Samstag, 19. Oktober 2019

Angel Olsen - All Mirrors

Foto: Cameron McCool
(ms) Ein Bild in schwarz/weiß. Ein nicht wirklich entspannter Gesichtsausdruck, der schwer zu deuten ist. Die Hände über dem Kopf verschränkt. Ein schwarzes Oberteil. Die einzig hellen Stellen bilden die Handinnenflächen, oben in der Mitte. Doch es ist kein Heiligenschein, den Angel Olsen auf All Mirrors formt, das Cover ist noch dunkler (s.u.). Es sind 11 Lieder voller Kraft, Magie, Düsternis und musikalischem Sachverstand. Kaum verwunderlich, denn die 32-jährige Amerikanerin veröffentlichte vergangenen Freitag ihr fünftes Album seit 2011, extrem reife Leistung! Diese verlagert sich in jeden einzelnen Track. Denn die Platte hat kaum Schwachstellen. Ein paar Pausen schon, aber sie sind an genau den richtigen Stellen platziert. So startet All Mirrors selbstbewusst mit der ersten Single und dem Aushängeschild des Albums, Lark. Mit sanftem Gesang startet das Lied, Gitarre, Streicher und ein etwas zurückhaltender Beat bilden die ersten Takte. Ab Spielzeit 1:20m bricht ihr lauter, inbrünstiger Gesang heraus, deren Dramatik von der Musik untermauert wird. Die Geigen schwirren, die Pauke wird bestimmendes Rhythmusinstrument und nimmt sich dann wieder zurück. Crescendo, Decrescendo. Die 6:19m von Lark werden zur Berg- und Talfahrt. Die durchaus düstere Stimmung wird im Wesentlichen von den Streichern und Olsens enormer Stimmvariation geprägt. Das wiederholende Dream On zum Ende wirkt beinahe paralysierend.



Angel Olsens Stimme erinnert phasenweise - zum Beispiel auf dem titelgebenden Track - wie Lana del Ray. Der Sound wird von Synthies, Bass, Percussion und vielen Streichern geprägt. Immer wieder verschmelzen all diese Elemente zueinander. So entwickelt diese Musik ihre Kraft und die düster-dramatische Atmosphäre bleibt somit erhalten. Bilder von Thrillern, die mysteriös im Wald spielen: dicht, unheimlich, nichts ahnend, was als nächstes kommt, eine Lichtung oder der Abgrund.
Nach dem phänomenalen Start kommt das etwas melodischere Too Easy, es ist eine kleine Pause, kein Bruch. Phasenweise lehnt sich die Stimme an französischen Chanson an, dazu werden die Streicher leicht rausgenommen, verzerrte Keyboardsounds reingespielt.
Cover von All Mirrors
 Vielseitig sind Geige, Cello und Co. eingesetzt. Mal als Basis des Klangs, mal als Überraschungsmoment, wenn sie das eher ruhige New Love Cassette in der zweiten Hälfte aufregend brechen. Das hier ist extrem klug arrangiert!
Auch in den anderen Tracks (Spring, What It Is) sind die Akzente genau richtig gesetzt. Der hohe künstlerische Anspruch macht sich dadurch bemerkbar, dass man als Hörer neugierig bleibt. Es sind die Variationen in den prägenden Instrumenten pro Track und die darum gebauten Klangstrukturen.
Impasse greift das Nebulöse aus den ersten beiden Liedern wieder auf. Ein langsamer Track, was bei Olsen jedoch nicht heißt, dass es lahm oder langweilig zugeht, im Gegenteil. Das zum Teil sehr geringe Tempo bringt die dunkle Stimmung erst gebührend zur Geltung.
Bei der durchweg dunklen, angespannten Stimmung ist Melancholie kein Thema; es kommt nur bei Tonight leise zutage. Von einem Titel wie Endgame hätte ich etwas mehr Wumms erwartet, doch das Ausbleiben dessen wirkt sich negativ auf das Gesamterlebnis aus.



Zugegebenermaßen kannte ich Angel Olsen nicht, bevor uns ihre Musik zugespielt wurde. Nach mehrmaligem Hören bin ich absolut fasziniert, ein tolles Album. Das Mysteriöse, Dunkle, beinah Unheimliche ist genau das richtige für die anstehende Jahreszeit, wenn es morgens kühler und nachmittags früher dunkel wird, dann sorgt diese Platte genau für den eisigen Schauer, der den Rücken runtergeht. Man darf hochgespannt sein, wie Angel Olsen das mit Band live umsetzt. Denn: der Sound ist komplex, die Arrangements vielschichtig. Doch die Dynamiken werden sicher großartig herauskommen, wenn sie auf der Bühne steht.
Hier kann man sich kommendes Frühjahr davon überzeugen:

29.01. - München, Kammerspiele
30.01. - Berlin, Huxleys Neue Welt
05.02. - Hamburg, Gruenspan

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