Montag, 27. Juli 2020

Oehl - Im Spiegel

Foto: Alexander Gotter
(ms) Wolken verhängen nicht nur den Himmel. Klar, die Großen, Dunklen, Furchteinflößenden lassen einen nicht unbedingt auf einen entspannten Sommertag hoffen. Doch wenn es kracht, zeugen sie auch von einer gewissen Ästhetik. Auf der anderen Seite verdecken sie den Himmel auch im Guten, damit die Sonne nicht ihre ganze Kraft auf uns nieder drischt. Ja, oft wird das Blau oben umso schöner, wenn es von diesen eigenartigen, Regentropfen tragenden Gebilden umgarnt wird.
"Diese Wolken haben's mir angetan." Das singt das österreichische Duo Oehl um Ari und Hjörtur. Ende November des vergangenen Jahres kam dieses wunderbare, verzückende Lied samt traumtanzendem Video raus. Sofort ummantelte mich dieses Lied und ließ mich nicht mehr los. Es lief lange Zeit mindestens ein Mal am Tag, gerne abends kurz vor der Nachtruhe. Ich kann darin schwelgen und dazu tanzen. Der Song kommt mit einer sanften Eleganz daher, mit feinstem Songwriting und einem leicht verspielten Klang. Das schlug bei mir ein und setzte sich fest. Bis heute. Und es wurde noch besser. Denn ihr Album Über Nacht, das im Frühjahr erschien ist eine Wucht (hier der Bericht dazu). Ein bisschen mehr als die Hälfte des Jahres ist rum, und es ist immer noch mein absoluter Favorit der diesjährigen Neuerscheinungen.
Das passende Konzert dazu in Bremen war herausragend. Und das ist nicht übertrieben oder dient einem werbenden Zweck. Es ist Fakt. Ihre Show sieht beschwingt und leicht aus, doch dahinter verbirgt sich hohes musikalisches Können und mit ihrer Sympathie überzeugen sie auch die letzten Zweifler.
Nun hatten sie für die Live-Darbietung ja 'nur' ihr eines Album. Was tun, um einen Abend zu füllen? Einfach für die beiden: Schnell noch ein paar Songs geschrieben und ein, zwei Cover gespielt. Großartig.

Dieses Rad dreht sich nun weiter. Aber in eine andere Richtung. Denn nicht Oehl covern nun andere Künstler, nein. Ausgewählte Musikerinnen haben sich sechs Stücke der Österreicher vorgenommen und neu eingespielt. Mit eigener Note. Mit individuellem Charakter. Ohne das Original aus den Augen zu verlieren. Es ist ein tolles Corona-Projekt und auch eine super Zusammenarbeit mit anderen Kreativen. Diese sechs Stücke kommen als digitales Release am Freitag (31. Juli) heraus unter dem Namen Im Spiegel. Eine wunderschöne Metapher für eine Neuinterpretation. Auch toll, dass ausschließlich weibliche Künstlerinnen sich in diesem Projekt wiederfinden. 

Culk machen aus Tausend Formen eine reduzierte Popelektronummer. Spannender, lustiger Nebeneffekt von Im Spiegel: Einige Texte sind nun besser zu verstehen, da Ari am Mikrophon gern bewusst ein wenig nuschelt. Children verpassen Anlegen auch einen deutlich elektronischeren Touch, locker und sanft. Der UhhUhhh-Hintergrundgesang kommt dabei super durch, sodass der ohnehin tanzbarste Song von Über Nacht noch mehr Drive erlangt. Richtig experimentell wird die Neuauflage von Neue Wildnis. Denn Brynja kommt wie Hjörtur aus Island und verwandelt den Song in ihre Muttersprache und in ein traumwandelndes Korsett: Auðn heißt es nun. Lylit macht aus dem kurzen Bisher, das das Oehl'sche Album eröffnet einen dreiminütigen Track, der schon beinahe in Richtung Neo-Chanson dringt. Herrlich sanft, zart, ja beinahe zerbrechlich ist Berglinds Version von Über Nacht: sphärischer Klang macht sich breit, der langsam explodiert. Eine gezupfte Gitarreninterpretation von Keramik steuert Mira Lou Kovacs der EP bei. Hört man diesen Track über Kopfhörer, entfaltet sich die Schönheit dessen noch stärker und dringt durch Mark und Bein.

Ja, Coverversionen sind immer eine heikle Angelegenheit. Viele wirken einfach nachgespielt und uninspiriert. Bei diesen sechs Stücken spielt dies zum Glück keine Rolle. Die Balance zwischen eigener Note und dem nötigen Wiedererkennungswert ist nahezu perfekt austariert.
Im Spiegel. Oehl. Sie verzaubern ein weiteres Mal! Wolkenbetupfter Himmel!




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