Freitag, 25. Juli 2014

Warum SOHN es schaffen werden!

(ms) (Pop)-Musik wird derzeit immer elektronischer. Sowohl die Mainstreamsachen im Radio als auch der noch so letzte Hype im Independent-Bereich. Marcus Wiebusch, der alte Punk-Hase, experimentiert mit elektronischen Beats und HipHop-Kram. Bands wie Alt-J, die nicht nur extrem genial sind, sondern auch mit "An awesome wave" ein grandioses Debut vor zwei Jahren hingelegt haben und im September mit dem Nachfolger bestimmt noch einen draufhauen, und dabei mit Rhythmen und Synthesizer spielen. Das schlechteste Beispiel wären sicherlich Linkin Park, die vor Dekaden mal gut waren und naja, den Rest könnt ihr euch denken. Seit ein paar wenigen Jahren erlebt Dubstep in Form von Pendulum beziehungsweise Knife Party einen riesigen Schwung nach oben. In angesagten Discos ist es den ganzen Abend lang elektronisch. Und dabei geht es wirklich richtig ab! Skrillex wurde wahnsinnig gehypted!


Die beste Brücke zwischen Radiomusik und hohen Lobgesängen in Indie-Musikzeitschriften wie Spex oder Intro schafft derzeit SOHN. SOHN ist Christopher Taylor mit seinen zwei Kumpanen. Laut dem Internetwissenslexikon Wikipedia wird seine Musik schon als Post-Dubstep bezeichnet, was auch immer das jetzt genau sein soll. Wir nehmen es mal so hin. Er war kein unbeschriebenes Blatt, als er die internationale Musikbühne betreten hat. Vorher hat er sich mit Trouble Over Tokyo ausprobiert. Seit zwei Jahren veröffentlicht er unter dem Namen SOHN. Natürlich immer groß geschrieben!
Woher der deutsche Name? Eigentlich ist die Erklärung ganz simpel: Statt in London lebt Taylor seit mehreren Jahren in Wien und irgendeine brilliante Idee brachte ihn wohl schon dazu sich so zu nennen.
Taylors Musik ist komplett elektronisch bis auf den analogen Bass, der aber sicherlich auch noch ein paar Verzerrer und Sythies durchläuft bis der schlussendliche Klang aus den Boxen strömt. Mit Keyboards, iPad und allmöglichem anderen Gerät bis an die Zähne bewaffnet erobert er derzeit die Bühnen der Welt.

theguardian.com
Die Musik ist genauso eingängig wie genial. Seine grandiose Stimme, die wohl für einen Chorknaben geeignet wäre, verfeinert die Beats und Rhythmen. Er erreicht schwindelerregende Höhen und kommt ebenso schnell wieder auf den Boden der elektronischen Tatsachen. Er vereint Sounds, die ins Ohr gehen und gern auch da bleiben mit Beats, die das Tanzbein zu diversen Aktivitäten locken.
Sein Debut "Tremors", das im Frühjahr rauskam, war ein wahnsinniger Erfolg. Wer ihn live sehen konnte, wie beispielsweise beim Melt!-Festival, konnte sich glücklich schätzen im Publikum zu stehen. Na klar, ist das eine umwerfende Atmosphäre vor Ort, und SOHNs Musik fügt sich dort nahtlos ein. Er nimmt das gebannte Publikum mit auf eine Reise und drüber hinaus lässt er sie im besten Fall gar nicht mehr los. "The Wheel" ist ein Hit der begeistert. "Artifice" ist beinahe schon viel, viel besser. Wären wir böse, könnte man es auch von Justin Timberlake singen lassen. Der wüsste aber sicherlich nicht wie man den ganzen Song zusammenbaut.

Derzeit tourt er quer durch Europa, im Herbst durch die Staaten. Wer in Wiesbaden, Düsseldorf, Berlin, Freiburg, Hamburg oder Umgebung wohnt, sollte sich auf den Weg machen und sich schnellstens ein Ticket kaufen.
SOHN hat mit Brillianz die Zeichen der Zeit erkannt, gedeutet und für seinen Vorteil umgesetzt. Daher wird er es schaffen sich oben im Musikbusiness festzusetzen und ganz zweideutig den Ton angeben!

Sonntag, 13. Juli 2014

Deichkind haben eine Fahne - der geheime Anti-WM-Hit

(ms) Heute ist definitiv der Endspurt.
Ein Mal noch den Grill anschmeißen und Fussi gucken.
Ein Mal noch das vielleicht komplett in Schweiß getränkte Trickot anziehen.
Ein Mal noch in kollektive Euphorie verfallen. Oder im anderen Fall eben nicht.
Ein Mal noch Fangesänge mitgrölen.
Ein Mal ist in diesem Jahr noch jeder, aber auch wirklich jeder Fan und natürlich Experte.
Ein Mal noch in diesem Taumel eine Fahne haben und am Montag voll verkatert bei der Arbeit erscheinen. Ein Hoch auf alle Studenten, die eben machen können was sie wollen.

Quelle: procasti-nation.eu
Eine Fahne haben. Oder eben jene in Brand stecken.
Genau das propagieren Deichkind in ihrer WM-Single. Oder eher Anti-WM-Single.
Deichkind kann man lieben oder hassen. Dazwischen gibt es kaum eine Grauzone. Gigantische Liveshows oder eben ein paar Mittdreißiger, die noch neunzehn sind. Oder wirklich sozialkritische Typen, die ihre Gedanken und Parolen mit dicken Beats transportieren und daher eher selten erkannt werden.
Dieses Mal ist es kaum zu überhören. "Ich habe eine Fahne" wurde von Das Bo produziert und kommt mit einem freshen Beat um die Ecke, der vielleicht erst nerven mag und dann doch gefällt. Hier rechnen Deichkind mit dem ganzen Drum und Dran an der WM ab. Ob Grillpartys, Sauforgien, Fahnenschwenken, die unmenschlichen Bedingungen unter der die FIFA arbeiten lässt, ob in Brasilien oder Katar: es trifft bei beiden zu. Hier wird keiner bejubelt, keiner hochgelobt, besungen oder beklatscht. Sondern mal kurz aufmerksam gemacht, was wirklich passiert. Manchmal schwer vorstellbar bei einer Band, die für Partykracher, Wodka-Zitzen, Hüpfburgen, Bunjee-Seile oder Boygrouptänzen auf der Bühne bekannt sind.
Daher fehlen Parolen à la "Power to the Bier", "Ich trinke also bin ich", "Niveau, weshalb, warum" auch nicht im Textinventar.


Das ursprüngliche Video mit animierten Paninibildern und unterschiedlichem Fußball- und Fan-Content aus dem Netz wurde promt von der Gema gelöscht. Daher ist mittlerweile nur noch ein nicht-animiertes Video zu finden. Und nach allerbester Illegaler-Fans-Manier gibt's den Smashhit auch für lau hinterhergeschmissen.
Auf der anderen Seite gibt es diese als offiziell "erste besoffene Single der Welt" bezeichnete auch noch als 7", limitiert auf 500 Stück. Wir haben eine abgegriffen. Ob das wohl eine sinnvolle Investition war, wenn es den Song auch für umsonst gibt?! Immerhin ist die Gestaltung wirklich nicht verkehrt: Der Riesenjesus von Rio mit dem klassischen Deichkind-LED-Hut auf. Doch nicht genug: Auf der B-Seite gibt es die 1-Promille-Version mit einer schwindelig werdenden Maserung auf dem Vinyl, dass die Nadel nur so schwinkt, dazu wurde auf den Beat auch anscheinend wirklich betrunken gesungen. Oder eher ein gezeilt inszenierter Gag?!

Doch nicht genug der Aufmerksamkeit.
Neben Merchandising-Zeug wie T-Shirts gibt es auch lustigerweise eine Fahne mit der Aufschrift des Titels. In Zeiten wo auf Festivals ein Schild mit dem Text "Ich halte ein Schild hoch" ein guter Gag ist, kommt die Fahne fast noch besser.
Als Spitze des Eisbergs gibt es auf E-Bay eine riesen Aktion mit der letzten 7" (die anderen 499 waren in allzu kurzer Zeit vergriffen) und allerhand Kram der Band; anscheinend räumen sie auf. Denn es gibt folgendes dazu (Stand: WM-Finaltag): ein Handy, ein Drucker, ein Deichkind-Kostum, Kram aus dem Tourbus, den keiner mehr haben will, eine super Unterhose, Aufkleber, DVDs von Ferris' Sammlung, eine Tim-Mälzer-Grillzange und als Knaller lebenslangen Eintritt für alle Deichkind-Shows. Die über 3.500€ gehen an einen guten Zweck. Bis Donnerstag kann geboten werden.

Zieht es euch rein.
Habt noch eine schöne Fahne.
Tipp: 3-1 für Deutschland.

Ich hätte nie gedacht, dass man so viel über ein Lied schreiben kann.

Mittwoch, 4. Juni 2014

Damon Albarn - Sind wir alle etwa "Everyday Robots"?

(ms) Drohnen, die von zu Hause aus gesteuert, die Geliebte des Nachbarn ausspannen? Drohnen, die zum Einen gewaltige Luftaufnahmen machen oder doch zum gnadenlosen Killer in der arabischen Einöde werden können? Kleine Maschinen, die ganz von alleine unseren Rasen mähen oder im Haus den Flur wischen? Eine Art Uhr am Armgelenk, die verbunden mit unserem neusten Smartphone alles, aber auch wirklich alles Pulsierende in unserem Leben an Google, Facebook, Apple und Co. weitersenden? Roboter, halb Mensch, halb Maschine, wie sie in der großartigen schwedischen Serie "Real Humans" dargestellt werden, mit denen wir sogar schlafen können?
Alles nur eine Illusion?

Quelle: rollingstone.com
Michtnichten! Blanke Realität, die zurecht Angst machen darf. Vor völliger Kontrolle und vor allem vor Abhängigkeit vom neusten technischen Hype. Was wird mit uns passieren, wenn wir uns dem widerstandslos ergeben? Wir müssen den neusten Kram auf dem Hightech-Markt ja nicht kaufen. Tun es aber trotzdem.
Damon Albarn, dieses verdammte Genie, hat es mal wieder erkannt. "Everyday Robots" - alltägliche Roboter. Das sind sie alle, das sind wir wohlmöglich bald alle mal. So der Titel seines ersten Soloalbums.
Genie. Oder Wahnsinn? Oder Langeweile? Oder ein leerer Geldbeutel?
Was treibt jemanden wie Damon Albarn an, ein Soloalbum zu machen? Endlich ein Album, auf dem sein Name drauf steht (wie Thees Uhlmann es wollte)? Streit mit dem Rest der Band oder nahen Verwandten (Oasis)? Einfach mal was anderes ausprobieren (Jonathan Davies)?
Ehrlich, all das ist kaum vorzustellen bei ihm.
Ein Mann, der Blur gegründet hat. Jemand, der mit den Gorillaz futuristische Musik in Form von Comicfiguren erschaffen konnte? The Good, The Bad And The Queen - eine Allstarband - auch mal aus dem Boden gestampft und Erfolge erzielt? Albarn hat zwei Opern geschrieben, die sehr gut liefen. Wohl möglich ist Albarn einer der kreativsten, vielseitigsten und klügsten Musikköpfe, die derzeit im Business herumgeistern.

Hm, vielleicht ist der Ansatz mit "mal was Neues ausprobieren" gar nicht so dumm und abwegig. Denn wenn man "Everyday Robots" ein oder mehrere Male durchhört, ist kaum eine Ähnlichkeit mit Blur, Gorillaz oder The Good, The Bad And The Queen zu erkennen. Es ist ein sehr ruhiges Album. Fast schon minimalistisch. Keine harten Grungeriffs, keine Gast-Rapper á la De La Soul oder Snoop Dogg. Keine Gitarren-Indie-Mukke. Was denn dann, bitte? Ein Mix aus Pop, ein bisschen Swing, Blues, Folk, Gospel, Salsa. Ach, irgendwie alles von dem und wieder mal gar nichts.
"Everyday Robots", erster Song auf dem gleichnamigen Silberling (oder natürlich Vinyl) besticht durch seine gewisse Einfachheit und dem leicht orientalischen Touch. Natürlich auch mit den Audioschnipseln, die Abwechslung bieten. Ganz anders hingegen "Mr Tembo": hier gibt es in leisen Tönen gute Laune, Sommer, Sonne, Strand und nen kühles Getränk. Keine maschinenmäßige Abfertigung. Dann kommt mit "You and Me" ein siebenminütiges Ding entgegen, das vor Melancholie und einem gewissen Herzschmerz nur so trieft. Aber keineswegs kitschig, eher gut. Auf "Hollow Ponds" verirren sich starke Bläserwände und Backgroundchöre. Abschließend rauscht "Heavy Seas of Love" noch durch die Boxen. Gospel, Vergebung, Gottesdienst, Liebe! Zum Ende hin nochmals echte Gefühle, ganz menschlich, nichts artifizielles? Irgendwie schon.

Quelle: theguardian.com

Damon Albarn, "Everyday Robots". Ein ruhiges, leises Album mit elektronischen Arrangements, aber so ungeheuer vielseitig, wenn man sich die Zeit und Ruhe nimmt, genau hinzuhören. Wenn überhaupt, dann sind einzelne Passagen an Gorillaz angelehnt. In Deutschland und Großbritannien schon ein Charterfolg, groovt es nicht so sehr wie seine anderen Projekte, aber das muss es auch gar nicht. In so einer rauschend schnellen Zeit wie dieser, in der man jeglicher Entwicklung gar nicht mehr hinterherkommt, sind diese diese 12 (naja, eher 10, weil zwei einminütige Instrumentals) Songs eine Ruhepause, die nicht runterzieht, sondern auch mal die Situation analysiert.
Damon Albarn. Genie. Auf jeden Fall.
Was könnte er anderes sein?!

Freitag, 16. Mai 2014

Kobito - die Kombination aus Bild und Ton macht die Musik!



(sf) Quizduell:

Welcher der folgenden vier Begriffe bezeichnet einen Musiker?

A) Zalando
B) Tirendo
C) Kobito
D) Vapiano 




Die Lösung ist natürlich und Gott sei Dank C und um gleich es gleich mal klarzustellen: Kobito folgt bei seiner Namensgebung keinesfalls dem hirnrissigen Trend, unbedingt auf „o“ enden zu müssen, sondern leitet sich aus „Kombination aus Bild und Ton“ ab. Klingt nach großer Kunst und, nun ja,  ist es auch…

Wer oder was ist denn nun aber dieser Kobito?

Ich höre gerne deutschsprachigen Hip Hop. Die Zeit, in der ich mich intensiv damit beschäftigt habe, liegt jedoch 15 Jahre zurück.  Leider war Kobito somit bislang ein unbeschriebenes Blatt für mich, als ich eher zufällig an „Blaupausen“, das neue Album, das im Juni erscheinen wird, geriet. Ein Durchhören später war das Interesse geweckt und dank Youtube und dem wieder mal sehr aufmerksamen Audiolith-Label war ich schlauer.


1986 wurde der Blondschopf in Bayern geboren, doch lange hielt er sich während seiner Kindheit nie an ein und demselben Ort auf. Seine Mutter war Schauspielerin und musste viel umherreisen. So ist er teilweise bei seinen Tanten im Rheinland, dann wieder im Intercity-Express auf dem Weg nach Polen oder Jugoslawien und anderswo aufgewachsen.
Doch im Alter von vier Jahren hatte die Rastlosigkeit dann ein Ende. Seine Mutter zog es nach Berlin, Kobi ging mit und fand sein Zuhause, wo er sich auch heute noch wohlfühlt. Zunächst in Schöneberg - der Bezirk war damals noch lebendiger, lauter, bunter und gefährlicher, als er es heute ist. Dort ist er zur Schule gegangen und im Verlauf der Gymnasialzeit durch seinen Freundeskreis auf Hip Hop gestoßen und damit weiter gewachsen. Er liebte seine Crew und die Freestyle Sessions, hatte viel vor, war viel unterwegs. Das "eigentliche Leben" mit Uni und Job geriet dabei oft in den Hintergrund, aber wen kümmert das...



2006 gab es dann eine bedeutende Begegnung: Kobito  lernte den Rapper Refpolk kennen und schrieb mit ihm zusammen erste Songs. MisterMo, mit dem Kobi schon sein erstes Album aufgenommen hatte, stieß dazu und so wurde 2007 die Band „Schlagzeiln“ gegründet. Die Formation ist rückblickend sicherlich als einer der Wegebereiter für linkspolitischen Rap zu bezeichnen. Etwas ins Leben zu rufen und zu festigen, andere davon zu überzeugen, dass man das Richtige tut - das waren nicht nur einfache Zeiten. 




Ebenso kennen und lieben gelernt hat Kobito die Berliner Rapperin Sookee. Gemeinsam starteten sie das Projekt „Deine Elstern“ und landeten mit „Augen Zu“ Ende 2010 einen Hit, der ganz neue Türen aufstieß. Plötzlich fanden sich auf Shows nicht mehr ausschließlich Antifas und Skater ein, sondern eine breitere Masse lernte Kobito schätzen.

Doch nach all den Projekten und Kollaborationen wurde in ihm der Wunsch lauter, eigenständig etwas auf die Beine stellen. Mit dem Album „Zu Eklektisch“ wagte er 2011 einen  Schritt in Richtung Unabhängigkeit. So sehr er das zu schätzen weiß, was ihm seine Crews bringen („Augen zu“ ist nach wie vor einer seiner Lieblingssongs), so schön ist es auch, sich freizustrampeln von den Begrenzungen, die Zusammenarbeiten unwiderruflich mit sich bringen. Einfach alleine das machen zu können, was einem im Kopf herumschwirrt.


Mit „Blaupausen“, seinem aktuellen Album, will er das ausbauen, was er an Erfahrungen vom Release mitgenommen hat. Die Musik ist noch emotionaler,  noch durchdachter. In Gegenwart von Politrap-Kollegen wie Captain Gips und Johnny Mauser fühlt er sich zweifelsohne zu Hause - und so ist er doch wieder beim Crew-Gedanken gelandet, denn nichts anderes ist die große Audiolith-Familie.
Die Quintessenz allen Schaffens von Kobito lässt sich herunterbrechen auf einen Slogan: 

Wenn du tust, was du liebst und es klingt, wie du bist. 

Diese Leidenschaft spürt in jeder einzelnen Faser seiner Songs. Herzblut ist der Antrieb, der ihn immer weitermachen lässt, und der ihn dorthin gebracht hat, wo er heute ist. 

„Blaupausen“ ist kein explizit politisches Album und doch sehr aussagekräftig, lässt keinen Zweifel daran, aus welcher Richtung der Wind bläst und lässt dem Zuhörer doch genug Spielraum, um nicht erdrückt zu werden. Leere Phrasen sucht man vergeblich und doch gelingt es Kobito, nicht oberlehrerhaft aufzutreten und zudem das intellektuelle Niveau gleichzeitig aufrecht zu erhalten.
Klar, nicht jeder der 13 Tracks ist ein Tophit, aber mehr als die Hälfte der Songs läuft bei mir mittlerweile auf Heavy Rotation, wobei der Titeltrack,  „Lass Dich Fallen“ und „Hoffnung“, eine Kollaboration mit Mal Éléve von den großartigen Irie Révoltés aus Heidelberg, aus meiner Sicht herausragen.

In einem Business, das von der dicken Hose regiert wird, hat Kobito sich seinen eigenen Platz gesucht, wo Emotionen und Träumereien erlaubt sind. Wenn es das Genre Rapper/Songwriter noch nicht gibt, sei es hiermit für Kobito erfunden. Auf „Blaupausen“ finden sich die ehrlichsten und authentischsten Songs, die er bislang geschrieben hat. Thematisch ist von Liebesliedern über sozialkritische Songs bis hin zur Suche von Identität und Glück alles dabei.


Musikalisch befreit sich Kobito erneut von Genregrenzen - Vielschichtigkeit ist das Stichwort. Er nutzt den Platz zwischen den Stühlen bestmöglich aus. Die Musik spricht viele Sprachen und diesmal dürfte möglicherweise sowohl für den Gangster, als auch für Omi im Schaukelstuhl was dabei sein. Während Kobito in "Lummerland" ruhig über eine Piano-Melodie rappt, kommen bei "Niemals Arm" ganze Bläsersätze zum Einsatz und unterstreichen kraftvoll die Message. Musik und Text ergänzen sich generell perfekt. Was Kobito mit der Sprache transportieren will, wird vom Sound unterstützt. Ein Beispiel: Wenn Kobito vom „Sonnenlicht“ spricht, dann hört man es fast aus den Boxen funkeln. Unmöglich? Tja. Hört es euch an. 

Kobito schafft es auf jeden Fall, ein Album zu präsentieren, das Klischees außen vorlässt, das es gar nicht nötig hat, durch Kraftausdrücke zu provozieren und das mich durch seine herausragenden Texte zu keiner Zeit veranlasst hat, von so fachmagazinspezifischem Müll wie Flow, Beats oder Cuts zu schreiben. Danke dafür!

„Meine Freude wird zu deiner Freude. Lies mich.
Alles ergibt Sinn. Blaupausen für dich.“




Montag, 12. Mai 2014

Trouble Orchestra – Mit diesem Debut bleibt es für immer „Heiter“

(ms) Crossover. Das war 90er. Das war die Verbindung aus HipHop und Metal beziehungsweise Hardrock. Die Sternstunden dieser Musikexperimente sind längst Geschichte und eventuell ist das auch besser so. Dominierend wurde englisch gesungen, denn auf Deutsch hat das Ganze nie wirklich gut funktioniert und war dementsprechend nicht so erfolgreich.

Quelle: audiolith.net
Was haben sich die sechs Hamburger von Trouble Orchestra denn wohl gedacht als sie im Studio an ihrem Debut bastelten, „Crossover ist tot, lange leben Crossover“?! Das ist eher unwahrscheinlich. Denn hier wird nicht an alte Zeiten angeknüpft sondern etwas Frisches, Neues erschaffen, das kracht, laut und intelligent ist. In Zeiten, wo bei Musik praktisch alles möglich ist, wird die Verbindung aus harten Riffs, Indie und Sprechgesang als ganz selbstverständlich genommen und umgesetzt. Funktioniert das, brauchen wir das, geht das gut?!
Aber hallo! Und wie gut das funktioniert.


Insgesamt kann man andeutungsweise sagen, dass hier eine Mischung aus Madsen, Turbostaat, Escapardo und Kraftklub zu hören ist. Nur eben mit Rap. Aber hier will keiner nach Berlin. Die Hanseaten haben „Heiter“ in Leipzig produziert und schmeißen es via Audiolith am Freitag auf den Musikmarkt.
Es sind zehn Songs, die in gut einer halben Stunde abgefeuert werden. Mit Drang nach vorne, mit viel Druck, mit sauberen, harten Riffs, viel Emotion, Gesellschaftskritik von links und hörbar viel Spaß an der Abwechslung der Rap-Parts von Johnny Mauser und Phurioso und dem Gesang von Jakob, der zugleich an der Gitarre steht. Jonas, Kralle und Sjard ergänzen das Sextett mit Gitarre, Bass und Schlagwerk.
Sofort ins Ohr geht „Heiter“, denn hier ist öfter Samstag und so herrlich davon entfernt sich so zu verhalten, wie es Ü30 erfordert. „Graupausen“ beschreibt das oft trübe Bild der (Innen-)Städte, wo doch hin und wieder Farbkleckse Platz finden; da kommt einem schnell Banksy ins Gedächtnis. „Stadt am Meer“ ist eine wunderbare Ballade, die dem Mix von Band und Album bestens entspricht. „Angst“ beschreibt eben jenes Gefühl mit einer guten Verbindung aus dramatischem Text und dichtem Sound. „Menschen“ erinnert vom Riff her schnell an Street Sweeper Social Club, der Band von Tom Morello und Boots Riley, setzt sich aber mit der Demonstrationskultur und Polizeikritik auseinander.




Und fast ist „Heiter“ schon vorbei. Doch um es genau zu verstehen, sei jedem geraten, die Platte mehrere Male durchzuhören, denn sie wird immer besser, auch die hohe Textdichte ist nicht beim ersten Hören aufzusaugen.
Trouble Orchestra, letztes Jahr die erste eigene Tour, jetzt nach einer 7“ das ganze Album, das hoffentlich viel Aufmerksamkeit bekommt, denn genau das hat die Band verdient.
„Heiter“ erscheint am 16. Mai via Audiolith.
Die Band ist hier live zu sehen:

16.05. Berlin - Badehaus
17.05. Hamburg - Knust
24.05. Lüneburg - Sonar Festival
31.05. Nürnberg - Fight Back Festival
20.06. Weimar - Gerber3
21.06. Merkers - Rock am Berg Festival

Sonntag, 4. Mai 2014

Supershirt - "Der vierte Affe" lädt zum Denken und Tanzen ein!


(ms) Was kostet die Welt? 8000 Mark, meinen Supershirt. Und auf genau diese Aussage werden sie (leider) zu oft reduziert. Denn neben diesem Kracher aus dem Jahre 2009 (immerhin fünf Jahre ist das her), haben die drei Berliner viel, viel mehr zu bieten. Allerhand verschrobene, kluge und unterhaltsame Texte, die sich meistens nach dem fünften Hören und dritten Durchlesen erst ganz erschließen aufgrund der Tiefe, die dahinter steht. Alkopop aus Berlin. Electro-Pop von Audiolith!


Doch kein neues Album steht in den Startlöchern. Sondern eine EP. Extended Play. Eigentlich ist dies immer ein Mittel von Bands, um die Zeit zwischen zwei Alben mit bereits vorhandenen Songs zu füllen. Hier wird aber alles anders gemacht. Die Intention: Musik um der Musik Willen. Einfach Bock auf neue Sachen. Und gleichzeitig werden Grenzen gesprengt. Denn „Der Vierte Affe“, so der EP-Titel, erscheint als gelbe 12“ mit einem dazugehörigen Buch, das die Songtexte vertieft. Ebenso gibt es keine CD zu erwerben, aber alles als Download. Vinyl verkauft sich ja wieder wie geschnitten Brot, wer braucht da noch eine CD?!

Doch was zur Hölle soll der vierte Affe sein? Oder wer? Ein possierlicher Silberrücken? Tierschutz, oder was? Nein, wieder mal weit gefehlt. Es ist eine Einstellung, die die Band vermitteln will. Eine Utopie, eine verheißungsvolle Sehnsuchtsvorstellung. Eine zu erreichende Möglichkeit neben „nichts gesehen“, „nichts gehört“, „nichts gesagt“. Das ist moderne Philosophie in knallharte Beats gepackt!

Quelle: audiolith.net
Die Wahlberliner beleuchten dabei Orte, die jeder will aber scheinbar unerreichbar klingen in dieser wahnsinnig schnellen Internetwelt. „Aurora Borealis“, das Polarlicht: „Ein weißes Reh, das sich in unsere Richtung bewegt“. Der Opener schwingt kopfnickend und sanft durch die Lüfte. Mit „Kiez und Kneipe“ geht es weiter. Und der Titel hält was er verspricht. Wo sind die schönen Eckkneipen, wo man den Wirt und die Stammgäste kennt? Die Innenstädte werden mit Ketten zugepflastert und das Bier schmeckt ja auch überall gleich. Hier wird ein Zeichen dagegen gesetzt. In Zeiten der Esso-Häuser und der Schließung des Molotow auf der Reeperbahn und den Problematiken um das Gebäude 9 in Köln ist dies die Hymne gegen die Gentrifizierung! Freunde des Hamburger Labels werden den Smashhit „H.Y.P.E“ schon von dem Geburtstag-Sampler kennen und verdient durch ein zweites Release doppelte Aufmerksamkeit. Mit Bläsern, Schlagwerk und ordentlich Gitarre kann man spätestens hier nicht mehr still sitzen bleiben. Alle sechs Songs haben es in sich und beanspruchen durch sich eine intensive Auseinandersetzung. 

Natürlich geht es bei Supershirt-Konzerten derbe ab! Sie hinterlassen verschwitzte Clubs und ein Pfeifen im Ohr. Aber Henry, Hendrik und Marco wollen mehr; das spürt man eindeutig. Nicht nur Party, sondern auch mal die grauen Zellen arbeiten lassen. Mit der EP unterstreichen sie diesen Anspruch, wollen auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen. Man muss nicht jeden Scheiß mitmachen, sondern kann sich dieses kleine Kunstwerk aus Vinyl und Buch gerne mal leisten. Ein scheinbarer Anachronismus, aber mit Zeilen, die haften bleiben und Rhythmen, die Bock auf das nächste Konzert machen!

„Der vierte Affe“ erscheint am 9. Mai via Audiolith.
Live sollte man sich das hier antun:

09.05.2014: Leipzig, Werk2
28.05.2014: Hannover, Café Glocksee
30.05.2014: Darmstadt, Schlossgrabenfest
31.05.2014: Bad Aibling, SORFestival
03.06.2014: Ilmenau, Universität
04.06.2014: Dresden, Scheune
05.06.2014: Chemnitz, Atomino
06.06.2014: Jena, Kassablanca
07.06.2014: Hamburg, Molotow
08.06.2014: Flensburg, Dockyard Festival

Montag, 7. April 2014

Im Portrait: Anna von Hausswolff


Name: von Hausswolff, Anna
Geburtstag: 6. September 1986
Geburtsort: Göteborg
Beruf: Musikerin
Instrumente: Stimme, Gitarre, Klavier, Orgel, etc.
Veröffentlichungen: „Singing from the grave“ (2010), “Ceremony” (2013), “Källan” (2014), The Matching Girl (als Hydras Dream, 2014)

Quelle: annavonhausswolff.com

( ms) Anna von Hausswolff. Was für ein Name. Adel, Reichtum, Bekanntheit, Beliebtheit, im Mittelpunkt, Celebrety, Kontroversen. Aber nein! So lässt sich die junge Schwedin wohl überhaupt nicht beschreiben. Adel?! Ja, okay. Der Rest: Nein!
 Anstatt nur auf ihre beiden neusten Veröffentlichungen einzugehen, lohnt es sich eher von Hausswolff im Portrait zu sehen, denn das eröffnet einen Blick in die Welt einer gewandten Musikerin, die mit ihrer Stimme, ihrem Können und ihrem Gesamteindruck zu überzeugen weiß.

Bereits 2010 hat sie ihr erstes Album auf den Markt geschmissen. Man darf sich doch zurecht fragen, warum es hier kaum Beachtung gefunden hat. Denn „Singing from the grave“ ist ein bestechendes Stück Musik mit den gerade mal neun Songs. Außerordentlich in der Dramatik, instrumentalen Vielfalt und stimmlichen Stärke. Mal ist sie ganz ruhig, doch schnell beginnt sie fast zu schreien, singt in den höchsten Höhen und nimmt den Konsumenten mit in ihre Welt, wenn dieser sich drauf einlässt.


2013 machte sie dann wieder auf sich aufmerksam. „Ceremony“ stand in den Läden zur Abholung bereit! Von der erst favorisierten Instrumentalisierung mit Gitarren und Klavier nahm sie Abstand und wandte sich der Orgel zu; einer eher verstaubten Monstrosität, die vielen aus den nicht besuchten Gottesdiensten bekannt ist. Doch was alles an diesem alten Schätzchen gezaubert werden kann beweist am besten der amerikanische Orgel-Popstar (wenn man so will) CameronCarpenter, der mit seiner Wucht und Extravaganz schon ein teures Exemplar in Philadelphia in Grund und Boden gespielt hat. So exzentrisch spielt Anna von Hausswolff nicht, doch der Droneklang ist extrem gewaltig und betörend. Auf 13 Stücken weiß sie erneut ihre unglaublichen Qualitäten unter Beweis zu stellen, ob beim eher spielerischen „Mountains Crave“, dem Opus Magnum „Deathbed“ oder dem traurig anmutenden „Funeral for my future children“. Wer das live gesehen hat, sucht vergebens nach Vergleichbarem, denn die 27-jährige hat etwas Eigenes, Wunderbares geschaffen.

Und in diesem Jahr geht es arbeitsintensiv weiter mit zwei unterschiedlichen Veröffentlichungen. Zum Einen steht dort „Källan“, eine Live-Aufnahme aus der Lincoln Kathedrale 2013, reiner Orgelsound, der sich zwei Mal über zwanzig Minuten aufbaut und die sprechenden Zuhörer schnell vergessen lässt.


Zum Anderen ist nun „The Little Match Girl“ draußen. Doch hier hat sie sich mit Mattie Bye, einem schwedischen Komponisten, der für „Faro“ und „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwandt“ den Soundtrack geliefert hat, zusammengetan und gemeinsam nannte man sich Hydras Dream. Innerhalb von drei Tagen entstanden neun Lieder. Doch wieso und warum? Die Stücke und damit die gesamte Platte stehen in einer langen Tradition der Musikgeschichte; die der Vertonung von Märchen und Geschichten. Die beiden Skandinavier haben sich Hans Christian Andersens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ als Vorlage genommen, ein allzu trauriges Mädchen, das in einer Silvesternacht aus lauter Verzweiflung die Hölzer verbrennt, die sie verkaufen sollte, aber keinen Abnehmer gefunden hat. Zwischen zwei Häusern verkriecht sie sich und stirbt einen bitten Kältetod. Wenn man nun diese kleine Geschichte liest und im Hintergrund den neuen Soundtrack dazu hört, zieht wird der Leser/Hörer in einen Bann aus Tönen, Melancholie, Dramatik, Mitleid und Trauer versetzt. Aber keineswegs als negativer Aspekt, sondern staunend durch das perfekte Zusammenspiel von Wort und Ton. Nur an zwei, drei Stellen ist Gesang zu hören, doch eher sphärisch, genauso wie Streicher, Klavier, Orgel, Percussion und und und…

Anna von Hausswolff sprengt die Grenzen von Pop und Klassik. In all ihren Werken verschmelzen beide zu einer Einheit, deren qualitativ hohe Konstanz seinesgleichen sucht.
Wer die Möglichkeit hat, sie live zu sehen: Tut es!