Montag, 2. Dezember 2013

Der große musikalische Rückblick 2013 Teil 2: Wie wir leben wollen!

www.sodahead.com

(yc/sf) Montag Mittag - Zeit, das zweite Türchen des luserlounge-Adventskalenders zu öffnen! Diesmal präsentiert Euch Young Chris (Münchner, Sechzger, Familienvater) seine Lieblingssongs und -alben des sich dem Ende nähernden Jahres und liefert direkt noch Erziehungstipps mit: achtet bei der Musikauswahl auf der heimischen Stereoanlage darauf, wer mithört, denn Kinder sind extrem lernfähig...

Los gehts!






Lieblingsalben 2013:


TOCOTRONIC – Wie wir leben wollen 
Ein Meilenstein in der zwanzigjährigen Bandgeschichte. Sicher eines der drei besten Werke der Hamburger. Ich habe in den ersten vier Monaten des Jahres tatsächlich NICHTS anderes gehört. Das Album ist so gut, dass man eigentlich fast alle Titel bei den Lieblingssongs 2013 aufführen müsste. Ist aber auch wieder Quatsch, weil die Begründung jeweils wäre, dass der Song diesem kompletten, runden Album entstammt.


BOSSE – Kraniche Ein Super-Typ und ein Wahnsinns-Live-Act, was ich ihm gar nicht zugetraut hätte. Mit dem Gewinn von Raabs BuViSoCo sowieso der Aufsteiger des Jahres. Das Album machte im Frühjahr den Anfang eines echten „Bosse-Jahres“ und enthielt – erstmals bei ihm - mehr als nur zwei oder drei Anspieltipps.


DAFT PUNK – Random Access Memories Um nicht ausschließlich Deutsche Titel zu nennen…:-)
Erwartungsgemäß gutes Handwerk und eine Freude, das eine Weile lang zu hören.


THEES UHLMANN - #2
Entgegen der Befürchtung, dass nach dem grandiosen Debüt-Album nix Vernünftiges nachkommt, dass eine ähnliche Problematik wie mit Tomte auftritt (wo es mit dem dritten Album ja ganz steil bergab ging), ist das Teil sehr, sehr hörbar. In sich abwechslungsreich, im Vergleich zum ersten Album sind gewisse Parallelen in der Abfolge zu beobachten, die aber völlig okay sind: Never change a running system


ERDMÖBEL – Kungfu Fighting Nachdem sich meine Begeisterung für Erdmöbel bislang auf die „No. 1 Hits“ beschränkte, habe ich beim neuesten Werk der Münsteraner/Kölner nun endlich den Zugang auch zu deren Eigenentwicklungen gefunden


2RAUMWOHNUNG – Achtung fertig
Leider etwas unglücklicher Veröffentlichungstermin im kurzen Zeitfenster zwischen Thees und Erdmöbel (siehe oben). Dennoch half dieses Album sehr über die schwierigen Tage rund um die desaströse Bundestagswahl hinweg. Wenn Ökologie und Verantwortung für die Zukunft schon in der deutschen Wählergunst offensichtlich keinen Platz mehr haben – Inga Humpe weiß, worauf’s ankommt: Sie geht los.








Lieblingssong(s) 2013:

BOSSE – Müßiggang
Dieses Lied war die „Hymne“ des legendären Sommerurlaubs mit der fünfköpfigen Familie auf Korsika, das vom Kleinsten über den angehenden ABC-Schützen bis zur Mama alle gegrölt haben, wenn wir irgendwelche Serpentinen-Straßen auf schwindelige Höhen hinaufgefahren sind.

BOSSE – Istanbul
Die Integration von türkisch-arabisch anmutenden Klängen in Popsongs geht auch gerne mal schief… Hier zu 100% gelungen. Hörst Du dieses Lied und schließt die Augen, bist Du quasi schon dort.

ERDMÖBEL – Kungfu Fighting
Beim ersten Hören Irritation, beim zweiten Hören Interesse, beim dritten Hören Euphorie und ab dem fünften Hören Ekstase. Grandioser Song: textlich, musikalisch, atmosphärisch.

Daft Punk – Giorgio by Moroder
Auf einer Fahrt von Kundenmeetings in Düsseldorf zurück nach München an einem Freitag Nachmittag im Juli, die – Ferienbeginn irgendwo – insgesamt fast zehn Stunden dauerte, habe ich diesen Song gefühlte 100 x angehört, was aufgrund der Länge des Tracks - 9 Minuten, 5 Sekunden – ja rein rechnerisch gar nicht möglich ist...

Y-titty – Halt dein Maul
Mit Teenagern im Haushalt kommt auch das ältere Semester nicht an der schönen neuen digitalen Musik-Welt vorbei. Obwohl ich Weihnachtssong und Weltuntergangssong der drei Youtuber  im Jahr 2012 besser fand - kein Lied kann peinlichere Momente bescheren als dieses: Dein Zweijähriger singt im Supermarkt in der Kassenschlange lauthals den Refrain…

TOCOTRONIC – Chloroform
 
…und zumindest ein Track des definitiven Album des Jahres muss dann doch auch hier beim Namen genannt werden. Warum gerade dieser? Vielleicht war es mein persönlich letztes Lieblingslied von „Wie wir leben wollen“ und hat es also nur aufgrund eines zeitlichen Faktors in die Liste geschafft.

TOCOTRONIC – Neue Zonen
Und doch noch einer: Ein Lied mit einer klaren politischen Aussage, die – auch vor dem Hintergrund des Flüchtlingsdramas vor Lampedusa – in seiner Bedeutung und Wichtigkeit noch gesteigert wurde. Danke, Toc! 









Sonntag, 1. Dezember 2013

Der große musikalische Rückblick 2013 Teil 1: Keine Rockstars wie The Kooks. Richtige Rockstars!

(ta/mb) Den Anfang unserer illustren Reihe, in welcher den ganzen Monat über unsere Freunde und natürlich wir selbst die musikalischen Perlen aus diesem Jahr präsentieren, macht kein Geringerer als der Sänger und Gitarrist der Band Monday Tramps: Tom Appel. Hier sein Statement.
source: redbul.com

















Lieblingssongs:
Arctic Monkeys – Fireside

Arctic Monkeys – Why d’You Only Call Me When You’re High

Lieblingsalbum: 
Arctic Monkeys - AM

Warum?
AM ist kein Zurückbesinnen auf alte Stärken. Schluss mit brutal ehrlichen und scharfsinnigen Nacherzählungen meist rotzig-versoffener Nächte im englischen Norden. Schluss mit charmanten Storys aus der Lower Middle Class mit dazugehörigem Akzent. Macht auch Sinn. Die Jungs sind jetzt Rockstars. Keine Rockstars wie es etwa die Kooks auch sind. Richtige Rockstars! Rockstars, die jetzt in LA wohnen, in offenen Mustangs den Sunset Boulevard entlang cruisen und mit Edelproleten wie Drake oder Diddy die ein oder andre bottle Söhnlein Brillant köpfen. Oder Champagner. Man kann förmlich hören wie sich Sänger Alex Turner durch das gesamte Album kokst. Er bewegt sich dabei irgendwo zwischen James Dean und Elvis mit Pomade im Haar und dicker Belt Buckle. „Sunglasses Indoors.“
NA UND?!
Der Hang zum Amerikanischen wird zwar in AM noch deutlicher als in seinen beiden Vorgängern, doch anders als bei „Suck It And See“ und „Humbug“ kaufe ich ihnen ihr Getue in AM ab. Kalifornischer Surf stand ihnen nicht, genauso wenig der Josh Homme’sche Stonerrock.  Jetzt  dominieren Hip Hop und Rockabilly-Romantik („shoo wap shoo wap“). Ein ungleiches Paar. Aber das passt. Und wie! AM kommt mit mächtig dicken Eiern, ist super tight gespielt und mit vielen Sound-Raffinessen produziert. Die Songs sind authentisch. Jetzt noch vom „Riot Van“ zu singen wäre es nicht.

Montag, 11. November 2013

The Nippelz. Die Vorarlberger Alternative Band ist realistisch und plant das Wunder.



(it/mb) Die Vorarlberger Alternative Band "The Nippelz" haben nach neun Jahren Garagensuff - Geschepper und verrauchter Talstationbeisl Gigs wie einst die großen Eroberer den Weg in den fernen östlichen Teil der Alpenrepublik auf sich genommen und ihr musikalisches Liedgut innerhalb vier Energie- und spannungsgeladener Tage kanalisiert und auf Platte gebannt. Nicht nur schnelle Gitarrenriffs, sondern auch Zeitstress erhöhten die Herzfrequenz, aber letztendlich spielten die vier Naturburschen voller Muße und ohne Druck ihre Songs ein. Wenig Gift und Galle und viel Bier, Brüderlichkeit, Snus und künstlerisches Schaffen später wurde es ein historisches, mit Stolz getränktes Ereignis, welches wünschenswerterweise nicht den Bach heruntergeht, sondern weiterhin an der Oberfläche gegen den Strom schwimmt.Lest nun selbst die durchaus poetische, spannende Binnenperspektive des Nippelz Schlagzeugers:

 

Go East

(it) Und so startet die Odyssee, die Reise ins Ungewisse und doch wissend, etwas schaffen zu wollen auf das man stolz sein kann. Viele Jahre wurde diese Reise bereits überlegt, geplant, in Gedanken durchgespielt und dann doch wieder verworfen. Skizziert und modelliert auf einem Blatt Papier um sie dann zu den bereits unzählig verknüllten Entwürfen beim übervollen Papierkorb zu werfen.
Viel zu oft wurde das Projekt auf Eis gelegt und dann bei Whiskey auf Eis überlegt, wann man den nächsten Schritt wagen und sich nicht mehr nur mit volltrunkenen Gigs in Garagen von Freunden schmücken möchte. An dieser Stelle sei erwähnt, volltrunkene Gigs in Garagen von Freunden sind das Lässigste was man sich als Band nur vorstellen kann.
Fast neun Jahre nach dem ersten Antasten und musikalischem Experimentieren der Band, brachen die Nippelz auf, um ein Album zu recorden und somit auch ein wenig kulturelles Jugendgedächtnis ihrer selbst zu archivieren. Hoffentlich kann auch dem einen oder der anderen ein Flashback in seine/ihre eigenen Jugendtage ermöglicht werden. Das Ganze sollte auf neutralem Terrain geschehen, also go East, Wien bzw. Wördern, wir kommen.

Mittwoch, 6. November 2013

Gibt's eigentlich noch Nu Metal? - Eine Bestandsaufnahme anhand des neuen KoRn-Albums "The Paradigm Shift"

(ms) Was war das in den 90er Jahren!
Keep on Rollin! Hip Hop meets Metal, beziehungsweise schon arg harte Gitarren- und Bassläufe! Innovative Sounds mit stark vorantreibendem Gesang oder Geschrei. Ein guter Gegenpart zum Discoklang der schlimmen Neunziger. Und da jedes Kind ja bekanntlich einen Namen braucht, hat man dieses Neugeborene mit "Nu Metal" versehen: Metal, Punk, Grunge, Rock, Alternative, Jazzcore, HipHop. All das und doch wieder nichts. KoRn, Limp Bizkit und ein paar wenige andere (wer das genau ist, darüber wird heftig debattiert) haben die Grundsteine für diese Musikrichtung gelegt. Schnell waren einige andere mit im Boot: die heute leider zu Radiogedudel geschrumpften Linkin Park, P.O.D. ("We are, we are the youth of the nation..."), Deftones, Disturbed. Die Szene war stark gezeichnet vom Alkohol- und Drogenkonsum und hat dadurch auch viele Hochs und Tiefs durchlebt sowie einige Erfolge und Misserfolge feiern dürfen. Was ist man nicht zu all dem Zeug, also der Musik, abgegangen?!
Doch Anfang der Nuller-Jahre haben sich viele davon schon wieder entfernt, sind wieder Richtung Metal gegangen. So blieb ein kleiner Kern übrig und allzu viele, die es versucht aber nie geschafft haben. Und was ist heute?! Eine der bestimmenden Wegbereiter, KoRn, haben mal wieder ein neues Album auf dem Markt. Diese Band durchlebte in den letzten Jahren eine hohe Anzahl an verschienen Stilrichtungen und immer wieder haben sie ausdrücklich den Wunsch gehegt back to the roots zu gehen. Haben sie es geschafft?
Quelle: korn.com
Zum neuen Album "The Paradigm Shift" muss man ein paar Informationen einholen, die in der Musikwelt eigentlich bekannt sind. Denn ihr stilbestimmender Gitarrist Brian Welch hat vor Jahren die Band verlassen, danach ging ihnen auch die Kreativität verloren, man mag nur an Alben wie "Untitled" denken. Letztes Jahr ist er wieder aufgetaucht in der Band, nachdem er auch in eigener Regie eine Platte raus gebracht hat.
Die Erwartungen und Hoffnungen: Riesig!
Frage: Behalten sie Einflüsse aus dem letzten Dupstep-Album?
Da ist er also, der Paradigmenwechsel. Bei den Konzerten bei Rock am Ring und im Park hat man der Band stark angesehen, dass sie wieder richtig Bock haben. Und es geht ordentlich los mit "Prey for me". Schnelle Gitarren, steiler Bass, Jonathan Davies' Stimme macht die Sache rund. Mit "Love & Meth" geht es ebenso temporeich und hart weiter, wie man es hören will. Leider ist ausgerechnet die Single "Never Never" das mit Abstand schwächste Lied, das nur so vor sich hin plätschert. Selbst die Synthie-Einlagen machen da nichts mehr dran. Im Folgenden werden die Songs auch ein wenig sanfter. Die Instrumentalteile zwischendrin sind wirklich stark, doch bei einsetzendem Gesang schrauben sie zu sehr zurück. Und ob es dann noch eine halbe Ballade wie "Lullaby for a Sadist" braucht, weiß ich auch nicht. Aber sicher ist: bei den Zeilen schlafen nicht nur Sadisten ein.

Insgesamt bleibt ein Mix aus einigen sehr starken Songs und leider genauso vielen, die den Paradigmenwechsel auf dem Silberling verhindern. Bei Album Nummer elf kann eben auch nicht alles wie vor 19 Jahren sein. Immerhin gehen sie live wieder richtig gut ab.
Also, Nu Metal, alter Freund. Was ist mir dir?!
Es ist schwer zu sagen. Weg bist du nicht, aber so richtig präsent auch nicht mehr, außer beim Blick ins CD-Regal und den Überbleibseln aus den 90ern. Ich höre es trotzdem immer noch gern, auch das neue KoRn-Album!

Freitag, 11. Oktober 2013

Dave Hause - Devour. 11 Tracks müsst Ihr sein.

(mb) Selbst ein Spielmacher in der untersten Fußballliga hat mehr Übersicht über das Spielgeschehen als  Musikliebhaber über die hiesige Musiklandschaft. Das Dickicht an Indie Szenebands, aufstrebende Rapgötter die auf Club Bühnen reimen oder die nächste Berliner Hipster House Kombo Kommune - ist  schwerer zu überblicken als das Kreuz und Quer auf dem Dorfbolzplatz. Im besten Fall hat der Dorfplatz - Zehner aber auch das musikalische Geschehen ein wenig im Überblick und ist noch dazu dein Freund. Die Suche nach der perfekten Band, dem next big thing schlechthin wird mittlerweile von Musiknerds so masochistisch selbstzerstörerisch zelebriert, dass die ersten 30 Sekunden genug sein müssen, um einen Song als gut oder schlecht zu klassifizeren. Schluss damit! 

Also dieser bayrische Möchtegern Maradonna frägt dann eben beiläufig, ob ich das neue Dave Hause Album schon gehört habe, welches ja am 11.10.2013 erscheinen wird. Natüüüürlich nicht. What the fuck! Wie konnte ich das nicht auf dem Schirm haben?? Dave Hause, seines Zeichens Ex- The Loved Ones Frontsau und Punkgott, mittlerweile auf Solopfaden unterwegs, Institution auf der Revival Tour, hat 2010 seine Singer/ Songwriter Fähigkeiten mit seinem Debüt "Resolutions" eindrucksvoll und nachhaltig unter Beweis gestellt. Nachhaltig deshalb, weil die Platte seit drei Jahren einen Stammplatz auf meinen mp3 Player ergattert hat. Das muss der bayrische Regisseur sich erst noch mit fleißigen Trainingseinsatz erarbeiten...


Immer mehr Bands drängen auf dem Markt. Ich kann mich nicht zwischen "Gott sei Dank" und "Oh mein Gott" als passende Floskel entscheiden. Zu sehr schwanke ich irgendwo zwischen Gutheißung und Verteufelung. Gut, da jede noch so kleine Garagenband durch das Internet eine Plattform bekommen hat, auf welcher man sich relativ kostenfrei und leicht einer breiten Masse präsentieren kann. Schlecht, weil es den Niedergang der wahrhaftig großen Bands und herausragenden Musiker bedeutet, denn jeder der mal eine Saite gezupft hat und so schief wie der Turm von Pisa singt, stellt heutzutage schon ein "Bleeding Love" Cover auf Youtube. Fakt ist, dass die gezielte Selektion von Musik enorm schwierig geworden ist. Die Fülle macht es unmöglich den Überblick zu behalten. Denn ein weiterer Faktor kommt ins Spiel, den man nicht kalkulieren kann: der Zufall. Heute erst habe ich zufällig gelesen, dass "The Fratellis" nach sechs Jahren ihr drittes Album am 11.10.2013 veröffentlichen werden. Alle Fußballfans gröllen immer noch Chelsea Dagger, da gibts nach sechs Jahren eine neue Platte, ohne dass man es mitbekommen hat. Vor lauter Beinen sieht der Spielmacher die Lücke nicht mehr oder vor lauter Musik sieht der Zuhörer die Musikperlen nicht mehr.
Zurück zu Dave Hause. Der bayrische Maradonna brachte vor einer Woche eben das neue Dave Hause Album ins Spiel. Albumstream an. Nach einigen Durchläufen darf zwar bezweifelt werden, dass das Album wie der Vorgänger drei Jahre im iPod verweilen wird, aber ein Stammplatz fürs Erste wird es sich ergattern. "Autism Vaccine Blues" räumt vor der Abwehr sauber mit seinen Sing Along Bretter in bester Gaslight Anthem Manier ab, während "Fathers Son" und "Same Disease" gefährlich eingägig über die außen kommen, während  "Before" das Herzstück ist und elegant dirigiert. Vorne lauert der Star "We could be kings" darauf, Tore zu schießen und die Menge zum Brodeln zu bringen. Allen in allem eine Runde Sache, 11 Tracks sollt ihr sein. Der Name ist zugleich kämpferisch -  "Devour". Das Album frisst einen zwar buchstäblich nicht auf, lässt einem aber auch nicht so schnell  mehr los.



Folgende Quintessenz: Das Gesamtwerk Album muss wieder in den Mittelpunkt geraten wie der Ball zum Anpfiff. Man muss sich einfach (wieder) die Zeit nehmen, Platten zu hören. Denn fragmentierter Musikkonsum ist wie SMS tippen während dem Autofahren - einfach unverantwortlich und Scheiße. Musik fordert die Müßigkeit, sich Zeit zu nehmen, den diese eben künstlerisch berechtigterweise vereinahmt und auch nur dann seine Erhabenheit entfalten kann. Die musikalische Besenkammer fördert nur Halbwissen und Schund zu Tage, den zwei Mitleids Likes auf Facebook vortrefflich statuieren. Keiner kann alles kennen Für die musikalischen Perlen sind dann die Faktoren Zufall, Interesse, Freunde und die luserlounge verantwortlich. Und wenn der bayrische Maradonna selbst mal den Überblick verliert und zwischen dem Beinemeer keine Lücke mehr findet und sein Trainer sich gezwungen fühlt, ihn auswechseln, stehe ich am Spielfeldrand und überreiche ihm einen Kompass. Damit er den Weg zur Kabine findet. Denn Freunde sind ja nicht nur für den musikalischen Support da.

Albumstream Devour hier

Dave Hause - Devour (7/10)
For my homeboy MK with much love.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Erdmöbel besingen Kung Fu Fighting. Jetzt echt?!

(ms) "Wir arbeiten so lange an einem Lied, bis es allen aus der Band gefällt." Das ist eine ehrenwerte Aufgabe und man hört von vielen Bands und Musikern, dass sie nach einigen Jahren Abstand von eigenen Liedern nehmen, da sie sie nicht mehr gut finden oder sie einfach nicht mehr passen. Eine harte Aufgabe also, die sehr viel Zeit, Geduld und musikalisches Know-How fordert. Die Kölner Band Erdmöbel haben sich dieses Motto auf ihre Fahnen geschrieben und ernten seit Jahren höchste, allerhöchste Loblieder nicht nur aus den gängigen Musikfachzeitschriften sondern in einer gefühlt noch höheren Anzahl aus den etablierten Feuilletons der ZEIT, Welt, FAZ und, und, und...

Quelle: erdmoebel.de
Nun gibt es ein neues Album von Wolfgang Proppe, Ekimas, Markus Berges und Christian Wübben. Es hört auf den Namen "Kung Fu Fighting". Was soll das denn? Eine Hymne auf Carl Douglas? Ist das denn mit ihm abgestimmt? Doch wer die gleichnamige Single kennt, weiß, dass es damit überhaupt nichts zu tun hat. Nachdem sie vor einigen Jahren ein Album mit Coversongs rausbrachten, hätte man dies zumindest vermuten können.
Aber jetzt mal von vorne.
Fangen wir beim Klang an. Und hier kommt die erste von vielen Schwierigkeiten, die diese Band ans Tageslicht bringt. Diese vier Musiker sind nämlich so unsagbar gut und mischen diverse Sounds aus unterschiedlichen Stilen miteinander, dass es unmöglich scheint, den Erdmöbel-Klang in ein Wort zu packen. Pop ist zu wenig. Easy Listening, Sixties, Boogie oder doch schon am Schlager angeeckt? Nein, alles nicht. Und doch alles zugleich eventuell. Man muss es hören und dann begreifen, dass Erdmöbel etwas Eigenes geschaffen haben, das so gut ist, dass es sich zum Glück in keine Schublade stecken lässt. Neben der klassischen Besetzung Schlagzeug, Gitarre, Bass, Klavier, Gesang nehmen die Posaune und seit diesem Album die Querflöte einen großen Teil an. Und es passt hervorragend.

Quelle: egofm.de
Schwierigkeit Nr. 2: Die Texte. Hier schafft es Markus Berges doch tatsächlich in zeitgenössische Musik und ihre Texte Vokabeln à la "Schiffsschraubenschaum", "Batmans Prothesen", "Hauhechelbläulinge", "Ypsiloneulen", Kaffeesatzversicherung", "Glutamatcracker" und, und, und, einzubauen. Wahnsinn! Da die Musik sehr gut ins Ohr geht und gerne auch mal dort bleibt, braucht man einige ruhige Momente, um sich die Texte durchzulesen. Wenn man sie dann noch versteht: Hut ab! Berges nimmt den Höhrer nicht nur mit auf eine Reise an unterschiedliche Orte, wie nach Oer-Erkenschwick, Emsdetten oder Guangzhou, sondern er fordert auch viel vom Höhrer. Für das Lied "Vivian Maier" sollte man eben schon wissen, wer das ist. Und dass es sich dabei um eine amerikanische Underground-Fotographin handelt, deren Werk erst posthum  bekannt wurde, ist der nächste Schritt.
Hier sei angemerkt, dass es Zeit braucht, um irgendwann mal die Lieder mitzusingen. Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der Grund, warum die Band von Intellektuellen mehr wahrgenommen wird als vom Indie-Kid.

Eine weitere Devise der Kölner ist, dass das nächste Album immer besser sein soll, als das vorherige. Nun war "Krokus" von 2010 ein unfassbar geniales Album. Kann "Kung Fu Fighting" da mithalten?! Eine gute Frage. Für ein abschließendes Fazit kann man für das Album als allein stehendes sagen: Ein weiteres großes Album, das der deutschsprachigen Popmusik voranläuft und als Maßstab gelten sollte.

Anspieltipps: "Blinker", "Kung Fu Fighting", "Zollstockbad"

Die luserlounge meint: 9/10!


Dienstag, 1. Oktober 2013

Casper & Harry G über das Hinterland & die Wiesn.

(mb) Wenns Wasser kocht, miassn de Gnedl nei. Man sagt, ein guter Mann trinkt nicht. Sagt Casper. Auf der jährlichen Wiesn, für die Preißn: Oktoberfest, kommt man als Einheimischer nur schwer vorbei. Es sei denn, man steigt über die Berge kotzenden Australier, die den Wegesrand säumen. Ein Spießrutenlauf, welcher aus der Vogelperspektive betrachtet, schon lange nicht mehr allzu viel mit Folklore und Brauchtum zu tun hat. Die wahre Utopie besteht darin, für sich auf der Festwiese zu bleiben. Es findet sich immer a Australier, der einen fragt "how´s it going", jemand für küchenpsychologische Gespräche beim Legebatterie Brunzen und als Stütze, wenn man wieder über den Tisch der Blondinen in den Ausschnitt speibt.  Manchmal läuft einem auch a Preiß einfach so mit seinem Schädl in den Maßkrug nei, ach Gottchen die sind aber auch immer so unachtsam.
juice.de

Harry G stilisiert momentan den alljährlichen Wiesnfasching vortrefflich und wenn man nicht gerade seinen Schimpftiraden lauscht, Humtata Beats oder schief gesungene "Hey Baby"-Hooks in den Ohren hat – dann eben das neue Casper Album – auch mit schief gesungen Hooks. Dieser ist mit seiner Dohlenstimme definitiv gesanglich limitiert, gleicht aber seine Tiefen mit den Höhen der rhetorischen Ausdruckskraft aus, denn "man gibt uns gut zu verstehen: Die leeren Gläser der Theken sind beste Lupen aufs Leben." Oder bringt es vortrefflich auf den Punkt, indem er die größte Angst eines in westlichen Gefilden ansässigen Mittelklassehipsters mit Hornbrille und MacBook bennent: die Mittelmäßigkeit.


Das neue Album ist poppiger, fröhlicher, folkiger. Der junge Herr aus Bielefeld hat mit „Hinterland“ aber vor allem eines geschaffen: ein Facettenreichtum, das seines gleichen in der Hip-Hop-Kultur finden muss. Oder kann man da überhaupt noch von Hip Hop sprechen? So viel Abwechslung verschlägt einem direkt die Sprache wie sonst nur nach fünf Maß Bier oder Australier nach zwei. „Jambalaya“ haut richtig derbe in die Bassspur alá „ich hab die dickste Hose an“ –  während „Ariel“ verblüffend ehrlich um die Ecke kommt  und „20qm“ die Magengegend einschnürt, so poetisch zutreffend ist das Stück. „Ganz schön okay“ ist eine wahre Liebeserklärung an das Aufrechterhalten und Zusammentreffen alter Freundschaften. Mit Bier. Wie Wiesn, Oida. 

Und jetzt auf die Wiesn. Australier fliegen nackert über die Bänke, alte Freunde liegen sich in den Armen. Die Münchner Schickeria zieht weiter ins 1er. Bevor ich sehe, wie sich die Lackaffen mit Nepukadnezar Flaschen für 2.1k vor meiner Nase zuprosten, die alle ein neckisches Halstuch umhaben, hau ich lieber Richtung Bahnhof ab und warte auf den Zug ins bayrische Hinterland. Geliebtes, verdammtes Hinterland. Am Heimatbahnhof angekommen sagen sich Hund & Katz noch gute Nacht, die Zeit vergeht anscheinend nicht. „Wir kommen mit dem allerletzten (Zug). Schnick schnack Schnuck, wer zur Tankstelle muss“. Die Dudes sind auch alle am Start. Ganz schön okay. Man sagt ein guter Mann trinkt nicht. Stimmt nicht. Wenigstens mit einer Sache hat Casper unrecht.

Mehr als nur ganz schön ok. Casper - Hinterland Album: 9/10 

Highlights: alles bis auf „Alles endet (aber nie die Musik)“ und „Nach der Demo gings bergab“