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Samstag, 13. August 2016

A Summer's Tale - Eskapismus in Reinform

So wird man in Luhmühlen begrüßt!
(ms) Gibt es etwas wie Liebe auf den ersten Blick?
Nach zwei Tagen auf dem A Summer's Tale Festival in der Lüneburger Heide ist die Antwort: Ja! Dabei standen die Vorzeichen nicht gut. Statt wie gewohnt zum Open Flair zu fahren, stand dieses Jahr etwas anderes an. Zudem war es klug, Schal und Mütze einzupacken. Im August.

Betritt man das Gelände des familiären Festivals, muss man sich zunächst orientieren. Denn es gibt zahlreiche Veranstaltungsorte. Das ausgefallene Musikprogramm war nur ein Teil davon, es reihten sich Lesungen an Yoga, Workshops, Bastelarbeiten, Kinderbetreuung, einem eigens aufgebauten Restaurant und vielen leckeren Essensständen. Zudem war das ganze Gelände so liebevoll und detailverliebt gestaltet, dass man gar nicht mehr weg wollte. Nachdem man sich zurecht gefunden hat, was dann sehr einfach ging, war es schlau, alles genießen zu können, was die Veranstalter sich ausgedacht haben, denn das war eine Menge. Zwischen einzelnen Programmpunkten musste man stets abwiegen, denn viel fand parallel statt und die beliebten Workshops wie Woodworking, Kalligraphie oder Käserei waren schnell ausgebucht.
Da fragt man sich, wer so ein Festival, das fernab von allen Rock'n'Roll-Mythen ist, besucht. Die Antwort ist so einfach wie schwer. Es sind finanzstarke Akademiker ab Mitte dreißig, manche ohne, viele mit Kindern, Studenten, Alt-68er und hauptsächlich verliebte Pärchen. Immerhin hat ein 2-Tages-Ticket schon 120€ gekostet, dabei war es jeden Cent wert!

Nachts: DJ-Programm mit träumerischen Lichtinstallationen
Das taktgebende Musikprogramm war am Mittwoch sehr ausgewogen. Wo Heather Nova und José Golzales eher langweilig und ermüdend waren, konnte man bei Jeremy Loops im großen Zelt richtig abgehen. Die Band - bis dato hier eher unbekannt - war dabei von der guten Laune im Publikum ebenso angefixt wie die Zuhörer selbst, große Stimmung! Den Abschluss bildeten an einem wirklich kalten, aber trockenen Abend Garbage. Druckvoller Sound, minimalistisches Bühnenbild, aber ein starkes Konzert.
All dies wurde am Donnerstag noch getoppt. Vermutlich habe ich noch nie einen Festival-Tag erlebt mit so vielen Künstlern, die mich seit Jahren begleiten und alle erinnerungswürdige Gigs ablieferten. Friska Viljor hatten sichtlich Probleme mit der Technik und ihren Gitarrengurten (Jesus-Tape hat geholfen), doch ihre gute Laune lassen sich die Schweden nie nehmen. Thees Uhlmann war sichtlich angetrunken, hat aber den "A-Summer's-Tale-Gefangenenchor" zum singen gebracht, obwohl es durchgehend geregnet hat, glücklicherweise war es nicht mehr so kalt. Bei Caravan Palace konnte man sich tanzwütig wieder aufwärmen, was für ein geiles Konzert! Dann kam der erste Höhepunkt: Glen Hansard mit Band, Streichern und Bläsern. Wie inbrünstig und leidenschaftlich er gespielt hat, war bemerkenswert. Ob orchestral mit gesamter Besetzung oder passioniert schreiend nur mit Gitarre und Kontrabass war egal. Da hat selbst der Regen kurz ausgesetzt. Und wenn es eine Band gibt, die auch zu unterhalten weiß und seit Jahrzehnten beinhart gute Musik abliefert, dann sind es Nada Surf. Sie betreten die Bühne und machen einfach nur Spaß! Großes Kino.
All das wurde dann aber noch gesteigert.
Denn als Headliner haben Sigur Rós ihr einziges Deutschlandkonzert gegeben.
Allein das fulminante Bühnenbild wusste zu erstaunen. Denn die Isländer spielen ihre aktuelle Welttour zu dritt, statt wie sonst mit großer Besetzung. So war die Bühne dreigeteilt für Bass, Gesang und Schlagzeug/Keyboard. Dahinter erstreckte sich eine riesige LED-Wand, davor eine zweite, die hoch und runter fahren konnte. Hinter dieser haben die drei Isländer angefangen mit zwei Songs und waren nur schemenhaft zu erkennen. Von Beginn an ein Konzert für alle Sinne, großartig. Den Rest der Show haben sie vorne gespielt, Jonsi mit Bogen an der Gitarre und der gewohnt hohen Stimme. Die bauten Klangwelten auf, waren laut, dann wieder minimal leise und verträumt. Songs wie "Vaka", "Festival" oder "Kveikur" wussten zu begeistern. Dazu wunderschöne Projektionen!
Die Band, die ausschlaggebend für den Besuch des A Summer's Tale war, hat alle Erwartungen erfüllt. Was für eine würdige Band für ein brilliantes Festival!

Die Organisatoren haben sogar am Donnerstag auf das miese Wetter reagiert, Feuerkörbe aufgestellt und Glühwein ausgeschenkt. Das Festivalgetränk 2016!

Sound und Licht vereinen sich bei Sigur Rós!

Sonntag, 3. Juli 2016

Island Part II: Neues von Sigur Rós!

Von: autoimg.clipfish.de
(ms) Island!
Das Land mit der Population von Bielefeld verzaubert gerade den Otto-Normal-Fußballverstand. Ihnen sind sämtliche eigene und auch fremde Daumen zu drücken, dass sie heute Abend gegen Frankreich gewinnen sollen. Stichwort: Sigthorsson!
Unter all anderen Isländern, die dort nicht einen normalen Job, Touristenführer, Fischfänger oder Profisportler sind, gibt es ja noch eine Vielzahl extrem erfolgreicher Musiker. Stichwort: Kaleo! Oder auch Björk, Ásgeir. Heute geht es mal wieder um Sigur Rós!
Seit Jahren bin ich begeisterter Fan. Eines Tages wollte ich meinen Vater überzeugen, was für eine Mystik, Schönheit, Kraft und feine Struktur in deren Musik liegt. Er antwortete kurz: "Mach diese Walfängermusik aus. Dieses Rumgejaule ist ja unerträglich." Merke: Hier können sich die Geister scheiden.
Ihr siebtes Studioalbum "Kveikur" kam vor drei Jahren raus, eine Welttour folge mit großem Gespann: Bläser, Streicher, Percussion.

Vor wenigen Wochen nun haben Jonsi, Goggi und Orri wieder ihre Siebensachen gepackt und bereisen die Welt mit ihren märchenhaften Klängen. Aber nicht mit fulminanter Begleitung. Nein. Dieses Jahr wollen sie es wissen - back to the roots - und ihre Shows komplett zu dritt gestalten. Erste Gigs haben sie gespielt, die Resonanzen wie gewohnt schlicht umwerfend.

Dazu haben die drei von der Insel vor zwei Wochen ein geheimnisvolles Projekt geteasert: Route One. Was sich dahinter verbirgt, wurde erst kurz vorher enthüllt: Es gab via YouTube ein Live-Umrundung der Insel. Sie schnappten sich ein Hightech-Wagen und streamten die Fahrt ins Netz. Eine schöne Idee, waren da nicht auch elf Kicker zu sehen?!
Zum Ende hin kam aber der richtige Knall!
Keine Aktion ohne fulminantes Ende, mögen sie sich gedacht haben.
Und so waren diese Landschaftsimpressionen ein 24-Stunden-Vorspann zu ihrem neuen Video. Wer kann, der kann. "Óvedur" heißt der eigenwillige Track. Es knarscht, es zerrt, es ist anstrengend. Dann wieder die typisch sphärischen Klangteppiche, bevor es richtig übel wird. Dazu ein wahnsinniges Video. Ein bisschen verstörend, ein bisschen eigenartig. Eine sichtlich trinkende Frau flaniert mit ihrem Wolfshund durch die Gegend, bis sich in einem Pub obszöne Szenen abspielen: Oralverkehr, ausfallende Zähne, Blut, Körperflüssigkeiten, Mutation. Hilfe!
Wohin Sigur Rós damit steuern ist noch nicht ganz klar. Wahrscheinlich gibt es bald ein neues Album, es wäre wünschenswert.
Trotz aller gewalt(tätig)er Bilder bietet "Óvedur" schemenhaft das, was wir von den dreien gewohnt sind: mystisch-schön-mitreißende Klänge.

Da das Video auf der deutschen YouTube-Version verbannt ist, hier der Link zu Clipfish.
Es ist wirklich sehenswert!