Mittwoch, 4. März 2026

Shatten - Gegenwart

Foto: Shatten
(Ms) Das Faszinierende an Kunst ist ja, dass sie nicht immer alles von sich preisgibt. Zum Beispiel, warum sie oft so ansprechend ist. Dann läuft ein Lied und man wippt so automatisch mit, ein paar Zeilen bleiben hängen. Die Melodien bleiben im Unterbewusstsein hängen und kicken auch beim nächsten Hören. Wieso das so ist?! Lässt sich bestimmt neurologisch oder so begründen. Aber ist die Nichtbegründung nicht viel besser?! Ist es nicht der Zauber, der uns das Lächeln ins Gesicht treibt? Ist da nicht ein großartiger Überraschungsmoment, der besser unerklärt bleibt?! Ich bin der festen Überzeugung, dass jegliche Begründungen der Kunst gegenüber völlig irrelevant sind. Sie wirkt durch sich selbst, ist eigener Zweck. Das ist ja das Geniale daran.
Und so begeistern manchmal Bands und Lieder, die so aufs erste Hören nicht unbedingt die große Zündschnur abfackeln. Das ist mir in den letzten Tagen mit der Band Shatten passiert, die diese Woche ihr neues Album Gegenwart veröffentlicht. Da war eine Single, die irgendwie gut war, aber auch nicht so richtig heftig. Und das Gute schlich sich ein. Da ist etwas in den Liedern, das nicht unbedingt den großen Knall auslöst, aber viele Kleine. Und dann bin ich dabei, dann habe ich Bock. Und dieses Album hat ganz viele Facetten, die große Überzeugungsarbeit leisten können. Und dann ist es wieder groß!

Da ist ja auch erstmal das fehlender c. Geschickt gemacht, das bleibt doch sofort im Gedächtnis, oder? Chinaschilf heißt besagte Single und ist auch der erste Track auf dieser Platte. Der Bass rollt prägnant durch die Takte, ein paar Keyboardelemente tanzen durch den Refrain und ich dachte erst, dass das Stück „Chinaschiff“ heißt. Ansonsten Gitarre, Schlagzeug, Gesang. Indierock mit bisschen Punk - so kann man sagen. Und auf jeden Fall mit viel Tempo. Das Chinaschilf ist ein Ort zum Verstecken. Gar nicht so schlecht, oder? Aber genauso wichtig ist es, Paroli zu bieten, wenn Quatsch erzählt wird. Durchaus ein Mutmachsong.
Doch vor allem ist es das ungeahnte Songwriting, das mich anspricht. „Die Zukunft war besser als sie noch aussichtslos schien“ - eine Zeile aus Herbst, die doch sonst niemand derzeit texten würde, oder? Auf diesem Album gibt es so viel schleichend wirkende Elemente, die hängen bleiben - fast schon frech!
Ein Lied über Verfolgungswahn ist sogar so umsichtig getextet, dass Gütersloh darin Platz findet - mach das erstmal nach! Paranoia heißt das Stück, es ist schnell und wenn da bei jemandem der Fuß nicht mitwippt ist die Diagnose klar: Banause! Dennoch muss festgehalten werden, dass das Thema natürlich knallhart ist. Dafür aber in sehr beschwingten Melodien verpackt.
Ja, in den Liedern tauchen „er“ und „sie“ auf ohne konkreter benannt zu werden. So ein bisschen turbostaatig, aber wesentlich verständlicher. Musikalisch ist Raben auch hochinteressant, weil sich die Stile so schön abwechseln. Mal dissonant, dann tanzt die Gitarre, dann wird das Tempo stark angezogen, dann Spoken Word und verschobene Takte. Das ist schon richtig gut gemacht! Hinzu inhaltlich überragend: Der Kampf Arm gegen Reich. Die ersten werden gewinnen und die letzten können bleiben, wo der Pfeffer wächst. Ein Aufruf zum Aufstand! Wer ist dabei?
Richtig krass wird es auf Ein Toter Mehr, Der In Diesem Fall Aber Du Bist: Das lyrische Ich ist Beobachter eines Autounfalls und die sterbende Person, die noch einmal zuckt, stand ihm nah, sehr nah. Was folgt ist eine Flucht vor diesem schrecklichen Szenario, Verleugnung, das Aufsuchen einer Bar. Wie schlimm, wie traurig, wie nachvollziehbar.

Gegenwart heißt diese Platte der Band Shatten. Eine Platte, auf der sich die Gruppe klar gegen Rechts positioniert, eine Platte, die voll von lyrischen Wundern und viel musikalischer Raffinesse ist. Das macht ungeheuer viel Spaß. Da ist so viel Power drin, die ganz unterschwellig wirkt. Klar, nun ist dies und das in diesem Text erklärt. Aber der große Zauber, er schwebt darüber!

12.03.2026 - Bremen, Eisen
13.03.2026 - Flensburg, Volksbad
14.03.2026 - Lübeck, Blauer Engel
20.03.2026 - Berlin, Roter Salon
21.03.2026 - Hamburg, Molotow
09.04.2026 - Bonn, Bla
10.04.2026 - Mühlheim, Das Kaff
11.04.2026 - Oldenburg, Alhambra