Zauber doch die ersten Frühlings- und Frühsommerabende mit sich bringen, an denen man nicht mehr komplett gegen Kälte gerüstet ausharren muss.
Das heißt auch, dass die Festivallandschaft sich rüstet, um in allerbester Manier abgerissen zu werden. An der Spitze befinden sich natürlich das Southside und Hurricane. Letzteres sollte vielleicht mal seinen Namen überdenken, wenn langfristig gutes Wetter an jedem Juni-Wochenende herrschen soll...
Und was geben sich dort dieses Jahr wieder für Künstler die Klinke in die Hand?! Es sind nicht nur die sehr guten Headliner wie Tame Impala, Foo Fighters oder die Legenden von The Cure, sondern das Mittelfeld ist in extremer Weise besetzt: Bilderbuch, Die Höchste Eisenbahn, Bloc Party, Muff Potter, Pascow, The Streets (!!!), Christine And The Queens, Faber, Danger Dan oder Sookee. Wenn das nicht mal nach einem Wochenende voller bierseligem Musikgenuss in der Sonne ruft?!

Damit ihr für diese Festivals gut gerüstet seid, verlosen wir Euch hier in der luserlounge Shirts und Beutel! Ist das nicht der Wahnsinn?!
Was Ihr dafür tun müsst:
Schreibt uns Eure besten, liebsten, schönsten, verrücktesten, genialsten, umwerfendsten Momente vom Hurricane oder Southside. Schreibt uns auch, ob es eher ein Beutel oder ein Shirt sein soll. Wir hauen je 2 Beutel und 2 Shirts raus (Hurricane: Größe Grily S und Unisex XL; Southside: Unisex S und M). Seid kreativ, lasst Euch was einfallen, überzeugt uns, dann hagelt es Sommermode!

Schreibt uns bis Ostermontag, den 22. April an luserlounge@googlemail.com oder über unseren Facebook-Account. Wir freuen uns über Eure Geschichten und Erlebnisse!

Herzlichen Dank für die Bereitstellung an die Promotion Werft in Hamburg!

Dienstag, 9. April 2019

Hania Rani - Esja

Foto: Alfheidur Gudmundsdottir
(ms) Diese Rezension sollte mit der Frage und derer Beantwortung starten, warum im weitesten Sinne klassische Musik in den letzten Jahren beim Ottonormal-Indie-Publikum an Popularität und Erfolg gewonnen hat. Ich habe mir darüber den Kopf zermartert und bin zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen. Daher folgen nun ein paar wirre Ideen.
Es könnte sein, dass mein Musikgeschmack und ich in den letzten Jahren gemeinsam gewachsen sind und daher die Wahrnehmung dieser Entwicklung nur eine ganz natürliche Sache ist. Das mag auch am gesteigerten Arbeitsaufkommen liegen. In gehäuften Nachdenkphasen, bei denen meistens etwas Kreatives herausspringen soll, lässt sich instrumentale, minimalistische Musik nebenbei wesentlich besser hören als textlich verwirbelte Musik von Die Sterne, Mine oder gar textdichter Rap von Audio88.
Klaviermusik wie das neue Album Esja von Hania Rani sind da genau das Richtige. Es sind im besten Sinne Stücke, die man gut nebenbei hören kann, ohne dass sie ihre Schönheit und Dramatik verlieren oder ganz zu verschwinden drohen.
Es kann jedoch auch sein, dass die Avantgarde sich eine gewisse Position im Pop-Business erarbeitet hat und damit einen Gegenpol zum sehr erfolgreichen wenn auch schlimmen Cloud-Rap oder Schlager setzt. Sehr gut besuchte und gar ausverkaufte Konzerte von Nils Frahm, Malakow Kowalski oder Martin Kohlstedt beweisen das. Wobei ersterer und letzterer häufig - je nach Anlass - ins Elektronische abdriften. Und das, insbesondere bei Kohlstedt, mit einer ungeheuren Wucht.
Hania Rani geht auf Esja eher Richtung Kowalski. Zum Glück jedoch nicht so streng minimalistisch und einsiedlerkrebsmäßig. Die zehn Stücke entfalten sich auf einer guten Dreiviertelstunde in ruhige Schönheit und werden nie langweilig. Denn das ist durchaus das Anspruchsvolle des Genres, das man nun Neo-Klassik (oder sonstwie) nennt. Trotz, dass es derzeit in und cool ist, muss der Hörende natürlich am Ball bleiben.
Das schafft Hania Rani in vielfältiger Weise. Unter anderem auch mit ihrer anderen Gruppe tęskno. Das polnische Ensemble, Ranis Heimat, nutzt klassische Arrangements mit Streichern und Klavier und setzt darüber einen Gesang, der schnell Gänsehaut erzeugen kann.

Für ihr Solo-Album konzentrierte sie sich dann wiederum ganz und gar auf das Klavier, das ihr Herzensinstrument ist. Somit tritt sie zum ersten Mal alleine als Künstlerin auf, ohne Teil etwas Größeren zu sein. Das bringt viel Spannung, Mut aber auch Freiheit mit sich.
Was ihr eigenes Schaffen am meisten beeinflusst, fasste sie folgendermaßen zusammen: "Die Form meiner Stücke kann zum Beispiel von Architektur und Design beeinflusst sein. Ich übersetze dann diese ‘fremde’ Formsprache in meine eigene Sprache, die Musik, und das Ergebnis finde ich sehr viel spannender als das reine Bezugnehmen auf die Musik selbst." Was für ein Statement!

Schwierig ist es bei solch einer Art von Musik stets, einzelne Songs genau rauszupicken. Ich denke, dass man damit der Kunstform als solcher auch nicht gerecht wird. Mir erscheint Ejsa vielmehr als Gesamtwerk, das einen in 45 Minuten schnell hilft aus dem Alltag zu entfliehen. Es spielt mit Tempo, Dramatik und Melodieführung. Und insbesondere in Zeiten von Streaming, das einzelne Lieder schnell in ihrer Umfänglichkeit entwertet, ist es mehr als angebracht mal wieder ein ganzes Album durchzuhören. Dass dies die Königsdisziplin ist, da kein Gesang vorhanden, macht es nicht leichter, aber viel aufregender. Hania Ranis Debut-Album funktioniert sehr gut bewusst als auch nebenher.

Wir legen Euch Esja, das letzte Woche über Gondwana Records erschien, sehr ans Herz.
Es ist war nicht die ideale Musik für diese ersten richtig sonnigen Tage, aber man kommt ja auch irgendwann nach Hause, dann ist die Sonne untergegangen und man kann den Tag dabei hervorragend revu passieren lassen!

Live gibt es das demnächst hier:
11.05. Berlin - XJAZZ Festival
25.05. Hamburg - Futur 2 Festival