Donnerstag, 18. März 2021

L'Impératrice - Tako Tsubo

Foto: Théo Gosselin
(ms) Die Musik erklingt und ich mache mir unweigerlich Gedanken über die Funktion und Wirkung der selbigen. Gerne hätte ich darüber theoretisches Wissen, auch über die psychologischen Faktoren. Doch so muss hier mit dem stream of concsiousness des Laien Vorlieb genommen werden. Hört man ein gewisses Genre, sagen wir mal elektronisch geprägten Pop, liegt die Frage wie bei jeder anderen Musikrichtung auf der Hand, was die KünstlerInnen damit beabsichtigen. Was soll die Musik bewirken? Und das nicht mal im Sinne einer Revolte durch die Texte, Selbstreflektion oder sonst einen überbordend herbei fabulierten Quatsch, was Musik - und da sind wir mal ganz ehrlich - in den meisten Fällen dann doch nicht schafft. Und auch gar nicht schaffen muss, der Anspruch wäre viel zu hehr.
Also: Kann oder will ich als KünstlerIn 'einfach' nur wollen, dass ich die Menschen gut unterhalte? Anderen einfach eine gute Zeit bescheren? Ein bisschen den Alltag vergessen machen und eine Dreiviertelstunde Unbeschwertheit zaubern? Ist das zu wenig, zu plump oder verklausuliere ich das Thema in zu hohen Anspruch? Auf der anderen Seite: Was ist Pop - neben der wirtschaftlichen Vermarktung - anderes als eine Branche, die alles ein bisschen lockerer macht?! Genau. Zur Revolte haben Taylor Swift oder Daft Punk nie aufgerufen (glaube ich).
Also: Ist es völlig ausreichend, wenn Pop 'nur' unterhält? Dafür darf er selbstredend auch nicht zu verschnörkelt, wild, komplex, vielschichtig, verschoben sein. Die Mittel müssen so ausgerichtet sein, dass die Musik auf die beste Art unauffällig aber beschwingt bleibt. Und: Muss man Musik vor diesem Hintergrund anders bewerten?

Es ist klar, womit ich damit hinaus will. Das verrät ja die Überschrift. Das französische Kollektiv L'Impératrice veröffentlicht kommende Woche (26. März) ihr neues Album Tako Tsubo. In ihrer Heimat sind sie wirklich erfolgreich. Haben, bis vor einem Jahr alles still stand, große Hallen voll gemacht, Klick- und Schau-Zahlen auf den einschlägigen Portalen unterstreichen diese Beliebtheit. Vor zwei Jahren erschien der Vorgänger und ich habe mich gerne mitnehmen, verzaubern lassen auf klangliche Gefilde, die nicht immer bei mir daheim laufen.
Nun läuft und läuft das neue Album und es läuft... nur nebenbei. Klar, es ist schöne, feine Popmusik. Doch über 48 Minuten kommt nicht ein Moment, wo ich denke: Ja, jetzt haben sie mich. Ja, jetzt habe ich die Musik verstanden. Ja, jetzt weiß ich, was sie von mir wollen. Jetzt wippt der Fuß und auch das Gemüt.
Leider habe ich das nicht verstanden. Ja, die Platte plätschert so im Hintergrund und stört nicht. Nicht bei den ausgekoppelten Singles und auch nicht bei den anderen Stücken. Mir fällt es absolut schwer einzelne Lieder und deren Besonderheiten zu beschreiben, weil ich sie nicht fühle.

Jetzt bin ich kurz davor, dieses Album zu zerreißen, weil für mich kein Drive aufkommt. Davor will ich mich hüten. Und die Frage vom Anfang stellen: Welche Funktion will Musik haben, welchen Effekt hat sie dann? Ist es okay, wenn sie einfach nur ein bisschen beschallt und nicht ablenkt? Dann stellt sich automatisch die Frage, wo diese Stücke laufen. Ja, ich möchte auch daheim im Hintergrund beschallt werden, wenn ich arbeite oder mich mit unseligen Steuerangelegenheiten beschäftigen muss. Da brauche ich Konzentration und die ist nur garantiert, wenn die Schallwellen sich nicht in den Vordergrund drängen. Deutschsprachige Musik geht schon mal gar nicht. Tako Tsubo könnte klappen, aber es ist mir fast schon zu beliebig. Konzentration wird garantiert mit feiner (Neo-)Klassik oder Easy Listening. L'Impératrice bewegen sich dort nicht. Viel mehr ist die Platte eine etwas weniger scheinwerferlastige Version von den bereits erwähnten Daft Punk. Und die haben mich spätestens seit der furchtbaren Kooperation mit Pharell Williams zunehmend abgeschreckt.

Nein, diese Platte wird bei mir daheim nicht laufen.
Doch wo könnte sie dann zum Einsatz kommen? Klar, in unzähligen anderen Haushalten - Musik ist und bleibt immer noch bitte Geschmackssache und daran wird mein Geschreibsel auch nichts ändern. Ist die Idee erlaubt, es in Einkaufszentren, Supermärkten oder im Schwimmbad laufen zu lassen?! Klar! Der Begriff Fahrstuhlmusik hat einen faden Beigeschmack, doch sie ermöglicht das entspanntere, stressfreie Einkaufserlebnis. Völlig okay. Oder den Hintergrund bei Langzeitsporterlebnissen.
Mist, jetzt klingt es doch wie ein Verriss.
Ist es nicht.
Ist halt nur nicht die Musik, die mich mitzieht.
Sei es Charles de Boisseguin und seinen MitmusikerInnen gegönnt, damit Erfolg zu haben.

 

Freitag, 12. März 2021

KW 10, 2021: Die luserlounge selektiert

Quelle: 10.unpri.org
(sb/ms) Sind wir mal ganz ehrlich: Was sollte das denn? Und wer hat sich daraus was erhofft? Dass das ein riesiges Boulevard-Ding wird, war doch schon weit vorher klar, oder? Allein die Namen aller Beteiligten besagen das. Aber dann bringt selbst die Tagesschau in der 20 Uhr-Version eine Meldung darüber? Was? Wieso? Wenn man keinen Bock darauf hat, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, dann lässt man sich doch was pfiffigeres einfallen als so ein melodramatisches Interview, oder? Ach, ich weiß nicht. Klar, mir ist das auch unfassbar egal. Was sollen diese machtlosen Königshäuser heutzutage auch noch? Und wenn die schon vor längerer Zeit gesagt haben, dass die da nicht mehr mit verbandelt sein wollen, dann kann man es doch dabei bewenden lassen, oder? Und schon ist es passiert. Auch gemerkt? Man regt sich über den allerletzten Schrott auf. Das ist aber auch nur möglich, weil sonst absolut gar nichts passiert. Ich freue mich jeden Tag auf's arbeiten, da ich einen abwechslungsreichen Job habe. Aber dann bleibt am Ende nur so Talk-Gedöns haften. Ei, ei, ei...

Zum Glück sind wir die musikalischen Dienstleister Eures Vertrauens. Luserlounge liefert! Bitte!

The Weather Station
(ms) Gestern war ich auf einem Konzert! Kaum zu glauben, aber wahr. Logisch, nur im Netz, aber vollkommen irre. Es ging auch nur etwa 50 Minuten, doch vielleicht ist das die ideale Zeit, um sich online beschallen zu lassen. Denn diese Internet-Gigs sind ja zu einer eigenen Kunstform geworden. Und Tamara Lindeman hat sie gestern Abend perfektioniert! Mit ihrem Projekt The Weather Station trat sie in meinem (und vielen anderen) Wohnzimmer auf. Unheimlich neugierig war ich, wie sie diesen phantastischen Sound vom Album auf die Bühne bringt. Nach einem Gedicht, das sie (aufgezeichnet) am Strand vortrug, ging es los. Die ersten Blicke: seltsames Licht, viele Einrichtungsgegenstände im Studio, komische Orientierung. Dieses Wirre ließ schnell nach, als das Bild klar wurde und das Geheimnis gelüftet: Mit bis zu zehn (!) Protagonisten wurde ihr Album Ignorance in Gänze aufgeführt. Zwei, drei Leute an den Percussion, zwei am Klavier, zwei Gitarristen, Bass, Querflöte, Saxophon! Wahnsinnig stark. Wahnsinnig gut. Zwischen diesen brillanten Musikern (insbesondere Bass und Klavier) sang Lindeman ihre wunderschönen Lieder. Mal mit kräftiger, dann wieder sanfterer Stimme. Und trotz (oder wegen) Online-Übertragung war der Sound ideal. Über Kopfhörer war das ein ganz nahes, eindringliches Erlebnis, die Zeitspanne ideal, die Qualität super! Einziger Wehrmutstropfen: Noch mehr Lust, endlich wieder selbst im Club zu stehen und eintauchen zu wollen!


Danger Dan
(ms) Wo anfangen? Am besten mitten drin. Dann bleibt alles schön geordnet. Denn die Antilopen Gang muss man hier niemandem vorstellen. Vor drei Jahren hat jedoch Danger Dan ein unglaubliches Album veröffentlicht. Reflexionen Aus Dem Beschönigten Leben läuft immer noch gerne daheim oder unterwegs. So klug, bissig, ehrlich, brillant. Wichtig: Danach kam von der Gang echt nur noch mittelmäßiger bis grober Müll. Beide Veröffentlichungen aus dem letzten Jahr hatten eine Halbwertszeit von der Albumspiellänge. Nun also wieder Danger Dan solo! Yeah! Große Vorfreude, aufgrund dessen, dass es wahrscheinlich wesentlich besser wird. Zumindest mit der Ankündigung. Der erste Höreindruck zündet bei mir persönlich leider nicht. Das Ist Alles Von Der Kunstfreiheit Gedeckt wird die Platte heißen, die am 30. April erscheinen wird. Es wird ein Klavier-Album werden. Danger Dan ist jetzt unter die Singer/Songwriter der alten Schule gegangen. Auf der einen Seite ist das natürlich ein schönes Experiment, auf der er sein Können in musikalischer und textlicher Sicht zeigt. Aber da fehlt mir die Power. Lauf Davon, der erste Vorbote, hat in meinen Ohren nicht einen Takt, der hängen bleibt. Auch beim mehrmaligen Hören nicht. Bitter. Enttäuschend durchaus. Oder ich bin zu blöd dafür. Auch das ist möglich. Doch noch keine Endabrechnung, bis das Ding nicht veröffentlicht ist. Denn: Vielleicht kommt die große Überraschung ja mit Release. Bleiben wir gespannt!


Catapults
(sb) Album paar Mal angehört, für gut befunden und dann mal den Pressetext gelesen - die ideale Vorgehensweise eigentlich, um unvoreingenommen an eine Scheibe ranzugehen, oder? Nun weiß ich also, dass die Catapults aus Oldenburg kommen und Skatdecks als Gitarrenholz nutzen. Und wisst Ihr was: Ist mir total egal, weils halt auf die Musik ankommt! Klar, die Damen und Herren aus den PR-Agenturen müssen sich täglich zu so vielen Künstlern*innen was aus den Fingern saugen und ich möchte deren Job nicht machen, aber in Zeiten, in denen bei jeder dritten Bandvorstellung die sexuelle Orientierung der Protagonisten im Mittelpunkt steht, isses dann halt auch mal wieder gut...
So, genug gekotzt. Wenden wir uns wieder den angenehmen Seiten des Blogger-Daseins zu und dazu gehört I'll Be Honest (VÖ: 19.03.) definitiv. Das sind große Gefühle, verpackt in ein krachendes Emo- und Punk-Gewand, das auch das ein oder anderen Riff nicht scheut. "Emotional, melancholisch, druckvoll, erfrischend" - so beschreibt sich das Quartett selber und das triffts auch bestens. Live dürfte das Hallen zum Schwitzen bringen und so bleibt die Hoffnung, dass man die Band auch bald wieder auf der Bühne bewundern darf.


'68
(sb) Wie viel Lärm können zwei Menschen machen? '68 ist der Klang von gleichzeitiger Im- und Explosion, von Zerstörung und ungebundener Schöpfung. Es sind Songs, die fast jeden Moment auseinanderfallen könnten und es doch nie tun, ein teuflischer Tanz zwischen Leben und Tod. Es ist ein primitiver Impuls, der mit postmoderner Entschlossenheit vorgetragen wird.
Josh Scogin gründete seine kleine Band mit dem großen Sound im Jahr 2013 und benannte das Duo, das er bescheiden als "ein bisschen Rock, ein bisschen Blues, ein bisschen Hardcore" bezeichnet, nach dem alten Camaro seines Vaters. Und das, was der aus Atlanta/Georgia stammende Musiker und sein perkussiver Partner Nikko Yamada, mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Tasten und Pedalen auf die Beine stellen, hat die Ausmaße eines Muscle Cars. Give One Take One (VÖ: 26.03.) ist über weite Strecken sehr geiler und lauter Lärm, der es aber dennoch schafft, Persönlichkeit zu zeigen und einen anzusprechen. Zieht nicht beim ersten Anhören, wächst aber ungemein.


Timo Scharf
(sb) Fünf Tracks, ordentlich Melancholie und noch viel mehr Fernweh. Timo Scharf hat den ersten Lockdown im Jahr 2020 in Worte und Melodien gepackt - unwissend, dass das erst der Anfang war und noch viel mehr kommen würde. Nichtsdestotrotz ist seine EP Everything Ever Always Is All Forgotten nicht als Zeitzeuge zu verstehen, sondern eine wunderbare Scheibe, die zwischen Folk, Pop und Country anzusiedeln ist. So klingt das also wenn bei einem Weltenbummler Edinburgh (Wahlheimat) auf Braunschweig (tatsächliche Heimat) trifft. Das ist nicht provinziell und eingeengt, sonder weit und wunderschön.


Communions
(ms) Keine Angst vor Größe! Während beispielsweise die neuen Tracks der Killers gähnend langweilig sind, kommt aus dem Norden (mal wieder) Musik, die noch auf derartige Bandbreite wartet, aber lange müssten sie nicht mehr auf sich warten lassen, wenn die Vermartungsketten der Musikbranche nicht so dämlich wären. Dann stünden die Dänen von Communions bald als letztes auf den großen Bühnen! Und das nicht mit großem Tamtam oder den neusten, irren Spielereien am Synthie-Regal, sondern mit der Musik, die seit Jahren begeistert, überzeugt: Gitarrenrock. Punkt. Ein bisschen Hall, ein bisschen verwunschen, ganz leichte Andeutungen zum Psychedelischen, aber immer klar, nicht zu überdreht. Einfach gut. Kann man das noch schreiben, um einfach gute Musik zu beschreiben? Ich hoffe! Pure Fabrication erscheint Ende April! Mit ihrer nüchtern-dynamischen Saitenarbeit schaffen sie dabei nichts anderes als ein beinahe überdrehtes Genre zu stabilisieren. Große Aufgabe - gelungen!


VIVIN
(ms) Es geht ja auch immer um den Effekt! Und um Geduld. Um's nochmalige Hören, wenn man nicht so sicher ist, ob der Drive angekommen ist. Ja, der Drive hier ist eher leise und versteckt, aber er ist auch wunderschön. In den ersten Takten dachte ich nämlich - und so ehrlich muss man auch sein -, dass ich den neuen Track von VIVIN skippe. Aber dann ist etwas passiert. Es fällt mir enorm schwer zu benennen, was es ist. Vielleicht diese entspannte Ruhe, die den Beat ausmacht. Die feinen Gitarrenspielereien, die den Hintergrund dominieren. Vielleicht das Stück als Ganzes, das sich seicht und friedlich aufbaut. Clockwork ist ein Lied, was nebenbei nicht gut funktioniert. Man muss sich bewusst darauf einstellen. Dann fängt es heimlich, still und leise an zu strahlen. Durch den feinen Gesang und ein extrem harmonisches Ganzes, in das man sich schnell und kurzweilig fallen lassen kann!



Sorbet
(ms) Wie tanzt es sich am besten? Klassisch? Bin ich völlig unbegabt, habe es nie so ganz verstanden. Es gab einen Crash-Kurs vor dem Abi mit der damaligen Freundin und das war es auch. Im Club? Liebend gern! Aber echt nur zu der Musik, die ich selbst auch abfeiere, sonst komme ich nicht in den Modus. Zu Hause? Ist immer mehr zur Option geworden in den vergangenen zwölf Monaten (mag man ja gar nicht dran denken). Am Besten mit Kopfhörern auf und dann sich herrlich direkt beschallen lassen. Logisch: Die Klassiker gehen immer! Aber langsam, versunken bewegen geht auch sehr gut. Und wenn die Nachbarn das schon sehen.... pff! Bald, ab dem 4. Juni, lässt es sich herrlich gut daheim zu Sorbet tanzen. Nein, es geht nicht um Nachtisch (wer dieses plumpe Wortspiel wohl schon alles gemacht hat...). Es geht um den Musiker Chris. W. Ryan, beheimatet in Nordirland. Auf seiner ersten Platte This Was Paradise, die dann via Bureau B erscheinen wird, geht es tief elektronisch zu. Mal langsam, mal schnell. Immer mit einer gewissen Düsternis versehen, wie sie die Editors zuletzt perfektioniert haben. Nur halt ohne Gitarre. Die Wirkung ist bestechend, sehr eindringlich. Heißt: Sehr gut! Ihr braucht den dunklen Tanzsoundtrack für den Sommer?! Bitte!


Chantal Acda
(ms) Ganz sanft, unscheinbar, geheimnisvoll und dennoch packend entführt sie mich aus dem Moment. Ich sitze des Abends im Wohnzimmer, der Tag war anstrengend, ich bin leer. Neugierig klicke ich die Musik an, die Beschreibungen machen aufmerksam. Und es trifft zu. Zwischen Gitarrenzupfen, klug eingesetzten Percussion, herrlich variierendem Gesang der Sängerin und vieler Hintergrundstimmen und Streichern, die für Spannung sorgen, vergesse ich den Alltag und was morgen kommt. Das sind die Momente, bei denen ich mich vor der Musik als Kunstform verneige. Wenn die reine Stimmung, die reine Wirkung des Gespielten solche berauschenden Effekte nach sich ziehen! Da ist es mir beim Hören auch erstmal egal, worum es in den Liedern geht. Die Magie des Klangs hat mich bereits gepackt! Die Protagonistin heißt Chantal Acda und liefert übernächste Woche (VÖ: 26. März) ein verwunschenes Album ab. Es heißt Saturday Moon und befreit mich beim Hören aller Sorgen, Gedanken, Zweifel. Ich bin nur noch da. Kann es genießen, eintauchen. Das ist die herrliche Magie, die ich so schätze. Eigentlich ist die Platte sehr unaufgeregt, doch die Spannung der Musik liegt zwischen den Tönen, im Ganzen. Das macht es rund, kraftvoll! Hier lauert eine stille Perle!

Freitag, 5. März 2021

KW 9, 2021: Die luserlounge selektiert!

Bild: clker.com
(ms/sb) Die beste Quelle für kleine Anekdoten ist dann doch der Alltag. Klar, ich könnte hier auch berichten, welche Serie ich momentan schaue, welche Bücher ich empfehle, worüber ich mich bei der Arbeit aufrege oder wie beglückend es ist, wieder mal Derbysieger zu sein. Der gute alte Konjunktiv...
Also. Letztens waren die Maler im Hause und mussten auch in meine Bude. Super Arbeit, nette Menschen. Er war also im Bad zugange und ich sagte nur kurz Bescheid, dass ich auf dem Balkon sei, falls was ist. Und dann ist es passiert, er sagte: "Kein Problem." Das Wirre daran ist mir auch erst drei Momente später aufgefallen. Klar, das ergibt keinen Sinn, doch warum reagiert man insbesondere in solch winzigen Situationen wo unnachvollziehbar? Meine Vermutung: Gewohnheit und die gute Einstellung einfach freundlich zu Anderen sein zu wollen. Auch wenn es problematisch sein sollte, antworten wir doch oft mit genau diesen beiden Worten. Freundlich dran gewöhnt. Ein weiteres eindrucksvolles, weil so unglaubliches Gaga-Beispiel kenne ich noch aus der studentischen Kellner-Ära. In unserem Laden war immer eine Menge los, wir waren ein herausragendes Team, das jede noch so stressige Schicht gewuppt hat. Logischerweise wünscht man den Gästen einen guten Appetit. Irgendwann antwortete mir jemand: "Danke, gleichfalls." Freundliche Gewohnheit. Denn bis zu meiner nächsten Mahlzeit dauerte es da noch ein paar Stunden.
Mehr wollte ich auch gar nicht schreiben. Die klitzekleinen Momente von kurzem Witz.

Freitag. Luserlounge. Musik. Längere Momente. Bis zu 9 Minuten. Ist so. Gern geschehen!

Maeckes
(ms) Was ist möglich innerhalb von einem Song, sagen wir dreieinhalb Minuten, zu erklären/besingen/vermitteln? In der Zeit kann man die Liebe gestehen, rumpöbeln oder nach den Sternen greifen. Doch man kann auch extrem gelungen und umsichtig Probleme an den Tag legen. Und wer wäre besser dafür geeignet, dies mit einer bitteren Schippe Ironie clever zu verpacken als Maeckes? Genau! Das, was einfach scheint, ist es halt nicht. 1234 ist der Song dazu, der perfekt passt. Perfekt! Nazis packen einfache Erklärungsmuster aus, um Ängste zu schüren. Das sind dumme Menschenfischer. Auf der anderen Seite ist es genauso einfach, zu erkennen, dass Geflüchtete nun hier ihre Heimat haben. Punkt. Die Ambivalenz des Einfachen bringt Maeckes derart geschickt und klug auf den Punkt, dass mir hier daheim nur die Kinnlade runterfällt... Wenn sein Album Pool, das am 11. Juni erscheint, diese Qualität in Gänze bestätigt, wird es ein heißer Sommer!


Fatoni & Edgar Wasser
(sb) Puh, schwierig! Lange um den heißen Brei herumreden ist eigentlich nicht so meins, in diesem Fall muss ich aber doch etwas weiter ausholen. Fakt 1: Wir zwei von der luserlounge verehren Fatoni. Fakt 2: Auch Edgar Wasser finden wir super. Fakt 3: Wenn die beiden bisher zusammengearbeitet haben, kam meist was sehr, sehr Großartiges dabei raus.
Am 26.03. erscheint nun das neue Album von Fatoni & Edgar Wasser und auch nach mehrmaligem Anhören zieht es überhaupt nicht. Wenn man mal die Tracks Realität und Freierssohn ausnimmt, ist Delirium einfach nur eine riesengroße Enttäuschung, die sowohl textlich als auch von den Beats her nicht mal ansatzweise das widerspiegelt, was man von den beiden Künstlern eigentlich gewohnt ist und - so ehrlich muss ich sein - auch erwartet. Hat deren Inspiration einen extra harten Lockdown erleben müssen oder was ist da los? Bin ich zu kritisch, weil die beiden in der Vergangenheit einfach so herausragend waren? Ich habe die Veröffentlichung dieser Rezension extra nochmal um ne Woche nach hinten verschoben, um dem Album noch ein paar Extrachancen zu gewähren, mich zu überzeugen, aber es mag und mag einfach nicht gelingen. Schade eigentlich.


Pleasure Raft
(ms) Die ersten Frühlingsvorboten aus den letzten Tagen machen Hoffnung, oder? Der erste Lockdown im vergangenen Jahr war ja auch deshalb verhältnismäßig angenehm, weil der Himmel nie aufhörte blau zu sein und die Bewegung an der Luft entsprechend zugenommen hat. Das kommt jetzt gerade zurück! Bei den wenigen Möglichkeiten, die dem Freizeitvertreib bleiben, muss man eh das beste draus machen! Am Allerbesten mit frischer, tanzbarer Musik. Die wird passend von Pleasure Raft präsentiert! Dahinter steckt Mathias Barford, der nach Auflösung seiner vorherigen Band auf Solopfaden unterwegs ist. Kurzweilig und mehr als gelungen. Eine catchy Synthie-Melodie, die in die Beine geht, schwelgen lässt und Leichtigkeit einziehen lässt! Irgendwoher kommt die Hookline mir bekannt vor, doch anscheinend nicht nachhaltig genug, dass ich nun Namen nennen könnte. Josephine ist ein Track, der Lust auf Urlaub, Picknick, Baden im See, Sonnenbrillentragen macht! Dass diese lässige Musik aus Dänemark kommt, wäre dabei gar nicht zu vermuten! Spielt ja glücklicherweise auch nur eine untergeordnete Rolle. Eintauchen in den klanglichen Urlaub:


Pleil
(ms) Ein Jahr Corona. Was für ein bitteres Jubiläum, auf das wir alle sehr gerne verzichtet hätten. Durchhalten, sich an die Regeln halten, das Glück im Kleinen suchen. Ja, das geht. Und es wird gehen müssen, denn andere Optionen haben wir momentan (noch!) nicht. Mir und meinem Job tat das keinen Abbruch, es kam viel Orga-Kram dazu, aber halb so wild. Den Kreativen ist es da schon viel ärger geworden. Marco Pleil zum Beispiel. Im vergangenen April erschien seine neue Platte Die Spur Des Kalenders, doch Auftrittmöglichkeiten waren rar bis unmöglich. Doch seine Geschichte ist eine Gute! Denn er bekam vom Land Hessen eine Förderung, die er gewohnt kreativ und weitestgehend im alten Sound verwirklicht hat. So erscheint heute eine Vinyl-Doppel-Single! Ja, holla die Waldfee! Das gefällt uns sehr! Und nicht nur das Format, sondern auch der Inhalt. Liebe Grüße / Jazz Ist Keine Option sind zwei typische Pleil-Stücke. Der erste mit viel Hall auf der Gitarre und einer sehr weitblickenden Momentaufnahme der nahen Vergangenheit. Auf dem zweiten ist sogar ein Beat aus der Dose zu hören, der Tempo und Dichte mit sich bringt und einer klaren Bestimmung des eigenen Lebensweges. Stillstand ist keine Option, Pleil dazu der ideale Soundtrack!


An Early Bird
(sb) "Ich wollte nur dieses Gefühl darstellen, müde und gefangen zu sein im Netz des Alltags, mit Regeln und Rollen, die wir alle kennen. Ich denke, dass wir da draußen das Gefühl haben, allein zu sein in einem Meer von Möglichkeiten. Ich denke, wir haben nur eine Wahl: sie zu ergreifen oder gefangen zu sein." 
Kluge Worte von Stefano de Stefano, besser bekannt als An Early Bird. Mit seiner neuen Single Fishes In The Ocean gelingt es dem Italiener famos, genau diesen Zwiespalt, diese lebensentscheidende Entscheidung in einen Song zu packen. Eine akustische Schönheit, die sich nicht zu verstecken braucht, ein Track, die die Frage nach dem weiteren Weg beantwortet: Ausbrechen, sich nicht fangen lassen, die Chancen nutzen. Ganz stark!
 
 
Nax
(ms) Generell kann ich einem Retro-Sound nicht viel abgewinnen. Der Beigeschmack des Aufgekochten dominiert dann doch irgendwie beim Hören. Nun geht der Musikgenuss ja über das reine Hören hinaus. Die Töne, die unser Hirn erreichen, entfachen immer auch eine Wirkung. Nax' neuer Song En La Mañana schafft es sehr gut, einen 80s-Roadtrip bildlich vor Augen zu führen. Vielleicht kommt es einer entschleunigten Version von La Roux gleich. Immerhin erklingt das Lied über neun Minuten! Genug Zeit also, die grauen Zellen ordentlich arbeiten zu lassen! Nicolás, der hinter Nax steht, hat sich für dieses Stück Hilfe geholt und Jackie Kashbohm singen lassen. Der Argentinier bleibt seiner Neigung zu großen Synthie-Flächen und dezent, aber sehr wirklungsvoll eingesetzten elektronischen Spielerein treu. Sobald der Gesang weitestgehend verhallt ist, schwebt das Lied auf außerweltlichen Sphären, die man so nur am sehr frühen Morgen (wie der Titel verheißt) spürt. Also: Lassen wir uns entführen!
 

Paul Gerlinger
(sb) Lasst es uns so machen: Ihr tut so, als hättet Ihr die Überschrift nicht gelesen und wüsstet nicht, um welchen Künstler es geht, okay? Nun klickt Ihr aufs Video unten, schließt die Augen und hört Euch die Musik an. Wenn das Lied aus ist, öffnet Ihr die Augen wieder und lest weiter. Bereit? Na dann los!

Fertig? Und? An wen erinnert Euch die Stimme? Und seid Ihr auch der Meinung, dass das eben Gehörte deutlich besser und angenehmer war als die letzten beiden Alben der Band, an die Ihr gedacht habt? Mir ging es auf jeden Fall so. Klar, den angestellten Vergleich hört Paul Gerlinger sicher nicht zum ersten Mal, aber da gibt es ja per se auch deutlich schlimmere Referenzen. Mit seiner heute erscheinenden Debütsingle Gut Allein legt der Mannheimer ordentlich für die im Sommer folgende EP vor, von der wir Euch selbstredend ebenfalls berichten werden. So, jetzt dürft Ihr das Video nochmal mit geöffneten Augen genießen. Viel Spaß!


Dear Sender
(ms) Wenn man von einzelnen KünstlerInnen länger keine neuen Töne gehört hat, fragt man sich ja auch stets, was sie denn so treiben? Welchem Beruf gehen sie nach? Wie kommt das Geld rein? Wann ist das nächste Ergebnis eines kreativen Prozesses zu hören? Cherilyn MacNeil gehört für mich auf jeden Fall dazu. Vor zwölf Jahren sah ich sie mit Dear Reader zum ersten Mal live; in Holland - toll! Es folgten acht weitere Auftritte und jedes Mal hat sich mir mit ihrem unglaublichem Charme und der ausgefeilten Musik verzaubert! Innerhalb der vergangenen Monate gedieh eine Idee in ihr, deren Ergebnis nun zu lauschen ist. Über eine Cloud sammelte sie Lied-/Musikideen von allen, die mitmachen wollten. Wie cool! Wie unfassbar schön, mit Abstand gemeinsam kreativ zu sein. Dear Sender singen also nun So Much Deadly. Hier ein Beat, da eine Klarinette, da drüben kam eine Gitarre rein! Cherilyn MacNeil hat alles zusammen gebastelt und diesen wunderbar verspielten, vertrackten und wunderschönen Song draus gebastelt? Ob da bald noch mehr kommt?! Ich fände es großartig!!!



Adult Mom
(ms) Immer wieder Neues zu entdecken, ist ein großes Privileg an diesem kleinen Hobby-Blog. Wie schön es ist, einen unbekannten Namen angepriesen zu bekommen und dann wirklich Erstaunliches zu hören. Doch manchmal ist abends nicht die nötige Energie und Konzentration da, um sich hineinzudenken. Bloß nicht falsch verstehen! Adult Mom macht im allerbesten Sinne eingängige Musik! Es ist der gute, alte Indiepop mit feinen Texten, angenehmen Melodien, Gitarren, Klavier und Beat. Das ist das Genre, das Gefühl, die Basis, auf die alles aufgebaut ist. Stevie Knipe begann ursprünglich allein, doch die Band ist mittlerweile ein Trio, das extrem harmonische Musik schreibt. Heute (!) erschien ihre neue Platte Driver. Zehn Lieder in 30 Minuten Spielzeit. Es ist perfekt austariert und klingt so wundervoll unbeschwert. Man könnte sagen, das sei beliebig. Damit macht man es sich aber zu leicht. Ich halte es immer noch für große Kunst genau solch leichte, kurzweilige Musik zu komponieren wie Adult Mom es tun. Stark!

Sam Vance-Law - NDW EP

Foto: Jannik Morton Schneider
(ms) Gerry Boulet, Lee Aaron oder Red Rider. Diese Namen waren (bestimmt nicht nur) mir bis zu einer klitzkleinen Recherche gänzlich unbekannt. Was hat es also mit ihnen auf sich? Alle hatten in den 80ern große Hits zu verzeichnen. Nein, nicht hier, sondern in Kanada. Würde man dort auf eine Ü40 Party gehen, sollten ihre Erfolge bestimmt erklingen. Das kollektive Gedächtnis knallt in die Beine, man denkt an vergangene Lieben, Affären und vielleicht den ein oder anderen Drogentrip. Zeitgleich waren hierzulande Nena oder Trio enorm erfolgreich. Diese Namen und auch ihr Stil wiederum sind den meisten KanadierInnen zurecht unbekannt.
Bis auf einen. Und der veröffentlicht heute (!) mit einer charmant-tanzbaren best of both worlds-Version dieser Zeit und Musik. Es geht um Sam Vance-Law. Talentiert, humorvoll und irre sympathisch. Doch was hat ein junger kanadischer Musiker mit der Neuen Deutschen Welle zu tun?
Vertraut mit den hiesigen Bühnen wurde er als Teil von Dear Reader. Mit Emma Greenfield tauchte er kurz unter dem Namen Traded Pilots auf, ehe er dann mit Konstantin Gropper im Studio stand. Heute lebt er in Berlin und ist im Dunstkreis von Drangsal unterwegs. Letzterer singt hier sogar mit Sam im Duett! Wie kann man nur so viele begabte und gute Menschen um sich vereinen? Wahrscheinlich, indem man selbst einer ist! NDW heißt seine kleine 4-Track-EP, die man nun hören kann. Es ist ein herrlich kurzweiliges Vergnügen. Nicht mehr, aber halt auch nicht weniger! Die Idee dazu hat Sam schon länger. Bereits vor zwei Jahren auf der Tour zu seinem ersten Album Homotopia spielte er Eisbär von Grauzone. Eigene Versionen von Ina Deter, Peter Schilling und Bärchen Und Die Milchbubis hat er eingespielt.
An (mindestens) einer Stelle wird es semantisch doch spannend! Besang er auf seinem Album eine schwule Utopie, singt er nun 'Neue Männer braucht das Land'. Das bekommt aus seinem Mund eine ganz andere Bedeutungsebene à la J.J. Bola oder Raewyn Connell! Das gefällt außerordentlich gut!

Bei allen vier Liedern bewegt er sich nicht weit weg vom Original, was ja auch gar nicht sein muss. Während die Beatsteaks beispielsweise eine ähnlich strukturierte EP kurz vor Weihnachten veröffentlichte, die mich enorm gelangweilt hat, geht das Konzept bei Sam Vance-Law komischerweise auf. Da ist mehr Pfiff, Energie und Musikalität zu hören. Irgendwo im wilden Netz las ich einen Kommentar, dass es doch arg billig sei, nach seinem Erstling eine Cover-EP zu veröffentlichen, die dann noch so wenig eigene Handschrift in sich trägt. Was für ein hohler Anspruch an Musik! Es muss ja nicht immer alles völlig genialisiert werden sondern kann einfach für gut empfunden werden. Und sind wir ganz ehrlich: Die EP ist auch "nur" eine schöne, kleine, fröhliche Überbrückung zu seinem kommenden Album! Eben. Also. Tanzen wir uns also im Indiegewand in vergangene musikalische Zeiten und genießen den Moment. So einfach!

Mittwoch, 3. März 2021

PeterLicht - Beton Und Ibuprofen

 

Foto: Christian Knieps
(ms) Es lauern mannigfaltige Gefahren, wenn man sich mit PeterLicht auseinandersetzt oder ihm ausgeliefert ist. Eine der Größten ist sicherlich die Überinterpretation und eine völlig verquaste Intellektualisierung von scheinbar Profanem und einer Menge Gaga. In so einem schwirrenden Kosmos von Worten, Halbsätzen, Formulierungen und kleinen Melodien hat er sich selbst gebeamt durch die lange Gesichtslosigkeit, seine Schriften, Theaterstücke und Auftritte. Doch ihm wurde auch immer der Mythos zugeschrieben, sodass dem Namen PeterLicht und der Person dazu stets etwas Unantastbares begleitet. Eine 'normale' Auseinandersetzung mit seiner Kunst scheint gar nicht möglich, wenn man als kleiner Schreiberling sofort Gefahr läuft, das Ganze nicht richtig zu verstehen, ein bisschen zu blöd zu sein für die vielfältigen Bedeutungsebenen. Doch bereits jetzt ist die Gefahr zur self fulfilling prophecy geworden, indem immer ein nebulöser Respekt vor seinem Werk lauert. Nein, der wird schnell abgeschüttelt und es wird versucht durch dieses lyrisch-musikalische Dickicht zu tapern, wenn an diesem Freitag (5. März) sein neues Album Beton Und Ibuprofen auf Tapete Records erscheinen wird. 
Für das klanglich Runde sind neben dem Texter zusätzlich Boris Rogowski, der die Platte produziert hat, und die ewige Ein-Mann-Band Benedikt Filleböck verantwortlich.

Nein, genau verstehen tue ich seine Musik nicht. Seine Texte nicht. Das habe ich noch nie. Doch darum geht es irgendwie auch gar nicht. Klar, man könnte am germanistischen Institut ein paar Seminare über ihn abhalten, so mannigfaltig und sicher auch tiefgründing verschnörkelt ist sein Werk. Aber man muss ja auch nicht mehr draus machen, als es ist. Die Platte kann als Momentaufnahme gesehen werden. Irgendwo zwischen Individuum, Zivilisation, Liebe und Schwärze. Möchte man die Platte verstehen, bräuchte es eigentlich nur einen einzigen Track: Lost Lost Lost World. Es ist ein fast achtminütiger Spoken-Word-Beitrag fast am Ende des Albums. Auf der schier endlosen Wanderung durch Wortwirbel sind alle Texte oder zumindest deren Auszüge zu hören. Durchaus eine spannende Herangehensweise, die der Platte ein Konzept unterlegt. Musikalisch nicht, da ist sie unglaublich vielseitig, melancholisch, dramatisch, poppig, tanzbar. Textlich ist ein roter Faden zu erkennen. Darin sind aber reichlich Knoten. PeterLicht pickte sich einige Begriffe wie Menschen, Schwärze und Liebe heraus und lässt sie immer wieder auftauchen.

Dabei sind Beton und Ibuprofen eher Randerscheinungen des Albums. Die beiden gleichnamigen Lieder sind gaga und keine wirklichen Aushängeschilder der Platte, wenn auch klar ist, was er damit meint. Auf Ibuprofen besingt er die Leichtsinnigkeit der Tablettenzufuhr, allein dadurch, dass er es als Diminutiv verwendet ('Ibuprofenchen'). Beton Ist Schweres Thema kracht plötzlich durch die sehr harmonischen Lieder als brachialer Rock-Sound. Klar, schweres Thema, schwerer Sound, kurz aufgelacht.
Spannender ist dieses hörenswerte Album an anderen Stellen. Beispielsweise wenn er seine musikalischen Stärken zeigt, wovon es glücklicherweise viele gibt. Zuerst ist Dämonen zu erwähnen. Im sanften, melancholischen Indiepop mit gezupfter Gitarre zeigt er immer wieder seine Stärken für gefühlvolle Melodien. Wenn die Dämonen kommen, ist jeder, der ein Mensch ist, dein Freund; so singt er es. Dann zeigt sich auch, wer nicht Mensch ist. Knifflig, gut! In der Mitte des Albums kommen drei Stücke, die herausragen aufgrund ihrer extrem vielseitigen Instrumentalisierung. Was er textlich in Die Sprache Der Augen meint, weiß ich nicht. Doch wenn man ihn liest, entfacht sich eine große, magische Wirkung lyrischer Kunst. Eingewickelt ist der Text in großem, aber auch dramatischem Pop. Die Streicher im Vordergrund und der durchaus satte Bass dahinter sind eine sehr starke Kombination! Genauso großer Pop, aber in völlig anderem Gewand, ist in Verloren zu hören: Percussion-Pochern im Hintergrund, darüber elektronischer Sound, der dicht und dynamisch ist und mit der weiblichen Stimme, die über allem strahlt, eine ungeheure Kraft entwickelt. Immer wieder fragt man sich, in welche Dunkelheit es PeterLicht getrieben hat oder in welcher Düsternis er unsere Gesellschaft sieht. Das Besingen einer Ausweglosigkeit ist da oft konsequenter als leiernde Durchhalteparolen! Und dann ertönt noch E-Scooter Deine Liebe; ein tanzbarer feel-good-Track mit irrem Ohrwurmpotential. Doch die Fröhlichkeit ist vakant und nur "ein Schritt schneller als die Depression". Der verschwurbelte Selbstoptimierungs-Quatsch wird hier auf die anglizistische Schippe genommen! Ideal!

So zeigt Beton Und Ibuprofen viele Gesichter. Musikalisch extrem vielseitig und klug. Textlich sehr oft unklar, aber das gehört zur Marke PeterLicht einfach dazu.
Die letzte und sehr schöne Gefahr besteht nun darin, das einfach gut zu finden. Ganz ohne (psuedo-)intellektuellen Brainfuck.



Freitag, 26. Februar 2021

KW 8, 2021: Die luserlounge selektiert

Quelle: contentlaunch.com
(sb/ms) Ihr könnt auf uns zählen. Was für ein starkes Zeichen. Eine tolle und wichtige Aktion der 11Freunde. Die Menschen hinter dem Magazin haben über 800 Profis, FußballspielerInnen der ersten Ligen, dazu motivieren können, sich mit diesem Slogan ausdrucksstark ablichten zu lassen für eine wichtige Botschaft: Wenn ihr, KollegInnen, euch outen wollt, habt ihr starken Rückhalt bei uns, wir sind für euch da! Denn die Gründe, warum sich bis heute - und das ist ja wahnwitzig genug - kein aktiver Profi im deutschen Fußball getraut hat, seine/ihre Homosexualität öffentlich zu machen, liegen auf der Hand. Das ist ein Sport, der mit einem ganz fiesen Begriff von Männlichkeit getriggert ist. Ich behaupte mal, dass dieses Bild gar nicht so stark in den Mannschaften rumort, sondern die Druckwellen von außen wesentlich stärker sind. In den Kneipen, den Stadionkurven, den Medien, die darüber berichten. Was muss es für ein Leidensdruck sein für Betroffene, die sich genau dieser Wand an möglichen Repressalien und dämlichen Sprüchen ausgesetzt zu sehen?! Niemandem hat wem anders reinzureden, wen er/sie liebt und mit wem er/sie gerne schlafen möchte. Das ist doch Sache des Individuums. Leider ist der Umgang mit Homosexualität und anderen sexuellen Identitäten in der Gesellschaft immer noch einer auf dünnem Eis. Öffentlich viel Rückhalt, was hinter der vorgehaltenen Hand passiert, weiß man nicht. Daher gibt es nur eine Möglichkeit, diese Rubrik für heute zu eröffnen, denn dieses Lied von Marcus Wiebusch erlebt glücklicherweise eine neue Aktualität!


Luserlounge hier. Dein Lieblingsmusikblog ohne großes Tamtam. Text. Musik. Fertig. Bitte:

Iris Romen
(ms) Ach, Herzschmerzlieder, ihr werdet nie aufhören gut zu sein, wenn ihr gut arrangiert seid! Und die junge Dame aus Holland zeigt, wie locker, leicht, behände es gehen kann. Dive ist ein Lied, das an sich selbst zweifelt: Habe ich die Liebe aus den Augen verloren? Kann ich mich noch daran entsinnen, wie sie sich anfühlte? Wie ist das nur passiert? Doch wenn Iris Romen in die Sterne schaut und ihren Glanz betrachtet, kommt das Gefühl ganz unterschwellig zurück. Mit der Beobachtung: Nein, so richtig vergessen kann man die Liebe nicht. Wahre Worte singt sie da! Mich freut es immer, wenn so scheinbar kleine Erkenntnisse in ein sanftes, schönes Lied gepackt werden und dies ein warmes, harmonisches Bild liefert. Noch ein großes Plus: Das Album Late Bloomer, auf dem dieses Lied ist, erschien letzten Sommer. Dass man auch ein halbes Jahr danach noch eine Single auskoppeln kann, finde ich unglaublich sympathisch, verlangsamt die ganze Vermarktungsmaschinerie und lässt ein künstlerisches Werk viel länger anhalten, als wenn vor (!) Veröffentlichung schon vier, fünf Videos online sind. Also: Wunderbarer Song und damit alles richtig gemacht!

 

Requin Chargin
(ms) Popmusik aus Frankreich erlangt hier nur bedingt Wiederhall. Dafür muss er schon englischsprachig sein, wie von Christine & The Queens oder so innovativ wie Daft Punk lange gewesen sind. Es lohnt aber sehr zu schauen, was drüben erfolgreich ist. Dazu gehört in jedem Fall Requin Chargin. Ihr letztes Album Sémaphore aus 2019 war ein großer Erfolg, die Klickzahlen bestätigen dies. Klar, man hat auch Vorurteile gegenüber Popmusik aus Frankreich. Doch sie bestätigen sich auf äußerst positive Weise: Eine gewisse Romantik, leichte Schwülstigkeit ohne Kitsch und genau die richtige Portion Pathos. Das vereint die Musikerin Marion Brunetto in ihrer Musik. Nun gibt es einen neuen Track: Déjà-Vu. Ein Lied, wie sie den Sternenhimmel bestaunt und über die Unendlichkeit staunt. Begibt man sich einmal in den Kosmos des Weltalls und seiner schieren Größe, bleibt man schnell atemlos zurück. Ein kurzweiliger Chanson voller Retro-80er-Style, lässigen Melodien und einem Hoch auf die Synthie-Zauberei!

 

Drip-Fed
(sb) Eine energetische Mixtur aus Punk, Hardcore und Stoner Rock á la Clutch liefern Drip-Fed auf ihrem Album Kill The Buzz (VÖ: 23.03.) ab. Wir betonen es ja immer wieder gerne: Manchmal lassen wir uns aus den Boxen sehr gerne anschreien und wenn es denn mal wieder so weit ist, dann soll es so klingen. Dynamisch, wütend und laut! Trotzdem gelingt es den Texanern, ihrer Interpretation von Hardcore sogar melodische Elemente zu verleihen, die verdammt gut ins Ohr gehen. Ich freu mich schon mega auf meine nächste längere Autobahnfahrt, denn das wird der Soundtrack dazu sein. Fix.

 
Last Days Of April
(ms) Indiepoprock. Es ist und bleibt das Genre, das für mich am meisten Zauber verströmt. Es ist sehr vielseitig, spricht manchmal direkt aus dem Herzen, tut selbigem oft weh und lässt immer wieder vor lauter großer Melodien die Faust in die Luft recken und die Beine nicht still stehen. Genau diese Musik machen Last Days Of April. Und zwar schon recht lang. Anfangs mit etwas mehr Sturm und Drang, seit einigen Jahren in einer etwas ruhigeren Spielweise irgendwo zwischen Nada Surf und Calexico. Nicht die schlechtesten Referenzen. Das schwedische Quartett veröffentlicht nun in dem 25. Jahr ihres Bestehens eine neue Platte: Even The Good Days Are Bad. Klingt ein wenig nach emo und viel Melancholie. Doch das ist nur der erste Eindruck. Die Lieder, die man schon auszugsweise hören kann, verströmen eher Leichtigkeit, ein wenig Herzschmerz und (zumindest klanglich) Zuversicht. Am 7. Mai erscheint die Platte bei Tapete Records (wo auch sonst?!) und ihr werdet sicher noch mehr davon an dieser Stelle lesen!


Sam Vance-Law
(ms) Letzten Sommer sah ich Cäthe live. Ein eindrucksvoller Auftritt, sie singt mit so viel Inbrunst und Herz; das war sehr groß! Zwischendurch hatten sie auf der Bühne ein paar technische Probleme. In der Zwischenzeit herrschte Stille und sie sagte: 'Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich bin Musikerin, keine Entertainerin.' Klar, die eigenen Songs zu moderieren heißt nicht, die Leute zu unterhalten. Ein Beispiel zur Unterscheidung. Und eine astreine Überleitung zu: Sam Vance-Law. Denn er ist nicht nur ein herausragender Musiker, der Geige spielt und gleichzeitig singt, sondern er ist auch ein wahrer Entertainer: witzig, charmant, kurzweilig. Mit Homotopia legte er vor drei Jahren ein tolles Debut hin. Zuvor geisterte er jedoch lange auf den Bühnen herum: bei Dear Reader, Get Well Soon oder Traded Pilots. Man muss ihn gern haben, so einfach ist es. Bis der Nachfolger auf Albumlänge kommt, überbrückt er uns die Zeit mit einem kleinen, feinen Projekt. Seitdem der gebürtige Kanadier in Deutschland wohnt, löst die musikalische Geschichte ihn ihm Frohlocken aus. Insbesondere die 80er, besser bekannt als Neue Deutsche Welle. Genau aus dieser Zeit hat er sich vier Lieder gepickt und eingespielt. Kommende Woche erscheint die NDW-EP, auf der unter anderem das Lied Eisbär, im Original von Grauzone, enthalten ist. Auf seiner Tour vor zwei Jahren hat er es bereits live gespielt: Ein großes, kurzweiliges, tanzbares Vergnügen!


Stick To Your Guns
(sb) Wenn man an Stick To Your Guns denkt, kommt einem wohl zunächst Hardcore-Geknüppel in den Sinn. Die Kalifornier können aber auch anders und deutlich massentauglicher. Auf ihrer EP The Meaning Remains (VÖ: 05.03.) präsentieren Jesse Barnett und Konsorten vier Akustik-Tracks und zeigen eine völlig neue Seite von sich. Und das klappt erstaunlich gut! Wenn man sich das anhört, wirkt die Stimme Barnetts im Genre Hardcore geradezu verschenkt. Sehr nice: Das Cover von Take On Me... Neben dem digitalen Release überrascht die Band auch mit einer physischen Auflage. Eine sternförmige (!) 7"-Single in mehreren Splatter-Pressungen ist exklusiv über End Hits Records und ausgesuchte Mailorder erhältlich.
 
  
Ghost Pony
(ms) Unter dem Pseudonym Marek van der Jagt hat Arnon Grünberg vor einigen Jahren den Roman Amour Fou geschrieben. Es geht genau darum: Verrückte Liebe, die auf extreme körperliche Leidenschaft ausgerichtet ist, keine Verbindlichkeiten beinhaltet und einfach nur impulsiv ist. Sollten die Verabredungen halten, stellt sich die Frage: Gibt man sich Kosenamen oder lässt man diesen Quatsch? Ein Zeitpunkt, um damit definitiv aufzuhören ist, wenn eine monogame Beziehung betrogen wird, dann möchte man nicht mehr Baby genannt werden, denn der/die andere ist ein mieses Schwein. Genau darüber singt das Berliner Quartett Ghost Pony auf ihrer ersten Single Don't Call Me Baby. Natürlich hat sich die Band einen super catchy Namen ausgedacht, der direkt aufmerksam macht. Doch das Trennungs- und Selbstbestimmungslied kommt mit herrlich viel unbekümmertem Groove daher, dass man sogar das Tanzbein dazu schwingen kann. Surf-Pop, County und ein bisschen Retro-Stil in der Aufnahme machen diesen Track zu einem herrlich kurzweiligen Vergnügen! Wenn im Laufe diesen Jahres der Erstling der Band erscheint, berichten wir selbstredend!

shatten
(ms) Gitarrenrockmusik auf deutsch ist ja immer so eine Sache. Das kann gut aber auch ganz schlimm werden. Das hier ist gut. Sehr gut sogar. Das liegt auch daran, dass die Protagonisten der Gruppe shatten viel Erfahrung im Musizieren haben, denn die Formation entspringt zum Großteil der Band Findus. Am 30. April erscheint das zur Band gleichnamige Album auf Rookie Records! Vom Klang ist es irgendwo zwischen Herrenmagazin/Love A/Adam Angst einzuordnen. Loecher Im Himmel ist der Vorgeschmack auf ein wohl tempo- und gitarrenreiches Album, ja, das macht richtig Bock! Ein Track der den Moment, das Leben, die Party feiert. Zum Entstehungszeitpunkt des Liedes wusste die Band noch nichts vom Entzug seit einem Jahr, so lange schwebt die Musik schon im Orbit. Und so groß ist die Sehnsucht, genau das wieder zu tun: Bewusst orientierungslos durch die Nacht streifen, lauter gute Menschen um einen herum, einen schönen Schwips intus und sich um nichts anderes kümmern. Ich hab 
Bock - auf diese Momente und ein wohl ziemlich gut werdendes Album Ende April!

Donnerstag, 25. Februar 2021

Brisa Roché & Fred Fortuny - Freeze Where U R

Foto: Christophe Crenel

(ms) Frankreich! USA! Tja. Man weiß gar nicht so genau, wo dieses Album geographisch einzuordnen ist. Zweifellos sind beide Länder für das Schaffen und Leben von Brisa Roché extrem bedeutsam. Sie wuchs in Kalifornien auf, verbrachte dann viele Jahre in Frankreich unter anderem als Straßenmusikerin in den Metrostationen. Die Frage ist berechtigt, ob das dann überhaupt der richtige Begriff dafür ist und nicht eher Metromusikerin. Naja. Halb so wild...
Was hat Roché uns zu erzählen?! Oha, eine Menge! Eine unglaubliche Menge an Leben! Sie hat viele Genres ausprobiert von Jazz bis Postrock. Es ist immer das gleiche Herz. Und dieses Herz wurde von unterschiedlichen Begebenheiten erschüttert, demoliert, zerrissen. Doch Brisa Roché ließ sich nie niederringen, von niemandem. Vor allem nicht von Männern! Männer aus intimen Beziehungen oder geschäftilichen Kontexten. Von denen hat sie die Schnauze voll - das lässt sich frank und frei behaupten! Freeze Where U R ist ein abwechslungsreiches, feines Album, das unter anderem solche Geschichten erzählt. Geschichten einer starken Frau, die wichtig sind. Lieder und Texte von Emanzipation, Wut auf Männer und vergangene Lieben.
Das gilt es nicht nur textlich zu entdecken, sondern auch musikalisch. Für diesen Part ist Fred Fortuny verantwortlich. Roché schrieb, Fortuny arrangierte, schickt ihr die Ideen, sie improvisierte darüber und es wurde runder und runder. Erst ganz zum Schluss wurde die Platte im Bandsound aufgenommen. Dass beide phantastisch miteinander harmonieren, zeigen viele der Lieder. Denn manchmal gehen Text und Musik auf beinahe ironische Art miteinander, genauso eindrücklich stehen sie sich dann auch wieder gegenüber. Hören wir uns das mal an.

Cover der Platte
Es ist ein Singer/Songwriter-Album mit Anleihen zum Pop, Jazz, Soul und beginnt ironischer Weise mit dem Last Song. Die lockere Bandatmosphäre zeigt direkt zu Beginn: Rochés Stimme steht im Vordergrund, wenn sie davon singt, dass eine selbst bestimmte Trennung auch immer heißt, nicht wütend zu werden, durchzuatmen und darüber zu stehen in der Erkenntnis: Das ist es nicht wert. Ein Trennungslied ist auch Tempted Tune, wo sie mit gedämpfter Stimme und reiner Klavierbegleitung in Chanson-Tradition singt. Die Assoziation zum schwarz/weiß-Film bleibt unvermeidlich. Und: Das Lied ist zweigeteilt. Erst blickt sie zurück, danach fällt sie ihre Entscheidung, Schluss zu machen und die Zweifel aus dem Weg zu räumen. Ja, sie hat alles richtig gemacht.
Ihre Stärke, dass sie auf den eigenen Beinen steht und sich von niemandem etwas sagen lässt, zeigt sie in Don't Want A Man. Der Titel steht für sich, die Musik ist ebenso kräftig und unterstreicht die Aussage. I'm Happier Alone - gut so!
Rund ist der Klang auf diesem Album, sehr rund und vielseitig. Die Schwere im Klavier auf Woman With A Star schwankt zwischen Melancholie und Zuversicht. Sich selbst Gutes tun und mit sich zufrieden sein - das klingt gruselig nach Coelho, doch Brisa Roché überhöht hier nichts, sagt es direkt raus: Ich stehe hier und der Rest kann mich mal!
Dass Fortuny und Roché durchaus verstehen, wie man Humor und Musik zusammen bringen kann, zeigen sie auf I Love You. Textlich ein schönes Liebeslied. Doch verzerrte Töne und Aufnahmen aus TV und Radio stehen derart im Vordergrund, dass der Text kaum wahrzunehmen ist. Ist das dann noch ein Liebeslied? Tja... schwer zu sagen, aber toll arrangiert!
Doch es geht auf dem Album nicht nur um sie, die vergangene Liebe und Emanzipation. Auch Gesellschaftskritik geht ihr leicht von der Feder! Blue Light erscheint erneut im Chanson-Stil und bricht damit herrlich mit der Thematik des Liedes: Das blaue Licht des digitalen Endgeräts engt uns ein in einen Minikosmos und macht uns doof. Denn: Draußen warten die Geschichten. Die Guten und die Harten, das weiß Roché!
Fred Fortuny hält sich selbst eher zurück auf dieser Platte. Zuerst ist seine Stimme auf The Pattern zu hören, einem Lied, in dem elektronische Elemente erneut im Vordergrund stehen und das schmerzhafte Zurückblicken auf eine vergangene Liebe vertonen.
Satt im Klang und klar in der Stimme singt sie zum Ende hin auf Window Gun von der Sehnsucht nach Nähe. Ja, die Liebe scheint immer wieder durch die Texte, mal zwischen den Zeilen, mal fett gedruckt, hier am Stärksten. Brisa Roché zeigt uns auf diesem vielseitigen, extrem hörenswerten Album all die Facetten der Menschlichkeit! Und wenn die Klarinette neben den Stimmen tanzt, ist klar: Natürlich treffe ich meine Entscheidungen allein und möchte mich gerne hingeben!

Brisa Roché und Fred Fortuny haben hier nur beim ersten Hören ein kurzweiliges, schönes Album produziert. Freeze Where U R wird immer besser, klarer, kraftvoller je mehr die Texte durch die feine Musik schallen. Super umgesetzt. Punkt.