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Foto: Aurélie Scouarnec |
In den meisten Fällen geschieht das getrennt voneinander. Künstlerin X ist wuchtig, Künstler Y zart. Dann gibt es ein paar große Namen, die beides machen, aber auch separiert voneinander. Martin Kohlstedt ist auf seinen Alben recht zart, live ist es enorm zum mittanzen. Olafur Arnalds macht solo wunderschönste, sphärische Klaviermusik, mit Kiasmos geht es auch auf die Tanzfläche. Also: Beides geht, auch wenn es manchmal hauchzart aneinander vorbeigeht.
Bis jetzt. Bis zum 4. April diesen Jahres. Vor dem nächsten Satz muss ich gestehen, dass ich kein superguter Kenner der Szene bin. An diesem Freitag erscheint ein Album, das beide Pole zum ersten Mal vereint. Mit Rathlin from a Distance | The Liquid Hour gelingt dies dem Altmeister Yann Tiersen. Graphisch ist das schon mal ganz klar festgehalten in zwei Parts einer Platte. Und klar, so ist dieses Werk auch aufgebaut. Von leise zu doll. Dieses wahnsinnige Album ist ein einziges Crescendo! Es ist unglaublich gut gelungen. Doch könnte man ja auch behaupten: Warum nicht zwei Alben draus machen bei sage und schreibe 83 Minuten Spieldauer?! Weil es einen roten Faden gibt! Weil man die HörerInnen auch mal etwas herausfordern kann. Weil es so wunderschön ist, sich der Kunst hinzugeben. Wer hört schon mal knapp eineinhalb Stunden Musik einfach so, ohne etwas anderes dabei zu tun?! Wir sollten dringend damit anfangen.
Der erste Teil ist enorm heilsam. Wunderschön. Filigran. Harmonisch. Insbesondere beim sanften Tórshavn fallen mir Worte wie tröstlich, ummantelnd ein. Eine einfache, wiederholende Grundmelodie trägt durch das Lied, darüber tanzen, leicht melancholisch angehaucht, verträumte Passagen. Etwas umtriebiger, verspielt und locker-leicht kommt hingegen Norðragøta daher. Die Titel scheinen skandinavisch angehaucht beim französischen Klangkünstler. Auf letzterem kommen Bilder von zwei Menschen in den Sinn, die sich im wuseligen Treiben finden oder wiederfinden. In ähnlicher Weise ist auch Bigton komponiert und erinnert an den großen Soundtrack, dessen Namen wir hier mal nicht nennen - das verfälscht den Gesamteindruck.
Und dann wird es so richtig spannend. Denn dieses Album folgt einem glasklaren Plan und ich bin völlig hin und weg, wie gut er aufgeht! Caledonian Canal ist mit seinen nur zwei Minuten Spielzeit der Beginn des Wandels. Langsam klingen die reinen, zarten, Klaviertöne aus, von denen man mitunter die mechanischen Geräusche hört. Ein eher funktionales Stück. Das auf das Folgende vorbereitet. Das nächste Lied heißt Stourm und ist in meinen Augen der Schlüsseltrack der ganzen Platte. Auch wenn es später noch wesentlich deftiger zugeht, ist dieser Song der Wendepunkt. Und es wird sich 11 Minuten und 23 Sekunden gewendet. Auf einmal sind Streicher zu vernehmen. Langsam schleichen sich einzelne Synthie-Töne dazu. Nach drei Minuten eine Andeutung von Bass. Und dann kommt eine Sequenz, die mich beim ersten, zweiten und x-Ten Hören aus den Schuhen kippt. An dieser Stelle muss ich mich als kompletter Sigur Rós-Fan kenntlich machen. Das, was auf diesem Stück von Yann Tiersen geschieht, ist so nah an der isländischen Band dran, wie ich es noch nie gehört habe. Das ist kein Ritterschlag, das ist eine Vergoldung! Die Bläser, das Verspielte, das dennoch ganz viel Fläche hat und Raum für einen Beat lässt. Das ist genial! Nach sechseinhalb Minuten wippt man automatisch mit, da der Klang satter, markanter wird. Französischer Gesang setzt ein (der Sigur Rós-Moment ist vorbei), eine Clubatmosphäre entsteht, man dreht den Track automatisch lauter und beginnt zu tanzen! Dieses Stück repräsentiert das ganze Album!
Dann kommt der rote Faden! Ninnog At Sea verbindet thematisch beide Teile des Albums. Denn es ist die erweiterte, elektronische Version von Ninnog, das zu Beginn der Platte zu hören war. Clever gemacht! Die letzten drei Stücke knüpfen an diesem Geist an. Es ist sehr beachtlich, wie sich zum Beispiel The Liquid Hour über knapp elf Minuten entwickelt!
Mit Rathlin from a Distance | The Liquid Hour erschafft Yann Tiersen ein unglaubliches Werk. Die Spielarten eines ganzen Genres auf eine klug zweigeteilte Platte zu verschmelzen, ist sinnvoll und in außergewöhnlichem Maße gut gelungen! Ich weiß, dass es eh fast niemand macht, aber: 83 Minuten Musik am Stück zu hören ohne etwas anderes zu tun - nie war es sinnvoller!