Mittwoch, 15. April 2020

Pleil - Die Spur des Kalenders

Quelle: timezone-records.com
(ms) Erstens: Electric Guitar!
Für das sehr, sehr große Genre Indie ist es das maßgebliche Instrument. Die (elektrisch verstärkte) Gitarre. Als Melodie- oder Rhythmusinstrument, kommt drauf an, wie viele SpielerInnen in der Band sind. Oder abwechselnd beides. Oder geloopt, geht ja auch. Bei jedem Konzert ist es schön zu sehen, wenn die MusikerInnen auf die Bühne steigen, die Instrumente stehen schon von den fleißig helfenden Händen eingestimmt am richten Ort, dann werden sie umgehängt und die ersten Töne erklingen. Wie die gewisse Ankündigung, dass in den nächsten Minuten oder Stunden Großes passieren wird. Dabei sind es im Endeffekt nur sechs Saiten. Plus beliebig viel Effektgedöns. Mit der linken Hand der Akkord, mit der Rechten wird hoch und runter geschrammelt oder gezupft und schon geht das Herz auf. Zurecht haben Tocotronic der Gitarre eine würdige Hymne geschrieben. Der Klang des Instruments als Ausdruck eines Lebensgefühls. Die Gitarre als helfender Freund, dessen Sound man seine Geheimnisse anvertraut, die in Liedern besser klingen als 'nur' gebeichtet. Ein Gefährte, mit dem man es (besser) schafft der Provinz zu entfliehen. Ich erzähle dir alles und alles ist wahr.
Zweitens: Reinheit.
Schnörkellose, pure Musik. Oft sehnt man sich danach. Auf das Wesentliche konzentriert. Kein Tamtam. Die Besinnung auf das, was man wirklich braucht. Das, was man bei gelegentlichen unplugged-Konzerten so sehr mag. Einige Klänge bedarf es gar nicht, ohne sie wirkt manch Lied definierter, mehr im Fokus. Zudem wird die Hörkonzentration automatisch stärker auf den Text gerichtet. Eine direkte Auseinandersetzung mit dem Gesungenen scheint unvermeidlich. Kann Segen und Fluch sein.



Beides zusammen ist Pleil. Marco Pleil. Ein unermüdlicher Musiker, der nicht anders will und/oder kann als mit seinem Instrument Lieder zu singen. Seit vielen Jahren. Erst mit seinen Bands Strange und Cloudberry. Immer auf Englisch, doch seine markante Stimme war dort schon unumgänglich; positiv. Zudem gab es Support-Gigs für Therapy? oder Nada Surf.
Nun solo. Seit neun Jahren spielt er hier und da, unermüdlich. Und erstmals auf Deutsch. Vor wenigen Jahren gab es das erstmals auf CD. Eine Single. Wie aus der Zeit gefallen. Zum Glück nur im Format. Nie in der Art und Weise.
Am 10. April erschien nun seine erste Solo-Platte. Sie heißt Die Spur des Kalenders, umfasst 12 Tracks und dauert gut eine halbe Stunde. Perfekte Musikhörvoraussetzungen sind also geschaffen.
Es sind Lieder bestehend aus elektrischer Gitarre und Gesang. Punkt. Das verlangt dem Hörenden natürlich auch eine Menge ab. Starke Konzentration, denn nebenbei kann diese Platte so mir-nichts-dir-nichts nicht laufen. Dabei offenbart sie viele Stärken und ein paar Schwächen. Fangen wir mit den Schwächen an: Mitunter wird es monoton und die halbe Stunde kann sich eventuell in die Länge ziehen. Ich persönlich höre gerne Musik nebenbei, ich muss mich nicht immer zwangsläufig mit dem Text beschäftigen, auch wenn er auf Deutsch ist. Die permanente Konfrontation damit kann anstrengend sein. Doch das muss natürlich auch jedeR für sich entscheiden.
Doch die Stärken sind ganz klar auf der anderen Seite derselben Medaille. Pleils Texte sind mitunter abgründige Collagen aus dem Alltag, aus Gedanken, Erfahrungen, Wünschen, Sehnsüchten. Eindeutig sind sie nur selten. Man kann sie oft für sich stehen lassen oder intensiv interpretieren. Doch wird sind hier ja nicht an der Uni. Komisch ist es, wenn derzeit Lieder erscheinen, die in gänzlich anderen Zeiten entstanden sind und durch die aktuelle Situation einen neuen Anstrich erhalten (Bleibt alles anders). Das Abgründige und stets Ehrliche in den Liedern macht sich in Menschenzoo bemerkbar, der Titel eine Dystopie, die Geschichte dahinter lädt zum Grübeln ein: Geht es um eine lange nicht gesehene Ex-Bekanntschaft? Um lang gefühlte Distanz?
Auch neue Metaphern werden von Marco Pleil herangezogen. Das Leben nicht mehr als Hamsterrad sondern als Parcour. Als häufig gewünschten Traum, dass ein Erdbeben kommt, um das (eigene) Leben wieder zu gewinnen: Tausche Katastrophe gegen Struktur.
Allzu häufig bleibt beim Hören (für mich) eine irre Sammlung an herrlichen Einzelzitaten übrig wie Das Flasche wird dich formen / Und das jenseits aller Normen aus Melanchronik. Das kann dann erstmal so stehen bleiben. Damit kann man auch arbeiten, weitergrübeln.

Ein paar Songs verlieren sind auch in ihrer Vielschichtigkeit. Doch es ist mehr als gut, dass man mit so einer Platte mal wieder herausgefordert wird. Hinhören. Nachdenken. Auseinandersetzen. Ein differenziertes Urteil finden. Nicht alles sofort gut oder schlecht finden. Die Spur des Kalenders von Pleil ist kein einfaches Werk, obwohl die Rahmenbedingungen (Instrumentierung) den Anschein erheben. Doch es bietet einem die wunderbare Möglichkeit sich mit den Grundbestandteilen von Musik zu beschäftigen. Allein das ist wahrlich nicht leicht. Und gelingt nur den allerwenigsten.

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