Sonntag, 9. November 2014

The Dø SHAKE, SHOOK, SHAKEN


(cg) Das wurde auch Zeit! The Dø aus Frankreich (Überraschung! Der Name der Band lässt ja eigentlich einen anderen geografischen Hintergrund vermuten) brachten vor kurzem nach drei Jahren ohne neue Platte ihr drittes Studioalbum ‚Shake Shook Shaken‘ an die Öffentlichkeit. Multiinstrumentalist  Dan Levy und Sängerin Olivia Merilahti, deren Mutter aus Island stammt, starteten  2007 in Frankreich als Duo. Kennengelernt haben sie sich durch die gemeinsame Arbeit am Soundtrack zum Film "Empire of The Wolves", der nach Aussage von Olivia sehr schlecht und nicht der Rede Wert sei. Dennoch beschlossen sie danach gemeinsam weiter Musik zu machen. Der Name der Band setzt sich aus den Anfangsbuchstaben von Dan und Olivia zusammen.


Quelle: www.78s.ch


Schon auf ihrem ersten Album, 'A Mouthful', zeigen sich die isländischen Wurzeln der großartigen Olivia in dem Song ‚Unissasi Laulelet‘ den sie in ihrer Muttersprache singt. Seit der ersten Tour ist auch Schlagzeuger und Perkussionist José Joyette mit an Bord und seit dem spielt das Trio sich durch die Welt, jedoch außerhalb von Frankreich eher im Hintergrund, von den Indie Jüngern beachtet, überragende Charterfolge blieben jedoch bisher aus. Das könnte sich jetzt ändern. Shake, Shook, Shaken steckt voller Potential.

‚Keep Your Lips Sealed‘ eröffnet das musikalische Werk würdig als treibender akustischer Appetizer, der Hunger auf mehr macht und großartiges verspricht. Man bekommt eine Idee vom experimentellen, vielseitigen Sound der Platte, angetrieben von starken Rhytmen, Jazzigen Poppigen Sounds und der einzigartigen Stimme Olivias. Die musikalischen Einflüsse reichen von den Beatles bis Björk, ein breites Spektrum aus dem sich schöpfen lässt.



Gefolgt wird von ‚Trustful Hands‘, der ersten Singleauskopplung des Albums. Der Song hält einige Ohrwurm erzeugende Parts bereit und wirkt sehr abgerundet. 'Miracles – Back in Time‘ hat mehr Tempo, ist genauso abwechslungsreich und kann auch gut noch den halben Tag im Ohr bleiben. Eine epische Hymne ist 'Sparks', musikalisch gelungen und irgendwie löst der Song in mir das Gefühl aus, dass bald etwas Großartiges passiert. Das kommt vermutlich von Olivias und Dans Vergangenheit als Soundtrack Komponisten.



Tanzbarer wird es bei ‚Going Through Walls‘ und ‚Despair Hangover & Extasy‘. ‚Anita, No‘, ‚A Mess like This‘ und ‚Nature Will Remain‘ sind wunderbar mitreißende, gut geschriebene und arrangierte Balladen. Zum Schluss schließt das Album mit ‚Omen‘: experimentell, episch, düster, laut und in einer eigenen Weise großartig beschreibt er die perfekte Kurve zurück an den Anfang zu ‚Keep Your Lips Sealed‘.

Insgesamt ein Werk musikalischer Größe, dem ich den verdienten Erfolg wünsche. Für Liebhaber musikalischer Vielfalt und experimenteller Kompositionen eine wahre Ohrenfreude, aber bestimmt nicht jedermanns Sache. Man kann Olivias Stimme auch nervig finden, aber ich tue das ganz und gar nicht, ich danke dem Universum für the Dø!

Dienstag, 4. November 2014

Ira Atari - "Heroes": Alles auf Null und Vollgas nach vorne!

(ms) Der Atari 2600 kam 1980 auf den europäischen Elektronikmarkt als Konsole der zweiten Generation. Das kann man den Kids heutzutage kaum noch erklären, die an ihren Smartphones, xBoxen, Playstations und Wiis hängen. Der Steuerknüppel sah aus wie ein abgebrochenes Kunststoffstück, das in eine Brandmeldeanlage des Berliner Flughafens gehört. Aber egal, Hauptsache zocken!
Ira Göbel war da drei Jahre alt, als dieses Gerät die Herzen der Spielerinnen und Spieler erobert hat. Vielleicht war diese wegweisende Liebe und zeitliche Parallele ihr schon in die früheste Kindheit eingebrannt, wer weiß?! Zumindest hat Ira später diese quirligen und beinahe nervigen Töne des Atari ähnlich wie der Kollege Torsun genutzt, um damit Musik zu machen. Ira + Atari = Ira Atari. Ein Hammer-Name für ein elektronisches Musikprojekt. Ihr Debut in Plattenlänge liegt jetzt schon drei Jahre zurück und hatte mächtig Dampf. Harte Beats, laute Sounds, in jedem Fall tanzbar und hitverdächtig.

Foto: Stefan Lozar

Drei Jahre später. 2014. 7. November. Dieser Freitag. Da kommt das nächste bahnbrechende Lebenszeichen von Ira Atari. Und in den letzten Wochen und Monaten ist wirklich viel passiert. Bernhard Raser als Drummer ist mit in das Projekt eingestiegen, die Atari-Soundmodule wurden aufs Abstellgleis geschickt. Die Härte ist ein wenig aus den Songs gewichen und an ihre Stelle setzt sich eine beatlastige Tanzbarkeit, die bei anderen Größen des Genres ihresgleichen sucht, ganz gut passt hier der Vergleich zu La Roux, die ja auch dieses Jahr nach langer Zeit und irrem Gehype ein neues Alvum veröffentlicht hat. Bei Ira ist es nun eine EP mit fünf Songs. "Heroes" ist der Name. Helden. Im Jahre 2014. Wer ist schon ein wirklicher Held für die Generation Spotify? Was macht ihn aus? Wo erkenne ich ihn? Alles komplett egal, meint Ira. Wir brauchen keine Helden und wir müssen sie erst nicht selbst verkörpern. Ein doch wirklich entspannter und sympatischer Ansatz.
Und wenn "Who are you" in den nächsten Wochen und Monaten sich nicht fest in die Playlists der präsenten Indie-Discotheken einbrennt, dann haben die werten Herren und Damen Disc Jockeys definitiv keinen guten Musikgeschmack, so herrlich wie die Beats die Beine zum Tanzen bringen.
Es sind zwar nur fünf Songs, doch sie lassen Ira Atari in einem ganz neuen Gewand erscheinen und frischer daher kommen, als das Debut nachschallt.


Ira Atari hat sich oder: haben sich neu erfunden.
Live zu bestaunen ist das in den nächsten Tagen auf diesen Bühnen:

08.11.2014 Magdeburg - Projekt 7
13.11.2014 Hamburg - Molotow
14.11.2014 Wiesbaden - Schlachthof
21.11.2014 Berlin - Rosis
22.11.2014 Essen - Hotel Shanghai

Sonntag, 26. Oktober 2014

Dad Rocks! - "Year of the Flesh": Wir müssen über Musik und Ernsthaftigkeit reden!

(ms) Dad Rocks! alias Snævar Albertsson hat ein neues Album am Start.
Doch bevor es darum geht, müssen wir über Musik und Ernsthaftigkeit reden. Also wirklich gesellschaftlich relevante Themen, die in wunderschönen Melodien gepackt sind, sodass die eigentliche Aussage kaum erkennbar ist. Wobei wir beim Thema Musik und Texte verstehen sind. Wer kennt das nicht, dass man Radio hört und irgendwie versucht mitzusingen, später einen Ohrwurm hat, den mal laut singt und dann ganz seltsam angestarrt wird, weil man ganz andere Zeilen von sich gibt. Noch schlimmer wird es bei Konzerten, wenn die Leute um einen herum sehr sicher definitiv was anderes singen als man selbst. Auch bei deutschsprachigen Bands. Erschreckend sowas. Das lässt sich auch erklären, weil unser Hirn nicht immer alles verarbeiten kann und es dann an passenden oder unpassenden Stellen etwas einsetzt, was bekannt ist, aber nicht mit dem übereinstimmt, was der Sänger singt.
Ja, manchmal versteht man einige Texte nicht. Live erzählen dann Bands öfter mal, worum es geht, das kann ja auch ganz hilfreich sein. Bestimmte Genres sind auch für gewisse Themen geschaffen. Der Punk ist meistens links angesiedelt und kritisiert die Politik. Reggae hat ursprünglich neben der Kiffer-Attitüde auch einen aufbegehrenden Charakter.
Nun ist Pop-Musik nicht immer daran zu erkennen, dass sie ernst ist. Es werden viele Geschichten erzählt und noch mehr Liebeslieber geträllert.

Quelle: elias-booking.de
Bei Snævar Albertsson ist das alles ein bisschen anders. Da überschatten die wunderbaren Melodien, die Gitarren, Bläser, Percussion, Streicher oft die lesenswerten Texte. Gut, dass es ein Booklet gibt, das man zur Hand nehmen kann. Oder sollte. Sodass man, wenn man mitsingt auch wirklich nicht nur die Wörter, sondern auch den Inhalt kennt.
Hier ein paar Beispiele worum es geht bei dem neuen Album "Year of the Flesh":
"Peers": Das harte Musikergeschäft im Web 2.0.
"Daughter Track": Die Tochter, die so von ihrem Job aufgefressen wird, dass sie sich nicht um ihre alternden Eltern kümmern kann und sie mehr oder weniger nebenbei sterben.
"Cyber Bullies": Muss man kaum erklären, aber das Phänomen ist insbesondere bei Teenagern so gefährlich und brisant, dass es schon Leben gekostet hat.
"Waves": Die starke Beeinflussung von Stars und Sternchen auf Leute, die jenen immer ähnlicher werden wollen.
"Body Mass Index": Magersucht, hier ein Auszug: "Your weight is low but your eyes still grow / as you go through hell / and the hospital smell / fills your hospital smell."

Dabei merkt man es Albersson und seiner Band live nicht im geringsten an. Wahrscheinlich, weil man nicht immer alles versteht. Nach dem großartigen Debut "Mount Modern" toppt der neue Silberling die musikalische Bandbreite und Tiefe seinen Vorgänger. Auch optisch, denn die Vinyl-Edition ist in rot erschienen, aber leider schon vergriffen.
Dad Rocks! ist dabei in Deutschland etwas bekannter zu werden, was auch daran liegt, dass er zum zweiten Mal erfolgreich mit Honig auf Tour gewesen ist. Albertsson kommt aus Dänemark, seine Band zum Teil auch aus Island. Es lohnt sich zu einem Konzert zu gehen, da die Musik seine Hörer schnell einnimmt und Snævar Albertsson so dermaßen sympathisch ist, dass man nicht drum herum kommt, alles an Platten mitzunehmen, was er dabei hat.
Der rockende Papa geht ganz schön gut ab!




Donnerstag, 16. Oktober 2014

Wer zum Teufel ist Johnny Camo?

(sf) Wenn der Sänger der Lieblingsband innerhalb von 18 Monaten zwei Soloalben veröffentlicht, muss man im Regelfall damit rechnen, dass sich die Bandgeschichte dem Ende entgegenneigt. Nicht so im Falle von Andy Cairns, dem Frontmann von Therapy?, der nach 53 Minutes Under Byker nun sein Zweitwerk Fuck You Johnny Camo unter die Leute bringt.

Quelle: http://www.therapyquestionmark.co.uk
Wie schon beim Solodebüt hat sich Cairns einen Tag lang im Studio eingesperrt und innerhalb von 5 1/2 Stunden ein Akustikalbum aufgenommen, das neben etlichen Therapy?-Klassikern wie Stories, Potato Junkie und Trigger Inside auch einige bisher unveröffentlichte Tracks enthält. Ob diese Songs auf zukünftigen Therapy?-Releases in aufgepimpter Version zu finden sein werden, wird sich zeigen; das nächste Album samt Tour ist jedenfalls für das Frühjahr 2015 angedacht und wird sehnsüchtig erwartet.

Insgesamt umfasst Fuck You Johnny Camo 16 Songs, vier Interludes und zwei Soundschnipsel, die Cairns mit dem Handy aufgenommen hat; wenn man also bedenkt, dass er letztendlich nur einen halben Tag mit den Aufnahmen beschäftigt war und ausschließlich Onetaker den Weg auf den Silberling gefunden haben, liegt es auf der Hand, dass nicht jeder Ton zu 100 % sitzt - aber genau das macht für mich den Reiz aus, denn so entsteht eine Live-Atmosphäre, wie man sie von Studioalben nicht gewöhnt ist und die eine gewisse Authentiziät ausstrahlt, die man in der heutigen Musikwelt, in der bei der Produktion viel zu oft auf Perfektionismus Wert gelegt wird, leider meist vergeblich sucht.

Apropos "live": Cairns hat beide Alben mit Solo-Tourneen promotet und zunächst exklusiv auf seinen Konzerten verkauft. Die Restposten gab es dann ausschließlich im Webshop von Therapy? zu erwerben; während 53 Minutes Under Byker mittlerweile vergriffen ist, sollte man sich bei Fuck You Johnny Camo beeilen, um nicht mit leeren Händen dazustehen. Hier also der Link zum Shop:


Auf seiner letzten Tour konnte Cairns einige namhafte Gäste begrüßen, die ihn bei einzelnen Songs unterstützen und den bekannten Tracks einen völlig neuen Anstrich verliehen. In Cardiff kamen die Zuschauer beispielsweise in den Genuss, Cairns zusammen mit seinem langjährigen Weggefährten James Dean Bradfield von den Manic Street Preachers im Duett zu erleben; für diesen sicher auch ein Heimspiel der ganz besonderen Art.



Von den neuen Songs überzeugen vor allem Demons! Demons!, das ebenso wie Armed With Anger eigentlich für das letzte Therapy?-Album vorgesehen war, dann aber doch als zu poppig eingestuft und gedropped wurde, sowie I Fucked Up und das ebenfalls bereits seit rund einem Jahr immer mal wieder gespielte Meltdown Bound, das nun endlich den Weg auf ein Album gefunden hat.



Wie gut und vielfältig die Tracks von Therapy? tatsächlich sind, sieht man nicht zuletzt daran, wie fantasievoll Cairns sie in ein akustisches Gewand hüllt und sie völlig neu interpretiert, ohne dabei die eigentliche Seele der Songs zu verlieren. Dies gelingt ihm insbesondere bei den eher neuen Stücken wie Get Your Dead Hand Off My Shoulder, Our White Noise und Exiles ganz hervorragend - die gehaltvollen Texte rücken in den Vordergrund und verursachen durch die abgespeckte Instrumentalisierung mitunter eine mystische Stimmung, die sich extrem von den Empfindungen beim Anhören der Originale unterscheidet. Hört Euch ruhig mal beide Versionen zum Vergleich bei YouTube an.

Das Album ist aus meiner Sicht also über jeden Zweifel erhaben, doch eine Frage bleibt: wer ist denn dieser Johnny Camo, der sich mal gepflegt ficken soll? So ganz schlau wird man auch aus Google nicht, aber der ein oder andere brauchbare Treffer ist dann doch dabei - lasst Euch überraschen! :-)









Montag, 13. Oktober 2014

Konzertreview: FM BELFAST in Köln


(cg) Am vergangenen Freitag gab sich die isländische Combo FM Belfast die Ehre und spielte einen ihrer berüchtigten Auftritte im schönen Gebäude 9 in Köln.  Für mich war es das erste Mal FM Belfast live, ich hatte bisher nur gutes gehört, alle waren begeistert von der Performance auf der Bühne, also waren die Erwartungen hoch.


Quelle: https://www.facebook.com/fmbelfast


Zur Band: FM Belfast besteht aus bis zu 8 Mitgliedern. Ja, bis zu. Den Kern der Gruppe bilden  Árni Rúnar Hlöðversson, Árni Vilhjálmsson und Lóa Hlín Hjálmtýsdóttir. Wenn die Band auftritt, steht auf der Bühne wer eben gerade Zeit hat. Musikalisch bewegt sich das Ganze auf elektronischer Ebene, packende Beats und eingängige Rhythmen treiben den Sound voran, experimentell, laut, schrill, bunt. Elektropop. Jeder singt mal mit. 

An besagtem Abend erschienen nun 5 Personen auf der Bühne, alle in knappen Sporthosen und bunten Shirts gekleidet, sobald die Musik losging, wusste man auch warum. Es wurde heiß. Der erste Song war „Par Avion“, ein Hit. Band und Publikum begannen extatisch zu tanzen und zu springen, Arme, Luftschlangen, Ballons und Konfetti flogen durch die Luft. Das Publikum ging voll mit, alle kannten die Texte und es wurde wild gefeiert. Die gute Stimmung kam vor allem von der Band, die mit ihrer Laune jeden ansteckte und zu mehreren „Alle setzen sich hin und springen dann gleichzeitig auf“ – Aktionen bewegte. Es war einfach auf einmal nicht mehr möglich still zu stehen, sich nicht zu bewegen oder den Boden länger als ein paar Sekunden zu berühren. Und Schweiß, überall Schweiß.



Neben den bekannten Hits wie „Par Avion“ , „Underwear“  und „I don`t want to go to sleep either“ wurde auch viel neues vom 2014 erschienenen Album „Brighter Days“ gespielt. Leider war die Mischung nicht ganz ausgewogen und so fehlten mir persönlich einige gute ältere Songs wie „Tropical“ oder „Synthia“, die das Programm abgerundet hätten. Auch eine Ballade zum Ausruhen wäre zwischendurch nicht schlecht gewesen. Aber so gab es knappe 1,5 Stunden volle Power und gib ihm. Langweilig war es auf keinen Fall, eher eine wilde Explosion. Abweichend von der eigenen Discografie zitierten die sympathischen Isländer Songs anderer Künstler, zB „Wonderwall“ oder „Killing in the name of“ und interpretierten diese auf ihre Art neu. Großartig war das.

Wer also auf viel Tanzen, lautes Mitsingen, hüpfen und schwitzen bei Konzerten steht und FM Belfast vielleicht sogar noch gar nicht kennt, der sollte sich die Gelegenheit eines ihrer Konzerte zu besuchen nicht nehmen lassen. Die Brighter Days Tour ist jetzt leider vorbei, ich persönlich freue mich aber schon jetzt auf den nächsten Festivalsommer, denn da wird man sich garantiert wiedersehen. 

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Element of Crime - "Lieblingsfarben und Tiere" oder: Immer eine sichere Bank

(ms) Wenn Element of Crime ein neues Album schaffen, ist die Aufmerksamkeit in allen Medien immer sehr hoch. Eine Band, die stabil seit 30 Jahren den Grundstein der deutschsprachigen Gitarrenmusik bildet, hat im Grunde genommen nichts mehr zu befürchten. Eigentlich könnten sie machen was sie wollen und es wird immer in die höchsten Höhen rezensiert und applaudiert. Ein bisschen ist es vielleicht auch so. Doch Richard Pappik, Jakob Ilja, Sven Regener und David Young arbeiten sehr präzise und nicht frei nach Schnauze. Ihre Konzerte werden immer ausverkauft sein, ihre Alben in hoher Auflage verkauft und vielleicht auch blind gekauft. Klar, habe ich auch gemacht.
Nach fünf Jahren erscheint mit "Lieblingsfarben und Tiere" das neue Studioalbum der Berliner. Dazwischen gab es ein Coveralbum, ein paar Bootleg-Mitschnitte und jeder einzelne Musiker hatte auch stets allerhand zu tun. Regener selbst meinte in einem Interview, dass er nicht mehr wüsste, wie viele Alben sie schon produziert haben. Ein bisschen hochmütig, ein bisschen sympathisch.

Quelle: musikmarkt.de
Sven Regener also. Ob er will oder nicht, ist er der Kern, das Aushängeschild der Band; ja, fast die Band selbst. Auch wenn alle zusammen stets zu erst die Musik machen und später der Text drüberkommt, steht Regener immer im Mittelpunkt. Er ist bei Konzerten der einzige, der ein Mikrophon vor sich hat, derjenige der die einschlägigen, zitierwürdigen Sätze bei Interviews gibt. Derjenige, der für Aufsehen sorgt, wenn er sich über die GEMA aufregt, dessen Bücher millionenfach verkauft werden, seine Filme bescheuert-komisch unterhaltsam sind.
Und genau da sind wir bei dem Punkt, dass dennoch der Schriftsteller und der Liedertexter Regener anscheinend zwei völlig verschiedene Personen sind. In seinem aktuellen Werk "Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt" tourt ein freakiger Haufen Techno-Nerds durch die Lande mit lakonischem Humor erzählt, total absurd zum Teil, dennoch große Unterhaltung, fantastischer Lesespaß. Die Element of Crime-Texte sind auf der anderen Seite oft so dermaßen kitschig, dass sie ohne weiteres in die Schlagerschublade abgelegt werden könnten, wären sie nicht so schnodderig, rock-poppig verpackt. "Liebe ist kälter als der Tod", "Ich würde meinen rechten Arm dafür geben, dass du noch einmal lächelst", "Am Fluss ging die Sonne ewig nicht unter." Man könnte einfach so weitermachen, aber irgendwie merkt man das beim Hören nie. Gut gemacht.



Das neue Album hört sich an, wie die alten auch. Irgendwie schon, irgendwie auch wieder nicht. Die Themen Liebe, Leben, Tod und Ausflüge in andere Bereiche der Gesellschaft und des Einzelnen immer im Auge. Die Hitsingle "Lieblingsfarben und Tiere" sorgt mal wieder für Gesprächsstoff. Sind wir alle so abhängig von unseren digitalen Endgeräten? Na klar! Da braucht man eigentlich nicht weiter drüber nachdenken, das Ding mal ausschalten und an eben jene Farben und Tiere denken. Nun wurde bei Placebos "Too Many Friends" schon gemeckert, dass der mitlerweile über 40-Jährige Brian Molko sich über Facebook und die gesamte Social Media aufregt. Nun ist Regener noch zehn Jahre älter und der Jüngste der Band. Aber machen wir uns nichts vor: Ob Alt oder Jung, jeder hat ein Smartphone, WhatsApp, ist bei Facebook oder sonst wo. Das ist doch wirklich kein Thema der Milenium-Kids, Hipster, 14 bis 35-Jährigen! Vielleicht können Oma und Opa damit nichts anfangen, aber das interessiert hier ja auch wirklich nicht.
Bei einem Interview mit dem Deutschlandfunk meinte die Interviewerin, dass die neue Scheibe doch enorm melancholisch sei. Ich weiß ja nicht, welche CD die Gute sich angehört hat, aber es ist nicht die neue Element of Crime. Die ist doch mit der Musik von "Am Morgen danach", "Schade dass ich das nicht war", "Immer so weiter" und "Dunkle Wolke" sehr zügig und fröhlich. Die Texte nicht immer, aber das ist doch ein schöner Gegensatz, der gut funktioniert. Melancholisch waren sie schon immer.
Bei Element of Crime muss man nicht ins Detail jedes Liedes gehen, wenn man eine neue Platte bespricht. Man sollte sie sich kaufen, auflegen und einfach nur genießen. Es ist großartige Musik, die Spaß macht, zum nachdenken einlädt und mal in alten Erinnerungen schwelgen lässt.
Ja, bei Element of Crime kann man nichts falsch machen. Weil die Band nichts falsch macht.


PS: Weil die Band gegen die Konditionen von YouTube sind, ist hier nicht das aktuelle Video der Band zu sehen. Das gibt es hier: www.element-of-crime.de/wp/videos/

Sonntag, 5. Oktober 2014

Konzert: Bratze Beerdigung oder: Do not rest in peace!

(ms) Es war gefühlt der Totensonntag am Tag der deutschen Einheit. Oder eher der Karfreittag ohne den Ostermontag danach. Weihnachten war es auf keinen Fall, obwohl es auch Geschenke gab. Geburtstag? Nein, definitiv nicht. Denn es war nichts weniger als die eigene Beerdigung. Der allerletzte Gig von Bratze, den Pionieren des Hamburger Electro-Punk und lange das Flagschiff von Audiolith. Kevin Hamann und Norman Kolodziej luden ein noch letztes Mal ein richtig abzugehen, alles abzureißen, sich völlig zu verausgaben, dem Uebel und Gefährlich alle Ehre zu erweisen. Und die Trauergemeinde strömte in Massen zum Bunker am Heiligengeistfeld. Wochen im Voraus war der Abend restlos ausverkauft und musste vorher vom Knust verlegt werden, weil die Nachfrage so groß war.

Live im Uebel und Gefährlich am 3.10
Über die genauen Gründe der Trennung ist nicht viel bekannt. Vielleicht ist das auch besser so. Ob es Streit gab, oder sich beide einfach klassischerweise auseinandergelebt haben... wer weiß?! Man kann spekulieren, dass sie sich auf ihre Solo-Projekte, ClickClickDecker und Der Tante Renate, konzentrieren wollen, immerhin ist ersterer doch recht erfolgreich unterwegs dieses Jahr. Um es direkt vorweg zu nehmen: Auf der Bühne war nichts von einem Zerwürfnis zu spüren, es war pure Energie, Bock ohne Ende, gemeinsam wurde Schnaps getrunken und sie haben wirklich alles gegeben.
Nun ja. Kleiner Schwenk.
Das letzte Konzert einer Band. Der wirklich allerletzte Gig. Für immer. Das ist echt übel. Aber Bratze haben es genau richtig gemacht und haben einen einzelnen Abend genommen, um genau das durchzuziehen. Die Scorpions spielen gefühlt seit zwanzig Jahren ihre Abschieds-Tournee. Was für tolle Bands gab es nicht alle schon, die einfach so versunken sind ohne ein Wort zu sagen, die es plötzlich einfach nicht mehr gab, keine Infos im Netz, kein Ton. Stattdessen spielen sie vereinzelt irgendwann irgendwo in neuen Konstellationen weiter. Daher nochmals: Bratze haben alles richtig gemacht, gesagt es ist Schluss und diesen dann auch fulminant abgefeiert.




Das Uebel und Gefährlich ist ein legendärer Club im vierten Stock, eine durchaus würdige Location für zwei Wahl-Hamburger, um einen Schlussstrich zu ziehen. Relativ zügig war der Club auch rappelvoll. Mit "UNS", der Zweitband des Petula-Sängers, ging es stimmungsmäßig schon gut ab. Und: die Temperatur im Club stieg. Und das ist kein Scherz. Es war in kürzester Zeit so verdammt warm darin, dass sicherlich jeder nach 20 Minuten das erste Mal komplett durchgeschwitzt war.
Und dann ging es los, der Anfang vom Ende. Frenetisch wurden die Protagonisten des Abend empfangen und gingen sofort in die Vollen. 90 Minuten Bratze, 90 Minuten Vollgas, 90 Minuten Eskalation auf und vor der Bühne. Hits ohne Ende, laut, brachial, genauso wie es sein soll. Zitate, Strafplanet, Die auswendigen Muster, Menschen im Minus, Jean Claude, Filzlaus, Im Auge des Lachs. Wahnsinn. Die Titel und Texte von Bratze waren immer genau so verwirrend wie tiefgehend. Zwischen den lauten, derben Beats schien immer wieder allerfeinste Sozial- und Gesellschaftskritik zu, zu der man wirklich feiern konnte. Wahrscheinlich das prägnanteste Merkmal der Band. Was nicht fehlen durfte war natürlich, dass Johannes von Frittenbude zu "Insel" mit auf die Bühne kam. Vor der Bühne: Crowdsurfing, Moshpit, Circlepit, gefühlt 80 Grad bis wirklich zum Ende irgendwann der Schweiß von der Decke tropfte. Irgendwie geil, irgendwie ekelig.




Bratze.
Das war es nun also. So ein Dreck.
Aber: Danke für sieben grandiose Jahre voller Energie, lauter Konzerte, wilder Mosherei, Ekalation mit Köpfchen. Man mag ja immer schreiben, Rest in Peace. Doch für Bratze sollte das Gegenteil gelten, sie sollen ewig weiterleben. Auf Partys, zu Hause, überall. Bis man zu dem kitschigen Zeitpunkt kommt, seine Kinder auf den Schoß nimmt und sagt: "Sag mal, soll ich dir mal richtig geile Scheiße zeigen?" Dann "Korrektur nach Untern", "Highlight", "Waffe" oder "Kraft" auflegen, aufdrehen und sagen: Ich war dabei!