Mittwoch, 25. März 2026

Zwischendurch: Die luserlounge selektiert nochmal

Quelle: pixabay.com / javierdumont
Bei verhältnismäßig einfachen Tätigkeiten kann ich gut meinen Gedanken nachhängen. Anfang der Woche ein wenig im Garten gewirkt und über Collien Fernandes und Christian Ullmen nachgedacht. Zuerst war ich bestürzt und danach angeekelt und dann nochmal bestürzt. Natürlich spricht man auch im privaten Feld darüber und da ploppte schnell die Frage auf, warum Männer das machen. Ich entgegnete aus irgendeinem Reflex mit der Aussage, dass ich nicht der Anwalt meines Geschlechts sei. Darüber habe ich dann im Garten nochmal nachgedacht und die Aussage für falsch empfunden. Natürlich, ich bin Anwalt meines Geschlechts, solange so viel Scheiße passiert. Solange Männer es nicht hinbekommen, einfach nett zu sein und ein bisschen Respekt an den Tag zu legen, ein wenig Anstand, ein bisschen Gleichberechtigung, so lange muss auch ich meinen Kopf hinhalten und jeden einzelnen Tag versuchen, dass das Gegenteil möglich ist. Das ist doch das mindeste, oder? Und wenn man Scheiße sieht, muss man sie als solche benennen. Da haben wir leider immer noch einen wahnsinnig weiten Weg zu gehen. Und so lange wir Typen da nicht voran gehen, sondern immer wieder unsere Stellungen missbrauchen, wird da leider nichts passieren. Männer, seid ihr dabei? Ist doch nicht so schwer.

Kettcar
(Ms) Wer hier etwas länger mitliest, weiß recht gut, dass diese Band bei mir recht weit vorne steht. Es müssten sich mittlerweile so 35 bis 38 Kettcar-Konzerte zusammengesammelt haben und jedes war auf seine Weise wirklich toll. Ob in Osnabrück das Publikum komplett Balkon Gegenüber singt oder sich eine Fahrt nach Hildesheim lohnt. Ob mit Streichern im Dortmunder Konzerthaus oder im Innenhof vom Molotow. Kettcar holen mich immer wieder ab. Nachdem sie im September verlautet haben, dass erstmal wieder Ruhe einkehrt und die Band neue Lieder schreibt, kommt nun die Nachricht, dass sie im Juni drei Konzerte spielen. Wer rastet, der rostet… oder so. So macht die Gruppe einen kleinen Norddeutschlandausflug und dass sie im Bremer Schlachthof spielen, ist mir ein ganz besonderes Vergnügen, denn zum Einen ist das einer der besten Läden an der Weser, zum Anderen war das Pier2 doch echt keine Kettcar-Location, oder? Eben. Also: Alle hin da und der Band die Karten aus der Hand reißen. Vielleicht gibt es ja einen neuen Song zu hören?!

18.06. - Bremen, Schlachthof
21.06. - Stralsund, Motorfähre Vitte
22.06. - Ort und Zeit werden noch bekannt gegeben


Fatoni
(Ms) Wer hätte je gedacht, dass Fatoni so ein guter Sänger ist?! Vielleicht nicht mal er selbst? Über seine Rap-Qualitäten muss ja wirklich nichts mehr gesagt werden. Auch über seine Kunst, Texte zu schreiben, auch wenn er so stark daran zweifelt. Dann noch Schauspieler: Ja, Kacken An Der Havel ist ein nettes, schräges, unterhaltsames Vergnügen. Wann Werd Ich Endlich Ausgetauscht? heißt seine neue Single, die vergangene Woche erschien und auf der sein Bariton im Refrain so richtig toll zur Geltung kommt. Ein typischer irgendwas-ist-immer-Fatoni-Track, der aber musikalisch doch anders aufgebaut ist. Die satten Beats aus Nachos sind verschwunden, dafür ein wenig mehr Pop. Es steht ihm gut. Die Vielfalt macht ja den Reiz aus, oder? Eben! Am 3. Juli erscheint seine neue Platte Drama Endet Nie und im Herbst geht er damit auf Tour. Alle hin da, okay?

03.09. - Leipzig, Felsenkeller
04.09. - Erlangen, E-Werk
05.09. - Stuttgart, Wagenhallen
11.09. - Hamburg, Große Freiheit 36
12.09. - Köln, Carlswerk Victoria
22.09. - Wien, Arena
23.09. - München, Muffathalle
24.09. - Wiesbaden, Schlachthof
10.10. - Hannover, Capitol
11.10. - Münster, Sputnikhalle
28.10. - Berlin, Columbiahalle


Portugal. The Man
(Ms) Wenn man Mitte dreißig ist, ging dieses Lied - je nach Lebenslage - vollkommen an einem vorbei. Wer jedoch altersunabhängig mit Kindern zu tun hat, dem ist Golden definitiv ein Begriff. Auch wenn einige Kinder K Pop Demon Hunters nie gesehen haben, können sie alle diesen Track mitsingen. Von vorne bis hinten. Man mag sich ja manchmal fragen, wie das alles geht… aber ist ja auch ein bisschen egal. Letztens habe ich im Musikunterricht das Lied mit einer zweiten Klasse mit Boomwhackern begleiten lassen und die Meute war außer Rand und Band. Logisch, dass so ein Track dann auch massig gecovert wird. Selbst Portugal. The Man machen eine eigene, etwas reduzierte Version daraus. Sie ballert nicht so sehr, holt diesen Hit ein wenig auf den Boden und die Band aus Alaska zeigt, dass Glitzerpop doch eine gewisse Faszination ausstrahlen kann…

Sonntag, 22. März 2026

KW 12, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay.com 
Ostern steht vor der Tür. Spätestens seit ein paar Wochen wird es fleißig durch die prall gefüllten Supermarktregale angekündigt. Dann haben die Schulen für zwei Wochen frei, Klein und Groß freuen sich über allerhand Leckereien und schönen Suchaktionen im Frühling. Die Familie kommt zusammen, Menschen zünden große Feuer an oder fahren in den Urlaub. Doch der Grund, warum das alles passiert, ist mittlerweile völlig egal, oder? Ostern ist ein riesen Bohai, aber dass dem ein kirchliches Fest, das höchste im Christentum, zugrunde liegt, scheint egal, oder? Warum sollte man das also noch feiern? Um die Schokoladenindustrie zu finanzieren? Um einen Anlass zu haben, die Familie zusammenzutrommeln? Hat da jemand eine Antwort?

Dekker
(Ms) Wenn der Mann unter dem großen Hut anfängt zu spielen, dann wird es warm, weich, kurzweilig, entspannt. Dekker aus Brooklyn liefert ganz unscheinbar seit vielen Jahren sehr gute Musik ab. Sie ist unaufgeregt, meist ruhig, hin und wieder auch sehr beschwingt. Doch eine leichte Melancholie liegt stets auf seinen Songs. So auch auf seinem aktuellen Album Neither Up Nor Down. Elf Lieder sind auf der Platte und sie nehmen die Mitte des Lebens mit seinen ganzen Facetten als Thema auf. Ja, ist manchmal gar nicht so leicht, wenn die Jugend - oder das, was man eventuell lange dafür gehalten hat - wirklich vorbei ist und eine Phase einsetzt, die an manchen Tagen auch schwer zu akzeptieren ist. Dekker nimmt die Hörenden mit seinen Stücken an die Hand, trägt sie dadurch, schenkt Verständnis und lässt trotz der Schwere die Leichtigkeit nicht zu kurz kommen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass ein Dekker-Gig einfach eine gute Zeit ist. Und, ganz ehrlich: Sehnen wir uns nicht ein wenig danach? Eben, also hin da!

22.03.26 – Erlangen, E-Werk
24.03.26 – München, Muffathalle
25.03.26 – Salzburg, Rockhouse
26.03.26 – St. Pölten, Festspielhaus
27.03.26 – Dornbirn, Spielboden
28.03.26 – Innsbruck, Bäckerei
20.04.26 – Köln, Gloria
21.04.26 – Bochum, Bhf Langendreer
22.04.26 – Frankfurt, Zoom
23.04.26 – Luxemburg, Den Atelier
28.04.26 – Bielefeld, Forum
29.04.26 – Oldenburg, Kulturetage
30.04.26 – Hamburg, Große Freiheit 36
01.05.26 – Potsdam, Waschhaus
02.05.26 – Dresden, Alter Schlachthof


Christin Nichols
(Ms) Na, habt ihr auch schon das ein oder andere Frühlingsgefühl? Ist es nicht faszinierend, dass der Wechsel der Jahreszeiten nie aufhört, uns zum Staunen zu bringen?! Ich bin wirklich großer Fan davon. Man selbst und die Freunde kommen wieder aus der Winterhöhle raus, die Abende werden wieder länger, die Stimmung - trotz all dem Grauen auf der großen Weltbühne - besser. Oder? Dazu liefert uns Christin Nichols den passenden Track. Noch Wach ist nicht nur eine ziemlich treibende Nummer mit Hey Hey Hey-Elementen, die an die goldenen Indiejahre erinnern, sondern auch die Leichtigkeit einer guten Beziehung bejubelt. Es ist schon ein Liebeslied, wo sich das lyrische Ich das Gegenüber spät herbeisehnt, um einfach beieinander zu sein und über alles zu reden. Der Track könnte genauso gut eine Hymne auf eine große Freundschaft sein. Egal, wie wir uns den Song zurechtinterpretieren, es ist ein hervorragender, Lust-auf-Mehr-machendes Lied: Am 24. April erscheint ihr neues Album mit dem einprägsamen Titel Christin Nichols.

22.04.2026 München - Milla
23.04.2026 Stuttgart - Werkstatthaus
24.04.2026 Mainz - Schon Schön
01.05.2026 Husum - Speicher
02.05.2026 Münster - Gleis 22
06.05.2026 Leipzig - Neues Schauspiel
07.05.2026 Berlin - Lido
04.06.2026 Hannover – Faust
05.06.2026 Köln – Jaki
06.06.2026 Hamburg - Molotow


Fluppe
(Ms) Wem bei diesen flirrenden Gitarren und diesem rollenden Bass nicht das Herz höher schlägt, ist echt nicht weiter zu helfen. Zum neuen Album Beest von Fluppe ist die Band aus einem Trio zum Quartett gewachsen. Letzten Freitag erschien diese Platte und liefert uns elf neue Tracks, die in Post-Punk-Manier die Gegenwart sezieren. Es lohnt sich sehr, diese Songs recht laut zu drehen, denn dadurch schwappt die Energie noch stärker über. Ja, auch der Band aus Hamburg ist anzumerken, dass die Dramatik des aktuellen gesellschaftspolitischen Zustandes nicht ohne Kratzer an ihnen vorbei geht. Doch in ihren Liedern ist so viel Drang zu spüren, dass das seltsamerweise viel Spaß macht. Denn irgendwo muss die Unzufriedenheit, die Wut, der Zorn, das Unverständnis ja hin. Und wenn da zwischendurch noch die Synthies knallen und die Texte sich ins Hirn einbrennen, dann hat diese Band ziemlich viel richtig gemacht! Lasst euch live davon überzeugen:

09.04.26 Hamburg, Nochtspeicher
24.04.26 Fürth, Kopf und Kragen
25.04.26 Bamberg, Live Club
26.04.26 Viechtach, Altes Spital
27.04.26 München, Glockenbachwerkstatt
28.04.26 Mainz, Schon Schön
29.04.26 Düsseldorf, Ratinger Hof
30.04.26 Trier, Villa Wuller
01.05.26 Frankfurt, Dreikönigskeller
02.05.26 Freiburg, Slow Club
12.05.26 Bremen, Eisen
13.05.26 Köln, Stereo Wonderland
14.05.26 Oberhausen, Druckluft (Open Air)
15.05.26 Langenberg, KGB
16.05.26 Berlin, Schokoladen
30.05.26 Braunschweig, KufA Haus


Rahel
(Ms) Beim ganzen Trubel da draußen, ist es mehr als sinnig, auch mal wieder nach innen zu hören. Die Ohren zu machen, die Welt abschalten. Mal gucken, was dann so los ist. Auf diese kleine Reise nimmt uns Rahel aus Wien auf ihrem neuen Lied Weidentier mit. Was passiert, wenn die Welt still gedreht wird? Dann vermisst man womöglich das geliebte Gegenüber, dann möchte man gern kotzen oder alles kurz und klein schlagen. Ja, wenn man erstmal die anderen Stimmen leise stellt, passiert eventuell mehr als gedacht. Diese wunderbare Gedankenreise untermalt die Musikerin mit einem sanften akustischen Gitarren-Bass-Schlagzeugspiel. Zudem sind noch Vögel zu hören, man geht ein wenig mit ihr spazieren - wunderbar! Hier lässt sich großer, entspannter, musikalischer Kunst lauschen - das solltet ihr auch tun!


Rantanplan
(sb) Ein Coveralbum von Rantanplan? Muss das sein? Ja, das muss! Nicht, weil jeder Track darauf nun wirklich super und besser als das Original ist, sondern weil einfach jedes Lied auf Geschwedet so klingt, als könne es tatsächlich von den Hamburger Ska-Punk-Urgesteinen stammen. So geht Cover! Kein tumbes Nachspielen dessen, was es eh schon gibt, sondern Entwicklung, in vielen Fällen gar Weiterentwicklung. Meine Highlights: Durch die schweren Zeiten (Udo Lindenberg), Alles verkauft (Funny van Dannen) und Raus aufs Land (Die Höchste Eisenbahn).


Prostitute
(sb) Dearborn, Michigan, 100.000 Einwohner, die größte Moschee des Kontinents. Das ist das Umfeld, in dem Prostitute sozialisiert wurden. Und auch wenn keins der Bandmitglieder einen direkten arabischen Background hat, so sind die kulturellen Einflüsse auf die Musik des Quintetts nicht zu überhören. Von der Attitüde her erinnert Attempted Martyr an die frühen Korn. Diese Wut, diese Verzweiflung, dieses Aufbegehren. Musikalisch ist das Ganze im Noise-Rock anzusiedeln, aber hört selbst!

Freitag, 20. März 2026

Live in Bremen: The Hirsch Effekt

Foto: luserlounge
(Ms) Es gibt Bands, deren Konzerte eine außerordentliche Erfahrung sind. Was dort auf der Bühne und zwischen Musikern und Publikum passiert, ist beinahe magisch. So ein Erlebnis der besonderen Art liefern The Hirsch Effekt. Im Januar erschien ihre neue Platte Der Brauch und am Donnerstag haben sie im Bremer Tower Halt gemacht.
Das zum großen Teil männliche Publikum war zum großen Teil sehr dunkel gekleidet und sehr entspannt. Was den Abend direkt so gut gemacht hat, war, dass es keine Vorband gab. Mittlerweile finde ich das immer attraktiver. So wird der ganze Abend viel intensiver und zieht sich auch nicht so in die Länge. Gegen viertel nach Acht kam das Trio nach und nach auf die Bühne. Was danach passiert ist, war der absolute Wahnsinn. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich die Musik der Band nicht in Gänze kenne. Mit dem aktuellen Album bin ich vertraut, das war es auch. Doch es drang seit Jahren viel Hörensagen und damit viel Begeisterung zu mir durch. Sie sollte bestätigt werden.
Selten habe ich so viel Präzision live erlebt. Klar, das, was diese Band live auf die Bühne stellt ist ganz schön wild. Aber dieses Wilde ist geplant. Wie gut das geplant ist, lässt sich beim selbstverständlichen und einfach extrem harmonischen Zusammenspiel erleben. Da ist so viel Intuition zwischen den drei Musikern, so viel Vertrautheit, dass das Derbe einfach extrem gut aufgeht. Dabei sind die Songs von The Hirsch Effekt super komplex komponiert. Wie oft die Takte brechen, das Tempo verschleppt oder angezogen wird, wie schnell zwischen lautem Chaos und ruhigen Parts gewechselt wird - irre! Ich stand so, dass ich insbesondere Bassist Ilja John Lappin gut beobachten konnte. Dass seine Finger nicht verknotet sind, grenzt an ein Wunder. Er spielt den fünfsaiten Bass mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. Zudem growlt er, singt dann wieder wie ein Engel und spielt halt in der Zugabe noch Cello - klar. Bei dieser Band ist alles zu erwarten, alles tritt ein, alles ist möglich, es ist irre. Es macht einfach unglaublich viel Spaß, Moritz Schmidt beim Schlagzeugspielen zuzusehen und wie sehr Nils Wittrock einfach alles gibt am Mikrophon und an der Gitarre. Er spielt um sein Leben. 

Knapp zwei Stunden haben sie gespielt. Sehr komprimiert, sehr dicht, sehr sympathisch, sehr nah und aufmerksam mit dem Publikum interagierend. Zum Ende habe ich mich gefragt, ob sich das Wilde nicht auch ein wenig abnutzt. Ob irgendwann die Überraschung nicht mehr kickt, weil es halt die ganze Zeit so geht. Aber nein - bei weitem nicht! The Hirsch Effekt spielen so druckvoll und energiegeladen, dass es wirklich gar nicht langweilig werden kann.

Geht da hin!

20.03. Oberhausen - Druckluft
21.03. Leipzig - Naumanns
21.05. Saarbrücken - Garage
22.05. Münster - Sputnikhalle
23.05. Köln - Helios 37

Samstag, 14. März 2026

Live in Bremen: Tristan Brusch

Foto: luserlounge 
(Ms) Über einen Abend, der ein Zeugnis außergewöhnlicher musikalischer Kraft war und stark nachhallt.

Ausverkauft - am Nachmittag, bevor das Konzert von Tristan Brusch im Bremer Lagerhaus stattfand, kam diese Meldung über die sozialen Kanäle. Was für ein schöner Erfolg für den Musiker, der damit in seinem vierten Anlauf an dieser Spielstätte zum ersten Mal ein volles Haus hatte. Auch viele andere Auftritte seiner aktuellen Tour sind restlos ausverkauft. Dafür gibt es zahlreiche gute Gründe, die spätestens nach so einem Besuch glasklar sind. Offenbar lockt der Wahlberliner ein Publikum an, das sehr, sehr aufmerksam ist. Wow - wie still es zwischendurch war. Niemand quatschte während seiner Lieder, höchstes verträumtes Mitsingen. Allein das ist eine große Anerkennung! 

Eingeleitet in den Abend hat Lisa Harres. Sie setzte sich ans E-Piano, das vorne am Bühnenrand stand, spielte zaghaft mit der rechten Hand ein paar Töne und sang darüber mit sicherer, sehr virtuoser Stimme. Viel zu verstehen war davon nicht, so sehr hat sie die Töne in die Länge gezogen. Ob der Text wichtig war? Ich kann es nicht sagen, lehne mich aber mal aus dem Fenster und sage: Nein. Es ging eher um den Klang an sich, um Stimme und Melodie. Als sie dann auf Deutsch sang, habe ich das auch erst nach einigen Augenblicken mitbekommen. Zwei Stücke spielte sie dann noch an der Gitarre, die ursprünglich für Orgel und Bläser geschrieben worden sind. Große Flächen, verträumt schwebende Stimme. Kunst und musikalisches Können. Ich musste an Schuberts Winterreise denken.

Kurzer Umbau. Zeit, um der im Off laufenden Musik zu lauschen, denn sie war auch Teil einer tollen Inszenierung des ganzen Abends. In Dauerschleife lief eine verzerrte, reduzierte Version von Grundsolider Schläger. Hach, wie schön, wie gut dieser Abend geplant war! Und das lag zu großen Teilen auch an der phantastischen Band, die mit auf der Bühne stand. Allen voran Friedrich Paravicini am Keyboard, Gesang, Mundharmonika und vor allem am Cello - enorm! So zurückhaltend er sich gab, so wirkungsvoll war all sein Tun auf der Bühne. Tristan Brusch nennt ihn im Reflektor-Podcast den Ambassador einer besseren Musikwelt. Zudem saß Hanno Stick am Schlagzeug, der unter anderem auch bei Niels Frevert, der Crucchi Gang und seiner eigenen Band Tapes spielt. Leider konnte ich nicht herausfinden, wie die beiden Damen am Bass und Backgroundgesang hießen, sie haben genauso wunderbar musiziert! Zusammen haben sie einen irren Sound erzeugt. Er war hervorragend gemischt, weich, rund, präzise.

Im klassischen Musikerschwarz kamen sie auf die Bühne und starteten mit eben jenem Grundsolider Schläger. Toller Start, das Staunen hat ab dem ersten Takt eingesetzt. Und vor allem ganz viel Gänsehaut. Die Musik seiner Lieder ist ja gar nicht so wuchtig, dafür aber in ganz außerordentlichem Maße seine markante Stimme. Ich gehe davon aus, dass alle vor Ort schnell hin und weg waren. Es folgten einige Stücke der neuen Platte wie Vierzehn, Wasser Und Licht, Heiliges Land, Wir Kinder Vom Bahnhof Zoo und das großartige Geboren Um Zu Sterben. „Lieben und geliebt zu werden“ - das sind doch wirklich die einzigen Dinge, die wir hier zu lernen haben, oder? Der Rest kommt dann von allein. Natürlich gab es auch frühere Songs wie Der Abschaum, Wieder Eine Nacht, Wahnsinn Mich Zu Lieben (!), Oh, Lord oder Baggersee.
Zwischen verträumtem Dreinschauen, Messerstechereien und allen Formen der Liebe ist an einem Tristan Brusch-Abend wirklich allen zu hören. Kleine Randnotiz: Das u in Brusch wird übrigens lang gesprochen. Ja, dieser Auftritt brachte wirklich alles mit, was einen hochklassigen, musikalischen Abend ausmacht: Starke Texte, hervorragende MusikerInnen und ein unglaublich aufmerksames Publikum. Aus irgendwelchen Gründen war die Luft vor Ort nicht gut, zwei BesucherInnen sind umgekippt, ihnen wurde aber schnell geholfen, auch von den sehr lieben, umsichtigen Menschen auf der Bühne.

Hach, was gab es alles zu bestaunen während dieses Konzertes! Es wirkt ganz stark nach. Insbesondere durch den sehr autobiographischen Abschluss mit Theo, diesem unverschämt tollen Lied für seinen Sohn, und seiner eigenen Geschichte in Das Leben Ist So Schön. Mit verdient viel Applaus und einem hohen Andrang am Merch endete dieser Auftritt. Tristan Brusch ist ein höchst außergewöhnlicher Künstler, ein irrer Texter, ein leidenschaftlicher Musiker und toller Darbieter seines Schaffens. Geht da unbedingt hin, wenn es möglich ist!

14.03.2026 Hamburg, Mojo Club
18.03.2026 Dresden, Beatpol
19.03.2026 Erlangen, E-Werk
20.03.2026 München, Ampere
21.03.2026 Stuttgart, Im Wizemann
22.03.2026 Wiesbaden, Schlachthof
26.03.2026 Magdeburg, Moritzhof
27.03.2026 Leipzig, UT Connewitz
28.03.2026 Berlin, Huxleys

Freitag, 13. März 2026

Live in Bremen: Shatten & MPC Lafote

Foto: luserlounge
(Ms) Es ist leicht, schnell das Schlechte zu sehen. Dieses Gefahrenerkennungssystem ist uns einprogrammiert, aber glücklich macht es nicht. So ließe sich ja einfach sagen: Wie schade, dass nicht so viele Leute gestern beim Konzert im Eisen waren. Auf der anderen Seite: Die, die da waren, hatten einen einen großartigen Abend. Und viele andere haben das halt verpasst. So nämlich.

Doch besser vorne anfangen.
Die Band Shatten hat letzte Woche ihr neues Album Gegenwart rausgebracht (hier unsere Review). Es ist wirklich ganz großartig! Gestern ging dann ihre Tour los und sie haben niemand geringeren als MPC Lafote als Support mit dabei - was für eine großartige Kombination! Zusammen sind sie nach Bremen gefahren, um im Eisen zu spielen. Was für phantastische Bands Nando in diese Kneipe holt, verdient eigentlich eine eigene Würdigung. Es hat wirklich viel mit einem Wohlgefühl zu tun. Im Eisen ist es halt super entspannt. Vor und hinter der Theke nur gute Menschen, die gelassen und rücksichtsvoll sind. Wer will da nicht gern spielen?! Eben! 

MPC Lafote spielte schon letztes Jahr mit Drummer im Horner Eckhaus, das war enorm elektrisierend. Und genauso ging es los, als die Einmannband loslegte. Zahlreiche Sampler, elektronische Spielereien, Drehknöpfe, Synthies, Kabel. Dahinter am Mikro ein Typ, der wohl mal in einen musikalischen Zaubertrank gefallen ist und einen großen Schluck genommen hat. Wenn es ein Motto des Abends gab, dann ist es: Energie! MPC Lafote ist musikgewordene Präsenz, Tanzbarkeit, kluge Texte und eine gehörige Portion Freude an dem, was er da tut. Die aufmerksamen Menschen im Eisen honorieren es mit Tanzen, Applaus und gebanntem Zuhören. Die Ironie der Musik: Dass ausgerechnet beim Track Sabot die Boxen knarrten. Insbesondere die Tracks, bei denen ein Hintergrundchor aus den Boxen knallt, lassen die Luft flirren.

Foto: luserlounge
Kurze Umbaupause und um viertel nach neun starteten Shatten. Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard, Stimme. Das ist Rockmusik mit verspielten Keyboardelementen, mit Druck und Aussage. Es dauerte nicht lange, und die Hamburger Band versprühte Energiefunken im Publikum, die schnell anstecken. Der Fokus lag klar auf den neuen Tracks und insbesondere Paranoia, das auf dem Album schon so gut ist, erlebt live noch eine ganz neue Qualität. Obendrein nimmt die Band den Raum ein, der Sänger geht über Tische und Bänke, hat Bock. Damit ist er aber zum Glück nicht allein, alle anderen vier strotzen nur so vor Drang und Spielfreude! Hier spielt eine Band, die mindestens die zehnfache Aufmerksamkeit verdient hat. Aber nicht alles so schlecht sehen: Auch wenn das Eisen „nur“ eine Kneipe ist, für mindestens einen Abend ist es die größte Bühne der Welt.

Am Ende muss ich mir das nicht-alles-so-schlecht-sehen selbst noch einreden: Der Zug rief mit blöder Abfahrtszeit, sodass ich den Auftritt nicht bis zum Ende sehen konnte. Aber das, was ich sah, war überragend. Schaut euch diese Band an - es wird großartig!

13.03.2026 - Flensburg, Volksbad
14.03.2026 - Lübeck, Blauer Engel
20.03.2026 - Berlin, Roter Salon
21.03.2026 - Hamburg, Molotow
09.04.2026 - Bonn, Bla
10.04.2026 - Mühlheim, Das Kaff
11.04.2026 - Oldenburg, Alhambra



Donnerstag, 12. März 2026

The Notwist - News From Planet Zombie

Foto: Bernd Hofmann
(Ms) Ein Mal Mäuschen spielen. Ein Mal dabei sein, wenn im Münchener Studio von The Notwist neue Musik entsteht. Was wäre das für ein spannendes Ereignis! Lauschen, wenn diese Kombo eventuell anfängt, zu improvisieren. Zuhören, wenn neue Ideen entworfen oder alte überarbeitet werden. Mitschreiben, wer was zu sagen hat, wer noch einen Vorschlag hat. Zusehen, wie Texte nochmal umgeschrieben werden. Spüren, wie der Sound durch den Körper dringt. Mitempfinden, wie die Luft anfängt zu flirren, wenn diese Band spielt. Live ist das ja eh fulminant. Okay, was bedeutet „eh“. Es ist schon große Kunst, was diese Gruppe immer wieder auf die Bühne bringt. The Notwist ist eine Band, die mich auf Konzerten sehr schnell verzaubern kann. Es ist ein Leichtes für mich, in ihre Lieder einzutauschen, wenn sie spielen. Doch zu Hause laufen ihre Tracks verhältnismäßig selten. Darüber habe ich schon lange nachgedacht, woran es liegen mag. Wirklich: Keine Ahnung. Irgendein nebulöser Zauber der Klangkunst.

The Notwist also mal wieder. Haben sich im Studio verschanzt und sind mit einer neuen Platte wieder herausgekommen. News From Planet Zombie heißt sie und erscheint diesen Freitag (13. März) bei Morr Music. Das letzte Album, Vertigo Days, kam vor fünf Jahren raus. Viel Zeit also, um sich neue Gedanken zu machen. Ja, diese elf neuen Stücke bringen viel Neues mit sich, aber vor allem Anderes. Sounds, die so lange nicht zu hören waren. Die elektronischen Elemente sind deutlich reduzierter. Der Grad an Verspieltheit weicht für mehr Fläche. Es ist etwas weicher und organischer geworden. Ruhiger auch. Und das liegt an einem scheinbar einfachen Trick, der mich ab dem ersten Hören ganz stark fasziniert hat, weil er so schön hörbar ist: Das ganze Album wurde live eingespielt! Das hat die Band seit den 90ern nicht mehr gemacht und ist insbesondere am nah erscheinenden Gesang und an den tollen Bläsern zu hören. Allein das ist schon ein ganz großer Trumpf dieser Platte - sie ist ein wunderbares Hörerlebnis. 

Stark einfach, wie dieses Werk beginnt. Teeth startet sanft mit Gitarren, leichtem Schlagzeug und heranschleichenden Bläsern. Es ist ein Lied, das in seinen sechs Minuten und fünfzehn Sekunden wunderbar an Fahrt aufnimmt. Ein Stück über die Standfestigkeit und sich nicht - wie all die anderen - von irgendetwas mitreißen zu lassen, sondern den Weg zum errettenden Gegenüber finden. Dieser Track ist ein einziges Crescendo und irre, dass die Band diese Nummer direkt an den Start setzt. So entsteht direkt ein Sog, die Energie ist sofort dicht und hoch. Wie gut ist das denn einfach?! Die erste Single, X-Ray, kommt etwas dissonant daher und hat mich zuerst auch ein wenig abgeschreckt. Doch auf das ganze Album gesehen, fügt es sich hervorragend ins Werk ein. Ein bisschen schneller, ein wenig dichter, ein weniger roher. Hier scheppert durchaus mal das Schlagzeug, hier wird an den Reglern geschraubt, hier koppelt es zurück. Das muss doch super viel Spaß gemacht haben im Studio. Es folgt Propeller. Wie schlau es ist, an dritter Stelle einen instrumentalen Track zu setzen. Er ist etwas entspannter, ja beinahe fröhlich und kindlich verspielt, richtig schön!
Zwei Cover haben sich auch auf die Platte eingeschlichen. Zum Einen Red Sun, im Original von Neil Young. Hier geben die Bläser den Rhythmus vor und der Gesamtklang lässt Hoffnung aufkeimen, ein Blick nach vorn, der im Text auch zu finden ist: „And the dreams that you‘re havin‘ / They won‘t let you down.“ Ja, die Platte trägt zwar den Namen News From Planet Zombie, doch es kommt auf die Perspektive an. Es geht zwar ordentlich viel den Bach runter, aber diese Lieder schauen definitiv danach, was eben gut ist. Gut so.
Silver Lines ist so ein klassischer The Notwist-Track: viele kleine Elemente, die sich ineinander verweben,  kurze Atempausen und insgesamt ein stark nach vorn gerichteter Drang. Viel Energie. Auch hier erzählt der Text vom Zusammenhalt, auch wenn man gerade ganz woanders ist. Denn die Geschichten, die woanders erzählt werden, ähneln doch oft den Bekannten. Dann fühlt man sich doch in der Ferne nicht direkt so fremd. Das zweite Cover ist How The Story Ends, im Original von den Lovers. Ein weiteres Stück, was einfach großartig arrangiert ist ist. Das Zusammenspiel der Bläser mit Bass und Schlagzeug ist hypnotisierend und schlicht großartig.

Dennoch bleibt am Ende ein leicht getrübter Eindruck. Dieses Album hat zwei Facetten. Auf der einen Seite sind einige großartige Songs, die durch ihre wunderbare Struktur und durch ihre Verspieltheit überzeugen. Doch es gibt auch ein paar Tracks, die so vor sich hin dümpeln. Für meinen Geschmack sind Snow, Who We Used To Be, Projectors oder auch das letzte Stück, Like This River zwar schön, aber auch ein wenig harmlos. Vielleicht hatte die Bands Lust, ein wenig ruhiger zu spielen, ein wenig den Drive rauszunehmen, ein paar sanfte News vom Zombieplaneten zu teilen. Eventuell habe ich auch zu engstirnige Erwartungen an eine Platte dieser Band. Es bleibt unterm Strich, wie es immer ist: Geschmackssache. 
Doch eines steht hier für mich klar im Fokus: Das klangliche Mäuschenspielen geht hervorragend auf!

12.03. - Berlin - Kleiner Sendesaal des rbb
13.03. - Berlin - Rough Trade
15.04. - Vienna - Arena
19.04. - Zurich - Rote Fabrik
20.04. - Köln - Carlswerk Victoria
25.04. - Heidelberg - Karlstorbahnhof
26.04. - Hamburg - Große Freiheit
27.04. - Berlin - Astra
28.04. - Erlangen - E-Werk
09.06. - München - Circus Krone
01.11. - Wiesbaden - Schlachthof
02.11. - Stuttgart - Wizemann
03.11. - Düsseldorf - Zakk
04.11. - Bremen - Schlachthof
05.11. - Münster - Skaters Palace


Sonntag, 8. März 2026

Live in Köln: Psychlona

Foto: luserlounge 
(Ms) Über einen Abend, der so gar nicht geplant war und mit der Erkenntnis, dass harter Stonerrock recht entspannend sein kann.

Dieser Konzertbesuch war gar nicht angedacht. Es war die beste Alternative. Denn eigentlich wollten wir in Köln Portugal. The Man sehen. Lange haben sie nicht hierzulande gespielt, zudem mag ich die Band schon seit über fünfzehn Jahren und sah sie diverse Male live. Als letztes Jahr einige Deutschlandtermine angekündigt worden sind, war schnell klar: Hin da, ab nach Köln, das wird ja eh immer gut. Dann wurde die gesamte Tour vor gut gut einem Monat komplett in den Herbst geschoben. Schade, aber besser als alles abzusagen. Dennoch war alles vor Ort gebucht, Zug, Unterkunft, Bingo. Nach der Enttäuschung darüber, kam natürlich schnell die Suche nach dem, was dennoch am Rhein geht. Und an einem Tag in Köln kann man locker zehn verschiedene Konzerte sehen - Wahnsinn!

Hier und da habe ich reingehört und die Entscheidung war schnell getroffen: Mit Stonerrock ist verhältnismäßig wenig falsch zu machen. Die britische Band Psychlona machte Halt in den Garagen in Ehrenfeld und beim Vorabhören wippte der Kopf schnell mit. Also: Tickets geholt und hin da. Ehrenfeld ist ja eh ein Schmelztigel der Kultur. Irre, was da überall los ist. Ein Eldorado für Nachtschwärmer. Der Garagen Club ist genau das, was er sagt: Eine alte Garage mit einem großen Platz davor, wo es sich schön lümmeln lässt. Der Innenraum ist sehr übersichtlich, aber mit allem Nötigen gestaltet: Bühne, Bar, fertig. Also noch ein Getränk geholt, den Außenbereich genossen und pünktlich um 19.30 Uhr bretterte von drinnen ein gewaltiger Sound los. Die Dortmunder Band, die tatsächlich den glamourösen Namen Kardeathian trägt, eröffnete den Abend mit massigem, gesanglosem Stonerrock, der weit in den Metalbereich reindriftete. Schwere Gitarren, langsame Bewegungen, aber viel Freude dabei. Der Lärm schließt nicht aus, dass es Spaß macht - das sah man insbesondere der Band selbst an.
Eine Stunde später trat dann die vierköpfige Band Psychlona auf und ging musikalisch in eine ähnliche Richtung, aber in meinen Ohren etwas runder, etwas abwechslungsreicher und vor allem mit Gesang. Das ist bei einem Genre, das schon auch monoton ist und auch sein will (so weit lehre ich mich mal aus dem Fenster), kein unwesentliches Element. Dann ist während ihres Auftritts - das sage ich hier als Nichtkenner der Gruppe und auch im Genre bin ich wenig sattelfest - wenig passiert. Es war laut und doll und aber auch vor allem gut. Das ist ja sehr verrückt: Die circa 100 Anwesenden wippen im Takt der Musik mit, einige gestikulieren mit der Gitarre und immer wieder war eine anerkennende Geste zu sehen - die ausgestreckte Bierflasche oder Faust als Gruß an die Band. Beides bedeutet: Yeah, das gefällt sehr! Und diese Musik beruhigt irgendwie. Wahrscheinlich durch die Eintönigkeit, aber auch durch die angenehme Schwere. Man sieht es den Menschen vor Ort an: Denen geht es wirklich sehr gut an diesem Abend!

So bastelte sich von allein ein guter musikalischer Abend zusammen. Wahrscheinlich werde ich beide Bands nicht allzu oft privat hören, weil es vor allem nicht mein bevorzugtes Genre ist. Dennoch fand ich es sehr lohnenswert, Neues kennenzulernen: zwei Bands und ein Club, in dem ich noch nie war. Ergibt zusammen einen sehr kurzweiligen Abend. Psychlona sind noch für einige Konzerte hierzulande unterwegs!

Und im November dann an dieser Stelle: Die Review zu Portugal. The Man!


Freitag, 6. März 2026

KW 10, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay.com / CIker-Free-Vektor-Images
Kann es guten Neid geben? Ich denke schon. Vermutlich ist es eine Form der Anerkennung - bei anderen sehen, was sie Gutes machen oder wie sie sind. Dann verschwindet - in meinen Augen zumindest - das Wesen der alten Todsünde.
Hier im Norden war in den letzten Wochen die heiße Phase der Kohltouren. Kurze Erklärung: Man trifft sich mit guten Leuten, hat Bollerwagen dabei, die reichlich mit Alkohol und Snacks gefüllt sind, trinkt an jeder Kreuzung einen Schnaps und kehrt danach in einer Gaststätte zum Grünkohlessen ein. Das ist hier Kultur - Punkt.
Leider hinterlassen diese Grüppchen immer wieder ordentliche Portionen an Müll. So auch hier drei, vier Straßen weiter. So viele 0,2-Liter-Flaschen Korn - ekelig. Ich sah sie letztens beim Spazieren und dachte mir: Kann ich auch einfach mal weg machen. Mööp. Die Idee hatten auch andere Menschen, die besser, schneller und umsichtiger sind als ich. Sie sammelten vergangenes Wochenende ganz selbstlos diesen Müll auf. Müllzange, Handschuhe, Müllsäcke - alles sauber. Bin ich neidisch?! Ja, ein kleines bisschen. Aber eher so, dass sie mir ein Beispiel sind.

Low Key Orchestra
(Ms) Ja, das hier ist nicht Torpus & The Art Directors, aber die Stimme von Sönke Torpus ist so unverwechselbar, dass ganz viel der ehemaligen Band in der neuen liegt. Ja, dass Sönke Torpus mit Low Key Orchestra eine neue Band hat, wissen alle LeserInnen dieser Seite. Persönlich habe ich mich sehr darüber gefreut, weil das auch einfach so ein toller Typ ist. Er spielte unter anderem im Vorprogramm von Young Rebel Set letztes Jahr und versprühte viel Energie und enorm viel Witz. Schön auch, dass seine Frisur einigermaßen geblieben ist. Bevore The Reverb heißt die erste Platte im neuen Gewand und wird am 26. Juni erscheinen. Mit Send Love ist letzte Woche eine weitere Single erschienen, die die faszinierende Macht des Zusammenhalts feiert - wie schön, wie wahr, wie gut, wie toll klingend! Zum neuen Track gibt es eine tolle Live-Band-Version, die es zu lauschen lohnt:


Abramowicz
(Ms) In dieser Woche lang ein wenig Aufbruch in der Luft, oder? Klar, nicht politisch, da geht’s echt nur bergab. Aber es ist doch toll, dass uns jedes Mal die ersten warmen Sonnenstrahlen so verzaubern, oder? Das ist ein Zauber, der nie enden wird. Jeder Frühling macht Spaß, erzeugt Freude, das Draußensein wird zur Devise Nummer 1. Dazu sollte unbedingt der neue Track Money Takes von Abramowicz laufen. Okay, nicht zwingend inhaltlich, aber von der Stimmung her! Und genau das kann doch gerade richtig gut tun. Insbesondere, wenn die Band sechs Jahre lang schlief, aber nie tot war. Sie lebte in Sören Wartekin, der sie nun neu formiert hat und mit extrem viel Energie wiederauferstehen ließ. Wow - das macht wirklich viel Spaß und sehr viel Vorfreude auf noch viel mehr Neues! Alle im Norden dürfen sich schon mal freuen, dass sie Anfang Juni beim sehr guten Fair Weather Fest in Bremen spielen werden. Alle hin da!
Und jetzt mal ganz ehrlich: Was hat er denn für eine geile Stimme?!


Neonschwarz
(Ms) Manche Veränderungen kündigen sich ja auch durch kaum Hörbares an. Erst eine lange Pause, dann Solo-Aktivitäten, ein paar kryptische Meldungen. Dass es irgendwann vorbei ist mit Neonschwarz - ich hatte da so eine Ahnung. Das Schöne an der Tragik ist aber, dass sie im Guten diese Band beenden werden. Kein Krach, kein Stress, einfach nur vier Leben, die sich im Laufe der Zeit verändert haben. Wer irgendwas über dreißig ist, wird das verstehen können. Dennoch: Neonschwarz standen immer für viel Energie auf der Bühne, eine sehr klare antifaschistische Haltung, Jogginghosentage und viel Witz in ihren Tracks. Ich habe sie einige Male live gesehen und es war immer eine irre Party - mit der militanten Tante selbstredend. Bin geht die Band im Herbst noch ein letztes Mal auf eine kleine Tour und veröffentlicht am 19. Juni ihr Best-Of Namens Forever. Wie schön - diese Band wird also nicht beerdigt, sondern für immer freigelassen. Wenn das nicht ein - wenn auch trauriger - Grund zum feiern ist:

25.09.26 Köln - Gebäude 9
26.09.26 Leipzig - Conne Island
02.10.26 Berlin - Festsaal Kreuzberg
09.10.26 Hamburg - Gruenspan (Exil)


AB Syndrom
(Ms) Solidarität und Unterstützung sind Werte, die viele Krisen ausgleichen oder gar verhindern können. Zudem ist das Füreinanderdasein einfach eine tolle Tugend. Es gibt sie auch in der Musik. Band A nimmt KümnstlerIn B mit auf Tour, der Bekanntheitsgrad kann wachsen, wir kennen das. Ich finde das wahnsinnig sympathisch, denn so gibt es immer mehr zu entdecken. So ergab sich auch mein erster Berührungspunkt mit AB Syndrom - als sie zusammen mit Mine Spiegelbild produzierten. Dann sah ich sie in Oldenburg live - irre Energie, großartige Typen. Dazu enorm außergewöhnliche Musik, die sich nicht kategorisieren lässt. Elektronischer Pop - ja, schon irgendwie. Aber mit viel Tiefe, Persönlichkeit und Verletzlichkeit. Im Herbst wird es eine neue Platte geben und damit geht die Band wieder auf Tour. Wer kann, sollte da auf jeden Fall hingehen, denn das könnte höchst beeindruckend werden:

13.10.26 Leipzig - Naumanns
14.10.26 Hannover - LUX
15.10.26 Frankfurt - Elfer
16.10.26 Köln - Jaki
17.10.26 Münster - Gleis 22
18.10.26 Hamburg - Bahnhof Pauli
20.10.26 Berlin - Berghain Kantine


Mikromoon
(Ms) Wohin entfliehen und mit welchem Vehikel, wenn es draußen mal wieder düster und wenig hoffnungsfroh aussieht? Da die reale Flucht nicht ganz unkompliziert ist, brauchen wir eine imaginäre. Ab ins Lala-Land, ein Ort von dem die Band Mikromoon auf ihrer neuen Single Project Dada singt. In dem tollen Video zum Track hebt das Quintett in außerirdische Sphären ab und das mit ganz phantastischem Sound. Beim dichten Zusammenspiel von Bass, Gitarre, Schlagzeug und Keyboard passiert gar nicht mal so viel. Genau das ist das Spannende. Spiralförmig und leicht psychedelisch nimmt mich der Klang ein, lässt die Füße automatisch mitwippen. So reist es sich doch am allerbesten, oder?


City Light Thief
(Ms) Zwei Sachen. Sache Nummer 1: Sound und Look. Als eine Nachricht über die Band City Light Thief hereinflatterte, war da eine wahnsinnig gut aussehende Band abgebildet, die nach nach-dem-Studium-im-Berufsleben-befreundet-geblieben aussieht. Dann lief ihre neue Single Infinite Original Content und ich war ab dem ersten Takt mehr als überrascht! Hardcore, Emo oder sowas in der Art. Treibende, harte Gitarren und viel Gebrüll. Will sagen: Mit Erwartungen brechen finde ich gut. Sache Nummer 2: Der Inhalt. Denn das Gebrülle ist stark. Also auch vom Text her. Die Band fragt danach, wie wir denn nun Musik konsumieren und welche Halbwertszeit sie hat. Eine sehr gute Frage, die ich hier auch immer wieder aufwerfe. Das Geschäft ist irre schnell. Selbst als kleiner Blog flattern bei uns mehr als 100 Mails pro Woche rein. Überall mindestens ein neuer Song drin. Altobelli - wie soll das denn gehen? Deshalb heißt diese freitägliche Rubrik ja auch „selektiert“. Schnell ein paar Klicks sammeln? Oder welche kaufen? Wie lange wirkt die Kunst? Wie schnell ist sie vergessen? Wie oft muss eine Band nachlegen, um im Gespräch zu bleiben? Oder sich einfach frei machen von all diesen scheinbaren Zwängen?! Ballert alles ziemlich gut in diesem Song, muss man sagen!

21.03. - Köln, Gebäude 9
05./06.06. - Bremen, Fair Wather Fest


Culk
(Ms) Ein Hoch auf die Dissonanz. Im richtigen Moment kann sie große Wirkung entfalten. Klar, wenn es immer nur geplant schief ist, mag das Ohr irgendwann nicht mehr. Aber wenn dadurch gute Brüche entstehen, wird Musik doch interessant, oder? Dieses Handwerk beherrscht die Wiener Band Culk auf ihrer neuen Single Twenty, Eighteen sehr, sehr gut! Ein LoFi-Kracher mit ordentlich Gitarrenwumms, der mal das Tempo schleppen lässt, dann wieder zwischen Harmonie und Dissonanz pendelt und inhaltlich die Frage stellt: „Is my heart full?“ Und das in jeglicher Hinsicht. Vielleicht auch nicht nur das Herz, sondern der ganze Kopf. Voll von Informationen und Berichten und Videos und echtem Leben und ahhhh! Verbunden fühlen mit einem Etwas da draußen, aber daheim alleine am Bildschirm sitzen. Damit ist die Gegenwart doch sehr gut zusammengefasst, oder? Stimmt!
Im Laufe des Jahres bringt das Quartett aus Österreich noch eine neue Platte raus, die sicher noch mehr kluge Lieder parat hält - bleibt gespannt!

Mittwoch, 4. März 2026

Shatten - Gegenwart

Foto: Shatten
(Ms) Das Faszinierende an Kunst ist ja, dass sie nicht immer alles von sich preisgibt. Zum Beispiel, warum sie oft so ansprechend ist. Dann läuft ein Lied und man wippt so automatisch mit, ein paar Zeilen bleiben hängen. Die Melodien bleiben im Unterbewusstsein hängen und kicken auch beim nächsten Hören. Wieso das so ist?! Lässt sich bestimmt neurologisch oder so begründen. Aber ist die Nichtbegründung nicht viel besser?! Ist es nicht der Zauber, der uns das Lächeln ins Gesicht treibt? Ist da nicht ein großartiger Überraschungsmoment, der besser unerklärt bleibt?! Ich bin der festen Überzeugung, dass jegliche Begründungen der Kunst gegenüber völlig irrelevant sind. Sie wirkt durch sich selbst, ist eigener Zweck. Das ist ja das Geniale daran.
Und so begeistern manchmal Bands und Lieder, die so aufs erste Hören nicht unbedingt die große Zündschnur abfackeln. Das ist mir in den letzten Tagen mit der Band Shatten passiert, die diese Woche ihr neues Album Gegenwart veröffentlicht. Da war eine Single, die irgendwie gut war, aber auch nicht so richtig heftig. Und das Gute schlich sich ein. Da ist etwas in den Liedern, das nicht unbedingt den großen Knall auslöst, aber viele Kleine. Und dann bin ich dabei, dann habe ich Bock. Und dieses Album hat ganz viele Facetten, die große Überzeugungsarbeit leisten können. Und dann ist es wieder groß!

Da ist ja auch erstmal das fehlender c. Geschickt gemacht, das bleibt doch sofort im Gedächtnis, oder? Chinaschilf heißt besagte Single und ist auch der erste Track auf dieser Platte. Der Bass rollt prägnant durch die Takte, ein paar Keyboardelemente tanzen durch den Refrain und ich dachte erst, dass das Stück „Chinaschiff“ heißt. Ansonsten Gitarre, Schlagzeug, Gesang. Indierock mit bisschen Punk - so kann man sagen. Und auf jeden Fall mit viel Tempo. Das Chinaschilf ist ein Ort zum Verstecken. Gar nicht so schlecht, oder? Aber genauso wichtig ist es, Paroli zu bieten, wenn Quatsch erzählt wird. Durchaus ein Mutmachsong.
Doch vor allem ist es das ungeahnte Songwriting, das mich anspricht. „Die Zukunft war besser als sie noch aussichtslos schien“ - eine Zeile aus Herbst, die doch sonst niemand derzeit texten würde, oder? Auf diesem Album gibt es so viel schleichend wirkende Elemente, die hängen bleiben - fast schon frech!
Ein Lied über Verfolgungswahn ist sogar so umsichtig getextet, dass Gütersloh darin Platz findet - mach das erstmal nach! Paranoia heißt das Stück, es ist schnell und wenn da bei jemandem der Fuß nicht mitwippt ist die Diagnose klar: Banause! Dennoch muss festgehalten werden, dass das Thema natürlich knallhart ist. Dafür aber in sehr beschwingten Melodien verpackt.
Ja, in den Liedern tauchen „er“ und „sie“ auf ohne konkreter benannt zu werden. So ein bisschen turbostaatig, aber wesentlich verständlicher. Musikalisch ist Raben auch hochinteressant, weil sich die Stile so schön abwechseln. Mal dissonant, dann tanzt die Gitarre, dann wird das Tempo stark angezogen, dann Spoken Word und verschobene Takte. Das ist schon richtig gut gemacht! Hinzu inhaltlich überragend: Der Kampf Arm gegen Reich. Die ersten werden gewinnen und die letzten können bleiben, wo der Pfeffer wächst. Ein Aufruf zum Aufstand! Wer ist dabei?
Richtig krass wird es auf Ein Toter Mehr, Der In Diesem Fall Aber Du Bist: Das lyrische Ich ist Beobachter eines Autounfalls und die sterbende Person, die noch einmal zuckt, stand ihm nah, sehr nah. Was folgt ist eine Flucht vor diesem schrecklichen Szenario, Verleugnung, das Aufsuchen einer Bar. Wie schlimm, wie traurig, wie nachvollziehbar.

Gegenwart heißt diese Platte der Band Shatten. Eine Platte, auf der sich die Gruppe klar gegen Rechts positioniert, eine Platte, die voll von lyrischen Wundern und viel musikalischer Raffinesse ist. Das macht ungeheuer viel Spaß. Da ist so viel Power drin, die ganz unterschwellig wirkt. Klar, nun ist dies und das in diesem Text erklärt. Aber der große Zauber, er schwebt darüber!

12.03.2026 - Bremen, Eisen
13.03.2026 - Flensburg, Volksbad
14.03.2026 - Lübeck, Blauer Engel
20.03.2026 - Berlin, Roter Salon
21.03.2026 - Hamburg, Molotow
09.04.2026 - Bonn, Bla
10.04.2026 - Mühlheim, Das Kaff
11.04.2026 - Oldenburg, Alhambra 


Freitag, 27. Februar 2026

KW 9, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay / geralt
Telefonische Krankschreibung. Es scheint ein wenig Hin und Her in der Koalition zu geben, ob sie abgeschafft werden soll oder nicht. Es scheint nicht der Fall zu sein, aber diskutiert wird es. Was für ein enormer Quatsch, der - mal wieder! - völlig an der Realität vorbei geht. Diese Regierung ist echt so weit von den Menschen entfernt, wie kaum zuvor. Hauptsache malochen, Verbrennerautos fahren und den Sozialstaat kürzen. Ich musste diese Woche auch zu Hause bleiben, die Energie fehlte. Insbesondere auf dem Land ist die telefonische Krankschreibung doch ein probates Mittel. Ansonsten würden viel zu viele Menschen, die ohnehin krank sind und andere Wartende anstecken können, zur Praxis laufen. Wartezeiten bis zum Sanktnimmerleinstag. Zudem ist die Hausarztdichte hier nicht besonders hoch, der Patientenumkreis sicher groß und die Praxis meines Hausarztes läuft eh ständig am Limit. Und wenn wirklich jemand das ganze missbrauchen sollte, lässt man diese Menschen halt antanzen. Bei allen anderen, die sich nur ein, zwei Mal im Jahr melden, kann man doch nur glücklich sein, dass sie nicht kommen. Oh man, 2026 und wir reisen volle Kraft in die Vergangenheit.

Get Well Soon
(Ms) Dies ist die Meldung - und da kann ich einfach nicht objektiv bleiben - mein musikalisches Jahr bestimmen wird. Darunter mache ich es nicht. Get Well Soon habe ich mit ihrer ersten Platte kurz vorm Abitur kennengelernt und ich war sofort begeistert. Diese ungeheuren Arrangements, die Größe und Dramatik in den Liedern und Texten - Wahnsinn! Ich konnte meinen Papa erfolgreich überreden, dass er mich nach Nijmegen fährt, um die Band dort zu sehen - es war ein super Ausflug. Zahlreiche Konzerte kamen dazu: im Hamburger Michel, im Dortmunder Konzerthaus, beim Traumzeit Festival undundund. Nun ist Konstantin Gropper wieder da - zwei Alben soll es in diesem, zwanzigsten Jahr der Band geben. Minus The Magic (VÖ: 22. Mai) heißt das erste und mit OK gibt es seit heute eine neue Single zu hören. Es ist spürbar, dass die Band dieses Album live aufgenommen hat. Ohne große Arrangements, sondern wesentlich direkter. Es soll eine Platte aus dem „Nachmittag des Lebens“ sein. Hier will niemand zwanghaft jung bleiben, sondern das beste draus machen und mit den neuen Tracks schauen, wo man denn so in der Mitte des Lebens steht ohne sich anzubiedern. Musikalisch geht es nahbar zu, rockiger, gitarriger. OK ist ein recht vorhersehbarer Get Well Soon-Track, der eindeutig vom Schlagzeug dominiert wird. Die E-Gitarren sind schärfer eingestellt, die Trompeten fehlen nicht, es macht sehr viel Spaß! Oh man, da wird noch einiges kommen - und oben drauf eine erste Tour. Bitte alle hingehen und vorher der Band die Tickets aus den Händen reißen!

01.06.2026 - Wiesbaden - Schlachthof
02.06.2026 - München - Ampere
03.06.2026 - Erlangen - E-Werk
04.06.2026 - Dresden - Beatpol
05.06.2026 - Berlin - Lido
06.06.2026 - Hamburg - Molotov
07.06.2026 - Köln - Gebäude9 
20.06.2026 - Ulm - Ulmer Zelt


TESA
(Ms) Dieses ganze Musik-Ding, das Hören, drüber schreiben, die ganzen Konzerte, Festivals, die Menschen, die man dort kennenlernt. Diese Liebe zur Kunst kann es nur geben, weil viele sehr kreative Menschen ihre ganze Leidenschaft in das stecken, was in ihnen pulsiert. Wie weit diese Passion gehen kann, zeigt die Band TESA mit ihrer neuen Platte in beeindruckender Weise. INTERVAL heißt die Scheibe und wird am 3. April erschienen - Karfreitag. Vielleicht das perfekte Datum für solch brachiale Musik und so viel Größe. Vier Tracks wird es geben. Sie sind alle instrumental und schlicht durchnummeriert. Doch sie bringen eine Unnachgiebigkeit mit sich, die ihresgleichen sucht. Das ist krasser Lärm, das ist Druck und Energie. Das ist Musik, zu der alles einstürzt. Und dennoch sehr kunstvoll ist. Denn es wird einen Film dazu geben, der - so lässt der Trailer zumindest erahnen - sehr aufwändig produziert wurde. Wie geil ist das denn bitte?! Musikfernsehen ist tot, die Band sicherlich etwas für Kenner (mir sagte der Name bislang nichts, trotz dass das Neue das siebte Album der Gruppe ist) und sie stecken so viel Liebe, Kraft und Energie in diese Platte. Hier gilt es, sich in ganz außerordentlichem Maße vor der Kunst zu verneigen. Und dann bricht wieder alles zusammen.


Grim104 & Mehnersmoos
(Ms) „Ach du scheiße!“ Das muss der erste Gedanke sein, wenn die neue Single von Grim104 mit Mehnersmoos erklingt. Sie singen echt auf die Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“. Autsch! Aber auch irgendwie geil, oder? Zum Griechen heißt der Song, in dem Grim das hypothetische Szenario durchlebt, dass er wieder zurück aufs Dorf zieht. Zetel heißt der Ort, da ist echt nicht viel los. Zwischen Oldenburg und Wilhelmshaven. Da begegnet er alten Bekannten im Supermarkt, deren Leben eher bergab geht und so richtig dolle ist es auch woanders nicht. Doch der Ausflug zum örtlichen Imbiss am Samstag scheint alles wett zu machen - endlich wieder heile Welt, Suff und alles vergessen. Ein bizarrer Track zwischen Säuferkomik und Dorftragik. Wie es zu diesem Stück kam, würde ich mit allzu gern wissen. Er wird in jedem Fall Teil von No Country For Old Grim sein, der neuen Platte, die am 27. März erscheinen wird.

17.04.2026 – Hamburg, Knust
18.04.2026 – Leipzig, Conne Island
23.04.2026 – Bremen, Lagerhaus
24.04.2026 – Hannover, Faust
25.04.2026 - Köln, CBE
26.04.2026 – Dortmund, Junkyard
30.04.2026 – Nürnberg, Stereo
01.05.2026 – München, Ampere
02.05.2026 – Frankfurt, Zoom (kleiner Raum)
09.05.2026 – Berlin, SO36


José Gonzales
(Ms) Band oder solo? Die Frage stellt sich immer wieder bei all den Projekten, die so viele MusikerInnen betreiben. Bei José Gonzales muss ich zugeben, dass mich Junip immer mehr angesprochen hat als seine eigenen Tracks. Ich fand sie dichter, atmosphärischer, rhythmischer. Nun erscheint aber am 27. März mit Against The Dying Of The Light das neue Album des schwedischen Musikers. Also: Mal wieder reinhören. Die erste Single fand ich ziemlich fad, aber A Perfect Storm hat Tiefe und auch ein schönes Maß an Dramatik. Zudem schlingern die Gitarren in einen ganz phantastischen Sog - das macht Spaß. Es ist nicht glatt, nicht so rund und genau darin liegt in meinen Augen die Stärke dieses Liedes. Der im Titel angekündigte Sturm lässt sich tatsächlich musikalisch spüren. Und genau das ist doch Kunst, oder?


Philine Sonny & Brockhoff & Shelter Boy
(Ms) Mehr ist mehr, oder verderben zu viele Köche den bekannten Brei? Wenn drei KünstlerInnen an einem Track werkeln, steht diese Frage mindestens im Raum. Philine Sonny, Brockhoff und Shelter Boy waren ein Wochenende zusammen unterwegs zum Musizieren. Einiges hat nicht so richtig funktioniert und am Ende schrieb sich Back Then (I Was Something) wie von selbst, wie Philine Sonny sagt. Super charmant ist, dass die drei ganz viel im Chor singen. Das bringt automatisch total viel Tiefe aber durch die Aufnahmeweise auch enorm viel Nähe - toll gemacht! Der musikalischer Korpus besteht aus 90er Rock mit Synthie-Gespiele und einem markanten Bass. Das funktioniert erstaunlich gut, ist herrlich kurzweilig und bringe eine gewisse Unbeschwertheit! Der Song ist die letzte Single von Philine Sonny, bevor am 3. April ihre erste Platte Virgin Lake erscheinen wird. Wird gut!


Los Pulpitos 
(Ms) Klar, der Name ist schon sehr gut, aber was Los Pulpitos machen, ist tatsächlich noch viel besser. Elektronische Musik ist ja so eine Sache. Alles, was damit zusammenhängt, Electro, Techno, Minimal und auch Ambient, habe ich für mich erst in den letzten Jahren entdeckt. Eine Welt, die mir aus unerfindlichen Gründen verborgen blieb. Vielleicht habe ich sie auch immer etwas belächelt („Die drehen da ja nur an ihren Reglern“). Quatsch ist das. Naja, natürlich drehen auch Felipe Salmon und Dirk Leyers an den Reglern, doch sie erschaffen damit großartige Klangwelten. Die Unterwasserwelt hat es ihnen angetan, daher auch der Name. Und wenn Mola Mola, ihre erste Single aus dem kommenden Debut, läuft, dann ist es leicht, sich in die Untiefen des Meeres hineinzufühlen. Ein langsamer Beat, sich ausbreitende Soundtentakeln. Ist das düster? Lauert hier Gefahr? Bin ich zu tief getaucht? Ja, es stellen sich Fragen. Fragen, die Spaß machen, beim Hören zu vergegenwärtigen. Mehr gibt es am 17. April, wenn Tentacletek erscheint. Könnte richtig gut werden!

Sonntag, 22. Februar 2026

KW 8, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay / BenKirb
Introvertiert sehr guten Radiosender Deutschlandfunk Kultur habe ich heute morgen beim Schnippeln und Vorbereiten in der Küche eine Sendung über die Fastenzeit gehört und warum das so gut ist. Beziehungsweise sein soll. Es scheint ja eine Binsenweisheit zu sein und alle sagen dann auch: Ja, das ist ein richtig toller Plan. Umsetzen sollte man ihn nur.
Letzten Mittwoch startete sowohl die Fastenzeit im Christentum, die bis Ostern dauert, als auch der muslimische Ramadan. Da ließe sich doch ganz viel Verbindendes finden. Wenn ich Kinder und Erwachsene muslimischen Glaubens sehe, die das so knallhart durchziehen, bleibt mir nichts anderes als Respekt übrig. Sie stehen teilweise um 4 Uhr in der Nacht auf, essen etwas, weil es vor Sonnenaufgang erledigt sein soll, legen sich danach gegebenenfalls nochmal hin, bis der Alltag startet. Abends wird zusammen gegessen und getrunken, nach Sonnenuntergang. Die Bilder aus Gaza, wo Menschen in den Trümmern abends das Fasten gebrochen haben - pure Gänsehaut. In dem Elend noch so viel Demut und Größe zeigen. Da sollten wir uns mal etwas von abschauen. Da sind die christlichen Fastenelemente wesentlich lascher. Verbinden statt spalten und voneinander lernen. 

Zahn
(Ms) Es macht als Schreiberling wirklich viel Spaß, sich mit den Texten der MusikerInnen auseinanderzusetzen. „Was bedeutet das wohl?“ „Krass, wie gut das geschrieben ist.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Was für eine schöne Liebeserklärung.“ Solche Dinge. Doch es ist auch ein riesiges Vergnügen, wenn gar keine Stimmen zu hören sind. Dann arbeitet der Kopf auf ganz anderer Ebene. Es entstehen Bilder, eigene Geschichten werden geschrieben. Oder: Die Wucht des Klang ist reiner Genuss. So beim neuen Album von Zahn. Purpur heißt es und ist seit Freitag zu hören. Es zieht uns Hörende recht schnell in einen dunklen Sog. Er wird dominiert von satten Synthie-Arrangements, einem pulsierenden Schlagzeug und wirklich wuchtigen Gitarren. Instrumental Dark Synthie Rock. So ungefähr. Die Intensität dieses Klangs ist enorm, die Tracks sind sehr dicht, aber nicht einengend oder abschnürend. Sie bieten genug Freiheit und insbesondere der tiefe, rollende Bass zeigt hier, was er kann: Den Körper durchdringen! Das macht ungeheuer viel Spaß: Gerade weil es keinen Text gibt, gibt es so viel mehr zu entdecken! Wow!


Muff Potter
(Ms) Irre ich mich, oder haben sich die Ankündigungselemente im Musikgeschäft verschoben? Ich dachte es sei so: Ankündigung der neuen Platte mitsamt einer Single, dann Tourdaten, noch eine Single, dann die tatsächliche Veröffentlichung mit einer weiteren Single kurz vorher, anschließend die Tour. Nun scheinen viele Bands erst die Tour anzukündigen ohne neue Musik dazu vorzustellen. Auch geil, aber halt anders. Fatoni, Fjørt, ClickClickDecker. Die haben es alle schon gemacht. Und Muff Potter reihen sich nun in diese sehr gute Gesellschaft ein. Im Herbst geht es auf Tour! Klepto wird sie heißten und es ist das auch der Name der neuen Platte, die im Spätsommer erscheinen wird. Ein paar Releasegigs, eventuell ein paar Festivals mitnehmen, die Spannung auf die eigene Tour steigern. Ich denke: Der Plan geht auf! Da die letzte Tour ja schon so überragend war - zumindest in Bremen - sollte man sich ran halten, um sich frische Tickets zu besorgen. Hier geht die Reise lang:

11.11. - Leipzig, Conne Island
12.11. - München, Strom
13.11. - Darmstadt, Centralstation
14.11. - Dortmund, FZW
18.11. - Bremen, Schlachthof
19.11. - Köln, Kantine
20.11. - Münster, Sputnikhalle
21.11. - Hamburg, Übel & Gefährlich
26.11. - Erlanden, E-Werk
27.11. - Wien, Flucc
28.11. - Berlin, Festsaal Kreuzberg


Lambert
(Ms) Oh Gott! Bevor dieser Track läuft, sollte man sich ein wenig darauf vorbereiten. Denn es gibt keine Sekunde, um entspannte in das Lied reinzugleiten. Der eindringliche, melancholische Gesang von Goodwin startet direkt mit Drücken der Playtaste. Und sein Timbre stromert sofort durch Körper und Geist - wenn das bei irgendjemandem nicht so ist: Banause! Am seichten Piano, das dazu erklingt, sitzt Lambert. Zusammen spielen sie das Lied Hurts Like You, ergreifend, traurig, aber halt auch wunderschön! Es ist die zweite Single aus dem kommenden Album I Am Not Lambert, das am 8. Mai erscheinen wird. Der Titel macht klar: Der maskierte Pianist erweitert sein Klangspektrum ganz erheblich. Gitarren, Schlagzeug, Gäste, die eigene Stimme. Es passiert immer mehr in seiner Musik, ohne dass sich der feine, ausgewogene Kern verändert. So einen Schwenk muss man erstmal hinkriegen, um dennoch erkennbar zu bleiben. Die ersten Stücke zeigen: Das ist sehr gelungen! 

13.05.26 Hamburg, Kampnagel – Lambert & Friends
15.05.26 Nürnberg, Z-Bau
17.05.26 Berlin, Kammermusiksaal – Lambert & Friends
19.05.26 München, Live Evil
04.07.26 Kraggenburg, Wilde Weide Festival


Clâm
(Ms) Ist das Schöne an der Kunst nicht, wie wunderbar sie überraschen kann?! Das Staunen - zu Beginn des Jahres erschien in der ZEIT ein großer, sehr lesenswerter Artikel zu diesem Thema. Was das Staunen sogar für heilsame Wirkung haben kann. Dafür braucht es natürlich ein wenig Unbedarftheit, eine gewisse Disposition, sich auf Neues einzulassen, bloß keinen Trailer gucken oder im Vorhinein zu viel lesen. Direkt rein ins Abenteuer - und dann kommt die Überraschung! Probiert es mal mit dem Track Outside von clâm aus! Stoner Rock, Krautrock, verzerrte Gitarren, große Bilder, die aufploppen. Der instrumentale Teil ist eher düster gehalten, aber auch faszinierend. Wenn dann der Gesang einsetzt, kommt ein toller atmosphärischer Bruch hinzu, der Hoffnung schenkt. Aber: Ich wollte ja nicht zu viel vorweg nehmen. Hier: Kunst!

Samstag, 21. Februar 2026

Live in Bremen: Sophia Kennedy

Foto: luserlounge
(Ms) Ausstrahlung, Aura, Charisma. Es meint in etwa das gleiche und alles trifft auf Sophia Kennedy zu, wenn sie live spielt. So geschehen am Donnerstagabend im Bremer Magazinkeller. Dieser ist Teil des Schlachthof-Komplexes und ja eh einer der tollsten Spielorte in der Hansestadt. Knapp 200 Leute passen hinein und es war muckelig gefüllt. Auch gut, dass dort an der Bar Flaschen ausgegeben werden, finde ich sympathisch.

Noch sympathischer war allerdings der Ablauf des Abends. Kein Support, Start um 20.30 Uhr und Ende 80 Minuten später. So ist es doch für alle am entspanntesten, oder?! Ich bin großer Fan von so verhältnismäßig kurzen Konzertabenden. Denn es heißt ja mitnichten, dass die Qualität darunter leider. Im Gegenteil.

Präsent war die Sängerin ab dem Moment, in dem sie die Bühne betreten hat. Weinrote Adidas-Shorts, weiße Blouse, Krawatte, silberne Stöckelschuh. Knallhartes Outfit, enorme Stimme. Und das ist sicher das Element, das durch die meiste Prägnanz wirkte. Denn Sophia Kennedy kann ihre Stimme extrem vielseitig einsetzen. Mal näselnd, mal wie Frank Sinatra, mal an Amanda Palmer erinnernd, dann wiederum ganz klar. Immens. Tanzbar war der Abend, weil viele rhythmische Tüfteleien durch die Körper der Anwesenden strömten. Dafür waren selbstredend auch Mense Reets am Terrorbass (geiler Sticker auf der Box) und allerhand elektronischem Gerät und Manuel Chittka am Schlagzeug verantwortlich, der mit einer sagenhaften Leichtigkeit die Musik nach vorn geprescht hat.
Besonders charmant wird Sophia Kennedy dann, wenn sie vorne am Bühnenrand herumgeistert, die Menschen in den Arm nimmt und mit einem durchbohrenden Blick Augenkontakt sucht. Dann knallen ihre Hits wie Orange Tic Tac, Rodeo, Very Far Away, Seventeen, Imaginay Friend und natürlich das krasse Hot Match! Schade, dass sie ihre beiden neuen deutschsprachigen Lieder nicht gesungen hat. Aber - Schwamm drüber! Auch so war das ein großartiges Konzert flankiert von viel musikalischem Know-How, einem starken, atmosphärischen Auftritt und einer unsagbar guten Band. Schaut euch das an, wenn die Möglichkeit besteht!

08.04.26 Aachen – Musikbunker
09.04.26 Heidelberg – Karlstorbahnhof
10.04.26 Basel – Kaserne
12.04.26 Bern – bee-flat
23.04.26 Jena – Trafo
25.04.26 Essen – Zeche Carl


Donnerstag, 19. Februar 2026

Fjørt - belle époque

Foto: Holger Kochs
(ms) Nicht nur dieses Jahr ist wahnsinnig bescheiden gestartet. Vorher sah es auch schon nicht besonders rosig aus. Völkisch-nationale Politik, die auf dem Vormarsch ist, Handelskriege, Kriege mit Waffen und toten Menschen und entführten Politikern. Wenig Halt und Verlass. So sieht es aus. Viele MusikerInnen schreiben in dieser Zeit Lieder über das, was uns noch Hoffnung schenken kann. Das ist gut und wichtig so. Doch es ist mindestens genauso gut, den Finger ganz ordentlich in die Wunde zu bohren. So, dass es brennt und schmerzt und heftig wird. Diesen Job übernehmen Fjørt aus Aachen mit ihrer neuen Platte belle époque, die diesen Freitag beim Grand Hotel van Cleef erscheint. 
Ja, alle Titel werden immer klein geschrieben.

Das Trio ist für Kompromisslosigkeit bekannt. Im Text und in der Musik. Diese drei Musiker fahren mit Wucht und Heftigkeit auf, die im deutschsprachigen Raum ihres Gleichen sucht. Und nicht findet. Fjørt sind heftig. Und wer sie mal live gesehen hat, kann das bestätigen. Dabei macht dieser ganze krasse Krach auch sehr viel Spaß!
Die Belle Époque ist die goldene Zeit der Unbeschwertheit um die vorletzten Jahrhundertwende. Eine spannende Parallele wird hier gezogen. Insta-Unterhaltung und Kriegstreiberei gleichzeitig: Pechschwarz-Ära! Die Musik dieser drei Typen ist äußerst direkt. Ihre Texte sind dabei mindestens genauso wichtig. Mal nebulös, mal sonnenklar.

Der Beginn zieht einem direkt den Boden unter den Füßen weg. messer beinhaltet ziemlich gut die Gesamtperspektive dieser Band: Innen und Außen sind stark miteinander verwoben. Das Private ist politisch. Klar, logisch. Die Ambivalenz der eigenen Person wird hier auf gnadenlose Weise à la kold seziert. „Ich kann das nicht besser / Bin mal wieder mein eigenes Messer.“ Bäm!
Kalie ist eines dieser Lieder, die sehr viel Interpretationsspielraum bieten. Ein nebulöser Text, in den nur hineingedeutet werden kann. Das hingegen macht richtig viel Spaß, denn einige Zeilen sind so stark, dass ein genauer Blick lohnt! „Wie viel vorbei halten wir zwei / Sags mir, ich lüg mich frei.“ Bäm! Das Ende einer Beziehung, das man für sich selbst bestmöglich hinlügt? Möglich. Ein bisschen Selbstbetrug, ein wenig show and shine à la „Glashaus, ich hol nochmal zum Schlag aus.“ Ein großartiges Beispiel, dass Fjørt nicht nur Geballer und Geschrei ist, sondern auch richtig viel Inhaltliches zu bieten hat. So stark an so vielen Ecken und Enden! 
Wie heftig politisch diese Band ist und wie immer noch wahnsinnig gut informiert, zeigt mir. Die Krisen des Westens mit dem orangenen Mann im Weißen Haus, Missbrauch in der Kirche, eine in der Luft schwebende CDU-AfD-Koalition in Spe, das Särgekaufen der Mütter in Osteuropa, sinkende Boote mit Hilfe suchenden Menschen im Mittelmeer. Alles knallhart zusammengekürzt, alles brutal auf den Punkt gebracht. Diesen Track gibts im Spoken Word Stil, sodass der Inhalt noch viel kräftiger im Hirn landet. Natürlich im klassisch wuchtigen Brüll-Fjørt-Stil. Bäm!
In der ganzen Intensität dieser Musik, der Wucht, der Brutalität, der Energie, in diesem ganzen Drang liegt so viel Wut und Zorn. Er muss raus. Es ist gar nicht anders möglich. Das zeigt zum Einen die Takt-Verschiebung in ær und zum Anderen der krasse Inhalt von rott. Alles ums Thema Krieg, Kriegsführung, Patriotismus, Werbung für die Bundeswehr und Wehrdienst ist in diesem Lied gesagt. Krieg als Abenteuer. Eine gewisse Coolness dieses Unterfangens. Das wird hier ziemlich klar und deutlich quittiert mit diesen wahren Versen: „Jesus Maria, in dubio fickt euch / Für euch marschieren, niemals, ihr Wichser.“ Dem ist nichts, aber auch gar nichts hinzuzufügen. Bäm! Heidewitzka - was für eine Band, was für eine Platte.

Danse rechnet mit der deutschen Wirtschaft ab, 2230 ein irrer Ritt durch eine krank gewordene Konsumgesellschaft. Bämbmbäm!

Belle époque ist eine Machtdemonstration. Diese Platte ist eine immense Analyse unserer Zeit. Sie ist unmissverständlich, mitten in die Fresse, voller aufgedrehter Lautsprecher, heiserer Kehlen, wunder Finger an Schlagzeug, Bass und Gitarre. Unter Fjørts Musik bricht alles zusammen. Sie hinterlassen ein Feld aus Schutt und Asche und es macht wahnsinnig viel Spaß bei diesem vernichtenden Krawall dabei zu sein. 

11.03.26 München, Technikum
12.03.26 Jena, Kassablanca
13.03.26 AT - Wien, WuK
14.03.26 Leipzig, Werk 2
18.03.26 Berlin, Festsaal Kreuzberg
19.03.26 Wiesbaden, Schlachthof
20.03.26 Dortmund, FZW
21.03.26 Hamburg, Gruenspan
25.03.26 Bremen, Schlachthof
26.03.26 Hannover, Capitol
27.03.26 Stuttgart, Im Wizemann
28.03.26 Köln, E-Werk


Mittwoch, 18. Februar 2026

Black Sea Dahu - Everything

Foto: Paul Maerki
(Ms) Als Erwachsener macht man manche Dinge nicht mehr, die als Kind so richtig schön und gut waren. Irgendwie ein wenig doof, oder? Warum sich nicht mal dem kindlichen Zauber hingeben, auch wenn es aufs erste Hören schräg sein mag. Sich mit Hilfe einer Traumreise zum Beispiel in eine andere Szenerie versetzen. Das kann sehr hilfreich sein, um die wunderbare Schönheit und Tiefe dieses Albums zu erkennen und zu spüren. Denn zu spüren, zu fühlen gibt es hier eine ganze Menge. Am Freitag, den 20. Februar, veröffentlichen Black Sea Dahu mit Everything ihr neues Album und es überzeugt mit sagenhafter Sanftheit, dezenter Schwere, großen Bildern und einem beinahe überbordenden Maß an Ästhetik!

Die Traumreise sollte in den Wald gehen. Mitten rein, am besten dort, wo auch kein Handyempfang mehr ist. Nur noch hohe Bäume, dichtes Geäst aber dennoch erkennbare Wege, sodass man sich nicht verläuft. Die Ohren sollten frei sein für all die Geräusche, die dort lauern. Das Knacken von Stöckern und Ästen. Der Wind in den Wipfeln, Vögel, die von Baum zu Baum fliegen. Eichhörnchen, Mäuse, vielleicht ein scheues Reh im Dickicht. Moosig und warm ist es an diesem Ort. Denn genau dort hat die Schweizer Band um Janine Cathrein diese Platte aufgenommen. Sie haben sich an einen wundersamen Ort zurückgezogen. Zum Durchatmen und Bewältigen. Denn mit dieser Musik verarbeitet sie den Tod ihres Vaters und baut eine Welt, in der diese Trauer sein kann. Und noch so viel mehr - denn Everything ist selbst ein kleiner Zauberwald, in dem es viel zu entdecken gibt.

Neun Lieder gilt es zu erkunden. Von zwei bis sechseinhalb Minuten. Macht entspannte 40 Minuten. Am besten sollte man diese Musik über gute Kopfhörer lauschen. Ein bisschen aufdrehen, damit die vielen kleinen Geräusche, die diese Songs so rund machen, auch zur Geltung kommen.
Ants On The Wall ist der Start. Nein, es geht nicht wirklich um die Ameisen, die in Janine Cathreins Wohnung immer wieder mal auftauchen. Sie sind eher der Anlass, um Wiederkehrendes zu fokussieren und Gedanken zu sortieren. Gedanken an Omas Porzellan und die Feststellung - bist du, Papa, wirklich tot?! Inhaltlich klingt es bedrückt und hart. Jedoch macht die Musik überhaupt nicht den Eindruck. Sie ist poppig-folkig-verträumt-verspielt. Viele kleine Elemente machen Spaß, in die Takte zu schlüpfen. Und über allem das wunderbare Timbre von Janine Cathreins Stimme. One Day Will Be All I Have ist der Kernstück, wenn es um die große Kunst des Arrangements geht. Ja, an diesem Album haben viele Menschen mitgewirkt. Aber sie haben nicht den Brei verdorben wie die zu vielen Köche. Viel mehr sind sie das Salz in der Suppe. Die Bläser in diesem Stück bringen Tiefe, Größe aber auch sanfte Melancholie, wenn eine Klarinette klezmerartig durch die Strophen mäandert. Die Streicher auf The Dragon. Sie erfüllen einen ähnlichen Zweck. Und brillieren.
Doch es kann auch wesentlich dezenter zugehen. Auf Everything sind nur Stimme und Akustikgitarre zu hören. Stark ist hier eine wunderbare Diskrepanz. Denn es geht darum, dass alles auf einmal passiert, viel zu viel. Dazu die reduzierte Musik. Wie clever. Das ist ungeheuer gut gemacht. Es ließe sich ja auch pompös aufblasen. So kommt aber die Last, die auf Janine Cathreins Schultern lastet(e) noch stärker zur Geltung. Und dieses Album hat keine Furcht. Nein, eines dieser neun Stücke, Blurry, ist instrumental und die ideale Begleitmusik für die angesprochene Traumreise.

Es ist die Überleitung für das - in meinen Ohren - schönste Lied der Platte. Superpower heißt es. Denn in solch schweren Zeiten, wie jene, in denen sich die Musikerin befand, lauern Zweifel an allen Ecken und Enden. Niederschläge, Schwere. Schwarze Löcher, die einen einsaugen können. Können. Wenn man kurz aufhört zu träumen und sich drauf besinnt, dass die Narben, die einen zeichnen auch ein Merkmal der Stärke sein können. Die Superpower halt. All das wunderbar eingebettet in ungemein sanfte Musik. Man mag sich da rein legen. Wie auf warmes, weiches Moos mitten im Grün.

Und dann kommt natürlich noch Ruth. Das Lied für die verletzte und verstorbene Taube, die die Band einst bei einem Tourstopp gesehen hat. Ach, Mensch. Und all das in so wunderwunderschöner Musik verpackt. Das ist schon frech! So tief, so unaufgeregt, so sanft und weich und rund. Diese Band macht es einem leicht, Everything sehr schnell zu mögen. Und ich bin ungemein gespannt, wie das live wohl klingen mag. Wie viele Menschen werden auf der Bühne stehen? Schaffen sie das zu fünft?! Sicher! Also: Ab in den Wald. Und verzaubern lassen!

18.03. München – Muffathalle
21.03. Wien - Arena
24.03. Leipzig – UT Connewitz
25.03. Leipzig – UT Connewitz
26.03. Berlin – Kesselhaus
28.03. Oldenburg – Kulturetage
01.04. Köln – Gloria Theater
24.09. Erlangen - E-Werk
25.09. Salzburg - Rockhouse
26.09. Graz - PPC
27.09. Augsburg, Kantine
29.09. Potsdam, Waschhaus
30.09. Kiel, Pumpe
07.10. Hamburg, Knust
08.10. Hannover, Pavillon
09.10. Dresden, Tante Ju
10.10. Innsbruck, Maria Theresia
22.10. Ludwigsburg, Scala
31.10. Osnabrück, Botschaft
03.11. Oberhausen, Ebertbad
04.11. Tübingen, Sudbad
07.11. Jena, Kasablanca