Mittwoch, 28. Februar 2018

Live in Münster: Tour of Tours!!!

...and finished. Quelle: facebook.com/touroftours
(ms) Der Name dieser Band: Tour of Tours.
So größenwahnsinnig der Name ist, so fantastisch klingt es auch. Das haben sie schon zwei Mal unter Beweis gestellt; wir waren da und damals schon völlig aus dem Häuschen. Umso schöner und voller Vorfreude, dass sie vor vielen Wochen angekündigt haben, erneut gemeinsam auf musikalische Reise zu gehen.
Die einzelnen Bands sind: Honig, Ian Fisher, Jonas David, Town of Saints und Tim Neuhaus.
Ihre Akteure sind: Martin Hannaford, Stefan Honig, Tim Neuhaus, Florian Holoubek, Ryan Carpenter, Ian Fisher, Heta Salkolahti, Harmen Ridderbos, Jonas David und Davide Iacono.
Zusammen bringen sie zum Einen eine Wucht auf die Bühne, die ihresgleichen sucht, zum Anderen so eine Passion und Präzision, dass es kaum auszuhalten ist.
In der Sputnikhalle Münster haben sie gestern den Auftakt zur fünftägigen Tour gegeben. Mit ihrem gemeinsamen Lied Song of Songs startete eine zweieinhalbstündige Show, die auch dieses Mal lange nachhallen wird: I want nothing else but this, going nowhere else but here. So wahr, so wahr.
Das Programm gestaltete sich nach dem gleichen Schema wie bei den ersten beiden Streichen: Alle spielen das Material von allen. Und damit sind nicht nur die fünf vermeintlichen Sänger gemeint. Nein, auch ihre unterstützenden Mitmusiker durften ihre Lieder präsentieren. Spätestens zu diesen Zeitpunkten wurden jegliche Genregrenzen gesprengt: Davide Iacono haute die begeisterte Menge mit einem herrlich italienischen Popsong um, Heta Salkolahti wusste mit einem elektronisch-düsteren Track zu überzeugen, Flo Holoubek mit Rafinesse und Percussionwahnsinn, Martin Hannaford mit allerbestem Indierock. Wer sie vorher schon gesehen hat, weiß, dass Ryan Carpenter der geborene Entertainer ist. Und wäre er früher geboren, müsste er Gründungsmitglied von Monty Python sein, so unfassbar unterhaltsam war seine mit Musik untermalte Kurzgeschichte: Grande!

Foto: luserlounge
Drei Tage haben sich die Akteure in Haldern eingeschlossen, um vierzehn Stunden täglich zu proben, zu üben, zu planen. Die Herausforderung dabei war, dass seit der letzten gemeinsamen Reise alle neue Alben aufgenommen haben oder dabei sind. Ergo: Die alten Sachen waren bekannt, es mussten nun über ein Dutzend Lieder in einer neuen, genialen Konstellation eingeübt werden. Dass es hier und da mal hapert, hat man kaum mitbekommen, so konzentriert sind sie wohl am Werk gewesen. Passionierte Tüftler halt. So konnte man am Dienstag in Münster und in den kommenden Tagen in München, Köln, Hamburg und Berlin zu hören bekommen, woran unter anderem Honig und Town of Saints arbeiten.
Zehn Verrückte, die die Töne, Rhythmen, Melodien und Strophen lieben, die in diesen Tagen nicht wirklich viel Geld verdienen werden, denen aber die Freude und die Magie der Musik aus den glänzenden Augen zu lesen ist.

Bitte, schaut es euch an. Es lohnt sich mehrfach!
Köln ist leider ausverkauft.

28.02.18 München Ampere
01.03.18 Köln Gebäude 9 - SOLD OUT
02.03.18 Berlin Lido
03.03.18 Hamburg Knust



Dienstag, 27. Februar 2018

Superorganism - Superorganism - Superorganism - Superorganism

Die acht von der Tankstelle. Foto: Jordan Hughes
(ms) Gottfried Boehm ist einer der führenden Kunstphilosophen und Kunsthistoriker im deutschsprachigen Bereich. Er befasst sich unter anderem mit der scheinbar einfachen Frage, was ein Bild sei. Kommt man gedanklich etwas in diese Welt hinein, ist die Beantwortung nicht leicht. Zudem beschreibt er etwas umständlich und schwer zugänglich, was ein starkes Bild ist. Unter anderem wird ein starkes Bild stark, wenn es keine Referenz besitzt. Wenn es also für sich steht und einen gewissen Geniegeist durchscheinen lässt.
Damit sind wir automatisch bei der achtköpfigen Gruppe Superorganism, die an diesem Freitag via Domino ihr selbstbetiteltes Debutalbum vorlegen werden.
Denn: Etwas Vergleichbares - Referenz halt - kommt einem nach mehrmaligem Hören nicht in den Sinn. So abgefahren und gut ist das.

Orono, Emily, Harry, Ruby, B, Robert, Tucan und Soul heißen die Musiker und Künstler - denn nicht alle Mitglieder bedienen ein Instrument - und machen nicht nur auf den Pressefotos den Eindruck, dass sie frisch von einer Hipser-Modemesse kommen, oder sich gerade zufällig am Späti getroffen haben, so unterschiedlich treten sie auf, sind aber eine feste Einheit.
Daher ist es nicht ungewöhnlich, dass sie im allerbesten Hausbesetzerstil zusammen in London wohnen. In Japan haben sie die jetzige Sängerin Orono kennengelernt, die ihnen aus dem amerikanischen Internat ihre ersten Demos zusandte. So gründet man heute also eine Band, die Großes vor hat. Kaum war ihre erste Single Something For Your M.I.N.D. fertig, ging sie steil. Radiosender griffen sie auf, Frank Ocean und Ezra Koeing (Vampire Weekend) empfahlen das Hören. Sie haben einen künstlerischen Kosmos gebaut, der sich in den bunten Videos genauso wie im Bühnenbild und Outfit wiederfindet. Sie wollen keine Kinder des Intertnetzeitalters sein, doch wenn die eigene Geschichte so verläuft, man sich in Foren kennenlernt und via Clouddiensten an der Musik baut, erfüllt man das Bild jedoch vollständig!

Wichtige Frage: Wie klingt das Ganze denn nun?
Konventionslos. Angenehm konventionslos. Es gibt nichts, an dem sie sich orientieren oder orientieren müssen. Keine Vorgaben, jeder mit seinen Ideen und den unterschiedlichen Hintergründen. Es ist Popmusik mit Synthies, mit Hintergrundgesang, im Hauptgesang manchmal sprechend. Und sie arbeiten - massiv und dabei niemals störend - mit Samples und Soundschnipseln. Ab und an hört man das Abbeißen eines Apfels, Tier- und Verkehrsgeräusche oder das Klicken einer alten Kasse. Bei einem guten 2.0- oder 2.1-System kommt man ab und an ins Grübeln, ob das Gehörte nun aus der Box oder von Nebenan kommt.
Prägnant ist der wuchtige Bass, natürlich elektronisch betrieben. Er gibt der knapp halbstündigen Platte Drive, Wiedererkennungswert und ein gewisses Markenzeichen.  Auch vor Autotune wird kein Halt gemacht, kommt super an!
Ein gutes Beispiel für den Groove, den diese zum Tanz animierende Musik ausstrahlt, ist Everyone Wants To Be Famous. Der Song ist so herrlich eingängig, dass das Kopfnicken von ganz allein kommt und locker bei diesem zweiten Lied des Albums schon auf Repeat gestellt werden kann. Mitreißend! Reflections On The Screen ist nicht nur ein Abgesang auf die Generation Smartphone, Daumenwischerei und nach-unten-ins-Blaugraugeschimmern-gucken, sondern eine ruhige Pophymne. Auch ein in seiner Gestalt etwas sperriger Song wie SPRORGNSM passt gut ins Bild und stört mit keinem einzigen Takt, weil der Refrain halt wieder so catchy ist! Und ohne sich zu wiederholen ist das oben erwähnte Something For Your M.I.N.D. der Höhepunkt der kurzweiligen Platte, weil die Gitarren so daherschwingen und man sich auf unerklärliche Art und Weise wie der Punkt beim Karaoke fühlt. The Prawn Song ist dann genauso genial wie sein Titel.

Oh ja, das ist schräg und genial.
Starke Musik ohne Referenz.
Es macht fröhlich und leicht.
Und im besten Falle abhängig.

Im Sommer sind sie hier auf dem Mellt! Festival zu sehen.
Und hoffentlich auch noch wann anders.






Freitag, 23. Februar 2018

KW 8, 2018: Die luserlounge selektiert!

Mit Hilfe von owayo.de
(sb/ms) Auch den sportlich nicht Interessierten ist ja derzeit bekannt, dass die olympischen Winterspiele in Südkorea laufen. Da gibt's ja allerhand Disziplinen, von denen man sonst - insbesondere bei höheren Temperaturen - nichts mitbekommt. Und dass ausgerechnet bei der kuriosen Sportart Curling der erste Dopingfall ans Licht kommt, muss zwingend als lustig interpretiert werden. Nun beklagen sich die Nischensportler ja immer - zurecht! -, dass sie von anderen Großereignissen, insbesondere dem kommerzialisierten Fußball verdrängt werden. Das ist korrekt und schade.
In der Musikbranche ist es nicht anders.
Die großen Namen sind die Platzhirsche, schwierig an denen vorbei zu kommen. Oder gar als ganz unbekannte, neue, junge Band an den anderen mittleren oder kleinen Bands sich vorbei zu drängeln. Schauen wir auf die großen Festivals diesen Sommer. Wer sind die Headliner? The Killers, Die Toten Hosen und Casper beim Deichbrand. Arctic Monkey, Arcade Fire, The Prodigy und Billy Talent beim Hurricane und Southside. Foo Fighters, Muse, Gorillaz und Thirty Seconds to Mars bei Rock am Ring und im Park. Also, liebe Musikliebhaber und Sportsgeister: Alles normal. Aber: Wer geht als Passionist denn auch zu diesen Riesenfestivals?! Eben!
Wir haben nämlich auch ganz feine Vertreter guter Musik in dieser Woche für euch, die überraschen!

The Baboon Show
Dass aus Skandinavien nicht nur dunkel geschminkte und böse Metaller ihre brachiale Musik verströmen, ist klar. Ein herrliches Gegenbeispiel neben den großen Poppern Mandio Diao oder The Hives sind The Baboon Show aus Stockholm. Letzte Woche haben sie ihr mittlerweile achtes (in Zahlen: 8.) Studioalbum veröffentlicht. Es hört auf den Namen Radio Rebelde. Es ist knallharter Punkrock mit rotzigen Gitarren und viel Tempo. Holiday weiß sofort zu begeistern oder das historische Maritimcover Same Old Story. Erfrischend und beeindruckend kommt der Gesang von Cecilia Boström in jedem Takt daher. Ein Release aus dem Februar, das eine Hymne für den Sommer werden kann. Vom Stil nicht verwunderlich, dass es gute Freunde von Feine Sahne Fischfilet sind.

21.03. - Faust, Hannover
22.03. - SO36, Berlin
24.03. - Conne Island, Leipzig
25.03. - Groovestation, Dresden
27.03. - Rock Cafe, Prague
28.03. - Arena, Wien
29.03. - Club Vaudeville, Lindau
31.03. - Dynamo, Zürich
01.04. - Walfisch, Freiburg
02.04. - Kranhalle Im Feierwerk, München
04.04. - Schlachthof, Wiesbaden
05.04. - Gebäude 9, Köln
06.04. - Lagerhaus, Bremen
07.04. - Uebel & Gefährlich
01.05. - Speicher, Husum



L’Impératrice
Das muss ein déja-vu sein. Haben wir vor Kurzem nicht schon verbreitet, dass aus Frankreich ganz famose elektronische Musik kommt? Ja, haben wir. Jetzt kommt direkt die nächste Kombo um die Ecke. Sie haben sich keinen geringeren Namen als L’Impératrice gegeben. Zu deutsch: Herrscherin. Sie haben sich selbst auch als Logo eine Krone gegeben; kann man machen. Nun ist bei einzelnen Tracks der kommende Woche erscheinenden EP Dreaming Of You ein Sound, der sehr stark an Justice erinnert, nicht abzusprechen. Aber es macht ungeheuer Laune! Endlich mal wieder ganz unbekümmert tanzen. Ideal fürs Wochenende!





Attic Giant
2017 beglückte uns Daniel Tischler aka Attic Giant mit seiner grandiosen Flush EP, heute (23.02.) legt er mit einer weiteren EP nach. Mit den beiden Songs "m t h r s (a short collapse of constancy)" und "m o t h e r s (split/crack of time)" wählt er dabei bewusst ein eher untypisches Veröffentlichungsformat und auch die beiden sehr ähnlichen Tracktitel lassen light=whatwesee recht mysteriös erscheinen. Song 1 besteht dabei nur aus Klangfragmenten von Piano und Glockenspiel, Song 2 beinhaltet einen dialogähnlichen Gesang, in dem sich Tischler und die Multiinstrumentalistin Natasja Ronock über Erinnerungen und Zeit austauschen.
Insgesamt ist die EP auch aufgrund der kurzen Spieldauer nicht so leicht zugänglich wie ihr Vorgänger, bezaubert aber kein bisschen weniger und macht sehr neugierig auf zukünftige Releases. Vor Genregrößen wie Bon Iver etc. muss sich Attic Giant also definitiv nicht verstecken.



The Courettes
Ein dänisch-brasilianisches Duo, das Sixties-Garage-Punk raushaut? Abgefahrener Scheiß und doch richtig geil. Am 30.03. erscheint ihr Album "We Are The Courettes", für den 17.03. ist die Vorabsingle "Voodoo Doll" angekündigt - seid gespannt und hört Euch bis dahin mal deren Debütalbum an. Rotziger Gitarrensound meets The Pipettes - und fertig ist eine Melange, die den Kopf wackeln lässt und die Beine unwillkürlich zum Tanzen anregt.




Kenneth Minor
Googelt man nach der Band, kommt man erstmal auf einen Mann, der von seinem Opfer beauftragt worden war, ihn zu töten, damit die Familie eine hohe Versicherungssumme erhält und der daraufhin zu 12 Jahren Haft verurteilt wurde. Hm, interessante Namenswahl, zumal die Musik, die den Hörer auf "Phantom Pain Reliever" erwartet, so gar nichts Gewalttätiges mit sich bringt, sondern eher sanft daherkommt. Ein bisschen Indie, etwas mehr Folk, überwiegend sehr entspannt und nie anstrengend - ja, das lässt sich auch über längere Zeit sehr gut aushalten. Das erste Album der Band um Bird Christiani seit 2010 erschien bereits im September letzten Jahres, wir wollen es Euch aber trotzdem jetzt noch näherbringen.





Donnerstag, 22. Februar 2018

Thorsten Nagelschmidt - Der Abfall der Herzen

(ms) Außenstehenden das Wesen und den Charakter der Stadt Rheine zu erklären, ist nicht ganz einfach. An der Grenze zu Niedersachsen, zwischen Osnabrück und Münster liegt diese mittelgroße Stadt mit heute gut 70.000 Einwohnern. Ja, zwischen Domstadt und Domstadt ist das weder Fisch noch Fleisch. Mit dem Auto kommt man selten dran vorbei. Mit dem Zug fährt man durch auf der IC-Strecke Amsterdam - Berlin oder wenn man an die rauschende Nordsee Richtung Emden möchte.
Ja, Rheine hat einen relativ unschönen Bahnhof, okay die eine Seite wurde in den letzten Jahren modernisiert. Die Innenstadt kann mit nicht viel bieten: C&AH&MEinEuropShopsKaufhäuserBuchläden. Wie überall halt. Doch ein paar schöne Ecken sind herauszuheben, unter anderem die schöne und prächtig herausstehende Basilika; hier dürfen auch Protestanten staunen.

In diesen Gefilden der absoluten Normalität und Langeweile wuchs Thorsten Nagelschmidt auf. Den Gitarrenliebhabern unter uns ist er als Nagel und damit ehemaliger Texteschreiber und Sänger der großartigen Muff Potter bekannt. Die Band hat sich vor Jahren leider aufgelöst, Nagelschmidt ist der Kunst und den kreativen Prozessen zum Glück treu geblieben und legt nun mit Der Abfall der Herzen seinen dritten Roman vor. Er erscheint heute im S.Fischer-Verlag.
Zwei weitere Bücher und einen Kunstband hat er vorher schon veröffentlicht, ist also schon etabliert auf dem Literaturmarkt. Keine ungewöhnliche Karriere, wenn man daran denkt, was Sven Regener, PeterLicht, Markus Berges oder Frank Spilker alles geschrieben haben.

Foto: Harald Hoffmann
Worum geht es nun in Der Abfall der Herzen, diesem ungeheuer lesenswerten Roman?
Es ist eine Lesereise, die die Realität auf gewisse Art und Weise sprengt. Denn es geht - so wird es dem Leser zumindest verkauft - autobiographisch zu. Angesetzt ist die Geschichte im nördlichen Westfalen im Jahre 1999. Zwei Alben haben Muff Potter zu dieser Zeit auf dem Markt und sie spielen zwischen Quakenbrück und anderen Weltstädten. Es geht um Nagelschmidt selbst, er schreibt in der Ich-Perspektive. Und das auf angenehm einnehmende Weise direkt, persönlich und unverstellt. Man glaubt ihm jedes Wort, wenn er den furchtbaren Zustand seiner damaligen WG beschreibt, seine verkorkste Beziehung in Worte windet und mit Liebe zum Detail und sehr viel Menschenkenntnis all die Personen aus seinem Umfeld dem Leser so nahe bringt, dass sie im Geist Gestalt annehmen. Hauptsächlich sein Freundeskreis aber auch die Arbeitskollegen. Mit Lagerarbeiten hält er sich über Wasser, ist vorsichtshalber - für die Eltern und das Semesterticket - an der Uni Münster eingeschrieben, schon im x-ten Semester, hat aber noch keinen Seminarraum von innen gesehen.
In diesem Setting wird man mit auf die Reise genommen, die irgendwie nicht so ganz geradeaus geht, sondern einige Kurven einschlägt, einschlagen muss. Die Situation in der WG und mit dem Vermieter ist ungewiss, die der Band auch und die Liebe ein großes Thema. Nicht kitschig, sondern so hart, wie sie jeden einmal erwischt, der richtig verliebt war. Dagegen - und sonst auch zu einigen Gelegenheiten - wird viel getrunken. Schnaps und Wein beim Protagonisten, Schnaps und Bier beim Rest.
Es soll nichts vorweggenommen werden von diesem als Roadtrip anmutenden Roman. Denn jede Seite, die sich so herrlich leichtfüßig und genussvoll lesen lässt, ist es wert, in Nagelschmidts Leben und Kosmos einzutreten. Und hier gelingt ihm ein wirklich gelungener Kniff, der dem Buch ein schönes Alleinstellungsmerkmal gibt. Denn er erzählt nicht nur einfach die Ereignisse von vor neunzehn Jahren, sondern auch den Schreibprozess des Buches an sich. Immer wieder wird man von 1999 nach 2016 katapultiert und erfährt, was leicht und schwer fällt beim Schreiben und was überhaupt der Grund war, die alten Tagebücher herauszuholen und in neuem Licht zu bewerten.

Anders als seine oben genannten Kollegen im Geiste, macht Thorsten Nagelschmidt keine Musik mehr, ist reiner Autor. Das liest man ihm an. Es steckt Leidenschaft, Witz und handwerkliches Geschick in der Art und Weise seines Schreibstils. Das macht Freude.

Davon kann man sich auch bald live überzeugen, wenn er auf Lesereise geht:

22.02.18 Berlin, Festsaal Kreuzberg
02.03.18 Mannheim, Alte Feuerwache
03.03.18 Enkirch/Mosel, Weingut Immich
04.04.18 Bremen, Lagerhaus
05.04.18 Lüneburg, Ritterakademie
06.04.18 Magdeburg, Moritzhof
07.04.18 Dortmund, Dortmunder U
08.04.18 Köln, Gloria Theater
11.04.18 Paderborn, Deelenhaus
12.04.18 Düsseldorf, zakk
13.04.18 Osnabrück, Lagerhalle
14.04.18 Lingen, Centralkino
15.04.18 Münster, Pension Schmidt
16.04.18 Hamburg, Uebel & Gefährlich
17.04.18 Kiel, Studio
20.04.18 Erfurt, Franz Mehlhose
21.04.18 Kassel, GoldGrube
22.04.18 Wiesbaden, Schlachthof
25.04.18 München, Volkstheater
26.04.18 Stuttgart, Merlin
27.04.18 Saarbrücken, Camera Zwo
28.04.18 Trier, Exhaus
02.05.18 Bielefeld, Heimat+Hafen
03.05.18 Nienburg, Kulturwerk
04.05.18 Nürnberg, Z-Bau
06.05.18 Frankfurt, Brotfabrik
08.05.18 Leipzig, Werk 2

Das Buch ist als Hardcover und als ungekürzte Hörbuchversion ab heute überall zu haben. Holt es euch, schließt euer Zimmer ab und lest!
Hier gibt's neben dem Trailer auch eine Leseprobe vom Verlag.

Dienstag, 20. Februar 2018

Haunch - Lay My Bones Beside The Others

Foto: https://www.facebook.com/HAUNCHBAND/
(sb) Sänger Andy Cairns hat mittlerweile zwei Soloalben veröffentlicht und glänzt des Öfteren mit Features bei anderen Bands (z. B. bei Thirty Six Strategies, The Wildhearts. The Almighty und Manchild), Drummer Neil Cooper spielte kürzlich einen Gig mit seiner ehemaligen (und längst aufgelösten) Band The Beyond und nun wandelt auch Therapy?-Bassist Michael „The Evil Priest“ McKeegan auf Solopfaden und nahm zusammen mit RoryMcGeown und Willy Mundell (Throat, Dutch Schultz) als eine Art nordirische Soupergroup namens HAUNCH das Album Lay My Bones Beside The Others auf. Das gute Stück erschien bereits am 26.01., aber manchmal rutscht selbst uns so ein Release durch und glaubt mir: auch einen knappen Monat nach Veröffentlichung ist das Album noch klasse und darf sehr gerne gekauft werden.

Aber was erwartet den Hörer überhaupt? Ist das ein billiger Therapy?-Abklatsch? Da kann ich Euch beruhigen, denn mit dem Sound meiner Lieblingsband hat Haunch wenig bis gar nichts gemein, vielmehr erinnert mich Lay My Bones Beside The Others an die älteren Alben von Throat, was durchaus positiv zu verstehen ist, da ich diese immer wieder gerne höre und mich ärgere, dass die es auf kommerzieller Ebene nie so recht aus dem Underground geschafft haben.

Wahrscheinlich muss man die kleine nordirische Küstenstadt Larne besuchen, um die Konnotation zu verstehen, die die Pressemeldung zu Haunchs Debütalbum einleiten. Von einem „Ödland“  ist dort die Rede, das Einfluss auf die musikalische Entwicklung der drei Künstler hatte - ich war dort und zugegeben: eine Schönheit ist Larne in der Tat nicht und da die Herren ja auch nicht mehr die Jüngsten sind, kann ich mir schon vorstellen, dass auch die politischen und konfessionellen Spannungen in Nordirland damals ihre Spuren hinterlassen haben und als Saat für den heutigen kreativen Output gesorgt haben. Der lokalen Verbundenheit folgend, wird Lay My Bones Beside The Others auf Robyn G. Shiels neuem Label Black Tragick Records veröffentlicht.

https://www.facebook.com/HAUNCHBAND/
Vor einer gefühlten Ewigkeit (im Jahr 2000, um genau zu sein), als nordirische Bands mit einem lauteren Sound jenseits der Weichspüler-Grenze noch eine Chance hatten, die britischen Top 40 zu erreichen, war Throat eine der weniger bekannten Bands, die immer nah dran waren am Durchbruch, es aber trotz herausragender Melodien wie Sonny's Hired Killer und Soho nie ganz schafften. Eigentlich eine Schande, wenn man bedenkt, welch riesiges Potential schon damals in der Band steckte und was alles hätte möglich sein können. Wie dem auch sei: aus Throat wurden Dutch Schultz, es folgten zwei weitere melodische Noise-Rock-Alben und nun also die Kooperation mit Michael Mc Keegan, dessen Hauptband Therapy? dieses Jahr sein sage und schreibe 15. Studioalbum veröffentlichen wird.

Doch zurück zu Haunch: das Album beginnt mit Twitching und der Track gibt die Richtung schon recht gut vor. Einprägsame Melodie, schön verspielte Lines seitens der Leadgitarre, eine ausgeprägte Songdynamik und zweistimmiger Gesang – man hört vom ersten Ton an, dass hier keine Anfänger am Werk sind. Diese Routine zieht sich durchs komplette Album und das ist bitte nicht negativ zu verstehen. Was Haunch hier abliefern, ist großer Sport und geht weit über das hinaus, was man von einem eigentlichen Side Project erwarten darf. Ich bin sehr froh, dass ich (zwar eher zufällig, aber immerhin) auf das Album aufmerksam wurde und die Möglichkeit bekam, mich intensiver damit zu beschäftigen.

Man wird sehen, inwieweit Haunch das Album auf die Bühne bringen werden und ob es eines Tages einen Nachfolger von Lay My Bones Beside The Others geben wird. Wünschenswert ist es auf jeden Fall, zunächst dürfte der Fokus des Evil Priest aber wieder auf Therapy?, deren neuem Album und einer umfangreichen Tour liegen.

Wer sich selbst ein Bild von Haunch machen möchte, der folge bitte diesem Link: https://haunch.bandcamp.com/releases



Montag, 19. Februar 2018

dicht & ergreifend - Ghetto mi nix o

(sb) Reden wir nicht lange um den heißen Brei rum: Ghetto Mi Nix O, das neue Album der Exil-Niederbayern dicht & ergreifend ist eine verdammt gute Scheibe, wobei ich beim ersten Hören noch a bisserl enttäuscht war und erst beim ca. fünften Durchlauf gemerkt habe, welch Potential das gute Stück eigentlich besitzt. Seitdem hat das neue Werk der Herren Lef Dutti und George Urkwell den Player nicht mehr verlassen und läuft eigentlich immer, wenn ich mal ne freie und ruhige Minute habe. Als "Soundtrack nebenher" eignet sich Ghetto Mi Nix O indes eher weniger, denn auf die Texte sollte man unbedingt - und noch mehr als beim grandiosen Debüt Dampf der Giganten - unbedingt achten.

Schauen wir aber nochmal kurz zurück: das erste Video aus dem neuen Album, Don't Believe The Like, wurde von YouTube direkt mal gesperrt (und erst in einer zensierten Version wieder zugelassen), die zweite Single Schofal Boogie konnte mich auch nicht überzeugen und so war ich doch sehr gespannt, was mich auf dem Longplayer erwarten würde.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich beim ersten Anhören der beiden Auftakttracks O. N.T. H. und Ghetto Mi Nix O dachte: "Oha, des is aber a weng überambitioniert. Wo ist denn die Leichtigkeit hin?" Mittlerweile ist dieser Zweifel verflogen und ich bin froh, dass dicht & ergreifend es gewagt haben, sich nicht auf den Lorbeeren ihres Debütalbums auszuruhen, sondern einen Entwicklungsschritt zu nehmen, der ebenso beachtlich wie mutig ist.

https://www.facebook.com/dichtundergreifend
Mir persönlich gefallen zwar gerade die Uptempo-Nummern à la Schofal Boogie nicht so gut, aber bei einem Album mit 18 Tracks liegt es auf der Hand, dass einem nicht jeder Song zusagen kann. Auch die instrumentalen Anlehnungen an die bayerische Volksmusik, die auf Dampf der Giganten noch so außergewöhnlich, experimentell und großartig waren, fielen mir beim ersten Hören des neuen Albums gar nicht so auf - doch sie sind da und Tuba, Trompete & Co. wissen einmal mehr zu überzeugen.

Textlich bewegen sich Lef Dutti und George Urkwell auf sehr vielfältigem Terrain: mal geht's einfach nur saulustig und skurril zu (Bierfahrerbeifahrer), dann wird's politisch engagiert (Ned Dahoam) und gesellschaftskritisch (Don't Believe The Like), aber auch den Themen Umwelt (Grias De God Scheene Gegn'd) und Ernährung (I Frieß So Gern) nehmen sich die Dichtis an. Das liest sich jetzt hier gerade sehr nüchtern, aber die Art und Weise, wie dicht & ergreifend das präsentieren, ist unwahrscheinlich vielfältig und macht wahnsinnig viel Spaß. Dass man der bairischen Sprache mächtig sein sollte, um die Buam und ihre Lyrics zu verstehen, liegt dabei auf der Hand, aber wie sagte schon Hans Söllner einst so schön: "Im Grunde unseres Herzens samma doch olle Bayern."

Damit hat er zwar Recht, aber Bayern ist halt nicht nur landschaftlich schön, sondern auch konservativ verpestet, was dicht & ergreifend immer wieder gerne aufgreifen und dem geneigten Hörer um die Ohren hauen. Guad so!

"Sie song "Dahoam schdeam d'Leid" und des stimmt sogoa
in Damaskus zreißts an Kinderchor
Hoppala, Blindgänger, kimmd moi vor
zwoa Finga miassn glanga, um des Peacezeichen zum zoang.
Ihr habts nixe g'wusst? De Splitterbombm war von Thyssen Krupp
immer dieser Rüstungsdruck
etz kemmans olle eina in am Flüchtlingszug.
Auf oamoi muas a Führer her
olle jammand ummananda, woin a Bürgerwehr.
Vor dem Syrer Gschwerl hams Angst, wean panisch
dengan, irgendwann wead Garmisch islamisch
wia da Cassius Clay.
Schutz gega Soizneger? Pfefferspray!
Hey, jeder Treffer zeyd
Eia Tresenlogik drammbed auf da Schdey.
Okay, wer auf Menschen zielt, is a Lokalpatriot und grenzdebil
Ihr vahungerts no an geistiger Magersucht
wega Deppen wia eich bin i auf Fahnenflucht."
 
aus "Ned Dahoam"


Abgerundet wird Ghetto Mi Nix O durch Fensdabuzza, einem zehnminütigen Epos über die Ungerechtigkeiten im Leben und die Rache des kleinen Mannes, illustre Gastauftritte von Rappern aus Bayern und dem benachbarten Ausland (Surprise, surprise!), sowie wieder mal geniale Interludes. Freut Euch auf "Nousenrämmi" und "Ssssäianäigl"...

Insofern: natürlich unbedingte Kaufempfehlung (VÖ: 02.03.)!

Auf Tour sind die Herren Urkwell und Dutti auch und zwar hier:

https://www.facebook.com/dichtundergreifend
 


 
 

Freitag, 16. Februar 2018

KW 7, 2018: Die luserlounge selektiert.

tattooforaweek.com
 (ms/sb) Als Dauergast auf bestimmten Festivals sind einige Bekanntmachungen schon ein Augenaufschlag wert. So spielen auf dem diesjährigen Open Flair Festival im schönen Eschwege die Musiker, die sich Tocotronic nennen. Das Festival ist im Grunde genommen immer relativ (Punk-)Rock-lastig, was auch extrem schön ist. Andere große Vertreter ihres Genres kommen allerdings auch gern vorbei. In den letzten Jahren: Iggy Pop, Pendulum, KoRn, Rise Against, In Flames. Auch deutsche Hochkaräter sind (Stamm-)Gäste: Casper, Marteria, Broilers,  Kraftklub oder die wundervollen Beatsteaks. So feuilletonistisch-verkopft wie bei Tocotronic geht es eher selten zu. Das gibt mehr Zeit, um in der Augustsonne lecker Bier zu tanken. Umso erfreulicher, dass sie im Sommer aufs Werdchen kommen und die Meute verzaubern werden.
Die diesjährigen Festivalschlampen (ja, ist halt so ein geflügeltes Wort) sind wohl Feine Sahne Fischfilet, die mal wieder an jeder Milchkanne Pfeffi verteilen.
Wir haben Euch auch diesen Freitag erneut Tolles aus der Musikwelt zusammen gesammelt:

Sebastian Block
Nein, deutschsprachige Singer-Songwriter, die sich beim Namen nennen, brauchen wir eigentlich nicht mehr. Siehe Radioikonen wie Mark Forster, Andreas Bourani, Adel Tawil. Bei den Herren ist der Kotzreiz vorprogrammiert. Andere, viel feiner gestrickte wie Spaceman Spiff oder Matze Rossi sind uns hingegen äußerst willkommen. Heute erscheint das Album Wo Alles Begann von Sebastian Block. Man, ist das schöne, warme, kluge Gitarrenpopmusik. Lieder wie Bist Du Die Antwort oder Warum Rufst Du Mich Nicht An werden schnell zu neuen Lieblingsliedern. Seit 12 Jahren macht er Musik und die Erfahrung ist herauszuhören. Über das Label Timezone Records erscheint sein Werk und wir legen es Euch ans Herz. Kauft. Das!

Heute Abend spielt er mit Jo Stockhölzer ein Release-Konzert im Berliner Cassiopeia. 20 Uhr.



Van Schelln
Es gibt Bands, Lieder und Videos, die einen einfach nur leicht verstört zurücklassen. Dazu gehört ab heute die Band Van Schelln aus Erlangen. Wir sind keine Franken und verstehen daher nicht so viel vom Text des Liedes Broudwoschdghäggwägg. Okay, es geht um den Brotbelag, das geht noch. Auf eigenwillige Art und Weise macht das ganz schön Bock. Auf Albumlänge gibt es das dann ab dem 30. März: Schellnbringer heißt das gute Stück. Auch wenig verwunderlich, dass Van Schelln ihre Musik ohne Label vertreiben. Aber seht und hört selber:




An dieser Stelle muss ich, sb, den Kollegen ms mal eben korrigieren: ich bin tatsächlich Halbfranke, mit einer Fränkin verheiratet und verstehe durchaus, was der Kollege Van Schelln da zum Besten gibt. Verstört bin ich trotzdem...

So, weiter geht's im Text: diese Woche landete ein Päckchen von Rookie Records in meinem Briefkasten, prall gefüllt mit fünf neuen Alben. Über s/t, das Debütalbum von Acht Eimer Hühnerherzen breite ich lieber den Mantel des Schweigens, auf die anderen vier möchte ich aber zumindest kurz eingehen.

The Lombego Surfers
Die nicht mehr ganz so jungen Schweizer klingen frischer als mancher Youngster, der Sound (Garage, Punk, Rock'n'Roll) erinnert jedoch manchmal zu krass an die großen Ramones. Das Album Heading Out (VÖ: 27.04.2018) kann man sich gut anhören, stellt sich aber nach ein paar Tracks die Frage, warum man nicht direkt zum Original gegriffen hat. Macht live vermutlich noch deutlich mehr Spaß als auf Platte.

Custody
Bei den Finnen vereinen sich mehr als 100 Jahre Bühnenerfahrung und vielleicht ist es gerade diese Routine, gepaart mit der Lust, nochmal was Neues zu probieren, die das selbstbetitelte Album (Release: 23.03.2018) so gut werden ließen. Feiner melodischer Pop-Punk, der zu keiner Zeit eintönig oder langweilig wird. Super Sache!




The Stanfields
Ebenfalls am 23.03. erscheint Limboland, das fünfte Album der kanadischen Rockband The Stanfields. Die irischen Wurzeln der Mitglieder sind nicht zu leugnen, das Ganze ist sehr unterhaltsam und nach dem ein oder anderen Bier (zu viel) kann man dazu ordentlich abgehen. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten: daheim ist mir das Album zu anstrengend, beim Autofahren geht's aber ausgesprochen gut.




Not Scientists
Kommen wir zum heutigen Testsieger: die Band Not Scientists wurde Ende 2013 gegründet und nach einer EP, einer 7'' und dem Debütalbum Destroy To Rebuild erscheint am 13.04. ihr zweiter Longplayer Golden Staples. Die musikalischen Einflüsse der Franzosen reichen dabei von den Buzzcocks über The Thermals (hurra!) bis hin zu Hot Water Music und Superchunk. Nichtsdestrotrotz klingt es manchmal so als hätten Blink182 vor zwanzig Jahren Musik für Erwachsene gemacht. Hm, versteht man das jetzt? Egal. Golden Staples ist auf jeden Fall ein richtig gutes Album und hat mich dazu verführt, mir auch direkt den Back-Katalog der Not Scientists reinzuziehen.