Donnerstag, 1. November 2018

Erobique - Tatortreiniger Soundtracks

Foto: Yvonne Schmedemann

yvonneschmedemannfotografie(ms) Ein Mal habe ich mir einen Soundtrack gekauft und zwar den von Konstantin Gropper (Get Well Soon), den er für die französische Serie Xanadu geschrieben hat. Von der Serie habe ich - so weit es die Erinnerung hergibt - vielleicht nur die erste Folge gesehen, hat mich auch echt nicht interessiert. Wann genau ich diese Lieder das letzte Mal gehört habe, weiß ich auch nicht mehr. Zumindest habe ich sie als sehr gut abgespeichert.
Es gibt tausend geniale Soundtracks zu Filmen, Serien, mitunter auch Dokumentationen. Zugegebenermaßen bleiben sie aber bis auf wenige Ausnahmen nie so richtig haften, die schauspielerische Leistung, das Drehbuch, der Witz, die Dramatik, die Handlung stehen ja logischerweise im Vordergrund. Was kann die Musik also leisten? Hm, dumme Frage, denn es ist eine Menge. Sie kann jede Szene wesentlich emotionaler machen, unterstreichen, den nötigen Ernst einhauchen, die Spannung steigern oder bizarr mit ihr brechen so wie Tarantino das ja gerne macht. Falls man mal einen Film ohne jegliche Musik gesehen hat, weiß man auch was die Abwesenheit dessen bewirken kann. Also: Soundtracks laufen irgendwie nebenbei, sind aber oft unerlässlich. Damit sind nicht nur einzelne Lieder gemeint, sondern auch das, was in dieser Thematik Score genannt wird, also die Filmmusik an sich, das was mal so rein schneit.

Nun erscheint kommende Woche Freitag (9. November) eine Platte, die viel mehr ist als reine Filmmusik, auch wenn sie es im Wesen natürlich bleibt. Denn zum ersten Mal veröffentlicht Carsten - besser bekannt als Erobique - Meyer zwanzig Tracks aus der grandiosen Serie Tatortreiniger. Darin putzt Bjarne Mädel an Tatorten die unterschiedlichsten menschlichen Überbleibsel weg, worum es jedoch gar nicht geht. Denn die Angehörigen oder Anwesenden an diesen Orten sind oft nicht nur geniale Schauspieler (Milan Peschel, Matthias Brandt, Fritzi Haberland, Anna Schudt...), sondern verwickeln Heiko "Schotty" Schotte in die wunderbarsten Dialoge, die das deutsche Fernsehen in den letzten Jahren gehört hat. Stets ist Witz und Komik dabei, wäre bei Regisseur Arne Feldhusen (u.a. Stromberg) ja auch gar nicht anders zu denken, doch oft haben die Gespräche auch viel Tragik, viel Philosophie, viel hartes, echtes Leben zu bieten. Große Klasse.



Erobique ist schon lange im Geschäft. Seit den 90er Jahren legt er in Clubs und auf Partys auf. Zusammen mit DJ Koze und Cosmic DJ war er International Pony und unter diesem Namen wurden drei Alben veröffentlicht. Er hat mit Studio Braun und Schorsch Kamerun gearbeitet und die Musik zu der Verfilmung von Sven Regeners Roman Magical Mystery erdacht.
Tatortreiniger läuft seit 2009 auf dem NDR. Seitdem ist Erobique Teil der Mannschaft, eng spricht er sich mit Feldhusen ab, wenn sie zusammen in Meyers Studio sind, das aus allen Nähten platzt, so viele Instrumente und Raritäten befinden sich darin.

Das Cover der Platte
20 Tracks sind nun auf der Platte zu finden, manche tragen auch den Namen der jeweiligen Folge (Schottys Traum, Emma, Der Schamane...), sodass der Wiedererkennungswert mit der Serie sehr hoch ist. Logisch auch, dass der erste Song das Titelthema der Serie ist, das woanders immer wieder auftaucht, zum Beispiel auf Rein in die Westernstiefel. Auch logisch, dass die Lieder mitunter kurz sind, wenn zwanzig Stück auf vierzig Minuten Musik passen. Mit Sophia Kennedy hat er sich sogar eine bekannte Stimme geliehen, die mysteriös daher singt (Im Wald).
Stark ist immer wieder, wie breit gefächert Carsten Meyers Können ist. Mal geht es unheimlich catchy und voller Groove zu (Ja, ich will oder Clouds of Ecstasy), mal ist es die Definition von Easy Listening (Schottys Traum), dieser herrlichen Musikrichtung. An anderen Stellen überzeugt eine ansteckende Klavierhook (Schotty in Manchester). Stets ist das Ungewisse, Kreative, wunderbar Merkwürdige, was in den Drehbüchern steht auch in der Musik wiederzufinden; Erobique beweist häufig ein brilliantes Gespür dafür. Denn auf Scheibenwischer kann man sich Schotty bildlich vorstellen, wie er in dem weißen, kleinen Auto sitzt, wo hinten die große Kiste, diverse Putzbehälter, eine Leiter und allerhand anderer Kram liegen, und dabei von Tatort zu Tatort düst. Regisseur Feldhusen ist auch versteckt dabei, denn auf Der Ameisenmarsch steuert er ein Pfeifen dabei. Dieses Lied charakterisiert das nicht ganz so ernstzunehmende Wesen der Sendung, es wird hier perfekt in Szene gesetzt.

Ob dieser Soundtrack auch losgelöst von der Serie funktioniert bleibt die heikle Frage am Ende. Ich glaube: Nein. Denn er ist genau dafür geschrieben, also ist die Grundausrichtung schon sehr funktional. Kennt man die Serie jedoch, ist es einfach sich durch die Musik an bestimmte Szenen zu erinnern. Zudem kann man froh sein, dass Carsten Meyer endlich mal wieder ein Beispiel seines Könnens, seiner Kreativität auf Platte gebracht hat!

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