Sonntag, 26. Oktober 2014

Dad Rocks! - "Year of the Flesh": Wir müssen über Musik und Ernsthaftigkeit reden!

(ms) Dad Rocks! alias Snævar Albertsson hat ein neues Album am Start.
Doch bevor es darum geht, müssen wir über Musik und Ernsthaftigkeit reden. Also wirklich gesellschaftlich relevante Themen, die in wunderschönen Melodien gepackt sind, sodass die eigentliche Aussage kaum erkennbar ist. Wobei wir beim Thema Musik und Texte verstehen sind. Wer kennt das nicht, dass man Radio hört und irgendwie versucht mitzusingen, später einen Ohrwurm hat, den mal laut singt und dann ganz seltsam angestarrt wird, weil man ganz andere Zeilen von sich gibt. Noch schlimmer wird es bei Konzerten, wenn die Leute um einen herum sehr sicher definitiv was anderes singen als man selbst. Auch bei deutschsprachigen Bands. Erschreckend sowas. Das lässt sich auch erklären, weil unser Hirn nicht immer alles verarbeiten kann und es dann an passenden oder unpassenden Stellen etwas einsetzt, was bekannt ist, aber nicht mit dem übereinstimmt, was der Sänger singt.
Ja, manchmal versteht man einige Texte nicht. Live erzählen dann Bands öfter mal, worum es geht, das kann ja auch ganz hilfreich sein. Bestimmte Genres sind auch für gewisse Themen geschaffen. Der Punk ist meistens links angesiedelt und kritisiert die Politik. Reggae hat ursprünglich neben der Kiffer-Attitüde auch einen aufbegehrenden Charakter.
Nun ist Pop-Musik nicht immer daran zu erkennen, dass sie ernst ist. Es werden viele Geschichten erzählt und noch mehr Liebeslieber geträllert.

Quelle: elias-booking.de
Bei Snævar Albertsson ist das alles ein bisschen anders. Da überschatten die wunderbaren Melodien, die Gitarren, Bläser, Percussion, Streicher oft die lesenswerten Texte. Gut, dass es ein Booklet gibt, das man zur Hand nehmen kann. Oder sollte. Sodass man, wenn man mitsingt auch wirklich nicht nur die Wörter, sondern auch den Inhalt kennt.
Hier ein paar Beispiele worum es geht bei dem neuen Album "Year of the Flesh":
"Peers": Das harte Musikergeschäft im Web 2.0.
"Daughter Track": Die Tochter, die so von ihrem Job aufgefressen wird, dass sie sich nicht um ihre alternden Eltern kümmern kann und sie mehr oder weniger nebenbei sterben.
"Cyber Bullies": Muss man kaum erklären, aber das Phänomen ist insbesondere bei Teenagern so gefährlich und brisant, dass es schon Leben gekostet hat.
"Waves": Die starke Beeinflussung von Stars und Sternchen auf Leute, die jenen immer ähnlicher werden wollen.
"Body Mass Index": Magersucht, hier ein Auszug: "Your weight is low but your eyes still grow / as you go through hell / and the hospital smell / fills your hospital smell."

Dabei merkt man es Albersson und seiner Band live nicht im geringsten an. Wahrscheinlich, weil man nicht immer alles versteht. Nach dem großartigen Debut "Mount Modern" toppt der neue Silberling die musikalische Bandbreite und Tiefe seinen Vorgänger. Auch optisch, denn die Vinyl-Edition ist in rot erschienen, aber leider schon vergriffen.
Dad Rocks! ist dabei in Deutschland etwas bekannter zu werden, was auch daran liegt, dass er zum zweiten Mal erfolgreich mit Honig auf Tour gewesen ist. Albertsson kommt aus Dänemark, seine Band zum Teil auch aus Island. Es lohnt sich zu einem Konzert zu gehen, da die Musik seine Hörer schnell einnimmt und Snævar Albertsson so dermaßen sympathisch ist, dass man nicht drum herum kommt, alles an Platten mitzunehmen, was er dabei hat.
Der rockende Papa geht ganz schön gut ab!




Donnerstag, 16. Oktober 2014

Wer zum Teufel ist Johnny Camo?

(sf) Wenn der Sänger der Lieblingsband innerhalb von 18 Monaten zwei Soloalben veröffentlicht, muss man im Regelfall damit rechnen, dass sich die Bandgeschichte dem Ende entgegenneigt. Nicht so im Falle von Andy Cairns, dem Frontmann von Therapy?, der nach 53 Minutes Under Byker nun sein Zweitwerk Fuck You Johnny Camo unter die Leute bringt.

Quelle: http://www.therapyquestionmark.co.uk
Wie schon beim Solodebüt hat sich Cairns einen Tag lang im Studio eingesperrt und innerhalb von 5 1/2 Stunden ein Akustikalbum aufgenommen, das neben etlichen Therapy?-Klassikern wie Stories, Potato Junkie und Trigger Inside auch einige bisher unveröffentlichte Tracks enthält. Ob diese Songs auf zukünftigen Therapy?-Releases in aufgepimpter Version zu finden sein werden, wird sich zeigen; das nächste Album samt Tour ist jedenfalls für das Frühjahr 2015 angedacht und wird sehnsüchtig erwartet.

Insgesamt umfasst Fuck You Johnny Camo 16 Songs, vier Interludes und zwei Soundschnipsel, die Cairns mit dem Handy aufgenommen hat; wenn man also bedenkt, dass er letztendlich nur einen halben Tag mit den Aufnahmen beschäftigt war und ausschließlich Onetaker den Weg auf den Silberling gefunden haben, liegt es auf der Hand, dass nicht jeder Ton zu 100 % sitzt - aber genau das macht für mich den Reiz aus, denn so entsteht eine Live-Atmosphäre, wie man sie von Studioalben nicht gewöhnt ist und die eine gewisse Authentiziät ausstrahlt, die man in der heutigen Musikwelt, in der bei der Produktion viel zu oft auf Perfektionismus Wert gelegt wird, leider meist vergeblich sucht.

Apropos "live": Cairns hat beide Alben mit Solo-Tourneen promotet und zunächst exklusiv auf seinen Konzerten verkauft. Die Restposten gab es dann ausschließlich im Webshop von Therapy? zu erwerben; während 53 Minutes Under Byker mittlerweile vergriffen ist, sollte man sich bei Fuck You Johnny Camo beeilen, um nicht mit leeren Händen dazustehen. Hier also der Link zum Shop:


Auf seiner letzten Tour konnte Cairns einige namhafte Gäste begrüßen, die ihn bei einzelnen Songs unterstützen und den bekannten Tracks einen völlig neuen Anstrich verliehen. In Cardiff kamen die Zuschauer beispielsweise in den Genuss, Cairns zusammen mit seinem langjährigen Weggefährten James Dean Bradfield von den Manic Street Preachers im Duett zu erleben; für diesen sicher auch ein Heimspiel der ganz besonderen Art.



Von den neuen Songs überzeugen vor allem Demons! Demons!, das ebenso wie Armed With Anger eigentlich für das letzte Therapy?-Album vorgesehen war, dann aber doch als zu poppig eingestuft und gedropped wurde, sowie I Fucked Up und das ebenfalls bereits seit rund einem Jahr immer mal wieder gespielte Meltdown Bound, das nun endlich den Weg auf ein Album gefunden hat.



Wie gut und vielfältig die Tracks von Therapy? tatsächlich sind, sieht man nicht zuletzt daran, wie fantasievoll Cairns sie in ein akustisches Gewand hüllt und sie völlig neu interpretiert, ohne dabei die eigentliche Seele der Songs zu verlieren. Dies gelingt ihm insbesondere bei den eher neuen Stücken wie Get Your Dead Hand Off My Shoulder, Our White Noise und Exiles ganz hervorragend - die gehaltvollen Texte rücken in den Vordergrund und verursachen durch die abgespeckte Instrumentalisierung mitunter eine mystische Stimmung, die sich extrem von den Empfindungen beim Anhören der Originale unterscheidet. Hört Euch ruhig mal beide Versionen zum Vergleich bei YouTube an.

Das Album ist aus meiner Sicht also über jeden Zweifel erhaben, doch eine Frage bleibt: wer ist denn dieser Johnny Camo, der sich mal gepflegt ficken soll? So ganz schlau wird man auch aus Google nicht, aber der ein oder andere brauchbare Treffer ist dann doch dabei - lasst Euch überraschen! :-)









Montag, 13. Oktober 2014

Konzertreview: FM BELFAST in Köln


(cg) Am vergangenen Freitag gab sich die isländische Combo FM Belfast die Ehre und spielte einen ihrer berüchtigten Auftritte im schönen Gebäude 9 in Köln.  Für mich war es das erste Mal FM Belfast live, ich hatte bisher nur gutes gehört, alle waren begeistert von der Performance auf der Bühne, also waren die Erwartungen hoch.


Quelle: https://www.facebook.com/fmbelfast


Zur Band: FM Belfast besteht aus bis zu 8 Mitgliedern. Ja, bis zu. Den Kern der Gruppe bilden  Árni Rúnar Hlöðversson, Árni Vilhjálmsson und Lóa Hlín Hjálmtýsdóttir. Wenn die Band auftritt, steht auf der Bühne wer eben gerade Zeit hat. Musikalisch bewegt sich das Ganze auf elektronischer Ebene, packende Beats und eingängige Rhythmen treiben den Sound voran, experimentell, laut, schrill, bunt. Elektropop. Jeder singt mal mit. 

An besagtem Abend erschienen nun 5 Personen auf der Bühne, alle in knappen Sporthosen und bunten Shirts gekleidet, sobald die Musik losging, wusste man auch warum. Es wurde heiß. Der erste Song war „Par Avion“, ein Hit. Band und Publikum begannen extatisch zu tanzen und zu springen, Arme, Luftschlangen, Ballons und Konfetti flogen durch die Luft. Das Publikum ging voll mit, alle kannten die Texte und es wurde wild gefeiert. Die gute Stimmung kam vor allem von der Band, die mit ihrer Laune jeden ansteckte und zu mehreren „Alle setzen sich hin und springen dann gleichzeitig auf“ – Aktionen bewegte. Es war einfach auf einmal nicht mehr möglich still zu stehen, sich nicht zu bewegen oder den Boden länger als ein paar Sekunden zu berühren. Und Schweiß, überall Schweiß.



Neben den bekannten Hits wie „Par Avion“ , „Underwear“  und „I don`t want to go to sleep either“ wurde auch viel neues vom 2014 erschienenen Album „Brighter Days“ gespielt. Leider war die Mischung nicht ganz ausgewogen und so fehlten mir persönlich einige gute ältere Songs wie „Tropical“ oder „Synthia“, die das Programm abgerundet hätten. Auch eine Ballade zum Ausruhen wäre zwischendurch nicht schlecht gewesen. Aber so gab es knappe 1,5 Stunden volle Power und gib ihm. Langweilig war es auf keinen Fall, eher eine wilde Explosion. Abweichend von der eigenen Discografie zitierten die sympathischen Isländer Songs anderer Künstler, zB „Wonderwall“ oder „Killing in the name of“ und interpretierten diese auf ihre Art neu. Großartig war das.

Wer also auf viel Tanzen, lautes Mitsingen, hüpfen und schwitzen bei Konzerten steht und FM Belfast vielleicht sogar noch gar nicht kennt, der sollte sich die Gelegenheit eines ihrer Konzerte zu besuchen nicht nehmen lassen. Die Brighter Days Tour ist jetzt leider vorbei, ich persönlich freue mich aber schon jetzt auf den nächsten Festivalsommer, denn da wird man sich garantiert wiedersehen. 

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Element of Crime - "Lieblingsfarben und Tiere" oder: Immer eine sichere Bank

(ms) Wenn Element of Crime ein neues Album schaffen, ist die Aufmerksamkeit in allen Medien immer sehr hoch. Eine Band, die stabil seit 30 Jahren den Grundstein der deutschsprachigen Gitarrenmusik bildet, hat im Grunde genommen nichts mehr zu befürchten. Eigentlich könnten sie machen was sie wollen und es wird immer in die höchsten Höhen rezensiert und applaudiert. Ein bisschen ist es vielleicht auch so. Doch Richard Pappik, Jakob Ilja, Sven Regener und David Young arbeiten sehr präzise und nicht frei nach Schnauze. Ihre Konzerte werden immer ausverkauft sein, ihre Alben in hoher Auflage verkauft und vielleicht auch blind gekauft. Klar, habe ich auch gemacht.
Nach fünf Jahren erscheint mit "Lieblingsfarben und Tiere" das neue Studioalbum der Berliner. Dazwischen gab es ein Coveralbum, ein paar Bootleg-Mitschnitte und jeder einzelne Musiker hatte auch stets allerhand zu tun. Regener selbst meinte in einem Interview, dass er nicht mehr wüsste, wie viele Alben sie schon produziert haben. Ein bisschen hochmütig, ein bisschen sympathisch.

Quelle: musikmarkt.de
Sven Regener also. Ob er will oder nicht, ist er der Kern, das Aushängeschild der Band; ja, fast die Band selbst. Auch wenn alle zusammen stets zu erst die Musik machen und später der Text drüberkommt, steht Regener immer im Mittelpunkt. Er ist bei Konzerten der einzige, der ein Mikrophon vor sich hat, derjenige der die einschlägigen, zitierwürdigen Sätze bei Interviews gibt. Derjenige, der für Aufsehen sorgt, wenn er sich über die GEMA aufregt, dessen Bücher millionenfach verkauft werden, seine Filme bescheuert-komisch unterhaltsam sind.
Und genau da sind wir bei dem Punkt, dass dennoch der Schriftsteller und der Liedertexter Regener anscheinend zwei völlig verschiedene Personen sind. In seinem aktuellen Werk "Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt" tourt ein freakiger Haufen Techno-Nerds durch die Lande mit lakonischem Humor erzählt, total absurd zum Teil, dennoch große Unterhaltung, fantastischer Lesespaß. Die Element of Crime-Texte sind auf der anderen Seite oft so dermaßen kitschig, dass sie ohne weiteres in die Schlagerschublade abgelegt werden könnten, wären sie nicht so schnodderig, rock-poppig verpackt. "Liebe ist kälter als der Tod", "Ich würde meinen rechten Arm dafür geben, dass du noch einmal lächelst", "Am Fluss ging die Sonne ewig nicht unter." Man könnte einfach so weitermachen, aber irgendwie merkt man das beim Hören nie. Gut gemacht.



Das neue Album hört sich an, wie die alten auch. Irgendwie schon, irgendwie auch wieder nicht. Die Themen Liebe, Leben, Tod und Ausflüge in andere Bereiche der Gesellschaft und des Einzelnen immer im Auge. Die Hitsingle "Lieblingsfarben und Tiere" sorgt mal wieder für Gesprächsstoff. Sind wir alle so abhängig von unseren digitalen Endgeräten? Na klar! Da braucht man eigentlich nicht weiter drüber nachdenken, das Ding mal ausschalten und an eben jene Farben und Tiere denken. Nun wurde bei Placebos "Too Many Friends" schon gemeckert, dass der mitlerweile über 40-Jährige Brian Molko sich über Facebook und die gesamte Social Media aufregt. Nun ist Regener noch zehn Jahre älter und der Jüngste der Band. Aber machen wir uns nichts vor: Ob Alt oder Jung, jeder hat ein Smartphone, WhatsApp, ist bei Facebook oder sonst wo. Das ist doch wirklich kein Thema der Milenium-Kids, Hipster, 14 bis 35-Jährigen! Vielleicht können Oma und Opa damit nichts anfangen, aber das interessiert hier ja auch wirklich nicht.
Bei einem Interview mit dem Deutschlandfunk meinte die Interviewerin, dass die neue Scheibe doch enorm melancholisch sei. Ich weiß ja nicht, welche CD die Gute sich angehört hat, aber es ist nicht die neue Element of Crime. Die ist doch mit der Musik von "Am Morgen danach", "Schade dass ich das nicht war", "Immer so weiter" und "Dunkle Wolke" sehr zügig und fröhlich. Die Texte nicht immer, aber das ist doch ein schöner Gegensatz, der gut funktioniert. Melancholisch waren sie schon immer.
Bei Element of Crime muss man nicht ins Detail jedes Liedes gehen, wenn man eine neue Platte bespricht. Man sollte sie sich kaufen, auflegen und einfach nur genießen. Es ist großartige Musik, die Spaß macht, zum nachdenken einlädt und mal in alten Erinnerungen schwelgen lässt.
Ja, bei Element of Crime kann man nichts falsch machen. Weil die Band nichts falsch macht.


PS: Weil die Band gegen die Konditionen von YouTube sind, ist hier nicht das aktuelle Video der Band zu sehen. Das gibt es hier: www.element-of-crime.de/wp/videos/

Sonntag, 5. Oktober 2014

Konzert: Bratze Beerdigung oder: Do not rest in peace!

(ms) Es war gefühlt der Totensonntag am Tag der deutschen Einheit. Oder eher der Karfreittag ohne den Ostermontag danach. Weihnachten war es auf keinen Fall, obwohl es auch Geschenke gab. Geburtstag? Nein, definitiv nicht. Denn es war nichts weniger als die eigene Beerdigung. Der allerletzte Gig von Bratze, den Pionieren des Hamburger Electro-Punk und lange das Flagschiff von Audiolith. Kevin Hamann und Norman Kolodziej luden ein noch letztes Mal ein richtig abzugehen, alles abzureißen, sich völlig zu verausgaben, dem Uebel und Gefährlich alle Ehre zu erweisen. Und die Trauergemeinde strömte in Massen zum Bunker am Heiligengeistfeld. Wochen im Voraus war der Abend restlos ausverkauft und musste vorher vom Knust verlegt werden, weil die Nachfrage so groß war.

Live im Uebel und Gefährlich am 3.10
Über die genauen Gründe der Trennung ist nicht viel bekannt. Vielleicht ist das auch besser so. Ob es Streit gab, oder sich beide einfach klassischerweise auseinandergelebt haben... wer weiß?! Man kann spekulieren, dass sie sich auf ihre Solo-Projekte, ClickClickDecker und Der Tante Renate, konzentrieren wollen, immerhin ist ersterer doch recht erfolgreich unterwegs dieses Jahr. Um es direkt vorweg zu nehmen: Auf der Bühne war nichts von einem Zerwürfnis zu spüren, es war pure Energie, Bock ohne Ende, gemeinsam wurde Schnaps getrunken und sie haben wirklich alles gegeben.
Nun ja. Kleiner Schwenk.
Das letzte Konzert einer Band. Der wirklich allerletzte Gig. Für immer. Das ist echt übel. Aber Bratze haben es genau richtig gemacht und haben einen einzelnen Abend genommen, um genau das durchzuziehen. Die Scorpions spielen gefühlt seit zwanzig Jahren ihre Abschieds-Tournee. Was für tolle Bands gab es nicht alle schon, die einfach so versunken sind ohne ein Wort zu sagen, die es plötzlich einfach nicht mehr gab, keine Infos im Netz, kein Ton. Stattdessen spielen sie vereinzelt irgendwann irgendwo in neuen Konstellationen weiter. Daher nochmals: Bratze haben alles richtig gemacht, gesagt es ist Schluss und diesen dann auch fulminant abgefeiert.




Das Uebel und Gefährlich ist ein legendärer Club im vierten Stock, eine durchaus würdige Location für zwei Wahl-Hamburger, um einen Schlussstrich zu ziehen. Relativ zügig war der Club auch rappelvoll. Mit "UNS", der Zweitband des Petula-Sängers, ging es stimmungsmäßig schon gut ab. Und: die Temperatur im Club stieg. Und das ist kein Scherz. Es war in kürzester Zeit so verdammt warm darin, dass sicherlich jeder nach 20 Minuten das erste Mal komplett durchgeschwitzt war.
Und dann ging es los, der Anfang vom Ende. Frenetisch wurden die Protagonisten des Abend empfangen und gingen sofort in die Vollen. 90 Minuten Bratze, 90 Minuten Vollgas, 90 Minuten Eskalation auf und vor der Bühne. Hits ohne Ende, laut, brachial, genauso wie es sein soll. Zitate, Strafplanet, Die auswendigen Muster, Menschen im Minus, Jean Claude, Filzlaus, Im Auge des Lachs. Wahnsinn. Die Titel und Texte von Bratze waren immer genau so verwirrend wie tiefgehend. Zwischen den lauten, derben Beats schien immer wieder allerfeinste Sozial- und Gesellschaftskritik zu, zu der man wirklich feiern konnte. Wahrscheinlich das prägnanteste Merkmal der Band. Was nicht fehlen durfte war natürlich, dass Johannes von Frittenbude zu "Insel" mit auf die Bühne kam. Vor der Bühne: Crowdsurfing, Moshpit, Circlepit, gefühlt 80 Grad bis wirklich zum Ende irgendwann der Schweiß von der Decke tropfte. Irgendwie geil, irgendwie ekelig.




Bratze.
Das war es nun also. So ein Dreck.
Aber: Danke für sieben grandiose Jahre voller Energie, lauter Konzerte, wilder Mosherei, Ekalation mit Köpfchen. Man mag ja immer schreiben, Rest in Peace. Doch für Bratze sollte das Gegenteil gelten, sie sollen ewig weiterleben. Auf Partys, zu Hause, überall. Bis man zu dem kitschigen Zeitpunkt kommt, seine Kinder auf den Schoß nimmt und sagt: "Sag mal, soll ich dir mal richtig geile Scheiße zeigen?" Dann "Korrektur nach Untern", "Highlight", "Waffe" oder "Kraft" auflegen, aufdrehen und sagen: Ich war dabei!

Freitag, 26. September 2014

Alt-J – „This is all yours“: Schöne Grüße vom Pop-Olymp


(ms) 2012: Tom Green, Joe Newman, Gwil Sainsbury und Gus Unger-Hamilton sind die britische Band Alt-J. In jenem Jahr bringen sie das Album „An Awesome Wave“ auf den internationalen Musikmarkt und stellen diesen prompt Kopf. Die Songgewänder, Melodien, Experimente, Zusammensetzungen an Instrumenten und Rhythmen kommen so frisch und neu und qualitativ hochwertig daher, dass sie zurecht in den Pop-Himmel gelobt worden sind. „An Awesome Wave“ ist eine Wahnsinnsplatte!

Quelle: theguvernment.com

2014: Im Frühjahr wird bekannt gegeben, dass Sainsbury die Band verlassen habe. Was hätte das für ein Schnitt sein können in der so jungen Bandhistorie. Sie hätten aufhören können oder erst mal sich zurückziehen können, um zu beratschlagen, wie es denn nun weitergehen solle. Dabei waren sie gerade dabei ein neues Album auf den Weg zu bringen. Doch stattdessen: Machen sie einfach weiter. Zu dritt, ohne Ersatz. Der Bass muss nun woanders herkommen. Aber da beim Erstling schon immer ein sehr elektronischer, beinahe analoger Bass zu hören war, war die musikalische Hemmschwelle vielleicht nicht so hoch.
September 2014: „This Is All Yours“ steht in den Plattenläden und glänzt! Das Cover eher ein abstraktes Gemälde, aber die Aufmachung ist sehr ähnlich wie bei der ersten Scheibe. Ein schöner Wiedererkennungswert. Und wie steht es mit der Musik? Wie kann man an ein Überfliegeralbum wie „An Awesome Wave“ anknüpfen? Wie oft sind die Erwartungen unglaublich hoch, man kennt es von anderen Bands, die ein Meilenstein als Debut vorgelegt haben und dann verschwunden sind, weil überfordert. Nicht so die drei nerdig aussehenden Normalos aus Leeds.

Die zweite Scheibe präsentiert sich ebenso gewandt, abwechslungsreich, aufregend, ruhig, laut, wild, genau abgemischt und doch so schwer greifbar, weil in gut 50 Minuten eine große Bandbreite an Stilen abgefeuert wird. Das Intro hat es schon in sich, es nimmt den Hörer mit in eine eigene Welt, die leicht, verspielt und ein bisschen extravagant ist. „Arrival in Nara“ und „Nara“ gehen da genauso weiter. Nara ist eine Großstadt in Japan, die vor Sehenswürdigkeiten nur so überfüllt ist und in der ein 2006 geschlossener Freizeitpark liegt. Ein unnatürlicher Ort, und hier gibt es den Soundtrack dafür. Und dann die zweite Single „Every other freckle“. Klar, bei englischen Texten setzt man sich oft nicht soo stark mit der Bedeutung und den Zeilen auseinander. Hier soll das doch mal beispielhaft geschehen, da einige Zeilen kaum hinter dieser Musik zu vermuten ist, die etwas Indianerartiges in den Breaks haben. Ein paar Beispiele: „I want to share your mouthful“, „And lick you like a crisp packet“, I’m gonna paw paw at you like a cat paws at my woollen jumper.“ Klingt nach Porno, hört sich aber dennoch phantastisch an. Zack, Bruch: „Left Hand Free“ kommt mit schrammelnden Gitarren und The Clash-artigen Riffs daher. Zack, Bruch: „Garden of England“ ist ein einminütiges Zwischenspiel mit Blockflöten. Kann man von halten was man will (ich hasse Blockflöten), aber seltsamerweise passt das wundervoll in das Gesamtgewandt. „Hunger oft he pine“ bringt den nächsten Kracher, der aber eher ruhig daher kommt und sich steigert. Hierzu muss erwähnt werden, dass das Video die Stimmung des Liedes sehr gut wiedergibt, die Dramatik, das Extraordinäre: Ein junger Mann läuft gehetzt durch den Wald, Pfeile fliegen an ihm vorbei, durchbohren in mehrfach bis er sich schließlich auf einer Lichtung mit Benzin übergießt und anzündet. Wahnsinn!
„Bloodfloot pt. II“ knüpft sowohl vom Titel als auch von der Melodie an den Vorgänger an und schließt somit einen sehr großen Kreis.


Alt-J ist die Band der Stunde. Sie müssen es sein. Sie haben sich selbst dahin gespielt. Mit Genialität, Mut, Kreativität und einer Menge Know-How setzen sie sich oben auf den Pop-Olymp und grüßen mit diesem Werk zu uns Konsumenten und dem Rest des Musik-Business herunter. Sie setzen neue Maßstäbe, ob sie wollen oder nicht!
 Im Februar sind sie in Europa unterwegs. Man sollte sich das antun und vorbeischauen.

Freitag, 12. September 2014

Neonschwarz – „Fliegende Fische“ oder: So viel Liebe macht dir Angst!


(ms) Neonschwarz? Wie soll das denn aussehen? Leuchtende Dunkelheit? Eher ein Oxymoron für die Germanisten unter Euch. Eine Vision, vielleicht etwas, das in Zukunft vorstellbar ist. Und genau das ist auch die Nachricht, die uns Spion Y, Johnny Mauser, Captain Gips und Marie Curry musikalisch um die Ohren pfeffern. Auf dem Album „Fliegende Fische“, das ab nächstem Freitag via Audiolith auf dem Musikmarkt zu ergattern ist, und wir legen es Euch ans Herz! Eine Vision für die Zukunft aber keine Dystopie, wie man es nach einem schnellen Blick aufs nächste Nachrichtenportal schnell erahnen kann. Es ist ein positiver Blick, eine Utopie für den Einzelnen aber auch die ganze Gesellschaft, Grenzen und Nationalitäten spielen dabei freilich keine Rolle. Und wenn wir schon bei diesem politischen Aspekt sind: Ja, es geht um Freiheit. Kaum ein Wort ist in den letzten Jahren mehr und mehr ausgehöhlt worden. Freiheit, was soll das bitte genau bedeuten? Herr Gauck könnte sicherlich ein zweiwöchiges Seminar drüber gestalten und am Ende hat man dennoch nichts verstanden. Es geht auch schneller: und zwar in gut 45 Minuten Neonschwarz! „Hängematten-Lifestyle, ein Leben lang.“

Copyright: Till Gläser
Die Zutaten für die Message: Drei MCs, ein DJ, vier kluge Köpfe, starke Beats und auf 12 Tracks eine feine Mischung aus Party und klarer politischer Ansage. Denn HipHop war immer schon das Genre, das Klartext gesprochen hat. Das liegt zum Einen an der Geschichte des HipHop, die hier nicht näher beleuchtet werden soll, zum Anderen an der hohen Textdichte. Und so erzählen  Johnny Mauser, Marie Curry und Captain Gips was wirklich wichtig ist: Asyl für alle, Antifaschismus, ein Blick über den Tellerrand, ein bisschen mehr nachgedacht, Refugees welcome und natürlich auch eine Hymne an den eigenen DJ, der ziemlich gute Beats baut! „Mein Herz schlägt links und die Seele liegt zentral.“


Diese Supergroup, die sonst in anderen Konstellationen oder Solo unterwegs sind, pusht Audiolith HipHop-mäßig auf das nächste Level, nachdem im Juni schon Kobito bei unserem Hamburger Lieblingslabel veröffentlichte.
Die Platte geht mit „Legen ab“ steil los, am besten dabei gefällt die Trompete, die dem Song ein schickes Gewandt umlegen. „Unser Haus“ als Einladung zur Übernachtung, wenn Du nicht weißt, wo du pennen kannst. „Hinter Palmen“ ist der Partyhit der Scheibe, ein super Beat, der das Tanzbein schnell zum wippen bringt. „2014“ ist eine eiskalte Abrechnung mit der aktuellen Situation und Verbreitung von rechtem Gedankengut und ebensolchen Aktionen gegen Flüchtlingsheime und Migranten und ruft zur Gegenwehr auf. Bei „Fliegende Fische“ – so auch der Name eines Tracks – beweist Marie Curry, dass sie nicht nur grandios rappen kann, sondern eine ebenso schöne Stimme zum Singen hat. „Scheinriese“ erstrahlt im Oldschool-HipHop Aufzug, bei dem es für den einzelnen darum geht, was wirklich wichtig ist und nicht nur so scheint. „Outta Control“ will zum tanzen animieren, schafft es aber nicht, weil der Song vielleicht nicht saftig genug ist, ebenso könnte „Neonschwarzer Block“ die neue Hymne der Antifa sein, doch er stolpert zu sehr.
Das sind aber nur zwei Ausnahmen einer sehr gelungenen Platte, die zum Nachdenken und Tanzen auffordert. Manchmal, aber nicht immer gleichzeitig. „Fliegende Fische“ bringt HipHop dahin zurück, wo er hingehört, weg von dummen Prollo-Parolen hin zu knallharten Tracks voller Köpfchen und der Hoffnung auf Änderung in der Gesellschaft? Yes, they can!