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Donnerstag, 27. August 2020

Calman - Kann Grad Nich

Bild: facebook.com/calmanmusik
(sb) Gerade einmal 209 Follower hatte Calman Anfang Juli 2020 auf Facebook. 209! Sogar unser Kuschelblog luserlounge weist da schon über 700 Likes auf und selbst das ist, wenn man ehrlich ist, eine sehr kleine Anzahl, wenn man bedenkt, wie viel Zeit und Herzblut wir hier reinstecken. Aber zurück zur Kunst: Trotz der sehr überschaubaren Reichweite in den Sozialen Medien ist der Berliner Rapper kein ganz Unbekannter und konnte bereits 2018 den Kollegen Fatoni für ein Duett gewinnen - mein persönlicher Lieblingstrack des Jahres! Jetzt folgt endlich das dazugehörige Album und es ist von A bis Z großartig.

Was aber macht Kann Grad Nich (VÖ: 28.08.) so besonders? In erster Linie sind es - natürlich - die Texte, die das Album aus der Masse hervorheben und den Fokus gezielt auf das Thema "Verantwortung" lenken. Verantwortung für seine Mitmenschen, seine Kinder, sein direktes Umfeld und nicht zuletzt für sich selbst.

Calman scheut sich nicht, selbst die härtesten Themen wie Suizid aufzugreifen, das "Warum" anzusprechen und sich selbst und sein Verhalten in Frage zu stellen. Hätte ich es wissen müssen? Gab es Anzeichen, die ich hätte erkennen können? Das Schuldbewusstsein ist in Jan hat sich das Leben genommen geradezu greifbar und ungemein beklemmend. Gänsehaut.

Auch Manchmal lüg ich meinen Arzt an, besagter Track mit Fatoni, lädt aufgrund der beschriebenen Selbstverleugnung keineswegs zum Partymachen ein, dürfte vielen Menschen jedoch aus der Seele sprechen. "Es ist nur ein kleines "d" zwischen "sorglos und glücklich" und "sorglos unglücklich"" - geht's noch treffender? Mir lief es bereits beim ersten Hören des Songs eiskalt den Buckel runter und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Bild: facebook.com/calmanmusik
Generell bleibt festzuhalten, dass der Künstler zu keiner Zeit versucht, unbedingt gefallen zu müssen. Die Texte sind sehr persönlich, der Rap-Stil klingt meist beiläufig, ist tatsächlich jedoch sehr eindringlich und intensiv. Wenn Calman in Schwimmer von seiner Kindheit erzählt, sieht man den kleinen, verschüchterten Jungen in seiner Badehose bildlich vor sich und empfindet auf der Stelle Mitleid. Und fühlt sich mitunter selbst an unangenehme Situationen mit übersteigerter Erwartungshaltung seitens der Eltern erinnert. Schön ist das nicht, aber ungemein heilsam, wenn man erkennt, dass man damit nicht allein ist.

Während Laura tanzt ein flammendes (und zwingend notwendiges) Plädoyer gegen Sexismus und die Reduzierung der Frau als Objekt darstellt (aber auch Missverständnisse thematisiert!), beschreibt Weg/Hier eine toxische Beziehung, wie sie - zumindest ansatzweise - jeder schon mal erlebt hat. Wünsche, Lebenseinstellungen, Erwartungen und Träume passen nicht immer zusammen, obwohl die Voraussetzungen eigentlich stimmen. Was bleibt, sind unerfüllte Hoffnungen und Enttäuschung.

Alles andere als enttäuschend - und damit kommen wir zum Fazit - ist hingegen Kann Grad Nich. Das Album vereint 14 bockstarke Tracks, die das gesamte Gefühlsspektrum ansprechen und die ohne negativen Ausreißer auskommen. Für mich das bislang beste deutschsprachige Rap-Album des Jahres mit den Höhepunkten Tour de France, Taifun und Weg/Hier.




Freitag, 21. Oktober 2016

Fettes Brot und der Sinn von Re-Releases

Die Cover der 2016er Re-Releases
(sf) Es ist zwar nicht mehr 1996 und meine Freundin bräunt sich nicht in der Südsee, aber "Jein" ist noch heute in jedermanns Ohr und Fettes Brot nicht mehr aus der deutschen Musiklandschaft wegzudenken. Selbst wenn sich der Approach der Hamburger in den letzten 20 Jahren ein wenig gewandelt hat und die Herren Lauterbach, Vandreier und Warns nun eher durch Altersweisheit glänzen, die sich dem Dissscheiß der nächsten Generation nicht unterwerfen und diesen sogar strikt ablehnen und davor warnen, sind sowohl die letzten Alben, als auch die Klassiker aus den 90er Jahren so fresh wie eh und je. Und das Schöne daran: nachdem die ersten vier Alben jahrelang vergriffen waren, sind sie nun wieder erhältlich (sogar remastered!) und glänzen durch wertvolle Bonus-Tracks aus lange vergangenen Zeiten.

Der Flashback in die 90er beginnt mit der "Mitschnacker"-EP, die dank der zusätzlichen Songs nun sogar in Albumlänge daherkommt und schon erahnen lässt, wieso die Brote in den kommenden Jahren zu den großen Protagonisten der deutschen Rap-Szene reifen sollten. Die "Definition von Fett" fängt da an, wo "Nordisch By Nature" vom Nachfolger "Auf einem Auge blöd" nahtlos ansetzt. Gute Laune-Garantie, amüsante und intelligente Reime, punktgenaue Beat-Hinterlegung, dennoch abwechslungsreiche Melodien und die drei Stimmen, die damals so neu und unverbraucht klangen und denen man noch heute den Lausbub im tiefen Inneren anhört. Überhaupt spielt der Sympathiefaktor bei Fettes Brot seit jeher eine große Rolle, denn es erscheint nahezu unmöglich, Björn Beton, Doktor Renz und König Boris nicht zu mögen, selbst wenn man mit der Musik nichts anzufangen weiß.

Foto: Christian Roth
Der endgültige Durchbruch gelingt Fettes Brot dann 1996 mit "Außen Top Hits, innen Geschmack" inklusive der bereits zitierten und omnipräsenten Hit-Single "Jein", die für mich aber nur ein Zahnrad im Wagen dieses durchgehend genialen Albums darstellt. Ich persönlich bevorzuge ja die eher subtil daherkommenden "Silberfische in meinem Bett", "Supermann & Mondgesicht" und vor allem mein FB-Favorit "Kleines Kind", das bei mir schon Mitte der 90er rauf und runter lief und mich auch jetzt wieder am meisten anspricht. Ein geiler Track ist ein geiler Track bleibt ein geiler Track - so einfach ist das!

Gerade bei diesem Album sprechen mich auch die Bonus-Lieder besonders an: zwar sind kaum Songs dabei, die ich mir nicht damals schon zugelegt hätte (B-Seiten, Remixes, Compilation-Beiträge), aber so geballt klingen diese Zugaben dann doch nochmal massiver und beweisen eindrucksvoll, wieso sich Fettes Brot sich damals diesen Ruf erarbeitet haben, der sich seitdem nicht von ungefähr manifestiert hat, da für die Hamburger ein Album eben nicht nur aus den Songs besteht, die es dann tatsächlich auf den Longplayer schaffen, sondern eben auch aus denen, die drumherum entstehen und auf andere Art und Weise Verwendung finden. Für Fans auf jeden Fall ein sehr sympathischer Ansatz.

Foto: 5Promo
Den Reigen der vier Re-Releases beschließt "Fettes Brot läßt grüßen", das 1998 als letztes Album des Jahrzehnts veröffentlicht wurde und - ähnlich wie der Vorgänger - durch namhafte Gäste glänzt: waren es auf "Außen Top Hits, innen Geschmack" noch Eißfeldt, Dendemann, Holunder (Blumentopf), Spax und der Tobi & das Bo, so sind diesmal Heinz Strunk und Tocotronic zu hören, was den Sound der Hip Hopper deutlich variabler erscheinen lässt. Und auch Die drei ???, in deren Hörspielfolge 79 ("Im Bann des Voodoo") Fettes Brot einen Gastauftritt haben, revanchieren sich sowohl im Intro als auch im Outro und sind auch in den Bonus-Tracks präsent. Insgesamt kommen Fettes Brot auf diesem Album erstmals deutlich poppiger rüber und machen den ersten Schritt weg vom Rap - ein Weg, den die Hamburger im neuen Jahrtausend ja stetig weitergegangen sind, was sich als sehr sinnvolle und authentische Maßnahme herausgestellt hat, um sich nicht den Klischees der Branche unterwerfen zu müssen.

So, nun die Frage aller Fragen: Sollte man sich die Re-Releases kaufen?

Für mich schwer zu beantworten, da ich eh schon alle vier Alben hatte und nur vereinzelt Bonus-Tracks neu für mich waren - über die habe ich mich aber sehr, sehr gefreut und habe nicht zuletzt durch diesen Anreiz wieder entdeckt, wie gut Fettes Brot wirklich waren/sind. Wer die Brote nun aber nur über "Emanuela", "Bettina, zieh Dir bitte etwas an" oder "Erdbeben" definiert, der sollte unbedingt ein paar Euro in die Hand nehmen, um kennenzulernen, wo die Band ursprünglich herkommt und so die Entwicklung der Brote nachzuvollziehen. Gerade "Außen Top Hits, innen Geschmack" ist für mich persönlich ein Meilenstein der deutschen Hip Hop-Geschichte, der in keinem CD- bzw. Vinyl-Regal fehlen sollte.




Dienstag, 9. August 2016

Spektrum Festival - Das ist Rap-Musik 2016

Neonschwarz fackeln die Bühne ab!
(ms) Wer sich einen Eindruck davon machen will, wie innovativ, abwechslungsreich, klug, politisch, unpolitisch, witzig oder oldschool deutscher Hip Hop oder Rap ist, sollte das Spektrum Festival in Hamburg besuchen. Von alten Hasen (Umse), neuen Stars (SSIO), Cloud-Rap (LGoony, Yung Hurn) zu linkem auf-die-Fresse-Rap (Waving the Guns) ist wirklich alles dabei.
Dazu ist das Gelände ein Teil vom Dockville Festival und dem Artville. Insbesondere abends ein Hingucker, es ist sehr schön gestaltet.
Auf Festivalgeländen werden dieser Tage Food Trucks nur so herbei gesehnt. Diese haben dann teils mittelmäßiges und total überteuertes Essen (mit gut 40 Minuten Wartezeit). Wo ist die gute, alte Frittenbude oder ein Pizza-Stand? Naja, egal, wird sind ja kein Food-Blog, zum Glück!
Wir halten hier mal die wichtigsten Erkenntnisse des Samstags fest, wie gewohnt subjektiv:

  • Trotz der schieren Massen, die mit Bus und Bahn Richtung Wilhelmsburg gepilgert sind, muss man sagen, dass die An- und Abfahrt sehr gut organisiert war. Klar ist, dass man mal auf einen Bus warten muss, wenn ca. 7000 Leute das gleiche Ziel haben, das nimmt man gern in Kauf.
  • Hier ein etwas dämlicher Dank an Umse. Danke, dass Du im Stau gestanden hast. Damit hast Du Fatoni ermöglicht, dass er seinen 40 Minuten-Slot um eine halbe Stunde erweitern konnte. Wertvolle Zeit bei einem Festival. Und wie er es dann genutzt hat: Wahnsinn! Wahrscheinlich ist Fatoni derzeit wirklich einer der besten Sprachgesangskünstler. Von Freestyle über Entertainment-Qualitäten bis starken Songs wie "Mike Skinner" oder "Vorurteile" ist alles dabei. Es war ein Genuss, das erleben zu können.
  • Man muss es einmal so deutlich und subjektiv festhalten: Cloud-Rap ist der allerletzte Rotz. Wenn man bei einigen Musikstilen etwas Schönes im bewusst schlecht Dargestellten sieht, kann ich das verstehen. Nicht nachvollziehbar, ist dieser anscheinende Trend, den Juicy Gay, Crack Ignaz, Yung Hurn oder LGoony repräsentieren. Es ist nur zu sagen, dass diese halbstarken "Künstler" unerträglich sind.
  • Money Boy ist der wirklich letzte Scheiß, den man sich nur antun kann. Das ist objektiv!
  • Noch eine Erkenntnis: Vielleicht sind Zugezogen Maskulin auf Platte besser als live. Na gut, das ist eher eine Vermutung.
  • Das erste Mal Waving The Guns live gesehen und total begeistert. Milli Dance und Doktor Damage haben um 18 Uhr einen starken Slot bekommen und ihn bestens bedient. Pöbel MC war auch mit am Start. Zu zweit und dritt haben sie bewiesen, wie provokant, politisch, textdicht und auch unterhaltsam Rap sein kann. Dieser Auftritt wird in Erinnerung bleiben!
  • Bei Celo & Abdi hatte GZUZ einen Gastauftritt. Nicht nur bekannt aus dem neuen Beginner-Song, sondern auch von der 187 Straßenbande und einem über dreijährigen Knastaufenthalt. Dass er die Leute in so kurzer Zeit zum Ausflippen bringen kann, war beachtlich.
  • SSIO ist stark. Wirklich stark. Herrlich, wie wenig ernst er sich nimmt; ganz fern von Gangsta-Rap-Attitüde. Zwar nur wenig vom Gig gesehen, das hat aber sehr gefallen. Es war zum angenehmen mitlachen und die Beats haben astrein gesessen.
  • Wenn einige Bands in ihren Heimatstädten spielen, sieht man den Protagonisten oft im Gesicht eine gewisse Freude darüber an. Das kann man auch über Neonschwarz behaupten. Mit dem Slot um kurz vor zehn waren sie bestens ins Programm integriert und haben die nahende Dunkelheit perfekt genutzt. Die Lichtshow war stark, die Pyros haben schön geleuchtet im Hamburger Abendhimmel, das Paddelboot mit maskierter Besatzung ist nicht untergegangen. Die Masse ist nicht nur bei "Eskalation" ausgerastet.
  • Fazit: Der Besuch hat sich wirklich gelohnt. Die schwachen Auftritte waren halt richtig mies, die Starken umso besser.
Waving The Guns. Brutal gut!

Freitag, 29. Juli 2016

Die Welt spielt verrückt? Was Musiker und Bands dazu zu sagen haben - eine Bestandsaufnahme

(ms) Kein Grund zur Hysterie. Oder doch? Ist es berechtigt Angst zu haben dieser Tage?
Tagtäglich reihen sich Meldungen, die uns stutzen lassen. Dürfen sie uns auch ohnmächtig machen oder ist dies genau das Ziel, was unter anderem Daesh verfolgt, in dem sich die Terror-Gruppe Anschläge aneignet.
Sensibilisierung ist wichtig, wie Yassin Musharbash von der ZEIT sagt. Damit liegt er, wie so oft, wohl richtig. Nationalitäten werden in der Berichterstattung sofort genannt, die dann bei einigen Lesern bestimmte Assoziationen wecken. Der junge Mann aus München hatte wohl schwere psychische Probleme. Wir wollen gar nicht von den Belastungen reden, die Geflüchtete auf ihren Schultern tragen, die seit einigen Monaten hier leben. Wer kann das schon nachvollziehen?
Weiterhin marschieren montags Leute in Dresden. Die AfD sonnt sich in ihrem perversen Erfolg der vergangenen Landtagswahlen. Die nächsten stehen diesen Herbst an.
Also: Was tun?
Wir haben eine kleine Bestandsaufnahme gemacht, wie sich Bands und Musiker dazu verhalten.

Quelle: facebook
Rüdiger von den Sportfreunde Stiller reagiert hier auf den Amoklauf in seiner Heimatstadt München und beantwortet uns eine der obrigen Fragen. Die drei Poprocker engagieren sich seit Jahren in unterschiedlichen Formen gegen Rechts oder für Fair Trade. Das ist gut und richtig so. Kunst ist immer politisch und eine Band wie die Sportfreunde Stiller erreichen wirklich viele Leute unterschiedlicher Altersgruppen, um ihre gute Haltung zu verbreiten.


Eine der umfangreichsten Aktionen initiieren Feine Sahne Fischfilet. Über die Band müssen wir eigentlich nicht mehr viel schreiben. Ihr Engagement gegen Nazis ist unvergleichlich, richtig genial! Sie können bei den großen Festivals abends vor tausenden Leuten spielen oder sie fahren halt mitten in die Provinz, wo es ein paar Leute gibt, die ein alternatives Jugendzentrum aufrechterhalten und dort vor 50 Leuten Lärm machen.
Unter dem Motto "Noch nicht komplett im Arsch" finden seit circa einer Woche in Mecklenburg-Vorpommern Veranstaltungen gegen den Rechtsruck im eigenen Land statt. Im September wird gewählt, die NPD und AfD dürfen wohl auf großen Zuspruch hoffen. Monchi und Konsorten haben was dagegen. Neben Lesungen, Grillabenden, Fußballturnieren mündet die Kampagne im großen "Wasted in Jarmen"-Konzert mit Neonschwarz, The Baboon Show und Aktenzeichen.
Großes Lob für diese Jungs. Wie geil ist das denn?




Das dritte Beispiel: Zugezogen Maskulin.
Musiker machen halt Musik. Zugezogen Maskulin machen Rap.
Ein Song mit dem Titel "Ratatat im Bataclan"? Puh, da muss man erstmal staunen. Allerdings muss man auch Testo und Grim104 kennen, um diesen Track zu verstehen. Sie bewegen sich in einer Grauzone zwischen Zynismus, Realitätsanalyse und dem Versuch alles einordnen zu wollen. Eines ist richtig stark, wenn sie darüber texten, wie schnell man von den Meldungen im Liveticker gelangweilt wird. Alles wird normal, der eigene Verstand ist wie gelähmt.

Wir hoffen, dass weitere Rocker, Rapper, Metaller sich äußern, den Mund aufreißen und klare Stellung beziehen.

Love will never die!

Sonntag, 29. Mai 2016

Heißer Tanz: Neonschwarz in Münster

Gemütlich im Gleis 22, Gips, Mauser, Y, Curry. Foto: luserlounge
(ms) Der Wetterbericht für Samstag, den 28. Mai, war eher ernüchternd. Tagsüber eher mild und grau, abends soll es dann gewittern. Und genauso ist es dann auch gekommen. Dennoch war der Weg zum glorreichen Gleis 22 in Münster trocken zu überstehen. Aus Eimern hat es vorher geregnet. Daher war es unsagbar schwül.
Die musikbegeisterte Meute machte es sich noch während des Auftritts von Haszcara, die als Support von Neonschwarz einheizte, draußen und im Club gemütlich. Dort war schon merklich spürbar: Es wird heiß! Haszcara will nicht unter dem Label "feminist Rapper" auftreten. Das hat sie eindeutig bewiesen, ihre Texte und Punchlines saßen! Großes Rapkino mit einem Rülpser und ein wenig Kotze.

Nach einer kleinen Pause und einem gefühlten Temperaturanstieg um weitere 9 bis 12 Grad ging es richtig ab! Neonschwarz sind mit "Metropolis" auf Tour und haben bereits letztes Jahr bewiesen, wie sie das Gleis 22 zum kochen bringen können. Da erinnerte sich sicher auch Johnny Mauser erneut, dass die Bühne etwas niedrig ist und man sich schon mal den Kopf stoßen kann.
Nach einem Intro der Track für den Abend: "In deiner Stadt".
Einer der besten Tracks des neuen Albums kam direkt im Anschluss mit "Dies Das Ananas". Das volle Haus war textsicher und angefixt, die Stimmung war schon zu Beginn auf dem Höhepunkt. Neben älteren Songs wie "Unser Haus" oder "Fliegende Fische", kamen die neuen Tracks voll auf ihre Kosten: "Rapstars", "2015", "Atmen", "Metropolis", "Goldenes Ticket", "Check Yo'Self", "Eskalation".
Captain Gips, Marie Curry, Spion Y und Johnny Mauser überzeugen nicht nur musikalisch und raptechnisch, sondern auch als Unterhalter. Es war ein perfekter Gig, bei dem man gemerkt hat, dass es den Hamburgern sichtlich Spaß macht im vollen Haus zu spielen. Und immer mit Attitüde, das Herz auf der linken Seite!
Den kompletten Abriss komplettierte dann "Militante Tante". Es durfte gesprungen und gepogt werden, was im relativ kleinen Gleis 22 gerade so möglich ist.
Wie beim letzten Gastspiel wurde als allerletzter Track Captain Gips' Solo-Hit "Hug Life" zum besten gegeben. Ein würdiger Abschluss für ein heißes, starkes, lautes, einfach nur geiles Konzert.




Dienstag, 3. Mai 2016

Neonschwarz - "Metropolis"

Mauser, Gips, Ypsilon, Curry. Foto: Hendrik Köhler, audiolith.net.
(ms) Marie Curry muss ihre Workshops begrenzen und hat gar nicht so richtig bei Trouble Orchestra angefangen. Johnny Mauser ist mit Trouble Orchestra mit Volldampf vorausgeprescht, musste aber aussteigen. Captain Gips' Solopläne liegen erstmal still.
Was nach drei traurigen Geschichten klingt hat einen guten Grund: Alle sind so sehr mit Neonschwarz beschäftigt, dass für alles andere keine Zeit mehr bleibt. Was mit ein bisschen freundschaftlichem Abhängen, Texten und Beats basteln angefangen hat, ist jetzt wirklich groß geworden: Ausverkaufte Shows, geplante Auftritte ohne Ende, hier Interviews, dort andere Termine.
Die Rap-Crew namens Neonschwarz hat sich nach oben gerappt, doch sind auch immer wieder ganz bodenständig geblieben. Neben einem rappelvollem Auftritt im Uebel & Gefährlich spielten sie auch auf dem kostenlosen Detten Rockt im Münsterland gegen Nationalismus und Fremdenhass.

Nun geht die zweite Runde los.
Am kommenden Freitag (6.05) kommt das neue Album "Metropolis" raus.
Ohne all zu viel vorwegzunehmen: Es ist noch fetter, breiter, abwechslungsreicher als der Vorgänger "Fliegende Fische". Dazu haben sie sich ein wenig Hilfe mit ins Studio geholt. Beats kommen unter anderem von Farhot, Ulliversal oder Chaozz.
Dabei rausgekommen ist eine mehr oder weniger konzeptartige Sammlung von ganzen 17 Tracks! Der Titel lässt erahnen, worum es geht: Stadt, Metropole, Dreck. Aber auch: Freiheit, Party, Gesellschaftskritik und eine saubere Attitüde gegen alles, was von rechts gekrochen kommt. "2015" verbindet beide Alben mit dem Aufschrei, dass immer noch Asylbewerberheime brennen, die AfD beginnt die Gesellschaft zu verseuchen und man immer noch aufmerksam sein sollte, was gerade so abgeht!
Beginnen tut das Album dennoch mit einem der besten Neonschwarz-Tracks überhaupt. "Dies das Ananas". Der Beat ist so dermaßen gut, dass es einen nicht still sitzen lässt. Dabei scheint so vieles egal: Konventionen, Druck von außen, egal.



Etwas breiter im Klang ist beispielsweise auch "Atmen". Johnny Mauser singt statt zu rappen. Wirklich interessant ist "Kennlernrunde". Alle vier beschreiben, wie es dazu bekommen ist, dass drei eigenständige Rapper und ein DJ angefangen haben, zusammen starke Musik auf die Beine zu stellen.
Weitere Highlights des Albums sind "Rapstars", "Jogginghosentag" oder "Das Goldene Ticket", was ohne Umwege mal der Hit des Sommers werden kann.
Natürlich sind bei 17 Songs auch welche dabei, die eher untergehen ("Drahtesel", "Standstreifen" oder "Küstenfieber").
Doch, halt, Stopp! Ist ein linkes Rap-Album nicht eine Platte von linken Rappern für linke Rap-Fans? Ein bisschen Selbstbeweihräucherung und Selbstreferenz? Eigentlich will diese Musik doch etwas erreichen, verändern und Menschen vor die Schuhe spucken, oder? Natürlich ist das ein berechtigter Einwand. Doch die Band weiß das, Captain Gips sing immerhin in "2015": "Ich weiß, es nicht reicht, wenn wir ab und an einen Song schreiben." Na bitte.

Fazit: "Metropolis" ist ein starkes, intensives Rap-Album, das eindeutig den Fokus auf Texte und Hooklines legt, das nahe geht, die Augen öffnet und dazu aufruft, sich in der Öffentlichkeit einzumischen.
Die Welt, die Metropole geht unter.
Davor wird aber die beste Party gefeiert. Soundtrack: Neonschwarz!

Wir empfehlen dringend diese Crew live anzusehen:

12.05.2016 Berlin - About Blank
13.05.2016 Kopenhagen - 2-års fest - Revolutionære Antifascister
14.05.2016 Rostock - Riotinmyheart
15.05.2016 Flensburg - Dockyard Festival
26.05.2016 Würzburg - Cairo
27.05.2016 Augsburg - Kongress am Park (Modular Festival)
28.05.2016 Münster - Gleis 22
25.06.2016 Leipzig - Laut & Live
15.07.2016 Jena - JG Stadtmitte
16.07.2016 Goldenstedt - Afdreiht un Buten
22.07.2016 - 23.07.2016 Wiesen - Hip Hop Open Austria
06.08.2016 Hamburg - Spektrum Festival
11.08.2016 - 13.08.2016 Püttlingen - Rocco del Schlacko
27.08.2016 Hannover - Irie Revoltés Open Air