Donnerstag, 10. Dezember 2015

Der große musikalische Rückblick 2015, Teil 10: Ghost live in Dortmund

Kirchenfenster, Weihrauch, Masken. Foto: luserlounge
(ms) Ach, was ist das eine schöne vorweihnachtliche Zeit. Es schreit nur so nach Besinnlichkeit, Ruhe, Rückblick, vielleicht auch etwas schwermütig und nachdenklich werden, was dieses Jahr so passiert ist, welche Höhepunkte es gab und welche Momente wie ein Faustschlag in der Magengegend tief in einem sitzen. Abwechselnd kann man mit Glühwein, Zimtsternen, Mandarinen oder Schokoladeweihnachtsmännern dagegen anwirken.
Das hilft alles nichts.
Eine schwarze Messe, ein Besuch in der Hölle wäre ein geeignetes Mittel.
Doch wie kommt man in diesen beschaulichen Tagen an so einen gottlosen Ort?
Ganz einfach: Man sollte sich Ghost live ansehen. Die Seele wird vom adventlichen Kitsch gereinigt.
Die okkulten Schweden schaffen ein Liveerlebnis für alle Sinne. Räucherstäbchen werden gezündet, eine starke Lichtshow präsentiert und die Verkleidung der Musiker lässt einen nicht aus dem Staunen kommen. Es ist ein Event, eine Inszenierung, kein Konzert. Sie sollten im Theater spielen. Nur was wäre es dann? Drama, Horror, Tragödie? Nein, es wäre eine Komödie.
Wieso das?
Diese Show, so okkult, dunkel und satansverherrlichend sie auch sein mag, ist vor allem lustig. So ernst kann sich nämlich niemand nehmen. Es ist reine Unterhaltung und 80er-Jahre Heavy Metal ist der Soundtrack, der zudem live dargeboten wird. Absolut nachvollziehbar auch, dass die Musiker immer wieder die Bühne verlassen. Ihre schwarzen Kostüme und die dämonischen Masken lassen mit großer Wahrscheinlichkeit ordentlich schwitzen. Nur seltsam, dass der Drummer die ganze Zeit sitzen geblieben ist, obwohl er den sportlichsten Job hat.
Die Feier einer derart schwarzen Messe lässt dann auch nicht wirklich überraschen, wenn Papa Emeritus III Weihrauch wedelt oder zu "Body and Blood" zwei hübsche Nonnen auf die Bühne holt, die mit Kelch und Oblaten bewaffnet sind und dann mit der ersten Reihe das Abendmahl feiern.
Zudem hat das Dortmunder FZW wieder einmal bewiesen, dass es einen brachial guten Typen hat, der den Sound im Club mischt. Die Platten von Ghost sind fabelhaft produziert und sie schaffen es ohne weiteres diesen dichten, genauen, druckvollen Klang auf die Bühne zu bringen. Ein weiteres Argument, warum das gestern vielleicht das beste Konzert des Jahres gewesen sein könnte.
Und es hagelte Highlights: "Spirit", "From The Pinnacle To The Pit", "Cirice", "He Is","Mummy Dust", "Absolution", "If You Have Ghost", "Per Aspera Ad Inferi","Secular Haze", "Guleh / Zombie Queen" und die wunderbare Hymne an den weiblichen Orgasmus (so die Ankündigung) "Monstrance Clock".

Ghost live. Lustig. Anmaßend. Unterhaltsam. Musikalisch herausragend. Schönen Advent!

P.S.: Vorband waren Dead Soul aus Schweden. Sie machen eine Mischung aus Industrial und Hardrock und sind zu dritt: ein Sänger, zwei Gitarristen, die nebenbei noch am Keyboard/Synthesizer herumbasteln. Die Drums und andere Klänge kamen aus dem Off. Super langweilig und wirklich nicht gut.

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Der große musikalische Rückblick 2015, Teil 9: Wo die Tradition noch hochgehalten wird...

http://farm4.static.flickr.com
(cj/sf) Tradition (von lateinisch tradere „hinüber-geben“ oder traditio „Übergabe, Auslieferung, Überlieferung“) bezeichnet die Weitergabe (das Tradere) von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen u. a. oder das Weitergegebene selbst (das Traditum, beispielsweise Gepflogenheiten, Konventionen, Bräuche oder Sitten). Tradition geschieht innerhalb einer Gruppe oder zwischen Generationen und kann mündlich oder schriftlich über Erziehung, Vorbild oder spielerisches Nachahmen erfolgen. Die soziale Gruppe wird dadurch zur Kultur. Weiterzugeben sind jene Verhaltens- und Handlungsmuster, die im Unterschied zu Instinkten nicht angeboren sind. Dazu gehören einfache Handlungsmuster wie der Gebrauch von Werkzeugen oder komplexe wie die Sprache. Die Fähigkeit zur Tradition und damit die Grundlage für Kulturbildung beginnt bei Tieren (beispielsweise bei Krähen oder Schimpansen) und kann im Bereich der menschlichen Kulturbildung umfangreiche religiös-sittliche, politische, wissenschaftliche oder wirtschaftliche Systeme erreichen, die durch ein kompliziertes Bildungssystem weitergegeben wurden. (Wikipedia)

Unser heutiger Gastautor Chris sagt dazu: Pure Vernunft darf niemals siegen!


Album des Jahres:

Tocotronic – Tocotronic (Das rote Album)

Obwohl 2015 die Bussis von Wanda durchaus zu schmecken wussten, obwohl die Frage nach dem Niveau, gestellt von Deichkind in diesem, wie in jedem Jahr völlig berechtigt ist, obwohl ein zwölf Jahre lang erwartetes Album der Jungs von Blur heuer das Licht der Plattenwelt erblickte, obwohl Adele – glaubt man den selbsternannten Experten – sowieso die Allergrößte ist und obwohl Dirk von Lotzow, Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail aus der Perspektive des Verfassers dieser Zeilen die Brillanz des Vorgängeralbums „Wie wir leben wollen“ nicht annähernd erreichen konnten…  Mein Album des Jahres kommt – wie in den Jahren 2013, 2010, 2007, 2005, 2002 usw. –  aus dem Hause Tocotronic. Also auch ein bisschen aus Tradition, das sei an dieser Stelle gerne zugegeben. Dass das Konzert im Münchner Zenith am Tag nach dem Terror von Paris leider nicht ganz das hielt, was man sich davon versprochen hatte, wird auf das Zeitgeschehen zurückgeführt. 

http://www.laut.de/




Songs des Jahres:

     1. Deichkind – Die Welt ist fertig

Musikalisch sicher keine Offenbarung, aber in seiner Schlichtheit ergreifend. Ein Song, der in das Jahr und in die Zeit passt, wie kaum ein anderer. Aussagen wie „Alle Straßen sind geteert, Gelsenkirchen liegt am Meer“ in Kombination mit der denkbar neutralsten Nachrichtensprecherinnen-Stimme machen diesen Song zu einem Unikat.

Erwähnenswert erscheint mir im Zusammenhang mit Deichkind noch der Auftritt des Bandmitglieds Ferris MC bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest mit „Refugees Welcome“-T-Shirts Ende August, als dieses Bekenntnis noch etwas relativ Neues war. Schon allein dafür ist der Titel „Song des Jahres“ für sein anderes Musikprojekt hochverdient.




      2. Tocotronic – Solidarität

Worauf kommt es in den Tagen und Wochen im „Deutschen Herbst 2015“ mit seinen unappetitlichen Erscheinungen wie erstarkter AfD, Hetze gegen Flüchtlinge, Endlos-Pegida & Co. an? Tocotronic geben mit ihrer Hymne der anderen Art eine klare Antwort. Ein Lied für die Hoffnung! Dankeschön.



      3. Fettes Brot - Boyfriend 

     Kann mir jemand erklären, worauf die Jungs um Boris Lauterbach textlich hier hinauswollen? Eine Referenz auf den Zurück-in-die-Zukunft-Hype dieses Jahres? Keine Google-Recherche und auch kein (vermeintliches?) Experteninterview half mir, diese wichtige Frage zu beantworten. Vielleicht gefällt mir genau deshalb dieser Song so gut? Quasi die Magie des Unbekannten?

Wer mir also die Textzeile „…und wünsch‘ mir es wäre wieder 2017…“ und den ganzen Rest auf diesem Weg deuten kann, der desillusioniert mich damit zwar möglicherwiese,  hat dann aber dafür mein Verfassen dieser Zeilen nachträglich – zumindest partiell -  legitimiert. Ist das kein Anreiz…?

Dienstag, 8. Dezember 2015

Der große musikalische Rückblick 2015, Teil 8: From Eigelstein to the World!

technobuffalo.com
(ms/em) Wir heißen mit Ekki Maas den zweiten professionellen Musiker in unserem kleinen Jahresrückblick willkommen. Bassist der Kölner Erdmöbel, Produzent ebendieser und anderer Gruppen hat derzeit viel zu tun. Die traditionellen (Anti-)Weihnachtslieder wurden seit September produziert, dieses Jahr gab es drei Neue, additiv zum bestehenden Material. Das heißt: Wiederauflage des letztes Jahr erschienen Albums "Geschenk", Weihnachtstour durch die Republik, Interviews unter anderem gestern beim Deutschlandradio. Für eines der neuen Lieder holte man sich sogar Schauspieler Ulrich Matthes hinzu. Warum auch nicht?!


Lieblingsalbum 2015

Darwin Deez - Double Down

Eins muss ich zugeben: ich bin beinharter Darwin-Deez-Fan der ersten Stunde. Das hat 2 gute Gründe: „Radar Detector“ und „Bad Day“ vom ersten Album.
Darwin ist ein Musiker, der sich von vornherein einen ganz eigenen musikalischen Kosmos geschaffen hat. Selbsterfundene Spielweisen auf einer 4-saitigen Billig-Stratocaster, seltsam undurchschaubare Schlagzeug-Grooves, viel Polyphonie (selten geworden in der gegenwärtigen Popmusik) aufwendige Gesangsmelodien, die den gesamten Stimmumfang durchmessen. Und vieles mehr. Und dann die Texte. Die handeln anscheinend von Selbsterlebtem oder Selbstempfundenem, klingen aber so gut und gewitzt, dass einem der Gedanke an unangenehme Nabelschau gar nicht erst kommt. Ein Meister!
Das dritte Album "Double Down" ist natürlich wieder selbst produziert, gespielt, gesungen. Überall noch eine kleine Schüppe drauf, herrlich. „Right When It Rains“ rührt mich wahlweise zu Tränen oder erzeugt Dauergänsehaut. Solche Kompositionen/Texte/Aufnahmen sind der Grund, warum ich immer noch Musik höre und das immer tun werde. Ein tolles Album. Es ist auf allen Ebenen raffiniert aber überhaupt nicht so schwierig, wie es sich beim ersten Mal anhört. Und es wächst bei jedem Hören.


[Anmerkung: Neueres Videomaterial in guter Qualität via YouTube nicht vorhanden]

Top 3 Songs des Jahres

1. Courtney Barnett - Depreston
Mag ich wegen des unvergleichlichen Mitsingrefrains: "If you got a / spare a half a million / you could knock it down / and start rebuilding". Noch mal: "If you got a / spare half a million / you could knock it down / and start rebuilding."



2. Darwin Deez - "Right when it rains"
Polyphonie ist selten geworden. Hoher Tonumfang der Gesangsmelodie auch. Kaum jemand macht sich noch die Mühe einen eigenen Gitarrensound zu entwickeln. Darwin Deez macht das alles und hat auch noch diesen unfassbaren Song geschrieben.
3. Eric Pfeil - Der depressive Detektiv
Hab ich produziert. Mein Lieblingssong von der Platte. Das Album sollte sich jeder mal anhören.

[Anmerkung: Zum angegebenen Lied gibt's leider kein Video, daher: Platte kaufen]

Montag, 7. Dezember 2015

Der große musikalische Rückblick 2015, Teil 7: Anna von Hausswolff live in Köln!

Sakral, bedrückend. Foto: luserlounge
(ms) Heute gibt es keinen richtigen Jahresrückblick wie aus den letzten Tagen, sondern ein Konzertreview. Die Schwedin Anna von Hausswolff hat am Donnerstag im schönen Gebäude 9 in Köln gespielt. Ihr drittes Album "The Miraculos", das diesen November via City Slang erschienen ist, strotzt nur so vor Dunkelheit, Düsternis, Herzstillstand und Vollendung von Dramatik. Der Vorgänger "Ceremony" war schon dunkel im Klang, das neue Werk verdichtet diesen Klang und fordert den Zuhörer, denn der Sound ist komplex und groß, beinahe anmaßend.
Den Abend in Köln hat allerdings Tobias Seibert aka And The Golden Choir eröffnet. Passender könnte es nicht losgehen. Denn sein Auftreten und der Klang seiner Musik ist ebenso vielschichtig wie der von Anna. Seibert hat unter anderem Enno Bunger und Marcus Wiebusch produziert, spielt also oben mit, auch wenn er selbst nicht so bekannt ist. Eine fatale Situation. "Ich kann nicht so gut mit Bandmitgliedern", sagte er. Deshalb spielt er allein. Mal Harmonium, Gitarre oder Santur. Er lässt sich selbst begleiten auf Vinyl. Das klingt ungewohnt, hört sich aber fantastisch an. Eine halbe Stunde Warm-Up, die es schon in sich hatte. Mehrstimmigkeit, leise filigrane Töne, große Momente. Merkt euch diesen Namen.

Dann ging kurze Zeit später erneut das Licht aus und die Apokalypse begann. Zu fünft auf der Bühne, Anna in der Mitte mit Gesang und Orgelsound, daneben zwei Gitarren, Drums und Synthies. Kein Bass, was aber kein Problem war, es dröhnte zu genüge.
Es ging los. Verzerrte Sounds, Rückkopplungen, ein bisschen Geschrammel: "Discovery"! Gefühlt ging es mit einem 15-minütigen Opus los, das nur Staunen ließ. Genau das war die Marschroute für den Abend. Es war laut, bizarr, düster, fast angsteinflößend. Wenn eines Tages die Welt untergehen sollte, dann sitzt Anna von Hausswolff mit ihrer Band auf einer riesigen brennenden Bühne und spielt den Soundtrack dazu. Plötzlich schmeckte sogar das Kölsch. "Evocation", "Stranger", "Deathbed", "Sova", "Mountains Crave". Die Setlist war wirklich nicht lang, die Songs dazu umso mehr. Absolutes Highlight war die erste Singleauskopplung der aktuellen Scheibe: "Come Wander With Me / Deliverance". Es wurde geschrien, es war totenstill, die Klamotten bebten vor massivem Orgelsound. Es war keine vorweihnachtliche Musik. Aber so ein Spektakel findet man selten live. Anna von Hausswolff, Vorbotin der Apokalypse. Umwerfend.



Samstag, 5. Dezember 2015

Der große musikalische Rückblick 2015, Teil 5: Mehr als nur ein Showreel.


quelle: djbooth.com


(hn/mb) Spezialist in seinem Gebiet sein reicht manchmal einfach nicht aus. Es ist ebenso wichtig, über den Tellerrand zu blicken und sich aus anderen Genres zu bedienen, da nur so ein einzigartiger Stil entstehen kann. Das gilt in der Musik, das gilt im Videographing, das gilt im Leben im Allgemeinen. Immer auf der Suche nach dem groovigen Scheiß. Manchmal auch ganz ohne Storytelling, nur mit guter Tonalität und dem richtigen Vibe. Schmelztiegel also. Hier die feine Selektion von HTN Films "More than camara dude and Action Hugh":

Album des Jahres.

Action Bronson - Mr. Wonderful

“The nicest in the game right now”, so wurde Action Bronson, aka. Bronsolinio aka. Mr. Wonderful dieses Jahr nach einem Freestyle in einer amerikanischen Hip-Hop-Radioshow betitelt. Dass war er für mich auch schon in den drei Jahren vor seiner ersten LP. Amerikanischer Riesenbaby-Trashrap, der sich nicht zu ernst nimmt aber trotzdem musikalisch facettenreich ist. Hier kommt Action Crazy auch oft das Sample-Picking seiner Produzenten zu Gute, beispielsweise mit “german gitarre riffs” von 80er Rockbands: Action Bronson - Artischock - Es liegt was in der Luft

Entsprechend meiner Begeisterung für das albanische “Golden Child” aus Flushin Queens finden seine Tracks auch immer wieder Einzug in meine eigenen Videos. Travel Colombia:





Tracks.

Demograffics ft. Sean Price - Bavarias Most Blunted

Sean Price: Rest in Peace. Für mich ist es immer noch unglaublich, dass den Demograffics ein Feature mit der Rap Ikone P. gelungen ist. Kein anderer Rapper schafft es mit einem “Püüü” oder einem gestöhnten “Ah” einen Song so aufzuwerten, wie der leider mit 43 Jahren im März verstorbene Vollbartträger aus Brooklyn. Nebenbei: Kürzlich war ich bei einem Demograffics Konzert mit dabei und kann berichten, dass sowohl das neue Album “Glue” als auch die Live-Show sehr empfehlenswert ist. 



Joey Badass: No.99



Wir bleiben in meiner geliebten Stadt New York: Joey Badass dropt mit No.99 einen Song mit viel Power und einem entsprechenden Video. Für mich ist das Video in Kombination mit dem Song ein schönes Gesamtkunstwerk. So solls sein! BADMON!





Duki 5020 - Sativa Bars

Support your local Hip Hop Crew! Für Duki 5020 habe ich bereits 2 Musikvideos geshootet und ihn als Musiker und Freund schätzen gelernt. Es handelt sich hierbei um ehrlichen Straßenrap aus dem Salzburger Stadtteil Lehen, der hie und da systemkritische Töne anschlägt. Von der Crew rund um Duki, DJ Sticky und Krank Spenca wird in naher Zukunft noch einiges an Songs und Videos kommen. Follow on Facebook!