Montag, 7. April 2014

Im Portrait: Anna von Hausswolff


Name: von Hausswolff, Anna
Geburtstag: 6. September 1986
Geburtsort: Göteborg
Beruf: Musikerin
Instrumente: Stimme, Gitarre, Klavier, Orgel, etc.
Veröffentlichungen: „Singing from the grave“ (2010), “Ceremony” (2013), “Källan” (2014), The Matching Girl (als Hydras Dream, 2014)

Quelle: annavonhausswolff.com

( ms) Anna von Hausswolff. Was für ein Name. Adel, Reichtum, Bekanntheit, Beliebtheit, im Mittelpunkt, Celebrety, Kontroversen. Aber nein! So lässt sich die junge Schwedin wohl überhaupt nicht beschreiben. Adel?! Ja, okay. Der Rest: Nein!
 Anstatt nur auf ihre beiden neusten Veröffentlichungen einzugehen, lohnt es sich eher von Hausswolff im Portrait zu sehen, denn das eröffnet einen Blick in die Welt einer gewandten Musikerin, die mit ihrer Stimme, ihrem Können und ihrem Gesamteindruck zu überzeugen weiß.

Bereits 2010 hat sie ihr erstes Album auf den Markt geschmissen. Man darf sich doch zurecht fragen, warum es hier kaum Beachtung gefunden hat. Denn „Singing from the grave“ ist ein bestechendes Stück Musik mit den gerade mal neun Songs. Außerordentlich in der Dramatik, instrumentalen Vielfalt und stimmlichen Stärke. Mal ist sie ganz ruhig, doch schnell beginnt sie fast zu schreien, singt in den höchsten Höhen und nimmt den Konsumenten mit in ihre Welt, wenn dieser sich drauf einlässt.


2013 machte sie dann wieder auf sich aufmerksam. „Ceremony“ stand in den Läden zur Abholung bereit! Von der erst favorisierten Instrumentalisierung mit Gitarren und Klavier nahm sie Abstand und wandte sich der Orgel zu; einer eher verstaubten Monstrosität, die vielen aus den nicht besuchten Gottesdiensten bekannt ist. Doch was alles an diesem alten Schätzchen gezaubert werden kann beweist am besten der amerikanische Orgel-Popstar (wenn man so will) CameronCarpenter, der mit seiner Wucht und Extravaganz schon ein teures Exemplar in Philadelphia in Grund und Boden gespielt hat. So exzentrisch spielt Anna von Hausswolff nicht, doch der Droneklang ist extrem gewaltig und betörend. Auf 13 Stücken weiß sie erneut ihre unglaublichen Qualitäten unter Beweis zu stellen, ob beim eher spielerischen „Mountains Crave“, dem Opus Magnum „Deathbed“ oder dem traurig anmutenden „Funeral for my future children“. Wer das live gesehen hat, sucht vergebens nach Vergleichbarem, denn die 27-jährige hat etwas Eigenes, Wunderbares geschaffen.

Und in diesem Jahr geht es arbeitsintensiv weiter mit zwei unterschiedlichen Veröffentlichungen. Zum Einen steht dort „Källan“, eine Live-Aufnahme aus der Lincoln Kathedrale 2013, reiner Orgelsound, der sich zwei Mal über zwanzig Minuten aufbaut und die sprechenden Zuhörer schnell vergessen lässt.


Zum Anderen ist nun „The Little Match Girl“ draußen. Doch hier hat sie sich mit Mattie Bye, einem schwedischen Komponisten, der für „Faro“ und „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwandt“ den Soundtrack geliefert hat, zusammengetan und gemeinsam nannte man sich Hydras Dream. Innerhalb von drei Tagen entstanden neun Lieder. Doch wieso und warum? Die Stücke und damit die gesamte Platte stehen in einer langen Tradition der Musikgeschichte; die der Vertonung von Märchen und Geschichten. Die beiden Skandinavier haben sich Hans Christian Andersens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ als Vorlage genommen, ein allzu trauriges Mädchen, das in einer Silvesternacht aus lauter Verzweiflung die Hölzer verbrennt, die sie verkaufen sollte, aber keinen Abnehmer gefunden hat. Zwischen zwei Häusern verkriecht sie sich und stirbt einen bitten Kältetod. Wenn man nun diese kleine Geschichte liest und im Hintergrund den neuen Soundtrack dazu hört, zieht wird der Leser/Hörer in einen Bann aus Tönen, Melancholie, Dramatik, Mitleid und Trauer versetzt. Aber keineswegs als negativer Aspekt, sondern staunend durch das perfekte Zusammenspiel von Wort und Ton. Nur an zwei, drei Stellen ist Gesang zu hören, doch eher sphärisch, genauso wie Streicher, Klavier, Orgel, Percussion und und und…

Anna von Hausswolff sprengt die Grenzen von Pop und Klassik. In all ihren Werken verschmelzen beide zu einer Einheit, deren qualitativ hohe Konstanz seinesgleichen sucht.
Wer die Möglichkeit hat, sie live zu sehen: Tut es!

Donnerstag, 27. März 2014

Heute Kinder wird´s was geben! Und zwar einen Satz heiße Ohren. Kids Choir Special!



(vl) Rund 7 Millionen Frauen in Deutschland nehmen täglich die Antibabypille ein. Obgleich die Nebenwirkungen(Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen, verminderte Libido, gesteigertes Thrombose- und Krebsrisiko) allseits bekannt sind, ist die Hauptsache, dass kein Braten ins Rohr geschoben wird. 

quelle:mrsmusic.net
Kinder machen nur Dreck und stinken – aber wegmachen dürfen’s die Eltern. Sie kosten Geld und Nerven und stellen eindeutig zu viele Fragen. Wenn sie auf die Welt kommen, können sie praktisch erstmal nichts, garnichts. Alles muss man ihnen beibringen! So gesehen sind sie erstmal wahnsinnig nutzlos, könnte man sagen. Und mit der Unabhängigkeit ist es dann sowieso vorbei, man kann ja nichtmal mehr  zur Lieblingsmusik im Auto abgehen, weil der Passagier auf der Rückbank lieber die neue Bob der Baumeister CD hören mag, während sich sein Nasenrotz langsam aber sicher den Weg in seine zahnlückige Mundhöhle bahnt.  So viel zu den Negativfolgen des Kinderkriegens. Aber es gibt tatsächlich auch positive Nebenwirkungen, die niemandem vorenthalten werden sollten: Kinder, ihr lieben, Kinder können singen, und sie sind eine wahrhaftige Bereicherung für die Musik!


Das haben schon einige Musikgrößen erkannt und davon profitiert – denken wir nur an Pink Floyds „Another Brick in the Wall“ aus dem Jahre 79, oder Jay-Z’s  Klassiker „Hard Knock Life“, der sicherlich schon vielen tausend Menschen einen hartnäckigen Ohrwurm beschert hat. Und wer hat nicht schonmal zu „D.A.N.C.E.“ von Justice heiter-ausgelassen vor sich hingetanzt?
Auch in den letzten Jahren sind einige Musiker auf den Geschmack gekommen, und haben ihre Freunde und Bekannte angehauen - „Ey, kann ich mir mal dein Kind ausleihen, ich will wieder ins Studio“.



Ein aktuelles Beispiel ist „Changes“, die Nr. 1 Single,  durch die das französische House-Duo Faul & Wad Ad 2013 bekannt wurde. Baby I don’t know, just why I love you so…



Musikalisch ebenfalls in die Elektro-Schublade einzuordnen ist „Mothers Protect“ von Niki and the Dove – hier im (von mir persönlich für besser empfundenen) Goldroom-Remix



Ein besonderes Goldstück kommt von Converse – ja richtig, diese allseits beliebte Schuhmarke, die uns seit Jahrzehnten mit ihren orthopädischen Katastrophen namens Chucks versorgt – mit Erfolg. Ihr Musikprojekt „Three Artists – One Song“ hat eine wahre Perle hervorgebracht: Frank Ocean, Diplo und Mick Jones + Paul Simonon von The Clash haben sich zusammengetan, und mit Hilfe eines Kinderchores „Hero“ aufgenommen. Smoothe und rockig zugleich – der perfekte Soundtrack für die kommenden Sonnentage!


Mittwoch, 19. März 2014

Egotronic – „Die Natur ist dein Feind“ – Oder wie aus Electropunk Popmusik wurde


„Ich liebe die Dunkelheit, aber ich hasse die Natur“ – Intro, neue Egotronic-Scheibe.
„Natur ist ja prinzipiell erstmal was Gutes. Punkt.“ - Stromberg, in irgendeiner Folge.

(ms) Was genau ist Natur und welchen Wert hat sie?! Laut Wikipedia im ersten Satz das, was nicht vom Menschen gemacht worden ist.  Nun propagieren Egotronic, Torsten Burkhard und Konsorten, dass die Natur dein Feind sei. Ganz investigativ gefragt: Was steht da denn hinter?! Hauptsächlich ein radikaler Lebenswandel vom Mastermind und ehemaligen Vorreiter des Electropunk in heimischen Gefilden. Dies wiederum liegt an der Diagnose der Autoimmunerkrankung rheumatischer Arthritis, wo der eigene Körper sich gegen sich wehrt. Somit gibt’s keine Drogen, keinen Alkohol und Zigaretten mehr, was für manch einen schwer vorstellbar ist bei Torsun, der live und neben der Bühne ein großer Freund von Pilzen und anderen Substanzen war.
Hinzu kommt noch, dass für ihn Electropunk mittlerweile langweilig wurde und etwas Neues sollte den Egotronic-Sound bestimmen, nachdem auch der lange Weggefährte Endi die Band verlassen hat. Relativ schnell kamen Chrü, Reuschi und Kilian hinzu, letzterer hat mit an der Platte gebastelt. Hinter der Kombo stehen Gitarre, Schlagzeug und Electrosampler und damit der Schwenk hin zu mehr Punk und Rock, insbesondere auch live. Das funktioniert auf der Bühne komischerweise wesentlich besser als auf dem neuen Tonträger.

Quelle: www.audiolith.net
Womit wir beim Thema wären!
13 Lieder, ein In- und Outro. Wie hört es sich an? Über die ganze Laufzeit definitiv mehr nach Pop als nach Punk und ein altes Merkmal fast sämtlicher Egotronic-Platten kommt auch hier zutage. Denn pro Scheibe sind häufig nur 3-4 gute, dann aber richtig gute Songs vorhanden. Beim neuen Release geht das genauso weiter. Der erste hörbare Höhepunkt kommt mit „Noch nicht vorbei“, laut eigener Aussage der Band die erste Ballade; aber immerhin mit viel Melodie! „Oh, oh“, „Neurosen im Garten“ und „Pop stinkt“ gehen sehr gut nach vorne und ein weiteres Highlight ist das Dackelblut-Cover „Edwin van der Sar“. Eine Hommage an den ebenso schrägen wie genialen Jens Rachut, der nach vielen, vielen Bands und Projekten aktuell als Kommando Sonne-nmlich veröffentlicht.
Herauszuheben ist der Song „Band der Vollidioten“ mit dem Chor der Toten Crackhuren im Kofferraum im Hintergrund. Angelehnt an ein ähnlich klingendes Stück der nationalistischen Frei.Wild ist es eine Hassparole genau gegen diese Südtiroler, die nun auch wieder beim Echo nominiert sind und angekündigt nicht wie letztes Jahr aus der Liste gestrichen werden.  Der herrliche Chorus: „Das ist die Band der Vollidioten / Sie ist dumpf, nationalistisch / hält sich trotzdem nicht für rechts / auch ihre Fans scheiß Patrioten / und ich verachte sie zurecht.“ Das nächste Mitgröllied der Berliner. Der Rest der Platte bleibt kaum im Ohr hängen.



Und geht es jetzt textlich in die Richtung, die der Titel verheißt?!
Nein, nicht wirklich. Egotronic sind und waren politisch im links äußeren Rand angesiedelt und machten nie einen Hehl aus ihrer antifaschistischen Grundhaltung. So waren wesentliche Triebfedern für die neuen Texte Vorkommnisse in Berlin-Hellersdorf und grundsätzlich das traurige Phänomen, dass sich blitzschnell Bürgerinitiativen gegen den Bau und die Besiedelung von Flüchtlings- und Asylheimen finden und das andere Gruppen diese angreifen. Eine nicht hinzunehmende Beobachtung, nicht nur für Torsun und Co.

Wie steht es um die neuen Livequalitäten?!
Dass Egotronic-Konzerte immer ein großer Rave waren und eventuell mit 1,5 Promille noch mehr Spaß gemacht haben, ist kein Geheimnis. Da die Band unmittelbar vor, während und nach dem Release vom letzten Freitag am touren ist, haben wir in Münster mal vorbeigeschaut und waren positiv überrascht. Das Ganze hat viel Wumms und bockt extrem! Gerade die älteren Songs – natürlich auch die Parole „Raven gegen Deutschland“ – wie „Rannte der Sonne hinterher“ oder „Kotzen“ kommen mit Gitarre und Schlagwerk sehr gut! Partystimmung mit politischen Ansagen garantieren dabei einen schweißtreibenden Abend.
Dass Torsun das nüchtern hinbekommt; irgendwie könnte man da schon den Hut ziehen.
Also: Platte eher Mittelmaß mit einigen Highlights, live immer noch stark!


Montag, 24. Februar 2014

Marteria ist der CR7 des Rap und tanzt mit dem Volk. Und aus der Reihe.



(mb) Zeit, die ein Erwachsener in Deutschland im Durchschnitt pro Tag vor dem Fernseher verbringt: 192 Minuten.
Zeit, die ein Erwachsener in Deutschland im Durchschnitt pro Tag mit Nachdenken verbringt: 6 Minuten.

Man stelle sich vor, man träfe niemanden, wenn man in sich geht. Unglaublich unglaubwürdig. Doch gehen sich viele hier selber aus dem Weg und ziehen es vor, Voyeure der Anderen  zu sein und googeln jede ach so lapidare Nebensächlichkeit, von glamourösen Trennungen, über infantile Love Apps bis hin zu Banalitäten (wie funktioniert Schriftgröße 13). Sich selbst weicht man aber in der Regel aus wie der A8 von Salzburg nach München an einem Freitagnachmittag. Wir sind alle Lucky Luke. Und erschießen unser Ebenbild im Antlitz unserer Gegenüberstellung bevor wir uns begegnen.
Dabei wäre es doch so schön sich selbst einmal kennenzulernen. Früchte tragen können eben nur die Blüten die verwelken. Man muss wirklich froh um die Minderheit sein, die das in sich schlummerndes Potenzial mit gleißender Freude in mürrisch eingefallene Gesichtskerben zaubern können und damit jede Unreinheit erhellen.

 
Marteria aka Marten Laciny ist so Einer. Nicht dass er von Anfang an wusste, dass es so kommen würde. Erst Fußballer auf dem Sprung zum Profi, dann Model auf dem Laufsteg auf dem Sprung zum nächsten Level und nun über alle Maßen erfolgreicher Rapper auf deutschen Bühnen ohne dass sich der Vorhang schließt und alle Fragen offen bleiben.
Was soll man dazu sagen? Er hat sich immer wieder neu erfunden und ist dabei der Alte geblieben. Und das mit Potenzial zur Weiterentwicklung. Irgendwo in der Matrix zwischen Cash Cow und Shining Star. Nach Bass Ventura war Marteria noch der Regionalligakicker, ambitioniert aber noch etwas zu GRÜN hinter den Ohren um zu wachsen. Mit ZGidZ1 war er dann sowas wie der Erstligakicker im Abstiegskampf, der nur zu gewissen Momenten im mp3-Player glänzen konnte.  Marteria ist mit ZGidZ2 nun endgültig in der Champions League des Rap angekommen und ist sowas wie der deutsche CR7 des Raps, mit all seinen wortgewandten Tricks spielt er seine Hörer schwindelig und mit absolut perfekt getimten Bässen dringt er präzise in die Spitze jeder Ohrmuschel vor. Die Mannschaft der Songs ist gut und variabel aufgestellt. In der Defensive agieren „Die Nacht ist mit mir“ und „Alt & verstaubt“ retrospektiv und sensibel. Nach vorne peitscht „Pionier“, über die außen der Gesellschaftsflügel kommt „bengalische Tiger“, während „John Tra Volta“ für ordentlich Strom sorgt. „Gleich kommt Louis“ ist der sichere Rückhalt für die Stars „Welt der Wunder“, „OMG“ und  Megastar „Kids“, der gleich mehrfach für den MVP nominiert ist.
Bei diesem Album bekommt Markus Schenkenberg Akne, Casper eine engelsgleiche Stimme und Perry Bräutigam seinen dritten Frühling und wird deshalb wieder Stammkeeper bei FC Hansa Rostock.

Das Erstaunliche ist ja, dass der Großteil nur deshalb mittelmäßig ist, weil sie sich in der Summe ihres Durchschnitts so wohl fühlen. Geregeltes Einkommen, gegeltes Haar, gesegnetes Haus, geebneter Garagenplatz, gedämpftes Gemüse. Das Schnitzel des Nebenmanns schmeckt immer besser als das Eigene. Und hätte ich doch auch Preiselbeeren anstelle von Ketchup genommen. Hauptsache sicher und geregelt, wer will denn im Tango des Lebens noch aus der Reihe tanzen? In der guten alten Zeit waren alle Donnerstags schon breit. Ich sitz daheim und rauch das ganze Zeug alleine. Vielleicht auch in Denver, Colorado. Vielleicht auch bald überall. Es geht wieder was. Der Pionier Zeitgeist erfasst wieder die Meute. Genau so Leute braucht das Volk. Dafür reicht eine Minderheit, dafür reicht Marteria. Einer, der mit dem Volk tanzt.

Check auch unserer erste Marteria/Marsimoto Empfehlung, die den Künstler umfassend umreißt:

Marteria und Marsimoto - Genie oder Wahnsinn?



Freitag, 21. Februar 2014

Judith Holofernes – "Ein leichtes Schwert": Musik für hippe Kreuzberger Ü30?!

(ms) Wer ist das denn?!
Eigentlich eine dämliche Frage. Aber nun gut: Judith Holonernes, im Pass steht allerdings Hohlfelder, war jahrelang stimmgebende und textende Frontfrau von Wir sind Helden. Nachdem die Band eine „Pause auf unbestimmte Zeit“, also sich aufgelöst hat, hat sich Holofernes mit ihrem Mann (und Drummer der Helden) nach Kreuzberg zurückgezogen, um ihre beiden Kinder groß zu ziehen, anstatt das auf Tour mit der Band zu machen, wofür sie keine Lorbeeren geerntet haben. Sie fing an zu bloggen, wie man das ganz hip in Berlin macht, schrieb Tiergedichte und irgendwie hielt sie es nicht aus ohne Musik weiterzumachen. Also ein Soloprojekt. Immerhin hat Mark Tavassol mit Klaas Heufer-Umlauf auch die Gruppe Gloria gegründet. Ganz gendergerecht kümmert sich bei der Solotour auch der Papa um die Kinder. Zu Hause.

Quelle: becktomusic.com Fotografin: Julia Gajewski
Was ist da nun zu hören?!
12 Lieder, die zum großen Teil sehr unterschiedlich sind. Mit dem schönen Popsong „Nichtsnutz“ geht es los, der fröhlich das Album eröffnet und die musikalische Marschroute vorgibt. Insgesamt sind die Songs minimalistischer komponiert als bei Wir sind Helden. Wenig Schlagzeug, eher Percussion. Klatschen und Zylophon/Marimbaphon machen die Sache spielerisch und leicht. Die Stimme und Texte stehen hier wesentlich im Vordergrund. „Danke, ich hab schon“, ein schönes Anti-Alles-Lied leitet zur Single „Liebe Teil 2 – Jetzt erst recht“ über, der (!) Ohrwurm der Platte. Auf eigene Weise süß plätschert „Opossum“ hinterher. Und dann der große Schreck beim Blick auf die Tracklist: MILF! Da steht tatsächlich MILF. Es geht aber nicht um Mothers, sondern den Musikgeschmack I like to fuck! Na gut. Ein wildes Durcheinander von guten und weniger guten Bands, laut Holofernes. Zwei bärenstarke Stücke, nämlich „Brennende Brücken“ und „Hasenherz“ kommen direkt im Anschluss, bevor ein Feature mit Tobias Jundt, Monsieur Bonaparte, die schlimmsten Töne des Albums von sich geben. Kann man guten Gewissens skippen.

Muss man das Album mit Wir sind Helden vergleichen?!
Ja. Ist ja immerhin die gleiche Sängerin und Texterin.
Nein. Es ist eine eigene, selbstständige Platte; keine Solo-Fortsetzung der Band.

Für wen ist das Album?!
Holofernes selbst sagt, dass es für hippe Menschen ist. Ah! Da ist das schlimme Wort, hip. Wir wohnen doch nicht alle in Berlin-Kreuzberg oder sonstigen In-Vierteln. Aufgrund des großen Pop-Potentials ist es für jeden; vom Radiohörer bis zum Indiekind, immerhin spielt sie ja dieses Jahr auf dem Haldern-Pop-Festival! Menschen, die keinen Jutebeutel, große Brillen, einen miesen Kleidungsstil und Apple-Endgerät haben, dürfen auch dieses Album kaufen.



Hätte dieses Album so große Aufmerksamkeit, wenn Holofernes nicht so bekannt wäre?!
Eine gute Frage. Möglich ist, dass es einfach so in der Schwemme der Popmusik untergehen würde. Möglich ist aber auch, dass es gehypt würde, wegen Kreuzberg und so. Ihr Bekanntheitsgrad ist ihr großer Vorteil, sodass bereits einige Konzerte der kommenden Tour ausverkauft sind.

Was mache Tobias Kuhn denn hier!?
Tobias Kuhn, von uns wertgeschätzter Musiker in Form von Monta, Sänger der legendären Miles, Gitarrist und Produzent bei Thees Uhlmann, Songschreiber bei Udo Lindenberg, Hit-Produzent bei den Toten Hosen („Tage wie dieser“), ist hier präsent als Musik- und Textschreiber der Single „Liebe Teil 2 – jetzt erst recht“ und dem Schluss des Album „John Irving“, wo Judith Holofernes mit den Lichtgestalten aus moderner Literatur abrechnet.

Kaufen oder lieber nicht?!
Es ist über weite Strecken ein richtig gutes Pop-Album. Schöne Melodien, Texte zum mitsingen, unterschreiben und merken. Aber: Einige Songs machen den Gesamteindruck kaputt, weil unpassend („MILF“, „Platz da“, „John Irving“). Daher meint die Luserlounge: 6/10

Donnerstag, 16. Januar 2014

ClickClickDecker - "Ich glaub dir gar nichts und irgendwie doch alles" - Ein Paukenschlag für die deutsche Indie-Szene

(ms) Da ist er wieder! Naja, er war ja nie wirklich weg. Nur eben als fünfzig Prozent von Bratze unterwegs um mit ordentlich Bass und großen Texten die Bühnen der Republik zum Einsturz zu bringen. Doch jetzt ist Kevin Hamann in seiner alten Rolle wieder da. Hinzu kommt, dass er jetzt nicht mehr alleine ClickClickDecker ist, denn Oliver Stangl ist mit diesem Album offiziell - inoffiziell schon wesentlich länger - fester Bestandteil der Band.
Vor sage und schreibe fünf Jahren kam das letzte Studioalbum raus und jetzt wird mit aller Kraft nachgelegt. Es geht los mit dem Titel "Ich glaub dir gar nichts und irgendwie doch alles". Expansion statt Reduktion, auch was die Orthographie angeht. Wieso nicht?! Hat ja früher auch gänzend funktioniert!

Quelle: ClickClickDecker.de
Vor Ton und Texten der Platte, ist der Umstand der Entstehung nicht ganz unwichtig. Denn Stangl und Hamann haben sich in Emmelsbüll, Nordfriesland, in einer alten Schule für die Aufnahmen der Songs eingeschlossen und dort dieses und jenes Intrument vorgefunden. Und einfach mal rauf damit in die Songs. Es war eine gute Idee! Hamann sagt über sich selbst, er könne irgendwie kein Intrument wirklich spielen. Soll man ihm das glauben?!
Los geht's mit der Vorabsingle "Tierpark Neumünster". Und als Fan kommen dort schon die ersten großen Gefühle zutage. Nämlich, dass es ganz der alte Sound ist, ein wenig knarzig, nicht perfektionalisiert, nicht beim Mastern glatt geschliffen, sondern so gelassen, wie er am besten rüberkommt. Super! Mit dem Klang aus Gitarre(n), Klavier, Bass, Schlagwerk geht es herrlich weiter! Dabei sind sie zum großen Teil auf einem minimalistischen Niveau und rücken genau ausgepolt in den Hintergrund, um die teils unfassbaren Texte für sich stehen zu lassen. Letztere möchte man sich am liebsten auf alle Köperstellen tätowieren. Und wenn beinahe alles voll ist, nimmt man die nächste Zeile und schreibt sie sich auf die Stirn.
Denn Hamann hat die verblüffende Gabe mit einfachen Worten Situationen und Gefühle zu beschreiben, die fast jeder kennt ohne diese direkt zu benennen. Dazu braucht ein keine verschrobenen, tocotronischen Textwirrnisse. Nein. Es braucht die Genialität der Einfachheit. "Kein Satz wird dadurch besser, dass du ihn ständig nur wiederholst" (Die Nutzlosen), "Wenn man immer nur zurückschaut, ist am Ende nichts mehr da" (Niemand wird's gewesen sein), "Das ist nur mein Talent für den schlechten Moment" (Was kommt wenn nichts kommen will). Man könnte ewig so weitermachen.
Es geht inhaltlich viel um Trennungen, Missverständnissen, Leute, die sich zu lange kennen, um den Einzelnen, um Paare, um Wünsche und Pläne. Mitten aus dem Leben gegriffen in Musik verpackt und auf Platte gepresst.


"Ich glaub dir alles und irgendwie doch nichts" besticht durch seine innere Harmonie von Sound, Texten und der gespürten Abstimmung zwischen Hamann und Stangl. Somit ist ClickClickDecker seit Jahren eine feste Konstante in der deutschsprachigen Indie-Musik. Und mit dieser Veröffentlichung legen sie für das Veröffentlichungsjahr 2014 den Standard fest, den es zu erreichen gilt. Es ist Musik für Spaziergänge, wenn es leicht regnet, Abende mit Freunden, und Sonntage, die doch mal richtig gut sind. Im April kommt das Solo-Album von Marcus Wiebusch auf den Markt, man kann gespannt sein, wer hier die Nase vorn behält. Für den alten befindlichkeitsfixierten Punkhasen wird es nicht leicht!
Daher: 9/10 für dieses Album!

Dienstag, 7. Januar 2014

Minor Alps, "Get There": Zwei alte Hasen debütieren!

(ms) Das neue Jahr hat angefangen. Der Adventskalender ist nun schon länger vorbei. Uns hat er großen Spaß gemacht, es waren viele spannende und ausgefallene Jahresrückblicke von euch Lesern dabei, und jeder hat sich zu lesen und veröffentlichen gelohnt.
Nun geht's aber wieder back to business! Musik, Musik und noch mehr Musik. 2014 wird sicherlich mächtig spannend, doch der Start geht los mit einem Debut aus dem letzten Jahr!

Quelle: minoralps.tumblr.com
Minor Alps. Die unbedeutenden, die kleinen Alpen. Hm, was soll das denn nun wieder heißen? Keine Ahnung. Ein Bandname musste her und da ist er! Albumtitel "Get There". Tja. Wohin denn? Zu den Bergen? Darüber könnte man jetzt lange nachdenken und sich die Hirnmasse zermartern, oder man könnte es einfach lassen, die Platte nehmen, auf den Drehteller legen, die Nadel gefühlvoll runterlassen, den Raum abdunkeln, vielleicht ein warmes Getränk bereitstellen, es sich gemütlich machen und reinhören.
Frage vorab: Wer musziert hier eigentlich? Antwort: Bei dieser Band haben sich zwei zusammengetan, die das Musikgeschäft besser kennen als manch andere, weil sie beide schon seit über 20 Jahren dabei sind und viele Patten ans Tageslicht befördert haben. Juliana Hatfield war einst Teil der Blake Babies und lange solo unterwegs. Matthew Caws ist Sänger, Gitarrist und Texter der großartigen Indie-Band Nada Surf. Man darf aber aufatmen: Nada Surf werden weiterhin zu dritt Lieder schreiben und Bühnen bespielen!

Quelle: minoralps.tumblr.com
"Get There" geht eher gemütlich los mit ruhigen Klängen, dreht dann aber auf und lässt zwei der besten Lieder der Platte aufeinander folgen: "I don't know what to do with my hands" und "Far from the roses". Doch was passiert danach?! Auf eine eigenartige Weise flacht das Album ab. Es könnte beinahe eine Ansammlung von Nada Surf-Songs sein mit einer zweiten Stimme dabei. Es gibt keine Stichhaltigen Punkte, was die kommenden Momente zu etwas wirklich Eigenem machen. Wobei man hier anführen muss, dass Caws und Hatfield die gesamte Zeit über im Duett singen und zu einer zu hörenden Stimme verschmelzen; sicherlich die Stärke des Albums. Und man muss den beiden auch zugute halten, dass sie bis auf die Drums alle Instrumente selbst eingespielt haben. Doch es fällt schwer ein Alleinstellungsmerkmal klar herauszuhören. Es plätschert ein wenig daher, man dreht die Platte und die B-Seite plätschert einfach weiter. Allein "Mixed Feelings" sticht mit den aufgedrehten Gitarren nochmal heraus.
Als großer und langjähriger Nada Surf-Fan frage ich mich, wie das passieren konnte. Beiden haben mehr als genug Potential, um zusammen ein starkes Album zu machen.
Ergo: Der Klang ist insgesamt gut, beide Stimmen harmonieren wunderbar miteinander, doch die zündenden Ideen fehlen insgesamt. Daher: 6/10