Mittwoch, 4. Juni 2014

Damon Albarn - Sind wir alle etwa "Everyday Robots"?

(ms) Drohnen, die von zu Hause aus gesteuert, die Geliebte des Nachbarn ausspannen? Drohnen, die zum Einen gewaltige Luftaufnahmen machen oder doch zum gnadenlosen Killer in der arabischen Einöde werden können? Kleine Maschinen, die ganz von alleine unseren Rasen mähen oder im Haus den Flur wischen? Eine Art Uhr am Armgelenk, die verbunden mit unserem neusten Smartphone alles, aber auch wirklich alles Pulsierende in unserem Leben an Google, Facebook, Apple und Co. weitersenden? Roboter, halb Mensch, halb Maschine, wie sie in der großartigen schwedischen Serie "Real Humans" dargestellt werden, mit denen wir sogar schlafen können?
Alles nur eine Illusion?

Quelle: rollingstone.com
Michtnichten! Blanke Realität, die zurecht Angst machen darf. Vor völliger Kontrolle und vor allem vor Abhängigkeit vom neusten technischen Hype. Was wird mit uns passieren, wenn wir uns dem widerstandslos ergeben? Wir müssen den neusten Kram auf dem Hightech-Markt ja nicht kaufen. Tun es aber trotzdem.
Damon Albarn, dieses verdammte Genie, hat es mal wieder erkannt. "Everyday Robots" - alltägliche Roboter. Das sind sie alle, das sind wir wohlmöglich bald alle mal. So der Titel seines ersten Soloalbums.
Genie. Oder Wahnsinn? Oder Langeweile? Oder ein leerer Geldbeutel?
Was treibt jemanden wie Damon Albarn an, ein Soloalbum zu machen? Endlich ein Album, auf dem sein Name drauf steht (wie Thees Uhlmann es wollte)? Streit mit dem Rest der Band oder nahen Verwandten (Oasis)? Einfach mal was anderes ausprobieren (Jonathan Davies)?
Ehrlich, all das ist kaum vorzustellen bei ihm.
Ein Mann, der Blur gegründet hat. Jemand, der mit den Gorillaz futuristische Musik in Form von Comicfiguren erschaffen konnte? The Good, The Bad And The Queen - eine Allstarband - auch mal aus dem Boden gestampft und Erfolge erzielt? Albarn hat zwei Opern geschrieben, die sehr gut liefen. Wohl möglich ist Albarn einer der kreativsten, vielseitigsten und klügsten Musikköpfe, die derzeit im Business herumgeistern.

Hm, vielleicht ist der Ansatz mit "mal was Neues ausprobieren" gar nicht so dumm und abwegig. Denn wenn man "Everyday Robots" ein oder mehrere Male durchhört, ist kaum eine Ähnlichkeit mit Blur, Gorillaz oder The Good, The Bad And The Queen zu erkennen. Es ist ein sehr ruhiges Album. Fast schon minimalistisch. Keine harten Grungeriffs, keine Gast-Rapper á la De La Soul oder Snoop Dogg. Keine Gitarren-Indie-Mukke. Was denn dann, bitte? Ein Mix aus Pop, ein bisschen Swing, Blues, Folk, Gospel, Salsa. Ach, irgendwie alles von dem und wieder mal gar nichts.
"Everyday Robots", erster Song auf dem gleichnamigen Silberling (oder natürlich Vinyl) besticht durch seine gewisse Einfachheit und dem leicht orientalischen Touch. Natürlich auch mit den Audioschnipseln, die Abwechslung bieten. Ganz anders hingegen "Mr Tembo": hier gibt es in leisen Tönen gute Laune, Sommer, Sonne, Strand und nen kühles Getränk. Keine maschinenmäßige Abfertigung. Dann kommt mit "You and Me" ein siebenminütiges Ding entgegen, das vor Melancholie und einem gewissen Herzschmerz nur so trieft. Aber keineswegs kitschig, eher gut. Auf "Hollow Ponds" verirren sich starke Bläserwände und Backgroundchöre. Abschließend rauscht "Heavy Seas of Love" noch durch die Boxen. Gospel, Vergebung, Gottesdienst, Liebe! Zum Ende hin nochmals echte Gefühle, ganz menschlich, nichts artifizielles? Irgendwie schon.

Quelle: theguardian.com

Damon Albarn, "Everyday Robots". Ein ruhiges, leises Album mit elektronischen Arrangements, aber so ungeheuer vielseitig, wenn man sich die Zeit und Ruhe nimmt, genau hinzuhören. Wenn überhaupt, dann sind einzelne Passagen an Gorillaz angelehnt. In Deutschland und Großbritannien schon ein Charterfolg, groovt es nicht so sehr wie seine anderen Projekte, aber das muss es auch gar nicht. In so einer rauschend schnellen Zeit wie dieser, in der man jeglicher Entwicklung gar nicht mehr hinterherkommt, sind diese diese 12 (naja, eher 10, weil zwei einminütige Instrumentals) Songs eine Ruhepause, die nicht runterzieht, sondern auch mal die Situation analysiert.
Damon Albarn. Genie. Auf jeden Fall.
Was könnte er anderes sein?!

Freitag, 16. Mai 2014

Kobito - die Kombination aus Bild und Ton macht die Musik!



(sf) Quizduell:

Welcher der folgenden vier Begriffe bezeichnet einen Musiker?

A) Zalando
B) Tirendo
C) Kobito
D) Vapiano 




Die Lösung ist natürlich und Gott sei Dank C und um gleich es gleich mal klarzustellen: Kobito folgt bei seiner Namensgebung keinesfalls dem hirnrissigen Trend, unbedingt auf „o“ enden zu müssen, sondern leitet sich aus „Kombination aus Bild und Ton“ ab. Klingt nach großer Kunst und, nun ja,  ist es auch…

Wer oder was ist denn nun aber dieser Kobito?

Ich höre gerne deutschsprachigen Hip Hop. Die Zeit, in der ich mich intensiv damit beschäftigt habe, liegt jedoch 15 Jahre zurück.  Leider war Kobito somit bislang ein unbeschriebenes Blatt für mich, als ich eher zufällig an „Blaupausen“, das neue Album, das im Juni erscheinen wird, geriet. Ein Durchhören später war das Interesse geweckt und dank Youtube und dem wieder mal sehr aufmerksamen Audiolith-Label war ich schlauer.


1986 wurde der Blondschopf in Bayern geboren, doch lange hielt er sich während seiner Kindheit nie an ein und demselben Ort auf. Seine Mutter war Schauspielerin und musste viel umherreisen. So ist er teilweise bei seinen Tanten im Rheinland, dann wieder im Intercity-Express auf dem Weg nach Polen oder Jugoslawien und anderswo aufgewachsen.
Doch im Alter von vier Jahren hatte die Rastlosigkeit dann ein Ende. Seine Mutter zog es nach Berlin, Kobi ging mit und fand sein Zuhause, wo er sich auch heute noch wohlfühlt. Zunächst in Schöneberg - der Bezirk war damals noch lebendiger, lauter, bunter und gefährlicher, als er es heute ist. Dort ist er zur Schule gegangen und im Verlauf der Gymnasialzeit durch seinen Freundeskreis auf Hip Hop gestoßen und damit weiter gewachsen. Er liebte seine Crew und die Freestyle Sessions, hatte viel vor, war viel unterwegs. Das "eigentliche Leben" mit Uni und Job geriet dabei oft in den Hintergrund, aber wen kümmert das...



2006 gab es dann eine bedeutende Begegnung: Kobito  lernte den Rapper Refpolk kennen und schrieb mit ihm zusammen erste Songs. MisterMo, mit dem Kobi schon sein erstes Album aufgenommen hatte, stieß dazu und so wurde 2007 die Band „Schlagzeiln“ gegründet. Die Formation ist rückblickend sicherlich als einer der Wegebereiter für linkspolitischen Rap zu bezeichnen. Etwas ins Leben zu rufen und zu festigen, andere davon zu überzeugen, dass man das Richtige tut - das waren nicht nur einfache Zeiten. 




Ebenso kennen und lieben gelernt hat Kobito die Berliner Rapperin Sookee. Gemeinsam starteten sie das Projekt „Deine Elstern“ und landeten mit „Augen Zu“ Ende 2010 einen Hit, der ganz neue Türen aufstieß. Plötzlich fanden sich auf Shows nicht mehr ausschließlich Antifas und Skater ein, sondern eine breitere Masse lernte Kobito schätzen.

Doch nach all den Projekten und Kollaborationen wurde in ihm der Wunsch lauter, eigenständig etwas auf die Beine stellen. Mit dem Album „Zu Eklektisch“ wagte er 2011 einen  Schritt in Richtung Unabhängigkeit. So sehr er das zu schätzen weiß, was ihm seine Crews bringen („Augen zu“ ist nach wie vor einer seiner Lieblingssongs), so schön ist es auch, sich freizustrampeln von den Begrenzungen, die Zusammenarbeiten unwiderruflich mit sich bringen. Einfach alleine das machen zu können, was einem im Kopf herumschwirrt.


Mit „Blaupausen“, seinem aktuellen Album, will er das ausbauen, was er an Erfahrungen vom Release mitgenommen hat. Die Musik ist noch emotionaler,  noch durchdachter. In Gegenwart von Politrap-Kollegen wie Captain Gips und Johnny Mauser fühlt er sich zweifelsohne zu Hause - und so ist er doch wieder beim Crew-Gedanken gelandet, denn nichts anderes ist die große Audiolith-Familie.
Die Quintessenz allen Schaffens von Kobito lässt sich herunterbrechen auf einen Slogan: 

Wenn du tust, was du liebst und es klingt, wie du bist. 

Diese Leidenschaft spürt in jeder einzelnen Faser seiner Songs. Herzblut ist der Antrieb, der ihn immer weitermachen lässt, und der ihn dorthin gebracht hat, wo er heute ist. 

„Blaupausen“ ist kein explizit politisches Album und doch sehr aussagekräftig, lässt keinen Zweifel daran, aus welcher Richtung der Wind bläst und lässt dem Zuhörer doch genug Spielraum, um nicht erdrückt zu werden. Leere Phrasen sucht man vergeblich und doch gelingt es Kobito, nicht oberlehrerhaft aufzutreten und zudem das intellektuelle Niveau gleichzeitig aufrecht zu erhalten.
Klar, nicht jeder der 13 Tracks ist ein Tophit, aber mehr als die Hälfte der Songs läuft bei mir mittlerweile auf Heavy Rotation, wobei der Titeltrack,  „Lass Dich Fallen“ und „Hoffnung“, eine Kollaboration mit Mal Éléve von den großartigen Irie Révoltés aus Heidelberg, aus meiner Sicht herausragen.

In einem Business, das von der dicken Hose regiert wird, hat Kobito sich seinen eigenen Platz gesucht, wo Emotionen und Träumereien erlaubt sind. Wenn es das Genre Rapper/Songwriter noch nicht gibt, sei es hiermit für Kobito erfunden. Auf „Blaupausen“ finden sich die ehrlichsten und authentischsten Songs, die er bislang geschrieben hat. Thematisch ist von Liebesliedern über sozialkritische Songs bis hin zur Suche von Identität und Glück alles dabei.


Musikalisch befreit sich Kobito erneut von Genregrenzen - Vielschichtigkeit ist das Stichwort. Er nutzt den Platz zwischen den Stühlen bestmöglich aus. Die Musik spricht viele Sprachen und diesmal dürfte möglicherweise sowohl für den Gangster, als auch für Omi im Schaukelstuhl was dabei sein. Während Kobito in "Lummerland" ruhig über eine Piano-Melodie rappt, kommen bei "Niemals Arm" ganze Bläsersätze zum Einsatz und unterstreichen kraftvoll die Message. Musik und Text ergänzen sich generell perfekt. Was Kobito mit der Sprache transportieren will, wird vom Sound unterstützt. Ein Beispiel: Wenn Kobito vom „Sonnenlicht“ spricht, dann hört man es fast aus den Boxen funkeln. Unmöglich? Tja. Hört es euch an. 

Kobito schafft es auf jeden Fall, ein Album zu präsentieren, das Klischees außen vorlässt, das es gar nicht nötig hat, durch Kraftausdrücke zu provozieren und das mich durch seine herausragenden Texte zu keiner Zeit veranlasst hat, von so fachmagazinspezifischem Müll wie Flow, Beats oder Cuts zu schreiben. Danke dafür!

„Meine Freude wird zu deiner Freude. Lies mich.
Alles ergibt Sinn. Blaupausen für dich.“




Montag, 12. Mai 2014

Trouble Orchestra – Mit diesem Debut bleibt es für immer „Heiter“

(ms) Crossover. Das war 90er. Das war die Verbindung aus HipHop und Metal beziehungsweise Hardrock. Die Sternstunden dieser Musikexperimente sind längst Geschichte und eventuell ist das auch besser so. Dominierend wurde englisch gesungen, denn auf Deutsch hat das Ganze nie wirklich gut funktioniert und war dementsprechend nicht so erfolgreich.

Quelle: audiolith.net
Was haben sich die sechs Hamburger von Trouble Orchestra denn wohl gedacht als sie im Studio an ihrem Debut bastelten, „Crossover ist tot, lange leben Crossover“?! Das ist eher unwahrscheinlich. Denn hier wird nicht an alte Zeiten angeknüpft sondern etwas Frisches, Neues erschaffen, das kracht, laut und intelligent ist. In Zeiten, wo bei Musik praktisch alles möglich ist, wird die Verbindung aus harten Riffs, Indie und Sprechgesang als ganz selbstverständlich genommen und umgesetzt. Funktioniert das, brauchen wir das, geht das gut?!
Aber hallo! Und wie gut das funktioniert.


Insgesamt kann man andeutungsweise sagen, dass hier eine Mischung aus Madsen, Turbostaat, Escapardo und Kraftklub zu hören ist. Nur eben mit Rap. Aber hier will keiner nach Berlin. Die Hanseaten haben „Heiter“ in Leipzig produziert und schmeißen es via Audiolith am Freitag auf den Musikmarkt.
Es sind zehn Songs, die in gut einer halben Stunde abgefeuert werden. Mit Drang nach vorne, mit viel Druck, mit sauberen, harten Riffs, viel Emotion, Gesellschaftskritik von links und hörbar viel Spaß an der Abwechslung der Rap-Parts von Johnny Mauser und Phurioso und dem Gesang von Jakob, der zugleich an der Gitarre steht. Jonas, Kralle und Sjard ergänzen das Sextett mit Gitarre, Bass und Schlagwerk.
Sofort ins Ohr geht „Heiter“, denn hier ist öfter Samstag und so herrlich davon entfernt sich so zu verhalten, wie es Ü30 erfordert. „Graupausen“ beschreibt das oft trübe Bild der (Innen-)Städte, wo doch hin und wieder Farbkleckse Platz finden; da kommt einem schnell Banksy ins Gedächtnis. „Stadt am Meer“ ist eine wunderbare Ballade, die dem Mix von Band und Album bestens entspricht. „Angst“ beschreibt eben jenes Gefühl mit einer guten Verbindung aus dramatischem Text und dichtem Sound. „Menschen“ erinnert vom Riff her schnell an Street Sweeper Social Club, der Band von Tom Morello und Boots Riley, setzt sich aber mit der Demonstrationskultur und Polizeikritik auseinander.




Und fast ist „Heiter“ schon vorbei. Doch um es genau zu verstehen, sei jedem geraten, die Platte mehrere Male durchzuhören, denn sie wird immer besser, auch die hohe Textdichte ist nicht beim ersten Hören aufzusaugen.
Trouble Orchestra, letztes Jahr die erste eigene Tour, jetzt nach einer 7“ das ganze Album, das hoffentlich viel Aufmerksamkeit bekommt, denn genau das hat die Band verdient.
„Heiter“ erscheint am 16. Mai via Audiolith.
Die Band ist hier live zu sehen:

16.05. Berlin - Badehaus
17.05. Hamburg - Knust
24.05. Lüneburg - Sonar Festival
31.05. Nürnberg - Fight Back Festival
20.06. Weimar - Gerber3
21.06. Merkers - Rock am Berg Festival

Sonntag, 4. Mai 2014

Supershirt - "Der vierte Affe" lädt zum Denken und Tanzen ein!


(ms) Was kostet die Welt? 8000 Mark, meinen Supershirt. Und auf genau diese Aussage werden sie (leider) zu oft reduziert. Denn neben diesem Kracher aus dem Jahre 2009 (immerhin fünf Jahre ist das her), haben die drei Berliner viel, viel mehr zu bieten. Allerhand verschrobene, kluge und unterhaltsame Texte, die sich meistens nach dem fünften Hören und dritten Durchlesen erst ganz erschließen aufgrund der Tiefe, die dahinter steht. Alkopop aus Berlin. Electro-Pop von Audiolith!


Doch kein neues Album steht in den Startlöchern. Sondern eine EP. Extended Play. Eigentlich ist dies immer ein Mittel von Bands, um die Zeit zwischen zwei Alben mit bereits vorhandenen Songs zu füllen. Hier wird aber alles anders gemacht. Die Intention: Musik um der Musik Willen. Einfach Bock auf neue Sachen. Und gleichzeitig werden Grenzen gesprengt. Denn „Der Vierte Affe“, so der EP-Titel, erscheint als gelbe 12“ mit einem dazugehörigen Buch, das die Songtexte vertieft. Ebenso gibt es keine CD zu erwerben, aber alles als Download. Vinyl verkauft sich ja wieder wie geschnitten Brot, wer braucht da noch eine CD?!

Doch was zur Hölle soll der vierte Affe sein? Oder wer? Ein possierlicher Silberrücken? Tierschutz, oder was? Nein, wieder mal weit gefehlt. Es ist eine Einstellung, die die Band vermitteln will. Eine Utopie, eine verheißungsvolle Sehnsuchtsvorstellung. Eine zu erreichende Möglichkeit neben „nichts gesehen“, „nichts gehört“, „nichts gesagt“. Das ist moderne Philosophie in knallharte Beats gepackt!

Quelle: audiolith.net
Die Wahlberliner beleuchten dabei Orte, die jeder will aber scheinbar unerreichbar klingen in dieser wahnsinnig schnellen Internetwelt. „Aurora Borealis“, das Polarlicht: „Ein weißes Reh, das sich in unsere Richtung bewegt“. Der Opener schwingt kopfnickend und sanft durch die Lüfte. Mit „Kiez und Kneipe“ geht es weiter. Und der Titel hält was er verspricht. Wo sind die schönen Eckkneipen, wo man den Wirt und die Stammgäste kennt? Die Innenstädte werden mit Ketten zugepflastert und das Bier schmeckt ja auch überall gleich. Hier wird ein Zeichen dagegen gesetzt. In Zeiten der Esso-Häuser und der Schließung des Molotow auf der Reeperbahn und den Problematiken um das Gebäude 9 in Köln ist dies die Hymne gegen die Gentrifizierung! Freunde des Hamburger Labels werden den Smashhit „H.Y.P.E“ schon von dem Geburtstag-Sampler kennen und verdient durch ein zweites Release doppelte Aufmerksamkeit. Mit Bläsern, Schlagwerk und ordentlich Gitarre kann man spätestens hier nicht mehr still sitzen bleiben. Alle sechs Songs haben es in sich und beanspruchen durch sich eine intensive Auseinandersetzung. 

Natürlich geht es bei Supershirt-Konzerten derbe ab! Sie hinterlassen verschwitzte Clubs und ein Pfeifen im Ohr. Aber Henry, Hendrik und Marco wollen mehr; das spürt man eindeutig. Nicht nur Party, sondern auch mal die grauen Zellen arbeiten lassen. Mit der EP unterstreichen sie diesen Anspruch, wollen auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen. Man muss nicht jeden Scheiß mitmachen, sondern kann sich dieses kleine Kunstwerk aus Vinyl und Buch gerne mal leisten. Ein scheinbarer Anachronismus, aber mit Zeilen, die haften bleiben und Rhythmen, die Bock auf das nächste Konzert machen!

„Der vierte Affe“ erscheint am 9. Mai via Audiolith.
Live sollte man sich das hier antun:

09.05.2014: Leipzig, Werk2
28.05.2014: Hannover, Café Glocksee
30.05.2014: Darmstadt, Schlossgrabenfest
31.05.2014: Bad Aibling, SORFestival
03.06.2014: Ilmenau, Universität
04.06.2014: Dresden, Scheune
05.06.2014: Chemnitz, Atomino
06.06.2014: Jena, Kassablanca
07.06.2014: Hamburg, Molotow
08.06.2014: Flensburg, Dockyard Festival

Montag, 7. April 2014

Im Portrait: Anna von Hausswolff


Name: von Hausswolff, Anna
Geburtstag: 6. September 1986
Geburtsort: Göteborg
Beruf: Musikerin
Instrumente: Stimme, Gitarre, Klavier, Orgel, etc.
Veröffentlichungen: „Singing from the grave“ (2010), “Ceremony” (2013), “Källan” (2014), The Matching Girl (als Hydras Dream, 2014)

Quelle: annavonhausswolff.com

( ms) Anna von Hausswolff. Was für ein Name. Adel, Reichtum, Bekanntheit, Beliebtheit, im Mittelpunkt, Celebrety, Kontroversen. Aber nein! So lässt sich die junge Schwedin wohl überhaupt nicht beschreiben. Adel?! Ja, okay. Der Rest: Nein!
 Anstatt nur auf ihre beiden neusten Veröffentlichungen einzugehen, lohnt es sich eher von Hausswolff im Portrait zu sehen, denn das eröffnet einen Blick in die Welt einer gewandten Musikerin, die mit ihrer Stimme, ihrem Können und ihrem Gesamteindruck zu überzeugen weiß.

Bereits 2010 hat sie ihr erstes Album auf den Markt geschmissen. Man darf sich doch zurecht fragen, warum es hier kaum Beachtung gefunden hat. Denn „Singing from the grave“ ist ein bestechendes Stück Musik mit den gerade mal neun Songs. Außerordentlich in der Dramatik, instrumentalen Vielfalt und stimmlichen Stärke. Mal ist sie ganz ruhig, doch schnell beginnt sie fast zu schreien, singt in den höchsten Höhen und nimmt den Konsumenten mit in ihre Welt, wenn dieser sich drauf einlässt.


2013 machte sie dann wieder auf sich aufmerksam. „Ceremony“ stand in den Läden zur Abholung bereit! Von der erst favorisierten Instrumentalisierung mit Gitarren und Klavier nahm sie Abstand und wandte sich der Orgel zu; einer eher verstaubten Monstrosität, die vielen aus den nicht besuchten Gottesdiensten bekannt ist. Doch was alles an diesem alten Schätzchen gezaubert werden kann beweist am besten der amerikanische Orgel-Popstar (wenn man so will) CameronCarpenter, der mit seiner Wucht und Extravaganz schon ein teures Exemplar in Philadelphia in Grund und Boden gespielt hat. So exzentrisch spielt Anna von Hausswolff nicht, doch der Droneklang ist extrem gewaltig und betörend. Auf 13 Stücken weiß sie erneut ihre unglaublichen Qualitäten unter Beweis zu stellen, ob beim eher spielerischen „Mountains Crave“, dem Opus Magnum „Deathbed“ oder dem traurig anmutenden „Funeral for my future children“. Wer das live gesehen hat, sucht vergebens nach Vergleichbarem, denn die 27-jährige hat etwas Eigenes, Wunderbares geschaffen.

Und in diesem Jahr geht es arbeitsintensiv weiter mit zwei unterschiedlichen Veröffentlichungen. Zum Einen steht dort „Källan“, eine Live-Aufnahme aus der Lincoln Kathedrale 2013, reiner Orgelsound, der sich zwei Mal über zwanzig Minuten aufbaut und die sprechenden Zuhörer schnell vergessen lässt.


Zum Anderen ist nun „The Little Match Girl“ draußen. Doch hier hat sie sich mit Mattie Bye, einem schwedischen Komponisten, der für „Faro“ und „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwandt“ den Soundtrack geliefert hat, zusammengetan und gemeinsam nannte man sich Hydras Dream. Innerhalb von drei Tagen entstanden neun Lieder. Doch wieso und warum? Die Stücke und damit die gesamte Platte stehen in einer langen Tradition der Musikgeschichte; die der Vertonung von Märchen und Geschichten. Die beiden Skandinavier haben sich Hans Christian Andersens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ als Vorlage genommen, ein allzu trauriges Mädchen, das in einer Silvesternacht aus lauter Verzweiflung die Hölzer verbrennt, die sie verkaufen sollte, aber keinen Abnehmer gefunden hat. Zwischen zwei Häusern verkriecht sie sich und stirbt einen bitten Kältetod. Wenn man nun diese kleine Geschichte liest und im Hintergrund den neuen Soundtrack dazu hört, zieht wird der Leser/Hörer in einen Bann aus Tönen, Melancholie, Dramatik, Mitleid und Trauer versetzt. Aber keineswegs als negativer Aspekt, sondern staunend durch das perfekte Zusammenspiel von Wort und Ton. Nur an zwei, drei Stellen ist Gesang zu hören, doch eher sphärisch, genauso wie Streicher, Klavier, Orgel, Percussion und und und…

Anna von Hausswolff sprengt die Grenzen von Pop und Klassik. In all ihren Werken verschmelzen beide zu einer Einheit, deren qualitativ hohe Konstanz seinesgleichen sucht.
Wer die Möglichkeit hat, sie live zu sehen: Tut es!

Donnerstag, 27. März 2014

Heute Kinder wird´s was geben! Und zwar einen Satz heiße Ohren. Kids Choir Special!



(vl) Rund 7 Millionen Frauen in Deutschland nehmen täglich die Antibabypille ein. Obgleich die Nebenwirkungen(Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen, verminderte Libido, gesteigertes Thrombose- und Krebsrisiko) allseits bekannt sind, ist die Hauptsache, dass kein Braten ins Rohr geschoben wird. 

quelle:mrsmusic.net
Kinder machen nur Dreck und stinken – aber wegmachen dürfen’s die Eltern. Sie kosten Geld und Nerven und stellen eindeutig zu viele Fragen. Wenn sie auf die Welt kommen, können sie praktisch erstmal nichts, garnichts. Alles muss man ihnen beibringen! So gesehen sind sie erstmal wahnsinnig nutzlos, könnte man sagen. Und mit der Unabhängigkeit ist es dann sowieso vorbei, man kann ja nichtmal mehr  zur Lieblingsmusik im Auto abgehen, weil der Passagier auf der Rückbank lieber die neue Bob der Baumeister CD hören mag, während sich sein Nasenrotz langsam aber sicher den Weg in seine zahnlückige Mundhöhle bahnt.  So viel zu den Negativfolgen des Kinderkriegens. Aber es gibt tatsächlich auch positive Nebenwirkungen, die niemandem vorenthalten werden sollten: Kinder, ihr lieben, Kinder können singen, und sie sind eine wahrhaftige Bereicherung für die Musik!


Das haben schon einige Musikgrößen erkannt und davon profitiert – denken wir nur an Pink Floyds „Another Brick in the Wall“ aus dem Jahre 79, oder Jay-Z’s  Klassiker „Hard Knock Life“, der sicherlich schon vielen tausend Menschen einen hartnäckigen Ohrwurm beschert hat. Und wer hat nicht schonmal zu „D.A.N.C.E.“ von Justice heiter-ausgelassen vor sich hingetanzt?
Auch in den letzten Jahren sind einige Musiker auf den Geschmack gekommen, und haben ihre Freunde und Bekannte angehauen - „Ey, kann ich mir mal dein Kind ausleihen, ich will wieder ins Studio“.



Ein aktuelles Beispiel ist „Changes“, die Nr. 1 Single,  durch die das französische House-Duo Faul & Wad Ad 2013 bekannt wurde. Baby I don’t know, just why I love you so…



Musikalisch ebenfalls in die Elektro-Schublade einzuordnen ist „Mothers Protect“ von Niki and the Dove – hier im (von mir persönlich für besser empfundenen) Goldroom-Remix



Ein besonderes Goldstück kommt von Converse – ja richtig, diese allseits beliebte Schuhmarke, die uns seit Jahrzehnten mit ihren orthopädischen Katastrophen namens Chucks versorgt – mit Erfolg. Ihr Musikprojekt „Three Artists – One Song“ hat eine wahre Perle hervorgebracht: Frank Ocean, Diplo und Mick Jones + Paul Simonon von The Clash haben sich zusammengetan, und mit Hilfe eines Kinderchores „Hero“ aufgenommen. Smoothe und rockig zugleich – der perfekte Soundtrack für die kommenden Sonnentage!


Mittwoch, 19. März 2014

Egotronic – „Die Natur ist dein Feind“ – Oder wie aus Electropunk Popmusik wurde


„Ich liebe die Dunkelheit, aber ich hasse die Natur“ – Intro, neue Egotronic-Scheibe.
„Natur ist ja prinzipiell erstmal was Gutes. Punkt.“ - Stromberg, in irgendeiner Folge.

(ms) Was genau ist Natur und welchen Wert hat sie?! Laut Wikipedia im ersten Satz das, was nicht vom Menschen gemacht worden ist.  Nun propagieren Egotronic, Torsten Burkhard und Konsorten, dass die Natur dein Feind sei. Ganz investigativ gefragt: Was steht da denn hinter?! Hauptsächlich ein radikaler Lebenswandel vom Mastermind und ehemaligen Vorreiter des Electropunk in heimischen Gefilden. Dies wiederum liegt an der Diagnose der Autoimmunerkrankung rheumatischer Arthritis, wo der eigene Körper sich gegen sich wehrt. Somit gibt’s keine Drogen, keinen Alkohol und Zigaretten mehr, was für manch einen schwer vorstellbar ist bei Torsun, der live und neben der Bühne ein großer Freund von Pilzen und anderen Substanzen war.
Hinzu kommt noch, dass für ihn Electropunk mittlerweile langweilig wurde und etwas Neues sollte den Egotronic-Sound bestimmen, nachdem auch der lange Weggefährte Endi die Band verlassen hat. Relativ schnell kamen Chrü, Reuschi und Kilian hinzu, letzterer hat mit an der Platte gebastelt. Hinter der Kombo stehen Gitarre, Schlagzeug und Electrosampler und damit der Schwenk hin zu mehr Punk und Rock, insbesondere auch live. Das funktioniert auf der Bühne komischerweise wesentlich besser als auf dem neuen Tonträger.

Quelle: www.audiolith.net
Womit wir beim Thema wären!
13 Lieder, ein In- und Outro. Wie hört es sich an? Über die ganze Laufzeit definitiv mehr nach Pop als nach Punk und ein altes Merkmal fast sämtlicher Egotronic-Platten kommt auch hier zutage. Denn pro Scheibe sind häufig nur 3-4 gute, dann aber richtig gute Songs vorhanden. Beim neuen Release geht das genauso weiter. Der erste hörbare Höhepunkt kommt mit „Noch nicht vorbei“, laut eigener Aussage der Band die erste Ballade; aber immerhin mit viel Melodie! „Oh, oh“, „Neurosen im Garten“ und „Pop stinkt“ gehen sehr gut nach vorne und ein weiteres Highlight ist das Dackelblut-Cover „Edwin van der Sar“. Eine Hommage an den ebenso schrägen wie genialen Jens Rachut, der nach vielen, vielen Bands und Projekten aktuell als Kommando Sonne-nmlich veröffentlicht.
Herauszuheben ist der Song „Band der Vollidioten“ mit dem Chor der Toten Crackhuren im Kofferraum im Hintergrund. Angelehnt an ein ähnlich klingendes Stück der nationalistischen Frei.Wild ist es eine Hassparole genau gegen diese Südtiroler, die nun auch wieder beim Echo nominiert sind und angekündigt nicht wie letztes Jahr aus der Liste gestrichen werden.  Der herrliche Chorus: „Das ist die Band der Vollidioten / Sie ist dumpf, nationalistisch / hält sich trotzdem nicht für rechts / auch ihre Fans scheiß Patrioten / und ich verachte sie zurecht.“ Das nächste Mitgröllied der Berliner. Der Rest der Platte bleibt kaum im Ohr hängen.



Und geht es jetzt textlich in die Richtung, die der Titel verheißt?!
Nein, nicht wirklich. Egotronic sind und waren politisch im links äußeren Rand angesiedelt und machten nie einen Hehl aus ihrer antifaschistischen Grundhaltung. So waren wesentliche Triebfedern für die neuen Texte Vorkommnisse in Berlin-Hellersdorf und grundsätzlich das traurige Phänomen, dass sich blitzschnell Bürgerinitiativen gegen den Bau und die Besiedelung von Flüchtlings- und Asylheimen finden und das andere Gruppen diese angreifen. Eine nicht hinzunehmende Beobachtung, nicht nur für Torsun und Co.

Wie steht es um die neuen Livequalitäten?!
Dass Egotronic-Konzerte immer ein großer Rave waren und eventuell mit 1,5 Promille noch mehr Spaß gemacht haben, ist kein Geheimnis. Da die Band unmittelbar vor, während und nach dem Release vom letzten Freitag am touren ist, haben wir in Münster mal vorbeigeschaut und waren positiv überrascht. Das Ganze hat viel Wumms und bockt extrem! Gerade die älteren Songs – natürlich auch die Parole „Raven gegen Deutschland“ – wie „Rannte der Sonne hinterher“ oder „Kotzen“ kommen mit Gitarre und Schlagwerk sehr gut! Partystimmung mit politischen Ansagen garantieren dabei einen schweißtreibenden Abend.
Dass Torsun das nüchtern hinbekommt; irgendwie könnte man da schon den Hut ziehen.
Also: Platte eher Mittelmaß mit einigen Highlights, live immer noch stark!