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| Was für eine Szenerie, Foto: luserlounge |
(Ms) Sommer. Was für ein Wort. Wir verbinden es mit entspannten freien Tagen, guter Zeit mit FreundInnen, Urlaub, Sorglosigkeit, Genuss und genug Raum, um aufzutanken. Dass das nicht immer der Fall ist, zeigt nicht nur die Welt- sondern auch oftmals die Wetterlage. Neben den allzu gewöhnlichen Sommertagen, kommt immer mehr krasses Wetter auf - hallo Klimawandel.
Doch dann und wann wird wirklich das Realität, was wir Sommer nennen. Und nicht nur mit den oben aufgeführten Punkten, sie werden noch ergänzt: durch gute, sehr gute Musik und schöne Orte! Wenn das alles zusammen kommt, dann pilgern wieder gut 6000 Menschen ins kleine Örtchen Dangast am Jadebusen. Gegenüber von Wilhelmshafen liegt das verschlafene Künstlerdörfchen, das wirklich nicht allzu viel zu bieten hat. Deshalb fahren so viele Leute dahin. Im Sommer jedoch stellt das Team vom Kurhaus ein Fest auf die Beine, das sich sehen lassen kann. Das sich erleben lassen kann. Das sich genießen lassen kann. Das Watt En Schlick Fest. Nein, kein Festival. Ein Fest.
Und weil es so wunderbar dort ist und auch so herrlich nah, war ich am vergangenen Wochenende zum vierten Mal dort und werde auch nächstes Jahr wiederkommen.
Beim ersten Betreten des kleinen, privaten Strandabschnittes war gleich zu sehen, dass es kleine Änderungen auf dem Gelände gab. Goldeimer ist mit einem Toilettenstand dazu gekommen. Das Zelt ist größer geworden (sehr gute Entscheidung!) und darin (!) befindet sich nun ein Getränkestand (noch bessere Entscheidung!!). Die EWE ist größer geworden und umgezogen, auch der holländische Pommesstand. Sonst alles wie immer: Tante Käthe mit frischem Kaffee aus Oldenburg am Strand, Rhababerkuchen satt sowieso, Handbrot, Fischturm, Falafel, Jever, ein Träumchen.
So ist bei der unvergleichlich schönen Szenerie und all den unfassbar entspannten Menschen natürlich die Musik, die Kunst im Vordergrund. Man kann nicht alles sehen, daher hier ein kleiner Schnelldurchlauf. Am Freitag überzeugten Dressed Like Boys nicht nur mit Regenbogen-St.-Pauli-Schal, sondern auch einem melodiösen Klaviersound. Die tolle Stimme irgendwo zwischen Elton John und Freddy Mercury. Bei Westside Cowboy doch erstmal schauen, ob das nicht eine Schülerband aus Zetel ist. Aber nein: Diese Gruppe hat alles mitgebracht, was guter Indiepop braucht - geniale Überraschung! Luvcat war mit zu poppig, ich habe etwas Dunkleres erwartet. Kreisky zu dem Zeitpunkt zu programmatisch, obwohl ich das eigentlich geil finde. Denen muss ich nochmal eine Chance geben. Eine extreme Überraschung war Disarstar - was für eine Präsenz, was für ein Beat. Und: Ein Künstler, der sich beim FLINTA-Pit selbst zurücknimmt, ein kluges Zeichen. Mein Highlight dann war Martin Kohlstedt, ein Sound, der Zeit und Raum vergessen lässt! Die ganze Impronummer kaufe ich ihm nicht zu 100% ab, dafür ist das zu stark durchchoreographiert. Dennoch bin ich ihm vollkommen verfallen. Bei den Giant Rooks habe ich nur noch den Abendhimmel bestaunt, der meine Synapsen gesprengt hat: ein dunkles Blau schimmert überm Wattenmeer, leuchtende Drachen am Himmel, entspannte Menschen überall. Ein perfekter Tag.
So wunderbar sonnig, strandig, leichtfüßig ging es dann auch am Samstag weiter. Jo The Man The Music konnten auch ohne Drummerin überzeugen. Der perfekte Sound, um im Sand abzuhängen. Frau Lehmann war nett und unterhaltsam. Die erste Stufe der Eskalation dann bei grim104 - die Rückkehr des verlorenen Sohnes quasi. Sogar mit Ouzo auf der Bühne und einem überragenden ZM-Medley zum Schluss - ganz viel Liebe dafür. Danach zeigten zwei alte Eisen, dass sie es immer noch drauf haben: Afrob und Ferris MC. Insbesondere ersterer war ja so unfassbar lässig und im Flow - erneuter Synapsenaussetzer. Dann kurze Pause. Doch aus dem Zelt ballerte irgendwas neugierig Machendes. Also hin. Auf der Bühne zig Leute mit seltsamer Sprache, aber enormer Ballerei: Jule X aus der Schweiz mit einem völlig wilden Auftritt! Dann nochmal längere Pause, Von Wegen Lisbeth wollte ich gar nicht sehen, bei Leona Jacewska wäre ich neugierig gewesen. Dann spielte Sébastien Tellier. Keine Ahnung, was das sollte. Zu viel Licht und ein weitgehend gelangweilter Künstler, der sich einen Weißwein nach dem anderen und sicher eine Packung Zigaretten gab. Völlige Fehlbesetzung eines 22 Uhr-Slots. Was danach geschah, kam aber nochmal von einem anderen Planeten: EV aus London (ja, er sagte es zwischen allen Liedern), ließ das Zelt erbeben. The Streets auf Kokain oder so. Der DJ pumpte sich ein Jever nach dem nächsten rein, das Publikum ging zurecht komplett ab - was war das denn?!
Es war etwas, das genial war, aber auch so langsam an den Kräften zehrt. Meines Erachtens muss ein Festival, oder auch dieses Fest nur zwei Tage gehen. Oder bin ich zu alt dafür? Echt: Keine Ahnung. Daher wurde der Sonntag abgekürzt. Das Hirn braucht Pause, nichts ging mehr rein. Zu viele Eindrücke. Aber allesamt wunderschön! Doch wie genial, dann nochmal komplett überrascht zu werden. Edb war sicher der fröhlichste, positivste Künstler des Wochenendes. Gute Laune aus der Schweiz, was für eine Entdeckung! Il Civetto machte mich neugierig, doch selten war ich so schnell gelangweilt von so nichtssagendem Pop. Dann aber nochmal aufgedreht: Lynx IRL aus Frankreich bot einen völligen Kontrast: Rap mit komplexen Beats, scheppernden Drums, Anonymität und sehr stabiler Haltung - genial! Zum Schluss noch den wunderbaren Klängen von Derya Yildirim und Grup Simsek (sorry, die ganzen Sonderzeichen kann meine Tastatur nicht) gelauscht. Und dann ab nach Hause. Ja, Meute wäre sicher noch ein tolles Highlight gewesen. Doch im Hirn gab es keinen Platz mehr. Die Sonne gab nochmal alles, das Glücksbarometer war bis obenhin voll. Das Watt En Schlick ist echt der schönste Sommermusikort, den ich mir vorstellen kann.
Bis nächstes Jahr!

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