Dienstag, 12. September 2023

Fortuna Ehrenfeld - Glitzerschwein

Foto: Christian Ohlig
(Ms) Übersättigung. Selbst wenn etwas richtig Gutes für einen bestimmten Zeitraum zu viel wird, vergeht die Lust irgendwann daran. Dann stumpft man ab. Die Reaktion wird träge. Die Emotion etwas taub. Von Begeisterung oder Vorfreude keine wirkliche Spur. Es wird abgenickt, wahrgenommen, ad acta gelegt.

So ging es mir zuletzt mit Fortuna Ehrenfeld. Beim Album Helm Ab Zum Gebet war ich vollkommen aus dem Häuschen. Was für ein wunderschönes, rundes Werk, das den Klang der Band hervorragend eingefangen hat! Dann kam das französischsprachige Pendant. Zwei Jahre später Die Rückkehr Zur Normalität, die mich schon gar nicht mehr so doll abgeholt hat. Es folgte im letzten Jahr Solo I. Und nun geht es weiter mit Glitzerschwein, das am Freitag (8. September) auf dem eigenen Label herauskommt. Zum Einen verstehe ich, dass die ganzen Ideen, Verse, Melodien, Rhythmen und Gedanken irgendwo hin raus müssen. Am besten in Liederform und nicht nur für sich allein. Doch die Band, die mich seit einigen Jahren vollkommen vom Hocker haut - diese heilsame Lyrik!!! - holte mich mit der Ankündigung zur neuen Platte gar nicht mehr ab. Ich war voll. Voll von Fortuna. Voll von Shalala. Voll von Halleluja. Voll von den ganzen repetetiven Momenten aus dem eigenen Kosmos. Sie haben mich alle nicht mehr abgeholt. Hör mir bloß auf mit Fortuna Ehrenfeld, diesem ganzen Köln-Gedöns, den Schlafanzügen, den Rotweinflaschen. 

Pause. Stop. Mal eben durchatmen. Nur weil mir der Output der Band zuletzt zu viel war und ich das alles gar nicht aufsaugen konnte und wollte, heißt es nicht, dass ich der neuen Platte gar keine Chance gebe. Also, alles auf Null, mal eben an die zahllosen großartigen Konzertkomente erinnert (Strandkorb in Wilhelmshaven, Kirche in Köln, Kneipe in Rheine, Knust Openair undundund…). Okay.
Glitzerschwein also. Wie gesagt, die Band hat sich einen eigenen Kosmos erschaffen und lebt darin. Schon okay, dass die Platte so heißt wie ein Schlachtruf von vor ein paar Jahren. Es bleibt ja auch nicht allein beim Alten. Elin Bell ist die Neue. Die Neue an den Tasten. Daher steigt schon die Spannung, ob das denn eine Auswirkung auf den Klang, den Swing der Gruppe hat.

Hat es nicht. Und das ist eine gute Nachricht. Alles schwingt herrlich so weiter, wie man es von dem Trio gewohnt ist. Mal rasten sie aus. Dann rasten sie wieder ein. 12 neue Lieder sind auf der Platte zu hören. Einige sind großartig, andere skippe ich weg. An Der Ecke Bellt Ein Hund ist der Starter und es erklingt ein wunderbar weiches Klavier, hach, diese Töne. Ich habe sie doch vermisst! In den ersten knapp drei Minuten wird mal wieder klar, was dabei herauskommt, wenn Martin Bechler mit Worten Tetris spielt: Kunst! Selten war deutschsprachige Popmusik in den letzten Jahren so poetisch. Verse aus dem Herzen, vom Schmerz und von der Liebe. Als Unsere Gegenwart Science-Fiction War enthält genau den Sound, der mittlerweile Alleinstellungsmerkmal der Gruppe geworden ist. Entspannte Orgel, entspanntes Schlagzeug, entspannte Akustikgitarre, sodass der Text schön im Vordergrund stehen kann. Ein eher unaufgeregtes Lied bis auf die letzte Zeile der letzten Strophe: „Alles, was ich suchte / konnt ich in dir finden / Lass mich nochmal schaun / und dann lass mich erblinden.“ PENG!
Zur Interpretation von Bechlers Texten gehört natürlich auch immer Spekulation. Ich spekuliere, dass Straßen Lang Wie Segeltau eine der großen Hamburg-Hymnen ist. Ein Gang nach Hause nach einer durchzechten Nacht über die Flaniermeilen. Träumen, schwelgen, ausnüchtern, fliegen. Stark sind die Lieder natürlich dann, wenn sie ganz nah am Schreiber selbst sind. Auf Revolution No. 9 öffnet sich Bechler eventuell sehr mal wieder sehr stark oder zeigt ungefiltert seine textlichen Stärken. Oder beides, hoffentlich. Fast noch nie hat er einen Text so sprechend vorgetragen, hier wird nicht gesungen. Einige Worte übersteigen meinen intellektuellen Horizont, aber das ist schon okay. Trotzdem/deswegen ist es schön. „Ich sterbe für die Liebe / Und ich blute auf Papier!“ PENG PENG! Aufm Park & Ride Von Golgatha ist nicht nur ein herrlich verträumtes Liebeslied, sondern auch ein sehr harmonisches Duett von Martin Bechler und Elin Bell. Diese beiden Stimmen bilden eine wunderschöne Ergänzung. Zuletzt packt Bechler all seinen Welt- und Liebesschmerz in seiner Stimme auf Tragically Hip… und dann ist das Album vorbei.

Wobei das ja nicht ganz stimmt. Mit den anderen, hier ausgesparten Liedern kann ich einfach nichts anfangen. Ich skippe sie, brauche sie aus verschiedenen Gründen nicht hören. Sanfte Tastentöne bei Leck Mich Am Arsch, Amore Mio, aber mehr irgendwie auch nicht.
Wir Propagieren Den Exzess kann weg… „Endless Love By Ordnungsamt“, was soll das?! Das Technogedingel aus den Konzerten nun auf Platte, aber das nervt ja schon bei den Konzerten… Autobahn hat nichts mit Kraftwerk zu tun, auch sehr schön, aber das war es dann auch. We Need To Go Maraca… dieses krasse Geballer brauche ich einfach nicht von dieser Band. Queen Of Fucking Everything klingt zwar super schön und auch einzelne Verse sind toll, aber ich komm nicht so recht dahinter. Wir Müssen Uns Bewegen… Ja, zum nächsten Lied!

Puh, was nun anfangen mit dem Glitzerschwein? Selten stand ich einem Fortuna Ehrenfeld-Album gespaltener gegenüber. Von Beginn bis zum Ende. Die Hälfte haut mich vom Hocker, die andere geht so vorüber. Aber das sind sie… die feinen Unterschiede der subjektiven Wahrnehmung. Dass Martin Bechler immer noch ein großer Poet ist, zeigt er schonungslos. Dass die Band sich auch ein wenig weiter entwickelt hat, ist auch zu hören. Mir gefällt es nicht so, aber was soll das schon. Gerne überzeuge ich mich demnächst wieder live davon:

28.09.2023 - Lido, Berlin
29.09.2023 - Kupfersaal, Leizpig
30.09.2023 - Beatpol, Dresden
12.10.2023 - TOWER Musikclub, Bremen
13.10.2023 - Knust, Hamburg
14.10.2023 - Musikzentrum, Hannover
15.10.2023 - Gloria, Köln
19.10.2023 - Z-Bau, Nürnberg
20.10.2023 - clubCANN, Stuttgart
21.10.2023 - Ampere, München
22.10.2023 - Brotfabrik, Frankfurt am Main
29.10.2023 - Gloria, Köln




Samstag, 9. September 2023

Live in Oldenburg: Gisbert zu Knyphausen

Foto: luserlounge
(Ms) Alte Bekannte treffen. Bei einigen ist es immer schwer, wieder ins Gespräch zu kommen. Dann werden alte Geschichten aufgewärmt und gemeinsam schwelgt man in Nostalgie. Doch es gibt auch jene, die man lange nicht gesehen hat und beim wieder stattfinden Aufeinandertreffen ist sofort Verbundenheit da.
Das gibt es auch in der Musik. Diesen Mittwoch war das so mit Gisbert zu Knyphausen, den ich schon ein paar Jahre nicht gesehen habe. Aber es war sofort so, wie erdacht und erhofft: nah, schön und hart. Diese Woche war er auf kleiner Tour in eher ungewöhnlichen Städten: Oldenburg, Darmstadt, Lindau, Erlangen, Dresden. Um die Metropolen herum. Vielleicht dann genau dort hin, wo er sich wohl fühlt.
Am Mittwoch war er in der Kulturetage in Oldenburg. Ein schöner Laden in Bahnhofsnähe, bestuhlt und gemütlich. Es ist sogar möglich auf dem Oberrang zu sitzen und das wurde dann auch in die Tat umgesetzt - wie sich zeigte, eine gute Idee.
Denn Gisbert zu Knyphausen war nicht alleine unterwegs, sondern Karl Ivar Refseth war mit dabei. Er spielte Vibraphon und steht auch regelmäßig mit The Notwist auf der Bühne. Ich sah sie auch schon vor vielen Jahren bereits zusammen und konnte mich erinnern, dass Gisberts Stimme, Gitarre und Vibraphon eine sehr gute Kombination ist. Zusammen erzeugen sie einen warmen, sphärischen und sehr ruhigen Klang. Das perfekte Setting für seine oft so melancholischen oder ausweglosen Texte. Ja, das ging ganz schnell, dass all diese Zeilen wieder vor dem inneren Auge aufploppten. Über gut eineinhalb Stunden spielte er sich durch seine Diskographie und zwei, drei neue Stücke waren auch dabei. Ja, er hat ein bisschen das ausgekramt, was länger schlief, denn mit seinen eigenen Liedern war er länger nicht auf Tour. Umso schöner, dass der Abend so gut besucht war. Den Menschen taten diese Lieder, die das Herz auch mal gerne übel treffen, wohl gut. Sie haben leidenschaftlich applaudiert, während Gisbert unter der spätsommerlichen Hitze litt.
Was mich an dem Abend jedoch beschäftigt hat, war das Vibraphonspiel von Karl Ivar Refseth. Dafür war der Platz oben wie gemacht Er steht vor seinem Instrument und rechts neben ihm ist eine kleine Ablage. Vier weiße Schläger. Zwei schwarze, drei rote, zwei Drumsticks, zwei Ketten und zwei eher kleine Geigenbögen. Es hat mich fasziniert, wie er sein Instrument spielte. Sanft und versunken. Zart und dann wieder knarzend. Und mit sehr viel Bedacht, ja Liebe, könnte man sagen. Wie aufmerksam er die Schläger auf die Töne haute, was das für einen Klang erzeugte… Das war großartig, selten gesehen. Und die perfekte Begleitung, um Gisberts Texte in all ihrer Schönheit und Härte in Szene zu setzen! Ein unsagbar schöner Abend!

Freitag, 8. September 2023

KW 36, 2023: Die luserlounge selektiert

Quelle: Wikimedia.org
(Sb/ms) Ha! Ja! Das ist der perfekte Quatsch, über den ich mich leidenschaftlich aufregen kann. Also los:
Letztens einer beruflichen Besprechung beigewohnt. Zwei Stunden, mäßig sinnvoll. Ich schau halt so rum, aus dem Fenster, spiele mit dem Kuli. Doch dann blinkte etwas drei Stühle weiter auf. An einem Handgelenk. So eine Smartwatch. Das ist ein ganz eigenes Thema. Mir geht es nur darum, was ich darauf lesen konnte. Irre! Wahnsinn! Da stand echt drauf: „Zeit aufzustehen.“ Dazu passenderweise ein Pfeil nach oben, damit auch allen klar ist, dass ‚aufstehen‘ und ‚nach oben‘ irgendwie zusammenhängt. Fassen wir also zusammen: Die Uhr gibt Befehle, wann die Kollegin sich zu bewegen hat. Die kann bestimmt auch sagen, wie lange sie unterwegs sein muss, damit die Uhr wieder zufrieden ist und klein bei gibt. Nicht, dass sie sich von alleine enger stellt, triezt, piekst. Ja, vielleicht mag es ja Menschen dabei helfen, sich ein wenig mehr zu bewegen, das mag alles sein. Vielleicht ist es für einige ja super und ein guter Motivator. Doch wenn ich da so sitze und diese Befehle sehe, dann sehe ich die Menschheit auch ein Stückchen weiter an der Absage zur Selbstbestimmung.

Dirty Sound Magnet
(Ms) Richtig in Musik eintauchen. Tief und versunken. Einige Genres sind dafür prädestiniert, ja, tragen dieses Gefühl sogar im Namen: Psychedelische Musik. Okay, das ist eher eine Beschreibung anstatt ein klares Genre, denn die Instrumente, die genutzt werden können, um einen psychedelischen Zustand zu erreichen, sind gänzlich unterschiedlich. Krautrock hat es meines Erachtens mit Synthesizern oder klassischer Bandbesetzung geschafft. Und auch in der Rockmusik sind viele Beispiele zu finden. Heute ist es Dirty Sound Magnet, die zwei wichtige Säulen der psychedelischen Musik super verinnerlicht haben. Zum Einen sind es die stetigen Wiederholungen, insbesondere in der Basslinie, zum Anderen sind es lange Lieder, auf denen sich solch eine Spielweise halt auch richtig ausleben lässt. Das Trio aus der Schweiz veröffentlicht am 20. Oktober ihr neues Album Dreaming In Dystopia und es könnte richtig, richtig gut werden, wenn die Linie, die in der Single Insomnia verfolgt, aufrecht gehalten wird. Es ist abwechslungsreich und fetzt - was will man mehr…


Enno Bunger
(Ms) Was tun? Im Hier und Jetzt. Schaue ich in die Nachrichten, will ich sie direkt wieder aus machen. Nur Apokalypse. Klima. Kriege. Wirtschaft. Bildung. Alles geht den Bach hinunter. Viele leiden, wenige profitieren. Ekelig und bedrückend. Was also tun? Lese ich alles nach? Lasse ich mich jeden Tag aufs Neue herunterziehen? Stelle ich mir die Frage, ob meine Freizeitaktivitäten in solchen Zeiten noch angemessen ist? Darf ich das alles? Darf ich auch mal sorglos sein? Verzweiflung oder Trotz? Ich wähle letzteres und bin damit auf der Seite von Enno Bunger, der endlich mal wieder ein neues Lied für die Welt hat, in dem es genau um diese Gegensätzlichkeiten geht. Passenderweise heißt das Stück auch Weltuntergang, tut aber gar nicht so weh. Denn: „Alles hört auf, komm, wir fangen was an.“ Ist es nicht diese Einstellung, die uns hilft?! Natürlich müssen wir uns um all das kümmern und einen Teil dazu beitragen. Uns kann das Elend der Welt nicht egal sein, aber durchzechte Nächte dürfen wir dafür nicht abhaken! Augenmaß und Weitblick sind maßgeblich. Oder?
Natürlich wird eine Single nicht einfach so in die Welt hineingepustet. Enno Bunger hat auch was anzukündigen: Eine Tour und ein eigenes Label und sicher auch bald die Nachricht, dass auf diesem neuen Label ein neues Album erscheint. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Weltuntergang!



Voodoo Beach
(Ms) Die gute, alte Frage: Wann reinhören? Wann lauter machen? Wie kommt der Punkt, dass Musik mich packt? Manchmal ist es die Musik an sich, manchmal sehr gute PR. Manchmal beides. So wie just im Falle von Voodoo Beach, die ich so gar nicht kannte. Die Band wird tituliert als Dark Psychdelic Rock Trio. Yes, da bin ich dabei. Und hätte nie gedacht, dass sie auf Deutsch singen. Auch ohne Gesang packt mich der Sound unmittelbar, denn er ist ungeheuer dicht und kompakt. Dunkle Gitarre, satter Bass, ein Schlagzeug das schleppt und schleppen soll. Für mich ein ganz klares Zeichen, dass die Drei extrem gut miteinander harmonieren, sonst lässt sich so ein Sound eventuell gar nicht erzeugen. Dann der Titel der neuen Single: Die Hand. Yes, hat irgendwie was programmatisches. Der Inhalt des Textes ist nicht mal so tiefgehend. Aber so wie er dargeboten wird, vom Singtempo und dem angesprochenen Sound, kommen die einfachen Zeilen hammerhart zur Geltung. Boah, macht das Bock! Ich bin sofort dabei und freue mich jetzt schon ungemein auf das neue Album Wonderful Life, das am 1. Dezember erscheint. Wuhuuuu!



Moop Mama & Älice
(Ms) Lebt dieser Brass-Sound eigentlich noch? Irgendwie beschlich mich das Gefühl, dass die Zeit von Moop Mama und Co nicht mehr so glänzen. Hach, so kann ich mich täuschen! Denn so, wie Moop Mama hier klingen, habe ich sie lange nicht gehört. Liebe ist natürlich immer noch dabei, aber der Klang an sich ist viel satter, voller, krasser geworden. Tiefer, deftiger, geht mehr durch Mark und Bein. Und macht ja auch ein bisschen mehr Bock, wenn noch mehr Leute als ohnehin dabei sind. So machen Moop Mama gemeinsame Sache mit Älice, die von Chefboss bekannt sein sollte. Wozu gemeinsam singen? Klar, darüber, dass Zusammenhalt eine Tugend ist, die niemals enden wird! Bildet Banden heißt der neue gemeinsame Track, der so richtig geil ballert. Ja, anders kann man es kaum sagen. Hier kommen Spielfreude, Haltung und Tanzwut im genau richtigen Maße zusammen und davon kann man sich bald hier wieder überzeugen. Große Empfehlung!

08.11.23 Hannover, Faust
09.11.23 Köln, Stadtgarten (ausverkauft)
10.11.23 Karlsruhe, ARD Hörspieltage
11.11.23 Erlangen, E-Werk
12.11.23 Hamburg, Mojo
14.11.23 München, Ampere (ausverkauft)
15.11.23 Regensburg, Alte Mälzerei
16.11.23 Stuttgart, Club Dann



Monta
(Ms) Überraschung! Ich dachte erst, dass ich das falsche Lied erwischt habe, aber es ließ keinen Zweifel zu. Titel und Interpret waren korrekt eingegeben. Dann… etwas später habe ich auch die Stimme erkannt. Die Stimme, die mich schon so viele Jahre begleitet und mir gut tut. Es ist die Stimme von Tobias Kuhn und seinem Projekt Monta. Vor fünfzehn Jahren kam sein überragendes Album Where Circles Begin raus (das jetzt übrigens erstmals auf Vinyl erscheinen wird - kauft das bitte!), ein Nachfolger noch, dann die lange Stille und nun werden alte Pfade wieder begangen. Doch halt auf überraschende Weise. Der Name und die Person sind die selben. Doch kaum wieder zu erkennen. Viel positiver und leichter ist der Klang. Viel poppiger das Arrangement. Hinfort ist die Schwermut und Melancholie. Schon ein paar neue Lieder gab es in den letzten Wochen und Monaten zu hören. Doch bei Every Little Lie Hits Before It Hurts ist nochmal etwas ganz Neues. Es ist super radiotauglich und könnte von allerlei anderen Barden kommen. Doch es ist Tobi Kuhn und niemand anders. Sonst hätte ich wahrscheinlich nicht nochmal hingehört, weil es auch etwas belanglos klingt, aber da schwingt etwas mit, eine alte Begeisterung, ein alter Kniefall vor seiner Kunst, dass dieses Lied weiter klingt als gedacht…

Freitag, 1. September 2023

KW 35, 2023: DIe luserlounge selektiert

Quelle: de.Wikipedia.org
(Sb/ms) Nachts mal aufwachen ist gar nicht so schlimm, wenn es dann direkt mit Schlaf weiter geht. Einmal orientieren oder auf die Uhr schauen. Viel fieser ist es, wenn das Einschlafen an sich behindert wird. Und das durch miese, kleine, unberechenbare Geräusche. Dieses elendige summen, surren, säuseln. Ein Schlag nach dem Mistvieh, natürlich nicht getroffen. Dann wieder von vorne. Licht an. Die Suche beginnt, ist erfolgreich, die Decke wieder über dem Körper, die Wärme kehrt zurück. Doch leider auch dieses grauenhafte Geräusch. Bah, ich kann es nicht mehr ab. Diese blöden Mücken mit ihrem grauenhaften Geräusch. Wer hat die Dinger eigentlich erfunden?! Sie dienen im Tierreich doch nur als Nahrung. Oder? Warum dürfen die dann stechen und uns dann den Schlaf rauben? Ich wünsche mir hiermit eine Lösung für diese Nächte!


Hannes Wittmer
(Ms) Ab und zu kommt die Frage, welches denn nun das beste Konzert sei, auf dem man je gewesen wäre. Aufgrund von großen Unterschieden der Genre - nie würde ich Sigur Rós, Ghost und Kettcar vergleichen - ist das gar nicht möglich. Doch recht schnell ist ein wunderbarer Abend mit Hannes Wittmer im Hamburger Nachtasyl in Erinnerung. Zum Einen herrschte eine furchtbar nahe Atmosphäre im Publikum und zwischen Wittmer und allen Gästen. Dann kommt seine Art dazu, wie er spricht, singt, ansagt. Zum Anderen durften Menschen aus dem Publikum mitsingen, also ins Mikro auf der Bühne. Die Grenzen verschwammen, das Herz blieb stehen, es war ganz heimelig, vertraut, geborgen, mehr als Musik. Es war zuletzt ein wenig Still um Hannes Wittmer, er musste sich wohl neu sortieren. Doch nun ist ein Lied draußen, das er anlässlich des 20. Geburtstages vom Grand Hotel Van Cleef aufgenommen hat. Marcus Wiebuschs Was Hätten Wir Denn Tun Sollen hat auch schon Jürgen Vogel mit der Hansen Band gesungen und nun ist es Hattes Wittmer, der selbst dazu viel bessere Worte hat als ich. Seinen Blog zu lesen ist eh eine große Empfehlung. Genauso wie dieses Lied zu hören:


Get Well Soon & Tristan Brusch & Lie Ning
(Ms) In der doch recht langen Zeit, wo dieser Blog existiert, habe ich noch nie Werbung für ein einzelnes Konzert gemacht, auf das ich nicht gehen werde. Nicht gehen werden kann. Unter der Woche, no Chance. Am 2. November solltet ihr alle nach Düsseldorf fahren in den sehr schönen Robert-Schumann-Saal, direkt hinterm Rhein. Er ist einer der Veranstaltungsorte vom toll besetzten New Fall Festival. An diesem Donnerstag werden Get Well Soon, Tristan Brusch und Lie Ning sich die Bühne teilen. Was für eine enorme Kombination, was für eine Wucht, was für eine tolle Schönheit! Konstantin Gropper und Band geben an jenem Abend ihr zweites Konzert in diesem Jahr, da sollte man zuschlagen. Ob alle Künstler zusammen spielen werden, weiß ich nicht, aber ich wünsche es mir. Lie Ning kenne ich leider gar nicht. Aber allein die Vorstellung, dass Gropper und Brusch zusammen singen könnten, ist frech! Daher: Bitte alle hin da und einen wohl phänomenalen Abend erleben!


Ghost Woman
(Ms) Wo landen eigentlich alle die verwackelten Videoaufnahmen, die die Menschen pausenlos machen?! Die Antwort ist hier, im neuen Musikvideo von Ghost Woman zum Track Alright, Alright. Nun gut, ums Video geht es hier selbstredend nicht, sondern um den ziemlich starken Song. Zufällig sah ich das Duo vor ein paar Wochen beim Watt en Schlick Fest und war schnell ziemlich angetan, auch wenn ich für den Sound der Band viel zu nah vor der Bühne stand. Denn es war reichlich laut. Das, was Evan Uschenko und Ille van Dessel da machen, hat Wucht. Das ist die Definition von Dichte in der Rockmusik. Zahlreiche Verzerrer und Effektgeräte nutzt Uschenko, anders ließe sich dieser Klang nicht erzeugen. Dazu das unsagbar lässige Schlagzeugspiel von van Dessel und fertig ist diese Musik mit hohem Wiedererkennungswert. Der hypnotische Track ist die Ankündigung zum neuen Album Hindsight Is 50/50, das am 24. November erscheinen wird. Beeindruckend: Das Duo schafft es, ihren genauso gewollten, meist improvisierten Klang - der Gesang ist fast obsolet - im Studio und auf der Bühne gleich umzusetzen! Dreht das auf!


Adam Angst
(Ms) Was machen Die Ärzte eigentlich gerade? Ich glaube, sie spielen eine Hallentour oder so. Naja, ist mir auch relativ egal, weil ich mit der Band ohnehin nie was anfangen konnte. Wie komme ich drauf?! Es hatte den Anschein, dass ihre neue Single heute rauskommt. Doch dann musste ich nochmal auf den Interpreten gucken und habe festgestellt, dass Wir Sind Zusammen ja gar nicht von den Ärzten gespielt wird. Klingt aber extrem danach. Nein, hier sind Adam Angst am Werk und hauen den nächsten Track raus, um die Wartezeit auf ihr neues Album Twist (17. November) zu verkürzen. Der Text passt irgendwie zu beiden Gruppen, ein bisschen Ironie, oder doch nicht?! Ist es ernst gemeint, was Felix Schönfuss hier proklamiert? Die Pärchen, die hier besungen werden, kennen wir alle, glaube ich. Doch für ein Adam Angst-Stück ist fehlt mir doch ein bisschen mehr Härte in den Gitarren, auch der ‚Chor‘gesang zwischendurch muss nicht sein. Nun gut, es ist einfach nicht nach meinem Geschmack und das ist ja eine heikle Sache beim Musikhören und -darüberschreiben… Also, Bitteschön:

Freitag, 25. August 2023

KW 34, 2023: Die luserlounge selektiert

(ms/sb) Dies ist ein Platzhalter. Und dieser Platzhalter, diese kleine Einleitung, die oft nichts direkt mit Musik zu tun hat, hat diese Woche kein Thema, weil die Idee fehlt. Trump mal wieder angeklagt? Putsch in Niger? Der mögliche Tod des Wagnerchefs? Streit in der Politik? Ätzendes Wetter zwischen Regen und Hitze? Aufregen über Nebensächlichkeiten? Keine richtige Meinung finden zum aktuellen Spiel von Sankt Pauli? Geschichten der Handwerker, die bei mir werkeln? Geschichten aus dem Beruf?! Nein, die gibt es heute alle nicht, sondern mal wieder richtig gute Musik. Voilà:
 
Calman
(sb) August 2020, Kann grad nich - Schockstarre! Was für ein geiles Album von A bis Z! Damals wurde das Thema "Verantwortung" in allen Facetten beleuchtet, diesmal dreht sich (fast) alles um die "Sehnsucht". Ich mag, wie Calman rappt und ich mag, wie er es tut. Auch diesmal fühle ich mich bestens unterhalten, aber nicht ganz so gut abgeholt. Vielleicht erreicht mich Mensch aus Fleisch thematisch nicht vollständig, vielleicht ist es mit aber auch musikalisch zu unrund. Ich kann es ehrlich gesagt nicht näher beziffern, zumal es sich dabei um Jammern auf hohem Niveau handelt. Denn klar ist auch, dass die 14 Tracks, die sich mit emotionaler Verschlossenheit, dem Versuch des Sich-Öffnens, Sterblichkeit und natürlich der Liebe befassen, vieles in den Schatten stellen, was das Musik-Business so Woche für Woche auskotzt. Hört es Euch an, macht Euch selber ein Bild!


Mola
(sb) Oh Mola, führst Du wirklich dieses Leben, das Du besingst? Wenn ja, dann weiß ich nicht, ob ich Dich beneiden soll oder ob ich froh bin, dass es Dich noch gibt. Wie schon auf dem Vorgängeralbum erzählt die Münchnerin von Sehnsüchten, Hochgefühlen, Abstürzen und dem ganz normalen Wahnsinn des Lebens. Auch wenn diesmal die ganz großen Highlights fehlen, so gelingt es Mola auf Das Leben ist schön doch einmal mehr treffend, Gefühle zu transportieren und tut dies - nicht zuletzt dank ihrer einzigartigen Stimme - so dramatisch, dass man als Zuhörer manisch-depressive Anwandlungen bekommt. Wieder ganz, ganz stark und leider (oder Gott sei Dank?) immer noch unter dem Radar des Mainstream. Highlights: 1000 km, Letzte Kippe, Fred und Ohne mich. Das ist Populärmusik, wie sie sein sollte!


Ash
(sb) Seit mehr als 25 Jahren verfolge ich nun schon das Schaffen der Nordiren und ja, ich bin Fan. Es ist nicht so, dass Ash bei mir ständig rauf und runter laufen, aber man kann mit dem Trio aus Downpatrick einfach nichts falsch machen. Das gilt auch für das neue Album Race The Night, das einmal mehr eine Handvoll Perlen bereithält, die - ergänzt um ein paar solide Pop-/Rock-Songs - die Tradition fortsetzen. Ich hab mir das gute Stück auf einer längeren nächtlichen Autofahrt mehrmals am Stück angehört und, äh, der Fuß blieb stabil auf dem Gaspedal. Den Albumtitel zum Programm gemacht... Egal! Anspieltipps: Usual Places, Race The Night, Peanut Brain und ganz besonders Oslo.


Fatoni
(Ms) Kommt ein Album raus, sind vorher meist zwei, drei Singles bekannt, die - wenn vieles gut läuft - auch echt starke Songs sind. Kommt dann die Platte in Gänze, sind das die Orientierungspunkte. Als die aktuelle Platte von Fatoni, Wunderbare Welt, veröffentlicht wurde, ging mir die Nicht-Single Links Rechts sofort ins Ohr, weil es - wie im Text ja auch untermauert - ein geiler Banger ist und endlich wieder gehated wird. So einfach sind die Zutaten für einen starken Rap-Track! Nun ist dies endlich auch eine Single, wurde also ein wenig geadelt, herausgeputzt, zurecht gemacht. Das sind die Lieder, die auf der Tour in fünf Jahren dann immer noch gepumpt werden. Dazu gibt es das passende Video mit Ausschnitten von seinen Sommer-Openairs inklusive einiger bekannter Gesichter. Macht das laut!


Tristan Brusch
(Ms) Musik und Theater. Eigentlich keine Beziehung, die es explizit zu erwähnen gilt, weil sie so normal ist. Sie sind füreinander gemacht und funktionieren gemeinsam hervorragend. Wenn aber Bands oder MusikerInnen ins Theater gehen, um dort zu performen, wird es spannend. Wenn sie dann wiederum nicht schauspielern, sondern die Musik zum Theater machen, bin ich dabei. Das geschah schon bei Kettcar zu den Räubern oder bei Kante, die zahlreiche Stücke musikalisch begleitet haben. Nun reiht sich der famose Tristan Brusch in diese Reihe ein. Hier bleibt nichts anderes zu sagen als: Das passt zu 100%! Nicht nur, dass seine kommende Tour durch Theaterhäuser führt, auch seine Stücke haben etwas Dramatisches, etwas, das aufgeführt gehört. Nun hat er sich Woyzeck angenommen, passend zur neuen Inszenierung von Ersan Mondtag am Berliner Ensemble. 17 Stücke hat er dafür geschrieben und der erste Einblick, Ein Loch In Die Natur, klingt genauso, wie es klingen soll: kräftig, dynamisch, abgründig, auf seine Stimme und sein Timbe ausgerichtet! Wow, richtig großartig! Hier kommt wirklich zusammen, was zusammen gehört. Die ganze Platte erscheint am 22. September, einen Tag später findet die Uraufführung statt! Mal wieder nach Berlin, oder?


Marie Curry
(Ms) 3 MCs, ein DJ, nein das ist nicht Fanta4. Sondern Neonschwarz, die schon viele, viele Jahre unsagbar starken Rap abliefern. Aus Hamburgs Herzen hinaus in die Welt. Mit Punchlines und Haltung und Jogginghose und Ananas und viel, viel Groove. In der Zusammenstellung der MCs gibt es eine Besonderheit: Johnny Mauser und Captain Gips waren vorher schon im Rap aktiv, keine ganz unbekannten Gesichter. Marie Curry hingegen debütierte quasi bei Neonschwarz am Mikrophon. Auf der letzten Platte gab es dann den ersten „eigenen“ Track und nun folgte, was folgen musste: die erste Single unter eigenem Namen. Und wie stark ist Um Den Block denn bitte?! Und, worum geht es so?! Es ist der perfekte Sommertrack, ganz ohne Anbiederung oder Mitmachtanz. Sondern eine super entspannte, sehr groovige, ohrwurmtaugliche Nummer, die das Sichtreibenlassen in Hamburger Nächten zelebriert. Ich kann es so nachvollziehen und wünsche nichts lieber, als diese Zeilen mal wieder Realität werden zu lassen! Was habe ich diese Stimme vermisst…


Die Zärtlichkeit
(Ms) Der Zauber der Musik beginnt in meinen Augen auch da, wenn nicht ganz klar ist, was genau mich denn bei einem Lied so anspricht. Was ist es, dass ich es nochmal höre? Was passiert zwischen den Synapsen, dass ich mitschwinge? Was packt mich daran? Als ich die Gruppe Die Zärtlichkeit letztes Jahr als Vorband von Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen in Bremen sah, dachte ich mir: Ja, das ist richtig schön, glaube aber nicht, dass ich die Band verfolgen werde. Nun ist es schon das zweite Mal, dass ich die Band hier erwähne. Also: Was ist da denn los?! Ich vermute, dass die Musik dieser Gruppe einfach ganz herrlich schwingt und gut tut. Vielleicht spricht der Rhythmus oder die sanfte Gitarre in Stimmen etwas im Unterbewusstsein an, das mich beruhigt und das ich dann automatisch gut finde. Das ist eine äußerst spannende Begebenheit, die mir sehr gefällt. Ich mag diesen Zauber des Nichterklärbaren! Am 8. September erscheint dann das erste Album der Kölner Gruppe, Heimweh Meisterwerke. Vielleicht sind es auch diese wunderbaren Titel, die Klick bei mir machen!

 
Thees Uhlmann
(sb) Kaum wartet man zweieinhalb Jahre, kommt auch mal wieder ein neuer Track von Thees Uhlmann um die Ecke. Bei Egal was ich tun werde, ich habe immer an dich gedacht handelt es sich um einen Song aus dem Soundtrack zu "Sophia, der Tod & ich", dem Roman des Künstlers. Was den Hörer erwartet? Ein typischer Thees, also herausragende Lyrics, eine eingängige Melodie, ein sperriger Titel und ganz viel Herz. Und sind wir doch mal ganz ehrlich: Könnte Thees wirklich singen, wäre seine Musik nur halb so geil. Er ist einfach einzigartig und ein Großer!



Sonntag, 20. August 2023

KW 33, 2023: Die luserlounge selektiert

Bundesautobahn 33
Quelle: de.Wikipedia.org

(ms/sb) Der langsame Tod eines sehr großen Tieres. Ist nicht nur ein Klasse Titel eines Liedes von Herrenmagazin (Was machen die eigentlich momentan?), sondern auch ein Naturspektakel, dem ich kürzlich beiwohnen durfte. Okay, das ist nun dezent übertrieben, denn das sterbende Tier war eher mini. Und ich habe es gar nicht direkt erkannt. Ein Geräusch fiel mir auf und ich kannte es nicht. Dann sah ich, dass es aus dem Fensterwinkel kam, ein verzweifeltes Summen und letzte Flugversuche. Eine Fliege saß im Netz zweier Spinnen und wurde gerade nach allen Regeln der Kunst eingewickelt. Erinnerte mich direkt an die Szene, als Frodo auch eingewickelt wurde. Die zuckte und versuchte noch zu flattern, doch es war schon viel zu spät. Was ist die richtige Reaktion? Gar keine, glaube ich. So läuft das halt. Und den allergrößten Denkapparat hat so eine Fliege sicherlich auch nicht. Daher war alles weniger schlimm als es aussah… 

Molden & Seiler feat. Das Frauenorchester
(sb) Was ist Ernst Molden denn bitte für eine Maschine? Eben erst hat er mich mit seinen Möadanumman beeindruckt, schon kommt das nächste Werk des großen Meisters. Diesmal hat er sich Christopher Seiler (Seiler und Speer) und das Frauenorchester zur Unterstützung ins Boot geholt und das Album De Zwidan Zwa eingespielt. Darauf zu finden sind in erster Linie Coverversionen englischsprachiger Titel - neuinterpretiert auf Wienerisch natürlich. Alles andere wäre ja auch undenkbar... Dass das Ganze wieder mal ganz großartig gelungen ist, versteht sich von selbst. Höhepunkt der Scheibe ist jedoch die Neuauflage des Lindenberg-Klassikers Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr, die das Original spielerisch bei Weitem übertrumpft.


ZAHN
(ms) Soundtrack ohne Film. Klingt im ersten Moment ein wenig schräg und sinnlos, aber im Zweiten wird ein Schuh draus. Wenn die Musiker Fans bestimmter Komponisten sind, erweckt irgendwann der Wille, ihnen in gewissen Maße Tribut zu zollen. So ist es auch mit der Gruppe ZAHN geschehen, die unter anderem Angelo Badalamenti verehren. Dieser wiederum hat unter anderem den Soundtrack zu Twin Peaks geschrieben. Mysteriös, geheimnisvoll, mitunter erdrückend. So geht es auch in Idylle zu, dem neuen Track der Berliner Band. Auch hier sind Synthies die Grundlage und ein Saxophon bahnt sich seinen Weg zu einem einnehmenden, beinahe psychedelischem Klang! Wenn am 24. November ihre nächste Platte Adria erscheint, gibt es noch zehn weitere Stücke, die uns Hörende in den Bann ziehen werden. Versprochen. Ah, eine Bitte habe ich noch: Ich wünsche mir eine Kooperation mit der Gruppe Karies!

 
SarahBernhardt
(sb) Die Musik der österreichischen Band SarahBernhardt kommt gerne mal völlig harmlos daher, hat es aber des Öfteren textlich ganz schön in sich. Wolf im Schafspelz Hilfsausdruck. Drei Stimmen, eine Haltung und eine sagenhafte Begabung, Beobachtungen in Worte zu fassen. Die Künstler*innen aus dem Mostviertel gehören zwar alles in allem eher zu den ruhigeren Vertretern ihrer Spezies, ihre Aussagen hingegen sind laut und schreien mitunter die Ungerechtigkeiten dieser Welt hinaus. Urlaub in Sepia strotzt inhaltlich vor Absurditäten, aber genau das macht das Album so liebenswert. Sicher nicht jedermanns Sache, jedoch absolut mit Geheimtipp-Potential!
 


Platzgumer / Tokujirô
(Ms) Wenn Musik so richtig große Kreise zieht, bin ich dabei und lasse mich faszinieren. Auch von Klängen und Melodien, die sonst nicht bei mir laufen. Bis auf Mono kenne ich beispielsweise keine Band aus Japan, die bei mir laufen würde. Auch japanische Texte sind mir gänzlich unbekannt. Verstehen tue ich sie zwar nicht, aber das hat nun ein Ende. Hans Platzgumer, österreichischer Schriftsteller, hat ein Buch über die Taisho-Ära, einer Zeit in Japan, als sich das Land im massiven Umbruch Umbruch befand, genau vor einhundert Jahren. Soweit, so gut. Platzgumer hat auch vor über zwanzig Jahren mit Carl Tokujirô angefangen zu musizieren. Mit elektronischer Musik haben sie sich in Europa und Japan Bekanntheit erspielt. Nun haben sie gemeinsam zum Buch Lieder verfasst. Ganz dick aufgetragen könnte man nun sagen, dass es wie eine japanische Version von Tom Waits klingt. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn die Texte stammen von Lyrikern, die vor einhundert Jahren in Japan kreativ tätig waren. Also eine Art Hommage und eine starke Zusammenführung von Geschichte, Lyrik, Schriftstellertum und Musik. Das Buch Großes Spiel erscheint morgen und die Platte namens Taisho Romantica am 1. September. Lesen und hören gleichzeitig, hier ergibt es wahnsinnig viel Sinn und ich verneige mich vor so einem irren kreativen Output!

Hier sind die Lieder zu hören.

Teenage Fanclub
(sb) Teenage Fanclub spielen für mich in gewisser Art und Weise in einer Liga mit so Bands wie Nada Surf oder Death Cab For Cutie: Man macht mit ihnen nie etwas falsch (ganz im Gegenteil!), der große kommerzielle Erfolg blieb ihnen aber trotz mainstreamtauglicher Musik größtenteils verwehrt. Warum eigentlich? Auch ihr neues Album Nothing Lasts Forever geht wieder wunderbar ins Ohr, bietet eingängige Melodien und ist reich an Höhepunkten. So viel Gefühl!



Freitag, 11. August 2023

KW 32, 2023: Die luserlounge selektiert

Straßenschild
Quelle: de.Wikipedia.org

(Sb/ms) Schilder und Werbung. Ich las mal über eine Statistik, die aufzählte, wie vielen Schildern, Hinweisen und Werbung wir im Alltag ausgesetzt sind. Und das nur auf Schildern, die wir im Straßenverehr sehen. Unzählige Informationen, Regeln, Aufforderungen, Verbote. Viele davon funktionieren gut, Verkehrrschilder beispielsweise. Andere so gar nicht. Auf dem Weg von der Arbeit nach Haus fahre ich am Rande eines kleinen Industriegebiets entlang. Dort sitzt auch eine Firma, die allerhand Fahrzeuge ankauft. In deren Schaufenster ist so eine durchlaufende LED-Schrift. Klar, tendenziell eine gute Idee. Aber dort läuft sie derart langsam, dass die Info nur ankommen würde, wenn ich davor stehen bliebe und ein, zwei Minuten warte. Was für ein unglaublicher Quatsch. Soll ich denen wohl mal Bescheid sagen?

Gregor McEwan
(Ms) Zu Studienzeiten las ich gerne mal Die ZEIT. Insbesondere das ZEIT Magazin hat es mir angetan, ein tolles Format bis auf die Ausflüge in eine mir unbekannte Mode- oder Uhrenwelt. Auf der letzten Seite gab es über viele Jahre die Kolumne ‚Das War Meine Rettung‘. Bestimmt haben auch einige Interviewpartner dort ihre Liebe genannt, die sie aus einem tiefen Tal gezogen hat. So könnte man auch bei der neuen Single von Gregor McEwan denken, wenn er davon singt: „And I wonder who you are / Wonder where you came from.“ Wenn es da diese eine Person gibt, die mich mit all dem akzeptiert, was ich bin und was ich tue. Mit meinen schönen Seiten und den Lastern, die an mir haften. Dann kann man von großem Glück sprechen und das ist auf Halo: Reach zu hören! Ein sanftes, schönes Liebeslied, das nicht umhereiert , sondern klar bleibt. Eine der großen Stärken in den vielen, tollen Liedern von Gregor McEwan! Es ist fast egal, worüber er singt, seine Texte sind stets bedacht, nicht um den heißen Brei herumzulabern. Davon kann man sich nun bald auch auf Albumlänge wieder überzeugen. Am 1. September erscheint seine neue Platte Going Solo. Könnte ziemlich toll werden!



Bernd Begemann
(Ms) Mein Vater war zu Besuch und erzählte über die Tricks und Kniffe, wie Dieter Krebs seine Sketsche gemacht hat. Einige Dialoge waren so speziell, dass der Wortlaut auf Tischen oder Schränken stand, damit die Schauspieler draufschauen können. Dieter Krebs schaffte es immer wieder, sein Gags aus dem Leben oder ein kleines Stückchen darüber hinaus zu fischen. Oft ulkig und lustig, meist aber auch ganz schön tragisch. So ist es auch bei den Liedern von Bernd Begemann. Zwischen lustig und tragisch gibt es manchmal gar keinen Unterschied. Das beste Beispiel dazu ist sein neuer Song Scheiße Mann, Echt Jetzt?! Der Titel sagt doch schon alles, oder? Und - alte Frage: Wer kennt das nicht?! Wenn Erwartungen und Realität mal wieder meilenweit voneinander entfernt sind und riesige Enttäuschung das Ergebnis ist. Dazu gibt es sogar ein offizielles Musik von Bernd Begemann, ein seltenes Ding! Bei ihm finde ich es nach wie vor enorm, wie er seit 30 Jahren (oder mehr oder weniger?) Musik macht, treffende Texte schreibt und unaufhörlich auf Tour ist. Seine Konzerte gehen mindestens drei Stunden und sind großes Entertainment! Geht da bitte hin! Die Daten findet ihr hier. 


Fortuna Ehrenfeld
(Ms) Elektronisch ist klar. Melancholisch auch. Nur beides zusammen gab es bei Fortuna Ehrenfeld noch gar nicht so oft zu hören. Jetzt ist es soweit! Leck Mich Am Arsch, Amore Mio ist natürlich ein Titel in altbewährter Bandmentalität, bisschen gaga, bisschen drüber, alles ganz normal hier. Auf diesem Lied legt Martin Bechler Sprechgesang an den Tag, so schnell sind seine Gedanken, die alle in diese dreieinhalb Minuten müssen. Ist das Lied tanzbar? Ja, schon irgendwie. Aber wenn er davon singt, wie er gelernt hat, seine Angst zu verlieren, möchte ich lieber in die Ferne schweifen als mich dazu zu bewegen. Ein kontrastreicher Song, der mal wieder viel schneller läuft, als dass die ganzen guten Gedanken im Kopf hängen bleiben können. Typischer Ehrenfeld also. Am 8. September gibt es dann noch mehr davon, wenn das neue Album Glitzerschwein ans Tageslicht kommt! Lassen wir uns also elektrisieren!

11.08.2023 - Kultursommer, Wuppertal
16.08.2023 - adiAkusik Liedermacherfestival, Deutzen
25.08.2023 - Rock am Dom, Gelsenkirchen
13.09.2023 - Glow Up Cologne, Philarmonie Köln
06.10.2023 - Liedermacher Tage, Bergneustadt
28.09.2023 - Lido, Berlin
29.09.2023 - Kupfersaal, Leizpig
30.09.2023 - Beatpol, Dresden
12.10.2023 - TOWER Musikclub, Bremen
13.10.2023 - Knust, Hamburg
14.10.2023 - Musikzentrum, Hannover
15.10.2023 - Gloria, Köln
19.10.2023 - Z-Bau, Nürnberg
20.10.2023 - clubCANN, Stuttgart
21.10.2023 - Ampere, München
22.10.2023 - Brotfabrik, Frankfurt am Main
29.10.2023 - Gloria, Köln


Still Talk
(Ms) Letztens sah ich eine richtig gute kleine Doku über die Geschichte des Skatebordfahrens in Deutschland. An diese Kultur angelehnt sind natürlich auch HipHop und Skatepunk! Von letzterem sind die besten Zeiten gefühlt schon länger vorbei. Doch wenn man das ganze ein wenig weiter denkt, ein Duett draus macht und noch ein paar Bläser mit einbindet, entsteht was richtig Gutes! Dann sind wir nämlich bei Sad For Fun von Still Talk, die hier zusammen mit Emmerich singen. Dieser ist Gitarrist bei den Blackout Problems und der abwechselnde Gesang ist nicht nur harmonisch und dynamisch gut, sondern auch inhaltlich. Sucht Sängerin Tanja Kührer auf ihrem Part danach, warum wie immer wieder ähnliche Probleme hat, wird danach durch den Gast eine Antwort versucht. Und nochmal: Die Bläser knallen so richtig gut, ein tolles, sehr passendes Element! Dies ist der letzte Vorbote, bis am 15. September das Album St. Banger erscheinen wird. Poppunk und Skatepunk leben auch 2023 noch, diese Band weiß, wie diesem Genre neues Leben einzuhauchen ist!

11.09. Köln, Club Volta
12.09. Hamburg, Logo
13.09. Berlin, SO36
15.09. Münster, Skaters Palace
16.09. München, Strom
17.09. Wiesbaden, Schlachthof
24.09. Offenbach, Hafen 2
28.09. Köln, Artheater (Album Release Show)
01.10. Berlin, Frannz Club (mit Captain Planet)
02.10. Dresden, Chemiefabrik (mit Captain Planet)
21.10. Wiesbaden, Kreativfabrik
27.10. Neunkirchen, Stummsche Reithalle