(Ms) Herzlichen Glückwunsch, liebe Anne und lieber Jürgen! 28 Jahre Rookie Records! Das heißt: 28 Jahre zackiger Punkrock, viel Energie, umso mehr Leidenschaft und kein Ende in Sicht. Und das ist auch gut so. Kleine Labels sind wichtiger denn je und umso schöner sind deren Geschicke zu bestaunen, wenn die Bands, die sie im Portfolio haben, den Labelmachern von Herzen dankbar sind! So geschah es vergangenen Freitag im Knust, denn Rookie Records lud zur Geburtstagssause ein und mit von der Partie waren Wick Bambix, 100blumen und Pascow.
Na klar, der letzte Name ist ein ordentliches Zugpferd und sorgte sicherlich auch mit dafür, dass der Abend recht schnell ausverkauft war. Die gut 550 Leute, die vor Ort waren, haben einen irren Abend erleben dürfen. Natürlich steht Rookie Records für Punk. Doch die lange Schlange beim Einlass sah erstaunlich uniformiert aus: Alle in schwarz! Herrlich. Zudem sind 6 Euro für ein großes Bier auch ein stattlicher Preis!
Gegen 21 Uhr ging der Abend los. Wick Bambix aus den Niederlanden eröffneten den Abend. Punk aber akustisch! Die Band kannte ich gar nicht, doch es war sehr unterhaltsam, das Publikum aber noch damit beschäftigt, sich über die Geschehnisse der Woche zu unterhalten. Die nächste Band, die ich auch nicht kannte, war 100blumen aus Düsseldorf. Und als die Jungs auf der Bühne standen, zitterten die Mauern des Knusts. Wow, was war das denn?! Erstens war die Band unfassbar sympathisch und sie bedankten sich auch bei Anne und Jürgen für die gute Labelzusammenarbeit. Musikalisch drehten sie das Energielevel reichlich hoch! War das Punk? War das Hardcore? War das Industrial? War das phasenweise auch schon Metal? Keine Ahnung und es ist mir auch egal. Denn eines war offensichtlich: Es war genial, sehr wuchtig, sehr dynamisch, die perfekte Musik, um eine anstrengende Woche im Nu zu vergessen!
Kurz durchatmen und die Glieder strecken, denn danach kamen Pascow! Für mich immer noch das Beeindruckendste, was Punkrock aus diesen Landen zu bieten hat. Insbesondere live. Und der Gig der Saarländer war erneut eine reine Offenbarung, was live an Gitarrenwucht möglich ist. Rasant, laut, dicht, dringlich. Dabei noch hochgradig sympathisch. Vor Himmelhunde meinte Alex, dass Ausgrenzung von LGBTIQ+-Menschen das Allerletzte sei. Und das sei nicht mal eine Meinung. Das ist einfach nur menschlich. Ja, Alex, so ist es! Und so bot die Band einen wilden Ritt durch ihre Diskographie. Einer der Höhepunkte war sicherlich Wenn Mila Schläft, wohl das Lied, dass Jürgen und die Band zusammen brachte.
Dieser Abend war wirklich ein großes Fest. Für alle Bands und insbesondere für die beiden Labelköpfe. Und wer ins Publikum blickte und die Tage drauf durchs Internet sah: Es haben sehr viele gute Freunde mitgefeiert. So soll es doch sein, oder?! Also: Auf die nächsten 28 Jahre! Punk on!
(Ms) Diese Band ist ein Phänomen und diese Platte ein kräftiger Tritt in den Arsch! Und während Rap und elektronische Acts zunehmend die großen Festivals anführt, ist dieser Gruppe aus Melbourne die Wiederbelebung der reinen Gitarrenwucht gelungen!
Dass es etwas wirklich Neues auf dem weiten Feld der Rockmusik gibt, ist in meinen Augen in den letzten ein, zwei Jahrzehnten nur Ghost gelungen - wenn auch ganz anders. Und die sind nun auch ganz weit oben unterwegs. Amyl And The Sniffers‘ Weg genau dorthin begann vor acht Jahren mit ungeheuer viel Bock. Heute ist dieser Spaßfaktor immer noch ein wesentliches Kennzeichen ihrer wuchtigen Musik. Innerhalb kürzester Zeit haben sie damals eine EP aufgenommen, ohne dass alle ihre Instrumente beherrschen konnten. Das hat sich geändert - und wie! Declan Martens holt sämtliche Kraft aus der Gitarre, die dem Instrument zur Verfügung steht. Fergus Romer rollt den Bass so gnadenlos wie kaum ein zweiter und Bryce Wilson lässt das Schlagzeug im Takt scheppern. Ganz ehrlich: Das sind doch auch Namen, die weit nach oben gehören und vor Zehntausenden spielen sollten. Die prägende und namengebenden Gestalt dieser Band ist allerdings Amy Taylor! Und sie… sie macht einfach was sie will. Ist jetzt schon ein Punkschwergewicht! Sie zieht sich knapp an und meint sinngemäß: Ja, sollen mich die Typen ruhig alle anfassen, dann habe ich endlich einen guten Grund, ihnen auf die Fresse zu schlagen! Punk! Punk! Punk!
Am 25. Oktober (heute!) erscheint ihr neues Album Cartoon Darkness und es ist völlig gerechtfertigt, dies als einen ganz heißen Anwärter für das Gitarrenrockalbum des Jahres anzupreisen! Seitdem ich die Platte hören darf, komme ich nicht davon los und suche immer wieder nach Vergleichen. Finde aber keine. Das ist eigen, das ist markant, das ist saustark! Und das sind 33 Minuten, die voller Dynamik, Energie, Rohheit und Kraft stecken. Zudem gibt es nicht einen langweiligen Moment! 13 Tracks heißt auch, die Songs ballern richtig gut durch, oft nur um die zweieinhalb Minuten sind sie lang. In der Zeit wird alles abgerissen, die Saiten weggeprügelt, die Snare durchtrommelt, die Stimme strapaziert!
Jerkin‘ ist der Beginn dieser Platte und dauert gerade mal zwei Minuten und acht Sekunden! Wow! Es ist hochgradig rasant, was auf diesem Album passiert! Im Text direkt eine Standortbestimmung. Zum Einen: Miss dich nicht mit uns. Zum Anderen: Dass soll einfach eine Menge Spaß machen! Chewing Gum danach ist tatsächlich ein klassischer Rocksong und in seiner Einfachheit genial. Außerdem ist zu hören, dass es nicht super glatt abgemischt ist. Das rotzige und leicht unperfekte Gefühl hat die Band richtig gut auf Platte gebracht. Big Dreams wird im Pressetext tatsächlich als Ballade tituliert, was natürlich ziemlicher Quatsch ist. Klar, dieses Stück ist wesentlich andächtiger und ernster als einige andere Tracks, aber eine Ballade ist das nicht - viel mehr wird man als Hörer bei einem wilden Ritt mal eben geerdet. Direkt danach ballert nämlich It‘s Mine schrammelnd und knarzig für eineinhalb Minuten gnadenlos durch die Boxen! Yes, knallt gut! Vom musikalischen Aufbau gefällt mir Doing In Me Head sehr gut, da Stimmlage und Gitarrenriff parallel gehen und somit viel Dichte erzeugen! Zum Ende hin kommt noch mal ein richtiger Brecher. Denn U Should Not Be Doing That ist der Kern dieser Band - textlich und musikalisch! Dies ist Amy Taylors Antwort auf all die dämlichen Kommentare, die ihr Auftreten und ihr Wesen und vielleicht auch die Musik ihrer Band betreffen. Hier reckt sich ein aggressiver Mittelfinger in die Gegenrichtung hoch und reißt diesen Track mit einer bestechenden Basslinie ab!
Ja, Cartoon Darkness ist eine Ansage! Es ist ein reines Gitarrenrockbrett, das ungeheuer viel Spaß macht. Amyl And The Sniffers sind mit ihrem dritten Album schon dort angelangt, wo viele andere schon lange hin wollten. Scheinbar spielend leicht sind sie dort hingekommen und man darf gespannt sein, wo diese Reise noch hingeht! Die Tourstops hier sind schon ausverkauft, in London werden sie vor 40.000 Leuten spielen… und ich kann es absolut verstehen, bin dem Hype verfallen! Rock on!
19.11.2024 Köln - Carlswerk 22.11.2024 Hamburg - Große Freiheit 36 23.11.2024 Berlin - Columbiahalle 25.11.2024 München - Tonhalle 25.06.2025 Berlin - Zitadelle
(Ms) Vor einigen Wochen hörte ich zum ersten Mal ein Lied von Porridge Radio. Es heißt Sick Of The Blues und es reißt mich bis heute immer wieder in den Bann. Ich wollte meinen Ohren gar nicht trauen. Was passiert hier in diesen knapp dreieinhalb Minuten? Warum bricht die Stimme der Sängerin immer wieder? Warum berührt mich das auf so erschütternde Art?
Viele Fragen stellen sich gleichzeitig und mit jeder Frage steigt meine Faszination dieses Songs gegenüber. Wie bricht dieses Lied aus. Wie drehen die Gitarren auf. Wie kompromisslos ist das denn bitte?! Am Text kann es nicht zwingend liegen, denn der dreht sich weitestgehend immer wieder. Nein, es ist viel mehr, was dahinter steht. Das geht tief und das tut weh! Dana Margolin heißt die Sängerin dieser Band, die mir aus schleierhaften bislang Gründen verborgen blieb, und Dana Margolin war das Musikbusiness satt - sick of it! Die hat damit gebrochen, um wieder zu sich selbst zu finden. Und das besingt sie auf diesem unglaublichen Track: „I‘m sick of the Blues / I‘m in love with my life again:“ Und wieder hat ein großes persönliches Tief dafür gesorgt, dass große Kunst entsteht (siehe hier).
Porridge Radio heißt ihre Band, sie kommt aus Brighton (liebe Grüße an Fabian Hürzeler!). Am 18. Oktober (heute!) veröffentlichte die Gruppe ihr neues Album mit dem sagenhaften Titel Clouds In The Sky They Will Always Be There For Me. Elf Songs sind darauf enthalten und sie schlagen allesamt richtig übel zu. Das Markanteste ist dabei nicht mal die Instrumentierung oder die sehr persönlichen Texte von Dana Margolin. Es ist, wie bereits beschrieben, dass ihre Stimme immer mal wieder bricht, sich überschlägt. Sie nutzt diese Emotionalität als Stilmittel. Das ist sehr spannend. Die meisten SängerInnen würden solche Aufnahmen sicher nicht auf Platte pressen, sondern es glatter, reiner singen. Doch genau das ist hier der Clou! Margolin öffnet sich hier immer wieder so krass, es wird so privat, sie gibt einen sehr klaren, mitunter recht harten Einblick in ihr Seelenleben, dass es nur logisch erscheint, dass bei den Tiefs auch der Körper - oder hier: die Stimme - bricht. Zum Glück hat sie die Beziehungs- und Arbeitstiefs, von denen sie singt, überstanden. Doch die harten Eisichten verlieren ja nicht an Dramatik. Daher ist ihr Entschluss, ihre zerbrochenen Seiten musikalisch zu zeigen, mutig und sehr nachvollziehbar. Davon lebt diese Platte!
Die elf Lieder behandeln zwei große Themen aus Dana Margolins Leben. Zum Einen war sie nach dem Erfolg des vorherigen Albums und den dazugehörigen Konzerten einfach leer. Kaputt. Müde. Erschöpft. Ausgebrannt. Dieses Burnout klang irgendwann aus und genau danach brach ihre Beziehung zusammen und die Düsternis kehrte direkt zurück. Was für eine furchtbare Abfolge! Dass diese Gefühle, diese große Ratlosigkeit, die Hilfegesuche und Verzweiflung irgendwo hinmüssen, ist klar. Lavender Raspberries ist so ein Stück, auf dem viel Dramatik herrscht, so viel Dringlichkeit, so viel, das einfach raus muss. God Of Everything ist der Kern der emotionalen Verarbeitung des Beziehungszusammenbruchs. Der andere hatte die Macht, ihr die schlimmsten Gefühle fühlen zu lassen. Ausgelaugt, wertlos, ohne Selbstbewusstsein. Doch dagegen wehrt sich Dana Margolin: Du hast mir das angetan, doch ich herrsche über alles andere.
Clouds In The Sky They Will Always Be There For Me ist ein unglaubliches Album. Voller Tragik, voller Tiefen, voller Dramatik und Intensität. Aber es ist auch ein Zeugnis großer Kunst und dafür bewundere ich die Sängerin und ihre Band. Es ist die perfekte Herbstplatte und ich wünsche insbesondere Dana Margolin, dass sie unter den kommenden Konzerten, Interviews, Touren nicht so leiden wird wie zuvor.
09. Dezember 2024 - Hamburg - Knust 10. Dezember 2024 - Berlin - Columbia Theater 14. Dezember 2024 - Schorndorf - Manufaktur 18. Dezember 2024 - Wiesbaden - Schlachthof 19. Dezember 2024 - Köln - Artheater
(ms/sb) Gleichheit als Ziel. Das wäre doch was, oder?! Letztens wurde ich Zeuge. Saß im sehr gut gefüllten Zug und mein Gegenüber, ein großer, sportlicher Typ, holte eine kleine, runde Mandarine raus. Insgeheim habe ich mich auf den Duft, der dann durch die RE9 weht, gefreut. Doch es war auch schön, wie die Mandarinenschalenstruktur ihn fast zur Verzweiflung trieb. Immer riss nur ein kleines Stück ab. Und noch eins. Und noch eins. Wer kennt es nicht?! Herrlich! Klar, er konnte danach die süße Frucht genießen. Doch an diesem Punkt wären wir alle gleich. Mandarine sei Dank!
Erland Cooper
(sb) Zum Einstieg gleich mal eine Wahnsinsstory: Stellt Euch vor, Ihr nehmt ein Album auf und geht dann völlig bewusst das Risiko ein, Euch die ganze Arbeit völlig umsonst gemacht zu haben. Klingt crazy, oder? Wieso sollte man das tun? Fragt Erland Cooper, denn der hats durchgezogen!
Drei Jahre lang lag die einzige Aufnahme des ungehörten Albums Carve The Runes Then Be Content With Silence in der torfigen Erde Orkneys. Ein gewagtes Experiment des schottischen Komponisten, ein einzigartiger Versuch, mit der Natur zusammenzuarbeiten. Wird das Band stumm auftauchen, und spielt es eine Rolle, ob es das tut?
Für den Künstler hat sich das Risiko jedenfalls gelohnt, denn das Album erreichte Platz 1 der britischen Klassik-Charts und die Aktion rief - wie sollte es auch anders sein - ein gehöriges mediales Echo hervor. Fast schon schade finde ich persönlich, dass die Story drumherum die Musik in den Hintergrund drängt. Denn das, was man da zu hören bekommt, ist durchaus erwähnenswert und hätte auch so den erreichten Erfolg verdient.
Apropos Erfolg: Der Official Charts Company No.1 Award aus recyceltem Acryl (in einen Stoffbeutel eingewickelt, um jegliche direkte Interaktion mit dem Boden zu verhindern) wurde nun ebenfalls vergraben, wird jedoch nicht länger als einen Monat in der Erde verbleiben, um jegliche schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt vollständig zu vermeiden. Sollte jemand das gute Stück vorher finden, darf er es behalten. Echt jetzt, kein Scheiß. Ist das nicht abgefahren?
Live gibts Erland Cooper demnächst hier zu bewundern:
24.10. Hannover, Feinkost Lampe
26.10. Berlin, Fotografiska Ballroom
27.10. Büsum, Lighthouse Hotel & Spa
Talco
(sb) Die Ska-Punk-Band aus Marghera poppt hier ja immer wieder mal auf und das aus guten Grund, weil geil. Vor allem live. Was liegt also näher, die Best Of-Scheibe quasi direkt auf der Bühne aufzunehmen, sich die Rosinen einer Tour rauszupicken, zu komplilieren und die Fans glücklich zu machen? Natürlich fehlt das optische Erlebnis, dieses unmittelbare Dabeisein, Schwitzen, Tanzen und Fühlen, aber Talco gelingt es auf ihrem 20 Years Live Album dennoch sehr authentisch, die Energie zu transportieren, die die Auftritte der Italiener so besonders machen. Reinhören, feiern und ab zum nächsten Konzert - und zwar hier im Frühjahr 2025:
10/01 || DE - München @ Backstage
11/01 || CH - Zürich @ Dynamo
31/01 || DE - Köln @ Live Music Hall
01/02 || DE - Wiesbaden @ Schlachthof
07/02 || DE - Berlin @ SO36
08/02 || DE - Berlin @ SO36
14/02 || DE - Hamburg @ Markthalle
15/02 || DE - Hamburg @ Markthalle
21/03 || CZ - Prag @ Futurum Music Bar
22/03 || AT - Wien @ Arena Wien
Das Format
(Ms) Seit jeher, seit dem ersten bewussten Musikhören als Teenager ist sie da: Die nie enden wollende Suche nach guten, deutschsprachigen Texten. Egal, in welche Richtung sie gehen. Unterhaltsam, tiefsinnig, brachial, politisch, emotional, alles davon. Eine Suche, die von vielen Enttäuschungen geprägt ist. Aber mindestens von genauso vielen Lichtblicken. Und hier ist der nächste: Das Format! Ein Name nach… nunja… Format. Doch es sind nicht nur die Texte des Trios, die richtig schnell das Herz und den Verstand zum scheppern bringen, sondern es ist auch eine geradlinige Art von Druck in der Instrumentierung, der sehr viel Spaß macht. Am 22. November erscheint ihre erste, nach sich selbst benannte Platte. Bruno Tenschert, Maximilian Wörle und Maximilian Stephan sind keine neuen Akteure auf der hiesigen Musikbühne, doch so zusammen verschmolzen, holen sie eventuell die beste Energie ihres musikalischen Schaffens raus. Das wird eine ganz spannende Platte! Versprochen!
Thees Uhlmann
(Ms) Vor zwei Wochen berichteten wir hier an dieser Stelle schon über die ausverkaufen Hamburg-Abende von Thees Uhlmann im Januar. Es hat nicht lange gedauert, bis alle Tickets weg waren. Aber es war ein langer Weg, bis dieser Musiker so etwas erst erreicht hat. Was muss alles passieren, damit man als Musiker solch Taten vollbringen kann. Dass das ausverkauft sein wird, wird sicher auch Thees Uhlmann klar gewesen sein, sonst hätte. Man ja nicht mehrere Abend nacheinander gebucht. Aber wie schnell das ging… da kippt einem nach gut dreißig Jahren Musikerdasein die Kinnlade runter. Demut ist angesagt. Natürlich werden die St. Pauli-Abende große Unterhaltung werden und auch gespickt von tollen Anekdoten. Doch viel emotionaler werden die Lieder reinhauen, die er darbieten wird. Denn, da sind wir uns ja alle einig, erst Tomte und dann seine Solo-Platten… die haben das Herz schon in Beschlag genommen. Oft waren es die ganz einfachen Zeilen, die so frappierend ehrlich und dadurch hart waren. Oder die großen Geschichten, die er sang. Zeit, zurück zu blicken, sich auch ein wenig zu verneigen. Hier ist das Ergebnis: Sincerly, Thees Uhlmann heißt die 29-Track-starke Werkschau, die am 6. Dezember passend zum Schuhe-vor-die-Tür-stellen-Tag erscheint. Lieder von 1998 bis 2023. Ein Vierteljahrhundert. Wahnsinn. Diese Sammlung sollte nirgends fehlen. Punkt.
Tocotronic
(Ms) Letzte Woche schrieb ich an dieser Stelle schon etwas über Tocotronic und die Ankündigungsstrategien, um neue Musik zu präsentieren. Erst der kleine Schnipsel des neuen Refrains. Nun ist die neue Single da: Denn Sie Wissen, Was Sie Tun. Ein Track, der textlich und musikalisch recht einfach gehalten ist, aber auch ganz klar. Zwei wichtige Erkenntnisse liefert das Lied. Erstens muss uns klar sein, dass viel Grauen da draußen so gewollt ist. Auch das Wählen rechtsextremer Parteien ist ein bewusster Akt, hier und anderswo. Sie wissen, was sie tun. Die Politiker, die Wähler, die Menschen mit dem Knopf in der Hand. Zum Anderen liefert das Stück die Strategie, um dagegen anzugehen. Sie ist so einfach wie schwer: es ist die Liebe! Ein Kuss auf ihre Münder kann entwaffnender sein als alles andere! Tocotronic! Musikalisch setzen sie mit diesem Song kein Ausrufezeichen, textlich aber sehr wohl. Dafür sind sie da. Ich bin froh, dass dann bald eine neue Platte kommt. Interessanter Fakt zum Video: Nachdem Rick MacPhail seine Bandpause angekündigt hat, ist er auf dem Video auch nicht mehr zu sehen. Die Band ist also wieder ein Trio. Daher wiederhole ich mich gern an dieser Stelle: Alles Gute, lieber Rick MacPhail!
(Ms) Am Freitag hielt der Wahn Einzug in Bremen! Er kam als Duo zu zweit aus Köln und dehnte sich über zwei Stunden im Lagerhaus aus. Wobei es lange Zeit gar nicht danach aussah…
Vor einer Woche erst hat PeterLicht sein neues Album Alles Klarveröffentlicht und uns neun wunderschöne, sanfte Lieder geschenkt! Natürlich gibt es auch aus seinem ganzen Schaffen wesentlich mehr zu besingen! Das zeigt er momentan auf seiner Tour und am Freitag machte er Halt in Bremen. Das Lagerhaus war gut gefüllt, nicht ausverkauft, genau so, dass es nicht zu eng war. Tiptop! Seit vielen Jahren geht PeterLicht als Duo auf Tour, Benedikt Filleböck ist live die geniale Person an seiner Seite, die für viel musikalische Tiefe sorgt.
Das Konzert war zweigeteilt und das war für die Emotion, mit der man später nach Hause gegangen ist, von entscheidender Bedeutung! Die erste Dreiviertelstunde war sanft, sinnlich, bedacht, zum Teil sogar ernst und mit kleinen Stichen ins Herz versehen. Mit den ruhigen Songs startete der Kölner Musiker in den Abend. Ein entspanntes Candy Käsemann, ein humanes Dämonen, ein aufrechtes LiedVom Ende Des Kapitalismus, Das Absolute Glück. Da steckt viel Herz drin, viel Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit. Doch in ein paar Versen auch ein wenig Verzweiflung. Die sprach mich besonders bei Wir Schulden Euch Nichts an. Der Opener der aktuellen Platte ist hart in einem weichen Klangkostüm. Wenn PeterLicht singt „Ihr habt euch alles genommen / gebt sie (die Welt) uns wieder“ dann ist das ein klarer Ausruf, eine klare Aufforderung. Doch im Publikum ist halt kein Adressat. Das ist ja normal bei solchen Liedern und Konzerten, doch irgendwie fand ich das bitter. Da steht jemand, der großartige Kunst erschafft, sie singt und nur wenig Wirkung erzielt. Das meinte Marcus Wiebusch auch schon mal bei einem Kettcar-Konzert, dass Musik nichts ändert, sondern allerhöchstens ein ummantelndes Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen kann. So auch am Freitag in Bremen.
Eine andächtige Stimmung war eindeutig zu erfühlen. Und sie wurde gekonnt in große Unterhaltung transformiert mit all den Liedern, die PeterLicht zum Schmunzeln bereithält. Eine lange und sehr lustige Ankündigung zu Benimmunterricht inklusive ausführlichem Mitmachteil leitete den zweiten Konzertteil ein. Denn es folgten einige mitunter sehr tanzbare Klassiker wie Safarinachmittag, Sonnendeck, Wettentspannen, Gerader Weg, Problemlöser oder Kontolied. Es lässt sich recht einfach zusammenfassen: Das hat sehr, sehr viel Spaß gemacht! Wie er dort tanzt, ankündigt, spielt. Auf der großen Akustik- oder den kleinen E-Gitarren! Wie er mit Benedikt Filleböck ein richtig gutes Team ist, das Freude bereitet, phantastische Unterhaltung darbietet, große Kunst, oft um Ecken denkt (und hoffentlich ankommt).
PeterLicht ist ein vielschichtiger, großartiger Künstler. Wer die Möglichkeit hat, ihn live zu sehen, sollte das dringend tun! Leicht nachdenklich, aber auch mit großem künstlerischem Genuss aufgeladen, geht es Heim!
(Ms) Folgende These: Große Krisen können große Kunst hervorbringen.
Wenn wir dieser These einfach mal ohne Einspruch folgen, ploppen einige Nachfolgefragen auf. Auch aus ethischer Sicht im weitesten Sinne. Denn wenn ein Mensch eine schlimme Episode seines Lebens durchschreitet und auch wirklich leidet - ist es dann okay, das Ergebnis eines kreativen Schaffensprozesses, der sich diesem Leid anschließt oder aus ihm entspringt, gut zu finden?!
Das ist natürlich schwer zu beantworten, da ich als Hörer einer mir fremden Person nicht helfen kann. Habe ich überhaupt Einfluss darauf? Sicherlich nicht. Und es ist ja auch nicht so, dass ich mich an dem Leid eines anderen laben würde, so weit kommt es ja nicht.
Doch viele großartige Alben entspringen ja aus einem dunklen Tief der Person, die sie geschaffen hat. Heikel, heikel. Und leider gehen ja auch viele Personen an dem öffentlichen Rummel oder den abgründigen Seiten des Musikbusiness zugrunde.
Warum ich überhaupt diese schweren Fragen aufwerfe, hat einen recht einfachen Grund: Jack Merrett hat am Freitag (11. Oktober) mit seiner Band Famous sein erstes Album veröffentlicht. Und der Weg dahin war dunkel und krisengezeichnet. Seine Kunst verarbeitet das und ich hoffe inständig, dass es ihm hilft. Denn so viel steht fest: Party Album ist eine unglaubliche Platte! Wie viel Dringlichkeit, Energie und Härte stecken denn in diesen 31 Minuten?!
Jack Merrett kommt aus London und ich liebe diesen Akzent, der immer wieder in seiner Stimme zu hören ist. Apropos Stimme: sie ist ein wahnsinniges Alleinstellungsmerkmal. Tief, sonor, eindringlich und dennoch bricht sie immer wieder, wenn er über seine Krisen als Endzwanziger singt, brüllt, flüstert. Die neun Tracks der Platte sind gezeichnet von einem recht rohen Sound, an dem wenig glatt geschliffen wurde. Wenn das Klavier klingt, dann als ob es direkt neben mir stehen würde. Wenn die Gitarren, der Bass und die Drums scheppern, dann so, dass ich in diese wilde Szenerie am liebsten eintauchen möchte und auch ausrasten will.
What … The Rest Of Your Live ist ein herrlich pulsierender Alternative-Rock-Track, der mit einer richtig guten Keyboard-Hook glänzt und spätestens auf der zweiten Hälfte zeigt, was Merrett alles mit seiner Stimme anstellen kann - beeindruckend! 2004 setzt dem nochmal die Krone auf. Denn wie dieses Stück sich entwickelt, ist einfach richtig gut arrangiert. Ich verfalle sehr schnell Songs, die wie ein großes Crescendo aufgebaut sind und dies hier ist ein Paradebeispiel, durch das sich ein markantes Gitarrenriff zieht. In der Mitte des Tracks kommt der Eindruck auf, dass es dann so bleibt, aber bei weitem nicht - hinten lauert die Explosion! Richtig knarzig, wild, ruppig geht es auf God Hold You zu! Ein Lied wie dieses kann doch nur aus einem persönlichen Abgrund entstehen. Irre! Doch am Ende kommt die große Einsicht: Love Will Find A Way heißt das letzte Stück, hat einige sanfte Phasen. Doch auch eine Menge Verzweiflung mischt da mit.
So ist Party Album die bittere Einsicht, dass die Party vorbei ist. Die Zeit der durchzechten Nächte da acta gelegt. Da kommt ein bisschen Wehmut auf, doch eines ist viel wichtiger: Diese Platte strahlt vor heilenden Momenten, denn auf den neun Liedern bricht alles heraus, was sich bei Jack Merrett angestaut hat. Und ich wünsche ihm nur das beste, dass er seine Musik als Kanal nutzen kann, um seine Krisen wirklich verarbeitet zu haben. Und so bleibt die bittere Erkenntnis: Ja, ich kann das gut finden oder sogar brillant, wofür jemand anders gelitten hat.
(Ms) Ich liebe das Ankündigungsspiel, wenn eine Band neue Musik veröffentlichen wird. Meist kommen erstmal neue Bilder auf den Social Media-Plattformen. Dann gibt es manchmal einen kleinen Schnipsel eines Songs zu hören, dann Albumtitel, Datum, Tour, undsoweiterundsofort… Das geschieht gerade bei Tocotronic. Es wird wohl bald ein Lied geben, das Denn Sie Wissen Was Sie Tun, was mal wieder eine glasklare Analyse der Realität ist. Es gibt gefährliche Menschen, die bewusst den Terror sähen. Nur einen kleinen Ausschnitt gibt es bei Instagram zu hören und dazu ein paar geniale Bilder (seht selbst!). Doch die spannende Neugier wird reichlich getrübt, denn die Band ließ letztens auch verkünden, dass Rick MacPhail aus privaten und gesundheitlichen Gründen eine Bandpause einlegen wird. Natürlich wird hier nicht spekuliert, es bleibt nur eine Sache zu sagen: Alles Gute und gute Besserung, lieber Rick!
Kettcar
(Ms) Bislang war es sicher das umtriebigste Jahr der Bandgeschichte von Kettcar. Erst die neue Platte, allerhand Promo-Gespräche und -Auftritte und dann zwei riesige Tourblöcke. Erst durch die Hallen, dann über die Freiluftbühnen und das an einigen wirklich spannenden Orten, die sonst weniger auf Konzertplakaten erscheinen (Würselen, Taarstedt, Bad Zwischenahn). Doch überall kommen die Menschen hin, sind - wie ich - seit vielen Jahren begeistert von den Texten, die sie schreiben und der Energie, die die fünf Hamburger auf die Bühne bringen. Ich war drei Mal dabei dieses Jahr und natürlich ist dann die Freude groß, wenn eine neue Konzertreise angekündigt wird. So dieser Tage geschehen: Kettcar gehen im Januar wieder auf Tour. Wie es mir scheint teilweise in ein paar kleinere Läden als noch in diesem Frühjahr und mal wieder an Orte, wo sonst kaum jemand dieser Größenordnung spielt. Aurich zum Beispiel und die neue Halle im Bunker an der Feldstraße in Hamburg! Genial! Dann wird noch ein Mal richtig Lärm gemacht!
(Ms) Gute Texte auf Deutsch zu schreiben, ist für jeden, der es je versucht hat und alle die es hören, eine große Herausforderung. Natürlich kennen wir all die Namen, denen es sehr gut gelingt. Wer dabei vielleicht nur ab und an auftaucht, ist Hannes Wittmer. Früher noch als Spaceman Spiff bekannt, tritt er seit vielen Jahren nur noch unter seinem bürgerlichen Namen auf. Da er wenig auf Social Media auftaucht, ist vielleicht auch gar nicht so präsent, dass er dieses Jahr ein tolles Album veröffentlicht hat: Sag Es Allen Leuten heißt es und ist wieder einmal großartig geworden. Hannes Wittmer ist einer der Künstler, die sich selbst in die Texte legt und das sogar auch erklären ohne sich zu rechtfertigen. Das finde ich sehr spannend, sehr ehrlich, immer wieder sehr krass, da sich Hannes Wittmer sehr stark öffnet. Gegenüber dem Publikum und automatisch gegenüber der ganzen Welt. Manchmal tun seine Texte weh, manchmal sind sie einfach nur wunderschön. Zusätzlich ist er ein unglaublich sympathischer Kerl, der zu Ich Du Er Sie Ich ein kleines Video gemacht hat. Bald geht er auch auf Tour, da sollten möglichst alle Menschen hingehen. Und für die Leute, die gerade nicht so viel Geld zur Verfügung haben, gibt es etwas preiswertere Tickets im Angebot. Sehr fair, sehr gut!
28.10. München - Feierwerk
29.10. Würzburg - Cairo
30.10. Köln - Helios
31.10. Langenberg - KGB
01.11. Bremen - Tower
03.11. Leer - Zollhaus
04.11. Münster - Pension Schmidt
05.11. Hamburg - Hafenklang
06.11. Leipzig - Naumanns Tanzlokal
07.11. Hannover - Lux
09.11. Berlin - Privatclub
neànder
(Ms) Manche Musik braucht gar keinen Text. Das habe ich recht eindrücklich letztens beim Hellseatic Festival in Bremen erleben können. Dort traten einige Bands auf, die rein instrumental agieren. Auch neànder hätten hervorragend in das Line-Up gepasst. Aus zwei sehr guten Gründen: Zum Einen spielen sie ihre Musik auch ohne Text, zum anderen würde ich ihren Sound auch im weitesten Sinne unter Heavy Music abspeichern ohne eine genauere Genrebezeichnung nutzen zu wollen. Denn das, was die Berliner Band seit einigen Jahren tut, ist nicht so speziell zu klassifizieren. Denn die harten, breiten, epischen Phasen ihrer Lieder werden immer wieder durch sehr melodische Parts abgelöst ohne kitschig oder melancholisch zu werden. Unterm Strich bleibt die große Reise der harten, großflächigen Klanglandschaften. Am 8. November wird die Gruppe ihr neues Album veröffentlichen, das auf den simplen Titel III hören wird und es könnte großartig werden, denn die Single Ultra ist genau das: eine wahnsinnige Klanglandschaft!
Turbostaat
(Ms) Ein bisschen müßig ist es schon, noch etwas über Turbostaat zu schreiben, was woanders nicht steht. Und das wird mir hier auch unter keinen Umständen gelingen. Doch egal: Es sind ja auch die persönlichen Verbindungen, die zählen. Für mich habe ich die Flensburger Band erst so richtig mit ihrem Live-Album Nachtbrot entdeckt, obwohl ich sie vorher insbesondere auf Festivals schon einige Male sah. Doch irgendwelche Umstände waren dafür verantwortlich, dass sie zu Hause bei mir nie liefen. Dabei erinnere ich mich noch sehr gut, dass sie im April 2008 in der Westfalenhalle Dortmund Vorband der Beatsteaks waren und Sänger Jan Windmeier danach unter einer schlimmen Stimmbandentzündig (oder so) litt. Letztes Jahr sah ich sie beim enormen Angst Macht Keinen Lärm Festival in Wiesbaden und es ist einfach kaum zu glauben, mit was für einer Energie diese Band spielt! Am 17. Januar erscheint dann Alter Zorn, die neue Platte! Seit heute ist ihre Single Jedermannsend draußen. Wie gewohnt sprachlich-kunstvoll in der Wortschöpfung, wie gewohnt etwas kryptisch im Text, doch diese Zeilen sind klar zu verstehen. Was tun, wenn jemand Liebes stirbt?! Vor allem Ratlosigkeit steht im Raum, irgendwie möchte man fliehen. Und das bringt das Video dazu gut zum Ausdruck. Ein Streifzug durch ein verzerrtes, verbautes, teilweise totes Berlin.
Im kommenden Jahr gibt es dann eine richtig große Tour, bei der es wieder ordentlich scheppern wird!
26.02.2025 Münster, Sputnikhalle 27.02.2025 Wolfsburg, Hallenbad 28.02.2025 Marburg, KFZ 01.03.2025 Magdeburg, Factory 02.03.2025 Rostock, Peter Weiss Haus 12.03.2025 Köln, Kantine 13.03.2025 Hannover, Faust 14.03.2025 Leer, Zollhaus 15.03.2025 Wiesbaden, Schlachthof 16.03.2025 Bochum, Bahnhof Langendreer 02.04.2025 Dresden, Tante Ju 03.04.2025 AT-Wien, Das Werk 04.04.2025 Erlangen, E-Werk 05.04.2025 Leipzig, Conne Island 16.04.2025 Jena, Kassablanca 17.04.2025 CH-Winterthur, Salzhaus 18.04.2025 CH-Bern, ISC 19.04.2025 München, Feierwerk 20.04.2025 Karlsruhe, P8 15.05.2025 Berlin, SO36 22.05.2025 Hamburg, Markthalle