Mittwoch, 20. Mai 2026

Get Well Soon - Minus The Magic

Foto: Oskar Funke
(Ms) Let There Be Rock!

Wird ein fast totes Genre dieses Jahr wirklich wiederbelebt? Die Spatzen pfeifen es von den Dächern! Beyoncé und Charlie XCX lassen die Gerüchteküche brodeln. Wird der Dancefloor leer gefegt und kommen die geballten Fäuste zurück? Nein, nicht die Zuschlagenden, sondern die, die die Energie rauslassen wollen. Oder müssen. Eine Energie, die nur die verstärkten Gitarren erzeugen können!
In jedem Fall ist da reichlich Nostalgie dabei. Auch Konstantin Gropper schaut ein wenig zurück. Nun ist er in der Mitte des Lebens angekommen und legt mit Minus The Magic eine Platte vor für das gleiche Klientel: die Mitte des Lebens. Die Jugend ist definitiv abgeschlossen, die Findungsphase eventuell auch, da hat sich etwas Neues aufgetan. Das Erwachsenendasein bringt Herausforderungen mit sich, die vorher fremd waren: Wo kommt denn nun der Kick neben all dem Haushalt, Kinder von A nach B fahren, Unkraut jäten und Stromkosten im Blick halten?

Vielleicht mit dem Rock. 11 Tracks gibt es auf der neuen Get Well Soon-Platte zu hören. Zum ersten Mal hat er sie mit seiner Band live eingespielt. Auch das ein Trend, der vereinzelt zu beobachten ist - The Notwist taten es auf ihrer aktuellen Platte auch. Ganz neu sind einige Tracks aber gar nicht. Fünf Stücke gab es 2014 schon auf der The Lufthansa Heist-EP zu hören, die eingefleischte Gropper-Fans natürlich als 10“ im Regal stehen haben. Pfiffigerweise gibt es sie bei Spotify derzeit nicht mehr zu hören. Warum sie 12 Jahre später nochmal aufgelegt werden?! Der Musiker meint, er sei damals irgendwie zu jung für diesen rohen Klang gewesen. Vielleicht haben diese fünf extrem starken Songs auch einfach nur bis zum richtigen Moment gewartet, bis sie richtig knallen. Jetzt ist es soweit!

Denn knallen tut es eine Menge auf Minus The Magic! Wenn, dann halt richtig. Konstantin Gropper hat nie halbe Sachen gemacht. Es war immer schon alles wahnsinnig gut durchdacht. Und konzipiert. Denn auch die neue Scheibe ist - zumindest vom Sound her - absolut nach einem roten Faden ausgerichtet. Und sie scheppert so, wie diese Band noch nie gescheppert hat.
Ist diese Kraft genau die richtige, um in der Mitte des Lebens nochmal richtig Vollgas zu geben?! Zu 100%! Ich erlebte mich schon zu The 4-3 Days durchs Wohnzimmer springen - was für ein riesiger Spaß! 

Dieser erste Song hat es direkt komplett in sich! Und vielleicht waren Get Well Soon noch nie so passend eingängig wie auf einigen Tracks diesen Albums. Es wird Kurt Cobain - Konstantin Groppers Held der Jugend - gehuldigt, die grenzenlose Freiheit der Jugend wird abgefeiert, es strahlt an allen Ecken und Enden, die Verstärker sind aufgedreht.
Doch auch keine Get Well Soon-Platte ohne große Gesten. Sie funktionieren auch im Rock. Die erste Single OK ist ein hervorragendes Beispiel. Das Arrangement ist fulminant, die Saiten krachen und der Refrain will das Unmögliche möglich machen, Primzahlen teilen und Pantomime erzählen lassen. In der zweiten Strophe wieder eine Huldigung einer anderen Größe aus vergangenen Tagen: Robert Görl, der einst den Mussolini tanzen ließ. Das Ende des Tracks ist so herrlich Get-Well-Soonig vorhersehbar - kurz ausklingen lassen, um es noch einmal krachen zu lassen. Ein Rezept, das immer scho aufging. Genial! Beinahe schon komisch. Und das ist auch eine Seite des Multiinstrumentalisten. In all der Dramatik, die den Klang der Band immer ummantelt hat, ging stets unter, dass eine Spur Ironie und Witz stets vorhanden war. Ich erinnere mich an einen Auftritt, wo er meinte, doch lieber ein Witzbuch neben dem Mikro liegen haben zu wollen, um zwischendurch die Stimmung aufhellen zu wollen. Auch der Titel der Platte ist ja nicht ganz ernst gemeint. Nein, nein, die Magie ist in der Mitte des Lebens doch nicht vorbei. Sie ist halt nur woanders.
Zur Ironie passt auch The Golden Toilet Heist, eine wahre Geschichte, die sich in diesem Song verbirgt: 2019 wurde in England eine goldene Toilette namens „America“ aus einem Museum geklaut und wahrscheinlich eingeschmolzen. Das ganze soll nur fünf Minuten gedauert haben, eine mehr als das Stück lang ist. Ein Stück, auf dem es zum Ende hin in aller spannenden Atmosphäre ballert und scheppert. Konstantin Gropper schlüpft in die Rolle der Diebe und singt vom Nervenkitzel. Gänsehaut.
Und dann passiert etwas, das kaum vorhersehbar war: Ich dachte Us Vs Evil vom Vorgängeralbum war schon wild und heftig. Tja. Nun kommt When They Cheer You‘re Wrong und setzt neue Maßstäbe. Wut, noch schnellere Gitarren und ungeahnt bissige Seitenhiebe ins politische Establishment. Sang er 2010 noch von Angry Young Men ist er nun selbst ein zorniger, mittelalter Mann geworden, der am Ende dieses Songs mit Rhythmen und Erwartungen spielt und Boxen bersten lässt. Krass! Stark!

Auch zum Ende knallt und scheppert es wuchtig. Staying Home ist rockig-großartig und That‘s Not Me bildet das tolle Finale: mit zwinkerndem Auge und teils auf Französisch fragt Konstantin Gropper, dass es doch reiche, die Liebe fest zu krallen. Oder? Ja, klar! So endet ein überraschendes Album. Vier Jahre war es sehr, sehr still um Get Well Soon. Ich hatte schon Sorge, dass sich eine meiner liebsten Bands heimlich und leise verabschiedet. Umso lauter, krachender, frischer, griffiger sind sie 2026 da. Im zwanzigsten Jahr der Band, wenn zum Ende des Jahres eine weitere Platte kommen soll. Und Tourdaten. Und erstmal durchatmen nach diesen mitreißenden 46 Minuten und 43 Sekunden. Let There Be Rock!

01.06.2026 - Wiesbaden - Schlachthof
02.06.2026 - München - Ampere
03.06.2026 - Erlangen - E-Werk
04.06.2026 - Dresden - Beatpol
05.06.2026 - Berlin - Lido
06.06.2026 - Hamburg - Molotov
07.06.2026 - Köln - Gebäude9
20.06.2026 - Ulm - Ulmer Zelt


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