Montag, 7. Januar 2019

Turbostaat - Nachtbrot

(ms) Zwei Freunde von mir sind wirklich verrückte Fans der Flensburger Band Turbostaat. Unabhängig voneinander haben sie schon unzählige Konzerte besucht. Die Gruppe ist an mir immer ein bisschen vorbei gegangen. Einzelne Songs wie Haubentaucherwelpen oder Tut es doch weh finde ich ebenfalls sehr stark, doch ich habe sie tatsächlich nur ein Mal auf einem Festival gesehen. Und das nur im Vorbeigehen.
Ich kann mir nicht erklären, wie mir dieser folgenschwere Fehler unterlaufen konnte. Denn diesen Freitag (11. Januar) erscheint ihr erstes Live-Album, das auf den Namen Nachtbrot hört und ich darf schon seit ein paar Wochen reinhören und bin von der ersten Minute bis zum Schlusstakt vollends überzeugt, dass das hier ein ganz großer Wurf ist. Daher folgt nun der Versuch zu erklären, warum Nachtbrot das perfekte Live-Album ist.

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum eine Band ein Live-Album produziert und es gibt unterschiedliche Herangehensweisen. Im Weihnachtsgeschäft tümmeln sich allerhand Geldzähler, manchmal ist es ein Abschieds-Release, ab und an die Aufzeichnung eines besonderen Abends mit speziellem Ambiente. Turbostaat haben sich für einen anderen, triftigeren Grund entschieden: Sie feiern dieses Jahr ihr 20-jähriges Bandjubiläum. Beachtlich: Stets in der gleichen Besetzung. Für diese Platte fuhren sie letztes Frühjahr nach Leipzig ins Conne Island, wo ein einzigartiges Publikum auf sie wartete.



So. Aus folgenden Gründen ist Nachtbrot das perfekte Live-Album: Erstens sind die Musiker dieser Band richtig, richtig gut an ihren Instrumenten. Das ist eine notwendige Voraussetzung für einen Live-Mitschnitt. Erhärtend kommt hinzu, dass es häufig Rhythmuswechsel innerhalb eines Liedes gibt, dass die beiden Gitarren scheinbar gegeneinander arbeiten. Dies funktioniert herausragend. Zudem wurde diese musikalische Dynamik bestechend gut eingefangen, man hat beim Hören wirklich den Eindruck vorne im Moshpit zu stehen.
Weiterhin gehört das Publikum dazu. Es ist in dem genau richtigen Maße zu hören. Es ist leise, wenn es leise sein soll (Wolter) und laut, wenn es laut sein soll (auch in Wolter und in den meisten anderen Liedern). Außerdem ist zu spüren, dass zwischen Band und Besuchern eine vertraute, ja beinahe freundschaftliche Atmosphäre herrscht. Man kennt sich. Das erklärt auch, warum die Menge so unheimlich textsicher ist. Diese Textsicherheit wird oft verlangt, wenn Sänger Jan es ihnen überlässt und dann, wenn das Publikum sich diesen Raum nimmt (Sohnemann Heinz).
Grund Nummer drei für die Stärke des Albums: Die Länge. Ein Live-Album mit zwölf Liedern ist unglaubwürdig. Es sind 21 Songs, die sich über 82 Minuten erstrecken. Es ist ein gefühlt volles Konzert, das an drei Abenden in einer Location aufgenommen wurde. Es harmoniert an allen Ecken und Enden, das passt saustark.
Grund Nummer vier: Die Dynamik, die Energie, die enorme Bereitschaft, die Kraft der Band. Wie sehr sie das provozieren ist nur ab und an und dann aber sehr deutlich zu hören. So ruft Sänger Jan Windmeier dem Publikum im Song Abalonia kurz vor dem Refrain einmal zu "Kommt!". Selbst wenn man nicht dabei war, weiß man ganz genau, was gemeint ist: alles geben, mitsingen so laut es geht, schwitzen was das Zeug hält, eins sein mit dem Augenblick.
Nummer fünf: Die generelle Qualität der Gruppe Turbostaat. Ich tue mich schwer damit, ihr Genre einfach mit Punkrock zu betiteln. Das wäre ihren Texten nicht gerecht, denn diese sind zu klug für Punkrock, teils zu verschachtelt. Sie sind nicht Schaum vorm Mund, sondern auch einfühlsam, ehrlich, bedacht. Die Dagegen-Mentalität, wie man sie eigentlich aus dem Punk kennt, ist zum Glück nicht zu vernehmen.



Heute, am 7. Januar, vor zwanzig Jahren kamen Jan, Rollo, Tobert, Peter und Marten das erste Mal zum Proben im Husumer Speicher zusammen, gründeten die Band mit allerhand Zweifeln und haben sich zurecht und beträchtlich etabliert in der deutschen Musiklandschaft und wuchsen zu einer überzeugenden, verlässlichen Größe heran.
Wer sich dieses Album nicht kauft, gehört ordentlich bestraft. Es sollte einen gebührenden Platz in der heimischen Plattensammlung finden und regelmäßig laut laufen.
Die beiden oben erwähnten Freunde kann ich nun mehr als gut verstehen.
Zum Glück kann man sich davon auch in den kommenden Wochen live überzeugen. Und zwar hier:

11.01. - Husum, Speicher (Ausverkauft)
12.01. - Flensburg, Volksbad (Ausverkauft)
14.02. - Hamburg, Markthalle
16.02. - Jena, Kassablanca
19.02. - Köln, Gloria
21.02. - Stuttgart, Universum
23.02. - Göttingen, Musa
13.03. - Münster, Sputnikhalle
16.03. - Hannover, Faust
19.03. - Berlin, SO36 (Ausverkauft)
21.03. - Dresden, Beatpol
22.03. - Erlangen, E-Werk

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