(ms) Drohnen, die von zu Hause aus gesteuert, die Geliebte des Nachbarn ausspannen? Drohnen, die zum Einen gewaltige Luftaufnahmen machen oder doch zum gnadenlosen Killer in der arabischen Einöde werden können? Kleine Maschinen, die ganz von alleine unseren Rasen mähen oder im Haus den Flur wischen? Eine Art Uhr am Armgelenk, die verbunden mit unserem neusten Smartphone alles, aber auch wirklich alles Pulsierende in unserem Leben an Google, Facebook, Apple und Co. weitersenden? Roboter, halb Mensch, halb Maschine, wie sie in der großartigen schwedischen Serie "Real Humans" dargestellt werden, mit denen wir sogar schlafen können?
Alles nur eine Illusion?
Quelle: rollingstone.com
Michtnichten! Blanke Realität, die zurecht Angst machen darf. Vor völliger Kontrolle und vor allem vor Abhängigkeit vom neusten technischen Hype. Was wird mit uns passieren, wenn wir uns dem widerstandslos ergeben? Wir müssen den neusten Kram auf dem Hightech-Markt ja nicht kaufen. Tun es aber trotzdem.
Damon Albarn, dieses verdammte Genie, hat es mal wieder erkannt. "Everyday Robots" - alltägliche Roboter. Das sind sie alle, das sind wir wohlmöglich bald alle mal. So der Titel seines ersten Soloalbums.
Genie. Oder Wahnsinn? Oder Langeweile? Oder ein leerer Geldbeutel? Was treibt jemanden wie Damon Albarn an, ein Soloalbum zu machen? Endlich ein Album, auf dem sein Name drauf steht (wie Thees Uhlmann es wollte)? Streit mit dem Rest der Band oder nahen Verwandten (Oasis)? Einfach mal was anderes ausprobieren (Jonathan Davies)? Ehrlich, all das ist kaum vorzustellen bei ihm.
Ein Mann, der Blur gegründet hat. Jemand, der mit den Gorillaz futuristische Musik in Form von Comicfiguren erschaffen konnte? The Good, The Bad And The Queen - eine Allstarband - auch mal aus dem Boden gestampft und Erfolge erzielt? Albarn hat zwei Opern geschrieben, die sehr gut liefen. Wohl möglich ist Albarn einer der kreativsten, vielseitigsten und klügsten Musikköpfe, die derzeit im Business herumgeistern.
Hm, vielleicht ist der Ansatz mit "mal was Neues ausprobieren" gar nicht so dumm und abwegig. Denn wenn man "Everyday Robots" ein oder mehrere Male durchhört, ist kaum eine Ähnlichkeit mit Blur, Gorillaz oder The Good, The Bad And The Queen zu erkennen. Es ist ein sehr ruhiges Album. Fast schon minimalistisch. Keine harten Grungeriffs, keine Gast-Rapper á la De La Soul oder Snoop Dogg. Keine Gitarren-Indie-Mukke. Was denn dann, bitte? Ein Mix aus Pop, ein bisschen Swing, Blues, Folk, Gospel, Salsa. Ach, irgendwie alles von dem und wieder mal gar nichts.
"Everyday Robots", erster Song auf dem gleichnamigen Silberling (oder natürlich Vinyl) besticht durch seine gewisse Einfachheit und dem leicht orientalischen Touch. Natürlich auch mit den Audioschnipseln, die Abwechslung bieten. Ganz anders hingegen "Mr Tembo": hier gibt es in leisen Tönen gute Laune, Sommer, Sonne, Strand und nen kühles Getränk. Keine maschinenmäßige Abfertigung. Dann kommt mit "You and Me" ein siebenminütiges Ding entgegen, das vor Melancholie und einem gewissen Herzschmerz nur so trieft. Aber keineswegs kitschig, eher gut. Auf "Hollow Ponds" verirren sich starke Bläserwände und Backgroundchöre. Abschließend rauscht "Heavy Seas of Love" noch durch die Boxen. Gospel, Vergebung, Gottesdienst, Liebe! Zum Ende hin nochmals echte Gefühle, ganz menschlich, nichts artifizielles? Irgendwie schon.
Quelle: theguardian.com
Damon Albarn, "Everyday Robots". Ein ruhiges, leises Album mit elektronischen Arrangements, aber so ungeheuer vielseitig, wenn man sich die Zeit und Ruhe nimmt, genau hinzuhören. Wenn überhaupt, dann sind einzelne Passagen an Gorillaz angelehnt. In Deutschland und Großbritannien schon ein Charterfolg, groovt es nicht so sehr wie seine anderen Projekte, aber das muss es auch gar nicht. In so einer rauschend schnellen Zeit wie dieser, in der man jeglicher Entwicklung gar nicht mehr hinterherkommt, sind diese diese 12 (naja, eher 10, weil zwei einminütige Instrumentals) Songs eine Ruhepause, die nicht runterzieht, sondern auch mal die Situation analysiert.
Damon Albarn. Genie. Auf jeden Fall.
Was könnte er anderes sein?!
Welcher
der folgenden vier Begriffe bezeichnet einen Musiker?
A)
Zalando
B)
Tirendo
C)
Kobito
D)
Vapiano
Die
Lösung ist natürlich und Gott sei Dank C und um gleich es gleich mal klarzustellen:
Kobito folgt bei seiner Namensgebung keinesfalls dem hirnrissigen Trend,
unbedingt auf „o“ enden zu müssen, sondern leitet sich aus „Kombination
aus Bild und Ton“ ab. Klingt nach großer Kunst und, nun ja,
ist es auch…
Wer
oder was ist denn nun aber dieser Kobito?
Ich
höre gerne deutschsprachigen Hip Hop. Die Zeit, in der ich mich intensiv damit
beschäftigt habe, liegt jedoch 15 Jahre zurück. Leider war Kobito somit
bislang ein unbeschriebenes Blatt für mich, als ich eher zufällig an „Blaupausen“,
das neue Album, das im Juni erscheinen wird, geriet. Ein Durchhören später war
das Interesse geweckt und dank Youtube und dem wieder mal sehr aufmerksamen
Audiolith-Label war ich schlauer.
1986
wurde der Blondschopf in Bayern geboren, doch lange hielt er sich während
seiner Kindheit nie an ein und demselben Ort auf. Seine Mutter war
Schauspielerin und musste viel umherreisen. So ist er teilweise bei seinen
Tanten im Rheinland, dann wieder im Intercity-Express auf dem Weg nach Polen
oder Jugoslawien und anderswo aufgewachsen.
Doch
im Alter von vier Jahren hatte die Rastlosigkeit dann ein Ende. Seine Mutter
zog es nach Berlin, Kobi ging mit und fand sein Zuhause, wo er sich auch heute
noch wohlfühlt. Zunächst in Schöneberg - der Bezirk war damals noch lebendiger,
lauter, bunter und gefährlicher, als er es heute ist. Dort ist er zur Schule
gegangen und im Verlauf der Gymnasialzeit durch seinen Freundeskreis auf Hip
Hop gestoßen und damit weiter gewachsen. Er liebte seine Crew und die Freestyle
Sessions, hatte viel vor, war viel unterwegs. Das "eigentliche Leben"
mit Uni und Job geriet dabei oft in den Hintergrund, aber wen kümmert das...
2006
gab es dann eine bedeutende Begegnung: Kobito lernte den Rapper Refpolk
kennen und schrieb mit ihm zusammen erste Songs. MisterMo, mit dem Kobi schon
sein erstes Album aufgenommen hatte, stieß dazu und so wurde 2007 die Band
„Schlagzeiln“ gegründet. Die Formation ist rückblickend sicherlich als einer
der Wegebereiter für linkspolitischen Rap zu bezeichnen. Etwas ins Leben zu
rufen und zu festigen, andere davon zu überzeugen, dass man das Richtige tut -
das waren nicht nur einfache Zeiten.
Ebenso
kennen und lieben gelernt hat Kobito die Berliner Rapperin Sookee. Gemeinsam
starteten sie das Projekt „Deine Elstern“ und landeten mit „Augen Zu“ Ende 2010
einen Hit, der ganz neue Türen aufstieß. Plötzlich fanden sich auf Shows nicht
mehr ausschließlich Antifas und Skater ein, sondern eine breitere Masse lernte
Kobito schätzen.
Doch
nach all den Projekten und Kollaborationen wurde in ihm der Wunsch lauter,
eigenständig etwas auf die Beine stellen. Mit dem Album „Zu Eklektisch“ wagte
er 2011 einen Schritt in Richtung Unabhängigkeit. So sehr er das zu
schätzen weiß, was ihm seine Crews bringen („Augen zu“ ist nach wie vor einer
seiner Lieblingssongs), so schön ist es auch, sich freizustrampeln von den
Begrenzungen, die Zusammenarbeiten unwiderruflich mit sich bringen. Einfach
alleine das machen zu können, was einem im Kopf herumschwirrt.
Mit
„Blaupausen“, seinem aktuellen Album, will er das ausbauen, was er an
Erfahrungen vom Release mitgenommen hat. Die Musik ist noch emotionaler,
noch durchdachter. In Gegenwart von Politrap-Kollegen wie Captain Gips
und Johnny Mauser fühlt er sich zweifelsohne zu Hause - und so ist er doch
wieder beim Crew-Gedanken gelandet, denn nichts anderes ist die große
Audiolith-Familie.
Die
Quintessenz allen Schaffens von Kobito lässt sich herunterbrechen auf einen
Slogan:
Wenn du tust, was du liebst und es
klingt, wie du bist.
Diese
Leidenschaft spürt in jeder einzelnen Faser seiner Songs. Herzblut ist der
Antrieb, der ihn immer weitermachen lässt, und der ihn dorthin gebracht hat, wo
er heute ist.
„Blaupausen“
ist kein explizit politisches Album und doch sehr aussagekräftig, lässt keinen
Zweifel daran, aus welcher Richtung der Wind bläst und lässt dem Zuhörer doch
genug Spielraum, um nicht erdrückt zu werden. Leere Phrasen sucht man
vergeblich und doch gelingt es Kobito, nicht oberlehrerhaft aufzutreten und
zudem das intellektuelle Niveau gleichzeitig aufrecht zu erhalten.
Klar,
nicht jeder der 13 Tracks ist ein Tophit, aber mehr als die Hälfte der Songs
läuft bei mir mittlerweile auf Heavy Rotation, wobei der Titeltrack,
„Lass Dich Fallen“ und „Hoffnung“, eine Kollaboration mit Mal Éléve von
den großartigen Irie Révoltés aus Heidelberg, aus meiner Sicht herausragen.
In
einem Business, das von der dicken Hose regiert wird, hat Kobito sich seinen
eigenen Platz gesucht, wo Emotionen und Träumereien erlaubt sind. Wenn es das
Genre Rapper/Songwriter noch nicht gibt, sei es hiermit für Kobito erfunden.
Auf „Blaupausen“ finden sich die ehrlichsten und authentischsten Songs, die er
bislang geschrieben hat. Thematisch ist von Liebesliedern über sozialkritische
Songs bis hin zur Suche von Identität und Glück alles dabei.
Musikalisch
befreit sich Kobito erneut von Genregrenzen - Vielschichtigkeit ist das
Stichwort. Er nutzt den Platz zwischen den Stühlen bestmöglich aus. Die Musik
spricht viele Sprachen und diesmal dürfte möglicherweise sowohl für den
Gangster, als auch für Omi im Schaukelstuhl was dabei sein. Während Kobito in
"Lummerland" ruhig über eine Piano-Melodie rappt, kommen bei
"Niemals Arm" ganze Bläsersätze zum Einsatz und unterstreichen
kraftvoll die Message. Musik und Text ergänzen sich generell perfekt. Was
Kobito mit der Sprache transportieren will, wird vom Sound unterstützt. Ein
Beispiel: Wenn Kobito vom „Sonnenlicht“ spricht, dann hört man es fast aus den
Boxen funkeln. Unmöglich? Tja. Hört es euch an.
Kobito
schafft es auf jeden Fall, ein Album zu präsentieren, das Klischees außen
vorlässt, das es gar nicht nötig hat, durch Kraftausdrücke zu provozieren und
das mich durch seine herausragenden Texte zu keiner Zeit veranlasst hat, von so
fachmagazinspezifischem Müll wie Flow, Beats oder Cuts zu schreiben. Danke
dafür!
(ms) Crossover. Das war 90er. Das war die Verbindung aus
HipHop und Metal beziehungsweise Hardrock. Die Sternstunden dieser
Musikexperimente sind längst Geschichte und eventuell ist das auch besser so.
Dominierend wurde englisch gesungen, denn auf Deutsch hat das Ganze nie
wirklich gut funktioniert und war dementsprechend nicht so erfolgreich.
Quelle: audiolith.net
Was haben sich die sechs Hamburger von Trouble Orchestra denn wohl gedacht als
sie im Studio an ihrem Debut bastelten, „Crossover ist tot, lange leben
Crossover“?! Das ist eher unwahrscheinlich. Denn hier wird nicht an alte Zeiten
angeknüpft sondern etwas Frisches, Neues erschaffen, das kracht, laut und
intelligent ist. In Zeiten, wo bei Musik praktisch alles möglich ist, wird die
Verbindung aus harten Riffs, Indie und Sprechgesang als ganz selbstverständlich
genommen und umgesetzt. Funktioniert das, brauchen wir das, geht das gut?!
Aber hallo! Und wie gut das funktioniert.
Insgesamt kann man andeutungsweise sagen, dass hier eine Mischung aus Madsen,
Turbostaat, Escapardo und Kraftklub zu hören ist. Nur eben mit Rap. Aber hier
will keiner nach Berlin. Die Hanseaten haben „Heiter“ in Leipzig produziert und
schmeißen es via Audiolith am Freitag auf den Musikmarkt.
Es sind zehn Songs, die in gut einer halben Stunde abgefeuert werden. Mit Drang
nach vorne, mit viel Druck, mit sauberen, harten Riffs, viel Emotion,
Gesellschaftskritik von links und hörbar viel Spaß an der Abwechslung der
Rap-Parts von Johnny Mauser und Phurioso und dem Gesang von Jakob, der zugleich
an der Gitarre steht. Jonas, Kralle und Sjard ergänzen das Sextett mit Gitarre,
Bass und Schlagwerk.
Sofort ins Ohr geht „Heiter“, denn hier ist öfter Samstag und so herrlich davon
entfernt sich so zu verhalten, wie es Ü30 erfordert. „Graupausen“ beschreibt
das oft trübe Bild der (Innen-)Städte, wo doch hin und wieder Farbkleckse Platz
finden; da kommt einem schnell Banksy ins Gedächtnis. „Stadt am Meer“ ist eine
wunderbare Ballade, die dem Mix von Band und Album bestens entspricht. „Angst“
beschreibt eben jenes Gefühl mit einer guten Verbindung aus dramatischem Text
und dichtem Sound. „Menschen“ erinnert vom Riff her schnell an Street Sweeper
Social Club, der Band von Tom Morello und Boots Riley, setzt sich aber mit der
Demonstrationskultur und Polizeikritik auseinander.
Und fast ist „Heiter“ schon vorbei. Doch um es genau zu verstehen, sei jedem
geraten, die Platte mehrere Male durchzuhören, denn sie wird immer besser, auch
die hohe Textdichte ist nicht beim ersten Hören aufzusaugen.
Trouble Orchestra, letztes Jahr die erste eigene Tour, jetzt nach einer 7“ das
ganze Album, das hoffentlich viel Aufmerksamkeit bekommt, denn genau das hat
die Band verdient.
„Heiter“ erscheint am 16. Mai via Audiolith.
Die Band ist hier live zu sehen:
16.05. Berlin - Badehaus
17.05. Hamburg - Knust
24.05. Lüneburg - Sonar Festival
31.05. Nürnberg - Fight Back Festival
20.06. Weimar - Gerber3
21.06. Merkers - Rock am Berg Festival
(ms) Was kostet die Welt? 8000 Mark, meinen Supershirt. Und auf
genau diese Aussage werden sie (leider) zu oft reduziert. Denn neben diesem
Kracher aus dem Jahre 2009 (immerhin fünf Jahre ist das her), haben die drei
Berliner viel, viel mehr zu bieten. Allerhand verschrobene, kluge und
unterhaltsame Texte, die sich meistens nach dem fünften Hören und dritten
Durchlesen erst ganz erschließen aufgrund der Tiefe, die dahinter steht.
Alkopop aus Berlin. Electro-Pop von Audiolith!
Doch kein neues Album steht in den Startlöchern. Sondern
eine EP. Extended Play. Eigentlich ist dies immer ein Mittel von Bands, um die
Zeit zwischen zwei Alben mit bereits vorhandenen Songs zu füllen. Hier wird
aber alles anders gemacht. Die Intention: Musik um der Musik Willen. Einfach
Bock auf neue Sachen. Und gleichzeitig werden Grenzen gesprengt. Denn „Der
Vierte Affe“, so der EP-Titel, erscheint als gelbe 12“ mit einem dazugehörigen
Buch, das die Songtexte vertieft. Ebenso gibt es keine CD zu erwerben, aber
alles als Download. Vinyl verkauft sich ja wieder wie geschnitten Brot, wer
braucht da noch eine CD?!
Doch was zur Hölle soll der vierte Affe sein? Oder wer? Ein
possierlicher Silberrücken? Tierschutz, oder was? Nein, wieder mal weit
gefehlt. Es ist eine Einstellung, die die Band vermitteln will. Eine Utopie,
eine verheißungsvolle Sehnsuchtsvorstellung. Eine zu erreichende Möglichkeit neben „nichts
gesehen“, „nichts gehört“, „nichts gesagt“. Das ist moderne Philosophie in
knallharte Beats gepackt!
Quelle: audiolith.net
Die Wahlberliner beleuchten dabei Orte, die jeder will aber scheinbar
unerreichbar klingen in dieser wahnsinnig schnellen Internetwelt. „Aurora Borealis“,
das Polarlicht: „Ein weißes Reh, das sich in unsere Richtung bewegt“. Der
Opener schwingt kopfnickend und sanft durch die Lüfte. Mit „Kiez und Kneipe“
geht es weiter. Und der Titel hält was er verspricht. Wo sind die schönen
Eckkneipen, wo man den Wirt und die Stammgäste kennt? Die Innenstädte werden
mit Ketten zugepflastert und das Bier schmeckt ja auch überall gleich. Hier
wird ein Zeichen dagegen gesetzt. In Zeiten der Esso-Häuser und der Schließung
des Molotow auf der Reeperbahn und den Problematiken um das Gebäude 9 in Köln ist dies die Hymne gegen die Gentrifizierung!
Freunde des Hamburger Labels werden den Smashhit „H.Y.P.E“ schon von dem
Geburtstag-Sampler kennen und verdient durch ein zweites Release doppelte
Aufmerksamkeit. Mit Bläsern, Schlagwerk und ordentlich Gitarre kann man
spätestens hier nicht mehr still sitzen bleiben. Alle sechs Songs haben es in
sich und beanspruchen durch sich eine intensive Auseinandersetzung.
Natürlich geht es bei Supershirt-Konzerten derbe ab! Sie
hinterlassen verschwitzte Clubs und ein Pfeifen im Ohr. Aber Henry, Hendrik und
Marco wollen mehr; das spürt man eindeutig. Nicht nur Party, sondern auch mal
die grauen Zellen arbeiten lassen. Mit der EP unterstreichen sie diesen Anspruch,
wollen auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen. Man muss nicht jeden
Scheiß mitmachen, sondern kann sich dieses kleine Kunstwerk aus Vinyl und Buch
gerne mal leisten. Ein scheinbarer Anachronismus, aber mit Zeilen, die haften
bleiben und Rhythmen, die Bock auf das nächste Konzert machen!
„Der vierte Affe“ erscheint am 9. Mai via Audiolith.
Instrumente: Stimme, Gitarre, Klavier, Orgel, etc.
Veröffentlichungen:
„Singing from the grave“ (2010), “Ceremony” (2013), “Källan” (2014), The
Matching Girl (als Hydras Dream, 2014)
Quelle: annavonhausswolff.com
( ms) Anna von Hausswolff. Was für ein Name. Adel, Reichtum,
Bekanntheit, Beliebtheit, im Mittelpunkt, Celebrety, Kontroversen. Aber nein!
So lässt sich die junge Schwedin wohl überhaupt nicht beschreiben. Adel?! Ja,
okay. Der Rest: Nein! Anstatt nur auf ihre beiden neusten Veröffentlichungen einzugehen, lohnt es
sich eher von Hausswolff im Portrait zu sehen, denn das eröffnet einen Blick in die Welt einer gewandten Musikerin, die mit ihrer
Stimme, ihrem Können und ihrem Gesamteindruck zu überzeugen weiß.
Bereits 2010 hat sie ihr erstes Album auf den Markt geschmissen. Man darf sich
doch zurecht fragen, warum es hier kaum Beachtung gefunden hat. Denn „Singing
from the grave“ ist ein bestechendes Stück Musik mit den gerade mal neun Songs.
Außerordentlich in der Dramatik, instrumentalen Vielfalt und stimmlichen
Stärke. Mal ist sie ganz ruhig, doch schnell beginnt sie fast zu schreien,
singt in den höchsten Höhen und nimmt den Konsumenten mit in ihre Welt, wenn
dieser sich drauf einlässt.
2013 machte sie dann wieder auf sich aufmerksam. „Ceremony“ stand in den Läden
zur Abholung bereit! Von der erst favorisierten Instrumentalisierung mit Gitarren
und Klavier nahm sie Abstand und wandte sich der Orgel zu; einer eher
verstaubten Monstrosität, die vielen aus den nicht besuchten Gottesdiensten
bekannt ist. Doch was alles an diesem alten Schätzchen gezaubert werden kann
beweist am besten der amerikanische Orgel-Popstar (wenn man so will) CameronCarpenter, der mit seiner Wucht und Extravaganz schon ein teures Exemplar in
Philadelphia in Grund und Boden gespielt hat. So exzentrisch spielt Anna von
Hausswolff nicht, doch der Droneklang ist extrem gewaltig und betörend. Auf 13
Stücken weiß sie erneut ihre unglaublichen Qualitäten unter Beweis zu stellen,
ob beim eher spielerischen „Mountains Crave“, dem Opus Magnum „Deathbed“ oder
dem traurig anmutenden „Funeral for my future children“. Wer das live gesehen
hat, sucht vergebens nach Vergleichbarem, denn die 27-jährige hat etwas
Eigenes, Wunderbares geschaffen.
Und in diesem Jahr geht es arbeitsintensiv weiter mit zwei unterschiedlichen
Veröffentlichungen. Zum Einen steht dort „Källan“, eine Live-Aufnahme aus der
Lincoln Kathedrale 2013, reiner Orgelsound, der sich zwei Mal über zwanzig
Minuten aufbaut und die sprechenden Zuhörer schnell vergessen lässt.
Zum Anderen ist nun „The Little Match Girl“ draußen. Doch hier hat sie sich mit
Mattie Bye, einem schwedischen Komponisten, der für „Faro“ und „Der Hundertjährige,
der aus dem Fenster stieg und verschwandt“ den Soundtrack geliefert hat,
zusammengetan und gemeinsam nannte man sich Hydras Dream. Innerhalb von drei
Tagen entstanden neun Lieder. Doch wieso und warum? Die Stücke und damit die
gesamte Platte stehen in einer langen Tradition der Musikgeschichte; die der
Vertonung von Märchen und Geschichten. Die beiden Skandinavier haben sich Hans
Christian Andersens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ als Vorlage
genommen, ein allzu trauriges Mädchen, das in einer Silvesternacht aus lauter Verzweiflung
die Hölzer verbrennt, die sie verkaufen sollte, aber keinen Abnehmer gefunden
hat. Zwischen zwei Häusern verkriecht sie sich und stirbt einen bitten
Kältetod. Wenn man nun diese kleine Geschichte liest und im Hintergrund den
neuen Soundtrack dazu hört, zieht wird der Leser/Hörer in einen Bann aus Tönen,
Melancholie, Dramatik, Mitleid und Trauer versetzt. Aber keineswegs als
negativer Aspekt, sondern staunend durch das perfekte Zusammenspiel von Wort
und Ton. Nur an zwei, drei Stellen ist Gesang zu hören, doch eher sphärisch,
genauso wie Streicher, Klavier, Orgel, Percussion und und und…
Anna von Hausswolff sprengt die Grenzen von Pop und Klassik. In all ihren
Werken verschmelzen beide zu einer Einheit, deren qualitativ hohe Konstanz
seinesgleichen sucht.
Wer die Möglichkeit hat, sie live zu sehen: Tut es!
(vl) Rund 7
Millionen Frauen in Deutschland nehmen täglich die Antibabypille ein. Obgleich
die Nebenwirkungen(Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen, verminderte Libido,
gesteigertes Thrombose- und Krebsrisiko) allseits bekannt sind, ist die Hauptsache, dass kein Braten ins Rohr geschoben wird.
quelle:mrsmusic.net
Kinder
machen nur Dreck und stinken – aber wegmachen dürfen’s die Eltern. Sie kosten
Geld und Nerven und stellen eindeutig zu viele Fragen. Wenn sie auf die Welt
kommen, können sie praktisch erstmal nichts, garnichts. Alles muss man ihnen
beibringen! So gesehen sind sie erstmal wahnsinnig nutzlos, könnte man sagen.
Und mit der Unabhängigkeit ist es dann sowieso vorbei, man kann ja nichtmal
mehr zur Lieblingsmusik im Auto abgehen,
weil der Passagier auf der Rückbank lieber die neue Bob der Baumeister CD hören
mag, während sich sein Nasenrotz langsam aber sicher den Weg in seine
zahnlückige Mundhöhle bahnt. So viel zu
den Negativfolgen des Kinderkriegens. Aber es gibt tatsächlich auch positive
Nebenwirkungen, die niemandem vorenthalten werden sollten: Kinder, ihr lieben,
Kinder können singen, und sie sind eine wahrhaftige Bereicherung für die Musik!
Das haben
schon einige Musikgrößen erkannt und davon profitiert – denken wir nur an Pink
Floyds „Another Brick in the Wall“ aus dem Jahre 79, oder Jay-Z’sKlassiker „Hard Knock Life“, der sicherlich
schon vielen tausend Menschen einen hartnäckigen Ohrwurm beschert hat. Und wer
hat nicht schonmal zu „D.A.N.C.E.“ von Justice heiter-ausgelassen vor sich
hingetanzt?
Auch in den
letzten Jahren sind einige Musiker auf den Geschmack gekommen, und haben ihre
Freunde und Bekannte angehauen - „Ey, kann ich mir mal dein Kind ausleihen, ich
will wieder ins Studio“.
Ein
aktuelles Beispiel ist „Changes“, die Nr. 1 Single,durch die das französische House-Duo Faul
& Wad Ad 2013 bekannt wurde. Baby I don’t know, just why I love you so…
Musikalisch ebenfalls
in die Elektro-Schublade einzuordnen ist „Mothers Protect“ von Niki and the
Dove – hier im (von mir persönlich für besser empfundenen) Goldroom-Remix
Ein besonderes Goldstück kommt von Converse – ja richtig, diese allseits
beliebte Schuhmarke, die uns seit Jahrzehnten mit ihren orthopädischen
Katastrophen namens Chucks versorgt – mit Erfolg. Ihr Musikprojekt „Three
Artists – One Song“ hat eine wahre Perle hervorgebracht: Frank Ocean, Diplo und
Mick Jones + Paul Simonon von The Clash haben sich zusammengetan, und mit Hilfe
eines Kinderchores „Hero“ aufgenommen. Smoothe und rockig zugleich – der
perfekte Soundtrack für die kommenden Sonnentage!
„Ich liebe die Dunkelheit, aber ich hasse die Natur“ –
Intro, neue Egotronic-Scheibe.
„Natur ist ja prinzipiell erstmal was Gutes. Punkt.“ -
Stromberg, in irgendeiner Folge.
(ms) Was genau ist Natur und welchen Wert hat sie?! Laut
Wikipedia im ersten Satz das, was nicht vom Menschen gemacht worden ist.Nun propagieren Egotronic, Torsten Burkhard
und Konsorten, dass die Natur dein Feind sei. Ganz investigativ gefragt: Was
steht da denn hinter?! Hauptsächlich ein radikaler Lebenswandel vom Mastermind
und ehemaligen Vorreiter des Electropunk in heimischen Gefilden. Dies wiederum
liegt an der Diagnose der Autoimmunerkrankung rheumatischer Arthritis, wo der
eigene Körper sich gegen sich wehrt. Somit gibt’s keine Drogen, keinen Alkohol
und Zigaretten mehr, was für manch einen schwer vorstellbar ist bei Torsun, der
live und neben der Bühne ein großer Freund von Pilzen und anderen Substanzen
war.
Hinzu kommt noch, dass für ihn Electropunk mittlerweile langweilig wurde und etwas
Neues sollte den Egotronic-Sound bestimmen, nachdem auch der lange Weggefährte
Endi die Band verlassen hat. Relativ schnell kamen Chrü, Reuschi und Kilian
hinzu, letzterer hat mit an der Platte gebastelt. Hinter der Kombo stehen
Gitarre, Schlagzeug und Electrosampler und damit der Schwenk hin zu mehr Punk
und Rock, insbesondere auch live. Das funktioniert auf der Bühne komischerweise
wesentlich besser als auf dem neuen Tonträger.
Quelle: www.audiolith.net
Womit wir beim Thema wären!
13 Lieder, ein In- und Outro. Wie hört es sich an? Über die ganze Laufzeit
definitiv mehr nach Pop als nach Punk und ein altes Merkmal fast sämtlicher
Egotronic-Platten kommt auch hier zutage. Denn pro Scheibe sind häufig nur 3-4
gute, dann aber richtig gute Songs vorhanden. Beim neuen Release geht das
genauso weiter. Der erste hörbare Höhepunkt kommt mit „Noch nicht vorbei“, laut
eigener Aussage der Band die erste Ballade; aber immerhin mit viel Melodie! „Oh,
oh“, „Neurosen im Garten“ und „Pop stinkt“ gehen sehr gut nach vorne und ein
weiteres Highlight ist das Dackelblut-Cover „Edwin van der Sar“. Eine Hommage
an den ebenso schrägen wie genialen Jens Rachut, der nach vielen, vielen Bands
und Projekten aktuell als Kommando Sonne-nmlich veröffentlicht.
Herauszuheben ist der Song „Band der Vollidioten“ mit dem Chor der Toten
Crackhuren im Kofferraum im Hintergrund. Angelehnt an ein ähnlich klingendes
Stück der nationalistischen Frei.Wild ist es eine Hassparole genau gegen diese
Südtiroler, die nun auch wieder beim Echo nominiert sind und angekündigt nicht
wie letztes Jahr aus der Liste gestrichen werden.Der herrliche Chorus: „Das ist die Band der
Vollidioten / Sie ist dumpf, nationalistisch / hält sich trotzdem nicht für
rechts / auch ihre Fans scheiß Patrioten / und ich verachte sie zurecht.“ Das
nächste Mitgröllied der Berliner. Der Rest der Platte bleibt kaum im Ohr
hängen.
Und geht es jetzt textlich in die Richtung, die der Titel verheißt?!
Nein, nicht wirklich. Egotronic sind und waren politisch im links äußeren Rand
angesiedelt und machten nie einen Hehl aus ihrer antifaschistischen
Grundhaltung. So waren wesentliche Triebfedern für die neuen Texte Vorkommnisse
in Berlin-Hellersdorf und grundsätzlich das traurige Phänomen, dass sich
blitzschnell Bürgerinitiativen gegen den Bau und die Besiedelung von
Flüchtlings- und Asylheimen finden und das andere Gruppen diese angreifen. Eine
nicht hinzunehmende Beobachtung, nicht nur für Torsun und Co.
Wie steht es um die neuen Livequalitäten?!
Dass Egotronic-Konzerte immer ein großer Rave waren und eventuell mit 1,5
Promille noch mehr Spaß gemacht haben, ist kein Geheimnis. Da die Band
unmittelbar vor, während und nach dem Release vom letzten Freitag am touren
ist, haben wir in Münster mal vorbeigeschaut und waren positiv überrascht. Das
Ganze hat viel Wumms und bockt extrem! Gerade die älteren Songs – natürlich auch
die Parole „Raven gegen Deutschland“ – wie „Rannte der Sonne hinterher“ oder „Kotzen“
kommen mit Gitarre und Schlagwerk sehr gut! Partystimmung mit politischen
Ansagen garantieren dabei einen schweißtreibenden Abend.
Dass Torsun das nüchtern hinbekommt; irgendwie könnte man da schon den Hut
ziehen.
Also: Platte eher Mittelmaß mit einigen Highlights, live immer noch stark!