Donnerstag, 24. September 2026

Nichtseattle - Große Liebe

Foto: Sascha Schlegel
(Ms) Erst wurde aus Katharina Kollmann Nichtseattle. Dann wurde daraus ein Duo und seit ein paar Jahren schließlich eine Band. Ihre Texte waren und sind der wunderbare Mittelpunkt ihres Schaffens. Ihre Ideen, ihre Unmittelbarkeit, die schonungslose Realität. Das findet sich auch an zig anderen Stellen, doch wenn Katharina Kollmann den Stift in die Hand nimmt, um ihre Texte zu schreiben, dann passiert etwas unvergleichliches. Dann erscheinen unfassbar kluge, ungefilterte Gedanken. Dann gibt es kaum etwas zu verstecken. Dann erscheint das Leben mal echt schwer und kompliziert und im nächsten Moment wieder heiter und klar. Sie schaut wirklich überall hin, lässt nichts aus und beschönigt keinen Winkel des menschlichen Daseins. Nun bringt sie am 25. September ihr neues Album raus und darin beschäftigt sie sich mit dem schönsten und härtesten Thema: Große Liebe heißt es und erscheint bei Staatsakt.
Klar, das vielleicht beste Thema der Kunst ist schier unerschöpflich. Weil ständig neue Liebesgeschichten geschrieben werden. Aber auch Trennungsgeschichten. Sehnsuchtsgeschichten. Enttäuschungsgeschichten. Glitzergeschichten. Zehn Stücke hat sie mit ihrer Band geschrieben und eingespielt. Teilweise gehen sie (wieder) über sieben Minuten, sind intensiv und wundervoll. 

Mit melancholischen, schweren Gitarren startet die Platte. Dallas heißt der erste Track, zugleich die erste Single. „Was meinst du mit Liebe?“ - diese Frage direkt zu Beginn. Puh. Eine große Reflektion über Alterslosigkeit und Therapie und eigentümliche Ideale (eine aus Dallas oder ein westdeutscher Mann), die gejagt werden. Und aus dem nachdenklichen, schwermütigen Start wird immer wieder ein großes Aufbäumen. Nein, keine Heiterkeit, sondern ein gerader Rücken. Und damit ist das Wesen von Katharina Kollmanns Musik zu Beginn skizziert.
Dass aus dem Soloprojekt über einen langen Zeitraum eine Band geworden ist, ist auch zu hören. Der Klang dieser Platte ist extrem rund, toll abgestimmt, sehr harmonisch. Auf River Cola dominiert ein warmer Bass. Darüber ein Text, der das große Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen und damit ein oft gelebtes Machtgefälle beschreibt. Über Reaktionen, die so untypisch weiblich seien mit der logischen Anschlussfrage, was das denn überhaupt sei. Ein wunderbarer Song, denn er baut sich großartig auf. Fängt an zu glänzen. Bring ein Strahlen zurück. Auch dank Trompete und Dur.
Für Zeilen wie „Freundschaft ist mein Schwergewicht“ auf Ich Mit Brille mag man sie einfach nur beneiden. Ohnehin ein Stück, das weiter strahlt, das Positive zeigt und auch den Liebesblick ein wenig erweitert. Was bedeutet dieses große Wort eigentlich und wem gilt es?! Eine sehr gute Frage, die wir uns alle stellen sollten. Und wenn am Ende eine kleine Chorsequenz erkling, bäumt sich die Gänsehaut auf!

Nichtseattle ist immer auch ein feministisches Manifest - großartig! Meine Ladies heißt der Track voller Hinknien, Zusammenhalt, Empowerment. Ein Track voller Zuversicht, voller Kraft und Macht: „Ich glaub, ich glaub an uns.“ Manchmal sind die einfachen Worte im passenden Kontext so wirkmächtig! Wow! Insbesondere wenn sie mehrstimmig, kraftvoll, inbrünstig in die Welt gesungen werden!
Runtergeschraubt, gezupft und gehaucht geht es auf Station 8 zu. Ein Klinikaufenthalt? Eine Reha? Eine Verarbeitungsphase nach einem Zusammenbruch. Spricht sie über sich? Egal. Spätestens wenn sie im Chor singt, ruft, fordert, wünscht: „Bring mich nach Hause“ - dann ist doch alles klar, oder?! Hui, wie viel Dringlichkeit in so reduziertem Arrangement liegen kann - phantastisch.
Am Ende noch ein Klavier. Seichte, andächtige Töne. Fremde heißt das letzte Stück. Ein gesprochenes Lied. Ein großartiger Gebrauch von Sprache über Kategorisierung und Schubladendenken und dessen grausame Konsequenzen. Ein Gedankenstrom über ihr Elternhaus? Wut macht sich breit, Unverständnis, Misstrauen. So baut sich ein Stück auf, die anderen Instrumente setzen ein. Das Klavier bringt Hoffnungsschimmer, die Gitarre behält die Zweifel. Knapp acht Minuten dauert dieses letzte Lied und lässt uns Hörende mit vielen Gedanken zurück. Was macht die durchaus aufbauende Musik nach dem bitteren Text? Wie schön, dass uns diese Gedanken geschenkt werden, wenn man sich denn drauf einlässt.

Gut eine Stunde erklingen Nichtseattles neue Stücke auf Große Liebe. Ja, mit ihrer Band ist Katharina Kollmann ein weiteres tolles Album gelungen. Doch ich frage mich auch, ob sie damit auch überfordern kann. Die Texte sind nicht nur lang, sondern auch so dicht und komplex. Doch kurz weiter gedacht, ergibt sich folgendes Bild: Was erwarte ich denn von Kunst?! Dass sie unscheinbar nebenher dudelt?! Dass sie einfach ein paar nette Momente generiert?! Wenn ja: Okay. Doch sie kann auch bereichern, kann auch weh tun. Kann zum großen Genuss, zur Großen Liebe einladen. Kann aufzeigen, protestieren, anregen und bestätigen, rausbrüllen. All das - und sicher noch wesentlich mehr - ist hier auf beeindruckende Weise gelungen!

03.11.26 Kiel, Hansa48
04.11.26 Hamburg, Knust
05.11.26 Osnabrück, Kleine Freiheit
06.11.26 Langenberg, KGB
07.11.26 Leipzig, UT Connewitz
08.11.26 Berlin, Großer Sendesaal des rbb
09.11.26 München, Feierwerk (Kranhalle)
10.11.26 Wien, Club Lucia
12.11.26 Regensburg, Alte Mälzerei
13.11.26 Frankfurt, Brotfabrik
14.11.26 Köln, Artheater

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