Sonntag, 15. Oktober 2023

KW 41, 2023: Die luserlounge selektiert

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Quelle: de.Wikimedia.org

(sb/ms) „Guck mal, das habe ich eben gemalt“, ist ein Satz, den man in der Schule recht häufig hört. Alle Eltern kennen das auch. Manchmal weiß ich dann nicht so genau, was das darstellen soll, aber es gibt selbstredend immer einen anerkennenden Blick und ein liebes Wort dazu. Ein Kind aus meiner Klasse kam am Mittwoch auf mich zu, drei Zettel aneinander geklebt. Unten, quer: der untere Teil eines Gefäßes. Oben, quer: der obere Teil des gleichen Gefäßes. In der Mitte, aufrecht: Ein Fuchs. Es sah etwas schräg aus. Ich frage das Mädchen, was das sein solle. Sie sagte: „Fuchs in der Dose.“ Logisch, da hätte ich selbst drauf kommen können, ich Depp. Fuchs in der Dose. Sie hat sich herrlich drüber lustig gemacht, fand ihre eigene Kreativität wohl genauso witzig wie ich. Falls man zwischendurch mal einen braucht, ist er da: der Fuchs in der Dose.


Anna Ternheim
(sb) Auf ihrer Before The Dawn EP präsentiert Anna Ternheim fünf neue Tracks - wobei "neu" relativ zu sehen ist, denn mit Love Is The Drug (Roxy Music), I'm On Fire (Bruce Springsteen) und Dancing With Tears My Eyes (Ultravox) sind auch die Coverversionen einiger bekanter Songs vertreten. Die Schwedin verleiht den Klassikern jedoch ihren ur-eigenen Anstrich und das klingt mal besser, mal weniger gut als das Original. Nobody's perfect! Auf Heaven (Cover von Bryan Adams) sind zudem die Kollegen von Johnossi zu hören - ein sehr angenehmes Feature. Ja, ich gebe zu, dass ich großer Ternheim-Fan bin und die EP somit ein Pflichtkauf war. Und ja, mir taugt die Scheibe auch, wobei die Schwedin sicher auch schon Besseres veröffentlicht hat.
 

Hannes Ringlstetter
(sb) Ich verfolge Hannes Ringlstetter ja schon sehr lange und in meiner bayerischen Heimat ist der gebürtige Münchner eine ganz große Nummer. Ehrlich gesagt habe ich aber keine Ahnung, ob man ihn jenseits des Weißwurst-Äquators auch kennt. Am ehesten vielleicht noch als Schauspieler (Hubert & Staller), aber als Kabarettist oder Musiker? Wie dem auch sei: In beiden Disziplinen ist der 53-Jährige spitze, was auch sein neues Album Live beweist. Ob Englisch oder Bairisch - Ringlstetter erreicht sein Publikum und berührt Herzen. Highlight ist - natürlich - seine Ode an Nierderbayern! Man muss sie einfach lieben...


Robert Kretzschmar
(Ms) Easy Listening ist in meinen Ohren kein Genre, sondern eher ein Gefühl, das eine Musik vermittelt. Es ist, klar, leicht zu hören, weil die Musik herrlich angenehm schwingt. Das hat nichts mit Hintergrund zu tun oder Fahrstuhlmusik. Gutes Easy Listening ist etwas für die Seele, es streichelt ganz sanft, dimmt den Alltag ein wenig herunter, führt mich zu mir selbst und zaubert mir ein dezentes Lächeln ins Gesicht. So geht es mir beim Solo-Debut von Robert Kretzschmar. Seit diesem Freitag ist sein Album Homecoming zu hören und ich finde es richtig, richtig gut. Ins Rampenlicht gespielt hat er sich als Schlagzeuger von Das Paradies oder Kat Frankie, also tiefer, sehr guter Indiepop. Und sein eigenes Album geht in genau die gleiche Richtung - ein bisschen Vergleichbar mit dem Weg von Tim Neuhaus. Zehn Lieder sind darauf zu hören und nicht mal eine halbe Stunde dauert dieses große Hörvergnügen. Die Texte sind so einfach, wie nah am Menschen. Es geht um Sehnsucht, Freundschaften, die viel zu weit voneinander entfernt sind, das ewig gespaltene Verhältnis zur Heimat in der Provinz, wo die Katzenhaarallergie wieder zuschlägt. Es geht um eine furchtbar süße Ablehnung dem Techno gegenüber und allen Parties und Clubs, auf denen er laut läuft. Doch am schönsten ist sein kleines Statement zur Jugend von heute. Ja, so viel kann man sagen. Nein, es ist keine Ablehnung auf Teenagers, die er besingt. Sondern die Jugendlichen tun ihm auch ein wenig leid. Ja, so ist es doch, oder? Und umso schöner, weil wir doch alle mal so waren, dann gibt es gar keinen Grund, sie zu verabscheuen. Ja, auf diesem tollen Album gesellen sich wunderbare Lieder aneinander, die herrlich unaufdringlich sind und der Seele gut tun. Ich glaube, dass das live richtig gut sein wird:

21.10. Erfurt - Franz Mehlhose
22.10. Leipzig - Temporarium
28.11. Bayreuth - Sübkültür
29.11. Jena - Trafo
30.11. Berlin - Roter Salon
01.12. Hamburg - Übel und Gefährlich, Turmzimmer
02.12. Hannover - @AmigoAltmarks - TBA


Psychedelic Porn Crumpets
(Ms) Diese Band hat alles, was sie ausmacht, in ihrem Namen vereint! Und das knallt so richtig gut rein. Diese völlig verzerrten Gitarren, diese Power und ja! der bestechende Groove! Denn zwischen den aufgedrehten, energiegeladenen Refrains befinden sich bei den Psychedelic Porn Crumpets immer recht harmonischen Strophen. Erst letztes Jahr haben sie ihr starkes Album Night Gnomes veröffentlicht und nun legen die Australier im November schon nach! Yeah! Denn dann erscheint FRONZOLI. Die Bedeutung soll sein: Etwas Unnötiges, das der Dekoration hinzugefügt wurde. Also Nippes. Oder wir kennen ja alle so Menschen, deren Räumlichkeiten völlig überladen sind. Wenn die Band hier ihren eigenen Sound meint, dann kann es ja nur augenzwinkernd gemeint sein. Ja, es ist viel, wenn sie spielen, aber nie zu viel. Es ist doll, aber genau im richtigen Maße! Genauso wie bei ihrer neuen Single Dilemma Us From Evil. Seitdem ich die Band kenne, höre ich sie richtig gern, lasse mich mitreißen, wenn sie auch ihr im Chorus wieder voll aufdrehen und es an allen Ecken und Enden scheppert! Das könnte also wieder richtig gut werden, was uns am 10. November in Albumlänge erwartet - wir werden berichten und uns womöglich hier sehen: 

02.03. DE-Köln, Luxor
03.03. DE-Hamburg, Übel & Gefährlich
05.03. DE-München, Strom
07.03. CH-Zürich, Bogen F


Oum Shatt
(Ms) Vor Jahren, als ich neben dem Studium gekellnert habe, kam ein sehr guter Kollege mit sehr gutem Musikgeschmack zu Beginn einer Schicht auf mich zu und meinte: „Kennst du Oum Shatt?“ Ich dachte, er hätte genießt oder etwas wäre runter gefallen, daher musste ich mich beim Namen der Band nochmal vergewissern. Ja, Oum Shatt, doch richtig gehört. Damals wurden sie ziemlich gehyped und der Track Power To The Women On The Morning Shift gab ihnen Recht. Jetzt sind sie wieder da. Zugegebenermaßen waren sie nie weg, sondern haben sich allerhand anderen Projekten gewidmet. Am 24. Januar veröffentlichen sie ihr neues Album Opt Out. Seit Freitag können wir uns auch in ihrer aktuellen Single verlieren. Die etwas verzerrte Stimme ist wieder da, und nach etwas mehr als einer Minute geht PLAY! so richtig ab, wilder Rhythmus, einnehmende, leicht psychedelische Gitarre und man möchte sich am liebsten genauso wie die Person im Video dazu bewegen! Hui, das macht aber sehr viel Spaß, das leicht Dissonante, Nervöse - es ist sehr musikalisch! Da wächst die Vorfreude auf die neue Platte aber mit jedem Abspielen diesen Tracks. Auf Tour geht die Band dann auch, und zwar hier: 

28.02.2024 Dresden – Ostpol
29.02.2024 Leipzig – Ilses Erika
01.03.2024 München – Milla
02.03.2024 Stuttgart – Merlin
06.03.2024 Köln – Bumann & Sohn
07.03.2024 Hannover – Feinkost Lampe
08.03.2024 Hamburg – Molotow (Skybar)
09.03.2024 Berlin – Kantine am Berghain

Sonntag, 8. Oktober 2023

KW 40, 2023: Die luserlounge selektiert

Quelle: Bild von freepik
(Sb/ms) Na klar, über das Wetter zu schreiben, ist immer eine etwas billige Art der Mitteilung. Ist ja beim Small Talk auch nichts anderes. Nun ist aber der Herbst wirklich da. Es hat ein wenig gedauert und es ist auch noch etwas mild. Doch der Regen zieht hindurch, der Sturm fegt durch den Garten, lässt die Blätter tanzen, die dann sicher bald auch noch bunt werden. So beginnt die schöne Zeit des Jahres, in der man nicht mehr gezwungen ist, nach draußen zu gehen. Kerzen können wieder guten Gewissens entflammt werden, die Beine hoch gelegt, die dicken Pullis rausgekramt und das Teesortiment aufgefüllt werden. Zudem muss man auch nicht mehr so ein schlechtes Gewissen haben, wenn man länger vor dem Fernseher rumhängt - großartig! Ideal, um wieder in Musik zu versinken, die Drinnenkonzerte zu genießen und darin zu treiben. Wir haben da was für euch:

Illute
(Ms) Das über-Musik-Schreiben gehorcht bei mir einem recht leichten Prinzip: Wenn ein Lied mich packt, dann bin ich dabei. Nur stellt sich die Frage, wann das der Fall ist. Bei Illute war das relativ schnell klar: die Musik! Also das Arrangement! Das ist großartig. Chanson, Klezmer, Bossa Nova, Pop, Jazz. Hier wird sehr bunt, aber auch sehr gut gemischt und es klingt alles sehr harmonisch, was die Musikerin da macht. Auf Schwarzer Hund, ihrer aktuellen Single, singt sie über Berlin, ihrer Wahlheimat. Sicher eine Stadt, an der man sich herrlich abarbeiten kann! Insbesondere, wenn man - wie sie - aus Westfalen kommt. Hier ist also ein sehr gutes Lied zu hören. Das Zauberhafte, Verlockende hat ebenso Platz, wie all die Seiten, die so erschüttern oder platt machen können. Und - Wiederholung sei aufgrund der tollen Musik erlaubt - das Arrangement ist große Klasse! Nächste Woche erscheint die EP … Ein Rätsel, Das Uns Verbindet… mitsamt vier weiteren Stücken, die an leicht an Dota erinnern! 



Safi
(Ms) Zugegebenermaßen kommt mir selten noch der Gedanke auf, dass ich etwas derartiges noch nie gehört habe. Egal, welches Genre oder so. Vieles lässt sich halt vergleichen, ist ja auch gut so, hilft auch beim Verstehen und Einordnen. Wo ich Safi einordnen soll, weiß ich nicht. Brutalelektronischer Rock, das fällt mir so als erstes ein, habe ich aber noch nie gehört. Das macht seer neugierig, was die Musikerin hier macht. Insbesondere der dominante und unwiderstehliche Bass bleibt hängen, zudem ihre knarzige, raue Stimme - starke Alleinstellungsmerkmale! Seit Längerem ist sie im Geschäft und sehr weitsichtig kündigt sie nun ihr neues Album Groteske an, es erscheint kommendes Jahr im Herbst. Ich Will Ein Leben ist die erste Single daraus und überzeugt mit sehr direktem Klang und unmissverständlicher Lyrik! Das hier ist hart, konsequent und doch irgendwie nah gehend. Hier entsteht eine einjährige Vorfreude! Das wird live sicherlich ordentlich knallen:

02.12.23 Dresden, Beatpol
15.12.23 Chemnitz, Aaltra
12.04.24 Erfurt, Museumskeller


Bernd Begemann
(Ms) Wut steht auf der Stelle und bekommt Schaum vorm Mund. Zorn ist ein viel größerer Antrieb, zielführender, klarer! So oder so ähnlich hat der große Georg Schramm mal gesprochen. Als zornig ist Bernd Begemann nun nie groß aufgefallen. Der Meister der kleinen Geschichten und unterhaltsamen Liedchen zeigt sich auf Gemäßigt Ist Das Neue Radikal selten politisch! Und das ist sehr gut so in dieser seltsamen Zeit. Im Grunde sagt er in diesem temporeichen Stück gar nicht viel aus, außer dass es sehr, sehr hilfreich ist, einfach mal abzuwarten und nachzuschauen, reinzuhören, nochmal weiterzulesen, um etwas zu verstehen, keinen Neppern aufzusitzen und sich verarschen zu lassen. Gemäßigt sein halt. Dazu gibt es auch ein schönes, kleines Video, in dem er passioniert eine Melone zerdeppert! Im Frühjahr folgt ein neues Album, es wird Milieu heißen und ich glaube, es wird toll! 


Tränen
(Ms) Nach einem Festivalbesuch muss ich im Nachhinein manchmal echt noch recherchieren, wen ich denn da gesehen habe. Das sind ja Stunden und Tage jenseits der Realität, manchmal leidet auch das Erinnerungsvermögen. Das war zum Glück beim Angst Macht Keinen Lärm letztens in Wiesbaden nicht der Fall. Dort haben auch Tränen gespielt. Sicherlich die exotischste Band im Vergleich zum Rest. Wir haben gar nicht so viel davon mitbekommen, aber das, was ich hörte, war super! Gwen Dolyn und Steffen Israel machen mit ihrem kleinen Projekt herrlichste 80er-NDW-Mucke verbunden mit einer ordentlichen Portion Synthies, hohem Tempo und unmissverständlichen Liedern. Zum Beispiel Mitten Ins Gesicht, da muss man ja echt nichts mehr zu schreiben. Lieber reinhören und die Band gut finden, denn am 3. November erscheint ihre erste Platte Haare Eines Hundes und ich glaube, das wird stark!

Samstag, 7. Oktober 2023

Live in Bremen: Element of Crime

Bild: luserlounge
(ms) Obwohl schon seit immer aus Berlin kommend, haben Element of Crime in Bremen ein Heimspiel! Seltsam, wo doch nur Bandleader Sven Regener aus der Weserstadt stammt. Doch durch seine Bücher und insbesondere Delmenhorst ist Element of Crime zum Bruchteil eine Bremer Band. Diese These lasse ich einfach mal so stehen.
Am Freitag und Samstag spielen sie zwei Konzerte in der Glocke. Ein toller Konzertsaal mitten in der Innenstadt mit 1400 Personen Fassungsvermögen, an beiden Abenden seit längerer Zeit ausverkauft. Die Glocke ist bekannt für ihren guten Sound und das ließ sich am Freitag auch spüren! Bei dieser Band muss man auch ein paar Worte zum Publikum verlieren: Ich meine von Sven Regener gelesen oder gehört zu haben, dass er fest davon überzeugt ist, dass eine Rockband wie seine immer noch dazu im Stande ist, junge, neue Hörer zu rekrutieren. An so einem Abend ist davon aber wirklich wenig zu sehen. Das Durchschnittsalter ist - konservativ geschätzt - bei um die 50. Klar sind auch ein paar junge Leute da. Aber halt nur wenige. Vielleicht ganz gut für einige, dass das Konzert bestuhlt war.

Die Band ist auch dafür bekannt, seit vielen, vielen Jahren sehr gute andere Gruppen mit auf Tour zu nehmen. Seltsamerweise habe ich mich erst tags zuvor darüber informiert und war super glücklich, dass Steiner & Madlaina mit dabei waren! Die beiden Schweizerinnen höre ich schon lange und sehr gern und sie wurden von Regener persönlich angekündigt. Eine gute halbe Stunde haben sie zu zweit ihre kecken, schönen, harten Lieder präsentiert. Auf sehr sympathische Weise, auf deutsch und schweizerdeutsch. So eine Support-Tour ist natürlich auch astreine Promo; im November spielen sie erneut in Bremen, dann mit Band. Ich gehe davon aus, dass sie mit ihrem tollen Auftritt erfolgreich für sich werben konnten. Absolut zurecht!
Anschließend übernahmen die Hauptakteure des Abends das Ruder für gut 100 Minuten. Wobei so ein Konzert von Element of Crime natürlich voll auf Sven Regener zugeschnitten ist. Er ist der einzige mit Mikrophon, Sänger, Texter, Trompeter, Gitarrist, Ansager. Ohne ihn wäre diese Band nicht vorstellbar. Ja, er ist eine feine Rampensau, aber auch eine, die weiß, was sie tut. Alles was er sagt, ist halt auch sehr unterhaltsam. Ob es wirre Ankündigungen sind, ein Dank an Steiner & Madlaina oder große Augenzwinkerüberzeugung von den eigenen lyrischen Finessen sind… ein Lächeln zaubert er allen Kommenden ins Gesicht. Offiziell hat die Band vier Mitglieder, live spielen sie zu sechst. Reiner Theobald spielt Saxophon und Klarinette, Ekki Busch Akkordeon. Insbesondere letzterem stand ich etwas skeptisch gegenüber, hatte sorge von Shantysounds. Doch das Akkordeon spielt seit Langem eine wichtige Rolle bei Element of Crime und der Abend bewies, wie gut es sich in den Klang einfügt; ja, ihn sogar tiefer macht! Ganz einfach kann man es auf folgenden Nenner bringen: Dort stehen sechs sehr gute Musiker auf der Bühne! 
Logischerweise wurden hauptsächlich die Lieder der aktuellen Platte Morgens Um Vier gespielt. Die letzten Sachen der Band waren zugegebenermaßen aber auch etwas getragener, langsamer. Lyrisch natürlich immer noch große Klasse, schöne Kunst. Doch musikalisch knallen die alten, bis sehr alten Lieder viel mehr. Insbesondere Jung Und Schön ist hier zu erwähnen. Es war das absolute Highlight des Abends. Der etwas rauere Klang, das etwas höhere Tempo und dann die Kombination aller Instrumente auf der Bühne. Das hat richtig gut geknallt, insbesondere das sehr gute Saxophonspiel von Reiner Theobald! Dazu ließ sich auch eine tolle Lichtshow blicken - stark! Toll auch Immer Nur Geliebt, ein Stück, dass sie für Leander Hausmanns Version von Peter Pan geschrieben haben. Für noch mehr Breite im Gesang kamen auch Steiner & Madlaina ans Mikrophon und wurden entsprechend gefeiert dafür! Klar, die großen Hits wie Delmenhorst, Am Ende Denk Ich Immer Nur An Dich, Hotdog Unten Am Hafen (worüber ich mich sehr gefreut habe) oder Weißes Papier waren dabei und auch richtig toll! Schade, dass man halt gesessen hat, gern hätte ich mich dazu stehend bewegt!

Drei Zugaben hat die Band gegeben, es war ein sehr kurzweiliger Abend mit einer Band, die seit fast vierzig Jahren im Geschäft ist, immer noch überzeugt und einfach gute Musik macht! So einfach, so schön kann es sein! Bis zum nächsten Mal!


Donnerstag, 5. Oktober 2023

Hania Rani - Ghosts

Foto: Jakob Stoszek
(Ms) Reine Klaviermusik wird oft als Klassik wahrgenommen. Schräg eigentlich. Denn Klassik an sich hat ein leicht verstaubtes Image, klingt nach Pauken, Disziplin, Konzertsälen oder Kirchen mit älteren Menschen. Daher wundert es mich, dass neue Klaviermusik als Neoklassik beschrieben wird. Denn die hat damit gar nichts zu tun. Es sind oft junge MusikerInnen, unterschiedlichste Orte, Freiheit, Schweben, Träumen. Viel mehr ist es ja eigentlich Ambient, aber nicht mehr mit all den Synthies, sondern (wieder?) mit akustischen Instrumenten. Zum Beispiel mit dem Klavier. Diese Musik erfreut sich seit einigen Jahren extrem hoher Beliebtheit und auch ich schwimme auf dieser Welle. Als Hania Ranis erstes Solo-Album Esja 2019 erschien, war ich beeindruckt von der Ruhe und Zärtlichkeit ihrer Musik. Nur ein Jahr später folgte Home, worauf nicht mehr nur reines Klavier zu hören war. Nun erscheint am 6. Oktober ihr neues Solo-Werk Ghosts. Es scheint, als ob sie ein wenig Zeit brauchte, um ihren Klang zu finden. Zahlreiche Konzerte, an verschiedensten sehr schönen Orten, trugen dazu bei, dass sie sich selbst besser musikalisch positionieren kann. Genau das ist nun auf der neuen Platte zu hören! 13 neue Stücke gibt es, 66 Minuten Spielzeit. Zeit, um darin zu versinken, zu träumen, zu schweben.
Wobei ich hier einschieben muss, dass dieses „den eigenen Klang finden“ ein bisschen Quatsch ist. Das hieße im Umkehrschluss ja, dass sie auf den Alben zuvor auf der Suche oder unsicher war. Das kann ich mir bei der Schönheit ihrer Musik kaum vorstellen. Eventuell ist es sinniger, dann von einer Entwicklung zu sprechen. Natürlich könnte sie auch weiterhin reine Klaviermusik machen. Doch das wird halt langweilig. Und das ist die neue Platte nun gar nicht!

Der zweieinhalbminütige Auftakt Oltre Terra schwebt im Orbit. Wie ein langsames Aufwachen in unserem digitalen und von Schreckensmeldungen geprägten Alltag klingt es, hier und da knarzt es, ein paar schiefe Töne mischen sich unter. Hier wird an einigen Reglern gedreht, Rückkopplung ist vielleicht ein Thema. Nach dem Aufwachen dann das Hello! Gesang mit ganz viel Hall, streichelnder Bass, zurückhaltende Percussion. Das hier ist poppiger aber auch mystischer als zuvor. Eine schöne Entwicklung. Wen begrüßt Hania Rani hier? Uns Hörende? Jemanden weit draußen? Es ist unklar und genau das ist schön, denn dann kann ich mir das Lied selbst aneignen.
Ja, die junge Polin hat sich zur Sängerin entwickelt und überzeugt mit einer seichten, verträumten Stimme, die zwar nicht sonderlich viel Kraft hat, dafür baut sie die Musik darum aber perfekt auf! Alles schwebt, mäandert ein wenig, das Klavier stellt immer die harmonische Grundlage da. Früh ist zu hören, zu spüren, dass dieses Album sehr, sehr rund ist, aus einem Guss besteht. Der gesamte Klang hat etwas Geisterhaftes,  schwer zu Fassendes, mal einhüllend, mal bedrohlich wie auf 24.03. Ein Synthie-Track, der an die Weltraumträume der frühen elektronischen Klangpioniere erinnert.
Dass die Stimme auch als Instrument genutzt werden kann, zeigt Gast Patrick Watson auf Dancing With Ghosts, sein zartes Gesumme erinnert an eine leise Trompete. Im Duett ergänzen sie sich perfekt und setzen den Titel des Stücks um - beide Stimmen tanzen gemeinsam, wie Gespenster. Auf leisen Sohlen, gleitend durch Wände, beinahe unerkannt. Zum Ende hin verlieren sich die beiden Tanzpartner, rufen sich, der sanfte Traum aufgelöst durch ein paar digitale Kratzer. Das ist nicht nur sehr gut, sondern sei auch empfohlen über Kopfhörer zu hören.
Doch nicht alles ist neu auf Ghosts. Es gibt auch regelrechte Back-To-The-Roots-Stücke. Whispering House ist nicht nur extrem zart, sondern auch eine wunderbare Zusammenarbeit mit dem großen Olafur Arnalds. Auch The Boat ist sehr leise mit plätscherndem Klavier, leicht nebulös. Und zauberhaft. Eigentlich passiert gar nicht viel und das ist auch beruhigend, heilsam. Und das über sieben Minuten. Ja, Hania Rani ist nicht (mehr) bei Neoklassik (oder dergleichen) zu verorten, sondern viel mehr bei Ambient.  Komeda hat auch eine Spielzeit von elf Minuten!

Ghosts ist ein großartiges Album. Es ist leide und verschlungen. Zart und rüttelt doch manchmal auf. Es ist verträumt und verzerrt. Hania Ranis Schritt in eine neue Richtung ist vollkommen aufgegangen. Dieser Platte sollte man Zeit schenken, im Gegenzug bekommt man großen Genuss und große Kunst!

15.10. Wien, Konzerthaus
19.10. Berlin, Huxley’s Neue Welt



Freitag, 29. September 2023

KW 39, 2023: Die luserlounge selektiert

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Quelle: wikidata.org 
(Sb/ms) Nazis und Gebäck.
Erst nach meinem Umzug musste ich feststellen, dass die Gegend doch teils strammrechts geprägt ist. Klar, alles kleinere Ortschaften, Dörfer und teils wohlhabende Strukturen. Dennoch. Hier gibt es viele schwarze Ansichten. Oder gar braune. Oder neuerdings hellblaue. Beim Supermarkt klebt sogar ein Aufkleber mit der Aufschrift „Good Night Left Side“ und das ist sicher genau so gemeint. Eben dort ist auch ein Bäcker, nicht besonders gut, aber für den täglichen Bedarf reicht es vollkommen aus. Ich bin ein großer Fan von Croissant oder Schokocroissant. Vorhin holte ich noch eins als Begleitung zum nachmittaglichen Kaffee. In der Kassenanzeige bei jenem Bäcker ploppte dann der Gebäckname des Schokocroissants aus, denn ‚Schokocroissant‘ wäre sicher zu einfach gewesen. Ohne Scheiß, das Teil hieß dort ‚Brauner Bomber‘. Immerhin ist es zum Aufessen, ansonsten hätte ich in die Auslage gekotzt. Musste mich auch nochmal bei den Mitarbeitenden dort vergewissern, dass das denn wirklich der richtige Name ist. Ja, sagten sie. Das sind dann Momente, wo mich nichts mehr schockt.

Future Franz & Dino Paris
(Ms) Seitdem Dino Paris irgendwann mal bei mir aufgeploppt ist, lässt er mich nicht wieder los. Vor allem liegt das an seinem tollen Songwriting. Die Lieder mäandern immer wieder zwischen Dramatik und Ironie und knallharter Gesellschaftskritik. All das stets in ein schönes, fröhliches Liedgeflecht eingebettet. In diesem Jahr veröffentlichte er schon einige völlig verschiedene Singles. Ein toller Beweis von viel Kreativität und Aufrichtigkeit, dass das alles nebeneinander geht. Jetzt setzt er noch einen drauf, wenn er zusammen mit Future Franz singt! Zugegebenermaßen war mir Letzterer völlig unbekannt. Zusammen besingen sie den Arc De Triomphe! Richtig viel NDW, richtig viel Pop und fast schon ein wenig kitschig. Aber halt nur fast. Ja, es ist ein schonungsloses Liebeslied an einen Roadtrip zu Frankreichs Hauptstadt und alle, die schon mal da waren, wissen, wie schön es ist. Es erinnert mich an eine völlig bescheuerte 24-Stunden-Busreise nach Paris in der 10. Klasse. Aber immerhin! Das Lied zeigt, wie nah die 70er/80er wieder sind. Der Sound zwischen Kraftwertk, Goldener Reiter, Drangsal knallt, holt mich ab, lässt mich träumen! Yes, passt!


Tom Odell
(Ms) Immer wieder krass, dass einzelne KünstlerInnen von nur ein, zwei Liedern in meiner Wahrnehmung geprägt sind. Bei Tom Odell würde ich einen Schritt weiter gehen und ausnahmsweise von mir auf andere schließen mit der Behauptung: Another Love ist so ein großer Track, das einiges andere seines Schaffens überstrahlt. Nicht von der Qualität, sondern von der Wahrnehmung. Denn Black Friday, seine neue Single, ist weitaus weniger poppig und sparsamer im Hochglanz. Sondern viel zerbrechlicher. Mehr Akustikgitarre, klar, das Klavier darf nicht fehlen und auch seine markante Stimme. Und wie dieses Lied sich entwickelt ist einfach nur große Klasse, das macht wirklich viel Spaß, auch wenn es bei mir wahrscheinlich nicht lange hängen bleibt, beschert es einen tollen Hörmoment. Eine direkte Albumankündigung ist damit nicht verbunden, aber das wird sicher nur eine Frage der Zeit sein. Bemerkenswert jedoch, was er selbst miterlebt hat. Seit letztem Jahr ist er nicht mehr an ein großes Label gekoppelt und er fühlt sich direkt viel freier in seinem Schaffen. Böse, fiese Musikbranche. Stark, dass er diesen Schritt gegangen ist, sicherlich war er richtig!


Dagobert
(Ms) Auf dem Musikradar schwirren einige Bands und MusikerInnen herum, die nur ab und an mal aufleuchten. Dann aber umso heller. Zugegebenermaßen bin ich kein großer Dagobert-Fan, sodass ich sein Musizieren nicht so nah verfolge, aber immer wenn es etwas Neues gibt, bin ich dabei und zumeist auch sehr angetan. So wie auch jetzt bei seiner neuen Single Todessehnsucht. Dies lässt sich hier wortwörtlich nehmen. Trotz der akustischen Version, den ruhigen Tönen, den schönen Melodien, ist der Text unsagbar traurig. Schaut man sich dazu das schwarz-weiße Video an, ist alles klar, wenn er ein Bretter bearbeitet und sie nach und nach zusammenzimmert. Ja, das ganze neue Album Schwarz, das am 24. November erscheinen wird, ist eine Sammlung von Liedern über den Tod. Ja, Dagoberts Werk war schon oft andächtig und schwermütig, aber noch nie so wie jetzt. Um diese Stimmung noch zu verdichten, verzichtet er auf der ganzen Platte aufs Schlagzeug, damit es alles noch näher, dichter, einnehmender wird. Passend dazu geht er anschließend auf Akustiktour! Neue Platte, neue Tour und das gewissermaßen in neuem Gewandt! Hier weiß jemand, wie Kunst funktioniert! 

05.03.2024 Bozen, Parkhotel Mondschein
06.03.2024 Zürich, Bogen F
07.03.2024 Basel, Gannet
13.03.2024 Stuttgart, Merlin
14.03.2024 Karlsruhe, Kohi
15.03.2024 Mainz, Schon Schön
16.03.2024 München, Fat Cat
22.03.2024 Bern, Gaskessel
23.03.2024 Luzern, Neubad
28.03.2024 Hamburg, Hafenklang
29.03.2024 Berlin, Colosseum
30.03.2024 Leipzig, Noch Besser Leben


Mittwoch, 27. September 2023

Live in Wiesbaden: Angst Macht Keinen Lärm

(ms) Okay, okay, ein paar Tage zu spät, aber immerhin. Hier folgt ein kleiner Bericht zum großartigen Angst Macht Keinen Lärm-Festival in Wiesbaden. Am 16. September ging es wieder ab. Das große Freundetreffen. Denn Turbostaat und Pascow haben Bands eingeladen, mit denen sie schon selbst tourten oder die sie einfach gut finden und zusammen bespielen sie einen ganzen Tag den Schlachthof Wiesbaden. Glücklich, wer eine Karte hatte, denn einige Wochen vorher war die Veranstaltung ausverkauft und alle, die da waren, wissen warum. Sicher war ich einer der wenigen, die noch nie im Wiesbadener Schlachthof waren. Ein phantastischer Ort in Bahnhofsnähe von offensichtlich guten Leuten betrieben. An allen Ecken und Enden fühlte man sich wohl, nirgends Stress und trotz ‚ausverkauft‘ war es super entspannt vor Ort, kein Gedränge, kein Gequetsche und an der Theke sowohl Helles als auch Äbbelwoi. Also bitte!

Elf Bands haben gespielt, nicht alles haben wir gesehen. Am frühen Abends mussten wir einmal zum Bahnhof, was essen. Klar, vor Ort gab es einen Foodtruck. Aber auch nur einen. Und für Vegetarier gab es nur Pommes und noch ein weiteres Gericht. Da war immer massive Schlange. Das hätte man anders lösen können oder müssen.

Das Ende von Dead Years auf der Hofbühne haben wir gesehen und damit war klar: Heute werden die Gitarren raufgeschraubt und die Stimmen geölt! Punkrock an allen Ecken und Enden und die drei haben direkt Spaß gemacht. Ein echtes Highlight kam direkt danach: Nowaves bespielten die Hallenbühne! Und wie! Zum Einen war das ziemlich stabiler Surferrock, doch mit wesentlich mehr Wumms! Mit richtig starken Synthies und einem enorm treibenden Bass - das hat super viel Spaß gemacht, der Name bleibt in jedem Fall hängen! No°rd und Schubsen haben natürlich großartige Namen, konnten mich aber so gar nicht überzeugen. Die einen, weil Punkrock halt auch ein wenig langweilig und austauschbar sein kann und die anderen waren mir ein wenig zu drüber. So ging es schneller als gedacht zum fulminanten Abschluss. Erst spielten Love A und das nach allen Regeln der Kunst. Tags zuvor noch voll in Berlin aufgedreht, Jörkk Mechenbier gut angeschlagen, macht seinem Namen auf der Bühne aber alle Ehre und schraubt sich die kleinen und großen Flaschen gut rein! Mit Erfolg! Eine unsagbar sympathische Band, die zugleich auch echt Druck ausüben kann - hat schon richtig gut reingehauen. Und weiter, immer weiter. Danach standen schon Turbostaat auf der Bühne. Nach überstandener Krankheit haben sie nichts von ihrer Präsenz und Kraft eingebüßt und in den 80 zur Verfügung stehenden Minuten haben sie ein hervorragendes Best Of abgerissen! Wenn ich sie sehe, bin ich immer fasziniert, dass Sänge Jan Windmeier so ruhig bleiben kann. Er brüllt ja auch ab und an, bewegt sich aber eher gehend, ja, schleichend über die Bühne. Doch auch aus ein wenig Entfernung ist zu sehen, wie unglaublich viel Spaß sie hatten in dem Wissen, dass überall nur gute Menschen lauern und Freunde im Backstage, mit denen sie zusammen feiern. So soll es doch sein! Und als wuchtiger Abschluss dann Pascow. An einigen Stellen auf dieser Seite habe ich schon meine riesengroße Begeisterung für diese Band kundgetan. Ich kenne sie erst seit gut vier Jahren und seitdem knallen sie mir die Gehörgänge raus und zeigen, wie Energie auf der Bühne denn definiert wird. Ab dem ersten Takt zerlegen sie alles, was geht. Liegen auf dem Boden, schreien sich die Kehle aus dem Leib, legen ein irres Tempo, einen ungeheuren Druck an den Tag und ich sehe mich selbst, wie ich ihre Zeilen mitbrülle, die Hand in die Luft recke und so, so glücklich bin, diese Band zu kennen und sie dort auf der Bühne zu sehen. Völlige Ekstase, völlig elektrisierend! Ein riesengroßes Fest!

Bei hochsommerlichen Temperaturen geht so ein Punkrocktag in Wiesbaden sehr schnell rum und immer noch zehre ich stark von diesem Erlebnis, da es mich so aus dem Alltag riss, Freude gemacht hat und die sechsstündige Rückfahrt schneller vorbei ging, als gedacht.

Bis zum nächsten Mal!

Montag, 18. September 2023

Captain Planet - Come On, Cat

Foto: Maxe Probst
(Ms) Ist das noch Punk? Soll das Punk sein? Die Frage, ob das wichtig ist, ist berechtigt. Doch wir Menschen denken halt in Schubladen, ganz automatisch, und so stellt sie sich halt. Ich würde sagen: Nein, Captain Planet machen keinen Punk. Dafür fehlen mir ein paar Elemente. Es ist mir nicht kräftig genug, die Wut fehlt an einigen Ecken. Das ist keine Wertung, nur ein Eindruck. Lange war ich auf der Suche nach einem vergleichbaren Sound. Am ehesten ist dieser aus meiner Warte bei Herrenmagazin zu finden. Auch die haben nie Punk gespielt. Beide sind eher im Indierock zu finden. Klar definierte Gitarren, Texte zwischen Gesellschaft und Ich, die dann doch teils eher ins Poetische, Persönliche gehen. Keine Fronten, keine Anklage, viel mehr ein Wechsel zwischen Innen und Außen.
Das Quintett hat nun ein neues Album veröffentlicht: Come On, Cat! Das Letzte erschien vor sieben Jahren, die letzte Show ist über drei her. Wahnsinn! Aber dennoch großartig, dass sie einfach immer weiter machen. Und zwar irgendwie vorwärts. Das suggeriert ja zumindest der Titel. Aber nur zur Hälfte, denn es ist ein Zitat aus Alien, und damit ein Wink, dass es zwar weiter geht, aber der nächste Schicksalsschlag wartet halt nicht lang.
Elf neue Lieder sind auf diesem Album zu hören. Sie sind schnell. Sie machen Spaß. Sie lassen mich aber auch nachdenken, denn ihre Texte sind der Kern des Schaffens. Einige lassen Raum zur Interpretation, andere sind glasklar. Irgendwie ist es ja programmatisch, dass der erste Track Neujahr heißt. Also dann, auf ins Werk! Verzerrte Gitarren für ein paar Momente, dann setzen die Instrumente ein. Bass, Schlagzeug, Gitarre, Stimme. Auch diese Neujahrshymne (beim Thema muss ich immer an Gisbert zu Knyphausen denken) ist keine, die sich gute Vorsätze nimmt. Eine gewisse Art der Resignation auf der Einen, ein Rest Hoffnung auf der anderen Seite. Ein Lied, das schön nach vorne geht, die Rhythmusgitarre ist schnell, das Nachlesen des Textes eine gute Idee. Apropos Lyrik. Die Tiefe der Zeilen wird mir persönlich echt erst in der Nachlese bewusst. Höre ich die Lieder, steckt mich eher die Stimmung an - in der Masse pogen wollen - der Text kommt viel später. In Am Wald geht es gewissermaßen um Eskapismus, Wegseinwollen, am besten allein, weil man den Rest satt hat. Doch dann bereitet man sich darauf vor, zieht es durch und… fühlt es sich gut an?! Ist es die richtige Entscheidung? Diese Frage wird hier gestellt, eine ziemlich Gute obendrein! „Befindlichkeitsfixiert“ ist ein Begriff, den Marcus Wiebusch genutzt hat. Ein Wort, das halt nicht zum Punk passt, sondern eher zur Rockmusik, zum Introvertierten, in-sich-gekehrt-sein. Und das trifft auch auf Drinnen/Draußen zu, einem wahnsinnig nach vorn treibenden Track. Das muss nochmal festgehalten werden, das Tempo ist hoch, die Rhythmusgitarre eine Macht, die im Zusammenspiel mit dem Schlagzeug das starke Grundgerüst des Bandsounds bildet. Über diesem Klang in diesem Lied ein Text über einen Streit, eine üble Auseinandersetzung. Hier geht es nicht um ein Missverständnis, doch hier heißt es: „Hab so sehr gehofft, es wäre heute anders / Lichtjahre aneinander vorbei gelebt.“ Das ist ein hartes Urteil. Es tut weh. Ja, dass es auch echt ungut ausgehen kann, darüber geht es auch in Tag Der Offenen Herzen, zugegeben auch ein saustarker Titel! Der Blick zurück auf eine wundervolle Zeit zu zweit, die aber vorbei ist, und daher unsagbar wehtut. Erinnerungen gibt es auch an ehemalige Weggefährten, an Arne Rattenmann zum Beispiel, ein verstorbener Weggefährte der Band. Tuffi ist ihm gewidmet, einem Menschen, der offensichtlich seiner Zeit voraus war, der Kraft gab, gewissermaßen Inspiration war. Eine energiegeladene Erinnerungshymne, die die Faust ballen lässt. Das starke an solchen Texten, die ja schon eine klare Intention haben: Sie sind oft auch so offen geschrieben, dass ich als Hörender sie mir auch anders aneignen kann. Bei diesen Punkten kann man von ausgefeiltem Songwriting sprechen! Apropos Interpretation. Kadaver ist ein Stück, das vieles zulässt. Je nach dem, welchen Part des Textes man sich denn herauspickt. Ich sehe darin einen berauschenden Ausflug zu zweit, eine Zeit, die dicht, erlebnisreich, intensiv war, in der alles andere - beispielsweise die Tristesse, in der man sich landschaftlich befindet - keine Rolle mehr spielt. Alle anderen Sichtweisen sind selbstredend ebenso erlaubt.

Ja, beim ersten Hören ist mir die Tiefe, die Härte, die Dramatik dieser Platte gar nicht bewusst geworden. Das Lesen der Texte, die Auseinandersetzung mit den Versen hat stark dabei geholfen, dieses Album nah zu betrachten. Ich empfehle es jedem. Denn insbesondere dann eröffnet sich hier eine Platte, die nicht zwingend aus musikalischen Hits besteht. Aber aus Liedern, die zum Einen stark voran gehen und doch lyrisch die Kehle zuzudrücken vermögen. Auch das ist Kunst. Come On, Cat ist ein enorm starkes Album. Punkt. Live spielt die Band bald hier, geht da unbedingt hin!

30.09.23 Hannover, Béi Chéz Heinz
01.10.23 Berlin, Frannz Club
02.10.23 Dresden, Chemiefabrik
13.10.23 Kiel, Hansa 48
14.10.23 Münster, Gleis 22
15.10.23 Köln, Artheater
16.10.23 Darmstadt, Oetinger Villa
17.10.23 Karlsruhe, P8
18.10.23 Nürnberg, Desi
01.12.23 Wolfsburg, Sauna-Klub
02.12.23 Leipzig, Conne Island
15.12.23 Hamburg, Hafenklang
16.12.23 Hamburg, Hafenklang
04.01.24 Bremen, Tower
05.01.24 Dortmund, FZW
06.01.24 Göttingen, Musa