Montag, 15. Juni 2020

Juse Ju - Millennium

Bild: facebook.com/juseju

(sb) Wir müssen reden. Du und wir. Von Mann zu Blog. Juse Ju und die luserlounge. Ganz ehrlich jetzt! Wir posten seit Jahren deine Videos, feiern deine Alben und EPs, loben dich über den grünen Klee und jetzt schüttelst Du einfach so ein Album aus dem Ärmel, das so brillant ist, dass es alle vorherigen Releases so dermaßen in den Schatten stellt und dass uns folglich fast ein wenig die Worte fehlen. Was ist los mit Dir? Woher kommt diese Reife, diese plötzliche Weiterentwicklung, die zwar andeutungsweise durchaus erkennbar, in dieser Form aber keineswegs zu erwarten war? Keine Lust mehr auf das Image des ewigen Studentenrappers oder tatsächlich eine natürliche Evolution?

Wie auch immer die Antworten auf all diese Fragen ausfallen werden, eins steht fest: Millennium (VÖ: 19.06.) ist ein herausragendes Rap-Album, das es Juse Ju ermöglichen dürfte, endlich aus dem Schatten erfolgreicherer Kollegen zu treten und die Aufmerksamkeit zu bekommen, die der gebürtige Schwabe eigentlich schon seit Jahren verdient. Bereits sein vorheriges Album Shibuya Crossing erhielt von mir das Prädikat „Album des Jahres 2018“, sein aktuelles Werk übertrifft seinen Vorgänger aber spielend. Versteht mich nicht falsch: Shibuya Crossing war schon eine extreme Ansammlung von Hits (v.a. Kirchheim Horizont, 7Eleven, Lovesongs), hatte durchaus aber auch seine Längen und gerade zum Schluss hin stieg der Drang, nochmal zurückzuspringen und sich die Favoriten anzuhören.

Bild: facebook.com/juseju
Anders bei Millennium: Es gibt diese Längen erst gar nicht und selbst der einzige Track, der mir persönlich nicht sonderlich zusagt (Ich hasse Autos) glänzt durch seinen Prolo-Charme und seinen pointierten Text. Und genau dieses Asso-Gehabe ist es vermutlich auch, was diesen Song vom restlichen Album unterscheidet, denn ansonsten geht es außerordentlich gesittet und intelligent zu. Juse Ju at his best. Bereits die erste Singleauskopplung TNT ließ aufhorchen und eröffnete eine völlig neue Sichtweise auf den Wahl-Berliner. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit der Thematik (Psychiatrie), die psychischen Folgen dessen, die Ups and Downs – in dieser Form bis dato undenkbar. Auch Claras Verhältnis lässt tief blicken und porträtiert eine toxische Beziehung mit all ihren Hoffnungen, Sehnsüchten, Rückschlägen bis hin zum Scheitern. Sehr authentisch, sehr stark!

Selbstverständlich kommen auch diesmal diverse Japan-Referenzen nicht zu kurz, verbrachte der Rapper doch einen Teil seiner Jugend im Land der aufgehenden Sonne und kehrte später noch mehrmals dorthin zurück. Während sich Sayonara in erster Linie dem Thema Freundschaft widmet, handelt Model in Tokio von Juses Kindheit, Perspektivenwechseln, späteren Geldsorgen und seinem surrealem Ausflug in die Glitzerwelt der Reichen und Schönen. Bedrückend und doch beeindruckend. Selbiges gilt auch für Unter der Sonne, den Abschlusstrack des Albums: hier gedenkt Juse seines verstorbenen Onkels, der ihm als junger Kerl sehr imponierte und der sein Ding einfach durchzog – ohne Rücksicht auf Verluste oder die eigene Zukunft, ohne sich zu schonen oder auf irgendwelche Kompromisse. Aber auch Helden müssen gehen und das – wie in diesem Fall – leider oft viel zu früh...

Bild: facebook.com/juseju

Kommen wir zum Höhepunkt und wahrscheinlich wichtigsten Song des Albums: Edgelord ist ein politisches Manifest, das klare Kante zeigt und das ein für allemal klarstellt, das manche Themen einfach nicht für Witze oder Zweideutigkeiten geeignet sind. Mit Milli Dance wurde für diesen Track ein adäquater Partner ins Boot geholt, der sich mit seiner Band Waving The Guns traditionell eindeutig positioniert und auch diesmal einen aussagekräftigen Beitrag leistet.

Apropos: Bei der Auswahl seiner Gäste verließ Juse Ju diesmal die gewohnten Pfade und so sind statt Fatoni und Edgar Wasser (die jedoch beide textlich erwähnt werden!) diesmal neben Milli Dance auch Bonzi Stolle (Massig Jigs), Panik Panzer (Antilopen Gang), Mädness, Nikita Gorbunov und Mia Juni zu hören. Das tut dem Album und sorgt für eine erfreuliche Abwechslung. Und jetzt: Kaufen!




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