Freitag, 12. Juni 2020

KW 24, 2020: Die luserlounge selektiert!

Bild: 24-ads.com
(ms/sb) Eigenwillige Zeiten erzeugen nicht nur eine eigenwillige Stimmung, sondern auch leider komplett schwachsinnige Ideen. Streaming-Konzerte für daheim finde ich noch vertretbar. Schön im Jogger und mit Dosenbier. Eben.
Auto-Konzerte sind doch schon radikaler Müll. Es kann nur einer trinken, statt Applaus dämliches Prollogehupe, tanzen ist so gut wie unmöglich. Also. Einwände? Eben.
Nun setzt die Karnevalsstadt am Rhein Numero Uno noch einen drauf. In der Lanxess-Arena zu Köln - eine stinknormale Mehrzweckhalle - finden demnächst Konzerte in seperaten Plexiglas-Plastik-Popelseparées statt. Aber dann normal live. Zu viert scharrt man sich dann zusammen und muss womöglich auch noch Kölsch trinken. Und dann noch Wincent Weiss hören. Das ist ja das ideale Folterprogramm. Die Bühne in der Mitte - okay, das kann ich verstehen, gutes Konzept. Doch der Rest, bei aller passionierter Liebe zum Livebetrieb, ist doch Schrott. Auch wenn es mehr als schwer fällt auf Konzerte zu verzichten (nebenbei: ist immer noch als Hörer ein Luxusproblem, für Bands und Clubbetreiber undundun eine existenzbedrohende Angelegenheit), dann bleibe ich eher daheim, als mir sowas anzutun.

Herzlichen Willkommen. Luserlounge. Freitag. Selektiert. Pöbelmodus aus. Musik ein!

The Architect 
(ms) Electro-Swing ist vielleicht das langweiligste Genre, was es überhaupt gibt. Und es ist trügerisch. Kommt daher, janusköpfig und verführerisch, weil so funky tanzbar und schnell ansteckend. Erwähnt man den Namen Parov Stelar, wissen wir alle Bescheid. Das hat nur einen gewaltigen Haken. Denn: Das nutzt sich derart schnell ab, dass man zwei Minuten tanzt und sich dann langweilt, weil überhaupt keine Abwechslung geschieht. Das ist live noch viel schlimmer. Vor ein paar Jahren habe ich Parov Stelar beim Deichbrand gesehen und bin nach zwanzig Minuten gegangen, da ich mich derart gelangweilt habe.
Okay. Electro-Swing macht The Architect jetzt auch nicht direkt. Doch es geht in eine grundsätzlich ähnliche Richtung. Doch viel pfiffiger, origineller, reifer, breit gefächerter, neugierig machender. Genau das ist das große, große Plus, das für sein Debut Une Plage Sur La Lune spricht, das heute (!) erscheint! Und man fragt sich wirklich, was bei unseren französischen Nachbarn los ist, dass sie derart konstant super gute elektronische Formate über ihre Landesgrenzen spülen, die nachhaltig überzeugen können. C2C, Daft Punk, French Kiwi Juice... Ein tolles Konzept des jungen Produzenten, DJs, Beatmakers, Tausendsassas ist, dass all seine Gastbeiträge sich nahtlos in das Gewand des Albums einfügen.  Das macht das Werk so herrlich abwechslungsreich. Ob orientalische Klänge, ein Schwenk in den Jazz, Rap, Reggae oder Easy Listening.  Und es bleibt stets entspannt. Das hat den Vorteil, dass man Une Plage Sur La Lune sowohl extrem gut laut aufgedreht als auch relaxet nebenbei laufen lassen kann.


Lamb Of God
(ms) So langsam erblüht das Leben ja wieder. Es ist wieder gestattet sich in gewisser Anzahl in einer Wirtschaft niederzulassen und genüsslich Getränke in den Körper zu verfrachten. Auch macht das Wetter keine Anstalten mehr, sich komplett vor einem nahenden Sommer zu verwehren. Man hatte in den letzten Corona-Wochen schon den Eindruck, dass der Weltuntergang nicht mehr lange auf einen zu warten hat. Das Gesellschaftliche Leben auf komplettem Stillstand und teils ordentliche Regenfälle. Um nicht in einen unguten Zustand der Melancholie zu verfallen, hilft es, sich mal anbrüllen zu lassen. Regelmäßige Leser wissen, dass wir ab und an die Neigung dazu haben. Und ab kommender Woche gibt es wieder frisches Brüllmaterial, um die Nachbarn zu unterhalten. Denn die Amerikaner Lamb Of God veröffentlichen ihr neues, selbst betiteltes Album! Okay, man muss an dieser Stelle ein wenig beschwichtigen. Die ganze harte Gangart sind Lamb Of God nicht, eher die Art Metal, die man gerne mal nebenbei hören kann, ohne komplett zerrissen zu werden von dem, was aus den Boxen schallt. Das gefällt ohne zu verstören.


Puzzles
(ms) Meine Herren... diese Selektion kommt derart entspannt, zurückgelehnt und weit entfernt von unseren Indie- und Gitarrenwurzeln daher, dass ich es selbst kaum glauben kann. Mit Puzzles haben wir eine weitere Formation im Angebot, die irgendwo zwischen Jazz, Avantgarde und sypathischer Eigenwilligkeit agiert, das es so herrlich schön schwer festzumachen ist, wo denn genau. Irgendwo zwischen psychedelischem LSD-Trip-Wirrwarr, vorderasiatisch-orientalischen Beats und verträumt-eskapistischen Melodien spielt sich die EP Moon Phase ab, die auch heute digital und via Vinyl zu haben ist. Die instrumental-wilde Reise wird aus dem Käpt'n Peng-Universum aus gesteuert. Kopf der Bande ist Moritz Bossmann, der mit Gwisdek Gitarre spielt und ebenfalls bei Vögel Die Erde Essen mitschwingt (an dieser Stelle ein freundlicher Hinweis an das tolle Dino Paris & Der Chor Der Finsternis-Album). Daniel Freitag und Johannes Schleiermacher komplettieren die Bande, die so einen wunderbar verträumten Sound kreiert.
Und ihr wisst alle: Puzzles ist nicht nur ein guter Name für eine Band. Sondern auch der ideale Name für eine Bar! Bier auf, Stuhl nach hinten, Fenster auf, Augen zu, Traumreise an!



Bibio
(sb) Den Namen Bibio hab ich ja schon immer mal wieder irgendwo aufgeschanppt, konnte das aber bislang nie wirklich einordnen. Mit der neuen EP Sleep On The Wing (VÖ: heute!) ändert sich das nun aber, denn endlich hatte ich mal die Möglichkeit, mich ausführlich mit der Musik von Stephen James Wilkinson zu befassen. Die zehn neuen Tracks des Briten bieten eine interessante Kombination aus Electronic und Folk, die zahlreiche Naturelemente auf spielerische und atmosphärische Art und Weise in den Mittelpunkt stellt. Auch wenn es die EP natürlich verdient hat, mit voller Aufmerksamkeit angehört zu werden, so kann ich aus eigener Erfahrung berichten, dass sie die perfekte musikalische Untermalung zur Büroarbeit bildet - welch wundervoller Kontrast zum schier unendlichen Starren auf den Laptop, welch sphärische und zauberhafte Klangwelt als willkommene Abwechslung zur Denkarbeit. Keine Frage, dem Multiinstrumentalisten Wilkinson, der auch diesmal wieder etliche Spuren (inklusiver der Streicher) selbst eingespielt hat, ist eine herausragende Fortsetzung seines Albums Ribbons (2019) gelungen, die sich keineswegs in den Vordergrund stellt, jedoch durch ihre feine Komposition überzeugt und zumindest bei mir im Gedächtnis bleiben wird.


Nils Wülker
(ms) Die Frage nach dem Genre ist sicher eine der heikelsten im Schreiberbusiness. Ist es wichtig? Ja oder nein? Wenn nicht, habe ich alle Freiheiten, aber eine Einordnung macht es gerade bei fremden Künstlern oder Nischenmusikerinnen schwierig, dem Leser einen Eindruck zu erwecken. Jeder Plattenladen wäre ohne Genre-Zuordnung eine wahllose Ansammlung von Musik. Nils Wülker also. Jazz oder nicht? Der Wikipediaeintrag sagt Ja, der sehr gute Pressetext ist da wesentlich vorsichtiger. Auch ich möchte mich da nicht festlegen. Wie klingt The You Of Now denn nun? Der erste Track, der einen Vorgeschmack auf das kommende Album GO gibt, ist dezent, elegant, beinahe ein wenig meditativ. Eine Leitlinie aus Klavierakkorden und elektronischem Hintergrundbeat lässt die Trompete in sanfter Melancholie darüber singen. Nach zwei Dritteln erlang das Stück eine poppige Wende, um schließlich den leicht getragenen Sound wieder anzunehmen. Wird so auch GO klingen? Schwer einzuschätzen bei einem Titel, der Vorwärtsgang postuliert. Am 4. September erscheint die Platte, nach UP und ON also erneut ein Titel, der jegliche Tastatur sprengt.
Ein Mal durfte ich den super sympathischen Musiker live sehen und ich freue mich enorm, live wieder Jazz zu hören. Ja, ist es Jazz?!


Iris Romen
(ms) Na, auch schon in Schale geworfen für das anstehende Wochenende? Ein bisschen schick gemacht? Den guten Zwirn aus dem Schrank gezaubert? Vielleicht mal wieder Parfum tragen? Die Schuhe noch einmal putzen, bevor man vor dir Tür tritt?
Elegant und herrlich verspielt und zum swingenden Tanz anregend kommt die Musik von Iris Romen daher. Heute in zwei Wochen (VÖ: 26. Juni über Waterfall Records) erscheint ihr Album Late Bloomer. Es changiert irgendwo zwischen Indiefolk, Swing, Jazz und ganz viel lächelnder Grübchen im Gesicht. Hört man ihr zu, ist der Eindruck nicht zu verwehren, dass die Niederländerin wahnsinnig viel Freunde - ja, Spaß - dabei hat, ihre eigenen Lieder zu singen. Vor sieben Jahren erschien ihr Erstling, nun legt sie nach. Und möglicherweise ist sie nicht nur für mich keine Unbekannte. Vor einigen Jahren, im herrlichen Bunker Ullmenwall zu Bielefeld, spielte sie vor Tim Neuhaus und war anschließend Teil seiner Band. Die Welt ist klein. Diese Musik ist jedoch gut. Reinhören und sich mitnehmen lassen:

1 Kommentar:

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