![]() |
| Foto: Paul Maerki |
Die Traumreise sollte in den Wald gehen. Mitten rein, am besten dort, wo auch kein Handyempfang mehr ist. Nur noch hohe Bäume, dichtes Geäst aber dennoch erkennbare Wege, sodass man sich nicht verläuft. Die Ohren sollten frei sein für all die Geräusche, die dort lauern. Das Knacken von Stöckern und Ästen. Der Wind in den Wipfeln, Vögel, die von Baum zu Baum fliegen. Eichhörnchen, Mäuse, vielleicht ein scheues Reh im Dickicht. Moosig und warm ist es an diesem Ort. Denn genau dort hat die Schweizer Band um Janine Cathrein diese Platte aufgenommen. Sie haben sich an einen wundersamen Ort zurückgezogen. Zum Durchatmen und Bewältigen. Denn mit dieser Musik verarbeitet sie den Tod ihres Vaters und baut eine Welt, in der diese Trauer sein kann. Und noch so viel mehr - denn Everything ist selbst ein kleiner Zauberwald, in dem es viel zu entdecken gibt.
Neun Lieder gilt es zu erkunden. Von zwei bis sechseinhalb Minuten. Macht entspannte 40 Minuten. Am besten sollte man diese Musik über gute Kopfhörer lauschen. Ein bisschen aufdrehen, damit die vielen kleinen Geräusche, die diese Songs so rund machen, auch zur Geltung kommen.
Ants On The Wall ist der Start. Nein, es geht nicht wirklich um die Ameisen, die in Janine Cathreins Wohnung immer wieder mal auftauchen. Sie sind eher der Anlass, um Wiederkehrendes zu fokussieren und Gedanken zu sortieren. Gedanken an Omas Porzellan und die Feststellung - bist du, Papa, wirklich tot?! Inhaltlich klingt es bedrückt und hart. Jedoch macht die Musik überhaupt nicht den Eindruck. Sie ist poppig-folkig-verträumt-verspielt. Viele kleine Elemente machen Spaß, in die Takte zu schlüpfen. Und über allem das wunderbare Timbre von Janine Cathreins Stimme. One Day Will Be All I Have ist der Kernstück, wenn es um die große Kunst des Arrangements geht. Ja, an diesem Album haben viele Menschen mitgewirkt. Aber sie haben nicht den Brei verdorben wie die zu vielen Köche. Viel mehr sind sie das Salz in der Suppe. Die Bläser in diesem Stück bringen Tiefe, Größe aber auch sanfte Melancholie, wenn eine Klarinette klezmerartig durch die Strophen mäandert. Die Streicher auf The Dragon. Sie erfüllen einen ähnlichen Zweck. Und brillieren.
Doch es kann auch wesentlich dezenter zugehen. Auf Everything sind nur Stimme und Akustikgitarre zu hören. Stark ist hier eine wunderbare Diskrepanz. Denn es geht darum, dass alles auf einmal passiert, viel zu viel. Dazu die reduzierte Musik. Wie clever. Das ist ungeheuer gut gemacht. Es ließe sich ja auch pompös aufblasen. So kommt aber die Last, die auf Janine Cathreins Schultern lastet(e) noch stärker zur Geltung. Und dieses Album hat keine Furcht. Nein, eines dieser neun Stücke, Blurry, ist instrumental und die ideale Begleitmusik für die angesprochene Traumreise.
Es ist die Überleitung für das - in meinen Ohren - schönste Lied der Platte. Superpower heißt es. Denn in solch schweren Zeiten, wie jene, in denen sich die Musikerin befand, lauern Zweifel an allen Ecken und Enden. Niederschläge, Schwere. Schwarze Löcher, die einen einsaugen können. Können. Wenn man kurz aufhört zu träumen und sich drauf besinnt, dass die Narben, die einen zeichnen auch ein Merkmal der Stärke sein können. Die Superpower halt. All das wunderbar eingebettet in ungemein sanfte Musik. Man mag sich da rein legen. Wie auf warmes, weiches Moos mitten im Grün.
Und dann kommt natürlich noch Ruth. Das Lied für die verletzte und verstorbene Taube, die die Band einst bei einem Tourstopp gesehen hat. Ach, Mensch. Und all das in so wunderwunderschöner Musik verpackt. Das ist schon frech! So tief, so unaufgeregt, so sanft und weich und rund. Diese Band macht es einem leicht, Everything sehr schnell zu mögen. Und ich bin ungemein gespannt, wie das live wohl klingen mag. Wie viele Menschen werden auf der Bühne stehen? Schaffen sie das zu fünft?! Sicher! Also: Ab in den Wald. Und verzaubern lassen!
21.03. Wien - Arena
24.03. Leipzig – UT Connewitz
25.03. Leipzig – UT Connewitz
26.03. Berlin – Kesselhaus
28.03. Oldenburg – Kulturetage
01.04. Köln – Gloria Theater
24.09. Erlangen - E-Werk
25.09. Salzburg - Rockhouse
26.09. Graz - PPC
27.09. Augsburg, Kantine
29.09. Potsdam, Waschhaus
30.09. Kiel, Pumpe
07.10. Hamburg, Knust
08.10. Hannover, Pavillon
09.10. Dresden, Tante Ju
10.10. Innsbruck, Maria Theresia
22.10. Ludwigsburg, Scala
31.10. Osnabrück, Botschaft
03.11. Oberhausen, Ebertbad
04.11. Tübingen, Sudbad
07.11. Jena, Kasablanca

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (siehe Blog-Startseite unten) und in der Datenschutzerklärung von Google.