Freitag, 22. Januar 2021

KW 3, 2021: Die luserlounge selektiert

Quelle: inult.com
(sb/ms) Man ist durchsetzt mit Vorurteilen. Leider. Klar, man arbeitet daran, dass man Menschen anders anguckt und dass nicht sofort tausende Schubladen aufgehen. Tagtäglich versuche ich mich darin zu bessern und den Menschen zu sehen, kein äußeres Merkmal, nichts. Sondern nur sein Wesen, den Charakter, seine Stärken und Schwächen. So eine harte Aufgabe. So eine lohnenswerte Aufgabe!
Doch diese Woche bin ich erneut gescheitert!
Die Wohnung über mir wird seit einigen Wochen, ja Monaten, kernsaniert und es gehen zig verschiedene HandwerkerInnen ein und aus. Wände, Leitungen, Decken, Heizung, Küche, alles muss neu gemacht werden. Wurde halt auch saumäßig hinterlassen. Ja, die Werkelnden waren hauptsächlich Männer, die durchs Treppenhaus schlurften. Bei mir - handwerklich völlig unbegabt, ja, talentfrei - geht dann auch die ein oder andere Schublade auf. Eine wurde nun gecrasht. Auf beste Art und Weise. Des Nachmittags saß ich also daheim, plante für den Job, Ideen zu Papier bringen, Mails schreiben, Austausch mit Kolleginnen. Währenddessen ballerte derart gut hörbare Musik hinab, dass ich ganz Ohr wurde. Und verdutzt zurück blieb. Keine Ahnung, welcher Sender lief. Aber die Herren haben reinen, puren, kitschigen, schlimmen, schlimmen Schlager gehört. Ein Mix aus Ballermann und Andrea Berg. Ganz ehrlich: Hätte ich nicht gedacht. Wieder schlauer. Sorry, liebe Handwerkende!

Hier jetzt aber Musik. Kein Schlager, nie. Versprochen. Guter Geschmack garantiert. Luserlounge.

Rhye
(ms) Wir haben 100 Menschen auf der Straße gefragt, was sie derzeit am meisten wünschen. 92 haben geantwortet: "Einen richtig guten, entspannten, clever arrangierten, lässigen Track, der mich für gut viereinhalb Minuten einmal aus der Realität entführt und mich dann in einem neuen Gewand dort wieder absetzt." Ist so. Wir haben noch nie Quatsch erzählt! Diesen Leuten ist nun geholfen. Denn Rhye bringt nicht nur heute (!) ein neues Album raus, sondern das angesprochene Stück befindet sich auch darauf! Krass, oder? Home heißt die Platte, Come In Closer das Lied. Das ist so raffiniert komponiert, dass es mir wirklich schwerfällt genau zu sagen, was mich so mitreißt und begeistert. Und ist das nicht der eigentliche Zauber der Musik? Die eigene Faszination zu spüren aber nicht genau mit Worten auf den Punkt bringen zu können? Ja, oder? Was bei dem Track, dem Album bei mir passiert: In beruflich sehr stressigen Tagen wie diesen bringt es mich echt runter. Ich schaue mal länger aus dem Fenster, genieße das Glas O-Saft noch mehr, vergesse die Liste an Aufgaben, die neben mir liegt. Ja! Dann hat Musik genau das geschafft, was sie will: Mitnehmen! So einfach, so wundervoll. Großer Tipp was Michael Milosh hier macht.



Batila
(ms) Über Weltmusik habe ich mich letztens schon begeistert geäußert. Man muss sich drauf einlassen, dann schwingt es ganz automatisch. Da kann man halt nichts machen. Großer Pluspunkt dieses Genres. Das kann Neoklassik beispielsweise nicht garantieren. Mit Batila legen wir Euch die nächste Perle dieser Musik ans Herz! Man kann es nicht leugnen, Naboyi ist derart catchy, groovig, elektrisierend, dass man 1. sofort beschwingte Laune bekommt und 2. sich automatisch irgendein Körperteil im Beat mit bewegt. Batila ist Ange da Costa, der dem Song seine wesentliche Stimme schenkt. Der Rest der Band besteht aus seinen Geschwistern. Sie verbinden Klangwurzeln ihrer Eltern, die aus dem Kongo stammen und kombinieren diese mit Soul, R'n'B, Reaggae, Jazz. Eine bestechende Mischung, sodass dieses Jahr auch noch das passende Debutalbum zu erwarten ist. Hui! Hoffentlich im Sommer! Dann sehen wir uns alle im Park, am See, im Biergarten und tanzen wieder ausgelassen! Okay? Okay!

PS: Der PR-Text spricht von 'soulphisticated'. Das wäre mir auch gerne eingefallen!

   

Xixa
(sb) Das Schöne am Hobby-Bloggen ist ja, dass man immer wieder Neues kennenlernt und dass es scheinbar nichts gibt, das es nicht gibt. Xixa sind beispielsweise eine Band, die so klingen, als seien sie genau dafür bestimmt, Filme wie "From Dusk Til Dawn" mit einem sphärischen und mystischen Soundtrack zu unterlegen. Erstaunlicherweise tun sie das aber gar nicht, sondern entwickeln mit ihrem "Mystic Desert Rock" ein Subgenre, das von der Bezeichnung her zunächst mal abtörnend erscheint, tatsächlich aber sehr spannend rüberkommt und eine ungemeine Tiefe transportiert. Ein zentrales Element ihrer durchaus tanzbaren Musik und ihrer düsteren Ästhetik ist die Wüstenlandschaft um ihre Heimatstadt Tucson, Arizona. Ja, ich gebe zu: Vor dem inneren Auge sah ich immer wieder Salma Hayek, wie sie sich auf der Bühne räkelt. Aber das, äh, ist ein anderes Thema... Mit Genesis (VÖ: 19.02.) veröffentlicht das Sextett ein wunderbar abwechslungsreiches Album, das den Hörer mit jedem Track von Neuem überrascht. 


Baits
(sb) Hach ja, die Baits lassen mein altes Grunge-Heart ein bisschen höher schlagen. Und das, obwohl sie fast gar nichts gemein haben mit meinen Helden wie Pearl Jam, Alice In Chains, Soundgarden oder den Screaming Trees. Das klingt doch sehr viel moderner und - zumindest empfinde ich es so - deutlich optimistischer und fröhlicher als die Heroen von einst. Wien ist halt auch nicht Seattle. Trotzdem bleibt die Angst, den eigenen und fremden Ansprüchen nicht zu genügen, auf Never Enough (VÖ: 29.01.) als zentrales Thema bestehen und wird immer wieder aufgegriffen. Der eingängige Gesang von Sonja Maier und die über weite Strecken catchy Melodien runden dieses überaus gelungene Debütalbum ab. Ob die Baits diese Scheibe wie geplant promoten können, steht noch in den Sternen. Folgende Termine sind aber angedacht:

04.03 Chelsea, Wien (AT)
05.03 Moserei, Scharnstein (AT)
06.03 Roeda, Steyr (AT)
12.03 Alte Schule, Gutau (AT)
13.03 Chelley Mühle, Oslip (AT)
19.03 Mammut Club, Klagenfurt (AT)
20.03 Die Bäckerei, Innsbruck (AT)
27.03 Triebwerk, Wiener Neustadt (AT)
09.04 Horst Klub, Kreuzlingen (CH)
10.04 Dynamo Festival, Dornbirn (AT)


Vicious Blossom
(sb) Ist das noch Shoegaze? Ist ja auch egal, denn eigentlich ist You Breathe Inside Of Me (VÖ: 05.02.) in seiner Ganzheit zu vielschichtig, um das Album auf ein Genre zu reduzieren. Die Band dahinter, Vicious Blossom, ist ein Projekt, das Emotionen durch glückselige Klänge und verschwommene Verzerrungen zum Ausdruck bringt und sich dabei ganz augenscheinlich von Bands wie Hüsker Dü inspirieren lässt. Der lyrische Inhalt des Albums befasst sich mit dem romantischen und promiskuitiven Lebensstil von Mastermind Nate Zerbe in den letzten anderthalben Jahren: dem Umgang mit Liebe, Herzschmerz und Lust. Kennt man ja, ne? Mein Favorit ist der Track Goth Girl, der mich direkt wieder auf den Dancefloor des legendären Münchner Atomic Cafés Ende der 90er beamt.


Calman
(sb) Für mich war Calman eine der größten Entdeckungen des Jahres 2020, sein Album Kann Grad Nich lief rauf und runter und landete im Jahresrückblick auf Platz 2. Heute erscheint nun rein digital die Remix-Version davon und auch die weiß zu überzeugen. Ehrlich gesagt bin ich kein großer Remix-Freund, weil meines Erachtens zu oft der Charakter eines Tracks verloren geht und sich der Künstler bei der Neuinterpretation zu arg verkünstelt. Genau diesen Eindruck hatte ich auch hier, aber je öfter ich das Album anhöre, desto besser finde ich rein und desto mehr denke ich mir beim ein oder anderen Remix: Stimmt, genau das hat noch gefehlt. Trotzdem: Ans ursprüngliche Album, dem ja auch ein klares Konzept zu Füßen lag, kommt Kann Grad Nich RMXS nicht ran. Dafür sind die Bearbeitungen der verschiedenen Musiker (u.a. V.Raeter und Petula) einfach zu heterogen. Vom neuen Album gibt's leider (noch) kein Video, deshalb das Original von Wichtig.


Palms
(ms) So Kinder. Ganz zum Schluss beglücken wir euch. Mit einer Zeitreise. Das ist so. Folgende Geschichte: Eine Kollegin bei der Arbeit hört auf und sie bekommt von allen anderen unter anderem ein 'erwachsenes' Freudebuch, sieht besser aus als es klingt. Eine Kategorie 'meiner' Freundeseite: Diese Musik bringt mich immer zum tanzen. Ja, da musste ich nicht lange fackeln. Es ist und bleibt der gute, alte Indierock der 00er Jahre. Ja, Franz Ferdinand gehören nicht zu meinen Lieblingsbands, ich höre sie schlicht und ergreifend zu wenig. Aber bei Take Me Out kann ich nicht anders.
Palms und This One Is Yours sind nicht ganz so groß - wären ja auch irre Fußstapfen -, aber sie versprühen den gleichen Zauber, atmen den gleichen Geist. Indierock. Fertig. Geil. Stabile Gitarren, eine gute Stimme, Tempo, Spirit, eine Ohrwurmmelodie. Klingt so simpel, aber diesen Zauber muss man auch erstmal in knapp zwei Minuten unterbringen. Ist so. Die Jungs kommen aus Sydney und nach fünf Jahren ist das das erste neue Material. Prüfung bestanden, würde ich sagen!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (siehe Blog-Startseite unten) und in der Datenschutzerklärung von Google.