Freitag, 6. November 2026

KW 45, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Shuvo.Das 
Hallo Hoffnung! Na, da bist du ja wieder. Schon dich zu sehen und dich auch zu spüren. Gut, dass du noch da bist. Es gab ja durchaus Tage, da kamen ein paar Zweifel auf. Erst Serbien, dann Israel (obwohl da ja ziemlich unklar ist, wie es weiter geht) und nun good, old Amerika. Dass so viele Leute die Demokraten gewählt haben - großartig! Sehr divers, sehr auf die Bundesstaaten zugeschnitten und mit all den gewählten Menschen wirkmächtig. Klar, es kann auch sein, dass der orangene Mann jetzt komplett durchdreht und nur noch mit dem Filzstift regiert. Aber es lassen sich nun wesentlich besser Steine in den Weg legen. Sehr, sehr gut. Nicht nur für die Welt. Sondern auch für die Menschen in den Staaten, denen das Geld ausgeht oder die sich ein Leben so nicht mehr leisten können. Klar, Hoffnung, an dir hängt jetzt eine Menge. Aber du kannst zum Glück auch richtig gut abliefern! Ich hab Bock!

Cava
(Ms) Herrlich, wenn die Gitarren direkt ab dem ersten Takt scheppern, oder?! Schwere Riffs leicht gespielt, einige Effekte drüber, krachendes Schlagzeug dazu und schon hat man den Sound von Cava. Das Berliner Duo macht seit einiger Zeit auf sich aufmerksam und am 27. November erscheint ihr neues Album Good Luck. Heute erscheint - um die Spannung schön hoch zu halten - ihre neue Single Every Life, die mit viel Tempo und Druck nach vorn überzeugt. Das, was Amyl & The Sniffers im ganz großen Stil sehr erfolgreich aufziehen, machen diese beiden Damen mindestens genauso gut! Und es macht sehr viel Spaß. Im allerbesten Sinne unkomplizierte Musik, die sehr viel Spaß macht und nur eine Richtung kennt: voran, voran!


Takeshi‘s Cashew
(Ms) Ach, ich bin auch einfach ein leichtes Opfer. Zeig mir eine Band mit einem originellen Namen und ich bin dabei. Klar, die Musik muss auch stimmen, aber ein pfiffiger Name macht schon was her. Und Takeshi‘s Cashew ist leider genial! Zum Glück macht diese Band wirklich geile Tracks und letzte Woche erschien ihr neues Album Planet Odyssey 64 und es macht ja so, so viel Spaß! Darin ist ein wenig Weltraum, ein wenig Ufo, ein bisschen mäandernder Rausch, wilde Synthie-Tänze und ungehörig viel Freude am guten Rhythmus. Ja, das ist das bestechende Element. Wer Bock hat Oum Shatt in etwas leichtfüßigerer, verspielterer Art zu hören, ist hier genau richtig!



Please Madame
(Ms) In letzter Zeit beschleicht mich der Gedanke, dass es vielleicht am schwersten ist, leicht klingende Musik zu machen. Leicht im Sinne von: hier wippt auf einmal ganz unbemerkt der Kopf mit. Leicht im Sinne von: das ist beruhigend und hat doch einen guten Groove. Leicht im Sinne von: Ach, einmal durchatmen. Please Madame aus Salzburg bringen heute den passenden Track dazu heraus. Your Taste heißt er. Nicht nur, dass es einfach klassisch-guter Indiepop ist, man darf im Video der Band auch teils beim Essen zuschauen. Genial. Auch im Bewegtbild passiert so herrlich wenig. Und doch so viel. Das ist doch ganz verrückt. Genauso wie der Song: es geht dazu, sich einfach mal vom eigenen Geschmack leiten zu lassen. Mehr Bauchgefühl. Weniger Kopf. Na, wenn das nicht ideal in unsere Zeit passt. Eben. Ab dafür:


Eilis Frawley
(Ms) Ich wünsche mir, dass ich tausende Jahre alt werde. Und sollte das aus irgendwelchen Gründen nicht klappen, dann doch so lang wie möglich. Aus einem simplen Grund: Es gibt so viel gute Musik zu hören, dafür reicht ein Leben doch gar nicht aus, oder? Es gibt so viele unfassbar kreative MusikerInnen da draußen - ich muss das doch alles hören und darüber schreiben. Ein Glück, dass es Eilis Frawley gibt. Die Drummerin hat gar keine Furcht, sich nicht an irgendwelche Genregrenzen zu halten. Sie ist ein absoluter Freigeist. Genial und hochgradig beeindruckend! Heute veröffentlicht sie ihr neues Album Twist My Words und es ist ein phantastischer Hörgenuss. Ihre Stimme nutzt sie für Spoken Word-Texte. Doch am interessantesten sind all die tollen Arrangements und Rhythmen. All die Soundschnipsel, die durch ihre Lieder strömen. All den Drive, den diese Musik aufnimmt. Hier verschieben sich auch oft mal die Takte, dann setzen wieder Streicher ein, dann dominiert ein Bass. Das ist ganz, ganz großartig gemacht. Hört euch bitte, bitte dieses Album an:


Donnerstag, 5. November 2026

Live in Bremen: The Notwist

Foto: luserlounge 

(Ms) Es ist oft wie verhext: Da stehe ich am Mittwochabend im wunderbaren Bremer Schlachthof und sehe The Notwist und denke mir: „Warum ist das nicht meine absolute Lieblingsband?“
Alles spricht dafür: super Leute, tolle Texte und vor allem - also ganz stark gewichtet - irre Kompositionen, phantastische Arrangements und die große Gabe, das live tatsächlich genauso rüber zu bringen. Doch wenn ich zu Hause Musik höre, kommen The Notwist gar nicht so oft vor. Es ist wie verhext.
Die Band ist derzeit auf großer News From Planet Zombie-Tour und ein Stop in Bremen ist immer eingeplant. Kein Wunder: Alle, die schon mal im Schlachthof waren, kommen gern wieder zurück. Zudem hat sich das Team von Arte Concerts gedacht, das mal aufzuzeichnen. Sechs Kameraleute habe ich gesehen, die den Abend aufgezeichnet haben. War es deshalb so großartig?! Ich denke nicht.
The Notwist live sind deshalb so unglaublich großartig, weil hier ein Organismus Musik macht. Wenn insgesamt 12 Leute diese Lieder spielen - die hatten ein Harmonium dabei! - und es sich so klar, so weich, so rund, so eins anhört, dann sind hier auch echt krasse Profis am Werk. Ihr unglaubliches Können, ihre blinde Abstimmung ist dabei nicht mal zu sehen. Alle MusikerInnen strahlen so eine unglaubliche Leichtigkeit aus in dem, was sie tun. Das ist einfach sehr beeindruckend.
Wenn sie dann mit Teeth starten, ist das beinahe frech. Der Opener vom aktuellen Album ist ja auf Platte schon toll - live setzen sie einfach noch ein paar Schippen drauf. So baute sich ein Abend zusammen, bei dem der Fokus dezent auf den neueren Stücken lag, aber die Durchmischung war extrem. Extrem gut.
The Notwist ist eine Band, bei der es mir tatsächlich weniger auf die einzelnen Lieder ankommt. Oft kann ich nichtmal den Titeln den tatsächlichen Song zuordnen. Doch das ist mir egal. Es geht mir um die Energie. Wenn diese Band auf der Bühne steht, entsteht ein Sog. Ein Drive, der gewaltig ist. Mal zerbrechlich und überaus schön. Dann wieder wuchtig mitreißend. In allen Takten herrscht eine unglaubliche Liebe zum Detail. Keine Ahnung, wie viele elektronische Gerätschaften auf der Bühne standen, um diesen Sound zu erschaffen. Neben all den Instrumenten. Und es klingt so, so eins. Insbesondere Karl Ivar Refseth ist dabei hervorzuheben. Der Mann hinter dem Vibraphon ist ein Phänomen. Er strahlt nicht nur viel Gelassenheit und Positivität aus, sondern er spielt mit so einer Inbrunst und einer unverschämten Genauigkeit. Was er aus all seinen Instrumenten an Tönen rausholt, ist irre. Mit dem Geigenbogen über die Vibraphonstäbe?! Klar, kein Problem! Checkt mein Hirn nur nicht.
Am Mittwoch hat zudem eine tolle, minimalistische aber sehr wirkmächtige Lichtshow dazu beigetragen, dass es ein denkwürdiger Abend wurde. Ein paar Male sah ich die Band nun schon live. Ich bin mir sicher, dass dieser Abend das absolute Highlight war. Ein Glück, dass Arte das festgehalten hat. Wenn der Mitschnitt fertig ist, tauche ich nochmal in diesen beeindruckenden Abend ein.

Freitag, 30. Oktober 2026

KW 44, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / arnikahossain
Wie schlimm sieht es wirklich aus und was kann ich tun? Also auch für mich selbst?
Seit ein paar Wochen habe ich das große Glück, eine analoge Uhr zu tragen. Wieder. Die letzte habe ich zur Konfirmation bekommen. Diese fetten Fossil-Uhren waren als beginnender Teenie schon der letzte Scheiß. Heute will ich einfach nur ein Ziffernblatt, das mir die Uhrzeit anzeigt. Ahja, das Datum ist auch dabei. Sonst nichts. Tick. Tack. Kein Bildschirm, es ploppt nichts auf, einfach nur die Zeit anschauen. Genial! Dazu auch noch irre schick! Ist so! Der größte - und gewollte - Effekt ist dabei, nicht so oft auf das doofe Handy zu schauen. Bin ja eh komplett abhängig. Eine kleine Rebellion am Handgelenk. Denn wenn die Büchse der Pandora erstmal leuchtet, dann schweife ich direkt durch tausend Apps. Werbeschrott bei Insta, Weltuntergang bei Bluesky, Wetter bei der Tagesschau und der x-te, völlig langweilige Artikel über die blöden Bayern beim Kicker. Das sind mit drei Daumenwischern viel zu viele Informationen. Das geht zwar schon in meinen Kopf rein, macht den aber matt. Wie Milchglas. Anders meine tolle, neue Uhr. Die tickt einfach nur vor sich hin. Da herrscht Friede. Sie will auch eigentlich nichts. Genial. „Wer heut‘ noch was auf sich hält, liebt ein analoges Mädchen in einer digitalen Welt“ - Fortuna Ehrenfeld.

Döll
(Ms) Es gibt einfach zu viel gute Musik. Können wir uns auf diesen Grundsatz einigen?! Ich würde am liebsten hauptberuflich nichts anderes machen als das hier: Neue Musik entdecken, Gedanken entwerfen, sie in Worte fassen und hoffen, dass andere das dann auch gut finden oder zumindest mal davon gehört haben. Mädness höre ich seit einiger Zeit, doch es ist wie verhext, dass sein Bruder, Döll, kaum auf meinem Radar ersichtlich ist. Bis jetzt. Es gab keinen zwingenden Anlass für mich, nur den großen Willen. Gut, dass mit Auf Keinen Fall jüngst ein neuer Track erschien. Oh, man! Was für ein unfassbar guter Rapper. Was für ein unfassbar hartes Leben. Was für eine irre Leistungen, in der Musik so tief in sein Innerstes blicken zu lassen. Glücksspielsucht ist echt eine üble Geschichte. Nicht nur weil so viel Zeit bei drauf geht, sondern leider auch schnell das liebe Geld. Der Song macht nicht unbedingt gute Laune, ist aber dafür umso wichtiger. Stark, stark, stark!


Berglind
(Ms) Wenn es direkt mit dem ersten Takt kickt, dann zaubert Musik mal wieder gehörig. Ach, wie gern lass ich mich verzaubern. Ich will auch wirklich nicht alles verstehen. Es einfach geschehen lassen. Auch nicht danach fragen, ob das jetzt nicht etwas zu poppig ist. Weg mit dem Musiksnobismus. Berglind heißt der neue heiße Scheiß aus Österreich offensichtlich. Es ist elektronisch. Es ist mitreißend. Es ist sehr gut! Streichelzoo heißt nicht nur die neue Single, die heute erscheint, sondern auch das gleichnamige, neue Album, das am 27. November rauskommt. Was für eine wunderbare, kluge Auseinandersetzung mit dem Ich. Wenn auch teils gar nicht so gewollt. Denn wirklich ist machen wir uns ja ganz schön was vor. Und mit der tollen Zeile „Hast du dir nur diesen Traum geliehen“ trifft die Musikerin ja den Nagel auf dem Kopf. Zusätzlich wirklich elektrisierend. Da macht es Peng! im Nervensystem - genial!


Zweilaster
(Ms) Der Kampf gegen die Moderne. Ich liebe ihn. Nicht allen Scheiß mitmachen. Mal wieder in den Wald gehen. Einfach mal Nudeln statt Kombucha. Obwohl, ist ja auch echt geil. Egal. Nicht alles mitmachen. Vor allem nicht allen gefallen wollen. Manchmal bin ich viel zu sehr Diplomat. Mehr anecken. Mehr nerven. Geil! Zweilaster haben dazu einen mächtigen Smashhit im Gepäck! Freundin heißt der Track, der heute frisch rausgekommen ist. Es schrammelt so gut, es übertönt gewaltig, es ist voller Herzblut. So soll es sein, oder?! Und die gebrüllten guten Ratschläge an ein Gegenüber sind eventuell auch nur ein Blick in den Spiegel. Poesiealbum - was für ein genialer Name für eine Platte - erscheint am 27. November und könnte ganz schön gut werden!


Grey Flamingo
(Ms) Vor vielen, vielen Jahren ist auf der Ems ein Schiff gegen eine Brücke gefahren. 13 Jahre ist das her, habe ich gelesen. Seitdem fährt dort keine Bahn mehr von Deutschland in die Niederlande. Das ist jetzt vorbei! Genial! Eine neue Zugverbindung lebt, die sogenannte Wonderline. Nur in Leer umsteigen und beispielsweise von Bremen in unter drei Stunden entspannt nach Groningen! Das ist doch ein super Anlass, sich mal über Musik aus den Niederlanden Gedanken zu machen. Denn da fällt mir irgendwie nichts zu ein. Gar nicht negativ gemeint. Ich kenne schlicht keine Band aus den Niederlanden. Okay, Chantal Acda. Sie ist großartig! Grey Flamingo kommen aus aus den Niederlanden und das Tolle ist, das fast nichts über die Band bekannt ist. Also schön auf die Musik konzentrieren: entspannter, melodiöser, teils leicht dramatischer, eingängiger, sehr zugänglicher Frickelpop. Viele schöne Details. Die Band breitet einen warmen Klangteppich aus, auf dem man ein bisschen abhängen kann. Happy Songs For Shady People heißt ihr neues Album - unglaublicher Titel! Also, liebe shady people, gebt euch das. Es ist sehr gut! Und mal wieder in die Niederlande fahren, okay? Gut.

Editors - Surface, Echo & Sound

Foto: Rahi Rezvani
(Ms) Am 30. Oktober erscheint ein neues Album der Editors. Eine Band, bei der ich unter keinen Umständen objektiv bleiben kann. Zu lange höre ich sie, zu gut finde ich sie, zu oft (wenn es das überhaupt gibt) habe ich sie gesehen. Da sind die eigenen Erwartungen schon sehr hoch. Es geht mir dann nicht nur im den Sound, sondern auch um die Gefühle, die die neuen Lieder in mir auslösen. Können, sollen.

Eine Verbandelung von Kang und Emotion steht für mich seit Ewigkeiten bei den Editors ganz weit vorn. Eine Energie, die mich packt, die mich die Faust ballen lässt und in der einfach unglaublich viel Wucht steckt. Es sind die Songs, bei denen Tom Smith auf der Bühne auch völlig freidreht. Da sind Tracks wie Smokers Outside The Hospital Door, The Racing Rats, Papillon, Formaldehyde oder Marching Orders, die ganz viel Glanz haben. In diesen (und vielen anderen) steckt eine Energie, die das Leben bereichert und schlechte Tage ganz schnell vergessen lässt. Auch die elektronische Wandlung der Band finde ich absolut nachvollziehbar und stark!

Nun erscheint mit Surface, Echo & Sound eine neue Platte. Seit 23 Jahren gibt es diese Band, es ist ihr achtes Album. Und es klingt vollkommen anders. Sämtliche Synthesizer sind verschwunden, auch die E-Gitarren knallen hier nicht so, wie man es eventuell vermuten würde. Schon auf seinem Solo-Album hat Tom Smith einen eher reduzierten Ansatz verfolgt. Den hat er auch mit seiner Band nun umgesetzt. Tatsächlich weiß ich nicht genau, was ich davon halten soll. Denn da sind zwei Dinge: Möchte ich, dass diese mir so wichtige Band gewissermaßen immer das Gleiche oder Erwartbare macht oder lasse ich mich auch auf eine so verhältnismäßig sanfte Platte ein? Es nicht zu tun, wäre etwas zu versnobt. Doch eine dezente Enttäuschung liegt bei mir schon in der Luft.

Ja, das Album hat definitiv schöne Lieder zu bieten. Eine der ersten Singles, Call It In, weist einen spürbaren Drive auf. Nur halt ohne den absoluten, ausbrechenden Höhepunkt. Stattdessen treibt hier die Akustikgitarre. Zu Beginn von The Rush dachte ich tatsächlich, dass Coldplay hier am Werke seien, doch wurde wieder zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Ja, Surface, Echo & Sound ist definitiv ein Album, auf dem Tom Smiths Stimme mehr im Vordergrund steht. In einer emotional nahbareren Variante, nicht so nach vorn strebend, aber definitiv auch schön!
Ja, Shadow ist berührend, baut sich ganz toll auf. Und da kommen sie, die klassischen Editors-Momente. Wo es kribbelt. Wo der Puls steigt. Nur halt irgendwie klanglich gedämpft.
Doch die britische Band zeigt auch, welcher Klang ihr so eine beeindruckende Karriere verschafft hat. Es ist ein Klang, der auf Happiness in Ansätzen zu finden ist. Wenn Melodien und Gesangslinien sich ineinander verschlingen und Tom Smiths Stimme anfängt zu beben. Hier steigt doch der Puls, oder?! Es ist ein starker, verwunschener Song! Und ja, der Bass rollt plötzlich auch wieder. Wie auf Much Love. So lau - in meinen Ohren - die Platte auch begonnen hat, so nimmt sie auch Fahrt auch. Nicht so wie auf den ersten drei Alben. Anders. Aber durchaus ansteckend. Auch Seriously ist zweifelsohne ein wunderschönes, ja Hoffnung bringendes Lied. Und hier kommt dann eine Facette dieses Albums zu tragen, die ich erst spät verstanden habe. Es glänzt ein wenig mehr. Weniger Dramatik. Mehr organische Musik. Mehr Wärme auch gewissermaßen. Und das ist eine wirklich schöne Erkenntnis, so sollte dieses Album sicher einzuordnen sein. Eine warme Decke, die diese Musik über uns legt. Beruhigend, besänftigend, mitunter tröstend. Nur sind das Attribute, die ich der Band im Vorhinein niemals zugeschrieben hätte. 

Ja, Surface, Echo & Sound klingt ganz anders als alles zuvor. Doch - wenn wir ehrlich sind - war das nicht bei den Editors sowieso immer schon der Fall?! So ist es die weicheste Platte in einer beeindruckenden Diskographie. Vielleicht ja genau der Aspekt, der dem Wirken dieser Gruppe halt noch gefehlt hat. Dennoch hätte ich mir ein wenig mehr Wucht gewünscht.

07.02.2027 München - Zenith
08.02.2027 AT_Wien - Gasometer
11.02.2027 Berlin - Columbiahalle - SOLD OUT
14.02.2027 Köln - Palladium- SOLD OUT
16.02.2027 Leipzig - Felsenkeller
20.02.2027 Hamburg - Inselpark Arena - SOLD OUT




Donnerstag, 29. Oktober 2026

Get Well Soon - Séance


(Ms) Konstantin Gropper ist nicht zwingend für seinen ausladenden Humor bekannt. Bei seinen Konzerten wurden seine Entertainerqualitäten über die Jahre viel besser, doch so musikalisch ist einem oft wenig zu lachen zumute. Als Minus The Magic im Frühsommer erschien, behauptete er in einer Pressemitteilung, dass seine Band Get Well Soon womöglich ein über viele Jahre missverstandenes Comedy-Projekt gewesen ist. Jaja. Er wollte auch mal ein Witzebuch mit auf die Bühne bringen. Nun gut, ernst nehmen sollte man ihn vielleicht besser nicht so oft. Im guten Sinne. Denn in der Hinterhand hat er immer noch so einiges. Der Köcher ist stets gefüllt. Und so sehr er nach Amen als Get Well Soon abwesend schien (zumindest in meiner Wahrnehmung), so sehr ist er in diesem Jahr (wieder) da. Über zwanzig Jahre macht er schon unter diesem Namen Musik. Nun erscheint sein achtes Album, heißt: zwei Platten in diesem Jahr! Auch hier wieder eine kleine Finte in der Pressemitteilung: Er behauptet, ursprünglich eine Platte mit KI machen zu wollen. Jetzt ist es eine über die sogenannte Künstliche Intelligenz geworden. Den ersten Schritt glaube ich ihm nicht. Seit jeher sind die Alben von Get Well Soon sehr programmatisch ausgerichtet. Und immer schon hat er mit seiner Band alles selbst gemacht. So handwerksmäßig. Ein Programm als Hilfe?! Unvorstellbar im Konstantin Gropperschen Musikkosmos. Genauso wie sämtliche Humorlosigkeit. Zwinker Zwinker.

Séance heißt das Album, dass passend kurz vor Halloween am 30. Oktober erscheinen wird. 15 Songs, 55 Minuten Spielzeit. Normale Get Well Soon-Länge also. Wenn die Tracks laufen, wird sofort klar, warum es in diesem Jahr zwei Platten sein mussten. Auf Minus The Magic war der Angry Young Man noch mit voller Gitarrenwucht am Start. Nun, auf Séance, wird es klanglich wesentlich detaillierter. Viel mehr Kleinigkeiten kommen hinzu. Zudem sind die Songs insgesamt viel düsterer geworden. Inhaltlich zum Teil auch. Der Musiker selbst spricht davon, dass dies sein Gothic-Album geworden sei. Nun lässt sich dieses Genre aufgrund der szeneinhärenten Vielfältigkeit kaum definieren. Ist Séance dunkel? Ja! Spielt der Tod eine Rolle? Ja! Kleidet sich der Protagonist szenetypischer? Ja! Geht es mit metaphysischen Dingen zu? Bei Get Well Soon doch sowieso immer!

Den Titel hat Konstantin Gropper ausgewählt, da ihm die Nutzung von KI mit Geisterbeschwörung ähnlich vorkommt. Ja, ist was dran. Und wenn dann die Chefs der dazugehörigen Firmen marketing-strategisch geschickt behaupten, ihre Programme könnten in kürzester Zeit die Menschheit auslöschen, dann ist der eigene Tod, eine unheimliche, dunkle Macht und ein düsterer Sound absolut naheliegend.

Mit einem kurzen, flirrenden Instrumental beginnt Séance. Die Marschroute ist klar. Es darf durchaus etwas gruseln. Mit Goth 101 setzt sich diese Atmosphäre fort. Ja, es geht durchaus hypnotisch zu, Obacht ist geboten beim Zuhören, nicht dass plötzlich die Toten um einen herum aufwachen. Wo im Frühsommer noch die E-Gitarren schepperten, mäandern nun oftmals vom Bass geleitete, dezente Rhythmen durchs Dickicht. Logisch, dass diese beiden Ansätze nicht auf eine Platte passten. Ein bisschen mehr Fahrt nimmt Hallucination No. 4 auf. Das heißt auf keinen Fall, dass es vorher öde war, sondern eher schleierhaft zurückhaltend. Wenn auf diesem Track dann das Tempo anzieht, die Melodien wieder sagenumwobende Höhen erlangen und plötzlich eine starke Kraft entwickeln, herrscht doch eine Dynamik, die von Konstantin Gropper durchaus erwartbar ist: Genial! Ein bisschen erinnert dieser musikalisch-thematische Ansatz an The Horror. Herrlich schauderhaft wird es dann wieder bei Holiday In Lily Dale. Lily Dale ist eine Gemeinde in den USA, quasi das Epizentrum für alle Spirituelle. Auch mit Toten soll dort kommuniziert werden können. Konstantin Gropper nimmt uns Hörende auf diesem Track auf mystische Weise mit an diesen Ort, quasi als Stadtrundgang der Verwunderung. Stark, wie Inhalt und Musik hier Hand in Hand gehen!
Wirklich spannend wird es auf The Wreck Of The Deutschland. Nicht nur wegen des seltsamen Titels. Hier zelebriert Get Well Soon Art Pop vom Allerfeinsten. Akkordeon, kleinteilige Rhythmen, düstere Faszination. Und damit geht es weiter: The Undead Choir ist genau das - ein A Cappella, nur sphärische Klänge im Hintergrund. Okay, es gibt durchaus den ein oder anderen Track, der sich etwas zieht. Doch solche musikalischen Ausflüge sind einfach nur genial. So experimentierfreudig hat man Konstantin Gropper lange nicht gehört. Wow - absolut beeindruckend!
Siri, What Ruined The West ist kurz vor dem Ende nochmal ein spitzen Track, der das Tempo und die Dynamik nochmal anziehen lässt. Und die Frage aus dem Titel ist ja herrlich rhetorisch. Soll mal jemand noch behaupten, Get Well Soon könnten nicht schmunzelnde Unterhaltung. Hier ist der Beweis. Was natürlich auf keiner seiner Platten fehlen darf, ist ein Finale, das sich gewaschen hat. You Need Me heißt es hier. Jaha, wir Menschlein sind schon überaus abhängig vom kleinen schwarzen Bildschirm und was er alles Verlockendes bietet. So spricht am Ende doch nochmal die KI zu uns. Großartig aufgebaut und wirklich unheimlich, wie Konstantin Gropper hier aus der Sicht des Programms zu uns spricht. Hier werden in der Tat Geister beschworen und zum Ende hin scheppert es dann doch noch! Yes!

Séance ist ein wirklich starkes Album! Sehr vielseitig, sehr dunkel und düster. Thematisch ausgefuchst, musikalisch so filigran wie lange nicht mehr. Es darf hochgradig spannend werden, wie die Band das auf der Bühne umsetzt. So viele Sounds, so viele Klangflächen. Aber eines ist sicher: Wer wenn nicht Get Well Soon!

24.01.2027, Hamburg - Mojo
25.01.2027, Frankfurt - Zoom
26.01.2027, Heidelberg - Karlstorbahnhof
27.01.2027, Köln - Gloria
28.01.2027, Münster - Sputnikhalle
29.01.2027, Leipzig - Felsenkeller
30.01.2027, Hannover - Faust
31.01.2027, Berlin - Huxleys
02.02.2027, München - Ampere
03.02.2027, Wien - WUK
04.02.2027, Salzburg - ARGE
05.02.2027, Schorndorf - Manufaktur
16.02.2027, Utrecht - dB’s
17.02.2027, Lille - L’Aéronef
18.02.2027, Paris - Le Café de la danse
19.02.2027, Luzern - Schüür
20.02.2027, Zürich - Bogen


Freitag, 23. Oktober 2026

KW 43, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Md Tanvirul Haque
Eigentlich sollte an dieser Stelle eine kleine Anekdote aus dem Alltag stehen, aber das geht nicht.
Eine Brandmauer gegen Links? Was um alles in der Welt?! Wenn das die Erkenntnis der CDU ist und ihr Weg, dann darf sie weiter dabei zuschauen, wie ihre Prozentwerte schrumpfen. Denn es ist ein reiner Offenbarungseid: Statt mit aller Kraft eine Partei zu bekämpfen und verbieten zu wollen, die diesem Land und allen Menschen, die darin leben, massiv zu schaden, suchen sie sich die Linke als Gegner aus. Die CDU hat nichts, aber auch gar nichts verstanden. Oder sie will es nicht. Oder ihre offenen Türen nach rechtsaußen sind das, was sie zeigen wollen. Lieber mit der AfD kooperieren oder sich tolerieren lassen, als über soziale Politik zu reden. Logisch, über Antisemitismus muss ganz klar, offen und streng gesprochen werden. Gar keine Frage. Doch die Linke hat in den letzten Jahren ja genug bewiesen, dass sie diesem Land gewachsen ist und ihm nicht schaden will. Jahrelange Regierungsbeteiligung in Thüringen, in Bremen, in Berlin, bald auch in Mecklenburg-Vorpommern. Und, ist irgendwo der Sozialismus ausgebrochen?! Eben. Die CDU bekämpft mit aller Macht die, die für die Menschen in diesem Land Gutes wollen. Mal schauen, wie lange sie das noch durchhält.

Grand Hotel van Cleef
(Ms) 18. August 2017 auf dem Hamburger Großmarkt vor dem Mehr! Theater: Das Grand Hotel van Cleef feierte seinen 15. Geburtstag. Es gab Jägermeister, Regen, Fortuna Ehrenfeld, Gisbert zu Knyphausen, Kettcar, Thees Uhlmann, Shantychor, alles. Es war ein großartiger Tag mit Hamburger Wetter und dem tollsten Label der Stadt. 12.000 Menschen sind gekommen, um mitzufeiern. Logisch, dass es zehn Jahre später eine Fortsetzung geben wird. Silberne Hochzeit quasi. Natürlich mit Thees Uhlmann und Kettcar wieder, das ist ja logisch. Zudem werden Kochkraft durch KMA, Schluma und Adam Angst spielen. Was für ein geniales Line-Up. Das wird sicher noch nicht alles sein. Reimer Bustorf, Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch werden das ein oder andere Schmankerl noch aus dem Hut zaubern und einen großartigen Tag bereiten. Am 14. August wird es wieder soweit sein - gleiche Stelle, gleiche Welle. Erlbkulturerbe - das soll das Motto sein. Klar, darunter macht man es nicht. Ein viertel Jahrhundert unabhängige Musik aus der Feldstraße in die ganze Welt - was für eine großartige Geschichte! Alle hin da!



Voodoo Beach
(Ms) Vor drei Jahren hat mich ein soghafter Klang erwischt und in den Bann gerissen. Darin war Wut, Dringlichkeit und vor allem ein rollender Bass und ein schepperndes Schlagzeug. Die Band dazu heißt Voodoo Beach, kommt aus Berlin und hat gehörig Dampf unterm Kessel. Nach einer kleinen Pause sind sie nun zurück. 99 heißt ihre aktuelle Single und scheppert wieder direkt nach vorn. Ein Abgesang auf die Gegenwart und das Land, in dem sie leben. Ein eindrucksvoller Sound bricht sich Bahn, geschrien, geknallt, explodiert. Das macht unglaublich Bock. Auch auf mehr: am 27. Januar erscheint ihr neues Album Wilde Tiere bei Noisolution und wird das neue Jahr direkt erzittern lassen.


dEUS
(Ms) Es gibt Gruppen, denen ein mystischer Nebel umgibt. Denen eilt ein Ruf voraus, der in den aller höchsten Höhen schwingt. dEUS aus Antwerpen gehören definitiv dazu. Seit 37 Jahren gibt es diese Band. Klar, eine längere Pause war auch dabei, aber seit 22 Jahren spielen sie in einer recht festen Besetzung und hören nicht auf, druckvolle Musik ohne klare Genrebezeichnung zu machen. Keptman heißt ihre neue Single, die seit ein paar Tagen draußen ist. Mit einem dissonanten Bass geht es los, auch die Gesangslinie ist wenig harmonisch. Und so baut sich der gesamte Track auf, mit Klatschelementen und einer irren Steigerung. Dass er am Ende gehörig ballert, sollte dann auch nicht mehr überraschen. Das Stück gibt einen Vorgeschmack auf neue Musik, von der es in naher Zukunft sicher noch mehr geben wird. Huiiiii:


Herrenmagazin
(Ms) Es lohnt sich eigentlich wenig, irgendjemandem bewusst bei Instagram zu folgen. Oft ist das ja ziemliche Zeitverschwendung. Ja, ich verschwende auch viel zu viel Zeit dort. Aber: Herrenmagazin sollte man auf jeden Fall folgen. Denn es macht einfach ungeheuer viel Spaß zuzuschauen, wenn Deniz Jaspersen mal wieder irgendwas aus dem Garten, aus einem Club oder aus dem Proberaum erzählt. Allein seine Mimik - großartig! Was für eine irre sympathische, gute Band. Kaum auszuhalten und seit so vielen Jahren dabei. Große Liebe! Kreis Ohne Mittelpunkt heißt ihre neue Single, die heute das Licht der Welt erblickt hat. Typischer Herrenmagazin-Indierock mit der wunderbaren Dualität des Lebens. Alles mögliche haben wollen, aber auch genügen wollen. „Bin ich schon naiv genug für den nächsten Selbstversuch?!“ Hach, wie kann man sie nicht für solche Verse lieben. Eben. 

Freitag, 16. Oktober 2026

KW 42, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Shuvo.Das 
Ein paar Tage Urlaub. Dringend waren sie notwendig, weil der seelische Akku schon ziemlich abgerockt war. Ab in den Harz. Was für eine unglaublich schöne Gegend. Schon oft war ich hier, doch noch nie habe ich diese Gegend als so schön wahrgenommen wie jetzt. Ganz kurios war jedoch der Besuch einer Pizzeria mitten im Wald. An sich natürlich ein super Ort zum einkehren, es war vollkommen in Ordnung. Doch es wurden auch einige Klischees von italienischen Restaurants bedient. Unter anderem die Dauerbeschallung mit italienischer Musik. Auch im Außenbereich. Dabei war die Sicht über die Berge so, so schön. Und dann kam der absolute Knaller: Es lief tatsächlich ein Lied über das Restaurant selbst! So Andreas Gabalier-mäßig. So stelle ich es mir zumindest vor. Als ob eine KI die Speisekarte plus alle Werbeslogans zusammengemixt hat. Ach Idylle, was tut man dir alles an…

Pascow
(Ms) Schaue ich mir meine eigene Hörbiographie an, dann waren da über die letzten 20 Jahre immer so drei, vier Bands ganz oben. Dann kamen Pascow auf mein Radar und brachten zumindest die Reihenfolge durcheinander. Die Band aus Gimbweiler setzte sich druckvoll ganz weit oben fest. Die Kraft ihrer Musik ist genau das, was ich ganz oft brauche. Wer sie mal live gesehen hat, weiß, was ich meine. Das ist irre, das ist nur großartig. Wer da unverschwitzt raus geht, hat alles falsch gemacht. 
Nun ist es wieder so weit und Pascow bringen neue Musik raus. Und Wir So heißt die neue Platte und auch die erste Single daraus. Das Album erscheint am 5. März und bis dahin wird die Vorfreude angeheizt.  Doch ich bin sicher nicht der einzige, der den neuen Song ungeahnt eingängig und fast schon sanft findet. Klar, es sind zweieinhalb Minuten klassischer Pascow-Punk und eine große Verbrüderung mit allen, die unten sind. Doch die scheinbare Eingängigkeit erklärt sich im Song. Die Devise ist: ab jetzt nur noch Dur, sonst halte ich das alles nicht mehr aus. Ja, vielleicht ist eine neue Harmonie ja genau das, was es jetzt braucht. Dennoch hoffe ich, dass es auf der Platte insgesamt noch ein wenig rauer und zorniger zugeht. Ich bin guter Dinge!


Muto
(Ms) Wenn es um mich herum zu sehr wuselt, muss ich mich abkapseln. Wenn zu viele Geräusche kommen, die mir nicht gut tun, ziehe ich mich ins Schneckenhaus zurück. Im Schneckenhaus gibt es bestimmte Musik, die läuft. Laufen muss, um den Rest zu übertönen oder zu eliminieren. Ein Hoch auf gute Kopfhörer! Zu einer feinen, kleinen Musikauswahl, die schnell für Ruhe sorgt, gesellt sich nun Muto hinzu. Der italienische Musiker hat letzte Woche Freitag sein gleichnamiges, erstes Album veröffentlicht, das sechs Stücke mit sich bringt. Sie sind ungemein sphärisch, sehr einnehmend, sehr beruhigend. Da wird viel mit der Gitarre experimentiert, da werden Soundflächen übereinander gelegt, da wechseln sich auch Moll und Dur mal ab. Aber vor allem strahlt diese wundervolle, heilsame Musik sehr viel Ruhe aus. Das ist sicher schwer, so etwas hinzubekommen. Genießt es also:


Freunde Der Italienischen Oper
(Ms) Es gibt Bands, bei denen ich mir vollkommen unsicher bin, ob ich ihr musikalisches Schaffen überhaupt in irgendeiner Weise würdigen kann. Die Zweifel sind mir dann doch oft ein wenig egal, da mir die Weitergabe an guter Musik viel wichtiger ist, als jede Aufarbeitung. Wer die Gruppe Freunde Der Italienischen Oper bislang genauso wenig kannte wie ich, liest am besten bei Wikipedia oder so ein wenig nach. Viel haben die MusikerInnen erlebt in den letzten knapp vierzig Jahren! Stark, dass sie sich immer wieder gefunden haben, um neue Stücke zu schreiben. Am 3. Oktober - wie herrlich bedeutungsgeladen, weil aus der DDR kommend ursprünglich - erschien ihre neue Platte Angelus Luminis mit 12 neuen Songs. Dunkler Rock mit allerhand Abschweifungen in andere Genres. Doch es ist irgendwas Gothic-ähnliches. Der rollende Bass, die druckvolle Musik und der sehr markante Gesang machen dieses Album sehr, sehr gut. Es macht neugierig, aufmerksam, gespannt. Voller Programmatik und großer Gesten. Darunter sollte es auch keine Band machen, die sich so einen Namen gegeben hat!

Donnerstag, 15. Oktober 2026

Endless Wellness - Domino Days

Foto: Luca Celine
(Ms) Was ist es, das die Faust ballen lässt? Warum wollen wir einige Lieder immer und immer wieder hören? Was entfacht eine so geartete Sucht? Denn süchtig nach dieser Musik lässt es sich schnell werden. Am 16. Oktober veröffentlichen Endless Wellness mit Domino Days ihr zweites Album und es ist ein einziger Rausch!
Ja, was ist es nun, was dieses Album so großartig macht? Auf die einzelnen Lieder kommen wir gleich noch zu sprechen, doch ich behaupte, es gibt ein übergeordnetes Ganzes, das den großen Reiz ausmacht. Wenn Adele Ischia, Philipp Auer, Milena Klein und Patrick Huter ihre Texte schreiben, kommen nicht nur die unterschiedlichsten Themen zu tragen, sondern auch eine unsagbar schöne Poesie und Gesangslinien, die von Sehnsucht und großem Lebensgenuss strotzen. Insbesondere die poetischen Texte haben in mir eine Faszination entfacht. Es sind Texte, die das Hier und Jetzt auf romantische Weise Feiern. Es sind Texte, die die Schattenseiten des Lebens schonungslos beleuchten und vor allem eine Utopie erschaffen. Es soll eine Welt sein, in der wir sicher sind und füreinander da sind. Was so leicht und irgendwie naheliegend klingt, vertont diese Band mit einer soghaften Schönheit und einer innigen Dringlichkeit. Der Wunsch nach einer schönen, guten Welt schwebt leuchtend über dieser Platte. Wer will es ihnen verübeln?!

Elf Songs sind es, die uns die vier ÖsterreicherInnen schenken. Nur Das Beste ist der Start und damit ist doch alles klar, oder?! Wer so beginnt, schaut nur nach vorn und dem wächst der Optimismus aus allen Poren. Was sich ganz klassisch aufbaut - erst Gitarre, dann Stimme, dann Schlagzeug, dann Bass - nimmt so richtig Fahrt auf. Wenn die Akkorde schwirren und die Synthies ballern, soll die gute Zukunft bitte ganz schnell über uns herein brechen, denn „das Jetzige ist das Verletzlichste“. Zum Glück sind wir selbst dafür verantwortlich. Züge wiederum ist ein wunderbares Coming-of-Age-Stück. Von Verwöhntagen bei Oma, über die Übergabe des Zeugnisses (als Protokoll der Versäumnis - hallo Poesie!) hin zu Berufsversuchen. Ein Großwerden mit der endlos sehnsüchtigen Frage, wohin denn all die Züge fahren würden. Was für eine wunderbare Tagträumerei, was für ein Geschenk.
Seit einigen Wochen hat mich ein Track dieser Platte komplett in den Bann gerissen. Nie Mehr Sicher ist aus meiner Sicht das stärkste Lied dieses Albums. Es feiert mit einer wunderbaren Aufmerksamkeit die Gegenwart und zeigt, wozu Sprache - wundervoll melodisch vorgetragen - im Stande ist. Es erinnert mich - in einer Weise, die ich nicht erklären, sondern nur erfühlen kann - an Die Dinge Singen Hör Ich So Gern von Rainer Maria Rilke. Das Lied ist ein Spaziergang voller Düfte und Tiere, die wir alle benennen können und uns so Sicherheit geben. Auch bei diesem poetischen Stück überzeugen die wunderbar sanften Gesangslinien, die sich unbemerkt ins Langzeitgedächtnis schleichen.
Auf Domino Days teilen sich sich Philipp Auer und Milena Auer die Gesangsparts. Die Bassistin singt den wunderbaren Schrammeltrack Kontrolle Ist Messer, der musikalisch an die frühen Tocotronic erinnert und gesanglich Punk ist. Da sind wir bei einem weiteren Punkt, der diese Platte so, so stark macht: sie strotzt vor Vielseitigkeit. Klar, das ist Indierock. Doch der kann auch platt sein. Das Quartett aus Wien jedoch schaut ganz viel nach rechts und links beim Thema musikalische Raffinesse.
Genial ist auch, wenn die Band Unernstes sehr seriös vorträgt. Beispiel: Die Katze. Ein Portrait des zweitliebsten Haustieres. Eine Liebeserklärung? Ein Blickwinkelwechsel? Wie dem auch sei - es geht hochdramatisch zu, wenn zwischendurch der Vierbeiner über die Klaviertasten huscht. Großartig!

Doch auch jedes noch so phantastische Album muss irgendwann auch mal vorbei sein. Ein Album, auf dem nicht jeder Reim perfekt ist und auf dem die Zeilen gern mal springen. Ein Album, das zum Glück nicht allzu vollgepackt ist mit Bedeutung und Tiefenpsychologie. Das Unverkrampfte ist der Trumpf. Und die Vielseitigkeit. Happy And You Know It am Ende reist musikalisch nochmal richtig stark in einen Mix aus Porridge Radio und den 90ern. Fleißig unterwegs sind Endless Wellness, um ihre neuen Stücke zu präsentieren - verpasst das nicht:

21.10.2026 Innsbruck - Treibhaus
22.10.2026 Zürich  - Bogen F
23.10.2026 Düdingen - Bad Bonn
24.10.2026 Dornbirn - Spielboden
29.10.2026 Wien - Arena
31.10.2026 Linz - Posthof
01.11.2026 Graz - Dom im Berg
04.11.2026 Salzburg - Rockhouse
05.11.2026 St. Pölten - Cinema Paradiso
06.11.2026 Villach - Kulturhofkeller
07.11.2026 Vöcklabruck - OKH
25.11.2026 München - Technikum
26.11.2026 Esslingen - Dieselstrasse
27.11.2026 Köln - Gebäude 9
29.11.2026 Frankfurt - Mousonturm
30.11.2026 Hamburg - Molotow
01.12.2026 Berlin - Festsaal Kreuzberg
02.12.2026 Leipzig - Werk 2
03.12.2026 Nürnberg - Z-Bau



Samstag, 10. Oktober 2026

Live in Bremen: Ebow

Foto: luserlounge 
(Ms) Diesen Abend in Worte zu fassen, ist kaum möglich, weil er so unendlich facettenreich war und für alle Menschen vor Ort unterschiedliche Bedeutungsebenen hatte - so nehme ich zumindest an.
Doch eine Szene bleibt mir bis zum nächsten Morgen prägnant im Kopf: Richtung Ende des Sets hat Ebow ihren Track Free. gespielt. Dicht und bedrückend. Als der Song zu Ende war, lag eine halbe Sekunde Stille im Bremer Schlachthof. War es ein Schock, dass der Song immer mehr an Aktualität und Dringlichkeit gewinnt? War es ein „Wie gut, dass sie es so klar ausdrückt, was alles schief läuft und wie unsagbar viele Gruppen verfolgt und an den Rand gedrängt werden“? Diese halbe Sekunde war Pate für viele ähnlicher Momente. Es waren Momente, in denen die Texte von Ebow etwas mit dem Publikum gemacht haben. Davon gab es reichlich.

Bremen war am Freitagabend der zweite Stopp ihrer Arbayt-Tour zum aktuellen Album Typologie Eines Lebens und lange Zeit sah es im Schlachthof nicht danach aus, dass es so gut besucht wird. Lange Zeit war es luftig und entspannt. Entspannt blieb es, aber auch Gedränge gab es keins.
Auf der Bühne war eine Bank unter einem Baum zu sehen, daneben ein Grashügel. Ja, es ging auch viel ums Wohlfühlen gestern. Das macht Ebow den Besuchenden sehr leicht, denn ihr warmherziges Charisma erfüllt schnell den großen Saal. Ich vermute, dass durch viele Köpfe ab und an der Gedanke rauschte: Hey, das ist ja eine von uns, sie erzählt genau meine Geschichte, für die ich eventuell nie diese Worte gefunden hätte. Wenn jemandem vor mir die Tränen durchs Gesicht kullern, als Ebow davon erzählt, wie unfassbar schwer es für sie war, sich, ihren FreundInnen und ihrer Familie zu sagen, dass sie auf Frauen steht, dann passiert da mehr als nur Musik. Das sind schon kathartische Szenen, die sich abspielen. Und das ist ja eine irre Form der Kunst. Eine so klare, aufrechte, nahbare Musikerin - das ist ein großes Glück. 
Ja, Ebow bringt viele Themen mit. Denn ihr Leben hat einfach so, so viel zu erzählen: Erwartungen und Selbstverständlichkeiten in der dritten Generation migrantischer Familien, ein queeres Leben, eine Utopie für ein hoffentlich kommendes Bald. Es waren nicht nur die Zeilen ihrer großartigen Lieder, die den Abend so intensiv gestaltet haben, sondern auch ihre Ansagen. Denn, was hier vielleicht als ernst rüberkommen mag, war auch sehr, sehr unterhaltsam. Wo Tränen flossen und getanzt wurde, wurde auch im nächsten Moment wieder gelacht. Das ist schon richtig krass und auch einfach wahnsinnig gut und einfühlsam durchdacht, was wann passiert. An allen Ecken und Enden sehr beeindruckend. Und zudem ist sie halt auch eine richtig starke Rapperin, knallt mitunter in einem atemberaubendem Tempo die Bars durch die Luft. Der Abend war gespickt mit phantastischen Songs wie Novoline (Gänsehautgarantie), Vogel & Meer, Neues Leben, Club 1990, Chayas Worldwide, Bodies. Und es gab viel frenetischen, ich-fühle-es-Applaus! Zurecht!

Leider war der Sound nicht ganz so gut. Der Gesang war dumpf und seltsamerweise wurde er durch den Gehörschutz etwas klarer. Aber es hätte durchaus auch etwas mehr wummern können. Bei einem Track wie Arbayt darf gern der ganze Schlachthof beben. Doch das mag nur eine Randnotiz sein, es hat glücklicherweise das Gesamterlebnis nicht geschmälert.

Ebow - was für eine krasse Künstlerin!

10.10.26 Hamburg – Fabrik
15.10.26 Leipzig – Werk 2
22.10.26 München – Ampere
23.10.26 Wien – WUK
24.10. Frankfurt – Zoom
28.10. Berlin – Columbiahalle


Sonntag, 4. Oktober 2026

KW 40, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: Flaticon.com / rizal2109
Was macht das Leben so toll und warum machen wir es uns eigentlich zu Hause so gern gemütlich? Gestern saß ich auf der Einfahrt und habe Unkraut aus den Ritzen geschürft. Da fragte ich: ist das jetzt einfach super spießig oder warum tue ich das? Die Antwort ist ganz einfach und Gabriele von Arnim liefert sie in einem ganz wundervollen Buch, das den tollen Titel Der Trost Der Schönheit trägt. Insbesondere zu Hause wollen wir es doch schön haben, oder? Aus einem Selbstzweck aber auch als Abgrenzung zur Arbeit beispielsweise. Meine Arbeitsstelle hat zum Beispiel optisch wenig mit Schönheit zu tun. Mein Zuhause jedoch schon. Deshalb soll auch die Einfahrt ordentlich sein. Und nicht nur, weil man das hier auf dem Dorf so macht. Dieses Buch jedoch liefert noch so unendlich viel mehr gute Gedanken, dass ich es allen ans Herz lege. Der größte Kunstgriff dabei ist, dass die Autorin es auch einfach mit einer unsagbar schönen Sprache geschrieben hat. Was für eine tolle Ebene, was für große Kunst, was für ein wunderbarer Lebens- und Lesegenuss.

Get Well Soon 
(Ms) Verklärung von Kunst. Irgendwann habe ich irgendwo gelesen, dass wir Menschen oft so gern alles toll und großartig und spitzenmäßig haben wollen - und vor allem so anderen davon erzählen möchten -, dass das wahre Erlebnis durch einen rosaroten Filter wahrgenommen wird. Alles super, alles immer phantastisch. Das geht mir bei Musik auch oft so. Entweder ich finde es was unspektakulär oder es berührt mich nicht. Oder ich finde es sehr gut. Oder es kommt von Band 1, 2 oder 3, der ich seit Jahren verfallen bin und dann immer alles toll finde. Auch wenn mein emotionaler Erlebenskompass gar nicht in diese Richtung ausschlägt. Dazu gehört auf jeden Fall Get Well Soon. Egal, was Konstantin Gropper anfasst, ich finde es herausragend. Zugegebenermaßen hat auch wirklich viel seines Schaffens extrem toll. Und wenn dann eine neue Single wie Siri, What Ruined The West? herauskommt, krame ich in der Schublade nach Superlativen. Dieses mal hüte ich mich ein wenig davor: Ja, der Track ist gut und sehr getwellsoonig. Insbesondere die inhaltliche Frage ist ja schreiend aktuell, wenn die Tech Bosse ihre Software als hypergefährlich deklarieren (Auslöschung der Menschheit etc.). Ist ja auch spitzen Marketing. Doch musikalisch bin ich dieses Mal nicht ganz so angefixt. Ja, es ist eine tolle Melodie dabei und auch eine schöne Dynamik. Aber es bleibt etwas verhalten. Doch auf dem kommenden Album Séance (30. Oktober) kommt noch mehr Überwältigendes.

24.01.2027, Hamburg - Mojo
25.01.2027, Frankfurt - Zoom
26.01.2027, Heidelberg - Karlstorbahnhof
27.01.2027, Köln - Gloria
28.01.2027, Münster - Sputnikhalle
29.01.2027, Leipzig - Felsenkeller
30.01.2027, Hannover - Faust
31.01.2027, Berlin - Huxleys
02.02.2027, München - Ampere
03.02.2027, Wien - WUK
04.02.2027, Salzburg - ARGE
05.02.2027, Schorndorf - Manufaktur
16.02.2027, Utrecht - dB’s
17.02.2027, Lille - L’Aéronef
18.02.2027, Paris - Le Café de la danse
19.02.2027, Luzern - Schüür
20.02.2027, Zürich - Bogen


Die Buben Im Pelz
(Ms) Ach Liebe. Ach Österreich. Ach Herz. Was seid ihr nur für ein unschlagbares Team? Gemeinsam trefft ihr immer ins Volle. Zum Beispiel mit der aktuellen, ganz hervorragenden - ja, leiwanden - Single von Die Buben Im Pelz. Sie heißt Für Di und ist einfach nur eine tolle Liebeshymne. Wobei „einfach“ ja gar nicht stimmt. So ein ehrliches, verliebtes, rauschhaftes, aufrichtiges Liebeslied will ja erstmal geschrieben werden. Die bedingungslose Zuneigung für diese eine andere Person. Was für ein großer Zauber, was für ein wunderbares Fest. Was für schöne Zeichen aus dem Alltag, die die Band hier auflistet, die das Gemeinsamsein erst so schön machen. Egal, was du willst, wir tun es. Egal, wohin du willst, wir fahren hin. Ja, das kann auch alles höllisch schief gehen, aber der Moment, den die Band hier besingt und mit einem herrlichen Video untermale, ist doch die pure Schönheit, oder? Ja! Am 30. Oktober erscheint ihr neues Album Menschen Ohne Freunde. Genial.


Wanda
(Ms) Spitzen Überleitung - denn vom rauschhaften Wandakonzert singen Die Buben Im Pelz auch auf der aktuellen Single. Wie sie in der ersten Reihe stehen und hüpfen. Ja, wer kann es nicht verstehen?! Eben! Wanda also. Die großen Rockmusiker und Helden der bezaubernden Theatralik. Kryptische Andeutungen gab es in der vergangenen Woche. Die neue Musik würde etwas ganz anderes sein als alles zuvor. Salbei heißt die neue Single und ja, neu ist da schon ein wenig was. Aber übertreiben muss man nun auch nicht. Ja, die Band hat die Gitarren nochmal gehörig aufgedreht, aber ohne ihre Mitte aufzugeben. Auch das emotional Überbordende bleibt fest in der DNA dieser Band. Offiziell nur noch als Trio singen Wanda vom Schmerz der Welt, vom erlösenden Mittelfinger, der ihr gegenüber ausgestreckt wird. Und dass keineswegs alles einen stärker macht, was einen angreift. Sondern das Gegenteil auslöst. Brutale Ehrlichkeit. Wanda pur. Nur aufgedreht halt. Passt hervorragend zusammen. Bringt eine Band quasi zurück, die den Rock seit jeher eingeatmet hat. Was Mich Umbringt Macht Mich Schwächer heißt auch das neue Album, das bald erscheinen wird. Endlich wieder Wanda. 

09.04.2027 Osnabrück - Hyde Park 
10.04.2027 Rostock - Moya 
12.04.2027 Hamburg - Große Freiheit 36
13.04.2027 Magdeburg - Factory 
14.04.2027 Berlin - Columbiahalle
16.04.2027 Erfurt - CENTRAL Club 
17.04.2027 Amsterdam - Melkweg Old Room 
19.04.2027 Köln - Live Music Hall 
20.04.2027 Dortmund - FZW 
21.04.2027 Zürich - X-TRA 
23.04.2027 Heidelberg - halle02 
24.04.2027 Wiesbaden - Schlachthof 
25.04.2027 Luxemburg - Den Atelier 
27.04.2027 Ulm - ROXY 
28.04.2027 Hannover - Capitol
28.05.2027 Gmunden - Gmunden Rocks 
29.05.2027 Rankweil - 40 Jahre altes Kino 
05.06.2027 Kufstein  Festung 
23./25./26.06.2027 Wien - Arena Open Air 
16.07.2027 München - Tollwood Festival 
04.-08.08.2027 Eschwege - Open Flair Festival 
05.-08.08.2027 Rothenburg ob der Tauber - Taubertal Festival


Fjørt
(Ms) Diese Band ist extrem. Wer ihre Musik kennt, wer sie mal live gesehen hat, weiß Bescheid. Unnachgiebig im Druck. Unnachgiebig in der Energie. Unnachgiebig in der Wucht. Haben die eigentlich ein Gelo Revoice-Abo? Wäre schon nachvollziehbar. Vor nicht allzu langer Zeit hat das Trio eine große Tour für das Frühjahr 2027 bekannt gegeben. Und jetzt legen sie nach. Aber nicht mit klassischen weiteren Terminen, die die Tour ausdehnen. Nein, nein. Fjørt sind halt speziell. Und in diesem Jahr haben sie die Tracks ihrer ersten EP Demontage im kleinsten Rahmen aufgeführt. Das schien so stark gewesen zu sein, dass sie das auf der kommenden Tour auch machen. Und nun kommt das Geniale: Nach den Konzerten, die sie ohnehin spielen. Dann zieht der ganze Tross um. Teils in andere Clubs oder in kleinere Räume der selben Location und setzt noch eins oben drauf! Zwei Konzerte an einem Abend. Das macht aus 14 zu bespielenden Städten 28 Auftritte! Danach aber erstmal Kur oder Schweigekloster, oder?!

26.01. Rostock, Marat
27.01. Potsdam, Waschhaus (kl. Raum)
28.01. Braunschweig, KufA Haus
29.01. Vechta, Banane
30.01. Kiel, hansa48
11.02. Bielefeld, Forum (kl. Raum)
12.02. Schweinfurt, Stattbahnhof (kl. Raum)
13.02. Essen, Zeche Carl (kl. Raum)
16.02. Kaiserslautern, Cotton Club
17.02. Chemnitz, AJZ Talschock (kl. Raum)
18.02. Regensburg, Alte Mälzerei (UG)
19.02. Reutlingen, franz.K (kl. Raum)
20.02. Karlsruhe, Alte Hackerei
27.02. Köln, Artheater

Freitag, 25. September 2026

KW 39, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Alfredo Creates
Kleiner Nachklapp zum Auftritt von Anna von Huasswolff am vergangenen Samstag in Hamburg. Manchmal bin ich ein bisschen doof oder taub. Bei ihrem aktuellen Album The Iconoclasts habe ich sehr spät gemerkt, dass das Saxophon so eine prominente Rolle einnimmt. Seh- und hörbar war es am Samstag umso mehr. Auf der linken Bühnenseite stand Otis Sandsjö und spielte. Wie um sein Leben. Da ich selbst meine ganze Jugend über Saxophon spielte, darf ich dazu Stellung nehmen. Denn das, was Otis Sandsjö dort gemacht hat, war technisch extrem stark! Nicht nur seine flinken Finger haben den Abend belebt, sondern auch seine äußerst taktisch kluge Atmung. Seine Unterlippe muss doch schmerzen nach so einem Auftritt. Zudem hat er entweder sich selbst geloopt oder den Klang seines Instruments verzerrt. Genial! Und wie dieses, mir so vertraute, Instrument mit der Orgel harmoniert, hätte ich nie geglaubt! Hut ab!

Some Sprouts
(Ms) Was tun, wenn zu viele Gedanken durch das Nervensystem ballern? Was tun, wenn ein dezentes Gefühl der Überforderung überhand nimmt? Was tun, wenn es langsam anfängt zu zittern? Was tun, wenn der Körper zu schwer wird für die einfachen Dinge?! Klar, Pause. Aber wie gestaltet man sie? Sich dem Schwermut hingeben? Oder ein wenig auflockern? Ein wenig Sonnenschein einziehen lassen? Mit dem neuen Track von Some Sprouts warten die auflockernden Sonnenstrahlen nicht lang. Ihre neue Singe On The Line beschwingt nach allen Regeln der Kunst. Ja, man könnte auch sagen, dass ein wenig dahin plätschert. Aber ist das nicht manchmal auch so richtig schön? Ich finde es nämlich auch beeindruckend, wie Bands es immer wieder schaffen, so eine Lässigkeit in ihren Klang zu bringen. Da gingen sicher zig Sitzungen im Proberaum bei drauf: Welche Harmonie? Wann knallt das Becken? Wann darf sich die E-Gitarre ausleben?! Das Ergebnis ist herrlich erfrischend und kann bald hier live gehört werden:

17.10.26 Nürnberg, Club Stereo (mit Telquist)
18.10.26 Berlin, Frannz (mit Telquist)
19.10.26 Dortmund, FZW (mit Low Life Rich Kids)
20.10.26 Köln, Art Theater (mit Low Life Rich Kids)
22.10.26 Wien, Flucc (mit Humming People)
23.10.26 München, Strom (mit Kids don't Smoke)
24.10.26 Frankfurt, Zoom (mit Clear Coast) 
25.10.26 Hamburg, Hebebühne (mit Marlin Beach)


Die Anstalt
(Ms) So krass klangen die 80er nicht mal in den 80ern. Das Berliner Trio Die Anstalt trifft 2026 den Sound dieses musikalischen großartigen Jahrzehnts bis ins Mark. Ja, die Gitarren sind noch ein wenig prägnanter, aber der Beat, die Art zu singen, die Programmatik in den Texten, di Nutzung von Synthies. Genial, absolut genial! Die Band veröffentlich heute ihr selnstbetiteltes Debutalbum in einem neuen Gewand und der damals schon erschienene Track Isolation in einer überarbeiteten Version. In Großbritannien sollen sie als Support von A Place To Bury Strangets ordentlich begeistert haben. Es steht nichts im Wege, dass sie hier einen ähnlich triumphalen Siegeszug bestreiten!

02.10. Hof, Galeriehaus
17.10. Hamburg, Hamburg, M.S. Stubnitz
23.10. Nürnberg, Bunker Rituals Festival IV
19.11. Berlin, SO36


Austin TV
(Ms) Es ist gut, dass es stabile Größen in der Musikwelt gibt. Besonders hervorzuheben dabei ist KEXP. Der Radiosender aus Seattle, Washington, war schon oft Anlaufstelle für großartige Liveaufnahmen und tolle Interviews, die ich mir angeschaut habe. Die Menschen, die dort arbeiten, haben wirklich einen großartigen Geschmack und eine irre Leidenschaft. Dieser Tage flirrte mit Austin TV bei denen über den Bildschirm. Direkt angefixt! Die mehrköpfige Band aus Mexiko spielt maskiert und wunderschön! Also vor allem klanglich. Es ist Post-Rock gepaart mit frickeligen Math Rock Elementen. Wenn man es möglichst krass ausdrücken will also irgendwo zwischen Sigur Rós und Angine De Poitrine. Vor wenigen Wochen erst veröffentlichen sie ihr aktuelles Album MA und es ist leicht, sich in den tollen Sog dieser Musik reißen zu lassen. Nur zu:

Donnerstag, 24. September 2026

Nichtseattle - Große Liebe

Foto: Sascha Schlegel
(Ms) Erst wurde aus Katharina Kollmann Nichtseattle. Dann wurde daraus ein Duo und seit ein paar Jahren schließlich eine Band. Ihre Texte waren und sind der wunderbare Mittelpunkt ihres Schaffens. Ihre Ideen, ihre Unmittelbarkeit, die schonungslose Realität. Das findet sich auch an zig anderen Stellen, doch wenn Katharina Kollmann den Stift in die Hand nimmt, um ihre Texte zu schreiben, dann passiert etwas unvergleichliches. Dann erscheinen unfassbar kluge, ungefilterte Gedanken. Dann gibt es kaum etwas zu verstecken. Dann erscheint das Leben mal echt schwer und kompliziert und im nächsten Moment wieder heiter und klar. Sie schaut wirklich überall hin, lässt nichts aus und beschönigt keinen Winkel des menschlichen Daseins. Nun bringt sie am 25. September ihr neues Album raus und darin beschäftigt sie sich mit dem schönsten und härtesten Thema: Große Liebe heißt es und erscheint bei Staatsakt.
Klar, das vielleicht beste Thema der Kunst ist schier unerschöpflich. Weil ständig neue Liebesgeschichten geschrieben werden. Aber auch Trennungsgeschichten. Sehnsuchtsgeschichten. Enttäuschungsgeschichten. Glitzergeschichten. Zehn Stücke hat sie mit ihrer Band geschrieben und eingespielt. Teilweise gehen sie (wieder) über sieben Minuten, sind intensiv und wundervoll. 

Mit melancholischen, schweren Gitarren startet die Platte. Dallas heißt der erste Track, zugleich die erste Single. „Was meinst du mit Liebe?“ - diese Frage direkt zu Beginn. Puh. Eine große Reflektion über Alterslosigkeit und Therapie und eigentümliche Ideale (eine aus Dallas oder ein westdeutscher Mann), die gejagt werden. Und aus dem nachdenklichen, schwermütigen Start wird immer wieder ein großes Aufbäumen. Nein, keine Heiterkeit, sondern ein gerader Rücken. Und damit ist das Wesen von Katharina Kollmanns Musik zu Beginn skizziert.
Dass aus dem Soloprojekt über einen langen Zeitraum eine Band geworden ist, ist auch zu hören. Der Klang dieser Platte ist extrem rund, toll abgestimmt, sehr harmonisch. Auf River Cola dominiert ein warmer Bass. Darüber ein Text, der das große Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen und damit ein oft gelebtes Machtgefälle beschreibt. Über Reaktionen, die so untypisch weiblich seien mit der logischen Anschlussfrage, was das denn überhaupt sei. Ein wunderbarer Song, denn er baut sich großartig auf. Fängt an zu glänzen. Bring ein Strahlen zurück. Auch dank Trompete und Dur.
Für Zeilen wie „Freundschaft ist mein Schwergewicht“ auf Ich Mit Brille mag man sie einfach nur beneiden. Ohnehin ein Stück, das weiter strahlt, das Positive zeigt und auch den Liebesblick ein wenig erweitert. Was bedeutet dieses große Wort eigentlich und wem gilt es?! Eine sehr gute Frage, die wir uns alle stellen sollten. Und wenn am Ende eine kleine Chorsequenz erkling, bäumt sich die Gänsehaut auf!

Nichtseattle ist immer auch ein feministisches Manifest - großartig! Meine Ladies heißt der Track voller Hinknien, Zusammenhalt, Empowerment. Ein Track voller Zuversicht, voller Kraft und Macht: „Ich glaub, ich glaub an uns.“ Manchmal sind die einfachen Worte im passenden Kontext so wirkmächtig! Wow! Insbesondere wenn sie mehrstimmig, kraftvoll, inbrünstig in die Welt gesungen werden!
Runtergeschraubt, gezupft und gehaucht geht es auf Station 8 zu. Ein Klinikaufenthalt? Eine Reha? Eine Verarbeitungsphase nach einem Zusammenbruch. Spricht sie über sich? Egal. Spätestens wenn sie im Chor singt, ruft, fordert, wünscht: „Bring mich nach Hause“ - dann ist doch alles klar, oder?! Hui, wie viel Dringlichkeit in so reduziertem Arrangement liegen kann - phantastisch.
Am Ende noch ein Klavier. Seichte, andächtige Töne. Fremde heißt das letzte Stück. Ein gesprochenes Lied. Ein großartiger Gebrauch von Sprache über Kategorisierung und Schubladendenken und dessen grausame Konsequenzen. Ein Gedankenstrom über ihr Elternhaus? Wut macht sich breit, Unverständnis, Misstrauen. So baut sich ein Stück auf, die anderen Instrumente setzen ein. Das Klavier bringt Hoffnungsschimmer, die Gitarre behält die Zweifel. Knapp acht Minuten dauert dieses letzte Lied und lässt uns Hörende mit vielen Gedanken zurück. Was macht die durchaus aufbauende Musik nach dem bitteren Text? Wie schön, dass uns diese Gedanken geschenkt werden, wenn man sich denn drauf einlässt.

Gut eine Stunde erklingen Nichtseattles neue Stücke auf Große Liebe. Ja, mit ihrer Band ist Katharina Kollmann ein weiteres tolles Album gelungen. Doch ich frage mich auch, ob sie damit auch überfordern kann. Die Texte sind nicht nur lang, sondern auch so dicht und komplex. Doch kurz weiter gedacht, ergibt sich folgendes Bild: Was erwarte ich denn von Kunst?! Dass sie unscheinbar nebenher dudelt?! Dass sie einfach ein paar nette Momente generiert?! Wenn ja: Okay. Doch sie kann auch bereichern, kann auch weh tun. Kann zum großen Genuss, zur Großen Liebe einladen. Kann aufzeigen, protestieren, anregen und bestätigen, rausbrüllen. All das - und sicher noch wesentlich mehr - ist hier auf beeindruckende Weise gelungen!

03.11.26 Kiel, Hansa48
04.11.26 Hamburg, Knust
05.11.26 Osnabrück, Kleine Freiheit
06.11.26 Langenberg, KGB
07.11.26 Leipzig, UT Connewitz
08.11.26 Berlin, Großer Sendesaal des rbb
09.11.26 München, Feierwerk (Kranhalle)
10.11.26 Wien, Club Lucia
12.11.26 Regensburg, Alte Mälzerei
13.11.26 Frankfurt, Brotfabrik
14.11.26 Köln, Artheater

Video

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Dienstag, 22. September 2026

Live in Hamburg: Anna von Hausswolff

Foto: luserlounge
(Ms) Gar nicht mal so leicht, über diesen Abend zu schreiben. Ihn zu erleben war schon nicht einfach.
Logisch, Elbphilharmonie ist schon wuchtig genug. Ein großartiges Gebäude.  Eine Stunde vor Beginn wurde der große Saal geöffnet. Beziehungsweise die Tore, um ihm näher zu kommen. Dann hieß es nochmal eine halbe Stunde warten, bis der Innenraum freigegeben wurde. Und das war spät. Die Innentüren gingen um 22.15 Uhr auf. Nicht nur aufgrund der Uhrzeit sollte dies ein ereignisreicher Abend werden. Dafür war vor allem die Dame an der Orgel verantwortlich: Anna von Hausswolff. Letztes Jahr erschien ihr aktuelles Album The Iconoclasts und sollte noch wuchtiger und komplexer werden als alles, was sie vorher gemacht hat. Die Orgel nahm sich ein wenig zurück, mehr Gitarrenwände und vor allem ein Saxophon, was ich in der Form noch nie gehört habe. Es sollte auch am Abend eine wichtige Rolle spielen.

Dann gingen also die Türen auf. An einem milden Spätsommertag an der Elbe. Bier und Weißwein in der Lobby waren lecker, der Blick auf den Hafen großartig. Der Blick ins Innere dieses Gebäudes auch. Eine Höhe, die demütig macht, ein Rondell für hervorragenden Klang. Bequeme Sitze, entspannte Menschen. Wir ergatterten einen tollen Platz auf der ersten leichten Erhöhung. Leider roch es dort so unangenehm, dass wir nochmal umzogen. Doch die Sicht blieb super. Denn so konnten wir einen Blick auf alle Beteiligten auf der Bühne erhaschen, trotz dass ein Scheinwerfer immer wieder ordentlich blendete.

Pünktlich um 22.45 Uhr betrat Anna von Hausswolff mit ihrer fünfköpfigen Band die Bühne und es ging direkt los. Als der Bassist sich einen Geigenbogen nahm, um über die Saiten zu streichen, kam die erste Gänsehaut. Und die erste Erschütterung des Konzertsaales. Lautstärke, Wucht, Dynamik, Unerbittlichkeit. Das waren die Leitmotive für die kommenden knapp eineinhalb Stunden. Ein hochgradig intensives Konzert hat die Schwedin mit ihrer uniformierten Band da hingelegt. Der Fokus lag klar auf den neueren Stücken. Irgendwie natürlich logisch, doch der ein oder andere ältere Track mehr, täte dem Set vielleicht ganz gut. Denn diese Intensität war offenbar nicht für alle was. Offiziell soll das Konzert ausverkauft gewesen sein. Das ist nur schwer nachvollziehbar, denn es fand im Rahmen des Reeperbahn Festivals statt und Menschen mit einem Bändchen konnten einfach so rein. Und auch wieder raus. Zudem wurden Karten nur für diesen Auftritt verkauft - da habe ich zugeschlagen. Der Saal war gerade mal zu 60-70 Prozent gefüllt. Ob nicht alle Ränge freigegeben waren, weiß ich nicht.
Während es nur so schepperte auf der Bühne, standen also immer mehr Menschen auf und gingen. Ich konnte meinen Augen kaum trauen. Ja, es war schon eine derbe Performance. Doch einfach gehen?! Da geben gerade sechs Menschen auf der Bühne alles, lassen Wände und Böden erzittern und viele verlassen einfach den Saal?! War es also nicht auszuhalten? Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Es war definitiv ein krasses musikalisches Erlebnis. Die Grenze des Aushaltbaren hat Anna von Hausswolff auf jeden Fall erzittern lassen. Doch ist Kunst nicht auch etwas, das mal erschüttern kann?! Oder soll?! Oder gar schockieren?! Klar, auf jeden Fall. Das muss sie auch. Wie feige ist es dann, einfach zu gehen.

Ich hatte auch zu hadern, wie ich das denn nun fand. Zwei Mal sah ich sie schon live. Beide Male war ich völlig baff: so eine Kraft, so eine Präsenz, so eine Dynamik. Es brauchte eine Nacht, bis ich zu meinem Urteil kam: Ja, das war einfach verdammt gut. Das war Kunst. Es hallte nach. Im doppelten Sinne. 
Auch auf der Bühne. Denn eine Zugabe gab es nicht. Der Auftritt war kürzer als eingeplant. Ist ja auch nachvollziehbar aus KünstlerInnensicht. Eine Verbeugung noch, dann ging das Licht an. Wer will schon nochmal dort auftreten, wo die Menschen gehen?!

Und dann stand man da. Samstagnacht in der Elbphilharmonie. Nach so einem intensiven Abend. Ein Abend, an dem Orgel und Saxophon eine irre Energie entwickelt haben. Was hat der Typ am Holzblasinstrument denn bitte gemacht?! Alles hat er gegeben. Doch es kam offenbar bei einigen nicht an. Alle anderen, die es genießen konnten und bis zum Ende blieben, haben einen herausragenden musikalischen Abend erleben dürfen, der die Grenzen des Genusses neu ausgelotet hat.


Freitag, 18. September 2026

KW 38, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / shohanur.rahman13
Vergangenen Sonntag wurde hier in Niedersachsen gewählt. BürgermeisterInnen, Kreis- und Gemeinderäte. Auch bei dieser Kommunalwahl haben die hier als gesichert rechtsextremen Menschen von der AfD viele Stimmen bekommen. Zugleich ließ diese Wahl tief blicken in die Partei und ihre WählerInnen. Die Wählenden zu erst: Es war hier möglich, bei einer Gemeinderatswahl beispielsweise der Partei bis zu drei Stimmen zu geben oder diese drei Stimmen auf einzelne KandidatInnen zu verteilen oder wie man halt mag. Hauptsache drei Stimmen. Dies ließ sich am Ende einsehen. Und bei der AfD hat in allen Wahlergebnissen, die ich sah, die Partei etwa 90% der Stimmen und kaum gingen Stimmen an die Menschen, die für ihre antidemokratische Partei stehen. Heißt ja: Wer da steht, ist völlig egal, Hauptsache menschenverachtende Politik. Und das geht direkt in den zweiten Part über: was diese Wahl über die Partei aussagt. Denn zu Beginn der Woche wurde bekannt, dass über 300 Sitze bei der Wahl im ganzen Bundesland frei bleiben, weil es schlicht und einfach keine Menschen gibt, die sie einnehmen würden. Bei circa 250 dieser Sitze handelt es sich um die AfD. Ihre Sitze bleiben frei, die Gewichtung bei Abstimmung verschiebt sich zugunsten der demokratischen Parteien. Das ist ja die Krux: Laut ist die Partei mit ihrem ganzen menschenverachtenden Scheiß. Auf lokaler Ebene lässt sich sowas überhaupt nicht durchsetzen. Und machen will es wohl auch keiner.

Lambrini Girls
(Ms) Bock auf rohen, schnellen Punkrock?! Herzlich willkommen bei Lambrini Girls! Das Duo aus Großbritannien veröffentlichte zuletzt mit Bang Bang Bang einen Track, der seinem Namen mehr als gerecht wird. Schnell und voll auf die Fresse und schön unter zweieinhalb Minuten. Es erinnert schon sehr an Amyl And The Sniffers. Doch, was dort gut funktioniert, klappt ja auch woanders. Eben. Ein düsterer, treibender Sound, der sich da die Bahnen bricht. Ein Song, der erlebt werden will. Und das dazugehörige Video seht hervorragend Pate dafür. Genial, wie die Bilder die Stimmung des Stückes wiedergibt und untermalt. Ein Rausch, ein Knall, zerberstende Gläser. Am 15. Januar erscheint mit No Refunds ihr neues Album und könnte richtig stark werden!

08.05. - Hamburg, Fabrik
14.05. - Berlin, Astra
18.05. - Wien, Arena
20.05. - München, Muffathalle
25.05. - Köln, Live Music Hall


Tiny Doris
(Ms) Na, ist der Kopf schon wieder voll?! Zu viel Schrott auf dem Handy gesehen? Zu viele dämliche Vorgaben und Änderungen bei der Arbeit? Schon wieder Schienenersatzverkehr? Schon wieder gruselige Wahlergebnisse? Schon wieder hohe Spritpreise? Und wieso ist Butter eigentlich so günstig geworden? Und: schon beim Weihnachtsgebäck im Supermarkt zugeschlagen?! Puh. Overload. Das Hirn braucht dringend eine Pause. Zu viel. Zu blöd. Zu viel Energie raubend. Gut, dass es Tiny Doris gibt. Denn auf ihrem Album In Den Dosen, das heute (!) erschienen ist, macht der Denkapparat mal schön Pause. Hier passiert gar nichts. Und doch alles. Hier wird Sinn gegebenenfalls mal klein geschrieben. Hier lebt der Moment in extremer Reinform. Hier geht es um ein schiefes Gitarrenriff, Tiere und die Frage, wer die ganzen Maden aufisst. Eben. Das ist wichtig. Punkt.


Investment
(Ms) Der Groove dieses Tracks ist ansteckend. Mitreißend. Hypnotisierend. So schön eingängig. Es kitzelt gar ein wenig. Hach, macht das Spaß. Es geht um Parlament Der Liebe von Investment. Die Gruppe ist im Grunde genommen die selbe wie Der Mann oder Die Türen. Nur mit noch einem dritten Namen und einem bald neuen Album. Da steckt so viel subkulturelle Popmusik der 80er und 90er Jahre drin, das ist ja frech. Und das in einem so frischen Gewand. Mit sanftem, aber bestimmendem Bass und einer Querflöte, die einen hinfort trägt. Wenn es im Parlament der Liebe keine Mehrheit gibt, wird es kalt in Deutschland. Diese Programmatik ist so genial - süchtig machend beinahe! Stark. Musik kann so so unfassbar viel Spaß machen. Klanglich und intellektuell. Wieder Nur Lieder erscheint am 2. Oktober. Understatement par excellence. 


Fjørt 
(Ms) Das aktuelle Album dieser Band erscheint bitte in drei Monaten auf allen Bestenlisten des Jahres ganz vorne. Was Fjørt mit belle époque geschaffen haben, ist schlicht großartig. Großartig in der Wucht, beeindruckend in der Intensität, packend in der Wut und mitreißend in der Energie. Unerbittlich laute, krachende Gitarren und schepperndes Gebrüll. An vielen Orten waren sie mit den neuen Stücken schon unterwegs. Vom kleinsten AJZ bis zu den großen Festivalbühnen. Sie spielen beiweitem nicht überall, sie suchen sich ihre Orte schon aus. Ein Glück, dass sie kommendes Jahr noch eine satte Rutsche an Konzerten nachschieben. Der Januar und Februar steht nochmal im Zeichen dieser brachialen Musik und lässt den Winter erzittern. Hin da:

26.01.27 Rostock, Peter Weiss Haus
27.01.27 Potsdam, Waschhaus
28.01.27 Braunschweig, Westand
29.01.27 Vechta, Gulfhaus
30.01.27 Kiel, Die Pumpe
11.02.27 Bielefeld, Forum
12.02.27 Schweinfurt, Stattbahnhof
13.02.27 Essen, Zeche Carl
16.02.27 Kaiserslautern, Kammgarn
17.02.27 Chemnitz, AJZ Talschock
18.02.27 Regensburg, Aurelium
19.02.27 Reutlingen, franz.K
20.02.27 Karlsruhe, Substage
27.02.27 Köln, Live Music Hall



Mittwoch, 16. September 2026

Muff Potter - Klepto

Foto: Andreas Hornoff
(Ms) Muff Potter - eine Macht der hiesigen Rockmusik. Eine Band, die für mitreißende Dynamiken, kluge Texte und satte Liveauftritte steht. Eine Band, die nach einer Pause unfassbar stak zurück gekommen ist. Eine Musikgruppe, die immer was zu Schmunzeln und zu Denken mitbringt. Und tatsächlich - im Kern - auch viele Lieder über Liebe.
Am Freitag (18. September) erscheint ihre neue Platte Kletpo auf dem eigenen Label Hucks Plattenkiste. Neun Stücke sind darauf zu finden - auf der erweiterten Version kommen noch zwei obendrauf. Es ist ein Album, das sich bei jedem Hören in seine Höhen spielt. Das immer mehr Spaß macht, immer mehr Sinn. Dafür sollten beim Hören mal die Augen geschlossen oder die Fäuste geballt sein. Und stets der Kopf ganz wach, denn es gibt viele tolle Zeilen aufzusaugen!

Taliban Of The Week ist der erste Track - was für ein genialer Titel! Ein Stück übers Aushalten von Widersprüchen und ein sich Auslassen über die Highperformer unserer Gesellschaft. Sie landen doch eh alle in der Klinik. Eine E-Gitarre, die eine tolle Spannung aufbaut und obendrauf Thorsten Nagelschmidts unverkennbare Stimmung. Musik kann auch ein Zuhause sein. Bestechend dabei ist der etwas rohe Klang. Dieses Album ist nicht glattgeschliffen, würde auch nicht zu Muff Potter passen. Doch das macht den gesamten Höreindruck auch sehr sehr nahbar und irre sympathisch. Auch die sich ändernden Harmonien im Laufe eines Stückes.
Die erste Single Rückflug Aus Montana bleibt ein wenig im Ungefähren, darf aber mit Sicherheit als Liebeslied interpretiert werden, ein Sehnsuchtslied. Mit schleppenden Gitarren, einem Tamburin und einem „Oh Yeah“ im Refrain - gelebte Lässigkeit. Ist Hast Du Den Müll Schon Rausgebraucht auch ein Liebeslied?! Ja, gewissermaßen - kommt hat nur auf die Perspektive an. Es könnte ein Abschiedslied oder ein Trennungslied sein. „Du hast wirklich einen Schatten / Ich hab keinen ohne dich.“ Für solche Zeilen ist eine Gruppe doch einfach nur zu beneiden, oder?! Das treibende Schlagzeug von Thorsten Brameier hier schiebt die Takte energisch vor sich hin - es macht einfach nur viel Hörfreude. 
Spannend wird dann erst recht, wenn ein Stück sechseinhalb Minuten geht. So geschehen bei Ein Starkes Stück. Hehe, Ambivalenz und so. Ein Lied voller Referenzen, die es zu entdecken gibt. Eine flirrende Gitarre von Felix Gebhard schwirrt durch alle 394 Sekunden. Auch wenn der Track auf der Hälfte seine Gestalt ändert, Tempo aufnimmt, griffiger wird, sich ins kaum Aushaltbare steigert. Fast schon psychedelisch, bis es explodiert!
Über die Ambivalenz der Liebe geht es auch auf Und Die Nacht Brach Still Herein. Ein weiteres schwirrendes Lied, das die ungefähre Stimmung aus dem Text hervorragend in die Musik verfrachtet. Zusammengehalten wird es durch den unterschwellig wummernden Bass von Dominic Laurenz. Ja, im Lied wird ein Zusammensein und ein Kümmern thematisiert, aber die musikalische Atmosphäre spricht derart krass dagegen, dass hier viel nachhallt. Und was um alles in der Welt passiert am Ende mit der Schusswaffe?!
Den Höhepunkt bietet Engelstränen Im Abendlicht. Ein griffiger Track, wo alle Instrumente und Nagels Stimme großartig zusammen verschmelzen und auf unter drei Minuten gehörig Druck erzeugen! Das Große da draußen und das Kleine hier drinnen. Ein paar wuchtige Parolen und doch eine Menge Schmerz. 

Ja, auf diesem Album werden die Gegensätze aufeinander los gelassen. Bis zum Bersten müssen wir sie aushalten. Und Muff Potter sind so schlau, sie mit kraftvoller Musik zu untermalen. Ja, nicht jeder Track ist sofort ein absoluter Kracher. Doch bei jedem Hören knistert es mehr. In einer glatt gebügelten KI-Welt ist es schön, ein teils so rohes Album zu hören. Die Uneindeutigkeit ist verlockend und macht richtig Spaß. Und sie zeigt eine Band, die nach vielen, vielen Jahren immer noch nicht genug hat und ihr eigenes Schaffen immer unermüdlich erweitern. Hört niemals auf!

11.11.2026 Leipzig, Conne Island
12.11.2026 München, Strom
13.11.2026 Darmstadt, Centralstation
14.11.2026 Dortmund, FZW
18.11.2026 Bremen, Schlachthof
19.11.2026 Köln, Kantine
20.11.2026 Münster, Sputnikhalle
21.11.2026 Hamburg, Uebel & Gefährlich
26.11.2026 Erlangen, E-Werk
27.11.2026 AT-Wien, Flucc
28.11.2026 Berlin, Festsaal Kreuzberg