Freitag, 14. Februar 2020

KW 7, 2020: Die luserlounge selektiert!

Bild: effectivebusinessideas.com
(ms/sb) Vier Ks sind in dieser Woche zurückgetreten oder haben dies zumindest angekündigt, doch darüber ich schon alles gesagt. Eine Woche später darf man immer noch nicht vergessen, was in Thüringen passiert ist. Dass die Nazis die Liberalen und Konservativen vorgeführt haben. Dass Letztere das aber auch mit sich haben machen lassen; das ist meines Erachtens der entscheidende Punkt. Dieses abgekartete Spiel war klar ersichtlich. Und was besonders bitter aufstößt, ist, dass die CDU die Linke und die Nazis gleichstellt. Mit beiden dürfe man nicht regieren. Was für eine kurzsichtige und von Grund auf falsche Gleichsetzung. Die Einen sind schon lange nicht mehr die Nachfolgepartei der SED, die Anderen jedoch waschechte Faschisten, die die Bevölkerung aufwiegeln. Hier muss differenziert werden!

Das als kleines (tages-)politisches Input. Wir sind jedoch keine Journalisten. Wir sind Musiksüchtige. Wir sind die luserlounge. Und zu jedem Freitag bemühen wir uns um einen Rundumschlag. Wir nennen es Selektion. Bitte sehr:

A Choir Of Ghosts
(sb) Oh Mann, der lässt sich aber Zeit! Seit rund einem Jahr veröffentlicht James Auger aka A Choir Of Ghosts immer mal wieder einen Track, um sein bevorstehendes Debütalbum zu teasern, am 03.04. soll es nun aber tatsächlich endlich so weit sein. An Ounce Of Gold wird das gute Stück heißen und die bisher vorgestellten Songs des in Schweden lebenden Briten lassen auf ein erdiges, bodenständiges und doch nie fades Werk schließen. In diese Kerbe schlägt auch die neue Single Sinner in Rapture, die heute erscheint. Der Künstler selber beschreibt die Intention des Songs wie folgt: „Sinner In Rapture is about the way all young people are set up to fail with the way society is built and how I didn’t want to be part of that capitalist machine. (…) This song is the end of the world, the end of everything we know.”
Hier könnt Ihr in den Track reinhören und Euch selbst ein Urteil bilden:



Green Day
(sb) Ich bin irritiert. What the holy fuck ist das denn bitte? 26 Minuten? Wollt Ihr uns eigentlich verarschen? Mit Dookie und Nimrod haben Green Day zwei maßgebliche Alben der 90er veröffentlicht und ja: ich war Fan! American Idiot ebnete dem Trio aus Kalifornien 2004 dank Boulevard Of Broken Dreams und vor allem Wake Me Up When September Ends den Weg in den Mainstream, doch seitdem war es trotz einiger Releases eher ruhig um Billie Joe Armstrong und Konsorten. Ich hatte 2012 das zweifelhafte Vergnügen, Green Day auf dem Rock am See-Festival in Konstanz zu erleben und es war wirklich desaströs. Ein schiefer Ton jagte den nächsten, Textsicherheit inexistent und auch die Versuche, das Publikum durch coole Sprüche zu überzeugen, ging mächtig in die Hose. Nach diesem Reinfall war meine Erwartungshaltung hinsichtlich des neuen Album Father Of All Motherfuckers, das vergangenen Freitag erschien, ohnehin bereits gedämpft, wurde aber auch kein bisschen positiv übertroffen. 26 Minuten (man kann es gar nicht oft genug schreiben!) lang bedeutungsloses Rumgedudel, das wohl sowas wie Punk sein soll. Green Day wollen wohl jung klingen, mehr als ein billiger Abklatsch ihrer selbst kam dabei aber nicht raus. Leider.


Roedelius
(ms) Kurz vorm Tippen und den folgenden Worten fiel mir ein, wie häufig ich an dieser Stelle über verschiedene Genres schreibe. Meist dann, wenn ich die Gruppe oder den Künstler nicht kenne. So auch hier. Roedelius komponiert, schreibt, arrangiert, erzeugt seit Jahrzehnten elektronische Musik, die im Bereich Ambient zu verorten ist. Seichte, sanfte, leicht hypnotisierende Klänge, die man genüsslich nebenbei und auch offenen Ohres hören kann. Ambient. Irgendwie kann man eher erfühlen, als formulieren, was das bedeutet. Man wird von den Tönen ein wenig in Watte gepackt und durch die Schwerelosigkeit getragen. Das zeigt er auch auf seinem neusten Werk, das den wunderbaren Titel Selbstportrait Wahre Liebe trägt. 12 leise, aber auch prägnante Lieder zieren diese bemerkenswerte Platte. Denn sie bildet die aktuelle Spitze des Eisbergs in Roedelius' Schaffen. Obacht: Der gute Mann wird in diesem Jahr 86 Jahre jung! Sechsundachtzig! Manch einer ist froh, überhaupt noch da zu sein, oder hören zu können. Hans-Joachim Roedelius komponiert, als wäre nichts gewesen. Nerdwissen: Roedelius ist nicht irgendwer. Er ist maßgeblicher Protagonist der elektronischen Musik Berlins, Initiator des kurzlebigen, aber einflussreichen Zodiak-Clubs und Mitbegründer von Kluster.
Am 10. April erscheint dieses Album beim schönen, geschmackvollen Spartenlabel Bureau B.
Dieses Hörbeispiel geht grob in die aktuelle Richtung, Prelistening des neuen Albums über Soundcloud hier!



Giver
(sb) Wir haben es ja bereits mehrfach betont: wir sind musikalisch für sehr Vieles offen und ja, gelegentlich lassen wir uns auch gerne mal anschreien. Im Falle von Giver ist das definitiv der Fall, denn deren Album Sculpture Of Violence (VÖ: 07.02.) ist nicht nur extrem energetisch, sondern bietet zudem textlich eine Ebene, die sich im Hardcore-Bereich nur selten finden lässt. Die Bildung eines sozialen Bewusstseins, das Erkennen struktureller Ungerechtigkeiten sowie eine kritische Auseinandersetzung mit patriarchalischen Konstrukten und gesellschaftlichen Gewohnheiten lassen auf eine durchaus intellektuelle Herangehensweise schließen, was das Geknüppel sehr spannend und vielschichtig veredelt. Ich habe das Album am Montag angehört, während ums Auto herum der Orkan "Sabine" tobte - Giver waren lauter. Dürfte auch live für ordentlich Betrieb sorgen, also hin da:

06.03. Paderborn, Wohlsein
07.03. Köln, AZ
17.03. Hamburg, Goldener Salon
19.03. Bochum, Trompete
20.03. Berlin, Maze
21.03. München, Milla




Klangstof
(ms) So richtig gute elektronische Musik ist schwer zu finden. Klar, liegt auch daran, was man sucht. Ich suche nach guten Beats, leichten Dissonanzen, viel Drive und einer nicht zu unterschätzenden Portion Innovation. Das schätze ich an Rangleklods oder SOHN. In diese Reihe (oder daneben, je nach dem, wie man das Bild zeichnen möchte), reihen sich Klangstof ein: Nicht zu laut, nicht zu wummerig, nicht zu viel Plastik, wenig Effekte auf der Stimme (Stichwort: Autotune) und nicht zu viel Spielerei. Straight, klar, etwas verschnörkelt, schön poppig und mit genau der richtigen Portion Eingängigkeit plus gut gestreutes Hitpotential. Klangstof, dahinter verbirgt sich der niederländisch-norwegische Musiker Koen van de Wardt und beweist einmal mehr, dass aus ungeahnten Ecken sehr bemerkenswerte Musik kommen kann (siehe Referenzen oben). Anspieltipps für das am 21. Februar erscheinenden Albums Mind Of A Genius: They Could Have Saved The Universe, Blank Page oder die Kollabo mit The Flaming Lips We Never Liked The Outcome.

11.03.20 - Bi Nuu, Berlin
12.03.20 - Artheater, Köln
13.03.20 - Kranhalle, München



Mush
(sb) Hui, da hat aber jemand beim Workshop "Art Brut für Anfänger und Fortgeschrittene" ganz besonders gut aufgepasst! Die luserlounge ist den Briten um Eddie Argos gegenüber ja bekanntlich sehr positiv eingestellt und insofern haben Mush erstmal gute Karten. Deren Debütalbum 3D Routine (VÖ: heute!) kommt überraschend politisch daher, wobei man sich mitunter schon etwas in die Texte reinfuchsen muss, um die Intentionen zu erkennen. Das Album ist eine Ode an das Zeitalter der Fake News, die Tracks ergeben als Ganzes eine uniformierte, raue aber emotionale, hemmungslose und verführerische Melange von Sound und Meinung - ein schnelllebiger Schnappschuss der Gegenwart, in dem sich politische und persönliche Überzeugungen verflechten.



2Raumwohnung
(ms) Gibt es neben den Humpe-Schwestern vergleichbar einflussreiche Geschwisterpaare, die die deutsche Popmusik derart gestaltet haben?! In deutscher Popmusikgeschichte bin ich nicht besonders gut, aber ad hoc fällt mir niemand ein. Anette mit Ideal, Inga mit Neonbabies. Später Anette mit Ich + Ich, Inga mit 2raumwohnung. Letztere gehören viele Jahre nach Roedelius (s.o.) zu wichtigen Akteuren der Berliner Popmusikszene, bis ihr Erfolg durch die Charts brach. Ich und Elaine oder 36 Grad sind nur zwei der prägnanten, ohrwurmversursachenden Singles, die sie in 20 Jahren veröffentlicht haben. Höchste Zeit also für ein Best Of, das den einfachen Titel 20 Jahre 2raumwohnung und in zwei Wochen (28. Februar) erscheint. Selbstredend sind es auch 20 Lieder, die darauf vereint sind; ein paar, zum Glück nur wenige Remixe, ansonsten eben das, was auf ein Best Of gehört samt zwei neuer Tracks. Ich habe das Glück, die Platte schon hören zu dürfen und attestiere ihr enormes Tanzpotential! Man schreibt schnell, dass man eine Platte haben müsste; oft stimmt das natürlich nicht. Wenn man sich für deutschsprachigen Pop interessiert, dann ist das hier Pflicht. Und unheimlich gut!



ÄTNA
(ms) An den letzten Freitagen haben wir versucht, ein paar Jazz-Acts anzuwerben, ohne wirklich viel über dieses Genre sagen zu können außer Allgemeinplätze. Wir bleiben da am Ball und geloben Besserung. Wie die Wege des Jazz' sich jedoch entwickeln können, ist höchst erstaunlich! Inéz und Demian bilden das Duo ÄTNA und kommen ursprünglich aus dem Jazz, den vermeintlich ruhigen, sanften Tönen. Was jedoch essentiell wichtig für Jazz ist, ist Improvisation. Jeder darf sich insbesondere live mal an seinem Instrument austoben. Dass das auch mit elektronischem Inventat funktioniert, zeigen die beiden auf ihrem Erstling Made By Desire. Das Album erscheint heute (!) und ist ein Lehrstück, dass man seine Wurzeln gerne mal verlassen darf; man sie aber nie ganz aufgeben kann. ÄTNA präsentieren darauf catchy tanzbare, mitunter auch aneckende, aber auch melodiöse elektronische Musik. Die Platte wirkt aufgrund ihres Facettenreichtums wie ein Mixtape, wandelt zwischen Glitzerpop (Won't Stop) und ruhigen, ja, atmosphärischen Tönen (Touch My Fantasy). Doch es gibt noch mehr zu entdecken, als die ersten beiden Tracks. Daher: Zeit nehmen und sich überraschen lassen.
Und heute hagelt es noch mehr nerdige Fakten: Aufgenommen wurde das Werk von Moses Schneider. Ja, richtig gelesen: Der Haus- und Hofproduzent von Turbostaat oder Beatsteaks, der nur live aufnimmt. Das hat er hier tatsächlich auch getan. Wichtige Info beim Hören. Also: Los!

26.02.2020 Ludwigshafen, dasHaus
27.02.2020 CH-Baden, Royal
28.02.2020 CH-St.Gallen, OYA Bar
29.02.2020 CH-Biel, Le Singe
01.03.2020 Esslingen, Cosmic Playgrounds
06.03.2020 Dresden, Objekt klein a (ausverkauft)
07.03.2020 Wuppertal, Loch
08.03.2020 Köln, Jaki
11.03.2020 Berlin, Lido (ausverkauft)
12.03.2020 Hamburg, Uebel & Gefährlich
13.03.2020 Nürnberg, Club Stereo
14.03.2020 Jena, Kassablanca
18.03.2020 AT-Wien, Fluc
19.03.2020 AT-Salzburg, Rockhouse Bar
20.03.2020 München, Milla
03.04.2020 Lörrach, Between The Beats
16.04.2020 Osnabrück, Popsalon
01.10.2020 Berlin, Gretchen
03.10.2020 Dresden, Beatpol

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