Freitag, 4. September 2026

KW 36,2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / shohanur.rahman13
Die kleinen Dinge. Heute morgen zum Beispiel habe ich einen Aufkleber von irgendwelchen Impfschwurblern abgekratzt. Oder letztens im Supermarkt. Da bin ich dezent mit einer älteren Dame kollidiert, wir standen Rücken an Rücken und die Einkaufskörbe lernten sich kennen. Es bliebt nicht nur bei einem pflichtmäßigen „Entschuldigung“, sondern wir kamen ins Gespräch. Eigentlich hatte ich gar keine Lust, mit irgendwem zu reden. Irgendeine Laus ist mir vorher über die Leber gelaufen. Doch sie hatte das Bedürfnis zu reden und ich stieg mit ein. Es wurde unfassbar nett. Sie erzählte, wie frech sie vor kurzem von ein paar Jugendlichen behandelt worden ist und wie frech sie selbst als Mädchen war. Wir sprachen über das Miteinander und das Gute im Menschen. Es waren vielleicht nur sieben oder acht Minuten. Aber das ist doch das, was zusammenschweißt, oder?! Ich bin davon überzeugt!

Gregor McEwan
(Ms) Zum oben Geschriebenen passt dieser Track hier wirklich perfekt! Gregor McEwan ist zurück und veröffentlicht heute seine neue Single World No. 2. Es ist ein wunderbarer, getragener Indiepopsong über die Suche und den Wunsch nach der schönen Alternative. Eine Welt, in der wir lieber wohnen wollen als in der Jetzigen. Wo die Luft klar, das Gras grün, die Liebe lebt und Frieden herrscht. Es mag ja etwas pathetisch klingen, aber wie recht hat er denn bitte?! Eben! Ein bisschen mehr Sozialromantik könnte uns allen ziemlich gut tun. Dieses neue Stück ist das erste, dass der Musiker selbst produziert hat. Sanft, berührend, aufbauend - es ist ihm sehr gut gelungen. Und es macht Hoffnung, dass demnächst noch mehr so Schönes kommt!


Dendemann
(Ms) Es gibt ja so KünstlerInnen, da lohnt es sich zwei Mal hinzuschauen und hinzuhören. Dendemann sollte dabei die Liste anführen! Da kommen Wortspiele, die sich teils erst nach Jahren entpuppen. Er erschafft Bilder, die manchmal spät, aber dann umso besser kicken. Und wenn er heute einen Track Namens Wiederstand veröffentlicht, ist das kein Schreibfehler. Nein, dieses extrem entspannte Lied ist keine Abrechnung mit den aktuellen gesellschaftspolitischen Strömungen oder dem, was irgendein Rapper ins Mikro gerülpst hat. Nein, nein. Zu Bass, Uhhuhh und Saxophon erzählt er lediglich, dass er wieder da ist. Bringt sich selbst wieder auf die Karte. Wenn das jemand kann, dann er. Lässig. Cool. Dende.

10.09.2026 Heidelberg, Halle02
11.09.2026 Stuttgart, Im Wizemann
12.09.2026 München, Backstage
18.09.2026 Dortmund, FZW
19.09.2026 Münster, Skater’s Palace
25.09.2026 Hamburg, Große Freiheit
26.09.2026 Hamburg, Große Freiheit
03.10.2026 Leipzig, Felsenkeller
16.10.2026 Köln, Carlswerk Victoria
17.10.2026 Frankfurt am Main, Batschkapp
29.10.2026 Berlin, ASTRA


ZAHN
(Ms) Ach, psychedelische Musik - so bist ja ein kaum zu bändigendes Biest! Ach, Krautmusik - gut, dass du dich immer weiter entwickelst. Gut, dass diese beiden Spielarten so nah beieinander liegen. Genial, dass es so einige Bands gibt, die dieses Zusammenspiel sehr, sehr gut beherrschen. Das Trio ZAHN zum Beispiel. Sie haben im Frühjahr mit Purpur ein neues Album veröffentlicht, das auf 36 Minuten unglaublich viel Spaß macht. Es ist mitreißend, weiß Stimmungen aufzubauen und niederzureißen und einen steten Sog zu kreieren. Mal schleppend, mal anziehend, mal elektronisch, mal verstärkt. Die Band geht im Oktober auf Tour und das sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen!

17.10. - Bremen, Zollkantine
19.10. - Hannover, Bei Chez Heinz
20.10. - Münster, Kabinett
21.10. - Köln, Bumann & Sohn
22.10. - Darmstadt, Oetinger Villa
23.10. - Augsburg, Spectrum
24.10. - Graz, IndieOhrenFestival
29.10. - Halle, Hühnermanhattan

Blush Always
(Ms) Wenn hier die ersten Takte erklingen, wippt der ganze Körper direkt mit. Ja, es hat schon fast den Anschein, als ob MGMT hier am Werke wären. Doch es ist Blush Always, die mit neuem Song und erweitertem Sound zurück ist! Fake It heißt ihre aktuelle Single, die heute erscheint! Dabei geht es nicht ums Kopieren anderer musikalischer Größen, sondern dass die Zweifel vergangener Tage verschwunden sind und sie sich nichts mehr vormacht. Nun steht Katja Seiffert noch fester als zuvor auf ihren Beinen und veröffentlicht am 27. November mit Kind Of Life ihr neues Album! Der 90er-Jahre-Rock bekommt ein paar neue Facetten, die Lieder wurden ohne größeres Zögern direkt im Studio aufgenommen und suchen sich nun den Weg ans Tageslicht! Das wird richtig gut!

01.02.2027 Hamburg - Molotow Top Ten Bar
02.02.2027 Köln - Bumann & Sohn
03.02.2027 Mainz - Schon Schön
04.02.2027 Berlin - Neue Zukunft
05.02.2027 Leipzig - Ilses Erika
06.02.2027 München - Milla


Scheitern.dreitausend
(Ms) Einige Songs sind ohne ein paar Infos gar nicht zu verstehen. Wer nicht aus Bremen oder Umgebung kommt, kann mit dem dortigen sogenannten Müllberg wenig anfangen. Ursprünglich wurde dort wirklich Schutt abgeladen, heute ist eine parkähnliche Landschaft und mit 50 Metern Höhe die höchste Erhebung der Hansestadt! Immerhin! Scheitern.dreitausend veröffentlichen heute nicht nur ihr sehr gutes, neues Album Unentschieden Für Immer, sondern auch ein Video zu Müllberg. Darin sind sie als schatzsuchende Hobbits durch Bremen unterwegs - herzzerreißend süß! Der Track hingegen ist ein kleiner Liebessong zwischen Diskussionen, Langeweile und einer kleinen Referenz an PeterLicht. Diese Band muss man gernhaben und demnächst unbedingt live sehen:

05.09. Lippstadt - abseite Festival
12.09. Herbstadt - frequency9 Sommerfest
26.09. Köln - Müllem Mon Amour
19.11. Rostock - DIETER
21.11. Osnabrück - Westwerk
27.11. Flensburg - Volksbad
19.12. Bremen - Lagerhaus

Donnerstag, 3. September 2026

My Ugly Clementine - Apply Autonomy

Foto: Mala Kolumna
(Ms) Vielleicht kommt die beste Rockmusik ja eh aus Österreicht. Oder?! Aus dem Nordwesten betrachtet strahlen so manch Bands aus dem Süden ja eine ungeheure Coolness aus. Eine gewisse Abgeklärtheit und Rockstarpose. Will meinen: die sind sich schon sehr sicher in dem, was sie machen. Auf so geile Art. Obendrein so unfassbar sympathisch. Da müssen nicht mal die großen Namen wie Falco oder Wanda fallen. Dieses Versprechen lösen auch Jo The Man The Music oder Alicia Edelweiss ein. Ja, vielleicht sind es sowieso die Frauen und FLINA-Personen, die die viel größeren Rockstars sind. Auf keinen Fall darf bei dieser Aufzählung ein Trio fehlen, dass am 4. September ihr neues Album auf den Markt schmeißt: My Ugly Clementine. Diese Band ist seit vielen Jahren eine unumstößliche Größe, wenn es um Gitarrenmusik aus Österreich geht. Wer sie mal live gesehen hat, weiß, welche Wucht Mila Lu Kovacs, Sophie Lindinger und Nastasja Ronck auf die Bretter, die die Welt bedeuten, legen. 

Apply Autonomy heißt ihre neue Platte und der Name ist Programm. Selbstbestimmung als Albumtitel - die Marschroute ist vollkommen klar. Diese Platte ist eine Abrechnung, ein Aufbäumen, ein in-sich-kehren und ein auf-die-anderen-scheißen. Ist doch so. Musikalisch hauen die drei in die Kerbe, die sie am allerbesten Beherrschen: aufgedrehter Gitarrenrock mit feinen Melodien und viel Energie nach vorn. Viele Texte bieten einen gewissen Interpretationsraum, zum Beispiel der Opener Don‘t Mess With Me: „I Know more than you want me to know.“ Egal, wer vorher mal behauptet hat, es besser zu wissen, es war wahrscheinlich ein Mann. Und die sollten lieber öfter mal das Maul halten. Kann man schon so sagen, oder?! Denke ich auch. Im besten 90er-Rock-Stil singen sie von Zufriedenheit auf Confidence. Ein Gefühl, das oft nur vorgetäuscht wird, aber einfach zurück geholt werden muss, wenn zu viele kleine Energieteufel mal wieder an einem zerren. Genau um diese Entwicklung geht es auch im Text - toll gemacht! Ja, man darf dies alles auf uns Typen deuten, das geht schon völlig in Ordnung so. Auch Pretender haut uns Kerlen auf die Zwölf. Das ist mehr als gut so! Solange nicht irgendetwas wie Gleichberechtigung erreicht ist, sollten wir Männer uns den FLINTA-Personen anschließen, in den Hintergrund treten und uns mit ihnen solidarisch zeigen und versuchen, Strukturen zu ändern. Ansonsten heißt es weiter wie im Song: „Fuck your standards!“ Wie herrlich dabei die E-Gitarre tanzt, das Schlagzeug scheppert und der Bass den Beat befeuert… der ganze Zorn macht musikalisch sehr, sehr viel Spaß! Die größte Hymne auf Apply Autonomy ist wohl Head In The Air. So derbe im Sound, so klar, so wuchtig, so unmissverständlich. So ein scheppernder, dringlicher, dringender Selbstermächtigungssong - hier muss man ja auch einfach mal Danke sagen. Danke.
Dass es auch mal ganz anders aussehen kann, ohne aufrechten Gang und mit gesenktem Haupt ist auf You Won und Science Fiction zu hören. Und zu spüren. Plötzlich ist alles gedimmt. Weil zu oft sind Männer und Mächtige halt unglaubliche Arschlöcher. Doch die auf einmal kräftig einsetzende Gitarre auf Science Fiction hebt eine Deutungsebene in den Text durch die Musik - das ist ja so genial gemacht! Durch den Klang wird das Szenario gebrochen und zurück geschlagen.

No Rescure beschreibt dann auf so unsagbar dynamische, wütende und eindeutige Weise, dass My Ugly Clementine laut und äußerst überzeugend einen großen Teil vom Musikbusinesskuchen abhaben wollen. Daher kommt Apply Autonomy auch auf dem eigenen Label raus. Es ist eine richtig starke Platte. Satte Rockmusik aus Österreich, starke Musikerinnen mit Haltung und Mittelfinger. Eine umwerfendes und beeindruckendes Album! 

05.09. Wien, Kino am Dach (Release Konzert)
28.09. München, Ampere
29.09. Frankfurt, Brotfabrik
30.09. Köln, CBE
02.10. Paris, le Pop-up!
03.10. Amsterdam, Paradiso
04.10. Münster, Gleis 22
10.10. Leipzig, Werk 2
11.10. Berlin, Columbia Theater
12.10. Hamburg, Knust
28.10. Linz, Posthof
29.10. Zürich, Exil
30.10. Stuttgart, clubCANN


Sven Regener - Frankie und Freddie

(Ms) Er ist wieder da. Nein, Sven Regener jetzt nicht direkt. Der ist ja immer irgendwie da zwischen schreiben und singen und touren. Frank Lehmann ist zurück! Das allein ist ja schon eine Meldung wert. Und zwar als komplette Hauptfigur eines neuen Regener-Romans, der unter dem prägnanten Titel Frankie Und Freddie am 3. September bei Galiani Berlin erscheint. Wo er in Wiener Straße noch eher durch die Seiten waberte, ist er hier wieder voll im Vordergrund!
Wie schon in Der Kleine Bruder ist dies ein Buch, das auf wunderbare Art und Weise das Füreinanderdasein der beiden Lehmänner (wenn man das so sagen kann) schildert. Auf der einen Seite Frank, der eben erst nach Berlin gekommen und auf der anderen Seite Manfred, den dort alle nur Freddie nennen, und ziemlich tief in der Kunstszene verwurzelt ist.
Es geht auch hier erneut um brüderliche Sorge. Denn Freddie nahm an einem Studie zur Wirkung einer Pille statt, irgendetwas Antidepressives. Frank holt ihn dort ab.

Und dann beginnt es. Dann beginnt eine Odysee quer durch Berlin. Zu Fuß, mit einem kaputten Opel Kadett, mit der verhassten U-Bahn und auch in einem Schneemobil. Denn die gesamte Handlung spielt an einem Tag. Nicht irgendein beliebiger. Nein, es ist der 23. Dezember. Ein Tag also, der zahlreiche Fragen mit sich bringt: Wo und mit wem feiern? Tannenbaum - ja oder nein? Undundund. Denn ohne zu viel vorweg zu nehmen: Freddie hat im Hotel - dort fanden die Pillenexperimente statt - etwas sehr wichtiges vergessen, ein Flugticket. Also ist ja klar: die Suche beginnt. Diese Suche durchs immer verschneitere Berlin in den 80er Jahren ist eine wunderbare Geschichte zwischen zwei Brüdern. Es geht um Freundschaft, verrückte Kunstexperimente, etwas schief spielende Saxophone und helfende Hände an einer Tankstelle.

Alles natürlich im typischen Regener-Sprech. Denn die Handlung an sich ist schon mal äußerst unterhaltsam und sehr schön einfach. Doch das Komische darf ja bei Frank Lehmann und Sven Regener nie fehlen. Das Absurde vor allem. Und hier kommt der Kern: Den Reiz dieses Buches machen wie immer die Dialoge zwischen allen Beteiligten aus. Diese Gespräche sind wie die Schnitzeljagd durch die Großstadt selbst: sie biegen immer irgendwo an, verlieren sich, verlaufen sich, sind nicht immer zielführend. Aber so, so witzig, so kurzweilig, so unglaublich unterhaltsam. 

Wer die Lehmann-Bücher gelesen hat, braucht nicht lange, um in diesem Kosmos zwischen Karl Schmidt, H.R. Krause, Chrissie, Erwin und dem Café Einfall wieder einzutauchen. Ja, sie sind alle wieder mit dabei. Sogar die Bandmitglider von Glitterschnitter tauchen auf, aber separat voneinander. Je mehr es schneit, desto näher kommen sie natürlich auch ihrem Ziel.
Das Tolle an diesem Hin und Her ist ja, dass es in den 80ern spielt. Heute wäre so eine Handlung ja gar nicht möglich. Das Buch wäre nach zwei Seiten beendet, da irgendwer jemand anderem in einer WhatsApp-Gruppe einen Standort geschickt hätte und gut ist. Nein, nein, hier wird auch in der Telefonzelle telefoniert und Adressen werden mehr oder weniger ausprobiert.

Es ist Sven Regener erneut auf herrliche Weise gelungen, dem Lehmann-Kosmos einen weiteren Teil hinzuzufügen. Was für ein Geschenk, was für eine unglaublich herrliche, kurzweilige Unterhaltung. Möge die Frank Lehmann-Welt niemals enden!

Passend dazu geht Sven Regener ab dem 12. September auf Lesetour - alle hin da!

12.09. Berlin, RBB Sendesaal (live auf radioeins)
10.10. Mainz, Staatstheater
11.10. Essen, lit.ruhr
16.10. Hamburg, kleine Laeiszhalle
17.10. Köln, lit.cologne
20.10. Zürich, Kaufleuten
22.10. Dresden, Schaubühne
23.10. Erlangen, Redoutensaal (BR 2 überträgt)
24.10. Erfurt, wird noch bekanntgegeben
31.10. Frankfurt, Schauspiel
05.11. Stuttgart, Mozartsaal
13.11. Wien, Rabenhof
14.11. Wien, Rabenhof
17.11. München, Alte Kongresshalle
18.11. Leipzig, Schauspiel
19.11. Bremen, Theater am Goetheplatz
10.12. Hannover, Pavillon

Mittwoch, 2. September 2026

Schluma - Heulen Am Wasser

Foto: Penelope Garner
(Ms) Plötzlich waren sie da. Und jetzt gehts nur noch ab! Der Name an sich ist ja genial, weil so schön schlurfig: Schluma. Was soll das sein? Ein Schlummerlein? Eine Schildkröte? Eine etwas ausgebeulte Jogginghose?! Ganz nüchtern betrachtet ist Schluma eine vierköpfige Band aus Hamburg, die im Frühjahr erst Teil der Grand Hotel van Cleef-Familie geworden ist und am Freitag ihr erstes Album Heulen Am Wasser herausbringt. Das sind die Eckdaten.
Aber es ist nicht einfach „nur“ irgendeine neue, tolle Band aus Hamburg. Nein, nein. Beim GHvC unterschreibt ja nicht einfach irgendwer. Die suchen sich das schon aus. Die haben ja Geschmack. Und die Bands, die dort Teil des ganzen Musikwahnsinns sind, müssen ja auch etwas bekloppt sein. Schluma definitiv. Denn sie veranstalten beispielsweise zur Veröffentlichung dieses tollen Erstling einfach ein eigenes kleines 2-Tage-Festival im Indra. Wie geil ist das denn?! Eben!

Worauf lässt man sich aber beim Hören dieser 16 (!) Lieder ein? Erst einmal auf viel neue Musik! Logisch. Doch hier zieht sich nichts in die Länge. Die sechzehn Stücke sind meist so um die zwei Minuten lang, mal mehr, mal weniger. Der Sound der Band ist irgendwo zwischen Superpunk (ohne Bläser), den frühen Tocotronic und Tomte angesiedelt. Doch der Vergleich hinkt. Wie immer halt. Es sind weniger Alltagsgeschichten, weniger Fußball, weniger programmatisches Songwriting und auch nicht allzu kornundspriteig. Doch herrlich unterhaltsam!

Die Platte startet mit der bereits ausgekoppelten Single Ich Bin Ein Außenseiter Dieser Republik. Damit wird schon klar, wer hier spielt. Denn Sänger Lenny lernte Peter als seinen Dozenten kennen. Dazu noch Linus am Schlagzeug und Pola an der Gitarre und fertig ist eine neue, schräg zusammengewürfelte aber genial harmonierende Band. Der Opener als quasi generationsübergreifendes Stück über die Positionierung im Hier und Jetzt. Es geht stark, schnell und aufgedreht weiter: Uni Mensa Schwerverbrecher ist ein herrlich unterhaltsamer Song über das, was der Titel schon sagt. Doch sie können auch das Thema Liebe bedienen: Kältewarnung ist der passende Song dazu. Der Titel ist ja so ein schönes Bild über den eventuellen Niedergang einer Beziehung. Eisig wird es, wenn man sich auseinander lebt. Bitter, aber der Track hat Kraft! Was bislang eher indierockig wird, nimmt bei Schnell Und Ekelig gewaltig-punkig Fahrt auf! Ja, musikalisch ist das schon ziemlich gut, aber auch nicht Avantgarde. Versteht sich erwartungsgemäß aber irgendwie auch von selbst, oder?! Gut!
Doch nicht nur Lenny singt die Stücke. Auch Pola singt mit. Ich Leide Unter Bindungsangst ist auch ihr Lied, das nicht nur genial als Duett angelegt ist, sondern auch herrlich zwischen Humor und bitterem Ernst angelegt ist. Ja, das ist ein schmaler Grat, aber Schluma beherrschen ihn sehr gut. Tragik und Komik gehen oft Hand in Hand. Diese Band hat es verstanden und umgesetzt - stark!
Sehr witzig und mit Drumcomputer geht es auf Cringe Gefängnis zu. Ach, wie ich mein ca 20-jähriges Ich da wieder erkenne: „Der Knast macht einsam, weißt du das / So cool zu sein, macht keinen Spaß!“ Ha! Auch so ein anderthalbminüter wie Die Besten Dinge knallt komplett rein, denn sie passieren halt nur, wenn du mich falsch verstehst. Und auch Mitte 30 ist als Mittdreißiger natürlich doppelt komisch!

Lange hat mich eine Platte nicht so vielfältig abgeholt. Sie ist klug, sehr unterhaltsam, tanzbar, sehr gut mitsingbar und nah am Herzen gebaut. Und auch verdammt ehrlich. Das macht es leicht, Heulen Am Wasser sehr schnell sehr gut zu finden! Das Tolle ist, dass diese Platte auch gar nicht so viel will. Hier ist kaum etwas mit Bedeutung aufgeladen. Vor allem wollte diese Platte erscheinen. Und das ist sehr gut so. Sie entkrampft Indierock, wirkt etwas aus der Zeit gefallen und macht einfach nur unsagbar viel Spaß!

04.09.-05.09 Hamburg, 10.000 Leute Festival (Indra)
16.-19.09. Hamburg, Reeperbahn Festival
01.-03.10. Wien, Waves Vienna
21.10. Langenberg, KGB
22.10. Oberhausen, Druckluft
23.10. Bremen, Tower Bar
24.10. Osnabrück, Westwerk
28.10. Berlin, Lark
05.11. Oldenburg, umBAUbar
06.11. Hannover, Perle
08.11. Köln, EDP


Dienstag, 1. September 2026

Arab Strap - Half-Told Tales

Foto: Luke Bovill
(Ms) Obacht: Hier kommt wirklich ein perfektes Rockalbum! Zweifelsohne!

Doch kurz zur Band und meinen irrigen Vermutungen. Da mir die Band bis vor wenigen Wochen gar nichts sagte, trotz dass es sie seit 1995 gibt, fiel ich etwas auf den Namen rein. In den letzten Monaten hat mich die Musik von Imarhan total begeistert. Und ich dachte, dass eine Gruppe Namens Arab Strap sicher auch Tuarek-Musik macht. Tja. Da war das erste Hören von Half-Told Tales doch eine etwas seltsame Begegnung. Nach kurzer Recherche festgestellt, dass das Duo nicht nur für ihren tollen vorgetragenen Text bekannt sind, sondern auch eine sehr lange Pause gemacht haben. Aidan Moffat und Malcolm Middleton also. Aus Schottland nicht aus dem nördlichen Afrika. Tja, Schreiberling, da hast du dich mal wieder komplett verrannt.

Warum ist also Half-Told Tales ein perfektes Rockalbum? Naja, es gibt 14 Beweise. Doch am entscheidensten (kann man das so sagen?!) sind die unglaublichen Arrangements. Sie sind nicht nur sehr abwechslungsreich - diese Platte wird zu keinem Moment langweilig -, sondern auch herrlich dicht angelegt. Hier plätschert kein Instrument einfach so nebenbei. Hier gibt es keine öden Pausen oder Übergänge. Auf diesem Album gibt es viele exzellente Überraschungen und vor allem solch Musik, die voller Energie nach vorne drängt. Da bin ich ein einfaches Opfer, um das gut zu finden. Doch: Wer könnte diese Platte auch nur ansatzweise schlecht finden?! Eben! Da ist so viel Wut, so viel Druck - uff!

Da ist schon mal der Start: Ballendes Schlagzeug, prägnanter Bass, verspielte Gitarre und ein sehr wirkmächtiges Xylophon. Die Gitarre wird schnell sehr roh, das Schlagzeug treibt nach vorn und ein Saxophon schwirrt I Get Noise auf eine völlig irre Ebene! Insbesondere das satte Zusammenspiel von Gitarre und Drums sind herausragend! Der ganze Körper will diese Musik erleben!
You You You hingegen startet mit Synthie-Klängen, bis erneut die markante Gitarre einsetzt. Ein Track, der von einem bitteren Leben spricht. Es gibt Pillen zum Frühstück und die Schuhe sind kaputt und ohnehin ist wirklich alles extrem düster, doch es gibt ein Gegenüber, das dem lyrischen Ich wohl aus dem irren Schlamassel hilft oder zumindest Halt gibt. Die Nervosität aus dem Text spiegelt sich perfekt in der Musik - großartig!
Klavier und Melancholie dann wiederum auf Be A Man. Die durchaus andächtige, ja, traurige Grundstimmung geht auch hier Hand in Hand mit den Versen. Denn hier spricht das lyrische Ich aus der Sicht eines Vaters, der sich um seinen Sohn sorgt und sich fragt, wie er ihn als Kerl erziehen soll. So viele laute Stimmen auf der Mattscheibe, die so viel Müll von sich geben. So viel Liebe und nie endende Sorgen eines Papas. Starker Song, starkes Saxophon.
Elektrisch und voller Feuer und dem kleinen Einmaleins der Rockmusik geht es auf Fighting For You und Glamour Magick weiter. Wie das wohl live knallen mag?! Auf der kommenden Tour sind Arab Strap leider nicht in Deutschland, Schweiz oder Österreich unterwegs. Das kommt hoffentlich noch. Ich will das erleben!
Zu einem guten Rockalbum gehören auch zum teil ruhigere Lieder wie Gape oder Under Offer. Sie setzen nicht nur den starken Grundton nur in anderem Gewand fort. Sie halten die Spannung aufrecht. Das funktioniert mal mit wackeligen Streichern, mal mit übereinander gelagertem Gesang. Unglaublich auch, wie sich Basic Physics entwickelt. Ein Song wie ein einziges Crescendo. So viel Power, so viel Drang nach vorn, während es im Text darum geht, dass wirklich alle - sogar die Bienenkönigin - wissen, dass diese Liebe nichts hält. Dass hier nur zwei Menschen nebeneinander her leben. Bitterer Text. Großartiger Track!
Und dann kommt noch ein Song wie Fragments. Man sollte sich auf diese gut vier Minuten gut vorbereiten. Denn sie verlangen kurz vor Ende des Albums noch mal einiges von den Hörenden ab. Über zwei Minuten wabert es unter der Oberfläche, nochmal Saxophon und einiges an Percussion. Dann ein extrem satter Bass, der schon ahnen lässt, was kommen mag. Die letzten vierzig Sekunden ballern alles auseinander: alle Instrumente zusammen, volle Wucht, Streicher, Synthies, kompletter Druck - genial!

Wenn Half-Told Tales dann durch gelaufen ist, gilt es erstmal durchzuatmen. Diese Platte ist wirklich enorm. Sie ist inhaltlich, aber auch oft von den Arrangements her äußerst düster und phasenweise beklemmend. Doch genau das macht ja den Reiz aus. Große Neugier, was immer noch kommen mag, welche Geschichten noch vorgetragen werden. Hier steckt wirklich viel Know-How drin, aber auch sehr viel Arbeit, bis so ein Werk erstmal steht. Das ist klasse aufgegangen - was für ein perfektes Rockalbum!



Sonntag, 30. August 2026

KW 35, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Magnific
Es ist ja so bescheuert, was das Internet manchmal meint, uns als Realität vorgaukeln zu müssen. Insbesondere diese „Du bist über 30? Dann musst du dich ja jetzt für eins dieser Hobbys entscheiden.“ Dann kommen Kaffeemaschinen und Keramik bemalen und so. Ehrlich. So ein Oberblödsinn. Ist doch mega geil, sich um gute Lebensmittel zu kümmern?! Ich lasse auf den Kaffee, den ich trinke auch nichts kommen. Der andere Klassiker ist dann ja Rennrad fahren. Insbesondere bei uns Kerlen. Liebe Menschen, die so einen Quatsch ins Netz stellen: Ward ihr schon mal Rennrad fahren?! Ihr glaubt ja gar nicht, was ihr da verpasst. Die Freude am Fahren, der Flow, die Gegenden, die man kennenlernt. Dieser sehr entspannte Gruß allen anderen Rennradfahrenden gegenüber. Über 30 sein ist ja so geil. Guter Kaffee und ein bisschen Sport. Das bekommste halt im Van nicht.

Tristan Brusch & Fatoni
(Ms) Sagt man noch Bromance?! Egal. Wir können es auch einfach Freundschaft nennen. Denn wie schön ist es denn bitte, jemanden seinen Freund oder seine Freundin zu nennen?! Einen oder eine Vertraute. Dass sich Tristan Brusch und Fatoni auf wundersame Weise gefunden haben, ist auch so ein Musikantenglück! Der scharfsinnige Sänger und der Meister des Zeilenbruchs. Nie Wieder Alleine ist ein Stück, das sie einfach so ihren Hörenden geschenkt haben. Im Grunde genommen ist es ein Brusch-Stück mit einem Fatoni-Part. Die typisch leicht melancholische Gitarre und das reduzierte Arrangement sind sehr bruschig. Es ist nicht zwingend ein Stück über die Freundschaft, sondern, dass das Gegenüber auch eine Flucht vom tragischen Alleinsein sein kann. Die Gemeinschaft als Ausweg vom Ausgeliefert sein mit sich selbst. Ein wunderbares, ein tolles, ein trauriges, ein andächtiges Lied. Danke für diese Freundschaft.


Ane Brun
(Ms) Ohne Leid keine Kunst. Das können sicher viele MusikerInnen bestätigen. Was für ein tragisch-schönes Talent von so vielen Menschen, dass sie diese Phasen in Musik umwandeln können. Leid kann vermissen sein, Leid kann auch Sehnsucht sein. Wenn das Gesuchte nicht eintritt. Darüber singt Ane Brun in ihrer aktuellen Single Hold Me. Es geht ihr um das in uns allen wohnende, große Bedürfnis nach Nähe. Jemandem in den Arm nehmen. Auch zärtliche Berührungen. Eine Art des Zuhauseseins. Geborgenheit. Nicht nur, dass es zum Song ein großartiges Tanz-Video gibt, sondern auch das Arrangement ist ja umwerfend. Reduziert-elektronisch nimmt es Fahrt auf und wird immer größer, dichter, intensiver. Zudem zeigt die Norwegerin, wie unglaublich schön sie singen kann. Dieses Stück ist auf so vielen Ebenen bemerkenswert - kaum auszuhalten! Am 6. November erscheint I Thought We Were The Same und dürfte großartig werden!


Mädness
(Ms) Wenn es auf diesem Track „Ha“ macht, ist alles klar. Oh, man. Wie gut ist es bitte, dass sich Mädness wieder meldet?! Klar heißt das Stück und es ist das erste Musiklebenszeichen seit einiger Zeit. Er ist zwar mit seinem Podcast und auch mit seinem Bruder unterwegs. Aber neue Musik gab es länger nicht. Egal. Die Zeit des Wartens ist vorbei. Lässig auf einem großen Liegestuhl drehend zeigt der Hesse wieder, was es bedeutet, heute Rapmusik zu machen. Diese Ehrlichkeit, dieses mit-sich-ins-Gericht-gehen. Hier wird nicht draufgehauen, hier wird stets in den Spiegel geschaut. Dazu stets ein lässiger Beat, doch insgesamt macht der Song auch recht melancholisch. Doch das Leben bringt immer viele Täler mit sich. Davon ist auch Mädness nicht gefeit. Und er spricht, rappt drüber. Genial! Die Hoffnung ist groß, dass da noch mehr kommt. Danke.


Get Well Soon
(Ms) Es ist eine vielleicht etwas schräge Aussage, aber: Wenn Get Well Soon läuft, gibt es durchaus immer viel dazu zu lernen. Sei es Seneca oder die Beschäftigung mit Alpträumen. Auf seiner neuen Platte Séance, die am 30. Oktober erscheinen wird, beschäftigt er sich mit KI. Aus der ursprünglichen Idee, sie mit in den Schaffensprozess mit einzubeziehen, wird ein Album über Künstliche Intelligenz, die ja bekanntermaßen weder künstlich noch besonders intelligent ist. Für Konstantin Gropper gleicht die Nutzung von KI der Beschwörung einer dunklen Macht. Beschworen wird auch viel auf der neuen Single Holidays In Lily Dale. Hier kommt der Lernaspekt: Die Gemeinde Lily Dale im Bundesstaat New York ist ein Epizentrum für Spirituelle jeglicher Couleur. Immer wieder meinten Menschen, dort Kontakt zu Toten aufgenommen zu haben. Das mag gruseln. Genauso wie das neue Stück. Wieder sehr cineastisch und düster arrangiert. Genauso wie an diesem eigenartigen Ort geschieht auch auf dem neuen Track viel hinter vorgehaltener Hand. Ein Stück über einen Ausflug dorthin, wo es etwas anders zugehen mag. Genial gelungen!

24.01.2027 - Mojo, Hamburg
25.01.2027 - Zoom, Frankfurt
26.01.2027 - Karlstorbahnhof, Heidelberg
27.01.2027 - Gloria, Köln
28.01.2027 - Sputnikhalle, Köln
29.01.2027 - Felsenkeller, Leipzig
30.01.2027 - Faust, Hannover
31.01.2027 - Huxleys, Berlin
02.02.2027 - Ampere, München
03.02.2027 - WUK, Wien
04.02.2027 - ARGE, Salzburg
05.02.2027 - Manufraktur, Schorndorf

Donnerstag, 27. August 2026

Interpol - This Mirror Weights A Ton

Foto: Elliot Lee Hazel
(Ms) Für eine Review eines Albums ist die Perspektive ausschlaggebend. Sie soll hier eine wichtige Grundlage bieten. Denn der Verfasser dieser Zeilen kennt Interpol gar nicht mal so gut. Klar, zu Obstacle 1, Evil oder Rest My Chemistry habe ich sicher schon auf einer Indieparty getanzt. Doch aktiv habe ich die Band nie gehört. Daher fehlt mir auch einiges an Hörerfahrung. Das könnte man mir jetzt natürlich vorwerfen. Der Kontext fehlt, der Bezug zur Band. Wieso dann drüber schreiben? Naja, das ist recht einfach. Die New Yorker Band bringt diesen Freitag mit This Mirror Weights A Ton ein unfassbar gutes Album raus und die Perspektive ohne die ganze Erfahrung ist sehr charmant, ein bisschen isoliert quasi. Ich kann auch nicht aufgrund von existierenden Lieblingsplatten beeinflusst sein. Der Pressetext sagt mir, wie die Band ihren Sound verändert haben soll. Das kann alles sein, sind alles tolle PR-Aussagen. Doch beweisen kann ich das nicht. Klammer auf: Stimmen wird es dennoch. Klammer zu.

Klar, es ist vor allem die Stimme. Sie wiegt auf geniale Weise schwer, weil so unverwechselbar. Interpol habe ich auch als Gitarrenrockband abgespeichert. Doch wenn das neue Album mit dem Titeltrack beginnt, schwirren erstmal allerhand Soundschnipsel durch die Gegend. Dann setzt die tolle Stimme ein, Gitarre dazu, aber zurückhaltend. Aber sehr atmosphärisch. Das ist der hauptsächliche Fokus dieser Platte: die Stimmung, der Vibe, der Groove. Die bestechliche Dichte. Ich empfehle sehr, dieses Album über Kopfhörer zu genießen. Zahlreiche Details bleiben einem dann nicht verborgen. Zudem arbeitet die Band immer wieder mit einem 360°-Sound. Gänsehaut.
Zurück zum Titeltrack: Wenig nach vorne treibend, aber dennoch dramatisch. Weil so vielschichtig. Eine Ahhhh-Stimme wabert zwischen Vorder- und Hintergrund. Alles, was sich klanglich nicht direkt an der Hörmuschel tummelt, entfacht eine betörende Energie. Sie bricht nicht aus. Pulsiert aber unter der Oberfläche. Das ist richtig gut. Ein starker unaufgeregt-aufregender Start.
Dann direkt die erste Single, See Out Loud, die eindeutig ein typischer Interpol-Song ist. Und hier wiederhole ich mich: Der Klang ist so unglaublich dicht, dass er ja beinahe den Atem abschnürt. Doch statt Beklemmungen erzeugt diese Stimmung Druck nach vorn und den großen Willen, sich dazu zu bewegen. Füße und Kopf wippen auf jeden Fall sofort mit. Das wirklich geniale an dem Stück ist, dass er beinahe psychedelisch wirkt. Denn auch nach der Bridge wird das Tempo nicht angezogen, sondern fast metrumhaft drauf gepocht auf jeden Fall im Takt zu bleiben. Und dann kommen die angesprochenen Details: ein Klatschen im Hintergrund, noch ein Gitarrenriff. Viel, aber in genau der richtigen Dosis. Sogar mit Fade Out!
Wounded Soldier kommt im Grunde genommen mit dem Einmaleins der Rockmusik aus: ein markanter, dominanter Bass, der passende Beat dazu und eine ebenfalls rhythmische Gitarre. Doch da ist so, so viel mehr. Erneut: Was für ein dichter Klang, ich höre nicht auf, mich zu wiederholen. Weil das auch so wunderschön und verlockend ist. Percussion und Synthies im Hintergrund - ein brillantes Arrangement. Darunter mache ich es nicht. Insbesondere wenn ich den letzten Momenten noch ein Xylophon erklingt.
Klar, Wings On Fire auch so ein Megahit! Unvermittelt ballert er los. Typisch Interpol - so weit lehne ich mich nun aus dem Fenster, um das so beurteilen zu können. Auch hier wieder: ein sagenhaft hypnotischer Sound. Wie das wohl live klingen mag?! Hoffentlich so angenehm beklemmend wie auf der Platte.
Frech ist es, was die Band mit einem macht: Ever The Actor hört einfach nicht auf genial zu sein. Dieses Mal wird der hohe Drang mit himmlischen Streicherklängen kombiniert. Diese Kombinationen sind allesamt sehr reizvoll. Und sie gehen alle auf. Hier zeigt eine Band auf beeindruckende Weise, wie großartig Musik sein kann. Vor zwei Jahren haben Paul Banks und Daniel Kessler sich die ersten Ideen hin und her geschickt. Aus den Ideen, die oft am frühen Morgen entstanden sind, wurde eine bemerkenswerte Platte.

Dieser Text bleibt gewissermaßen an der Oberfläche, weil er sich mit den Texten nicht beschäftigt. Gelesen habe ich sie. Doch der Fokus auf die Musik, die brutalen Arrangements muss sein. Der Aufbau der Stücke, die vielen tollen Details lassen mich einfach nicht los. Dennoch muss die Intention des Titels angesprochen werden - sie erklärt, den faszinierend-schweren-soghaften Klang. This Mirror Weights A Ton meint, dass das in-den-Spiegel-schauen und sich mit sich selbst beschäftigen eine Mammutaufgabe ist, die tonnenschwer wiegen kann. Wer das tut, fängt an zu taumeln. Wie diese Musik. Wer das tut, mag in Abgründe gestoßen werden. Wie diese Musik. Wer das tut, kann auf bezaubernde Weise aufgebaut und mit Energie vollgetankt werden. Wie durch diese Musik. Diese Platte ist unglaublich. 

Unglaublich ist auch, dass Interpol im Herbst mit Bloc Party auf Tour gehen. Peng!

11.11.2026 Berlin – Uber Arena
12.11.2026 Hamburg – Barclays Arena
14.11.2026 Düsseldorf – PSD Bank Dome



Freitag, 21. August 2026

KW 34, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Shuvo.Das 
Quo vadis, Demokratie? Es hängt in einigen Fragen derzeit einzig und allein an der CDU. Und die bekleckert sich nicht mit allzu viel Ruhm. Das Steigen und Fallen der rechtsextremen, antidemokratischen AfD hängt in vielen Bereichen von der CDU ab. Die Übernahme ihrer Themen und ein massiver Rechtsdrall halfen null. Sie haben das Gegenteil bewirkt. Menschen ausgrenzen und das Land vor die Wand fahren nur beim Original! Das haben aber viele Menschen in der CDU noch nicht erkannt. Immer noch nicht. Wahnsinn, wie blind man sein kann. Oder wie mutlos. Denn erkannt haben sie die fehlerhafte Strategie sicherlich. Jede einzelne Umfrage sagt es ihnen ja.
Und dann immer noch nicht mit der Linken zusammenarbeiten wollen. CDU, wach auf! Was bleibt denn? Oder wollt ihr wirklich eine Regierung der AfD in Sachsen-Anhalt tolerieren?! Wer steht denn für die Demokratie?! Wenn ihr es noch seid, zeigt es!

Warhaus
(Ms) Dieses Stück ist derart grandios, so unfassbar gut gemacht - auf allen Ebenen! Ebene 1: Der Ausgangspunkt. Maarten Devolderes aka Warhaus wollte immer schon ein Schlaflied schreiben. Mit The Baby hat er es nun gemacht. Ebene 2: Mit diesem neuen Stück schlägt der Musiker eine enorm elektronische Spielrichtung ein, die so noch nicht zu hören war. Ebene 3: Das Video zum Track! Ja, lasst mal diese Spotify-Geschichte für einen Moment weg und nehmt euch diese gut zweieinhalb Minuten. Wie der Musiker da steht in schwarz/weiß und „nur“ zwei Socken an den Händen bespielt. Phantastisch zu einem derart unruhigen, basslastigen Track. Klar, wer dazu einschläft, hat vielleicht ganz andere Probleme oder lange nicht geruht. Diese Single ist ein Meisterwerk! Mitreißend, elektrisierend, druckvoll, unaufhaltsam, ohne Durchatmer! Es ist zu wünschen, dass da bald noch mehr kommt!


Nodfeld
(Ms) Wie krass der Traum vom Fliegen vor über hundert Jahren wohl gewesen sein muss. Etwas völlig Unvorstellbares. Super gefährlich. Total unbegreiflich. Mysteriös. Verrückt. Doch Menschen haben weiter dran geglaubt, mal wie ein Vogel zu sein. Und es in maschineller Hinsicht auch geschafft: Fliegen. Zu einem sanften Flug hat Nodfeld den passenden Track am Klavier geschrieben. Logischerweise heißt er Flight und nimmt uns Hörende sanften Schrittes mit in die luftigen Höhen. Erst der Absprung, dann das Treiben. Ohje, auch ein paar Turbulenzen. Aber eines ist klar: Die Sicht von hier oben ist unvergleichlich. Diese Emotion hat der Pianist mit diesem Stück wirklich sanft, toll und wunderschön eingefangen. Am 18. September gibt es dann mehr davon, dann erscheint seine neue Platte mit dem tollen Titel .



Funsover
(Ms) Das herrlich Erwartbare bei Shoegaze ist ja, dass es immer irgendwann in einem Song aus den tragenden Gitarrenflächen ausbricht. Irgendwie ist es schon ein recht vorhersehbares Genre. Aber es verliert zum Glück auch nicht an Magie und Lust einzutauchen. Funsover aus Berlin ist ein neues Quartett im Shoegaze-Gewimmel und hat mit Ten eine wunderschöne Single am Start, die vor einigen Tagen erschien. Schwere Gitarren, die sehr schöne, tragende Stimme auf der einen Seite und gegenüber Bass und Schlagzeug, die alles zusammenhalten. Viel Gefühl, viel Energie und natürlich auch großartige, ausbrechende Momente! 


Muff Potter
(Ms) Drei Singles. Darauf hat sich wohl die Musikbranche geeinigt. Drei Singles müssen es sein, bis ein neues Album irgendwann erscheint. Danach keine neue Single mehr. Vielleicht noch ein Livemittschnitt. Weil dann ja die Tour. Die dritte Dingle, bevor am 18. September Klepto erscheint, heißt Engelstränen Im Abendlicht und damit hauen Muff Potter noch mal richtig einen ins Universum! Ein Song, der nur eine Richtung kennt: nach vorn, nach vorn, nach vorn. Kein Break, kein Durchatmen, es muss knallen. Denn die Rahmenbedingungen sind mies. Es gib keine Pausen mehr. Der Stein ist längst ins Rollen geraten. „Das Geld liegt auf der Straße / Und ich, ich bin daheim / Was soll das für ein Land sein / In dem fast nie die Sonne scheint.“ Sind das nicht die Zeilen, für die wir alle diese unglaublich Band lieben?! Auf jeden Fall. Was freue ich mich auf diese Platte und die anschließende Tour!

11.11.2026 Leipzig, Conne Island
12.11.2026 München, Strom
13.11.2026 Darmstadt, Centralstation
14.11.2026 Dortmund, FZW
18.11.2026 Bremen, Schlachthof
19.11.2026 Köln, Kantine
20.11.2026 Münster, Sputnikhalle
21.11.2026 Hamburg, Uebel & Gefährlich
26.11.2026 Erlangen, E-Werk
27.11.2026 Wien, Flucc
28.11.2026 Berlin, Festsaal Kreuzberg


Cava
(Ms) Ja, JA, JAAA! Haltet euch fest. Oder nein! Stellt euch besser hin. Und bevor diese Single ertönt, besser schon mal die Hüften ölen. Denn M42 von Cava geht direkt so richtig los. Die Gitarren kennen hier kein Pardon, scheppern direkt ins Ohr und machen keinen Halt! Das ist ja auch das Geile bei diesem Duo: Die Geschwindigkeit ist sehr hoch, die Dringlichkeit auch. Im Track geht es um das Dasein in irgendeiner Buslinie von A nach B. Kennt man die Menschen vor oder hinter sich? Auf dem Dorf bestimmt, doch da fährt er ja kaum. In der Großstadt verliert es sich schnell zwischen den zigtausend Menschen drumherum. Nicht mal drei Minuten knallt dieser Song aus den Lautsprechern. Das sollte lang genug sein für Pogo, oder?! Eben! Ihr drittes Album Good Luck veröffentlichen die Berlinerinnen am 27. November!


The Belgian Blue
(Ms) Es gibt Lieder, die brauchen Zeit. Hier ist so eins. Geht zumindest mir so. Elderflower von The Belgian Blue nimmt mich nicht ab dem ersten Takt mit. Aber da liegt etwas in der Musik, das mich neugierig macht. Was kommt noch? Packt es mich oder skippe ich irgendwann? So viel sei gesagt: hat mich noch gepackt. Zum Einen, weil die tolle Stimme eine gewisse Sehnsucht ausgelöst hat. Das ist schön. Und dann nimmt der Track doch Fahrt auf, bleibt nicht in seinem folkigen Gewand. Mehr Gefühl, mehr Energie, die E-Gitarren entwickeln mehr Kraft, je weiter das Lied geht. Es entfacht auf einmal einen tollen Sog, in den ich mich gern mitreißen lasse. Am 25. September erscheint mit For Wards Weight / Summersweepers eine Doppel-EP der österreichischen Band, die noch mehr zauberhafte Lieder mit sich bringen.



Donnerstag, 20. August 2026

Lambchop - Punching The Clown

Foto: Ingo Petramer
(Ms) Ganz ehrlich: Als bekannt gegeben wurde, dass die neue Platte von Lambchop nur aus Stimme, Akustikgitarre, einem kleinen Chor und einem Banjo bestehen würde, war ich schnell äußerst skeptisch. Warum zur Hölle ein Banjo? Und vor allem: Was habe ich eigentlich gegen dieses Instrument? Wahrscheinlich ist es in einer ganz furchtbaren Folk-ist-ganz-schlimm-Schublade abgelegt und dort mit allen Vorurteilen vollgeklebt.
Nicht nur dieses Instrument, sondern auch die komplett runtergeschraubte Instrumentierung ließ meine Vorfreude nicht so recht aufkommen. Gar kein Schlagzeug? Kein Bass? Kein Klavier? Hui. Heißt aber auch: Kein Autotune mehr und weniger Beat.
Also: Was hat Kurt Wagner mal wieder geritten, ein Album genau auf diese Weise zu produzieren? Die Gründe sind fast immer ein bisschen egal, weil sie erstaunlicherweise doch immer erschreckend gut aufgehen. Auch bei Punching The Clown, das am 21. August erscheint. Auch mit Banjo. Ja. Es wird von niemand geringerem als Justin Vernon gespielt. Besser bekannt als Bon Iver!

Lambchop also mal wieder. Es ist auch immer eine Frage, aus wie vielen MusikerInnen die Band gerade eigentlich besteht? Mal waren es vier, dann siebzehn, dann nur einer. Nun hat Kurt Wagner ein paar Leute um sich gescharrt, um diese Platte aufzunehmen. Eine weitere phantastische Idee in einer sehr langen Reihe toller, vollkommen verschiedener Alben, die der ehemalige Fliesenleger in seinem langen Schaffen vorgelegt hat. Auch wieder mit Cap auf und mit langem Rauschebart. Lambchop war immer auch Kunst und Mode.
Nun, ganz so egal ist die Entstehungsgeschichte von Punching The Clown nicht: Vor drei Jahren hörte er ein Lied im Radio, das ihn stark begeistert hat. Es war so reduziert, dass es enorm viel Zauber entwickelt hat. Er fand den Titel nicht heraus. Fing aber an zu recherchieren. Und stieß auf ein Genre, das in Vergessenheit geriet: Lining Out. Eine Musikrichtung, die aus den Kirchen kam, als die Menschen noch nicht alle lesen konnten. Jemand sang etwas Simples vor, die Gemeinde wiederholte es. So kam die Idee auf: so soll das neue Lambchop-Album klingen. Und so ist es gekommen.

Zwölf neue Songs hat Kurt Wagner uns geschenkt. Sachte, dezent melancholisch und etwas verwunschen beginnt diese Platte. Direkt voller Wirkung: Der tolle Chor, der auf diesem Album bei Weitem nicht nur im Hintergrund bleibt. Just West Of Nicollet ist eine leicht traurige Beobachtung ins Blaue hinein. Ja, der Text ist schön, weil er so umherschweift, aber das musikalische Arrangement begeistert mich mehr. Es ist auf der einen Seite so reduziert und auf der anderen Seite - wahrscheinlich genau dadurch - sehr stimmungsvoll! Außerdem hat der Track keinen Refrain. Das unterstreicht, dass Kurt Wagner einfach mal so umherschaut. Ja, der Grundtenor ist schon melancholisch, traurig mitunter. Doch seine Stimme bring wirklich viel Licht rein, sie ist ein toller Gegenspieler vom Banjo, das eher die düstere Stimmung forciert. Weakened ist ein tolles Lied. Das Kirchliche, Erhabene kommt hier auf eine unsagbar schöne Weise rüber. Wie berührend kann ein Chor mit Akustikgitarrenbegleitung denn eigentlich sein? Dieses Stück ist der Beweis! Das Titelstück wiederum ist ein wunderbares Liebeslied. Dafür muss auch Zeit sein. Ein Track, der dankbar das Gegenüber anblickt. Die Person, die einen aufblühen lässt, die einem das Schöne zeigt. Ja, es lohnt sich, die Texte zu lesen. Denn seit jeher ist es ja so, dass Kurt Wagner so singt, dass seine Worte nicht immer zu verstehen sind. Vieles wird verschluckt oder abgebrochen. Kunst halt.
Krass zu hören, dass dieser wahnsinnig runtergeschraubte Lambchop-Stil auch sehr wütend sein kann. White People ist das Stück dazu. Ein brutaler Abgesang auf die privilegierte, weiße Schicht, die sich stets beweihräuchert, aber endlich abdanken sollte. Kurt Wagner singt es so! The New World Wave wiederum ist eine kleine Geschichte aus seiner Heimat Nashville. Ob die Szenen einer Familie, die viel wackelt, autobiographisch ist, ist unklar. Zudem ist es ein Song, auf dem die Gitarre sehr bassig spielt. Und ein tolles erneutes Paradebeispiel, wie unglaublich gut der Plan aufging, genauso ein ganzes Album einzuspielen.

Ja, diese Platte ist eine unglaubliche Überraschung und ein kaum zu glaubender Beweis, wie sicher Kurt Wagners Riecher für den passenden Ton ist. Lambchop standen selten auf der Stelle. Nun gibt es diese Band, dieses Musikprojekt schon seit über 30 Jahren. Punching The Clown ist das siebzehnte Album! Siebzehn - und erneut klingt ein Album ganz anders als der Vorgänger, ohne jedoch nie den Kern zu verlieren. Der Kern von Lambchop war immer schon reduziert. Mit einer gewissen Unaufgeregtheit hat diese Band immer gespielt. Auf dieser Platte zeigt sie nun, dass ein fast vergessener Klang in einem neuen Gewand extrem gut klingen kann. Wow!

Gewissermaßen steht der Song To Do Pate für dieses ganze Vorhaben: Bevor das lyrische Ich - vielleicht war so selten so konkret der Sänger damit gemeint - gen Himmel fährt, gibt es noch einige Dinge zu tun. Und keine Zeit zu verlieren. Also: Los!

12.02. Hamburg, Christianskirche
13.02. Berlin, Passionkirche
14.02. Erlangen, Markgrafentheater
16.02. Wien, Theater Akzent


Sonntag, 16. August 2026

Live in Oldenburg: Audio88 &Yassin

Foto: luserlounge 
(Ms) Oldenburg, alte Lady! Das war ein ordentlicher Abriss am Freitagabend! Meine Sonnenbrille ist im Moshpit bei drauf gegangen und irgendwie ist das völlig in Ordnung so.
Aber fangen wir von vorne an.

Das Einfach Kultur-Festival ist eine mehrtägige Sause in einer der schönsten Orte, die die Stadt zu bieten hat. Der Gleispark war einst ein toter Ort auf einem Parkdeck direkt am Bahnhof. Dann wurde er aufgehübscht, mit Bars und Buden versehen, zahlreiche Wimpel und Lichterketten dazu und überall gute Menschen. Für jeden Tag holen die Veranstaltenden völlig unterschiedliche Acts ran und die Fotoeindrücke ließen drauf schließen, dass es gut besucht war. Inklusive hupendem Gruß vom Zug.

Am Freitag habe ich mich auch auf den Weg gemacht, denn niemand anderes als Audio88 und Yassin luden zur Messe ein. Absoluter Pflichttermin und quasi Gegenveranstaltung zu den Toten Hosen in Bremen. Naja, schräger Vergleich. Den Auftakt sollte Maurice Conrad machen. Er kam leider etwas zu spät in Oldenburg an, daher war sein Set ein wenig kürzer. Ballerrap über den Genuss und die Hürden als schwuler Typ zu leben. Inhaltlich stabil, doch auch reichlich monoton. In kaum einem Track ging es um etwas anderes. Klar: mega wichtiges Thema, gar keine Frage. Aber so wird es auch etwas langweilig. Außer als seine DJane einen Song darbot. Das riss alles raus. EJA fuhr mit Tänzern auf und holte das Publikum sofort ab - richtig stark!

So wurde schon mal reichlich geschwitzt, tagsüber waren es weit über 30°, trocken ist es seit Tagen. Das konnte man später auch spüren und sehen.
Als die Bühne dann in satte Nebelschwaden gehüllt wurde und die verzerrte Ansage alle bat, doch bitte die T-Shirts anzulassen, kam gleichzeitig ein Bass aus der Hölle um die Ecke. Wie krank ist es bitte, so ein Set mit Komm Ran anzufangen?! Sofort Moshpit, sofort aufgewirbelter Staub und der große Drang, schnell noch ein weiteres Getränk zu holen. Was dann bis kurz vor zehn passiert ist, kam aus einem anderen Universum. Audio88 und Yassin erbaten vom Publikum 100% im Versprechen 150% zurückzugeben. Der Plan ging auf!
Sie haben ein brutales Konzert gegeben. Kein Hit fehlte: Halleluja, Gnade, Schellen, Schlechtes Gewissen, Freunde, WUP, Garten, 15 Jahre, Betrunkene Männer undundund… Abwechselnd reckten Mittelfinger oder HipHop-Hände in den Oldenburger Abendhimmel, die Stimmung war ausgezeichnet. Na klar, wenn diese beiden Rapper auf der Bühne stehen, werden doppelte, dreifache und vierfache inhaltliche Böden eröffnet. Dann wird es bitter, böse, ironisch, zynisch. Aber alles wird aufgelöst. Die beiden sind einfach zwei knuffige Kerle, die wissen wie es geht. Und die wissen, wer der Feind ist. Inhaltlich werden Schmutzrapper, die Polizei, Friedrich Merz und Alice Weidel zerlegt. Das Publikum dankt ihnen dafür. Katharsis quasi. Logisch, dass so ein Abend mit Die Wut Hält Uns Zusammen beendet werden muss. Nicht ohne zu erwähnen, dass Über Liebe sicher der (!) zentrale Track des Abends war. Denn genau das ist deren Musik ja - Texte über Liebe. Amen.

Samstag, 15. August 2026

KW 33, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Shuvo.Das 
Liebes Musiktagebuch,
es tut mir leid. Wir müssen über Arbeit reden. Aber auch nur so zur Hälfte. Es gibt wieder zahlreiche Dinge zu erledigen. Themen dringen in die Hirnwindungen ein und nisten da ein wenig. Termine kommen und gehen. Einige scheinen kein Ende zu finden. Doch dann schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: Okay, die nächsten Wochen könnten wieder richtig anstrengend werden. Aber! Aber da sind so, so viele gute Seelen im Kollegium, dass ich mich jeden Tag glücklich schätzen kann, diese Leute um mich zu haben. Sie begegnen mir stets mit einem Lächeln, wir sitzen im selben Boot, wir leben nicht von Durchhalteparolen, wir sind füreinander da, wir helfen uns und irgendwer bringt dann mal ein Bananenbrot mit. Ohne diese Leute könnte ich meinen Job nicht machen. Danke alle!

Tyna
(Ms) Na, liebe Welt?! Wie sieht es so aus? Schön sommerlich am rumlümmeln? Irgendein Spritzgetränk im Anschlag und Blick aufs Meer? Ja? Okay - dann ist mal eben für 32 Minuten Schluss damit. Denn es gibt ja immer noch Punkrock und der zimmert immer schön auf die 12. Ja, klar. Zwölf Lieder in einer guten halben Stunde bedeutet: Tempo, Kompromisslosigkeit, Sturm und Drang! Das liefert die Band Tyna aus Hamburg in allerbester Manier. Nicht ganz klassischer Punkrock, sondern eine etwas aufgepimpte Version davon. Eine Version, die keine Angst vor dezent elektronisch-poppigen Elementen hat. Denn genau diese treiben die Tracks dieser Band gehörig nach vorn, setzen Energie frei. Denn irgendwie müssen wir ja klar kommen in dieser Welt, oder? Diese Musik ist genau die richtige Medikation dazu. Allen Geht Es heißt ihr aktuelles Album, das letzte Woche erschienen ist. Augengezwinker, Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, ein aufmerksames Beobachten der wackligen Realität. Alles zusammen mündet in einem großartigen Album zwischen Pogo und Diskoinferno.

02.10. - Lüneburg, Salon Hansen
03.10. - Husum, Speicher
16.10. - Vechta, Gulfhaus
17.10. - Köln, Garagen
23.10. - Braunschweig, 381
24.10. - Marburg, Kulturladen KFZ
13.11. - Erfurt, Engelsburg
14.11. - Dresden, Ostpol
08.01. - Hamburg, Knust



Team Dresch
(Ms) Seit einigen Jahren schreibe ich hier an dieser Stelle über neue Musik und Konzerte. Das ist wirklich das Allerschönste für mich. Es wird einfach nicht langweilig. Das liegt an all der wunderbaren Leidenschaft und der immer neu aufkommenden Musik. Es nicht enden wollender Strom - was für ein Geschenk! Und es liegt auch daran, dass die Liebe zur Kunst kein Ende kennt. Dass es selbst heute noch so viele KünstlerInnen gibt, die ganz wunderbare Musikvideos erschaffen. Gebt euch bitte das Video zu Growing Underground von Team Dresch. So viele Liebe zum Detail. So ein gutes Mitschwingen in den Melodien und im Tempo. Herrje, wie schön! Vor 33 Jahren gründete sich diese Band, die eine wirklich lange Pause gemacht hat und nun mit unsagbar viel Energie zurück ist. Diese Single ist ein bockstarker Beweis dafür. So viel Drang nach vorn, so viel Druck, so viel Liebe. Am 18. September erscheint ihr neues Album Furthermore und setzt alte, neue Standards in Sachen Rockmusik. 

19. September - Bern, Schweiz - YEAH Fest, Reitschule
20. September - Mainz, Schon Schön
21. September - Oberhausen, Druckluft
22. September - Berlin, Neue Zukunft
24. September - Bremen, Tower
25. September - Karlsruhe, Alte Hackerei
26. September - Köln, Blue Shell
27. September - Hamburg, Betty


Amyl And The Sniffers
(Ms) Was ist das Größte, was wir Menschen erreichen können? So als Haltung, als Selbstbild. Ich habe da einen Vorschlag: Über sich selbst lachen können. Sich nicht allzu ernst zu nehmen. Nicht so seltsam stolz sein. Was soll der ganze Mist?! Fehler können wahnsinnig komisch sein. Aber auch etwas ungewöhnliche Entscheidungen. Das zeigen nun einmal mehr Amyl And The Sniffers! Die australischen Rotzrocker haben bei weitem nicht den Anspruch, perfekt zu sein. Müssen sie auch nicht. Sie sind halt geil. Zudem bleiben sich nicht in der Rotzrockerecke wie ein neues Projekt zeigt. Am 4. September erscheint ein Film (!) mit und über die Band. Im Fokus: Ein Set in Los Angeles, bei dem sie ihre eigenen Lieder als Countryversionen singen. Truth Or Consequence nennen sie diesen Streifen und der Titel sagt doch alles, oder? Was für eine wunderbare Erscheinung in diesem seltsamen Musikbusiness! Nur noch Liebe für diese Band, die einen Scheiß drauf gibt, sich allzu ernst zu nehmen! 


E-L-R
(Ms) Ja, was bleibt von den ganzen Festivalbesuchen überhaupt? Ich erwische mich dabei, wie ich zunehmend Festivals besuche, bei denen ich recht wenig Bands im Vorhinein kenne. Das Geile ist, echt viel entdecken zu können. Logisch, es sind auch Enttäuschungen dabei. Spannend sind dann die, die wirklich länger haften bleiben. Dazu gehören E-L-R aus der Schweiz, die ich vergangenes Jahr auf dem Hellseatic sah. Extrem breitflächiger Metal. Sehr intensiv, sehr melodisch, sehr kompromisslos. Das Trio hat just einen neuen Song der Welt geschenkt: Archeress heißt das Ding! Herrje, was brettert diese Band mit symphonischen Elementen und allerhand Geschmetter! Das ist wirklich eine wahnsinnige Kombination: zum Einen diese unendliche Schönheit und auf der anderen Seite eine gewisse Brutalität. Das macht ungeheuer Spaß!

Freitag, 7. August 2026

KW 32, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Those Icons
Lieber Edeka Bio Basilikum,
am Montag bist du bei mir eingezogen: aufrecht, grün, kräftig! Du bist nicht der erste. Sicher waren schon 15 bis 20 Generationen deiner Art vorher da. Ich bin ganz ehrlich: Besonders rosig sah ihre Zeit hier nicht aus. Dabei kamen alle mit großen Vorschusslorbeeren. Satt und grün die Blätter, herrlich intensiv der Duft und voller blendender Aussicht auf schmackhafte Verfeinerung zahlreicher Speisen. Hach, ich hab dich schon so richtig gern. Nun stehst du auf der Fensterbank in der Küche in einer kleinen Schale, damit ich dir immer genug zu trinken geben kann. Ja, an Tag zwei habe ich dich schon etwas vergessen, aber bin eingeschritten, habe für ausreichend Wasser gesorgt. Und auch schon geerntet, was du gibst. Hat hervorragend geschmeckt. Nun sehe ich dich, wie du gegenüber von mir stehst, während ich hier tippe. Ich versuche, mich gut um dich zu kümmern. Versprochen.

Vlimmer
(Ms) Na, wie entspannt seid ihr im Sommer gerade? Urlaub? Pause? Ferien? Auszeit? Lust, davon wieder ein kleines bisschen auszubrechen? Zur Hälfte zumindest? Dann gebt euch die neuste Single von Vlimmer. Atemdauer heißt sie und erschüttert die eventuelle Entspannung direkt durch einen sehr wuchtigen 80er-Jahre-Bass, der zudem von einem unruhigen Beat flankiert wird. Musikherz - was willst du mehr?! In der Hälfte nimmt der Track sogar technoeske Formen an. Das gehört zum Geheimnis von Alex Donats Hauptprojekt: Bloß nie gleich klingen, immer links und rechts mal ausbrechen. Was ist denn aber die andere Hälfte dieses Stückes? Der Inhalt: bleib bei dir, du hast viele Stärken, egal was alle anderen sagen. Sei stolz drauf und drück den Rücken durch! Eine wunderbare Diskrepanz zwischen Musik und Text. Zudem veröffentlicht der Musiker eine B-Seite (geil anachronistisch!): eine deutschsprachige Version von Caring Is Creeping von The Shins. Zusammengefasst: Genial und komplex!


Tiny Doris
(Ms) Na, ist euch auch wieder alles zu wichtig, was so passiert? Zu krass? Zu intensiv, sodass man entweder gar nicht hinterher kommt oder einen seltsamen Zwang spürt à la: Da muss ich mich dringend einlesen und noch eine Doku zu schauen. Nein! Nein! Nein! Das Hirn braucht dringend eine Pause. Wie gut, dass Tiny Doris (alleine der Name schon!) um die Ecke kommen und den Windungen da oben eine Auszeit schenken. Das Trio aus Berlin bewegt sich irgendwo zwischen Feige Flittchen, Angine De Poitrine und Improtheater. Fische ist ihre neuste Single, denn der Lachs weiß schon Bescheid, dass er auf dem Teller landen könnte. Deshalb gibt es ihn nicht. Logisch. Es muss nicht immer alles vollgespickt mit Bedeutung sein. Manchmal ist es so viel besser. Und am 18. September gibt es mit ihrem Album In Den Dosen noch mehr davon. Dann können wir uns alle von den Wahlen erholen. Geil, oder? Eben.

18.09. Berlin Schokoladen, Record Release Show
20.09. KATS Freiburg
23.09. Dortmund Subrosa
25.09. Hamburg Gängeviertel
16.10. Berlin SO 36


Ebow
(Ms) Was für eine Künstlerin! Ich schreibe es immer wieder, denn Wiederholung ist wichtig! Ihr Auftritt beim letztjährigen Watt En Schlick Fest war quasi ein Erweckungserlebnis für mich. Ebow überzeugte mich nicht nur mit unglaublich großer Sympathie und außergewöhnlicher Präsenz auf der Bühne, sondern auch mit ihren starken, substanziellen Texten! Drei Singles hat sie dieses Jahr schon veröffentlicht. Nun folgt mit Club 1990 zusammen mit Fayim die nächste Auskopplung. Und wer hätte das gedacht?! Es ist ein Liebeslied. Oder viel besser: Ein Verliebungslied. Es geht um die nicht mehr als möglich Gedachte Zufälligkeit, einen tollen Menschen in einem Club zu finden. Ein entspannter, leicht verspielter, sphärischer Track, der schmeichelt und der zum Freuen da ist. Was für eine Künstlerin! Am 11. September erscheint ihr neues Album Typologie Eines Lebens und ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein ganz heftiger Samt sein wird, der die Rap-Landschaft beeinflussen wird!

08.10.26 Köln – Bürgerhaus Stollwerck
09.10.26 Bremen – Schlachthof
10.10.26 Hamburg – Fabrik
15.10.26 Leipzig – Werk 2
22.10.26 München – Ampere
23.10.26 Wien – WUK
24.10. Frankfurt – Zoom
28.10. Berlin – Columbiahalle


Hamato Yoshi
(Ms) Na klar, das muss entweder ein Hersteller von irgendeinem Technikgedöns sein oder ein spezeiller frei zu spielender Charakter bei Mario Kart: Hamato Yoshi. Ja, nicht weit weg. Die Figur kommt aus den Teenage Mutant Ninja Turtles. Und aus Oldenburg. Ja, richtig gelesen. Das Quartett aus dem Nordwesten hat sich diesen Namen zu eigen gemacht und macht melodiöse Rockmusik. Gestern kam mit You Rule The World eine neue Single heraus, die Teil der neuen EP Stand Up For The People sein wird, die am 30. Oktober erscheint. Die Namen von Track und Platte machen klar, was der Band am Herzen liegt. Stabile Musik mit aufrechten, stabilen Ansagen.
Sorgt mal dafür, dass die Band mehr als 16 monatliche Hörende bei Spotify hat!

20.08.26 Oldenburg – Stadtfest
21.08.26 Edewecht – Rock bei Rink
30.10.26 Neermoor – Zuch / EP-Release
06.11.26 Hannover – Kopernikus
07.11.26 Oldenburg – Updreihn Festival
13.11.26 Bremen – Bettys Black Pearl
14.11.26 Nordenham – Eldorado
28.11.26 Leer – JUZ
05.12.26 Bad Oldesloe – Inihaus


Park + Riot
(Ms) Karma - du gibst und irgendwann kommt was zurück. Das hat das Leipziger Duo Park + Riot jüngst erfahren. Die Band ist bekannt für extrem energiegeladene Shows, mitreißenden Krach und zahlreiche Konzerte in auch eher ungewöhnlichen Regionen wie Israel, dem Balkan oder in der Ukraine. Zuletzt waren sie in Schweden unterwegs und wurden von der Polizei kontrolliert. Die haben ein Pfefferspray gefunden, das die beiden wohl vor länger Zeit verlegt haben. Damit verstießen sie gegen schwedisches Recht und wurden auch vierzig Tagessätze verklagt. Was sie erfuhren war nicht nur eine Erfahrung mit skandinavischem Recht, sondern auch Solidarität. In recht kurzer Zeit waren die 1300 Euro zusammen gesammelt. Genial!
Als kleines Dankeschön haben sie mit I Fought The Law eine neue Single veröffentlicht. Ursprünglich aus den 60er Jahren von The Crickets geschrieben und später groß gemacht von The Clash. Unter zwei Minuten ballern sie den Track in den Äther. Karma. Wie stark ist das denn eigentlich?!

14.08 Rostock Peter-Weiss-Haus
15.08 Latscho Festival Koblenz
28.08 TOEN Festival Bischofswerda
29.08 Südstadt Open Air Braunschweig

Mittwoch, 5. August 2026

Live in Dangast: Watt En Schlick Fest

Was für eine Szenerie, Foto: luserlounge

(Ms) Sommer. Was für ein Wort. Wir verbinden es mit entspannten freien Tagen, guter Zeit mit FreundInnen, Urlaub, Sorglosigkeit, Genuss und genug Raum, um aufzutanken. Dass das nicht immer der Fall ist, zeigt nicht nur die Welt- sondern auch oftmals die Wetterlage. Neben den allzu gewöhnlichen Sommertagen, kommt immer mehr krasses Wetter auf - hallo Klimawandel.
Doch dann und wann wird wirklich das Realität, was wir Sommer nennen. Und nicht nur mit den oben aufgeführten Punkten, sie werden noch ergänzt: durch gute, sehr gute Musik und schöne Orte! Wenn das alles zusammen kommt, dann pilgern wieder gut 6000 Menschen ins kleine Örtchen Dangast am Jadebusen. Gegenüber von Wilhelmshafen liegt das verschlafene Künstlerdörfchen, das wirklich nicht allzu viel zu bieten hat. Deshalb fahren so viele Leute dahin. Im Sommer jedoch stellt das Team vom Kurhaus ein Fest auf die Beine, das sich sehen lassen kann. Das sich erleben lassen kann. Das sich genießen lassen kann. Das Watt En Schlick Fest. Nein, kein Festival. Ein Fest.
Und weil es so wunderbar dort ist und auch so herrlich nah, war ich am vergangenen Wochenende zum vierten Mal dort und werde auch nächstes Jahr wiederkommen.

Beim ersten Betreten des kleinen, privaten Strandabschnittes war gleich zu sehen, dass es kleine Änderungen auf dem Gelände gab. Goldeimer ist mit einem Toilettenstand dazu gekommen. Das Zelt ist größer geworden (sehr gute Entscheidung!) und darin (!) befindet sich nun ein Getränkestand (noch bessere Entscheidung!!). Die EWE ist größer geworden und umgezogen, auch der holländische Pommesstand. Sonst alles wie immer: Tante Käthe mit frischem Kaffee aus Oldenburg am Strand, Rhababerkuchen satt sowieso, Handbrot, Fischturm, Falafel, Jever, ein Träumchen.

So ist bei der unvergleichlich schönen Szenerie und all den unfassbar entspannten Menschen natürlich die Musik, die Kunst im Vordergrund. Man kann nicht alles sehen, daher hier ein kleiner Schnelldurchlauf. Am Freitag überzeugten Dressed Like Boys nicht nur mit Regenbogen-St.-Pauli-Schal, sondern auch einem melodiösen Klaviersound. Die tolle Stimme irgendwo zwischen Elton John und Freddy Mercury. Bei Westside Cowboy doch erstmal schauen, ob das nicht eine Schülerband aus Zetel ist. Aber nein: Diese Gruppe hat alles mitgebracht, was guter Indiepop braucht - geniale Überraschung! Luvcat war mit zu poppig, ich habe etwas Dunkleres erwartet. Kreisky zu dem Zeitpunkt zu programmatisch, obwohl ich das eigentlich geil finde. Denen muss ich nochmal eine Chance geben. Eine extreme Überraschung war Disarstar - was für eine Präsenz, was für ein Beat. Und: Ein Künstler, der sich beim FLINTA-Pit selbst zurücknimmt, ein kluges Zeichen. Mein Highlight dann war Martin Kohlstedt, ein Sound, der Zeit und Raum vergessen lässt! Die ganze Impronummer kaufe ich ihm nicht zu 100% ab, dafür ist das zu stark durchchoreographiert. Dennoch bin ich ihm vollkommen verfallen. Bei den Giant Rooks habe ich nur noch den Abendhimmel bestaunt, der meine Synapsen gesprengt hat: ein dunkles Blau schimmert überm Wattenmeer, leuchtende Drachen am Himmel, entspannte Menschen überall. Ein perfekter Tag.

So wunderbar sonnig, strandig, leichtfüßig ging es dann auch am Samstag weiter. Jo The Man The Music konnten auch ohne Drummerin überzeugen. Der perfekte Sound, um im Sand abzuhängen. Frau Lehmann war nett und unterhaltsam. Die erste Stufe der Eskalation dann bei grim104 - die Rückkehr des verlorenen Sohnes quasi. Sogar mit Ouzo auf der Bühne und einem überragenden ZM-Medley zum Schluss - ganz viel Liebe dafür. Danach zeigten zwei alte Eisen, dass sie es immer noch drauf haben: Afrob und Ferris MC. Insbesondere ersterer war ja so unfassbar lässig und im Flow - erneuter Synapsenaussetzer. Dann kurze Pause. Doch aus dem Zelt ballerte irgendwas neugierig Machendes. Also hin. Auf der Bühne zig Leute mit seltsamer Sprache, aber enormer Ballerei: Jule X aus der Schweiz mit einem völlig wilden Auftritt! Dann nochmal längere Pause, Von Wegen Lisbeth wollte ich gar nicht sehen, bei Leona Jacewska wäre ich neugierig gewesen. Dann spielte Sébastien Tellier. Keine Ahnung, was das sollte. Zu viel Licht und ein weitgehend gelangweilter Künstler, der sich einen Weißwein nach dem anderen und sicher eine Packung Zigaretten gab. Völlige Fehlbesetzung eines 22 Uhr-Slots. Was danach geschah, kam aber nochmal von einem anderen Planeten: EV aus London (ja, er sagte es zwischen allen Liedern), ließ das Zelt erbeben. The Streets auf Kokain oder so. Der DJ pumpte sich ein Jever nach dem nächsten rein, das Publikum ging zurecht komplett ab - was war das denn?!

Es war etwas, das genial war, aber auch so langsam an den Kräften zehrt. Meines Erachtens muss ein Festival, oder auch dieses Fest nur zwei Tage gehen. Oder bin ich zu alt dafür? Echt: Keine Ahnung. Daher wurde der Sonntag abgekürzt. Das Hirn braucht Pause, nichts ging mehr rein. Zu viele Eindrücke. Aber allesamt wunderschön! Doch wie genial, dann nochmal komplett überrascht zu werden. Edb war sicher der fröhlichste, positivste Künstler des Wochenendes. Gute Laune aus der Schweiz, was für eine Entdeckung! Il Civetto machte mich neugierig, doch selten war ich so schnell gelangweilt von so nichtssagendem Pop. Dann aber nochmal aufgedreht: Lynx IRL aus Frankreich bot einen völligen Kontrast: Rap mit komplexen Beats, scheppernden Drums, Anonymität und sehr stabiler Haltung - genial! Zum Schluss noch den wunderbaren Klängen von Derya Yildirim und Grup Simsek (sorry, die ganzen Sonderzeichen kann meine Tastatur nicht) gelauscht. Und dann ab nach Hause. Ja, Meute wäre sicher noch ein tolles Highlight gewesen. Doch im Hirn gab es keinen Platz mehr. Die Sonne gab nochmal alles, das Glücksbarometer war bis obenhin voll. Das Watt En Schlick ist echt der schönste Sommermusikort, den ich mir vorstellen kann. 

Bis nächstes Jahr!




Freitag, 31. Juli 2026

KW 31, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Md Tanvirul Haque
Glen Hansard ist tot. Was für eine bittere, traurige und schockierende Nachricht. Bei einem Verkehrsunfall. Damit ist nicht nur ein wunderbarer Musiker, sondern auch ein toller Mensch gegangen. Mir ist er - wie wahrscheinlich vielen anderen auch - als Soundtrack-Komponist und -Sänger von Once das erste Mal aufgefallen. Sofort bin ich seiner Musik verfallen. Der Intensität, der leisen, wunderbaren Atmosphäre und natürlich seiner einprägsamen Stimme. Doch er war bei weitem nicht nur der Sänger andächtiger, melancholischer Lieder. Wer ihn mal live gesehen hat, weiß, was für enorme Energie er entfesseln kann. 2016 sah ich ihn das einzige Mal live, beim A Summer‘s Tale Festival in der Lüneburger Heide. Ein stark versnobtes, aber auch wunderschönes Festival. Sein Auftritt war so, so toll. Er lenkte die Stimmung hoch und runter, ließ seine Akustikgitarre bersten, hatte eine große, großartige Band dabei. Voller Inbrunst sang er seine Lieder. Genauso soll er auch in Erinnerung bleiben, als intensiver, leidenschaftlicher Musiker, der solo oder mit The Frame zu verzaubern wusste. Aber er war auch stets engagiert gegen Wohnungsnot und half obdachlosen Menschen in Irland. Was für ein Mensch, was für ein Musiker. Mach es gut da oben.


Get Well Soon
(Ms) Was für ein Schelm, der Konstantin Gropper. Als alter Get Well Soon-Groupie setzten die zwei Albumankündigungen für dieses Jahr einige Gedanken in Gang. Erst dachte ich, dass im Herbst ein Soundtrack-Best-Of kommen würde - genug Material hat er ja geschrieben. Dann kam mir die Idee, dass er seine Bandkarriere beenden wird und ein reguläres Best Of kommt mit einer letzten Tour. Alles völliger Quatsch. Denn Konstantin Gropper hat immer noch Munition im Köcher. Klar, warum nicht noch ein Gothik-Album machen?! Logisch. Verrückter Typ! Aus dem groben Gedanken, ein Album mit KI zu machen, würde eins über diese dunkle Macht. Séance wird die zweite Platte in diesem Jahr heißen und am 30. Oktober, passend zu Halloween, erscheinen. Denn es soll wieder düsterer werden, weniger rockig. Eine Beschwörung findet statt. So soll es doch sein bei Get Well Soon: Völlig unvorhersehbar, immer überraschend, immer genial, nie auf der Stelle stehend. Mit Goth 101 erschien just die erste Single, die sich mit dem Thema KI - Fluch oder Segen beschäftigt. So solle er niemals aufhören, Musik zu machen!

24.01.2027 - Mojo, Hamburg
25.01.2027 - Zoom, Frankfurt
26.01.2027 - Karlstorbahnhof, Heidelberg
27.01.2027 - Gloria, Köln
28.01.2027 - Sputnikhalle, Münster
29.01.2027 - Felsenkeller, Leipzig
30.01.2027 - Faust, Hannover
31.01.2027 - Huxleys, Berlin
02.02.2027 - Ampere, München
03.02.2027 - WUK, Wien
04.02.2027 - ARGE, Salzburg
05.02.2027 - Manufraktur, Schorndorf


Schluma
(Ms) Wie unfassbar notwendig eine Band wie Schluma ist, ist anhand der großen, ja riesigen Konzerte diesen Jahres festzustellen. Wenn in der Tagesschau über BTS und ihre irren Stadion-Shows berichtet wird, braucht es auch die Nachrichten von der Graswurzelbewegung quasi. Nachrichten über Gruppen, wo nichts durchchoreographiert ist, wo einfach mal gemacht wird, egal wer welches Instrument wie gut spielt. Das ist bei Schluma Programm! Aus Bock und Leidenschaft entstehen Geschichten, die bewegen. Geschichten, die unterhaltsam, berührend und vor allem tanzbar sind! Kältewarnung ist ihr jüngster Streich, die nächste Single aus ihrem kommenden Album Heulen Am Wasser (VÖ: 4. September). Es geht um die wackeligen Momente einer Beziehung, Zweifel, unschöne Gefühle. Als schönes Paradox haben sie ein völlig unpassend-passendes Video dazu gedreht, das noch mehr zeigt: Weg von den großen Shows, hin zum Schrammelrock!

14./15.08. Hamburg, Dockville Festival
04./05.09. Hamburg, 10.000 Leute Festival
16./19.09. Hamburg, Reeperbahn Festival
01.-03.10. Wien, Waves Vienna
21.10. Langenberg, KGB
22.10. Oberhausen, Druckluft
23.10. Bremen, Tower Bar
24.10. Osnabrück, Westwerk
28.10. Berlin, Lark
05.11. Oldenburg, umBAUbar
06.11. Hannover, Perle
08.11. Köln, EDP


OVE
(Ms) Es kann alles so leicht und locker sein. So froh und sonnig. Das sollten wir doch viel mehr suchen und zulassen, oder? Das geht ganz leicht, wenn die Musik von OVE läuft. Denn Ove Thomsen ist sicher der bestgelaunteste Musiker überhaupt. Früher noch bei Torpus & The Art Directors und seit einigen Jahren alleine unterwegs oder mit seiner Band. Oder als Autor von Kinderbüchern und Texter von Kinderliedern. In diese Richtung geht auch sein neues Stück Das Krasseste. Ich wollte gar schreiben, dass es ja wieder Musik für Erwachsene sei - aber das ist ja völliger Quatsch! Warum einen Unterschied machen?! Das Liebeslied über den Nachwuchs - kneift mich, wenn das nicht gemeint ist - ist doch wirklich für alle, oder? So unbeschwert, so frohgemut, so wundervoll klingt es. Und bringt frohe Kunde vom nächsten Album, 3/4 LOVE wird am 6. November erscheinen und den positiven Vibe in den Herbst reinspielen!

09.08.2026 Skandaløs Festival
14.01.2027 Berlin - Kulturhaus Insel
15.01.2027 Hamburg - Knust


De Staat
(Ms) Je mehr Musik auf meinem Radar erscheint, desto mehr Bands kommen mir unter, die in den letzten Jahren einfach komplett an mir vorbei gegangen sind. Verrückt, aber wer kann denn auch all die genialen Lieder hören?! Eben. Kommen wir also zu De Staat aus Nijmegen. Seit zwanzig Jahren machen sie Musik, die sich nicht so einfach eingrenzen lässt. Ist das Rock oder Industrial oder Avantgarde oder einfach Kunst?! Je nachdem, was die Band gerade so vor hat, ließe sich vielleicht am besten sagen. Am 18. September erscheint ihr neues, selbstbenanntes Album, das mit hoher Intensität daher ballert! Glory ist ein wirklich krasses Stück, das nicht von unten die ganzen Missstände aufzeigt, sondern die Perspektive wechselt und aus der Sicht der Machtgierigen spricht. Wie eine Predigt kommt dieser Track daher, Kirchenchorgesang als Sample inklusive. Das ist unfassbar genial, gänsehauttreibend, elektrisierend! Da könnte ein erschütterndes Album kommen…

27.10. Heidelberg, Karlstorbahnhof
28.10. Köln, Gebäude 9
30.10. Hamburg, Kent Club
31.10. Berlin, Lido
02.11. München, Ampere
04.11. Zürich, Komplex Club 
05.11. Nyon, Usine à Gaz