Donnerstag, 3. April 2025

Yann Tiersen - Rathlin from a Distance | The Liquid Hour

Foto: Aurélie Scouarnec
(Ms) Vielleicht ist Neo-Klassik das spannendste Genre überhaupt! Bis auf Jazz ist mir keine Musikrichtung mit so einer groben Zuschreibung bekannt, die derart vielfältig ist. Zudem glaube ich auch, dass es keine Free, Hard, Latin oder XYZ-Neo-Klassik gibt. Es ist eine Spielart, die für sich steht. Ihr Selbstverständnis zeugt von Mannigfaltigkeit. Leise, meditativ, entspannend geht ebenso wie laut, intensiv, berauschend. Analog geht ebenso wie digital. Verträumt neben wuchtig. Zarte Klaviersaiten neben durchdringendem Bass.

In den meisten Fällen geschieht das getrennt voneinander. Künstlerin X ist wuchtig, Künstler Y zart. Dann gibt es ein paar große Namen, die beides machen, aber auch separiert voneinander. Martin Kohlstedt ist auf seinen Alben recht zart, live ist es enorm zum mittanzen. Olafur Arnalds macht solo wunderschönste, sphärische Klaviermusik, mit Kiasmos geht es auch auf die Tanzfläche. Also: Beides geht, auch wenn es manchmal hauchzart aneinander vorbeigeht.

Bis jetzt. Bis zum 4. April diesen Jahres. Vor dem nächsten Satz muss ich gestehen, dass ich kein superguter Kenner der Szene bin. An diesem Freitag erscheint ein Album, das beide Pole zum ersten Mal vereint. Mit Rathlin from a Distance | The Liquid Hour gelingt dies dem Altmeister Yann Tiersen. Graphisch ist das schon mal ganz klar festgehalten in zwei Parts einer Platte. Und klar, so ist dieses Werk auch aufgebaut. Von leise zu doll. Dieses wahnsinnige Album ist ein einziges Crescendo! Es ist unglaublich gut gelungen. Doch könnte man ja auch behaupten: Warum nicht zwei Alben draus machen bei sage und schreibe 83 Minuten Spieldauer?! Weil es einen roten Faden gibt! Weil man die HörerInnen auch mal etwas herausfordern kann. Weil es so wunderschön ist, sich der Kunst hinzugeben. Wer hört schon mal knapp eineinhalb Stunden Musik einfach so, ohne etwas anderes dabei zu tun?! Wir sollten dringend damit anfangen.

Der erste Teil ist enorm heilsam. Wunderschön. Filigran. Harmonisch. Insbesondere beim sanften Tórshavn fallen mir Worte wie tröstlich, ummantelnd ein. Eine einfache, wiederholende Grundmelodie trägt durch das Lied, darüber tanzen, leicht melancholisch angehaucht, verträumte Passagen. Etwas umtriebiger, verspielt und locker-leicht kommt hingegen Norðragøta daher. Die Titel scheinen skandinavisch angehaucht beim französischen Klangkünstler. Auf letzterem kommen Bilder von zwei Menschen in den Sinn, die sich im wuseligen Treiben finden oder wiederfinden. In ähnlicher Weise ist auch Bigton komponiert und erinnert an den großen Soundtrack, dessen Namen wir hier mal nicht nennen - das verfälscht den Gesamteindruck.

Und dann wird es so richtig spannend. Denn dieses Album folgt einem glasklaren Plan und ich bin völlig hin und weg, wie gut er aufgeht! Caledonian Canal ist mit seinen nur zwei Minuten Spielzeit der Beginn des Wandels. Langsam klingen die reinen, zarten, Klaviertöne aus, von denen man mitunter die mechanischen Geräusche hört. Ein eher funktionales Stück. Das auf das Folgende vorbereitet. Das nächste Lied heißt Stourm und ist in meinen Augen der Schlüsseltrack der ganzen Platte. Auch wenn es später noch wesentlich deftiger zugeht, ist dieser Song der Wendepunkt. Und es wird sich 11 Minuten und 23 Sekunden gewendet. Auf einmal sind Streicher zu vernehmen. Langsam schleichen sich einzelne Synthie-Töne dazu. Nach drei Minuten eine Andeutung von Bass. Und dann kommt eine Sequenz, die mich beim ersten, zweiten und x-Ten Hören aus den Schuhen kippt. An dieser Stelle muss ich mich als kompletter Sigur Rós-Fan kenntlich machen. Das, was auf diesem Stück von Yann Tiersen geschieht, ist so nah an der isländischen Band dran, wie ich es noch nie gehört habe. Das ist kein Ritterschlag, das ist eine Vergoldung! Die Bläser, das Verspielte, das dennoch ganz viel Fläche hat und Raum für einen Beat lässt. Das ist genial! Nach sechseinhalb Minuten wippt man automatisch mit, da der Klang satter, markanter wird. Französischer Gesang setzt ein (der Sigur Rós-Moment ist vorbei), eine Clubatmosphäre entsteht, man dreht den Track automatisch lauter und beginnt zu tanzen! Dieses Stück repräsentiert das ganze Album!

Dann kommt der rote Faden! Ninnog At Sea verbindet thematisch beide Teile des Albums. Denn es ist die erweiterte, elektronische Version von Ninnog, das zu Beginn der Platte zu hören war. Clever gemacht! Die letzten drei Stücke knüpfen an diesem Geist an. Es ist sehr beachtlich, wie sich zum Beispiel The Liquid Hour über knapp elf Minuten entwickelt!

Mit Rathlin from a Distance | The Liquid Hour erschafft Yann Tiersen ein unglaubliches Werk. Die Spielarten eines ganzen Genres auf eine klug zweigeteilte Platte zu verschmelzen, ist sinnvoll und in außergewöhnlichem Maße gut gelungen! Ich weiß, dass es eh fast niemand macht, aber: 83 Minuten Musik am Stück zu hören ohne etwas anderes zu tun - nie war es sinnvoller!





Dienstag, 1. April 2025

Herrenmagazin - Du Hast Hier Nichts Verloren

Foto: Lucja Romanowska
(ms) Kleiner Sprung in der Zeit zurück. Hinein ins Jahr 2010. In dem Jahr habe ich Abi gemacht, noch zu Hause gewohnt, war aber auf dem Absprung in ein Freiwilliges Soziales Jahr. Eine gewisse Unsicherheit lag in der Luft aber auch viel Neugier auf alles was kommt. In jenem Jahr ist Das Alles Wird Einmal Dir Gehören von Herrenmagazin erschienen, es war ihr zweites Album und mein erstes, das ich je auf Vinyl gekauft habe. Paradoxerweise ohne einen Plattenspieler zu besitzen. Aber irgendwie wollte ich dieses große Medium in den Händen halten. An dieser Stelle geht ein Dank raus an meinen Papa, der seinen alten Plattenspieler wieder aktiviert hat, sodass dies die erste 12“ war, die ich gehört habe. Ein Meilenstein in der eigenen Musikhörbiografie. 

Herrenmagazin ist eine Band, die mich zum Ende der Schulzeit und Beginn des Studiums wirklich viel begleitet haben. Ich sah sie öfter live, ihre Musik lief laut bei mir zu Hause. In ihren Texten fühlte ich mich wohl. Immer ein dezentes Zweifeln an allem und an sich selbst. Das Scheitern im Sein wurde irgendwie sympathisch und humorvoll aufgegriffen. Bei Herrenmagazin überwiegt das Unperfekte mit einem Storytelling, in dem ich mich schnell wiederfinde.

Und dann waren sie weg. Ab 2016 haben sie Pause gemacht. Obwohl das nicht ganz stimmt. Zumindest haben sie keine neue Musik veröffentlicht. Einzelne Konzerte spielten sie hier und da. Im November 2019 sah ich sie im Tower, Bremen. Dort werden sie im Herbst wieder spielen. Denn Herrenmagazin sind wieder da. Nach gut zehn Jahren ohne neue Töne erscheint nun Du Hast Hier Nichts Verloren, ein typischer Albumtitel für diese Band. Ein Album, das am früheren Schaffen beinahe nahtlos anschließt, als ob nichts wäre. Der alte Sound ist zurück, die gleiche Haltung in den Texten zwischen Beinaheaufgabe, Hoffnung, Menschsein: Wir sind halt unperfekt.

Alter Debütant ist der Startschuss in die neue Platte und ein wunderbarer obendrein! Wie bekomme ich diesen Alltag auf die Kette? Die ganzen kleinen Hindernisse und Unwegbarkeiten. Sie sind alle bekannt, und dennoch bleibt es so. Die guten Tipps und Kalendersprüche - bleiben zwecklos. Und das ist irgendwie okay so. Wenn Deniz Jaspersen singt, geht es nie drum, irgendetwas besser zu machen oder zwanghaft zu reflektieren. Es ist erstmal so wie es ist. Und das darf durchaus mit einem Schmunzeln beobachtet werden. Fragment haut in die gleiche Kerbe. Man könnte ja eine andere, bessere Version von sich und so auch besser für andere da sein. Manchmal ist man sich fremd und dann kommt die Einsicht: „Was uns früher mal vereint hat / wird zu etwas das uns trennt.“ Das ist bitter, aber auch normal. Keine Angst, liebe Leute. Und manchmal hilft dann auch nur die Einsicht, dass das Gröbste überstanden ist. Das, was war, war Mist, aber es ist vorbei. Darum geht es in Letzte Ausfahrt. Diese Art zu texten ist so wunderbar. Heilsam gar, weil es so unaufdringlich ist: Ja, ist manchmal alles etwas kompliziert und oft auch ganz schön dunkel - aber schon okay.
Ja, manchmal ist das alles im Ungleichgewicht. Oft nimmt man mehr, als man gibt. Ja, es gibt so Phasen. Davon erzählt Unvollständig. Und der Titel sagt ja schon: Ist nicht super, und sicher auch nicht ganz richtig aber in diesem Moment bin ich so durchs Tal gekommen. All diese Lieder sind im alten, bekannten Herrenmagazinsound eingebettet. Es ist Gitarrenindierock. Und ich freue mich schon rauf, wenn sie auf der Bühne stehen. Wenn Deniz Jaspersen trotz aller Hoffnungslosigkeit strahlt. Wenn Rasmus Engler den Takt vorgibt, wenn Paul Konopacka den Bass bedient und König Wilhelmsburg so sehr beim Gitarrespielen auf den Zehenspitzen steht, sodass man immer etwas die Sorge hat, dass er gleich von der Bühne fällt.
Das Lied, was diese ganzen Themen am stärksten zusammenbringt ist Mit Halbleeren Worten. Hier ist nicht nur die Gitarre etwas markanter und koppelt zum Teil auch gut zurück. Zum Anderen steckt hier der Albumtitel in den Zeilen: „Wo du allen was beweisen möchtest / da hast du nichts verloren.“ Ja, man kann auch gut auf das, was die anderen sagen, raten, wollen nichts geben! Und: „Du möchtest Menschen was bedeuten / die deine Liebe nicht verdienen.“ Bäm! Was für starke Aussagen! Was für eine starke Band!

Ja, Herrenmagazin sind wieder da und das ist sehr gut so. Ihre Stimme hat gefehlt in der deutschsprachigen Musiklandschaft. Es ist nicht verkrampft, es ist alles schon okay so wie es ist, auch wenn die Wolken richtig dunkel sind. Sie sind unaufdringlich und wunderbar in genau diesem Sein. Zudem haben sie sich nicht krampfhaft neu erfunden. Sie klingen so, wie sie eben schon immer klangen: Du Hast Hier Nichts Verloren ist nichts anderen als großartig!

11.04.2025 Frankfurt, Nachtleben
12.04.2025 Stuttgart, clubCann
01.05.2025 Hamburg, Markthalle
02.05.2025 Hannover, Bei Chéz Heinz
03.05.2025 Berlin, Bi Nuu
04.05.2025 Berlin, Bi Nuu
17.10.2025 Dresden, Groove Station
18.10.2025 München, Kranhalle
20.10.2025 Leipzig, Naumanns
21.10.2025 Kassel, Goldgrube
22.10.2025 Essen, Zeche Carl
23.10.2025 Köln, Gebäude 9
24.10.2025 Bremen, Tower