Mittwoch, 22. Januar 2020

Oehl - Über Nacht

Ariel Oehl und Hjörtur Hjörleifsson
(ms) Wofür steht die österreichische (Gitarren-)Popmusik? Zum Einen für Vielfalt, zum Anderen für Unterhaltung und Hau-Drauf. Das beweisen Olympique (RIP), Wanda, Bilderbuch, Voodoo Jürgens oder Seiler und Speer. Selbstverständlich ist für die Wahrnehmung zwischen München und Flensburg auch der Wiener Schmäh, eine gewisse sympathische Hochnäsigkeit und ein Haselnussschnaps in der Hand wichtig.
Nächste Frage: Wofür steht die isländische Popmusik? Das lässt sich noch konkreter beantworten: Reine Avantgarde und hochklassige Arrangements; mitunter wie gemacht für's Feuilleton. Das beweisen Sigur Rós, Björk, Högni oder Ólafur Arnalds. Für die Wahrnehmung zwischen Konstanz bis Kiel ist ein bewusstes Bild der spektakulären Natur, einer verschwurbelten Sprache und ein Kaffee in der Hand wichtig (Alkohol ist vor Ort so gut wie unbezahlbar).
Die logische Anschlussfrage: Wie würde es klingen, wenn sich je ein Vertreter beider Regionen zusammentun?! Die Antwort ist nicht Oehl, auch wenn es hier um ihren Erstling Über Nacht geht. Ich habe absolut keine Ahnung, wie derart verschmolzene österreichisch-isländische Musik klingen könnte.
Oehl hingegen nehmen sich ein paar Aspekte der beschriebenen Richtungen heraus und kombinieren sie auf ungeahnt kluge und positiv eingängige Art und Weise.

Am Freitag (24. Januar) erscheint auf Grönland Records ihr erstes Album Über Nacht. Das Duo nennt sich Oehl, da Ariels Vorname sicher besser zu merken ist als Hjörturs, der da Hjörleifsson heißt. Zu hören sind elf Songs über vierunddreißigeinhalb Minuten. Es ist wunderbarer Pop, der seine Zeit braucht, um die ihm innewohnende Schönheit zu offenbaren. Denn es besteht die Gefahr, dass, wenn man schnell reinhört, es sofort als langweilig oder irre monoton abzustempeln. Das soll an dieser Stelle schon mal erwähnt sein!
Es ging mir genauso.



Ende November ist ihre Single Wolken (s.o.) erschienen. Diese läuft seitdem bei mir in ungeahnt hoher Regelmäßigkeit und dieses Lied ist der Grund, warum sich in mir eine starke Bewunderung gegenüber der Musik von Oehl entwickelt hat. Denn ich kann nicht in Worte fassen - obwohl das ja an dieser Stelle genau meine Aufgabe wäre - warum das so ist. Klar, das Arrangement ist wundervoll, eine zarte Eleganz zieht sich durch die Töne und den Gesang. Aber es sind auch bestechende Zeilen wie: "Selbst die Wände rücken längst auseinander in unserem Haus / Denn meine die Füße spür ich bei jedem Schritt, ich leg sie lieber zurück / da hinterm Herd wo jetzt kein Sofa mehr steht, konserviert sich kein Glück / Ich such in jedem Winkel nach einer Tür und finde nicht mehr heraus." Manchmal ist es auch wunderbar, wenn man nicht alles versteht, es aber dennoch irgendwo zwischen Herz, Bauch und Verstand ankommt und haften bleibt. Ja, es geht ein wenig mystisch zu auf dieser Platte!

Und sie beginnt für derart filigrane Popmusik überraschend mit dem Track Bisher. Er dauert keine zwei Minuten und die Stimme wird durch eine nicht zu knappe Portion an Autotune verzerrt. Im weitesten Sinne ist es à cappella, bei dem die bearbeitete aber dennoch prägnante Aussprache von Ariel ein wichtiges Leitmotiv für dieses Album darstellt. Mit Keramik folgt ein wirklich toller Popsong! Seit Tagen höre ich diese Platte und mir fällt bei bestem Wissen keine vergleichbare Band ein. Klar, ich bin kein Lexikon, aber das ist mir schon länger nicht passiert und gefällt mir unheimlich gut. Keramik kling ungefähr so: Auto-Drums, sanfte Bass-Linien und andere elektronische Effekte, die ein extrem ruhiges und harmonisches Gesamtbild abgeben. Der erstklassige Refrain und das bestechende Songwriting hören sich dann so an:



Auch die 'kleineren' Song wissen schnell zu gefallen, sowohl das eineinhalb minütige Himmel oder Tausend Formen, das mit einer Mischung aus ruhiger Strophe und kontrastvollem Refrain zu überzeugen weiß.
Für herausragende Texte eignen sich Neue Wildnis (bittebittebitte ganz genau hinhören, s.u.) und Instrument mit Zeilen wie: "Seit ich des Suchens müde war / Erlernte ich schnell das Finden." Da steckt eine Menge Weisheit und Wahrheit drin!
Irre catchy ist zudem Anlegen. Das Album, der Sound, die Band laden eher zum Verweilen, Träumen, Nachdenken ein, doch es gibt immer wieder - so wie hier - Takte und Melodien, die durchaus zum Tanzen einladen. Und eine bessere Zuschreibung als 'karibisches Flair' fällt mir für den Titelsong auch nicht ein. Das war - positiv gemeint - nicht erwartbar. Auch die verzerrte elektronische Gitarre im zweiten Refrain ist überraschend passig trotz aller Dezenz.

Heimlich, still und leise ist Ariel Oehl und Hjörtur Hjörleifsson hier ein ganz phantastisches Album gelungen, das im Klang und Text ganz wunderbar fein ist und bei beidem immer wieder extrem zu überraschen weiß, ohne dass der sehr harmonische rote Klangfaden reißt. Hut ab!
Sie sind demnächst auf Tour. Einen Besuch - ich hoffe, das ist hier klar geworden - lege ich euch sehr ans Herz!

14.02.2020 München, Milla
15.02.2020 Stuttgart, Club Cann
18.02.2020 Nürnberg, Stereo
19.02.2020 Bremen, Lagerhaus (Wir sehen uns im Viertel!)
20.02.2020 Hamburg, Hafenklang
21.02.2020 Berlin, Kantine im Berghain


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