Freitag, 14. Dezember 2018

KW 50, 2018: Die luserlounge selektiert

Quelle: ldi.upenn.edu
(sb/ms) Weihnachten ist, wenn man auch guten Gewissens Kitsch zulässt. Beispiel: Unter der Woche war ich Geschenke einkaufen; einiges davon fand ich auch richtig gut. Derzeit habe ich die Zeit, das Studium ist abgeschlossen. Klar, dadurch hebe ich mich von anderen ab, die nicht so viel Freiraum haben. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass man nur so gestresst ist, inwiefern man Stress auch zulässt. Ja, hohe Töne, ich weiß. Da helfen Pausen mal ganz gut. Die gab es mitten in der Stadt. Dazu muss erwähnt werden, dass ich eine gewisse Abneigung gegen Straßenmusiker habe, insbesondere Akkordeonspieler. Ganz, ganz schlimm und nervig. Doch es gibt auch schöne Abwechslung. Zum Beispiel ein junger Pianist, der seelenruhig in der hektischen, trubeligen Stadt stand und lässig ein paar Lieder runterspielte. Ich habe mir etwas zu Essen auf die Hand geholt, mich dahinter platziert und ganz ruhig und angenehm gelauscht. Klar, das war kitschig. Aber halt auch richtig schön. Und eine tolle Alternative. So wie unsere Selektion:

Go By Ocean
Was verbindet Ihr mit San Francisco, Kalifornien? Klar, da gibt's die 49ers, die Stadt gilt als Hochburg der amerikanischen Homo-Szene (schaut Euch unbedingt mal den Film "Milk" mit Sean Penn an!) und auch die ein oder andere coole Band kommt da her, z.B. Faith No More, Black Rebel Motorcycle Club, Two Gallants oder die Dead Kennedys. Mit Go By Ocean schickt sich nun eine weitere Band von der Westküste an, die Indie-Musikwelt zu erobern und veröffentlich heute ihre sehr hörenswerte Faded Photographs EP. Auch wenns darauf gelegentlich laut und treibend zugeht, so vermittelt einem die enspannte Stimme von Sänger Ryan McCaffrey stets das heimelige Gefühl des Zuhauseseins. Sehr angenehm. Bitte gerne bald mehr davon in Albumlänge.

 
 
Tiny Ruins
Ganze Drei Wochen benötigten Tiny Ruins, um ihr 2014er-Album Brightly Painted One aufzunehmen, diesmal nahmen sich die Neuseeländer ein ganzes Jahr Zeit und das Ergebnis spricht für sich: Folk und Pop reichen sich freundschaftlich die Hände, Spontaneität und Experimentierfreude sind deutlich erkennbar. Merkt Euch den 01.02.2019 schon mal vor, denn dann wird Olympic Girls auf Marathon Artists / Milk veröffentlicht und Euch bezaubern.
Und auf Tour gehen Sängerin Hollie Fullbrook und ihre Band im Zuge dessen auch noch:

06.04.2019 CH Luzern - Neubad
08.04.2019 München - Villa
09.04.2019 Heidelberg - Karlstorbahnhof
10.04.2019 Berlin - Privatclub
11.04.2019 Hannover - Feinkost Lampe


 
 
Justine Electra
Okay, klingt halt wie ein billiger Name für Schmuddelfilmchen. Doch das wollte ich gar nicht schreiben. Sondern Folgendes: Manchmal laufen einem Künstlerinnen und Künstler wieder über den Weg, die man irgendwie aus dem Auge verloren hat. Justine Electra gehört dazu. Vor ein paar Jahren fand ich den Song Killalady richtig stark, habe mir das passende Album geholt und dann verstaubte es irgendwann. Der Lauf der Dinge. Sie ist in Berlin beheimatet und verzaubert die kommenden Tage mit einem weihnachtlichen Lied. Die leichte Zerbrechlichkeit, die sie früher schon ausgezeichnet hat, ist auch auf Christmas in Berlin zu hören. Zum Glück spart sie an Glockenspiel und adventlicher Instrumentierung. Ein toller Song, der auf der gleichnamigen EP zu hören ist. Absoluter Herzenstipp von der luserlounge:




Amanda Palmer
Bleiben wir bei beeindruckenden weiblichen Musikerinnen. In der allerersten Reihe steht da schon seit vielen Jahren niemand anders als Amanda Palmer. Als ich sie letztes Jahr beim Traumzeit Festival gesehen habe, wusste ich, warum sie so einen ausgezeichneten Ruf hat. Eine kluge, umsichtige, mutige Frau, die alle ihre zehn Finger derbe in die Wunden drückt. Das tat sie schon letzten mit Mr. Weinstein Will See You Now. Ein kaum auszuhaltender Song, große Kunst. Nun kommt ein neues Album raus und die Vorfreude ist natürlich groß. There Will Be No Intermission erscheint erst im März, doch man kann schon reinhören. Sie singt über die eigenen Abgründe, Krisen, über die ganz schweren Momente. Das nennt man dann wohl tatsächlich authentisch. Drowning In The Sound ist ein grandioser, breit und stark produzierter Vorbote. Bitte sehr:




Greta van Fleet
Wir müssen uns nochmal über Hypes unterhalten. Dazu schaut euch bitte erst das hier zugehörige Video an.
Okay. Fertig? Gut. Was ist also davon zu halten, dass die Band Greta van Fleet so stark nach oben gepusht wird? Sie sind beim Grammy nominiert und als die große Classic Rock-Hoffnung tituliert. Nun müssen wir festhalten, dass Classic Rock als Genre doch schon mittelmäßig langweilig ist, oder? Klar, alles Geschmackssache, aber wenn hier eine Band, deren Mitglieder alle um die zwanzig Jahre jung sind, zwanghaft versucht wie AC/DC oder Led Zeppelin zu klingen, ist mir das zu billig. Durch ein großes Label im Rücken und der jetzt schon überschwenglichen Berichterstattung darf man diesem Quartett aus drei Brüdern und dem Drummer jedoch eine große Karriere vorhersagen. Sollten sie mal zufällig auf einem Festival spielen, wo ich auch bin, gehe ich Bier holen und was anderes anschauen.



 
Perkele
Satte 25 Jahre haben Perkele aus Göteborg mittlerweile auf dem Buckel und werden nicht müde, ihre Botschaften in die Welt zu tragen. Die Schweden (mit dem finnischen Namen) sind bzw. waren dem Genre Oi!-Punk zuzuordnen, inzwischen sind die Konturen zu anderen Spielarten des Punk jedoch verwischt und auf ihrem neuen Album Leaders Of Tomorrow (VÖ: 18.01.2019) klingen sie in manchen Tracks fast wie ihre kongenialen Landsleute No Fun At All. Machen wir es kurz: mit Perkele kann man sowieso nie etwas falsch machen, die Riffs sitzen, die Melodien lassen sogar bei Hüftsteifen die Gliedmaßen zucken und der Spaß kommt (v.a. live) eh nie zu kurz.




No King. No Crown.
Boah, ist das stark! Bevor mir die PR-Agentur die Promo von No King. No Crown. zukommen ließ, hatte ich noch nie etwas von der Band aus Dresden gehört und jetzt sitze sich hier, zieh mir das Album Smoke Signals (VÖ: 01.02.2019 auf Kick The Flame) in Heavy Rotation rein und weiß gar nicht, wie ich meine Begeisterung in Worte fassen soll. Indie-Folk, Pop, a bisserl Ambient und dezente Hip Hop-Einflüsse verschmelzen zum Geheimtipp der Woche, wirklich jeder einzelne Track (Favorit: Beneath Our Feet) ist wunderschön und etwas Besonderes. Bestellt das Album am besten sofort vor, zählt die Tage bis zum Release und freut Euch auf eine unfassbar gute Scheibe. Wenn die Musikwelt auch nur ein bisschen gerecht ist, dann geht das Ding steil!

Live gibt es No King. No Crown. bald hier zu bestaunen:

15.02.19 - Dresden - Scheune
16.02.19 - Zittau - Emil
17.02.19 - Berlin - Privatclub
18.02.19 - Chemnitz - Inspire
19.02.19 - Bayreuth - Wohnzimmermucke
21.02.19 - Hamburg - Astra Stube
22.02.19 - Köln - Wohngemeinschaft
24.02.19 - Pforzheim - Horch
25.02.19 - Mainz - Klein Aber Schick
26.02.19 - Wuppertal - Viertelbar
27.02.19 - Münster - Teilchen & Beschleuniger
28.02.19 - Leipzig - Noch Besser Leben
08.03.19 - Görlitz - Rabryka
09.03.19 - Reichenbach - City-HAPPENING




 
Sportelli
Als Support für Aloe Blacc, Foreigner und Birdy durfte sich Sportelli bereits einem größeren Publikum vorstellen und auch der Gewinn des renommierten Prix du Public auf dem Montreux Jazz Festival zeugt davon, dass der Schweizer dabei ist, sich einen Namen zu machen. Auf seinem am 25.01. erscheinenden Album Fear & Courage lässt Sportelli die vergangenen drei Jahre musikalisch Revue passieren, erweckt im Hörer Fernweh, gibt ihm aber auch die Möglichkeit, Wurzeln zu schlagen und zu sich selbst finden. Man sollte den Sänger aus Biel jedenfalls auf dem Schirm haben! Mein Favorit auf dem Album ist ja das einzige auf Schweizerdeutsch vorgetragene Stück namens Bühni Für Ds Läbe, aber da habe ich hier am Bodensee in Sachen Sprachkenntnisse zugegebenermaßen auch einen Standortvorteil.



 
Rantanplan
Ska-Punk-Urgesteine - so muss man Rantanplan wohl bezeichnen, denn die Hamburger sind bereits seit 1995 am Start, wobei von den Gründungsmitgliedern nur noch Sänger Torben Meissner an Bord ist, während Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff mittlerweile in der aufstrebenden Nachwuchskapelle Kettcar erste, zarte Erfolge feiern. Genug gescherzt, kommen wir zurück zu Rantanplan: Stay Rudel - Stay Rebel (VÖ: 25.01.2019) ist das mittlerweile zehnte Album der Band und bietet wenig Überraschendes. Und das, sehr geehrte Damen und Herren, ist alles andere als negativ gemeint, denn kaum einer anderen Band gelingt es über so einen langen Zeitraum, sozialkritische und politische Texte in so tanzbare Melodien zu packen. Nach einem Durchhänger zu Beginn des Jahrzehnts haben Rantanplan zu alter Stärke zurückgefunden und werden Anfang 2019 auch den ein oder anderen Konzertsaal zum Kochen bringen.

01.02. - Osnabrück (GER) - Westwerk
02.02. - Weinheim (GER) - Cafe Central
03.02. - Saarbrücken (GER) - Garage
08.02. - Erfurt (GER) - Engelsburg
09.02. - Dresden (GER) - Chemiefabrik
14.02. - Bochum (GER) - Rotunde
15.02. - Lüneburg (GER) - Salon Hansen
16.02. - Husum (GER) - Speicher
22.02. - Würzburg (GER) - B Hof
23.02. - Chemnitz (GER) - Talschock
01.03. - Bern (SUI) - Dachstock
02.03. - Luzern (SUI) - Sedel
08.03. - Berlin (GER) - Musik & Frieden
09.03. - Leipzig (GER) - Moritzbastei
14.03. - Nürnberg (GER) - Z Bau
16.03. - Wien (AUT) - Arena
22.03. - Konstanz (GER) - Kulturladen
23.03. - Frankfurt (GER) - Nachtleben
29.03. - Stuttgart (GER) - Universum
05.04. - Cottbus (GER) - Gladhouse
12.04. - Bremen (GER) - Tower
13.04. - Göttingen (GER) - Musa
20.04. - Hamburg (GER) - Große Freiheit
26.04. - Trier (GER) - Mergener Hof
27.04. - Alsdorf Festival (+ Abstürzende Breiftauben, 2 lokale Acts)



 

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Un(re)zensiert 2018: Sam Vance-Law - Homotopia

Quelle: facebook.com/samvancelaw/
(ms) Am Ende des Jahres gibt es bei uns immer ein paar Alben, die wir aus den unterschiedlichsten Gründen nicht besprochen haben, obwohl wir große Bewunderer sind. Das holen wir unter dem extrem kreativen Slogan "Un(re)zensiert 2018" nach! Dies soll auch ein kleines Adventskalender-Trostpflaster sein.

Fangen wir an mit Sam Vance-Law und seiner wundervollen Platte Homotopia. Am 2. März erschien sie beim Indie-Riesen Caroline. Natürlich war er bis dahin kein Unbekannter. Einige Jahre hat er Cherilyn MacNeil, besser bekannt als die kreative Energie hinter Dear Reader, begleitet, mit ihr zusammen auf der Bühne gestanden und bei ihren Alben mitgewirkt. Zudem war er für kürzere Zeit mit Emma Greenfield das Duo Traded Pliots, die eine tolle EP herausgebracht haben.
Aus Kanada hat es ihn also dauerhaft in unsere Breitengrade gezogen und konnte Konstantin Gropper und Marcus Wüst für die Albumproduktion gewinnen. Diese stand also unter einem guten Stern. Zehn Lieder finden sich auf Homotopia und es ist ein exzellentes Konzeptalbum geworden, dessen roter Faden im Titel mehr als prominent durchscheint.
Wie lebt es sich also als junger, schwuler Mann in einer scheinbar toleranten Gesellschaft? Wie waren die Schritte zum Coming-Out, was wünscht man sich, wie schön kann man sich einfach mal treiben lassen?



All das kann man nachhören. Dabei ist nicht nur eine starke Ernsthaftigkeit zu ertasten, sondern auch stets ein Augenzwinkern, eine spielerische Leichtigkeit. Der Opener Wanted To legt direkt damit los. Ja, er hat mal Mädchen gedated. Doch Anfeindungen und Schwierigkeiten hielten ihn nicht davon ab, lieben zu wollen. So einfach ist das. So schwierig ist das. Am eindrücklichsten wird dies wohl bei Faggot. Im englischen ein übles Schimpfwort für homosexuelle Männer. Die Vereinnahmung dessen ist immer eine gute Methode, um den Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Augenzwinkermomente finden sich dann auf Narcissus 2.0: "Yes, I would sleep with myself if I were you." Auch gegen einen One Night Stand hat er nichts, I Think We Should Take It Fast erzählt mit erhobenem Haupte davon. Ebenso Prettyboy und Gayby, die beiden absoluten Höhepunkte des Albums, thematisieren die Schönheit des Lebens.
Es lohnt sich also nicht nur aufmerksam auf den Text zu hören. Das schön gestaltete Booklet macht das Nachlesen umso einfacher. Doch es ist auch musikalisch beachtlich. Geschickt spielt Sam Vance-Law die Grenzen zwischen ernsthafter und unterhaltender Musik gegeneinander aus. Immer wieder gibt es klassische Arrangements, Chorgesänge und Streicher. Das wird dann bewusst, wenn er auf der Bühne steht und gleichzeitig singt und Geige spielt. Das sieht nicht nur gut aus, sondern klingt auch phantastisch. Apropos Bühne: Im neuen Jahr ist er wieder mit seiner Band auf Tour und dann dürft ihr euch davon überzeugen lassen, was Sam Vance-Law für ein erstklassiger Entertainer ist. Das kann man jetzt schon verraten. Also besorgt euch diese Platte. Zum Fest, nach dem Fest, auf Tour, egal. Hauptsache ihr habt sie.

Hier spielt er demnächst:

16.01 - Bremen, Kulturzentrum Lagerhaus Bremen
17.01 - Köln, Artheater
18.01 - Essen, Hotel Shanghai
19.01 - Münster, Gleis 22
02.05 - Reutlingen, Kulturzentrum franz.K Reutlingen
03.05 - Darmstadt, Centralstation Darmstadt
04.05 - Potsdam, Waschhaus Potsdam

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Der Wert von Musik, Teil 1: Das Weihnachtsgeschäft

(ms) Huch! In nicht mal zwei Wochen ist schon fast wieder alles vorbei und - ungelogen - ich habe bislang kaum was an Geschenken. Daher werde ich mich dieser Tage mal in die überfüllte, mittelgroße Innenstadt begeben und versuchen ruhig zu bleiben. Von der immensen Kommerzialisierung des Weihnachtsgeschäfts bleibt das Musikbusiness natürlich auch nicht aus. In ein paar losen Teilen widmen wir uns dem Wert von Musik. Es soll um das Materielle, Immaterielle, Ideelle und natürlich um Geld gehen. Fangen wir also mit dem Irrsinn an, der sich alljährlich ereignet. Vor einigen Jahren habe schon mal den analogen und digitalen Handel mit Musik in der Adventszeit sondiert. Das war schon einigermaßen grauenhaft und billig. Auch in diesen Tagen bleibt es nicht aus, dass eine Flut an Best-Ofs, Live-Mitschnitten, Weihnachtsalben und anderem aus-dem-Ärmel-Geschüttelten zu haben ist.
Schauen wir uns das mal an:

Das gesamte Geschäft lässt sich in eben jene Kategorien gut aufteilen. Fangen wir an mit Live-Mitschnitten. Diese gibt es ganz normal auf CD, das bessere Format ist jedoch der Film dazu; auf DVD, Blu Ray oder ähnlichem Format. Dieses Jahr sind Coldplay ganz vorne dabei und bringen einen Zusammenschnitt aus Buenos Aires und São Paulo raus. Das ist halt ganz übel. Ist das Live-Album doch dann umso intensiver, wenn es eines am Stück ist und nicht das zusammenstellt, was am Besten passt. Gelbe Karte dafür. Auch Volbeat machen da mit und bieten ab dem 14.12. Let's Boogie! raus. Klar, Musik ist und bleibt Geschmackssache; vor einigen Jahren habe ich mal Volbeat live gesehen und mich tierisch gelangweilt; das will ich nicht sehen. Da die Fanschar aber sehr groß ist, gibt's dafür nur die Weihnachts-Backpfeife.
Auch die kompletten Dumpfbacken, die sich Böhse Onkelz nennen, mischen hier fleißig mit. Und das auf besonders dreiste Art und Weise. Eine Blu Ray ist natürlich eine qualitativ feine Angelegenheit, doch die wir-sind-ja-gar-nicht-rechts-Deppen trauen sich tatsächlich einen Auftritt von 2015 zu verkaufen, drei Jahre später! Die Herren schütteln gewaltig am Ohrfeigenbaum!

Die nächste Kategorie ist: Reguläre Veröffentlichung aus Versehen gut im Weihnachtsgeschäft platziert. Die Pop-Superfrau Robyn macht da mit und veröffentlicht am 14.12. ihr neues Werk Honey. Auch der Oldie-Gitarrenvirtuose Santana lungert in dieser Gesellschaft rum und bringt sein elftes Studioalbum Zebop! am selben Tag auf den Markt. Diesen Freitag veröffentlicht zudem niemand geringeres als CJ Ramone ein Album, das auf den Titel Christmas Lullaby hört. Das ist halt die Masche, die stumpf aber noch einigermaßen okay ist. Denn wenn sich darauf wirklich schöne, weihnachtliche Wiegenlieder finden sollte, schwillt nur die Hauptschlagader an.

In der hier dritten und letzten Kategorie finden sich die Künstler, die eiskalt und ganz offensichtlich das Weihnachtsgeschäft prominent besetzen und unterschiedlichste Jubiläen- oder Best-of-Ausgaben auf den Markt bringen. Dabei sind zum Beispiel Slipknot, die zum zehnjährigen Erscheinen von All Hope Is Gone eine Neuauflage in die Läden bringen. Das ist noch relativ harmlos im Gegensatz zu Depeche Mode. Die haben die Chuzpe, auch am 14. Dezember, zwei Vinyl-Single-Boxen unters Volk zu jubeln. Sie erhalten jeweils sechs 12"-Platten für je 90€. Kann man halt machen, falls Dave Gahan noch einen goldenen Weihnachtsbaum braucht. Das ist reines Geschäft, pure Bereicherung. Zu guter Letzt sind auch Die Ärzte mit von der Partie in diesem irren Karussell. Die spielen nächstes Jahr wieder allerhand Konzerte, headlinen Rock am Ring und im Park und sind zudem in diversen europäischen Großstädten zu Gast. Das wird ihre immense Fanschar schon magnetisch anziehen. Wahrscheinlich auch die gesamte Diskographie, die auf den Namen Seitenhirsch hört und ganze 33 CDs beinhaltet. Kostet auch nur 340€. Runter gerechnet auf eine CD oder eine Platte bei Depeche Mode sind das okaye Preise, doch eigentlich hat keiner dieser Künstler das nötig.

Wir lassen natürlich unsere Finger von dem ganzen Quatsch und halten es hochromantisch mit Olli Schulz:

Freitag, 7. Dezember 2018

KW 49, 2018: Die luserlounge selektiert

Quelle: blog.sketchapp.com
(ms/sb) Ihr und wir waren es in den letzten Jahren gewohnt zu dieser Jahreszeit, also schon seit sieben Tagen einen Adventskalender auf diesem Blog zu gestalten und zu lesen. Dieses Jahr haben wir es schlicht und einfach nicht geschafft. Dazu fehlen die freizeitlichen Ressourcen, denn die luserlounge ist und bleibt eine Herzensangelegenheit. Wir sind verrückte Fans, die Platten und CDs sammeln, auf Konzerte gehen, so viel es geht und soweit es möglich ist, doch Priorität haben natürlich ganz andere Sachen. So versorgen wir Euch bis zum Feste natürlich wie gewohnt mit neuer Musik, Live-Berichten, der freitäglichen Selektion und allerhand mehr. Das geht zum Beispiel so:

Wire Love
Einst nannten sie sich Orbit the Earth, nun firmieren sie mit verändertem Line-Up als Wire Love - laut ist es damals wie heute und das ist auch gut so! Als Post-Hardcore dürfte man das Ganze wohl bezeichnen und mit Leave The Bones erschien am vergangenen Freitag das Debüt der Band aus Recklinghausen und Münster. Interessanterweise fühlt man sich instrumental gelegentlich an die guten, alten Blackmail erinnert, gesanglich (oder vielmehr: geschreilich) gehen Wire Love jedoch in eine andere, deutlich härtere Richtung; das angezeigte Video ist für Album nicht repräsentativ, sondern untermalt den massentauglichsten Track der Scheibe. Möchte ich mir jetzt nicht zwingend jeden Tag anhören, aber so neben der Arbeit, wenn ich nichts von außen mitbekommen möchte, kommt das schon sehr gut an.



Bilderbuch
Was für ein genialer Coup! Aus dem Nichts warfen Bilderbuch am 04.12. ein Album namens Mea Culpa ins Digitaluniversum. Physisch erscheint die Scheibe dann am 22.02. und kommt dann auch nicht alleine, denn mit Vernissage My Heart steht das nächste Album der Österreicher bereits in den Startlöchern. Marketingtechnisch ein Traum! Musikalisch würde ich mir wünschen, dass Bilderbuch es endlich mal hinkriegen, neben den meist genialen Singles (z.B. Baba, Maschin und Bungalow) nicht nur Füllstoff auf ihre Longplayer zu packen, denn die Ernüchterung war bislang meist recht groß, wenn man mit sehr großen Erwartungen ans Album heranging. Da macht Mea Culpa leider keine Ausnahme... Für mich bleiben Bilderbuch eine der überschätztesten deutschsprachigen Bands der Gegenwart.



AnnenMayKantereit
Ja, die Stimme ist immer noch phänomenal und klingt einfach geil, aber wenn das das Einzige ist, was man als Band so zu bieten hat, dann wird's schon eng. Die Texte haben mitunter mittlerweile Fremdschäm-Niveau erreicht und man möchte regelmäßig die Skip-Taste drücken, um sich den Rest des Songs zu ersparen, aber mindestens einmal muss man da komplett durch, um sich ein Bild des Fiaskos machen zu können. Die ersten fünf Tracks sind durch die Bank furchtbar, danach (Weiße Wand, Hinter klugen Sätzen, Sieben Jahre und Alle Fragen) wird's deutlich angenehmer (ach komm, ich gebs zu: da wirds sogar richtig gut!), aber Songs wie Jenny Jenny zerstören den Gesamteindruck dann doch wieder und gegen Ende hin freut man sich einfach nur noch, dass die CD bald vorbei ist. Nichtsdestotrotz werden AnnenMayKantereit mit ihrem Album Schlagschatten (VÖ: heute) wohl sehr weit oben charten - aber sagt nicht, wir hätten Euch nicht gewarnt...



Erdmöbel
Gestern war Nikolaustag. Habt Ihr auch allerhand Leckereien und Schönes aus Euren Schuhen und Stiefeln geholt und genossen? Oder kam Knecht Ruprecht vorbei? Wie dem auch sei, es weihnachtet schon gewaltig, die Märkte haben geöffnet und lang bis zum Feste ist es auch nicht mehr. Wie jedes Jahr um diese Zeit veröffentlicht die Kölner Gruppe Erdmöbel einen Weihnachts-Song. Das tun sie seit langer Zeit mit viel Kreativität und Konsequenz, dass Sie nannten ihn Putte genau richtig kommt. Ihre Weihnachtsliedersammlung Geschenk ist übrigens mein persönliches Lieblingsweihnachtsalbum. Die Lieder, Texte und Melodien sind erfrischend originell und stimmen auch gewaltig gut ein aufs Fest! Was für ein wunderschönes Lied!




Underworld
Als ich noch nicht so lange in meiner Wahlheimat wohnte, da ging ich zum Beispiel für einen Kaffee da hin, wo halt alle hingehen. Aber nicht zu diesen großen Ketten, das ist ja klar. So entdeckte ich vor sieben Jahren einen ganz gemütlichen Laden, der über zwei Ebenen geht: das fyal. Dort läuft immer Techno, House, Minimal oder wie diese ganzen Genres heißen. Für abends ist das ok. Für tagsüber gewöhnungsbedürftig. Nun haben sie neues Material zum Abspielen, denn Underworld hauten gestern Drift: Episode 1 raus, wovon im Januar ein zweiter Teil erscheinen wird. Natürlich werden die unterschiedlichen Tempi des Techno bedient. Doch wirkt es irgendwie aus der Zeit gefallen, mag man anfangs denken. Doch Tracks wie Another Silent Way oder Dexters Chalk ballern ordentlich gut. Und die Kooperation mit verschiedenen anderen Künstlern und Produzenten ist originell und hörbar nicht immer Techno. Vielleicht fehlt mir für das Gesamtkunstwerk aber auch der Zugang, einige anderen Phasen klingen ermattend. Und als Born Slippy (Nuxx) rauskam, war ich sechs.




Chefboss
In den letzten Tagen wurde der Ballon d'Or verliehen für die besten Fußballspieler der Welt. Kann man von halten was man will. Zum ersten Mal wurde eine Fußballerin ausgezeichnet, eigentlich ist sowas ja lange überfällig. Ada Hegerberg wurde danach von Martin Solveig zum tanzen aufgefordert. Sie hat glücklicherweise abgelehnt; twerken ist eindeutig sexuell konnotiert.
Zack, sind wir beim weiblichen Rap angekommen. Hier sollten wir auch auf keinen Fall die Künstlerinnen auf Äußerlichkeiten reduzieren, sondern die Musik bewerten, gut oder schlecht finden. Das Geschlecht darf einfach keine Rolle spielen. Chefboss ist absolut nicht die Musik, die ich mir privat anhören würde. Ich tendiere eher zu Haszcara, Tice oder sookee. Die beiden Damen haben es jedoch zu erstaunlicher Reichweite gebracht und steuern den offiziellen Soundtrack zum Sziget Festival 2019 bei. Voilà:




Sister Jones
Linz, Du alte Stahlstadt, Du hast uns bereits mit Künstlern wie Texta, Kayo, Average und SHY beschenkt und nun kommen auch noch Sister Jones um die Ecke. Klingt nach Female Hip Hop, ist aber tatsächlich eine sechsköpfige Pop-/Rockband, die bereits seit 2010 besteht und im Januar 2019 ihr Album Breathe veröffentlichen wird. Was uns da erwartet? Sehr entspannte Melodien, angenehme Stimmen, eine Trompete und eine Posaune - ideale Zutaten also für gute Unterhaltung und die bieten Sister Jones in Albumlänge. Netter Sidefact: Breathe ist gespickt mit versteckten Beatles-Zitaten und ich bin sicher, man darf sie behalten, wenn man sie findet. Ja, weiß insgesamt sehr zu gefallen!




Mittwoch, 5. Dezember 2018

Superpunk - Mehr ist mehr!

Cover der Box
(ms) Achtung: Man sollte den Inhalt dieser Box unter keinen Umständen am Stück hören! Das ist ein unmissverständlicher Hinweis, wie mit Mehr ist Mehr! der Hamburger Musikgruppe Superpunk umzugehen ist! Zudem ist dies keine billige Effekthascherei für das individuell aktuelle oder beginnende Weihnachtsgeschäft.
Nein, nein, nein.
Diese Box ist eine Offenbarung. Sie ist eine absolute Notwendigkeit. Und dann gehört sie wiederum doch unter jeden Weihnachtsbaum. Wer Superpunk kennt, der wird vom Inhalt nicht überrascht sein. Die gesamte Diskographie ist ja seit Jahren überall zu haben. Angefangen beim 1999er-Erstling A bisserl was geht immer bis zum schließlich letzten Album Die Seele des Menschen unter Superpunk von 2010. Zwei Jahre später hat sich die Band aufgelöst und wird wohl auch nie wieder auftreten. Es gibt da jedoch einen Charakterzug der Band, an dem man auch sechs Jahre später mit einem großen Grinsen im Gesicht nicht vorbei kommt. Und das ist der Zusammenhang von Witz, Humor, Unterhaltung und Musik. Was wurde in der Musikgeschichte nicht schon darüber diskutiert, ob Musik lustig sein kann, darf oder soll. Superpunk war der Beweis, dass es möglich ist. Ohne Ulkigkeit, mit einem Schalk im Nacken. Die Beweise stecken nicht nur in den umwerfenden Songtexten, sondern auch im wunderschönen Booklet, das der Box beiliegt. Ich durfte es schon lesen und habe mich teils kaum beruhigen können. Nicht nur, dass voller Detailversessenheit die Geschichte der Band von 1996 am Frankfurter Tresen bis 2012 am Hamburger Tresen nachgezeichnet wird, sondern zu jedem Album ein einzelner Text existiert. Darin Anekdoten, dabei Fotos.

1998. Foto: Melle Maecker
Anekdoten: Wie sich Gründungsmitglied Jan Müller lieber mit seiner Zweitband Tocotronic befasste. Wie in den ersten Wochen eine immense Fluktuation herrschte (14 unterschiedliche Musiker!). Wie diese Sätze: "Bulnheim weiß also, woran er bei dem gebürtigen Ostfriesen ist, dessen bisweilen wurstiges, bolleriges Temperament nicht jedermans Sache ist." Wie Bernd Begemann das erste Album auf Kassette aufnahm. Wie erste Konzerte vor keinem einzigen zahlenden Zuschauer stattfanden. Wie 2001 dann an die hundert gespielt wurden. Wie Friedrichs bei der WDR-Rockpalast-Aufnahme sagte: "Jetzt kommt es auf jede Note an, Jungs!" Wie beim Soundcheck neue Songs geprobt wurden, weil die Band nonstop unterwegs war. Wie oder ob Superpunk an der Pleite von L'age d'Or schuld ist. Wie sie Konzerte in Rumänien oder in der Ukraine spielten. Wie das Bandgefüge denn auch ins Wackeln geriet und mit einem großen, wunderbaren Knall beendet wurde.

Denn Mehr ist Mehr! beinhaltet nicht nur die fünf Studioalben von Superpunk sondern auch erstmals einen Livemitschnitt des allerletzten Konzerts unter der Woche im gemütlichen Hamburger Knust. Lattenplatz hurra! Zudem steckt eine Raritäten-Platte drin. Wahnsinn. Hier wurden keine Kosten und Mühen geschont. Wem Musik etwas wert ist, der wird auch kein Problem damit haben für die LP-Box gut 130€ und für die CD-Edition 70€ auszugeben. Es ist gut angelegtes Geld.
Und so funktioniert schließlich die Gebrauchsanweisung für Mehr ist Mehr!: Passenderweise stecken sieben Tonträger in diesem famosen Ding. Täglich soll es einer sein. Der muss dann entsprechend aufgedreht und genossen werden! Denn - pssst: ganz ehrlich - ein bisschen eingängig ist die Musik ja schon. Aber das wussten Carsten Friedrichs, Tim Jürgens, Lars Bulnheim, Thorsten Wegner und Thies Mynther von vorne hinein selbst am besten.

Das hier wissen auch alle (ehemaligen) Fans: Friedrichs und Jürgens macht ja mit Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen den sympathischen Superpunk-Quatsch einfach weiter und führt unter diesem Namen die damals legendären Konzerte zwischen den Jahren fort. Dies kann man sich bald hier - mit bester Empfehlung unsererseits - antun:

27.12. - Bremen - Lagerhaus
28.12. - Hamburg - Knust
29.12. - Berlin - Bi Nuu

Mehr ist Mehr! erscheint morgen, am Nikolaustag (6.12) natürlich bei tapete records!




Montag, 3. Dezember 2018

Live in Bochum: Drangsal

Quelle: noisiv.com, Charles Engelken
(ms) Der Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen war am Sonntagabend eine mittelmäßige Katastrophe. Die Hälfte der Züge und S-Bahnen hatte massive Verspätung, der Rest ist ausgefallen. So verweilt man unfreiwillig eine Stunde am Bahnhof in Hamm und alle, die mal dort gewesen sind, wissen wie toll es dort ist. Daher verzögerte sich unsere Ankunft am schönen (also wirklich jetzt) Bahnhof Langendreer in Bochum. Niemand geringeres als Drangsal lud zum letzten Konzert seiner Zores-Tour und der Laden war proppevoll! Kurz vor der Ticketkontrolle haben wir jedoch in ein paar verdutzte Gesichter gesehen, die zum Luftholen nach draußen gekommen sind. Zur gleichen Zeit spielten nämlich Pabst als Vorband und es war ordentlicher Gitarrenkrach. Nun, keine Wertung, da wir dafür viel zu wenig gesehen haben.

Über den großen Besucheransturm war ich doch verwundert. Dass Drangsal eine tolle und polarisierende Kunstfigur aus sich gemacht hat, dessen Hype absolut gerechtfertigt ist, war mir durchaus bewusst, der Erfolg kommt zurecht. Das teils - und Entschuldigung dafür - hysterische Gekreische von Mädels und Jungs vor und nach den Liedern, hinterließ staunende Reaktionen bei meiner Begleitung und mir. Das Publikum bestand aus jungen Studenten und die, die es mal waren. Die 80er-Jahre-Verehrung, mit der Max Gruber in seiner Musik spielt, spiegelte sich auch in der Sonntagabendmode der zahlenden Gäste.
Gruber selbst ist natürlich ein phantastischer Entertainer, der mit Geschlechterrollen spielt und sich selbst exzellent zu inszenieren weiß. Er ist kein enfant terrible, einfach nur jemand, der die Regeln des Showbusiness und der Aufmerksamkeit klug verstanden hat und das Beste draus macht. Doch nicht nur wegen der unterhaltsamen Ansagen und des Bildes, was die Band abgibt, war das Konzert wirklich stark. Es hat musikalisch auch einwandfrei funktioniert. Sowohl die neueren Zores- als auch die etwas älteren Harieschaim-Sachen. Der Mix aus Synthie-Rock und 80er-Kitschtexten weiß durchaus zu gefallen. Highlights waren definitiv Der Ingrimm, Arche Gruber, Turmbau zu Babel und Allan Align. Stark!

Und hoffentlich geht es dem Typen, der beim Crowdsurfen unglücklich gestürzt ist, wieder besser. Die kleinen Mädels vorne haben wohl nicht damit gerechnet und konnten ihn nicht halten.
Nun aber mal ehrlich: Kann der Bassist mal lächeln? Nur ein kleines bisschen und nicht so eingebildet ins Publikum schauen?

Drangsal live. Große Klasse.
Richtig froh war ich schlussendlich auch darüber, dass der Sound gut war. Und zwar der der Band, nicht der im Club. Denn letztes Jahr habe ich Drangsal beim Pfingstopenair in Essen gesehen und da haben sie den großen Klang aus der Album-Produktion nicht auf die Bühne bringen können. Das hat sich grundlegend geändert. Nächstes Jahr geht es hier weiter mit dem Spektakel:

08.03.2019 - Dresden, Beatpol
09.03.2019 - Berlin, Huxley's Neue Welt
15.03.2019 - Frankfurt, Zoom
16.03.2019 - Stuttgart, Im Wizemann (Club)
21.03.2019 - Kiel, Pumpe
22.03.2019 - Dortmund, FZW
23.03.2019 - Bremen, Kulturzentrum Lagerhaus